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Politische Einstellungen bei Studierenden im Bereich Sozialwesen (Soziale Arbeit, Sozialarbeit, Sozialpädagogik) in: neue praxis - Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 2/2017, S. 155-172

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in: neue praxis - Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 2/2017, S. 155-172
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1
Politische Einstellungen bei Studierenden im Bereich
Sozialwesen (Soziale Arbeit, Sozialarbeit, Sozialpäda-
gogik)
Günter Roth & Aysel Yollu-Tok1
Erschienen in: neue praxis Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpäda-
gogik und Sozialpolitik 2/2017 S. 155-172 (Manuskriptversion)
München, 26. November 2016
1 Unter Mitarbeit von Marlene Haupt, Sandra Hofmann, Sascha Weber und Franziska Mathäus. Wir
danken ihnen und zwei anonymen Gutachtern für konstruktive Kritik. Nicht zuletzt danken wir den
teilnehmenden Studentinnen und Studenten für die Teilnahme und Rückmeldungen zur Befragung.
1
1. Einführung
Soziale Arbeit2 hat nach dem Selbstverständnis und der Definition der International
Federation of Social Workers eine eminent politische Zielsetzung, indem die soziale
Entwicklung, der Zusammenhalt und die Befähigung, ja Befreiung der Menschen ge-
fördert werden sollen:
“Social work is a practice-based profession and an academic discipline that promotes
social change and development, social cohesion, and the empowerment and libera-
tion of people. Principles of social justice, human rights, collective responsibility and
respect for diversities are central to social work. Underpinned by theories of social
work, social sciences, humanities and indigenous knowledge, social work engages
people and structures to address life challenges and enhance wellbeing.“ (Interna-
tional Federation of Social Workers; http://ifsw.org/) (vgl. National Association of So-
cial Workers, Council on Social Work Education, Mizrahi/Dodd 2013).
Dieser hohe Anspruch einer an sozialer Gerechtigkeit orientierten Disziplin steht der-
zeit vor großen Herausforderungen angesichts der zunehmenden sozialen Ungleich-
heit und der damit einhergehenden wachsenden politischen Enthaltung und Verdros-
senheit: So wählten bei der Bundestagswahl 2009 nur noch die Hälfte derjenigen, die
sich zur Unterschicht zählen, bei jenen der Oberschicht waren es 94% (Schäfer 2012).
Nach einer Studie in sog. ‚sozial benachteiligten Vierteln in Duisburg, Frankfurt und
Halle tritt politische Enttäuschung und Wahlenthaltung vor allem bei den Gruppen auf,
die sich benachteiligt, wirtschaftlich schlecht gestellt und sozial ausgeschlossen fühlen,
zudem bei hedonistisch-materialistischen Wertorientierungen und wenn Pflichtbe-
wusstsein und Interesse für Politik nicht oder kaum vorhanden sind oder die eigene
politische Kompetenz als gering eingeschätzt wird (Kock 2014: 221). Dazu kommt,
dass bei Jugendlichen das Interesse und die Motivation für Politik stark mit dem kultu-
rellen Kapital der Eltern einhergeht und bestehende soziale Unterschiede im Schulun-
terricht weiter bestätigt und verstärkt werden (Weißeno/Eck 2013: 81, 83). Auch in an-
deren Ländern zeigt sich, dass vor allem Menschen mit geringer formaler Bildung und
prekärer ökonomischer Lage immer häufiger der Politik fern bleiben und sich verdros-
sen zeigen sowie zur extremen Rechten tendieren (Alber/Kohler 2007; Roth/Wüst
2007; Gallego 2009; Bohne 2010; Westle et al. 2013; Weßels 2015).
2 Soziale Arbeit, Sozialarbeit, Sozialpädagogik werden hier synonym verstanden, ungeachtet aller
Diskussionen im Einzelnen um Abgrenzungen.
2
Die hier nur angerissenen Aspekte sozialer Ungleichheit stellen für die politische Bil-
dung im Allgemeinen, insbesondere aber die Sozialarbeit eine große, bisher kaum aus-
reichend wahrgenommene, Herausforderung dar angesichts des eingangs formulierten
Anspruchs (ausführlich: Roth 2016). Dieser Herausforderung sollte bereits die Ausbil-
dung der angehenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter gerecht werden, wobei
jedoch bei Studierenden sozialpolitische Inhalte oft auf Unsicherheit, mangelndes Vor-
wissen und zum Teil auch Interesse stoßen.
Dem formulierten Anspruch steht aber auch die Praxis der Sozialen Arbeit entgegen,
wenn z.B. die politische Bildung zwar eine rechtlich kodifizierte Aufgabe der Jugendar-
beit ist 11 Abs. 3 Nr. 1 SGB VIII), aber randständig bleibt und klar nachrangig ge-
genüber Familie, Schule und den mit individuellen Rechtsansprüchen verbundenen
Aufgaben der Jugendhilfe, wie der Kinderbetreuung.3 Jugendarbeit wird oft auf Frei-
zeitangebote (Lahner 2011: 173 ) und die bloße Förderung des Gemeinschaftserle-
bens reduziert, politische Befähigung und Bildung kommen hier nur am Rande vor
(Sturzenhecker 2013). Insgesamt wird Sozialarbeit in Deutschland vorrangig als indivi-
duelle, konkret praktische Hilfe im Einzelfall verstanden und dem entspricht, dass
schon bei der Studien- und Berufswahl von Studierenden ein im Kern eher „karitatives
Bild“ der Sozialarbeit dominiert, das, nicht nur für die Professionalisierung eine große
Herausforderung darstellt (Thole/Sauerwein 2013: 420; vgl. Ramm et al. 2014), son-
dern eben auch für die Ausbildung sozialpolitischer Kompetenzen. Die in Deutschland
besonders starke individuelle Hilfs- und ‚Mikro-Orientierungist allerdings auch interna-
tional verbreitet (v.a. in Großbritannien und den USA) und ist stark vom jeweiligen
Lehrprogramm abhängig (Weiss 2006; Mizrahi/Dodd 2013).
Umso wichtiger scheint es uns deshalb, das sozialpolitische Wissen und Lernen der
Studierenden Sozialer Arbeit näher zu untersuchen und analytisch zu begleiten, wozu
unseres Wissens bisher kaum wissenschaftliche Studien vorliegen. Vor diesem Hinter-
grund stellt sich die im Folgenden näher untersuchte Frage nach den politischen Ein-
stellungen und Haltungen bei Studierenden Sozialer Arbeit und darauf aufbauend
inwiefern diese im Verlauf des Studiums positiv beeinflusst werden. Dazu wurde an der
Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München im Oktober
3 Vom gesamten Sozialbudget mit 888,2 Mrd. (2015) entfielen nur 8% auf Sozial- und Jugendhilfe
zusammen und von 37,8 Mrd. für Jugendhilfe insgesamt (2014) blieben nur 1,7 Mrd. für Jugend-
arbeit, für Jugendsozialarbeit 479 Mio. . Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung,
www.bmas.de, Statistisches Bundesamt, www.destatis.de. Auch arbeiteten von ca. 639 Tsd. Be-
schäftigten der Jugendhilfe nur ca. 20 Tsd. in der Jugendarbeit (Vollzeit, 2011; Kommentierte Daten
der Jugendhilfe 1/12, http://www.akjstat.tu-dortmund.de/).
3
2015 eine schriftliche Befragung von Studentinnen und Studenten des 3. Semesters
Bachelor Soziale Arbeit durchgeführt, die im weiteren Verlauf des Studiums in ähnli-
cher Art und Weise wiederholt werden soll, um mögliche Entwicklungen weiter zu be-
obachten. Im Folgenden werden dazu erste deskriptive Analysen vorgestellt. Ergän-
zend und vergleichend dazu werden Daten aus dem gesamtdeutschen Studierenden-
survey (2012/13) (vgl. Ramm et al. 2014) sowie einer Befragung an der Katholischen
Hochschule Berlin (Gries et al. 2015) herangezogen. Im nächsten Abschnitt werden die
leitenden Fragestellungen und die Datengrundlagen erläutert, bevor Ergebnisse vorge-
stellt und diskutiert sowie am Ende in einem Fazit zusammengefasst werden.
2. Fragestellung, Methoden und Daten
Im Oktober 2015 wurde an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der
Hochschule München zu Beginn des Seminars „Einführung in die Sozialpolitik“ eine
standardisierte, anonyme schriftliche Eingangsbefragung von Studierenden des 3.
Semesters Bachelor Soziale Arbeit durchgeführt, die im weiteren Verlauf des Studiums
wiederholt werden soll, um möglichst wachsende politische Interessen und Kompeten-
zen abzubilden. Gefragt wurde zunächst nach politischen Einstellungen, dem Interesse
an Politik, der Selbsteinschätzung politischer Kompetenzen und dem politischem Ver-
halten sowie das Vertrauen in politische Institutionen. Diese Befragung beruht auf ver-
schiedenen Items, die so oder ähnlich bereits in anderen Studien wie z.B. im European
Social Survey verwendet wurden, weshalb an dieser Stelle auf eine theoriegeleitete
Herleitung der einzelnen Begrifflichkeiten wie beispielsweise politisches Bewusstsein,
Wissen, politisches Verhalten, politische Einstellungen, politische Kompetenz verzich-
tet wird.
Nach Meinefeld (1977) werden zwar durch Befragungen Bewertungen, Wahrnehmun-
gen und Einstellungen der Befragten sichtbar, die handlungsleitend sind, d.h. dadurch
können auch Rückschlüsse auf das tatsächliche Verhalten getroffen werden. Dennoch
wurden kontrollierende Fragen nach dem politischen Verhalten und verschiedenen
Aktivitäten gestellt, z.B. sich über Politik informieren, der Teilnahme an Wahlen oder an
Demonstrationen, bis hin zur Mitarbeit in Organisationen und Parteien. Dadurch soll
der Grad der Intensität politischer Beteiligung von weniger aufwändigen bis intensive-
ren abgebildet werden, sowie die Nähe oder Distanz zu politischen Institutionen oder
dem ‚politischen Betrieb’.
4
Im zweiten Teil interessierten Einstellungen zu sozialpolitischen Fragen und Kontro-
versen, die fachpolitisch für die Sozialarbeit relevant sind, z.B. der Verteilung von Ein-
kommen, Armut und Reichtum oder dem ‚richtigen Maß’ sozialstaatlicher Interventio-
nen und ihrer Wirkungen auf gesellschaftliche oder ökonomische Bedingungen. Dazu
gehören z.B. auch aktuell stark diskutierte Einstellungen zur Zuwanderung und ihren
Folgen. Im dritten Teil folgte ein Wissenstest zur Sozialpolitik, womit der ‚Ausgangs-
stand’ des im 3. Semesters vor der Durchführung des Seminars ‚Einführung in die So-
zialpolitik’ vorhandenen Wissens ermittelt werden sollte. So wurden zuerst Fragen zu
Umfang und Struktur des Sozialbudgets und Sozialausgaben gestellt, danach folgten
grundlegende Fragen zu einzelnen Regelungen im Bereich der Grundsicherung, Ar-
beitsmarkt-, Gesundheits-, Renten- und Familienpolitik sowie zum demographischen
Wandel.
Weitere relevante Faktoren für politisches Interesse sind neben dem Alter vor allem die
soziale Herkunft und die Bildung der Eltern, weil sich das ‚kulturelle Kapital’ der Eltern
(gemessen an deren Bildung) meist fördernd auf das politische Interesse in jungen
Jahren auswirkt.4 In der Münchner Befragung wurden lediglich das Alter und der Bil-
dungsstand der Eltern als sozio-demografische Variablen erfragt, weil angesichts des
geringen Männeranteils in den Seminaren auf eine Erhebung des Geschlechts zur
Wahrung der Anonymität verzichtet wurde.
Der standardisierte Fragebogen mit 120 Items wurde bei 5 von 7 Lehrveranstaltungen
direkt in der ersten Sitzung ausgefüllt und eingesammelt. In 2 von 7 Lehrveranstaltun-
gen wurden die Fragebogen ausgeteilt und eine Woche später wieder eingesammelt.
Erreicht wurden 115 von 279 formal angemeldeten Studentinnen und Studenten, womit
die Teilnahmequote bei ca. 41% lag (vorausgesetzt alle der angemeldeten Studieren-
den tten die Seminare auch besucht; eine gesonderte Erhebung der Zahl realer
Teilnehmer wurde nicht vorgenommen, so dass die Ausschöpfungsquote mit einer ge-
wissen Unsicherheit behaftet ist).
Die Ergebnisse der Befragung werden mit den Ergebnissen aus zwei anderen Befra-
gungen verglichen: Zum einen dem den an der Universität Konstanz durchgeführten
Studierendensurvey (Ramm et al. 2014: 63), wofür die Daten von 2012/13 zur Auswer-
tung zur Verfügung gestellt wurden. Im Wintersemester 2012/2013 hat die 12. Erhe-
4 Studien zeigen ferner, dass sich der Migrationshintergrund oder fehlende Sprachkompetenzen nega-
tiv auswirken; dagegen zeigt sich die Variable Geschlecht bei heutigen Jugendlichen zunehmend als
inkonsistent, bei traditionell meist größerem politischen Interesse männlicher Vertreter (Isac et al.
2014; Weißeno 2012; Oberle 2012; Goll et al. 2010; Benton et al. 2008)
5
bung an 14 Universitäten und 11 Fachhochschulen stattgefunden, mit einer Grundge-
samtheit von 4884 Teilnehmerinnen und Teilnehmer5 und einer Rücklaufquote von
17,2% an Fachhochschulen (Ramm et al. 2014: 53). Weiter wurde an der Katholischen
Hochschule Berlin 2014 eine Befragung zum politischen Interesse durchgeführt, wobei
nähere Hinweise zur Datengewinnung und Stichprobenziehung fehlen, weshalb bei
dieser Studie der Vergleichbarkeit Grenzen gesetzt sind (Gries et al. 2015: 288).
Zudem gibt es Unterschiede bei der Zusammensetzung der Stichproben nach wichti-
gen sozialen Merkmalen. So enthält die Stichprobe der Hochschule München primär
Studierende aus dem 3. Semester (zum Teil können aber auch Studierende das Modul
vorgezogen oder in späteren Semestern nach- oder wiederholt haben), während bei
den Vergleichsstudien alle Semester vertreten sind. Dabei dürfte mit der zunehmenden
Semesterzahl und dem damit positiv korrelierenden Alter das politische Interesse stei-
gen.6 Andererseits zeigt sich, dass die Altersverteilung der verschiedenen Stichproben
keine großen Unterschiede aufweist, weshalb daraus resultierende Einschränkungen
der Vergleichbarkeit der nachfolgenden Studienergebnisse relativiert werden können.
Tabelle 1: Alter der befragten Studentinnen und Studenten Sozialer Arbeit
(Anteile an Altersstufen in %)
21
22-25
26-29
30
N
Studierendensurvey
31,0
14,8
216
Katholische Hochschule
41,8
24,6
146
Hochschule München
37,4
17,4
115
Quelle: Berechnung lt. Studierendensurvey 2012/13 (Fächer Sozialwesen, was Sozialarbeit und Sozialpä-
dagogik beinhaltet); Katholische Hochschule für Sozialwesen 2014 vgl. Gries et al. 2015; Befragung
Hochschule München (Soziale Arbeit, 3. Semester) 2015.
Hinsichtlich der Bildung der Eltern (ein in der Regel stark fördernder Faktor des politi-
schen Interesses bei Jugendlichen)7 haben in der Münchner Stichprobe 29,6%, im
Studierendensurvey 34,5% der Befragten im Bereich Sozialwesen (was Sozialarbeit
und Sozialpädagogik beinhaltet) mindestens einen der beiden Elternteile mit einem
5 Die zu befragenden Studierenden werden nach dem Zufallsverfahren von den beteiligten Hochschu-
len ausgewählt. Aus datenschutzrechtlichen Gründen sind der Arbeitsgruppe Hochschulforschung
weder Name noch Adresse der ausgewählten Studierenden bekannt.
6 Jüngere und später geborene Kohorten zeigen sich in der Regel weniger politisch interessiert, häufi-
ger inaktiv und ohne Identifikation mit einer Partei, allerdings sind oft überschätzte Alters- und Gene-
rationeneffekte nachrangig gegenüber jenen des kulturellen und ökonomischen Kapitals (Arzheimer
2006; Kroh 2006; Roller et al. 2006; Dassonneville et al. 2012; Dalton 2014; Dassonneville et al.
2014).
7 Überblicke zur Forschung siehe Roth 2016, Weißeno 2012; ausgewählte Studien s. z.B.: Isac et al.
2014; Torney-Purta et al. 2001; Amadeo et al. 2002.
6
akademischen Abschluss (Universität oder Fachhochschule). Damit sind in der
Münchner Stichprobe weniger Akademiker unter den Eltern der Studierenden. Für die
Befragung der Katholischen Hochschule für Sozialwesen wurde „Abitur und Hoch-
schulabschluss von Vater und Mutter“ zum „höheren soziokulturellen Niveau“ zusam-
mengefasst (18,5% der Studierenden), 30,1 % wurden dem „gehobenen“ Niveau zu-
geordnet („überwiegend gehobene Bildungsabschlüsse, Fachhochschulabschlüsse
von Vater und Mutter“), 39% dem „mittlerem“ und 12,3% dem „geringen“ soziokulturel-
len Niveau (Gries et al. 2015: 288).
3. Ergebnisse
3.1. Politisches Interesse
Zunächst wurden die Studierenden Sozialer Arbeit nach der Selbsteinschätzung des
politischen Interesses gefragt, wobei dieses auch mit dem politischen Engagement und
Wissen einhergeht. In der Befragung der Hochschule München gaben nur 2,6% von
115 antwortenden Studentinnen und Studenten Sozialer Arbeit an, sie seien politisch
„sehr stark“ interessiert, bei der zum Vergleich herangezogenen Befragung an der ka-
tholischen Berliner Hochschule für Sozialwesen 2014 waren es 11% (Gries et al.
2015), im gesamtdeutschen Studierendensurvey bejahten 8,0% der im Bereich Sozi-
alwesen (d.h. Sozialarbeit und Sozialpädagogik) Studierenden ein sehr starkes Inte-
resse am allgemeinen politischen Geschehen. (Tabelle 2).8
Dagegen bestätigten im Studierendensurvey 12,2% der Studierenden aller Fakultäten
und 33,6% der Studierenden der Sozialwissenschaften im engeren Sinn (d.h. Studie-
rende der Soziologie und Politikwissenschaften, ohne jene der Sozialarbeit
und -pädagogik, Sonderpädagogik und der Erziehungswissenschaften) ein starkes
politisches Interesse. Die Studierenden der Sozialwissenschaften im engeren Sinn
zeigen klar das stärkste politische Interesse unter allen Fakultäten (M=4,51; SD=1,48),
danach folgen jene der Rechtswissenschaft (M=4,27; SD=1,42), wogegen die der
Sportwissenschaft und -pädagogik das geringste politische Interesse bekunden
(M=3,02; SD=1,58).
8 Die Unterschiede zwischen den Gruppen sind laut Kruskall-Wallis-Test hoch signifikant (0,001).
7
Ein geringes politisches Interesse ist aber auch bei den Erziehungswissenschaften
(inklusive Sonderpädagogik) (M=3,31; SD=1,52) und der Psychologie (M=3,37;
SD=1,62) festzustellen beides wichtige ‚Bezugsdisziplinen’ in der Sozialen Arbeit. Die
Werte des gemessenen politischen Interesses im Studierendensurveys von 2012/13
sind übrigens die niedrigsten aller diesbezüglicher Messungen seit 1993 (Ramm et al.
2014: 413).
Tabelle 2: Politisches Interesse von Studierenden nach Fächern in %
Studierendensurvey
2012/2013
„Wie stark interessieren Sie sich für das allgemeine
politische Geschehen?“
Gar
nicht
Sehr
stark
N
0
1
2
3
4
5
6
Sozialwesen (Sozialarbeit
und Sozialpädagogik)
2,8
8,0
10,3
23,0
26,8
21,1
8,0
213
Sozialwissenschaften im
engeren Sinn (ohne Sozial-
wesen, Sonderpädagogik
und Erziehungswissenschaf-
ten)
1,8
4,1
5,9
8,9
22,1
23,6
33,6
271
Alle Fächer
4,1
9,4
12,6
16,5
25,1
20,1
12,2
4821
Quelle: Eigene Berechnung nach Studierendensurvey 2012/2013.
Katholische Hochschule für
Sozialwesen Berlin (2014)
„Interessieren Sie sich eigentlich für Politik?“
gar nicht
etwas
ziemlich
N
2,1
37,0
39,0
146
Quelle: Gries et al. 2015.
Hochschule München
BA-Soziale Arbeit (2015)
„Wie stark interessieren Sie sich für Politik?“
gar nicht
mittel
stark
N
0,9
60,9
15,7
115
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015.
Nun sind zwar die jeweiligen Fragestellungen und Antwortmöglichkeiten sowie Stich-
proben abweichend, so dass die Vergleichbarkeit eingeschränkt ist. Allerdings wurden
jeweils mittlere Antwortmöglichkeiten angeboten, wozu die Studierenden Sozialer Ar-
beit offenbar tendieren, besonders bei der Befragung an der Hochschule München
(aber auch im Studierendensurvey streuen die Antworten im Bereich Sozialwesen we-
niger als in den anderen Fächern).9 Die Tendenz zur Mitte könnte in der Münchner
Stichprobe durch Unsicherheit oder soziale Erwartungen angesichts des bevorstehen-
9 Alle Fächer: SD=1,64; M=3,58; Sozialwesen: SD=1,45; M=3,58.
8
den Sozialpolitikseminars und der befragenden Lehrkräfte verstärkt worden sein. Dar-
über hinaus sind beim Vergleich der Berliner und Münchner Befragung die Antwortka-
tegorien unterschiedlich, wobei „ziemlich interessiert“ (4) (wo sich in Berlin sehr viele
versammelten) als Bezeichnung schwächer scheint als „stark interessiert“ (4), ebenso
wie „etwas“ (3) gegenüber „mittel“ (3), während wiederum „recht wenig“ (2) bei der Ber-
liner Befragung schwächer anmutet als „weniger“ (2) bei der Hochschule München, so
dass ein Teil der Unterschiede auch dadurch erklärt werden könnte.
Ein weiterer Teil der Unterschiede des politischen Interesses zwischen den Befragun-
gen könnte durch Unterschiede der Stichproben erklärt werden, wobei wie dargestellt
in der Münchner Befragung weniger Studierende mit Eltern mit akademischem Hinter-
grund sind. Indes kann die Annahme, dass Studierende mit höher gebildeten Eltern
mehr politisches Interesse aufweisen, weder mit den Daten des Studierendensurveys
noch der Hochschule München untermauert werden. Zudem waren in der Berliner
Stichprobe auch deutlich mehr Männer vertreten, die traditionell ein höheres politisches
Interesse bekunden, auch wenn bei Jugendlichen inzwischen gemischte Resultate
bezüglich dieses Unterschieds der Geschlechter vorliegen (s.o.). Indes unterstreichen
sowohl die Daten der Berliner katholischen Hochschule (Gries et al. 2015: 288) wie
auch des Studierendensurveys 2012/13 ein hoch signifikant stärkeres politisches Inte-
resse bei männlichen Studierenden Sozialer Arbeit. 10
3.2. Politische Beteiligung
Die Fragen zur politischen Beteiligung sahen Fragen und Antwortmöglichkeiten vor,
von ‚niedrigschwelligen’ Aktivitäten, die mit wenig Aufwand verbunden sind, wie z.B.
sich Informieren oder Wählen, sowie solche, die fern der verfassten Politik liegen, z.B.
der politisch motivierte Boykott von Produkten, bis hin zu aufwändigeren Aktivitäten im
engeren Kreis der verfassten Politik, wie der Mitarbeit in politischen Organisationen
oder Parteien. Dabei zeigt sich zunächst, dass ungeachtet des insgesamt nur relativ
mäßigen politischen Interesses der Studierenden Sozialer Arbeit nach eigenen Anga-
ben 77,4% der Befragten der Hochschule München bei der letzten Bundestagswahl
gewählt haben. Insgesamt lag die Wahlbeteiligung in Deutschland bei der Bundes-
tagswahl 2013 bei 71,5%, wobei jedoch die höhere Wahlbeteiligung höher Gebildeter
berücksichtigt werden muss (Schäfer 2012). Die Mehrheit der Studierenden Sozialer
10 Frauen: MW=3,38; SD=1,48 (N=177); Männer: MW=4,54; SD=1,01 (N=35); Mann-Whitney-U-Test,
Signifikanzniveau 0,000.
9
Arbeit an der Hochschule München informiert sich darüber hinaus regelmäßig über
politische Nachrichten, 18,3% täglich oder mehrmals täglich, 29,6% geben 1-2 Mal pro
Woche an und 28,7% mehrmals pro Woche, 23,4% tun dieses aber auch nie oder sel-
tener als einmal pro Woche. Gut die Hälfte der Studierenden (53,5%) geben zudem an,
sich in den letzten 12 Monaten bei Unterschriftensammlungen beteiligt oder Produkte
oder Unternehmen boykottiert zu haben (57,5%); 36,2% nahmen an politischen De-
monstrationen teil und 11,8% arbeiteten in einer politischen Organisation oder einem
Interessenverband mit, aber nur 3,9% in politischen Parteien, Kontakte mit Politikerin-
nen bestätigten 9,4%. Damit zeigt sich ein starkes Gefälle der politischen Beteiligung:
Wenig aufwändige oder anspruchsvolle Aktivitäten werden bevorzugt und die Distanz
zur aktiven Mitarbeit in politischen Organisationen und zu Politikerinnen ist sehr groß.
3.3. Vertrauen zu politischen Institutionen, Nähe zu Parteien und
Rechts-Links-Orientierung
Dazu offenbaren die Studierenden im Bereich Soziale Arbeit kritische Sichtweisen und
große Distanz zu Politikern und Parteien (Abbildung 1): Der Aussage „Die Politiker
bemühen sich um einen engen Kontakt zur Bevölkerung“ stimmten 12,3% „gar nicht“,
51,8% „eher nicht“ zu und auch der Aussage „Die Politiker kümmern sich darum, was
einfache Leute denken“ verneinen 28,1%. Im Vergleich dazu verneinten 63,9% dieses
unter den Studierenden der katholischen Hochschule in Berlin (vgl. Gries et al. 2015:
289). Zudem vertrauen 67,8% der 115 antwortenden Studierenden Sozialer Arbeit an
der Hochschule München Politikern eher nicht, auf einer Skala von 1-10 (M=3,4;
SD=1,9).11 Sehr gering ist auch das Vertrauen der Studierenden Sozialer Arbeit in poli-
tische Parteien (mit den schlechtesten Werten unter allen politischen Institutionen):
65,2% misstrauen diesen in der Münchner Stichprobe mehr oder weniger, nur 15,7%
vertrauen den Parteien eher (Skala 1-10, M=3,67; SD=1,99). Fast genauso gering ist
das Vertrauen in die Arbeit der Kirchen, EU-Kommission und Medien.12 An der Hoch-
schule München bejahen zudem nur 58% der Studierenden Sozialer Arbeit, dass es
11 Gefragt wurde analog zum European Social Survey: Nun geht es um Ihr Vertrauen zu öffentlichen
Einrichtungen. Bitte sagen Sie uns wie sehr Sie persönlich den folgenden Institutionen oder Akteu-
ren vertrauen. Bitte benutzen Sie die folgende Skala: auf einer Skala von 1 (“Vertraue gar nicht“) bis
10 (“Vertraue voll und ganz“).
12 Am Stärksten ist das Vertrauen in die Arbeit der Hochschulen, denen 84,5% der Studierenden So-
zialer Arbeit an der Hochschule München mehr oder weniger vertrauen (Werte 6-10). Danach folgen
die Umweltverbände (M=6,39, SD=2,22), Wohlfahrtsverbände (M=5,99, SD=2,34) und Justiz (Ge-
richte) (M=5,96, SD=2,5), denen jeweils eine Minderheit von 20-30% der Studierenden weniger ver-
traut (Werte 1-4).
10
überhaupt eine Partei gäbe, der sie näher stehen als allen anderen, was 28% vernei-
nen und 15% mit „weiß nicht“ beantworten.
Abbildung 1: Vertrauen in Politikerinnen und Politikern von Studierenden Sozia-
ler Arbeit der Hochschule München, 2015 (Mittelwerte aus 3 Items)
Index aus 3 Items, wobei die Werte 1-5/1-10 auf 0-100 umcodiert und daraus der Mittelwert gebildet wurde
Items: „Die Politiker bemühen sich um einen engen Kontakt zur Bevölkerung“; „Die Politiker kümmern sich
darum, was einfache Leute denken.“; „Vertrauen in die Arbeit von Politikern“
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015
Zudem lässt knapp die Hälfte (46%) die Frage nach der bei der letzten Bundestags-
wahl gewählten Partei unbeantwortet, obwohl die Wahlbeteiligung wie dargestellt von
über 77% bestätigt wurde. Insofern sind die folgenden Angaben mit Unsicherheit und
möglichen Verzerrungen behaftet, wobei vermutlich insbesondere weniger populäre
Wahlentscheidungen, auch mit Blick auf die befragenden Dozentinnen und Dozenten,
verschwiegen worden sein könnten. Ähnlich viele der Studierenden Sozialer Arbeit
(10,4%) tendieren in der nchner Stichprobe auf die Frage zur politischen Orientie-
rung auf der Links-Rechts-Skala (von 1=Links bis 10=Rechts) eher nach rechts (Werte
6-9), die extreme rechte Position 10 wurde aber nicht gewählt (Abbildung 2). Die politi-
sche Orientierung der Studierenden Sozialer Arbeit in nchen entspricht der zuvor
genannten Parteiidentifikation: So ordnen sich 52% moderat links von der Mitte ein
(Werte 3-4), 10,4% ganz links (1-2); 8,7% in der Mitte (5), 7,8% tendieren eher nach
rechts (6-7) und 2,6% stark nach rechts (8-9); 18,3% konnten oder wollten sich nicht
zuordnen („weiß nicht“). Rechnet man die Werte 4-6 zur politischen Mitte, dann ver-
11
sammeln sich hier 34% der Studierenden Sozialer Arbeit, 40% tendieren dann mehr
oder weniger nach links- (Werte 1-3).
Abbildung 2: Politische Orientierung (Links-Rechts) von Studierenden Sozialer
Arbeit der Hochschule München, 2015
Anmerkung: Position 10 (‚rechts’) wurde nicht gewählt
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015
Der Vergleich zur gesamtdeutschen Stichprobe der Studierenden im Sozialwesen ist
aufgrund der abweichenden Skala, von 1 (links) bis 7 (rechts), nur eingeschränkt mög-
lich, es sind zeigt sich ein höherer Wert für die Mitte (18,1%) und ein geringerer Wert
für links (58%) (Werte 1-3) und nur 5,2% verorten sich rechts (5), wobei die extremer
rechts orientierten Werte 6-7 gar nicht besetzt waren und sich wiederum 18,6% kein
Urteil zutrauten. In der Berliner Befragung wurde ein Skala von -10 bis -1 (links), 1 bis
10 (rechts) und der Mitte (0) angewandt, wobei sich 65% der männlichen und 71,3%
der weiblichen Studierenden eher links einstuften, aber ohne die Positionen weiter
links (10-7) zu besetzen (Gries et al. 2015, weitere Angaben dazu fehlen, auf S. 293
ebd. heißt es, dass ca. 10% Sympathien für die AfD erklärten).
3.4. Sozialpolitische Einstellungen
Den Erwartungen entsprechend sind die Einstellungen der Studierenden Sozialer Ar-
beit zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit: So sagen laut Studierendensurvey 87,9%
der Studierenden im Bereich Sozialwesen, die sozialen Unterschiede in der Bundesre-
12
publik Deutschland seien im Großen und Ganzen ungerecht (Werte 0-2, Skala 0-6,
N=214), an der Hochschule München lehnen 85,2% die Aussage ab, dass die Ein-
kommen in Deutschland im Großen und Ganzen gerecht verteilt seien (Tabelle 3).
Damit sind die Studierenden Sozialer Arbeit kritischer bezüglich der Verteilungsgerech-
tigkeit als die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland insgesamt, von denen 28% der
Befragten angaben, Einkommen und Vermögen seien im Großen und Ganzen gerecht
verteilt was aber übrigens 60% der Mitglieder des Bundestags bejahten
(Vehrkamp/Kleinsteuber 2007).
Tabelle 3: Einstellungen zur sozialen Gerechtigkeit bei Studierenden Sozialer
Arbeit an der Hochschule München, 2015 in %
stimme
gar
nicht zu
stimme
eher
nicht zu
teils-
teils
stimme
eher zu
stimme
voll und
ganz zu
weiß
nicht
Die Einkommen sind in Deutschland
im Großen und Ganzen gerecht ver-
teilt
34,8
50,4
8,7
5,2
-
0,9
Damit eine Gesellschaft gerecht ist,
sollten die Unterschiede im Einkom-
men der Menschen gering sein
3,5
13,9
28,7
36,5
12,2
5,2
Große Einkommensunterschiede sind
gerechtfertigt, um unterschiedliche
Begabungen und Leistungen ange-
messen zu belohnen.
20,9
28,7
34,8
12,2
1,7
1,7
Der Staat sollte Maßnahmen ergrei-
fen, um Einkommensunterschiede zu
verringern
0,9
7,8
23,5
36,5
27,0
4,3
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015, N = 115
Der Aussage, dass in einer gerechten Gesellschaft Einkommensunterschiede mög-
lichst gering sein sollten, stimmten aber nur 48,7% der Studierenden Sozialer Arbeit in
der Münchner Befragung zu. Werden Argumente der Leistungsgerechtigkeit zur Recht-
fertigung großer Einkommensunterschiede angeführt, stimmen dem 13,9% zu, weitere
34,8% sagen ‚teils-teils’, nur knapp die Hälfte (49,6%) verneint mehr oder weniger
stark. Dazu glauben laut Studierendensurvey 26,7% der Studierenden im Bereich So-
zialwesen, dass Einkommen in unserer Gesellschaft vor allem von der Leistung des
Einzelnen abhängen, weitere 13,8% sind unentschieden, 59,5% lehnen das aber ab
(N=210).
Schließlich bejaht zwar erwartungsgemäß die große Mehrheit (63,5%) der Studieren-
den Sozialer Arbeit der Hochschule München mehr oder weniger, dass der Staat Maß-
nahmen ergreifen sollte, um Einkommensunterschiede zu verringern. Angesichts der
13
auf soziale Gerechtigkeit und Gleichheit zielenden Disziplin der Sozialarbeit überrascht
aber, dass sich 36,5% der Studierenden diesbezüglich unentschieden, unsicher oder
ablehnend äußern. Zudem stimmen laut Studierendensurvey fast zwei Drittel (65,6%)
der Studierenden im Bereich Sozialwesen zu, dass es unmöglich sei, die sozialen Un-
terschiede abzuschaffen (N=209).
Des weiteren stimmen die Studierenden Sozialer Arbeit an der Hochschule München
überwiegend zu, dass der Staat für verschiedene Bereiche sozialer Sicherung verant-
wortlich sein sollte, die höchste Zustimmung finden die gesundheitliche Versorgung
von Kranken, die Sicherung eines angemessenen Lebensstandards im Alter und die
Kinderbetreuung, während die staatliche Verantwortung im Bereich der Arbeitspolitik
zwar insgesamt positiv bewertet wird, jedoch in deutlich geringerem Maße (Tabelle 4).
Tabelle 4: Einstellungen zur Verantwortung des Staats für Soziale Sicherung
bei Studierenden Sozialer Arbeit an der Hochschule München, 2015
Sollte der Staat dafür verantwortlich sein
Mean
Median
SD
eine ausreichende gesundheitliche Versorgung für Kranke
sicherzustellen?
8,91
10
1,81
einen angemessenen Lebensstandard im Alter zu garantie-
ren?
8,57
9
1,90
ausreichende Kinderbetreuung für Eltern sicherzustellen?
8,51
9
2,17
für alle einen Mindestlebensstandard sicherzustellen?
8,42
9
2,16
dass alle gesellschaftlichen Gruppen gleich behandelt wer-
den?
7,84
9
2,76
einen angemessenen Lebensstandard für Arbeitslose sicher-
zustellen?
7,36
8
2,10
einen Arbeitsplatz für alle bereitzustellen?
6,92
7
2,18
Skala von 1, Staat sollte nicht verantwortlich sein, bis 10, Staat sollte verantwortlich sein, 0, weiß nicht
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015, N = 115
Wird die Alternative Sozialausgaben und Abgaben senken oder erhöhen zur Wahl ge-
stellt,13 sprechen sich Studierenden Sozialer Arbeit an der Hochschule München über-
wiegend für eine Erhöhung der Sozialausgaben aus (66% plädierten dafür) (Werte 6-
10), aber 20% waren auch für die Senkung von Sozialausausgaben und Abgaben und
13% trauten sich kein Urteil zu („weiß nicht“). Auch aufgrund des Umstands, dass So-
ziale Arbeit weitestgehend von staatlichen Sozialleistungen finanziert wird, hätte die
Zustimmung schon aus einem beruflichen Eigeninteresse heraus höher ausfallen kön-
nen.
13 Die Frage lautete: Sozialleistungen werden aus Abgaben (Steuern oder Beiträge) von Bürgern und
Unternehmen finanziert. Wenn sich der Staat entscheiden müsste: Entweder die Abgaben und Sozi-
alleistungen senken oder die Abgaben erhöhen und mehr für Sozialleistungen ausgeben, was sollte
der Staat eher tun?“ (Skala von 1-10).
14
Die Einschätzung von Wirkungen von Sozialleistungen in verschiedenen Bereichen
fallen wieder vor allem bezüglich der Arbeits- und Wirtschaftspolitik skeptischer und oft
unsicher aus (Tabelle 5).
Tabelle 5: Einstellungen zu Wirkungen von Sozialleistungen bei Studierenden
Sozialer Arbeit an der Hochschule München 2015, in % (Teil 1)
Die Sozialleistungen in Deutschland
stimme
gar nicht /
eher nicht
zu
Weiß
nicht
fördern die Familien
12,2
5,2
ermutigen Menschen aus anderen Län-
dern, zu kommen, um hier zu leben
14,7
6,1
verhindern Armut
16,6
7,0
sind unzureichend, um den Menschen zu
helfen, die wirklich in Not sind
21,7
6,1
sorgen für mehr Gleichheit
20,9
6,1
sorgen für Frieden und Sicherheit
21,7
8,7
fördern die Arbeitsfähigkeit
25,2
13,0
sorgen für Wirtschaftswachstum
24,3
35,7
belasten die Volkswirtschaft zu sehr
56,5
20,0
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015, N = 115
So wurde nur von 21,7% bejaht (stimme voll zu und stimme eher zu), dass Sozialleis-
tungen die Arbeitsfähigkeit fördern, 40% waren diesbezüglich unklar (‚teils-teils’), 13%
sagten „weiß nicht“. Und während 53% zustimmten, dass Sozialleistungen die Familien
fördern, bejahen nur 11,3%, dass sie für Wirtschaftswachstum sorgen, wobei die Unsi-
cherheit und Unentschiedenheit wieder besonders groß ist: 35,7% sagen dazu „weiß
nicht“ und 28,7% „teils-teils“. Der Aussage, dass Sozialleistungen die Volkswirtschaft
zu sehr belasten, stimmten zwar 56,5% der Studierenden Sozialer Arbeit gar nicht zu,
aber 20% gaben „teils-teils“ und 20% „weiß nicht“ an. Auch dass Sozialleistungen für
mehr Gleichheit oder für mehr Frieden und Sicherheit sorgen, bestätigen nur 37%, je-
weils 42% sind unentschieden (teils-teils) oder unsicher (weiß nicht) und 21 sowie 22%
verneinen diese an sich unstrittigen Wirkungen von Sozialleistungen.
Dass 52% der Studierenden Sozialer Arbeit der Hochschule München Menschen zu-
stimmten, dass Sozialleistungen in Deutschland Menschen aus anderen Ländern zur
Einwanderung ermutigen (nur 15% stimmten dem zu), bedeutet nicht, dass negative
Sichtweisen auf Einwanderer stark verbreitet wären: So stimmten nur 6,1% zu, dass in
Deutschland zu viele Ausländer lebten, 13,9% meinten „teils-teils, während 25,2% dem
nicht und 53% gar nicht zu stimmten. Auf die Frage, ob Deutschland künftig wenig oder
viel Zuwanderung erlauben sollte, votierten auf einer Skala von 1 (eher wenig) und 10
15
(eher viel) aber doch 34,8% für weniger Zuwanderung (Werte 15) (10,5% für Werte
1–3), die Mehrheit (57,3%) plädierte für mehr Zuwanderung, 7,8% antworteten mit
„weiß nicht“. Im übrigen unterstützten laut Studierendensurvey 23% der Studierenden
im Bereich Sozialwesen das Ziel der „Abwehr von kultureller Überfremdung“, während
es 48,8% ablehnten 26,6% waren unentschieden (N=207); ähnlich votierten 25% für
eine Begrenzung der Zuwanderung, während das 55,5% ablehnten, 19,4% waren un-
entschieden (N=211).
Ferner zeigt sich anhand der Antworten zum möglichen Missbrauch oder negativen
Wirkungen von Sozialleistungen, dass zwar knapp die Hälfte der Studierenden der
Sozialen Arbeit an der Hochschule München kritische Sichtweisen und Klischees über
negative Wirkungen von Sozialleistungen ablehnen, jedoch ein erheblicher Teil dies-
bezüglich auch unsicher oder unentschieden ist (Tabelle 6). So lehnen im Studieren-
densurvey nur 40,5% der Studierenden im Bereich Sozialwesen die Aussage mehr
oder weniger ab, dass sich die Menschen ohne Wettbewerb nicht anstrengen, 20%
sind diesbezüglich unsicher und 39,5% bestätigen die These (N=210). Die recht starke
Verbreitung konservativer Werte bei Studierenden Sozialer Arbeit zeigt sich auch da-
ran, dass mehr als die Hälfte (51,5%) für eine harte Bestrafung der Kriminalität plädiert,
was 30,7% ablehnen und 17,9% indifferent sehen (N=211); auch die Bewahrung der
Familie in ihrer herkömmlichen Form unterstützen 45,5%, während dieses Ziel von
31,3% ganz oder teilweise abgelehnt wird, 23,2% sind unentschieden (N=211).
Tabelle 6: Einstellungen zu Wirkungen von Sozialleistungen bei Studierenden
Sozialer Arbeit an der Hochschule München 2015, in % (Teil 2)
Stimme
gar nicht /
eher nicht
zu
Teils-
Teils
Stimme
eher / voll
zu
Viele Menschen schaffen es, soziale Leistungen zu
erhalten, die ihnen nicht zustehen.
43,5
28,7
15,7
Arbeitnehmer geben häufig vor, krank zu sein, um
zuhause bleiben zu können
48,7
30,4
13,9
Die meisten Arbeitslosen bemühen sich nicht wirk-
lich, eine Stelle zu finden.
46,1
37,4
7,9
Sozialleistungen machen die Menschen träge oder
faul
46,1
39,1
7,8
Sozialleistungen tragen dazu bei, dass sich die
Menschen weniger um ihre Nächsten kümmern
53,1
20,0
13,9
Sozialleistungen sind unzureichend, um den Men-
schen zu helfen, die wirklich in Not sind
21,7
31,3
40,8
Viele Menschen mit sehr geringem Einkommen
erhalten weniger Sozialleistungen als ihnen ge-
setzlich zustehen.
13,9
26,1
33,1
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015, N = 115
16
Darüber hinaus werden bei den Studierenden Sozialer Arbeit problematische politische
Einstellungen deutlich, die auch mit mangelndem Wissen zusammenhängen, was im
nächsten Abschnitt weiter beleuchtet wird: So lehnen im Studierendensurvey 2012/13
nur ca. 40-50% der Studierenden im Bereich Sozialwesen Aussagen ab, die sich mehr
oder weniger klar gegen demokratische Grundrechte und Funktionen richten (Tabelle
7). So ist es in freiheitlichen Demokratien grundsätzlich eine Aufgabe der politischen
Opposition im Rahmen des pluralistischen politischen Wettbewerbs, die Regierung zu
kontrollieren und zu kritisieren.14 Auch das zu tolerierende Maß der zwangsläufigen
Beeinträchtigung und Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch Streiks oder De-
monstrationen ist zwar nicht unbegrenzt und dahingehende Rechte können selbst in
freiheitlichen Demokratien eingeschränkt werden, jedoch nnen diese Rechte nicht
„verloren gehen“. Auch Auseinandersetzungen zwischen vielfältigen Interessengrup-
pen sind bekanntlich ein Wesen der Demokratie und insgesamt positiv für das Allge-
meinwohl, auch wenn es negative Seiten solcher Konflikte geben mag. Zuletzt müssen
die Einschätzungen dazu aber auch vor dem Hintergrund einer durch Konkordanz
denn Konflikt und weniger pluralistisch als korporatistisch geprägten politischen Kultur
und Tradition in Deutschland interpretiert werden. Denn auch die Studierende aller
Fakultäten stimmen in ähnlichem Ausmaß diesen tendenziell antidemokratischen
Statements zu. Allerdings lehnen die Studierenden der Sozialwissenschaften (ohne
Sozialwesen) solche Aussagen mehrheitlich mehr oder weniger deutlich ab.
Tabelle 7: Einstellungen zu Pluralismus und politischen Konflikten bei Studie-
renden im Bereich Sozialwesen (d.h. Sozialarbeit und Sozialpäda-
gogik 2012/2013, in %
eher ableh-
nend (Werte
-3 bis -1)
unentschie-
den (0)
eher zu-
stimmend
(Werte 1-3)
N
Aufgabe der politischen Opposition ist es nicht,
die Regierung zu kritisieren, sondern sie in
ihrer Arbeit zu unterstützen.
39,4
26,4
34,2
208
Die Auseinandersetzungen zwischen verschie-
denen Interessengruppen und ihre Forderun-
gen an die Regierung schaden dem Allge-
meinwohl.
49,6
30,8
19,7
208
Der Bürger verliert das Recht zu Streiks und
Demonstrationen, wenn er damit die öffentliche
Ordnung gefährdet.
44,0
23,0
33,0
209
Quelle: Eigene Berechnung, Studierendensurveys 2012/13.
14 Dieses gilt grundsätzlich, auch wenn das herrschende deutsche Modell der Demokratie stärker an
Kooperation und Konkordanz ausgerichtet ist als das angelsächsische, das noch viel stärker auf
Konflikt und Wettbewerb orientiert ist; ausführlich zur Demokratietheorie z.B. Schmidt 2010.
17
3.5. Politische Kompetenz
Am Ende blieben auch die Einschätzungen der eigenen politischen Kompetenzen der
Studierenden Sozialer Arbeit an der Hochschule München zurückhaltend: So hielten
sich nur 19% für kompetent (Werte > 60, Skala 0-100, aus 3 Items), die meisten ant-
worteten wieder mit mittleren Werten (54,8%; Werte von 40-60), 26% wähnten sich als
eher nicht oder wenig kompetent (Werte <40) (M=46,5, SD=17,0) (Abbildung 3).15
Abbildung 3: Selbsteinschätzung politischer Kompetenzen bei Studierenden So-
zialer Arbeit an der Hochschule München, in %
Index aus 3 Items, wobei die Werte 1-5 jeweils auf 0-100 umkodiert und daraus der Mittelwert gebildet
wurde: Wichtige politische Fragen kann ich gut verstehen und einschätzen; Ich traue mir zu, mich an
einem Gespräch über politische Fragen zu beteiligen; Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, sich über
politische Themen eine Meinung zu bilden?
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015
Zwar könnten auch diese Einschätzungen durch soziale Erwartungen verzerrt sein,
jedoch passt dazu, dass die Studierenden Sozialer Arbeit des 3. Semesters tatsächlich
noch eher wenig sozialpolitisches Wissen aufweisen. So zeigen die Ergebnisse des
Wissenstests zur Sozialpolitik die im Einzelnen aber erst nach der Testwiederholung
und an anderer Stelle aufgezeigt werden sollen , dass die Studierenden der Sozialar-
beit zu Beginn des 3. Semesters im Mittel nur ca. 25-30% der Fragen einigermaßen
15 Items: „Wichtige politische Fragen kann ich gut verstehen und einschätzen.“; „Ich traue mir zu, mich
an einem Gespräch über politische Fragen zu beteiligen.“ „Wie schwer oder leicht fällt es Ihnen, sich
über politische Themen eine Meinung zu bilden?Die Werte 1-5 wurden umcodiert auf 0-100 und
daraus der Mittelwert gebildet; 1 („stimme gar nicht zu“), 2 („stimme eher nicht zu“), 3 („teils-teils“), 4
(„stimme eher zu“), 5 („stimme voll zu“),bzw. 1 („sehr schwer“) bis 5 („sehr leicht“).
18
oder annähernd zutreffend beantworten konnten (der Maximalwert lag bei ca. 60%),
bei einer großzügigen Wertung (Abbildung 4).
Abbildung 4: Gesamtergebnis Eingangswissenstest zur Sozialpolitik bei Studie-
renden Sozialer Arbeit an der Hochschule München, zu Beginn des
3. Semesters 2015
Quelle: Befragung Hochschule München, Oktober 2015
Eine Wissensfrage bezog sich z.B. auf die Schätzung der Höhe der Sozialleistungs-
quote, wobei 22,6% der Studierenden offen ‚weiß nicht’ angaben und sich überhaupt
keine Schätzung zutrauten. Gegenüber der realen Sozialleistungsquote im Jahr 2014
von 29% (www.bmas.de) lagen nur 11,3 % mit ihren Schätzungen und Werten von 26-
30% ziemlich richtig, 7% mit Werten von 31-35% noch einigermaßen nah. Noch stärker
und weit entfernt von der Realität streuten die Schätzungen der Zusammensetzung der
Ausgaben für soziale Sicherung, wobei vor allem die Ausgaben für Grundsicherung
meist weit überschätzt und die für Alter weit unterschätzt wurden.16
Ähnlich konnten die meisten Studierenden Sozialer Arbeit kaum annähernd einschät-
zen, wie hoch der Anteil der Bezieher von Grundsicherung in Deutschland ist, oder
was wichtige Bestimmungen der Grundsicherung sind (so meinten z.B. 29%, dass sich
die Grundsicherung nach der Höhe des vorherigen Einkommens und der gezahlten
Beiträge richtet). Ähnliches gilt für das Wissen über andere Bereiche der Sozialpolitik,
worauf an dieser Stelle aber nicht weiter eingegangen werden soll.
16 Dabei summierten sich die Angaben oft nicht auf 100% (mit großen Abweichungen), trotz des Hin-
weises, die Angaben dahingehend zu kontrollieren.
19
Zuletzt wird das Wissen über Sozialpolitik bei den Studierenden Sozialer Arbeit bishe-
rigen Befunden zur politischen Bildung überwiegend entsprechend (Roth 2016; Wei-
ßeno 2012) positiv bestimmt durch die Selbsteinschätzung der Politikkompetenz,17
politisches Interesse,18 das Ausmaß politischer Aktivitäten (ohne Wahlen),19 dem Al-
ter20 sowie tendenziell auch der höheren Bildung der Eltern (letzteres fällt aber grenz-
wertig und sehr schwach aus). Nicht den nach den bisherigen Forschungen zur politi-
schen Bildung zu erwartenden positiven Einfluss auf das Sozialpolitikwissen hat dage-
gen die Häufigkeit des sich Informierens über politische Nachrichten (nur etwas, nicht
sign. bessere Tests bei häufigerem Nachrichtenkonsum) und ob im Elternhaus Ge-
spräche über Politik geführt wurden. Ebenso keinen Einfluss auf das Sozialpolitikwis-
sen zeigen die selbst berichteten Noten beim letzten Schulabschluss, ja eher im Ge-
genteil, das Sozialpolitikwissen ist eher etwas geringer, je besser der Notenabschluss
ist (nicht sign.).
4. Fazit
Die Befragung an der Hochschule München zu politischen Einstellungen bei Studie-
renden Sozialer Arbeit, aber auch andere vergleichend und kontrollierend herangezo-
gene ähnliche Befragungen offenbaren, dass Studierende Sozialer Arbeit trotz des
Selbstverständnisses einer an sozialer Gerechtigkeit und Emanzipation orientierten
Disziplin im Großen und Ganzen sich nur mäßig politisch interessiert äußern, auch im
Vergleich mit Studierender anderer Fakultäten. Nur ein Drittel der Studierenden Sozia-
ler Arbeit ist politisch stark oder sehr stark interessiert. Ähnlich viele beteiligten sich
laut eigenen Angaben politisch und informieren sich wöchentlich über politische Nach-
richten in den Medien und haben auch an der letzten Bundestagswahl teilgenommen;
dieses sind aber wenig aufwändige Betätigungen fern der verfassten Politik. So zeigen
sich bei etwa drei Vierteln der Studierenden Sozialer Arbeit erhebliche Distanz zur ver-
fassten Politik und ein hohes Misstrauen gegenüber politischen Parteien sowie Politi-
kern, dazu kommt eine geringe Parteiidentifikation.
17 Rangkorrelation nach Spearman-Rho, rs=0,24, Sig.=0,01.
18 rs=0,22, Sig.=0,02.
19 rs=0,23, Sig.=0,015.
20 rs=0,21, Sig.=0,023.
20
Auffällig ist bei den Fragen zu politischen Einschätzungen der Trend zur Enthaltung
oder ‚weiß nicht’, insbesondere in der Münchner Umfrage herrscht. Insgesamt ist eine
verbreitete politische Unsicherheit (besonders bei spezifischeren, weniger aus den
Medien bekannten Fragen und bei ökonomischen Themen) festzustellen, das durch-
aus im Zusammenhang mit dem geringen politischen Wissens zu sehen ist. Dieses
wird nicht nur bei den objektiven Wissensfragen zur Sozialpolitik deutlich, sondern
auch in der Selbsteinschätzung der eigenen politischen Kompetenzen, bei dem sich
lediglich 20% als kompetent einstufen.
Studierenden Sozialer Arbeit sind zwar sensibilisiert für Fragen sozialer Ungerechtig-
keit, sie stimmen der Notwendigkeit sozialpolitischer Interventionen zu und fordern
größtenteils eine Ausweitung von Sozialausgaben. Jedoch waren immerhin 20% auch
für die Senkung von Sozialausgaben und 13% trauten sich da kein Urteil zu (‚weiß
nicht’). Zudem werden von etwa einem Fünftel bis einem Drittel der Studierenden So-
zialer Arbeit populäre negative Vorurteile und Stereotype geteilt zu ‚Sozialbetrug’, Un-
terminierung der Selbsthilfe durch den Sozialstaat oder zur Legitimation sozialer Un-
gleichheit. Dazu kommt nicht zuletzt eine Verkennung oder Ablehnung demokratischer
Grundfunktionen wie Pluralismus und politische Konflikte.
Für die Ausbildung und die selbst gesteckten Ansprüche einer Profession der Sozial-
arbeit stellen diese Erkenntnisse eine große, bisher kaum erkannte oder bewältigte
Herausforderung dar, vor allem angesichts der zunehmenden sozialen Ungleichheit
und der wachsenden politischen Enthaltung und Verdrossenheit weiter Kreise sozial
Benachteiligter. Inwiefern sich politisches Wissen, Kompetenzen und Haltungen der
Studierenden Sozialer Arbeit im weiteren Studienverlauf und der späteren Praxis des
Berufs weiter entwickeln und fördern lassen, sollte und wird ein Thema künftiger weite-
rer Forschungen und Beiträge sein.
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This quantitative study focuses on the political engagement of social work students by comparing the extent of voluntary political participation and the factors that influence this type of engagement among Austrian (n = 197), German (n = 2998), and Swiss students (n = 453). Findings indicate that Swiss students are most engaged in political activities, followed by Austrian and German participants. Consistent with the findings of previous scholarship, the results of this study show that social work students prefer to participate in passive activities rather than in active forms of political participation. The study identifies internal political efficacy, political ideology, political interest, membership , and the country of residence as main factors influencing voluntary political participation among social work students. Along with similarities among the countries, this article also identifies and discusses differences between the three countries. Finally, ideas for future research directions are discussed based on the findings of this study.
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Der Beitrag gibt Einblicke in die Ergebnisse einer Studie zum politischen Engagement von Fachpersonen der Sozialen Arbeit in der Schweiz und fragt nach Einflussfaktoren auf politische Aktivität. Dabei erweist sich insbesondere die Mitgliedschaft in Mobilisierungsnetzwerken als Schlüssel zur Förderung und Stärkung einer politischen Sozialen Arbeit.
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The work of Russell Dalton has played a seminal role in the study of the relation between political sophistication and partisan dealignment. It has to be acknowledged furthermore that there is a consensus on the occurrence of a decline of partisanship in Germany. Using panel data as well as pooled cross-sectional observations, however, it is clear that generational replacement is not the sole driving force of partisan dealignment, but that period effects should also be taken into account. While on an aggregate level rising levels of political sophistication have occurred simultaneously with decreasing partisanship, individual-level analysis suggests clearly that the least sophisticated are most likely to feel alienated from the party system. The article closes with some very specific suggestions on how to address the democratic consequences of declining levels of partisanship.
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This study examines the commitment of social work in various countries to its declared dual missionenhancing individual well-being and promoting social justice. It does so by examining the mode of practice preferences of graduating BSW students from seven countries. Based on cluster analysis, three distinct subgroups of students with particular patterns of preferences were found: a generic group, a direct/micro group, and a macro group. The distribution of students among these groups differs between country cohorts. While each of the clusters was to be found in all the countries studied, in three country cohorts, a majority of students belonged to the generic group and a considerable number sought to engage in macro practice, reflecting a commitment to the profession's dual focus. The majority of the students within the remaining country cohorts preferred micro practice and were far less willing to adopt macro level practices.
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Die Wahlbeteiligung in Deutschland sinkt. Dieses Phänomen nimmt der vorliegende Beitrag zum Anlass, um sowohl aktuelle Einblicke in die Einstellungswelt von Nichtwählern zu geben, als auch Reformansätze zur zukünftigen Stimulierung der Wahlbeteiligung zu diskutieren. Basis ist eine mehrwellige Befragung von möglichen und erklärten Nichtwählern im vergangenen Superwahljahr, die das Meinungsforschungsinstitut dimap im Auftrag der überparteilichen Initiative ProDialog zwischen Januar und Oktober 2009 durchführte. Voter turnout in Germany is decreasing. This article not only provides current insights into the preferences and motivations of non-voters, but also discusses future reforms to stimulate voter turnout in Germany. It is based on a multi-wave survey among possible and avowed non-voters carried out by the polling institute dimap on behalf of the non-partisan Initiative ProDialog from January to October 2009. SchlüsselwörterWahlbeteiligung-Nichtwähler-Wahlkampf-Deutschland-Reformansätze KeywordsVoter turnout-Non-voting-Election campaigns-Germany-Reforms
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Does declining voter turnout harm center-left parties? Although this is what many observers believe, most empirical studies fail to support this thesis. In contrast to this common wisdom, this article shows that there is a negative effect of turnout decline on the Social Democratic Party and the Left Party in Germany. For the first time, this article ana- lyzes systematically aggregate data of 1,500 urban quarters in 34 large German cities. It will be argued that the effects of social segregation and voter apathy become only visible on this small scale since social indicators and turnout data correlate very highly. Urban districts differ not only in their electoral participation but also in the election results. Left of center parties fare much better in areas that have experienced the strongest decline of turnout over the last three decades.
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Bei der Bundestagswahl 2009 lag die Wahlbeteiligung im bundesdeutschen Durchschnitt bei 70.8 Prozent, im Westen waren es 72.3, im Osten 64.8 Prozent.
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This article analyzes perspectives on the goals of the social work profession and social activism of a cohort of MSW students before and after attending their graduate program. This study provides insights into the question about whether and how preexisting values, experiences, and background characteristics affect beginning and ending students' views of the goals of social work and also whether they anticipate being socially active in the future, utilizing a range of strategies to effect change. It found that students from all methods began with a dual (micro and macro) view of social work goals and much activism and then left the MSW program with the same confirmed person-in-environment perspective and a commitment to all types of social activism in even greater numbers.
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Partisan ties in Germany have been weakening over the past three decades, which is changing the landscape of electoral politics. In contrast to a recent article by Dassonneville et al. in this journal, this article argues that a generational decline in partisanship is contributing to this dealignment trend, and virtually all of the new independents are more sophisticated apartisans who are politically engaged even though they lack party ties. These findings are based on the 1972–2009 time series of surveys by the Forschungsgruppe Wahlen. The results point to a more sophisticated German electorate that will inject more fluidity into electoral politics and empower more Germans to make reasonable electoral choices.
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This article uses an educational effectiveness approach to model the impact of student, school, and educational system characteristics on several cognitive and non-cognitive student outcomes related to citizenship education. Using multivariate multilevel analysis, data from the International Association for the Evaluation of Educational Achievement (IEA) International Civic and Citizenship Education Study (ICCS) 2009 were analyzed, encompassing 102,396 lower secondary-school students (14-year-olds) in 4,078 schools in 31 countries. The results indicate that schools have a small influence on students' civic knowledge and hardly an impact on civic attitudes and intended civic behavior. Civic competences are mainly explained by individual student characteristics and out-of-school factors. Factors at the school level that were found to make a difference in students' civic competences are related to stimulating a democratic classroom climate in which free dialogue and critical debate on controversial political and social issues are encouraged, nurturing positive interpersonal relationships and creating opportunities for students to learn and practice democracy.
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Abstract Electoral turnout is shown to be higher and less socially skewed in member states of the enlarged European Union than in the United States. The differences in the levels of turnout can partly be related to differences in election procedures, but since the procedural rules provide similar incentives or disincentives to all social groups they cannot explain the much higher inequality of electoral participation in America. There is some evidence to sustain the notion that the higher inclusiveness of the West European welfare state fosters political integration and the equality of electoral participation. In line with this notion differences between Europe and America diminish considerably when the analysis is confined to the pensioner generation whose integration into welfare state schemes is largely similar on both sides of the Atlantic.
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Recent research has found that voter turnout is declining in most advanced industrial countries. The trend is driven by generational replacement because the age cohorts that entered the electorate at the end of the twentieth century are voting at lower than expected rates. In North American countries, the decline is also concentrated among the poorly educated. This article examines the relative contribution of period, life-cycle, generational and educational effects on changes in electoral participation over the last four decades in Sweden, Norway and Germany with individual-level data. Turnout decline is partly driven by generational change in the countries observed as the literature suggests. Additionally, there is also a clear socio-economic correlate. Most strikingly, poorly educated persons of all age groups are increasingly failing to vote in Germany. The results suggest that the causes of the long-term evolution are multidimensional and the relative consequences vary across countries. The debate about turnout decline and its possible remedies has to take into account the fact that both members of new generations and citizens with low education attainment are the main targets of measures aimed at increasing turnout rates, but different actions might be required to attract each specific demographic group to the polls.