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Kai Koddenbrock / Sophia Hoffmann
There is no alternative
Der Aufstieg der humanitären Hilfe in der internationalen Politik
Weitgehend unbemerkt von Internationale Beziehungen und Friedens- und Kon-
fliktforschung hat sich ein Aufstieg der humanitären Hilfe vollzogen, der noch der
Erklärung bedarf. Auf Basis langjähriger Forschung im Osten des Kongos, in Syrien
und Jordanien bieten wir drei mögliche Gründe für den rasanten Aufstieg der hu-
manitären Hilfe an: Erstens, die Fähigkeit von Hilfsorganisationen, ihre Arbeits-
bereiche auszuweiten, indem die prinzipiell grenzenlose Bedürftigkeit extrem armer
Bevölkerungsschichten als objektiv zunehmende Bedarfe präsentiert werden; zwei-
tens, die Attraktivität des Jobs als HelferIn in westlichen Gesellschaften, in denen
politische Transformation undenkbar erscheint; und schließlich, drittens, das gut
geölte Zusammenspiel zwischen Hilfsorganisationen und den Empfängerregierun-
gen. Im Kontext der Militarisierung der Außen- und Migrationspolitik in den letzten
20 Jahren rettet die humanitäre Hilfe angesichts ihres universalistischen Anspru-
ches des Schutzes allen bedürftigen Lebens zwar millionenfach Leben, bleibt aber
gleichzeitig eine besonders limitierte Form internationaler Solidarität, die durch-
aus nicht alternativlos ist.
Schlagworte: humanitäre Hilfe, internationale Solidarität, UN, NGOs, DR Kongo, Syrien, Jor-
danien
Einleitung
Internationale Solidarität, die in den vergangenen Dekaden durch so unterschiedli-
che Kanäle wie die spanischen Brigaden, »Dritte-Welt-Läden« und schließlich
durch Entwicklungs-»Zusammenarbeit« ihren Ausdruck fand, manifestiert sich seit
den 1990ern verstärkt in einer ganz bestimmten Form transnationalen Handelns: der
humanitären Hilfe. Nach einer ersten Welle der Aufmerksamkeit zur Hochzeit »hu-
manitärer Interventionen« wie im ehemaligen Jugoslawien, während des Genozids
in Ruanda oder des Tsunamis im Indischen Ozean 2004, haben die jüngste Syrien-
und Flüchtlingskrise die humanitäre Hilfe wieder in den Fokus gerückt.1 Angesichts
1.
1 Wir danken Anne Menzel und Volker Heins für die hilfreichen Kommentare zu einer früheren Ver-
sion des Artikels und den anonymen GutachterInnen der ZeFKo.
ZeFKo 6. Jg. (2017), Heft 1, S. 73 – 106, DOI: 10.5771/2192-1741-2017-1-73 73
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der zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder ansteigenden Zahl der inner- und zwi-
schenstaatlichen Konflikte und der anhaltenden Herausforderungen »fragiler Staat-
lichkeit«, die eine breite und anhaltende humanitäre Präsenz nach sich ziehen, ist
eine Verankerung der humanitären Hilfe in der Friedens- und Konfliktforschung an
der Zeit.2
Auch in den deutschen Sozialwissenschaften ist ein wachsendes Interesse an
humanitärer Hilfe zu verzeichnen. An dieses Interesse knüpft dieser Aufsatz an
(Eberwein/Runge 2002; Lieser/Dijkzeul 2013; Heins et al. 2016; Dany 2016). Wis-
senschaftlerInnen entdecken die Praxis der humanitären Hilfe als eine hochpolitisier-
te »Arena« (Hilhorst/Jansen 2010: 1; Schlichte/Veit 2012), in der Strategien, Güter
und Interessen durch eine Vielzahl unterschiedlicher AkteurInnen verhandelt wer-
den. Insbesondere beschäftigt sich dieser Aufsatz mit einer Frage, die dieser Litera-
tur, welche sich der Arbeitsweise humanitärer Organisationen sowie den in dieser
Arbeit geschaffenen und reproduzierten Machtverhältnissen widmet. Wie lässt sich
begründen, warum sich humanitäre Hilfe in den letzten Jahrzehnten zu einem immer
größeren und wichtigeren Sektor der Nord-Süd-Beziehungen entwickelt hat?
Denn die wachsende wissenschaftliche Aufmerksamkeit reflektiert eine wichtige,
bisher nicht genügend beachtete Dynamik der internationalen Politik der letzten 25
Jahre: das ungeheure Anwachsen des humanitären Hilfssektors, sowohl in finanzi-
ell-materieller als auch in ideell-normativer Hinsicht. Vor allem westliche Regie-
rungen haben in den letzten Jahrzehnten die Gelder für humanitäre Hilfe jedes Jahr
stetig stark angehoben, mit einem durchschnittlichen Anstieg um 20% pro Jahr
zwischen 1990 und 2010.3 Der größte relative Sprung fand zu Beginn der 1990er
von ca. drei auf seitdem 9-11% der official development assistance (ODA) statt.
Laut einer Studie von Abby Stoddard et al. stieg die Zahl der im internationalen
humanitären Bereich arbeitenden Menschen allein zwischen 1997 und 2005 um 77%
(Stoddard et al. 2006). Heutzutage beschäftigt der humanitäre Arbeitsmarkt fast
300.000 Menschen (UN 2013: 11).
Womit lässt sich diese Ausweitung von humanitärer Hilfe erklären? Im Unter-
schied zur bestehenden Literatur, die vor allem auf das Eigeninteresse der Geldge-
benden abzielt oder eine bestimmte Form der »Regierung der Welt« im zeitgenös-
sischen Kapitalismus identifiziert, diskutieren wir drei konkrete Gründe, die wir auf
Basis unserer langjährigen Forschung im humanitären Feld für zentral halten: Ers-
tens analysieren wir eine expansive Eigenlogik des Sektors, die sich vor allem aus
2 Vgl. die Daten des Uppsala Conflict Data Program auf http://ucdp.uu.se/; 12.2.2017.
3 Die Zahlen basieren auf den jährlichen Global Humanitarian Assistance Reports der Development
Initiatives (2010; 2011; 2013, 2015; 2016).
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dem dehnbaren Konzept der menschlichen »Bedürfnisse« (needs) ergibt, auf denen
das Bereitstellen von humanitärer Hilfe erklärtermaßen basiert. Zweitens argumen-
tieren wir, dass die individualistische und gleichzeitig einfache Idee der universellen
Schutzbedürftigkeit des menschlichen Lebens, die der humanitären Hilfe trotz aller
ihrer Widersprüche zugrunde liegt, eine starke Anziehungskraft auf Menschen aus
Gesellschaften ausübt, in denen es kaum Raum für politische Transformation zu
geben scheint. Drittens erläutern wir das zunehmend strategische Handeln von
Empfängerregierungen, die humanitäre Hilfe produktiv und legitimitätsfördernd in
die eigene Binnenpolitik integrieren. Dieser Versuch einer politikwissenschaftli-
chen Erklärung der Expansion humanitärer Hilfe hat ein zentrales Anliegen: Wir
wollen ergründen, durch welche Entwicklungen humanitäre Hilfe zu einer zentralen
Antwort des Globalen Nordens auf anhaltende Verelendung im Globalen Süden
avancierte. Denn hierin besteht die oben angesprochenen ideell-normative Auswei-
tung der humanitären Hilfe: Parallel zu ihrer Expansion scheinen andere Ansätze
zur Schaffung einer »Neuen Ökonomischen Weltordnung« (Prashad 2012) oder der
grundsätzlichen Überwindung von Krieg, die zwischen den 1970er und 1990er Jah-
ren in der »kritischen Friedensforschung« durchaus noch breit diskutiert wurden
(Schlichte 2015; Bonacker 2011), vollkommen aus dem Blickfeld geraten zu sein.
Dieser Artikel basiert auf unseren Forschungen zu verschiedenen Teilbereichen
der humanitären Hilfe. Während Sophia Hoffmann seit 2008 das Anwachsen des
humanitären Sektors im Nahen Osten erforscht erst im Verlauf der irakischen,
dann der syrischen Flüchtlingskrise ‒, beschäftigt sich Kai Koddenbrock seit 2008
mit humanitärer Hilfe und der UN Friedensmission MONUSCO in der Demokra-
tischen Republik Kongo und war als Berater und Analyst für verschiedene nationale
und internationale Organisationen tätig. Beide AutorInnen bedienen sich qualitati-
ver Forschungsmethoden. Die hier vorgestellten Forschungsergebnisse resultieren
aus mehreren Dutzend qualitativen Interviews mit Angestellten von humanitären
Organisationen und HilfsempfängerInnen, teilnehmender Beobachtung, intensiver
Beschäftigung mit jeweiliger Landespolitik und weitreichender Dokumentenana-
lysen.
Wir präsentieren unsere Analyse in vier Schritten. Zunächst stellen wir Kernele-
mente der materiellen und konzeptuellen Expansion der humanitären Hilfe dar. Da-
ran anschließend diskutieren wir einige der politikwissenschaftlichen Erkenntnisse
aus relevanter kürzlich erschienener Literatur und erörtern dann anhand der oben
genannten drei Aspekte möglicher Gründe für diese Expansion. Im vierten Teil dis-
kutieren wir die scheinbare Alternativlosigkeit der humanitären Hilfe im Kontext
der aktuellen Krisen und der westlichen Außenpolitik. Wir schließen mit einem
kurzen Fazit.
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Das rapide Wachstum der humanitären Hilfe: ein Überblick
In ihrer Selbstdarstellung grenzt sich humanitäre Hilfe von transformativeren For-
men der Intervention wie der Entwicklungspolitik ab und besteht darauf, kurzfristig
und ohne Ansehen der Person nur auf Basis objektiver Bedürfnisse und ohne poli-
tische Agenda Leben zu retten (Pictet 1979). Der humanitäre Hilfssektor aus Or-
ganisationen der Vereinten Nationen (UN), Nichtregierungsorganisationen (NGOs)
und Regierungsorganisationen bestand im Jahre 2014 aus 4480 Organisationen, die
ca. 300.000 Menschen beschäftigen (UN 2015). Hilfsleistungen wurden von diesen
Organisationen an ca. 80 Millionen Menschen geleistet (Development Initiatives
2016). Diese beeindruckenden Zahlen sind das Ergebnis eines rasanten Wachstums
seit den frühen 1990er Jahren, dessen Grundlagen durch wichtige politische Ereig-
nisse in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geschaffen wurden.
Die moderne humanitäre Hilfe fand im 19. Jahrhundert als Kriegsversehrtenfür-
sorge ihren Anfang. Im 20. Jahrhundert erlebte der Sektor zwei Phasen der Trans-
formation: Die erste Phase begann Ende der 1960er Jahre im Zuge des Biafra-Krie-
ges, als eine Gruppe von ÄrztInnen, die für das Rote Kreuz arbeiteten, das
Stillschweigen ihrer Organisation gegenüber den Verbrechen an nigerianischen Zi-
vilistInnen durch verschiedene Kriegsparteien öffentlich kritisierte. Dieser stark von
westlichen Medien beachtete Konflikt um die restriktive Interpretation des huma-
nitären Prinzips der Neutralität, die das Rote Kreuz an den Tag legte, führte zur
Gründung der Organisation Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontieres, MSF).
Die Praxis des Roten Kreuzes, niemals politisch zu werden, sondern die selbstge-
setzten Prinzipien der Unabhängigkeit, Neutralität und Unparteilichkeit wahrend,
mit allen relevanten AkteurInnen zu kooperieren, um die Versorgung aller Bedürf-
tigen zu gewährleisten, machte mit der Gründung des MSFs einer Form der stärker
interventionistischen, menschenrechtsfokussierten Hilfe Platz. So entstand in den
1960er und 70er Jahren eine neue Form von europäischer und amerikanischer Gras-
wurzelsolidarität mit »fremden« Opfern weltweiter Katastrophen. MSF finanziert
sich z. B. weitgehend über Privatspenden und achtet darauf, niemals wesentlich
mehr als 20% ihrer Gelder von Regierungen zu erhalten. Das zunehmende Miss-
trauen gegenüber staatlich finanzierter und organisierter humanitärer Hilfe, inklu-
sive wachsender Skepsis gegenüber der UN, ging einher mit einem wachsenden
Interesse der westlichen »Welt«-Öffentlichkeit, sich durch Aktionen internationaler
Solidarität direkt (ohne Umwege über Regierungen) an internationaler humanitärer
Hilfe zu beteiligen.
Die zweite Phase der Transformation begann Anfang der 1990er Jahre mit dem
Ende des Kalten Krieges. Zu diesem Zeitpunkt setzte die in diesem Artikel analy-
2.
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sierte, rapide Expansion der humanitären Hilfe ein, die bis dato durch die Block-
politik stark eingeschränkt gewesen war. Die internationalisierten Bürgerkriege im
ehemaligen Jugoslawien (1991-1995), Somalia (seit 1989), Sierra Leone
(1991-2001) und Liberia (1989-1997) sind hier als wichtige Weichenstellungen zu
betrachten, denn sie waren die ersten Kriege der blockfreien »Ordnung«, die der
UN und humanitären NGOs starke Präsenz verschafften.
Die Versäumnisse der Vereinten Nationen in diesen Kriegen (verdeutlicht durch
das Srebrenica-Massaker und den ruandischen Genozid) führten zu einer erneuten
Diskreditierung staatlicher Akteure, zu einem Zeitpunkt, an dem weltweit die An-
nahme um sich griff, dass staatliche Institutionen keine Garanten für gesellschaft-
lichen Fortschritt sein können. Parallel zur roll back the state-Doktrin, die interna-
tional vor allem durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank
vertreten wurde, kam es auch zu einer massiven Umverteilung von Regierungs-
spenden an Nichtregierungsorganisationen, sowohl im Entwicklungshilfe- als auch
im humanitären Hilfssektor. Das Resultat war ein erheblicher Anstieg von NGO-
Aktivitäten sowie eine stetig steigende Anzahl von AkteurInnen im humanitären
Feld, die mittlerweile mehrere tausend Organisationen umfasst (UN 2015).
Doch vor allem die global kontinuierlich wachsenden Aufwendungen für huma-
nitäre Hilfe zeichnen ein eindeutiges Bild: Inflationsbereinigt verdreifachten sich
die weltweiten Ausgaben, zwischen 1990 (3,4 Mrd. USD) und 2009 (11,7 Mrd.
USD) (Development Initiatives 2013: 13). Im Jahr 2015 wurden global sogar 28
Mrd. USD für humanitäre Hilfe ausgegeben, wobei davon 21,8 Mrd. USD von Re-
gierungen stammen und 6,2 Mrd. USD aus privaten Spenden (Development Initia-
tives 2016: 5).
Mittel für die humanitäre Hilfe werden durch Spendenkampagnen und sogenann-
te »humanitäre Appelle« generiert, in denen (fast) alle an einer Krise beteiligten
humanitären Organisationen ihre errechneten, benötigten Etats gemeinsam und
konsolidiert vorstellen. Wie die untenstehenden Abbildungen illustrieren, gibt es
einen deutlichen Anstieg der eingeforderten Mittel und der identifizierten humani-
tären Bedürfnisse (needs). Trotz punktuell sinkender Bedürfnisse zwischen 2005
und 2007 sowie zwischen 2011 und 2012 ist ein Aufwärtstrend sowohl hinsichtlich
der Bedürfnisse, der eingeforderten finanziellen Mittel als auch der Anzahl der Be-
günstigten festzustellen.4
4 Erst seit wenigen Jahren führen große humanitäre Organisationen systematisch Buch über das quan-
titative Anwachsen des humanitären Feldes als Ganzes. Seit 2013 evaluiert auch die UN ihre Arbeit
im humanitären Sektor. Die Ergebnisse werden in dem vom UN Office for the Coordination of
Humanitarian Affairs (UNOCHA) erstellten World Humanitarian Data and Trends Report darge-
stellt.
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Abbildung 1: EmpfängerInnen humanitärer Hilfe und angeforderte Gelder seit 2005
Quelle: World Humanitarian Data and Trends (UN 2015: 3)
Abbildung 2: Beziehung identifizierte Bedürfnisse (grau) und Finanzierungsbedarf (schwarz)
Quelle: World Humanitarian Data and Trends (UN 2013: 2)
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In den beiden zitierten UN-Berichten (2013; 2015) hinterfragen die Vereinten Na-
tionen selbst, ob dieses starke Wachstum wirklich nur auf das Anwachsen der Be-
dürfnisse zurückzuführen ist und konzedieren: »There is no simple explanation for
these trends. Growing awareness of and attention to pre-existing needs may play a
role. More important are the increasing and changing risks facing people around the
world« (UN 2013: 2). Die genannten Risiken umfassen »disasters, conflicts, and the
harsh day-to-day realities of poverty« (UN 2013: 2). So gebe es zwar in der Summe
weniger Konflikte, diese aber beträfen mehr Menschen. Auch die Sterblichkeitsrate
bei Naturkatastrophen sei gesunken, gleichzeitig falle ihnen aber eine größere An-
zahl von Menschen zum Opfer. Die Antwort der UN auf unsere Frage nach den
Gründen für den Aufstieg der humanitären Hilfe ist schließlich ein objektives
Wachstum der »Risiken« (UN 2013: 2). Ob eine solche Analyse in dieser Form
haltbar ist, werden wir unten diskutieren.
Neben der zunehmenden Anzahl der AkteurInnen und ihrer Etats umfasst die
Expansion der humanitären Hilfe noch zwei weitere wichtige Entwicklungen. Diese
können hier nur stark verkürzt angerissen werden, sind jedoch als Hintergrundwis-
sen für die weitere Analyse wichtig. Erstens geht das Anwachsen des Sektors mit
einer fortschreitenden Standardisierung und Kanalisierung humanitärer Hilfe ein-
her, was darauf abzielt eine bessere Koordinierung der ausufernden Zahl von Or-
ganisationen zu erreichen. Diese Standardisierung, die sich vor allem in einer Ho-
mogenisierung von Antrags- und Projektformaten niederschlägt, hat dazu geführt,
dass das Anwachsen des Sektors nicht mit einer Pluralität von Herangehensweisen
und Ideen einhergeht. Vielmehr sieht es heutzutage so aus, dass sobald eine Orga-
nisation größere Beträge beantragen möchte, sie sich den bürokratischen und kon-
zeptuellen Vorgaben des internationalen humanitären »Projektemarkts« unterwer-
fen muss (Krause 2014).
Zweitens hat die Ausweitung jenseits aller Zahlen auch eine konzeptuelle Kom-
ponente: eine Ausdehnung der humanitären Hilfe auf immer mehr Bevölkerungs-
gruppen und Lebensbereiche. Die Expansion auf neue Bevölkerungsgruppen funk-
tioniert hauptsächlich über eine wachsende Ausdifferenzierung der Gruppe der
»Bedürftigen« in immer mehr Sub-Identitäten und Kategorien. Diese beschränken
sich dabei längst nicht mehr nur auf die Erkenntnis, dass z. B. Frauen, Männer und
Kinder in Krisensituation unterschiedliche Bedürfnisse haben. Mittlerweile wird
unter anderem differenziert zwischen Kategorien wie female combatant, demobil-
ized child soldier, torture survivor oder older refugee, wobei für jede dieser Kate-
gorien spezielle Sonderprogramme erarbeitet, implementiert und finanziert werden
müssen. Diese Entwicklungen, die einerseits das Resultat der beschriebenen Ex-
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pansion sind, sie aber ihrerseits wiederum befördern, werden in den folgenden Ab-
schnitten weiter beleuchtet.
Die humanitäre Hilfe in Anthropologie und IB
Die zunächst vor allem amerikanische Literatur zu humanitärer Hilfe beschränkte
sich bis in die frühen 2000er Jahre primär auf die Frage, ob staatliche Gelder in
diesem Bereich vor allem aus politischen und strategischen Erwägungen oder auf
Basis objektiver Bedürfnisse ausgegeben würden (Drury et al. 2005; Kevlihan et al.
2014). In der disziplinären Sprache der Internationalen Beziehungen (IB) wurde
also die Frage gestellt, ob eine realistische Perspektive auf das nationale staatliche
Interesse als Erklärung der staatlichen Ausgaben für die humanitäre Hilfe ausreicht,
oder ob normative, ideelle Faktoren miteinbezogen werden müssen. Die Ergebnisse
dieser zumeist quantitativen Studien waren widersprüchlich. Mal überwog das na-
tionale Interesse (Drury et al. 2005), mal der staatliche Wille altruistisch den Be-
dürfnissen zu begegnen (Kevlihan et al. 2014).
Im europäischen Wissenschaftsraum gab es bis vor wenigen Jahren kaum poli-
tikwissenschaftliche Abhandlungen zum Thema humanitäre Hilfe, da letztere an-
fänglich vor allem für die an den gesellschaftlichen Prozessen im Globalen Süden
interessierte Anthropologie relevant war (Malkki 1996; Feldman 2009; Hyndman
2000).5 Seit dem Boom der humanitären Hilfe beginnend in den 1990er Jahren und
der daraus resultierenden Selbstbeschreibung als »humanitäres System« (ALNAP
o. J.), erschienen jedoch mehrere bedeutende Monographien und Sammelbände, die
in einer bestimmten Ausprägung des Humanitarismus ein zentrales Motiv der ge-
genwärtigen internationalen Politik erkennen.6 Dies hat zu einer wachsenden, kri-
tischen politikwissenschaftlichen Diskussion um den Inhalt und die Bedeutung von
humanitärer Hilfe geführt.7
3.
5 Zu dem Begriff »Globaler Süden« siehe Grovogui (2011). Wir verwenden den angelsächsischen
Begriff »Anthropologie« anstelle von dem im Deutschen üblichen »Ethnologie«, da die meisten
Publikationen zur humanitären Hilfe aus den angelsächsischem Raum stammen.
6 Dieses »humanitäre System« setzt sich aus den Vereinten Nationen, ihren spezialisierten Unteror-
ganisationen und Programmen, NGOs wie Ärzte ohne Grenzen, World Vision oder dem Internatio-
nalen Komitee des Roten Kreuzes zusammen, in: http://sohs.alnap.org/#introduction; 19.9.2016.
7 Hierzu zählen Didier Fassins »Humanitarian Reason. A Moral History of our Times« (2010), der
von Didier Fassin und Mariella Pandolfi herausgegebene Band »Contemporary States of Emergency.
The Politics of Military and Humanitarian Interventions« (2010), Eyal Weizmans »The Least of all
Possible Evils. Humanitarian Violence from Arendt to Gaza« (2012), Michael Barnetts »Empire of
Humanity. A History of Humanitarianism« (2011) und Mark Duffields »Development, Security and
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Diese, der humanitären Hilfe deutlich distanzierter gegenüberstehende Literatur,
könnte als »kritische Humanitarismusforschung« betitelt werden. Im Unterschied
zur amerikanischen Literatur ist nicht von »wir« und »unserer« Hilfe die Rede.
Stattdessen widmet sich diese Literatur auf Basis der Erfahrungen humanitärer
Helferin und Helfer den Widersprüchen und Problemen der humanitären Hilfe. So
hat sich eine breite, vor allem englisch- und französischsprachige Debatte an der
Frage der humanitären »Regierung« entzündet (Fassin 2009; Agier 2010; Ticktin
2011). Mit Michel Foucaults und den Arbeiten Giorgio Agambens zur Biopolitik
als zentrale Referenzpunkte, interessiert sich diese Literatur für die Regierung der
»Unerwünschten« (Agier 2010), der »Verworfenen Leben« (Baumann 2005) oder
dem »homo sacer« (Agamben 1998) – ohne dabei polit-ökonomisch oder explizit
kapitalismuskritisch zu sein.8 Empirisch wird humanitäre Hilfe, zum Beispiel mit
Blick auf Flüchtlingslager, als Regierungstechnologie analysiert. Dabei liegt der
Fokus häufig auf Exklusionsprozessen und der Unterscheidung zwischen zoe (po-
litisches Leben) und bios (biologisches Leben) – Kategorien, die Giorgio Agamben
aufbauend auf Foucault in die Debatte einbrachte (Agamben 1998; Duffield 2008;
Reid 2010; Agier 2010). In diesen Arbeiten wird gerade der lebensrettende Cha-
rakter der humanitären Hilfe nicht als neutrales Gut, sondern als eine politische
Intervention erfasst, die nachhaltigen Einfluss auf nationale und internationale Be-
ziehungen hat. Humanitäre Hilfe ist (bio-)politisch, denn sie lässt sterben und rettet
Leben, indem sie auf bestimmte Weise das Überleben zu managen versucht. Die
amerikanische Anthropologin Ilana Feldman (2012) schreibt dazu in einer ihrer
Untersuchungen zur humanitären Hilfe im Gazastreifen:
»Whether embracing a goal of social change or insisting on a narrow mission,
humanitarian work is biopolitical in practice: concerned with the welfare of
populations, developing techniques for tracking and managing caloric intake,
health indicators, educational attainment, and social well-being. It is also
biopolitical in the sense not just of ›fostering life‹ but disallowing it ›to the
point of death‹« (2012: 156-157).
Unending Wars. Governing the World of Peoples« (2008). Jüngere Monographien, die sich intensiv
mit einzelnen Facetten der humanitären Hilfe beschäftigen, unterstreichen das Bild eines wachsen-
den, wissenschaftlichen Diskussionszusammenhangs (vgl. Agier 2010; Krause 2014; Chouliaraki
2013; Schneiker 2013, Koddenbrock 2015; Hoffmann 2016). Hinzu kommt eine Reihe von Artikeln
zum Thema (Pallister-Wilkins 2014; Dany 2016; Schneiker 2014; Bulley 2014; Vaughn 2009,
Duffield 2012).
8 Für eine Auseinandersetzung mit Foucault und seiner Beziehung zur Kapitalismuskritik siehe
(Demirovic 2008; Koddenbrock 2015).
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Vor allem in Bezug auf den letzten Punkt (»disallowing it to the point of death«),
haben WissenschaftlerInnen die zentrale Rolle humanitärer Praktiken in Form der
Benennung (naming oder labeling) erkannt und in den Zusammenhang mit der
Verteilung humanitärer Güter gesetzt (Krause 2016). Denn im heutzutage hoch-
professionalisierten humanitären System werden Dienstleistungen nach verschie-
denen Graden der Bedürftigkeit verteilt, die sich in standardisierten Identitäten, wie
z. B. female headed household oder unaccompanied minor, ausdrücken. Als Reak-
tion darauf entwickeln sich seitens der HilfeempfängerInnen rationale Strategien,
wie beispielsweise vorzutäuschen Opfer sexualisierter Gewalt geworden zu sein,
um von einer der begünstigten Kategorie erfasst zu werden (Eriksson Baaz/Stern
2010; Utas 2005).
Neben dieser regierungstechnologischen Perspektive entstanden jüngst organi-
sationssoziologische und praxistheoretische Arbeiten wie The good project von
Monika Krause (2014), in dem die Funktionsweise des humanitären Feldes aus
feldtheoretischer Perspektiver erklärt wird. So zeigt Krause, in Anlehnung an
Alexander Cooley und James Rons einflussreichen Aufsatz über den »NGO-scram-
ble« (2002; Englisch für den kompetitiven Wettbewerb von NGOs um Marktantei-
le), dass humanitäre NGOs neben den bestehenden moralischen Imperativen und
humanitären Prinzipien viele weitere Faktoren wie Sichtbarkeit, Machbarkeit,
Mehrwert und Entsprechen des eigenen Projekte-Portfolio in ihre Entscheidungen
miteinbeziehen (vgl. Binder et al. 2013; Koddenbrock 2016).
Dadurch, dass das System wuchs, wurde es für ForscherInnen von innen beob-
achtbar – zum Beispiel durch ethnographische und praxistheoretisch-orientierte
Forschung innerhalb humanitärer Organisationen. In Kombination mit dem auf-
strebenden Genre der »humanitären Biographie« oder des »humanitären Erlebnis-
berichts« (z. B. Power 2008; Cain et al. 2006; Maskalyk 2010) wurde detailliertes
Wissen über die Funktionsweise und die inneren Widersprüche der humanitären
Hilfe generiert (Malkki 1996; Autesserre 2010; Smirl 2012).
Die Frage nach dem expansiven bzw. dem zunehmend systemischen Charakter
der humanitären Hilfe durchzieht diese disziplinär vielfältige Literatur wie ein roter
Faden. Denn sie hängt eng mit einer Kernfrage der kritischen Humanitarismusfor-
schung zusammen: worin liegt genau der politische Effekt der humanitären Hilfe,
die doch so sehr auf ihren unpolitischen Charakter pocht? Immer wieder beobach-
teten ForscherInnen, dass humanitäre Hilfsprojekte, wenn einmal angesiedelt, nicht
nach kurzer Intervention wieder verschwinden. Stattdessen wandeln sie sich häufig
zu jahre- oder jahrzehntelangen, quasi-permanenten Strukturen, die dauerhafte Ver-
änderungen der Gesellschaft und Politik vor Ort mit sich bringen (als Paradebei-
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spiele gelten die Situation im Gazastreifen oder die Situation in den Flüchtlingsla-
gern in Kenia).
Wie genau sich der Aufstieg der humanitären Hilfe erklären lässt, wird in den
entsprechenden Arbeiten jedoch nur implizit oder in Form großer Thesen behandelt.
So deuten die bereits zitierten Arbeiten von Michel Agier, Didier Fassin und Mark
Duffield indirekt die kapitalistisch geprägte Weltpolitik als Ursache, da unter an-
derem »reiche« Staaten darauf hinwirkten, dass verarmte Bevölkerungen und somit
letztlich potenzielle Flüchtlinge an »Ort und Stelle« blieben. So argumentiert
Agier:
»The development of the refugee camps from the 1960 s and 1970 s [...] were
only the anticipation and preparation […] of a political strategy and control
technique that closes the gates of the ›World‹ to all these undesirable ›Rem-
nants‹. This takes place behind the wonderful screen of the interventions of
rescue, protection, reconstruction and ›peace building‹ conducted by human-
itarian organizations and UN agencies« (Agier 2010: 4-5).
Didier Fassin stellt hingegen fest, dass sich seit dem Ende des Kalten Krieges in der
Weltpolitik ein Paradigmenwechsel im Umgang mit Armut vollzogen habe. Dort
wo es früher um Menschenrechte, Ungleichheit und Gerechtigkeit ging, stehe nun
Wohltätigkeit, Mitleid und Barmherzigkeit. Mitgefühl (moral sentiment) hat Kritik
an den Verhältnissen (social critique) ersetzt. Aus dieser Veränderung der soge-
nannten moral economy der Weltpolitik ergibt sich auch die Ausweitung der hu-
manitären Hilfe zum präferierten Instrument, um der globalen Armut zu begegnen
(Fassin 2011: 3-10).
Mark Duffield erklärt sich die Expansion der humanitären Hilfe besonders durch
ihre Anpassungsfähigkeit an sich ständig wandelnde politische und gesellschaftli-
che Vorgaben. In seinen neuesten Schriften beschreibt er diese als ein »Einbetten«
(Duffield 2016: 2; folding downwards) in immer destruktivere Verhältnisse, die
eigentlich im Widerspruch zu den Kernzielen der humanitären Hilfe stehen. Hu-
manitäre Hilfe »bettet sich ein« und »funktioniert« somit auch in Situationen zu-
nehmender Ungleichheit. So beschreibt Duffield, wie digitale Technologien eine
Situation schaffen, in der humanitäre Hilfe zum Ersatz für früher funktionierende
feste Infra- und Staatsstrukturen wird, die durch Krisen zerstört wurden (Duffield
2016). An Stelle struktureller Unterstützung beim Wiederaufbau erhalten die be-
troffenen Menschen SMS-Nachrichten mit Informationen, wo sie das nächste Mal
eine mobile Klinik von MSF besuchen können. Hier wird deutlich, dass eine Zu-
nahme humanitärer Hilfe durchaus negative Folgen haben kann, dann nämlich,
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wenn sie als Ersatz für nachhaltige Lösungen und politische Prozesse herangezogen
wird.
Unsere Analyse knüpft an die organisationssoziologischen und biopolitischen
Diskussionsstränge an. Einerseits zeigen wir, dass das strategische und mediale
Handeln der Hilfsorganisationen ein wichtiger Faktor des Aufstieges der humani-
tären Hilfe ist. Andererseits ist das intervenierende westliche Subjekt, wie es in den
zitierten Interviews deutlich wird, sichtlich von der neoliberalen Auffassung des
»there is no alternative« gezeichnet und sucht Selbstverwirklichung in der Lebens-
rettung, eines Lebens, das nicht als politisches verstanden wird. Schließlich ist aber
auch die Interaktion zwischen den Empfängerländern, humanitären Organisationen
und deren GeldgeberInnen zentral – ein Faktor der Stabilisierung und Verstetigung
humanitärer Hilfe, der bisher in der Literatur kaum thematisiert wurde.
Erklärungsansätze
In der Tradition der ethnographischen, interpretativen Forschung stehend (vgl.
Menzel 2014), ist unsere Analyse des Anwachsens der humanitären Hilfe von un-
seren je eigenen Feldforschungen und Erfahrungen in der DR Kongo, in Syrien und
in Jordanien geprägt, die auf ethnographischen Interviews und langjährigen Beob-
achtungen beruhen (Hoffmann 2016 a, 2016 b; Koddenbrock 2016). Wir erheben
dabei keinen Anspruch auf Exklusivität: uns ist klar, dass es wie in der oben dis-
kutierten Literatur viele weitere Gründe von staatlichen Eigeninteressen, bis hin
zum »CNN-Effekt«, für das Anwachsen der humanitären Hilfe gibt. Unsere, in die-
ser Hinsicht begrenzte Analyse zielt darauf, einen kritischen Denkanstoß zu liefern
und im besten Fall weitere Forschung und Debatten in der deutschen Friedens- und
Konfliktforschung zu diesem zunehmend relevanten Themenfeld anzuregen.
Während sich die materielle und geographische Ausbreitung der humanitären
Hilfe relativ anschaulich anhand von Zahlen und Graphiken darstellen lässt, gestal-
tet sich die Suche nach Erklärungsansätzen für diese Expansion abstrakter und
schwieriger. Wie lässt sich das immense Wachstum erklären? In dem nun folgenden
Abschnitt beschränken wir unsere Analyse auf drei Erklärungsansätze für dieses
Wachstum und erläutern, warum humanitäre Hilfe in den letzten Jahrzehnten be-
sonders gut zu den neoliberalen und militaristischen Politiken des Westens passte
und sich in sie »einbettete«.
1. Die expansive, organisationale Eigenlogik des Sektors, die aus einem akteurs-
übergreifenden Konsens entspringt, dass der Bedarf nach humanitärer Hilfe kon-
stant wächst; 2. Die besondere Attraktivität des Berufes als humanitäre HelferIn,
die sich aus materiellen und ideologischen Aspekten zusammensetzt; 3. Die zuneh-
4.
Aufsätze
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mende Bereitschaft von Empfängerländern, humanitäre Hilfe produktiv und legiti-
mitätsfördernd in die eigene Binnenpolitik zu integrieren. Unser Kernargument in
diesem Abschnitt lautet daher, dass sich die Expansion der humanitären Hilfe nicht
einfach aus anwachsenden humanitären Bedürfnissen ergibt. Vielmehr hängt sie
vornehmlich mit Prozessen innerhalb von Hilfsorganisationen und in den Empfän-
ger- und Geberländern zusammen, die das Anwachsen begünstigen.
Der Systemkonsens über die ever-growing needs
Innerhalb des humanitären Sektors selbst wird das eigene Wachstum mit kontinu-
ierlich gestiegenen humanitären Bedürfnissen und der Zunahme generischer »Ri-
siken« erklärt sowie mit der Entwicklung besserer Maßnahmen, hilfsbedürftige
Menschen tatsächlich zu erreichen (UN 2015). Wir hegen jedoch Zweifel daran, ob
dieser permanent identifizierte Anstieg der Bedürfnisse tatsächlich so eindeutig zu
beobachten ist. Denn sowohl Statistiken zu Betroffenenzahlen als auch unsere ei-
genen Feldbeobachtungen weisen auf gegenläufige Trends hin, die einer Erklärung
bedürfen. Das Anwachsen von needs sollte daher eher als ein möglicher Faktor
verstanden werden, während weitere Faktoren, die nicht im Zentrum der Aufmerk-
samkeit stehen, eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielen.
So zeigt ein statistischer Vergleich von identifizierten Bedürfnisse mit Daten zu
Betroffenenzahlen von Naturkatastrophen und Konflikten Fluktuationen und auch
lange Phasen des Rückgangs der Betroffenenzahlen – während derer die Expansion
der humanitären Hilfe jedoch, mit kleinen Unterbrechungen, beständig fortschritt.
Zum Beispiel belegt eine Analyse der Anzahl der Betroffenen von Naturkata-
strophen nicht die im Vorangegangenen bereits angesprochene von UNOCHA sta-
tuierte Zunahme, sondern zeigt, mit einem »klimatologischen« Ausreißer im Jahre
2002, eine sinkende Betroffenenzahl zwischen 2002 und 2006, einen Anstieg zwi-
schen 2006 und 2010 sowie ein erneutes Sinken bis 2013. Die Tatsache, dass die
tiefsten gemessenen Betroffenenzahlen seit fast 15 Jahren in den Jahren 2012
und 2013 zu verzeichnen waren, kompliziert das Narrativ der ständig wachsenden
Bedürfnisse und Risiken erheblich. Es scheint Phasen des Anstiegs und des Abstiegs
zu geben aber definitiv keinen konstanten Aufwärtstrend.
4.1
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Abbildung 3: Anzahl der von Desastern Betroffenen (disaster-affected) aus Afrika, Asien und
Lateinamerika; in Tausend US Dollar bezifferter Sachschaden weltweit von 2000-2015
Quelle: EM-DAT 2016: The CRED/OFDA International Disaster Database9
Auch die These, dass es einen Formwandel der Konflikte gegeben habe, wodurch
zwar deren Anzahl und die Anzahl der Getöteten abgenommen habe, es aber gleich-
zeitig insgesamt mehr Betroffene gebe, lässt sich durch die von UN-Organisationen
selbst erhobenen Daten nicht eindeutig belegen.10 Die vom Internal Displacement
Monitoring Center erhobenen Zahlen zur Anzahl von Geflüchteten und Binnenver-
triebenen zeigen ebenfalls erst seit 2005 einen Aufwärtstrend, der wiederum erst
seit dem jüngsten Syrienkrieg seit 2012 höhere IDP-Zahlen anzeigt als in den bis-
herigen Rekordjahren 1993 und 1994 (siehe Abbildung 4) (Internal Displacement
Monitoring Center 2016).
9 Die Datenbank erlaubt eine Differenzierung zwischen verschiedenen Arten von Desastern je nach
Kontinent. Der enorme Anstieg im Jahr 2002 hängt mit einer großen Trockenheit in Indien zu-
sammen, die punktuell zu Hungersnot führte. Analysiert man die Zahl der Toten aufgrund von
Desastern, lässt sich ebenfalls kein konstanter Anstieg verzeichnen.
10 Die Zunahme von Betroffenen trotz Rückgang von Konflikten und Getöteten wird dadurch erklärt,
dass mehr Menschen von den sogenannten low-intensity conflicts betroffen seien und damit auch
humanitäre Hilfe benötigten.
Aufsätze
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Abbildung 4: Anzahl an Flüchtlingen und Binnenvertriebenen (IDPs) seit 1989
Sources: UNHCR, UNRWA for refugee figures; IDMC and USCR for internal displacement figures
Note: Refugee data for 2015 was not available at the time of writing
Quelle: IDMC 2016: 27
Unsere Analyse deutet also darauf hin, dass das Wachstum der humanitären Hilfe
weiterer Erklärungen als der immerzu wachsenden Bedürfnisse bedarf. Wir argu-
mentieren, dass letztere sich auch aus der expansiven, inneren Logik und Funkti-
onsweise der humanitären Organisationen selbst ergeben. Diese führen zu einer
ständigen Ausweitung der humanitären Aufgabengebiete und generieren selbst die
Wahrnehmung der stetig wachsenden needs. Der Bedarf, den humanitäre Organi-
sationen im Namen der vermeintlich Betroffenen anmelden, ist also primär ein Er-
gebnis der ausgehandelten Arbeitsbereiche und modi operandi und nicht der ob-
jektiven Situation der Betroffenen und ihrer Anzahl. Mit der »Eigenlogik« der
Organisationen bezeichnen wir also das, was im militärischen Jargon mission
creep genannt wird. InterventionsakteurInnen suchen sich immer weitere Aufga-
bengebiete, um ihre Präsenz zu perpetuieren.
Ein Beispiel für eine solche Entwicklung ist die Ausweitung des Mandates des
UNHCR auf die Situation von Binnenflüchtlingen (internally displaced people,
IDPs). Dieser zunächst sehr kontrovers diskutierte Schritt vollzog sich schließlich
ohne eine offizielle Abstimmung der UN-Vollversammlung mit der Einführung des
Cluster-Systems. Dieses Cluster-System basiert auf dem arbeitsteiligen Manage-
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ment verschiedener Komponenten der humanitären Hilfe – von camp manage-
ment über logistics bis food security und anderen – unter der Leitung einer desi-
gnierten lead agency (Steets et al. 2010). So zeigen Jahresberichte des UNHCR,
dass sich im Jahr der Installation des Cluster-Systems nicht die Anzahl der IDPs
geändert hat, sondern die Bereitschaft des UNHCR, sich ihrer anzunehmen. Ein
Anstieg der IDP-Bedarfe wurde erst 2005 vermeldet, als das System, aufgrunddes-
sen das UNHCR auch für IDP-Camps den sogenannten cluster lead übernahm und
sich damit für ihre Betreuung zuständig erklärte (Morris 2006), eingeführt wurde.
So verdoppelte sich zwischen 2005 und 2006 die Anzahl der »IDPs proteted/assisted
by UNHRC« von 6,6 Millionen auf 12,8 Millionen (UNHCR 2015: 30), während
die Anzahl der IDPs nur geringfügig zunahm (siehe Abbildung 4). Im Jahre 2015
unterstützte das UNHCR 37,5 Millionen IDPs, die fünffache Zahl, die noch vor 9
Jahren erreicht wurde (UNHCR 2015: 30).
Abbildung 5: Anteil der Ausgaben für humanitäre Hilfe für langfristige Empfängerländer
Source: Development Initiatives based on OECD Development Assistance Committee and UN Central
Emergency Response Fund data
Notes: Long-, medium-, or short-term classification is determined by the length of time the country has
received an above-average share of its ODA in the form of humanitarian assistance. Calculations are
based on shares of country-allocable humanitarian assistance. Data is in constant 2014 prices.
Quelle: Development Initiatives (2016: 63)
Diese Entwicklung ermöglicht es nun, dass in Ländern, in denen das UNHCR
Flüchtlinge versorgt, auch Teile der ärmeren lokalen Bevölkerung als angebliche
IDPs »entdeckt« werden und durch das UNHCR versorgt werden. Dies geschah
Aufsätze
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zum Beispiel in Syrien, als im Zuge der massiven Ausweitung von UNHCR-Pro-
grammen als Antwort auf die ankommenden irakischen Flüchtlinge plötzlich auch
verarmte syrische Bauern und Bäuerinnen, die wegen einer langen Dürre ihre Dörfer
verließen, als »neu entdeckte IDPs« in den Fokus des UNHCR rückten. Inzwischen
sind diese Bäuerinnen und Bauern in die Kategorie »Klimaflüchtlinge« aufgerückt,
und werden von einigen BeobachterInnen als einer der Gründe für den syrischen
Volksaufstand im Jahre 2011 benannt (Gleick 2014; Fountain 2015).
Das humanitäre System hat sich vor allem in »fragilen Staaten« langfristig eta-
bliert (Call 2011; Lambach 2013). Dies hat zur Folge, dass es für humanitäre
AkteurInnen immer weniger Gründe, geschweige denn Druck gibt, eine »Exit-Stra-
tegie« zu entwickeln und das Land zu verlassen, sobald die Krise abgeflaut ist. Die
obenstehende Abbildung 5 illustriert, dass ein immer größerer Anteil der Gelder
in Länder fließt, in der die humanitären Organisationen bereits seit längerem, d. h.
seit über acht Jahren arbeiten: bis 2013 stieg er auf 66% (Development Initiatives
2015).
Abbildung 6: Anteil der Ausgaben für humanitäre Hilfe an der offiziellen Entwicklungshilfe
(ODA) in »fragilen Staaten«
Source: 1990-2010 OECD-DAC data representing total humanitarian aid to states classified as fragile
in 2008. 2010-2014 OECD-DAC data representing total humanitarian aid to states classified as fragile
in 2014.
Quelle: Bennett (2015: 8)
Abbildung 6 des Overseas Development Institutes unterstreicht diese zunehmend
zentrale Rolle der humanitären Hilfe in sogenannten »fragilen« Kontexten. Die Ei-
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genlogik dieser Expansion liegt darin, dass sich die Organisationen für derartige
Situationen nun dauerhaft zuständig fühlen und dafür auch die nötigen Mittel ak-
quirieren können. Schwache Staatlichkeit gab es auch in den ersten postkolonialen
Jahrzehnten, z. B. während der Shaba-Rebellionen in der DR Kongo (Koddenbrock
2016: 28-55). Aber es gab damals das »humanitäre System« nicht und die humani-
täre Hilfe hatte weder materiell noch ideell die Prominenz, die sie heute genießt.
Es drängt sich also der Eindruck auf, dass die Arbeitsweise von humanitären
Organisationen und ihre Bereitschaft und Fähigkeit, mehr zu tun und länger zu
bleiben – es gibt zunehmend mehrjährige Appelle für long-term recipients (Bennett
et al. 2016) – ein wesentlicher Faktor für das wahrgenommene Anwachsen der Be-
dürfnisse ist.
Die expansive Eigenlogik des humanitären Sektors lässt sich auch anhand einer
zunehmenden, konzeptuellen Ausweitung des Begriffes der needs selbst beobach-
ten. So werden nicht nur mehr Bedürfnisse identifiziert, sondern eine wachsende
Anzahl an Tatbeständen wird unter dem Begriff des Bedürfnisses subsumiert. Ein
einschlägiges Beispiel für diese semantische Expansion ist »Schutz«. »Schutz«
wurde jüngst zu einem Bedürfnis, das durch humanitäre Akteure befriedigt werden
kann und auch sollte (vgl. Soussan 2008). Schutz oder protection stammt ursprüng-
lich aus der Asyl-Debatte, um die Flüchtlingskonvention von 1951 (Barnett 2011).
Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sich das Verständnis von protection stark
ausgeweitet. Das Mindestmaß an Schutz, das Flüchtlingen rechtlich zusteht, ist der
Schutz vor unfreiwilliger Rückführung ins Heimatland (refoulement). Ironischer-
weise wird genau dieses Recht seit Jahren mehr und mehr ausgehöhlt, ohne dabei
größeren Protest seitens der humanitären Organisationen zu provozieren. Gleich-
zeitig hat sich in anderen Bereichen der humanitären Arbeit die Interpretation von
protection zu einer Ansammlung vielschichtiger, sich dauernd verändernder An-
wendungen ausgeweitet. So formuliert die vom UNHCR im Jahre 2002 präsentierte
Agenda for Protection eine ambitionierte, internationale Agenda zur Ausweitung
des Flüchtlingsschutzes:
»Another of the programme’s goals, addressing security related concerns more
effectively, focuses on the myriad security problems confronting refugees. The
breakdown in social and cultural systems, the separation from or loss of family
members and community, and the impunity with which perpetrators of crimes
against refugees act, render refugees, and particularly refugee women and
children, vulnerable to abuse« (UNHCR 2003: 14).
Um die komplexen Sicherheitsprobleme von Flüchtlingen zu beheben, formuliert
die Agenda for Protection vielfältige Maßnahmen, die von Bildungsangeboten für
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Kinder und Jugendliche über die Beachtung von »Hilfe zur Selbsthilfe«-Prinzipien
bis hin zu Konfliktreduzierung zwischen verschiedenen Flüchtlingsgruppen rei-
chen. Heutzutage wird humanitärer Schutz also als eine große Bandbreite von
Interventionen verstanden, die von der Bereitstellung von Obdach und lebensnot-
wendigen Gütern bis hin zu hochkomplexen Prozessen wie z. B. der Wiederein-
gliederung von Kindersoldaten oder den Heilungsprozessen traumatisierter Frauen
reicht.
Statt immer weiterwachsender needs ist also angesichts der oben genannten ver-
lässlichen Daten eher die inkrementelle Steigerung von Ausgaben und der zuneh-
mend breiter interpretierten Interventionskonzepte needs und protection für den
Anstieg der humanitären Hilfe verantwortlich zu machen. Er ist also zu einem guten
Teil »selbstgemacht«.
Die Attraktivität der Arbeit als humanitäre Helferin oder humanitärer
Helfer
Neben der expansiven Eigenlogik der humanitären Hilfsorganisationen hat auch die
Attraktivität der Arbeit als humanitäre Helferin oder Hefter einen wichtigen Einfluss
auf den Boom humanitärer Hilfe (Dauvin/Siméant 2002). Jüngere Studien wie Ad-
ventures in Aidland (Mosse 2011), Peaceland (Autesserre 2014), The Paradoxes of
Aid (Roth 2015) oder The Practice of Humanitarian Intervention (Koddenbrock
2016) widmen sich oft mithilfe biographischer Interviews und teilnehmender Be-
obachtungen dieser Dimension des Aufstiegs humanitärer Hilfe, die auch vom Li-
teraturgenre der humanitären (Auto-)Biographie behandelt wird (Cain et al. 2006;
Maskalyk 2010; Power 2008). Dass die humanitäre Hilfe ein aufnahmefähiges Feld
für idealistisches und risikofreudiges junges Personal ist, zeigt sich z. B. darin, dass
auf dem UN-Portal Reliefweb allein im Jahr 2014 26.000 offene Stellen ausge-
schrieben wurden. Zusätzlich belegen zwei weitere personenbezogene Faktoren,
dass humanitäre Hilfe ein stark wachsendes Berufsfeld ist: erstens, das ungeheure
Wachstum der Anzahl spezialisierter Masterstudiengänge in den letzten zehn Jahren
und zweitens, die zahlreichen Institutionen, die sich der Professionalisierung des
Berufs »humanitäreR HelferIn« widmen. Zu diesen zählen unter anderem Organi-
sationen wie People in Aid oder das Sphere Project, welche sich darum bemühen,
Mindeststandards und Ausbildungsinhalte für den Sektor festzulegen. Das Wachs-
tum der Studiengänge hingegen präsentiert sich beispielsweise in Form des 1993
gegründeten Network for Humanitarian Action (NOHA), einer internationalen As-
soziation von Universitäten, die Studiengänge im Bereich humanitäre Hilfe anbie-
ten.
4.2
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Das Erscheinungsbild der humanitären Hilfe in Krisenkontexten wie beispiel-
weise dem Osten der DR Kongo, ist von relativ jungen EuropäerInnen und Ameri-
kanerInnen sowie zahlreichen kongolesischen Angestellten dominiert. Krisenkon-
texte wie in Ostkongo, Südsudan, Afghanistan und Irak bieten wichtige
Einstiegsposten in das Berufsfeld der humanitären Hilfe, da sie aufgrund der
schlechten Vereinbarkeit mit einem Familienleben längerfristig für »ältere« huma-
nitäre Helferinnen und Helfer selten in Frage kommen. So besteht eine Arbeitstei-
lung zwischen den kurzfristig für bestimmte Aufgaben, wie den needs assess-
ments oder dem Aufbau von Projektinfrastrukturen eingeflogenen spezialisierten
MitarbeiterInnen einerseits. Und andererseits den vor Ort stationierten, oft sehr er-
fahrenen BüroleiterInnen, einer gewissen Anzahl von etwas längerfristig bleibenden
»westlichen« Angestellten (für die es meist der erste oder zweite Arbeitsaufenthalt
als humanitäre Helferin oder Helfer ist) und einer Mehrheit von local staff, die je-
doch selten Entscheidungsbefugnisse haben. Darüber hinaus gibt es eine geringe
Anzahl von Expatriates aus dem Global Süden – insbesondere in den UN-Organi-
sationen – die den westlichen Mitarbeitenden weitestgehend gleichgestellt sind.
Innerhalb der humanitären NGOs und UN-Organisationen übernehmen die
»WestlerInnen« für gewöhnlich in der Hierarchie höher angesiedelte Posten und
arbeitsteilig anspruchsvollere Aufgaben, während das in diesem Fall kongolesische
Personal für die alltäglichen Arbeiten im Feld, wie Fahren, Kochen, Putzen, Be-
schützen und Überwachen oder Übersetzen, zuständig ist. Auch abseits des Berufs-
alltags findet kaum Interaktion zwischen »locals« und »internationals« statt. Die
Expatriats bleiben oft unter sich, wohnen in WGs und führen eine Art »Studieren-
denleben«, welches einen auffälligen Kontrast zu extremen und aufreibenden Er-
fahrungen im Arbeitsfeld bildet. Diese Parallelgesellschaften sind oft nicht inten-
diert und werden auch immer wieder beklagt, korrespondieren aber direkt mit der
politischen Ökonomie der Hilfe, den Status- und Wohlstandsunterschieden, auf der
sie fußen.
Biographische Interviews mit humanitären Helferinnen und Helfern in Goma,
Ostkongo, fördern ein bestimmtes Profil der humanitären Hilfe zutage, das diesen
Job so scheinbar attraktiv macht (Koddenbrock 2016: 84-112).11 Fast ausnahmslos
nahmen die Interviewees zunächst aus idealistischen Gründen oder einfach, weil sie
eigenen Angaben zufolge neugierig waren (vgl. Roth 2015: 83), an den Befragungen
11 Diese Interviews sind bereits zwischen 2009 und 2011 geführt worden. Ihre Ergebnisse bedürfen
angesichts der zunehmenden Politisierung westlicher Gesellschaften möglicherweise bald einer
Aktualisierung, denn es ist denkbar, dass eine Umorientierung junger westlicher Absolventinnen
und Absolventen hin zu anderen Feldern des Engagements – auch in den Heimatgesellschaften –
einsetzt.
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teil. Ihr Idealismus speist sich aus dem gefühlten Widerspruch zwischen den mas-
siven Hilfsbedürfnissen der Menschen in Krisenregionen und der alle Annehmlich-
keiten bietenden Heimatgesellschaft. Wohlstand und mangelnder politischer Spiel-
raum lässt idealistische Arbeit im Heimatkontext weniger nötig, möglich und
effektiv erscheinen. Die humanitäre Hilfe ist konkurrenzlos, wenn es um die Erfül-
lung des Bedürfnisses geht, mit der eigenen Arbeit eine sichtbare Wirkung zu er-
zielen. Eine Menschenrechtsanalystin der UN-Friedensmission MONUSCO be-
richtet zu ihrer Motivation:
»I just love it. It’s extremely interesting. I’ve never done something so inter-
esting. My work is my fuel. I’m rushing to go to work sometimes because there
is so much to do … we really really really do something. But it’s usually small.
I think in the big we don’t do much« (Interview UN-Angestellte 5.8.2009,
Goma).
Das Zitat illustriert wie motivierend die Arbeit als humanitäreR HelferIn sein kann,
da man wirklich Sichtbares erreicht. Zugleich ist aber auch solch motivierten Hel-
ferInnen klar, dass die strukturellen Effekte der humanitären Hilfe möglicherweise
gering oder sogar fragwürdig sind.
Gleichzeitig speist sich die humanitäre Hilfe aus einer weit verbreiteten Abnei-
gung gegen Entwicklungspolitik, die als seit Jahrzehnten gescheitert und als unnötig
paternalistisch und neokolonial gilt. Der wahrgenommene Vorteil der humanitären
Hilfe liegt darin, dass sie objektiv nötig und sinnvoll erscheint. Gleichzeitig greift
sie vermeintlich nicht zu sehr in die intervenierten Gesellschaften ein, da sie ja nur
kurzfristig und symptomorientiert vorgeht und nicht die Transformation der Ge-
sellschaften zum Ziel hat. So antwortete z. B. eine amerikanische Angestellte des
während der Zweiten Weltkriegs von Albert Einstein mit gegründeten International
Rescue Committees (IRC) auf die Frage, was für sie die Erfolge ihrer Arbeit seien:
»I think there are always successes. I think that is another good thing about
emergency work specifically. Those of us who work specifically in the emer-
gency field have the benefit of reaping very fast and easy results. You do
additional NFI [Non-food items like buckets and other items needed for daily
life] for 2,000 families, there is 2,000 families that you know are better
equipped to live a life in dignity for the next month, month and a half. Same
thing with WASH [Water, Sanitation and Health] activities. It’s kind of not
even questionable there is a clear impact to what we do because it has to be
done« (Interview NGO-Angestellte, 12.9.2009, Goma).
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Sobald die »westlichen« humanitären Helferinnen und Helfer aber einige Jahre in
diesem Metier gearbeitet haben, setzt oft ein Prozess der Entzauberung ein: Die
Arbeit wird zu einer mitunter problematischen Normalität, die weniger idealistisch
überhöht wird. Die Erkenntnis, dass die humanitäre Hilfe auch ein sich selbst-per-
petuierendes Feld mit anstrengenden Positionskämpfen zwischen UN-Organisatio-
nen und NGOs ist, setzt sich zunehmend durch. Der »rubbish that goes with it«
(Interview NGO-Angestellter, 9.9.2009, Goma) wird akzeptiert und es kommt zu
einem sukzessiven Abschied von der Konfrontation mit den Problemen humanitärer
Hilfe vor Ort. So bewerben sich HelferInnen mit zunehmendem Alter vermehrt auf
Jobs in den Hauptsitzen der Organisationen, in Genf, London, Paris oder New York.
Die Arbeit bei manchen NGOs wie dem Norwegian Refugee Council ist sehr gut
bezahlt und auch die UN zahlt sehr gut. So konnte einE MA-AbsolventIn mit zwei
Jahren Berufserfahrung als Protection officer im Ostkongo im Jahr 2009 12.000
USD pro Monat verdienen – ohne dies versteuern zu müssen. Auch derartige mo-
netären Anreize machen humanitäre Hilfe als Berufsfeld attraktiv.12
Die Interviews mit humanitären Helferinnen und Helfern sowohl in Goma als
auch in New York, dem Sitz des UN-Hauptquartiers, rücken jedoch insgesamt ideo-
logische Gründe für diese Arbeit in den Mittelpunkt: Für Menschen, die sich Anfang
des 21. Jahrhunderts mit globalen Ungleichheiten auseinandersetzen wollen und
gegen sie anzugehen versuchen, erscheint die humanitäre Hilfe als relativ erfolgs-
versprechend und alternativlos – bei gleichzeitigem Abwechslungsreichtum und
guter Bezahlung.
Integration der humanitären Hilfe in die Binnenpolitik der
Empfängerländer
Neben der bürokratischen Expansion des westlich dominierten Feldes der humani-
tären Hilfe und der individuellen Motivation, diesen »spannenden« Beruf auszu-
üben, sehen wir als einen weiteren Grund für das Anwachsen des humanitären Sek-
tors dessen immer kompetentere Einbindung in die Binnenpolitik der
Empfängerländer. Diese geht einher mit einer aktiveren Politik der Einforderung
von humanitärer Hilfe durch die Empfängerregierungen unter der Voraussetzung,
4.3
12 Trotz der weiterhin vorhandenen, gut bezahlten Stellen lässt sich auch im humanitären Bereich
eine zunehmende Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse beobachten, die sich vor allem in sehr
kurzen Vertragslaufzeiten niederschlägt. Diese sind zwar durch die kurze Laufzeit von humanitären
Projekten begründet, da humanitäre Projekte als eigentlich kurzzeitige Nothilfemaßnahmen von
GeldgeberInnen immer maximal für zwei Jahre gefördert werden. Doch im Zeitalter der immer
länger andauernden Krisen hat diese Praxis in der Realität eine neue Schicht humanitäreR Hel-
ferInnen hervor gebracht, die sich von Kurzzeitvertrag zu Kurzzeitvertrag hangelt.
Aufsätze
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dass bestimmte Prozentsätze der Flüchtlings- oder IDP-Hilfen für lokale, benach-
teiligte Bevölkerungsteile verwendet werden.
Die Demokratische Republik Kongo zum Beispiel leidet sowohl unter ihrer un-
vorteilhaften geostrategischen Lage als auch unter einer polit-ökonomischen Elite,
die sich seit des mit westlicher Hilfe ermordeten, ersten frei gewählten Premiers
Patrice Lumumba (de Witte 2001) oft auf die Ausbeutung der natürlichen Ressour-
cen zum Zwecke der eigenen Bereicherung beschränkt und nicht konsequent an
einer Investitionsoffensive für die Masse der Bevölkerung interessiert ist. Zwar ist
die Amtszeit des nun seit fast 15 Jahren regierenden Joseph Kabila (noch) nicht mit
den drei Regierungsdekaden unter Regierung Mobutu Sese Séko zu vergleichen,
aber seine Bilanz ist trotz anhaltenden Wirtschaftswachstums aus den Augen der
Bevölkerung durchwachsen. Die Art und Weise wie die für Dezember 2016 anvi-
sierten Präsidentschaftswahlen verschleppt wurden, lässt überdies darauf schließen,
dass auch Kabila einer jahrzehntelangen Herrschaft gegenüber nicht abgeneigt zu
sein scheint – auch wenn er seine Demission für Ende 2017 angekündigt hat.
Die humanitäre Hilfe, die insbesondere den Osten des Kongo um die Provinz-
hauptstadt Goma massiv umstrukturiert hat (Büscher/Vlassenroot 2010), ist aus
Regierungssicht ein willkommenes Geschenk, um die seit dem ruandischen Genozid
immer wieder in Konflikten versinkende Provinzen Nord- und Süd-Kivu notdürftig
versorgen zu lassen. Da ihr auf diese Weise einiges an Arbeit abgenommen wird,
hat die Kabila-Regierung kein großes Interesse daran, die humanitären Helferinnen
und Helfer des Landes zu verweisen, so lange sie nicht zu offen Kritik an Kabilas
Amtsführung üben.
Der Aufstieg humanitärer Hilfe und die äußerst prominente Rolle die sie in Kri-
senkontexten wie dem Ostkongo einnimmt, ist also auch ein Resultat einer Inter-
essenkongruenz zwischen Hilfesendenden und den Regierungen der empfangenden
Staaten. Hinzu kommt das stille Eingeständnis, das andere, strukturellere Lösungen
nicht auf die Agenda gelangen werden und man bis dahin weitermachen wird wie
gehabt.
Eine entsprechende strukturelle Lösung für den Osten des Kongos und seine Be-
ziehung zu Ruanda könnte sein, einen Friedensprozess, analog zu den wiederholten
Lösungsversuchen des Israel-Palästina-Konflikts anzustoßen. Denn sowohl die ru-
andische als auch die kongolesische Regierung berufen sich immer wieder auf die
unzulässigen Eingriffe in ihre nationale Souveränität. Seien es nun die FDLR-Re-
bellengruppe, die seit dem Genozid verspricht die ruandische Regierung zu stürzen
– auch wenn sie dazu schon lange nicht mehr die dazu Kapazitäten hat; oder ruan-
disch finanzierte Rebellengruppen wie CNDP oder M23, die wiederum die kongo-
lesische Regierung bloßzustellen suchen. Ohne ein großangelegtes Amnestie- und
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Arbeitsmarktprogramm wird der Konflikt im Osten des Kongo noch viele Jahre
weiter schwelen. Die humanitäre Hilfe stabilisiert die Situation seit fast 15 Jahren
und reduziert auf allen Seiten die Anreize, die politökonomischen Herausforderun-
gen wirkmächtig anzugehen.
In Syrien und Jordanien ist der Aufstieg humanitärer Hilfe jüngeren Datums
erst seit 2008 besteht ein wahrnehmbarer humanitärer Hilfssektor – aber er vollzog
sich umso rapider. Während es in Jordanien schon seit Jahrzehnten einen großen,
internationalen Entwicklungshilfesektor gibt, lag Syrien vor dem Jahr 2000 nicht
im »Einzugsfeld« internationaler Organisationen, selbst IWF und Weltbank waren
dort nicht aktiv (Hoffmann 2013). In beiden Ländern erschienen internationale hu-
manitäre Organisationen erst im Zuge der irakischen Flüchtlingskrise (etwa
2005-2010). Ab 2012 schwenkten sie in Jordanien jedoch auf die Versorgung von
syrischen Flüchtlingen und in Syrien, nach zähen Verhandlungen mit der syrischen
Regierung, auf die Versorgung der sogenannten war affected population (also Sy-
rern und Syrerinnen) um.13 In beiden Ländern lässt sich eine zunehmend aktive und
geschickte Einbindung der humanitären Hilfe in die Binnenpolitik beobachten, zum
Beispiel in Form der immer geschickteren Nutzung der bereitgestellten Gelder und
Güter. Der Umgang mit humanitären Akteuren, die anfangs von den skeptischen
Regierungen auf Distanz gehalten wurden, hat sich in beiden Ländern stark profes-
sionalisiert.
In Syrien ist diese Entwicklung besonders erstaunlich, da die Regierung noch vor
wenigen Jahren internationalen Organisationen extrem misstrauisch und sogar
feindselig begegnete. Die ersten humanitären Organisationen, die sich 2008 in Sy-
rien niederließen, mussten bürokratische Spießrutenläufe absolvieren und wurden
durch Bespitzelung und erdrückende Kontrollen in ihrer Arbeit stark behindert (In-
terviews und Beobachtungen in Damaskus 2009-2010). Es galt die strenge Regel,
dass Organisationen Hilfsgüter nur an die irakische Bevölkerung liefern durften,
wodurch der Kontakt zur Lokalbevölkerung minimiert werden sollte. Nur wenige
Jahre später sieht die Situation ganz anders aus: nicht nur ist das humanitäre Budget
für Syrien weiter stark gestiegen, zudem wird es heute nahezu ausschließlich für die
Versorgung von Syrern und Syrerinnen verwendet – mit dem ausdrücklichen Ein-
verständnis der syrischen Regierung. Was ist geschehen? Zusammengefasst lässt
sich sagen, dass die syrische Regierung ein System entwickelt hat, durch das hu-
13 Der humanitäre Sektor in Syrien ist der Besonderheit unterworfen, dass die Organisationen, die
mit dem Einverständnis der syrischen Regierung von syrischem Boden aus operieren, nur in re-
gierungskontrollierten Gebieten aktiv sein dürfen. Rebellengebiete werden gegen den Willen der
syrischen Regierung von Organisationen mit Sitz in einem der Nachbarstaaten beliefert, in Form
sogenannter cross border-Aktivitäten.
Aufsätze
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manitäre Organisationen weiterhin einer strengen Kontrolle unterliegen, ihre Mittel
und Ressourcen allerdings gewinnbringend in die eigene Binnenpolitik eingebun-
den werden können.
Zentral für dieses System ist zum einen die für alle humanitären Organisationen
verpflichtende Zusammenarbeit mit dem Syrischen Roten Halbmond, einer von der
Regierung kontrollierten Institution. Und zum anderen die Tatsache, dass humani-
täre AkteurInnen bereit sind, für die Versorgung zumindest eines Teils der syrischen
Bevölkerung ihre politische Neutralität und Unabhängigkeit – eigentlichen Kern-
prinzipien der humanitären Hilfe – hintanzustellen. Durch diese Entwicklung
kommt es zu der paradoxen Situation, dass beispielsweise hauptsächlich von den
USA finanzierte UN-Organisationen syrischen Ministerien Geld zur Verfügung
stellen, um in regierungstreuen Gebieten die öffentliche Infrastruktur wiederaufzu-
bauen.14
Die jordanische Regierung bindet schon seit Jahrzehnten ausländische Entwick-
lungshilfe in die Haushaltsplanung ein. So verfügte sie bereits über einen gewissen
Erfahrungsschatz im Umgang mit ausländischen Organisationen da im Zuge der
irakischen Flüchtlingskrise viele bis dato im Land unbekannte humanitäre Organi-
sationen um Registrierung baten. Trotzdem stellte die »Ankunft« des humanitären
Hilfssektors im Jahr 2008 die Regierung vor neue Herausforderungen. Nicht nur
unterscheiden sich die bürokratischen Modalitäten der humanitären Hilfe von jenen
der Entwicklungshilfe, sondern auch die kurzfristiger geplanten Projekte, die Rhe-
torik und nicht zuletzt die ausführenden Organisationen. Auch in Jordanien berich-
teten humanitäre HelferInnen zunächst von als autoritär empfundenen Forderungen
und einer eher feindseligen Haltung der Regierungsstellen (Interviews, Amman,
2015). Doch im Jahre 2015 stellte das jordanische Ministerium für Planung und
internationale Kooperation seinen eigenen Jordan Response Plan for the Syria
Crisis 2016-2018 vor. Dieser regelt die genaue Zusammenarbeit mit dem humani-
tären Sektor und sieht vor allem vor, dass ein Teil der Hilfe der einheimischen
Bevölkerung zu Gute kommt. Der sehr professionelle Plan orientiert sich eindeutig
an der der humanitäre Hilfe inhärenten hegemonialen Sprache, Formatierung, Bud-
getierung, Sektorenaufteilung, etc. und wurde in Zusammenarbeit mit der UN und
den wichtigsten NGOs erarbeitet (Jordanian Ministry of Planning and International
Cooperation 2016). Bezeichnenderweise fließt der größte Posten der errechneten
total funding requirements per year in Form von Direktzahlungen in das jordanische
Haushaltsbudget. Der Rest besteht zur einen Hälfte aus »Flüchtlingsbedürfnissen«
14 Diese Information lässt sich z. B. aus den Daten von UNOCHAs financial tracking-System ent-
nehmen, in dem über die verschiedenen in Syrien laufenden Projekte Buch geführt wird.
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und zur anderen aus »Resilienzbedürfnissen«, worunter die Bedürfnisse der einhei-
mischen Bevölkerung zu verstehen sind.15
Diese drei hier skizzenhaft vorgestellten Beispiele veranschaulichen, dass und
wie Empfängerländer dazu übergehen, humanitäre Hilfe nicht als imperialistische
Einmischung in ihre Souveränität zu verstehen. Stattdessen wird sie von diesen als
eine Art »Bringschuld« der internationalen Gemeinschaft präsentiert, die durch
Hilfszahlungen ihren Beitrag zur Bewältigung internationaler Krisen leisten kann.
Humanitäre Hilfe – ein Ausdruck politischer Phantasielosigkeit
Humanitäre Hilfe ist dafür geschaffen, im Katastrophenfall Menschen akut zu ver-
sorgen. Doch in ihrer inzwischen systematischen Form als milliardenschweres
Business, in dem hunderte Organisationen konkurrieren, ist sie zu etwas ganz an-
derem geworden: zu dem »least of all possible evils« (Weizman 2012), einem
kleinstmöglichen Übel in einer Welt, in der eine tatsächliche Überwindung der
Kernprobleme nicht mehr möglich erscheint. Dass sich westliche Kriseninterven-
tion mehr und mehr darauf beschränkt, Armut und Konflikt zu verwalten und die
schwierige Suche nach nachhaltigen Lösungen zunehmend in den Wind schlägt,
führt letztlich dazu, dass humanitäre Hilfe »Stagnation, Ungleichheit und Kontrolle
reproduziert, anstatt sie zu mildern« (Duffield 2016: 1, eigene Übersetzung). Die
dominante Ansicht, nach der ein immer größerer und verbesserter Hilfssektor es
ermöglicht, Bevölkerungen auch über große Distanzen hinweg immer effizienter
und effektiver zu versorgen (Sandvik 2016), verschleiert diese tragische Tatsache.
Gleichzeitig jedoch führt dieser – angesichts der katastrophalen Lebensumstände
vieler Betroffener – geradezu ironische Optimismus zu dem fehlgeleitenden Glau-
ben, dass verarmte und zerrüttete Bevölkerungen resilient gemacht werden können,
um dann durch selbstorganisierte Optimierung ihrer Lebensumstände in den »Rui-
nen zu überleben« (Duffield 2016; Sullivan/Tobin 2014). Mark Duffield bezeichnet
diese Situation als
»the enforced resilience of abandonment. It betokens people that have no al-
ternative but self-reliance. [...] The debased political subject of resilience is
not expected to demand state protection or unrealistically insist that threats are
effectively dealt with« (2016: 8).
Es scheint sich also eine doppelte Alternativlosigkeit in der Vorstellungswelt des
Westens etabliert zu haben: während unliebsamen Regierungen wie diejenigen des
5.
15 Dabei muss die lokale Bevölkerung als möglichst resilient geframed werden, um mit der zusätz-
lichen Belastung, die sich aus der Flüchtlingskrise ergibt, friedlich umgehen zu können.
Aufsätze
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Iraks, Libyens oder Syriens militärisch begegnet wird, sollen die daraus resultie-
renden Fluchtbewegungen und gesellschaftlichen Verwerfungen durch massive hu-
manitäre Hilfsoperationen gestoppt, bzw. lokal begrenzt werden. Dass sich hieraus
für die betroffene Bevölkerung eine humanitäre Notsituation permanent etabliert,
wird ignoriert bzw. hingenommen. Hier erstreckt sich Thatchers »there is no alter-
native« also nicht nur auf die westliche Binnenpolitik, sondern auch auf eine mili-
tarisierte und humanitarisierte internationale Politik, die sich von strukturellen Fra-
gen globaler Ungleichheit und Gerechtigkeit verabschiedet hat und ganz
offensichtlich auch auf die Bewahrung westlicher Hegemonie angelegt ist. Die sys-
tematische Beförderung humanitärer Hilfe zur zentralen Antwort der reichen Welt
auf Verelendung im Globalen Süden bietet keine nachhaltige Lösung, sondern ver-
stetigt Armut und Ausgrenzung.
Jenseits der von uns beschriebenen Alternativlosigkeit der humanitären Hilfe gibt
es jedoch auch Entwicklungen die Grund zur Hoffnung auf eine neue Vielfalt in der
politischen Diskussion geben. Denn in den letzten Jahren ist auch eine neue öffent-
liche Diskussion über globale und nationale Ungleichheiten als strukturelle Cha-
rakteristika der Weltgesellschaft entstanden, die auch den Entwicklungsdiskurs be-
einflusst (Piketty 2013; Milanovic 2015). Zwar werden diese in der Friedens- und
Konfliktforschung noch nicht in dem Maße mit Sicherheitspolitik zusammenge-
dacht, wie es für ein integriertes Verständnis von Kapitalismus und Krieg nötig wäre
(Siegelberg 1994; Polanyi 1944), aber diese Öffnungen könnten eine Rückkehr po-
litökonomischen Denkens, das über Luftschläge und Hilfskonvois hinausgeht, er-
möglichen.16 Die Debatte zwischen den Leitprinzipien Almosen, Rechten und po-
litischer Transformation ist eine immer wiederkehrende. Tatsächlich alternativlos
ist der heutige Fokus auf das Militär und das humanitäre Lager also nicht.
Fazit
Das massive Anwachsen des humanitären Sektors zeigt eine Etablierung der hu-
manitären Hilfe als systematisches außenpolitisches und solidaritätspolitisches Ins-
trument sowie seine Konsolidierung als humanitäres System in »fragilen« Staaten.
Dies reicht weit über die historisch eher marginale Rolle der humanitären Hilfe als
Maßnahme in Ausnahmesituationen hinaus. Zunehmend avanciert die humanitäre
6.
16 Thorsten Bonacker (2011), Harald Müller (2012) und Klaus Schlichte (2015) geben Aufschluss
darüber, wie stark sich die aktuelle Friedens- und Konfliktforschung von der »Kritischen Frie-
densforschung«, die sich gerade für den Zusammenhang von Kapitalismus und Krieg interessierte,
zielgerichtet entfernt hat. Das ist wohl auch ein Grund für die De-Politisierung und Sprachlosigkeit
der aktuellen Friedens- und Konfliktforschung angesichts der Polarisierung der sozialen Verhält-
nisse.
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Hilfe zum liebsten Instrument westlicher Regierungen, um in chronisch instabilen
sozialen Kontexten zu intervenieren oder zunächst nur notdürftig Hilfe zu leisten.
Für diesen Aufstieg gibt es konkrete Gründe, die sich organisations- und herr-
schaftssoziologisch erschließen lassen. Aufbauend auf unserer langjährigen Be-
schäftigung mit der humanitären Hilfe im Osten der DR Kongo, in Jordanien und
Syrien diskutierten wir drei zentrale Faktoren für dieses Anwachsen: Erstens, die
expansive Eigenlogik des Hilfssektors selbst, nach der sich Geldgebende und
Durchführungsorganisationen mithilfe der verzerrenden Rhetorik ständiger wach-
sender needs immer weitere Mittelsteigerungen verschaffen. Zweitens, die Attrak-
tivität der Arbeit als humanitäre Helferin oder Helfer für kosmopolitische »westli-
che« Mittelschichten, die diesen aufregenden und mitunter sehr gut bezahlten Beruf
insbesondere zwischen 20 und 30 gerne ausüben, auch weil andere Kanäle der po-
litischen Arbeit oder internationalen Solidarität versperrt erscheinen. Drittens, das
immer besser abgestimmte Zusammenspiel zwischen Empfängerregierungen, -ver-
waltungen und den humanitären Organisationen. In unseren Beispielen zeigt sich,
dass die Regierungen Jordaniens, Syriens und der DR Kongo zunehmend verstanden
haben, dass sie die humanitäre Hilfe durchaus für die Systemstabilisierung im ei-
genen Land nutzbar machen können. Diese Faktoren fokussieren die Strategien der
Organisationen, die Individuen und das Zusammenspiel vor Ort und machen den
Aufstieg der humanitären Hilfe verständlich, ohne dass wir eine erschöpfende Ana-
lyse des Phänomens beanspruchen.
Diese humanitäre Expansion deutet in unseren Augen darauf hin, dass sich eine
scheinbare Alternativlosigkeit westlicher Außenpolitik und zivilgesellschaftlicher
Formen internationaler Solidarität entwickelt hat. In den letzten 15 Jahren bestehen
diese aus einer Kombination militärischer Interventionen, die oft selbst humanitär
begründet werden, und wachsender Hilfsbudgets. Dieser Aufsatz soll als erster
Versuch betrachtet werden, das Thema auf die Agenda zu setzen und Friedens- und
KonfliktforscherInnen dazu anregen, sich noch eingehender mit humanitärer Hilfe
zu befassen. Sie erscheint uns angesichts ihres massiven Bedeutungszuwachses als
wichtiges Forschungsfeld für die nähere Zukunft.
Unser Aufsatz ist auch als eine Reminiszenz an eine Tradition »Kritischer Frie-
densforschung« zu verstehen, die von der damals nächsten Generation der deutschen
IB und Friedens- und Konfliktforschung seit Mitte der 1990er Jahre vehement für
ihre erstarrte Normativität kritisiert wurde (Bonacker 2011). Dadurch, dass die frie-
densbewegte Politisierung der Friedens- und Konfliktforschung in Verruf geriet, hat
sich heute eine vermeintlich wertneutrale Form der Friedens- und Konfliktfor-
schung »über den Frieden« nicht mehr »für den Frieden« etabliert (Bonacker 2011).
Angesichts der drängenden ökonomischen und politischen Probleme der Weltpoli-
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tik sowie innerhalb westlicher Gesellschaften stößt diese Form der Wissenschaft an
ihre Legitimitätsgrenzen. Im wissenschaftlichen Feld der Friedens- und Konflikt-
forschung könnte nun das Pendel zurückschlagen, wenn das Überschreiten der be-
stehenden Verhältnisse wieder analytisch mitgedacht werden kann. Wertfrei zu be-
obachten ist besonders dann funktional, wenn der Status quo vertretbar ist.
Die kritische Analyse des Aufstieges der humanitäre Hilfe ist aus dieser diszi-
plinären Warte heraus doppelt interessant: Sie macht die Grenzen und Probleme
einer vermeintlich nicht intrusiven und transformativen Politik sichtbar und zeigt
uns die Grenzen einer nicht eingreifenden Form von disziplinärer Wissenschaft auf.
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Kai Koddenbrock / Sophia Hoffmann
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Die AutorInnen
Kai Koddenbrock ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Uni-
versität Duisburg-Essen.
E-Mail: kai.koddenbrock@uni-due.de
Sophia Hoffmann ist ab Juli 2017 Freigeist Fellow am Leibniz-Zentrum Moderner Orient in
Berlin.
E-Mail: sophia.hoffmann01@gmail.com
Aufsätze
106
... In both cases, it is falling short of its own and external normative expectations. The mortality surveys in the DRC, for instance, showed a degree of suffering that was unprecedented, but also led to debates about their validity and impact as a justification for the expansion of humanitarian aid (Koddenbrock and Hoffmann, 2017). ...
Article
Full-text available
This special issue of Disasters on humanitarian governance focuses on risk and order. Its contributions show the tensions between humanitarian normative ideals and practical consequences, as many of the ordering effects are associated with either intended or unintended consequences. This introduction offers a conceptual framing of humanitarian governance. Defining humanitarian governance as a subset of global governance, the paper shows how humanitarians have attempted to improve the consequences of their work by fighting instrumentalisation and instituting rationalisation processes. It adapts four questions, originally formulated by Michael Barnett (2013), to examine the ways in which humanitarian governance functions in more detail: what kind of world is being imagined and produced through the specific concern with order and risk? Who governs? How is this a form of humanitarian governance and how is it organised? And finally, what are the principal techniques of such governance? The conclusion summarises the main findings and sets an agenda for further research.
Article
Full-text available
Azraq, a new camp for Syrian refugees in the Jordanian desert, presents an unprecedented integration of humanitarian service delivery and harsh security measures. I argue that Azraq’s ‘innovative’ order can only be explained in reference to three security claims that international refugee aid answers to: the claim to secure Syrian refugees, the claim to secure the Jordanian state and the claim to secure aid workers. Implementing these claims entails contradictory practices, which should create dilemmas for humanitarian aid, yet in Azraq these practices merge with each other. This merging (or integration) is aided by the humanitarian sector’s eager embrace of hi-tech solutions, especially digital data management. The article contributes to the growing debate about how security is articulated in the humanitarian arena by placing this debate’s key findings into conversation within a richly researched study of Azraq’s ‘material assemblage’ (Hilhorst and Jansen, 2010; Meiches, 2015). Further, the article emphasizes the importance of the under-researched area of aid organizations’ own security management.
Article
Full-text available
This article considers the activities of international, humanitarian NGOs in Syria focused on Iraqi migrants. The analysis questions how these INGOs were positioned towards modern state sovereignty, and sovereignty's particular constructions of territory, population, and government. Arguing that most INGOs operated firmly within the social relations stipulated by modern sovereignty, the article uses rich ethnographic data to demonstrate how INGO activities treated Iraqis according to sovereign exclusions and ideas about citizenship, even though Iraqi life in Syria visibly contradicted these ideas. Only smaller, amateur INGOs that stood outside of the professional humanitarian sector were found to work outside of sovereignty's norms.
Article
In the first instance, Foucault seemed to be very far from Marx, speaking of Marx in terms of obsolescence, although important as a historical figure. But Foucault is situating his own work in the context and the set of problems of Marx' theory. Thus Foucault's work may be seen as an attempt of critical self: reflection on the claims for power of truth in Marxism. At least this leads Foucault to a conceptualization of power and social contradictions that disables him to acknowledge the radical emancipatolY thrust of Marx' work.
Article
The principle goes on to state that the Red Cross may not take sides in hostilities. This refers to neutrality in the military domain, and this is indeed the initial understanding of neutrality. The affirmation is an obvious one, but it is nonetheless essential. Some people have found it too laconic, even curt. It is true enough that the expression should apply to all forms of conflict and not only to military operations in the narrow sense. Furthermore, it should cover not only conflicts between nations but also civil wars and internal disorders. It might accordingly be better to say, the Red Cross may not take sides in armed conflicts of any kind.
Book
NGOs set out to save lives, relieve suffering, and service basic human needs. They are committed to serving people across national borders and without regard to race, ethnicity, gender, or religion, and they offer crucial help during earthquakes, tsunamis, wars, and pandemics. But with so many ailing areas in need of assistance, how do these organizations decide where to go—and who gets the aid? In The Good Project, Monika Krause dives into the intricacies of the decision-making process at NGOs and uncovers a basic truth: It may be the case that relief agencies try to help people but, in practical terms, the main focus of their work is to produce projects. Agencies sell projects to key institutional donors, and in the process the project and its beneficiaries become commodities. In an effort to guarantee a successful project, organizations are incentivized to help those who are easy to help, while those who are hardest to help often receive no assistance at all. The poorest of the world are made to compete against each other to become projects—and in exchange they offer legitimacy to aid agencies and donor governments. Sure to be controversial, The Good Project offers a provocative new perspective on how NGOs succeed and fail on a local and global level.
Article
Das Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951 definiert zwar völkerrechtlich, wer zu der Rechtskategorie des Flüchtlings gehören kann, jedoch gehen mit dem Flüchtlingsstatus politisch orientierte Identitätskonstruktionen und soziale Ein- und Ausgrenzungsprozesse einher, die als Labeling diskutiert werden. Dieser Beitrag widmet sich der Frage, was ein Label und Labeling ist, wie es global konstituiert wird und welche Auswirkungen es für die betroffenen Personen hat. Dazu werden Entwicklungen auf globaler und lokaler Ebene untersucht, um das oktroyierte Flüchtlingslabel mit seiner Wahrnehmung durch Flüchtlinge zu rahmen. Die Analyse der lokalen Ebene bezieht sich auf die Fremd- und Selbstwahrnehmung von Flüchtlingen anhand empirischer Forschung in Uganda.
Book
This book examines the practices in Western and local spheres of humanitarian intervention, and shows how the divide between these spheres helps to perpetuate Western involvement. Using the Democratic Republic of the Congo as a case study an object of Western intervention since colonial times this book scrutinizes the contemporary practice of humanitarian intervention from the inside. It seeks to expose how humanitarian aid and peacekeeping works, what obstacles they encounter and how they manage to retain their legitimacy. By examining the relationship between the West and the DR Congo, this volume asks why intervention continues to be so central for the relationship between Western and local spheres. Why is it normal and self-evident? The main answer developed here is that the separation of these two spheres allows intervention to enjoy sufficient degrees of legitimacy to be sustained. Owing to the contradictions that surface when juxtaposing the Western and Congolese spheres, this book highlights how keeping them separate is key to sustaining intervention. Bridging the divide between the liberal peace debate in International Relations and anthropologies of humanitarianism, this volume thus presents an important contribution to taking both the legitimizing proclamations and local realities of intervention seriously. The book will be of much interest to students of statebuilding, peacebuilding, peacekeeping, anthropology, research methods and IR in general.
Article
With humanitarian disaster management as its background, this article takes a critical look at some recent changes in the nature of security governance; especially, the withdrawal from face-to-face engagement on the ground in favour of techniques of distant sensing and remote management. Despite the optimism and affirmatory policy claims surrounding the adoption of data informatics to recoup distance, the paper argues that such hubris is blind to its disabling governmental effects. Global connectivity enables resilience to come of age. In what this paper calls the resilience of the ruins, data informatics operationalises experimental systems of welfare abandonment under conditions of pervasive security surveillance. Using examples drawn from cash-transfer programmes and current Google and Facebook plans to connect difficult to reach populations in the global South, it is concluded that, harnessed to the neoliberal project, new technology locks-in the negativities of actually existing capitalism.
Book
Anthropological interest in new subjects of research and contemporary knowledge practices has turned ethnographic attention to a wide ranging variety of professional fields. Among these the encounter with international development has perhaps been longer and more intimate than any of the others. Anthropologists have drawn critical attention to the interfaces and social effects of development’s discursive regimes but, oddly enough, have paid scant attention to knowledge producers themselves, despite anthropologists being among them. This is the focus of this volume. It concerns the construction and transmission of knowledge about global poverty and its reduction but is equally interested in the social life of development professionals, in the capacity of ideas to mediate relationships, in networks of experts and communities of aid workers, and in the dilemmas of maintaining professional identities. Going well beyond obsolete debates about ‘pure’ and ‘applied’ anthropology, the book examines the transformations that occur as social scientific concepts and practices cross and re-cross the boundary between anthropological and policy making knowledge.