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Eichenprozessionsspinner-Allergie: Raupen mit reizenden Brennhaaren

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Nach Kontakt kann es zu Kontakturtikaria und einer toxisch-irritativen Dermatitis kommen, die mit starkem, mehrere Tage andauerndem Juckreiz einhergehen. Das Einatmen der Gifthärchen induziert eine Entzündung der Atemwege. Seit Jahren ist der wärmeliebende Eichenprozessionsspinner (EPS, Thaumetopoea processionea) auf dem Vormarsch in Europa. Nicht nur in Nordfrankreich, Belgien, Holland und England, sondern auch in den wärmeren Gegenden Deutschlands ist er zu finden, besonders in Brandenburg, Berlin, NRW, Baden-Württemberg und Franken. Die Ausbreitung nach Norden wurde möglich durch eine Abnahme der Spätfröste, wodurch der Schlupf der EPS-Larven synchronisiert wurde.
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eit Jahren ist der wärmelie-
bende Eichenprozessions-
spinner (EPS, Thaumetopoea pro-
cessionea) auf dem Vormarsch in
Europa. Nicht nur in Nordfrank-
reich, Belgien, Holland und Eng-
land, sondern auch in den wärme-
ren Gegenden Deutschlands ist er
zu finden, besonders in Branden-
burg, Berlin, NRW, Baden-Würt-
temberg und Franken. Die Ausbrei-
tung nach Norden wurde möglich
durch eine Abnahme der Spätfröste,
wodurch der Schlupf der EPS-Lar-
ven synchronisiert wurde.
Mit ihm hat die Raupendermati-
tis bei Forst- und Gartenarbeitern,
aber auch Spaziergängern und An-
wohnern stark zugenommen. Denn
die Raupen des Schmetterlings tra-
gen ab dem 3. Larvenstadium auf
dem Rücken zunehmend feine, mit
Widerhaken versehene Härchen
(„Brennhaare“, Setae, 0,2 mm). Be-
reits bei leichter Berührung fallen
sie ab und können mit dem Wind
über weite Strecken transportiert
werden. Eine Gefährdung geht be-
sonders von den älteren Raupen aus
(5. bis 6. Stadium), die bis zu einer
halben Million dieser Brennhaare
tragen können. Aber auch die Ko-
kons enthalten Brennhaare. Noch
Jahre später können diese Reaktio-
nen auslösen und stellen eine län-
gerfristige Gesundheitsgefahr dar.
Die von Larven- und Puppensta-
dien beziehungsweise ihren Brenn-
haaren hervorgerufenen, auf die
Haut beschränkten Krankheitsbilder
werden als Erucismus oder Raupen-
dermatitis bezeichnet, wohingegen
es sich beim Lepidopterismus (Le-
pidopterae = Familie der Schmetter-
linge) um die von erwachsenen
Schmetterlingen verursachten, recht
unterschiedlichen Krankheitserschei-
nungen handelt. Diese können Haut-
erscheinungen und systemische Re-
aktionen beinhalten. Nach einer Ex-
position ist fast immer die Haut be-
troffen, vor allem an unbedeckten
Hautpartien wie Nacken, Gesicht
und unbekleideten Extremitäten.
Der Kontakt mit den Brennhaaren
und einem Protein (Thaumetopoein)
verursacht eine mechanische und
pseudoallergische Hautreizung
Ausschüttung von Histamin und
weiteren Kininen und eine to-
xisch-irritative Dermatitis.
Prozessionsspinner verursachen
Allergien vom Soforttyp (Typ-I-Re-
aktion). Im verwandten Kiefer -
prozessionsspinner, der im Mittel-
meerraum recht häufig ist, wurden
7 Allergene beschrieben (1). Im
Vordergrund steht ein äußerst star-
ker Juckreiz, Hautrötung mit Bil-
dung von Quaddeln und Bläschen
sind meist vorhanden. Manchmal
bilden sich auch insektenstichähn -
liche Knötchen beziehungsweise
Papeln (Abbildung 2). Eingeatmete
Brennhaare können zu einer Rei-
zung der oberen Atemwege, bei
entsprechender Vorbelastung auch
zu Atemnot führen. Werden Brenn-
haare verschluckt, kommt es zu
Schleimhautschwellungen und Ent-
zündungen im Rachenraum.
Abbildung 1: Im
Frühsommer kann
man die Raupen in
Prozessionen an
Eichenstämmen
entlang hoch zum
Blattwerk in der
Krone wandern
sehen.
Fotos: dpa
EICHENPROZESSIONSSPINNER-ALLERGIE
Raupen mit reizenden Brennhaaren
Nach Kontakt kann es zu Kontakturtikaria und einer toxisch-irritativen Dermatitis kommen,
die mit starkem, mehrere Tage andauerndem Juckreiz einhergehen. Das Einatmen der
Gifthärchen induziert eine Entzündung der Atemwege.
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Sind die Augen betroffen, folgt
eine Konjunktivitis mit oft starker
Schwellung der Augenlider. Auch
Allgemeinreaktionen wie Fieber
und Malaise sowie anaphylaktoide
Reaktionen bis hin zum anaphylak-
tischem Schock wurden beschrie-
ben. Die Krankheitsdauer liegt
meist bei 1–2 Wochen, Symptome
können aber durchaus noch einen
Monat später vorhanden sein.
Die Häufigkeit des Vorkommens
kann nur geschätzt werden, da Er-
krankungsfälle bisher nicht syste-
matisch erfasst wurden, es weder
einen spezifischen ICD-10-GM-
Code noch eine Meldepflicht gibt
und somit eine Auswertung von
Krankenkassendaten nicht möglich
ist. Datenerhebungen bei niederge-
lassenen Ärzten und Kliniken in
Brandenburg ergaben, dass in den
Jahren 2011 und 2012 mehr als
5 700 Patienten eine Praxis wegen
EPS-assoziierter Symptome auf-
suchten, hiervon war jeder Vierte
ein Kind oder Jugendlicher (2, 3).
Fast jeder Betroffene (98 %)
klagte über Juckreiz, 15–20 % über
Konjunktivitis, 10–12 % über Ent-
zündungen der oberen Atemwege.
Bei jedem dritten Patienten wurde
eine Arbeitsunfähigkeit attestiert,
eine stationäre Behandlung war
aber äußerst selten (0,2–0,7 %).
Ähnliche Ergebnisse ergab eine Er-
hebung in Rostock (4).
Differenzialdiagnose: Zwar tre-
ten die Krankheitserscheinungen
zuerst an der Haut auf, meist wer-
den aber Allgemeinärzte und Kin-
derärzte aufgesucht, da oft der
Zusammenhang der Krankheitser-
scheinungen mit dem EPS nicht
hergestellt wird. Man kann deshalb
eine große Dunkelziffer vermuten.
Differenzialdiagnostisch ist speziell
bei einem erst kürzlich zurücklie-
genden Kontakt mit Raupenhaaren
an eine Urtikaria sowie an Insekten-
stichreaktionen zu denken. Auf-
grund des vielfachen urtikariellen
Aspektes kommt auch das urtika-
rielle Frühstadium eines bullösen
Pemphigoids, ein Sweet-Syndrom
oder verschiedene Formen von fi-
gurierten Erythemen in Betracht.
Bei länger bestehenden Hautverän-
derungen im Rahmen einer Rau-
pendermatitis muss man auch an ei-
ne irritative Dermatitis anderer Ge-
nese sowie an eine polymorphe
Lichtdermatose denken. Ebenso
sind Exantheme anderer Ursache
immer differenzialdiagnostisch zu
erwägen. Aufgrund der Konjunkti-
vitis, Pharyngitis und der auch
vorkommenden asthmatischen Be-
schwerden müssen auch andere
allergische und toxische Ursachen
ausgeschlossen werden (5). Nach
Kontakt empfehlen sich:
Sofortiger Kleiderwechsel
und der Versuch, mit einem Klebe-
band vorhandene Brennhaare von
der Haut abzunehmen.
Duschbad mit Haarwäsche.
Bei Augenbeteiligung das
Spülen mit Wasser.
Hautreaktionen können lokal
symptomatisch mit mittelstark bis
stark wirksamen topischen Korti-
kosteroiden behandelt werden.
Bei Konjunktivitis ophthal-
mologische Externa, die auch ein
Antiseptikum enthalten.
Gegen den meist stark ausge-
prägten Juckreiz sind orale Antihis-
taminika hilfreich.
Bei respiratorischen Sympto-
men ist der Einsatz von Betasympa-
thomimetika und/oder steroidhalti-
gen Dosieraerosolen indiziert.
Schwerere Verläufe können
eine systemische Kortikosteroid-
therapie notwendig machen.
Bekämpfung und offene Fra-
gen: Aus Sicht des Gesundheits-
schutzes ist eine Bekämpfung not-
wendig, wenn befallene Bäume in
der Nähe von Kindergärten, Schu-
len oder Erholungsgebieten stehen,
wobei die Hauptgefährdungszeit in
die Urlaubszeit fällt: von Mitte Juni
bis August. Für eine Bekämpfung
kommt besonders das mechanische
Absaugen (Sauger Filterklasse H,
Atemschutzgeräte Vollmaske mit
FFP-2-Filter) infrage oder der Ein-
satz von Insektiziden (6). Ein brei-
ter Einsatz chemischer Mittel ist
aber aus Umweltsicht bedenklich,
da die Mittel oft über eine Breit-
bandwirkung verfügen und daher
auch Nützlinge abtöten (7).
Da es keine standardisierte Nach-
weismethode für Brennhaare gibt, ist
die Dosis-Wirkungs-Beziehung noch
unklar. Auch der genaue Ablauf
des Krankheitsprozesses ist unbe-
kannt und bedarf gezielter Untersu-
chungen. Dermatologische Unter -
su chungs methoden fehlen, und auch
die Einordnung des Krankheitsbildes
sowie Kriterien der Diagnosestel-
lung sind bisher nicht geklärt (8).
Dr. med. Sibylle Rahlenbeck
Public Health Advisor, Gesellschaft für
Internationale Zusammenarbeit, Eschborn
Prof. Dr. med. Jochen Utikal
Klinische Kooperationseinheit Dermato-Onko-
logie des Deutschen Krebsforschungszentrums
Heidelberg
Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit1817
oder über QR-Code.
Abbildung 3: Raupendermatitis am Unterschenkel.
MEDIZINREPORT
Abbildung 2: Am
Stamm und in
Astgabeln bilden
sie die typischen
tennisballgroßen
Gespinste aus.
Nicht nur die Rau-
pen selber, sondern
auch diese Ge-
spinste beherber-
gen Raupen haare.
Foto: Rahlenbeck-Utikal
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LITERATUR
1. Rodriguez-Mahillo A, Gonzalez-Munoz M,
Vega JM, et al.: Setae from the pine pro-
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2. Floss H: Eichenprozessionsassoziierte ge-
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7. Jäckel B: Erfahrungen und Versuchser-
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einer Großstadt. Fachgespräch EPS, Berlin
2012.
8. Umweltbundesamt: Eichenprozessions-
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Fragen, 2016. https://www.umweltbun
desamt.de/publikationen/eichenprozessi
onsspinner (last accessed on 27 March
2017).
LITERATURVERZEICHNIS HEFT 18/2017 ZU:
EICHENPROZESSIONSSPINNER-ALLERGIE
Raupen mit reizenden Brennhaaren
Nach Kontakt kann es zu Kontakturtikaria und einer toxisch-irritativen Dermatitis kommen,
die mit starkem, mehrere Tage andauerndem Juckreiz einhergehen. Das Einatmen der
Gifthärchen induziert eine Entzündung der Atemwege.
MEDIZINREPORT
... into public focus as health problem, due to their toxic defensive bristles causing skin and respiratory inflammation (Bräsicke & Stein 2014;Rahlenbeck & Utikal 2017). The lifecycle of C. sycophanta is perfectly adapted to mass reproductions of their prey: The beetle larvae hatch 3-10 days after egg deposition and only need 13 days of feeding time before they go into the ground for pupation (Nolte 1939). ...
Article
Full-text available
From Pest Predator to Endangered Species-A sampling of thousands of dead Calosoma sycophan-ta (Linné, 1758) specimens illustrates the collapse of ecosystem services after insecticide treatment-The collection of the Natural History Museum Stuttgart comprises a single sampling of 6,976 C. sycophanta (Linné, 1758) specimens, which were collected dead after a DDT treatment in 1974 at the Spanish Costa Brava. The life cycle and behavior of C. sycophanta is perfectly adapted to its preferred prey: caterpillars and pupae of common pest species, e.g. processionaries (Thaumetopoea sp.), gypsy moth (Lymantria dispar Lin-né, 1758), nun moth (L. monacha Linné, 1758), and brown-tail moth (Euproctis chrysorrhoea Linné, 1758). While C. sycophanta was known as a common beneficial species in Germany in the beginning of the 20th century, it is nowadays extinct or endangered in large parts of Western and Central Europe, due to the vast use of pesticides against pest calamities. Hence, this sampling of 6,976 poisoned specimens exemplifies the dramatic decline of C. sycophanta populations in Central and Western Europe at the beginning/middle of the 20th century, and the loss of this important pest regulator by insecticide treatment.
... Oaks can harbor the caterpillars of the oak processionary moth (Thaumetopoea processionea), which are significant from an allergological point of view [11,27]. This moth has been on the rise in Europe for years, also in Germany. ...
Article
Full-text available
The climate crisis poses a major challenge to human health as well as the healthcare system and threatens to jeopardize the medical progress made in recent decades. However, addressing climate change may also be the greatest opportunity for global health in the 21st century. The climate crisis and its consequences, such as rising temperatures, forest fires, floods, droughts, and changes in the quality and quantity of food and water, directly and indirectly affect human physical and mental health. More intense and frequent heat waves and declining air quality have been shown to increase all-cause mortality, especially among the most vulnerable. Climate warming alters existing ecosystems and favors biological invasions by species that better tolerate heat and drought. Pathogen profiles are changing, and the transmission and spread of vector-borne diseases are increasing. The spread of neophytes in Europe, such as ragweed, is creating new pollen sources that increase allergen exposure for allergy sufferers. In addition, the overall milder weather, especially in combination with air pollution and increased CO 2 levels, is changing the production and allergenicity of pollen. The phenomenon of thunderstorm asthma is also occurring more frequently. In view of the increasing prevalence of allergic diseases due to climate change, early causal immunomodulatory therapy is therefore all the more important. During a climate consultation, patients can receive individual advice on climate adaptation and resilience and the benefits of CO 2 reduction—for their own and the planet’s health. Almost 5% of all greenhouse gas emissions in Europe come from the healthcare sector. It thus has a central responsibility for a climate-neutral and sustainable transformation.
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