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Angleichung, nachholende Modernisierung oder eigener Weg? Beiträge der modernisierungstheorie zur Transformationsforschung

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Abstract

Thema und Gegenstand der Modernisierungstheorie sind die globalen Prozesse, in deren Verlauf sich in den letzten zweihundert Jahren die "modernen" Gesellschaften der westlichen Welt herausgebildet haben. Die Modernisierungstheoretiker deuteten die Transformation als nachholende Revolution, in deren Folge die Versäumnisse der letzten 45 Jahre aufgeholt würden. Insbesondere in Bezug auf die DDR handelt es sich um einen Modernisierungsprozess, bei dem die Ziele durch das Institutionengefüge der Bundesrepublik bereits fest vorgegeben waren. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass die DDR einen spezifischen Typus der Industriegesellschaft mit eigenen sozialen Strukturen verkörperte. Es kann also schon deshalb nicht nur um eine rein "nachholende Modernisierung" gehen, weil auch die DDR zusammen mit den anderen sozialistischen Staaten spezifische Modernisierungsschritte unternahm. Mit dem Auftreten der sozialen und ökonomischen Verwerfungen in den Transformationsstaaten geriet der wiederbelebte Modernisierungsansatz erneut in die Kritik. Die Anhänger der Modernisierungstheorie sahen sich konfrontiert mit einer Reihe von Anomalien: anstelle eines einholenden Aufschwungs erleben wir einen schwerwiegenden ökonomischen Niedergang sowie ethnisch und religiös motivierte Abgrenzung und Zersplitterung. Die Schwierigkeiten und Konflikte im Verlauf der Transformation sind jedoch nur bedingt berechtigte Einwände gegen die Modernisierungstheorie. Sieht man von der Frühphase der Theoriebildung ab, wurden solche "breakdowns of modernization" vorausgesehen und prognostiziert.
www.ssoar.info
Angleichung, nachholende Modernisierung oder
eigener Weg?: Beiträge der Modernisierungstheorie
zur geographischen Transformationsforschung
Ott, Thomas
Veröffentlichungsversion / Published Version
Zeitschriftenartikel / journal article
Empfohlene Zitierung / Suggested Citation:
Ott, T. (2000). Angleichung, nachholende Modernisierung oder eigener Weg?: Beiträge der Modernisierungstheorie
zur geographischen Transformationsforschung. Europa Regional, 8.2000(3/4), 20-27. http://nbn-resolving.de/
urn:nbn:de:0168-ssoar-48273-2
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EUROPA REGIONAL 8(2000)3/4
20
Angleichung, nachholende Modernisierung oder eigener
Weg?
Beiträge der Modernisierungstheorie zur geographischen Transformationsforschung
THOMAS OTT
Einführung
Das Fehlen einer allgemein gültigen
und alle Aspekte umfassenden Trans-
formationstheorie ist vielfach beklagt
worden. Wenn überhaupt eine solche
Theorie existiert oder je entwickelt
werden kann, ist sie zweifelsohne im
Bereich der sogenannten Grand Theo-
ries zu suchen, denen jedoch in der
Regel ein mangelhafter Bezug zur
Realität vorgeworfen wird. Zu diesen
Grand Theories zähle ich beispiels-
weise die Regulationstheorie, zu de-
ren Eignung als Erklärungsansatz der
postsozialistischen Transformation der
Verfasser an anderer Stelle (vgl. OTT
1997a/b) ausführlich Stellung genom-
men hat.
Im Mittelpunkt des vorliegenden
Diskussionsbeitrages soll die Theorie
der Modernisierung stehen, die aus
geographischer Perspektive einige
wichtige Vorteile bietet: Sie basiert
sowohl auf ökonomischen als auch auf
sozialwissenschaftlichen Konzepten
und lässt sich – wie in der Vergangen-
heit vielfach demonstriert – auf räum-
liche Prozesse und Strukturen über-
tragen.
“Die Modernisierungstheorie könn-
te man als angewandte Theorie bezeich-
nen, die Theoriestücke aus verschiede-
nen Paradigmen in raumzeitlichen Zu-
sammenhang bringt, um z. B. den Über-
gang von traditionellen zu sich entwik-
kelnden Gesellschaften zu erklären, die
Chancen und Belastungen von Take-off
und Mobilisierung, die Dynamik von
ökonomischen und politischen Boom-
perioden und Krisen und jetzt auch den
Zusammenbruch sozialistischer Re-
gime” (ZAPF 1994b, S. 137).
Auch GIDDENS (1996, S. 28) betont
“die engen Zusammenhänge zwischen
der Moderne und den Umgestaltun-
gen von Zeit und Raum.”Wichtige
ökonomische Grundlagen lieferten die
Arbeiten von ROSTOW (1960) und FOU-
RASTIÉ (1954).
Zu nennen wären etwa das Modell
des demographischen Übergangs (vgl.
NOTESTEIN 1945) oder ZELINSKYS Hy-
pothese der Mobilitätstransformation
(vgl. ZELINSKY 1971).1
Die Theorie der Modernisierung:
Grundgedanken und Rezeption
Thema und Gegenstand der Moderni-
sierungstheorie sind die globalen Pro-
zesse, in deren Verlauf sich in den
letzten zweihundert Jahren jener “mo-
derne” Gesellschaftstyp herausgebil-
det hat, der die Vereinigten Staaten
von Amerika, Kanada, Australien und
Neuseeland, die Länder Westeuropas
und seit einigen Jahrzehnten Japan
kennzeichnet.
Die Moderne “wird im großen und
ganzen begriffen als ein Ausdruck für
die soziohistorische Spezifität westeu-
ropäischer und nordamerikanischer
sozialer Konfigurationen, des ‚We-
stens‘ tout court” (WAGNER 1996, S.
419).
Sie bezieht die ganze Bandbreite
sozialer Umwälzungen ein: ökonomi-
sches Wachstum und Industrialisie-
rung, Bevölkerungszunahme und Ur-
banisierung, steigende Bildungsparti-
zipation, die Herausbildung des staat-
lichen Gewaltmonopols, die Büro-
kratisierung der Verwaltung, die
Durchsetzung von Geldverkehr und
die Verallgemeinerung von Märkten,
die Säkularisierung der Kultur, die
Positivierung des Rechts und zahlrei-
che andere Prozesse, die als verschie-
dene Dimensionen eines universalen
Musters der Evolution gelten, das auf
dem Weg von der traditionalen zu
modernen Gesellschaften durchlaufen
wird (vgl. MÜLLER 1991, S. 263). Der
Vorbildcharakter der westlichen Ge-
sellschaftsordnung kommt in der be-
kannten Begriffserklärung der Moder-
nisierung von REINHARD BENDIX zum
Ausdruck:
“Unter Modernisierung verstehe ich
einen Typus des sozialen Wandels, der
seinen Ursprung in der englischen in-
dustriellen Revolution von 1760 bis
1830 und in der politischen französi-
schen Revolution von 1789 bis 1794
hat” (BENDIX 1971, S. 506).
Die Modernisierung lässt sich in
einem dreifachen zeitlichen Kontext
betrachten (vgl. ZAPF 1996, S. 83):
• als den von BENDIX definierten
Wandlungsprozess seit der industri-
ellen Revolution, in dem sich die
(kleine) Gruppe der heute moder-
nen Gesellschaften herausbildete,
• als die vielfältigen Aufholprozesse
der Nachzügler sowie
• als die Bemühungen der modernen
Gesellschaften selbst, durch Inno-
vationen und Reformen ihre neuen
Herausforderungen zu bewältigen.
Die Modernisierungstheorie basiert
auf dem methodischen Instrumentari-
um der allgemeinen Systemtheorie und
wendet dieses auf das anspruchvollste
Problem an, mit dem Sozialwissen-
schaften überhaupt befasst sein kön-
nen: die Entwicklung ganzer Gesell-
schaften (vgl. MÜLLER 1991, S. 263).
Hinzu tritt eine evolutionistische Di-
chotomie-Konzeption, die von den
zwei gegensätzlichen Polen “Traditi-
on” und “Moderne” bestimmt ist. Da
dieses Gegensatzpaar die Extreme ei-
nes breiten Spektrums historischer
Fälle darstellt, befinden sich die meis-
ten Gesellschaften irgendwo dazwi-
schen auf dem Weg zur Modernisie-
rung.
Der evolutionäre Übergang von der
traditionalen in die moderne Gesell-
schaft kann folgendermaßen wieder-
gegeben werden: “Gesellschaften bil-
den im Laufe ihrer langfristigen Ent-
wicklung immer mehr spezialisierte,
strukturell und funktional differenzier-
te Teileinheiten. Damit die Gesell-
schaft dennoch bestehen bleibt, müs-
sen die ausdifferenzierten Einheiten
1 Zur Diskussion der Modernisierungstheorie im be-
völkerungsgeographischen Kontext vgl. BLENCK
1982, S. 249ff.). Modernisierungsaspekte liegen
auch Arbeiten zum Entwicklungsstand der Länder
nach sozioökonomischen Gesichtspunkten (vgl.
bspw. MANSILLA 1978, S. 14; BRATZEL und MÜLLER
1979; THERBORN 1995; INGLEHART 1998).
21
neu integriert werden. Dadurch stei-
gert das System seine Anpassungsfä-
higkeit gegenüber der Umwelt” (RE-
SASADE 1984, S. 17).
“Solche Gesellschaften sind Über-
gangssysteme, die eine dualistische
Struktur besitzen: Neben traditionel-
len Elementen ... kann man bereits
Faktoren der Modernität ... feststel-
len” (GEIGER und MANSILLA 1983,
S. 82). Wichtiger Aspekt ist hierbei
die Grundannahme, “daß sich der wirt-
schaftlich-technische Fortschritt und
die Demokratisierungsprozesse gegen-
seitig bedingen und vorwärts treiben”
(GEIGER und MANSILLA 1983, S. 73).
Ideengeschichtlich betrachtet, lässt
sich die Theorie der Modernisierung
als interdisziplinäre Reflexion der
Weltmachtrolle der USA nach 1945
begreifen. Sie entstand vor dem Hin-
tergrund einer spezifischen histori-
schen Situation, die durch die Auflö-
sung der alten kolonialen und die Her-
ausbildung einer neuen bipolaren
Weltordnung gekennzeichnet war (vgl.
WEHLER 1975, S. 11; PRESTON 1996,
S. 166f.). Sie entsprang weiterhin dem
Bedürfnis, der marxistischen Gesell-
schaftstheorie eine Alternative gegen-
überzustellen (vgl. RESASADE 1984,
S. 13). Ihre Vertreter waren gleicher-
maßen an der Formulierung entwick-
lungspolitischer Zielstellungen wie der
politischen und ökonomischen Neu-
ordnung des europäischen Kontinents
beteiligt.
Illustriert wird dies bspw. durch die
Laufbahn Talcott Parsons, der an der
Harvard School of Overseas Admini-
stration lehrte und als Berater der For-
eign Economic Administration vehe-
ment gegen den Morgenthau-Plan
kämpfte und für eine Integration
Deutschlands in den Westen plädierte
(vgl. MÜLLER 1992, S. 117). Die erste
systematische Anwendung der moder-
nisierungstheoretischen Ansätze auf
die Problematik der Entwicklungslän-
der stellt die Arbeit David LERNERS
(1958) dar.
Schon seit den späten fünfziger Jah-
ren hatten verschiedene Moderni-
sierungstheoretiker die Konvergenz
von Kapitalismus und Sozialismus vor-
hergesagt. Es wurde unterstellt, dass
der wissenschaftlich-technische Fort-
schritt die sozial-strukturellen und
kulturellen Voraussetzungen für ei-
nen Abbau der politischen Gegensät-
ze zwischen den beiden Blöcken schaf-
fen und letztlich zu einem gemeinsa-
men System des demokratischen So-
zialismus führen würde. Im Gegensatz
hierzu konstatierten andere, dass das
westliche Gesellschaftsmodell auf-
grund seiner höheren adaptiven Kapa-
zität dem östlichen Modell überlegen
sei. Schließt man sich dieser Argu-
mentation an, so folgten sowohl die
Sowjetunion als auch jene Staaten, die
nach dem Zweiten Weltkrieg in ihren
Einflussbereich geraten waren, einer
spezifischen Variante der Hauptroute
der Modernisierung, was aus der Per-
spektive der Modernisierungstheore-
tiker auf lange Sicht zu einer zwangs-
läufigen “Wiedervereinigung” der
Entwicklungspfade führen musste (vgl.
u. a. DENNIS 1993, S. 1). Diese Auffas-
sung gipfelte in der Abqualifizierung
des sozialistischen Systems als “patho-
logische Fehlentwicklung” oder in der
von ROSTOW geprägten Formel: “Kom-
munismus, eine Krankheit des Über-
gangs” (ROSTOW 1960, S. 193f.).
Wieder andere sahen auch in der
kapitalistischen Gesellschaft lediglich
einen gesonderten Untertypus der
modernen Gesellschaften (vgl. GID-
DENS 1996, S. 76), der gleichberechtigt
neben anderen Varianten steht.
Tatsächlich müssen wir konzedie-
ren, dass es sich im Falle der Sowjet-
union und ihrer osteuropäischen Sa-
telliten um Staaten handelte, die die
ersten Hürden einer industriellen
Modernisierung erfolgreich überwun-
den hatten. Da Modernisierung zu-
nächst in der Gestalt der Industriege-
sellschaft beginnt, haben die sozialisti-
schen Länder also zweifellos an die-
sem Prozess partizipiert. Dies lässt sich
empirisch an Indikatoren wie dem
Verstädterungsgrad, den Anteilen der
Beschäftigten an den Wirtschaftssek-
toren oder dem Bildungsstand bele-
gen (vgl. hierzu BERGER, HINRICHS und
PRILLER 1993; GENSICKE 1995). Spätes-
tens aber mit der Niederschlagung des
Prager Frühlings wurde eine weiterge-
hende funktionale Differenzierung des
sozialen Systems und eine Demokrati-
sierung des politischen Systems und
somit eine Dezentralisierung der
Macht verhindert (vgl. DENNIS 1993,
S. 2ff.).
Die gescheiterte Entwicklungspoli-
tik im Süden aber auch die Krisen
innerhalb der westlichen Industriena-
tionen führten zu einer heftigen Kritik
der modernisierungstheoretischen
Ansätze seit Ende der sechziger Jahre.
Sie wurden gleichgesetzt mit einer
“Westernization” oder “Americaniza-
tion” der Welt. Der Modernisierungs-
theorie wurde die These der Depen-
denz oder auch eine erneuerte Varian-
te der Imperialismustheorie gegen-
übergestellt (vgl. HAUCK 1988).
Verantwortlich für den Bedeutungs-
verlust waren letztlich jedoch nicht
kritische Einwände aus der Geschichts-
wissenschaft und den Sozialwissen-
schaften. “Ausschlaggebend waren
vielmehr reale gesellschaftliche Ent-
wicklungen, Einbrüche in die gesell-
schaftliche ‚Normalität‘, die jene
scheinbar selbstevidenten evolutionä-
ren Universalien, von denen bei PAR-
SONS die Rede war, in ein anderes Licht
setzten: ein Krieg, der den morali-
schen Führungsanspruch der moder-
nen ‚Führungsgesellschaft‘ in der in-
ternationalen Öffentlichkeit diskredi-
tierte, im Inneren begleitet von bür-
gerkriegsähnlichen Rassenunruhen
und einer augenfälligen Disparität
zwischen öffentlicher Armut und pri-
vatem Reichtum; [Des weiteren] die
erste international synchronisierte
Krise, die sich nicht mit einem natio-
nalstaatlich angelegten Keynesianis-
mus einebnen ließ und die sozialstaat-
lichen Arrangements auf enge ökono-
mische Grenzen verwies” (MÜLLER
1991, S. 275). Bei kritischer Betrach-
tung zeigte sich ferner, “daß Modernis-
ierung mit kaum einer Form staatli-
cher Gewaltherrschaft inkompatibel
war – sei dies das stalinistische Projekt
einer ‚sozialistischen ursprünglichen
Akkumulation‘, sei dies das ‚Wirt-
schaftswunder‘ der nationalsozialisti-
schen Kriegsökonomie, dem noch der
westdeutsche Nachkriegsaufschwung
nicht nur den Namen, sondern auch
seine produktionstechnische Aus-
gangslage verdankte, seien dies die
‚Vier Modernisierungen‘ des nach-
maoistischen China” (MÜLLER 1991,
S. 273).
Die Kritik an den Modernisierungs-
theorien richtete sich vor allem gegen
die Übertragung und Verallgemeine-
rung einer einmaligen historischen
Erfahrung, die auf die Evolution West-
europas zurückgeht, auf Gesellschaf-
ten, deren Entwicklung nach eigenen
und spezifischen Bedingungen verläuft
(vgl. GEIGER und MANSILLA 1983, S. 84).
Manche Kritiker haben auf Fälle ver-
wiesen, in denen die erfolgreiche Mo-
EUROPA REGIONAL 8(2000)3/4
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dernisierung einer Gesellschaft die
Entwicklungschancen anderer Gesell-
schaften blockiert hat, durch militäri-
sche Dominanz, ökonomische Abhän-
gigkeit oder überlegene Chancen an
internationalen Märkten (vgl. MÜL-
LER 1991, S. 274). So wurde postuliert,
dass die entwickelte OECD-Welt ein
historisches Unikat darstelle, das in
seinen Strukturen und Ergebnissen
nicht universalisierbar sei. Als Begrün-
dungen wurden vor allem immanente
Wachstumsgrenzen genannt, die eine
weltweite Ausdehnung der westlichen
Produktionsweise, ihres Ressourcen-
verbrauchs und ihrer Umweltbelastung
schon aus ökologischen Gründen schei-
tern ließe. Vor allem aber seien es die
reichen Staaten selbst, die die ökono-
mischen und militärischen Entwick-
lungsbedingungen der Nachzügler be-
stimmten (vgl. ZAPF 1996, S. 68).2
Eine Kritik, die sich auf viele sozial-
wissenschaftliche Denkgebäude aus-
dehnen lässt, beruht auf der Erkennt-
nis, dass es sich bei ihren Variablen im
Gegensatz zu mathematischen und
ökonometrischen Modellen nicht um
rein “analytische” Größen sondern um
hochgradig normativ und politisch
besetzte Begriffe handelt. Sie definie-
ren zugleich politische Optionen, die
sich schlimmstenfalls – also bei me-
thodischen Defiziten oder Fehlern – in
riskante politische Leitlinien verlän-
gern (vgl. MÜLLER 1991, S. 263). Bei
der Beurteilung der Modernisierungs-
theorie ist es daher wichtig festzuhal-
ten, dass modernisierungstheoretische
Gedanken über Jahrzehnte hinweg die
Politik der westlichen Regierungen
und supranationaler Organisationen
wie Weltbank und IWF beeinflusst
haben (vgl. MÜLLER 1995, S. 269f.).
Modernisierungstheorie und postso-
zialistische Transformation
Sowohl die Vertreter der Wirtschafts-
und Sozialwissenschaften als auch die
Politik standen im Epochejahr 1989
dem dramatischen politischen Wan-
del in Ost- und Mitteleuropa weitge-
hend unvorbereitet gegenüber.3 Die
“westlichen” Sozialwissenschaften lei-
teten bis dato ihre Befunde vornehm-
lich aus der Analyse westlicher Ge-
sellschaften ab. Ausgelastet mit den
Krisen und Problemen der westlichen
Industriestaaten, wurden sie vom Kol-
laps des Ostblocks überrascht. Mögli-
cherweise waren die Theoriegebäude
zu eng an vordefinierte Fragestellun-
gen oder ideologische Axiome gebun-
den, was eine realistische Einschät-
zung der sich anbahnenden Umbrüche
in den osteuropäischen Gesellschaf-
ten erschwerte.
Für einen kurzen Moment schien
das “Ende der Geschichte” (vgl. FU-
KUYAMA 1992) erreicht: “zwar nicht im
Sinne des Endes von Knappheit und
Konflikten, aber doch im Sinne des
Endes großer konfligierender Entwick-
lungsalternativen” (ZAPF 1996, S. 64).
In der öffentlichen Debatte wurde der
Transformationsdiskurs zunächst –
nicht zuletzt aufgrund der Fixierung
auf wirtschaftspolitische Fragestellun-
gen seitens der Politik – von ökonomi-
schen Modellvorstellungen dominiert.
Ein populärer Beleg für diese The-
se mag die auf einer Aussage des da-
maligen Bundeskanzlers basierende
Debatte um die versprochenen “blü-
henden Landschaften” darstellen, auf
die in wissenschaftlichen Aufsätzen
(bspw. BLIEN 1994, S. 273), Pressearti-
keln (vgl. bspw. die Titelblätter der
Spiegel-Ausgaben 36/1995 und 25/
1996) und Kommentaren immer wie-
der Bezug genommen wurde: “Das
Kanzlerwort von den ‘blühenden Land-
schaften’ hat fatale Erwartungen ge-
weckt und zu falschen Weichenstel-
lungen geführt” (WEGNER 1996, S. 22).
Den rein ökonomischen Theorien ist
jedoch der Mangel gemeinsam, dass es
sich bei der Transformation nicht nur
um einen Austausch der ökonomischen
Institutionenordnung sondern um ei-
nen umfassenden Wandel des gesam-
ten Gesellschaftssystems handelt (vgl.
WAGNER 1991, S. 22f.). Es ist daher
notwendig, die überwiegend von neo-
klassischen Ökonomen entworfenen
Transformationsszenarien einer sozi-
alwissenschaftlichen Korrektur zu un-
terziehen (vgl. MÜLLER 1995, S. 35).
Die Regierungen, aber auch die
Bevölkerung der Transformationsstaa-
ten, erhofften sich Rezepte und Hand-
lungsanweisungen, mit denen der
Umbau von der Plan- zur Marktwirt-
schaft möglichst reibungslos und
schmerzfrei zu vollziehen wäre.
Die spontane Diagnose lautete, dass
die osteuropäischen Staaten eine nach-
und aufholende Modernisierung voll-
zögen, die die durch den spezifischen
sowjetischen Pfad der Modernisierung
entstandenen Modernisierungshemm-
nisse beseitigen und die Transformati-
onsstaaten auf den etablierten Ent-
wicklungspfad der westlichen Gesell-
schaften zurückführen würde (vgl. u. a.
HABERMAS 1990). Die tiefgreifenden
Veränderungsprozesse wurden als
nachholende Revolution gedeutet, “in
deren Folge die Versäumnisse der letz-
ten 45 Jahre aufgeholt würden” (MÜL-
LER 1995, S. 2).
Stellvertretend für viele betonte
Wolfgang ZAPF auf dem Soziologen-
tag 1990 die Wiederbelebung der Mo-
dernisierungstheorie:
“Daß Modernisierung und Moder-
nisierungstheorie heute wieder zu den
wichtigsten soziologischen Ansätzen
gehören, muß nicht lange begründet
werden. Die realen gesellschaftlichen
Entwicklungen legen diese Themen
unabweisbar vor. Seit Gorbatchovs
Perestroika den Umbau der sowjeti-
schen Gesellschaft unter das Pro-
gramm der Modernisierung gestellt
hat, (...) seitdem die Entwicklungen in
Ostdeutschland und Osteuropa nicht
mehr einen ‚dritten Weg‘ suchen, son-
dern explizit die Übernahme oder
Nacherfindung moderner westlicher
Institutionen, müssen wir die Fragen
wieder aufgreifen, was die Entwick-
lungstendenzen, Anpassungsprobleme
und Innovationschancen moderner
westlicher Gesellschaften selbst sind
und inwiefern ihre Institutionen über-
tragbar sind” (ZAPF 1994a, S. 111).
Die Modernisierungstheorie ge-
wann auch dadurch an Bedeutung, dass
sowohl die Reformpolitiker in den
Transitionsstaaten als auch die inter-
nationalen Organisationen “moderni-
sierende” Elemente in ihre Hilfspro-
gramme aufnahmen und sie zur Grund-
lage ihrer Politik machten. Die Vor-
hersagen der Theorie deckten sich zu-
dem mit der hohen Erwartungshaltung
der Bevölkerung.
Diese Präferenz der Modernisie-
rungstheorie galt in besonderem Aus-
maß für die deutsche Wiedervereini-
gung, wo die Hauptakteure “in einem
2“Modernization theory is based upon false premi-
ses, and has served in some degree as an ideolo-
gical defence of the dominance of Western capita-
lism over the rest of the world” (GIDDENS 1982,
S. 144).
3 VON BEYME (1994, S. 35) spricht in diesem Zusam-
menhang gar von einem “schwarzen Freitag” der
Sozialwissenschaften in methodischer und theorie-
bezogener Hinsicht. Zur Kritik an dieser Sichtweise
vgl. EISEN, KAASE und BERG (1996, S. 15f.).
23
verklärenden Blick auf die westdeut-
sche Nachkriegsgeschichte” (MÜLLER
1995, S. 25) davon ausgingen, die Sa-
nierung der Volkswirtschaft und die
Angleichung der Lebensverhältnisse
ließen sich durch Veräußerung des
volkseigenen Vermögens selbst finan-
zieren.
Die Popularität der Modernisie-
rungstheorie4 basierte auf einer
scheinbaren Analogie zur Situation
nach dem Zweiten Weltkrieg. Man
hoffte mit Hilfe einer “Friedensdivi-
dende” einen zweiten Marshall-Plan
zu initiieren, der das westliche Nach-
kriegswirtschaftswunder in den ost-
europäischen Staaten wiederholen
sollte. In historischer Perspektive fällt
jedoch eine fundamentale Disanalo-
gie zur Situation nach dem Zweiten
Weltkrieg ins Auge: “die osteuropäi-
schen Ökonomien sollen sich in ein
internationales Umfeld öffnen, das
nicht mehr über die kooperativen In-
stitutionen der Bretton-Woods-Ära
verfügt, sondern alle Risiken freier
Rohstoff- und Kapitalmärkte bereit-
hält. Einerseits soll die osteuropäi-
sche Wirtschaft den Konjunkturen des
Weltmarkts ungeschützt ausgesetzt
werden; andererseits stößt ihr Wa-
renexport bereits jetzt auf den selek-
tiven Protektionismus und die Block-
bildung der Industrieländer. Nach-
dem der vom Westen erhobene Impe-
rativ der Öffnung weitgehend erfüllt
ist, besinnen sich die Länder der EU
auf ihre eigenen ‘sensitiven Industri-
en’: Agrarprodukte, Stahl und Texti-
lien, also jene Bereiche, in denen die
östlichen Länder Wettbewerbsvortei-
le geltend machen, werden mit Zöl-
len belegt” (MÜLLER 1995, S. 19).
Insbesondere in Bezug auf die DDR
handelt es sich um einen Modernisie-
rungsprozess, bei dem die Ziele durch
das Institutionengefüge der Bundes-
republik bereits fest vorgegeben wa-
ren. Dennoch darf nicht übersehen
werden, dass die DDR einen spezifi-
schen Typus der Industriegesellschaft
mit eigenen sozialen Strukturen, Ak-
teuren, Mentalitäten und Lebenswel-
ten verkörperte, eine Mischform, “die
zugleich Vor- und Gegenmoderne ein-
schloß” (REISSIG 1993, S. 6). Es kann
also zum einen schon deshalb nicht nur
um eine rein “nachholende Moderni-
sierung” gehen, weil auch die DDR
spezifische Modernisierungsschritte
unternahm.
Zum anderen zeigt die historische Er-
fahrung, dass es nicht genügt, die an-
derswo erfolgreichen Modernisie-
rungsschritte blind nachzuvollziehen,
ohne eigene spezifische Entwicklungs-
varianten zu verfolgen. “Schließlich
sollte auch nicht alles nachvollzogen
werden, was sich heute mit kritischem
Abstand an der ‘westlichen Entwick-
lung’ als fragwürdig, angesichts neuer
Herausforderungen auch als Defizit
erweist” (REISSIG 1993, S. 7). Gefragt
ist mithin ein Konzept der selektiven
Modernisierung, das sowohl die spezi-
fischen regionalen Entwicklungsbedin-
gungen als auch den aktuellen globa-
len Kontext der Transformationspha-
se berücksichtigt. Der Prozess der
Kopie westlicher Muster und der nach-
holenden Entwicklung wurde daher in
einigen Diskussionsbeiträgen auf eine
“reflexive” oder “doppelte”, d. h. den
Westen einschließende Modernisie-
rung erweitert: “Doppelte Moderni-
sierung im Osten würde sich dann voll-
ziehen, wenn die nachholende Um-
wälzung dort mit Entwicklungen au-
ßerhalb bloßen Nachholens als Be-
standteil eines weltweiten Wandels ...
verwoben wäre” (KLEIN 1991, S. 18).
Die Modernisierungstheorie legt so-
mit die Vermutung nahe, dass es trotz
Übernahme des westdeutschen Ord-
nungsrahmens nicht nur zu einer nach-
holenden Entwicklung kommen wird,
sondern dass vielmehr in bestimmten
Bereichen überholende Entwicklun-
gen eintreten können.
Mit dem Auftreten der sozialen und
ökonomischen Verwerfungen in den
Transformationsstaaten geriet der wie-
derbelebte Modernisierungsansatz er-
neut in die Kritik.
MUTZ (1996, S. 207) spricht von der
“Einsicht, daß es seit 1989 in Ost-
deutschland keine stetige Phase des
sozialen Wandels in Form einer ‚ver-
späteten‘ oder ‚nachholenden‘ Moder-
nisierung gegeben hat; der Transfor-
mationsprozeß führte auch nicht
zwangsläufig zu einer Übernahme der
bekannten Muster westlicher Lebens-
verhältnisse.“ Völlige ablehnend sind
auch die Thesen BURAWOYs (1992).
Die Anhänger der Modernisierungs-
theorie sahen sich konfrontiert mit ei-
ner Reihe von Anomalien: anstelle
eines einholenden Aufschwungs erle-
ben wir einen schwerwiegenden öko-
nomischen Niedergang. Anstelle stei-
gender Wohlfahrt und einer Ausbrei-
tung westlicher Werte erleben wir eth-
nisch und religiös motivierte Abgren-
zung und Zersplitterung (vgl. MÜLLER
1995, S. 266).
Die Schwierigkeiten und Konflikte
im Verlauf der Transformation sind
jedoch nur bedingt berechtigte Ein-
wände gegen die Modernisierungs-
theorie. Sieht man von der Frühphase
der Theoriebildung ab, wurden solche
“breakdowns of modernization” (EI-
SENSTADT 1964) vorausgesehen und
prognostiziert. Modernisierung war
immer mit hohen Transaktionskosten
und “schöpferischer Zerstörung” (vgl.
DAHRENDORF 1998, S. 77) verbunden.
Die Wiederbelebung der Moderni-
sierungstheorie erscheint aber nur dann
vielversprechend, wenn die spezifische
historische Situation, in welcher sich
der gegenwärtige Transformationspro-
zess vollzieht, angemessene Berück-
sichtigung findet. Wir müssen die
Transformation als Teilmenge “nach-
holender Modernisierungsprozesse”
innerhalb der Gesamtheit der prinzi-
piell offenen “weitergehenden Moder-
nisierung” (vgl. ZAPF 1996, S. 67) be-
trachten.
Thesen zu Transformation und
Modernisierungstheorie aus geogra-
phischer Perspektive
Meine modernisierungstheoretischen
Aussagen möchte ich im Hinblick auf
ihre geographische Relevanz im fol-
genden thesenartig zusammenfassen:
1. Auf dem Gebiet der ehemaligen
sozialistischen Staaten Osteuropas
vollzieht sich eine “nachholende
Modernisierung”, die durch das
Wirksamwerden der postfordisti-
schen Regulationsmechanismen
altbundesrepublikanischer bzw.
westeuropäischer Prägung gekenn-
zeichnet ist. Nach den politischen
und wirtschaftlichen Umbrüchen
von 1989/90 trafen diese neuen
Regulationsmechanismen auf die
von 40 Jahren Sozialismus gepräg-
4 Modernisierungstheoretische Untersuchungen blie-
ben nicht auf den ökonomischen Sektor beschränkt,
auch Fragen des Wertewandels (vgl. GENSICKE 1995)
oder der Geschlechterrollen (vgl. NICKEL 1992) wur-
den thematisiert. Für modernisierungstheoretisch
inspirierte Arbeiten außerhalb Deutschlands vgl.
bspw. für Jugoslawien (ADAM 1992), für Polen (TA-
TUR 1989), für die ČSFR und ihre Nachfolgestaaten
(MÜLLER 1993; MACHONIN 1996; ISA 1996; GATNAR 1996)
sowie Ungarn (ANDORKA 1993, 1994).
EUROPA REGIONAL 8(2000)3/4
24
ten Städte und Regionen, in de-
nen wesentliche raumprägende
Elemente der fordistischen Epo-
che fehlen. Aufgrund des schlag-
artigen Machtverlusts der alten
und dem langsamen Neuaufbau
der neuen (Planungs-) Institutio-
nen sowie des geringen “Wider-
stands” der gebauten “sozialisti-
schen” Raumstruktur, kommen
die postfordistischen Regulations-
mechanismen stärker und somit
sichtbarer zum Tragen als in den
Städten und Regionen Westeuro-
pas. Das Schlagwort der “nachho-
lenden Modernisierung” bedeutet
daher nicht, dass die Entwicklung
der Transformationsstaaten exakt
allen Phasen der Entwicklung in
den westlichen Staaten folgt. Viel-
mehr werden Entwicklungsab-
schnitte übersprungen und ausge-
lassen oder in anderer Reihenfol-
ge bzw. parallel und häufig sehr
viel schneller nachvollzogen.
Obwohl sich die mittelosteuropäi-
schen Transformationsgesellschaf-
ten in starkem Maße an den west-
lichen Industriegesellschaften ori-
entieren, besteht weder eine
Erfolgsgarantie für die dauerhaf-
te Etablierung demokratisch-
marktwirtschaftlicher Strukturen,
noch führt die Transformation zu
exakten Kopien der vielgestaltigen
westlichen Entwicklung; hier ge-
nauso wenig wie in den bereits
geprüften Entwicklungsländern
des Südens. Transformationen sind
offene, sich selbst organisierende
Entwicklungen, die Neues und Ei-
genes zum Ergebnis haben (vgl.
HAUSER et al. 1996, S. 475).
2. Den Transformationsprozessen in
den ehemals sozialistischen Län-
dern ist gemeinsam, dass die Ent-
wicklungsziele prinzipiell bekannt
sind. Sie lauten Demokratisierung,
Wachstum und Wohlfahrt. Sie
werden zu erreichen versucht
durch Übernahme oder Nacherfin-
dung der Basisinstitutionen der
Vorbildgesellschaften: durch Kon-
kurrenzdemokratie, Marktwirt-
schaft, Wohlfahrtsstaat und Mas-
senkonsum. Es gibt jedoch deutli-
che Variationen in der zeitlichen
und räumlichen Entwicklung, in
der Konstellation von Eliten und
Bevölkerung (vgl. ZAPF 1996,
S. 67). Folgt man dieser Überle-
gung, kann für die Prognose der
räumlichen Entwicklung – zumin-
dest der metropolitanen – Städten
und Regionen der Transformati-
onsstaaten daher der Status quo
bzw. aktuell zu beobachtende Ent-
wicklungstendenzen in den “kapi-
talistischen” Staaten als Progno-
segrundlage dienen.
Die postsozialistische Transforma-
tion vollzieht sich nun aber vor
dem Hintergrund anderer tiefgrei-
fender Veränderungen wie etwa
der Vollendung und Erweiterung
des europäischen Binnenmarktes
und der zunehmenden Globalisie-
rung und Verflechtung der Welt-
wirtschaft. Diese Prozesse wirken
sowohl auf die Entwicklung der
Transformationsstaaten als auch
auf die als Referenzmaßstab die-
nenden Gesellschaften Westeuro-
pas ein, die somit selbst einem
Wandel bezüglich der Regulati-
onsmechanismen unterworfen
sind.5
Dies bedeutet, dass der Aufhol-
prozess Osteuropas durch ein
“Handicap zusätzlicher Erschwer-
nisse” (STIENS 1994, S. 2) belastet
wird. In einigen Regionen Mittel-
und Osteuropas sind daher raum-
und flächenstrukturelle Wand-
lungsprozesse zu beobachten, die
sich von den gleichen Prozessen
im übrigen Europa in ihrer beson-
deren Wirkungsstärke unterschei-
den (vgl. STIENS 1994, S. 2).
Unabhängig von den allgemeinen
Tendenzen der Transformation,
wird diese zusätzlich von nationa-
len Modellen beeinflusst. Zudem
kommen historische Unterschiede
im Entwicklungsstand der Wirt-
schaft und der technischen Infra-
struktur, im Gesellschaftsaufbau
und im Siedlungssystem zum Vor-
schein (vgl. FASSMANN und LICH-
TENBERGER 1995, S. 238).
3. Mehr oder weniger philosophisch
betrachtet lässt sich die Transfor-
mation und insbesondere die deut-
sche Wiedervereinigung auch als
“Fusion zweier Zeiten” (BAIER
1990) betrachten, bei der der Auf-
holprozess im Zeitraffertempo
vonstatten gehen soll. Dieses Pa-
radoxon basiert auf der “Feststel-
lung, daß die DDR zum Zeitpunkt
der deutschen Einheit ungefähr
die Strukturen aufwies wie die
Bundesrepublik 20 Jahre zuvor”
(FRIEDRICHS et al. 1996, S. 485).
Die Eigenständigkeit der beiden
deutschen Staaten führte demzu-
folge nicht zu grundsätzlich ent-
gegengesetzten Entwicklungsver-
läufen und Ergebnissen, sondern
lediglich zu spezifischen Ausprä-
gungen des politisch-wirtschaftli-
chen Systems. Neben der zumin-
dest zu Beginn gemeinsamen Kon-
tinuität ideengeschichtlicher und
personeller Entwicklungslinien ist
dies meines Erachtens vor allem
auf die Übereinstimmung der we-
sentlichen gesellschaftlichen Auf-
gaben nach 1945, etwa den Wie-
deraufbau der zerstörten Städte,
zurückzuführen.
Die Grundfrage, die sich durch die
Übertragung des westlichen Sys-
tems auf die Transformationsstaa-
ten stellt, lautet somit: Kommt es
zu einer Nachahmung der Ent-
wicklung im Westen (inklusive al-
ler dort begangenen Fehler) oder
entstehen hier bereits jene Struk-
turen, die wahrscheinlich auch die
Zukunft der westlichen Städte und
Regionen prägen werden (vgl.
HÄUSSERMANN 1995, S. 15)?
Als Beispiele seien hier schlag-
wortartig die “Amerikanisierung”
der Stadtrandzone durch gewerb-
liche Großeinrichtungen und sub-
urbane Eigenheimsiedlungen, die
entgegen aller Prognosen in ihrer
kollektivierten Grundstruktur er-
halten gebliebene Landwirtschaft
oder die völlige Deindustrialisie-
rung ganzer Regionen genannt.
4. Eine differenzierte Betrachtung
der Transformationsstaaten und
ihrer Städte und Regionen ist
zwingend erforderlich: Während
für einige ehemals sozialistische
Staaten wie die DDR, Ungarn,
Polen, Tschechien und auch die
baltischen Staaten eine Umkehr
auf dem Modernisierungsweg aus-
geschlossen werden kann, müssen
wir für andere Länder und insbe-
sondere Russland feststellen, dass
wir es nicht mit einem Moderni-
sierungsschub zu tun haben (vgl.
EISEN, KAASE und BERG 1996,
5 Zum Problem der “moving targets” vgl. ZAPF (1996,
S. 65).
25
S. 28). Es handelt sich vielmehr
um den endgültigen Zusammen-
bruch eines als Alternative zum
westlichen Kapitalismus entworfe-
nen Modernisierungsmodells. Die
für einen derzeit unabsehbaren
Zeitraum zu erwartende Absen-
kung des Lebensstandards führt
zusammen mit der Frustration
überzogener Erwartungen zu ei-
ner Demobilisierung der gesell-
schaftlichen und ökonomischen
Dynamik und zur Durchsetzung
rückwärtsgewandter Ideologien.
In regionaler Hinsicht ist eine
hierarchische Diffusion der Mo-
dernisierungsphänomene von den
auch zu sozialistischen Zeiten be-
günstigten Hauptstadtregionen,
über die regionalen Zentren, hin
zur ländlichen Peripherie zu be-
obachten. Dieses zentral-periphe-
re Muster wird zusätzlich beein-
flusst durch einen west-östlichen
Gradienten, von den westlichen
Grenzregionen der EU-Beitritts-
kandidaten, hin zu den ost- und
südosteuropäischen Staaten, die
auch auf längere Sicht wenig Aus-
sicht auf eine grundlegende Ver-
besserung der ökonomischen Si-
tuation haben.
Um abschließend die im Titel des Bei-
trages aufgeworfene Frage zu beant-
worten: die räumliche Entwicklung der
postsozialistischen Staaten ist im Son-
derfall Ostdeutschlands durch Anglei-
chung und in den anderen mittel- und
osteuropäischen Transformationslän-
dern durch eine hierarchisch struktu-
rierte nachholende Modernisierung
gekennzeichnet. Letztlich gehen die
Transformationsstaaten jedoch eige-
ne Wege, die durch unterschiedliche
historische, ökonomische, politische
und nicht zuletzt räumliche Struktu-
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rie der Modernisierung. Soziale Welt 26
(2), S. 212-226.
ZAPF, W. (1987): Entwicklungsdilemmas
und Innovationspotentiale in moder-
nen Gesellschaften. In: ZAPF, W. (Hrsg.):
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zur Modernisierungstheorie. Mann-
heim, S. 103-118.
ZAPF, W. (1994a): Modernisierung und
Modernisierungstheorien. In: ZAPF, W.
(Hrsg.): Modernisierung, Wohlfahrts-
entwicklung und Transformation. So-
ziologische Aufsätze 1987-1994. Berlin,
S. 111-127 (Ursprünglich erschienen in:
ZAPF, W. (Hrsg): Die Modernisierung
moderner Gesellschaften. Frankfurt am
Main, S. 29-48).
ZAPF, W. (1994a): Modernisierung, Wohl-
fahrtsentwicklung und Transformation:
soziologische Aufsätze 1987 bis 1994.
Berlin.
Dr. THOMAS OTT
Universität Mannheim
Geographisches Institut
Postfach
68131 Mannheim
ZAPF, W. (1994b): Die Transformation in
der ehemaligen DDR und die soziolo-
gische Theorie der Modernisierung. In:
ZAPF, W. (Hrsg.): Modernisierung,
Wohlfahrtsentwicklung und Transfor-
mation. Soziologische Aufsätze 1987-
1994. Berlin, S. 128-144 (Ursprünglich
erschienen als: Discussion Paper 92-4,
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozi-
alforschung).
ZAPF, W. (1994b): Die Transformation in
der ehemaligen DDR und die soziolo-
gische Theorie der Modernisierung.
Berliner Journal für Soziologie 4 (3), S.
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ZAPF, W. (1994c): Alternative Pfade der
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ZAPF, W. (Hrsg.): Modernisierung,
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1994. Berlin, S. 187-199.
ZAPF, W. (1996): Die Modernisierungs-
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viathan 25 (1), S. 63-77.
ZELINSKY, W. (1971): The Hypothesis of
the Mobility Transition. Geographical
Review 61, S. 219-249.
... It has been pointed out above that the city region of Leipzig is subject to profound, substantial structural transformation processes. In this connection, two conceptual perspectives need to be borne in mind: firstly, the labelling of the transformation process as "catching up with modernisation" (Ott, 2000), and secondly, the specific, path-dependent mode of east German transformation (Matthiesen, 2005a). The former is linked to the structural, institutional, financial and social transfer policies designed to eventually result in comparable conditions between east and west German states; the latter is a critical response to misleading (and failed) attempts to equalise east and west German social and living standards as well as the realisation that east German states have not caught up with west Germany within the last 10-15 years (and will not do so either over the next 15 years). ...
Article
Based on theoretical approaches towards housing market transition in post-socialist countries, the article analyses change and persistency in the Czech housing sector in the 1990s. The main focus is on housing policies, privatisation strategies, the segmentation of the market, old and new ownership structures and the relationship between demand and supply. It is argued that despite the public perception of the country as belonging to the rental model, profound changes are under way, so that the housing sector is moving closer to the dualist model (Kemeny) where public housing is marginalised and owner-occupancy becomes widespread.
Article
The paper analyses the changing patterns of migration in the transition process from a “Socialist” into a “Capitalist” city against the background of “Modernization Theory”. Based on the example of Erfurt, a former district capital and now capital of the new federal state of Thuringia, an overview is given of basic population development trends before and after the unification of the two Germanys. A more detailed analysis of different urban areas (historic centre, city extensions of the industrial period, Socialist housing areas, new suburban housing areas) reveals a general turn-around of migration streams: Before 1990 the urban population showed a steady increase, while after reunification a dramatic loss could be observed. This decrease is caused both by emigration to areas in former West Germany, as well as by the beginning suburbanisation process. The latter is also fostered by the growing number of West – East migrants across the former internal German border. The findings are summarised in a model of the post-Socialist urban area.
Chapter
Full-text available
Der Umbruch im Osten hat eine enorme Beschleunigung der Entwicklung bewirkt — “modern times” rotieren. Aber diese Entwicklung und dieser Rhythmus erfassen unterschiedliche Zeitregime und unterschiedliche Subjekte in sehr verschiedener Weise. Ungleichzeitigkeit charakterisiert gerade den Umbruch. Sie begleitet den Differenzierungsprozeß, indem aus kollektivistischen Blocks — z. B. der nahezu uferlosen Mieterschar der alten KWV (Kommunale Wohnungsverwaltung) — sich Subjekte herausdifferenzieren, die es in der Sozialstruktur der DDR nicht gab. Die Akteure der Stadtentwicklung rekurrieren auf neue äußere Bedingungen, in denen sie sich auch verändern, oder sie sind selbst neu, weil ihre Handlungspotentiale und Organisationsformen erst mit und nach der Wende existieren. In den Fallbeispielen wird dieser Herausdifferenzierungsprozeß geschildert.
Chapter
Es gibt inzwischen ein vielfältiges Meinungsspektrum darüber, inwiefern sich Ost- und Westdeutsche in ihren Wertorientierungen und ihrer Mentalität unterscheiden. Dennoch ist eine gewisse Polarität dieses Spektrums unverkennbar. Die eine Seite tendiert zu der Auffassung, daß in der Bevölkerung der neuen Bundesländer ein erhebliches mentales Modernitätsdefizit entstanden sei, das die Angleichung der Verhältnisse an das Niveau der alten Länder erschwere und den sozialen Umbau verzögere. Die Ursache liege in der jahrzehntelangen Herrschaft des Realsozialismus. Andere Autoren interpretieren dieses Phänomen nicht als Defizit, sondern im positiven Sinne als ein Bewahren „älterer Tugenden“ oder von „Gemeinschaftsgeist“.
Chapter
Die westdeutsche Gesellschaft ist seit ihrer Entstehung nach dem Zweiten Weltkrieg unterschiedlich charakterisiert worden, z. B. als „Klassengesellschaft im Schmelztiegel“1, als „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“2, oder als Ergebnis von „Restauration“, „verspäteter Demokratie“ oder „nachholender Demokratisierung“. Mit der dabei akzentuierten Hervorhebung bestimmter „Figurationen“3 und Vorgänge wurde versucht, dem in der Soziologie seit Auguste Comte (1778–1857) bestehenden Problem Rechnung zu tragen, das darin liegt, ein begriffliches „Gleichgewicht“ für Struktur und Wandel in den modernen Gesellschaften zu finden. Dieses Problem stellt sich besonders im Hinblick auf das sich in den 50er Jahren herausbildende westdeutsche Gesellschaftssystem, dessen strukturbildende Voraussetzungen hier in einigen allgemeinen Annahmen über die Evolution „westlicher“ Gesellschaften und in der Markierung säkularer Trends sowie einiger den Neuanfang begünstigenden Strukturen erörtert werden sollen. Einleitend sei (in strukturfunktionalistischer Perspektive) ein möglicher Bezugsrahmen angedeutet, in dem sich auch die folgenden Studien über Familie, Jugend, Kirchen usw. diskutieren lassen.
Article
With completion of the commendable work of the KSPW, an abundance of valuable insights into the transformation process of East Germany has been attained. After the phase of concentrating on the observations and descriptions of the status quo, it would now be desirable that further work be oriented towards developing recommendations and courses of action for political, economic and societal praxis. In doing so, territorial references should be extended and the work expanded to such relevant fields that have previously been insufficiently examined, such as transportation, ecology and sustainable development, among others. The subject of social and political change in East Germany cannot be considered completed, rather the work of the KSPW should be continued in a suitable form.
Article
Germany suffers from the image always in the history have presured a "special road" en acknowledged as a field of social scientific research and is rarely perceived as a problem area by psychologists. In view of the questions brought forth by the transformation process, this situation can hardly be advocated. Psychology has many well-founded theoretical approaches and methods available so that the treatment of such questions would be profitable for further psychological theory-building as well as for the social sciences on the whole. This would be counteract the trend that psychology has lost sight of social context as a research topic. In different from our Western more modernized neighbours. In the moment when Germany after reunification developed as a national state like others Germany by ist highly West-directed way of integration (some people call it "colonisation") has started a new special development. The Machiavellian strategy of take-over of East German statehood in the first phase seemed to be nessesary because of reasons of foreign policy. Later the constraints were home-made because the government wanted to secure the irreversibility of process wich cost so much Westgerman money. East Germany insisted on quick equalisation of wages wich contributed to the deindustrialisation of the country because the East Germans were not ready to serve for a while as a country of "cheap wages" such as neighbouring Czechia. East Germany thus developed into a functional equivalent of the former Eastern Oder-Neiss-territories lost in 1945. But inspite of the economic crises there are a number of promising processes of modernization wich in the long run offer the former GDR better clings to ist old-fashioned industrial strategies of the 1960s.