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Dr. Internet - Forschungsbericht zum Projekt. Eine interaktive Untersuchung der Gefahren und Potenziale von Internetrecherchen bei der Diagnose von Krankheiten.

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Impressum
Dr. Internet – Forschungsbericht zum Projekt.
Eine interaktive Untersuchung der Gefahren und Potenziale von Internetrecher-
chen bei der Diagnose von Krankheiten.
Universität Graz, 2017
Herausgeberin: Claudia Zimmermann
Umschlaggestaltung: Christof Hradetzky
ISBN: 978-3-200-05235-2
Herstellung: Druckerei & Verlag Mayer GmbH & Co KG
Mit freundlicher Unterstützung von:
3
Inhaltsverzeichnis
Vorwort ....................................................................................................... 5
Einleitung ................................................................................................... 7
Gerlinde Janschitz
Die medizinische Internetnutzung von PatientInnen.
Eine quantitative Erhebung zum Rechercheverhalten der PatientInnen von
Grazer AllgemeinmedizinerInnen ............................................................ 12
Bettina Mair
Dr. Google – Wie die medizinische Internetnutzung die Arzt-Patient-
Interaktion verändert.
Die ärztliche Perspektive .......................................................................... 31
Daniel Ulrich
Wenn die Meinung der ÄrztInnen nicht zur Diagnose der PatientInnen
passt.
Eine qualitativ-soziologische Analyse über virtuelle Situationsdefinitionen
im Spannungsfeld zwischen Kosmetik und Medizin ................................ 52
Claudia Zimmermann
„Dr. Internet – Krankheiten bestimmen mit dem Internet“.
Quantitative Ergebnisse aus dem Grazer Onlinekurs auf www.imoox.at 71
Martin Ebner, Mohammad Khalil, Josef Wachtler
Chancen und Grenzen von Learning Analytics.
Projektergebnisse aus der automatischen Datenerhebung ........................ 88
Schlussbetrachtung ................................................................................. 100
4
5
Vorwort
Die vorliegende Publikation gibt eine Gesamtdarstellung der zentralen Er-
gebnisse des Forschungsprojekts „Dr. Google Interaktive Untersuchung
der Gefahren und Potenziale von Internetrecherchen bei der Selbstdiagnose
von Krankheiten“, das vom Wissenschaftsressort der Steiermärkischen Lan-
desregierung im Rahmen der Ausschreibung „Polaritäten in der Wissensge-
sellschaft: Die Zunahme von Nichtwissen“ gefördert und im Zeitraum No-
vember 2014 bis Mai 2017 in Graz durchgeführt wurde. Das Projekt beruht
auf einer Kooperation zwischen der Akademie für Neue Medien und Wis-
senstransfer der Karl-Franzens-Universität Graz, Mitarbeiterinnen und Mit-
arbeitern der Institute für Soziologie, Wirtschaftspädagogik und Philosophie
der Karl-Franzens-Universität Graz und der Abteilung „Vernetztes Lernen“
der Technischen Universität Graz, sowie dem Allgemeinmediziner Dr. Kurt
Usar. Bei der Konzeption der Erhebungsinstrumente wurden auch Angehö-
rige der Medizinischen Universität Graz einbezogen.
Die Kooperation zwischen so unterschiedlichen Disziplinen und Wissen-
schaftskulturen im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsvorhabens
stellte für alle Beteiligen eine erhebliche Herausforderung dar. Insbesondere
in der Anfangsphase waren ausgedehnte Diskussionen nötig, um die ver-
schiedenen fachspezifischen Zugänge zum Forschungsthema einander nä-
her zu bringen. Gerade diese Auseinandersetzungen boten aber auch die
Chance, die eigenen disziplinären Sichtweisen immer wieder zu hinterfra-
gen und ein umfassenderes Bild des Forschungsgegenstands zu entwickeln.
An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Personen bedanken, die uns durch
ihre Teilnahme am Onlinekurs, durch das Ausfüllen eines Patientenfragebo-
gens oder durch ein ärztliches Experteninterview einen Einblick in ihre per-
sönlichen bzw. beruflichen Erfahrungen mit der Internetrecherche von
Krankheiten gegeben haben. Unser Dank geht zudem an Statistik Austria
für den Zugriff auf Daten aus der ATHIS-Befragung 2014, und an das Wis-
senschaftsressort der Steiermärkischen Landesregierung für die finanzielle
Unterstützung des Projektes.
Graz, Juni 2017
Michael Kopp, Projektleiter
Franz Höllinger, Koordinator des Arbeitsbereichs Soziologie
6
7
Einleitung
Claudia Zimmermann, Gerlinde Janschitz, Daniel Ulrich, Bettina Mair
„Warte mal kurz, ich google das schnell!“ ist mittlerweile zu einer gängigen
Floskel in unserem alltäglichen Sprachgebrauch geworden. Sei es um her-
auszufinden wer die letzte Fußball-Europameisterschaft gewonnen hat, um
die Definition eines Fremdwortes in Erfahrung zu bringen oder um zu eru-
ieren, was es mit dem seltsam geschwollenen Knötchen unter der Achsel auf
sich haben könnte. Das Internet ist uns in vielen Lebensbereichen und -situ-
ationen ein treuer Begleiter geworden, den man sich nicht mehr wegdenken
kann. So hatten beispielsweise im Jahr 2016 bereits 85% aller österreichi-
schen Haushalte Zugang zum Internet (der Vergleichswert für das Jahr 2002
beläuft sich auf 34%). Ebenfalls haben 84% der befragten ÖsterreicherInnen
im Alter von 16 bis 74 Jahren in den letzten drei Monaten vor dem Befra-
gungszeitpunkt (April bis Juni 2016) im Internet gesurft, wobei die Befrag-
ten unterschiedlichste Nutzungsmotive anführten (vgl. Statistik Austria
2016).
Zu einem wesentlichen Verwendungszweck des Internets ist das Suchen
nach gesundheitsrelevanten Informationen – darunter fällt die Onlinesuche
nach Informationen über Verletzungen, Krankheiten, Ernährung, Verbesse-
rung der Gesundheit usw. geworden. Haben im Jahr 2003 lediglich 5% der
ÖsterreicherInnen zu gesundheitsrelevanten Themen im Internet recher-
chiert, war es zehn Jahre später bereits die Hälfte der österreichischen Inter-
netnutzerInnen (vgl. Eurostat 2015). Diese Entwicklung ist Teil eines der-
zeit stattfindenden Wandels innerhalb der westlichen Industrienationen,
demnach die Verbreitung des Internets den technologischen Nährboden für
Veränderungen im gesundheitlichen Bereich dargestellt hat bzw. darstellt
(vgl. Tautz 2002, 111f.).
Im Vergleich zum zeitintensiven und trotzdem zeitlich stark beschränkten
Arztbesuch bietet das Internet eine kostengünstige und jederzeit verfügbare
Alternative, um an gesundheitsrelevante Informationen zu kommen. Es
stellt also ein neues zentrales Strukturelement dar, das die Chance bietet,
„sich selbst bei Auffälligkeiten und bei vermeintlicher oder wirklicher
‚Symptombildung’ über den körperlichen Zustand und mögliche Abhilfen
klarzuwerden“ (Schuller 1992, 63). Neben dieser Möglichkeit sich Klarheit
8
über die eigenen Beschwerden oder jene von Verwandten/Bekannten zu ver-
schaffen, sind die Gründe, warum der moderne Patient bzw. die moderne
Patientin das Internet konsultiert, vielschichtig1.
Die potenziellen Vor- und Nachteile, die die verstärkte Nutzung des World
Wide Webs durch medizinische Laien mit sich bringt, werden sowohl im
medialen als auch im wissenschaftlichen Feld kontrovers diskutiert. Die Be-
fürworterInnen weisen auf zahlreiche Chancen des Online-Gesundheitsan-
gebotes hin, wie etwa die Möglichkeit zunehmender Patientenpartizipation,
eine Steigerung der allgemeinen Health Literacy, mögliche Kostenredukti-
onen für das Gesundheitssystem (etwa durch Vermeidung unnötiger Arzt-
besuche oder kürzere Beratungszeiten) und letztendlich verbesserte Ergeb-
nisse in der Gesundheitsversorgung (vgl. Ball & Lillis 2001; Cline & Hay-
nes 2001; Neuhauser & Kreps 2003). Demgegenüber stehen Bedenken man-
cher KritikerInnen, dass online verfügbare medizinische Informationen oft-
mals irreführend und unvollständig sind, was zur Verunsicherung vieler Pa-
tientInnen führt und dadurch einen Mehraufwand für deren behandelnde
ÄrztInnen darstellt. Ähnlich kann sich die Situation gestalten, wenn Laien
durch intensive Internetrecherchen selbst zu Diagnosen und Behandlungs-
vorschlägen kommen und diese von ärztlicher Seite nicht bestätigt werden.
Sollten diese Szenarien überwiegen, sind diverse Risiken sowie auch eine
Verschlechterung der gesundheitlichen Outcomes denkbar (vgl. u.a. Berger
2009; Wald, Dube & Anthony 2007; Rossmann 2010). Ein wesentlicher As-
pekt, der die Manifestation von positiven und negativen Auswirkungen me-
dizinischer Internetrecherchen stark beeinflusst, sind die Kompetenzen der
ausführenden AkteurInnen (vgl. Cline & Haynes 2001). Neben grundlegen-
den Fähigkeiten zur Navigation im Internet und zur effizienten Nutzung von
Suchmaschinen sind zusätzliche Fertigkeiten wesentlich – bspw. die realis-
tische Einschätzung der Qualität von unterschiedlichen Quellen sowie der
spezifischen aufgefundenen Informationen, ausreichendes Kontextwissen
zur Integration des neuen Wissens und für daraus abgeleitete Handlungen.
Das Forschungsprojekt „Dr. Internet“ nähert sich diesem kontroversen The-
menbereich auf unterschiedlichen Ebenen. Im Zentrum des Interesses stehen

1 Rossmann (2010, 347f.) gibt einen kurzen Überblick über die Ergebnisse einer Reihe von
Studien, die die Nutzungsmotivationen von KonsumentInnen medizinischer Online-Informa-
tionen zum Inhalt haben.
9
nicht nur das Nutzungsverhalten in Bezug auf medizinische Internetrecher-
chen, sondern auch die damit einhergehenden Einstellungen und ein daraus
resultierender Wandel im Verhältnis zwischen ÄrztInnen und PatientInnen.
Mit Hilfe unterschiedlicher Methoden wurden Informationen aus verschie-
denen Forschungsbereichen zusammengetragen, welche in den folgenden
Kapiteln im Detail vorgestellt werden:
In Kapitel 1 werden die Ergebnisse einer Befragung von rund 300 Grazer
PatientInnen präsentiert, die in den Ordinationen ihrer Allgemeinmedizine-
rInnen mittels Fragebogen befragt wurden. Die Schwerpunkte dieser Erhe-
bung von Gerlinde Janschitz liegen in dem Rechercheverhalten der Proban-
dInnen, ihren diesbezüglichen Erfahrungen und ihrer Einschätzung der Aus-
wirkungen auf das Verhältnis zwischen ÄrztInnen und PatientInnen.
Bettina Mair widmet sich in Kapitel 2 der Beschreibung des Phänomens aus
Sicht der ÄrztInnen. Dazu wurden 14 Interviews mit Allgemeinmedizine-
rInnen im Raum Graz geführt, in denen speziell auf den ärztlichen Zugang
zu Gesundheitsinformationen im Internet eingegangen wird. Neben der In-
ternetnutzung für medizinische Zwecke stehen Erfahrungen im Umgang mit
online recherchierenden PatientInnen im Mittelpunkt, sowie eine allge-
meine Bewertung des Phänomens für die ärztliche Tätigkeit.
Ein spezieller Bereich zur Diskussion von medizinischen Informationen im
Internet wird in Kapitel 3 näher behandelt. Online-Gesundheitsforen stellen
heute für viele PatientInnen wichtige Informationsquellen bezüglich ihrer
Leiden und deren Bewältigung dar, da in Foren kommuniziertes medizini-
sches Wissen in der Regel niederschwellig abrufbar ist, nahe am Erfah-
rungsschatz von PatientInnen liegt und daher tendenziell großes Identifika-
tionspotential bietet. Zudem können in Online-Gesundheitsforen auch all
jene Fragen diskutiert werden, die im Arzt-Patienten-Gespräch aus Zeit-, o-
der diversen anderen Gründen nicht zur Sprache kommen. Um einen Beitrag
zur Verringerung des konstatierten Mangel an empirischen Daten über ge-
sundheitsrelevante Forenkommunikation (vgl. Bioethikkommission 2015)
leisten zu können, liefert Daniel Ulrich einen Einblick in die Effekte von
Gesundheitskommunikation in einem Onlineforum für Betroffene von Bier
Spots – einem dermatologischen Phänomen, dessen medizinische Relevanz
von PatientInnen und ÄrztInnen unterschiedlich bewertet und gehandhabt
wird.
10
Grundlage der Ergebnisse aus den abschließenden Kapiteln 4 und 5 ist ein
Onlinekurs, der zur Bewusstseinsbildung im Rahmen des „Dr. Internet“ Pro-
jekts auf der Plattform www.imoox.at eingerichtet wurde. Im Rahmen die-
ses kostenlosen Onlinekurses waren die TeilnehmerInnen eingeladen, ver-
schiedene medizinische Fallstudien mit Hilfe des Internets zu diagnostizie-
ren und sich über Suchstrategien und Erfahrungen mit Internetrecherchen
auszutauschen, um eine entsprechende Bewusstseinsbildung zu erreichen.
Kapitel 4 gibt einen Überblick über die Resultate eines kurzen Online-Fra-
gebogens, der im Zuge der Kursteilnahme auszufüllen war, und sich haupt-
sächlich mit dem eigenen Gesundheitsbewusstsein sowie Erfahrungen und
Einstellungen zu Internetrecherchen befasst. Zudem werden die Ergebnisse
aus den Diagnosequizzes der TeilnehmerInnen mit jenen einer zusätzlich
befragten Ärztegruppe verglichen, um vorsichtige Rückschlüsse auf die Ef-
fektivität des Rechercheverhaltens machen zu können. In Kapitel 5 werden
einige Parameter der automatischen Datenerhebung zum Onlinekurs bespro-
chen, die einen guten Einblick in die für Learning Analytics nutzbare Infra-
struktur eines derartigen Kurses geben und über die Aktivitäten und das
mögliche Lernverhalten der KursteilnehmerInnen Auskunft geben.
In einer kurzen Schlussbemerkung werden einige zentrale Aspekte der ver-
schiedenen Erhebungen zu einer gemeinsamen Betrachtung zusammenge-
führt. Bedingt durch die hohe Aktualität und die Dynamik dieses For-
schungsbereiches sollten die hier vorliegenden Ergebnisse vor allem als Mo-
mentaufnahme eines dynamischen Phänomens gesehen werden was je-
doch kaum als Nachteil zu werten ist, da die Faszination und die Relevanz
von medizinischen Onlinerecherchen für PatientInnen, ÄrztInnen und das
Gesundheitssystem als Ganzes nicht zuletzt aus dieser immerwährenden
Veränderung entsteht.
Literatur
Ball, M. J. & Lillis, J. (2001). E-health: transforming the physician/patient rela-
tionship. International journal of medical informatics 61 (1), 1–10.
Berger, T. (2009). „Meet the e-patient“: Chancen und Risiken des Internets für das
Verhältnis von Gesundheitsfachleuten und ihren Klienten. Stetina, B.U. & Kry-
spin-Exner, I. (Hrsg.), Gesundheit und Neue Medien. Psychologische Aspekte der
Interaktion mit Informations- und Kommunikationstechnologien, 73–85. Wien:
Springer-Verlag.
11
Bioethikkommission (2015). Partizipative Medizin und Internet. Stellungnahme
der Bioethikkommission. Wien: Bundeskanzleramt Österreich. Geschäftsstelle der
Bioethikkommission. Verfügbar unter:
https://www.bka.gv.at/DocView.axd?CobId=60026 [02.03.2017].
Cline, R.J.W. & Haynes, K.M. (2001). Consumer health information seeking on
the Internet: the state of the art. Health Education Research 16 (6), 671-92.
Eurostat (2015). Personen, die das Internet zur Beschaffung von gesundheitsrele-
vanten Informationen genutzt haben. Verfügbar unter: http://ec.europa.eu/euros-
tat/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tin00101&plugin=1
[02.03.2017].
Neuhauser, L. & Kreps, G.L. (2003). Rethinking communication in the e-health
era. Journal of Health Psychology 8 (1), 7–23.
Rossmann, C. (2010). Gesundheitskommunikation im Internet. Erscheinungsfor-
men, Potenziale, Grenzen. Schweiger, W. & Beck, K. (Hrsg.), Handbuch Online-
Kommunikation, 338–63. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Schuller, A. (1992). Die Institutionen der Patientenkarriere. Schuller, A., Heim, N.
& Halusa, G. (Hrsg.), Medizinsoziologie. Ein Studienbuch. Stuttgart [u.a.]: W.
Kohlhammer.
Statistik Austria (2016). IKT-Einsatz in Haushalten. Verfügbar unter:
http://www.statistik.at/web_de/statistiken/energie_umwelt_innovation_mobili-
taet/informationsgesellschaft/ikt-einsatz_in_haushalten/index.html [02.03.2017].
Tautz, F. (2002). E-health und die Folgen: wie das Internet die Arzt-Patient-Bezie-
hung und das Gesundheitssystem verändert. Frankfurt a.M.: Campus Verlag.
Wald, H.S., Dube, C.E. & Anthony, D.C. (2007). Untangling the Web - The im-
pact of Internet use on health care and the physician–patient relationship. Patient
Education and Counseling 68 (3), 218–24.
12
Die medizinische Internetnutzung von PatientInnen
Eine quantitative Erhebung zum Rechercheverhalten der PatientInnen von
Grazer AllgemeinmedizinerInnen2
Gerlinde Janschitz
1. Einleitung
Laut Angaben des österreichischen Gesundheitsbarometers hat das Internet
den Hausarzt/die Hausärztin als Informationsquelle zu allgemeinen Gesund-
heitsthemen bereits überholt: 55% der ÖsterreicherInnen geben an, bei Be-
darf an gesundheitsrelevanten Informationen das Internet zu Rate zu ziehen,
während 45% angeben, den Hausarzt/die Hausärztin zu konsultieren
(N=990, Mehrfachnennungen möglich) (vgl. Bundesministerium für Ge-
sundheit und Institut für Strategieanalysen 2016, 5).
Um neue Erkenntnisse in diesem Bereich zu gewinnen liegt der Fokus mei-
ner Studie auf der Analyse des „E-Patienten“ (englisch „e-patient“), dem
„durch das Internet informierten und vernetzten Patienten und Nachfragers,
welcher für sich oder Angehörige relevante medizinische Informationen im
Internet sucht und sich hierzu mit Gleichgesinnten austauscht“ (Schachinger
2014, 12). Dabei wurden PatientInnen von Grazer AllgemeinmedizinerIn-
nen befragt, um nicht von vornherein lediglich InternetnutzerInnen in die
Befragung miteinzubeziehen. Insbesondere die soziodemografische Be-
schreibung der E-PatientInnen sowie deren Rechercheverhalten stehen im
Mittelpunkt der Forschung. Zudem wurden auch die Auswirkungen patien-
tenseitiger Internetrecherchen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis aus Sicht
der PatientInnen erforscht.
2. Methodik
Es wurde ein quantitativer Methodenzugang gewählt, wobei eine Quer-
schnittserhebung mithilfe einer schriftlichen Befragung der PatientInnen

2 Die hier präsentierten Ergebnisse sind eine Zusammenfassung der Masterarbeit „Analyse
des digitalen Patienten. Eine quantitative Erhebung zum Rechercheverhalten von Patient_in-
nen Grazer Allgemeinmediziner_innen.“, die aus diesem Projekt entstanden ist und an der
Karl-Franzens-Universität Graz verfasst wurde. Nähere Informationen und detailliertere
Ausführungen können dort nachgelesen werden.
13
von Grazer AllgemeinmedizinerInnen (N=308) durchgeführt wurde. Als Er-
hebungsinstrument wurde ein standardisierter Fragebogen verwendet. Da es
insbesondere um das Rechercheverhalten von PatientInnen Grazer Allge-
meinmedizinerInnen geht, musste vorab festgelegt werden, wie „breit“ das
Verständnis von Internetrecherchen zu medizinischen Themen in diesem
Fragebogen aufgefasst werden sollte. Um zu verhindern, dass sämtliche Re-
cherchen zu gesundheitlichen Themen als relevant betrachtet werden, wurde
die medizinische Internetnutzung von PatientInnen mit „patientenseitigen
Internetrecherchen zu gesundheitlichen Beschwerden oder einer Erkran-
kung“ operationalisiert. Dadurch wird der Zweck der Internetrecherche vor-
gegeben, wobei trotzdem offengelassen wird, ob es sich um eigene oder
fremde Beschwerden und/oder Erkrankungen handelt.
Bei der Auswahl der Arztpraxen, in denen PatientInnen befragt wurden,
wurden folgende Kriterien berücksichtigt: das Geschlecht der ÄrztInnen, die
Art der Praxis (Kassen- oder Privatarzt/Privatärztin) und die Lage der Praxis
(links oder rechts der Mur3). Die Erhebung wurde schlussendlich in acht
Arztpraxen von Grazer AllgemeinmedizinerInnen durchgeführt. Um Ver-
gleiche mit der österreichischen Bevölkerung ziehen zu können wurden ei-
nige Items des verwendeten Fragebogens dem Fragebogen der österreichi-
schen Gesundheitsbefragung 2014 (auch Austrian Health Interview Survey,
kurz ATHIS, genannt) entnommen. Diese Befragung liefert „repräsentative
Aussagen zum Gesundheitszustand und Gesundheitsverhalten für die öster-
reichische Bevölkerung in Privathaushalten im Alter von 15 und mehr Jah-
ren“ (Statistik Austria 2015, 3).

3 Die Unterscheidung zwischen Arztpraxen, die sich links bzw. rechts der Mur befinden,
wurde getroffen um eine möglichst hohe Variation des Patientenklientels der ausgewählten
ÄrztInnen hinsichtlich soziodemografischer Merkmale sicherzustellen. Die sozioökonomi-
schen Differenzen zwischen den beiden Murufern nahmen nach Karl Kubinzky schon vor
über 160 Jahren ihren Ursprung. So führt er an, „dass die Vorstädte auf beiden Murufern bis
um 1850 so ungefähr gleich ärmlich waren und dass ab diesem Zeitpunkt die zusehends groß-
bürgerlich werdenden Viertel am linken Murufer nun deutlich überlegen wurden“ (Dienes &
Kubinzky 1995, 26). Dabei handelt es sich um eine Differenz, die sich teilweise bis heute
gehalten hat und von einem Autor des Nachrichtenportals meinbezirk.at (2014) sehr treffend
beschrieben wird: „Seit jeher gehörte das rechte Murufer mit Bezirken wie Lend, Gries oder
Puntigam den Arbeitern und den Fabriken, während die linke Seite mit Geidorf, St. Leonhard
und Mariatrost von den Bürgern und ihren Villen beherrscht wurde“ (Daublebsky 2014).
14
3. Zentrale empirische Befunde
3.1 Arzt vs. Internet: Allgemeiner Überblick
Im Folgenden werden allgemeine Aspekte der Informationsbeschaffung und
-beschaffenheit näher analysiert. Hier soll insbesondere darauf eingegangen
werden, welche Informationsquelle die erste Anlaufstelle bei gesundheitli-
chen Beschwerden darstellt und welche Vertrauenswürdigkeit die Befragten
Informationen zusprechen, die man einerseits von ÄrztInnen erhält und die
andererseits aus dem Internet bezogen werden.
3.1.1 Erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Problemen
Um einen Überblick darüber zu bekommen, wer oder was die erste Anlauf-
stelle bei gesundheitlichen Problemen oder einer Erkrankung für die Befrag-
ten darstellt, wurde eine offene Frage in den Fragebogen aufgenommen, bei
der Platz für mehrere Antworten gegeben war (N=307). Wie die Daten zei-
gen, ist der Arzt/die Ärztin (Haus- oder Facharzt/Fachärztin) von zwei Drit-
teln der Befragten (67%) als erste Anlaufstelle genannt worden. An zweiter
Stelle liegt das Internet, das von einem Viertel der Befragten genannt wurde
(25%) und auf dem dritten Platz liegen Familienangehörige und/oder Freun-
dInnen, die von 19% der Befragten als erste Anlaufstelle genannt wurden.
Im österreichischen Gesundheitsbarometer 2015, einer repräsentativen Te-
lefonbefragung von ÖsterreicherInnen, wurde eine ähnliche Frage gestellt:
„Wenn Sie sich ganz allgemein über Gesundheitsthemen informieren wol-
len, woher beziehen Sie dann diese Informationen?“4 (Mehrfachnennungen
möglich, N=990). Hier geben 55% der Befragten an das Internet zurate zu
ziehen, womit dieses an erster Stelle vor den HausärztInnen (45%) liegt.
Zählt man jedoch die Anteile derer zusammen, die sich bei HausärztInnen

4 An dieser Stelle sei auf die unterschiedlichen Fragestellungen beider Studien hingewiesen:
Während sich die Frage des österreichischen Gesundheitsbarometers auf allgemeine Gesund-
heitsthemen bezieht, wurden die TeilnehmerInnen meiner Studie konkret nach der ersten An-
laufstelle bei gesundheitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung gefragt. Demnach impli-
ziert meine Fragestellung bereits irgendeine Form von medizinischem Problem, während das
Einholen von allgemeinen Informationen über Gesundheitsthemen auch nur interessengelei-
tet sein kann.
15
und FachärztInnen (15%) informieren, kommt man auf 60%5 (vgl. Bundes-
ministerium für Gesundheit und Institut für Strategieanalysen 2016, 5).
3.1.2 Bewertung der Vertrauenswürdigkeit von Informationen
Ein weiterer wichtiger Aspekt, der bei der Informationsbeschaffung beach-
tet werden sollte, ist die Beschaffenheit dieser Informationen, sprich die
Vertrauenswürdigkeit, die den Informationen unterschiedlicher Informati-
onsquellen von den Befragten zugesprochen wird. Dazu wurden im Frage-
bogen zwei Fragen gestellt, wobei ein Item die Bewertung des Vertrauens
zu Informationen aus dem Internet abfragt und das andere Item ein Verhält-
nis zwischen der Vertrauenswürdigkeit von ÄrztInnen und dem Internet er-
mittelt. Dabei konnte festgestellt werden, dass die Hälfte der Befragten
glaubt, Informationen aus dem Internet seien manchmal vertrauenswürdig.
22% meinen, dass dies häufig der Fall ist, während die restlichen 28% On-
lineinformationen selten bzw. nie als vertrauenswürdig einstufen (Tabelle
1).
Betrachtet man die bewertete Vertrauenswürdigkeit von Onlineinformatio-
nen nach dem Alter und der höchsten abgeschlossenen Ausbildung (Tabelle
1), ergeben sich signifikante Unterschiede zwischen den betrachteten Grup-
pen (Alter: Chi²=40,25**6, Bildung: Chi²=52,13**). Die Wirkungsrichtung
der Zusammenhänge ist ebenfalls signifikant. So glauben ältere Personen
seltener, dass im Internet auffindbare Informationen zu gesundheitlichen
Beschwerden oder einer Erkrankung vertrauenswürdig sind als dies bei jün-
geren Personen der Fall ist (rs7=-0,20**). Betrachtet man den Einfluss der
Bildung kann festgehalten werden, dass höher gebildete Personen Onlinein-
formationen eher als vertrauenswürdig einstufen als dies bei weniger hoch
gebildeten Personen der Fall ist (rs=0,33**).

5 Beim Verweis auf repräsentative Daten, wie sie beispielsweise das österreichische Gesund-
heitsbarometer und die österreichische Gesundheitsbefragung liefern, sollte stets mitbedacht
werden, dass die Befragten meiner Studie in Arztpraxen rekrutiert wurden und sich somit ein
direkter Vergleich mit den repräsentativen Daten erschwert. Dennoch können dadurch inte-
ressante Unterschiede und/oder Gemeinsamkeiten veranschaulicht werden.
6 Die Signifikanzwerte werden hier folgendermaßen dargestellt: n.s. = nicht signifikant,
* = signifikant (p ≤ 0,05), ** = hochsignifikant (p ≤ 0,01).
7 rs steht für den Rangkorrelationskoeffizienten nach Spearman.
16
„Glauben Sie, dass im Internet auffindbare Informationen zu gesund-
heitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung vertrauenswürdig sind?“
(N=308, Angaben in % und absolute Häufigkeiten, Zeilenprozent)
nie/selten manchmal häufig/immer Gesamt
Alter
unter 30-Jährige 18,6
(N=18)
59,8
(N=58) 21,6 (N=21) 100%
(N=97)
30-44-Jährige 22,5
(N=18)
48,8
(N=39) 28,7 (N=23) 100%
(N=80)
45-59-Jährige 21,6
(N=16)
56,8
(N=42) 21,6 (N=16) 100%
(N=74)
60-74-Jährige 46,7
(N=14)
30,0
(N=9) 23,3 (N=7) 100%
(N=30)
über 75-Jährige 70,4
(N=19)
25,9
(N=7) 3,7 N=1) 100%
(N=27)
Höchste abgeschlossene Ausbildung
Pflichtschule 44,7
(N=21)
46,8
(N=22) 8,5 (N=4) 100%
(N=47)
Lehrabschluss 50,0
(N=29)
37,9
(N=22) 12,1 (N=7) 100%
(N=58)
Mittelschule 21,7
(N=5)
47,8
(N=11) 30,4 (N=7) 100%
(N=23)
Matura 31,9
(N=23)
40,3
(N=29) 27,8 (N=20) 100%
(N=72)
Uni/FH/Kolleg 6,5
(N=7)
65,7
(N=71) 27,8 (N=30) 100%
(N=108)
Gesamt 27,6
(N=85)
50,3
(N=155) 22,1 (N=68) 100%
(N=308)
Alter: Chi²: 40,25**, rs: -0,20**
Bildung: Chi²: 52,13**, rs: 0,33**
Tabelle 1: Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit von Onlineinformationen nach
Alter und Bildung (in %).
17
Um eine Aussage über das Verhältnis zwischen der Vertrauenswürdigkeit
von Informationen von ÄrztInnen und aus dem Internet zu treffen wurden
die Befragten meiner Erhebung gebeten, den Grad ihrer Zustimmung zu fol-
gender Aussage „Ich vertraue einem Arzt mehr als dem Internet“ auszudrü-
cken (von stimme völlig zu bis stimme gar nicht zu). Dabei gaben 54% der
Befragten (N=308) ihre völlige und 29% ihre Zustimmung an. Das sind ge-
meinsam über 80% (!) der UmfrageteilnehmerInnen. 13% stimmten der
Aussage teilweise zu und 4% lehnten diese ab.
3.2 Wer recherchiert und wer nicht: Charakteristika von Recherchierenden
und Nicht-Recherchierenden
Um zu sehen welche Eigenschaften einen Einfluss auf die Durchführung
einer patientenseitigen Internetrecherche zu gesundheitlichen Beschwerden
oder einer Erkrankung haben, wurde eine binär logistische Regression
durchgeführt. Als Faktoren (unabhängige Variablen) wurden in einem ers-
ten Modell die soziodemografischen Merkmale (Alter, Geschlecht und Bil-
dung) aufgenommen. Das zweite Modell wurde um Aspekte der Internet-
nutzung erweitert, wobei die bisherige Interneterfahrung (in Jahren) und die
subjektiv bewertete Vertrauenswürdigkeit von Informationen aus dem In-
ternet zu gesundheitlichen Beschwerden in das Modell aufgenommen wur-
den. Durch die Durchführung einer binär logistischen Regression wird somit
die Eintrittswahrscheinlichkeit für die Gruppenzugehörigkeit zu den Re-
cherchierenden geschätzt. Insgesamt wurden 2628 Fälle in das Modell auf-
genommen, von denen 84% (N=220) mindestens einmal eine Internet-
recherche zu gesundheitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung durch-
geführt haben, während 16% (N=42) noch nie eine solche Internetrecherche
durchgeführt haben.

8 Die Differenz auf die gesamten 308 Befragten lässt sich wie folgt erklären: 38 Personen
benutzen das Internet überhaupt nicht und wurden deshalb unter Verwendung einer Filter-
frage von der Frage bezüglich Internetrecherchen zu gesundheitlichen Beschwerden oder ei-
ner Erkrankung ausgeschlossen. Weitere acht Fälle wurden aufgrund der Kontrolle der stan-
dardisierten Residuen (vgl. Backhaus et al. 2016, 321–24) manuell von der logistischen Re-
gression ausgeschlossen.
18
3.2.1 Einflussfaktoren auf die Durchführung einer patientenseitigen Inter-
netrecherche
In der nachstehenden Tabelle (Tabelle 2) werden der Einfluss der einzelnen
Faktoren sowie deren statistische Signifikanz abgebildet. Da die B-Koeffi-
zienten (Logits) nur schlecht interpretierbar sind, werden stattdessen die
Odds Ratios (im Folgenden kurz OR) interpretiert, die auch als Effekt-Ko-
effizienten bezeichnet werden und angeben, um welchen Faktor sich die
Odds (Chancen) erhöhen, wenn Variable x um eine Einheit erhöht wird (vgl.
Backhaus et al. 2016, 311f.).
Betrachtet man das erste Modell, in das die soziodemografischen Merkmale
aufgenommen wurden, erkennt man, dass das Geschlecht keinen signifikan-
ten Einfluss darauf hat, ob man Internetrecherchen durchführt oder nicht.
Für die Stichprobe lässt sich allerdings sagen, dass Frauen eine 1,3-fach er-
höhte Chance haben in die Gruppe der Recherchierenden zu fallen
(OR=1,34 n.s.). Einen signifikanten Einfluss hat das Alter. So haben Perso-
nen, die jünger sind als 30 Jahre, eine 20-fach erhöhte Chance Internet-
recherchen zu gesundheitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung durch-
zuführen als über 75-Jährige (OR=20,03**). Auch die 30-44-Jährigen
(OR=14,00**) und die 45-59-Jährigen (OR=5,98*) weisen gegenüber Per-
sonen, die über 75 Jahre alt sind, eine erhöhte Chance auf in die Gruppe der
Recherchierenden zu fallen. Dieses Chancenverhältnis verringert sich je-
doch, wenn die bisherige Interneterfahrung und die subjektiv bewertete Ver-
trauenswürdigkeit von Onlineinformationen in das Modell mitaufgenom-
men werden. Trotzdem weisen unter Berücksichtigung dieser Variablen un-
ter 30-Jährige im Vergleich mit den über 75-Jährigen nach wie vor eine 15-
fach erhöhte Chance auf der Gruppe der Recherchierenden anzugehören
(OR=15,20**), während die 30-44-Jährigen noch eine 9,5-fach erhöhte
Chance haben (OR=9,46*).
Neben dem Alter hat auch die Bildung einen signifikanten Einfluss. So ha-
ben Personen mit Matura eine um das 4-fache erhöhte Chance Internet-
recherchen zu gesundheitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung durch-
zuführen, als dies bei Personen mit Pflichtschulabschluss der Fall ist
(OR=3,94*). Noch höher ist die Chance für HochschulabsolventInnen: Im
19
Vergleich zu PflichtschulabsolventInnen weisen sie eine 4,4-fach erhöhte
Chance auf in die Gruppe der Recherchierenden zu fallen (OR=4,36*)9.
Beim zweiten Modell wurden zusätzlich zu den soziodemografischen Merk-
malen noch die bisherige Interneterfahrung (in Jahren) und die subjektiv be-
wertete Vertrauenswürdigkeit von Onlineinformationen zu gesundheitli-
chen Beschwerden oder einer Erkrankung aufgenommen. Beide Faktoren
haben einen signifikanten Einfluss auf die Durchführung bzw. Unterlassung
von patientenseitigen Internetrecherchen. So steigt die Chance in die Gruppe
der Recherchierenden zu fallen mit steigender Interneterfahrung
(OR=1,12**). Ebenfalls erhöht sich die Chance patientenseitige Internet-
recherchen durchzuführen, wenn man Vertrauen in Onlineinformationen
hat. Dementsprechend haben Personen, die glauben Onlineinformationen zu
gesundheitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung seien häufig bzw. im-
mer vertrauenswürdig, eine 13-fach erhöhte Chance in die Gruppe der Re-
cherchierenden zu fallen, als Personen, die glauben solche Informationen
seien nur selten vertrauenswürdig (OR=13,27**). Und auch Personen die
meinen, Onlineinformationen seien manchmal vertrauenswürdig, haben im
Vergleich mit denjenigen, die Misstrauen gegenüber solchen Informationen
hegen, eine 6-fach erhöhte Chance Internetrecherchen durchzuführen
(OR=6,31**).

9 Unter Berücksichtigung der bisherigen Interneterfahrung und der subjektiv bewerteten Ver-
trauenswürdigkeit von Onlineinformationen verliert die Bildungsvariable ihre statistische
Signifikanz, was dem Auftreten eines Mediatoreffekts geschuldet ist. Hierbei liegt nicht nur
ein direkter Effekt von X (Bildung) auf Y (Internetrecherche) vor, sondern X (Bildung) wirkt
über eine Mediatorvariable Z (bisherige Interneterfahrung und Vertrauenswürdigkeit) auf die
abhängige Variable Y (Internetrecherche). Demnach wirkt die Bildung nicht nur direkt auf
die abhängige Variable, sondern auch noch indirekt über die Mediatorvariablen, was zu einer
Konfundierung des bivariaten Effekts führt. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass die Bil-
dungsvariablen im zweiten Modell nicht mehr signifikant werden.
20
Modell 1 –
Soziodemografie
Modell 2 –
Soziodemografie und
Aspekte der Internetnut-
zung
Regressions-
koeffizient B
Odds
Ratio
Regressions-
koeffizient B
Odds
Ratio
Konstante 1,41 (0,86) - -1,80 (1,21) -
Soziodemografische Variablen
Geschlecht
(1=männlich, 2=weib-
lich)
0,29 (0,38) 1,34 n.s. 0,77 (0,45) 2,17 n.s.
Über 75-Jährige (RK)
Unter 30-Jährige 3,00 (0,85) 20,03** 2,72 (1,05) 15,20**
30-44-Jährige 2,64 (0,85) 14,00** 2,25 (1,07) 9,46*
45-59-Jährige 1,79 (0,82) 5,98* 1,22 (1,03) 3,38 n.s.
60-74-Jährige 1,56 (0,94) 4,74 n.s. 1,28 (1,18) 3,59 n.s.
Pflichtschule (RK)
Lehrabschluss 0,09 (0,61) 1,10 n.s. 0,45 (0,73) 1,56 n.s.
Mittelschule 0,50 (0,73) 1,65 n.s. 0,37 (0,85) 1,44 n.s.
Matura 1,37 (0,66) 3,94* 1,13 (0,74) 3,09 n.s.
Uni/FH/Kolleg 1,47 (0,61) 4,36* 0,48 (0,73) 1,62 n.s.
Aspekte der Internetnutzung
Bisherige Interneter-
fahrung (in Jahren) 0,11 (0,05) 1,12*
Vertrauenswürdigkeit
von Onlineinformatio-
nen (nie/selten RK)
Manchmal 1,84 (0,49) 6,31**
Häufig/immer 2,59 (0,71) 13,27**
N=262; Standardfehler der Regressionskoeffizienten B in Klammer angeführt; sig-
nifikante Werte wurden markiert; RK: Referenzkategorie.
Tabelle 2: Binär logistische Regression – Einflussvariablen auf die Eintrittswahr-
scheinlichkeit von patientenseitigen Internetrecherchen.
21
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass insbesondere jüngere,
gut gebildete Personen mit vergleichsweise längerer Interneterfahrung und
hohem Vertrauen in Onlineinformationen eine hohe Wahrscheinlichkeit
aufweisen, Internetrecherchen zu gesundheitlichen Beschwerden oder einer
Erkrankung durchzuführen. Diese Ergebnisse decken sich weitgehend mit
Alexander Schachingers Analyse des digitalen Patienten, der ihm zufolge
als „eher weiblich, im mittleren Lebensalter, mit mehrjähriger Interneterfah-
rung und überdurchschnittlicher formaler Bildung“ (Schachinger 2014, 141)
charakterisiert werden kann.
3.3 Analyse des E-Patienten: Das Rechercheverhalten im Überblick
3.3.1 Gründe gegen bzw. für patientenseitige Internetrecherchen
Bei den Personen, die das Internet noch nie für Recherchen zu gesundheit-
lichen Beschwerden oder einer Erkrankung genutzt haben, gibt es zwei
Hauptgründe, weswegen diese Recherchen unterlassen werden (Mehrfach-
nennungen möglich, Anzahl der lle=42). Zum einen besteht kein Interesse
an solchen Recherchen, was von 50% der Befragten als Motiv genannt
wurde, und zum anderen ist für 43% fehlendes Vertrauen in Informationen
aus dem Internet Grund für die Unterlassung patientenseitiger Internet-
recherchen. Das steht im Einklang mit den Ergebnissen der durchgeführten
logistischen Regression, anhand derer gezeigt werden konnte, dass ein ho-
hes Vertrauen in Onlineinformationen die Wahrscheinlichkeit erhöht Inter-
netrecherchen durchzuführen. Weitere Gründe für die Unterlassung von pa-
tientenseitigen Internetrecherchen sind fehlende Nutzungskenntnisse des In-
ternets (14%) und kein Bedarf an Informationen zu gesundheitlichen Be-
schwerden oder einer Erkrankung (7%).
Bei der Gruppe der Recherchierenden ist das bessere Verstehen von eigenen
Beschwerden das Hauptmotiv für die Durchführung von Internetrecherchen
und wurde von 87% der Befragten genannt (Mehrfachnennungen möglich,
Anzahl der Fälle=227). 50% recherchieren im Internet um Informationen
über Medikamente zu erhalten und je 43% recherchieren für FreundInnen
bzw. Familienangehörige und um bei einem Arztbesuch erhaltene Informa-
tionen besser verstehen zu können. Ein Drittel der befragten PatientInnen
geht online um Informationen über ÄrztInnen einzuholen und knapp ein
Viertel (23%) macht dies um sich auf einen Arzttermin vorzubereiten.
22
3.3.2 Suchmethoden der Recherchierenden
Um einen näheren Einblick in die Recherchestrategien von Personen zu be-
kommen, wurden die Befragten gebeten anzugeben, wie sie im Internet nach
gesundheitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung suchen (Mehrfach-
nennungen möglich, Anzahl der Fälle=227). Dabei zeigt sich, dass der
Großteil der befragten Personen (92%) über Suchmaschinen nach Informa-
tionen zu gesundheitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung sucht. An
zweiter Stelle liegen Gesundheitsportale, die von 45% der Befragten ver-
wendet werden, gefolgt von Recherchen via Wikipedia, die von 40% durch-
geführt werden. Zudem finden auch Onlineforen (26%) und Websites von
ÄrztInnen (22%) für die Durchführung von patientenseitigen Internetrecher-
chen Anwendung.
3.3.3 Typen von Recherchierenden nach Motiven und Suchstrategien
Um die Motive und Suchstrategien der Recherchierenden in einen Zusam-
menhang zu bringen, wurde eine Korrespondenzanalyse durchgeführt (Ab-
bildung 1). Dabei sind die verwendeten Suchstrategien und die Recher-
chemotive die beschreibenden Variablen (Zeilenprofile) und die Alterskate-
gorien die zu beschreibenden Variablen (Spaltenprofile). Zudem wurden das
Geschlecht und die Bildung der Befragten als ergänzende Variablen in die
Analyse aufgenommen.
Betrachtet man die jüngste der Alterskategorien (unter 30-Jährige) lässt sich
festhalten, dass diese sich überdurchschnittlich oft auf Websites von ÄrztIn-
nen, in Onlineforen und Blogs über gesundheitliche Beschwerden oder eine
Erkrankung informiert. Als Gründe für ihre Recherche werden überdurch-
schnittlich oft die Einholung von Informationen zu ÄrztInnen sowie der
Austausch mit PatientInnen derselben Krankheit genannt. Hier llt auf, dass
die Motive der Recherche mit den gewählten Suchstrategien übereinstim-
men. So kann man davon ausgehen, dass auf Websites von ÄrztInnen rele-
vante Informationen über den behandelnden Arzt/die behandelnde Ärztin
angeführt werden, während die Kommunikation mit anderen PatientInnen
derselben Krankheit vorwiegend in Blogs und Onlineforen stattfindet.
23
Abbildung 1: Typen von Recherchierenden nach Motiven und Suchstrategien (Korrespondenzanalyse).
24
Anmerkungen zu Abbildung 1: Alter (u30=unter 30-Jährige, 30-44-Jährige, 45-59-
Jährige, 60-74-Jährige, ü75=über 75-Jährige); Bildung (Pflichtschule, Lehrab-
schluss, Mittelschule, Matura, Uni/FH/Kolleg); Geschlecht (männlich, weiblich);
Art der Internetrecherche (Google=über Suchmaschinen, in Onlineforen, GP=in
Gesundheitsportalen, in Sozialen Medien, Wiki=in Wikipedia, auf Websites von
Ärzten, in Blogs, auf YouTube); Gründe für eine Recherche (eigen=zum besseren
Verständnis eigener Beschwerden, andere=um Informationen über gesundheitliche
Beschwerden von Freunden/Familienangehörigen zu erhalten, Vorb=um sich auf
einen Arzttermin vorzubereiten, Info=um Informationen über einen Arzt einzuho-
len, NachV=um nach einem Arztbesuch erhaltene Informationen besser verstehen
zu können, NachÜ=um nach einem Arztbesuch erhaltene Informationen überprüfen
zu können, Austausch=um sich mit PatientInnen derselben Krankheit auszutau-
schen, Ausk=um Auskünfte über Medikamente einzuholen).
Die 30-44-Jährigen suchen online überdurchschnittlich oft nach Informati-
onen über Beschwerden von FreundInnen und/oder Familienangehörigen
und nutzen diese Recherchen überdurchschnittlich oft um sich auf einen
Arzttermin vorzubereiten. Dafür werden überdurchschnittlich oft Soziale
Medien und auch Youtube verwendet. Während bei dieser Altersgruppe die
Recherche zur Vorbereitung ein wichtiges Charakteristikum darstellt, wer-
den bei den älteren Personen (45-59-Jährige, 60-74-Jährige und über 75-
Jährige) überdurchschnittlich oft Gründe genannt, die die Onlinerecherche
nach einem Arztbesuch zum Thema haben. Diese Art der Recherche dient
zum besseren Verständnis und zur Überprüfung von Informationen, die man
bei einem Arztbesuch erhalten hat. Dabei greifen diese Altersgruppen im
Zuge ihrer Onlinerecherchen überdurchschnittlich oft auf Wikipedia zurück.
Damit kann man einerseits den Typus des jungen kreativen Recherchieren-
den ausmachen, der vorwiegend auf „neue“ Informationsplattformen (z. B.
Blogs und Onlineforen) zurückgreift und diese zur aktiven Recherche nach
gesundheitlichen Beschwerden nutzt, um sich unter anderem mit anderen
PatientInnen auszutauschen und/oder zur Vorbereitung auf einen Arztter-
min. Zudem findet sich andererseits der Typus des älteren konventionellen
Recherchierenden in den Daten wieder. Dieser recherchiert häufig im sehr
bekannten Onlinelexikon Wikipedia, wobei die Internetrecherche öfters
durch einen vorausgehenden Anreiz stimuliert wird. So sind insbesondere
Arztbesuche und die dort erhaltenen Informationen Gegenstand der Inter-
netrecherche, wobei diese durch die Onlinesuche besser verstanden bzw.
überprüft werden sollen.
25
3.4 Der Einfluss des Internets auf die Arzt-Patienten-Interaktion aus Patien-
tensicht
Im folgenden Abschnitt wird noch ein Blick auf die Gestaltung der Arzt-
Patienten-Beziehung unter Einbeziehung patientenseitiger Internetrecher-
chen geworfen. Dabei wird einerseits das Verhalten der ÄrztInnen aus Pati-
entensicht näher analysiert, wobei darauf eingegangen wird, wie Allgemein-
medizinerInnen mit dem Thema der patientenseitigen Internetrecherche in
der Arzt-Patienten-Interaktion umgehen. Andererseits wird betrachtet, wie
PatientInnen die Ergebnisse ihrer Recherchen zu gesundheitlichen Be-
schwerden oder einer Erkrankung in das Arzt-Patienten-Gespräch mitein-
fließen lassen.
3.4.1 Der Umgang von ÄrztInnen mit patientenseitigen Internetrecherchen
Eine deutsche Studie (N=51) hat gezeigt, dass ÄrztInnen bereits umfassende
Erfahrungen mit im Internet recherchierenden PatientInnen gemacht haben
(vgl. Stadtler, Bromme & Kettler 2009, 257), wobei die Häufigkeit von den
ÄrztInnen unterschiedlich eingeschätzt wurde. So meinen mehr als die
Hälfte der Befragten (56%), dass dies manchmal vorkommt, 29% stufen dies
als häufig und sehr häufig und 14% als selten vorkommend ein. Zudem fin-
det es der Großteil der befragten AllgemeinmedizinerInnen (63%) wichtig,
PatientInnen bei ihrer Internetrecherche zu unterstützen (vgl. Stadtler,
Bromme & Kettler 2009, 257).
Obwohl die Erfahrung mit E-PatientInnen aufseiten der ÄrztInnen nicht
dazu führen muss, eben diese auf ihre Internetrecherchen anzusprechen,
kann dennoch vermutet werden, dass die Aktualität der Thematik und die
immer größer werdende Personengruppe, die im Internet zu gesundheitli-
chen Themen recherchiert (vgl. Eurostat 2015), für diese Annahme spricht.
Auch der große Anteil derjenigen AllgemeinmedizinerInnen in der Studie
von Stadtler, Bromme & Kettler (2009), die es wichtig finden PatientInnen
bei ihren Internetrecherchen zu unterstützen, verweist auf die Notwendig-
keit von Kommunikation bezüglich dieser Thematik in Arzt-Patienten-Ge-
sprächen.
Deswegen wurden die PatientInnen gefragt, ob ihr Arzt das Thema „Internet
und/oder Internetrecherchen zu gesundheitlichen Beschwerden oder einer
Erkrankung“ bei einem Arztbesuch bereits angesprochen hat, wobei mit Ja
und Nein geantwortet werden konnte (N=308). Wie sich allerdings zeigt,
26
gaben lediglich 8% der befragten PatientInnen an, dass ihr Arzt/ihre Ärztin
dieses Thema zumindest schon einmal in einem Arzt-Patienten-Gespräch
angeschnitten hat. Die restlichen 92% verneinen diese Frage. Somit wird das
Thema patientenseitiger Internetrecherchen in der vorliegenden Studie von
ÄrztInnen kaum in die Arzt-Patienten-Interaktion miteingebracht10.
3.4.2 Der Umgang von PatientInnen mit den Ergebnissen ihrer Internet-
recherchen
Neben der Einschätzung des ärztlichen Verhaltens bezüglich patientenseiti-
ger Internetrecherchen wurden die PatientInnen auch danach gefragt, wie
sie mit den Ergebnissen ihrer Internetrecherche umgehen. Um das festzu-
stellen wurde folgende Frage in den Fragebogen aufgenommen: „Haben Sie
die Ergebnisse Ihrer Internetrecherche(n) schon einmal bei einem Arztbe-
such erwähnt?“, wobei die Befragten mit Ja und Nein antworten konnten
(N=226). Dabei zeigt sich, dass mehr als die Hälfte (58%) der Befragten die
Ergebnisse ihrer Internetrechen zu gesundheitlichen Beschwerden oder ei-
ner Erkrankung noch nie bei einem Arztbesuch angesprochen hat. 17% der
PatientInnen gaben an, dies schon einmal gemacht zu haben, während die
restlichen 25% ÄrztInnen schon öfters auf die Ergebnisse ihrer Internet-
recherchen angesprochen haben.
Zudem wurden die Personen, die noch nie mit ihrem Arzt über ihre Online-
recherchen gesprochen haben, gebeten anzugeben aus welchen Gründen sie
das nicht machen (Mehrfachnennungen möglich, Anzahl der Fälle=131).
Dabei geben 82% der befragten PatientInnen an, dass die Internetrecherche
nur der Selbstinformation dient und deshalb nicht bei einem Arztgespräch
erwähnt zu werden braucht. Der zweithäufigste Grund für die Nicht-Nen-
nung der Rechercheergebnisse ist das mangelnde Interesse von PatientInnen
darüber mit ihrem Arzt/ihrer Ärztin zu sprechen (28%). Neben diesen zwei
Motiven wurden von den Befragten jedoch auch Gründe genannt, die mit
der Figur des Arztes/der Ärztin im Zusammenhang stehen. So geben 23%
der PatientInnen an, die Autorität des Arztes/der Ärztin durch die Erwäh-
nung ihrer Rechercheergebnisse nicht infrage stellen zu wollen. Knapp ein
Zehntel (8%) gibt an, dem Arzt/der Ärztin nicht seine/ihre Zeit stehlen zu
wollen.

10 Dabei sei hier darauf hingewiesen, dass es sich nicht um Eigenangaben von den ÄrztInnen
handelt, sondern um Einschätzungen des ärztlichen Verhaltens aus Sicht der PatientInnen.
27
4. Zusammenfassung und Ausblick
In den vorangegangenen Abschnitten wurden unterschiedliche Aspekte des
E-Patienten sowie dessen Beurteilung der Rolle des Internets in der Arzt-
Patienten-Beziehung empirisch betrachtet. Dabei konnte festgestellt wer-
den, dass patientenseitige Internetrecherchen zu gesundheitlichen Be-
schwerden oder einer Erkrankung ein weit verbreitetes Phänomen unter Pa-
tientInnen darstellen, wobei sich Recherchierende und Nicht-Recherchie-
rende im Hinblick auf bestimmte Merkmale unterscheiden. Soziodemogra-
fisch gesehen ist die Gruppe der im Internet recherchierenden Personen jün-
ger und höher gebildet als die Gruppe der Nicht-Recherchierenden. Zudem
erhöhen eine vergleichsweise längere bisherige Interneterfahrung und eine
höhere Bewertung der Vertrauenswürdigkeit von Onlineinformationen die
Wahrscheinlichkeit der Durchführung einer Internetrecherche zu gesund-
heitlichen Beschwerden oder einer Erkrankung. Diese Ergebnisse sind wei-
testgehend deckungsgleich mit den Befunden anderer Studien, die sich
ebenfalls mit dieser Thematik beschäftigt haben (vgl. Schachinger 2014,
140ff.).
Bei Betrachtung der E-PatientInnen wurden insbesondere deren Motive für
eine Internetrecherche sowie die verwendeten Suchstrategien analysiert.
Dabei konnte festgestellt werden, dass die Recherche vorwiegend zum bes-
seren Verständnis von eigenen Beschwerden durchgeführt wird. Auch die
Beschaffung von Informationen über Medikamente via Internet wurde von
den Befragten häufig genannt. Im Zuge dieser Recherchen werden insbe-
sondere allgemeine Suchmaschinen wie beispielsweise Google verwendet,
aber auch Gesundheitsportale und Wikipedia sind beliebte Anlaufstellen. In
Bezug auf das Alter lassen sich hier zwei unterschiedliche Recherchetypen
feststellen: Auf der einen Seite gibt es junge kreative Recherchierende, die
„neue“ Plattformen wie Onlineforen oder Blogs nutzen um sich über ge-
sundheitliche Beschwerden zu erkundigen bzw. sich mit anderen PatientIn-
nen auszutauschen. Auf der anderen Seite stehen ältere Personen, die vor-
wiegend auf konventionelle Art und Weise recherchieren. Sie nutzen Wi-
kipedia und recherchieren insbesondere nach einem Arztbesuch, um die dort
erhaltenen Informationen besser verstehen bzw. überprüfen zu können.
Zudem konnte festgestellt werden, dass patientenseitige Internetrecherchen
kaum ein Thema in Arzt-Patienten-Gesprächen sind. So sprechen ÄrztInnen
Internetrecherchen zu gesundheitlichen Themen im direkten Arztgespräch
28
laut Angaben der befragten PatientInnen kaum an und auch der Großteil der
PatientInnen behält die Ergebnisse der Onlinerecherchen für sich und teilt
sie dem behandelnden Arzt/der behandelnden Ärztin nicht mit. Demnach
gibt es hier zwei voneinander getrennte Sphären, die es näher zu erforschen
gäbe. Auf der einen Seite befinden sich AllgemeinmedizinerInnen, welche
patientenseitige Internetrecherchen aus der Arzt-Patienten-Beziehung aus-
zuklammern scheinen, und auf der anderen Seite haben es ÄrztInnen größ-
tenteils mit PatientInnen zu tun, die die Ergebnisse ihrer Recherchen be-
wusst nicht ansprechen, wobei dafür unterschiedliche Gründe genannt wer-
den. So ist zwar die Recherche zum ausschließlichen Selbstzweck der am
häufigsten genannte Grund der PatientInnen für das Nicht-Erwähnen der
Recherchen, aber auch auf die Rolle des Arztes/der Ärztin bezogene Motive
wurden genannt. Beispielsweise haben PatientInnen Angst die Autorität des
Arztes/der Ärztin infrage zu stellen oder ihm/ihr seine/ihre Zeit durch die
Erwähnung von Rechercheergebnissen zu stehlen.
In diesem Bereich gäbe es eindeutig Handlungsbedarf, da ÄrztInnen und
PatientInnen kaum über das Thema Internet sprechen und das obwohl pati-
entenseitige Internetrecherchen ein weitverbreitetes Phänomen sind, mit
dem auch ÄrztInnen – wenn schon nicht persönlich, dann zumindest medial
– konfrontiert werden. Dafür wäre Aufklärung auf beiden Seiten notwendig.
So stellt beispielsweise die Patienten-Universität der Medizinischen Hoch-
schule Hannover, welche das übergreifende Ziel der Gesundheitsbildung
verfolgt, Checklisten für einen Arztbesuch, Tipps für ein partizipatives Arzt-
gespräch sowie eine Anleitung für eine Internetrecherche nach gesundheits-
relevanten Informationen auf ihrer Website zur Verfügung. Damit sollen Pa-
tientInnen mehr Selbstverantwortung für ihre Gesundheit übernehmen und
aktiv an medizinischen Entscheidungsfindungen teilnehmen (vgl. Patienten-
Universität der Medizinischen Hochschule Hannover 2014). Und auch für
ÄrztInnen gibt es ein breites Angebot an umfangreichen Empfehlungen für
den Umgang mit internetinformierten PatientInnen, die als Leitfaden dienen
können/sollen (vgl. Wald, Dube & Anthony 2007; Berger 2009).
Um die Expertise der ÄrztInnen für die patientenseitige Internetrecherche
gewinnbringend zu nutzen, wäre es nötig näher auf die Erwartungshaltung
der PatientInnen einzugehen: Erwarten sich diese Hilfestellungen von ihren
ÄrztInnen bezüglich Onlinerecherchen, und wenn ja, welche Art von Hilfe?
Wie kann man Arzt-Patienten-Gespräche so gestalten, dass PatientInnen
29
sich im Sinne eines Shared Decision Makings11 Gehör verschaffen können?
Diese Fragen wären durch eine verknüpfte Arzt-Patienten-Befragung beant-
wortbar. Dabei würden sowohl ÄrztInnen als auch PatientInnen zur Thema-
tik patientenseitiger Internetrecherchen befragt werden. Dadurch könnten
möglicherweise Differenzen in der patientenseitigen bzw. ärztlichen Erwar-
tungshaltung aufgedeckt werden, die die Umsetzung der oben genannten
Handlungsempfehlungen bis dato erschwert haben. Durch Befragungen von
ÄrztInnen könnte man außerdem deren Sichtweise auf die von PatientInnen
angewandten Suchstrategien ermitteln und bei Diskrepanzen neue Interven-
tionsstrategien entwickeln. Würden ÄrztInnen beispielsweise die von den
PatientInnen angewandten Recherchemethoden als qualitativ schlecht be-
werten, könnten ÄrztInnen Empfehlungen von Websites bzw. Suchstrate-
gien an ihre PatienInnen aussprechen und somit die patientenseitige Inter-
netrecherche positiv beeinflussen.
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
11 Dabei hat das Konzept der gemeinsamen Entscheidungsfindung zum Ziel, „den Wunsch
des Patienten nach Beteiligung an den Entscheidungen über sein Gesundheitsproblem zu re-
alisieren. Arzt und Patient kommunizieren auf einer partnerschaftlichen Ebene über die ob-
jektiven und subjektiven Aspekte einer anstehenden Entscheidung(Klemperer & Rosen-
wirth 2005, 6). Im Mittelpunkt dieses Modells stehen eine umfassende Patientenorientierung
in der Arzt-Patienten-Interaktion sowie eine effizientere Krankheitsbehandlung, die durch
den Einbezug patientenseitiger Präferenzen gewährleistet werden soll.
30
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31
Dr. Google – Wie die medizinische Internetnutzung die Arzt-Pa-
tient-Interaktion verändert
Die ärztliche Perspektive12
Bettina Mair
1. Hintergrund
Das Internet als medizinische Informationsquelle erfreut sich heutzutage
nicht nur aufseiten der PatientInnen immer größerer Beliebtheit, sondern
wird auch in großem Ausmaß von medizinischen ExpertInnen genutzt. „Dr.
Google“ hat Konjunktur – eine Entwicklung, die nicht ohne Folgen bleibt.
Bezüglich Österreich verweist die Bioethikkommission trotz einiger Studien
und Statistiken zur vorliegenden Thematik13 auf einen bestehenden Daten-
mangel im bezeichneten Feld (vgl. Bioethikkommission 2015, 29). Dabei
hat vor allem die ärztliche Perspektive auf das Phänomen „Dr. Google“ ver-
gleichsweise wenig Beachtung erfahren (vgl. Stadtler, Bromme & Kettler
2009, 255). So hält auch das Forschungsteam der bisher einzigen umfassen-
deren Studie zur Thematik in Österreich fest, dass aufgrund des Internets
neben der viel diskutierten neuen Patientenrolle im Gesundheitssystem,
wohl nach und nach auch eine – bisher weit weniger beachtete – neue Arzt-
rolle zu Tage tritt, die in Zukunft weiterer Erforschung bedarf.
„Auch für die Ärzte wird die Präsenz des Internets eine nachhaltige
Veränderung mit sich bringen, die derzeit erst in Ansätzen sichtbar
wird. Unser Projekt konnte einige erste Schlaglichter auf diese Dis-
kussion werfen – es wäre allerdings sicherlich spannend und notwen-
dig diese Frage einerseits aus akademischer Perspektive näher quali-
tativ zu erschließen, und sie andererseits im gesundheitspolitischen
Kontext eingehender zu diskutieren.“ (Felt 2008, 23)
Die vorliegende Forschungsarbeit widmet sich demnach im Rahmen einer
qualitativen Interviewstudie der ärztlichen Sichtweise des Phänomens der
Online-Gesundheitskommunikation.

12 Die hier präsentierten Ergebnisse sind eine Zusammenfassung der gleichnamigen Master-
arbeit, die aus diesem Projekt entstanden ist. Detailliertere Ausführungen können demnach
dort nachgelesen werden.
13 Siehe dazu unter anderem (Felt 2008; IMAS International 2014; Statistik Austria 2015).
32
2. Forschungsinteresse und Methodik
Die Forschungsfragen dieser Arbeit verstehen sich als direkte Anknüpfung
an das konkludierende Anliegen des Forschungsteams um Felt. So stellt sich
die Frage, ob sich durch die Triangulation Arzt-Patient-Internet knapp acht
Jahre nach der genannten Studie bereits nachhaltige Veränderungen der
ärztlichen Tätigkeit nachvollziehen lassen.
In den bisher existenten qualitativen Studien, die die ärztliche Sichtweise
auf das Phänomen „Dr. Google“ thematisieren, liegt der Fokus ufig auf
nur einem Aspekt dieses vielschichtigen Prozesses, wie beispielsweise der
ärztlichen Einstellung zu patientenseitigen Internetrecherchen. Ziel der vor-
liegenden Arbeit ist es demnach, ein umfassenderes Bild der ärztlichen Per-
spektive zu zeichnen, um so einem möglichen Wandel der Arztrolle auf den
Grund zu gehen. Dabei stehen die folgenden Forschungsfragen im Vorder-
grund:
In welchem Ausmaß wird das Internet von den interviewten Medi-
zinerInnen selbst für medizinische Zwecke herangezogen?
Wie wird das Phänomen der Online-Gesundheitskommunikation
bewertet?
Wie gestaltet sich der ärztliche Umgang mit E-PatientInnen14?
Vor allem auf die letztangeführte Forschungsfrage soll ein Schwerpunkt ge-
legt werden, da es sich dabei um einen bisher wenig beachteten Aspekt des
Phänomens E-PatientIn handelt. Dieser sollte jedoch als äußerst zentrale
Thematik aufgefasst werden, denn die Auswirkungen patientenseitiger In-
ternetrecherchen werden mitunter stark davon beeinflusst, wie sich die In-
teraktion zwischen Arzt und E-PatientIn gestaltet. Aus diesem Grund soll
ein Blick darauf geworfen werden, wie ÄrztInnen mit internetinformierten
PatientInnen und ihren eruierten medizinischen Online-Informationen um-
gehen und ob die Ausgestaltung der jeweiligen Handlungsstrategien von an-
deren Variablen wie der eigenen Internetversiertheit oder der allgemeinen
Einstellung gegenüber E-PatientInnen beeinflusst wird.

14 Der Begriff E-Patient (engl.: e-patient) bezeichnet hierbei den „durch das Internet infor-
mierten und vernetzten Patienten und Nachfrager, welcher für sich oder Angehörige relevante
medizinische Informationen im Internet sucht und sich hierzu mit Gleichgesinnten aus-
tauscht“ (Schachinger 2014, 12).
33
Zur Beantwortung der angeführten Fragestellungen wurden im Rahmen der
vorliegenden Arbeit im Zeitraum von Oktober 2015 bis Februar 2016 qua-
litative Leitfadeninterviews mit AllgemeinmedizinerInnen aus Graz durch-
geführt. Bei der Auswahl der InterviewpartnerInnen wurde dabei auf eine
relativ ausgeglichene Verteilung der folgenden Merkmale geachtet: Art der
Praxis (Privat- oder Kassenordination), Situierung im Stadtgebiet von Graz
und Geschlecht. Insgesamt wurden 14 TeilnehmerInnen akquiriert, die sich
wie folgt auf die zuvor festgelegten Quoten verteilen:
Tabelle 1: Merkmalsverteilung der InterviewpartnerInnen.
Die geringste Berufserfahrung unter den InterviewpartnerInnen weisen zwei
ÄrztInnen mit jeweils sechs Jahren medizinischer Praxis auf, hrend der
Arzt mit der meisten Praxis bereits 35 Jahre als selbstständiger Mediziner
arbeitet. Im Schnitt weisen die ProbandInnen 22 Jahre praktische Erfahrung
auf. Dieser hohe Wert geht einher mit einem relativ hohen durchschnittli-
chen Alter der interviewten Personen. Dieses variiert zwischen 36 und 65
Jahren und liegt im Durchschnitt bei 54 Jahren.
3. Ergebnisse der empirischen Analyse
3.1 Ärztliche Internetnutzung und -affinität
In diesem Abschnitt wird die Bedeutung des Internets für die hausärztliche
Tätigkeit analysiert. Wie groß ist der Stellenwert, den es innerhalb dieser
medizinischen Profession einnimmt? Die nähere Betrachtung dieses Phäno-
mens stellt den Ausgangspunkt der weiteren empirischen Untersuchungen
im Rahmen der vorliegenden Arbeit dar, weil die Annahme besteht, dass das
Situierung im Stadtgebiet Gesamt
rechte
Murseite
linke
Murseite
Kassa männlich 2 2 4
weiblich 2 2 4
Privat männlich 2 1 3
weiblich 1 2 3
Gesamt 7 7 14
34
Ausmaß der eigenen Nutzung des Mediums Internet bzw. die Ausprägung
der eigenen Affinität gegenüber diesem sich als möglicher Einflussfaktor
auf andere interessierende Variablen erweisen könnte.
Insgesamt wurden im vorliegenden Sample basierend auf dem persönli-
chen Nutzungsausmaß für medizinische Zwecke und der grundsätzlichen
Einstellung gegenüber dem Medium Internet – vier Typen der Internetnut-
zung bzw. -affinität identifiziert. Entgegen früherer Forschungsergebnisse
(vgl. Masters 2008) scheinen im vorliegenden Sample die Merkmale Ge-
schlecht und Alter der jeweiligen ÄrztInnen nicht mit der Internetnutzung
bzw. -affinität in Zusammenhang zu stehen.
Der Internet-Advokat (n=7): Dem Typus des Internet-Advokaten können
die meisten ÄrztInnen des vorliegenden Samples zugeordnet werden. Er
stellt den internetaffinsten unter den gebildeten Typen dar. Das Internet wird
von diesem Typus im Rahmen der medizinischen Tätigkeit auf unterschied-
lichste Weise und in hohem Ausmaß genutzt. Ihm wird eine hohe Bedeutung
für medizinische Informationen zugesprochen.
„Das Internet ist der externe Festplattenspeicher für das Gehirn des medi-
zinisch Tätigen. [...] Das ist eine absolut notwendige direkte Verknüpfung,
ja. Es würde ja, anders würde es überhaupt nicht mehr gehen.“ (IP10, Abs.
133-135)
Die stärkste Nutzungsmotivation des Internet-Advokaten ist neben der zeit-
lichen Effizienz, die dem Internet attestiert wird, die Wahrnehmung einer
ständigen Wissensvermehrung innerhalb des medizinischen Feldes. Das
World Wide Web wird unter anderem zur Erkundigung über Medikamente,
zum Nachschlagen bestimmter Fachbegriffe oder Laborreferenzwerte, zur
Vernetzung mit Kollegen und zum Recherchieren wissenschaftlicher Arti-
kel eingesetzt.
Der Zwiegespaltene (n=3): Die Zwiegespaltenen positionieren sich hin-
sichtlich ihrer Internetnutzung im medizinischen Bereich nahe den Internet-
Advokaten. Auch sie recherchieren häufig Studien, Fachbegriffe und Medi-
kamente auf medizinischen Fachseiten und präsentierten sich als durchaus
internetversiert. Insgesamt wird diese Informationsmöglichkeit jedoch we-
niger euphorisch bewertet.
„Das ist leider etwas, wo ich in der Zukunft auch ein bisschen ein Problem
sehe, das einzige. Dass man also hier hörig wird gegenüber: Alles was im
Internet steht ist die Wahrheit.“ (IP6, Abs. 12)
35
„Grundsätzlich glaube ich, dass das Internet zu sehr Einzug in unser Hirn
gefunden hat.“ (IP4, Abs. 99)
Der Zwiegespaltene sieht das Internet als zweischneidiges Schwert, indem
er ihm durchaus positive Eigenschaften attestiert, dabei jedoch auf einen
wahrgenommenen, zu stark ausgeprägten „Internethype“ in der Gesellschaft
hinweist. Mitunter beschreibt sich der Zwiegespaltene trotz seines hohen
Ausmaßes an Internetnutzung als „Papier-Mensch“ (IP6, Abs. 28). Es ergibt
sich also ein Bild, das die Verwendung des World Wide Web eher als prak-
tikable Notwendigkeit beschreibt denn als absoluten Segen.
Der spärliche Nutzer (n=3): Wie der zuvor genannte Typus weist der spär-
liche Nutzer eine gewisse Skepsis gegenüber einzelnen Aspekten des Medi-
ums Internet auf. Im Unterschied zu den Zwiegespaltenen mündet diese hier
in einer eingeschränkten Nutzung des Webs im Rahmen der medizinischen
Tätigkeit. Die Skepsis dieses Typus gegenüber dem Internet manifestiert
sich – anders als beim Zwiegespaltenen – vor allem in Form einer Infrage-
stellung der Eignung dieser Informationstechnologie für medizinische Zwe-
cke. Das Internet wird durchaus im Privatleben oder für organisatorische
Zwecke des Arztberufes genutzt, jedoch nur selten für medizinische Be-
lange.
„Ich meine, wenn ich irgendetwas wissen will, jetzt nicht medizinisch, son-
dern aus allen Lebensbereichen, dann setze ich mich auch zum Computer
und schaue nach, ne? [...] Klar, weil das ist ja ständig upgedatet und ständig
auf den neuesten Stand gebracht und ich nutze das Internet privat sehr viel,
aber nicht jetzt im medizinischen Bereich.“ (IP2, Abs. 47)
Im Vergleich zu den beiden zuvor genannten Typen erweisen sich die spär-
lichen Nutzer demnach hinsichtlich der genutzten Informationskanäle als
weit weniger versiert. Google und Wikipedia dienen hier als vorrangige
Quellen.
Der Totalverweiger (n=1): Der Typus des Totalverweigerers zeichnet sich
durch eine vollkommene Ablehnung des Mediums Internet mit einer einher-
gehenden tatsächlichen Nicht-Nutzung aus. Er grenzt sich somit auf zwei-
erlei Weise von allen anderen Typen ab, da er einerseits das Internet als ein-
ziger Typus gar nicht verwendet und diesem Medium andererseits als einzi-
ger Typus nichts Positives abgewinnen kann. Zum einen wird das World
Wide Web vom Totalverweigerer ganz einfach aufgrund von Anwendungs-
schwierigkeiten nicht genutzt.
36
„Ich komme da gar nicht rein. Ich kann es nicht einmal einschalten, wenn
ich vorhätte.“ (IP12, Abs. 43)
Zum anderen sieht der besagte Typus keinerlei Notwendigkeit einer medi-
zinischen oder sonstig gearteten Internetnutzung.
„[...] weil ich halte vom Internet relativ wenig.“ (IP12, Abs. 13)
3.2 Ärztliche Einstellung gegenüber E-PatientInnen
Auch die Analyse der ärztlichen Einstellung gegenüber E-PatientInnen er-
folgte anhand einer Typenbildung. Dieser liegen zwei Dimensionen zu-
grunde:
der Stellenwert von E-PatientInnen innerhalb der eigenen ärztlichen
Tätigkeit sowie
die Bewertung des Phänomens E-PatientIn.
Die erste Dimension der Einstellungstypologie basiert auf der Frage als wie
bedeutend das Thema E-PatientIn in Bezug auf die eigene Arbeit überhaupt
wahrgenommen wird. Hat sich die Arbeit mit PatientInnen durch die zuneh-
mende Möglichkeit sich im Internet zu erkundigen verändert oder wird die-
ses Phänomen als nebensächlich beschrieben? Dieses erste Merkmal der Ty-
penbildung basiert zum einen auf der von den MedizinerInnen wahrgenom-
menen Häufigkeit der Konfrontation mit E-PatientInnen und zum anderen
darauf, ob diesen vorinformierten PatientInnen ein besonderer Einfluss auf
die eigene Arbeit zugeschrieben wird. Das Kontinuum des zugeschriebenen
Stellenwerts von patientenseitigen Internetrecherchen innerhalb der eigenen
Tätigkeit reicht dabei von „gering“ bis „hoch“.
Die zweite Dimension der Typenbildung umfasst die ärztliche Bewertung
der Erscheinung E-PatientIn. Wie werden internetinformierte PatientInnen
wahrgenommen? Erschweren sie die ärztliche Tätigkeit, werden sie über-
wiegend positiv gesehen oder nennen die interviewten ÄrztInnen Vor- und
Nachteile in gleichem Ausmaß? Das Kontinuum dieses zweiten Merkmals
erstreckt sich von „negativ“ bis „positiv“.
37
Hinsichtlich der beiden die Einstellungstypologie konstruierenden Merk-
male wurde bewusst darauf verzichtet, fixe Merkmalsausprägungen zu de-
finieren. Dadurch soll verdeutlicht werden, dass sich zwischen den verschie-
denen Einstellungen bzw. Bedeutungszuschreibungen der MedizinerInnen
keine fixen Bruchlinien finden. Vielmehr wurde versucht durch eine Anord-
nung der einzelnen Fallzusammenfassungen entlang der beiden Merk-
malsachsen Gruppen zu bilden, die eine möglichst hohe interne Homogeni-
tät und externe Heterogenität aufweisen. Letztendlich konnten so sechs Ein-
stellungstypen ermittelt werden, deren Lage im aufgespannten Merkmals-
raum in Abbildung 1 ersichtlich wird.
Die Berater (n=2): Dieser erste Einstellungstypus zeichnet sich einerseits
durch eine überwiegend positive Bewertung des Phänomens E-PatientIn
aus, andererseits schreibt er diesem für die tatsächliche Ausgestaltung seiner
Arbeit nur eine geringe Bedeutung zu. Zurückführen lässt sich die insgesamt
Stellenwert von E-PatientInnen
innerhalb der eigenen Tätigkeit
Bewertung des Phänomens
E-PatientIn
Typ I:
Die Berater
Typ II:
Die Wertschätzenden
Typ III:
Die Neutralen
Typ IV:
Die Abwägenden
Typ V:
Die alte Schule
Typ VI:
Die Bedrängten
negativ
positiv
gering hoch
Abbildung 1: Einstellungstypologie.
38
positive Bewertung des Versuchs der Selbstinformation durch diesen Typus
darauf, dass dieser eine aktive Beteiligung seiner PatientInnen befürwortet
und patientenseitige Internetrecherchen als Zeichen eines „Teilnehmen-
Wollens“ deutet.
„Den Informationsgedanken des Patienten zu hinterfragen zeigt ja für mich
[…], dass er aktiv teilnehmen möchte am Veränderungsprozess.“ (IP11,
Abs. 94)
Insgesamt wird den internetinformierten PatientInnen allerdings wenig Be-
deutung für die Ausgestaltung der eigenen Tätigkeit zugeschrieben. Da die
ÄrztInnen, die dem genannten Typus zuzuordnen sind, ihre Funktion haupt-
sächlich in der Beratung der PatientInnen und in der Bereitstellung von In-
formationen sehen, zeigt die Möglichkeit der Online-Gesundheitskommuni-
kation insgesamt nur geringe Auswirkungen auf die bisherige ärztliche Pra-
xis. Der Berater sieht die PatientInnen als HauptakteurInnen und wünscht
sich unabhängig davon, ob im Internet recherchiert wurde oder nicht, dass
sich die PatientInnen ausführlich artikulieren und aktiv beteiligen.
Die Wertschätzenden (n=3): Die Wertschätzenden charakterisieren sich
wie die Berater durch eine positive Bewertung patientenseitiger Internet-
recherchen. Im Gegensatz zum zuvor angeführten Typus wird dem Phäno-
men E-PatientIn hier jedoch eine größere Bedeutung hinsichtlich der ärztli-
chen Tätigkeit attestiert. Der Typus des Wertschätzenden sieht merkliche
Effekte auf seine Arbeit und bewertet diese überwiegend als die Arbeit er-
leichternd. So sieht der Wertschätzende ein verbessertes Arzt-Patient-Ge-
spräch, das sich auf einem höheren Niveau abspielt, als dies ohne Vorinfor-
mationen der Fall wäre.
„Wie gesagt, es spielt sich auf einem etwas höheren Niveau ab. Wenn je-
mand so wiff ist und im Internet nachschauen kann, was er alles haben
könnte, dann hat er sich ja schon damit beschäftigt. Man kann dann wirk-
lich, meiner Meinung nach, besser arbeiten.“ (IP13, Abs. 18)
Auch die Möglichkeit einer nachträglichen, vertiefenden Selbstinformation
anhand des Internets wird als Arbeitserleichterung beschrieben.
Die Neutralen (n=4): Der Typus des Neutralen teilt mit dem Typus des Be-
raters die Eigenschaft, dass E-PatientInnen grundsätzlich keine allzu hohe
Bedeutung für die eigene Tätigkeit beigemessen wird. Zum einen kann dies
durch den Umstand begründet sein, dass E-PatientInnen nur in geringem
39
Ausmaß wahrgenommen werden, zum anderen kann es daran liegen, dass
durch die Internetrecherchen keine gravierende Veränderung gesehen wird.
„Ich habe sowieso Patienten, die viele Fragen stellen und das ist mir recht.“
(IP4, Abs. 30)
Zusätzlich dazu lässt sich beim Neutralen – im Unterschied zu den genann-
ten Typen keine eindeutig positive oder negative Gesinnung gegenüber
diesem Phänomen feststellen. Von einer wertenden Haltung wird hier Ab-
stand genommen.
„Also ich finde es weder hilfreich noch hinderlich.“ (IP4, Abs. 8)
Die Abwägenden (n=2): Der Typus des Abwägenden erhält seinen Namen
aufgrund der Tatsache, dass ÄrztInnen dieses Typs ganz klare Vor- und
Nachteile der patientenseitigen Internetrecherche sehen und sich durch eine
Gegenüberstellung dieser eine insgesamt indifferente Position ergibt. Im
Gegensatz zu den Neutralen wird der Online-Selbstinformation durch Pati-
entInnen zusätzlich eine große Bedeutung beigemessen.
„[...] weil das ja wirklich so ein Thema ist, es ist absolutes Thema: Die
Leute, die im Internet lesen.“ (IP3, Abs. 70)
Zum einen nimmt dieser Typus das Auftreten des Phänomens der Online-
Gesundheitskommunikation recht stark wahr, zum anderen beschreibt der
Abwägende verschiedenste konkrete Auswirkungen auf die persönliche Ar-
beit. Dies kann sich beispielsweise auf das Zeitmanagement in der Arzt-Pa-
tient-Konsultation beziehen gut informierten PatientInnen wird hier ein
positiver Effekt attestiert, während verunsicherte PatientInnen oder solche
mit festgefahrenen Meinungen als strapazierend wahrgenommen werden.
Die alte Schule (n=2): Die Anhänger der alten Schule zeichnen sich vor
allem dadurch aus, dass sie uninformierte PatientInnen bevorzugen, da sie
negative Effekte der Online-Gesundheitskommunikation bemerken. Als
problematisch wird vor allem gesehen, dass E-PatientInnen häufig mit fal-
schen Selbstdiagnosen zum Arzt kommen, die anhand von Internetinforma-
tionen erstellt wurden. Diese bedürfen einer Korrektur von ärztlicher Seite
– ein Vorhaben, das sich oft als schwierig herausstellt. Insgesamt hat diese
Thematik für den Typus der alten Schule allerdings keine allzu hohe Bedeu-
tung, da nur wenige seiner PatientInnen im Internet recherchieren.
40
„Das ist nur eine ganz bestimmte Gruppe von Patienten, die also da wirk-
lich das Internet benützen und das ist also nicht ein großes Problem bei
mir.“ (IP2, Abs. 61)
Zudem lehnen solche MedizinerInnen nicht nur die dem Arztbesuch voran-
gehende Selbstinformation anhand des Internets ab, sondern auch jene aus
anderen Quellen (z.B. Broschüren, Zeitschriften), da die angebotenen Infor-
mationen als qualitativ minderwertig eingeschätzt werden. Somit nimmt das
konkrete Phänomen E-PatientIn bei ÄrztInnen, die dem Typus der alten
Schule zugeordnet werden, eher nebensächliche Züge an.
„Es ist nicht nur das Internet, sondern es sind auch irgendwelche Publika-
tionen, es sind Broschüren, die sie in der Apotheke bekommen, es sind
einfach Magazine, wo Anzeigen drinnen sind und da kommen dann die
Leute und wollen das haben. Meistens ist das nur ein Geschäft für die und
nicht wirklich sinnvolle Medizin.“ (IP2, 9)
Die Bedrängten (n=1): Im Gegensatz zu den Angehörigen der alten Schule,
die relativ selten mit E-PatientInnen konfrontiert sind, steht der Bedrängte
häufig internetinformierten PatientInnen gegenüber und sieht dadurch aus-
schließlich negative Konsequenzen für die eigene Arbeit als auch für die
recherchierenden Personen selbst. Was den besagten Typus jedoch vor al-
lem auszeichnet ist die Eigenheit, dass er E-PatientInnen, die sich ausge-
zeichnet mit ihrer Krankheit auskennen, als gut informiert, jedoch trotzdem
als schwierig wahrnimmt.
„Ich meine, wenn die jetzt wirklich eine ganz spezielle Krankheit haben
und da sich ewig schon eingelesen haben, dann tust du dir oft echt schwer,
weil du, wenn das irgend so ein witziges Syndrom ist, dass du selbst schon
ewig nicht mehr gehört hast, dann sind die oft besser informiert als man
selbst. Also von dem her ist das manchmal schon ein bisschen schwierig.
[...] auch weil du aufpassen musst, dass du dann nicht eventuell einen Blöd-
sinn sagst, wenn der wirklich so gut eingelesen ist, ja.“ (IP8, Abs. 49 und
51)
Die Kompetenz gewisser PatientInnen als ExpertInnen der eigenen Krank-
heit wird zwar anerkannt, jedoch fühlt sich der vorliegende Typus durch
dieses ausgeprägte Wissen in gewisser Weise in Bedrängung gebracht bzw.
verunsichert.
Weiterführende Analysen der Interviews haben gezeigt, dass eine Vielzahl
an Variablen die Ausprägung der Einstellung gegenüber E-PatientInnen be-
41
einflussen dürfte. So zeigte sich im vorliegenden Sample ein recht eindeuti-
ger Zusammenhang zwischen den beiden gebildeten Typologien. Insgesamt
scheinen ÄrztInnen, die das Internet allgemein wertschätzen und dieses häu-
fig nutzen, eher eine positive Haltung gegenüber E-PatientInnen einzuneh-
men, während eine geringe bzw. gar keine Internetnutzung und eine eher
kritische Bewertung dieses Mediums auch mit einer kritischeren Einstellung
gegenüber E-PatientInnen einhergeht. Einen Ausreißer scheint hier lediglich
der Einstellungstypus des Bedrängten darzustellen, da die Ärztin, die die
Grundlage dieses Typs darstellt, betreffend ihrer Internetnutzung den Inter-
net-Advokaten zugerechnet werden kann. Hier präsentiert sich unter Um-
ständen die fehlende ärztliche Routine und Erfahrung als ausschlaggebend
für die Einstellung gegenüber E-PatientInnen. Der Einfluss dieser Variable
manifestiert sich auch darin, dass sich im Sample keine MedizinerInnen mit
weniger als 20 Jahren praktischer Erfahrung innerhalb des Typus des Wert-
schätzenden oder des Beraters und somit den beiden Typen, die das posi-
tivste Bild internetinformierter PatientInnen zeichnen, wiederfindet. Wei-
tere Faktoren, die die jeweilige Einstellung gegenüber E-PatientInnen mit-
prägen dürften, sind die zur Verfügung stehende Behandlungszeit, die all-
gemeine Einschätzung der Qualität von medizinischen Online-Informatio-
nen wie auch die Arbeitsphilosophie der ÄrztInnen (siehe: Typus des Bera-
ters). Ein Zusammenhang zwischen der Einstellungstypologie und der Va-
riable Geschlecht konnte nicht festgestellt werden.
3.3 Ärztlicher Umgang mit E-PatientInnen
Im letzten Abschnitt des Ergebnisteils liegt der Fokus nun auf dem ärztli-
chen Umgang mit E-PatientInnen. Ziel dieser Analyse ist unter anderem auf
die Frage nach einer möglichen neuen Arztrolle einzugehen, die in der exis-
tenten Literatur häufig angesprochen wird. Nehmen die interviewten Medi-
zinerInnen aufgrund internetinformierter PatientInnen neue Aufgaben in-
nerhalb der ärztlichen Tätigkeit wahr?
Bringen PatientInnen ihre Internetrechercheergebnisse in die Arzt-Konsul-
tation ein, sehen sich ÄrztInnen teilweise vor neue Anforderungen gestellt,
die allerdings häufig nur eine Intensivierung bereits bekannter Tätigkeitsfel-
der verlangen. Nachfolgend werden fünf Handlungsstrategien im Umgang
mit E-PatientInnen thematisiert, die aus den Interviews erschlossen werden
konnten. Unter anderem erfordern internetinformierte PatientInnen die
Übernahme folgender Aufgaben seitens der ÄrztInnen:
42
Die Besprechung der mitgebrachten Internetinformationen,
das Leisten von Emotionsarbeit,
Überzeugungsarbeit und
Legitimationsarbeit hinsichtlich der eigenen Tätigkeit als auch
das Aussprechen von Rechercheempfehlungen für PatientInnen.
3.3.1 Mitgebrachte Informationen bzw. Selbstdiagnosen besprechen
Grundsätzlich sind fast ausnahmslos alle MedizinerInnen des interviewten
Samples dazu bereit, die medizinischen Online-Informationen ihrer Patien-
tInnen zu besprechen, wenn diese erwähnt werden. Für viele stellt dies sogar
eine Selbstverständlichkeit dar.
„[...] Also ich gehe schon darauf ein, es ist ja selbstverständlich eigentlich
für mich.“ (IP5, Abs. 9)
Je nach Art und Umfang der recherchierten Informationen nimmt die Be-
sprechung der Internetinformationen unterschiedlichste Formen an. Einer-
seits werden Fehlinformationen oder falsche Selbstdiagnosen des Patienten
korrigiert, andererseits werden richtige Informationen bestätigt und bekräf-
tigt. Zusätzlich werden bei Bedarf offene Fragen der PatientInnen beantwor-
tet oder bestimmte Informationen näher erklärt, um so das mangelhafte oder
oberflächliche Wissen aus dem Internet zu erweitern. Grundsätzlich scheint
hier eine partnerschaftliche Vorgehensweise zwischen ÄrztInnen und Pati-
entInnen in den Vordergrund zu treten.
Hinsichtlich der Bereitschaft medizinische Internetinformationen mit Pati-
entInnen zu besprechen, scheint die jeweilige Einstellung der MedizinerIn-
nen gegenüber dem Phänomen der Online-Gesundheits-Kommunikation ir-
relevant zu sein. Innerhalb aller ermittelten Einstellungstypen sind die Ärz-
tInnen offen gegenüber einer Erörterung der Online-Rechercheergebnisse.
Auch jene InterviewpartnerInnen, die den eher negativ gesinnten Typen zu-
geordnet wurden, sehen die Notwendigkeit, solche Informationen zu bespre-
chen. Tatsächlich findet sich der einzige Arzt unter den 14 Interviewten, der
kein Interesse daran hat, recherchierte Online-Informationen der PatientIn-
nen zu analysieren, im Einstellungstypus des Wertschätzenden wieder.
„Wenn die Leute eine fixe, richtige Diagnose haben, dann ist natürlich die
Selbstinformation, was man tun und lassen soll, natürlich wichtig. Dann
erspare ich mir einiges an Zeit, ja.“ (IP10, Abs. 18)
43
Der besagte Arzt hat also grundsätzlich eine sehr positive Meinung zum
Thema E-PatientIn und nimmt durch die Möglichkeit der Selbstinformie-
rung einen deutlichen positiven Einfluss auf seine Arbeit wahr (Zeiterspar-
nis), allerdings sieht er die Internetrecherchen lediglich als der persönlichen
Selbstinformierung der PatientInnen dienlich. Er weist sich selbst – anders
als die restlichen ÄrztInnen, die im gegebenen Fall die Rolle eines Informa-
tionssortierers und -interpreten einnehmen keine Rolle innerhalb dieses
Informationsprozesses zu. Bei den restlichen interviewten MedizinerInnen
kam es lediglich unter bestimmten Bedingungen zu einer Einschränkung der
Bereitschaft die medizinischen Internetinformationen des Patienten ausführ-
lich zu besprechen. Dies ist dann der Fall, wenn im Rahmen der ärztlichen
Praxis ein gewisser Zeitdruck verspürt wird.
„Natürlich ich meine, wenn draußen dann/ wenn du siehst jetzt warten
schon zehn [Patienten] oder was, dann ist man sicher auch nicht so, dass
du immer auf alles eingehst, aber ich versuche es halt so gut es geht.“ (IP8,
Abs. 67)
3.3.2 Emotionsarbeit leisten
Neben der gemeinsamen Aufarbeitung des online ermittelten Wissens sehen
sich die interviewten ÄrztInnen im Zusammenhang mit E-PatientInnen ei-
ner weiteren Aufgabe gegenübergestellt: Sie leisten Emotionsarbeit auf
mehreren Ebenen. Zum einen bei sich selbst im Sinne des Konzepts von
Arlie Hochschild (1990), zum anderen bei den PatientInnen in dem Versuch
diesen ihre Angst bzw. Verunsicherung aufgrund der Online-Recherche zu
nehmen.
Gefühlsarbeit „verlangt das Zeigen oder Unterdrücken von Gefühlen, damit
die äußere Haltung gewahrt bleibt, die bei anderen die erwünschte Wirkung
hat“ (Hochschild 1990, 30). Elemente einer solchen Gefühlsarbeit finden
sich auch in den Schilderungen der ÄrztInnen bezüglich des Umgangs mit
E-PatientInnen wieder. So gaben viele ProbandInnen an, in Situationen, in
denen gewisse auf Internetrecherchen basierende Überzeugungen der Pati-
entInnen nicht unbedingt als nachvollziehbar erscheinen und es dadurch zu
Meinungsverschiedenheiten kommt, den PatientInnen das Gefühl vermitteln
zu wollen, dass sie ernst genommen werden.
44
„Auf der Sachebene. Das ist für mich immer wichtig. Ich bin jemand, der
glaube ich gut auf der Sachebene bleiben kann und der wirklich ganz be-
wusst Emotionales heraushält und das nicht als Angriff sieht.“ (IP4, Abs.
85)
Unabhängig davon, wie das eigene Innenleben tatsächlich aussieht, sollte E-
PatientInnen nach Ansicht der MedizinerInnen niemals Beleidigung gezeigt
werden. Auch sollte ihnen in keiner Weise das Gefühl vermittelt werden,
dass sie sich lächerlich gemacht haben. Gefühlsarbeit wird hier also geleis-
tet, um sowohl das eigene als auch das Gesicht des Gegenübers zu wahren.
Häufig zielen die interviewten HausärztInnen zudem auf eine Verringerung
des Gefühls der Verunsicherung aufseiten der PatientInnen ab, das häufig
als Folgeerscheinung medizinischer Internetrecherchen auftritt. So leisten
MedizinerInnen oft auch in dem Sinne Emotionsarbeit, als dass sie versu-
chen, die Gefühlswelt ihrer PatientInnen zu beeinflussen. In einem Großteil
der Interviews tritt zutage, dass die jeweilige Person im Rahmen ihrer ärzt-
lichen Tätigkeit versucht, durch Online-Recherchen erzeugte Ängste zu re-
lativieren.
„Ich erkläre die Sachen einmal genau und miste auch aus, was sinnig ist
und was unsinnig ist und versuche die Ängste wirklich zu relativeren. Das
so genau zu besprechen und alle Fragen zu beantworten, dass aufgrund der
Information aus dem Internet keine Angst mehr da ist.“ (IP1, Abs. 8)
Hier scheint aufgrund der E-PatientInnen eine bestimmte Aufgabe aufseiten
der ÄrztInnen wahrgenommen zu werden bzw. ist bezüglich dieses Bereichs
eine Intensivierung der ärztlichen Intervention gefragt15.
3.3.3 Überzeugungsarbeit leisten
Ein Phänomen, das eng mit der oben genannten Tätigkeit des „Angst-Neh-
mens“ zusammenhängt, ist jenes von PatientInnen mit festgefahrenen Mei-
nungen, die nach Erfahrung der interviewten ÄrztInnen häufig aufgrund von
Internetrecherchen entstehen. Treffen MedizinerInnen auf E-PatientInnen

15 Damit ist gemeint, dass MedizinerInnen natürlich auch schon vor dem Auftreten des Me-
diums Internet als medizinische Informationsquelle die Aufgabe übernommen haben, die ge-
sundheitsbezogenen Ängste ihrer PatientInnen zu handhaben. Dadurch, dass das Phänomen
der Online-Gesundheitskommunikation nach Ansicht der meisten ÄrztInnen diese Ängste
jedoch nicht lindert, sondern zusätzlich anfacht, hat auch die ärztliche Aufgabe der Relati-
vierung von Ängsten stark an Umfang zugenommen.
45
mit vorgefertigten Meinungen, wird versucht Überzeugungsarbeit betref-
fend der ärztlichen Diagnose zu leisten. Dies kann – wie die Interviews ver-
mitteln – auf verschiedensten Wegen passieren:
durch medizinische Untersuchungen,
„Naja, ich versuche dann halt, dass ich ihn untersuche und ihm das mit
EKG oder diversen Blutabnahmen oder was, dass ich das dann halt wi-
derlege, was er sich einbildet.“ (IP8, Abs. 9)
durch ausführliche Aufklärung der PatientInnen,
„Den Patienten in seiner verständlichen Weise aufzuklären, was man
glaubt, was es sein kann. Auch das Hinterfragen, ob er das versteht, wo-
rum es geht.“ (IP11, Abs. 70)
durch Hinzuziehung eines zweiten Kollegen
„Beweisen kann ich es ihm nur, wenn ich jetzt noch einen zweiten Kol-
legen zu Rate ziehe oder ihn dorthin schicke, dass der ihm das gleiche
sagt.“ (IP12, Abs. 61)
oder durch den Verweis auf die persönliche, ärztliche Erfahrung.
„Ja das geht schon. Das ist kein Problem. Letztendlich verstehen sie
schon, dass/ ich meine ich bin ja keine 30, nicht? Ich bin alt genug, dass
der mir glaubt, dass ich so viel Erfahrung habe, dass ich es besser weiß,
ne?“ (IP10, Abs. 36-38)
Auch hier zeigt sich eine ärztliche Praxis, die keineswegs als neu erachtet
werden kann, die durch das Aufkommen der Online-Gesundheitskommuni-
kation allerdings vermehrt gefordert ist. Vor allem der letztgenannte Punkt,
der Verweis auf medizinische Erfahrung, deutet darauf hin, dass gewisse
ÄrztInnen versuchen, sich eine Vorrangstellung gegenüber der Selbstdiag-
nostizierung und -behandlung anhand „Dr. Google“ zuzuweisen. Die Über-
zeugungsarbeit kann sich insgesamt also sowohl auf das Widerlegen fal-
scher Selbstdiagnosen von PatientInnen beziehen als auch auf eine Recht-
fertigung der ärztlichen Diagnosen und Therapievorschläge selbst. Patien-
tenseitige Internetrecherchen haben in diesem Zusammenhang dazu geführt,
dass einige MedizinerInnen über diese Überzeugungsarbeit hinausgehend
die Notwendigkeit verspüren, die ärztliche Leistung legitimieren zu müssen.
3.3.4 Legitimationsarbeit leisten
Internetinformierte PatientInnen, die gerüstet mit Selbstdiagnosen beim
Arzt erscheinen und auf dieser Meinung beharren, unterscheiden sich mithin
46
enorm vom früheren Patientenbild. Während der gesellschaftliche Stellen-
wert der ärztlichen Tätigkeit lange Zeit unhinterfragt blieb, finden sich Me-
dizinerInnen heute zunehmend in Situationen, in denen sie die Notwendig-
keit der ärztlichen Leistung rechtfertigen bzw. erklären müssen.
„Ich finde es eher als schwierig und als hinderlich, weil erstens glaubt der
mir weni/ also nicht weniger, aber ich muss das alles erklären, warum das
nicht alles stimmt, was da also nicht stimmt, warum man mit dem alleine
keine Diagnose stellen kann. Sondern, dass man den Menschen anschauen
muss und untersuchen muss und prinzipiell muss ich ihn eigentlich davon
abbringen. Dass wir jetzt doch alles machen und schauen um zu einer Di-
agnose zu kommen. Weil sehr viele versteifen sich dann doch auf das, weil
das ist da gestanden.“ (IP3, Abs. 18)
Nicht nur den PatientInnen gegenüber sondern auch im Interview betonen
einige ÄrztInnen, dass das Internet den Arzt nicht ersetzen kann. Das ärztli-
che Diagnostizieren wird als dem Diagnostizieren anhand des Internets
überlegen geschildert, um den Stellenwert der medizinischen Profession im
Gesundheitssystem hervorzuheben.
„[...] weil ärztliche Heilkunst und Erfahrung kann in Google nicht be-
schrieben sein, ja.“ (IP10, Abs. 36)
Insgesamt scheinen einige der interviewten MedizinerInnen also durchaus
das Gefühl zu verspüren, die besondere Stellung der ärztlichen Leistung in-
nerhalb des medizinischen Systems hervorheben zu müssen, um damit den
Fortbestand der eigenen Tätigkeit in gewisser Weise zu legitimieren.
3.3.5 Rechercheempfehlungen für PatientInnen aussprechen
Nachfolgend soll noch auf ein letztes Element des Umgangs mit E-Patien-
tInnen eingegangen werden, das eine zentrale Forderung innerhalb der Lite-
ratur zur vorliegenden Thematik darstellt: ärztliche Hilfestellungen bei me-
dizinischen Online-Recherchen von PatientInnen.
Grundsätzlich findet sich im vorliegenden Sample keine Person, die ange-
geben hat, ihren PatientInnen gänzlich von Internetrecherchen abzuraten
bzw. ihnen diese zu untersagen. Lediglich eine Ärztin des Samples äußerte,
dass sie ihren PatientInnen zu einer Einschränkung des Ausmaßes der getä-
tigten Internetrecherchen rät.
„Ich sage immer, es ist ok, wenn sie lesen, aber nicht zu viel, nicht alles zu
lesen, nur das Wichtigste. [...] Ich sage das den Leuten wirklich, ja. Also
47
wenn sie gesagt haben, sie haben schon gelesen, ist eigentlich immer meine
Antwort: "Zu viel lesen im Internet ist nicht gut.“ (IP3, Abs. 64-66)
Von anderen MedizinerInnen wird unter Umständen nur bei konkreten Fäl-
len bzw. Erkrankungen von Internetrecherchen abgeraten. Ähnlich der Tat-
sache, dass die interviewten ÄrztInnen den PatientInnen eine Selbstinfor-
mierung anhand des Internets nicht pauschal ausreden, findet sich im
Sample auch niemand, der seinen PatientInnen Internetrecherchen grund-
sätzlich nahelegt. Wie schon beim Abraten werden medizinische Online-
Recherchen den PatientInnen nur in bestimmten Situationen nahegelegt und
immer nur zu einer tiefergehenden Informierung nach erfolgter Diagnose
durch den Arzt. Ob ein Arzt grundsätzlich eine positive oder negative Hal-
tung gegenüber der Online-Gesundheitskommunikation einnimmt, scheint
dabei überraschenderweise keine Rolle zu spielen. So empfiehlt unter Um-
ständen auch ein Mediziner, der die Internetrecherchen seiner PatientInnen
ansonsten sehr skeptisch betrachtet und sich an keinen Fall erinnern kann,
in dem sich eine solche Internetinformierung positiv manifestiert hätte, eine
weitergehende Selbstinformierung anhand des World Wide Webs.
„wenn ich irgendeine Diagnose, eine ausgefallene Diagnose, finde, dann
kann es schon sein, dass ich dem Patienten sage: ‚Schauen Sie noch einmal
im Internet nach, weil da steht sicher viel mehr drinnen, als ich Ihnen sagen
kann.‘ Und äh das kommt schon vor.“ (IP2, Abs. 55)
Hinsichtlich des Aussprechens konkreter Rechercheempfehlungen zeigt
sich, dass die interviewten ÄrztInnen ihre PatientInnen kaum auf Gütesiegel
der Online-Gesundheitsinformation hinweisen oder ihnen bestimmte Inter-
netseiten empfehlen, auf denen sie sich weiterführend informieren können.
Tatsächlich gab nur eine Medizinerin des Samples an, ihren PatientInnen
bei Bedarf konkrete Homepages zu nennen, auf denen sie sich informieren
können. Neben dieser Medizinerin existiert im Sample eine weitere Ärztin,
die zumindest bezüglich einer ganz bestimmten Thematik versucht, ihre Pa-
tientInnen bei der medizinischen Internetnutzung zu unterstützen, indem sie
sie durch den Hinweis auf ein Gütesiegel vor dubiosen Anbietern bewahrt.
Konkret bezieht sie sich dabei auf das Grüne Kreuz bei Internetapotheken.
Der Großteil der interviewten AllgemeinmedizinerInnen äußerte sich aller-
dings in der Weise, dass keine speziellen Seiten für PatientInnen empfohlen
werden können. Häufig ist dies der Fall, da die besagten MedizinerInnen
48
selbst nur auf medizinische Fachseiten zurückgreifen, die sich an die Ärzte-
schaft richten und somit als nicht geeignet für PatientInnen erachtet werden
oder für PatientInnen schlicht nicht zugänglich sind.
„Nein, ich greife eben nicht auf eine bestimmte Bibliothek zurück. Also
wenn du wissenschaftliche Artikel lesen willst, das Lancet, aber das würde
ich keinem Patienten empfehlen.“ (IP14, Abs. 49)
„Naja, die echten Fachseiten, die haben alle eingeschränkten Zugang, man
muss sich registrieren, man muss im Ärzteverzeichnis drin sein. Das funk-
tioniert nicht.“ (IP13, Abs. 33)
Grundsätzlich scheint dem überwiegenden Teil der ÄrztInnen gemein, dass
sie sich bisher nicht bzw. kaum mit dem medizinischen Online-Angebot für
Laien auseinandergesetzt haben. In Anbetracht der Tatsache, dass dies in
den USA von befragten ÄrztInnen schon 2001 stark befürwortet wurde16,
hinkt der Großteil der interviewten Grazer MedizinerInnen hinsichtlich die-
ser Belange wohl ein wenig hinterher. Einige lehnen es sogar konkret ab,
PatientInnen bei medizinischen Recherchen im Web zu unterstützen, da dies
nicht als in den Aufgabenbereich der MedizinerInnen fallend wahrgenom-
men wird.
In Anbetracht aller Ergebnisse zeichnet sich im Sample kein eindeutiger
Einfluss der Einstellung gegenüber E-PatientInnen auf die Ausgestaltung
des Umgangs mit diesen ab. Innerhalb aller angeführten Tätigkeitsfelder fin-
den sich Handlungsstrategien, welche sowohl von InterviewpartnerInnen,
die positiv eingestellten Typen zugeordnet werden können, als auch von sol-
chen, die negativ eingestellten Typen entsprechen, eingesetzt werden. Auch
hinsichtlich des ärztlichen Leistens von Hilfestellungen zur verbesserten
Nutzung von Online-Gesundheitskommunikation durch die PatientInnen
zeigt sich kein Zusammenhang mit der entwickelten Einstellungstypologie.
Viel mehr hat es den Anschein, als würde das Aussprechen von Recherche-
empfehlungen zu einem gewissen Ausmaß mit der zu Beginn entwickelten
Typologie der Internetnutzung von ÄrztInnen zusammenhängen. Wirft man
einen Blick auf die Daten, so zeigt sich, dass sich diejenigen ÄrztInnen, die
teilweise Hilfestellungen leisten oder zumindest empfehlenswerte Seiten

16 62% (N=131) der befragten ÄrztInnen stimmten damals folgender Aussage zu, während
nur 7% diese ablehnten: „Health professionals should search the Internet to learn more about
what their patients are using to find information to answer their questions.“ (Hollander &
Lanier 2001, 398).
49
kennen, alle in den beiden Internetnutzungstypen wiederfinden, die das Web
häufig für medizinische Zwecken nutzen.
4. Fazit und Ausblick
Ziel der vorliegenden Arbeit war es, ein umfassenderes Bild der ärztlichen
Perspektive auf das Phänomen „Dr. Google“ nachzuzeichnen. Dabei wurde
die ärztliche Konsultation des Mediums Internet, die Einstellung gegenüber
E-PatientInnen wie auch der ärztliche Umgang mit den internetinformierten
PatientInnen untersucht. Konkludierend lässt sich festhalten, dass Medizi-
nerInnen in Graz durchaus mit E-PatientInnen konfrontiert sind und dass
einige ÄrztInnen diesem Phänomen durchaus Bedeutung einräumen. Hin-
sichtlich der Bewertung internetinformierter PatientInnen überwiegen im
Sample solche MedizinerInnen, die im Mittelfeld oder im positiven Spekt-
rum anzuordnen sind. Die überwiegend negativ Eingestellten sind im
Sample am schwächsten vertreten.17 Die relativ weitverbreitete Sorge auf-
seiten der PatientInnen, dass ihre ÄrztInnen sich durch den Versuch der
Selbstinformation in ihrer Autorität in Frage gestellt sehen nnten, kann
durch die vorliegenden Interviews nicht bestätigt werden. Hinsichtlich der
Faktoren, die die Ausprägung der Einstellung gegenüber dem Phänomen der
Online-Gesundheitskommunikation von PatientInnen beeinflussen könnten,
hat sich in der vorliegenden Studie gezeigt, dass hier zu einem gewissen
Grad das Ausmaß der persönlichen medizinischen Internetnutzung und -af-
finität eine Rolle spielen dürfte. Im Fokus stand außerdem die Frage, ob sich
bei ÄrztInnen mit einer negativen Einstellung zu den Internetrecherchen ih-
rer PatientInnen diese Haltung auch im Umgang mit dem PatientInnen nie-
derschlägt. Hier hat die Analyse ergeben, dass dies nicht der Fall zu sein
scheint. Insgesamt hat die Einstellung scheinbar nur einen sehr geringen
Einfluss auf den tatsächlichen Umgang mit E-PatientInnen.
Hinsichtlich der Frage, ob aufgrund des Phänomens der Online-Gesund-
heitskommunikation eine neue Arztrolle zutage tritt, vermitteln die geführ-
ten Interviews in jedem Fall, dass das Erklären, Aussortieren und Interpre-
tieren mitgebrachter Internetinformationen zu einem selbstverständlichen

17 An dieser Stelle muss jedoch angemerkt werden, dass die Vermutung naheliegt, dass die
Selbstdarstellung in Interviews nicht zwangsweise mit der Realität übereinstimmen muss.
Des Weiteren ist die Möglichkeit gegeben, dass vor allem der Thematik positiv gegenüber-
stehende ÄrztInnen sich zu Interviews bereit erklärt haben.
50
Teil der Arztrolle geworden ist. Damit entsprechen die vorliegenden Ergeb-
nisse der bisherigen Literatur, in der aufgrund der Möglichkeit der Online-
Gesundheitskommunikation für PatientInnen ein gewisser Tätigkeitswandel
der MedizinerInnen weg von alleiniger Wissensvermittlung hin zu Gesund-
heitsberatung attestiert wird. Konkludierend kann hinsichtlich der oben an-
geführten Fragestellung allerdings gesagt werden, dass ÄrztInnen durch das
Auftreten von E-PatientInnen zwar gewisse Tätigkeitsbereiche intensiviert
haben, insgesamt wäre es betreffend der Ergebnisse des vorliegenden Samp-
les aber wohl übertrieben von einer umfassenden Erneuerung der Arztrolle
zu sprechen. Die vor allem gewünschte neue Rolle des Wegweisers bei pa-
tientenseitigen Internetrecherchen tritt kaum zutage. Zum einen weil dies
nicht als Notwendigkeit wahrgenommen wird, zum anderen weil der Groß-
teil der interviewten MedizinerInnen keine empfehlenswerten Seiten für
Laien kennt. Einerseits nehmen die interviewten AllgemeinmedizinerInnen
im Falle der Konfrontation mit E-PatientInnen zwar die Aufgabe wahr, die
Informationen zu besprechen und auszusortieren, um so der häufig entstan-
denen Verunsicherung aufseiten der PatientInnen entgegenzuwirken, ande-
rerseits sehen sie keine Notwendigkeit solchen Verunsicherungen aufgrund
falscher und zu umfangreicher Informationen durch die Empfehlung quali-
tativ hochwertiger Websites vorzubeugen.
Um der Frage nach der konkreten Ausgestaltung der Begegnung von medi-
zinischen ExpertInnen und E-PatientInnen genauer nachzugehen, wären in
jedem Fall weiterführende Forschungen angebracht. In diesem Zusammen-
hang erscheinen vor allem Beobachtungen von Arzt-Patient-Konsultationen
als sinnvoll. Außerdem wären in Anbetracht des eher kleinen Samples der
vorliegenden Arbeit unbedingt weiterführende quantitative Untersuchungen
nötig, um die in den vorherigen Kapiteln geschilderten Zusammenhänge
verallgemeinern zu können.
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52
Wenn die Meinung der ÄrztInnen nicht zur Diagnose der Patient-
Innen passt
Eine qualitativ-soziologische Analyse über virtuelle Situationsdefinitionen
im Spannungsfeld zwischen Kosmetik und Medizin18
Daniel Ulrich
1. Problemaufriss und Forschungsinteresse
Das Informationsangebot medizinischer Onlineforen von und für PatientIn-
nen wird sowohl im wissenschaftlichen (vgl. Ziebland & Wyke 2012), als
auch im medialen Kontext (vgl. Habich 2013; Grandner 2016) kontrovers
diskutiert vor allem betreffend der Vor- und Nachteile von Online-Ge-
sundheitskommunikation. Kritische Stimmen betonen, dass unüberprüfte
Gesundheitsinformationen – die zweifelsohne in vielen Foren anzutreffen-
den sind häufig zu problematischen Gesundheitsentscheidungen führen,
welche aufgrund verlängerter Krankheitsverläufe tendenziell vermeidbare
Behandlungskosten nach sich ziehen. Ganz zu schweigen davon, dass im
schlimmsten Fall problematische Gesundheitsinformationen gesundheitsbe-
drohliche Auswirkungen haben können.
Online-Gesundheitsforen sind Schauplätze der Wissens- und Erfahrungs-
vermittlung vieler PatientInnen weltweit. Janschitz (2016) zeigt, dass mehr
als ein Viertel der befragten Grazer PatientInnen Onlineforen nutzen um Ge-
sundheitsinformationen zu finden. Ähnliche Zahlen wurden auch in ameri-
kanischen Studien publiziert (vgl. Keckley & Hoffmann 2010; Elkin 2008).
Allein schon aufgrund dieser Nutzungsausmaße kann davon ausgegangen
werden, dass Kommunikation in Online-Gesundheitsforen einen beachtens-
werten Einfluss auf die Gesundheitskompetenz von PatientInnen hat und in
weiterer Folge auf deren Gesundheitsentscheidungen und -handeln. Der vor-
liegende Bericht thematisiert Chancen und Risiken von Gesundheitskom-
munikation in Onlineforen. Zum Zweck des Vergleichs der kontroversiellen
Standpunkte rund um diese Thematik mit einem ausgewählten Aspekt sozi-
aler Realität, wurde als Grundlage dieser Studie ein spezielles Onlineforum
ausgewählt und erforscht. Die Kriterien der konkreten Fallauswahl setzten

18 Dieser Beitrag basiert auf einer gleichnamigen, an der Karl-Franzens-Universität verfass-
ten Masterarbeit.
53
sich hierfür wie folgt zusammen: es sollten Risiken und Potentiale von On-
line-Gesundheitskommunikation – vor allem hinsichtlich Selbstdiagnosen –
beobachtbar sein, das Forum sollte sich auf den deutschsprachigen Raum
beziehen, sowie dermatologische Leiden zum Thema haben. Als Grundlage
für diese Entscheidung galt die Annahme, dass bei Diskussion über Hauter-
krankungen in Onlineforen die Möglichkeit besteht, Fotos der betreffenden
Leiden zur Veranschaulichung zu veröffentlichen, und dass Diskussionsver-
läufe in entsprechenden Foren daher tendenziell auf einem intersubjektiv
nachvollziehbaren Stimulus aufbauen. Dieser Aspekt erschien vor allem
hinsichtlich möglicher Diagnosevorschläge durch Laien bedeutend. Ent-
sprechend diesen Merkmalen wurde schließlich ein Onlineforum r Be-
troffene von Bier Spots ausgewählt.
DermatologInnen beschreiben Bier Spots als ein Phänomen, das durch eine
außergewöhnliche – da selten in Erscheinung tretende –, aber klinisch voll-
kommen harmlose weiße Fleckung der Haut ersichtlich wird (vgl. Mahajan
et al. 2015; Yorulmaz et al. 2015). Dementsprechend sind keine Behand-
lungsmöglichkeiten für dieses Phänomen verbreitet. Hervorgerufen werden
Bier Spots durch Durchblutungsschwankungen in den Blutgefäßen, vor al-
lem an den äußersten Extremitäten des Körpers. „They have been reported
in a variety of diverse conditions with no consistent disease association“
(Dean & Zirwas 2014). Dies bestätigt der Grazer Dermatologe und Venero-
loge Univ.-Prof. Dr. Josef Smolle. Laut ihm sind Bier Spots nicht als Krank-
heit zu betrachten. Vielmehr schreibt er dieses Phänomen dem Spektrum
funktioneller Durchblutungsvarianten zu. Bier Spots stellen somit eine nor-
male Ausprägung der menschlichen Haut dar. Laut Dr. Smolle können Bier
Spots aber sehr wohl als eine kosmetische Störung für Betroffene erachtet
werden – vergleichbar mit Altersflecken oder Cellulite.
Aus Sicht mancher Betroffener von Bier Spots ergibt sich jedoch hinsicht-
lich der medizinischen Relevanz des Phänomens ein anderes Bild. Für Be-
troffene scheint aus dem Auftreten von Bier Spots häufig eine bedrohliche
subjektive Krankheitserfahrung zu resultieren, welche durchaus dem Auf-
gabenbereich medizinischer und dermatologischer Zuständigkeit zuge-
schrieben wird. Da Arztpraxen für Betroffene von Bier Spots – aus genann-
ten Gründen – aber häufig keine Orte sind, an denen Linderung eingeleitet
wird bzw. werden kann, wenden sich viele Betroffene alternativen Ressour-
cen zu. Onlineforen stellen in dieser Hinsicht in der heutigen Zeit adäquate
Möglichkeiten bereit, um subjektive Krankheitserfahrungen zu verarbeiten
54
und Strategien für die Bewältigung allfälliger Handlungshemmnisse wie
sie für PatientInnen beispielsweise bei Nicht-Diagnostizierung durch Ärz-
tInnen entstehen – zu entwickeln.
Diese abweichenden Blickwinkel zwischen MedizinerInnen und Betroffe-
nen grenzen den Problembereich meiner Forschung ein. Der Gegenstand der
Analyse ist somit einerseits im Grenzbereich zwischen Medizin und Kos-
metik, andererseits zwischen Stigmatisierung, Pathologisierung und soge-
nannten „contested illnesses“19 verortet. Wie Betroffene von Bier Spots ihr
bestrittenes Leiden erleben, damit umgehen und wie dabei auftretenden
Problemen begegnet wird, soll in weiterer Folge die grundlegende For-
schungsproblematik darstellen. Durch die Beantwortung folgender Fragen
will ich mich dieser weiter annähern: Wie definieren beteiligte AkteurInnen
das Phänomen Bier Spots und welche beobachtbaren Handlungen resultie-
ren aus geteilten oder abweichenden Situationsdefinitionen? Auf welche
Bewältigungsstrategien greifen Betroffene bezüglich ihrer Beschwerden
und deren Linderung zurück? Welche Rolle spielen ÄrztInnen einerseits im
Diskurs der betroffenen UserInnen und andererseits bei deren konkreten Be-
wältigungsstrategien?
2. Beschreibung des Forschungsfelds
Das zugrundeliegende Datenmaterial stammt zum Großteil aus einem um-
fangreichen Online-Gesundheitsforum der Gesundheitsplattform www.me-
dizin-forum.de20. Zur weiteren Fallkontrastierung wurden zusätzlich zwei
Threads eines österreichischen Forums für Betroffene von Vitiligo21 gesich-
tet und analysiert. Der vorwiegend behandelte Thread zum Thema Bier

19 Als Contested illnesses werden erlebte Krankheiten bezeichnet, die durch ÄrztInnen häu-
fig nicht als explizit medizinisch relevant eingestuft werden, da in der Regel keine schädli-
chen physischen Symptome beobachtbar sind. Bei dieser Kategorie von Krankheiten zeich-
net sich vielfach ein Missverhältnis zwischen medizinscher Expertise und Laienexpertise ab.
Conrad & Barker führen dies darauf zurück, dass im Grunde alle Krankheiten soziale und
kulturelle Konstrukte sind, dass aber einigen keine kulturelle Legitimität zu gesprochen wird
(vgl. Conrad & Barker 2010, 70).
20 http://www.medizin-forum.de/phpbb/viewtopic.php?f=21&t=93800 [zuletzt abgerufen am
02.09.2016]
21 Die Website www.vitiligo.at ist gegenwärtig [02.09.2016] nicht mehr abrufbar. Die rele-
vanten Threads liegen jedoch in gespeicherter Form vor.
55
Spots beinhaltete zum Zeitpunkt des 2. September 2016 insgesamt 133 Bei-
träge von 45 UserInnen. Den Ausgangspunkt der interessierenden Diskus-
sion stellt das initiale Posting vom 29. April 2009 dar, während das aktuell
letzte Posting am 21. Januar 2016 verfasst wurde.
3. Methodik
Die folgenden Ergebnisse wurden im Wesentlichen mit der Methodologie
der Grounded Theory nach Strauss & Corbin (1996) erarbeitet. Das Daten-
material wurde dazu zuerst offen, das heißt Zeile für Zeile und teilweise
Wort für Wort kodiert. Die Produkte dieses umfassenden Analyseprozesses
führten im nächsten Schritt zu Clustern von inhaltlich zusammengehörigen
Codes. Dieser Prozess der Kategorienbildung wurde gemäß den methodolo-
gischen Vorgaben von iterativem Hin- und Herpendeln zwischen induktiv
geleiteter Abstraktion und deduktiver Verifikation an den Daten begleitet.
Mittels diesem Vorgehen wurden sowohl Achsencodes als auch die analyti-
sche Kernkategorie des Datenmaterials verortet. Der für die Entwicklung
einer Grounded Theory essentielle Prozess des theoretischen Samplings ist
in dieser Arbeit aus Zeitgründen jedoch nur in begrenztem Ausmaß zur An-
wendung gekommen. So wurde neben der Analyse des Bier Spots Forum
ein leitfadengestütztes Interview mit dem Grazer Dermatologen Dr. Josef
Smolle im Sinne des theoretischen Samplings geführt, ebenso wie Fallkon-
trastierungen mittels dem erwähnten Vitiligo-Forum angestellt wurden.
4. Empirische Ergebnisse
4.1 Das initiale Posting
Das dominierende Thema des Threads wird bereits im initialen Posting for-
muliert. Darin schreibt der Initiator, dass er seit circa „8 Jahren an mysteri-
ösen weissen Flecken [leidet] die sich mit der Zeit auf Händen, Armen, Bei-
nen“22 und auch auf der Kopfhaut verbreitet haben. Diese Flecken werden
als besonders sichtbar beschrieben, wenn die Arme hängen gelassen werden

22 Etwaige Rechtschreib- und Grammatikfehler in den grau-kursiven Zitaten werden im Fol-
genden originalgetreu gemäß den Beiträgen des Forums übernommen.
56
oder wenn es kalt ist. Wenn die Arme über den Kopf gehoben werden, ver-
schwinden die Symptome auf den Armen kurzzeitig. „Die Flecken jucken
nicht und verursachen keine Schmerzen oder sonstige Symptome. Wenn man
mit der Hand über die Stellen streicht verschwinden sie kurzzeitig weshalb
ein hautpilz auszuschliessen ist“. Seit dem Auftreten dieser Flecken suchte
der User diesbezüglich einige medizinische Einrichtungen wie Allgemein-
medizinerInnen, HautärztInnen, spezielle Hautkliniken und Universitätskli-
niken auf. Die Diagnosen der ÄrztInnen bezüglich der Flecken fielen ein-
deutig und homogen aus. „Alle Ärzte waren sich einig dass es eine harmlose
Sache wäre die keine therapie benötigt. Auf die Ursache angesprochen wa-
ren alle ratlos. Mein Hautarzt konnte mir nur sagen dass sich wahrschein-
lich die Hautblutgefässe verkrampfen“. Neben einer Ursache für die weis-
sen Flecken konnten die behandelnden ÄrztInnen auch keine konkreten Di-
agnosen eruieren. „Die Ärzte konnten keine genaue Diagnose stellen. Bis
auf die Diagnose von meinem Hautarzt (Hautblutgefässe, etc) kam da nicht
viel. Sie sagten nur ‚tut nicht weh, juckt nicht, müssen sie mit Leben etc.‘
also haben sie keine Ahnung. Ich muss dazu sagen dass das nicht irgendwer
war […] Gerade in der Uni-Hautklinik in der ich war arbeiten die besten
Ärzte aus unserer Region“.
Diese erlebte Ratlosigkeit seitens der konsultierten ÄrztInnen führte den U-
ser in Folge ins Internet, wo er bei Recherchen zu seinen Symptomen auf
Berichte über Bier Spots stieß. Die sichtbaren Symptome, die als ratlos ein-
gestuften ÄrztInnen, der Leidensdruck und die übernommenen Informatio-
nen aus dem Internet erklären zusammengenommen die subjektive Situati-
onsdefinition des Users: Er leidet an einer Krankheit, unabhängig davon, ob
seine ÄrztInnen die Flecken ebenfalls als Krankheit einstufen oder nicht.
Diese Krankheit ist für den User eine konkrete Bedrohung, da sie mit der
Zeit einen Verlust an Lebensfreude nach sich zieht und zu sozialer Isolation
führt. Der Widerspruch zwischen den unterschiedlichen Situationsdefinitio-
nen der beteiligten AkteurInnen kann als das treibende Moment für das Er-
öffnen des vorliegenden Threads betrachtet werden. Die konkreten Dimen-
sionen der vorläufig erhofften Problemlösung werden unmissverständlich
beschrieben: Die Forenkommunikation soll Hinweise über mögliche Ursa-
chenzusammenhänge generieren. „Bitte schreibt mir!!! Ich weiss nicht mehr
weiter. Ich war früher ein lebenslustiger Mensch und hab voll am Leben
teilgenommen. mit fortschreiten der Erkrankung hab ich mich immer mehr
57
abgeschottet. Ich bin froh über jede idee und über jeden ratschlag was hin-
ter diesen Flecken stecken könnte“.
4.2 Das chronologisch dokumentierte Diagnostizierungsmodell
Zu Beginn der nachfolgenden Interaktion zwischen den UserInnen zeigt sich
eine einmalige Besonderheit, welche sich als entscheidend für die Richtung
der weiteren Diskussion und speziell für den Prozess der Selbst-Diagnosti-
zierung später hinzustoßender User herausstellt. So reagiert auf das Initial-
posting eine Userin, die anführt, dass „seit einigen Tagen (eventuell sogar
Wochen) diese komischen weißen Punkte“ auch auf ihren Armen und Knien
auftreten. Die Userin zeigt sich unsicher bezüglich der Diagnose und geht
auf den Begriff Bier Spots zu Beginn auch noch nicht explizit ein. Durch die
Aussage, dass die weißen Flecken „auch“ bei ihr auftreten, lässt sich jedoch
darauf schließen, dass sie eine Übereinstimmung mit den Symptomen des
Initiators vermutet. Sie verweist auf eine gewisse Unsicherheit diesbezüg-
lich und verlinkt daher ein Foto ihrer Symptome, mit der Bitte um zweck-
dienliche Hinweise. „Was kann das bloß sein? Hab schon ein bisschen Pa-
nik. Ist das gefährlich? Ich hoffe jemand kann es mir beantworten“. Da die
Symptome ähnlich aussehen und auch ähnlich reagieren wie beim Initiator,
postet dieser daraufhin, dass es sich bei der Dialogpartnerin wohl „auch“ um
Bier Spots handelt. Außerdem gibt er die Einschätzung seiner Ärzte wieder
und bekräftigt: „Gefährlich ist die Sache wohl nicht. Die verschiedenen
Ärzte sagten mir alle es wäre unschön aber harmlos und es gäbe keine Be-
handlungsmöglichkeit. Ich würde dir aber trotzdem raten mal zum Hautarzt
zu gehen“. Nach weiteren detaillierten Beschreibungen und Abgleichung
der jeweiligen Symptome übernimmt die hinzugekommene Userin letztlich
die Diagnose Bier Spots. Dieses Moment nimmt sie auch zum Anlass für
eine erste Arztkonsultation. „Ich habe Gestern Nachmittag mal bei einem
Hautarzt angerufen. Und nachgefragt ob er sich mit diesen so genannten
Bierflecken auskennt. Leider ohne Erfolg“.
Der Prozess hin zur Übernahme der Diagnose ist bei dieser Userin deswegen
von grundlegender Bedeutung, weil er a) zu Beginn der Diskussion stattfin-
det und b) der dialogische Diagnoseprozess in dieser Form einzigartig im
Forum ist. Die Userin ist die einzige Person im Thread, die in dieser Form
explizit um Hilfe bei der (Selbst-)Diagnostizierung bittet und erst nach einer
Beratung durch andere User die Diagnose für sich übernimmt. Ausgehend
58
von diesem Prozess des Beschreibens und Vergleichens und der daraus re-
sultierenden Selbstdiagnose, Situationsbeschreibung und -definition kann
davon gesprochen werden, dass ein Effekt der chronologischen Dokumen-
tation auf den Prozess der Selbstdiagnostizierung im Verlauf des Threads
beobachtbar ist: Angesichts der im Initialposting und im anfänglichen Dia-
log angeführten Sachverhaltsdarstellungen scheint es im nachfolgenden
Diskussionsverlauf keinen zusätzlichen Bedarf an weiteren Symptombe-
schreibungen und -vergleichen bzw. an Diskussionen über andere mögliche
Diagnosen zu geben. Deswegen kann davon ausgegangen werden, dass ein
bedeutender Anteil der aktiven UserInnen im Thread zu einer sinngebenden
Diagnose kommt, indem das vor dem eigenen Beitritt diskutierte Erfah-
rungswissen gelesen, und mit sich selbst verglichen wird. Dies wird durch
die außerordentlich häufig bekundete Aussage von UserInnen bekräftigt,
dass ihre Symptome nun „endlich einen Namen haben“. Ärztliche Informa-
tionen, dermatologische Fachartikel und diverse Internetrecherchen ermög-
lichten es nicht, das Leiden der Betroffenen zu benennen. Erst der Dialog
im Thread bietet den Betroffenen die Grundlage einer Diagnose. Für die
UserInnen erscheint dieser Weg als hinreichend, um eine kontingenzmin-
dernde Diagnose und Situationsdefinition zu erlangen.
Bei vielen anderen Krankheitsbildern, denen in der Medizin – anders als im
vorliegenden Fall Gefährlichkeit im pathologischen Sinn prognostiziert
wird, sollte das hier beobachtbare Phänomen, dass die Online-Gesundheits-
kommunikation die Rolle der diagnostizierenden ÄrztInnen weitgehend er-
setzt, berechtigterweise kritisch betrachtet werden. Bei Bier Spots ist dies
jedoch laut Dr. Josef Smolle als tendenziell positiv zu bewerten. Da im Fo-
rum das medizinisch erschlossene Know How zur Diagnostizierung repro-
duziert und veröffentlicht wird, ein generell hohes Level an Gesundheits-
kompetenz respektive medizinischem Laienwissen vorherrscht und kriti-
schen Fällen von aktiven UserInnen üblicherweise umgehend eine Arztkon-
sultation zur genaueren Überprüfung nahegelegt wird, ist der beobachtbare
Prozess der Selbstdiagnostizierung als relativ unproblematisch einzustufen.
Zudem können die Symptome der Bier Spots relativ leicht verglichen, ein-
gestuft und von ähnlich erscheinenden Hautkrankheiten23 wie beispiels-
weise Vitiligo oder Livedo Racemosa unterschieden werden.

23 Für einen genaueren Einblick zu Differentialdiagnosen und deren Abgrenzungen zu Bier
Spots siehe Parsi 2008.
59
4.3 Kollektive Konzeptualisierung der Krankheit: Der Leidensdruck
Nachdem von den Betroffenen durchgehend beschrieben wird, dass ihr Lei-
den nicht physischer Natur ist – die Flecken jucken nicht und bereiten auch
keinen anderwärtigen Schmerz stellt sich als Ausgangspunkt für weitere
Analysen zunächst die Frage, was genau den Leidensdruck der Betroffenen
ausmacht und wie sie ihre Krankheit erleben. Wie das folgende Zitat eines
Users zeigt, wird die vermittelte ärztliche Situationsdefinition jedenfalls als
unzureichend erlebt. „Meine Ärzte können mir nicht helfen und sagen, dass
diese Flecken harmlos seien. Doch ich ‚spüre‘, dass sich hinter diesen weis-
sen Flecken doch etwas versteckt, was nicht gut ist“.
Attestierte Harmlosigkeit scheint das subjektive Leiden und die damit ver-
bundene Ungewissheit nicht entkräften zu können, denn das Leiden der Be-
troffenen ist weniger physischer als viel mehr psychischer Natur: Das dar-
gestellte Problem wird durch die visuelle Natur der weißen Flecken begrün-
det, welche gefühlte Andersartigkeit bei den Betroffenen auslöst und psy-
chisches Leiden nach sich zieht so der Tenor im Forum. Ausgelöst wird
diese Form von empfundener Stigmatisierung durch soziale Reaktionen wie
„angestarrt werden“ oder „darauf angesprochen werden“. Einflüsse und
Strategien, die die Ausprägung des individuellen Leidensdrucks beeinflus-
sen können, sind in Abbildung 1 schematisch dargestellt. Verbreitete Schön-
heitsideale und Körpernormen stellen den Kontext dar, aus dem heraus ein
empfundener „Zwang zur Makellosigkeit“ kumuliert, dem die Betroffenen
gerecht werden wollen. Erfolgreiche interaktionale Strategien, die ein Ge-
fühl des „Normal-Seins“ bzw. ein „Vergessen“ der weißen Flecken erlau-
ben, werden oft in Zusammenhang mit der Möglichkeit beschrieben, die
„Makel“ zu „verstecken“ (z.B. im Winter). Dieses Gefühl kann jedoch in
der Regel nur lokal und temporär begrenzt hervorgerufen werden. In den
meisten Fällen beschreiben die Betroffenen hingegen, dass die empfundene
Stigmatisierung in Alltagssituationen zu Selbstzweifeln, Reduktion von
Selbstvertrauen und Lebensfreude bzw. auch zu sozialem Rückzug führt.
Ein reflektierender Diskurs über internalisierte Körpernormen, über Akzep-
tanz der Bier Spots und damit über die Möglichkeit, im Kollektiv das Selbst-
wertgefühl der Individuen zu stärken, ist im Bier Spots Forum – im Gegen-
satz zum eingangs erwähnten Vitiligo-Forum – nicht zu beobachten. Für die
Betroffenen von Bier Spots ist die psychische Verarbeitung der Symptome
nicht handlungsrelevant.
60
Abbildung 1: Verortung der Kategorie "Psychischer Leidensdruck" im paradigmatischen Modell der Grounded Theory.
61
Zusammengefasst kann somit der eigentliche Kern der erlebten Krankheit
durch eine soziale und psychische Konzeptualisierung um die Folgeerschei-
nungen von Bier Spots beschrieben werden und weniger um deren sichtbare
Symptome. Diese Krankheitsdefinition vereint das Kollektiv im Forum. Der
damit verbundene Leidensdruck kann gemeinsam mit der von ÄrztInnen
nicht geklärten Diagnose und Ursache betreffend der sichtbaren Symptome
als die eigentliche uneindeutige Situation der Gruppe beschrieben werden.
Die generalisierte Situationsdefinition des Betroffenenkollektivs gründet
somit auf der Überzeugung, dass den Bier Spots – als körperliche Ursache
eine stigmatisierende soziale Wirkung zugeschrieben wird und dass die
daraus resultierenden psychischen Folgeerscheinungen nicht ernstgenom-
men und nicht behandelt werden. Eine Userin unterstreicht dies wie folgt:
„Ich habe auch schon einige Ärzte erlebt, die gesagt haben ich muss mich
damit abfinden und für die die Sache damit abgeschlossen war nur weil sie
nicht weiter wissen. Aber ehrlich gesagt versaut mir die ganze Sache mein
Leben auf das ich mich mal so gefreut habe“. Der Situationsdefinition der
Betroffenen steht die ärztliche Einschätzung diametral entgegen, denn die
im Thread angeführten ÄrztInnen erkennen die psychischen Auswirkungen
von Bier Spots nicht als physischen Behandlungsgrund an. „Mein Arzt so-
wie die aller anderen auch, sagte ebenfalls, dass es harmlose Durchblu-
tungsstörungen sind, die keine Behandlung bedürfen. Darüber sind sich
glaube alle Ärzte ausnahmsweise mal einig:/ Psychische Belastung ist na-
türlich kein Handlungsgrund....:(“. Die verallgemeinerte Differenz zwi-
schen den beteiligten AkteurInnen wird somit klar ersichtlich: ÄrztInnen be-
handeln Bier Spots nicht als physische Krankheit, da sie in isolierter Form
nachweislich kein pathologisches Gefahrenpotential tragen. Der Faktor der
Harmlosigkeit wird von den Betroffenen zwar weitgehend in deren kollek-
tives Deutungsschema integriert, aber aufgrund der Ungewissheit, die aus
Arztgesprächen hervorgeht, und dem psychischen Leidensdruck der im
Arzt-Patienten-Gespräch in Extremfällen abgewertet, aber in der Regel
nicht thematisiert wird – erscheint die Harmlosigkeit der Flecken als zweit-
rangig. Die UserInnen kämpfen vor allem mit den psychischen Symptomen,
wollen diese allerdings um jeden Preis mittels biophysikalischer und nicht
mittels psychologischer Behandlung bekämpfen. Dies sind tragende Ele-
mente der im Forum ausgebildeten Krankheitsidentität. Um diese geltend –
d.h. behandlungswürdig – machen zu können, strebt das Kollektiv im Forum
nach Elementen, welche die soziale Konstruktion von Bier Spots als ursäch-
lich behandelbare Krankheit ermöglichen.
62
4.4 Beschreibung der analytischen Kernkategorie: Ursachen verhandeln
Die analysierten Zusammenhänge der Forumsdiskussion handeln im Kern
davon, wie im Kollektiv die physisch harmlosen, aber psychisch belasten-
den Folgeerscheinungen von Bier Spots gehandhabt und welche Lösungs-
ansätze für das beschriebene Problem entworfen und verfolgt werden. Die
Betroffenen erachten dabei das Ergründen einer biologischen Ursache das
heißt einer, den Bier Spots zugrundeliegenden, physischen Anomalie – als
einzig (be)greifbare und sinnvolle Chance hinsichtlich einer umfassenden
Problemlösung. Das Kollektiv erwartet dabei allerdings keine maßgebliche
Unterstützung durch die medizinische Profession, aktive PatientInnenlob-
bys oder Forschungseinrichtungen.
In diesem Kontext mangelnder Unterstützung nimmt das Kollektiv auf-
grund des ursächlichen psychischen Leidensdrucks – die Aufgabe der Ursa-
chensuche als seine eigene an und geht ihr im Forum selbstorgansiert nach.
Dazu wird erlangtes Wissen aus Arztgesprächen oder Internetrecherchen
hinsichtlich seiner Relevanz als mögliche Ursachentheorie diskutiert. Das
Streben des Kollektivs nach Ursachen, Theorien, Behandlung und letztlich
Problemlösung ist aufgrund nur begrenzt zugänglicher medizinisch-profes-
sioneller Ressourcen methodisch am Vorgehen nach kollektiven Verhan-
deln von Bedeutungen und Legitimität ausgerichtet. Das zentrale Phänomen
des Forums und damit die analytische Kernkategorie dieser Arbeit kann da-
her als „Ursachen verhandeln“ betitelt und beschrieben werden (wie in Ab-
bildung 2 ersichtlich). Damit beschreibt diese Kernkategorie im Angelpunkt
zwei handlungsrelevante Dimensionen:
(1) Das empfundene Erfordernis zu selbstorganisierten Problemlösun-
gen im Kollektiv und
(2) das Streben nach der sozialen Konstruktion von Bier Spots als
Krankheit.
63
Abbildung 2: Kernkategorie "Ursachen verhandeln" im paradigmatischen Modell.
64
Ursachen verhandeln steht im Mittelpunkt beinahe aller Interaktionen des
Forums. Der Begriff „verhandeln“ ist dabei deshalb die geeignete Wahl, da
mittels der Methode kollektiven Verhandelns und Abwägens zunächst Lö-
sungen im Kollektiv für das Kollektiv gesucht werden. Dabei wird darüber
verhandelt welches Erfahrungswissen, welche Laienexpertise, welche On-
line-Informationen und welches Expertenwissen zur Verallgemeinerung
und Verdichtung des als relevant eingestuften Ursachenspektrums herange-
zogen werden soll. Im Kollektiv verhandeln zudem souveräne Verhand-
lungspartnerInnen durch das Einbringen, Entwickeln und Abwägen von
möglichen Ursachen und Theorien. Diese leiten in weiterer Folge Selbstthe-
rapien an, die wiederum vom Kollektiv hinsichtlich Zweckmäßigkeit ver-
handelt werden. Die Vision normal zu sein, sprich normal auszusehen, ist
für diese Anstrengungen die stärkste Antriebskraft. ÄrztInnen können dabei
prinzipiell behilflich sein, doch um diese Hilfe im gewünschten Ausmaß zu
erhalten, sind aufgrund der divergierenden Situationsdefinitionen auch Ver-
handlungen mit ÄrztInnen erforderlich.
Im Gespräch mit solchen ÄrztInnen, die die soziale Konstruktion von Bier
Spots als Krankheit nicht prinzipiell ablehnen, wollen die Betroffenen als
souveräne VerhandlungspartnerInnen wahrgenommen werden. Bei zuge-
standenen, aber geschwächten Verhandlungspositionen im Kontext ärztli-
cher Deutungshoheit ist eine Strategie, um die Konstruktion der Krankheit
direkt in der Arztpraxis verhandeln zu können Ärzte auf die Nerven gehen“.
Dies bedeutet, dass die Betroffenen aufgrund der Komplexität und der Le-
gitimationsschwierigkeiten ihres Leidens annehmen, dass sie durch die The-
matisierung Zeit und Kraft der behandelnden ÄrztInnen rauben. Durch Ärzte
auf die Nerven gehen fordern Betroffene ihre Verhandlungsposition zum
Zweck der Krankheitskonstruktion und -etablierung in der Arztpraxis ein.
In diesem Fall dienen zuvor im Forum verhandelte Ursachen als Konstruk-
tionselemente in der Arztpraxis. Betroffene betonen dabei ihren souveränen
Standpunkt in einer Verhandlung über Ursachen und Behandlung, die aus
Betroffenensicht unbedingt geführt werden muss.
In Fällen, in denen das Arzt-Patienten-Verhältnis von gegenseitigem Ver-
ständnis geprägt ist oder gar von einem patientenzentrierten Ansatz, bewirkt
die Konstruktion als Krankheit betreffend der Behandlungsoptionen tenden-
zielle Kooperation seitens der ÄrztInnen wenn auch in begrenztem Rah-
men. Im Gespräch mit ÄrztInnen, die das Krankheitskonstrukt hingegen
65
grundsätzlich ablehnen, wissen die Betroffenen um ihre schwache Verhand-
lungsposition beziehungsweise um die generelle Ablehnung als Verhand-
lungspartnerIn. Da jedoch einige diskutierte Theorien über mögliche Ursa-
chen – wie beispielsweise über anormale Leberwerte – nicht ohne ärztliches
Zutun, medizinisches Know How und technische Infrastruktur („Bestäti-
gungsfunktion des Arztes“) überprüft werden können, kommen in diesen
Fällen seitens der Betroffenen Strategien wie beispielsweise Arzt als Mittel
zum Zweck“ zum Einsatz, um Theorien trotz der technischen Hürden in Ei-
genregie weiterverfolgen zu können. Hier dienen verhandelte Ursachen und
Theorien als Türöffner zu gewünschten Untersuchungen. Dabei werden als
Gründe für die betreffende Arztkonsultation in der Regel medizinische Vor-
wände angeführt. Durch Angabe von mit der entwickelten Theorie zusam-
menhängenden Beschwerden/Vorwänden werden ärztliche Untersuchungen
eingefordert, deren Befunde wiederum gewünschte Ergebnisse (z.B. Ent-
zündungswerte) liefern, die für die weiterführende Verhandlung der Ursa-
chentheorie im Kollektiv erforderlich sind.
Neben dem Verhandeln umfassender Ursachenmöglichkeiten werden aber
auch Selbsttherapien, sowohl im Forum als auch in den Praxen mitfühlender
ÄrztInnen, besprochen. Bemerkenswert ist hier, dass sich der Großteil der
besprochenen Selbsttherapien im Bereich von Nikotinentwöhnung und an-
deren Formen der Reduktion ungesunder Gewohnheiten abspielt. Selbstthe-
rapeutische Maßnahmen mittels Pharmazeutika oder Vergleichbarem spie-
len im Kollektiv keine große Rolle, da nach der Darstellung von entspre-
chendem Erfahrungswissen konsensuell übernommen wird, dass medika-
mentöse Therapien nicht zielführend sind. Zusätzlich versucht das Kollektiv
in geringem Ausmaß auch mittels ad hoc Bewältigungsstrategien – in Form
von emotionaler Unterstützung und Beratschlagung – akute Belastungsepi-
soden bei einzelnen UserInnen zu entschärfen. Im untersuchten Forum spielt
emotionale Unterstützung aber nur eine untergeordnete Rolle. Das Forum
dient in erster Linie dem Aushandeln von Ursachen. Erst durch das Verhan-
deln verschafft sich das Kollektiv eine Position in der Erfahrungswissen,
Laienexpertise und wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse in glaubwürdi-
ger Form verbunden werden können, um in weiterer Folge gegenüber Ärz-
tInnen souverän auftreten oder forenintern kollektiv abgesicherte Aussagen
treffen zu können.
66
Konkludierend bedeutet dies auf konzeptueller Ebene, dass die selbstorga-
nisierte Verhandlung biologischer Ursachen als vermeintlich notwendiger
Ansatzpunkt zur Problemlösung für das Kollektiv drei notwendige Funkti-
onen hat: Die Ursachenverhandlung und -findung ist
(1) Türöffner zu medizinischen Untersuchungen,
(2) Konstruktionselement der zu etablierenden Krankheit und
(3) Grundlage der ad hoc Selbsthilfe und Selbsttherapierung.
Laut der Forschung über „contested emergent illnesses“ (Conrad & Barker
2010), „medically unexplained symptoms“ (Nettleton 2006) oder auch „ill-
nesses you have to fight to get“ (Dumit 2006) ist der angedeutete Modus der
Wissensgenerierung durch Laien ein häufig zu beobachtender Prozess bei
drängenden körperlichen und/oder psychischen Beschwerden, denen die
Forschung und das medizinisch-institutionelle System nicht die von den Be-
troffenen geforderte Aufmerksamkeit schenken. Betroffene von „medically
unexplained symptomes“ werden oft damit konfrontiert, dass ihre Symp-
tome eingebildet sind. Aber auch andere Labels dieser Forschungsrichtung
haben am vorliegenden Fall Erklärungskraft. Allen ist dabei das Moment
des Kämpfens oder der Anstrengung gemein. Bier Spots werden von medi-
zinischen Professionen zwar nicht der Kategorie „Krankheit“ und daher
auch nicht der Kategorie „seltene Krankheit“ zugeordnet, aber aus subjekti-
ver Sicht der laut dem Kollektiv allgemein selten anzutreffenden Betroffe-
nen gleichen die Folgeerscheinungen einem Leiden, einer Krankheit deren
zugrundeliegende Ursachen als biologisch begründet erkämpft werden müs-
sen. Ebenso soll die medizinische Legitimität der damit verbundenen Krank-
heitsidentität erkämpft werden.
Für den beobachteten Fall zusammengefasst, können Bier Spots somit als
ein Phänomen beschrieben werden, das für die Betroffenen den Status „ill-
ness you have to fight to get“ oder „contested illness“ einnimmt. Betroffene
sind in diesem Kampf mit einer Vielzahl von sozialen und praktischen Er-
schwernissen konfrontiert. Neben den Anstrengungen bei der Generierung
von Hintergrundwissen über das Leiden muss mit ÄrztInnen verhandelt
werden, um diese von der Relevanz des Leidens zu überzeugen. Zum Teil
müssen ÄrztInnen auch überlistet werden, um kollektive Problemlösungs-
versuche und Theorien weiter festigen zu können. Diese sich verdichtenden
Ursachentheorien werden dann wiederum als Verhandlungsgrundlage bei
zuvor unkooperativen ÄrztInnen eingebracht. Nebenher haben Betroffene
67
unter Umständen auch große Mühen den eigentlichen Leidensdruck zu ver-
arbeiten. Sie streben daher nach umfassenden Lösungen, das heißt nach de-
finitiven Diagnosen, Ursachen und biologischen Zusammenhängen, um zei-
gen zu können, dass ihr Leiden nicht erfunden ist. Dieser Faktor spielt im
vorliegenden Fall zusätzlich eine bedeutende Rolle, da das eigentliche Lei-
den per Definition nicht klinisch messbar ist. Die unter Stigmamerkmalen
Leidenden sehen im beobachteten Forum nur die Chance selbstorganisiert
nach biologischen Ursachen für das Stigmasymbol zu suchen, dem im Ge-
sundheitssystem keine Legitimität zugestanden wird24.
5. Fazit & Ausblick
Die zentralen empirischen Forschungsergebnisse sollen an dieser Stelle an-
hand der Beantwortung der unter Punkt zwei aufgeworfenen Forschungsfra-
gen zusammengefasst werden. So zeigte sich, dass aus der stark divergie-
renden Situationsdefinition von Betroffenen und ÄrztInnen die beobachte-
ten Handlungen des Kollektivs im Online-Forum hinsichtlich Ursachenfin-
dung hervorgehen: kollektive Ursachenforschung, Theorieentwicklung,
Einforderung ärztlicher Leistungen zum Zweck der Theorieüberprüfung,
Selbsttherapie, Konfrontation von ÄrztInnen mit Ursachentheorien, „Doctor
Shopping“25 und soziale Konstruktionsversuche der Krankheit in Arztpra-
xen. Davon ausgehend sind auch die Funktionen des Onlineforums für Be-
troffene ersichtlich. So erfüllt das Forum in erster Linie den Zweck eine
Lerngemeinschaft bzw. eine Laienforschungsgemeinschaft auszubilden.
Deren konstitutives Merkmal ist die Einigkeit darüber, dass professionelle
Hilfe für das proklamierte Streben nach einer biomedizinischen Ursache
nicht in gewünschter Form zu erwarten ist und dass daher vermeintliches
Wissen selbstorganisiert zusammengetragen werden muss. An diesem, ge-
sammelten und verhandelten, Wissen sollen dann – so die Vorstellung des
Kollektivs weitere Untersuchungen und Therapien ansetzen können. In

24 Die Frage, wie sich Problemlösungs- und Bewältigungsstrategien bei vergleichbaren
Selbsthilfegruppen in Offlinesettings ausgestalten, muss an dieser Stelle, aufgrund Zeitman-
gels, leider unbeantwortet bleiben. Hinsichtlich weiterführender Einschätzung der beobach-
teten Phänomene, soll damit jedoch auf potentielle Folgeforschungen verwiesen werden.
25 Dieses Phänomen beschreibt das Verhalten von PatientInnen, trotz wiederholter und ein-
deutiger Befunde deren Glaubhaftigkeit in Frage zu stellen und deshalb häufige Arztwechsel
vorzunehmen, um irgendwann einen Arzt oder eine Ärztin anzutreffen, welche/r gemäß den
konkreten Vorstellungen der PatientInnen verfährt.
68
geringen Ausmaßen sind auch emotionale Unterstützungsversuche und psy-
chische Bewältigungsstrategien zu beobachten. Die Generierung von Wis-
sen, Laienforschung und Abhilfe in Eigenregie stehen jedoch im Vorder-
grund. Darauf gründen auch weitestgehend die Bewältigungsstrategien der
Betroffenen. Konkrete Leidensbewältigung wird in erster Linie durch
(Selbst)Therapien angestrebt, die auf angesammeltem Wissen und Entste-
hungstheorien beziehungsweise darauf aufzubauenden Untersuchungen
gründen. Für die Betroffenen gilt dabei, dass Therapierung vorzugweise
nach erfolgreicher Krankheitskonstruktion – in das Spektrum ärztlicher
Leistungen aufgenommen werden sollte, denn prinzipiell werden von Ärz-
tInnen verordnete Therapien Selbsttherapien vorgezogen. Aufgrund der Le-
gitimationsschwierigkeiten, die sich bei der Krankheitskonstruktion in Arzt-
praxen ergeben, erscheint diese Aussicht jedoch praktisch als schwer reali-
sierbar. Die Rolle von ÄrztInnen im Diskurs kann anhand dreier Perspekti-
ven beschrieben werden. So trägt der oft berichtete Eindruck der Unwissen-
heit von behandelnden ÄrztInnen über Bier Spots erstens indirekt dazu bei,
dass das Kollektiv seine Bemühungen hinsichtlich selbstorganisierter Ursa-
chenforschung und Theorieentwicklung überhaupt erst in Angriff nimmt.
Zweitens wird ÄrztInnen bei diesem Unterfangen in manchen Situationen
die Rolle eines bestätigenden Mittels zum Zweck zugeschrieben. Dies er-
folgt dann, wenn ÄrztInnen unkooperativ sind, deren Ressourcen jedoch
trotzdem zur Überprüfung von Theorieelementen als nötig erscheinen. Drit-
tens stellen ÄrztInnen aber gleichzeitig diejenigen Personen dar, deren Auf-
merksamkeit und Kooperation angestrebt wird. So soll mittels der Konstruk-
tion von Bier Spots als Krankheit der Forschergeist von ÄrztInnen angeregt
werden, der die ätiologische Ergründung der Symptome in den ärztlichen
Aufgabenbereich übernehmen zu vermag.
Zur Bedeutung dieser Arbeit soll schließlich erwähnt werden, dass es gewiss
medizinsoziologische Forschungsfelder gibt, die bezüglich der Auswirkun-
gen von Online-Gesundheitskommunikation drängender erscheinen als das
hier behandelte. Die Relevanz der vorliegenden Arbeit liegt aber dennoch
nahe. Aufgrund des zunehmenden Stellenwerts von PatientInnenmündigkeit
bei gleichzeitig stetem Bedeutungszuwachs von Onlinevernetzung ist davon
auszugehen, dass in Zukunft vergleichbare Phänomene wie das hier darge-
stellte zunehmend in Arztpraxen thematisiert werden. Aus diesem Grund
wäre es einerseits naheliegend ÄrztInnen hinsichtlich potentiell problemati-
69
scher Laienforschung zu sensibilisieren. Andererseits könnte weiterfüh-
rende Forschung über nahestehende kosmetische, psychologische und/oder
medizinische Beschwerden dazu beitragen, die Reichweite medizinischer
Laienforschung im Internet sowohl hinsichtlich des thematischen Um-
fangs, als auch hinsichtlich der Relevanz ihrer Ergebnisse abzustecken,
um möglichen Handlungsbedarf seitens der klinischen Forschung aufzuzei-
gen.
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71
„Dr. Internet – Krankheiten bestimmen mit dem Internet“
Quantitative Ergebnisse aus dem Grazer Onlinekurs auf www.imoox.at
Claudia Zimmermann
1. Einleitung – Was ist ein MOOC?
Die Abkürzung MOOC steht für „Massive Open Online Course“, eine spe-
zielle Form des Online Learning. Diese bereits im Namen angeführten At-
tribute verraten viel über die klassischen Charakteristika dieser Lernform
(vgl. Bates, 2014): Das „massive“ bezieht sich auf die Anzahl der Teilneh-
merInnen, da das Kursdesign in den meisten Fällen auf eine hohe Skalier-
barkeit abzielt – das bedeutet, dass der Kurs nicht für eine begrenzte Anzahl
von bspw. 100 Personen angeboten wird, sondern ohne allzu großen zusätz-
lichen Aufwand auch von mehr als 1000 Personen absolviert werden kann.
Die Bezeichnung „open“ verweist auf das Fehlen diverser Zugangsbe-
schränkungen, die bei anderen Ausbildungswegen üblich sind; MOOCs sind
in der Regel kostenlos, verlangen keine bestimmten Bildungsabschlüsse als
Teilnahmevoraussetzung und erlauben in manchen Fällen auch die Weiter-
verwendung des dargebotenen Materials. Die einzige Grundbedingung zur
Nutzung von MOOCs ist der Zugang zu einem adäquaten technischen Gerät
und einer Internetverbindung, da die meisten Kursinhalte nur „online“ nutz-
bar sind (auch wenn bei vielen Materialien Downloadmöglichkeiten beste-
hen). Wie die Bezeichnung „course“ impliziert, werden nicht einfach nur
Materialien zum Selbststudium zur Verfügung gestellt, sondern es gibt eine
vorgegebene Kursstruktur, die nach didaktischen und organisatorischen Kri-
terien entworfen wird. Abhängig von Thema und Zielgruppe kann dieses
Kursdesign mehr oder weniger rigide sein, relativ üblich ist eine mehrwö-
chige Kursdauer (6-12 Wochen) und die Aufbereitung der Inhalte in wö-
chentlichen Modulen (vgl. Ebner, Scerbakov & Kopp 2015).
Die ersten derartigen Onlinekurse entstanden in den frühen 2000er Jahren
im englischsprachigen Raum, seit 2008 findet der Begriff „MOOC“ allge-
meine Verwendung (vgl. Bates 2014). In den letzten Jahren entstanden meh-
rere hochwertige MOOC-Plattformen, wie etwa die amerikanischen Orga-
nisationen Coursera (for-profit) und edX (non-profit). Deren beeindru-
ckende TeilnehmerInnenzahlen führten zu vielen enthusiastischen Äußerun-
gen über die sich abzeichnenden Möglichkeiten von MOOCs, wie etwa hier
72
in der New York Times: „nothing has more potential to enable us to reima-
gine higher education than the massive open online course, or MOOC, plat-
forms that are being developed“ (Friedland, 2013).
Theoretisch wären MOOCs ein geeignetes Instrument zur Bereitstellung
von Bildungsressourcen für die allgemeine Bevölkerung, welche kostenlos
und frei von zeitlichen und räumlichen Gebundenheiten genutzt werden
können. Tatsächlich aber zeigen diverse Forschungsergebnisse aus den letz-
ten Jahren, dass dieser angestrebte Demokratisierungsprozess im Bildungs-
bereich nicht auf erhoffte Weise stattfindet (vgl. Dillahunt, Wang & Teasley
2014; Hansen & Reich 2015). Vielmehr ist der Großteil der NutzerInnen
von MOOCs bereits überdurchschnittlich gut gebildet (vgl. Cannell, Macin-
tyre & Hewitt 2015), und manche Prognosen attestieren MOOCs eine eher
ambivalente Rolle, die neben mehr Bildung für alle auch zu einer Vertiefung
der Kluft zwischen Menschen auf hohem und niedrigem Bildungsniveau
führt: “the technological divide may be narrower but it is deeper – those not
connected or not using these new technologies are being left behind at an
alarming rate.” (Conole 2012, 131). Ein anderes Problem, welches im Zu-
sammenhang mit MOOCs häufig diskutiert wird, sind die niedrigen Ab-
schlussraten der Kurse (vgl. Colman 2013; Fidalgo-Blanco et al. 2014). In
der Regel melden sich viele TeilnehmerInnen an, aber nur ein Teil davon
steigt tatsächlich in den Kurs ein (etwa 50-70%), und diese NutzerInnen
werden im Laufe eines mehrwöchigen Kurses immer weniger. Die typischen
Abschlussraten liegen meist im Bereich unter 10% (vgl. Jasnani 2013, 6).
MOOCs sind mittlerweile zu einem dynamischen globalen Phänomen ge-
worden, welches von ständiger Weiterentwicklung geprägt ist. Die erste und
aktuell einzige MOOC-Plattform Österreichs, www.imoox.at, wird seit
2013 von der Karl-Franzens-Universität und der Technischen Universität
Graz betrieben (vgl. Neuböck, Kopp & Ebner 2015). Hier werden kosten-
lose Onlinekurse zu verschiedenen Themen angeboten, deren Inhalte als O-
pen Educational Resources (OER) unter Creative-Commons-Lizenzen ver-
fügbar sind (vgl. Ebner et al. 2015). Das bedeutet, dass diese Materialien
weiterverwendet, kopiert und in einigen Fällen auch bearbeitet werden dür-
fen (solange dies nicht zu kommerziellen Zwecken geschieht). Üblicher-
weise werden zu bestimmten Terminen betreute Kurse abgehalten, die den
Vorteil einer größeren Teilnehmergemeinschaft samt Austauschmöglichkei-
ten bieten, aber auch nach deren Ende stehen die Inhalte weiterhin zum
Selbststudium zur Verfügung.
73
Unterstützt vom Land Steiermark bietet diese Plattform eine gute Ausgangs-
basis zur Verfolgung von zwei zentralen Zielen des „Dr. Internet“ For-
schungsprojekts: auf der einen Seite steht das Anliegen der Bewusstseins-
bildung für Risiken und Potenziale medizinischer Onlinerecherchen, auf der
anderen Seite die Untersuchung entsprechender Einstellungen und Prakti-
ken in der internetaffinen Bevölkerung.
2. Methodik
Um interessierten Personen eine gezielte Auseinandersetzung mit dem Phä-
nomen der medizinischen Informationssuche im Internet zu ermöglichen
und dabei gleichzeitig verwertbares Datenmaterial über ihre diesbezügli-
chen Erfahrungen und Aktivitäten zu sammeln, wurde der sechswöchige
MOOC „Dr. Internet“ konzipiert. Bei der ersten Durchführung des Kurses
(27.10.-06.12.2015) waren 368 Personen registriert, davon stiegen 206 tat-
sächlich in den Kurs ein. Für den zweiten Durchlauf (02.05.-12.06.2016)
waren 106 Interessierte angemeldet, von denen sich anschließend 72 aktiv
am Kurs beteiligten. Beim ersten Einstieg in den Kurs wurden mtliche
NutzerInnen über die Einbindung dieses MOOCs in ein umfassendes wis-
senschaftliches Forschungsprojekt informiert (vgl. Zimmermann, Kopp &
Ebner 2016) und im Zuge dessen gebeten, einen Kurzfragebogen auszufül-
len, der neben soziodemografischen Merkmalen auch Einstellungen und Er-
fahrungen hinsichtlich medizinischer Onlinerecherchen erhob. Einige dieser
Fragen wurden aus dem von Statistik Austria im Jahr 2014 durchgeführten
Austrian Health Interview Survey (ATHIS) übernommen, um Vergleichs-
möglichkeiten mit der allgemeinen österreichischen Bevölkerung zu schaf-
fen (vgl. Statistik Austria 2015). Nachdem die ProbandInnen den Fragebo-
gen absolviert hatten, wurde ihnen der eigentliche Kursinhalt zur Nutzung
freigegeben.
Im Rahmen des Onlinekurses waren die TeilnehmerInnen dann dazu einge-
laden, sechs medizinische Fallbeispiele mit Hilfe des Internets zu diagnos-
tizieren. Diese wurden von dem Grazer Allgemeinmediziner Dr. Kurt Usar
konstruiert und in Form von kurzen Videos szenisch aufbereitet, in denen
diverse Symptome von SchauspielerInnen dargestellt oder beschrieben wer-
den. Entsprechend dem Kursplan (siehe Tabelle 1) wurden jede Woche neue
Videos veröffentlicht, wobei sich manche Fälle auch über zwei Wochen er-
streckten. Für jeden Fall gab es zudem ein in der darauffolgenden Woche
74
erscheinendes Erklärungsvideo, in dem Dr. Usar über das Für und Wider
möglicher Diagnosen spricht.
Fallstudien Erklärungsvideos
Woche 1
Woche 2
Woche 3
Woche 4
Woche 5
Woche 6
Fallstudie mit einem Video
Fallstudie mit zwei Videos
Der Ablauf für die TeilnehmerInnen gestaltete sich wie folgt: nachdem sie
sich das Fallbeispielvideo angesehen hatten, wurden Sie aufgefordert im In-
ternet zu den dargestellten Symptomen des/der PatientIn zu recherchieren.
Ein speziell entwickeltes Quizformat diente der Abfrage ihrer Diagnoseprä-
ferenzen: anstatt mit Multiple Choice Fragen zur Unterscheidung von „rich-
tigen“ und „falschen“ Diagnosen hinzuführen, wurden die TeilnehmerInnen
gebeten, die Wahrscheinlichkeit von acht vorgegebenen Differentialdiagno-
sen auf einer vierstufigen Skala von „sehr wahrscheinlich“ hin zu „nicht
wahrscheinlich“ zu bewerten. Da mit diesem System folglich auch keine
richtige Lösung im klassischen Sinn angeboten werden konnte, hatten die
TeilnehmerInnen nach Eingabe ihrer Antworten andere Möglichkeiten, ihre
Ergebnisse zu überprüfen. So konnten sie mithilfe einer einfachen grafi-
schen Darstellung (siehe Abbildung 1) ihre eigene Auswahl mit den Durch-
schnittswerten aller anderen KursteilnehmerInnen vergleichen, welche lau-
fend aktualisiert wurden.
Tabelle 1: Videoablauf für den „Dr. Internet“ MOOC.
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Abbildung 1: Resultatanzeige für die ersten vier Diagnosemöglichkeiten eines Fallbeispiels.
Eigene Auswahl Durchschnitt ÄrztInnen Durchschnitt TeilnehmerIn-
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Zudem hatten sie die Gelegenheit, die eigenen Diagnosepräferenzen mit den
Angaben von ÄrztInnen abzugleichen: vor Durchführung des Onlinekurses
wurden die bereits fertig produzierten Fallvideos für eine Befragung von
insgesamt 37 ÄrztInnen mit unterschiedlichen Spezialisierungen verwendet,
die ebenfalls ihre Wahrscheinlichkeitseinschätzungen abgaben. Da es der
hohe Zeitaufwand notwendig machte, die sechs Videos für die Befragung in
zwei Gruppen zu unterteilen, hat eine Hälfte der Fallbeispiele eine Bewer-
tung von 24 ExpertInnen erhalten, während es bei der anderen Hälfte nur 13
waren.
Der Onlinekurs verfügte außerdem über ein moderiertes Forum, welches
von den TeilnehmerInnen zum persönlichen Austausch sowie der Diskus-
sion von Fallbeispielen und anderen Erfahrungen rund um das Thema „Dr.
Internet“ genutzt werden konnte. Bei medizinischen Fragen zu den Fallstu-
dien konnte zudem der verantwortliche Mediziner Dr. Usar über einen spe-
ziellen Thread im Forum erreicht werden.
3. Ergebnisse
Am Beginn steht eine Besprechung der deskriptiven Ergebnisse aus dem
Kurzfragebogen, im zweiten Abschnitt folgt die Analyse der im Laufe des
Onlinekurses durchzuführenden Diagnosenbewertungen. Abschließend er-
folgt eine gesonderte Betrachtung jener TeilnehmerInnen, welche nach Ab-
solvierung sämtlicher Quizzes ein „Dr. Internet“-Abschlusszertifikat erwor-
ben haben.
3.1 Erkenntnisse aus dem Kurzfragebogen
Die hier folgenden Auswertungen beziehen sich auf sämtliche ausgefüllten
Fragebögen, die im Zuge der beiden MOOC Durchläufe generiert wurden.
Da sieben Personen sowohl bei der ersten (N=206) als auch bei der zweiten
(N=72) Abhaltung des Kurses teilgenommen haben, liegt die maximale Ge-
samtanzahl der auswertungstauglichen Fragebögen bei 271. Die Alters-
spanne innerhalb dieses Samples reichte von 15 bis 75 Jahre, das Durch-
schnittsalter lag bei rund 38 Jahren. Eine deutliche Mehrheit der Kursnutze-
rInnen war weiblich (63%). Am häufigsten wurde der Familienstand als „le-
dig“ angegeben (59%), gefolgt von „verheiratet“ (31%), „geschieden“ (8%)
und „verwitwet“ (2%). Trotz der Ausrichtung des Onlinekurses auf das Ziel-
publikum der allgemeinen Bevölkerung zeigt sich hinsichtlich der höchsten
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abgeschlossenen Ausbildung ein Bild, wie es auch von anderen MOOCs im-
mer wieder berichtet wird (vgl. Dillahunt, Wang & Teasley 2014): rund die
Hälfte (51%) der ProbandInnen verfügt über einen Hochschulabschluss, und
weitere 37% haben maturiert. Somit stellen die Höhergebildeten mit 88%
den Großteil der KursteilnehmerInnen, wohingegen diese laut Statistik Aus-
tria (2016) in der 25-64-jährigen österreichischen Bevölkerung nur 31%
ausmachen (16% mit Hochschulabschluss, 15% mit Matura). Von den nied-
riggebildeten MOOC-TeilnehmerInnen haben 6% einen Lehrabschluss (25-
64-jährige ÖsterreicherInnen: 35%), 4% einen Mittel- und 2% einen Pflicht-
schulabschluss (25-64-jährige ÖsterreicherInnen: 15% bzw. 19%). Trotz
des ständig steigenden Bildungsniveaus in Österreich (vgl. Statistik Austria
2016, 90) zeigt sich also, dass die hochgebildeten TeilnehmerInnen an dem
Dr. Internet Onlinekurs sehr deutlich überrepräsentiert sind.
Innerhalb dieser Stichprobe halten sich 58% für einen ziemlich oder äußerst
gesundheitsbewussten Menschen; ein relativ hoch anmutender Prozentsatz,
der durch die Anziehungskraft des gesundheitsrelevanten Kursthemas zu er-
klären sein dürfte. In Bezug auf den Gesundheitszustand der Befragten
zeichnet sich ein positives Bild ab, welches den Resultaten aus der reprä-
sentativen Befragung im Zuge des Austrian Health Interview Surveys (A-
THIS) nur wenig nachsteht. Von den KursteilnehmerInnen gaben 71% an,
zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit ihrer Gesundheit zu sein, der ver-
gleichbare ATHIS-Anteil betrug 80%. Eine Mehrheit der MOOC-NutzerIn-
nen ist nicht auf medizinische Behandlung angewiesen, um das tägliche Le-
ben zu meistern, 28% erhalten hier ein wenig Unterstützung (hier liegt der
ATHIS-Anteil bei nur 17%), bei 7% ist mittelmäßige Hilfe nötig und für
10% besteht ziemlich oder äußerst starke Angewiesenheit (ATHIS: iden-
tisch). Auch bei der Inanspruchnahme von ambulanten medizinischen Kon-
sultationen weisen die Befragten ähnliche Raten auf wie die österreichische
Gesamtbevölkerung: 77% suchten in den vergangenen zwölf Monaten
eine/n AllgemeinmedizinerIn auf (ATHIS: 76%). Nicht viel niedriger ist der
Anteil jener, die einen Facharzt oder eine Fachärztin konsultierten (71%),
während dies auf nur 63% der ATHIS-Befragten zutraf (vgl. Statistik Aus-
tria 2015).26
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26 Da nicht alle im „Dr. Internet“- Projekt verwendeten ATHIS-Variablen im vorliegenden
Bericht (vgl. Statistik Austria 2015) besprochen wurden, wurde von Statistik Austria freund-
licherweise der originale ATHIS-Datensatz zu Analysezwecken zur Verfügung gestellt.
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In Bezug auf Onlinerecherchen zu medizinischen Themen zeigte sich, dass
60% der ProbandInnen die diesbezüglich im Internet auffindbaren Informa-
tionen „manchmal“ für vertrauenswürdig halten. 27% sehen diese Vertrau-
enswürdigkeit häufig oder immer gegeben, nur 13% glauben, dass dies sel-
ten oder nie der Fall ist. Auf die konkrete Frage, ob sie schon einmal über
eigene Krankheitssymptome oder die nahestehender Personen im Internet
nachgeforscht hätten, antworteten beeindruckende 94% der TeilnehmerIn-
nen mit „ja“. Dieser Gruppe (N=256) wurden anschließend noch weitere,
detailliertere Fragen zu dieser Thematik gestellt: Die im Internet aufgefun-
denen Informationen befanden 43% für ziemlich oder äußerst nützlich, 36%
für mittelmäßig, und 21% für wenig oder gar nicht nützlich. Nur 39% der
Befragten gaben an, die Ergebnisse ihrer Recherche(n) bei einem Arztbe-
such erwähnt zu haben. Fast ein Drittel der Recherchierenden (30%) hat auf-
grund der im Internet gewonnenen Informationen bereits einmal oder mehr-
mals auf einen Arztbesuch verzichtet. Gleichzeitig wird allerdings auch eine
gewisse Risikobewusstheit gezeigt, da 54% es durchaus für möglich halten,
dass sie eine schlimme Krankheit womöglich erst spät als eine solche erken-
nen könnten, wenn sie sich auf das Internet als Informationsquelle verlassen.
Tatsächlich wird den Ärztinnen und Ärzten mehrheitlich immer noch grö-
ßeres Vertrauen entgegengebracht, da die Aussage „Ich vertraue einem Arzt
mehr als dem Internet“ von 69% mit Zustimmung bedacht wurde, von 24%
zumindest teilweise, und nur von 7% der ProbandInnen Ablehnung erntete.
3.2 Diagnosequiz – KursteilnehmerInnen im Vergleich mit ÄrztInnen
Auch für die Interpretation der Quizresultate wurden die Daten aus beiden
MOOC-Durchgängen zusammengefasst. Vor der näheren Betrachtung der
Ergebnisse ist es jedoch notwendig, auf die unterschiedliche Anzahl von
auswertbaren Quizzes pro Fallstudie hinzuweisen. Wie in Abbildung 2 er-
sichtlich nahm das Ausmaß der absolvierten Quizzes im Laufe des Online-
kurses stetig ab; während für die erste Fallstudie noch 171 Personen das
Quiz ausfüllten, waren es beim letzten Fallbeispiel nur noch 48. Diese Ak-
tivitätsabnahme stellt ein typisches, als problematisch wahrgenommenes
Muster im Verlauf von MOOCs dar, über das häufig berichtet wird (vgl.
Khalil & Ebner 2014). Für die Ergebnisanalyse außerdem zu berücksichti-
gen ist die bereits erwähnte geringe Größe der Vergleichsgruppe, die je nach
Fallstudie aus entweder zwölf oder 24 ÄrztInnen besteht.
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Über fast alle sechs Fallstudien hinweg zeigt sich ein konstantes Bild von
relativ hoher Übereinstimmung zwischen KursteilnehmerInnen und ÄrztIn-
nen bei der Einschätzung der Wahrscheinlichkeit der diversen Differential-
diagnosen. Exemplarisch sollen hier die Fälle 1 und 2 betrachtet werden.
Für Fallstudie 1 wurde ein eher einfach zu diagnostizierender Krankheitsfall
gewählt, um die NutzerInnen mit dem Kursprinzip vertraut zu machen und
ihnen einen guten Einstieg zu ermöglichen. Patient Lothar ist 43 Jahre alt,
hat sich beim Holzhacken verausgabt und klagt am nächsten Tag über
Schwindel und starke, ins Bein ziehende Rückenschmerzen. Neben Infor-
mationen über andere Beschwerden Lothars erfährt man auch etwas über
seine Krankengeschichte, und dank der szenischen Darstellung im Video ist
gut sichtbar, mit welchen Bewegungseinschränkungen der Patient (nicht)
konfrontiert ist. Wie im Liniendiagramm in Abbildung 3 ersichtlich ist, sind
sich ÄrztInnen und KursteilnehmerInnen in ihrer bevorzugten Diagnose (Is-
chiasschmerzen) einig. Die Linien beider Gruppen verlaufen auch sonst re-
lativ ähnlich, wobei anzumerken ist, dass die MedizinerInnen in der Regel
ein etwas extremeres Antwortverhalten zeigen (das heißt eine häufigere
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Fall 1 Fall 2 Fall 3 Fall 4 Fall 5 Fall 6
Quizteilnahmezahlen
MOOC-TeilnehmerInnen ÄrztInnen
Abbildung 2: Absolvierte Quizzes nach Fallstudien (in absoluten Zahlen).
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Nutzung der Abstufungen „sehr“ oder „nicht wahrscheinlich“) als die medi-
zinischen Laien, die sich eher in den Mittelkategorien („eher“ oder „wenig
wahrscheinlich“) bewegen.
Dies könnte dahingehend interpretiert werden, dass den Einschätzungen der
ÄrztInnen ein größeres Sicherheitsgefühl zugrunde liegt, basierend auf ihrer
medizinischen Ausbildung und Erfahrung. Da wie bereits erwähnt das In-
ternet als medizinische Informationsquelle vom Großteil der Kursteilneh-
merInnen nur „manchmal“ als vertrauenswürdig angesehen wird, ist eine
gewisse Unsicherheit in der Diagnosenbeurteilung durchaus nachvollzieh-
bar, da online recherchierte Informationen die Grundlage der Quizentschei-
dungen bilden.
Fallstudie 2 war eine schwierigere und weniger eindeutig konzipierte Pati-
entengeschichte, welche die KursnutzerInnen vor eine größere Herausfor-
derung stellen sollte. Horst, 64 Jahre alt, leidet unter Bauchschmerzen, Erb-
rechen und Fieber. Wieder erfährt man aus den Dialogen wesentliche De-
tails zu seinen Symptomen, erhält Einblicke in seine Krankengeschichte und
Hinweise auf Infektionskrankheiten bei Personen in seiner näheren Umge-
bung.
Abbildung 3: Diagnoseeinschätzungen von MOOC-TeilnehmerInnen und
ÄrztInnen (Durchschnittswerte) für Fall 1.
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Wie Abbildung 4 zeigt, hatten bei diesem schwerer zu diagnostizierenden
Fall weder ÄrztInnen noch KursteilnehmerInnen eine klare Präferenz für
eine der acht Differentialdiagnosen. Trotzdem folgen die Linien wieder ei-
nem sehr ähnlichen Verlauf, und bei beiden Gruppen sind es die gleichen
drei Alternativen, welche als am wahrscheinlichsten eingestuft werden (Di-
vertikulitis, Appendizitis und Pankreatitis), wenn auch in unterschiedlich
starker Ausprägung. Wie schon bei Fallstudie 1 ist wieder ein extremerer
Verlauf der Linie der MedizinerInnen zu erkennen, während jene der Laien
etwas gemäßigtere Ausprägungen hat; dieses Muster bleibt über alle sechs
Fälle hinweg mehr oder weniger konstant.
Der verhältnismäßig hohe Grad an Übereinstimmung zwischen den Quiz-
antworten der beiden untersuchten Gruppen zeigt sich auch bei Betrachtung
der entsprechenden Korrelationsmaße. Für alle bis auf eine Fallstudie erge-
ben sich Rangkorrelationskoeffizienten (nach Spearman) größer 0.6, teil-
weise sogar größer 0.9 (siehe Tabelle 2). Diese Kennwerte dürfen nicht un-
bedingt als Indikator für das Ausmaß der Abweichungen zwischen den bei-
den Gruppen gesehen werden – eine perfekte lineare Abhängigkeit ist auch
bei großen Abweichungen in den Beurteilungen denkbar. Entsprechend der
Abbildung 4: Diagnoseeinschätzungen von MOOC-TeilnehmerInnen und
ÄrztInnen (Durchschnittswerte) für Fall 2.