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Die Suche nach dem besten Ameisensäure-Dispenser

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Jedes Jahr müssen Imker die Varroa unter Kontrolle bringen. Das Varroabekämpfungskonzept sieht zwei Sommerbehandlungen mit Ameisensäure vor. Aber welcher Dispenser soll verwendet werden?
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Schweizerische Bienen-Zeitung 06/2016
FORSCHUNG
Die Suche nach dem besten Ameisensäure-Dispenser
Jedes Jahr müssen Imker die Varroa unter Kontrolle bringen. Das Varroabekämpfungskonzept sieht
zwei Sommerbehandlungen mit Ameisensäure vor. Aber welcher Dispenser soll verwendet werden?
BENJAMIN DAINAT, BIENENGESUNDHEITSDIENST BGD / APISERVICE UND VINCENT DIETEMANN, ZENTRUM FÜR BIENENFORSCHUNG ZBF
D
ie Varroa ist heute das Haupt-
problem der Imkerei. Ist die
Varroamilbe nicht unter Kontrolle,
sterben die Bienenvölker mit gros-
ser Wahrscheinlichkeit innert zweier
Jahre. Gestützt auf jahrelange For-
schungsarbeit und Tests des Zentrums
für Bienenforschung ZBF, wurde das
Varroabekämpfungskonzept entwi-
ckelt und mit apiservice an die Imker-
praxis vermittelt und umgesetzt:
Im brutstarken Sommer zwei Behand-
lungen mit Ameisensäure, die auch
die Milben in den Brutzellen abtöten.
Im brutfreien Winter eine Behand-
lung mit Oxalsäure, die nicht in ver-
deckelten Zellen wirkt.
Als üchtige Substanz benötigt Amei-
sensäure für die Langzeitbehandlung
einen Dispenser. Die Wirksamkeit der
Behandlungen hängt von der Tempera-
tur und der Feuchtigkeit ab. Mit einer
Feldstudie, an der acht Imker mit insge-
samt 164 Beuten teilnahmen, suchte der
Bienengesundheitsdienst in Zusammen-
arbeit mit dem ZBF von 2013 bis 2016
die Antworten auf folgende Fragen:
Wie kompliziert ist die Verwendung
des Dispensers bei genauem Befol-
gen der Gebrauchsanleitung?
Gibt es Unterschiede in der Wirk-
samkeit zwischen den verschiede-
nen Dispensertypen?
Gibt es Unterschiede zwischen Dis-
pensertypen im Einuss auf die
Volksentwicklung, die Gefahr von
Königinnenverlusten und in der Eig-
nung für bestimmte Beutentypen?
Wie stark beeinussen die Tempe-
ratur und die Luftfeuchtigkeit die
Wirksamkeit des Verdunsters in ver-
schiedenen Regionen?
Versuchsanordnung
Der Versuch startete 2013 in Schweizer-
kästen mit den Dispensern von Liebig,
Nassenheider Pro und FAM. Diese Ver-
dampfer wurden ausgewählt, da sie die
beiden im Handel erhältlichen Dispenser-
Typen vertreten: Flasche mit Mess-
Skala (Liebig und Nassenheider Pro)
sowie Schwamm (FAM).
Der FAM-Dispenser gilt als Referenz,
da er nach jahrelangen Tests durch das
ZBF der erste verbreitet eingesetzte Dis-
penser war. Die Abkürzung FAM steht
übrigens für die frühere Eidgenössi-
sche Forschungsanstalt für Milchwirt-
schaft, an die Schweizerische Zentrum
für Bienenforschung ZBF / Agroscope in
Liebefeld (BE) angegliedert war.
Jeder Dispenser wurde während
zweier aufeinanderfolgender Jahre ge-
testet. Dadurch können zufällige Re-
sultate ausgeschlossen und klimatische
Schwankungen berücksichtigt werden.
Im Jahre 2014 wurde mit MAQS
(Mite Away Quick Strips) ein neuartiges
Produkt herausgebracht, das auf einem
Ameisensäure-Gel basiert und in Form
von Streifen auf die Rähmchen aufge-
legt wird. MAQS wurde gleich in den
Versuch aufgenommen. Da bei Ver-
suchsbeginn noch keine Gebrauchsan-
weisung für den Schweizerkasten vorlag
und die Angabe zur Anzahl Streifen fehl-
te, wurde die minimale Zahl von einem
Streifen (N = 1) verwendet.
Die vier Dispenser wurden in den
Sommern 2014 und 2015 auch im
Dadant-Magazin getestet. Für MAQS
wurden gemäss Gebrauchsanweisung
pro Beute zwei Streifen verwendet.
Mit der Unterstützung von sechs Im-
kern wurden die Dispenser in sechs
Bienenhäusern (Schweizerkästen) an
insgesamt 92 Beuten getestet. Par-
allel dazu führten zwei Imker an drei
Bienenständen mit total 72 Dadant-
Beuten die gleichen Testreihen durch.
Was wurde gemessen?
Die Temperatur und Umgebungsfeuch-
tigkeit jedes Bienenstandes wurde alle
60 Minuten in der Nähe der Beuten
mit einem Messfühler aufgezeichnet.
Im Beuteninnern wurde in der Nähe
des Dispensers ein zweiter Messfühler
platziert. Dieser erlaubte das Messen
FAM-, Liebig,
MAQS- und
Nassenheider
Pro-Dispenser
(von links nach
rechts).
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Schweizerische Bienen-Zeitung 06/2016
FORSCHUNG
Die Suche nach dem besten Ameisensäure-Dispenser
der Bedingungen, welche die Ameisen-
säure-Verdunstung direkt beeinussen.
Die beiden Sensoren zeigten, wel-
che Faktoren die Wirksamkeit der Be-
handlung stärker beeinussen: die
Umgebungsbedingungen oder das
Verhalten der Bienen im Stock, zum
Beispiel durch Ventilieren. Im ersten Fall
können bessere Bedingungen durch
ein Verschieben des Beutenstandortes
erreicht werden. Im zweiten Fall ist eine
Massnahme zur Efzienzsteigerung
der Behandlung nur schwer vorstellbar.
Die beteiligten Imker mussten die
Gebrauchsanweisung genau ein-
halten und während der Saison den
Varroatotenfall auf den «Windeln»
wöchentlich zählen, um die Dispenser-
Wirksamkeit einschätzen zu können.
Gemäss dem Varroakonzept wurde
jeder Dispenser nach der Sommer-
honigernte zweimal eingesetzt.
Nach den Behandlungen (ab Okto-
ber) wurde der Varroatotenfall min-
destens zweimal pro Monat ausge-
zählt, um die natürliche Entwicklung
des Varroabefalls im Volk verfolgen
und eine allfällige Reinvasionen fest-
stellen zu können. Im Winter wurden
die Völker mit Oxalsäure behandelt.
Weil damit die Varroamilben abgetö-
tet werden, welche die Behandlung
mit den getesteten Verdunstern über-
lebten, kann mit dieser Kontrollbe-
handlung die Dispenser-Wirksamkeit
berechnet werden.
Populationsmessungen nach der
Liebefelder-Methode wurden jedes Jahr
vor dem Dispenser-Einsatz, sowie bei
der Ein- und Auswinterung durchge-
führt. Dabei wurden die Anzahl Bienen
sowie die Menge offener und verde-
ckelter Brut geschätzt. Damit konn-
ten die Auswirkungen des Dispenser-
Einsatzes auf die Volksentwicklung und
die Überwinterung beurteilt werden.
Schliesslich wurden auch die Königin-
nenverluste systematisch erfasst.
Mit verschiedenen statistischen
Analysen wurde festgestellt, ob die
unterschiedlichen Messwerte signi-
kante Unterschiede zwischen den ge-
testeten Dispensern ergaben.
Versuchsergebnisse
Beeinusst die Luftfeuchtigkeit
die Wirksamkeit der
Ameisensäurebehandlung?
Was die Imker aus der Praxis kennen,
bestätigt nun die Forschung: Die hohe
Luftfeuchtigkeit in der Umgebung re-
duziert die Behandlungswirksamkeit
bei allen Dispensern. FAM und MAQS
reagierten auf diesen Parameter am
sensibelsten. Erstaunlicherweise be-
einusst die Feuchtigkeit unmittelbar
beim Dispenser die Wirksamkeit we-
niger stark, als die Feuchtigkeit in der
Umgebung des Bienenstandes.
Die Temperaturunterschiede haben
die Wirksamkeit der Behandlung hin-
gegen nicht negativ beeinusst. Die
Gebrauchsanweisungen sind so ver-
fasst, dass Temperaturauswirkungen
abgeschwächt werden und in jedem
Fall eine gute Behandlungsefzienz
erreicht wird. Die Statistiken zeigen
keine Wechsel wirkung oder Synergie
zwischen der Temperatur und der
Luftfeuchtigkeit.
Der durchschnittliche Wirkungs-
grad liegt allerdings unter den Ziel-
werten von 90 % bis 95 % für
Ameisensäurebehandlungen. Die
Wirksamkeit berechnet sich gemäss
dem Varroakonzept aufgrund zweier
Sommerbehandlungen und einer
mehrere Monate später erfolgten
Kontroll-Winterbehandlung. Das Er-
gebnis berücksichtigt auch die natür-
liche Vermehrung und eine allfällige
Reinvasion der Varroamilbe.
Gibt es Dispenser, die sich
für Schweizerkästen oder
Dadant-Magazine besser eignen?
Wird die Gebrauchsanleitung genau
eingehalten, gibt es bei der Wirksam-
keit keine signikanten Unterschie-
de zwischen Schweizerkästen und
Dadant-Magazinen.
Sind die Völker zwischen Sommer-
und Winterbehandlung Opfer
einer Varroareinvasion geworden?
Zwischen der zweiten Sommerbehand-
lung und der Winterbehandlung wurde
keine nennenswerte Reinvasion festge
-
stellt. Der nach der zweiten Sommer-
behandlung gemessene natürliche Mil-
bentotenfall entsprach dem normalen
Vermehrungsrhythmus der Varroa.
85,3 78,9 88,1
78,7
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
Npro
Fam
Lg
MAQS
Wirksamkeit in %
Ameisensäure-Dispensertyp
Durchschnittliche, minimale und maximale Wirksamkeit
Nassenheider Pro (Npro) FAM-Dispenser (Fam)Liebig-Dispenser (Lg)
MAQS
max. max. max. max.
min.
min.
min. min.
FOTO: JÜRG VOLLMER
Resultate zur
Wirksamkeit der
geprüften
Ameisensäure-
Dispensertypen.
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Schweizerische Bienen-Zeitung 06/2016
FORSCHUNG
Wurden die Volksentwicklung
und die Überwinterung von der
Dispenserwahl beeinusst?
Die Entwicklung der Völker wurde von
den Dispensern nicht beeinusst und
auch die Überwinterung verlief nor-
mal. Die Volksgrösse und die Brutmen-
ge vor und nach der Überwinterung
waren bei allen Dispensern identisch
und entsprachen einer normalen Volks-
entwicklung. Ein einziges Volk ging im
Oktober bei der Liebig-Testgruppe ein.
Haben die Dispenser
Königinnenverluste verursacht?
Beim FAM-Dispenser traten keine
Königinnenverluste auf und beim
Liebig und Nassenheider Pro gingen
nur je eine Königin sowie bei MAQS
drei Königinnen verloren. Ein wesent-
licher statistischer Unterschied zwi-
schen den Verdunstern konnte jedoch
nicht festgestellt werden.
Welche Schlüsse lassen sich aus
diesen Resultaten ziehen?
Alle Dispenser zeigen bei der Wirk-
samkeit gegen die Varroa zufrieden-
stellende Resultate. Die Flaschen-
Dispenser Nassenheider Pro und
Liebig erzielten im Schnitt eine bes-
sere Wirkung. Offenbar reagieren
sie weniger empfindlich auf Tempe-
raturschwankungen und die Luft-
feuchtigkeit. Dafür sind sie in der
Anwendung relativ kompliziert,
beispielsweise beim Anbringen der
Flasche / Dochtfläche und beim Ein-
stellen der Dochtfläche.
Drei von 19 Königinnen gingen
bei der Behandlung mit MAQS verlo-
ren. Selbst wenn sich kein statistischer
Unterschied zu den anderen Dispensern
nachweisen liess, lag das Risiko eines
Königinnenverlustes hier am höchsten.
Hingegen ist dieses System in der Ver-
wendung enorm einfach und kommt
ohne üssige Ameisensäure aus.
Jeder Verdunster hat somit Vor- und
Nachteile. Die Schwankungen bei der
Wirksamkeit der einzelnen Behand-
lungen konnten bei den nachfolgen-
den Behandlungen mit Ameisen- oder
Oxalsäure wieder ausgeglichen wer-
den. Alle Dispenser haben die be-
handelten Völkern ohne Zwischenfall
durch zwei Winter gebracht.
Keiner der Dispenser kann ein Volk
mit sehr starker Varroabelastung
retten. Um rechtzeitig behandeln
zu können, bleibt die Messung des
Varroabefalls durch Zählen des natürli-
chen Milbentotenfalls weiterhin wich-
tig. Bei einer sehr starken Milbenbe-
lastung ist eine der beiden folgenden
Massnahmen zu bevorzugen:
Ist das Volk zu schwach, muss es
aufgelöst werden (abschwefeln).
Wenn es die Volksstärke (mehr als
6 000 Bienen) und der Zeitpunkt
erlauben (Ende April bis Anfang
August), kann eine Notbehandlung
durchgeführt werden. Dabei wird
ein Kunstschwarm gebildet und die
Bienen werden auf Neubau gesetzt.
Innerhalb von sieben Tagen ist das
Volk mit Oxalsäure zu besprühen
(siehe Merkblatt 1.7.1. Notbehandlung
Dispenser
(nach Beliebtheit) Vorteile Nachteile
1. FAM
Dispenser
Er ist funktionell und einfach, geeignet für Schweizer-
kästen und einfach in der Handhabung. Bei Verwendung
im Dadant-Magazin ist kein Aufsatz nötig. Bei richtig
gewählter Öffnung entfällt während der Behandlung
ein mehrmaliger Besuch auf dem Bienenstand.
Nach der Behandlung bleibt oft ein nasser
Schwamm übrig. Die Kontrolle der abgegebenen
Säuremenge ist nicht möglich. Die Wirksamkeit
schwankt. Der Schwamm muss von Zeit zu Zeit
ausgetauscht werden.
2. Liebig
Dispenser
Das Überprüfen der Dosierung ist dank der Skalenein-
teilung der Flasche möglich. Angenehme Anwendung
in Dadant-Magazinen und ein guter Preis.
Die Brut unter dem Dispenser kann geschädigt
werden. Die Handhabung ist arbeitsaufwendig. Das
Mass des Ausschneidens des Dochtpapieres bleibt
unklar. Genügend Dochtpapier muss vorrätig sein.
3. MAQS
(Mite Away
Quick Strips)
Die Anwendung ist sehr einfach und der gefährliche
Umgang mit üssiger Säure entfällt.
Die Bienen zeigen eine starke Reaktion. Der Kauf-
preis ist höher. Die Aufbewahrung erfolgt in einer
grossen Verpackung. Beim Öffnen entweicht ein
sehr starker Geruch aus der Plastik-Verpackung.
4. Nassen-
heider Pro
Dispenser
Das Überprüfen der Dosierung ist dank der Skalen-
einteilung der Flasche möglich. Die Verdunstungsmenge
bleibt konstant, unabhängig von der Temperatur.
Das Anbringen des Dispensers ist kompliziert
und er benötigt viel Platz in der Beute (Aufsatz
anbringen) und bei der Aufbewahrung.
im Magazin, respektive 1.7.2. Not-
behandlung im Schweizerkasten in
www.apiservice.ch/varroa).
Da alle Dispenser Winterverluste ver-
meiden helfen, ist jener Verdunster
der beste, den der Imker am liebsten
verwendet. Wichtig ist die exakte Ein-
haltung der Gebrauchsanweisung.
Über das Forschungsnetzwerk
COLOSS führen jetzt fünf weitere
europäische Länder eine solche Studie
durch. Die Projektleitung liegt beim
schweizerischen Bienengesundheits-
dienst BGD. Die Dispenser werden so
unter unterschiedlichen klimatischen
Bedingungen und in verschiedenen
Beutetypen getestet. Durch den inter-
nationalen Vergleich kann die Funk-
tionsweise der Dispenser noch besser
analysiert werden.
Dank
Wir bedanken uns bei Benoît Droz,
Adrien von Virag und den Teams von
BGD und ZBF für die Unterstützung in
verschiedenen Projektphasen und bei
der Populationsmessung. Einen herz-
lichen Dank auch an die Test-Imker für
ihre ausgezeichnete Arbeit: Marianne
Zeltner, Hansruedi Burn, Robert Lerch,
Clemens Jehle, Elisabeth Glanzmann,
Werner Rentsch, Peter Baumgartner,
Benoît Droz. Sie alle haben dazu beige-
tragen, dass in der Varroabekämpfung
Fortschritte erzielt werden.
Links
1.
w
ww.apiservice.ch/varroa
2.
w
ww.coloss.org
Handhabung,
Reinigung
und der Platz-
bedarf der vier
Ameisensäure-
Dispenser im
Vergleich. Die
Auswertung
beruht auf den
Angaben der
an der Studie
teilnehmenden
Imker.
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