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Abstract

We define motivated science reception as a phenomenon by which recipients’ motivational states influence how scientific evidence is processed, which, in turn, allows recipients to draw conclusions that are congruent with their respective motivational state. In this article, we conceptualize motivated science reception as a psychological phenomenon and discuss it on the basis of social psychological concepts and recent empirical evidence from the special priority program “science and the general public”. We address the following questions: How does motivated science reception manifest itself? How can we explain motivated science reception theoretically? What are the challenges for psychological science that follow from motivated science reception?
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Please cite as: Rothmund, T., Gollwitzer, M., Nauroth, P., & Bender, J. (2017).
Motivierte Wissenschaftsrezeption. Psychologische Rundschau, 68,
https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000364.
Beitrag zum Sonderheft „Gewissheit und Skepsis: Wissenschaft verstehen und Wissenschaft
kommunizieren als Forschungsthema der Psychologie
Motivierte Wissenschaftsrezeption
Tobias Rothmund1, Mario Gollwitzer2, Peter Nauroth2 und Jens Bender1
1 Universität Koblenz-Landau
2 Philipps Universität Marburg
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Zusammenfassung
Wir bezeichnen motivierte Wissenschaftsrezeption als ein Phänomen, bei dem
motivationale Zustände die kognitive Verarbeitung wissenschaftlicher Evidenz auf eine
Weise beeinflussen, die es dem Rezipienten erlaubt Schlussfolgerungen zu ziehen, die
ihrerseits kongruent mit dem entsprechenden motivationalen Zustand sind. Im vorliegenden
Beitrag wollen wir motivierte Wissenschaftsrezeption als ein psychologisches Phänomen
beschreiben und auf der Basis sozialpsychologischer Konzepte und neuer empirischer
Befunde aus dem Schwerpunktprogramm “Wissenschaft und Öffentlichkeit” beleuchten.
Dabei konzentrieren wir uns auf folgende Fragen: Worin äußert sich motivierte
Wissenschaftsrezeption? Wie kann motivierte Wissenschaftsrezeption psychologisch erklärt
werden? Welche Herausforderungen resultieren für die psychologische Forschung?
Schlüsselwörter: motivierte Informationsverarbeitung, Wissenschaftskommunikation,
Wertebedrohung, soziale Identitätsbedrohung
Autorenhinweis: Diese Forschung wurde unterstützt durch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft (DFG, RO 4248/1-1 und RO 4248/1-2, sowie GO 1674/2-1 und GO
1674/2-2). Bei Fragen und Anregungen zum Artikel wenden Sie sich bitte an Dr. Tobias
Rothmund, Fachbereich Psychologie, Universität Koblenz-Landau, Fortstraße 7, 76829
Landau, rothmund@uni-landau.de
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Abstract
We define motivated science reception as a phenomenon by which recipients’
motivational states influence how scientific evidence is processed, which, in turn, allows
recipients to draw conclusions that are congruent with their respective motivational state. In
this article, we conceptualize motivated science reception as a psychological phenomenon and
discuss it on the basis of social psychological concepts and recent empirical evidence from the
special priority program “science and the general public”. We address the following
questions: How does motivated science reception manifest itself? How can we explain
motivated science reception theoretically? What are the challenges for psychological science
that follow from motivated science reception?
Keywords: motivated cognition, science communication, value threat, social identity
threat
Author Note: This research was supported by German Research Foundation
(Deutsche Forschungsgemeinschaft) grants (RO 4248/1-1 and RO 4248/1-2 as well as GO
1674/2-1 and GO 1674/2-2). Correspondence concerning this article should be addressed to
Dr. Tobias Rothmund, Department of Psychology, University of Koblenz-Landau, Fortstraße
7, 76829 Landau, rothmund@uni-landau.de
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Motivierte Wissenschaftsrezeption
Der von Menschen verursachte Klimawandel war in den letzten Jahren eines der
bestimmenden Themen in der öffentlichen Diskussion. In den USA konnte dabei eine
interessante Beobachtung gemacht werden: Konservative US-AmerikanerInnen leugnen die
Existenz eines anthropogenen Klimawandels in stärkerem Maße als liberale US-
AmerikanerInnen (z.B. McCright & Dunlap, 2011). Sind Konservative in den USA über den
Klimawandel schlecht informiert? Einige Studien deuten darauf hin, dass dies nicht der
Hauptgrund für die unterschiedliche Akzeptanz des Klimawandels ist. Stattdessen zeigt sich,
dass Konservative stärker als Liberale daran glauben wollen, dass es keinen Klimawandel gibt
bzw. dass dieser nicht von Menschen verursacht (also „anthropogen“) ist. Die
Herausforderungen, die mit der Existenz eines Klimawandels und den daraus resultierenden
veränderten Lebensbedingungen verbunden sind, werden von Konservativen als bedrohlicher
wahrgenommen als von Liberalen (Feygina, Jost & Goldsmith, 2010). Diese motivationale
Ausgangslage begünstigt bei Konservativen eine erhöhte Skepsis gegenüber
wissenschaftlicher Evidenz für die Existenz eines anthropogenen Klimawandels (Feinberg &
Willer, 2011).
Eine erhöhte Skepsis gegenüber bestimmten wissenschaftlichen Ergebnissen ist häufig
Ausdruck eines Phänomens, das wir als motivierte Wissenschaftsrezeption bezeichnen.
Motivationale Zustände können mehr oder weniger stark im Einklang (kongruent) bzw. im
Konflikt (inkongruent) mit einer bestimmten wissenschaftlichen Erkenntnis stehen. So ist
beispielsweise der Wunsch nach einem positiven Selbstbild kongruent mit empirischer
Evidenz für die Validität eines Intelligenztests, in dem die Person gut abschneidet. Schneidet
eine Person jedoch in dem entsprechenden Intelligenztest schlecht ab, so ist ihr Wunsch nach
einem positiven Selbstbild inkongruent mit empirischer Evidenz für die Validität des
betreffenden Tests. Wir sprechen dann von motivierter Wissenschaftsrezeption, wenn
motivationale Zustände beim Rezipienten die kognitive Verarbeitung wissenschaftlicher
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Evidenz in eine Richtung beeinflussen, die es dem Rezipienten erlauben, zu einer
Schlussfolgerung zu kommen, die kongruent mit einem motivationalen Zustand ist. So konnte
am Beispiel von Intelligenztests schon früh gezeigt werden, dass Personen wissenschaftliche
Evidenz für die Validität des Tests nach Misserfolgs-Feedback weniger überzeugend
bewerten als nach Erfolgs-Feedback (Pyszczynski, Greenberg & Holt, 1985).
Im Folgenden wollen wir motivierte Wissenschaftsrezeption als ein psychologisches
Phänomen beschreiben und auf der Basis sozialpsychologischer Konzepte und neuer
empirischer Befunde aus dem SPP1409 beleuchten. Dabei konzentrieren wir uns auf folgende
Fragen: Worin äußert sich motivierte Wissenschaftsrezeption? Wie kann motivierte
Wissenschaftsrezeption psychologisch erklärt werden? Welche Herausforderungen resultieren
für die psychologische Forschung?
Worin äußert sich motivierte Wissenschaftsrezeption?
Motivierte Wissenschaftsrezeption kann als Spezialfall eines allgemeineren
psychologischen Phänomens verstanden werden, das in der sozialpsychologischen Literatur
als motivierte Informationsverarbeitung („motivated cognition“, z. B. Kruglanski, 1996)
bezeichnet wird. Motivationale Zustände können demnach an unterschiedlichen Stellen im
Prozess der Informationsverarbeitung (bspw. Wahrnehmung von und Suche nach
Informationen, Informationsbewertung, Abruf aus dem Gedächtnis) einwirken. Im Umgang
mit wissenschaftlicher Evidenz wurde bislang vor allem motiviertes Schlussfolgern
(„motivated reasoning“, Kunda, 1990) als Ausdruck motivierter
Informationsbewertungsprozesse untersucht. Individuen bewerten und interpretieren
wissenschaftliche Erkenntnisse vor dem Hintergrund individueller Ziele, Bedürfnisse oder
motivationaler Zustände tendenziell so, dass sie zu Schlussfolgerungen kommen, die im
Einklang mit ihren Motivlagen stehen. Dabei versuchen Menschen gleichzeitig, den Anschein
von Rationalität („illusion of objectivity“, Pyszczynski & Greenberg, 1987) zu wahren, d.h.
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es ist ihnen wichtig, dass sie ihren kognitiven Verarbeitungsprozess selbst als vernunftgeleitet
wahrnehmen.
Wie kommen Menschen zu Schlussfolgerungen, die sie einerseits als rational bewerten
und die andererseits ihren motivationalen Zuständen und Dispositionen entsprechen? Dieser
scheinbare Widerspruch kann beispielsweise dadurch überwunden werden, dass kongruente
und inkongruente Informationen unterschiedlich streng geprüft werden (z. B. Edwards &
Smith, 1996). Kongruente Informationen werden per Augenschein eher als valide und korrekt
eingestuft und weniger streng geprüft als inkongruente. Wenn Menschen Forschungsbefunde
ohne genauere Prüfung akzeptieren, sprechen wir daher von forschungsunkritischen
Verarbeitungsprozessen. Inkongruente Informationen hingegen aktivieren argwöhnische oder
skeptische Verarbeitungsprozesse. Diese sind durch eine längere Verarbeitungsdauer (Ditto &
Lopez, 1992), eine konservativere Hypothesentestung (Dawson, Gilovich & Regan, 2002)
sowie eine gezielte Suche nach widerlegenden Informationen (Kunda, 1987) charakterisiert.
Wir sprechen von forschungskritischen Verarbeitungsprozessen.
Die forschungskritischere Verarbeitung inkongruenter (im Vergleich zu kongruenter)
wissenschaftlicher Evidenz konnte beispielsweise in Bezug auf die Wirkung von
Mediengewalt (Greitemeyer, 2014), die Existenz eines anthropogenen Klimawandels (Hart &
Nisbet, 2012) sowie Chancen und Risiken von Nanotechnologie (Kahan, Braman, Slovic,
Gastil & Cohen, 2009) nachgewiesen werden. Im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms
„Wissenschaft und Öffentlichkeit“ konnten wir dieses Phänomen bei der Verarbeitung
wissenschaftlicher Evidenz zur aggressionssteigernden Wirkung gewalthaltiger Videospiele
nachweisen. Untersucht haben wir die motivierte Wissenschaftsrezeption unter
VielspielerInnen („Gamern“; Nauroth, Gollwitzer, Bender & Rothmund, 2014, 2015) und
unter PazifistInnen (Bender, Rothmund, Nauroth & Gollwitzer, 2016). Im Rahmen von
Labor- und Onlineexperimenten konfrontierten wir diese beiden Gruppen von Personen
gezielt mit Forschungsbefunden, die entweder für oder gegen die Schädlichkeit von
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Mediengewalt sprachen. Im Anschluss erfassten wir forschungskritische Bewertungsprozesse.
VielspielerInnen bewerteten wissenschaftliche Evidenz für die Schädlichkeit von
Mediengewalt kritischer als Evidenz gegen deren Schädlichkeit. PazifistInnen bewerteten
umgekehrt wissenschaftliche Evidenz gegen die Schädlichkeit von Mediengewalt kritischer
als Evidenz für deren Schädlichkeit. Dabei zeigte sich, dass ein forschungskritischer
Verarbeitungsstil nicht nur auf die Qualität der Studiendurchführung, sondern auch die
persönliche Eignung, Vertrauenswürdigkeit und Reputation der betreffenden Wissenschaftler
abzielt und diese in Frage stellt (Nauroth, Gollwitzer, Kozuchowski, Bender & Rothmund,
2016). Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass Menschen wissenschaftliche Methoden als
gänzlich ungeeignet ansehen, um ein bestimmtes Phänomen zu untersuchen, wenn die
Ergebnisse der Forschung inkongruent mit ihren Voreinstellungen sind („scientific impotence
excuse“; Munro, 2010).
Motivierte Wissenschaftsrezeption konnte auch im Zusammenhang mit der Recherche
(Rothmund, Bender, Nauroth & Gollwitzer, 2015) und der Erinnerung (Hennes, Ruisch,
Feygina, Monteiro, & Jost, 2016) von wissenschaftlicher Evidenz nachgewiesen werden.
Menschen suchen jedoch nicht grundsätzlich selektiv und einseitig nach wissenschaftlicher
Evidenz (siehe z.B. Jang, 2014; Winter & Krämer, 2012).
Wie kann motivierte Wissenschaftsrezeption psychologisch erklärt werden?
Als psychologische Quelle für motivierte Informationsverarbeitung wird häufig eine
Defensivmotivation ausgemacht, die darauf ausgerichtet ist, das Erleben von kognitiver
Dissonanz oder eine Bedrohung des Selbstkonzepts zu vermeiden oder zu verringern.
Menschen präferieren also tendenziell Informationen, die im Einklang mit ihren persönlichen
Einstellungen, Zielen oder motivationalen Zuständen stehen, um negative Kognitionen und
Emotionen zu vermeiden, die sie als unangenehm oder bedrohlich wahrnehmen. Diese
Tendenz ist umso stärker, je zentraler Einstellungen und Überzeugungen im Selbstkonzept
einer Person verankert sind (Hart et al., 2009). In unseren Studien fanden wir, dass motivierte
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Wissenschaftsrezeption nicht nur als Reaktion auf eine Bedrohung des individuellen
Selbstkonzepts, sondern auch als Reaktion auf die Bedrohung der sozialen Identität erfolgen
kann. So nehmen sich beispielsweise VideospielerInnen häufig als Teil der sozialen Gruppe
der Gamer wahr. Gamer fühlen sich durch wissenschaftliche Belege für die Schädlichkeit von
Gewalt in Videospielen als soziale Gruppe stigmatisiert und bedroht (Nauroth et al., 2014).
Dieses Gefühl der sozialen Bedrohung begünstigt motivierte Wissenschaftsrezeption im Sinne
einer forschungskritischeren Verarbeitung wissenschaftlicher Evidenz für die Schädlichkeit
gewalthaltiger Videospiele (Nauroth et al., 2014, 2015).
Unter dem Einfluss einer situativen Bedrohungswahrnehmung tendieren Menschen in
besonderem Maße dazu, an ihren Wertüberzeugungen festzuhalten und neue Informationen
im Einklang mit diesen zu verarbeiten (siehe z.B. Heine, Proulx & Vohs, 2006). ‚Wir
beschäftigten uns daher mit der Frage, inwiefern die wahrgenommene Bedrohung moralischer
Überzeugungen im Vorfeld von Rezeptionsprozessen einen motivierten Umgang mit
wissenschaftlicher Evidenz begünstigt. Wir konnten zeigen, dass dispositionell pazifistische
Personen dann verstärkt nach wissenschaftlicher Evidenz für das Gefährdungspotential
gewalthaltiger Videospiele suchten, wenn sie zuvor mit Kriegsgewalt konfrontiert wurden
(Rothmund et al., 2015), und dass sie empirische Hinweise auf die Unschädlichkeit von
Mediengewalt kritischer bewerteten und kommentierten, wenn ihnen zuvor Hinweise auf
einen Anstieg der Gewaltkriminalität präsentiert worden waren (Bender et al., 2016). In
diesem Beispiel kann motivierte Wissenschaftsrezeption als Ausdruck einer Motivation zur
Bekräftigung moralischer Wertüberzeugungen verstanden werden. Interessanterweise wurde
im öffentlichen Diskurs die wissenschaftliche Evidenz zur Wirkung von Mediengewalt in der
Vergangenheit vor allem im Kontext schwerer Gewalttaten an Schulen diskutiert. Unsere
Befunde deuten darauf hin, dass motivierte Wissenschaftsrezeption gerade in solchen
Situationen mit erhöhter Bedrohungswahrnehmung wahrscheinlich ist und einem
unvoreingenommenen Umgang mit Forschungsbefunden entgegenwirken kann.
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Wir halten fest, dass motivierte Wissenschaftsrezeption häufig als Ausdruck einer
Defensivmotivation verstanden wird, die darauf abzielt, die persönliche oder soziale Identität
zu schützen und ein Bedrohungserleben zu vermeiden oder zu verringern. Ein situatives
Bedrohungserleben konnte dabei als verstärkender Einflussfaktor identifiziert werden.
Welche Herausforderungen resultieren für die psychologische Forschung?
Abschließend wollen wir zwei Perspektiven auf motivierte Wissenschaftsrezeption
skizzieren, die Herausforderungen für die psychologische Forschung und Praxis darstellen.
Spezifika motivierter Wissenschaftsrezeption. Wie eingangs dargestellt, kann
motivierte Wissenschaftsrezeption als Spezialfall motivierter Informationsverarbeitung
(„motivated cognition“, z. B. Kruglanski, 1996) verstanden werden. Ist es dann überhaupt
sinnvoll, motivierte Wissenschaftsrezeption als eigenständigen psychologischen
Forschungsgegenstand zu betrachten? Nach unserer Einschätzung sprechen wichtige Gründe
dafür, dies zu tun: Erstens können im Umgang mit wissenschaftlicher Evidenz spezifische
Mediatoren und Moderatoren motivierter Informationsverarbeitung wirksam werden, die in
anderen Gegenstandsbereichen seltener oder gar nicht auftreten. So ist zum Beispiel
wissenschaftliche Evidenz immer durch Vorläufigkeit und Widersprüchlichkeit
gekennzeichnet (siehe den Beitrag von Bromme et al., in diesem Heft). Es gibt theoretische
Argumente dafür, dass motivierte Wissenschaftsrezeption speziell durch diese Merkmale
begünstigt wird (siehe Gollwitzer, Rothmund, Klimmt, Nauroth & Bender, 2014). Bislang
liegen jedoch noch keine systematischen Untersuchungen zur Wirkung dieser Moderatoren
auf motivierte Wissenschaftsrezeption vor. Dagegen konnten bereits vereinzelt
Wirkmechanismen nachgewiesen werden, die speziell die motivierte Rezeption von
Forschungsbefunden begünstigen. Beispielhaft sei hier auf die bereits genannte „scientific
impotence excuse“ (Munro, 2010) hingewiesen.
Ein zweiter Grund für die Konzeptualisierung von motivierter Wissenschaftsrezeption
als eigenständigem Forschungsgegenstand kann aus den spezifischen psychologischen
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Folgewirkungen abgeleitet werden. So kommt es im Kontext sogenannter sozio-
wissenschaftlicher Problemfelder („socio-scientific issues“, z.B. Zeidler, Sadler, Simmons, &
Howes, 2005) in zunehmendem Maße zu gesellschaftspolitischen Diskursen, in denen
wissenschaftliche Befunde und Innovationen vor dem Hintergrund individueller Einstellungen
und Werthaltungen kontrovers diskutiert werden. Das Verständnis motivierter
Wissenschaftsrezeption kann einen wertvollen Beitrag zur Analyse der psychologischen
Tiefenstruktur dieser Kontroversen liefern. In diesen Kontroversen beziehen sich
forschungskritische Bewertungsprozesse nicht nur auf die Qualität der Forschung, sondern
auch auf die Reputation und Vertrauenswürdigkeit von Forscherinnen und Forschern sowie
von Wissenschaft im Allgemeinen. Die Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse in der
Gesellschaft könnte erschwert werden, wenn solche wissenschaftskritischen Bewertungen
generalisiert würden und in Misstrauen und Zweifel gegenüber WissenschaftlerInnen und
Wissenschaft münden. Es gibt erste Hinweise darauf, dass motivierte Wissenschaftsrezeption
sich negativ auf Vertrauen in Wissenschaft und WissenschaftlerInnen auswirken kann
(Nisbet, Cooper & Garrett, 2015). Hier eröffnet sich ein Forschungsfeld, das auf die
psychologischen Folgen motivierter Wissenschaftsrezeption (bspw. für die Entstehung
sozialer Konflikte oder politischer Einstellungen) abzielt.
Kommunikationspsychologische Interventionen. Ist es möglich,
Wissenschaftskommunikation so zu gestalten, dass die Wahrscheinlichkeit motivierter
Wissenschaftsrezeption minimiert wird? In der Sozialpsychologie wurden eine Reihe
allgemeiner Techniken entwickelt (bspw. Devil’s-Advocacy-Technik; Schulz-Hardt, Jochims,
& Frey, 2002), die eine ausgewogenere Informationsverarbeitung begünstigen können.
Cohen, Aronson und Steele (2000) wiesen zudem nach, dass eine Bekräftigung des
Selbstkonzepts einer Person vor einer Konfrontation mit wissenschaftlicher Evidenz die
Wahrscheinlichkeit motivierter Wissenschaftsrezeption verringert. Auf ähnliche Weise
konnten wir in unseren Studien zeigen, dass eine Bekräftigung der sozialen Identität bei
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Gamern zu einer Reduktion motivierter Wissenschaftsrezeption führt (Nauroth et al., 2015).
Dabei bekamen die teilnehmenden Gamer (bevor sie nach ihrer Bewertung einer für sie
einstellungsinkongruenten Studie befragt wurden) die Rückmeldung, dass Gamer im Mittel
eine höhere „sprachlich-linguistische“ Kompetenz als Nicht-Gamer hätten. Im Vergleich zu
einer Gruppe, die keine positive Rückmeldung erhielt, reduzierte eine solche Rückmeldung
die Anzahl forschungskritischer Kommentare, die StudienteilnehmerInnen in einem (fiktiven)
Onlineforum über die Studie verfassten. Eine Bekräftigung des personalen oder kollektiven
Selbstkonzepts kann im Kontext einer kommunikationspsychologischen
Interventionsmaßnahme relativ leicht implementiert werden. Beispielhaft sei hier noch einmal
auf das Eingangsbeispiel verwiesen. Konservative in den USA sind skeptisch gegenüber
wissenschaftlicher Evidenz für einen anthropogenen Klimawandel. Dennoch konnte eine
entsprechende Defensivmotivation durch eine minimale kommunikative Intervention
signifikant reduziert werden. So konnten Feygina et al. (2010) zeigen, dass konservative
Studienteilnehmer die Forschung zum anthropogenen Klima weniger stark anzweifelten,
wenn ihnen zuvor gesagt wurde, dass eine umweltbewusste Einstellung patriotisch sei und
zum Schutz bzw. zur Festigung des „American Way of Life“ beitrage. In diesem Sinne könnte
eine angewandte Forschungsperspektive darin bestehen, theoriegeleitet
kommunikationspsychologische Interventionen zur Reduktion motivierter
Wissenschaftsrezeption zu entwickeln und zu evaluieren.
Fazit
Wir haben in diesem Beitrag deutlich zu machen versucht, dass motivierte
Wissenschaftsrezeption einen Spezialfall motivierter Informationsverarbeitung darstellt und
auf der Basis entsprechender theoretischer Modelle und empirischer Befunde
(sozial)psychologisch erklärbar ist. Gleichzeitig offenbaren sich grundlagen- und
anwendungsbezogene Forschungslücken, die dem spezifischen Gegenstandsbereich
geschuldet sind und ein psychologisches Forschungsprogramm begründen können.
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The successful management of the COVID-19 pandemic depends on individuals accepting the current state of research and adhering to the preventive behaviors that follow from it. However, the processing of scientific results is not always rational, but influenced by prior attitudes as well as the ability to understand statistical data. Against this background, this study investigated the role of motivated reasoning and numeracy in the context of the current pandemic. To this end, participants ( N = 417; US sample) evaluated two fictitious studies, one indicating that mask mandates in schools are an effective intervention to contain the spread of SARS-CoV-2, and one indicating that mask mandates in schools are counterproductive. Participants evaluated the studies in line with their prior attitude toward mask mandates. In addition, higher numeracy was associated with decreased bias, demonstrating that the ability to reason with numbers can lead to more accurate processing of statistical information.
... Diese Abwehrstrategien werden unter dem Begriff der "motivierten Informationsverarbeitung"; engl.: "motivated reasoning" 18 zusammengefasst (Lewandowsky/Oberauer, 2016;Rothmund et al., 2017;Rutjens et al., 2018;Sinatra/Kienhues/Hofer, 2014 des Computerspiels wird zugleich deutlich signalisiert, dass damit die Gruppe der Computerspieler nicht abgewertet werden soll (Nauroth et al., 2014). Im Framing-Ansatz wird darauf geachtet, dass durch die Wahl von Begriffen oder von Kontexten eine wissenschaftliche Geltungsbehauptung so eingekleidet werden kann, dass sie den Personen, die sie sonst ablehnen, nicht mehr so unverträglich mit ihrem Wertesystem erscheint (Nisbet, 2009 ...
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In diesem Kapitel geht es um eine psychologische Perspektive auf Vertrauen in Wissenschaft. Deshalb liegt der Schwerpunkt auf der individuellen Auseinandersetzung von Bürger*innen mit wissenschaftlichen Geltungsbehauptungen. Gleichwohl bedarf auch eine solche psychologische Perspektive einer Vergegenwärtigung der gesellschaftlichen und der epistemischen Funktionen des Vertrauens in Wissenschaft. Diese werden im ersten Abschnitt skizziert. Zuvor wird einleitend die Kontroverse geschildert, die in Deutschland öffentlich um die Thesen eines Lungenfacharztes geführt wurde, der sich gegen die geltenden Grenzwerte für Stickoxyde ausgesprochen hatte, obwohl das dem wissenschaftlichen Konsens widersprach. An diesem Beispiel wird die epistemische Abhängigkeit von Bürger*innen von wissenschaftlicher Expertise beschrieben und daraus die Notwendigkeit von Vertrauensurteilen zum Umgang mit dieser Abhängigkeit abgeleitet. Das Eingangsbeispiel beschreibt auch die prototypische Situation von Bürger*innen, die sich mit konkurrierenden Geltungsbehauptungen auseinandersetzen müssen, die im Kontext von lebensweltlichen Fragen für sie bedeutsam sind. Dies ist der Kontext von Befassung mit Wissenschaft, der im Mittelpunkt dieses Kapitels steht. Im zweiten Abschnitt werden dazu ergänzend weitere Kontexte der Auseinandersetzung von Nicht-Experten (Laien) mit Wissenschaft skizziert, in denen Wissenschaftsvertrauen ebenfalls wichtig ist. Der dritte Abschnitt bietet eine Übersicht zum aktuellen Stand des Wissenschaftsvertrauens, basierend auf Daten aus repräsentativen Befragungen (Surveys). Weiterhin wird beschrieben, was Bürger*innen überhaupt zu den Stichworten 'Wissenschaft' und 'Forschung' einfällt, die in solchen Surveys verwendet werden und es wird gezeigt, dass man zwischen allgemeinem Wissenschaftsvertrauen und dem Wissenschaftsvertrauen im Zusammenhang mit spezifischen Themen und Problemlagen unterscheiden sollte. Vor dem Hintergrund dieser exemplarischen (das Eingangsbeispiel) und empirischen Befunde zum Wissenschaftsvertrauen liefert der vierte Abschnitt eine theoretische Präzision des Wissenschaftsvertrauens. Der Begriff wird eingeordnet in die psychologische Vertrauensforschung und dann auch spezifiziert als epistemisches Vertrauen, also als Vertrauen darin, dass bestimmte Geltungsbehauptungen wahr und relevant sind. Im fünften Abschnitt werden Dimensionen von Vertrauen unterschieden und es wird erläutert, dass Vertrauensurteile und Misstrauensurteile auf diese Dimensionen in unterschiedlicher Weise Bezug nehmen. Im sechsten Abschnitt wird die Frage behandelt, warum Bürger*innen besonders aufmerksam (vigilant) gegenüber Interessenkonflikten sind. Im siebten Abschnitt werden Verzerrungen bei der Vertrauenszuschreibung behandelt, die der Abwehr von Geltungsbehauptungen dienen, die als konfligierend mit dem Wertesystem des Urteilenden empfunden werden. Solche intentional motivierte Informationsverarbeitung wird in der psychologischen Forschung zum Wissenschaftsvertrauen als wichtiger Prozess betrachtet, der zu der Verleugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse, zum Beispiel über den Klimawandel, beiträgt. Bürger*innen, die der Wissenschaft vertrauen, sollten zumindest für die strategisch motivierte Leugnung wissenschaftlicher Befunde nicht empfänglich sein. Zugleich gibt es aber viele Anlässe für eine kritische Haltung gegenüber wissenschaftlichen Geltungsbehauptungen. Das wirft die Frage auf, wie ein normatives Konzept von Wissenschaftsvertrauen aussehen könnte, das die epistemischen Leistungen der Wissenschaft anerkennt und nutzt, zugleich aber eine kritische Perspektive ermöglicht. Dazu wird im achten Abschnitt das Konzept des informierten Vertrauens eingeführt. Es wird dadurch erläutert, dass die Wissensbereiche umrissen werden, die das Informiertsein bei Vertrauensurteilen begründen.
... B. Erziehungswissenschaft, Psychologie), beginnen somit ihr Studium als Insider auf Basis ihrer Bil-dungsbiografie (Pajares, 1992;Trautwein, 2013). Dies kann insbesondere dann zu Problemen führen, wenn Vorüberzeugungen mit Studieninhalten konfligieren, da dies verzerrte Rezeptionsund Bewertungsprozesse begünstigt (Richter & Maier, 2018;Rothmund, Gollwitzer, Nauroth & Bender, 2017). Wenn individuelle Vorüberzeugungen im Widerspruch zu Forschungsbefunden stehen, neigen Personen dazu, wissenschaftliche Evidenz abzuwerten oder gar zu ignorieren anstatt ihre Vorüberzeugungen daran zu reflektieren und ggf. ...
... This finding fits well to the abundant literature about confirmation bias, which can be defined as 'the seeking or interpreting of evidence in ways that are partial to existing beliefs, expectations, or a hypothesis in hand' (Nickerson 1998). Confirmation bias can be seen as a special case of motivated information processing (Kruglanski 1996) orin the area of science communicationof motivated science perception (Rothmund et al. 2017). ...
Article
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In the current paper, research on risk communication regarding radiofrequency electromagnetic fields (RF-EMF) of mobile communication technologies is systematically reviewed. The following databases were searched in March 2017: EBSCO (PsycInfo, Academic search premier), Medline, SCOPUS, and emf-portal.org. Of 1139 unique hits, 28 articles (including 27 studies) remained after full-text eligibility screening. The majority of studies were experiments. The quality of all studies was evaluated against standardised criteria. Studies were assigned to nine different categories of content. Categories were comprehensibility of information (four studies), information on the (non-)existence of the risk (2), information about uncertainty (3), information focussed on different health effects (3), information about the source of the information (2), information about individual risk and exposure aspects (5), information about precautionary measures (14), effects of television reports and audio-visual advertisements (4), information regarding base station siting (2). For each topic, findings were summarised and, if possible, a recommendation for risk communication practice was derived. Throughout the topics, many studies did not only analyse the main effects but also interactions with recipient characteristics. Interaction analyses suggest that especially prior risk perception shapes the individual evaluation of information about RF-EMF and has an influence on perceived credibility, interpretation of verbal descriptors of uncertainty, perceived persuasiveness of arguments and the communication´s effect on risk perception. For information about precautionary measures, the evidence was combined in a meta-analysis. Mean effects showed a significant increase of risk perception regarding mobile phones and mobile phone base stations due to information about precaution (Hedges´ g = .16, 95% confidence interval (.05; .26) for mobile phone risk perception, g = .17 (.10; .24) for base station risk perception). Strategies for dealing with the influence of prior risk perception are discussed. Finally, limitations of the current study and potential avenues for future research are outlined.
... Nach Hayes (1989) Daneben spielen aber auch einstellungs-und identitätsbezogene Faktoren wie Einstellungen eine Rolle (vgl. Rothmund, Gollwitzer, Nauroth & Bender, 2017), da Autoren durch bestimmte Interessen geleitet werden können (Bromme & Kienhues, 2012). So finden sich im Internet Seiten verschiedenster Interessengruppen (z. ...
Article
Zusammenfassung. Im Internet können Laien nicht nur naturwissenschaftliche Informationen passiv rezipieren, sondern diese auch aktiv produzieren. Wie verarbeiten sie dabei Informationen, sofern sie unsicher und widersprüchlich sind? Während Forschungsarbeiten dazu vorliegen, wie Rezipienten mit fragilen und konflikthaften Informationen und Theorien umgehen, ist bisher noch wenig zu den Einflussfaktoren auf die Produktion von naturwissenschaftlichen Informationen durch Laien im Internet bekannt. In unserem Beitrag zeigen wir verschiedene Einflussfaktoren auf und leiten Vorhersagen zum Produktionsverhalten und den resultierenden Textprodukten ab. Schließlich illustrieren wir unsere Überlegungen an der Online-Enzyklopädie Wikipedia.
Article
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In this article, I argue for four theses. First, libertarian and compatibilist accounts of moral responsibility agree that the capability of practical reason is the central feature of moral responsibility. Second, this viewpoint leads to a reasons-focused account of human behavior. Examples of human action discussed in debates about moral responsibility suggest that typical human actions are driven primarily by the agent’s subjective reasons and are sufficiently transparent for the agent. Third, this conception of self-transparent action is a questionable idealization. As shown by psychological research on self-assessment, motivated reasoning, and terror management theory, humans oftentimes have only a limited understanding of their conduct. Self-deception is rather the rule than the exception. Fourth, taking the limited self-transparency of practical reason seriously leads to a socially contextualized conception of moral responsibility.
Thesis
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When technological innovations become publicly available, it is often not entirely clear whether they might have negative effects, e.g. on their user’s health. In that situation, calls for precaution are frequently voiced. Precautionary measures can take different forms, ranging from a complete ban over stricter limits or controls to merely telling users what they can do to decrease possible risks by themselves. The current work focusses on the latter form of precaution – ‘precautionary recommendations’ – and its effects on the recipients of the recommendations. An innovation that has changed human life profoundly within the last 25 years is modern wireless communication technology. Mobile phones, laptops, tablets, and other wireless devices emit electromagnetic fields in the radiofrequency range (RF EMFs) that interact with the human body. Most health authorities worldwide agree in the assessment that there is ‘no convincing evidence for detrimental health effects of RF EMFs’. However, some uncertainties remain. This is also reflected in the International Agency for Research on Cancer´s (IARC) assessment of RF EMFs from mobile phones as ‘possibly carcinogenic’. Under these circumstances, many national health authorities give precautionary recommendations, e.g. to reduce personal exposure by using a headset for mobile phone calls. The main benefit of precautionary recommendations is that people would have been protected better in case it turned out that wireless communication devices had detrimental health effects after all. However, precautionary recommendations also involve costs: As part of the current work, a meta-analysis of all studies about the effect of precautionary recommendations on recipients’ risk perception was conducted. The results show that precautionary recommendations increase risk perception of mobile phones and mobile phone base stations. Hence, whereas the main benefit of the recommendations might actually be non-existent, manifest costs exist. However, the bearing and the implications of this increase in risk perception due to precautionary recommendations is quite unclear. The current work aimed to shed some light on this effect in order to delineate the costs of precautionary recommendations more precisely. Three research questions were posed: (i) Who reacts with an increase in risk perception when receiving precautionary recommendations? (ii) Can precautionary recommendations be amended so that they do not increase risk perception? (iii) What are the implications of the increase in risk perception due to precautionary recommendations? To investigate these questions, three experiments were conducted in which the participants were confronted with different texts that either did or did not contain various precautionary recommendations. After the participants read the texts, different variables were assessed that were statistically evaluated subsequently. Regarding the first question, it was analysed whether precautionary recommendations effect people with different personalities in different ways. Trait anxiety emerged as the variable that interacted with the type of text people read. The current work indicates that precautionary recommendations selectively increase RF EMF risk perceptions of low anxious people. However, the picture becomes more complex when risk perception is assessed with conditional risk perception questions. These questions referred to the hypothetical application of precautionary measures. Two different conditional questions were used in one of the studies: Risk perception under the condition that no precautions are taken and risk perception under the condition that precautions are taken. An important methodological finding of the current work is that the conditional measurement yields useful insights that go beyond those yielded by the traditional, unconditional measurement. To answer the second research question, precautionary recommendations were amended in two ways: First, a motive for communicating precaution (i.e. providing measures to reduce exposure to those who are concerned) was explained. This explanation did not affect risk perception. Second, it was explained why the measures are effective in reducing personal exposure. Adding this explanation to the precautionary recommendation clearly increased recipients’ risk perception under the condition that no precautions are taken. Thus, whereas one attempt to avoid the increase in risk perception in response to the recommendations had no effect, the other even increased risk perception. In order to delineate the implications of the effect of precautionary recommendations on risk perception (third research question), two possible implications were analysed. First, although never empirically investigated, some scholars have claimed that precautionary recommendations raise fear and anxiety. Second, nocebo effects have been observed in response to alleged exposure to EMFs in some studies. Results showed that precautionary recommendations neither gave rise to an increased state anxiety, nor resulted in more nocebo responses to sham RF EMF exposure from an alleged WLAN antenna. The current work thus clearly delineates the boundaries of the costs of precautionary measures. The conclusion is drawn that the increase in risk perception, a variable that is generally an important predictor of health-related intentions and behaviour, is too small to have further effects. It remains an open question whether the results can be transferred to other possible risks.
Article
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Laypersons’ engagement with science has grown over the last decade, especially in Internet environments. While this development has many benefits, scientists also face the challenge of devaluation and public criticism by laypersons. Embedding this phenomenon in social-psychological theories and research on value-behavior correspondence, we investigated moral threat as a factor influencing laypersons’ engagement with science. Across three studies, we hypothesized and found that moral values shape the way laypersons evaluate and communicate about science when these values are threatened in a given situation and central to people’s self-concept. However, prior research on the underlying mechanism of moral threat effects cannot fully rule out value salience as an alternative explanation. To close this gap, we situationally induced value salience while varying the degree of moral threat (Study 3). Our findings indicate that moral threat amplifies the influence of moral values on laypersons’ evaluation of science above and beyond value salience.
Article
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Public debates about socio-scientific issues (e.g., climate change or violent video games) are often accompanied by attacks on the reputation of the involved scientists. Drawing on the social identity approach, we report a minimal group experiment investigating the conditions under which scientists are perceived as non-prototypical, non-reputable, and incompetent. Results show that in-group affirming and threatening scientific findings (compared to a control condition) both alter laypersons’ evaluations of the study: in-group affirming findings lead to more positive and in-group threatening findings to more negative evaluations. However, only in-group threatening findings alter laypersons’ perceptions of the scientists who published the study: scientists were perceived as less prototypical, less reputable, and less competent when their research results imply a threat to participants’ social identity compared to a non-threat condition. Our findings add to the literature on science reception research and have implications for understanding the public engagement with science.
Chapter
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The chapter proposes a model to integrate the cognitive and motivational perspectives on social inference. The model specifies (1) the conditions under which affective and motivational factors do and do not influence inferential processes and (2) the mechanisms through which affective and motivational processes influence inferential processes to produce biased conclusions. The chapter focuses on the role of a self-esteem motive in producing the self-serving attribution bias. This particular motive is chosen because a wide variety of theorists throughout the history of psychology have suggested that the need for self-esteem exerts a powerful influence on people's cognitions and behavior. It should be pointed out; however, the model is quite general and applicable to the mechanisms through which other motives influence inferences as well. Influenced by recent developments in cognitive psychology and information processing, the theorists focus on the way people encode and organize—the retrieve information and on the knowledge structures—transformation rules and heuristics that are used to make inferences of various kinds. The chapter briefly discusses some of the major influences on various steps in the sequence when the only goal of the process is to arrive at an accurate attribution for the observed event.
Article
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Experiencing social identity threat from scientific findings can lead people to cognitively devalue the respective findings. Three studies examined whether potentially threatening scientific findings motivate group members to take action against the respective findings by publicly discrediting them on the Web. Results show that strongly (vs. weakly) identified group members (i.e., people who identified as "gamers ") were particularly likely to discredit social identity threatening findings publicly (i.e., studies that found an effect of playing violent video games on aggression). A content analytical evaluation of online comments revealed that social identification specifically predicted critiques of the methodology employed in potentially threatening, but not in non-threatening research (Study 2). Furthermore, when participants were collectively (vs. self-) affirmed, identification did no longer predict discrediting posting behavior (Study 3). These findings contribute to the understanding of the formation of online collective action and add to the burgeoning literature on the question why certain scientific findings sometimes face a broad public opposition.
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Wann immer sozialwissenschaftliche Fragestellungen durch ein hohes Maß an Alltagsrelevanz gekennzeichnet sind und sozialwissenschaftliche Forschungsbefunde im Konflikt mit subjektiven Überzeugungen stehen, besteht die Gefahr, dass Forschung in den Medien und von politischen Entscheidungsträgern instrumentalisiert und in der Öffentlichkeit selektiv dargestellt, wahrgenommen und bewertet wird. Wissenschaftliche Befunde werden insbesondere dann diskreditiert, abgewertet oder in ihrer Relevanz bzw. Qualität relativiert, wenn sie a) eine Bedrohung fundamentaler moralischer Wertüberzeugungen (z. B. Gerechtigkeit, Gleichheit, Gewaltfreiheit) oder b) eine Bedrohung des Bedürfnisses nach positiver sozialer Identität implizieren. Am Beispiel des Themas gewalthaltiger Computerspiele werden kognitive und emotionale Prozesse eines solchen selektiven Umgangs mit empirischen Forschungsbefunden beschrieben und psychologisch analysiert. Die Implikationen dieser Analyse für die Vermittlung sozialwissenschaftlicher Befunde in die Öffentlichkeit werden abschließend diskutiert.
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The contemporary political landscape is characterized by numerous divisive issues. Unlike many other issues, however, much of the disagreement about climate change centers not on how best to take action to address the problem, but on whether the problem exists at all. Psychological studies indicate that, to the extent that sustainability initiatives are seen as threatening to the socioeconomic system, individuals may downplay environmental problems in order to defend and protect the status quo. In the current research, participants were presented with scientific information about climate change and later asked to recall details of what they had learned. Individuals who were experimentally induced (Study 1) or dispositionally inclined (Studies 2 and 3) to justify the economic system misremembered the evidence to be less serious, and this was associated with increased skepticism. However, when high system justifiers were led to believe that the economy was in a recovery, they recalled climate change information to be more serious than did those assigned to a control condition. When low system justifiers were led to believe that the economy was in recession, they recalled the information to be less serious (Study 3). These findings suggest that because system justification can impact information processing, simply providing the public with scientific evidence may be insufficient to inspire action to mitigate climate change. However, linking environmental information to statements about the strength of the economic system may satiate system justification needs and break the psychological link between proenvironmental initiatives and economic risk. (PsycINFO Database Record
Article
Public discussions about the harmfulness of violent media are often held in the aftermath of violent felony. At the same time, we know little about whether and how experiencing real-life violence impacts the way laypersons perceive and evaluate debates about virtual violence. In Study 1, we provided data indicating that both real-life violence and violent video games are perceived as morally threatening by people who regard nonviolence to be an important moral value (i.e., pacifists). In Study 2, we hypothesized and found that when pacifists perceive threat from the presence of real-life violence, they are especially susceptible to scientific and political claims indicating that violent video games are harmful. Our findings are in line with the value protection model and research on the psychological consequences of threat. Implications of the present findings are discussed with regard to a better understanding of the violent video games debate in the general public.
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There has been deepening concern about political polarization in public attitudes toward the scientific community. The intrinsic thesis attributes this polarization to psychological deficiencies among conservatives as compared to liberals. The contextual thesis makes no such claims about inherent psychological differences between conservatives and liberals, but rather points to interacting institutional and psychological factors as the forces driving polarization. We evaluate the evidence for both theses in the context of developing and testing a theoretical model of audience response to dissonant science communication. Conducting a national online experiment (N = 1,500), we examined audience reactions to both conservative-dissonant and liberal-dissonant science messages and consequences for trust in the scientific community. Our results suggest liberals and conservatives alike react negatively to dissonant science communication, resulting in diminished trust of the scientific community. We discuss how our findings link to the larger debate about political polarization of science and implications for science communicators.
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This study examined how citizens select science information online based on their pre-existing issue attitudes. Voluntary national samples browsed through an online news magazine featuring divergent viewpoints about four controversial science topics (stem cell, evolution, genetically modified foods, and global warming). Their online activities, including article selection and the length of exposure, were unobtrusively measured by behavior tracking software. Participants tended to choose science information that challenged rather than supported their views concerning stem cell and genetically modified foods. However, those who perceived that they had sufficient science knowledge and were religious exhibited confirmation-bias, preferring congruent to incongruent information.