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Mehr Stimmen gleich bessere demokratische Qualität? Negative Effekte der Komplexität des Wahlrechts auf die Zusammensetzung der Wählerschaft

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Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit dem Effekt der Komplexität des Wahlsystems auf die soziodemografische Zusammensetzung der Wählerschaft. Dabei wird die Reform des Hessischen Kommunalwahlrechts aus dem Jahr 1999 betrachtet, anhand derer sich Effekte bei Konstanthaltung der Randbedingungen betrachten lassen. Der Kern der Reform bestand in der Einführung des Kumulierens und Panaschierens sowie einer deutlichen Ausweitung der abzugebenden Stimmen - im Extremfall bis zu 93. Es wird untersucht, ob die Wahlbeteiligung in benachteiligten Bezirken systematisch stärker zurückgegangen ist bzw. ob der Anteil ungültiger Stimmen stärker zugenommen hat als im Landesmittel. Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Wahlbeteiligung im Land Hessen deutlich ab-, während der Anteil ungültiger Stimmen zunahm. Darüber hinaus kann gezeigt werden, dass dieser Effekt stärker in benachteiligten Stadtteilen zum Tragen kommt. Somit gibt es systematische Effekte der Wahlrechtsreform auf die Zusammensetzung der Wählerschaft in Richtung größerer Ungleichheit. Der Beitrag schließt mit einer Empfehlung zugunsten einer Vereinfachung des Hessischen Wahlrechts.
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Dominic Nyhuis
Mehr Stimmen gleich bessere demokratische
Qualität?
Negative Effekte der Komplexität des Wahlrechts auf die
Zusammensetzung der Wählerschaft
Kurzfassung
Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit dem Effekt der Komplexität des Wahlsystems
auf die soziodemografische Zusammensetzung der Wählerschaft. Dabei wird die
Reform des Hessischen Kommunalwahlrechts aus dem Jahr 1999 betrachtet, anhand
derer sich Effekte bei Konstanthaltung der Randbedingungen betrachten lassen. Der
Kern der Reform bestand in der Einführung des Kumulierens und Panaschierens
sowie einer deutlichen Ausweitung der abzugebenden Stimmen – im Extremfall bis
zu 93.
Es wird untersucht, ob die Wahlbeteiligung in benachteiligten Bezirken syste-
matisch stärker zurückgegangen ist bzw. ob der Anteil ungültiger Stimmen stärker
zugenommen hat als im Landesmittel. Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass die
Wahlbeteiligung im Land Hessen deutlich ab-, während der Anteil ungültiger Stim-
men zunahm. Darüber hinaus kann gezeigt werden, dass dieser Effekt stärker in
benachteiligten Stadtteilen zum Tragen kommt. Somit gibt es systematische Effekte
der Wahlrechtsreform auf die Zusammensetzung der Wählerschaft in Richtung grö-
ßerer Ungleichheit. Der Beitrag schließt mit einer Empfehlung zugunsten einer
Vereinfachung des Hessischen Wahlrechts.
Zeitschrift für Politikwissenschaft 24. Jahrgang (2014) Heft 3, S. 255 – 280 255
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Inhalt
Einleitung1. 256
Kommunalwahlen und -wahlrecht in Hessen2. 258
Wahlsystem, Wahlteilnahme und ungültige Stimmabgaben3. 262
Daten und Methode4. 265
Analyse5. 268
Wahlteilnahme und ungültige Stimmabgabe in den hessischen Städtena) 268
Das Beispiel Frankfurt am Mainb) 271
Schlussbetrachtung6. 273
Anhang 280
Einleitung
Seit einigen Jahren lässt sich ein Rückgang der Wahlbeteiligung bei Kommunal-
wahlen feststellen. Diese Entwicklung wurde bei einigen Beobachtern als Abwen-
dungsbewegung vom kommunalpolitischen Geschehen durch die Bürger interpre-
tiert und eine Legitimitätskrise der Kommunalpolitik diagnostiziert (Kersting 2005,
2008). Vor dem Hintergrund dieser Krise wurden zu Beginn der 1990er Jahre eine
Reihe von Reformen deutscher Kommunalverfassungen umgesetzt. So wurden ins-
besondere in drei Bereichen Änderungen vorgenommen – der Direktwahl von Bür-
germeistern, der verstärkten Einführung direktdemokratischer Elemente sowie
Wahlrechtsreformen, insbesondere der Instrumente des Kumulierens und Pana-
schierens. Mit den Reformen verband sich die Hoffnung, Interesse am lokalpoliti-
schen Geschehen zu wecken und die demokratische Qualität und Legitimität von
kommunalpolitischen Entscheidungen zu stärken.
Dieser Beitrag nimmt das letztgenannte Element der sogenannten süddeutschen
Kommunalverfassung – die Einführung eines stärker personalisierten Wahlrechts –
zum Anlass, sich mit zwei Forschungsfragen zu beschäftigen. Erstens: Welchen
Einfluss hat die Reform des Wahlrechts auf Entscheidungen des Wählers, sich an
der Wahl zu beteiligen? Zweitens: Gibt es Effekte des neuen Wahlrechts auf die
Häufigkeit ungültiger Stimmen? Es wird argumentiert, dass die Vielzahl von Stim-
men im süddeutschen Kommunalwahlrecht zu einer deutlichen Erhöhung der Kom-
plexität des Wahlaktes geführt hat. Diese Komplexität hat zur Folge, dass die Wahl-
rechtsreform das Gegenteil dessen erreichte, was sie erreichen sollte. So hat sie die
Wahlbeteiligung weiter zurückgehen und den Anteil ungültiger Stimmen ansteigen
lassen. Insbesondere wird gezeigt, dass die Wahlrechtsreform systematisch Bürger
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in benachteiligten Stadtteilen ausgeschlossen hat, da beide Effekte – eine geringere
Wahlbeteiligung und mehr ungültige Stimmen in benachteiligten Stadtteilen noch
stärker zum Tragen kamen. Somit kann davon gesprochen werden, dass das süd-
deutsche Kommunalwahlrecht zu einer größeren Ungleichheit geführt hat. Insbe-
sondere konterkariert die Reform auf diesem Wege auch Bemühungen, den Kreis
der Wahlberechtigten zu erweitern, etwa durch die Öffnung der Kommunalwahlen
für EU-Ausländer.
Als Fallbeispiel wird in diesem Beitrag die Reform des Hessischen Kommunal-
wahlrechts untersucht, welche im Jahr 1999 durchgeführt wurde. Eine solche Re-
form eignet sich zur Untersuchung der erwarteten Zusammenhänge, da sich ver-
schiedene Randbedingungen, die einen naheliegenden Zusammenhang mit der
Wahlbeteiligung und der ungültigen Stimmabgabe aufweisen, weitestgehend stabil
halten lassen. Veränderungen in den interessierenden Kennziffern vor und nach der
Reform sind deshalb klar mit dem variierenden Faktor – dem neuen Wahlrecht – in
Zusammenhang zu bringen.
Konkret werden die Ergebnisse auf Ebene der Stadtteile in den hessischen Groß-
städten ausgewertet. Zwar ist diese Beschränkung auf urbane Räume im Hinblick
auf die Generalisierbarkeit der Ergebnisse nicht unproblematisch, sie lässt sich al-
lerdings sowohl forschungstheoretisch als auch forschungspraktisch begründen.
Forschungspraktisch wurden die Stadtteile in den hessischen Großstädten ausge-
wählt, da die Strukturmerkmale auf derart kleinräumiger Ebene nur in den Statisti-
kämtern der großen Kommunen gesammelt werden. Forschungstheoretisch ist diese
Beschränkung sinnvoll, da Stadtteile in den Großstädten vergleichsweise homogen
sind, aber klare Varianz sowohl bezüglich der erklärenden als auch der zu erklä-
renden Merkmale aufweisen. Um die Robustheit der Ergebnisse zu prüfen, wurde
die Analyse in einem zweiten Schritt auf der kleinräumigsten Wahlebene – der
Ebene der Wahlbezirke – für die Stadt Frankfurt am Main nachvollzogen.
Im weiteren Verlauf der Arbeit wird zunächst das gewählte Fallbeispiel näher
beschrieben. Dabei wird zum einen kurz auf die historischen Umstände der Kom-
munalwahlen eingegangen sowie auf deren rechtliche Grundlagen, um der folgen-
den Untersuchung einen Rahmen zu geben. In Abschnitt 3 werden die theoretischen
Erwartungen bezüglich des Zusammenhangs zwischen der Komplexität des Wahl-
rechts und der Zusammensetzung der Wählerschaft formuliert. Die Daten, welche
dieser Arbeit zugrunde liegen, werden in Abschnitt 4 eingeführt. In Abschnitt 5
schließlich werden die Ergebnisse präsentiert. Dabei wird zunächst auf die Ergeb-
nisse in den Stadtbezirken eingegangen, um dann die Entwicklung in den Frank-
furter Wahlbezirken näher zu untersuchen. Abschnitt 6 schließt mit einem Fazit und
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einer Empfehlung für die künftige Ausgestaltung des hessischen Kommunalwahl-
rechts.
Kommunalwahlen und -wahlrecht in Hessen
Die hier vorgestellte Analyse beschäftigt sich mit dem Effekt der Änderung des
Kommunalwahlrechts im Land Hessen. Dieser Abschnitt dient zunächst der Ein-
führung in das hessische Kommunalwahlrecht vor und nach der Wahlrechtsände-
rung. Darüber hinaus werden einige Bemerkungen zu den Randbedingungen und
Ergebnissen der Wahlen gemacht.
Die letzte Kommunalwahl vor Änderung des Wahlrechts fand am 2. März 1997
statt. Die Landesregierung zum Zeitpunkt der Kommunalwahl wurde gestellt von
SPD und Grünen unter dem Ministerpräsidenten Hans Eichel. Die Wahlen fanden
vor dem Hintergrund eines ausgesprochen schwachen Ergebnisses der Sozialde-
mokraten in der vorangegangenen Kommunalwahl 1993 statt, bei der sie landesweit
rund acht Prozentpunkte verloren hatten. Demgegenüber war die Wahl 1993 durch
ein deutliches Erstarken der sonstigen Parteien gekennzeichnet, die ihr Ergebnis
landesweit von 6,8 auf 15,5 Prozent verbessern konnten. Dies war insbesondere dem
Wahlergebnis der Republikaner geschuldet, die landesweit mehr als sieben Pro-
zentpunkte zulegten. Das Wahlergebnis der Kommunalwahl 1997 war gekenn-
zeichnet durch vergleichsweise größere Stabilität im Vergleich zur vorangegange-
nen Wahl. Christ- und Sozialdemokraten konnten leicht zulegen, die Grünen blieben
fast gleichauf mit ihrem Vorwahlergebnis, die FDP musste leichte Verluste hin-
nehmen (Hessisches Statistisches Landesamt 1997).
Das gültige Kommunalwahlrecht zur Wahl 1997 war gekennzeichnet durch ein
geschlossenes Listenwahlrecht, bei dem jeder Wähler eine Stimme zu vergeben
hatte. Es galt zudem eine Fünf-Prozent-Hürde, sodass kleinere Parteien und Wäh-
lervereinigungen unterhalb dieser Schwelle keine Kandidaten in die Kommunal-
vertretungen entsenden konnten. Wahlberechtigt waren Deutsche sowie Staatsan-
gehörige eines Mitgliedsstaates der Europäischen Union, die zur Wahl mindestens
18 Jahre alt waren und mindestens drei Monate vor der Wahl ihren Wohnsitz in der
entsprechenden Gemeinde hatten (Hessisches Statistisches Landesamt 1997: 9 f.;
vgl. ebenso die dort aufgeführte Übersicht der Rechtsgrundlagen zur hessischen
Kommunalwahl).
Die in diesem Beitrag untersuchte Reform des Hessischen Kommunalwahlrechts
wurde am 22. Dezember 1999 vom Hessischen Landtag mit den Stimmen von CDU
und FDP beschlossen (GVBl. 2000 I S. 2), welche Anfang 1999 die Landesregierung
2.
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unter der Führung von Ministerpräsident Roland Koch übernommen hatten.1 Dabei
wurden eine Reihe von Änderungen umgesetzt. Im Hinblick auf das Erkenntnisin-
teresse dieses Aufsatzes muss die Vielzahl der Änderungen als etwas ungünstig
betrachtet werden, da sich Effekte schwerer auf einzelne Elemente des neuen Wahl-
rechts zurückführen lassen. Es wird daher im folgenden Abschnitt zu diskutieren
sein, welche Erwartungen sich aus den einzelnen Wahlrechtsänderungen im Hin-
blick auf die Wahlbeteiligung sowie auf die Zahl der ungültigen Stimmen ergeben.
Die wichtigste Neuerung des geänderten Wahlrechts bestand in der Einführung
des Kumulierens und Panaschierens,2 bei dem Wähler neben der Parteiliste auch
einzelne Kandidaten auswählen können (Hessisches Statistisches Landesamt 2001).
Konkret erhalten die Wähler nach der Wahlrechtsreform so viele Stimmen wie Sitze
im Gemeinderat zu vergeben sind, wobei sich die Zahl der zu vergebenden Sitze
nach der Gemeindegröße richtet. Die Stimmen können aber auch weiterhin an eine
Liste als Ganzes vergeben werden. Ebenso können bis zu drei Stimmen an einzelne
Kandidaten vergeben und einzelne Kandidaten einer insgesamt angekreuzten Liste
gestrichen werden.
Als weitere bedeutende Änderung der Wahlrechtsreform wurde die Fünf-Prozent-
Sperrklausel aufgehoben. Somit reichen nach der Reform auch geringe Stimmge-
winne aus, um einzelne Mitglieder in die Kommunalvertretungen entsenden zu
können. Ebenso wurde die Wahlperiode von vier auf fünf Jahre verlängert.
Im Hinblick auf die hier vorzunehmende Untersuchung ist schließlich zu erwäh-
nen, dass der hessische Landtag bereits am 8. Juni 1998 (GVBl. I S. 214) das Kom-
munalwahlrecht für 16- und 17-Jährige eingeführt hatte. Diese Änderung wurde mit
der hier betrachteten Wahlrechtsreform Änderung vom 22. Dezember 1999 –
wieder abgeschafft. Allerdings wurde gleichzeitig eine Übergangsregelung umge-
setzt, die vorsah, dass all jenen Bürgern, die zum Inkrafttreten der Änderung im
Januar 2000 bereits 16 Jahre alt waren, das Wahlrecht erhalten blieb (Hessisches
Statistisches Landesamt 2001: 8). Folglich konnten an der ersten Kommunalwahl
nach der Änderung des Kommunalwahlrechts, die am 18. März 2001 durchgeführt
wurde, auch Wähler teilnehmen, die 17 Jahre alt waren.
1 Obwohl die Gesetzesänderung gegen die Stimmen der Opposition umgesetzt wurde, gab es durchaus
Sympathisanten für die grundsätzliche Stoßrichtung des Gesetzesvorschlages in den Oppositions-
reihen. Insofern ist nicht zwingend anzunehmen, dass der Wahlrechtsänderung parteistrategische
Überlegungen zugrunde liegen. Diese Frage ist für den Fortgang der Diskussion ohnehin unerheb-
lich.
2 Das Kumulieren beschreibt ein „Stimmgebungsverfahren, das dem Wähler das Recht verleiht, alle
oder einen Teil seiner Stimmen auf einen oder mehrere Kandidaten zu häufen“ (Schmidt 2004: 400)
– im vorliegenden Fall bis zu drei Stimmen pro Kandidat. Das Panaschieren hingegen erlaubt dem
Wähler, „seine Stimmen auf Kandidaten verschiedener Listen zu verteilen“ (ebd.: 507).
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Das Ergebnis der Kommunalwahl 2001 führte zu einer deutlichen Stärkung der
CDU, die landesweit rund fünf Prozentpunkte hinzugewinnen konnte. Leichte Zu-
gewinne haben darüber hinaus auch die SPD (+0,5 Prozentpunkte) und die FDP
(+1,2 Prozentpunkte) verzeichnen können. Die Grünen gaben dagegen landesweit
um rund 2 Prozentpunkte nach.
Es ist nun von besonderem Interesse, wie sich die Wahlbeteiligung sowie der
Anteil ungültiger Stimmen entwickelt haben. Abbildung 1 gibt einen Eindruck des
landesweiten Trends der Wahlbeteiligung an den hessischen Kommunalwahlen in
der Nachkriegszeit.3 Es lässt sich ein überraschend deutlicher Bruch in der Ent-
wicklung ab Anfang der 1990er Jahre erkennen. So ging die Wahlbeteiligung seit
der Kommunalwahl 1989 kontinuierlich zurück. Diese Entwicklung, wie sie ver-
gleichbar auch in anderen Bundesländern zu beobachten ist (Vetter 2013), wurde
Abbildung 1: Wahlbeteiligung bei hessischen Kommunalwahlen
Quelle: Eigene Darstellung.
3 http://www.statistik-hessen.de/themenauswahl/wahlen/daten/kommunalwahlen/kommunal-
wahlergebnisse-seit-1946/index.html (Stand: 29. Mai 2014).
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etwa auf „schwindende Kompetenzen auf kommunaler Ebene, das hieraus resultie-
rende sinkende Medieninteresse oder die Erosion der politischen Kultur des Wäh-
lens als Bürgerpflicht in der jüngeren Generation“ zurückgeführt (Kersting 2014).
Trotz dieses langfristigen Trends ist der Einbruch bei der ersten Wahl unmittelbar
nach der Wahlrechtsreform einmalig. Landesweit wurde ein Rückgang von rund 13
Prozentpunkten verzeichnet.
Abbildung 2 stellt in ähnlicher Weise den Anteil ungültiger Stimmen im Zeit-
verlauf dar. Auch hier lässt sich ein leichter Trend in Richtung einer zunehmenden
Zahl ungültiger Stimmen in den Wahlen vor der Wahlrechtsreform erkennen. Ver-
glichen mit Abbildung 1 lässt sich der Effekt der Wahlrechtsreform aber weniger
deutlich ausmachen.
Abbildung 2: Ungültige Stimmen bei hessischen Kommunalwahlen
Quelle: Eigene Darstellung.
Es ist darüber hinaus bemerkenswert, dass sich weder im Hinblick auf die Wahl-
beteiligung noch im Hinblick auf den Anteil ungültiger Stimmen in den Folgewah-
len eine Umkehrung des Trends erkennen lässt. Insbesondere bei der Wahlbeteili-
gung ist also nicht von einem Lerneffekt auszugehen – Wähler haben sich nicht nur
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kurzfristig durch die Wahlrechtsreform von der Wahl abhalten lassen, um sich dann
mit der Reform zu arrangieren. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass
es mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Wahlrechtsänderung ohnehin schwie-
riger ist, Kausalbeziehungen zum ursprünglichen Ereignis herzustellen, insbeson-
dere auch vor dem Hintergrund einer langfristig abnehmenden Wahlbeteiligung.
Wahlsystem, Wahlteilnahme und ungültige Stimmabgaben
Es ist eine bekannte Beobachtung, dass Wahlsysteme Wählerentscheidungen und
folglich Wahlergebnisse prägen (Duverger 1959; Riker 1982). So führen etwa ma-
joritäre Wahlsysteme zu starken Konzentrationsbewegungen im Parteiensystem,
während proportionale Wahlsysteme eine größere Parteienvielfalt erlauben. Gleich-
sam führen Ausschlusshürden wie beispielsweise die deutsche Fünf-Prozent-Sperr-
klausel tendenziell zu einer Benachteiligung von Kleinstparteien. Neben Entschei-
dungen auf dem Wahlzettel beeinflussen Wahlregeln aber ebenso grundsätzlichere
Wahlmerkmale nicht zuletzt die Wahlteilnahme. Aufgrund der Bedeutung der
Wahlteilnahme bzw. Wahlenthaltung für die Legitimität demokratischen Regierens
gibt es eine umfangreiche Literatur zu ihren Determinanten (Blais 2006) – insbe-
sondere zu institutionellen Faktoren (Blais/Dobrzynska 1998; Jackman 1987; Mat-
tila 2003; Powell 1986) und individuellen Merkmalen (Leighley/Nagler 1992;
Moon 1992; Wolfinger/Rosenstone 1980) der Wahlbeteiligung. So wurde etwa am
Beispiel der deutschen Bundestagswahl festgestellt, dass prekäre Lebensverhält-
nisse klar mit einer geringeren Wahlbeteiligung einhergehen (Schäfer/Vehrkamp/
Gagné 2013).
Es wurde in Abbildung 1 im vorangegangenen Abschnitt gezeigt, dass es nach
der hessischen Wahlrechtsreform 1999 landesweit einen massiven Abfall der Wahl-
beteiligung gegeben hat, der sich deutlich vom mehrjährigen Abwärtstrend abhebt.
In diesem Beitrag wird argumentiert, dass sich dieser Rückgang neben der kurzzei-
tigen Absenkung des Wahlalters vor allem durch die stark gestiegene Komplexität
des reformierten Wahlsystems begründet – sich also aus einem institutionellen Fak-
tor speist. Der landesweite Rückgang der Wahlbeteiligung stellt dabei gewisserma-
ßen die Grundlinie der Analyse dar. Dieser Beitragt untersucht, ob es neben dem
allgemeinen Effekt der Wahlrechtsreform einen zusätzlichen Interaktionseffekt von
individuellen und institutionellen Merkmalen auf die Wahlbeteiligung gibt.
Es wird erwartet, dass es wählerspezifische Abweichungen vom landesweiten
Trend gibt, dass sich also Wähler mit bestimmtem soziodemografischen Status eher
durch das komplexe Wahlsystem von der Wahlteilnahme abhalten lassen. Der be-
deutendste aus der Literatur bekannte Faktor ist hier die Bildung bzw. politische
3.
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Bildung der Wahlberechtigten (Leighley/Nagler 1992; Powell 1986). Die empiri-
sche Erwartung ist folglich, dass es eine systematische Abweichung vom mittleren
Beteiligungsrückgang auf Bezirksebene gibt die Wahlbeteiligung in benachtei-
ligten Bezirken also noch stärker absinkt als im Landesmittel. Dies würde dazu
führen, dass die ohnehin ungleiche Wahlteilnahme sich durch die Einführung des
neuen Wahlrechts noch verstärkt hat, da es durch seine Komplexität bestimmte
Wähler stärker als zuvor vom Wahlakt abhält.
Neben der Abschreckung durch das komplexe Wahlsystem und der daraus resul-
tierend sinkenden Wahlbeteiligung wird ebenfalls erwartet, dass der Anteil ungül-
tiger Stimmen durch das neue Wahlsystem ansteigt. Verglichen mit den zahlreichen
Erkenntnissen zur Wahlbeteiligung gibt es weniger Forschung zur ungültigen
Stimmabgabe. Insbesondere gibt es aber eine Reihe von Untersuchungen zum Zu-
sammenhang von verpflichtendem Wählen und ungültiger Stimmabgabe (Power/
Garand 2007; Power/Roberts 1995), wobei auch hier soziodemografische Faktoren
und politische Bildung eine wichtige Rolle spielen (McAllister/Makkai 1993). Da-
bei ist in diesem Zusammenhang zunächst nach der Typologie ungültiger Stimmen
zu fragen (Uggla 2008). So muss unterschieden werden zwischen ungültigen Stim-
men als politische Entscheidung und der ungewollt ungültigen Stimmabgabe. Wäh-
rend sich die bewusst ungültige Stimmabgabe eher mit einem hohen Maß an poli-
tischem Bewusstsein verbindet, ist die ungewollt ungültige Stimmabgabe eher mit
fehlender politischer Befähigung in Beziehung zu setzen.
Bezogen auf das neue hessische Wahlrecht fragt dieser Beitrag auch in diesem
Fall nach der Interaktion zwischen individuellen Merkmalen und der institutionellen
Variable des neuen Wahlrechts. Gibt es einen zusätzlichen Effekt von politischer
Bildung auf die Wahrscheinlichkeit ungültiger Stimmabgabe über die allgemeine
Zunahme hinaus? Dabei ist nicht anzunehmen, dass das neue Wahlrecht den Anteil
der bewusst ungültigen Stimmen erhöht, da sich die Wahlmöglichkeiten des Wäh-
lers durch das neue Wahlrecht eher vergrößern. Somit ist kaum zu erwarten, dass
eine ablehnende Haltung des Wählers durch das neue Wahlrecht zunimmt. Die Er-
wartung ist folglich auch in diesem Fall, dass der Anteil ungültiger Stimmen in jenen
Bezirken besonders stark zunimmt, in denen die (politische) Bildung besonders
niedrig ist.
Es ist schon angemerkt worden, dass die beschriebenen Effekte zu einer größeren
Ungleichheit führen, da ohnehin vorhandene Ungleichheiten durch das neue hessi-
sche Kommunalwahlrecht noch verstärkt werden, Wahlberechtigte mit geringer
Bildung also einen noch geringeren Anteil an den Wählern ausmachen (vgl. Schäfer/
Vehrkamp/Gagné 2013). Es ist darauf hinzuweisen, dass es sich bei den beschrie-
benen Folgen um kumulative Effekte handelt. Wenn die Wahlbeteiligung in be-
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nachteiligten Bezirken nach der Reform stärker als im Mittel zurückgeht und der
Anteil ungültiger Stimmen in benachteiligten Bezirken nach der Reform stärker als
im Mittel ansteigt, dann führen beide Effekte unabhängig voneinander zu einem
Anstieg der Ungleichheit der Wahl.
Die beschriebenen Erwartungen decken sich mit der bestehenden wissenschaft-
lichen Literatur, die sich mit den neuen Kommunalwahlregelungen beschäftigt. So
kommt etwa Vetter (2013) in einem Bundesländervergleich zu dem Ergebnis, dass
geschlossene Listenwahlsysteme höhere Beteiligungsraten aufweisen. Weiterhin
haben Jakobeit und Kollegen die Wahlrechtsreform in Hamburg zum Anlass einer
umfassenden Evaluation genommen (Jakobeit/Hiller/Thomsen 2011). Nach meh-
reren Änderungen des Hamburger Wahlrechts sah die zur Landtagswahl 2011 gül-
tige Regelung ebenfalls die Möglichkeit des Kumulierens und Panaschierens vor,
wobei die Zahl der Stimmen auf zehn Stimmen – fünf Wahlkreisstimmen und fünf
Stimmen für die Landesliste beschränkt war. Trotz dieser vergleichbar geringeren
Komplexität zeigt sich, dass die Wahlbeteiligung überproportional stark in sozial-
strukturell schwachen Gebieten zurückging (ebd.: 46ff.). Schließlich kommen auch
Schäfer und Schoen in ihrem Beitrag zu weiter gefassten Beteiligungsmöglichkeiten
der Bürger am politischen Geschehen zu dem eher skeptischen Fazit, dass die de-
mokratietheoretisch hergeleiteten Maßnahmen in der Praxis zu einer größeren Un-
gleichheit in der Beteiligung führen (Schäfer/Schoen 2013).
Bevor im folgenden Abschnitt die Datengrundlage erläutert wird, um die erwar-
teten Zusammenhänge zu untersuchen, muss noch ein Blick auf die möglichen kon-
fundieren Effekte der anderen Elemente der Reform des Hessischen Kommunal-
wahlrechts geworfen werden. Neben der Einführung des Kumulierens und Pana-
schierens wurde ebenso die Fünf-Prozent-Sperrklausel aufgehoben, sodass poten-
ziell auch Kleinstparteien Kandidaten in die Gemeindevertretungen entsenden kön-
nen. Es ist nicht anzunehmen, dass sich diese Wahlrechtsänderung negativ auf die
Wahlbeteiligung auswirkt. Im Gegenteil ist zu erwarten, dass sich einige Wähler
nach Aufhebung der Sperrklausel an der Wahl beteiligen, die zuvor nicht an der
Kommunalwahl teilgenommen haben. Es ist denkbar, dass Anhänger von Kleinst-
parteien sich vor der Wahlrechtsreform nicht an der Wahl beteiligt haben, da sie
nicht erwarten konnten, dass ihre bevorzugte Partei den nötigen Stimmenanteil er-
hält. Nach der Reform ist dieses strategische Beteiligungskalkül – zumindest in
Bezug auf die Fünf-Prozent-Hürde – hinfällig. Es ist allerdings auch nicht davon
auszugehen, dass es hier einen stark positiven Effekt auf die Wahlbeteiligung gibt.
Bezüglich des Anteils ungültiger Stimmen ist kein systematischer Effekt der Ab-
schaffung der Sperrklausel zu erwarten.
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Ein weiteres Element des veränderten Wahlrechts zur hessischen Kommunalwahl
2001 im Hinblick auf das Forschungsinteresse ist dagegen deutlich problematischer
– die kurzzeitige Absenkung des Wahlalters. Zwar wurde die Absenkung von der
Landesregierung aus CDU und FDP mit der Reform von 1999 zurückgenommen.
Dabei wurde aber eine Übergangsregelung geschaffen, die es Jungwählern über 17
Jahren ermöglichte, an der Wahl teilzunehmen. Da sich Jungwähler seltener an
Wahlen beteiligen (Arzheimer 2006; Phelps 2005), ist zu erwarten, dass die Ab-
senkung des Wahlalters landesweit zu einer zusätzlich sinkenden Wahlbeteiligung
führt. Leider kann die Absenkung des Wahlalters nicht in jedem Fall berücksichtigt
werden (siehe nächster Abschnitt). Es ist daher zu fragen, in welcher Weise die
Ergebnisse der Analyse durch Nicht-Kontrolle verzerrt werden könnten. Falls der
Jungwähleranteil in benachteiligten Stadtbezirken systematisch größer ist als in
nicht benachteiligten Stadtbezirken, dann ist es möglich, dass die gewählten Indi-
katoren diesen Effekt teilweise auffangen, was bei der Interpretation der Modelle
zu berücksichtigen ist. Demgegenüber ist eher kein Effekt der Absenkung des
Wahlalters auf den Anteil ungültiger Stimmen zu erwarten.
Daten und Methode
Um Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Strukturmerkmalen und
Wahlbeteiligung bzw. ungültigen Stimmen gewinnen zu können ist es notwendig,
eine möglichst kleinräumige Datenbasis zu verwenden. Stadtteile und insbesondere
statistische Stadtbezirke scheinen hier die richtige Analyseeinheit zu sein. Die kom-
munalen Statistikämter schaffen die statistischen Bezirke, um Rückschlüsse über
Stadtentwicklungen ziehen zu können. Sinnvolle Einheiten weisen dabei naturge-
mäß eine gewisse Homogenität bezüglich grundlegender Merkmale der Wohnbe-
völkerung auf, etwa der Altersstruktur, der Kaufkraft, des Beschäftigungsniveaus,
des Bildungsstandes sowie des Ausländeranteils an der Wohnbevölkerung. Größere
Einheiten, etwa die Gemeindeebene, sind dagegen problematisch, da Varianzen so-
wohl in den abhängigen als auch in den unabhängigen Variablen durch Mittelung
übermäßig verschwimmen.
Die hier vorgelegte Analyse beschränkt sich auf die größten hessischen Gemein-
den. Diese Entscheidung ist im Hinblick auf die Generalisierbarkeit der so gewon-
nenen Erkenntnisse nicht unproblematisch. Sie ist vor allem forschungspraktischen
Erwägungen geschuldet. So sind die Daten zu Wahlbeteiligung und ungültigen
Stimmen auf Wahlbezirksebene leicht verfügbar. Schwieriger zu gewinnen sind da-
gegen kleinräumige Strukturmerkmale für den mittlerweile etwas länger zurücklie-
genden Untersuchungszeitraum. Die Städte wurden deshalb ausgewählt, da die
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kommunalen Statistikämter die Kapazitäten besitzen, Strukturmerkmale auf Ebene
der statistischen Bezirke zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. Neben diesen
praktischen Erwägungen ist allerdings ebenso zu bemerken, dass die Städte auch
für die empirische Wahlforschung brauchbarere Forschungsgegenstände sind, da
sich Milieus im urbanen Raum stärker bündeln. Diese Varianz kann genutzt werden,
um Rückschlüsse über die Beziehung zwischen Strukturmerkmalen und Wahlver-
halten zu ziehen.
Konkret konnten Daten über Strukturmerkmale der Stadtteile der sechs größten
hessischen Städte gewonnen werden. Es handelt sich hierbei um Frankfurt am Main,
Wiesbaden, Kassel, Darmstadt, Offenbach am Main und Hanau.4 Dabei weisen die
Städte teilweise unterschiedliche Gliederungsebenen auf. So lassen sich in Frankfurt
am Main etwa Ortsbezirke, Stadtteile und Stadtbezirke – in absteigender Aggrega-
tion – unterschieden. Es wurde versucht die möglichst kleinste Gliederungseinheit
zu wählen, um eine möglichst genaue Zuordnung von Strukturmerkmalen und
Wahlverhalten vornehmen zu können. Dabei musste abgewogen werden zwischen
Genauigkeit und Datenverfügbarkeit. Grundsätzlich ist die Analyseebene dadurch
beschränkt, dass sich Wahlbezirke und Stadtgliederungseinheiten nicht überschnei-
den dürfen. Zum anderen musste Rücksicht auf die Datenverfügbarkeit genommen
werden. So konnte beispielsweise in Frankfurt am Main nicht der Stadtbezirk als
Analyseeinheit verwendet werden, da die interessierenden Strukturmerkmale durch
das Stadtstatistikamt erst ab Ebene der Stadtteile zur Verfügung gestellt werden
konnten.
Es wurde im vorangegangenen Abschnitt argumentiert, dass das komplexe Wahl-
system vor allem weniger gebildete Wahlberechtigte abschreckt. Leider ist die Zu-
sammensetzung des kleinräumigen Bildungsstatus nicht verfügbar. Es mussten da-
her Proxy-Variablen gewählt werden, die vermutlich mit dem Bildungsstatus auf
der kleinräumigen Ebene zusammenhängen. Um hier eine möglichst weite Abde-
ckung gewährleisten zu können, wird in der Folge auf drei Merkmale zurückge-
griffen – der Ausländeranteil in einer Gliederungseinheit, der Arbeitslosen- sowie
der Sozialhilfeempfängeranteil. Obwohl es einen klaren empirischen Zusammen-
hang zwischen Migrationsstatus und Bildungserfolg gibt (Siegert 2008), mag der
Ausländeranteil als kontroverser Indikator für den Bildungsstand der Wohnbevöl-
kerung erscheinen. Er wird in dieser Arbeit vor allem deshalb verwendet, da er für
alle in die Analyse einbezogenen Stadtbezirke vorhanden ist und somit ein umfas-
sendes Bild vermittelt. Tabelle 5 im Anhang dieses Beitrages gibt einen Überblick
4 Ich möchte an dieser Stelle den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der statistischen Stadtämter für
die ausgesprochen reibungslose Zusammenarbeit und umfassende Unterstützung danken.
Dominic Nyhuis
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über die einbezogenen Daten. Soweit möglich wurden Strukturinformationen für
einen Zeitpunkt zwischen den beiden Wahlterminen erhoben. Aufgrund des etwas
länger zurückliegenden Untersuchungszeitraums war die Datenverfügbarkeit der
Strukturdaten allerdings beschränkt, sodass in einigen Fällen Daten nach 2001 ver-
wendet werden. Es muss in diesen Fällen angenommen werden, dass die städtischen
Milieus zumindest mittelfristig stabil sind.
Aufgrund der kurzzeitigen Herabsetzung des Wahlalters durch die rot-grüne Lan-
desregierung und die darauf folgende Rücknahme mit der Reform des kommunalen
Wahlrechts bei gleichzeitiger Einsetzung einer Übergangsregelung durch FDP und
CDU waren zur Kommunalwahl 2001 einige Wahlberechtigte jünger als 18 Jahre.
Dieser Effekt müsste in den Modellen kontrolliert werden durch Einbeziehung des
Anteils der jugendlichen Wahlberechtigten. Leider war es nicht möglich eine ein-
heitliche Variable der Altersstruktur in allen Städten zu gewinnen, da jeweils andere
Abstufungen gewählt wurden. Aus diesem Grund muss bei der Analyse der Stadt-
teile auf eine entsprechende Kontrolle verzichtet werden. Bei der Analyse der
Frankfurter Wahlbezirke kann dagegen für den Anteil jugendlicher Wahlbevölke-
rung kontrolliert werden, um mögliche konfundierende Effekte der kurzzeitigen
Absenkung des Wahlalters herauszurechnen. Dabei wird der Anteil der Wahlbe-
rechtigten zwischen 18 und 24 Jahren als Proxy für die jugendliche Wahlbevölke-
rung herangezogen. Es scheint wenig problematisch anzunehmen, dass der Anteil
der 18-24-Jährigen stark mit dem Anteil der jugendlichen Bevölkerung korreliert.
In einem zweiten Analyseschritt werden die Ergebnisse aus Frankfurt am Main
genauer beleuchtet (vgl. hierzu insbesondere Hennig/Lohde-Reiff/Sack 2001). Die
Stadt Frankfurt am Main arbeitet ihre Wahlergebnisse in ausführlichen Berichten
auf, in denen neben den Wahlergebnissen auch einige Strukturdaten auf Ebene der
Wahlbezirke zur Verfügung gestellt werden (Bürgeramt, Statistik und Wahlen
2006). Diese Informationen können herangezogen werden, um einen ausgesprochen
detaillierten Eindruck des Wahlverhaltens zu erhalten. Dabei muss allerdings ein-
schränkend bemerkt werden, dass hier als Proxy-Variable nur der Ausländeranteil
herangezogen werden kann – Informationen zur kleinräumigen Arbeitslosen- und
Sozialhilfestatistik sind nicht vorhanden.
Bezüglich der geschätzten Modelle werden die Ergebnisse von OLS-Regressio-
nen präsentiert, in denen die Wahlbeteiligung bzw. der Anteil ungültiger Stimmen
zur Kommunalwahl 2001 mit der Wahlbeteiligung bzw. den ungültigen Stimmen
bei der vorangegangenen Kommunalwahl erklärt werden. Sodann werden die ver-
schiedenen Strukturmerkmale in die Modelle einbezogen, um zu prüfen, ob es hier
noch zusätzliche Systematiken gibt. In den Modellen auf Ebene der Stadtteile wer-
den außerdem jeweils fixe Effekte für die Gemeinden geschätzt. Zwar finden die
Mehr Stimmen gleich bessere demokratische Qualität?
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Kommunalwahlen landesweit statt, dennoch werden einzelne Gemeindevertretun-
gen gewählt. Es ist daher denkbar, dass lokale Ereignisse einen Effekt auf die ab-
hängige Variable haben, der sich mit fixen Effekten kontrollieren lässt.
Analyse
Im folgenden Abschnitt werden die Ergebnisse der Analyse zusammengefasst. Da-
bei werden zunächst die Effekte der Strukturmerkmale auf die Wahlbeteiligung und
den Anteil ungültiger Stimmen auf Ebene der Stadtteile betrachtet. Der zweite Ab-
schnitt widmet sich der Analyse des Fallbeispiels Frankfurt am Main auf der kleins-
ten Wahlgliederungsebene – der Ebene der Wahlbezirke.
Wahlteilnahme und ungültige Stimmabgabe in den hessischen Städten
Tabelle 1 stellt die Ergebnisse dreier Regressionsmodelle dar, in denen die Effekte
der Strukturmerkmale der Stadtteile auf die Wahlbeteiligung zur Kommunalwahl
2001 berechnet wurden. Alle drei Modelle beinhalten einen Parameter für die Wahl-
beteiligung zur letzten Kommunalwahl vor der Wahlrechtsänderung. Ebenso wur-
den fünf fixe Stadteffekte geschätzt um Besonderheiten der Kommunalwahlen her-
auszurechnen, welche die Wahlbeteiligung beeinflussen könnten (nicht darge-
stellt).5 Zunächst kann – wenig überraschend – festgestellt werden, dass die Wahl-
beteiligung zur Kommunalwahl 2001 positiv und deutlich mit der Wahlbeteiligung
zur Kommunalwahl 1997 zusammenhängt.
Über diesen Effekt hinaus lässt sich aber feststellen, dass alle drei gewählten
Strukturmerkmale einen signifikant negativen Effekt auf die Wahlbeteiligung auf-
weisen. Alle drei Modelle deuten somit darauf hin, dass die Wahlbeteiligung in den
benachteiligten Stadtteilen noch stärker zurückgegangen ist als in den weniger be-
nachteiligten Stadtteilen – unabhängig davon, ob die gewählte Proxy-Variable die
Arbeitslosen-, Sozialhilfeempfänger- oder Ausländerquote ist. Dabei ist zu bemer-
ken, dass die Zahl der Beobachtungen nicht konstant ist, da die Strukturmerkmale
nicht für jede Stadt verfügbar waren. Ebenso ist zu bemerken, dass – obwohl alle
Koeffizienten das richtige Vorzeichen aufweisen und signifikant von 0 unterschie-
den sind es doch Unterschiede in den Effektstärken gibt. So ist der Effekt der
Sozialhilfeempfänger- und Arbeitslosenquote auf die Wahlbeteiligung – gegeben
eine bestimmte Wahlbeteiligung in der Vorwahl deutlich größer als der Effekt
5.
a)
5 Die Ergebnisse sind vergleichbar, wenn statt fixen Effekten hierarchische Modelle geschätzt werden,
in denen die Stadtteile in die Städte geschachtelt sind.
Dominic Nyhuis
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Tabelle 1: OLS Regression – Anteil Wahlbeteiligung 2001 (in %) – Stadtteile
(1) (2) (3)
Wahlbeteiligung 1997 (in %) .737*** .718*** .745***
(.057) (.044) (.043)
Ausländer (in %) -.080**
(.037)
Arbeitslose (in %) -.619***
(.165)
Sozialhilfeempfänger (in %) -.440**
(.180)
Konstante -.006 1.169 -1.455
(3.934) (2.880) (2.594)
Beobachtungen 132 122 73
R^2 .904 .911 .891
Angep. R^2 .899 .907 .884
Resid. Std.-Fehler 2.102 2.075 2.020
F Stat. 167.490*** 196.883*** 138.613***
Anmerkungen: *p<.1; **p<.05; ***<.01. Fixe Effekte der Städte nicht dargestellt.
des Ausländeranteils. Dieser Effekt lässt sich durch die unterschiedliche Varianz in
den einbezogenen Variablen erklären. So variiert die Ausländerquote in den Stadt-
teilen der hessischen Städte im Untersuchungszeitraum zwischen 2,6 und 60,9 Pro-
zent, während die Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerquote lediglich zwischen
1,8 und 13,3 bzw. 0,1 und 10,8 Prozent variiert.
Dieser Beitrag argumentiert, dass sich die beobachteten stadtteilspezifischen Ab-
weichungen durch die gewachsene Komplexität des hessischen Kommunalwahl-
rechts und die sich daraus ergebende Abschreckungswirkung in benachteiligten
Stadtbezirken begründen lässt. In der Literatur werden eine Reihe von Faktoren
diskutiert, welche die langfristig sinkende Wahlbeteiligung bei deutschen Kommu-
nalwahlen erklären, etwa eine zunehmend weniger stark ausgeprägte Bürgerpflicht
des Wählens und grundsätzliche Abwendungsbewegungen vom kommunalpoliti-
schen Geschehen. Es ist daher zu fragen, ob entsprechende Faktoren ebenso den
stadtteilspezifischen Abweichungen zugrunde liegen könnten. So konnten in der
Vergangenheit Kontexteffekte auf das Wahlverhalten im deutschen Mehrebenen-
system nachgewiesen werden (Maier 2007; Rudi 2007). Tatsächlich haben sich im
vorliegenden Fall sowohl die landes- als auch die bundespolitischen Randbedin-
gungen zwischen der Wahl 1997 und der Wahl 2001 verschoben. Es ist allerdings
schwer zu begründen, warum diese Änderungen stadtteilspezifische Effekte auf die
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Wahlbeteiligung ausüben sollten. Ebenso ist denkbar, dass die Bindungskraft von
Parteien in benachteiligten Milieus abnimmt, was eine systematisch niedrigere
Wahlbeteiligung in bestimmten Stadtbezirken zur Folge hätte. Tatsächlich ist dieser
Wirkungszusammenhang nicht unplausibel, es ist jedoch unwahrscheinlich, dass
sich solche Erosionsprozesse derart deutlich in einem Vier-Jahres-Zeitraum nie-
derschlagen.
Tabelle 2: OLS Regression – Anteil ungültiger Stimmen 2001 (in %) – Stadtteile
(1) (2) (3)
Ungültige Stimmen 1997 (in %) .352** .279** .349**
(.110) (.123) (.157)
Ausländer (in %) .026***
(.007)
Arbeitslose (in %) .148***
(.044)
Sozialhilfeempfänger (in %) .066
(.076)
Konstante 3.869 4.160*** -1.972***
(.280) (.266) (.352)
Beobachtungen 132 122 73
R^2 .621 .643 .561
Angep. R^2 .600 .624 .535
Resid. Std.-Fehler .817 .796 .919
F Stat. 29.086*** 34.520*** 21.725***
Anmerkungen: *p<.1; **p<.05; ***<.01. Fixe Effekte der Städte nicht dargestellt.
Tabelle 2 gibt die Ergebnisse dreier Modelle wieder, in denen dieselben Merkmale
herangezogen wurden, um den Anteil ungültiger Stimmen zu erklären. Abermals
wurde der Anteil der ungültigen Stimmen 1997 als Basis herangezogen, die in jedem
Modell einen starken Effekt auf den Anteil der ungültigen Stimmen in der Folgewahl
aufweist. Auch in diesem Fall zeigt sich, dass es über den Anteil der ungültigen
Stimmen in der vorangegangenen Kommunalwahl hinaus einen zusätzlichen Effekt
der gewählten Strukturmerkmale auf den Anteil der ungültigen Stimmen in der Wahl
nach der Wahlrechtsreform gibt. Den Erwartungen entsprechend weisen alle Merk-
male einen positiven Zusammenhang mit dem Anteil der ungültigen Stimmen auf,
allerdings ist der Effekt im Fall der Sozialhilfeempfängerquote nicht signifikant von
0 zu unterscheiden. Obwohl sich grundsätzlich die erwarteten Effekte zeigen, ist der
Zusammenhang in diesem Fall etwas geringer als bei der Wahlbeteiligung. So liegt
die erklärte Varianz in den Modellen zur Wahlbeteiligung bei rund 90 Prozent,
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während sie in den Modellen zu den ungültigen Stimmen nur bei etwa 60 Prozent
liegt.6 Zusammenfassend gibt es in den Daten der hessischen Städte also Anhalts-
punkte für beide Erwartungen: erstens weisen benachteiligte Stadtteile nach der
Wahlrechtsreform eine noch stärkere Neigung als der Landestrend zur Wahlent-
haltung auf und zweitens lässt sich in den benachteiligten Stadtteilen ein noch stär-
kerer Anstieg des Anteils der ungültigen Stimmen feststellen.
Das Beispiel Frankfurt am Main
Nachdem erste Erkenntnisse am Beispiel der Stadtteile der großen hessischen Städte
gewonnen werden konnten, wendet sich die Analyse nun einer noch kleinräumige-
ren Untersuchung zu. Die Stadt Frankfurt am Main stellt für Wahlen einen umfas-
senden Wahlbericht zusammen, der neben den Ergebnissen auf Wahlbezirksebene
auch Strukturdaten der Bezirke enthält. Die Daten lassen sich heranziehen, um die
zuvor angestrengten Überlegungen auf ausgesprochen kleinräumiger Ebene nach-
vollziehen zu können. Allerdings enthält die Datenbasis lediglich den Ausländer-
anteil – getrennt nach EU- und Nicht-EU-Ausländern –, der hier als der schwächste
Proxy für das eigentlich interessierende Merkmal des Bildungsniveaus der klein-
räumigen Ebene herangezogen wird. Für die Analyse der Frankfurter Wahlbezirke
spricht dagegen, dass sie eine einheitliche Definition der Altersstruktur enthält, die
herangezogen werden kann, um für die kurzzeitige Absenkung des Wahlalters zu
kontrollieren.
Tabelle 3 präsentiert zwei Modelle, welche die Wahlbeteiligung 2001 mit der
Wahlbeteiligung 1997 und dem Ausländeranteil in den Wahlbezirken erklären. Mo-
dell 1 in Tabelle 3 enthält Informationen über die Nicht-EU-Ausländer, Modell 2
Daten über die gesamte nicht-deutsche Wohnbevölkerung. In beiden Modellen gibt
es einen signifikant negativen Effekt des Ausländeranteils auf die Wahlbeteiligung
über die Wahlbeteiligung im Jahr 1997 hinaus. Dieser Effekt bleibt bestehen, ob-
wohl in beiden Modellen für den Anteil junger Wahlbevölkerung kontrolliert wird.
Auch in dieser Variable gibt es einen starken und negativen Effekt auf die Wahl-
beteiligung zur Kommunalwahl 2001, was sich mit der vorangegangenen Forschung
zum Thema deckt (Arzheimer 2006; Phelps 2005). Es ist bemerkenswert, dass es
kaum einen Unterschied macht, ob der Anteil der EU- oder Nicht-EU-Ausländer in
das Modell einbezogen wird. Dieses Ergebnis ist insbesondere deshalb nennens-
wert, da zur Kommunalwahl EU-Ausländer explizit wahlberechtigt sind, um ihnen
b)
6 Die erklärte Varianz sollte ohnehin nur mit Vorsicht interpretiert werden, da das Ergebnis der vor-
angegangenen Wahl und die fixen Effekte der Städte hier einen starken Einfluss ausüben.
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Mitspracherecht in ihren Wohngemeinden zu geben und dieses Recht durch ein
übermäßig komplexes Wahlrecht konterkariert zu werden scheint.
Tabelle 3: OLS Regression – Anteil Wahlbeteiligung 2001 (in %) – Wahlbezirke Frankfurt
am Main
(1) (2)
Wahlbeteiligung 1997 (in %) .569*** .534***
(.034) (.038)
Nicht-EU-Ausländer (in %) -.274***
(.029)
Ausländer (in %) -.222***
(.026)
Wahlbevölkerung 18-24 (in %) -.221** -.295***
(.085) (.085)
Konstante 12.976*** 16.360***
-2154 -2524
Beobachtungen 431 431
R^2 .690 .680
Angep. R^2 .688 .678
Resid. Std.-Fehler 3.769 3.831
F Stat. 317.034*** 302.391***
Anmerkungen: *p<.1; **p<.05; ***<.01.
Tabelle 4 präsentiert schließlich die Ergebnisse zweier Modelle, in denen der Aus-
länderanteil den Anteil ungültiger Stimmen erklärt. Abermals wurde der Anteil der
ungültigen Stimmen in der vorangegangenen Kommunalwahl als Grundlage ver-
wendet und eine Variable für die junge Wahlbevölkerung einbezogen. Nochmals
gibt es einen klar positiven Effekt des Ausländeranteils auf den Anteil ungültiger
Stimmen. So würde das Modell etwa vorhersagen, dass eine Steigerung des Nicht-
EU-Ausländeranteils um zehn Prozentpunkte ceteris paribus mit zusätzlich rund 0,8
Prozentpunkten ungültiger Stimmen einhergeht.7 Entsprechend der Erwartungen
gibt es nur einen geringen Effekt des Anteils jugendlicher Wähler auf den Anteil
ungültiger Stimmen.
7 Empirisch variiert die Nicht-EU-Ausländer-Quote zwischen 1,5 und 43,0 Prozent.
Dominic Nyhuis
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Tabelle 4: OLS Regression Anteil ungültiger Stimmen 2001 (in %) – Wahlbezirke Frankfurt
am Main
(1) (2)
Ungültige Stimmen 1997 (in %) .479*** .558***
(.114) (.115)
Nicht-EU-Ausländer (in %) .081***
(.014)
Ausländer (in %) .047***
(.011)
Wahlbevölkerung 18-24 (in %) .045 .086*
(.046) (.046)
Konstante 2.722*** 2.473***
(.372) (.393)
Beobachtungen 431 431
R^2 .183 .151
Angep. R^2 .177 .145
Resid. Std.-Fehler 2.044 2.083
F Stat. 31.855*** 25.315***
Anmerkungen: *p<.1; **p<.05; ***<.01.
Schlussbetrachtung
Um die Jahrtausendwende hat es eine Reihe von Reformen deutscher Gemeinde-
verfassungen gegeben (Kersting/Vetter 2003; Kersting 2008). Dabei stand zumeist
der Gedanke im Vordergrund, dass demokratische Elemente auf lokaler Ebene stär-
ker verankert werden müssen, um Desinteresse an kommunalpolitischen Entschei-
dungsprozessen entgegenzuwirken. So wurde etwa verstärkt auf plebiszitäre Ele-
mente, Direktwahlen von Bürgermeistern (Andersen/Bovermann 2002) oder eben
auf Wahlrechtsreformen gesetzt, die nicht zuletzt das Kumulieren und Panaschieren
einführten. Grundgedanke dieser Wahlrechtsänderungen war und ist es, dem Wähler
die Möglichkeit zu geben, sich unmittelbar für Kandidaten zu entscheiden, also ein
Stück Autorität gegenüber Parteien auf lokaler Ebene zu gewinnen. Die in diesem
Artikel vorgestellte Untersuchung möchte diese positiven Aspekte keineswegs in
Zweifel ziehen. Unbestritten ist es für gut informierte Bürger ein qualitativer Zu-
gewinn, größere Auswählmöglichkeiten zu besitzen und Kandidaten stärken zu
können, die von ihren Parteien mit einem schlechten Listenplatz bedacht wurden
oder gar Kandidaten verschiedener Parteien wählen zu können.
6.
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Allerdings möchte dieser Beitrag darauf hinweisen, dass der Autonomiezugewinn
für einige Bürger Konsequenzen hat, die der demokratischen Qualität einer Wahl
eher abträglich sind. Es wurde argumentiert, dass politisch weniger involvierte Bür-
ger sich von der Komplexität des Wahlrechts abgeschreckt fühlen und deshalb von
ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch machen. Ebenso wurde darauf hingewiesen, dass
eine größere Komplexität des Wahlrechts die Wahrscheinlichkeit von ungewollt
ungültigen Stimmen erhöht und auch hier zu erwarten ist, dass diese Befürchtung
besonders bei politisch weniger involvierten Bürgern zuzutreffen scheint.
Um diese Erwartungen zu prüfen wurde die Reform des hessischen Kommunal-
wahlrechts aus dem Jahre 1999 untersucht. Sie erlaubt den unmittelbaren Vergleich
des Wahlverhaltens vor und nach der Reform und lässt somit Rückschlüsse auf
Effekte des Wahlrechts auf das Wahlverhalten zu. Konkret wurde untersucht, wel-
chen Effekt bestimmte Strukturmerkmale der kleinräumigen Ebene auf die Wahl-
beteiligung und den Anteil ungültiger Stimmen hatten. Dabei konnte sowohl auf
Stadtteildaten der hessischen Städte sowie auf Informationen der Wahlbezirke der
Stadt Frankfurt am Main zurückgegriffen werden. In allen Analysen hat sich ein
eindeutiges Bild ergeben. Bei Kontrolle der Resultate aus der vorangegangenen
Kommunalwahl gab es zusätzlich nennenswerte Effekte der Strukturvariablen auf
die Wahlbeteiligung und die ungültige Stimmabgabe. Konkret haben Bewohner der
Stadtteile mit höheren Arbeitslosen-, Sozialhilfeempfänger- und Ausländeranteilen
überzufällig häufig keine Stimmabgabe getätigt oder eine ungültige Stimme abge-
geben. Allerdings ist zu bemerken, dass der Effekt der Wahlrechtsreform auf die
ungültige Stimmabgabe grundsätzlich geringer ist als auf die Wahlbeteiligung. Die-
se Beobachtung lässt sich nicht zuletzt dadurch erklären, dass dem Gesetzgeber die
Problematik ungewollt ungültiger Stimmenabgaben durchaus bewusst war und
„Heilungsmöglichkeiten“ (Kersting 2014: 313) definiert wurden, um Wahlzettel so
weit möglich nicht auszuschließen. Es ist schließlich nochmals darauf hinzuweisen,
dass beide Effekte als additiv zu betrachten sind. Wenn Wähler aus benachteiligten
Bezirken nach der Wahlrechtsreform seltener zur Wahlen gehen und mehr ungültige
Stimmen abgeben, dann schließen beide Effekte jeweils, also additiv und systema-
tisch, bestimmte Wählerschichten von der Wahl aus.
Die politischen Handlungsempfehlungen liegen auf Basis der hier angestrengten
Untersuchungen auf der Hand. Die Hinwendung zum süddeutschen Kommunal-
wahlrecht mit seinen Möglichkeiten des Kumulierens und Panaschierens sollte
möglichst zurückgenommen werden. Die Analyse legt nahe, dass zum geschlosse-
nen Listenwahlsystem zurückgekehrt werden sollte, da es die geringste Komplexität
und somit die geringsten Beteiligungshürden aufweist. Ebenso scheint die Mög-
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lichkeit der ungewollt ungültigen Wahl beim Listenwahlsystem mit einer Stimme
am geringsten.
Dabei muss allerdings zugestanden werden, dass die naheliegenden Vorzüge des
komplexeren Wahlsystems aufgegeben werden, primär die größeren Wahlmöglich-
keiten für die Wähler. Ebenso würde die Rückkehr zu einem geschlossenen Listen-
wahlsystem weitere Vorteile preisgeben, die ein personalisiertes Wahlrecht in der
kommunalen Regierungspraxis mit sich bringt, insbesondere eine abnehmende Be-
deutung von Parteipolitik und sich daraus ergebende konsensorientierte Entschei-
dungsfindung (Wehling 2000; Holtkamp 2008). Insofern scheint ein möglicher
Kompromissvorschlag das süddeutsche Kommunalwahlrecht beizubehalten, die
Zahl der abzugebenden Stimmen aber deutlich einzuschränken, sodass etwa nur drei
oder fünf Stimmen auf die Kandidaten und Listen zu verteilen sind. Zwar bietet ein
solches Wahlrecht, wie es gegenwärtig in den ostdeutschen Bundesländern und
Niedersachsen praktiziert wird (Vetter 2013: 245), einen höheren Komplexitätsgrad
und somit Abschreckungspotenzial und Anfälligkeiten für ungültige Stimmen, al-
lerdings in geringerem Ausmaß als das hessische Wahlsystem in seiner gegenwär-
tigen Form. Eine Variante des vorgetragenen Reformvorschlags ist von Kersting
(2014) diskutiert worden. Da die personenbezogene Wahl nur in kleinen politischen
Einheiten der Lebenswirklichkeit der Wähler entspricht regt er an, das Kommunal-
wahlrecht mit Blick auf die Gemeindegröße zu flexibilisieren. Kersting schlägt vor,
dass nur noch in kleinen Gemeinden eingeschränkt offene Listenwahlen durchge-
führt werden, während in Großstädten ein Wahlsystem vergleichbar dem Bundes-
wahlrecht eingeführt wird (ebd.: 319 f.).
Es konnte gezeigt werden, dass es systematische – und teils starke – Ausschlus-
seffekte des reformierten Wahlrechts gibt. Zukünftige Forschung sollte sich daher
mit der naheliegenden Folgefrage beschäftigen, welche Konsequenzen sich hieraus
für das Wahlergebnis ergeben. So könnte angenommen werden, dass bürgerliche
Parteien durch die Wahlrechtsreform und den damit einhergehenden Ausschluss
von Wählern mit geringer Bildung relativ gesehen gewinnen können, da den be-
kannten Dealignment-Tendenzen (Dalton 1984; Dalton/McAllister/Wattenberg
2000) zum Trotz auch weiterhin klassenbasiertes Wählen beobachtet werden kann
(Kuhn 2009; Waal/Achterberg/Houtman 2007; Weakliem/Heath 1994). Dabei muss
allerdings einschränkend bemerkt werden, dass in einer solchen Analyse die wei-
teren Elemente der hessischen Wahlrechtsreform ebenso die Wahlergebnisse be-
einflussen könnten. Neben der bereits beschriebenen Absenkung des Wahlalters ist
hier insbesondere die Abschaffung der Fünf-Prozent-Hürde zu bedenken, welche
Kleinstparteien und Einzelkandidaten zugute kommt, da Wähler nicht zu befürchten
haben, dass eine Partei nicht über die Fünf-Prozent-Hürde gelangt. Schließlich kann
Mehr Stimmen gleich bessere demokratische Qualität?
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Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.
auch das Kumulieren und Panaschieren einen direkten Effekt auf das Wahlergebnis
haben – nicht nur einen mittelbaren über den Ausschluss von bestimmten Bevöl-
kerungsschichten.
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Dominic Nyhuis
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Mehr Stimmen gleich bessere demokratische Qualität?
ZPol 3/14 277
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Korrespondenzanschrift:
Dominic Nyhuis
Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung
Universität Mannheim
A5, 6
68159 Mannheim
E-Mail: nyhuis@uni-mannheim.de
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Anhang
Tabelle A1: Deskriptive Statistiken der Strukturinformationen
Stadt Maß Ausländer
(in %)
Arbeitslose
(in %)
Sozialhilfe-
empfänger
(in %)
Einbezogene
Stadtteile
Erhebungsjahr
Frankfurt a. M. Min 10.83 1.86 1.36 45 2000
Max 60.91 9.28 5.99
MW
(Std.-Abw.)
27.45 (10.03) 3.80 (1.29) 2.66 (0.82)
Wiesbaden Min 2.63 1.80 26 2004
Max 32.23 8.04
MW
(Std.-Abw.)
13.35 (8.39) 3.99 (1.74)
Kassel Min 3.92 3.07 23 2000
Max 43.08 13.38
MW
(Std.-Abw.)
13.92 (10.04) 7.12 (2.84)
Darmstadt Min 10.53 3.33 0.09 9 2004
Max 24.52 6.10 10.75
MW
(Std.-Abw.)
15.74 (5.32) 4.47 (1.00) 1.73 (3.40)
Offenbach a. M. Min 11.05 2.91 2.25 19 2003
Max 55.00 8.85 8.78
MW
(Std.-Abw.)
30.93 (13.48) 5.99 (1.59) 5.41 (1.46)
Hanau Min 6.48 10 2000
Max 40.01
MW
(Std.-Abw.)
21.16 (11.72)
Anmerkungen: Die Tabelle enthält die deskriptiven Statistiken (Minimum, Maximum, Mittelwert und
Standardabweichung) der einbezogenen Strukturinformationen aus den sechs hessischen Städten. Au-
ßerdem enthält die Tabelle die Zahl der analysierten Stadtteile je Stadt sowie das Erhebungsjahr der
Informationen. Es ist zu bemerken, dass die Mittelwerte nicht die stadtweiten Mittelwerte beschreiben,
da sie die ungewichteten Werte der Stadtteile zusammenfassen.
Dominic Nyhuis
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... Studies of local elections include consequences of direct elections of mayors (Stoiber & Egner 2008;Flick 2010;Evans 2014) or the length of election periods (Garmann 2017). Further research analyzes turnout in local elections (Vetter 2009(Vetter , 2013Henderson & McEwen 2014;Nyhuis 2014) and investigates in local elections as second-order elections (Jeffery & Hough 2003;Schakel 2013). ...
... Studies which directly address electoral systems typically focus on effects of cross-voting and vote cumulation options (Vetter 2013;Kersting 2014;Nyhuis 2014) which are common on the local level only. A detailed analyses of different electoral systems' consequences for local party systems, however, is still lacking yet. ...
Conference Paper
The questions of how electoral systems should be designed, how strongly they influence the party system type in a political entity and what follows for government formation have already been broadly discussed in political science. Although such questions strike the core of democracy, namely the transfer of power from the people to representatives, the link between electoral systems and party systems still is not fully understand yet. On the one side, recent studies empirically confirm that some electoral systems are more likely to concentrate party systems than others and, thus, produce clearer voter-government links. At the same time, these studies show the existence of electoral systems which are able to do so without disturbing other electoral system functions, like allocating seats proportionally to votes, too strongly. On the other side, there is much within-type variation, in particular for the most promising electoral system type, mixed-member proportional (MMP) systems. It is therefore still an open question if it is really the MMP type making desirable results more likely, or if these promising results are connected with the most prominent case applying an MMP system, i.e. Germany. In order to contribute to this question, we focus on exactly this case and research in how far German party systems are influenced by electoral system designs. For this purpose, an examination of the local level is most fruitful. This level provides important variation of electoral systems with regard to two important factors influencing party systems-the general system type (MMP or proportional representation) and the prevalence or absence of a legal threshold.
... Studies of local elections include consequences of direct elections of mayors (Stoiber & Egner 2008;Flick 2010;Evans 2014) or the length of election periods (Garmann 2017). Further research analyzes turnout at local elections (Vetter 2009(Vetter , 2013Henderson & McEwen 2014;Nyhuis 2014) and investigates in local elections as second-order elections (Jeffery & Hough 2003;Schakel 2013). ...
... Studies which directly address electoral systems typically focus on effects of cross-voting and vote cumulation options (Vetter 2013;Kersting 2014;Nyhuis 2014) which are common on the local level only. A detailed analyses of different electoral systems' consequences for local party systems, however, is still lacking yet. ...
Conference Paper
Full-text available
The questions of how electoral systems should be designed, how strongly they influence the party system type in a political entity and what follows for government formation have already been broadly discussed in political science. Although such questions strike the core of democracy, namely the transfer of power from the people to representatives, the link between electoral systems and party systems still is not fully understand yet. On the one side, recent studies empirically confirm that some electoral systems are more likely to concentrate party systems than others and, thus, produce clearer voter-government links. At the same time, these studies show the existence of electoral systems which are able to do so without disturbing other electoral system functions, like allocating seats proportionally to votes, too strongly. On the other side, there is much within-type variation, in particular for the most promising electoral system type, mixed-member proportional (MMP) systems. It is therefore still an open question if it is really the MMP type making desirable results more likely, or if these promising results are connected with the most prominent case applying an MMP system, i.e. Germany. In order to contribute to this question, we focus on exactly this case and research in how far German party systems are influenced by electoral system designs. For this purpose, an examination of the local level is most fruitful. This level provides important variation of electoral systems with regard to two important factors influencing party systems – the general system type (MMP or proportional representation) and the prevalence or absence of a legal threshold.
... An dieser Stelle kommen mehrere Effekte zusammen. Zum einen sind die Kommunalwahlsysteme in den meisten Bundesländern deutlich komplexer als die Wahlsysteme, die bei Landes-, Bundes-und Europawahlen zur Anwendung kommen, was den höheren Anteil ungültiger Brief-und Urnenwahlstimmen erklärt (Nyhuis 2014 (1) Ungültige Briefwahl 1,2 0,9 0,1 4,9 ...
Article
Voting by mail is increasingly popular. Although voters enjoy the convenience of voting by mail, the public is unaware how prone to error mail ballots are. Election administrations reject mail ballots for a variety of reasons. Because German electoral laws treat rejected ballots as not having been cast, the reported number of invalid mail ballots underestimates the true share of uncounted mail ballots. Between 3.2% and 4.0% of the mailed ballots in German elections are estimated to remain uncounted, which is far higher than the share of invalid in-person votes. This paper argues that rejected mail ballots should be reported in the official records to make voters aware of the risks of an uncounted mail ballot.
... Ein weniger sichtbarer Zielkonflikt besteht zwischen Einfachheit und Partizipation, da Wahlsysteme durch zunehmende Wahlmöglichkeiten, z. B. offene vs. geschlossene Listen, auch komplexer und damit weniger verständlich werden (Jankowski et al. 2019;Müller und Jankowski 2018;Nyhuis 2014). 2 Daher konzentriert sich diese Analyse auf den Kompromiss zwischen Repräsentation und Konzentration auf der einen sowie Partizipation und Einfachheit auf der anderen Seite. ...
Article
Full-text available
Zusammenfassung In diesem Beitrag werden Präferenzen der BürgerInnen zu unterschiedlichen Reformoptionen des Wahlsystems für Bundestagswahlen untersucht. Präferenzen für eine Wahlsystemreform sind schwierig zu messen, da die Zielkonflikte zwischen unterschiedlichen Anforderungen an Wahlsysteme vielen BürgerInnen nicht bewusst sind. Daher wurde ein Online-Umfrageexperiment durchgeführt, in dem die Einstellungen zu den widersprüchlichen Anforderungen Konzentration vs. Repräsentation und Beteiligung vs. Einfachheit sowie die Rolle von parteilichen Hinweisen bei der Bewertung von Reformoptionen untersucht wurden. Die Ergebnisse zeigen, dass die BürgerInnen keine starken Präferenzen hinsichtlich Konzentration, Repräsentation, Partizipation und Einfachheit haben. Es gibt jedoch einen Effekt der Parteizugehörigkeit: UnterstützerInnen einer großen Partei befürworten konzentrierende Effekte von Wahlsystemen stärker als AnhängerInnen kleiner Parteien. Darüber hinaus unterstützen AnhängerInnen einer Partei die Reform stärker als NichtanhängerInnen, wenn die Reformoption von dieser Partei vorgeschlagen wird.
... While these differences could also be observed before the electoral reform from the simpler to the more complex system, discrepancies became larger after the fact. Nyhuis (2014) gets the same results for districts with lower unemployment rates and smaller shares of foreign inhabitants. If we interpret the share of invalid votes as a proxy of non-comprehensibility, both studies indicate that an electoral system's complexity hits different voter groups to different degrees and intensifies differences between poorer (and potentially lower educated) and wealthier parts of the population. ...
Article
Electoral systems are a fundamental feature of any democratic system, and the design of an electoral system can have a tremendous impact on party-, candidate-, and voter-behaviour. However, in order to use all features of an electoral system as intended, voters must have a clear understanding of how their electoral system actually works. While earlier studies have already shown that many German voters have limited knowledge about the characteristics of their electoral systems, we shift the focus to the more fundamental understanding of electoral systems’ objectives. Therefore, this paper addresses the question of how competent voters are in understanding and applying six core functions of electoral systems: (1) proportionality, (2) minority representation, (3) party system concentration, (4) personalisation, (5) legitimacy, and (6) comprehensibility. Based on an original representative survey of German citizens, we demonstrate that only a minority of the electorate is competent enough to capture these functions. We further demonstrate how education and political interest influence voters’ understanding of electoral systems. While the political logic of compromises in electoral reforms tends to create electoral systems of growing complexity, our findings strongly suggest policymakers must bear in mind voters’ limited resources and capabilities to fully understand electoral systems’ functions.
... Voters facing a worrying economic decline spoil their ballots as a form of protest against the unsatisfactory government performance. We hypothesize a similar positive effect for the unemployment that has been reported to influence invalid voting (Aldashev and Mastrobuoni 2013;Ackaert et al. 2011;Dejaeghere and Vanhoutte 2016;Driscoll and Nelson 2014;Nihuys 2014;Fatke and Heinsohn 2016;Kouba and Lysek 2016). Unemployment may spur protest-driven electoral behavior, but may also reflect social marginalization of low-skilled citizens who are more likely to cast an invalid vote. ...
Article
Full-text available
Large numbers of invalid votes in elections can present a threat to the legitimacy of democratic systems. Focusing on the post-communist countries of Central and Eastern Europe, three theoretical models explaining the incidence of invalid votes are tested using aggregated data from all legislative elections. While the protest behavior powerfully shapes the incidence of invalid votes in less democratic countries, complex electoral systems and concurrent elections are also associated with high levels of invalid voting (indicating voters’ error). Conversely, we find that most socioeconomic variables are weak predictors of invalid voting while controlling for institutional and political variables in the region. The study has policy implications that the simple electoral design should be preferred.
... Other conflicting goals are discussed seldom, but still play a central role in a few single cases in which it is proven that the broad electorate does not understand the electoral system. Attempts to improve participation, via for example allowing cumulation or the splitting of votes, show that participation and simplicity can also be at odds (Schäfer & Schoen 2013;Behnke 2015;Nyhuis 2014). The attempt to unify representation, concentration and participation, which some scientists see as successful in personalized proportional representation, is typically achieved at the cost of simplicity (Schmitt-Beck 1993). ...
Conference Paper
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Electoral system requires a broad social consensus in order to fulfill its democratic functions. This study therefore asks citizens the question of which electoral system they prefer. Specifically, we rely on a representative conjoint experiment conducted in Germany during the Federal Election of 2017 in which voters were asked to choose between two electoral systems which randomly differed on a set of six attributes; proportionality, personal vote, societal acceptance , comprehensibility, openness to small parties, and effective majorities. Empirical results show that respondents have a strong preference for proportional electoral systems, which allow voting for individual candidates. Testing a set of theories on contingent attitudes towards specific characteristics of electoral systems (political ideology, rational voting and political knowledge), reveals that these attitudes are surprisingly stable for different subgroups of voters.
Article
Full-text available
Zusammenfassung Die vorliegende Arbeit nimmt die große empirische Vielfalt in der Gestaltung von Stimmzetteln zum Anlass, um sich mit Frage zu beschäftigen, welche Stimmzettelmerkmale von Wählerinnen und Wählern gewünscht werden. Dazu greift die Studie auf ein Discrete-Choice-Experiment im Rahmen eines Online-Surveys mit rund 1200 deutschen Teilnehmenden zurück. Im Experiment entscheiden sich die Teilnehmenden zwischen fiktiven Stimmzetteln, die sich im Hinblick auf die Informationen zum Wahlsystem, die Informationen zu den Kandidierenden und das Design unterschieden. Im Ergebnis zeigt sich, dass die Teilnehmenden einer zu ausführlichen, aber auch einer zu knappen Erläuterung des Wahlsystems kritisch gegenüberstehen. Weiterhin schätzen die Teilnehmenden die Angabe von Beruf und Alter der Kandidierenden, während die Angabe von Kandidatenadressen skeptischer bewertet wird. Zudem kann festgestellt werden, dass die Verständlichkeit das wichtigste Kriterium für die Bewertung von Stimmzetteln ist. Auf Grundlage der Befunde werden Merkmale geeigneter Stimmzettel herausgearbeitet und ein gelungener Stimmzettel vorgestellt.
Article
Election reforms have taken place in many German municipalities since the 1980s, leading to the implementation of complex systems that allow voters to cast more than one vote for a candidate (‘cumulative voting’) or to select candidates from different party lists (‘vote splitting/panachage’). Although voting with open lists gives voters more influence on the composition of parliaments, it may also lead voters to discriminate against certain groups, such as women. Considering the persistently low proportion of women in German municipal councils, despite reforms to the electoral system, this study questions whether and how different mechanisms of the electoral system affect female representation at the municipal level. The data in this study allow us to investigate the outcomes of cumulative voting and vote splitting, both the prospects of success and sequential effects on the individual level of candidates (‘order effects’). Our results show that women have a lower chance of success in open-list systems than in closed systems. Furthermore, women are elected ‘downwards’ in electoral systems with cumulative voting and vote splitting. Nevertheless, election mechanisms can only explain gender-specific differences to a limited extent.
Article
Die Ausgestaltung von Wahlsystemen ist eine zentrale Frage jeder repräsentativen Demokratie. Es besteht weitgehender Konsens darüber, dass Wahlsysteme nicht sämtliche normativ wünschenswerten Eigenschaften gleichzeitig erfüllen können. Welche Zielfunktionen durch ein Wahlsystem erfüllt werden sollen, ist daher eine regelmäßig in Politik und Wissenschaft diskutierte Frage. Vor diesem Hintergrund ist es überraschend, dass kaum Erkenntnisse darüber vorliegen, welche Eigenschaften von Wahlsystemen innerhalb der Bevölkerung bevorzugt werden. Der vorliegende Beitrag adressiert diese Frage erstmals mithilfe eines Conjoint-Experiments in Deutschland. Wir erheben und analysieren hierbei die Präferenzen innerhalb der Wahlbevölkerung hinsichtlich der fünf an Wahlsysteme gerichteten Kernfunktionen: (1) Repräsentation, (2) Konzentration, (3) Partizipation, (4) Einfachheit und (5) Legitimität. Unsere Befunde zeigen, dass grundsätzlich alle Kernfunktionen als wichtig angesehen werden, wobei die Repräsentationsfunktion eine herausgehobene Stellung innehat. Eine Untersuchung einzelner Wählergruppen kommt zu dem Ergebnis einer relativen Homogenität von Präferenzen über Parteigrenzen hinweg, wobei die Wertschätzung für bestimmte Funktionen durchaus von normativen wie auch rational-strategischen Motiven beeinflusst wird.
Chapter
Die Kommunalpolitik steckt in einer Legitimitätskrise. Die Wahlbeteiligung sinkt in Deutschland seit den Siebzigern kontinuierlich und hat auf kommunaler Ebene ein erschreckendes Maß angenommen. Dies resultiert nicht nur aus einer mangelnden Medienresonanz oder der mangelnden Mobilisierungskraft in Zeiten großer Koalitionen auf der Bundesebene (Mehltau der großen Koalition). Während der ersten großen Koalition in Deutschland am Ende der sechziger Jahre war die Wahlbeteiligung nicht deutlich zurückgegangen. Die Gründe liegen vielmehr woanders. Hier wird die Hypothese aufgestellt, dass neben der Privatisierungswelle und der kommunalen Finanzkrise die Einführung der Süddeutschen Bürgermeister-Verfassungen einen Bedeutungsverlust der Gemeinde-Parlamente bewirkt hat. Die Stärkung der Exekutive durch die Implementation direkt gewählter Bürgermeister mit Vetorechten, Dezernatsverteilungsrechten etc. war begleitet durch eine New Public Management-Reform. Hierdurch sollte die Performanz und Leistungsfähigkeit gestärkt werden (Winkler-Haupt 1988). Mit der Übernahme der süddeutschen Kommunalverfassung wurden neben der Stärkung der Bürgermeister und ihrer Direktwahl auch Kumulieren und Panaschieren sowie Bürgerbegehren und -entscheide in nahezu allen Gemeindeordnungen verankert. Die Stärkung der Verwaltung sollte hierdurch auf der Inputseite kompensiert werden. Beides fand unter dem „breiten“ Dach neuer partizipativer good local governance-Strategien statt (Kersting/Vetter 2003; Denters/Rose 2005). Das neue Wahlrecht, Kumulieren und Panaschieren sowie Bürgerbegehren und-entscheide sollten die Input-Legitimation erhöhen, den Parteieinfluss mindern und die nötigen checks and balances im lokalen politischem System herstellen (Wehling 1989).
Chapter
Bundestagswahlen sind das Lieblingskind der deutschen Wahlforschung. Dabei wird die Stimmabgabe für unterschiedliche Parteien ebenso intensiv erforscht wie die Beteiligung oder Nicht- Beteiligung an den jeweiligen Wahlen, die entsprechenden Wahlprogramme, das Kommunikationsverhalten der Parteien u. v. m. Bislang nahezu unbeachtet blieben in der bundesdeutschen Wahlforschung dagegen Kommunalwahlen (zu den Ausnahmen vgl. u. a. Kevenhörster 1983; Löffler u. Rogg 1985; Schacht 1986; Czarnecki 1992; Wehling 1994; Gabriel 1988, 2002; Bovermann u. Andersen 2002; Reiser et al. 2008).
Article
Australia has one of the highest levels of invalid votes among the established liberal democracies. Three hypotheses have been put forward to account for variations in turnout—that it results from institutional factors, differing patterns of social structure, or reflects political protest by voters. These hypotheses are used to explain informal voting in Australia's compulsory voting system. The data are national polling booth results for the 1987 and 1990 federal elections, and polling booth results from New South Wales matched to the 1986 census. The results reject the institutional and protest hypotheses, but support the social structural hypothesis. In particular, immigrants who are recently arrived and have poor English skills are significantly more likely to spoil their votes. Australia's high level of invalid votes is therefore explained by the interaction between compulsory voting, the complexity of the electoral system, and by the presence of large numbers of immigrants within the electorate. The results have significant implications for the design of electoral systems in the newly-emerging democracies of Eastern Europe.
Article
Zusammenfassung??Auch aufkommunaler Ebene lassen sich ankn?pfend an Gerhard Lehmbruch zwei Typen der repr?sentativen Demokratie unterscheiden. Die kommunale Konkordanzdemokratie ist demnach gepr?gt durch eine geringe Parteipolitisierung von Rat und B?rgermeistern in der Nominierungs-, Wahlkampf-, Wahl- und Regierungsphase bei gleichzeitig starker Dominanz des B?rgermeisters. Demgegen?ber zeichnet sich kommunale Konkurrenzdemokratie durch eine starke Parteipolitisierung in allen Phasen und einen weniger einflussreichen B?rgermeister aus. In empirischen Untersuchungen zeigt sich, dass aufgrund des Kommunalrechts, des niedrigen Organisationsgrads der Parteien und der durchschnittlich niedrigen Gemeindegr??e in baden-w?rttembergischen Kommunen st?rker konkordanzdemokratische Akteurskonstellationen dominieren als in NRW. Diese unabh?ngigen Variablen k?nnen zu einem Konkordanzindex zusammengefasst werden, der eine erste Einordnung der Kommunen auch in anderen Bundesl?ndern erm?glicht.
Article
This paper explores the determinants of invalid ballots and abstention in the world's largest electorate subject to compulsory voting. Previous analysts have seen blank and spoiled ballots either as an expression of po litical protest or as a product of the social structure. To these interpreta tions we add the hypothesis that invalid voting can be caused by institutional factors. In studying twelve legislative elections in Brazil be tween 1945 and 1990, we find that for each of three dependent variables considered (invalid votes for both houses of Congress, and noncompliant abstention), a model incorporating political, socioeconomic, and institu tional factors is more powerful than a model relying on any one of these alone. We also provide evidence that Brazil's unusual system of open-list proportional representation generates institutional features which serve as barriers impeding the effective incorporation of newly enfranchised voters. The extraordinarily high rates of invalid balloting in recent Brazilian elec tions point to the necessity of institutional reform in order to achieve democratic consolidation, with important implications for other new democracies.
Article
This article uses data from the 1987 British Election Study (BES) to examine the rationality of class voting. Class differences in support for parties of the left and right have usually been seen as a direct consequence of interests in income redistribution. The authors examine intervening variables that might explain the relation between class and vote, including attitudes toward redistribution and other economic issues and beliefs about the parties' concern with social classes and other groups. Controlling for these variables does not eliminate the direct effects of class. Some evidence is found that social influences may affect vote directly without operating through attitudes, as suggested by the Columbia voting studies and also that voters do not use the same standards in evaluating the parties, contrary to the assumptions of the prevailing spatial model. Substantial revisions are necessary if rational choice theory, as conventionally understood, is to account for class voting.
Article
This article focuses on the casting of invalid ballots and voting for extra-parliamentary parties. Drawing on evidence from more than 200 elections in Western Europe, Australia, New Zealand, and the Americas during the 1980-2000 period, it tests how well four sets of factors serve as explanations for the extent of such behavior in parliamentary contests. The main finding is that the structure of political competition provides an important explanation for extra-parliamentary voting and, in particular, the number of invalid ballots. Thus, rather than being the unfortunate circumstances of an uninformed or incompetent electorate, these forms of voting, to a large extent, appear to reflect a political situation that offers voters little effective choice in the form of clear alternatives.