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Vergessene Horizonte. Der kybernetische Kapitalismus und seine Alternativen.

Authors:
1
Vergessene Horizonte
Der kybernetische Kapitalismus und seine Alternativen
Simon Schaupp
1
Einleitung
»Kybernetische Feedbacksysteme (Fokusgruppen, Meinungsforschung usw.) sind zum
integralen Bestandteil aller Arten von ›Dienstleistungen‹ geworden, inklusive der Er-
ziehung und der Regierung«, schreibt Mark Fisher (2009: 48, Übers. d. A.). Tatsächlich
gilt dies nicht nur für »Dienstleistungen«, wie Fisher sie nennt, sondern auch für die
materielle Produktion in der postfordistischen Industrie. So schreiben etwa die Aache-
ner Ingenieure um Christian Brecher (2015: 87): »Heutzutage sind kybernetische
Strukturen Bestandteil von fast jedem produktionstechnischen System, angefangen
auf der Komponenten- und Prozessebene (z. B. Positions- oder Durchflussregelung)
über die Produktionssteuerung bis hin zur Unternehmensführung.« Für diese Entwick-
lung schlage ich den Begriff des kybernetischen Kapitalismus
2
vor. Mit diesem Begriff
will ich zeigen, dass die gegenwärtige Form der Kybernetisierung keineswegs eine
neutrale technologische Entwicklung darstellt, sondern politisch aufgeladen ist, in dem
Sinne, dass sie zum Vehikel für eine verschärfte Vermarktlichung sozialer Beziehungen
wird. Das drückt sich einerseits auf einer ideologischen Ebene in der Verschmelzung
des kybernetischen Selbstorganisationskonzeptes mit dem neoliberalen Konzept des
selbstregulierten Marktes aus und andererseits in einer Ausweitung des kapitalistischen
Zugriffs auf Arbeitskraft durch die Etablierung kybernetischer Kontroll- und Steue-
rungstechniken (Jochum 2013).
Das zentrale Anliegen dieses Beitrages ist jedoch es zu zeigen, dass kybernetische
Steuerung keineswegs notwendigerweise einen kybernetischen Kapitalismus bedeuten
1
Ich danke Uli Meyer für wertvolle strukturelle Anregungen zu diesem Beitrag
2
Der Begriff wurde erstmals von Robins und Webster (1988) benutzt. Später wurde er durch das Au-
tor_innenkollektiv Tiqqun (2011) popularisiert, allerdings in einer Version, die sich erheblich von der
ersteren unterscheidet. Ich schlage eine alternative Konzeption vor, Näheres dazu siehe Schaupp 2016
und Schaupp 2016a: 87 ff.
2
muss. Stattdessen gab es seit dem Aufkommen der Kybernetik widerstreitende politi-
sche Visionen zu deren gesellschaftlicher Rolle. Einerseits stellten Pioniere der Disziplin
wie Ross Ashby und John von Neumann Überlegungen zur Zusammenführung von
Kybernetik und Neoliberalismus an, die als Keimform der heutigen Ideologie des ky-
bernetischen Kapitalismus verstanden werden können. Auf der anderen Seite stellte
sich aber auch Norbert Wiener, der Begründer der modernen Kybernetik, US-amerika-
nischen Industriegewerkschaften als Berater in Automatisierungsfragen zur Verfügung.
Der Managementkybernetiker Stafford Beer arbeitete im sozialistischen Chile an einer
technischen Infrastruktur für eine selbstorganisierte Planwirtschaft, und der Psychiater
und Robotiker Grey Walter stellte Überlegungen zu einem kybernetischen Anarchismus
an. Diese Positionierungen sollen hier rekonstruiert und auf die gegenwärtigen tech-
nologischen Entwicklungen bezogen werden. Damit möchte ich aufzeigen, dass der
kybernetische Kapitalismus historisch keineswegs so alternativlos ist, wie er heute er-
scheint. Stattdessen diente das kybernetische Prinzip der Selbstorganisation immer
wieder als Inspirationsquelle für Politiken, die statt einer Steigerung der Profitabilität
beispielsweise die Demokratisierung der Ökonomie im Sinne hatten. Damit sollen die
ambivalenten politisch-ökonomischen Potenziale der Kybernetisierung herausgearbei-
tet werden, die einerseits in Richtung eines Ausbaus des Neoliberalismus und dessen
Herrschaftsstrukturen weisen, andererseits aber auch in Richtung einer Stärkung
emanzipativer Bestrebungen.
Das Verhältnis von materieller und ideologischer Entwicklung wird dabei nicht als un-
idirektionale Determination verstanden, sondern als eine Wechselwirkung. In diesem
Sinne werde ich hier das Konzept des kybernetischen Kapitalismus skizzieren, das da-
rauf abzielt, einen einheitlichen Begriff für die Beschreibung der materiellen und ideo-
logischen Transformationen zu schaffen, die aktuell mit den kybernetischen Steue-
rungstechnologien einhergehen. Im zweiten Teil werde ich zeigen, dass diese Trans-
formationen, die teilweise die Form einer Vermarktlichung annehmen, wesentlich kon-
tingent sind und keineswegs in der Natur der Kybernetik liegen. Zu diesem Zweck
werde ich verschiedene Visionen einer »Kybernetik der Befreiung« rekonstruieren. Da-
mit möchte ich zeigen, dass die Entwicklung der Steuerungstechnologien weder als
politisch neutral noch als determiniert, sondern wesentlich als Feld gesellschaftlicher
Machtkämpfe verstanden werden müssen.
3
Von der Kybernetik zur »Industrie 4.0«
In der Industrie hat die Etablierung vernetzter Computersysteme zu neuartigen Mög-
lichkeiten flexibler Massenproduktion geführt, die meist unter dem Label »Industrie
4.0«
3
diskutiert werden. Die Akteure, die das Label prägten, versprechen sich davon
eine Rückeroberung der materiellen Produktion durch die hochtechnisierten Länder
und eine damit einhergehende Steigerung der Profitraten. Die
Wirtschaftswoche
emp-
fiehlt Anleger_innen das Investment in Unternehmen der »Industrie 4.0« und erklärt
die Entwicklung unter Berufung auf die Unternehmensberatung
Deloitte & Touche
für
alternativlos: »Der Trend ist unumkehrbar: Was man vernetzen kann, wird vernetzt.
Die technische und die ökonomische Logik lassen gar keinen anderen Weg zu« (zit. n.
Hajek 2016: 75). Auf der materiellen Ebene bedeutet »Industrie 4.0« nicht nur die
fortschreitende Automatisierung durch die Einführung digitaler Technologien in den
Produktionsprozess, sondern auch die qualitative Transformation ganzer Wirtschafts-
zweige. Diese Transformation geht vor allem auf veränderte Steuerungslogiken zurück:
»Alles angefangen beim lokalen Produktionsprozess bis hin zu globalen Wertschöp-
fungsketten soll in Zukunft digital vernetzt und dezentral gesteuert werden« (Pfeiffer
2015: 17). Diese dezentrale Steuerung ist in vielen Fällen nicht mehr abhängig von
menschlichen Entscheidungen, stattdessen läuft sie im Sinne einer maschinengestütz-
ten Selbstorganisation weitgehend automatisch ab. Damit verweist sie auf ein Konzept,
das keineswegs eine nie dagewesene industrielle Revolution ist, sondern schon Ende
der 1940er Jahre entstand: Die Steuerungswissenschaft der Kybernetik, die mit dem
Ziel antrat, selbstregulierende Systeme zu schaffen von der sich automatisch aus-
richtenden Flugabwehrkanone bis zur vollautomatisierten Fabrik. Der Diskurs um eine
»Industrie 4.0« ist in diesem Sinne hauptsächlich ein Diskurs um kybernetische Steu-
erung.
Ihr Name wurde der Kybernetik als Steuerungswissenschaft in den 1830er Jahren
durch den französischen Physiker André-Marie Ampère (1843) verliehen. Ampère klas-
sifizierte die Kybernetik als eine der politischen Wissenschaften und subsumierte unter
3
»Industrie 4.0« ist ein Label, das von Politiker_innen und Ingenieur_innen aus dem Umfeld der
Münchner
acatech
geschaffen wurde. Die deutsche Endung ie wurde dabei von den patriotischen Er-
finder_innen der Marke auch international gegen das -y verteidigt. Es soll »nach Dampfmaschine,
Fließband, Elektronik und IT« eine vierte industrielle Revolution der »intelligenten Fabriken« ausrufen,
wie es auf der Website der Plattform Industrie 4.0 heißt.
4
ihr die Gesamtheit der Regierungstechniken. Als Begründer der Kybernetik im moder-
nen Sinne gilt jedoch Norbert Wiener (1968 [1948]), der das neue Forschungsfeld als
die »Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle« definierte. Ziel war es, auf
Grundlage massiver Datenerhebung selbstregulierende Systeme zu schaffen. Der erste
praktische Versuch in dieser Richtung war Wieners
antiaircraft predictor
, mit dem im
Zeiten Weltkrieg die Flugbewegungen deutscher Bomber über England vorausberech-
net und Flugabwehrkanonen automatisch entsprechend ausgerichtet werden sollten
(Galison 1994). Im Zentrum des kybernetischen Kontrollbegriffes steht das Konzept
der Blackbox (Ashby 1956: 86 ff). Dabei handelt es sich um eine Maschine, die zwar
eine nachvollziehbare Funktion erfüllt, deren innere Abläufe aber nicht vollständig er-
fasst werden können. Die Blackbox wird in der Kybernetik meist in Analogie zur per-
formativen Selbstorganisation biologischer Systeme gedacht. Biologische Systeme
(nicht nur einzelne Organismen, sondern auch ganze Populationen) passen sich an
Umweltveränderungen an, ohne dass es zu einer kognitiven Reflexion oder hierarchi-
schen Anordnungen kommt. Stattdessen läuft die Organisation quasi »automatisch«
ab. Kybernetische Kontrolle kann deshalb als informationsbasierte Selbstorganisation
verstanden werden. Dazu werden mindestens zwei Einheiten benötigt, die sich gegen-
seitig beeinflussen (Rückkopplung). Diese Einheiten werden sich so lange negative
Feedbacks geben, bis sie einen Zustand des Gleichgewichts, die Homöostase, erreicht
haben. Diese Homöostase ist normalerweise kein statischer Zustand, sondern ein end-
loser Anpassungsprozess (Beer 1959: 138 ff). Stafford Beer, der Begründer der Ma-
nagementkybernetik unterstreicht, dass derartige performative Problemlösungen der
Komplexität der Welt ungleich effektiver beikämen als die klassische Repräsentation.
Deshalb »brauchen wir einen Steuermechanismus, der, obgleich von uns konstruiert,
Probleme regeln kann, die wir nicht kennen« (Beer 1959: 36, Übers. d. A.).
Im Anschluss an diese Überlegungen unternahm Beer in den 1950er Jahren verschie-
dene Experimente zur Realisierung einer vollständig automatisierten Fabrik, bei der
auch das Management von selbstorganisierten nichtmenschlichen Systemen übernom-
men werden sollte. Eines davon beinhaltete eine Population von Wasserflöhen als
Steuerungsmodul (Beer 1959: 162 ff). Weniger radikal, aber dafür umso erfolgreicher,
wurde eine kybernetische Industrieproduktion in den 1960er Jahren bei Toyota umge-
setzt. Taiichi Ōno, der damalige Produktionsleiter des Toyota-Stammwerkes, hatte
1953 eine Reise in die USA unternommen, um die Produktionsmethoden Henry Fords
5
zu studieren. Dabei stellte er fest, dass das fordistische Produktionsmodell auf einem
stummen Verhältnis von Produktion und Konsumption aufbaute. Große Mengen stan-
dardisierter Waren wurden in einem hierarchischen System minutiöser Planung auf
den Markt gebracht und mussten dann auf eine entsprechende Nachfrage hoffen. Mehr
als diese minutiös geplante Fließbandproduktion Fords beeindruckten Ōno jedoch an-
geblich die amerikanischen Supermärkte: Anstelle von vorausplanenden Großeinkäu-
fen kauften die Kund_innen nur das, was sie unmittelbar benötigten und trotzdem
waren die Bestände des Supermarktes stets aufgefüllt. Unter diesem Eindruck entwi-
ckelte er ein rückkoppelungsgesteuertes Produktionssystem, bei dem die Produktion
durch das Feedback der Nachfrage unmittelbar gesteuert werden sollte. Auf diese
Weise sollte die Produktion an die aktuellen Bedürfnisse der Märkte gekoppelt und
unablässig optimiert werden (Ōno 1993: 79f). Innerhalb der Fabrik wurde dieses Sys-
tem der Rückkopplung durch das sogenannte Kanban-Informationssystem fortgesetzt.
Dieses Papierkartensystem sorgte dafür, dass der Verbrauch eines Teiles automatisch
den Auftrag auslöst, dieses Teil wieder zu liefern bzw. zu reproduzieren. Ōno (1993:
73) verstand Kanban als ein »autonomes Nervensystem«, das sich explizit nicht dem
fehleranfälligen Willen des Managements beugt, sondern zu einer sich selbst organi-
sierenden Produktion führe.
Noch heute kommt das Kanban-System in seiner ursprünglichen Form zum Einsatz.
Wesentlich geht es jedoch darum, durch die Möglichkeiten des Erhebens und Verar-
beitens großer Datenmengen, die die Allgegenwärtigkeit vernetzter Computer in der
industriellen Produktion bietet, eine Kybernetisierung der Industrie einzuläuten. So
kommen auf der Ebene einzelner Arbeitsschritte beispielsweise »intelligente Arbeits-
plätze« oder
Wearables
wie »smarte Handschuhe« oder
Augmented-Reality
-Brillen
zum Einsatz, die Daten über einzelne Arbeitsschritte erheben und automatisch Anwei-
sungen generieren. Auf der Ebene organisationaler Steuerung wären
Manufacturing
Execution Systems
(MES) Beispiele einer solchen automatisierten Steuerung, bei der
auf Basis umfassender Datenerhebung die Produktion automatisch optimiert oder gar
gesamtorganisationale Steuerung durch Big-Data-Analyseverfahren angepasst werden
soll. Auf überorganisationaler Ebene kommt es auch unternehmensübergreifend zur
automatischen Vernetzung verschiedener Produzenten, beispielsweise um Lieferketten
zu optimieren; aber auch die digitale Netzinfrastruktur des sogenannten
Smart Grid
kann hierzu gezählt werden. Bei dieser geht es darum, dezentrale Energieerzeuger und
6
Verbraucher_innen zu vernetzen, um eine automatisch sich anpassende Energiepro-
duktion zu gewährleisten. Die Gemeinsamkeit der verschiedenen Steuerungstechnolo-
gien ist, dass sie auf der Grundlage von Feedbackkreisläufen zur Selbstoptimierung
des jeweiligen Systems beitragen sollen. Deshalb werden entsprechende Systeme in
den Ingenieurswissenschaften als kybernetische Systeme klassifiziert (Brecher et al.
2015).
Unter den Bedingungen der Kybernetisierung fallen Produktion, Kommunikation und
Kontrolle immer öfter in einen einzigen Prozess und werden von derselben technischen
Infrastruktur ermöglicht. Das heißt, die Kontrolle erfolgt nicht mehr durch eine externe
Instanz wie eine_n Vorarbeiter_in oder eine Überwachungskamera, sondern ist direkt
in die Produktionsmittel integriert. Diese sind mit miniaturisierten Computern und Sen-
sortechnik ausgestattet, sodass die Produktionsabläufe automatisch kontrolliert und
optimiert werden. Damit wird die strukturelle Kontrolllücke zwischen Arbeiter_in und
externer Kontrollinstanz geschlossen. Darüber hinaus können die so erhobenen Daten
als zusätzliche Ware neben dem materiellen Produkt verkauft werden. Das kann qua-
litative Veränderungen in der Ausrichtung der gesamten Produktion zur Folge haben.
So erklärt der Inhaber eines mittelständischen deutschen Unternehmens aus der Ver-
packungsbranche im Interview
4
: »Digitalisierung in einem Satz heißt für mich, dass
unser Unternehmen lernen muss, wie das Handeln und das Teilen von Daten wertvoller
wird als das Herstellen physischer Güter. […] Und daran müssen wir unsere neuen
Geschäftsmodelle ausrichten.« Die Kybernetisierung ist also weit mehr als die Einfüh-
rung einer speziellen Technologie in den Produktionsprozess. Sie hat das Potenzial,
tiefgreifende ökonomische Verschiebungen auf mehreren Ebenen auszulösen. Um das
aufzuzeigen, werde ich im Folgenden kurz das Konzept des kybernetischen Kapitalis-
mus skizzieren.
Kybernetischer Kapitalismus
Die Digitalisierung ist keineswegs eine völlig neue Entwicklung und es wurde bereits
viel darüber geschrieben, wie tiefgreifend sie die betroffenen Gesellschaften verändert
(z.B. Castells 2005). Insbesondere in der Ökonomie haben sich durch den Einsatz ver-
4
Interview durchgeführt von Uli Meyer, Tobias Drewlani und Simon Schaupp am 11.4.2016
7
netzter Computersysteme völlig neue Strukturen herausgebildet, allen voran ein Fi-
nanzsektor, in dem weitgehend autonome Algorithmen in Sekundenbruchteilen globale
Spekulationsgeschäfte durchführen
5
(Mirowski 2002). In der kritischen Sozialwissen-
schaft wurden, vor allem angesichts der Kommodifizierung von Daten Begriffe wie der-
jedinige des »digitalen Kapitalismus« (Fuchs/Mosco 2015) oder des »kommunikativen
Kapitalismus« (Dean 2010) geprägt. Dies ist jedoch nur
ein
Aspekt der Transformatio-
nen, die wir derzeit in verschiedenen Bereichen der Ökonomie beobachten können. Mit
der Kommodifizierung von Daten geht ein kybernetischer Modus der Kontrolle einher,
der Arbeiter_innen in endlose Kreisläufe unmittelbarer Feedbacks einspannt.
Es könnte viel darüber spekuliert werden, warum dieser Aspekt der Kontrolle in der
Literatur immer wieder in den Hintergrund tritt. Ein Grund dafür könnte der Fokus
entsprechender Forschungsansätze auf »immaterielle Arbeit« sein, die z.B. zum Kern
des Konzepts des »kognitiven Kapitalismus« (Moulier-Boutang 2011) gehört. Für die
Analyse von Kontrollmechanismen ist die Unterscheidung zwischen »materieller« und
»immaterieller« Arbeit wenig sinnvoll. Zum einen, weil auch die digitale Dienstleis-
tungsarbeit, auf die entsprechende Konzepte meist verweisen, wesentlich durch die
Interaktion mit technischen, also materiellen, Infrastrukturen geprägt ist. Zum ande-
ren, weil sowohl »materielle« als auch »immaterielle« Arbeit vor allem durch das Lohn-
arbeitsverhältnis gekennzeichnet sind. Dabei besteht der Arbeitsprozess der digitalen
Dienstleistungen in den meisten Fällen keineswegs aus ungebändigter Kreativität, son-
dern ist ganz ähnlichen Kontrollmechanismen unterworfen wie »materielle« Industrie-
arbeit (Warhurst et al. 2009). Es kann stattdessen von einer allgemeinen Tendenz der
Kybernetisierung der Arbeit gesprochen werden, die sich über fast alle Felder kapita-
listischer Produktion erstreckt (Jochum 2013).
Erste Ansätze dessen, was hier unter kybernetischem Kapitalismus verstanden wird,
kann in seiner wirtschaftswissenschaftlichen Dimension erstmals bei Friedrich A. Hayek
in den 1940er Jahren ausgemacht werden. In seinem Plädoyer für eine radikal mone-
täre Steuerung der Gesellschaft beschreibt Hayek das Preissystem wesentlich als eine
Art »Telekommunikationssystem«, auf dessen Grundlage sich die Gesellschaft selbst
regulieren könne, ohne dass die individuellen Akteure einen Gesamtüberblick über das
5
Insbesondere die Währungsspekulation ist heute nicht mehr ohne das sogenannte Algo-Trading
denkbar.
8
politisch-ökonomische Geschehen bräuchten (Hayek 1945: 526f.). Die Einbeziehung
der Telekommunikationstechnologie in Hayeks Argumentation ist dabei, wie er selbst
schreibt, weit mehr als eine Metapher. Sie kann als Vorwegnahme der Ideologie des
kybernetischen Kapitalismus gelesen werden. Für den kybernetischen Kapitalismus be-
deutet die Zirkulation der Informationen also gleichzeitig Kommunikation, Kapitalakku-
mulation und Kontrolle. Ungefähr zur selben Zeit formulierte von kybernetischer Seite
her Ross Ashby die Vision des Preissystems als gesamtgesellschaftlichem Homöosta-
ten
6
, der, wenn er nur konsequent genug angewandt werde, zu einer sich selbst regu-
lierenden kybernetischen Demokratie führen müsse:
Das Wohlbefinden eines Individuums kann einfach gemessen werden. Man muss
nur die Regel festlegen, dass jeder Protest oder jedes Anliegen mit einer bestimmten
Geldsumme vorgebracht werden muss & es muss bestimmt werden, dass das An-
liegen umso schwerer gewichtet wird, je mehr Geld man dafür bezahlt. So kann man
ein Sechs-Penny-Anliegen haben, mit dem man vielleicht ein paar Trivialitäten an-
passen kann, bis zu einem Hundert-Pfund-Anliegen, das Berge bewegen wird. (zit.
n. Pickering 2010: 144, Übers. d. A.)
Fünfzig Jahre später griff Bill Gates (1995: 157 ff) diese Argumentation in Bezug auf
die allgemeine Durchsetzung des Internets auf: Er prophezeite, dass der »information
highway« zu einer allgemeinen Verfügbarkeit (ökonomischer) Informationen führen
werde und damit endlich Adam Smiths Konzeption des ökonomischen Akteurs als
einem vollständig informierten homo oeconomicus wahr werden lasse. Auf diesem
Wege werde eine neue Gesellschaft, ein »reibungsloser Kapitalismus« entstehen, der
sich durch eine maximal effiziente Ökonomie auszeichne. Quellet (2010: 180)
identifiziert diese Ideologie der »Informationsgesellschaft« als eine Verschmelzung von
Neoliberalismus und Kybernetik.
Gemeinsam ist dem neoliberalen Konzept der Marktselbstregulierung und dem kyber-
netischen Konzept der Selbstorganisation ein ausgeprägtes Misstrauen gegenüber
staatlicher Bürokratie. Ihr werfen die Ideolog_innen des kybernetischen Kapitalismus
vor, unterkomplex zu denken und Innovationen zu hemmen. Als das Gegenteil der
staatlichen Politik wird die technikgestütze Selbstorganisation hochgehalten. So
schreibt etwa Peter Thiel, Silicon-Valley-Investor und Mitbegründer von
PayPal
: »Zwi-
schen Politik und Technologie wird ein Kampf auf Leben und Tod ausgetragen [...] Das
6
Der Homöostat ist das abstrakte kybernetische Modell einer Regulierungsmaschine, bestehend aus Sensor,
Verarbeitungsmodul und Effektor.
9
Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen, der
den Mechanismus der Freiheit erschafft oder verbreitet, den wir brauchen, um die Welt
zu einem sicheren Ort für den Kapitalismus zu machen.« (zit. n. Wagner 2015: 18) Der
»alten Politik« wird die Hoffnung eines auf der Basis von Marktmechanismen und In-
formationstechnologie selbstorganisierten Systems gegenübergestellt. Ein solches Sys-
tem werde nicht mehr den Umweg über die politischen Debatten gehen, sondern alle
Steuerungs-Entscheidungen unmittelbar aus der Rückkopplung umfangreicher Daten-
analysen ableiten. Die Welt sei zu komplex für traditionelle politisch-staatliche Steue-
rung, postuliert z.B. Alex Pentland (2015), der wohl prominenteste Vertreter des Big-
Data-Ansatzes. Deshalb fordert er eine durch Feedbackkreisläufe selbstorganisierte
Gesellschaft. In dieser gebe es keine Politik mehr, sondern ausschließlich »mathema-
tisch korrekte« Entscheidungen. Analog zu den ehemaligen universellen Steuerungs-
ansprüchen der klassischen Kybernetik wird auch hier der Anspruch erhoben, dass die
Big-Data basierte Steuerung auf alle gesellschaftlichen Felder gleichermaßen ange-
wendet werden könne. Die Gesellschaft als Ganzes wird als ein Ökosystem verschie-
dener aneinander gekoppelter Subsysteme verstanden, die sich gegenseitig beeinflus-
sen. Auch das Ersetzen der kognitiven politischen Reflexion durch die performativen
Problemlösungen der Big-Data-Algorithmen geht auf das oben beschriebene kyberne-
tische Konzept der Blackbox zurück, mit dem die Selbstorganisation neuronaler Netze
oder biologischer Systeme nachgestellt werden soll.
Für die Ideologie des kybernetischen Kapitalismus bedeutet Selbstorganisation jedoch
vor allem die Abwesenheit politischer Kämpfe. Dieser Auffassung liegt die kyberneti-
sche Ontologie des Systems zugrunde. Das heißt, die »selbstorganisierte« Gesellschaft
(egal welcher Zusammensetzung oder Größe) wird als einheitlicher Organismus oder
Maschine gedacht. Hier wird also nicht mehr zwischen gegensätzlichen Interessen un-
terschieden, sondern nur noch zwischen Erhalt (korrekt) und Destabilisierung (falsch)
des Systems. Im Feld des Politischen kann eine solche Ontologie des Systems nur eine
Affirmation bestehender Herrschaftsverhältnisse bedeuten. Die Forderungen nach ma-
thematisch überprüfbaren, »korrekten Entscheidungen« lassen sich deshalb als eine
hegemoniale Artikulation von Interessen dechiffrieren, die immer nur partikular sein
können (Laclau/Mouffe 1991: 161). »Die kybernetische Hypothese formuliert somit«,
wie Tiqqun (2011: 18) es ausdrücken, »mehr oder weniger die Politik des Endes des
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Politischen. Sie repräsentiert gleichzeitig ein Paradigma und eine Technik des Regie-
rens«.
Diese Steuerungsvisionen zeichnen sich durch eine erstaunliche Paradoxie aus: Auf der
einen Seite ist die Ablehnung staatlicher Politik zugunsten einer auf Markt und Technik
bauenden Selbstregulierung ein zentraler Bestandteil der Ideologie des kybernetischen
Kapitalismus. Diese Argumentation gründet sich meist auf einer liberal-staatskritischen
Haltung. Andererseits befindet sich die kybernetische Infrastruktur fast immer in einer
materiellen Abhängigkeit von und institutionellen Verstrickung mit staatlichen
Strukturen. Die finanziell sehr risikoreiche Entwicklung von Big-Data-Technologien
wäre ohne staatliche, insbesondere militärische Investitionen unmöglich. Auch die
konkreten Umsetzungen der Technologien spielen sich sehr häufig innerhalb staatlicher
Strukturen ab. So sind die Haupteinsatzgebiete der Big-Data-Governance-Techniken
heute die präventive Epidemiologie (z.B. Richterich 2014), unter dem Namen
smart
city
die Städteplanung (z.B. Batty 2013) oder unter dem Namen
predictive policing
die
Polizeiarbeit (z.B. Lehner im vorliegenden Band). Es ist also fraglich, ob die Big-Data-
Technologien nicht eher zu einer Stärkung staatlicher Kontrolle als zu deren Abbau
beitragen.
Dieselbe Paradoxie trifft im Kontext der »Industrie 4.0« zu, in dem kybernetische Pro-
zesssteuerung hauptsächlich für eine Ausweitung des Zugriffs auf menschliche Arbeit
genutzt wird. Einerseits wird immer wieder eine Dezentralisierung von Verantwortung
nach dem kybernetischen Modell der Selbstorganisation postuliert. Unsere
7
empiri-
schen Untersuchungen zeigen jedoch, dass in gegenwärtigen Digitalisierungsstrate-
gien in der Industrie die erhobenen Daten fast immer zentral gespeichert werden. Der
Zugriff auf diese Daten ist dann nur den oberen Teilen der Organisationshierarchie
möglich, was eine Zentralisierung von Kontrolle bedeutet. Ein unabhängiger Betriebs-
rat bei einem großen Automobilhersteller erklärt, dass die Kybernetisierung für die
Arbeiter_innen meist nur insofern eine Dezentralisierung bedeutet, als sie nun von
Sensortechnologien anstatt von Vorarbeiter_innen kontrolliert werden. Dadurch gebe
es weniger tote Winkel und die Arbeiter_innen hätten das Gefühl einer »totalen Kon-
trolle«.
8
7
Post/Doc Lab Reorganizing Industries am
Munich Center for Technology in Society
der Technischen
Universität München
8
Interview durchgeführt von Simon Schaupp am 14.7.2016
11
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die gegenwärtige Kybernetisierung
keineswegs eine neutrale technische Entwicklung ist, sondern mit bestimmten poli-
tisch-ökonomischen Implikationen einhergeht, die als eine verschärfte Vermarktli-
chung beschrieben werden können. Im Folgenden werde ich zeigen, dass der kyber-
netische Kapitalismus keineswegs das inhärente Wesen der Kybernetik ist. Stattdessen
hat die Kybernetik die verschiedensten politischen Visionen inspiriert. Das war nicht
nur auf neoliberaler, sondern auch auf sozialistischer Seite der Fall.
&Ü2&Kybernetik der Befreiung
Der Begriff der Kontrolle ist politisch hoch aufgeladen. Das war er auch schon, als
Wiener (1968 [1948]) die Kybernetik als Wissenschaft von »Kommunikation und Kon-
trolle« definierte. Stafford Beer erklärte etwa zehn Jahre später noch:
Unser gesamtes Konzept der Kontrolle ist naiv, primitiv und durchsetzt von einer
beinahe retributiven Vorstellung von Kausalität. Kontrolle ist für die meisten Men-
schen (was das wohl über eine hochentwickelte Gesellschaft aussagt!) ein kruder
Zwangsprozess. So wird z.B. von einem Verkehrspolizisten gesagt, er übe »Kon-
trolle« aus. Tatsächlich versucht er, einen kritischen Entscheidungsprozess auf einer
viel zu kleinen Informationsgrundlage mittels einer tyrannischen Herangehensweise
zu bestimmen (die durch rechtliche Sanktionen gedeckt wird). (Beer 1959: 21,
Übers. d. A.)
Wenn Kontrolle in diesem Sinne als Synonym für Zwang verstanden wird, dann sei die
Kybernetik eher eine Wissenschaft der »Antikontrolle«, meint Andrew Pickering (2010:
31) mit Blick auf die kybernetische Antipsychiatrie von Gregory Bateson und R. D.
Laing. Ob das in dieser Schärfe zutrifft, ist angesichts der oben beschriebenen kyber-
netischen Modelle sozialer Kontrolle fraglich, allerdings unterscheidet sich der kyber-
netische Kontrollbegriff tatsächlich stark von dem eines starren Herrschaftsverhältnis-
ses.
Übertragen auf soziale Organisation inspirierte der kybernetische Kontrollbegriff einige
originelle Überlegungen. Zum Beispiel diejenigen von Grey Walter, einem der Pioniere
der Kybernetik, der mit der Erfindung der ersten autonom fahrenden Roboter berühmt
wurde, mit denen er die Prinzipien der Selbstorganisation des Lebens demonstrieren
wollte. Walter war eindeutig Linker: Ein Kommunist, durch die Erfahrung des Zweiten
Weltkrieges zum Anarchisten geworden (Duda 2013: 62). 1963 führte Walter seine
wissenschaftlichen und politischen Überlegungen in einem Artikel in der Zeitschrift
Anarchy
zusammen. Dort entwirft er eine Art kybernetische Theorie des Anarchismus.
12
Zunächst kritisiert er den Parlamentarismus als »binären Meinungsverstärker mit sta-
tistischer Stabilisierung«, der »zu einer langsamen Form der Kontrolle führt, weil der
Präsident nur einmal im Jahr von einem Drittel der Bevölkerung gewählt wird«. (Walter
1963: 88, Übers. d. A.) In der Synthese am Ende des Artikels verweist er dann auf die
Parallelen zwischen Kybernetik und Anarchismus:
Wenn man soziale mit zerebralen Organisationen vergleicht, sollte eine zentrale Ei-
genschaft des Gehirns nicht vergessen werden: Im Gehirn gibt es keinen Chef, keine
ganglionische Oligarchie und keinen glandularen Großen Bruder. In unseren Köpfen
hängt unser Leben von der Chancengleichheit ab, von der Vielfältigkeit der Spezia-
lisierungen, von der freien Kommunikation und gerechten Beschränkung, von einer
Freiheit ohne Beeinträchtigung. Auch im Gehirn kontrollieren die örtlichen Minder-
heiten ihre Produktions- und Kommunikationsmittel in freier und gleicher Vereinba-
rung mit ihren Nachbarn. Wenn wir biologische und politische Systeme gleichsetzen,
dann illustrieren unsere Gehirne die Potentiale und Grenzen einer anarcho-syndika-
listischen Gesellschaft. (Walter 1963: 89, Übers. d. A.)
9
Da
Anarchy
zu dieser Zeit eines der wichtigsten Organe des US-amerikanischen Anar-
chismus war, entfaltete der Artikel große Wirkung. Möglicherweise geht sogar der Be-
griff der Selbstorganisation
10
im Neoanarchismus ab 1968 auf diese Schrift zurück.
Michail Bakunin selbst, dem das anarchistische Konzept der sozialen Selbstorganisation
oft zugeschrieben wird, nutzte den Begriff Selbstorganisation nicht. Im russischen Ori-
ginal von
Staatlichkeit und Anarchie
schreibt Bakunin von »организация« (
orga-
nisaziya / Organisation
) und nicht von Самоорганизация (
samoorganisaziya / Selbst-
organisation
). Nach John Duda (2013: 53) taucht das Wort Selbstorganisation zum
ersten Mal in der englischen Übersetzung des Werkes von Sam Dolgoff aus dem Jahr
1973 auf. Duda nimmt nun an, dass Dolgoff den Begriff absichtlich falsch übersetzt
hat. Als Grund dafür führt er Dolgoffs Auseinandersetzung mit der Kybernetik an, ins-
besondere mit den Schriften Grey Walters, den Dolgoff wiederholt zitierte. Die Begriffe
der sozialen Selbstorganisation (also des Prinzips der Entscheidung durch die jeweils
9
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Walters Kollege Ross Ashby mit derselben Gehirn-
Metapher zu diametral entgegengesetzten Schlüssen gelangt. So schreibt dieser: »Die Tatsache, dass
für die Evolution das Überleben immer an erster Stelle steht, bedeutet, dass Organismen nicht nur
diejenigen Eigenschaften entwickeln, die ihnen dabei helfen zu überleben, sondern, dass sie diejenigen
Eigenschaften entwickeln, die es ihnen ermöglichen, sich gegen Andere durchzusetzen. […] Wenn sich
die Großhirnrinde auf dieselbe Weise entwickelt und das ›Überleben‹ alles in dieser Welt des Verhaltens
und der Subsysteme bestimmt, dann stehen diese Subsysteme ebenfalls unvermeidlich in Konkurrenz
zueinander […] In einer wirklich großen Großhirnrinde würde ich erwarten, irgendwann ganze Armeen
von Subsystemen zu finden, die sich unter der Ausnutzung ausgeklügelter Strategien gegen den An-
sturm anderer Armeen zur Wehr setzen.« (Ashby, zit. n. Pickering 2010: 140, Übers. d. A.)
10
Selbstorganisation meint in diesem Kontext eine hierarchiefreie Form der Organisation.
13
Betroffenen) und der kybernetischen Selbstorganisation (also der rückkopplungsba-
sierten Homöostase) sind also enger miteinander verwoben, als es zunächst scheinen
mag.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die sogenannte
socialist calculation de-
bate
, die zwischen den 1920er und 1960er Jahren zwischen Neoliberalen (vor allem
Ludwig von Mises) und sozialistischen Ökonom_innen (vor allem Oskar Lange) geführt
wurde. Das zentrale Argument der Neoliberalen war dabei, dass der Sozialismus dem
Kapitalismus strukturell unterlegen sei, weil er nicht rechnen könne. Da dem Sozialis-
mus der Mechanismus der Preisbildung fehle, müsse sich das Angebot zwangsläufig
von der Nachfrage entkoppeln, womit die Produktion zur Ineffizienz verdammt sei. Auf
sozialistischer Seite befeuerte die Entwicklung der ersten Rechenmaschinen und Com-
puter dagegen die Hoffnung, dass der Verbrauch von Gütern genau gemessen und an
die Produktion rückgekoppelt werden könne (Mirowski 2002: 232 ff, Tanner 2008).
Vor diesem Hintergrund kann auch das Projekt Cybersyn im sozialistischen Chile ver-
standen werden. Dort versuchte Salvador Allendes Volksfront-Regierung ihre Vision
eines demokratischen Sozialismus, in dem Planwirtschaft mit sozialer Selbstorganisa-
tion verbunden werden sollte, materiell in ihrem Wirtschaftssteuerungs-System zu ver-
ankern. Dafür ließen sie den britischen Managementkybernetiker Stafford Beer einflie-
gen, der zusammen mit chilenischen Ingenieur_innen und Ökonom_innen eine com-
puterbasierte Wirtschaftssteuerung entwickelte, der er den Namen Cybersyn gab: Da-
bei wurden die großen Fabriken Chiles über mehrere Zwischenschritte mit einem IBM
360/50 Mainframe (einem der ersten industriell verfügbaren Computer überhaupt) im
Wirtschaftsministerium in Santiago verbunden. Dort fand auf Grundlage von digitalen
Prognosen die grobe ökonomische Planung statt, während die Fabriken ihre Produktion
relativ autonom gestalten konnten. Bei Produktionsproblemen bekamen die jeweiligen
Stellen sofort ein Feedback durch das Computersystem. Wenn das Problem nicht in-
nerhalb einer bestimmten Zeit gelöst werden konnte, wurde es an die nächsthöhere
Ebene weitergegeben. So sollte die Produktionsplanung als zirkulärer Prozess von »un-
ten« nach »oben« gestaltet werden (Medina 2011). Außerdem sollte die Produktion
durch digitales Feedback direkt an den Konsum gekoppelt werden. Diskutiert wurde
ebenfalls, mittels lokaler Selbstverwaltungsgremien den Verbrauch unmittelbar zu re-
gistrieren, um entsprechend produzieren zu können und nicht irgendein Zentralkomi-
tee entscheiden zu lassen, wie viele Hosen die Bevölkerung in den nächsten Jahren
14
tragen darf. Dieser Punkt war jedoch bezeichnenderweise stark umstritten, da er sich
genau auf der Konfliktlinie zwischen den Selbstorganisationen der Arbeiter_innen und
der Zentralregierung befand, die innerhalb der Volksfront um Einfluss kämpften.
Politisch interessant ist daran vor allem, dass die Marktmechanismen von Angebot und
Nachfrage durch ein dynamisches System ersetzt werden sollten, das nicht auf das
Preissystem angewiesen ist. Das Projekt wurde teilweise tatsächlich realisiert und
schien auch zu funktionieren, eine selbstorganisierte Planwirtschaft konnte jedoch
schon deshalb nicht realisiert werden, weil die Faschist_innen unter General Pinochet
dem Experiment ein jähes Ende bereiteten. Als Inspirationsquelle für eine selbstorga-
nisierte Ökonomie bleibt das Projekt jedoch erhalten. Das wird auch deutlich, wenn
Stafford Beer die politischen Implikationen von Cybersyn erklärt:
In Chile unternehme ich größte Anstrengungen für den Abbau von Herrschaft. Die
Regierung machte ihre Revolution dafür. Ich halte das für gute Kybernetik. Aber die
Werkzeuge der Wissenschaft werden nirgendwo als Werkzeuge der Arbeiter_innen
verstanden: Überall werden Arbeiter_innen entfremdet von der Wissenschaft, die
eigentlich ihre eigene sein sollte. Deshalb haben wir all diese Angelegenheiten mit
den Arbeiter_innen diskutiert. Deshalb sind die Systeme, von denen ich Ihnen hier
berichte, ebenso für Arbeiter_innen wie für Minister_innen ausgelegt. Deshalb ar-
beiten wir an Rückkopplungssystemen, die die Menschen mit ihrer Regierung ver-
binden. (Beer 1973: 7, Übers. d. A.)
Die kybernetische Selbstorganisation kann also durchaus auch in soziale Selbstorgani-
sation umschlagen oder zumindest zu einer solchen beitragen. Dadurch kann sie mög-
licherweise zu einem Instrument für den »Abbau von Herrschaft« werden. In diesem
Zusammenhang ist als Vergleichsfall die Einführung kybernetischer Wirtschaftssteue-
rung in der Sowjetunion interessant. Dort wurde 1961 auf dem 22. Kongress der KPdSU
die Kybernetik in den Rang der Staatswissenschaften erhoben. Bereits ein Jahr später
war das entsprechende Komitee so mächtig geworden, dass vorgeschlagen wurde, alle
anderen Wissenschaften unter das Kybernetik-Komitee zu subsumieren. Aksel Berg,
Chef dieses Kommitees, forderte in einer Fernsehansprache, dass ihre Kritiker_innen
»von einem Erschießungskommando auf dem Roten Platz öffentlich hingerichtet« wer-
den sollten (zit. n. Gerovitch 2002: 255). Allerdings war der sowjetischen Kybernetik
ihr subversiver Stachel in Form ihrer Betonung der Selbstorganisation gleich zu Beginn
gezogen worden, nachdem die Parteibürokrat_innen Angst um ihre Posten bekamen
und beispielsweise in einer Einlassung der Generaldirektion der Armee gefragt wurde:
»Wo bleibt die führende Rolle der Partei in Ihrer Maschine?« (zit. n. Gerovitch 2002:
15
267). Daraufhin wurde die sowjetische Kybernetik in ein Instrument hierarchischer
Kontrolle verwandeltund sowohl in der ökonomischen Planung als auch im Militär ein-
gesetzt. Hier zeigt sich, dass die Kybernetik im Zuge ihrer politischen Aneignung immer
wieder modifiziert und den entsprechenden Interessen gefügig gemacht wird. Insbe-
sondere der zentrale Aspekt der Selbstorganisation ist es, der sowohl im Kontext der
sowjetischen Bürokratie als auch im Kontext der »Industrie 4.0« immer wieder dem
Wunsch nach hierarchischer Kontrolle und Überwachung weichen muss. Das Verhältnis
des kybernetischen Prinzips der Selbstorganisation zur Staatlichkeit ist dabei ein eher
kritisches. So finden sich in Wieners Werk viele staatskritische Bemerkungen: »Wie das
Wolfsrudel ist der Staat […] dümmer als die meisten seiner Komponenten«, schreibt
er beispielsweise in »Kybernetik« (Wiener 1968: 199). Für Wiener ist auf gesellschaft-
licher Ebene das Gegenteil des Staates jedoch keineswegs der Markt, wie dies einige
seiner Kolleg_innen vertraten. John von Neumann war beispielsweise dieser Ansicht.
Er war der Meinung, Märkte könnten als eine Art Computer verstanden werden: Sie
verarbeiteten als Input quantitative und qualitative Informationen zu einem Output in
Form von Preisen (Mirowski 2002: 94 ff). Wiener dagegen vertrat eine gegensätzliche
Ansicht, über die er sich mit seinem ehemaligen Kollegen und Freund gründlich zerstritt
(abgesehen davon, dass er dessen Beteiligung an der Entwicklung der Atombombe
radikal ablehnte). So schreibt Wiener bereits in seinem Gründungswerk der Kybernetik
unter explizitem Bezug auf von Neumann:
Es gibt den in vielen Ländern gängigen Glauben, der in den Vereinigten Staaten in
den Rang eines offiziellen Dogmas erhoben wurde, daß der freie Wettbewerb selbst
ein homöostatischer Prozeß sei, daß in einem freien Markt der Egoismus der Händler
jeder versucht, so teuer wie möglich zu verkaufen und so billig wie möglich einzu-
kaufen am Ende zu einer stabilen Preisdynamik führen und zum größten allgemei-
nen Nutzen beitragen werde. […] Leider steht die Wirklichkeit dieser einfältigen The-
orie entgegen. […] Es gibt keine wie auch immer geartete Homöostase. (Wiener
1968: 195 f).
Anstelle des Homöostaten, so Wiener weiter, könnten Marktprozesse mit dem Spiel
Monopoly verglichen werden, weil sie gerade nicht zu einem Gleichgewicht, sondern
zu einer Zentralisierung von Ressourcen und damit notwendigerweise zur Destabilisie-
rung führen müssten (ebd.). Unter den antihomöostatischen Faktoren des Kapitalismus
hebt Wiener insbesondere die Probleme hervor, die durch die privatwirtschaftliche Or-
ganisation der Massenmedien entstünden. Die Kommunikationstechnologie habe durch
16
ihre vernetzende Funktion zwar prinzipiell das Potential, zu einer vernünftigen Organi-
sation der Gesellschaft beizutragen, dieses Potential werde jedoch dadurch lahmge-
legt, dass die Inhalte wesentlich durch Profit- und Machtinteressen bestimmt seien:
»[W]ie überall bestimmt der Mensch den Ton, der den Pfeifer bezahlt« (ebd.: 198).
Ähnlich argumentiert Wiener auch in seinen Überlegungen zur Automatisierung indust-
rieller Arbeit. So sah er schon Mitte der 1940er Jahre voraus, dass die Automatisierung
keineswegs nur einfache handwerkliche Tätigkeiten betreffen würde. Unter anderem
durch die von ihm vorangetriebene Entwicklung der Kybernetik werde eine zweite in-
dustrielle Revolution angestoßen, die sich hauptsächlich durch die Automatisierung von
Entscheidungen auszeichne. Mit den »Entscheidungsmaschinen« könne potentiell auch
Kopfarbeit durch Maschinen ersetzt werden. So verschaffe die Automatisierung der
Menschheit einen »neuen Bestand an mechanischen Sklaven« (ebd.: 50). Das könne
durchaus sehr nützlich sein, berge aber auch immense Gefahren: »Stellt man sich je-
doch die zweite Revolution als abgeschlossen vor, so wird das durchschnittliche
menschliche Wesen mit mittelmäßigen oder noch geringeren Kenntnissen nichts zu
›verkaufen‹ haben, was für irgendjemanden das Geld wert wäre.« (ebd.: 51) In seiner
Abwägung benennt er sowohl die Potentiale als auch die Gefahren der Automatisierung
und kommt zu dem Schluss, dass letztere wesentlich auf die kapitalistische Verwertung
der Arbeitskraft als Ware zurückgehen:
Das Schlüsselwort […] ist Wettbewerb. Es kann sehr wohl für die Menschheit gut
sein, Maschinen zu besitzen, die sie von der Notwendigkeit niedriger und unange-
nehmer Aufgaben befreien, aber es kann auch nicht gut sein. Ich weiß es nicht. Es
kann nicht gut sein, diese neuen Möglichkeiten nach den Begriffen des Marktes ein-
zuschätzen. (ebd.: 51)
Wiener beließ es jedoch keineswegs bei dieser kritischen Einlassung, sondern ver-
suchte tatsächlich politisch zu intervenieren. So bot er sich verschiedenen Gewerk-
schaften als Berater in Automatisierungsfragen an, was jedoch anscheinend zunächst
auf Unverständnis stieß. In einem Brief
11
an Walter Reuther, den Präsidenten der
Union
of Automobile Workers
(UAW), der größten Industriegewerkschaft der USA zu dieser
Zeit, erklärt er, dass er von »einem der führenden Industriekonzerne« als Automati-
11
https://libcom.org/history/father-cybernetics-norbert-wieners-letter-uaw-president-walter-reuther
[Zugriff 1.12.2015], (Übers. d. A.)
17
sierungsberater angefragt worden sei. Er habe die Anfrage jedoch bedingungslos ab-
gelehnt, da diese »zweifellos zu einer Fabrik ohne Angestellte« und zu einer Arbeits-
losigkeit führen werde, die »unter den gegenwärtigen Bedingungen« nur als »desas-
trös« bezeichnet werden könne. Deshalb gelte seine Unterstützung in dieser Frage den
Gewerkschaften. Die Entscheidung über die Art und Weise dieser Unterstützung wolle
er der Gewerkschaft selbst überlassen. Er sei, so schreibt er, sowohl dazu bereit, sich
an einer »kompletten Unterdrückung« der Automatisierung zu beteiligen, als auch
dazu, die Entwicklung in eine r die Gewerkschaften nützliche Richtung zu lenken:
»Ich denke, es wäre für Sie in keiner Weise unklug, den Industriekonzernen in dieser
Angelegenheit einen Schritt voraus zu sein und durch die Beteiligung an der Entwick-
lung solcher Maschinen, sicherzustellen, dass ihre Vorteile den Organisationen zugute-
kommen, die den Interessen der Arbeiterschaft verpflichtet sind.« Nach diesem Brief
kam es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit zwischen Wiener und Reuther, die jedoch
ohne praktische Folgen blieb. Das mag einerseits an Reuthers sozialpartnerschaftlicher
Haltung gelegen haben, an die Wieners Visionen einer politischen Gestaltung der Tech-
nologie kaum anschlussfähig waren. Andererseits zog sich auch Wiener selbst wieder
aus dem Feld zurück, was möglicherweise auch durch die politischen Reibungen erklärt
werden kann, die auf seine Interventionen folgten und dazu führten, dass er zeitweise
vom FBI beobachtet wurde (Dyer Witherford 2015: 57).
Heute sieht Sabine Pfeiffer ähnliche Potentiale in der Industrie 4.0: In einer vollständig
in das industrielle Internet der Dinge eingebundenen »Smart Factory« oder einer
»Smart Service-Welt« ließe sich die Massenfertigung überwinden. Anstatt massen-
weise unnötige Produkte zu produzieren, könnten diese nach individuellen Bedarfen
erst dann hergestellt werden, wenn eine entsprechende Nachfrage eingeht und sie
tatsächlich benötigt würden. So hält Pfeiffer es für
längst realisierbar, ein Auto erst zu produzieren, nachdem ein eindeutig zu benen-
nender Käufer die entsprechende Bestellung aufgegeben hat. Dank Industrie 4.0
ließe sich ein solches Produktionsregime weiter verbessern. Alle Zulieferprozesse
könnten in dezentral sich steuernde, auf Losgröße 1 optimierte Wertschöpfungsket-
ten eingebunden sein, sodass kein Teil unnötig produziert würde. Fossile Ressourcen
würden nicht mehr ohne Bedarf verschwendet werden (Peiffer 2016: 25).
Gleiches gilt für die Potentiale einer dezentralen Versorgung mit erneuerbarer Energie,
die das Smart Grid mit sich bringt. Während in konventionellen Energienetzen große
18
fossil betriebene Kraftwerke normalerweise durchgängig am Maximum ihrer Leistungs-
fähigkeit Energie produzieren, können im Smart Grid viele kleinere Kraftwerke in das
Übertragungsnetz integriert und ihre Produktion automatisch an den jeweiligen Bedarf
gekoppelt werden. Darüber hinaus ermöglicht es auch ein Aufbrechen der Trennung
von Konsument_innen und Produzent_innen, indem es das dezentrale Einspeisen von
Energie in das Netz erleichtert (Bourazeri et al. 2015). Die beiden Informatiker Jeremy
Pitt und Andrzej Nowak arbeiten daran, im Kontext des Smart Grid ein Konzept für
»selbstorganisierte elektronische Institutionen« zu entwickeln (Pitt/Nowak 2015: 181
ff). Dabei versuchen sie, die Commons-Theorie
12
der Ökonomin Elinor Ostrom mit
Selbstorganisationsmodellen aus der Kybernetik zusammenzudenken. In einem Expe-
riment testeten sie eine solche elektronische Institution am Beispiel einer Smart-Grid-
Energie-Infrastruktur, bei der alle Beteiligten sowohl Energie in ein Netz einspeisen als
auch entnehmen konnten. Die Teilnehmenden konnten dabei in einer Art Social-Media-
Interface bestimmte Regeln für den Verbrauch der Energie festlegen. Nach diesen Re-
geln wurde dann die Energieentnahme und Zufuhr durch Algorithmen koordiniert, so
dass ein »homöostatisches System« entstand (Pitt/Nowak 2014: 28, Übers. d. A.).
Durch das System wurden nicht nur starke Energieeinsparungen ermöglicht, sondern
auch eine kollektive Handlungsfähigkeit hergestellt, indem das Interface den Zusam-
menhang zwischen individuellen Handlungen und dem Gesamtsystem sichtbar machte.
Dieses Experiment verstehen Pitt und Nowak als Modell für eine geplante basisdemo-
kratische Dezentralisierung: »Neue Kommunikationstechnologien schaffen revolutio-
näre neue Möglichkeiten der Selbstorganisation und der basisdemokratischen Koordi-
nation sozialer Gruppen und Gesellschaften. Das ist ein Potential, das der Menschheit
nie zuvor zur Verfügung stand.« (Pitt/Nowak 2015: 185, Übers. d. A.) Sie unterstrei-
chen jedoch auch, dass dieser demokratisierende Effekt nur dann eintritt, wenn die
Daten, die durch Smart Meter erhoben werden, ebenfalls Gemeineigentum sind. Wenn
sie stattdessen das Privateigentum von Energiekonzernen sind und niemand genau
weiß, was eigentlich erhoben wird, haben sie den gegenteiligen Effekt.
12
Commons oder Allmendegüter sind Güter, die keine_n exklusive_n Besitzer_in haben, sondern von
einer Vielzahl von Personen genutzt und verwaltet werden.
19
Das emanzipative Potential der Entwicklung der Produktionsmittel liegt also vermutlich
weniger in der Möglichkeit eines
»Fully Automated Luxury Communism«
13
, der haupt-
sächlich die quantitative Substitution menschlicher Arbeit ins Zentrum rückt, sondern
vielmehr darin, die Produktions
organisation
qualitativ im Sinne der selbstorganisierten
elektronischen Institutionen zu transformieren, wie sich dies z.B. bei Pitt und Nowak
andeutet.
Ausblick
Um die hier aufgezeigte Entwicklung der Kybernetisierung zu verstehen, ist das Kon-
zept des kybernetischen Kapitalismus nützlich, das in der »Industrie 4.0« einen zuge-
spitzten Ausdruck findet. Ich habe mit diesem Beitrag aufgezeigt, dass die Kybernetik
als Steuerungswissenschaft schon seit ihrer ersten Benennung durch Ampère einen
politischen Charakter hatte. In der Ära des Kalten Krieges sahen sowohl kommunisti-
sche als auch kapitalistische Ideolog_innen in ihr die Bestätigung ihrer jeweiligen öko-
nomischen Theorien: Kapitalist_innen feierten die kybernetische Theorie der Selbstor-
ganisation als Beweis für die Effizienz deregulierter Märkte, Kommunist_innen sahen
in ihr den Beleg für die Möglichkeit einer geplanten Ökonomie. »Dieselben Prinzipien
der feedbackbasierten Steuerung waren in den Vereinigten Staaten unter dem Namen
der ›Managementwissenschaft‹ und in der Sowjetunion unter dem Banner der ›öko-
nomischen Kybernetik‹ verbreitet«, schreibt Slava Gerovitch (2002: 302). Die politische
Ambivalenz der Kybernetik hat sich jedoch keineswegs mit dem Ende des Wettstreits
zwischen Markt und Plan in Form des Zusammenbruchs der Sowjetunion erledigt, wie
einige historische Rekonstruktionen implizieren (z.B. Tanner 2008, Gerovitch 2002).
Stattdessen kann von einer fortschreitenden Kybernetisierung der Ökonomie und
infolgedessen auch weiterer Teile der Gesellschaft gesprochen werden. Diese äußert
sich gegenwärtig hauptsächlich in einer Verschmelzung von Technikeuphorie und Ne-
oliberalismus, die ich als kybernetischen Kapitalismus bezeichne. Allerdings sind, wie
ich hier gezeigt habe, auch im kybernetischen Kapitalismus die ambivalenten Potentiale
der Kybernetik, die vor allem von ihrem zentralen Begriff der Selbstorganisation aus-
13
Das Konzept stammt von Aaron Bastani, startete als ein Twitter-Hashtag und wurde zu einer größe-
ren Online- und Offline-Bewegung: http://novaramedia.com/2014/11/10/imo-w-aaron-bastani-e003/
20
gehen, nicht erloschen. So schreiben Tiqqun (2011: 79) keineswegs emphatisch ge-
meint dass die Kybernetik heute »nicht mehr als der letzte mögliche Sozialismus«
sei. Dieses Potential zeigt sich beispielsweise in der Hoffnung auf digital selbstorgani-
sierte Commons, wie sie den Arbeiten von Pitt und Nowak zugrunde liegt. Diese de-
monstrieren einerseits eindrücklich die technische Möglichkeit der digitalen Selbstor-
ganisation, andererseits fehlt ihnen jedoch der Sinn für die politische Dimension der
Transformation. Diese wird in den Ansätzen des »Computer-Sozialismus« (z.B. Peters
2000, Cockshott/Cottrell 2006) oder des neueren Akzelerationismus stärker mit einbe-
zogen. Allerdings schlagen diese interessanten Ansätze oft in eine Fetischisierung der
Technik um, wenn es beispielsweise bei den Akzelerationisten Srnicek und Williams
(2015: 81) heißt, Technik sei »der Ursprung unserer Handlungsoptionen«. Differen-
ziertere Positionen rücken dagegen den dialektischen Charakter der Technologie ins
Zentrum. So schreibt etwa Murray Bookchin:
Dieselbe Technologie, die die Menschheit in einer Gesellschaft, die um die Befriedi-
gung menschlicher Bedürfnisse organisiert wird, befreien könnte, wird sie in einer
Gesellschaft, die um die Produktion um der Produktion willenorganisiert ist, un-
weigerlich zerstören. Sicherlich ist der machiäische Dualismus, der der Technologie
unterstellt wird, keine Eigenschaft der Technologie selbst. Die Potentiale der moder-
nen Technologie, zu schaffen oder zu zerstören, sind einfach die beiden Seiten einer
allgemeinen sozialen Dialektik der positiven und negativen Eigenschaften der hie-
rarchischen Gesellschaft. (1986: 19, Übers. d. A.)
Diese Widersprüchlichkeit trifft auf kybernetische Steuerungstechnologien in besonde-
rem Maße zu. Sie findet sich insbesondere in der hier herausgearbeiteten paradoxen
Gleichzeitigkeit von Dezentralisierung und Zentralisierung, die in den entsprechenden
Technologien in verschiedener Ausprägung zum Tragen kommt: Die automatische Pro-
zesssteuerung der »Industrie 4.0« löst zwar hierarchische Management-Anweisungen
teilweise ab, etabliert aber gleichzeitig ein engmaschiges Netz der Überwachung. Die
im Smart-Grid zirkulierenden Daten könnten theoretisch eine nie dagewesene Qualität
dezentraler Energieversorgung ermöglichen, laufen gegenwärtig jedoch meist in den
abgeriegelten Servern der großen Übertragungsnetzbetreiber zusammen und erlauben
ihnen tiefe Einblicke in die Lebensführung ihrer Kund_innen. In der Diskussion um die
kybernetischen Wirtschaftssteuerungssysteme in Chile und der Sowjetunion war genau
dieses Verhältnis zwischen Zentralisierung und Dezentralisierung der zentrale politi-
sche Streitpunkt der sowohl technisch als auch politisch auf recht unterschiedliche
Weise gelöst wurde. In diesem Sinne muss eine politische Analyse der Kybernetik die
21
Technik vor allem als ein Feld sozialer Machtkämpfe verstehen. Technologien selbst
werden dabei keine Revolutionen machen, aber sie können diese unterstützen. Gerade
der Blick in die Vergangenheit also die historische Rekonstruktion kybernetischer
Utopien kann dabei den Blick für mögliche Zukünfte schärfen.
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... Allein hier erweist sich die Datafizierung sozialer Zusammenhänge zumindest als hilfreiche Technologie zur Beschaffung von Informationen, insofern sie Möglichkeiten eröffnet, (eine nun exorbitante Menge von) Daten über Kund*innen oder Wähler*innen etc. zu sammeln und passgenaue Konsum-/Politik-Angebote usw. zu adressieren (Schaupp 2017;Schaupp und Jochum 2019, S. 336 ff.). Eine weitere Wahlverwandtschaft gründet in den Bewertungsschemata der neoliberalen Gesellschaft. ...
Article
Full-text available
Zusammenfassung Der Text verfolgt zwei Ziele: Ausgehend von Debatten zum Verhältnis von Digitalisierung und neoliberalem Kapitalismus geht er in einem ersten Schritt der Frage nach, inwiefern der hier als politische Philosophie verstandene Neoliberalismus und die digitale Mentalität der Solution eine Verbindung in Theorie und Praxis eingegangen sind. Dabei ist der Anspruch, bisher nicht berücksichtigte Widersprüche zwischen beiden freizulegen, um einer adäquaten politikwissenschaftlichen Diskussion des gegenwärtigen Digitalisierungsprozesses den Weg zu bereiten. In einem zweiten Schritt vollzieht der Text eine in der Tradition des Republikanismus stehende Kritik des Digitalisierungsprozesses neoliberaler Gesellschaften, dessen Kern als Datafizierung einer Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche bestimmt wird. Da mit diesem begrifflichen Mittel systemisch angelegte Dynamisierungseffekte sowie eine spezifische Rationalität des Transformationsprozesses in den Blick gerückt werden, kann der Text insbesondere die freiheitsgefährende Unterminierung von Urteils- und Handlungspotentialen zur Diskussion stellen.
... 17 Bei einem Vortrag in England berichtet Beer über dieses Projekt, dass es die Entfremdung 5 der Arbeiter*innen von der Wissenschaft, sowie der Bevölkerung von der Regierung aufheben und so zum "Abbau von Herrschaft" beitragen solle. 18 Diese Gedanken weisen nun, wie Pickering zeigt, recht große Ähnlichkeit zum Konzept der "nomadischen Wissenschaft" bei Deleuze und Guattari auf. 19 Diese Zielsetzung geht direkt aus der Ontologie der kybernetischen Theorie hervor und hat Cambridge 2011. ...
... Finally, while this article has presented a preliminary examination of the cybernetisation of production, this is only a recent development that has been preceded historically by the digitalisation of the circulation and consumption sphere as the other two 'moments of capital' (Fuchs, 2013;Manzerolle and Kjøsen, 2012). Further research into the cybernetisation of these other 'moments of capital' could yield critical insight into conceptualising the motion of the circuits of capital in relation to the motion of the circuits of big data, or the formation that has been referred to as a globally-interconnected 'cybernetic capitalism' (Diab, 2017;Dyer-Witheford, 2015;Schaupp, 2017b). ...
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Governments and private sectors have collaborated on national initiatives that will introduce ‘cyberphysical systems’ and the ‘industrial internet of things’ to the sphere of production in a new wave of capitalist development currently referred to in Germany as ‘Industrie 4.0’. We refer to the historical and technical development of the means of control within the capitalist mode of production that began with scientific management, management cybernetics, digital process control, and now Industrie 4.0, as the cybernetisation of production. This article analyses the German context of Industrie 4.0 as a new regime of production. Data drawn from a series of semi-structured interviews with managers and engineers of Industrie 4.0 companies reveal current developments and future visions for the digital transformation of German industry. Based on these data and some theoretical considerations, we argue that Industrie 4.0 is designed to automate the self-organisation of industrial capital in ‘smart factories’. This will shift the personal control of middle management toward the more direct and immediate cybernetic control of market forces over the production process. The article concludes that as direct labour and managerial labour is replicated, extended and/or entirely replaced with autonomous machines, the cybernetisation of production is advancing capital’s real subsumption of the labour process toward capital’s autonomisation from labour-power, which is creating new autonomous forms of production.
... Haraway 2016; Lorey 2015, chapter "Care Crisis and Care Strike"; Moten/Harney 2013;Berardi 2017); second, they are to some extent historically interconnected-research on anarchism, for example, having shown that the surfacing of the precise notion of self-organisation in anarchist discourse is most probably owed to the publication of a cybernetic paper in an anarchist journal from the 1960s, which led to a change in the very anarchist understandings of social developments (cf. Schaupp 2017;Duda 2013;McEwan 1963); third, all of them are in some ways present in the performing arts discourse, with Jan Ritsema (cf. 2017), for example, having mentioned anarchist self-organisation and anarchist writer Hakim Bey's related concept of the temporary autonomous zone (cf. ...
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Recent socio-political developments in the experimental performing arts scenes from Europe have seen a strong commitment to the practices of self-organisation and their liberating impetus. Responding to the experimental nature of many such activities with a likewise experimental theoretical enquiry, this paper invests in an interpretation of self-organising principles from anarchism, cybernetics, and vitalist materialism through the fictional narrative of the pirate utopia Libertatia. The argument thus developed is that the liberating potentials of self-organisation can be located precisely in its inherent tendency toward self-dis-organisation.
... Dies ist aber keine Zwangsläufigkeit. Ein "kybernetischer Kapitalismus" (Schaupp 2017) muss nicht zwangsläufig aus Verdatung und Vernetzung folgen. Ein historisches Beispiel für eine Alternative stellt Cybersyn im sozialistischen Chile dar. ...
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Die Veränderungen der Digitalisierung werden zumeist als zwingende Konsequenzen neuer Technologien dargestellt. Dabei wird übersehen, dass sich Gesellschaft in ihrem Zusammenspiel mit Technologie verändert.
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This chapter offers an empirically grounded critique of a Norwegian technocare policy promising to emancipate the elderly from their dependency on the welfare state by enabling self-care through technology. Employing an adapted script approach, Tøndel and Seibt argue that such “welfare technology” is inscribed with a problematic representation of the world of care, which redistributes responsibility from the welfare state to a welfare industry and from care workers to the elderly themselves. The welfare-technology-script transforms a promise of emancipation into one of economic growth, requires care professionals to care increasingly for machines, and expects people in need of care to care more for themselves. Yet, despite the discriminatory potentials inscribed into welfare technology, care workers and the elderly often manage to repair the situation through practices of invisible work and creative misuse.
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The article investigates the influence of cybernetic concepts—specifically, feedback, steering, self-regulation, adaptive/autocorrective behavior—on contemporary organizational thinking. By tracing these concepts back to cybernetics, particularly the thought of Stafford Beer and Kurt Lewin, the aim is to understand the cybernetic roots of current forms of (post-)industrial governmentality and analyze these foundations critically. As the authors show, particularly the counterintuitive combination of freedom and control is still relevant for an understanding of contemporary strands of systems and management thinking and, relatedly, the forms of governmentality implied and induced by them. Eventually, the aim is to highlight that current forms of neocybernetic regulation tend less to a reduction of domination than to its transformation into what the authors term, along with Günther Anders, integral domination.
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The debate on democratic participation is a good example to illuminate the complex reality of digitalization processes in contemporary industries. In this contribution, I will analyze democratic participation as a contested opportunity of digital technologies. Digitalization offers new ways to implement democratic principles, form opinions, and provide referenda to reinvigorate democracy and its political subjects. Digitalization provides new channels of participation and decision making that are sought to substantially strengthen democratic processes in organizations. However, the concepts of democratic participation are ambiguous: They differ in concept, scope, and political entitlement. Democratization is defined discursively and contains varying and contradicting notions that are brought forth by strategic actors. Opposing strategies, goals, conceptions of industry and industrial production, as well as its organization shape diverging understandings of democratic participation. This raises one question: how does a hegemonic perspective envision ‘democratic participation’ within Industrie 4.0 discourse? The topic of labor democracy connects to emancipatory projects of the labor movement and re-emerges in contemporary participation models. However, since the 1990s, democratic participation has been an integral part of rationalization strategies built on lean production that fully integrated employees into valorization processes. This raises another question: how is democratization emancipatory (if at all) when discourse hegemony defines its scope and core? Democratic participation is subject to interests and its realization diverges according to the strategies and goals of different actors.
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Sabine Pfeiffer Industrie 4.0-Phänomen eines digitalen Despotismus? Ursprung, Akteure und Intentionen eines vermeintlich deutschen Technikdiskurses Dieser Text ist entspricht inhaltlich weitgehend dem eingereichten Manuskript, das mit geringen Änderungen erschienen ist unter dem Titel: "Warum reden wir eigentlich über Industrie 4.0? Auf dem Weg zum digitalen DespoNsmus" in: MiPelweg 36, HeT 6 "Von Maschinen und Menschen − Arbeit im digitalen Kapitalismus", S. 14-36. Das Heft ist in der Printversion vergriffen, aber hier noch online beziehbar.
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Self-Tracking und das Quantified-Self-Movement sind zu einem schnell wachsenden Trend geworden. Immer mehr Menschen überwachen mittels tragbarer digitaler Geräte minutiös ihren Lebenswandel, von der Arbeit bis zum Schlaf, vom Sport bis zum Sex – und das freiwillig. Simon Schaupps Studie geht diesem Trend kritisch auf den Grund. Er stellt dabei die Self-Tracker_innen nicht als obsessive Nerds dar, sondern fragt nach den gesellschaftlichen Ursachen für diese Praxis: Welche politischen und ökonomischen Strukturen machen es notwendig, sich permanent selbst zu überwachen und zu optimieren? Um diese Frage zu beantworten, verfolgt Schaupp die Selbstoptimierung auf der Grundlage von Feedbackschleifen zu ihren historischen Wurzeln in der kybernetischen Steuerungstheorie zurück und skizziert eine Theorie des kybernetischen Kapitalismus. Dabei wird deutlich, dass die Allgegenwart miniaturisierter vernetzter Computer unsere Gesellschaft grundlegend verändert. Nicht nur verschmelzen Kommunikation und Warenproduktion immer mehr zu ein- und demselben Prozess, sondern es bildet sich auch eine neue Form sozialer Kontrolle heraus, die wesentlich auf permanenten (digitalen) Feedbacks gründet. Das Self-Tracking wird hier als Ausdruck dieser Entwicklung hin zur einem kybernetischen Kapitalismus analysiert, die verstehen sollte, wer die Funktionsweise von Herrschaft in hochtechnisierten Gesellschaften durchschauen will.
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Was ändert sich, wenn Selbsterkenntnis zum digitalen Produkt wird? Ob Kalorien, Schritte, Blut- oder Stimmungswerte: Am Körper getragene mobile Geräte messen, überwachen und coachen alltägliches Verhalten und körperliche Leistungen. Die technisch vermittelte Erforschung, Steuerung und Optimierung des Selbst - das sogenannte »Self-Tracking« - etabliert nicht nur neue Verhältnisse von Körper, Technik und Wissen, sondern verwischt gleichermaßen die Grenze zwischen Selbst- und Fremdführung. Die Beiträge des Bandes fragen nach den gesellschaftlichen Bedingungen und den Auswirkungen dieser Transformationen und den damit einhergehenden Veränderungen zeitgenössischer Selbst- und Körperverhältnisse.
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Ob die Überwachungspraktiken der NSA oder die Geschäftsmodelle von Google, Facebook & Co.: Sie alle basieren auf »Big Data«, der ungeahnten Möglichkeit, riesige Datenmengen wie nie zuvor in der Geschichte zu erheben, zu sammeln und zu analysieren. »Big Data« beschreibt damit nicht nur neuartige wissenschaftliche Datenpraktiken, sondern steht für eine tektonische Verschiebung von Wissen, Medien, Macht und Ökonomie. Im Unterschied zum Medienhype um »Big Data« schafft der Band einen Reflexionsraum zur differenzierten Auseinandersetzung mit dem datenbasierten Medienumbruch der Gegenwart. International führende Theoretiker der Digital Humanities stellen einen fachübergreifenden Theorierahmen zur Verfügung, der es erlaubt, »Big Data« in seiner gesamten sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Bandbreite zeitdiagnostisch zu thematisieren. Mit Beiträgen von David M. Berry, Jean Burgess, Alexander R. Galloway, Lev Manovich, Richard Rogers, Daniel Rosenberg, Bernard Stiegler, Theo Röhle, Eugene Thacker u.a.m.
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This is the first cross-over book into the history of science written by an historian of economics. It shows how 'history of technology' can be integrated with the history of economic ideas. The analysis combines Cold War history with the history of postwar economics in America and later elsewhere, revealing that the Pax Americana had much to do with abstruse and formal doctrines such as linear programming and game theory. It links the literature on 'cyborg' to economics, an element missing in literature to date. The treatment further calls into question the idea that economics has been immune to postmodern currents, arguing that neoclassical economics has participated in the deconstruction of the integral 'self'. Finally, it argues for an alliance of computational and institutional themes, and challenges the widespread impression that there is nothing else besides American neoclassical economic theory left standing after the demise of Marxism.