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Hergesell, Jannis/Maibaum, Arne (2016): Assistive Sicherheitstechniken in der geriatrischen Pflege. Konfligierende Logiken bei partizipativer Technikentwicklung. In: Weidner, Robert (Hrsg.): Technische Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen. Konferenzband. Helmut-Schmidt-Universität: Hamburg, S. 59-69

Authors:
Laboratorium Fertigungstechnik | Forschernachwuchsgruppe smartASSIST
Konferenzband: Technische Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen Hamburg 2016R. Weidner
LFABORATORIUM ERTIGUNGSTECHNIK
Zweite Transdisziplinäre Konferenz
Technische Unterstützungssysteme,
die die Menschen wirklich wollen
Konferenzband
Hamburg
2016
Umschlag Konferenzband Technische Unterstützungssysteme.indd 3 22.11.16 09:12
Herausgeber
R. Weidner
Institut für Konstruktions- und Fertigungstechnik
Laboratorium Fertigungstechnik
Forschernachwuchsgruppe smartASSIST
Holstenhofweg 85
22043 Hamburg, Deutschland
ISBN: 978-3-86818-090-9 (Online-Version)
ISBN: 978-3-86818-089-3 (Druckausgabe)
Copyright Helmut-Schmidt-Universität 2016
Alle Rechte, auch das des auszugsweisen Nachdruckes, der auszugsweisen oder vollständigen
Wiedergabe, der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen und der Übersetzung,
vorbehalten.
Gedruckt in Deutschland
Illustration Titelbild: Pixelatelier Peters
Laboratorium Fertigungstechnik
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Forschernachwuchsgruppe smartASSIST1 des Laboratoriums Fertigungstechnik (LaFT)
der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg begrüßt Sie im
Dezember 2016 herzlich in Hamburg zur zweiten transdisziplinären Konferenz „Technische
Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen“. Im Rahmen dieser Konferenz
stellen WissenschaftlerInnen und IndustrievertreterInnen aus über fünfzehn Disziplinen ihre
Forschungsarbeiten in Fachvorträgen, einer Poster- und Demonstratorsession vor. Diese
Beiträge, die im Konferenzband zusammengefasst sind, sowie die Gespräche und
Diskussionen sollen Anregungen für die zukünftige, bedarfsorientierte Technikentwicklung
geben, die durch die Ko-Operation von Mensch und Technik geleitet werden wird. Die
gesellschaftliche Akzeptanz technischer Unterstützungssysteme stellt den Ausgangspunkt
dieser Konferenz dar.
Wir bedanken uns zum einen bei allen Beitragenden und Mitwirkenden aus Forschung,
Industrie, Politik und Gesellschaft sowie zum anderen ganz besonders bei allen Förderern und
Unterstützern, ohne die derartige Veranstaltungen nicht möglich wären: dem
Bundesministerium für Bildung und Forschung, dem VDI/VDE-IT Innovation GmbH, der
Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg, der Wissenschaftlichen
Gesellschaft für Montage, Handhabung und Industrierobotik e.V. (MHI e.V.), dem
wissenschaftlichen Ausschuss und den LeiterInnen der Sessions sowie den wissenschaftlichen
und studentischen Hilfskräften der Arbeitsgruppe smartASSIST und des Laboratoriums
Fertigungstechnik. Ein besonderer Dank geht an ein Mitglied des wissenschaftlichen
Ausschusses und kürzlich, viel zu früh verstorbenen Professor Dr.-Ing. Christopher M.
Schlick, dem wir diesen Konferenzband widmen.
Hamburg, den 02. Dezember 2016
Dr.-Ing. Robert Weidner
1 Das Projekt „smart ASSIST Smart, Adjustable, Soft and Intelligent Support Technologies“,
Förderkennzeichen 16SV7114 wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im
Rahmen des Programms „Interdisziplinärer Kompetenzaufbau im Schwerpunkt Mensch-Maschine-Interaktion
vor dem Hintergrund des demographischen Wandels“ gefördert und durch die VDI/VDE INNOVATION GmbH
betreut.
Laboratorium Fertigungstechnik
Wissenschaftlicher Ausschuss der Konferenz
Prof. Dr. Michael Decker
(Technikfolgenabschätzung, Karlsruher Institut für Technologie)
Dr. Athanasios Karafillidis
(Soziologie,
Helmut-Schmidt-Universität)
Prof. Dr. Klaus Henning
(Mensch
-Maschine-Interaktion, RWTH Aachen)
Prof. Dr. Bernd Kuhlenkötter
(Produktionstechnik, Ruhr
-Universität Bochum)
Dr. Janina Loh
(Philosophie, Universität Wien)
Prof. Dr. Sven Matthiesen
(Produkte
ntwicklung, Karlsruher Institut für Technologie)
Prof. Dr. Annika Raatz
(Produktionstechnik, Leibniz Universität Hannover)
Prof. Dr. Werner Rammert
(Soziolog
ie, TU Berlin)
Prof. Dr. Raúl Rojas
(Robotik und Künstliche Intelligenz, Freie Universität Berli
n)
Prof. Dr. Christopher Schlick
(Arbeitswissenschaften, RWTH Aachen)
Dr. Philine Warnke
(Zukunftsforschung, Fraunhofer ISI)
Dr. Robert Weidner
(Produktionstechnik, Helmut
-Schmidt-Universität)
Dr. Bettina Wollesen
(Bewegungs
- und Gesundheitswissenschaft, Universität Hamburg)
Prof. Dr. Jens P. Wulfsberg
(Produktionstechnik, Helmut
-Schmidt-Universität)
Laboratorium Fertigungstechnik
Laboratorium Fertigungstechnik
Zweite transdisziplinäre Konferenz
„Technische Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen“ 2016
Inhaltsverzeichnis
Bedeutung von Aufmerksamkeitstheorien für die Bewegungskoordination und resultierende
Gestaltungskonsequenzen in der Mensch-Maschine-Interaktion ............................................... 1
(B. Wollesen, L. L. Bischoff, J. Rönnfeldt, K. Mattes)
Bedeutung und kinematische Untersuchung der Passform eines aktiven Exoskeletts für die
untere Extremität ...................................................................................................................... 13
(C. Plegge)
Quantifizierung und Bewertung von Belastungen bei der Kabelbaummontage und Simulation
einer Entlastung durch ein Unterstützungssystem ................................................................... 21
(R. Benker, K. Heinrich, G.-P. Brüggemann)
Mobiles Augmented-Reality-System für Handwerker ............................................................. 31
(K. Nuelle, J. Kotlarski, T. Ortmaier)
Bewertungskonzept zur Identifikation von kognitiven Unterstützungstechnologien in der
manuellen Montage .................................................................................................................. 41
(C. Herder, J. C. Aurich)
Smart Workbench: Ein multimodales und bidirektionales Assistenzsystem für den
industriellen Einsatz ................................................................................................................. 49
(J. Höcherl, S. Niedersteiner, S. Haug, C. Pohlt, T. Schlegl, K. Weber, T. Berlehner)
Assistive Sicherheitstechniken in der geriatrischen Pflege ...................................................... 59
(J. Hergesell, A. Maibaum)
Selbstbestimmte Technologie und selbstbestimmte Anwendung ............................................ 69
(A. Koppenburger, M. Garthaus, R. Simon, H. Remmers)
Evaluierung der Nutzerakzeptanz tragbarer Hilfsmittel zur passiven Kraftunterstützung für
Altenpflegekräfte ...................................................................................................................... 79
(C. M. Hein, M. Pfitzer, T. C. Lüth)
Akzeptanz durch Anpassung? .................................................................................................. 89
(K. Liggieri)
Welche technische Unterstützung wünschen sich Menschen mit Demenz? ............................ 97
(C. Brändle, J. Hirsch, N. Weinberger, B.-J. Krings)
Technikakzeptanzmodelle: Theorieübersicht und kritische Würdigung mit Fokus auf ältere
Nutzer/innen (60+) ................................................................................................................. 107
(S. Misoch, C. Pauli, E. Ruf)
Soziotechnisch unterstütztes Wohnen im Alter...................................................................... 117
(R. G. Heinze)
Smarte Quartiere 2050 flexibel, resilient und intelligent ................................................... 129
(J. Schubert, S. Leonhardt, M. Schneider, T. Neumann, B. Gill, T. Teich)
IKT-unterstütztes Toilettensystem für ältere Menschen ....................................................... 139
(P. Panek, P. Mayer)
Exoskeleton Portfolio Matrix ................................................................................................. 147
(R. A. Goehlich, I. Krohne, R. Weidner, C. Gimenez, S. Mehler, R. Isenberg)
Von der Natur inspiriert ......................................................................................................... 157
(R. Strommer)
Zweite transdisziplinäre Konferenz
„Technische Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen“ 2016
Bedarfsgerechte Industrieanwendungen kollaborierender Mensch-Roboter-Systeme in
Produktionsprozessen ............................................................................................................. 163
(K. Delang, L. Winkler, M. Bdiwi, M. Breitfeld, M. Putz)
Gesellschaftliche Auswirkungen von Wearable-Technologie .............................................. 173
(N. Kleine)
Mobile Interaction Concepts for the Future Technician ....................................................... 183
(J. N. Czerniak, T. Hellig, C. Brandl, A. Mertens, C. M. Schlick)
Wissen die Menschen, was sie wirklich wollen? ................................................................... 193
(K. Herrmanny, A. Dogangün)
Anforderungsermittlung auf Basis einer kontextintegrierenden, praxiszentrierten
Bedarfsanalyse die KPB-Methodik ..................................................................................... 203
(K. Paetzold, H. Pelizäus-Hoffmeister)
Der interdisziplinäre Entwicklungsprozess von aktiv angetriebenen, körpergetragenen
Exoskeletten für die oberen Extremitäten am Beispiel des „Stuttgart Exo-Jacket“ ............... 213
(T. Rogge, U. Daub, A. Ebrahimi, U. Schneider)
Prozessmodell zur anwendungsorientierten Entwicklung von Power-Tools ........................ 223
(S. Matthiesen, R. Germann, S. Schmidt, K. Hölz, M. Uhl)
Taxonomische Kriterien technischer Unterstützung .............................................................. 233
(A. Karafillidis, R. Weidner)
User-Centred Design als Instrument zur Bewertung ethischer Implikationen neuer Mensch-
Technik-Interaktionen ............................................................................................................ 249
(A. Trübswetter, T. Grewe, S. Glende)
Förderung der körperlichen Aktivität bei älteren Menschen durch körpernahe Sensorik ..... 259
(J. Meyer, S. Boll, C. Voelcker-Rehage, S. Lippke)
Soziotechnische Assistenzensembles ..................................................................................... 269
(P. Biniok)
Raum-Spiel ............................................................................................................................. 285
(O. Schürer, C. Müller, C. Hubatschke, B. Stangl)
(Datenschutz)rechtliche Herausforderungen im Gesundheitsbereich ................................... 295
(M. Schuler-Harms, D.-S. Valentiner)
Beschreibung bestehender Sicherheitsnormen und fachspezifischer Erkenntnisse bei der
Entwicklung von Exoskeletten ............................................................................................... 307
(K. Polunin, M. Klöckner, B. Kuhlenkötter, C. Plegge)
MEESTAR2 ............................................................................................................................ 317
(K. Weber)
Human Perception of Velocity and Lateral Deviation in Haptic Human-Robot Collaboration
................................................................................................................................................ 327
(J. Schmidtler, L. Petersen, K. Bengler)
Gaze Gesture-Based Human Robot Interface ........................................................................ 339
(Sh. Alsharif, O. Kuzmicheva, A. Gräser)
Individuelle und dynamische Werkerinformationssysteme .................................................. 349
(S. Teubner, G. Reinhart, R. Haymerle, U. Merschbecker)
Zweite transdisziplinäre Konferenz
„Technische Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen“ 2016
Human Enhancement Technology ......................................................................................... 365
(R. Weidner, F. Steinicke)
Kooperative Störungsdiagnose durch Bediener und Assistenzsystem für Verarbeitungsanlagen
................................................................................................................................................ 375
(L. Oehm, T. Müller, R. Müller, A. Schult, J. Ziegler, J.-P. Majschak, L. Urbas)
Mobile akustische Gang- und Laufanalyse ............................................................................ 385
(N. Schaffert, I. Goetze, K. Mattes, T. Knieling, K.-M. Stephan)
Explorative Co-Design-Werkzeuge zum Entwerfen von Smart Connected Things am Beispiel
eines Workshops mit Blinden und Sehbehinderten ................................................................ 395
(A. Kurze, K. Lefeuvre, M. Storz, A. Bischof, S. Totzauer, A. Berger)
Systematische Risikobewertung für eine additiv gefertigte, kosteneffiziente Handprothese 401
(I. S. Yoo, M. Peipp, J. Franke)
Adaptive Assistenzsysteme in der Textilindustrie ................................................................. 411
(M. Löhrer, N. Ziesen, J. Lemm, M. Saggiomo, Y.-S. Gloy)
Gamification im Anlernprozess am Industriearbeitsplatz – ein inklusiver Ansatz ............... 421
(S. Haug, L. Glashauser, B. Großmann, C. Pohlt, T. Schlegl, A. Wackerbarth, K. Weber)
Configuration of smart embedded devices in the field using NFC ....................................... 431
(J. Haase, D. Meyer)
Zur Wirkungsweise partizipativer Verfahren in technischen Entwicklungsprozessen ......... 443
(S. Buchmüller, S. Maaß, C. Schirmer)
Nutzerstudie im Projekt LISA² Habitec ................................................................................. 453
(A. Engler, E. Schulze)
Akustische Marker für eine verbesserte Situations- und Intentionserkennung von technischen
Assistenzsystemen .................................................................................................................. 465
(I. Siegert, A. F. Lotz, O. Egorow, R. Böck, L. Schega, M. Tornow, A. Thiers, A. Wendemuth)
Kennzeichnung von Nutzerprofilen zur Interaktionssteuerung beim Gehen ......................... 475
(A. Thiers, D. Hamacher, M. Tornow, R. Heinemann, I. Siegert, A. Wendemuth, L. Schega)
Mobile Geräte und Telemedizin in der Rehabilitation – Was wünschen sich Patienten? ..... 485
(N. Jankowski, J. Gerstmann, L. Schönijahn, M. Wahl)
Leichtgewichtige und inhärent biomechanisch kompatible Unterstützungssysteme für
Tätigkeiten in und über Kopfhöhe ......................................................................................... 495
(B. Otten, R. Weidner, C. Linnenberg)
Tragbare Assistenzsysteme in der Automobilmontage ......................................................... 507
(J. Bornmann, A. Kurzweg, K. Heinrich)
Analyse der Engineering-Kette im Hinblick auf die Entwicklung körpergetragener technischer
Systeme .................................................................................................................................. 517
(R. Weidner, C. Linnenberg, A. Hypki, J. P. Wulfsberg, B. Kuhlenkötter)
Systematische Entwicklung von Einheiten aus Power-Tools und anziehbaren
Unterstützungssystemen ......................................................................................................... 527
(R. Weidner, S. Matthiesen, T. Bruchmüller, S. Mangold, J. P. Wulfsberg)
Zweite transdisziplinäre Konferenz
„Technische Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen“ 2016
Recupera-Reha: Exoskeleton Technology with Integrated Biosignal Analysis for
Sensorimotor Rehabilitation ................................................................................................... 535
(E. A. Kirchner, N.Will, M. Simnofske, L. M. Vaca Benitez, B. Bongardt, M. M. Krell, S. Kumar, M. Mallwitz,
A. Seeland, M. Tabie, H. Wöhrle, M. Yüksel, A. Heß, R. Buschfort, F. Kirchner)
Knie-Exoskelett für bewegungseingeschränkte und gehandicapte Personen mit flexiblem
Gelenk zur Realisierung menschlicher Bewegungsmuster .................................................... 549
(R. Weidner. J. Müller, A. Schweim, M. Schweim, S. Grube)
Energy Harvesting für Werkzeugtracking in Großproduktionsanlagen ................................ 557
(O. Schantin, A. Busse, V. Skwarek, W. Kaiser)
Exoskelettale Wirbelsäulenstruktur zur Aufnahme und Umleitung von Kräften zur
Rückenentlastung ................................................................................................................... 567
(T. Meyer, R. Weidner)
RehaInteract ........................................................................................................................... 577
(J. Liebach, M. Wolschke, A. Smurawski, M. John, G. Kock, A. Grohnert, J. Piesk, M. Polak)
Zur Gestaltung autonomer sozialer Assistenzsysteme für einen freudvollen und
bedeutungsvollen Alltag ......................................................................................................... 589
(J. Welge, M. Hassenzahl, S. Schwarz)
Gestaltung eines biomimetischen, weichen Muskelhandschuhs ............................................ 599
(Z. Yao, R. Weidner, C. Linnenberg, A. Argubi-Wollesen, J. P. Wulfsberg)
Autorenverzeichnis ................................................................................................................. 611
Zweite transdisziplinäre Konferenz zum Thema „Technische Unterstützungssysteme, die die
Menschen wirklich wollen“ 2016
Assistive Sicherheitstechniken in der geriatrischen
Pflege
Konfligierende Logiken bei partizipativer Technikentwicklung
J. Hergesell, A. Maibaum
Technische Universität Berlin
Fraunhoferstr. 33-36, 10587 Berlin
jannis.hergesell@innovation.tu-berlin.de, arne.maibaum@innovation.tu-berlin.de
Kurzzusammenfassung
Assistiven Sicherheitstechniken wird das Potential zur Lösung für die mit dem demographi-
schen Wandel assoziierten Herausforderungen der geriatrischen Pflege zugeschrieben. Aller-
dings besteht eine Diskrepanz zwischen postuliertem Nutzen und dem tatsächlichen Einsatz im
Pflegealltag. Am Beispiel von Sicherheitsassistenzen in der Pflege wird gezeigt, dass Pflege-
technik durch eine mangelnde Integration der verschiedenen Wahrnehmungs- und Deutungs-
muster der involvierten Akteursgruppierungen bei der Technikimplementierung hinter ihrem
Potential zurückbleibt oder abgelehnt wird. Der Artikel empfiehlt die Ergänzung bisheriger An-
sätze der partizipativen Technikentwicklung um formationsspezifische und historisch gewach-
sene Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, um einer Dominanz der inhärent in die Techniknut-
zung eingeschriebenen ökonomischen Logiken entgegenzuwirken.
Abstract
Assistive safety technologies in geriatric care - Strategic interests and side effects
Assistive safety technologies are frequently regarded as a potential solution for problems asso-
ciated with demographic changes in the context of geriatric care. However, there is a discrep-
ancy between the postulated benefits and their actual use in everyday care practices. Using the
example of safety assistants in care, this article demonstrates that care technology falls short of
fulfilling its potential or is even rejected, if the different perceptive and interpretative patterns
of the involved actors are insufficiently integrated. The article recommends that previous ap-
proaches of participatory technology development should be complemented with a formation-
specific and historically grown perception and interpretation patterns in order to counterbalance
the predominance of the economic rationalities inherently inscribed in the use of such technol-
ogies.
Keywords: Assistive Sicherheitstechnik, Pflege, partizipative Technikentwicklung, Demenz,
Lebensqualität
1 Technische Assistenzsysteme in der Pflege
Technische Assistenzsysteme verbreiten sich gegenwärtig im gesamten Gesundheitssektor,
dies gilt besonders für die geriatrische Pflege. Für die mit dem demographischen Wandel asso-
ziierten Herausforderungen der Pflege wie Personalmangel (Pflegenotstand), wachsende An-
zahl an Pflegebedürftigen, mangelnde Qualität der Versorgung, Überbelastung der professio-
nell Pflegenden und pflegenden Angehörigen sowie die langfristige Finanzierbarkeit von Pflege
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Zweite transdisziplinäre Konferenz zum Thema „Technische Unterstützungssysteme, die die
Menschen wirklich wollen“ 2016
[1, 2, 3] postulieren sowohl gesundheitspolitische Akteure und Kostenträger wie auch Interes-
senvertreter von Pflegenden, Gepflegten sowie Angehörigen technische Assistenzen als Lö-
sungsstrategien. Technische Assistenzsysteme sollen „[…] nach Beschreibung der Technikent-
wickler die Lebensqualität der Pflegebedürftigen verbessern sowie die Arbeit der Pflegekräfte
erleichtern und damit die Effizienz und Effektivität von Pflegeleistungen erhöhen.“ [4]
Den hauptsächlichen positiven Zuschreibungen von Pflegetechnik und der prinzipiellen tech-
nischen Machbarkeit von technisch assistierter Pflege stehen im auffallendem Kontrast die ge-
ringe Verbreitung von Assistenzen im Pflegealltag sowie die ablehnende Haltung von Teilen
der Pflegenden und Gepflegten gegenüber. Neben der bloßen Unkenntnis bezüglich der techni-
schen Lösungen von Pflegeproblemen wird eine Technisierung der Pflege oft wegen diffuser
Ängste vor „Entmenschlichung“ der Pflege oder des Ersatzes qualifizierter Pflegender durch
Assistenzen abgelehnt bzw. kritisiert.
Mit verschiedenen Methoden wird versucht, einer dysfunktionalen und einseitigen Implemen-
tierung von Technik entgegenzuwirken. Ansätze für eine integrativere Technologie bieten zum
Beispiel die partizipative Technikentwicklung [5] oder das „constructive technology assess-
ment“ [6]. Als Antagonisten in der Technikentwicklung werden üblicherweise die Pole „Ent-
wickler“ und „Anwender“ gesehen. Das Ziel der Entwickler ist es, die Technik zu implemen-
tieren, während die Anwender und die Nutzer mehr Empfänger der Technik sind. Vermittelt
werden muss deshalb die „[…] Diskrepanz zwischen den von Entwicklern antizipierten Nutzen
und der tatsächlichen Lebenswirklichkeit der Anwender.“ [2]. Wenn dies gelingt, steht am Ende
des Prozesses „nützliche“ Technik. Gerade im Bereich der (geriatrischen) Pflege gibt es Pro-
jekte, die versuchen, diesen Plan umzusetzen und Assistenzsysteme nicht als Entwicklung des
technisch Machbaren, sondern des sozial Erwünschten zu konzipieren [7]. Zur Überwindung
der Kluft zwischen Anwendern und Entwicklern erfolgt hierbei zuerst eine dezidierte Bedarfs-
analyse aller beteiligten Parteien. Auf Grundlage der Befunde der Analyse soll die Technik
bedarfs- und wunschgerecht gestaltet werden. Hierzu dienen zum Beispiel Szenarien [7] oder
Workshops mit den Entwicklern und Anwendern [8].
Als Problem stellt sich hier oft schon die unklare Anwender- bzw. Nutzerkonzeption dar. Be-
sonders bei Technik, die in der Interaktion zwischen Pflegenden und Gepflegten situiert ist,
greift eine Fokussierung auf den Gepflegten als Anwender zu kurz. Zudem zeigt sich, dass
gerade im geriatrischen Bereich die potentiellen Nutzer nicht auf die antizipierte Weise parti-
zipieren können. Nahezu unmöglich ist eine angemessene Nutzerbeteiligung im Falle dementi-
ell erkrankter Pflegebedürftiger [9]. Im Zuge des akuten Ressourcenmangels und des prognos-
tizierten Anstiegs demenzieller Erkrankungen [10] werden gerade die Entwicklung und der
Einsatz in der Pflege von Menschen mit Demenz forciert.
Schwerer wirkt aber noch die mangelnde Integration verschiedener Logiken der beteiligten Ak-
teure. Um technische Assistenzsysteme für die geriatrische Pflege für alle Beteiligten zufrie-
den- und gewinnbringend entwickeln und einsetzen zu können, müssen die Perspektiven aller
Akteure und die komplexen sozialen Dimensionen von technischen Assistenzen berücksichtigt
werden. Neben den gewünschten Effekten verändern sich Identitäts- und Rollenauffassungen
sowie Interaktionsordnungen von Pflegenden, Gepflegten und Angehörigen sowie gesamtge-
sellschaftliche Auffassungen von Alter(n) und kompetenter, ethisch vertretbarer Pflege. Hierbei
kommt es vor allem zu Konflikten zwischen Akteuren, welche an einer an ökonomischen Lo-
giken orientierten Effizienzsteigerung durch Pflegetechnik interessiert sind und Akteuren, wel-
che durch Pflegetechnik pflegeimmanente Werte wie psychosoziale Betreuung und qualifizierte
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Zweite transdisziplinäre Konferenz zum Thema „Technische Unterstützungssysteme, die die
Menschen wirklich wollen“ 2016
Pflege unterstützt sehen wollen bzw. eine Gefährdung dieser Werte durch Technikimplemen-
tierung befürchten. Der sozialwissenschaftliche Forschungsstand zu den sozialen Dimensionen
von Assistenztechniken ist allerdings bisher wenig ausdifferenziert. Im Folgenden wird auf die
in der Technikentwicklung kollidierenden Wahrnehmungs- und Deutungsmuster hingewiesen
und aufgezeigt, wie deren Aushandlung stattfindet und welche Auswirkungen der Einsatz von
Assistenzen auf die sozialen Strukturen der Pflege entwickeln können.
2 Empirie: Problemwahrnehmungen und konfligierende Interessen im Pflegealltag
Die verwendeten empirischen Beispiele sind Auszüge aus drei komparativen Fallstudien. Die
Fallauswahl wurde auf assistive Sicherheitstechniken in der Pflege von demenziell erkrankten
Menschen eingeschränkt. Hiermit sind Assistenzen gemeint, welche der unmittelbaren physi-
schen Sicherheit von Menschen mit Demenz dienen sollen, auf Basis von Informations- und
Kommunikationstechnologien (KIT) funktionieren und (hauptsächlich) von den Pflegenden ge-
nutzt/gesteuert werden (passive Nutzung der Gepflegten) [11, 12].
Bei den eingesetzten Sicherheitstechniken handelte es sich um 1) den sogenannten „Chip im
Schuh“, welcher im Falle des Verlassens der Einrichtung die Pflegenden mittels eines akusti-
schen Warntons alarmiert 2) ein sensorbasiertes Assistenzsystem, welches anhand von Bewe-
gungssensoren dem Pflegepersonal durch Benachrichtigung auf einen Pieper oder ein Smart-
phone Auskunft über Bewegungen und potentielle Risiken der Gepflegten gibt sowie einen
tragbaren GPS-Tracker zur Ortung von Gepflegten, welche das Gelände der Einrichtung ver-
lassen und 3) den Hausnotruf bzw. die Kooperation zwischen einem ambulanten Pflegedienst
und dem Personal des Hausnotrufs, welche durch ein Hausnotrufgerät (und modulare Erweite-
rungen wie Feuer-, Wasser- und Gasmelder oder Tür-, Fenster- und Sturzdetektoren) und einem
am Körper getragenen Notrufknopf in Kontakt mit den Gepflegten treten. Statt die Akteure in
ihrer nominellen Rolle zu sehen, wurden induktiv aus dem Feld heraus sechs Akteursgruppie-
rungen identifiziert, welche im Kontext von technischen Assistenzen in Hinblick auf die grund-
sätzliche Entscheidung zur Implementierung und der konkreten Anwendung im Pflegealltag
relevant sind: Pflegedienstleitungen, professionell Pflegende, Gepflegte, Angehörige und sozi-
ales Umfeld, Technikentwickler und -anbieter sowie sozial- und gesundheitspolitische Akteure
sowie Kostenträger. Diese Akteursgruppierungen wurden mittels strukturierter Leitfadeninter-
views, fokussiert-ethnographischen Beobachtungen und prozessproduzierter Daten untersucht.
Die Attribute, welche den assistiven Sicherheitstechniken zugeschrieben werden bzw. für wel-
che Problemlagen sie eine Lösung darstellen sollen, sind vornehmlich persuasiv-positive Kon-
notationen. Generell lässt sich feststellen, dass die Implementierung von Pflegetechnik mit der
Steigerung von Effizienz (Kostenreduktion und Prozessoptimierung) sowie der Lebensqualität
von Gepflegten (Autonomiezuwachs und gesteigerte Sicherheit) als auch der formell und in-
formell Pflegenden (Vermeidung von Fehleinsätzen, Entlastung von Kontrollaufgaben sowie
emotionaler Belastung und mehr Zeit für Arbeit am Patienten) beworben und assoziiert wird.
Diese mit der Pflegetechnik verbunden Lösungsstrategien scheinen auf den ersten Blick für alle
Akteursgruppierungen vorteilhaft und wenig konfliktbehaftet. Offenbar werden alle Interessen
der an der Pflege beteiligten Akteursgruppierungen berücksichtigt, so dass die Implementierung
der Assistenzen eine ausschließlich produktive Wirkung entfalten müsste. Genau an diesem
Punkt jedoch zeigt sich der Mehrwert einer sozialwissenschaftlichen Analyse der konkreten,
inhärent in die Technik eingeschrieben Vorstellungen von „guter Pflege“ sowie von nicht in-
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Zweite transdisziplinäre Konferenz zum Thema „Technische Unterstützungssysteme, die die
Menschen wirklich wollen“ 2016
tendierten Effekten der Techniknutzung. Die Empirie zeigt, dass die heterogenen Sozialisatio-
nen der verschiedenen Akteursgruppierungen teils antagonistische – Auffassungen von „gu-
ter“ Pflege bzw. der unscharfen und daher missverständlichen Begrifflichkeiten der Effizienz-
und Lebensqualitätssteigerung zur Folge haben, welche sich aufgrund ihrer latenten Natur nicht
(oder nur unzureichend) durch die bisherigen Ansätze der partizipativen Technikentwicklung
erheben lassen.
Prinzipiell lassen sich zwei verschiedene Deutungs- und Wahrnehmungsmuster innerhalb der
Akteurskonstellation identifizieren, welche die Problemstellungen, die durch Technikeinsatz
gelöst werden sollen, unterschiedlich definieren und zu Unzufriedenheit oder gar einem Schei-
tern der Technikimplementierung führen können: Die Akteursgruppierungen der Entwickler
und Anbieter von Pflegetechnik sowie die sozial- und gesundheitspolitischen Akteure als auch
die Kostenträger sind Träger einer an ökonomischen Kriterien im Sinne einer Zweck-Mittel-
Relation orientierten Logik der Effizienzsteigerung, während die Pflegenden, die Angehörigen
sowie die Gepflegten pflegeimmanente Wahrnehmungs- und Deutungsmuster internalisiert ha-
ben. Die generell geteilten, anscheinend deckungsgleichen Problemwahrnehmungen der Ak-
teursgruppierungen – welche sich als ein chronischer Mangel an zeitlichen, personalen und fi-
nanziellen Ressourcen in der Pflege subsummieren lassen ziehen durch die unterschiedlichen
Logiken verschiedene Auffassungen von Problemfokussierungen und angestrebten Lösungs-
strategien nach sich.
Pflegeimmanente Wahrnehmungs- und Deutungsmuster umfassen einen solidarischen, huma-
nistischen Anspruch an die Pflege demenziell erkrankter Menschen, welche fachlich-korrekte
medizinische Versorgung ebenso umfasst wie qualifizierte psychosoziale Betreuung der Ge-
pflegten. Aus dieser Perspektive heraus sollte die alltägliche Versorgung auf die individuellen
Bedürfnisse der Gepflegten eingehen und über die bloße Grundversorgung der Gepflegten hin-
aus eine Gewährleistung von Lebensqualität im Sinne der Achtung der Würde der Gepflegten,
einer größtmöglichen Aufrechterhaltung der Selbstständigkeit (Autonomie) der Gepflegten und
einer Teilhabe an der Gesellschaft garantieren. Die Bedingungen zur Erfüllung dieser Ziele
werden in der Bereitstellung von gut qualifizierten Fachkräften und einer Arbeitsorganisation,
welche ausreichend zeitliche Ressourcen zur Verfügung stellt, gesehen.
Ökonomische Wahrnehmungs- und Deutungsmuster fokussieren dagegen die Finanzierbarkeit
von Pflege, rechtliche Aspekte wie Kostenerstattung oder Regularien zur Einhaltung von ge-
setzlichen Standards sowie die möglichst effektive Gestaltung der Arbeitsorganisation in einem
betriebswirtschaftlichen Sinne. Fokussiert werden hier weniger die alltäglichen Pflegesituatio-
nen, sprich die Wahrnehmung des Einzelfalls, sondern eher der ökonomische Umgang mit Res-
sourcen im Pflegebereich an sich, durch welchen die langfristige Versorgung pflegebedürftiger
Menschen unter den Bedingungen des demographischen Wandels gewährleistet werden kön-
nen. Erreicht werden sollen diese Ziele durch eine Effizienzsteigerung, also die möglichst effi-
ziente Nutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen und der Kostenreduktion bzw. der
Vermeidung von als nicht notwendig erachteten Pflegehandlungen.
Eine Beachtung der Differenz der Akteursgruppierungen und ihrer unterschiedlichen Wahrneh-
mungs- und Deutungsmuster findet in den aktuellen Technikentwicklungsprozessen nicht oder
nur in einer unzureichenden Maße statt. Die Wirkkraft der unterschiedlichen Sozialisationen
und der daraus resultierenden differenten Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der Akteurs-
gruppierungen in Hinsicht auf das Potential der wechselseitigen Fehlinterpretation darf nicht
unterschätzt werden. Es handelt sich nicht nur um konkrete Fehlinformationen im Sinne einer
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Zweite transdisziplinäre Konferenz zum Thema „Technische Unterstützungssysteme, die die
Menschen wirklich wollen“ 2016
missglückten Bedarfsanalyse oder des Unvermögens, die Ziele von Techniknutzung zu kom-
munizieren, sondern um grundsätzlich unterschiedliche Auffassungen, Prioritäten und Ziele ei-
ner „technisierten Pflege“. Verkürzt bedeutet dies, dass die inhärent in die Technik eingeschrie-
ben Logiken seitens der Initiatoren, Entwickler und Anbieter von Assistenzen nicht an die Nor-
men und Werte der Anwender bzw. Nutzer im Pflegealltag anschlussfähig sind und daher ab-
gelehnt oder als fehlkonzipiert wahrgenommen werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies
ebenso, dass die Pflegenden ihre Wünsche und Ziele bzw. von ihnen abgelehnte Folgen einer
Technisierung im Entwicklungs- und Evaluationsprozess nicht nachvollziehbar artikulieren
bzw. ihre Anforderungen nicht in der Form kommunizieren können, so dass die Entwickler und
Anbieter der Pflegetechnik diese nicht ursächlich nachvollziehen und umsetzen können.
2.1 Verschiedene Perspektiven auf technisch assistierte Lebensqualität
Exemplarisch lassen sich diese Differenzen bei dem zentralen Aspekt der Schaffung und Er-
haltung von Lebensqualität durch assistive Sicherheitstechniken zeigen. Der Begriff der Le-
bensqualität wird im Diskurs um technische Assistenzen prominent genutzt. Pflegetechnik wird
insgesamt ein großes Potential zugeschrieben, sowohl die Lebensqualität der Gepflegten als
auch die der Pflegenden zu steigern.
Dass eine Steigerung von Lebensqualität prinzipiell begrüßenswert ist, steht für alle Akteurs-
gruppierungen außer Frage. Ebenso kann als Konsens angesehen werden, dass die Steigerung
von Lebensqualität durch Technik ermöglicht werden kann. Bei einer genaueren Analyse zeigt
sich jedoch, dass Lebensqualität – in diesem Fall die Lebensqualität von Gepflegten und Pfle-
genden mit unterschiedlichsten Bedeutungsinhalten gefüllt wird. Je nach Perspektive können
dabei unterschiedliche Ideale und Handlungsvorschläge adressiert werden. Auf den ersten Blick
verfolgen diese scheinbar das gemeinsame Ziel der Steigerung der Lebensqualität. Bei einer
genaueren Betrachtung wird aber deutlich, dass unterschiedliche, teils sogar gegensätzliche De-
finitionen von Lebensqualität und deren Steigerung durch Pflegetechnik vorliegen:
Die an pflegeimmanenten Wahrnehmungs- und Deutungsmustern orientierten Akteursgruppie-
rungen sehen die Lebensqualität von Gepflegten konstituiert durch individuelle, durch Pfle-
gende ermöglichte Bedürfniserfüllung. Selbstbestimmung, also die Gestaltung des Alltags nach
eigenen Kriterien, ist ebenso ein zentraler Indikator für die Lebensqualität der Gepflegten. Die
Selbstbestimmung wird aus dieser Perspektive durch die Unterstützung von qualifiziertem Pfle-
gekräften konzipiert, welche die krankheitsbedingten Defizite der Gepflegten kompensieren
und durch eine gezielte psychosoziale Betreuung im Rahmen der Möglichkeiten die Kompe-
tenzen der Erkrankten erhalten und fördern. Lebensqualität für die Gepflegten wird also durch
eine qualitativ hochwertige, zeitintensive und primär psychosoziale Betreuung auf Basis einer
genauen Betrachtung des Einzelfalls verstanden. Lebensqualität für Pflegende wird als eine
Entlastung von nicht genuin pflegerischen Alltagsanforderungen wie der Kontrolle der physi-
schen Sicherheit der Gepflegten, bürokratischer Verwaltung aber auch der Vermeidung von
Überbelastung durch Personal- bzw. Zeitmangel gesehen. Immer wieder betonen die Pflegen-
den, dass sie ihre Arbeit als sinnstiftend und erfüllt wahrnehmen, wenn sie ihrem Anspruch an
die eigene Arbeit gerecht werden können eine qualitativ hochwertige Betreuung der Gepflegten
über die bloße materielle Versorgung und Aufsicht hinaus garantieren können. Pflegetechnik
soll daher keine pflegerische Expertise ersetzten, sondern einen besseren Einsatz von individu-
eller Betreuung ermöglichen und Freiräume schaffen, sich intensiv mit einzelnen Gepflegten
befassen zu können. Die Technik soll nach diesen Vorstellungen also vor allem eine Assistenz
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bei der Durchführung der pflegerischen Kernaufgaben der psychosozialen Betreuung darstellen
und keineswegs pflegerische Expertise im Sinne einer Handlungsvorgabe ersetzen.
Die an ökonomischen Logiken orientierten Akteursgruppierungen assoziieren dagegen Lebens-
qualität eher mit einer insgesamt effizienten Nutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen.
Für sie ist eine effiziente Durchführung der Pflege die Garantie für bzw. Ausgangspunkt zur
Steigerung der Lebensqualität. Es ist festzustellen, dass Lebensqualität aus dieser Perspektive
heraus ein wesentlich weniger scharf definierter Begriff ist und oft auch eher zur strategischen
Legitimierung von Zielvorstellungen genutzt wird als dass sie ein zentrales Kriterium des eige-
nen Handelns ist. Die Lebensqualität von Gepflegten, besonders im Falle von Menschen mit
Demenz, wird in der Schaffung von größtmöglicher Sicherheit im Sinne des effizienten Schut-
zes vor physischen Verletzungen gesehen. Selbstbestimmung und Autonomie sind auch bei
dieser Akteursgruppierung zentrale Indikatoren von Lebensqualität, allerdings wird diese hier
als eine möglichst große Unabhängigkeit von Pflege bzw. Pflegenden aufgefasst. Als Versor-
gungsform, welche die größtmögliche Autonomie garantiert, wird die ambulante Pflege mit
möglichst wenig pflegerischer Intervention verstanden. Lebensqualität für die Pflegenden ist
nach ökonomischen Wahrnehmungs- und Deutungsmustern die Entlastung von „unnötiger“
Pflege bzw. der Minimierung von Pflegeeinsätzen, welche keine grundpflegerische oder sicher-
heitskritische Implikation aufweisen. Die Entlastung von prekären Arbeitsbedingungen durch
möglichst effiziente, standardisierte Arbeitsorganisation wird als zentrales Mittel zur Steige-
rung von Lebensqualität wahrgenommen. Dementsprechend soll mit Pflegetechnik erreicht
werden, dass personalintensive Pflegeeinsätze reduziert und die Selbstbestimmung der Ge-
pflegten sowie die Entlastung der Pflegenden gefördert wird. Dies wird anhand von in die Tech-
niken eingeschriebenen standardisierten Funktionen ermöglicht, welche einen effizienten Ein-
satz der Pflegenden bewirken soll. So könnte z. B. durch die Reduktion von Kontrollgängen
der Pflegenden in stationären Einrichtungen durch Überwachungstechnik eine Entlastung er-
folgen. Darüber hinaus werden von ihnen Eigenschaften der Technik präferiert, welche über
die konkrete Pflegesituation hinaus in einem größeren Kontext Pflegehandlungen effizienter
gestalten und so zu einem allgemeinen Zuwachs an Lebensqualität für alle Beteiligten führen.
Entsprechend den unterschiedlichen Auffassungen von Lebensqualität sind auch die Vorstel-
lungen der durch die Technik zu erfüllenden Funktionen und Eigenschaften verschieden, auch
wenn sie auf den ersten Blick als geteilte Zielvorstellungen erscheinen. Die geteilten Ziele und
Vorstellungen und wie diese durch Technik erreicht werden können, differieren also bei einer
detaillierten Betrachtung, was eine Implementierung von Pflegetechnik und einen Einsatz ge-
mäß ihres prinzipiellen Potentials erschwert.
2.2 Beispiel 1: technische Assistenz während Nachtwachen
Wie sich diese nicht deckungsgleichen Vorstellungen im Pflegealltag auswirken, lässt sich an
der Nutzung der Technik während der Nachtwachen illustrieren. Hier besteht das typische Prob-
lem, dass oft nur eine Pflegekraft für über zwanzig Gepflegte zuständig ist, welche darüber
hinaus durch die Demenz einen verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus aufweisen. Die Pflegekraft
muss daher neben der regelmäßigen Kontrolle, ob sich alle Bewohner in ihren Zimmer aufhal-
ten und nicht gestürzt bzw. wohlauf sind, noch psychosoziale Betreuung von desorientierten
oder agitierten Bewohnern leisten. In der untersuchten Einrichtung wird ein sensorbasiertes
Assistenzsystem eingesetzt, welches per Bewegungsmeldern der Pflegekraft mitteilt, wenn ein
Bewohner aufgestanden ist oder das Zimmer verlässt – so sollen die Bewohner effizient gegen
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Stürze geschützt, Störungen durch nächtliche Kontrollen vermieden und das Pflegepersonal von
Unsicherheit und Kontrollgängen entlastet werden. Allerdings kontrollieren die Pflegekräfte
weiterhin im (stündlichem) Rhythmus die Zimmer, da sie zum einem eine hohe Verantwortung
für die Pflegenden wahrnehmen, die sie nicht hundertprozentig an das Assistenzsystem abgeben
wollen, und zum anderen, da sie ihre Aufsichtstätigkeit nicht auf bloße Sicherheitsaspekte, in
diesem Fall die Sturzvermeidung, reduzieren wollen. Das Assistenzsystem soll vor allem kriti-
sche Situationen melden, etwa wenn ein „gefährdeter“ Gepflegter sein Bett oder Zimmer ver-
lassen hat, sprich ein „Sicherheitsrisiko“ im Sinne einer physischen Verletzung vorliegt. Die
Pflegenden sehen aber auch etwaige Angst- oder Erregungszustände oder andere Bedürfnisse
der Bewohner, welche diese durch ihre Erkrankungen nicht mehr verbal artikulieren können,
als Implikation für eine psychosoziale Pflegemaßnahme an, auch wenn diese nicht durch das
Assistenzsystem gemeldet werden. Diese Aufsichtsmaßnahmen werden von den Pflegenden
auch nicht als „Störung“ im Sinne einer Verletzung der Autonomie interpretiert, sondern eher
als pflegerische Maßnahme zur Bedürfniserfüllung.
Die Folge ist, dass das eigentliche Ziel des Assistenzsystems, die Kontrollgänge zu reduzieren
und die Bewohner vor „unnötigen“ Störungen zu schützen, weder erreicht noch erwünscht ist.
Die inhärent in die Technik eingeschriebene Vorstellung von Entlastung im Sinne der Ver-
hinderung von nicht sicherheitsrelevanten Pflegemaßnahmen und der Reduktion von unmittel-
barer Interaktionen zwischen Pflegenden und Gepflegten entspricht nicht den Pflegevorstel-
lungen der Pflegekräfte und den von ihnen antizipierten Bedürfnissen der Gepflegten. Auch
wenn das Assistenzsystem durchaus ebenfalls in der Lage ist, nächtliche Stürze zu vermeiden,
besteht so die Tendenz der Pflegenden, die grundsätzliche Eignung der Assistenz in Frage zu
stellen, sie im Pflegealltag eher zu ignorieren bzw. sie nicht zu nutzen und so zu der Einstellung
zu gelangen, eine Technisierung der Pflege bringe keine deutlichen Steigerungen der Lebens-
qualität.
2.3 Beispiel 2: technische Assistenz bei „Weglauftendenzen“
Wie sich diese nicht deckungsgleichen Vorstellungen von Lebensqualität durch Technik in der
Praxis auswirken, lässt sich auch am Beispiel des in der Pflege von Demenz weitverbreiteten
Problems der „Weglauftendenz“ oder des „Bewegungsdrangs“ illustrieren. Ein Symptom von
dementiellen Erkrankungen ist die sogenannte Agitiertheit, welche Menschen mit Demenz ver-
anlasst, ihre Wohnung oder die stationäre Einrichtung zu verlassen, um ihrem Bewegungsdrang
nachzugehen. Im Pflegealltag stellt dies ein großes Problem dar, da sich die Betroffenen auf
Grund ihrer Erkrankung oft nicht mehr orientieren können, sich verlaufen und Gefahren wie
dem Straßenverkehr ausgesetzt sind. Die Pflegenden müssen daher ständig die Anwesenheit
der Gepflegten kontrollieren und im Falle der Abwesenheit zeitintensive und emotional belas-
tende Maßnahmen wie die Suche oder eine Vermisstenmeldung einleiten. Am Beispiel des
„Chips im Schuh“ und der GPS-Ortung wird deutlich, welche unterschiedlichen Problemwahr-
nehmungen und damit in die Technik eingeschrieben Lösungsstrategien die verschiedenen Lo-
giken implizieren. Die Pflegenden betrachten den Bewegungsdrang der demenziell Erkrankten
nicht als prinzipiell störend und als zu unterbinden, sondern sehen die Auslebung der Agitation
als Freiheitsrecht der Gepflegten an. Ihre Aufgabe als Pflegende ist, die individuelle Betreuung
der Gepflegten bei ihren „Spaziergängen“ außerhalb der geschützten Bereiche der Einrichtun-
gen, sprich die Ermöglichung der Wahrung von Selbstbestimmung und in einem gewissen
Maße auch die soziale Teilhabe durch Bewegung in der Öffentlichkeit, zu verwirklichen. Für
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die Pflegenden besteht daher vor allem das Problem, dass sie über das Verlassen der Einrich-
tungen informiert sowie personell ausreichend ausgestattet sein müssen, um die Betreuung zu
gewährleisten. Die in verwendeten Techniken inhärent eingeschriebenen Nutzungsvorgaben
bzw. deren Einsatz im Pflegealltag fokussieren aber weniger auf die Ermöglichung der Bewe-
gungsfreiheit der Gepflegten als auf die Verhinderung von Sicherheitsrisiken und personal- und
zeit- sowie kostenintensiven Suchmaßnahmen. Daher „warnen“ sie die Pflegenden im Falle
eines Verlassens bzw. ermöglichen ein schnelles Auffinden der gesuchten Personen. In der be-
obachteten Praxis hat dies zur Folge, dass die Menschen mit Demenz von den Pflegenden dann
von dem Verlassen der Einrichtungen abgehalten bzw. möglichst schnell in diese zurückver-
bracht werden; sprich dass ein möglichst effizienter Umgang im Sinne der ökonomischen Logik
und nicht eine Orientierung an pflegeimmanenten Werten wie der Durchführung einer indivi-
duellen Betreuung während eines „Spaziergangs“ erfolgt. Zwar erzwingt die eingesetzte Tech-
nik dieses Vorgehen nicht, in der Empirie ließ sich diese Form des Umgangs allerdings be-
obachten. Die Pflegenden handeln, durch die Pflegetechnik impliziert, eher entgegen den eige-
nen Vorstellungen, was zu einer Unzufriedenheit mit den Funktionen der Technik führen kann
bzw. bleibt aus ihrer Perspektive die Technik hinter den von den Pflegenden an sie gestellten
Anforderungen zurück.
3 Ursachen und Folgen der konfligierenden Wahrnehmungs- und Deutungsmuster
Um den Hintergrund der verschiedenen konfligierenden Wahrnehmungs- und Deutungsmuster
der Akteursgruppierungen und deren Implikationen für den Technikeinsatz ursächlich verste-
hen zu können, müssen also die historisch gewachsenen Strukturen in der Pflege beachtet wer-
den. Die wechselseitige Begrenzung von ökonomischen und pflegeimmanenten Interessen in
der Pflege ist eine seit der Konstitution der Pflege bestehende Struktureigentümlichkeit, welche
aus der personalen sowie inhaltlichen Trennung zwischen politischer Regulation des gesell-
schaftlichen Problems der Behandlung von Pflegebedürftigkeit und dem Pflegepersonal resul-
tiert. Zentrale Probleme der Pflege wie der Personalnotstand, die geringe soziale Gratifikation
der Pflegenden, die Dominanz der naturwissenschaftlichen Medizin gegenüber der Pflege und
die „verschleppte“ Professionalisierung sind auf diese Trennung der unterschiedlichen Logiken
zurückzuführen.
Die (beginnende) Technisierung der Pflege läuft nun Gefahr, diesen Prozess fortzusetzen und
damit auch die tradierte Fehlinterpretation und -kommunikation zwischen den Pflegenden und
den politischen Akteuren zu verfestigen. Die grundsätzliche Diskrepanz der verschiedenen
Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, welche die verschiedenen Akteursgruppierungen wäh-
rend ihrer (Berufs)Sozialisation internalisiert haben, sind durch dialogische Strategien nicht zu
überwinden. Die Gefahr der Fehlinterpretation der verschiedenen Kulturen untereinander oder
durch Dritte bleibt bei einer partizipativen Technikentwicklung persistent. Selbst wenn einzelne
Begriffe wie Steigerung von Effizienz und Lebensqualität anscheinend konsensfähig sind, trifft
dies nur auf einer lexikalischen, nicht aber semantischen Ebene zu. Gleichzeitig ergibt sich auch
bei Partizipation ein darüber hinausgehender Effekt: Der Unterschied der Kulturen geht nicht
nur weitestgehend verloren, es zeigt sich auch, dass die Wahrnehmungs- und Deutungsmuster
der ökonomischen Kultur eine viel stärkere Anschlussfähigkeit zu den Mustern der Technik-
entwickler haben. Kategorien, die berechenbar, normierbar und rational sind, sind in den Ent-
wicklungsprozessen einfacher technisch umsetzbar. Die Zahlensprache der Kostenträger findet
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eine größere Resonanz bei den Ingenieuren und Entwicklern, auch dann, wenn sie durch eine
dritte Partei vermittelt werden.
Darüber hinaus ist zu beachten, dass die Aushandlungen zur Technikimplementierung zwischen
den Vertretern der ökonomischen und pflegeimmanenten Logiken nicht in einem emanzipier-
ten, machtfreien Raum stattfinden, sondern die Chancen zur Durchsetzung der eigenen Interes-
sen – sowohl absichtsvoll gegen die Widerstände der Opposition als auch unbewusst durch die
Nutzung latent wirkender Machtfaktoren ungleich verteilt sind. Die politischen Akteure und
Technikentwickler verfügen meist über einen höheren sozialen Status als die Pflegenden, was
im Vorhinein schon eine Dominanz der ökonomischen Logiken impliziert. Im Falle von Pfle-
getechnik für Menschen mit Demenz zeigt sich, dass die politischen Akteure und Kostenträger
über das große Machtpotential verfügen, die Technikimplementierung zu initiieren. So werden
schon bevor konkrete Technikentwicklungen stattfinden massiv die Zielvorstellungen nach
den Logiken dieser Akteure selektiert und prinzipiell kontingente Ziele und Zwecke der Tech-
nik pfadabhängig manifestiert und so der Möglichkeitsspielraum der Technikgenese reduziert.
Über Ausschreibungen, Leitbilder und Förderprogramme beeinflussen und selektieren die po-
litischen Akteure und Kostenträger im Zusammenspiel mit Technikentwicklern Pflegetechni-
ken, welche ihren Wahrnehmung- und Deutungsmustern entsprechen; eine emanzipierte Parti-
zipation der Pflegenden findet so nur begrenzt oder ohne wirklichen Erfolg statt.
Als Tendenz der untersuchten, also nach dem bekannten Muster entwickelten Sicherheitstech-
niken kann festgehalten werden, dass die Assistenzen durch die in sie inhärent eingeschriebe-
nen, an ökonomischen Logiken orientierten Nutzungs- und Verfahrensweisen standardisierte
Handlungsimpulse an die Pflegenden ausgeben. Die von den Pflegenden als wichtig erachteten
individuellen Handlungsspielräume bzw. die Autonomie situativer und am Einzelfall orientier-
ter Pflege wird so eingeschränkt. Die Konzentration auf die physische Sicherheit der Gepflegten
führt zu einer Abnahme von pflegerischen Interpretationen von Selbstbestimmung und Lebens-
qualität zu Gunsten einer Einhaltung von formalen Vorgaben und möglichst effizienter Arbeits-
organisation. So werden über die konkreten „erwünschten“ Technikeffekte auch zentrale, iden-
titätsstiftende Pflegeleitbilder und -prinzipien durch den Technikeinsatz beeinflusst. Pflege-
technik wirkt also nicht nur eindimensional-funktional auf konkrete Situationen, sondern ihre
(langfristigen) Effekte können nachhaltige Strukturveränderungen in der Pflege wie gesamtge-
sellschaftliche Auffassungen vom Umgang mit Pflegebedürftigkeit, eine „Deprofessionalisie-
rung“ der Pflegenden durch Kompetenzabgabe an Technik sowie geänderte Interaktionen zwi-
schen Pflegenden und Gepflegten entfalten. Auch wenn dieser Prozess von den Pflegenden oft-
mals nicht aktiv reflektiert oder konkret benannt wird, stößt er intuitiv auf Ablehnung, er-
schwert oder verhindert die Implementierung von Technik in den Pflegealltag und lässt vor
allem eine Nutzung der Potentiale von Pflegetechnik nicht zu.
4 Potentielle Erweiterung einer partizipativen Technikentwicklung in der Pflege
Um eine unerwünschte Entwicklung zukünftig zu verhindern, bedarf es also nicht nur einer
partizipativen Technikentwicklung, sondern es müssen die Wahrnehmungs- und Deutungsmus-
ter des Feldes erkannt und integriert werden. Dafür ist eine Aufarbeitung der im Feld historisch
gewachsenen Akteurskonstellation ebenso nötig wie eine sorgfältige Beachtung der in der Ak-
teurskonstellation impliziten Machtbalancen. Nur so ist möglich, auch die latenten Machtstruk-
turen zu erkennen und diesen ggf. entgegenzuwirken. Im Fall der Pflege könnte dies mutmaß-
lich durch eine stärkere Einbindung der Pflegenden in den Entwicklungsprozess geschehen.
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Diese Einbindung müsste aber über eine rein dialogische Partizipation hinausgehen, z. B. könn-
ten Pflegende bereits auf der Ebene der Ausschreibung der Technikentwicklungsprojekte mit
einbezogen werden. Auf diese Weise scheint auch eine politische Emanzipation der Pflegenden
auf der administrativen Ebene möglich.
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[12] C. Weiß, M. Lutze, D. Compagna: Abschlussbericht zur Studie. Unterstützung Pflege-
bedürftiger durch technische Assistenzsysteme. Berlin, 2013.
Seite 71
Article
Zusammenfassung Trotz potenziell positiver Auswirkungen von neuen Technologien werden Innovationen von den Pflegekräften oft nicht gut angenommen. Ziel der Erhebung war es, Gründe für die Nicht-Nutzung eines verteilten Alarmsystems zu untersuchen und Handlungsempfehlungen für zukünftige Projekte abzuleiten. Mit 14 Pflegekräften einer Station wurden 3 Gruppendiskussionen durchgeführt und qualitativ-inhaltsanalytisch ausgewertet. Die Pflegekräfte sind bei der Auswahl und Einführung der Geräte nicht einbezogen worden. Die Nicht-Nutzung liegt dabei jedoch nicht an fehlender Kompetenz, fehlendem Wissen oder Interesse. Vielmehr unterbricht die Technologie Arbeitsabläufe, führt zu Mehraufwand und stellt eine Lärmbelastung für Mitarbeitende und Patienten dar. Technologien müssen sich nahtlos in den Alltag einfügen. Sie müssen aus der Praxis für die Praxis entwickelt werden. Idealerweise werden Pflegekräfte schon in deren Entwicklung, spätestens aber bei deren Einführung, einbezogen.
Article
Full-text available
"Im Zusammenhang mit der Entwicklung und Ermittlung bestehender Verfahren einer partizipativen Technikentwicklung ist eine Eruierung des Bedarfs hinsichtlich des Einsatzes von Servicerobotik in einer Pflegeeinrichtung durchgeführt worden. In diesem Working Paper werden erste Befunde dieser Bedarfsanalyse vorgestellt. Hierbei wird einerseits zwischen den relevanten Personengruppen innerhalb der untersuchten Einrichtung unterschieden als auch spezifische Faktoren der Arbeitsorganisation berücksichtigt. Die im Folgenden zusammengefassten Ergebnisse des ermittelten Bedarfs dienen als Grundlage für die Generierung von Einsatz-Szenarien, die ihrerseits die Grundlage für die technische Weiterentwicklung von zwei Serviceroboter darstellen, die schließlich in Pilotanwendungen zum Einsatz kommen sollen." (Autorenreferat)
Chapter
Die Entwicklung von neuen Technologien und Produkten für den Dienstleistungssektor profitiert erheblich von einer Beteiligung der künftigen Nutzer (Giesecke 2003). Hierbei geht es nicht nur darum eine Entwicklung zu gewährleisten, die sich an den tatsächlichen Bedarf orientiert, sondern auch die spezifischen Eigenheiten des Einsatzfeldes frühzeitig in die Technikentwicklung mit einzubeziehen (Compagna et al. 2011a). Ein wertvolles Instrument zur Umsetzung einer solchen partizipativen Technikentwicklung stellt das sogenannte Szenariobasierte Design (SBD) dar (Rosson/Carroll 2003). Im Kern ist das SBD ein narrativer Ansatz, wobei die Darstellung und Nacherzählung typischer Handlungsabläufe des geplanten Einsatzfeldes in einzelnen Szenarien nach und nach mit der neu zu entwickelnden und zu implementierenden Technik angereichert werden (Nardi 1995). Die Zielsetzung ist hierbei selbstredend die Arbeitsund/ oder Lebensbedingungen der Personen des Einsatzfeldes durch den Technikeinsatz zu verbessern. Die schrittweise und iterative Anpassung, in der die Abstraktions- und Detailtiefe der Szenarien immer weiter zunimmt, begleitet und modelliert den gesamten Gestaltungs- und Entwicklungsprozess (Mack 1995).
  • H Kühne
H. Kühne: Chancen und Herausforderungen. Nutzerbedarfe und Technikakzeptanz im Alter. Technikfolgenabschätzung -Theorie und Praxis, Nr. 24, S. 28-35. 2015.
  • N Weinberger
  • M Decker
N. Weinberger, M. Decker: Technische Unterstützung für Menschen mit Demenz. Technikfolgenabschätzung -Theorie und Praxis, Nr. 24, S. 36-45, 2015.
Technische Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen
  • Zweite Transdisziplinäre Konferenz Zum Thema
Zweite transdisziplinäre Konferenz zum Thema "Technische Unterstützungssysteme, die die Menschen wirklich wollen" 2016
Wirtschaftliche Potentiale des Alters. s.l
  • R G Heinze
R. G. Heinze, et. al.: Wirtschaftliche Potentiale des Alters. s.l.: Kohlhammer Verlag Stuttgart, 2011.