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Von Ko-Präsenz zu Ko-Referenz – Das Erbe Erving Goffmans im Zeitalter digitalisierter Interaktion

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Face-to-face Interaktionen gelten gemeinhin als die intensivste, weil ursprünglichste Form des Sozialen. Innerhalb der Soziologie, aber auch der Psychologie oder den Kommunikationswissenschaften, nehmen sie einen besonderen Stellenwert ein. Aus face-to-face Interaktionen erwachsen Ideen des Selbst, sie ermöglichen einen gewissen Grad an Handlungsautonomie und vollziehen sich jedoch auch stets an institutionellen Erwartungen orientiert. Die Etablierung des Internets und darauf basierende informationstechnologische Kom-munikationstechnologien transzendieren räumlich wie zeitlich ehemals unhintergehbare Grenzen des Sozialen und bringen stetig neue Formen der Interaktion und Vergemeinschaftungen hervor. Dies bedeutet letztlich auch eine Herausforderung für klassische soziologische Konzepte, die vor diesem Hintergrund stetig auf ihren Wert überprüft werden müssen. Der vorliegende Artikel befasst sich in dieser Absicht mit Goffmans Konzept der Ko-Referenz und schlägt vor, seine ursprünglichen Limitationen bezogen auf Raum und Zeit zu überwinden, um stattdessen die von Goffman ebenfalls zentral fokussierte Referenz ins analytische Zentrum zu stellen.
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Daniel Houben
Von Ko-Präsenz zu Ko-Referenz Das Erbe Erving Goffmans im Zeitalter digitalisierter
Interaktion
1. Einleitung
Face-to-face Interaktionen gelten gemeinhin als die intensivste, weil ursprünglichste Form des Sozia-
len. Innerhalb der Soziologie, aber auch der Psychologie oder den Kommunikationswissenschaften,
nehmen sie einen besonderen Stellenwert ein: angefangen bei Meads Sozialbehaviorismus, über
Schützens Phänomenologie und erst recht in Goffmans Interaktionsanalysen. Aus face-to-face Inter-
aktionen erwachsen hier Ideen des Selbst, sie ermöglichen einen gewissen Grad an Handlungsauto-
nomie und vollziehen sich jedoch auch stets an institutionellen Erwartungen orientiert. Die zuneh-
mende Mediatisierung und Digitalisierung (exemplarisch: Lupton 2015) sozialer Interaktionen führt
jedoch insgesamt dazu, dass sich das Soziale raumzeitlich entgrenzter darstellt. Traditionell
1
galt In-
teraktion als gekennzeichnet durch unmittelbare Erreichbarkeit und körperliche Anwesenheit, durch
körperbasierte Partizipation und Interpretation.
Aufgrund der digitalen Vernetzung erleben wir schon seit einiger Zeit immer nachhaltiger eine
„Komplexität verteilter Gegenwart“ (Faßler 2001: 250), die in vielen Fällen nicht nur ohne die Un-
mittelbarkeit des Körperlichen auskommen muss, sondern immer öfter auch erfolgreich ohne jene
auskommt. Die Etablierung des Internets und darauf basierende informationstechnologische Kom-
munikationstechnologien transzendieren räumlich wie zeitlich ehemals unhintergehbare Grenzen des
Sozialen und bringen stetig neue Formen der Interaktion und Vergemeinschaftungen hervor. Soziale
Netzwerke wie Facebook oder Web 2.0-Angebote wie Twitter werden in immer mehr Bereichen der
Alltagswelt als legitime Kommunikationsform akzeptiert und krempeln das klassische Interaktions-
verhalten um. „Interaktion in Gestalt einer neuen Qualität der asynchronen Datenkommunikation,
Partizipation im Sinne eines direkten Beisteuerns von Beiträgen auf verschiedenen Plattformen sowie
Kooperationen auf der Basis von Social Software zur Verknüpfung und Klassifizierung von Perso-
nen und Inhalten: Alle drei Formen des Mittuns bergen das Potential in sich, eine ‚neue‘ Öffentlich-
keit herzustellen“ (Blutner/Häußling 2011: 230). Smartphones und Tablets werden immer leistungs-
fähiger, günstiger und üblicher. Ihre Betriebssysteme lassen sich zunehmend individualisieren. h-
rend wir anfangs noch über die Leichtigkeit der Digital Natives staunten oder uns über die Arglosig-
keit der Podestrians wunderten, tauschen wir mittlerweile Lied- und Videodateien mit unseren Eltern
in der Cloud aus und erhalten unserer großelterlichen Geburtstagsgrüße über Whatsapp. Zhaos
(2006: 459) Einwand, digitale Interaktionen, mithin ganze Vergemeinschaftungen, vollzögen sich auf
den ersten Blick potentiell anonymer und flüchtiger, hat seine Halbwertszeit wohl schon überschrit-
ten. Denn auch die virtuell getätigten Interaktionen zeitigen bedeutende Auswirkungen für die sozia-
le Positionierung, die Habitusformierung, die Identität und nicht zuletzt Handlungsfähigkeit sozialer
Akteure (Paulitz/Carstensen 2015).
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Natürlich gab es auch in der Vergangenheit verschiedenste Formen mediatisierter, raumzeitlich entgrenzter Kommuni-
kation und Interaktion. Hier wird jedoch davon ausgegangen, dass diese erstens bzgl. ihrer Frequenz und Dichte weniger
stark ausgeprägt waren, als dies aktuell zu beobachten wäre; und zweitens dass die Soziologie ihnen in der Vergangenheit
(zu) wenig Aufmerksamkeit schenkte.
2
Je offenkundiger wird, dass wir in einer mediatisierten, von Netzwerken dominierten Welt
(Castells 2001) leben, desto hinfälliger wird die zu Beginn dieses Jahrtausends nicht nur in der Sozio-
logie noch ordentlich reproduzierte Grenze zwischen Virtualität und Realität, zwischen Online- und
Offline-Welt (Braun 2014). Erkennt man dies an, stehen die Sozialwissenschaften erstens vor der
Herausforderung, die oben skizzierten Formen digitaler Interaktion mit aller Konsequenz in ihren
Kanon zu integrieren. Dies erfordert zweitens kritisch zu prüfen, wie weit die etablierten Grundbe-
griffe und klassischen theoretischen Kategorien in Verhältnissen digitaler Soziabilität noch tragen. So
sehr zwar Einigkeit darüber besteht, dass Digitalisierung und Mediatisierung die Gesellschaft nach-
haltig verändern, so wenig offenkundig bleibt, wie man diesen Wandel insbesondere vor dem Hin-
tergrund seines Tempos konzeptionell und methodisch fassen soll (DiMaggio et al 2001: 308).
Die Soziologie der Interaktion ist freilich nur ein sehr kleiner Teil dessen, was diesbezüglich
einer kritischen Aufarbeitung bedarf. Erving Goffmans Werk stellt darin einen beinahe konkurrenz-
losen Bezugspunkt dar. Umso dringlicher ist es, seine Begriffe und Konzepte mit den Interaktions-
und Kommunikationsdynamiken unserer Zeit zu konfrontieren und auf dieser Basis weiterzudenken.
Insbesondere, da der Fluchtpunkt seiner Soziologie ein vergleichsweise rigides Verständnis von
raum-zeitlicher und damit immer auch körperlicher Ko-Präsenz ist. Wenn die eingangs genannten
Beobachtungen zutreffen, stellt sich allerdings unweigerlich die Frage, ob nicht gerade der Begriff der
Ko-Präsenz modifiziert werden muss oder ob die skizzierten Entwicklungen eher ein Hinweis darauf
sind, dass theoretisch lange als untrennbar gedachte Elemente analytisch durchaus eine gewisse Ent-
kopplung verkraften.
2. Basiselemente der Soziologie Goffmans
In einer Beispielepisode beschreibt Goffman den Einsatz eines seinerzeit noch wenig verbreiteten,
sicherlich noch etwas klobigen Apparates: Auf dem Flur eines amerikanischen Studentenwohnheims
stand ein zentrales Telefon, über das die Studenten sich anrufen lassen konnten. Wer auch immer
zuerst den Hörer erreichte, rief nach den Angerufenen, die darüber ein zusätzliches Vehikel fanden,
ihren Status zu präsentieren. Die Interaktion, die über das Telefon selbst vonstattenging, interessierte
Goffman hingegen nicht sonderlich. Er schrieb, wie es scheint, auf den ersten Blick, dem Telefon
keine höhere soziologische Relevanz zu als einem Flur. Man darf Goffman daraus keinen Vorwurf
machen; auch er konnte nur untersuchen, was er vorfand. Für uns stellt sich heute indes die Frage,
ob und wie sich sein Oeuvre auf medial vermittelte Interaktionen anwenden lässt. Diese Einlassung
wäre ein lausiger Aufhänger, bliebe jene Episode nicht der einzige Hinweis in Goffmans Werk auf
Technologien, die wir mittlerweile schon wieder anachronistisch neue Kommunikationsmedien
nennen. Sein Oeuvre hebt sich insofern von dem vieler anderer „Klassiker“ der Soziologie ab, als es
schwerer fällt, ihm eines der üblichen Etikette anzuheften und so toben rund um seine Schriften
Zuordnungs- und Abgrenzungsdebatten
2
. Die vielschichtige Interpretation die Goffmans Werk er-
fährt, macht es notwendig, die zentralen Elemente seiner Soziologie einzuführen, um die folgende
Diskussion angemessen einzubetten.
Im Zentrum der Soziologie Goffmans steht die soziale Konstruiertheit der menschlichen Er-
fahrung. Dabei wendet er sich jedoch gegen einen starken Konstruktivismus (dazu grundsätzlich
2
„Due at least part to Goffman’s evasion of placement within any theoretical school, it could almost be said, that
Goffman has been everything to everybody!” (Branaman 2001: 99)
3
Knorr-Cetina 1989), der die normativen Vorgaben sozialer Arrangements relativiere und den Indivi-
duen für das Aushandeln der sozialen Situation zu viel Autonomie beimesse. Eher im Sinne Durk-
heims (1965) geht er davon aus, dass Gesellschaft von den Individuen als äußerliches Phänomen
wahrgenommen wird. Soziale Situationen sind demgemäß bereits sozial vorgeformt, wenn Akteure
sich in ihnen engagieren. Sie kommen also gewissermaßen eher in Situationen an, als dass sie diese
autonom bzw. ausschließlich situativ-reziprok herstellen (Collins 1988: 58, Goffman 1963). Goffman
erkannte, dass sich die Oberflächen bzw. Formen sozialer Situationen zwar oftmals gleichen, dabei
aber in ihrem Gehalt fundamental unterscheiden können. Insofern kann keine Situation oder Person
augenscheinlich oder gar aus dem sozialen Kontext isoliert für sich sprechen. Ihr jeweiliger sozialer
Sinn hängt immer von der individuell zugewiesenen Interpretation ab
3
. Um zu begreifen, was in sozi-
alen Situation vor sich geht und in welcher Weise Individuen sich in ihnen engagieren, sei es dem-
nach unabdingbar, die Prinzipien der Interpretation zu verstehen, die ihnen Bedeutung und Geltung
verleihen (Goffman 1974). Entscheidend für Goffman dabei ist, dass diese Interpretationsmuster
nicht ex nihilo entstehen, sondern in einem Netzwerk mit anderen Deutungsmustern stehen. Dieser
sozialen Realität war Goffman auf der Spur und übersah dabei im Gegensatz zu einigen seiner aka-
demischen Zeitgenossen nicht, dass dieser objektiven Realität keine allgemeine, ideale oder sonstwie
übergeordnete Blaupause zugrunde liegt. Denn weder steckt ein allumfassendes Selbst hinter all un-
seren Masken, noch existiert eine tiefere, ursprüngliche Interpretation, von der alle anderen nur Ab-
leitungen sind, stattdessen emergiert das Soziale ausschließlich aus unzähligen Interaktionsformen
und Deutungsmustern. Diese Interpretationsoffenheit und Bedeutungsschwere konkreter Aufeinan-
dertreffen begründet, weshalb Menschen versuchen, mittels Ausdruckskontrolle die Information zu
manipulieren, die ihre Gegenüber von ihnen gewinnen sollen. Für Goffman sind soziale Inszenie-
rungen daher Bestandteil der conditio humana (Goffman 1969). Viele Elemente seiner Soziologie
leitet er vom Theater und dessen Dramaturgie ab. Mithilfe dieses begrifflichen Instrumentariums
zeichnet er nach, wie Individuen sich selbst und ihre Tätigkeiten anderen darstellen und welche Mit-
tel sie einsetzen, um den Eindruck zu kontrollieren, den sie auf andere machen. In Goffmans Thea-
ter geht es um die Selbstdarstellung als primäre Form der gesellschaftlichen Selbstbehauptung und
damit um all ihren Routinen und Selbstverständlichkeiten aber auch Widersprüchen und Dysfunkti-
onlitäten (Goffman 1983: 3).
Eines der zentralen Themen der Goffmanschen Soziologie ist die Frage, wie das Selbst sozi-
al generiert wird. Wo Mead (1973) noch davon ausging, dass das Selbst aus sozialer Erfahrung er-
wachse, insbesondere der Fähigkeit, sich empathisch in die Situation eines generalisierten Anderen zu
versetzen, nimmt Goffman eine konstruktivistischere Position ein, die das Selbst zum Produkt des
Sozialen ausruft. Das Selbst wird nicht von einer sozialen Situation gestärkt, sondern tritt nur in ihr
gewissermaßen als dramaturgischer Effekt der eigenen Inszenierung in Erscheinung
4
. Die sich darin
3
Eine Person, die ein Baby auf dem Arm hält, könnte gleichsam eine sorgende Mutter oder Kindsräuberin sein.
4
In Wir alle spielen Theater unterscheidet Goffman zwischen dem Self-as-performer als biopsychologischer, instinktbesit-
zender und emotionaler Einheit, die sich nach affektiver Zustimmung anderer sehnt einerseits und andererseits dem self -
as-character. Das Self-as-character hingegen ist nach Goffmans Überzeugung der primäre Bezugspunkt des Sozialen.
Denn es ist gerade diese Charaktermaske, die als Knotenpunkt verschiedener Interaktionen fungiert und darüber zum
„wahreren Selbst“ wird (Goffman 1959: 19). Das innere Selbst geht erst aus den Darstellungen auf der Bühne hervor und
leitet sich gewissermaßen daraus ab es ist nicht ihr Urheber (Goffman 1959: 252f). Jede Darstellung braucht Unterstüt-
zung und Feedback, den sie von anderen empfängt. Erst dadurch kann sie sich ausbilden. Insofern sollte Wir alle spielen
Theater auch verstanden werden als Analyse wichtiger Unsicherheiten und Unwägbarkeiten in diesem aufgrund der Not-
4
entfaltende Kunst der Selbstdarstellung reift dann zur vollen Meisterschaft, wenn Ego von Alter
genau so gesehen wird, wie Ego es beabsichtigt und das nicht nur situativ, sondern auch in Bezug
auf sozialen Status, unterstellte Einstellungen und Absichten (Jenkins 2011: 260). Die institutionelle
Grundlage dieses dramatischen Treibens ist einerseits konventionell, als sie auf geteilten Deutungs-
mustern und Skripten sowie sozialen Rollen und Erwartungen aufbaut (Berger/Luckmann 2004,
Dahrendorf 1977, DiMaggio 1997). Andererseits betont Goffman, dass auch solch normbasierte
Interaktionen stets verhandlungsbedürftig und praxisbasiert bleiben (Goffman 1963).
Dem hier bereits inhärenten Zusammenhang zwischen sozialen Strukturen einerseits und den
Dramaturgien und Kontingenzen der Interaktion andererseits widmete Goffman sich explizit am
Ende seines Schaffens mit dem Konzept der Interaktionsordnung (Goffman 1983). Mit dem Begriff
will Goffman grundsätzlich Muster, Regeln und Prinzipien von Interaktionssituationen in Ko-
Präsenz beschreiben. In dieser Ansicht dokumentiert sich ein bedeutsamer Unterschied zum klassi-
schen symbolischen Interaktionismus etwa Blumerscher Prägung (1973). Während jener sich darauf
konzentriert, wie Individuen Sinn in soziale Situationen hineinbringen und sie dadurch erst konstitu-
ieren, betont Goffman, dass soziale Situationen bereits vorstrukturiert sind und eine den Individuen
äußerliche Ordnung besitzen. Die Interaktionsordnung schränkt dabei jedoch die Möglichkeiten der
Individuen ein, liefert aber gleichzeitig auch Motive für Compliance (Goffman 1983). Zwar fordert er
damit nicht einen ultimativen Primat sozialer Interaktionen vor makrosozialen Strukturen, allerdings
drückt er deutlich aus, dass den Interaktionen eine Ordnung innewohnt, die nicht zufriedenstellend
alleine aus den sie vermeintlich überspannenden Makrostrukturen ableitbar ist. Die Interaktionsord-
nung ist daher relativ autonom und kann umgekehrt wiederum einen Effekt auf Makrostrukturen
zeitigen. So wirken sich Strukturen sozialer Ungleichheit etwa als differente Ressourcenzugänge oder
unterschiedliche Lebenschancen sich jedoch auf die Art und Weise der Interaktion aus, aber gleich-
zeitig haben Interaktionsformen einen Effekt auf die Ungleichheitsstrukturen. Die Frage, wie etwa
Mitglieder hierarchisch voneinander getrennter Gruppen miteinander umgehen, reproduziert oder
verändert letztere eben auch. Auch wenn die Interaktionsordnung demzufolge eher eine strukturkon-
servierende Rolle spielt, kann sie diese doch auch erschüttern und überkommene Arrangements zu
Fall bringen (Goffman 1983: 8). Goffmans Interaktionsordnung ist folglich eine Ordnung der klei-
nen Dinge und feinen Begebenheiten des Alltagslebens, die durch ko-präsente Interaktion und Rah-
mungen entsteht und aufrechterhalten wird. Für die Einhaltung dieser Ordnung fungiert ko-präsente
Interaktion im doppelten Sinne als Reproduktionsmodus: einmal da durch die Bereitschaft zur Bei-
behaltung eben jenes Musters sozialer Sinn erzeugt wird und zum anderen als tätiges Erschaffen.
Interaktion kann damit verstanden werden als Produktionsmuster sozialen Sinns. Die Interaktions-
ordnung erweist sich für das Handeln der Akteure folglich in dergleichen Weise sinnstiftend, wie
etwa religiöse oder wirtschaftliche Normen, die nicht selten mit Makrostrukturen in Verbindung ge-
bracht werden
5
. Sie reproduziert sich in den Präsentationen und den performativen Logiken der be-
teiligten Selbste. Da das Selbst erst immer wieder in sozialen Interaktionen hergestellt und bewahrt
wendigkeit Dritter immer kontingenten Techniken der Produktion des Selbst. So dokumentiert er in Asyle eindrucksvoll,
wie niederschmetternd es für die Möglichkeit der Selbstbehauptung ist, wenn der übliche Zuspruch verloren geht (Goff-
man 1973); in Stigma wiederum widmet er sich den Schwierigkeiten, die aus dem Konflikt zwischen Diskreditierung und
Normalität entstehen (Goffman 2010).
5
Die offensichtlichsten Beispiele dafür liefern soziologische Differenzierungstheorien (für einen Überblick siehe Schi-
mank 2007).
5
bleiben muss, fühlen sich deren TeilnehmerInnen der performativen Logik verpflichtet und sind
gleichzeitig durch die basalen Regeln der Interaktion eingeschränkt: wollen sie die Interaktionssitua-
tion nicht torpedieren, müssen sie sich an den Ritualen und Normen orientieren, auf denen die ent-
sprechende Situation aufgebaut ist (Jacobsen 2010: 207). Es sind demnach nicht die abstrakten Re-
geln die den Bezugspunkt der interaktiven Handlung bilden, sondern die konkreten Unterstellungen
der interagierenden Individuen, was ihre Gegenüber interpretieren und mitsamt ihren daraus resultie-
renden Positionierungen. Im Sinne eines klassischen symbolischen Interaktionismus wird nicht das
Einhalten der Regeln des Spiels, sondern ihr spielerisches Aushandeln selbst als Leistung betrachtet.
Zwar ist institutionell abgesichert, welche Interaktionsformen in welchen Kontexten als angemessen
gelten, aber Goffman wird nicht müde herauszuarbeiten, dass diese Institutionen freilich ebenso
konkreter Reproduktion in Interaktionen bedürfen. Die sich zwangsläufig anschließende Frage, wie
sehr die Interaktionsordnung also institutionell eingeschränkt wird, beantwortet Goffman (1983)
folgelogisch unscharf: situative Einschränkungen der Interaktionsordnung können, müssen aber
nicht notwendigerweise mit Makrostrukturen korrespondieren. Überspannende institutionelle Logi-
ken und Interaktionsordnung seien insgesamt nur lose miteinander gekoppelt. Analytisch folgt dar-
aus, dass die Interaktionsordnung weder prioritär noch sekundär gegenüber der Sozialstruktur aufzu-
fassen, noch unmittelbar aus der Sozialstruktur ableitbar ist. Die Interaktionsordnung bleibt auch bei
einer Kopplung an allgemeine Geltung beanspruchende Normen, Regeln und Erwartungen überwie-
gend situativ, ohne dabei chaotisch oder zufällig zu sein (Dellwing 2014: 42).
3. Körperlichkeit als Garant für funktionierende Interaktion
Goffmans Programm beruht auf Ko-Päsenz als Fluchtpunkt seiner Analysen und Beschreibungen.
Er begründet dies wie folgt: „Soziale Interaktion im engeren Sinne geschieht einzig in sozialen Situa-
tionen, d.h. in Umwelten, in denen zwei oder mehr Individuen körperlich anwesend sind, und zwar
so, daß sie aufeinander reagieren können“ (Goffman 2001: 55). Nur in Ko-Präsenz könne beinahe
alles zum Ausgangspunkt der Situationsdeutung werden, da kleine Handlungen, unwillkürliche Ges-
ten, Mimikspiele etc. zu Instrumenten des wechselseitigen Aushandelns über die Bedeutung der Situ-
ation geraten. “Persons must sense that they are close enough to be perceived in whatever they are
doing, including their experiencing of others, and close enough to be perceived in their sensing of
being perceived” (Goffman 1963: 17). Die Bedeutung einer Situation und der Sinn des auf sie bezo-
genen Handelns bleiben letztlich immer prekär, denn jede Aktion, jede Geste, jede soziale Handlung
ist letztlich nur ein Angebot daran, wie die Situation zu deuten ist. Damit die jeweiligen Erwartungen
und Aktivitäten einen Bezug zueinander aufweisen bzw. sich auf einen gemeinsamen Deutungshori-
zont beziehen lassen, müssen sich alle Beteiligten engagieren, um einer Situation halbwegs kongruen-
te Bedeutung zuzuschreiben (Dellwing 2014: 43).
Eine solche theoretische Perspektive, in der ein Selbst immer wieder erst in sozialen Interak-
tionen hergestellt und bewahrt werden muss, ist für medienwissenschaftliche Arbeiten freilich attrak-
tiv. Und so greifen in jüngerer Vergangenheit Studien zu Präsentationen des Selbst in digitalen Medi-
en oder sogenannten sozialen Netzwerken wieder gerne auf Goffman zurück und verhelfen seinen
Ideen hier zu einer kleine Renaissance ob Impression-Management in Chat-Räumen (Be-
cker/Stamp 2005), ob zur Dramaturgie von Online-Beziehungen (Sannicolas 1997) oder in Arbeiten
zu sozialen Medien wie Facebook und Co. (Hogan 2010, Robinson 2007, Pearson 2009). Dies ist
6
auch anschlussfähig an große Narrative der Globalisierungs- und Digitalisierungsdebatte, für die
exemplarisch Giddens herangezogen werden soll: Wo Globalisierung, Digitalisierung und zuneh-
mende Mobilität tradierte Sozialformen und Milieustrukturen erodieren, wächst der Druck auf Indi-
viduen, eine eigene Selbst-Identität auszubilden, sich als eigenständige Personen darzustellen und
darüber Positionen in der Gesellschaft einzunehmen (Giddens 2001: 63). Digitalisierte Kommunika-
tionsmedien offerieren dazu innovative und gleichwohl immer leichter zugängliche, mithin intuitive
Wege und erschaffen neue Formen der Selbstpräsentation (Paulitz/Carstensen 2015). Die verschie-
denen Formen der Präsentationen in sozialen, wie wohl virtuellen, digital mediatisierten Situationen
stehen im Folgenden jedoch nicht im Fokus. Stattdessen soll die Bedeutung von raum-zeitlicher
Unmittelbarkeit für Interaktionisten diskutiert werden.
Aspekte von Raum und Zeit werden in der Soziologie häufig implizit mitverhandelt und nur
selten expliziert. Für Goffman, wie schon für Simmel, sind Individuen füreinander relevant, wenn sie
füreinander präsent sind, ihre Körper also örtlich besehen nah und zeitlich besehen simultan sind.
Simmel maß insbesondere dem Raum als Dimension der Vergesellschaftung eine hohe Bedeutung zu
(Nedelmann 1999), am bekanntesten in seinen Ausführungen zum Fremden oder seinen Überlegun-
gen zu sozialen Gruppen (Simmel 1904). Zwar ist auch für Simmel Alltagsinteraktion noch notwen-
digerweise an Ko-Präsenz in einem konkreten physischen Raum geknüpft. Jedoch ist bei ihm bereits
ein soziales Raumverständnis angelegt, dass bereits die Potenz besitzt, rein räumlich gedachte Ko-
Präsenz zu transzendieren
6
. Einer Idee von Zhao folgend (2006: 471), lässt sich dies an der Frage
explizieren, wann jemand als alleine gilt. Physisch-räumlich betrachtet, wäre eine einzelne Person an
einem gegebenen Ort zu Zeiten Simmels eindeutig allein gewesen. Heute könnte sie sich allerdings
im Chat mit vielen anderen befinden. Körper und Raum-Zeit spielen in der klassischen Konzeption
also eng zusammen nicht nur, weil Interaktionen physischen Raum und Zeit benötigen und sie auf
der anderen Seite einschränken. Der räumlich sichergestellten Ko-Präsenz wohnt eine Interventions-
und damit Kontrolloption inne (Lindemann 2015: 52). Gerade aufgrund der raumzeitlichen Gebun-
denheit begreift Goffman seine Interaktionsordnungen als relativ und wandelbar. Ein Beispiel dafür
ist die Territorialität im öffentlichen Raum: Dort begegnen sich Menschen zunächst in bzw. mit ih-
ren Körpern und versuchen den „Verkehrsregeln“ entsprechend ihre Territorien zu verteidigen und
gleichzeitig die der anderen nicht zu verletzen: Menschen laufen nicht nur einfach durch einen beleb-
ten Raum, sie vereinnahmen ihn, indem sie anzeigen, ausweichen und mittels ihrer Körper sozialen
Sinn erschaffen und folgen (Goffman 1963). Ein anderes Beispiel dafür sind Gesprächsrunden auf
einer Konferenz, die meistens in unmittelbar erkennbaren Figurationen räumlich getrennt zu be-
obachten sind. Der Erhalt dieser Raumordnung findet zwar keine besonders konzentrierte Beach-
tung, er findet aber nichtsdestotrotz statt und ist konstitutiv für die Interaktion. Und so kann eine
6
Ein physisch dominierter Raumbegriff wird für die soziologische Analyse jedoch wie einleitend angedeutet in zuneh-
mendem Maße unbrauchbar. Dabei geht schon Simmels Raumverständnis über das bloß Physische hinaus. Denn die
Möglichkeit, Raum überhaupt wahrzunehmen und zu nutzen, wird bei Simmel letztlich erst durch die soziale Verein-
nahmung desselben geschaffen. Dünne (2006: 291) formuliert: „Erst die soziale Organisation schafft nach Simmel über-
haupt eine als solche wahrnehmbare Raumsituation.“ Auch Foucault begreift Raum als relationales Konzept. Räumliche
Lagen würden durch „Nachbarschaftsbeziehungen“ zu den Elementen der Umwelt bestimmt (Foucault 2006: 318). Die
Überlegungen Simmels und Foucaults lassen sich auch an die Ausführungen Lefebvres anschließen, der die soziale Be-
dingtheit des Raums auf den Punkt bringt: „der (soziale) Raum [ist] ein (soziales) Produkt“ (Lefebvre 2006: 350). Jede
Gesellschaft habe folglich eine eigene Art, eine bestimmte Praxis, sich den Raum anzueignen. Soziale Räume und soziale
Praktiken sind untrennbar miteinander verwoben, gehen ineinander auf und repräsentieren sich gegenseitig.
7
kleine Änderung der Raumsituation bereits eine neue Interaktionsdynamik auslösen (Goffman 1967).
Kurz, in Ko-Präsenz schaffen Menschen mittels ihrer Körper unmittelbar soziale Situationen. Ganz
gleich ob fokussierte oder unfokussierte Interaktion, Goffman erkannte, wie viel Interaktionsarbeit
Körper weitgehend automatisch und unwillkürlich vollbringen (Goffman 1974: 20). Körper sorgen
somit für eine tiefe Einbettung in die Interaktionsordnung. Es wäre indes zu oberflächlich, nur ziel-
gerichtete Bewegungen oder unwillkürliche Gesten, als Bestandteil der Interaktion anzusehen. Wenn
Körper erwartbar (re)agieren, verläuft Interaktion störungsfrei. So existieren diverse Interaktions-
formen, die körperlos kaum funktionieren dürften. Denn gerade ihre Körper lassen Akteure unauf-
lösbar mit der Umwelt vernetzen, wie Crossley (1995: 138) betont. Dabei darf freilich nicht vergessen
werden, wie normativ und konventionell Körpersprache ist. Körper adaptieren bzw. generieren Be-
deutungswandel und erzeugen darüber Akzeptanz oder auch Unstimmigkeiten.
Ein für die weiteren Überlegungen zentraler Aspekt ist die von Goffman wenig beachtete
Fähigkeit des Körpers, gewissermaßen als Speicher und präreflexiver Praxisgenerator zu fungieren.
Bourdieu (1997) folgend, fungiert der Körper als leibliches
7
Gedächtnis, das sich in konkreten Situa-
tionen nicht deterministisch-mechanistisch, sondern kontextsensibel, wenngleich auch erfahrungsba-
siert aktualisiert. Die Betonung der Körperlichkeit ist genau besehen der Clou in Bourdieus Habitus-
konzept, denn mit der Körperlichkeit des Habitus geht dessen Unausweichlichkeit einher (Bourdieu
1997: 194). Körper sind in der Welt, da sie von ihr umgeben und von ihr eingenommen werden. Sie
sind unmittelbar an einen Ort gebunden und ermöglichen erst die durch Vergeistigung und Symboli-
sierung entstehende Transzendenz des Sozialen (Bourdieu 1997: 173f). Der Körper nimmt im Le-
benslauf die ihn umgebenden Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster auf und integriert sie
sukzessive zu einem komplexen System. fungiert in diesem Sinne als Speicher für gesellschaftliche
Strukturen und Interpretationsmuster (Bourdieu 1976: 194). Somit erwächst der Habitus zur „zwei-
ten Natur“, die auf lange Sicht die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen stützt. Die Einlagerung
im Körper begünstigt zudem die Übertragbarkeit und Kombination von Schemata über ihren ganz
konkreten Entstehungskontext hinaus. Wo körperlich gespeicherte Schemata auf ähnliche Probleme
anwendbar sind, werden sie übertragen und zusammengeführt, was langfristig zu einer integrierten
Matrix routinierter Verhaltensweisen und praktischer Wissensbestände führt (Bourdieu 1987: 172).
Die Vergangenheit ist damit im Körper gegenwärtig und nicht selten handlungsleitend, sie wird zum
integralen Bestandteil der aktuellen Situation und damit auch eines sich immer wieder aktualisieren-
den Bezugs des Körpers auf seine Umwelt (Lindemann 2015: 47). Daraus wiederum folgt, dass Aus-
handlungsprozesse auch in ko-präsenten Situationen nicht ausschließlich auf situativer Interpretati-
onsleistung basieren, sondern vielfach sozio-kulturell und habituell prädispositioniert sind. Berück-
sichtigt man dies und begreift Körper in diesem Sinne als sozialisierte und unwillkürliche Erfah-
rungsspeicher, eröffnen sich Potentiale, den Ko-Präsenz-Begriff zu modifizieren.
4. Von körperlicher Ko-Präsenz zu mediatisierter Ko-Referenz
In seiner Idee der Ko-Präsenz
8
verbleibt Goffman letztlich bei Meads (1973) Idee der wechselseiti-
gen Aufeinanderbezogenheit. Mead legte bekanntlich dar, wie eine Kaskade von Einverständnis sig-
7
Siehe dazu insbesondere Plessner (1975).
8
Der privilegierte Platz, den Goffman der Ko-Präsenz einräumt gab freilich schon Zeitgenossen Anlass zur Kritik. Stell-
vertretend hierzu Gouldner (1970: 379), der Goffman vorwirft, er betriebe eine Soziologie der Ko-Präsenz, die aus-
8
nalisierenden und generierenden Gesten der Interaktion vorausgeht und die jeweiligen Gegenüber
alle wahrnehmbaren Informationen wechselseitig interpretieren müssen. Eine Interaktionssituation in
der Mead‘schen Grundform ist freilich unzählige Male bemüht worden und ließe sich formal demzu-
folge wie folgt aufgliedern:
- A (re)agiert in einer Weise, die auf B wirkt.
- B (re)agiert in einer Weise, die auf A wirkt.
- A und B etablieren wenigstens einen Kommunikationskanal.
- A und B interagieren schließlich auf Basis einer geteilten Situationsdeutung.
Diese klassische Form ist jedoch wie bereits gezeigt nur bedingt nützlich, wenn es um mediatisierte
Zusammenhänge geht, wenngleich dabei nicht vergessen werden darf, dass auch ein vermeintlich
basaler Akt wie Interaktion in Ko-Präsenz ein schon immer stark theorieorientierter Idealtypus ist
9
.
Zudem spielen, wie ausgeführt, bei aller Konzentration auf körperliche Unmittelbarkeit die Speicher-
funktion des Körpers und die konstruktiven Wirkungen räumlicher Konfiguration ebenfalls eine
analytisch eher untergeordnete Rolle. Ein weiteres Problem ist schließlich, dass Goffman selten Wert
darauf legt, die prekären kognitiven oder institutionellen Voraussetzungen der Interaktionen zu ana-
lysieren, wie es etwa die Wissenssoziologie täte (Psathas/Waksler 2000: 13).
Wenn wir nun versuchen, die vorangegangenen Ausführungen in der Modellierung einer ideal-
typischen Interaktionssituation zu berücksichtigen, erhalten wir das folgende Schema, indem Teil-
nehmerInnen
1. simultan präsent sind,
2. sich gegenseitig wahrnehmen,
3. sich ihrer Selbst bewusst sind und sich gegenseitig als Akteure konstituieren,
4. bereit sind, sich kommunikativ zu engagieren, voneinander konstituieren und die jeweilige Prä-
senz der Gegenüber akzeptieren,
5. sich eines intersubjektiv zugänglichen Zeichen- bzw. Bedeutungssystems bedienen,
6. zur Verarbeitung der Eindrücke ausreichend sozialisiert sind.
In diesem Schema wird deutlich, dass räumliche Nähe bzw. körperliche Unmittelbarkeit
sprich: Ko-Präsenz für den Großteil der sozialen Interaktionseffekte nicht so zwingend notwendig
sind, wie etwa Goffman dies noch auswies. Klassische Ko-Präsenz bleibt hier zwar eine wichtige
Möglichkeit, die Rückkopplung der gegenseitig unterstellten Realitätslinien in gemeinsamer, aufei-
nander bezogener Handlung zu sichern (Dellwing 2014: 44), aber gegenseitige Wahrnehmung funk-
tioniert auch mediatisiert. Selbst- und Fremdbewusstsein beruhen zwar auf direkter Interaktion, wer-
den aber schon bei Mead sukzessive generalisiert und sedimentiert; das Anzeigen und Interpretieren
von Bedeutungen und sozialem Sinn findet mittlerweile regelmäßig mediatisiert statt. Schließlich be-
dingt die Inkorporierung bzw. Sozialisation nicht nur eine interpretative Vorstrukturiertheit, sondern
ermöglicht auch eine raum-zeitliche Transzendenz von Wissen, Rückbezug und Deutung.
schließlich die Frage in den Mittelpunkt setze, was geschieht, wenn Menschen sich in wechselseitiger Anwesenheit befin-
den. Sie befasse sich daher nur mit Episoden, situativ ausgeübten Ritualen und interpersonalen Begebenheiten. Sie wirke
daher ahistorisch und desinteressiert gegenüber den institutionellen Rahmenbedingungen. Goffmans Individuen erschie-
nen daher als losgelöst von gesellschaftlichen Bedingungen und kulturellen Erwartungen.
9
Wie Faßler (2001: 240) kommentiert: „Körperliche, raumzeitlich einheitliche Anwesenheit gilt schon kaum für einfache
soziale Systeme“.
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Fasst man die bisherigen Ausführungen zusammen, wird deutlich, dass es in sozialen Interaktio-
nen schlussendlich einer situativ garantierten Aufeinanderbezogenheit, also einer Ko-Referenz bedarf.
Individuelles Tun muss sich wechselseitig referenzieren, um verständlich zu bleiben. Es ist diese Refe-
renz, die letztlich die Bedeutung generiert, nicht die Präsenz. Referenz wirkt vermittelnd zwischen
Akteuren, die Ko-Präsenz ist nur ihre unmittelbarste Form. Referenz ermöglicht Aufbau und Pflege
von Selbsten. Referenz ist in Körperwissen eingebettet und aktualisiert dieses fortwährend. Referenz
funktioniert als theoretische Dimension auch in einer digitalen Gesellschaft in der Selbste sich nicht
mehr nur in Einheit mit ihren Körpern reproduzieren, sondern über eine Vielzahl von, netzwerkana-
lytisch gesprochen, Knoten unterschiedlicher Form und Adaptivität verfügen. Wie Lindemann auf
den Punkt bringt: „Aus dem isolierenden Körper wird ein Knoten in einem Netz“ (Lindemann 2015:
55).
5. Dimensionen der Ko-Referenz
Ko-Referenz, wie sie hier konzipiert wird, setzt voraus, dass jeder interaktive Akt derart ge-
fasst, mitunter auch nur repräsentiert und reduziert wird, dass seine Übertragung, (De)Codierung
und Darstellung technologisch und sozial anschlussfähig bleibt (Faßler 2001: 255f). Dies wiederum
bedarf einerseits einer gewissen sozialen Ordnung, die wenigstens über geteilte Typisierungen wirkt.
Andererseits müssen die Übertragungskanäle weitgehend anschlussfähig kalibriert sein und die Dar-
stellungsformen auf intersubjektiv geteilten Typisierungen basieren. Folgt man dieser Reakzentuie-
rung, so lässt sich hier in einem ersten groben Entwurf Ko-Referenz als mehrdimensionaler Bezugs-
punkt r Interaktionsanalyse konzipieren, die zunächst in fünf einfache, idealtypische Dimensionen
unterteilt wird:
(1) Ko-Präsenz: Wie gezeigt ist Ko-Präsenz die umfassendste und gleichzeitig voraussetzungsvollste
Ausprägung von Ko-Referenz. In Ko-Präsenz geben die Beteiligten verschiedene Informationen in
der Regel am umfänglichsten, weil am unkontrollierbarsten preis. Beispielsweise wird mein Freund
im Café es vergleichsweise schwer haben, seine schlechte Laune zu verbergen.
(2) Mediatisierte Präsenz: Mediatisierte Präsenz ist eine abgeschwächte Form der Ko-Präsenz, die zwar
zeitliche Simultanität erlaubt, aber ob ihrer räumlichen Trennung keine körperliche Unmittelbarkeit
zulässt. Die Umfänglichkeit der jeweiligen Informationsweitergabe und damit die Interaktionspoten-
tiale werden von technischen Hilfsmitteln ermöglicht und eingeschränkt. Die zeitliche Simultanität
erlaubt indes, dass die Situationsdeutung neben Wissen auch auf verschiedenen von der Technik
abhängigen Körpersinnen aufbauen kann. (Für komparative Analysen wäre hier freilich eine wei-
terführende Operationalisierung instruktiv, die sich nach den in die mediatisierte Präsenz einbezieh-
baren Körpersinnen richtet.) Mein Freund kann unter Bedingungen der mediatisierten Präsenz seine
schlechte Laune schon leichter verbergen, wobei es schon einen Unterschied macht, ob er mich über
Videotelefonie oder per Telefon erreicht.
(3) Gerichtete Referenz: Gerichtete Referenz beschreibt Fälle, in denen weder räumliche noch zeitliche
Simultanität vorherrscht. Gerichtet referente Interaktionen basieren auf Technik, Artefakten oder
Dritten und sind dennoch konkret auf bestimmte AdressatInnen ausgerichtet. Die Reflexivität und
Interpretationsprobleme sind in solchen Situationen höher, gleichzeitig sind situative Sanktionsmög-
lichkeiten massiv eingeschränkt. Einer Textnachricht beispielsweise kann ich nur dann die schlechte
Laune meines Freundes entnehmen, wenn er sie dort expliziert.
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(4) Ungerichtete Referenz: Ungerichtete Referenz ließe sich zunächst als unfokussierte Interaktion (Gof-
fman 1963) beschreiben und basiert dann notwendigerweise auf raum-zeitlicher Simultanität einer-
seits. Andererseits können aber dank verschiedener sozialer Medien raum-zeitlich entkoppelte Inter-
aktionen unfokussiert bzw. ungerichtet sein und dabei immer noch einen sozialen Referenzraum
konstituieren. Hier würde mein Freund also beispielsweise seine schlechte Laune in der Kommentar-
funktion eines Onlineforums oder bei Facebook äußern, ohne mich konkret zu adressieren.
(5) Non-Referenz: Der logischen Vollständigkeit halber muss schließlich noch eine Ausprägung ge-
nannt werden, in der Referenz schlicht ausbleibt, weil die Interaktion nicht zustande kommt. Simmel
und Weber folgend, hat die Soziologie in derlei Fällen bekanntlich ohnehin die Grenzen ihres Ge-
genstands erreicht.
6. Ausblick
Vor dem Hintergrund der vorangegangenen Überlegungen kann unsere Gegenwart als Auflösung
der Einheit von Körper, Raum, Zeit und Selbst gedeutet werden, die sich in unvorhersehbarer Weise
fortentwickelt. Für diese Welt benötigen wir Konzepte und Theorien, die uns dabei helfen, derartige
Entwicklungen sowie die Behauptung von Selbsten in digital vernetzten Zusammenhängen mit
raumzeitlich entbetteten Diskursen und mediatisiert (re)produzierten Beziehungen zu erfassen. Wenn
Körper und Referenz zwar noch in verschiedene Formen gekoppelt, jedoch nicht dasselbe sind und
jene Formen der Kopplung zunehmend digital hybrider werden, muss die Soziologie der Interaktion
dies berücksichtigen. Hier wurde folglich der Vorschlag unterbreitet, dem über eine begriffliche und
damit perspektivische Erweiterung nachzukommen. Goffmans Prämisse der Ko-Präsenz bleibt darin
zwar weiterhin wichtig, ist allerdings nicht mehr so sakrosankt wie zuvor und gerät damit eher zur
bequemen Metapher, die intuitiv interaktionstheoretisch relevante Voraussetzungen bündelt.
Wenn ko-präsente Interaktionen abnehmen, Interaktionen damit also voraussetzungsreicher
werden, nimmt die Bedeutung von Körpern und Beziehungen paradoxerweise zu. Situationsdeutun-
gen sind dann in stärkerem Maße auf Erfahrungen auf körperliche und soziale Sedimentationen an-
gewiesen. So wundert es nicht, dass der Großteil der mediatisierten Interaktionen im Alltag mit jenen
Menschen geführt wird, denen man bereits ko-präsent begegnet ist und zu denen bereits eine Bezie-
hung etabliert wurde. Denken wir diese Idee theoretisch etwas weiter, wird die Idee der Interaktion
also theoretisch aus ihrer voraussetzungsreichen Komfortzone der Ko-Präsenz herausgeführt, muss
sie sich gleichzeitig den Themen der Relationen und der Körper in reflektierterer Weise stellen. Sie
muss stärker berücksichtigen, wie Interaktionen auf Dauer gestellt werden und welche Wechselwir-
kungen es mit den entsprechenden Speichern gibt.
Freilich muss man dabei berücksichtigen, dass die Möglichkeiten der Interaktionen und letzt-
lich auch ganzer persönlicher Beziehungen in nicht-ko-präsenten Situationen eingeschränkt bleiben.
Sie sind dann zum Beispiel stark an die Bedingungen der textvermittelten Sprache gebunden oder der
Sinnzuschreibung symbolischer Substitutkonstrukte wie Emoticons. Gleichzeitig stellen wir aber
auch immer weniger verwundert fest, wie ko-referente, digital vermittelte Interaktionsformen nahtlos
in das Repertoire der Interaktionspraktiken aufgehen. Dies gilt für so gegensätzliche soziale Phäno-
mene wie Gewalt ebenso wie für Intimität (Jamieson 2013). Wenn wir die Idee der Ko-Präsenz also
eher renovieren als aufgeben, bleiben die klassischen Perspektiven der interaktionistischen Soziologie
nach wie vor instruktiv, sie müssen jedoch nach verschiedenen Dimensionen der Ko-Referenz diffe-
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renziert untersucht werden. Dabei determiniert die jeweilige Form der Referenz nicht, was ihr Sinn
ist. Auch mediatisierte Interaktionen bleiben in ihrer Hauptsache Potentialräume, die jedoch immer
umfangreicherer technologischer und sozialer Übersetzungsarbeit bedürfen. Diese Offenheit birgt
indes auch wenigstens zwei analytische Vorteile: Erstens sollte sich das Konzept der Ko-Referenz
sich als vergleichsweise robust gegenüber technisch induziertem Wandel von Körper-, Raum- und
Zeitverhältnissen erweisen. Zweitens laden die hier vorgeschlagenen Dimensionen zu komparativen
Analysen ein, etwa in historischen oder techniksoziologischen Belangen (Häußling 2014). Insofern
muss die Zukunft zeigen, welche Erkenntnisse die Idee der Ko-Referenz hervorzuholen vermag.
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... Zwar funktioniert wechselseitige Wahrnehmung in der Interaktion auch mediatisiert (vgl. Houben, 2018), aber eben nur so lange, wie sie auch zugelassen wird. Dadurch wird es notwendig, PFLB (2022) Das fehlende Feedback und die schwarzen Kacheln führen dazu, dass die oben angesprochene Verantwortung für das Funktionieren der "Aufführung" (sprich: des Seminars) als Last empfunden wird, die allein bei den Lehrenden liegt. ...
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Durch die Corona-Pandemie entstand im Bereich der Hochschullehre die Notwendigkeit, sehr kurzfristig auf rein digitale Lehrformate umzustellen. Im folgenden Beitrag wird die affektiv aufgeladene Perspektive der Lehrenden in den ersten Online-Semestern auf Basis autoethnografischer Notizen in den Fokus gestellt. Anhand repräsentativ ausgewählter Zitate werden als krisenhaft erlebte Momente der videovermittelten Online-Lehre aufgegriffen und auf der Grundlage der Goffman’schen Interaktionstheorie reflektiert. Als zentrale Aspekte haben sich hierbei die durch technische Affordanzen veränderten Möglichkeiten von Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie die Besonderheit damit zusammenhängender Ko-Präsenz herausgestellt. Die dadurch ausgelösten Reaktionen auf die wahrnehmungsbezogenen Veränderungen, wie sie von uns dokumentiert wurden, fassen wir als Krise unserer hochschulischen Lehrprofessionalität.
... Dies bezieht sich unter anderen auf soziale Interaktion, für die Goffman (2001) als Voraussetzung das gleichzeitige Teilen physischer Umwelten sieht, in denen Personen aufeinander reagieren können. Wie Houben (2018) aufzeigt, greifen traditionelle soziologische Theorien den Begriff der Interaktion in einer Art auf, dass körperbasierte Partizipation (also die tatsächliche körperliche Anwesenheit) und die unmittelbare Erreichbarkeit Kennzeichen davon sind. Die Bedeutung dieses Phänomens wird jedoch zumeist erst dann wahrgenommen, wenn diese Interaktion nicht mehr in einem Face-to-Face Setting stattfindet, sondern in einen digitalen Raum verschoben wird, wie dies in der computervermittelten Kommunikation der Fall ist. ...
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Der vorliegende Beitrag beschreibt – nach Klärung der grundlegenden Begriffe des Emergency Remote Teaching (ERT) und des Konzepts der sozialen Präsenz - eine qualitative Studie, die an der KPH Wien/Krems von April bis November 2020 durchgeführt wurde. Lehramtsstudierende wurden befragt, wie sie die Umstellung auf Emergency Remote Teaching (= die Umstellung von Präsenz- auf Online-Lehre aufgrund der CoViD-19 Massnahmen) empfunden haben. Ein Kernstück der online durchgeführten Interviews war die Wahrnehmung sozialer Präsenz, also das Wahrnehmen anderer Personen (Lehrende und Studierende) als Gegenüber. Gezeigt hat sich, dass die Studierenden der Umstellung auf ERT zu Beginn grossteils positiv gegenüberstanden, allerdings unter den mangelnden Möglichkeiten des synchronen Austausches (besonders zu Beginn der Massnahmen) litten. Dies lag vor allem daran, dass die Lehrenden an der KPH Wien/Krems teilweise mit den Anforderungen des ERT überfordert und daher für die Studierenden weniger präsent waren. Eine besondere Rolle spielten auch die asynchron erteilten Studienaufträge sowie das Feedback darauf, das nicht für alle Befragten zur Zufriedenheit ausfiel und daher negative Auswirkungen auf die Motivation der Studierenden zeigte.
... ebd., S. 466, 472;Schroer, 2012a, S. 180). Aus einer soziologischen Perspektive konstatiert Houben (2018) im Zusammenhang mit der feststellbaren zunehmenden Mediatisierung sozialer Kommunikations-und Interaktionssituationen eine gewisse Verschiebung vom Primat der Ko-Präsenz hin zur Ko-Referenz als »einer situativ garantierten Aufeinanderbezogenheit« (S. 14): »Individuelles Tun muss sich wechselseitig referenzieren, um verständlich zu bleiben. Es ist diese Referenz, die letztlich die Bedeutung generiert, nicht die Präsenz. ...
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Der Begriff der Immersion wird häufig als Merkmal von Technik verwendet. Doch Immersion wird nicht durch eine bestimmte Technologie (etwa eine VR- oder AR-Brille) erzeugt, sondern ist die Leistung des psychischen Systems und eine Dimension des Erlebens einer visuell dargebotenen Information. Eine solche Klärung lenkt den Blick auf die Determinanten des Immersionserlebens und die Frage, wie die mediendidaktische Gestaltung von Lernanwendungen Immersion nutzen kann, um den Lernprozess zu fördern. Der Artikel setzt das Erleben von Immersion in Beziehung zu anderen Dimensionen der visuellen Wahrnehmung (Raum-, Realitäts-, Bewegungs-, Präsenzerleben), um die Besonderheiten des Immersionserlebens herauszuarbeiten. Vorgestellt wird ein Modell des Erlebens visueller Information beim Lernen, das Merkmale der Technik, des Erlebens, des Lernprozesses und des Lernergebnisses separiert und in ihrer Relation verdeutlicht. Das Modell zeigt auf, wie sich Forschungsfragen zu Implikationen des Immersionserlebens anlegen lassen. Für mediendidaktische Konzepte wird deutlich, dass Immersion nicht durch eine bestimmte Technologie eingelöst wird und nicht automatisch zum Lernerfolg beiträgt. Die verschiedenen Dimensionen des Erlebens visueller Information sind im Hinblick auf den Lernprozess und die Lernergebnisse sehr genau zu prüfen und durch die Gestaltung von Lernumwelten und -aufgaben gezielt anzuregen.
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Digitalisierungsprojekte rufen in Organisationen Paradoxien hervor. So lassen digitale Daten Entscheidungsalternativen kalkulierbarer erscheinen, erzeugen aber neue Unsicherheiten. Es entstehen zugleich Verbesserungen wie Verschlechterungen der Kosten-Nutzen-Bilanz. Auch ermächtigt die Digitalisierung Organisationen zu Aufgaben und Kommunikationsformen, die gleichzeitig Abhängigkeiten und Intransparenz forcieren. Für Organisationen folgt daraus, Digitalisierung als Daueraufgabe zu begreifen und ihre Mitglieder partizipativ dabei zu integrieren.
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Fernbeziehungen reproduzieren nicht nur normalisierte Vorstellungen von Intimität, sondern stellen sie zugleich infrage. Madeleine Scherrer erforscht, wie Frauen in Fernbeziehungen von vergeschlechtlichten Erfahrungen und Erwartungen berichten. Anhand theoretischer Ansätze zu Raum und Medialität zeigt sie auf, wie Fernbeziehungen als produzierte und sich überlagernde mediale Zwischenräume fungieren. Mit Rückgriff auf Karen Barads Methode der Diffraktion dekonstruiert sie normalisierte Intimitätsvorstellungen und hegemoniale dualistische Denkweisen.
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Im Zentrum des Beitrags steht die Feststellung, dass die zunehmende Mediatisierung unseres Alltags mittlerweile einer umfassenden Datafizierung gleichkommt. Vor diesem Hintergrund wird mit Rückgriff auf die Konzepte instrumentelle Vernunft und Entfremdung die Relevanz der klassischen Kritischen Theorie diskutiert. Anhand einiger Beispiele aus Alltags- und Arbeitswelt wird dargelegt, dass die instrumentelle Vernunft in der Datengesellschaft sich vornehmlich in einer Logik der Vermesserung äußert. https://ub-deposit.fernuni-hagen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/mir_derivate_00001365/DTiD_Houben_Instrumentelle_Vernunft_Datengesellschaft_2018.pdf
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In der modernen Arbeitswelt individualisieren sich Arbeitsverhältnisse zusehends. Die Orientierung an einem Kollektiv wird abgelöst von einem radikalen Durchsetzen von Partikularinteressen. Solidari-tät als Basiskategorie von Arbeitnehmeridentität gerät damit unter Druck. Auch Gewerkschaften lau-fen Gefahr, nur noch partikulare Interessen zu vertreten, wenn der Einzelne zum Maßstab des Han-delns wird. Arbeitnehmer*innen in digitalen Arbeitsfeldern gelten als die Speerspitzen einer individu-alisierten Lebens-und Arbeitswelt. Der Artikel erarbeitet zum einen ein mehrdimensionales Konzept von organischer Solidarität und zeigt dann, wie auch in digital mediatisierten Arbeitsumgebungen so-lidarische Beziehungen wirksam sind. Angewandt auf drei drängende Problemfelder von Arbeit wird die Frage gestellt, inwiefern digitale Solidarität eine Chance zur Bearbeitung dieser Probleme darstel-len kann. Abstract In the modern working world, working relationships are becoming increasingly individualized. The orientation towards a collective is replaced by a radical assertion of particular interests. Solidarity as the basic concept of an employee's identity is thus coming under pressure. Trade unions also run the risk of representing only particular interests if the individual becomes the yardstick for action. Employees in digital fields of work are considered the spearheads of an individualized world of life and work. The article develops a multidimensional concept of organic solidarity and then shows how solidarity relations are also effective in digitally mediatized working environments. Applied to three
Chapter
In this paper, we develop heuristics to examine social and organizational factors which influence the success of the introduction of assistive systems in organizational contexts. To this end, we draw on the theory of negotiated order and the approach of zones of uncertainty and apply them to socio-technical arrangements. We present the heuristics on the basis of some qualitative interviews. Finally, we discuss the potential of our heuristics for research on assistive systems in general.
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In ihrer mittlerweile klassisch gewordenen Arbeit haben Peter L. Berger und Thomas Luckmann die Wissenssoziologie auf eine neue Basis gestellt. Mit dem begrifflichen Instrumentarium von Philosophie, Anthropologie, Sozialpsychologie und Sprachwissenschaft gehen sie der Frage nach, durch welche Prozesse sich für die Mitglieder von Gesellschaften eine intersubjektiv geteilte, gemeinsame Wirklichkeit herausbildet: wie die Formen der Vermittlung zwischen der objektiven Wirklichkeit der Gesellschaft, die durch soziale Interaktionen hervorgebracht, institutionell verstetigt und in vielfältiger Weise tradiert wird, und die subjektiven Bildungsprozesse der beteiligten Individuen zu verstehen sind.
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In ihrer mittlerweile klassisch gewordenen Arbeit haben Peter L. Berger und Thomas Luckmann die Wissenssoziologie auf eine neue Basis gestellt. Mit dem begrifflichen Instrumentarium von Philosophie, Anthropologie, Sozialpsychologie und Sprachwissenschaft gehen sie der Frage nach, durch welche Prozesse sich für die Mitglieder von Gesellschaften eine intersubjektiv geteilte, gemeinsame Wirklichkeit herausbildet: wie die Formen der Vermittlung zwischen der objektiven Wirklichkeit der Gesellschaft, die durch soziale Interaktionen hervorgebracht, institutionell verstetigt und in vielfältiger Weise tradiert wird, und die subjektiven Bildungsprozesse der beteiligten Individuen zu verstehen sind.
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Der Begriff, des „symbolischen Interaktionismus“ hat sich zur Kennzeichnung eines relativ klar abgegrenzten Ansatzes zur Erforschung des menschlichen Zusammenlebens und des menschlichen Verhaltens durchgesetzt (1). Zahlreiche Wissenschaftler bedienten sich dieses Ansatzes bzw. trugen zu seiner geistigen Grundlegung bei; unter ihnen finden sich solch hervorragende Persönlichkeiten Amerikas wie GEORGE HERBERT MEAD, JOHN DEWEY, W.I.THOMAS, ROBERT E.PARK, WILLIAM JAMES, CHARLES HORTON COOLEY, FLORIAN ZNANIECKI, JAMES MARK BALDWIN, ROBERT REDFIELD und LOUIS WIRTH. Trotz bedeutsamer Unterschiede im Denken dieser Wissenschaftler ist eine grosse Ahnlichkeit in der allgemeinen Art und Weise, in der sie menschliches Zusammenleben betrachten und erforschen, festzustellen. Die Grundgedanken des symbolischen Interaktionismus sind aus diesem Fundus allgemeiner Gleichartigkeit heraus entwickelt. Bisher hat es jedoch noch keine eindeutige Formulierung der Position des symbolischen Interaktionismus gegeben; vor allem fehlt immer noch eine begründete programmatische Darstellung seines methodologischen Standortes. Das Ziel dieser Abhandlung ist die Entwicklung einer derartigen Darstellung. Im wesentlichen beziehe ich mich dabei auf die Gedanken von GEORGE HERBERT MEAD, der, mehr als alle anderen, die Grundlagen des symbolisch-interaktionistischen Ansatzes gelegt hat; indem ich mich allerdings mit zahlreichen entscheidenden Fragen ausführlich auseinandersetzte, die im Denken von MEAD und anderen nur implizit enthalten waren bzw. mit denen sie sich gar nicht beschäftigt hatten, war ich gezwungen, eine eigene Fassung auszuarbeiten. Aus diesem Grunde muss ich zum grössten Teil die volle Verantwortung für die hier vorgelegten Ansichten und Analysen übernehmen. Dies trifft insbesondere auf meine Ausführungen zur Methodologie zu: die Beiträge zu diesem Punkt stammen ausschliesslich von mir. Im folgenden will ich zunächst die Grundsätze des symbolischen Interaktionismus skizzieren; danach sollen die methodologischen Leitsätze bestimmt werden, wie sie für jede empirische Wissenschaft Geltung beanspruchen, und schliesslich werde ich mich besonders mit der methodologischen Position des symbolischen Interaktionismus auseinandersetzen.