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Aquatische Ökologie

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  • Technische Universität Kaiserslautern & Campus Landau

Abstract and Figures

Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die limnologische Forschung in Jena. Es geht um die Angliederung der Limnologischen Arbeitsgruppe, unter Leitung von Dr. habil. Wilfried Schönborn, an das Institut für Ökologie der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und die Weiterführung der Arbeitsgruppenleitung durch PD Dr. Heike Zimmermann-Timm. Es ist aufgezeigt auf, dass die inhaltliche Ausrichtung maßgeblich durch externe Einflüsse (z.B. politische Wende) bestimmt wurde. Damit ergaben sich auf zum Teil "steinigen Wegen" immer wieder neue Möglichkeiten. Diese stellten eine Herausforderung für die Leiter der Arbeitsgruppe dar. Der Erfolg beruht auf kluge Entscheidungen, aber auch das Engagement vieler Limnologen, die mit wissenschaftlichen Engagement und Enthusiasmus dabei waren.
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50 Jahre Ökologie (1965-2015)
an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Eine wissenschaftliche Historiographie
Herausgegeben von
Günter Köhler
Erfurt 2016
Das Gebäude I des ehemaligen Städtischen Krankenhauses (1939-1996) in
der Dornburger Str. 159 wurde 1996 Arbeitsstätte des Instituts für Ökologie.
Foto: Institutsarchiv.
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Erfurter Akademie Verlag Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu
Erfurt; Erfurt 2016, Gotthardtstr. 21, PF 45 01 22, D-99051 Erfurt
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ISBN: 978-3-932295-99-7
ISSN 0942-9875
Herausgeber:
Redaktionsschluss:
Layout:
Buchsatz:
50 Jahre Ökologie (1965-2015) an der
Friedrich-Schiller-Universität Jena. Eine
wissenschaftliche Historiographie [=Acta
Academiae Scientiarum 15 (2016)], Erfurt
2016
Acta Academiae Scientiarum 15 (2016)
Günter Köhler mit Genehmigung der
Akademie gemeinnütziger Wissenschaften
zu Erfurt
Erfurt, den 1. April 2016
Prof. Dr. Günter Köhler und Dr. Jan Engel,
Jena
Dr. Jan Engel, Jena
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Inhalt
Vorwort
1 Ökologie an der Universität Jena - vom Begriff zur Institution
1.1 Das 19. Jahrhundert - Schleiden, Haeckel und Stahl
1.2 Die Folgezeit bis zur Berufung von Hans Joachim Müller (1965)
1.3 Der Wissenschaftsbereich Ökologie (1968-1990)
1.4 Das Institut für Ökologie (seit 1990)
1.5 Neue Lehrstühle am Institut
1.6 Außenwirkungen der Jenaer Ökologie
2 Hauptforschungsgebiete
2.1 Dormanz, Ökomorphosen, Polymorphismen
2.2 Terrestrische Ökologie
2.2.1 Nahrung und Ökoenergetik
2.2.2 Ökosystemanalysen und Sukzessionsforschung
Naturnahes Grasland
Immissionsbeeinusstes Grasland
Landwirtschaftlich genutztes Grasland
Renaturierungs- und Restaurationsgebiete
2.2.3 Geobotanik und Naturschutzforschung
Waldgesellschaften
Gehölze in Siedlungsgebieten
Moosgesellschaften
Heimische Orchideen
Gefährdungsanalysen und Populationsstudien
(Heuschrecken)
Floren- und Faunenforschung
2.2.4 Polar- und Ornitho-Ökologie
Ökologie europäischer Vogelarten
Antarktis-Forschung
2.2.5 Theoretische Ökologie, Panzen- und Dendro-Ökologie
Theoretische Ökologie
Panzen- und Vegetationsökologie
Dendro-Ökologie
2.2.6 Kleinsäuger-Ökologie
2.2.7 Mykologie und Mikrofossilien
2.2.8 Bodenökologie und Mykorrhiza-Forschung
2.2.9 Räumliche Ökologie
2.2.10 Multitrophische Interaktionen
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2.2.11 Biodiversitätsforschung
BIOLOG-Projekt
Jena-Experiment
Biodiversitäts-Exploratorien
2.2.12 Oberirdisch-Unterirdische Interaktionen
2.2.13 Funktionelle Vegetationsökologie
2.3 Aquatische Ökologie
2.3.1 Ökologie von Fließgewässern
2.3.2 Stehgewässer und anderweitige Lebensräume
2.3.3 Aquatische Geomikrobiologie
Biolme in aquatischen Ökosystemen
Mikrobielle Prozesse in Mooren und Mofetten
Mikroben im Eisen- und Mangankreislauf
schwermetallbelasteter Lebensräume
Mikrobielle Kommunikation und Interaktion
Mikroorganismen in unterirdischen Lebensräumen
und Grundwasserleitern
3 Lehre, Exkursionen, Graduierte
3.1 Lehrangebote und Ökologie-Ausbildung
Wissenschaftsbereich (WB) Ökologie (bis 1990)
Institut für Ökologie (seit 1990)
3.2 Exkursionen und Fernpraktika
Zu Zeiten der DDR
Im vereinigten Deutschland
3.3 Graduiertenstatistik
4 Publikationen, Herausgeberschaften, Würdigungen
4.1 Bestimmungsliteratur, Lehr- und Fachbücher
4.2 Weitere Buchbeiträge von Mitarbeitern
4.3 Schriften zum Ökologie-Begriff und zur Historie
4.4 Würdigungen und Nachrufe
Anhang
Anhang 1: Arbeitsgruppen und iDiv-Professuren
Anhang 2: Mitarbeiter im Sekretariat und Technischen Bereich
Anhang 3: Mitarbeiter in Herausgeber-Gremien
Anhang 4: Mitwirkende Autoren
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Vorwort
Die Idee für diese Art wissenschaftlicher Historiographie reifte in den letzten
Jahren, nachdem immer deutlicher wurde, wie wenig doch Mitarbeiter,
Postdoktoranden, Doktoranden und Studenten über jenes Institut wissen, an
dem sie gerade arbeiten oder studieren. Dies mag zwar einem verbreiteten
Desinteresse an Wissenschaftsgeschichte schlechthin geschuldet sein,
doch fehlte eben auch ‒ von aktuellen Internetseiten abgesehen ‒ eine
zusammenfassende und informative Schrift wie die vorliegende, um
überhaupt Interesse und tieferes Verständnis zu wecken.
Als Ökologe in Jena beruft man sich gern und zu Recht auf den Zoologen
Ernst Haeckel, der hier vor genau 150 Jahren den Begriff „Oecologie“ eher als
Lückenfüller im System der zoologischen Fachrichtungen prägte. Umso mehr
muss es verwundern, dass erst und fast genau hundert Jahre später für dieses
Fachgebiet an der hiesigen Universität ein Lehrstuhl eingerichtet wurde, der
sich zwar noch nicht „Ökologie“ nannte, an dem aber vorrangig ökologische
Forschung und Lehre betrieben wurden. Nun ist das 50-jährige Bestehen
einer solchen universitären Einrichtung an sich nichts Ungewöhnliches,
die Entwicklung von einem kleinen, seinerzeit vom Aussterben bedrohten
Wissenschaftsbereich (WB) in der DDR zu einem prosperierenden Institut
im vereinigten Deutschland aber schon. Denn es ist in erster Linie Gerhard
Schäller zu verdanken, dass Ende der 1970er Jahre eine auf Betreiben der
Universitätsleitung geplante Auösung des WB Ökologie letztlich scheiterte.
Inzwischen ist der Begriff „Ökologie“ infolge der rasant voranschreitenden
weltweiten Forschung und ihrer zwangsläugen Verquickung mit vielfältigen
Umweltproblemen schon längst so breit und verwaschen geworden, dass er
mittlerweile zum Forschungsfeld zahlreicher (und nicht nur biologischer)
Fachrichtungen zählt, dessen Inhalte weit über Haeckels Denition(en)
hinausreichen. Dieser ausufernden Breite konnte auch die Ökologie an der
FSU Jena nicht entgehen, dennoch gelang es, sie immer wieder auf ihren
Kerninhalt zu konzentrieren, der nach herkömmlichem Verständnis vor allem
die Beziehungen der Tier- und Panzenarten unter- und zueinander und zu
ihrer Umwelt thematisiert und damit makrobiologisch verankert bleibt.
Am Beginn dieser Entwicklung folgten die Forschungsinhalte in gewisser
Weise noch der klassischen, wenn auch miteinander verwobenen Dreiteilung:
von einer Autökologie (Ökophysiologie) über eine Demökologie (der
Populationen) bis zur Synökologie (der Gemeinschaften und Ökosysteme).
Dadurch sahen sich die frühen Mitarbeiter bereits mit jener Themenbreite
konfrontiert, welche der Komplexität ökologischer Prozesse eigen ist.
Zwangsläug veränderte sich auch die methodische Herangehensweise ‒
erzwungenermaßen befördert durch forschungspolitische Vorgaben und
einen zweimaligen Umzug des Bereiches ‒ die sich von Experimenten
Acta Academiae Scientiarum, Band 15 (2016) 7-10
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im Gewächshaus und Labor zunehmend hin zu Erhebungen (mit
quantizierenden Erfassungsmethoden) im Freiland und wieder zurück zu
Klimakammer-Experimenten verschob. Dabei generierte die langjährige
Feldforschung im Laufe von vier Jahrzehnten solch große Datenmengen,
dass sie sich mit herkömmlichen statistischen Verfahren nicht mehr
zeitgemäß auswerten ließen. Gleichzeitig mathematisierte sich mit der
raschen Entwicklung der Computertechnik seit Mitte der 1980er Jahre auch
die Jenaer Ökologie, zunächst durch Anwendung multivariat-statistischer
Verfahren, später durch mathematische Modellierung und Simulationen
populationsökologischer Sachverhalte. In den Forschungsvoraussetzungen
begannen sich zunehmend projektgebundene Themen durchzusetzen, mit
einer zeitlich und nanziell oft engen Begrenzung, die einerseits viele neue
Problemfelder erschlossen, andererseits aber das Verfolgen von abseitigen
wie unabsehbaren Fragestellungen auch erschwerten. Von besonderer
Bedeutung für das Institut für Ökologie waren die wirklich großen
vom Bundesministerium für Forschung und Technik (BMBF) und der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nanzierten personell wie
gerätetechnisch opulent ausgestatteten Forschungs(verbund)projekte, die
von Laborexperimenten begleitete, seminatürliche Mesokosmen- sowie
Feldversuche in großem Stile ermöglichten.
Doch mit der Zeit wurden die Grenzen zunehmend unschärfer, nachdem in
den späten 1990er Jahren mykologisch-bodenkundliche Forschungen mit teils
mikrobiologischen Arbeitsmethoden hinzukamen, und aus der Limnologie
heraus eine ausschließlich auf Mikroben (Archaeen, Bakterien, Algen,
Pilzen, Einzellern) fokussierte Aquatische Geomikrobiologie entstand. Hinzu
kamen Vertiefungen in die Physiologie, Biochemie, Genetik und Ethologie,
was letztlich ökologische Forschung in einen umfassenderen, denitorisch
nicht mehr klar eingrenzbaren Kontext einbettet. Dies wiederum erklärt auch,
weshalb sich über diese 50 Jahre nur wenige durchgehende themenbezogene
Leitlinien zeichnen lassen, veränderte sich doch durch berufungsstrategische
Entscheidungen und forschungspolitische Vorgaben (und Verbundprojekte)
immer wieder die Richtung der hauseigenen ökologischen Forschung oder
fand gar ein abruptes Ende. Einer solchen Entwicklung wird am ehesten
eine mehr oder weniger zeitlich gestaffelte Kurzdarstellung der einzelnen
Hauptforschungsgebiete gerecht, zeigt doch gerade sie eindrucksvoll, woran
im Laufe eines halben Jahrhunderts so geforscht und was gelehrt wurde:
Tier- und Panzenökologie, Wirbellose – Wirbeltiere, Pilze – Kryptogamen
– Gefäßpanzen, Populationen – Gemeinschaften – Ökosysteme, praktische
und theoretische, grundlagenbezogene und angewandte, terrestrische und
limnische Ökologie. Dabei bildeten Forschung und Lehre in der Jenaer
Ökologie immer eine, über weite Strecken gleichberechtigte Einheit, die
sowohl im breiten Spektrum an Lehrveranstaltungen als auch in der Vielzahl
an Absolventen zum Ausdruck kommt. Überdies wird deutlich, dass gerade
ein Institut für Ökologie nicht nur das ständig Neue und Zukunftsweisende,
9
sondern aufgrund seiner immanenten, oft regional verankerten Natur- und
Umweltbezogenheit auch die Bewahrung und Weitergabe herkömmlichen
Erfahrungswissens im Blick haben sollte.
Damit sei die Grundlegung für dieses Heft in groben Zügen umrissen,
dessen Kapitel vom Herausgeber, einigen (oft langjährigen) Mitarbeitern
und Arbeitsgruppenleitern erstellt und von allen noch einmal ergänzt und
kritisch überarbeitet wurden. Darin werden wesentliche Forschungsthemen
und -linien kurz in ihren möglichen Zusammenhängen beschrieben und
durch Zitate von Publikationen (Erstautor Jahr, Zeitschrift) und teils
Qualizierungsarbeiten (Vorname, Name, Jahr) belegt. Dabei musste so
mancher Beitrag und Name unerwähnt bleiben, ging es doch um die tragenden
Säulen jenes ökologischen Gebäudes, das im Laufe von fünf Jahrzehnten
errichtet und dabei ständig umgebaut wurde. Und es erscheint geradezu
folgerichtig, wenn sich die Entwicklung der Jenaer Ökologie auch künftig
unter dem Schirm jener alles überdeckenden Biodiversität vollzieht, deren
regionale wie globale Bedeutung für die Menschheit allgegenwärtig ist.
Ein besonderer Dank gilt der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu
Erfurt, ihrem Senat und insbesondere dem Generalsekretär PD Dr. Jürgen
Kiefer, für die Möglichkeit und bereitwillige Unterstützung, die Abhandlung
als Heft der „Acta Academiae Scientiarum“ herauszugeben. Das Layout
und den Buchsatz übernahm freundlicherweise Dr. Jan Engel (Institut für
Ökologie).
Günter Köhler
Jena, im April 2016
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2.3 Aquatische Ökologie
Durch die wendebedingte Auösung der Akademie der Wissenschaften der
DDR kam am 01.Juli 1993 ein Großteil der Abteilung Limnologie, welche
bis dahin zum Jenaer Zentralinstitut für Mikrobiologie und Experimentelle
Therapie gehört hatte, als eigenständige Arbeitsgruppe unter der Leitung
von Wilfried Schönborn (Abb. 74) an das Institut für Ökologie und damit
administrativ an die FSU Jena. Dadurch wurde die bisher ausschließlich
terrestrische Ökologie um einen aquatischen Teil erweitert, dessen
Forschungsschwerpunkt die Fließgewässer waren. Auch Dietrich Flößner,
der international bekannte Spezialist für Branchiopoda, Cladocera und
Copepoda im Süßwasser, kam pro forma mit ans Institut, doch nutzte er die
Zeit bis zu seinem Ruhestand (1996) mit der weiteren Aufarbeitung seiner
jahrzehntelangen Forschungsergebnisse (u.a. flössnEr 2000, Haplopoda
und Cladocera Mitteleuropas, Leiden, 428 S.).
Die AG Limnologie verfügte durch ihre Vorgeschichte über eine weit
zurückreichende Literatursammlung, die – nanziert aus Mitteln eines
Hochschulsonderprogramms ‒ unter Leitung von Anita Lange aufgearbeitet
und für wissenschaftliche Anfragen verfügbar gemacht wurde. Dazu wurden
von ihr und Heidrun Hopfgarten ca 10.000 wissenschaftliche und historische
Sonderdrucke (mit dem Schwerpunkt auf Thüringer Gewässern) katalogisiert.
2.3.1 Ökologie von Fließgewässern
Die Forschungen der AG Limnologie umfassten die gesamte Bandbreite
von der Ökologie von Mikroorganismen und Protozoen bis zur Dynamik
von Algen, wirbellosen Tieren und Fischen (Abb. 75), bezogen aber auch
ökotoxikologische Aspekte (Nähr- und Schadstoffbelastung) mit ein. Sie
konzentrierten sich zum einen auf die mittlere Saale und ihre Nebengewässer
im Jenaer Raum, zum anderen auf die Ilm sowie die Schwarza und später auf die
Elbe. Im Zeitraum 1994-2006 entstanden dazu >30 Qualizierungsarbeiten,
davon 7 Dissertationen. Wilfried Schönborn, der 1998 altersbedingt in den
Ruhestand ging, trug in seiner Amtszeit am Institut für Ökologie maßgeblich
zum Aus- und Aufbau der Arbeitsschwerpunkte Fließgewässerökologie
und Protozoologie bei. Unter seiner Anleitung entstanden im Bereich der
mittleren Saale die folgenden Studien: Lebensräume und Dynamiken
makrozoobenthischer Gruppen (Mario Blei 1995, Falko Wagner 1998),
Einträge von Arthropoden und Falllaub in die Leutra (Jens Jacob 1996,
Acta Academiae Scientiarum, Band 15 (2016) 153-160
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Jürgen Baumert 1999), Diatomeen-Verteilung in Abhängigkeit von der
Strömungsdynamik (Sandra Leistner 1998), Schutzwürdigkeit sowie
Pege- und Entwicklungsmaßnahmen im Gembdenbach (Maiko Klosch
1998), Einuss von Nebenüssen auf die Phytoplankton-Dynamik der Saale
(Susanne Salzmann 1999) und Hyporheal von Bächen im Muschelkalk
(Frank Mattiasch 1999). Außerdem wurde eine Reihe angewandter Probleme
bearbeitet: Einsatz des Wasserohs Daphnia magna zur Klärung kommunaler
Abwässer (Steven Naujoks 1998), Bakteriologie und Ökotoxikologie in
Steinach, Saale und Pleiße (Manuela Erbse 1998), Populationsstruktur und
Nahrungswahl der Plötze bei hohem Fraßdruck durch andere Fischarten (Uwe
Kahl 1999), Rolle des Edelkrebses in kleineren Fließgewässern (Wolfgang
Schmalz 1999) und Einuss eines Wehres auf die Drift aquatischer Insekten
(Andrea Lange 2004). Aus seinen vorherigen Untersuchungen bei Bonn
publizierte Kurt Jax als Postdoktorand in seiner Jenaer Zeit (1993-1996)
noch Arbeiten zum Einuss des Substratalters auf Protistengemeinschaften
(1996, Hydrobiologia) und zur Rolle beschalter Amöben im Aufwuchs
(1997, Europ. J. Protist.).
Im Zeitraum 1993-2005 bestimmten vier größere Projekte die limnologische
Forschung am Institut.
(1) Modellhafte Erarbeitung ökologisch begründeter Sanierungskonzepte
für kleine Fließgewässer am Beispiel der Ilm
Das Wegbrechen von Industriestandorten und damit auch ihrer
Abwässer im Einzugsgebiet der Ilm eröffnete die Möglichkeit, deren
Renaturierung forschend zu begleiten. Dies geschah im Rahmen eines
BMBF-Verbundprojekts (1991-1994; Schönborn 1995, Bericht), das die
limnologische Arbeitsgruppe mit in das Institut einbrachte, und welches (von
anderen Partnern) die ökologische Entwicklung von Hunte, Lahn, Stör, Vils
und Warnow einschloss. Die AG Limnologie nahm sich die Ilm vor, wobei
es vor allem um ihren Chemismus, Stoffhaushalt und Saprobiezustand ging
(mit Ludwig Krey, Siegfried Polz, Gottfried Proft, Ullrich Möller und Gisela
Guthke). Begleitend dazu wurde der Abbau Polyzyklischer Aromatischer
Kohlenwasserstoffe (PAK) in Ilm, Saale und Unstrut untersucht (Nanette
Marr 1994). Praxisrelevante Ergebnisse zu einem Sanierungskonzept der
Ilm faßte Schönborn (1996, Beitr. Ökol.) zusammen, und sie gingen in das
DVWK-Merkblatt 240/1996 (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft,
Abwasser und Abfall) ein.
(2) Regenerations- und Funktionsanalyse degradierter Ökosysteme
Es schloss sich im Rahmen eines Graduiertenkollegs ein umfangreicheres,
155
DFG-nanziertes Verbundprojekt zur „Regenerations- und Funktionsanalyse
degradierter Ökosysteme“ (1996-2005) an, in dem eine ökologisch
begründete Sanierungskonzeption unter Einbeziehung des Uferbereiches
und der angrenzenden Flussauen der Ilm erarbeitet wurde, zu der sowohl
limnische als auch terrestrische Aspekte untersucht wurden. Im Einzelnen
ging es um Mosaikstrukturen, Stoffhaushalt und Dynamik verschiedener
Flussabschnitte vom Oberlauf bis zur Mündung, um daraus mögliche
Prozesse der Renaturierung abzuleiten. Für die Restaurationsökologie
konnten Ergebnisse zur Verizierung eines dynamischen Umweltltermodells
herangezogen werden (fattorini & HallE 2004, Assembly Rules). Zudem
wurden neue Bewertungskriterien und Steuermöglichkeiten erarbeitet,
mit denen der Grad der Naturnähe eines solchen Fließgewässers beurteilt
werden konnte. In Detailstudien wurde die zoozönotische Längszonierung
der Ilm anhand von Köcheriegen untersucht (Eva-Barbara Meidl
1997), während das Gros der Ergebnisse in vier Dissertationen einoss.
Ausgehend von der Besiedlungsdynamik benthischer Wirbelloser (Paul
Elser 2001, Diss.) wurden die Auswirkungen von Störungen auf benthische
Lebensgemeinschaften modelliert (Mona Vetter 2002, Diss.). Weiterhin sind
die Retention Partikulärer Organischer Substanzen (POM) in Abhängigkeit
von der anthropogen geänderten Gewässerstruktur (Falko Wagner 2003,
Diss.), die Bedeutung der Kolmation (Verringerung der Durchlässigkeit)
für die hyporheische Zone in der Schwarza (MEiDl & scHönborn 2004,
Assembly Rules) und die Auswirkungen einer niedrigen Staustufe auf
Makrozoobenthos-Zönosen und POM-Speicherung untersucht worden (Jens
Arle 2005, Diss.). Eine Literaturstudie über die Saale, durchgeführt von Stefan
Schubert (2001, Akad. gemeinnütziger Wiss. Erfurt), über anthropogene
Nutzungsformen der letzten Jahrhunderte und deren Auswirkungen auf das
Fließgewässerökosystem ergänzten das Wissen um die Ökologie dieses
Flusses. Mit Blick auf die Beprobungsmethoden entwickelte Falko Wagner
einen Bottom-Sampler, der die Sediment-Zusammensetzung genauer als der
herkömmliche Hess-Sampler erfaßte (waGnEr et al. 2003, Hydrobiologia).
In ihrer Diplomarbeit verglich Heidi Domhardt (2006) die Entnahme von
Makroinvertebraten mit Handpumpen versus Freeze coring (Abb. 76).
Im terrestrischen Projektteil (Koord. Steffen Malt) wurden die Ilm-nahen
Biotope kartiert (Ronald Süß) sowie die Vegetation der Ilmtalwiesen (Christiane
Roscher 1993) und der unmittelbaren Uferzone (Eva Krummscheidt) erfaßt.
Im Zusammenhang damit wurden die Großschmetterlinge (87 Arten) der Ilm-
Aue, deren Auftreten in Abhängigkeit von Umweltfaktoren und 1992/93 die
Ressourcennutzung blattfressender Schmetterlingslarven in fünf Transekten
von der Quelle bis zur Mündung erforscht (Christoph scHönborn 1998;
1999, Z. Ökol. Naturschutz, 2000, Beitr. Ökol.).
156
Abb. 75: Elektrobeschung in einem thüringischen Fluss. Foto: Falko Wagner.
Abb. 74: Dr. habil. Wilfried Schönborn leitete von 1992-1998 die AG Limnologie.
Foto: AG-Archiv.
157
Abb. 77: Frau Doz. Dr. Heike Zimmermann-Timm, Leiterin der AG Limnologie
1999-2002, bei der Bearbeitung von Probenmaterial im Nasslabor des
Forschungsschiffes „Meteor“, 1999. Foto: R. Koppelmann.
Abb. 76: Freeze-core sampler im Einsatz mit Falko Wagner in der Ilm, Sommer
2002. Foto: B. Klein.
158
(3) Beweissicherung und Monitoring für die Trinkwassertalsperre
Leibis/Lichte
Dieses Projekt im Rahmen des letzten großen Trinkwassertalsperrenprojekts
im Thüringer Schiefergebirge am Bach Lichte ergänzte die Forschung zu
Störungen und Stressoren in Fließgewässern. Unter Federführung und mit
viel Eigeninitiative von Eva-Barbara Meidl wurden im Vorfeld des Baues
ein Beweissicherungsprogramm (1997-1998) für die Makroinvertebraten
und die Sedimentbeschaffenheit der Sohloberächen und des hyporheischen
Interstitials durchgeführt sowie ein Monitoring-Programm entwickelt. Die
zusammengefaßten Ergebnisse nden sich in mehreren Tagungsberichten
(DGL, DZG und DGaaE) sowie in MEiDl & scHönborn (2004, Assembly
Rules).
(4) Struktur und Dynamik pelagischer, benthischer und aggregat-
assoziierter Biozönosen sowie ihre Wechselwirkungen und Stoff-Flüsse
Mit der Ernennung zur Hochschuldozentin und der damit verbundenen
AG-Leitung (1999-2002) durch die von der Univ. Hamburg kommende
Heike Zimmermann-Timm (Abb. 77) wurden die Erfahrungen in der
Fließgewässerforschung um große Fließgewässer am Beispiel der Elbe
erweitert. Das BMBF-Projekt „Struktur und Dynamik pelagischer, benthischer
und aggregat-assoziierter Biozönosen sowie ihre Wechselwirkungen und
Stoff-Flüsse“ befasste sich in enger Zusammenarbeit mit der Universität
Hamburg ‒ mit den Sediment-Freiwasser-Interaktionen. Vier Promovierende
und drei Diplomanden waren in das Projekt einbezogen, das auch
Kooperationen mit dem Institut für Gewässerökologie in Berlin und dem
MPI Marine Mikrobiologie in Bremen einschloss. Im Rahmen von Längs-
und Querschnittsuntersuchungen in der Elbe ging es im Makrobereich
um Nahrungsökologie von Kleinkrebsen im Potamal (Mirko Lunau 2001,
Hamburg/Jena), Längs- und Querverteilung planktischer Organismen (Holst
et al. 2002, Int. Rev. Hydrobiol.), räumliche Verteilung der pelagischen Ciliaten
von der Quelle bis zur Mündung der Elbe in Abhängigkeit von der Turbulenz
(Ute Risse-Buhl 2004, Diss.) sowie um die Bedeutung von Uferstreifen
als Retentionsgebiete für Rotatorien (ziMMErMann-tiMM et al. 2007,
Hydrobiol.). Besonderes Augenmerk fanden Schwebstoffuntersuchungen
in den Buhnenfeldern der Mittelelbe: mit Studien an Zweiüglern (Andreas
Plank 2003), am Phytoplankton (Cindy Tefs 2004) sowie an Wimper- und
Geißeltierchen (Sandra Kröwer, unveröff.; Marlene Willkomm, Diss. Univ.
Köln). Im Mikrobereich liefen Forschungen zur Charakterisierung, Dynamik
und Bedeutung von Aggregaten in Fließgewässern (ziMMErMann-tiMM
2002, Int. Rev. Hydrobiol.), zu Mikrobengemeinschaften und Atmungsraten
159
an Mikroaggregaten (PlouG et al. 2002, Aquatic Microbiol. Ecol.), zu
Bakterien und heterotrophen Flagellaten in Aggregaten (wörnEr et al. 2002,
Int. Rev. Hydrobiol.), zum Einuß der Kanaltopographie auf Aggregate in
der Elbmündung (ziMMErMann-tiMM et al. 2002, Arch. Hydrobiol.) sowie zur
Mikrobenaktivität im Freiwasser (karrascH et al. 2003, Acta Hydrochem.).
Ein Großteil dieser Ergebnisse fand seinen Niederschlag zudem in 5
Buchkapiteln und 12 Berichten in Projekt- und Tagungsbänden.
2.3.2 Stehgewässer und anderweitige Lebensräume
Im Gegensatz zu den umfangreichen Untersuchungen der früheren
Forschungsstelle (mit 5 Arbeitsgruppen) und späteren Abteilung Limnologie
(der AdW) im Stechlinsee und in benachbarten Seen (1959-1992) blieben
Stehgewässer nunmehr nur ein Nebenschauplatz der limnologischen
Forschung, auf dem nur wenige Arbeiten entstanden: so zum Phytoplankton
in der Versuchsanlage Dagowsee in Brandenburg (Ulrike Siedel 1996)
und zur Überwachung eines Badeteichs in Pottenstein (Pia Öhlund 2003),
letztere in enger Kooperation mit der Hamburger Firma KLS – Konzepte,
Lösungen und Sanierungen. Ein weiterer Aspekt war die Ökologie
temporärer Kleingewässer, mit Studien zu Wasserkäfer-Zönosen in
Abhängigkeit von abiotischen Faktoren auf dem Jenaer Windknollen (Jens
Arle 2000) sowie mit den Arbeiten von Doreen Seidl (2002) und Clemens
Schweitzer (2003). Mit Bezug zum Artenschutz wurde das Wanderverhalten
von Erd- und Knoblauchkröte untersucht (Iris John 2003). Hinzu kamen
noch Untersuchungen in Salzlacken am Neusiedlersee (ziMMErMann-tiMM
& HErziG 2006, Proc. Int. Assoc. Theor. Appl. Limnol.; ziMMErMann-
tiMM 2007, 2011, Buchbeiträge). In Kooperation mit meeresbiologischen
Instituten entstanden Studien über den Süßwassereinuss auf Küstengebiete
am australischen Great Barrier Reef (Zimmermann-Timm, unveröff.) sowie
zur Dynamik und Biomasse von Bakterien und Mesozooplankton in den
Tiefen des NW-Indiks (koPPElMann et al. 2005a, b, Deep Sea Res.).
Ein besonderes, die wissenschaftliche Vernetzung innerhalb des Instituts
für Ökologie beförderndes Projekt widmete sich den fossil-terrestrischen
und -limnischen Lebensgemeinschaften im mesozooischen Bernstein aus
den nördlichen Kalkalpen, die von Wilfried Schönborn, Alexander Schmidt,
Heinrich Dörfelt und Ursula Schäfer initiiert und durchgeführt wurden
(Alexander Schmidt 2003, Diss. ff. – vgl. Kap. 2.2.7).
HEikE ziMMErMann-tiMM, GüntEr köHlEr, wilfriED scHönborn (†), utE
rissE-buHl, EVa-barbara MEiDl
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letztere in enger Kooperation mit der Hamburger Firma KLS – Konzepte, Lösungen und Sanierungen Mit Bezug zum Artenschutz wurde das Wanderverhalten von Erd-und Knoblauchkröte untersucht (Iris John 2003) Hinzu kamen noch Untersuchungen in Salzlacken am Neusiedlersee (ziMMErMann-tiMM & HErziG
Stehgewässer und anderweitige Lebensräume Im Gegensatz zu den umfangreichen Untersuchungen der früheren Forschungsstelle (mit 5 Arbeitsgruppen) und späteren Abteilung Limnologie (der AdW) im Stechlinsee und in benachbarten Seen (1959-1992) blieben Stehgewässer nunmehr nur ein Nebenschauplatz der limnologischen Forschung, auf dem nur wenige Arbeiten entstanden: so zum Phytoplankton in der Versuchsanlage Dagowsee in Brandenburg (Ulrike Siedel 1996) und zur Überwachung eines Badeteichs in Pottenstein (Pia Öhlund 2003), letztere in enger Kooperation mit der Hamburger Firma KLS – Konzepte, Lösungen und Sanierungen. Ein weiterer Aspekt war die Ökologie temporärer Kleingewässer, mit Studien zu Wasserkäfer-Zönosen in Abhängigkeit von abiotischen Faktoren auf dem Jenaer Windknollen (Jens Arle 2000) sowie mit den Arbeiten von Doreen Seidl (2002) und Clemens Schweitzer (2003). Mit Bezug zum Artenschutz wurde das Wanderverhalten von Erd-und Knoblauchkröte untersucht (Iris John 2003). Hinzu kamen noch Untersuchungen in Salzlacken am Neusiedlersee (ziMMErMann-tiMM & HErziG 2006, Proc. Int. Assoc. Theor. Appl. Limnol.; ziMMErManntiMM 2007, 2011, Buchbeiträge). In Kooperation mit meeresbiologischen Instituten entstanden Studien über den Süßwassereinfluss auf Küstengebiete am australischen Great Barrier Reef (Zimmermann-Timm, unveröff.) sowie zur Dynamik und Biomasse von Bakterien und Mesozooplankton in den Tiefen des NW-Indiks (koPPElMann et al. 2005a, b, Deep Sea Res.).
  • An Mikroaggregaten
  • Ploug
an Mikroaggregaten (PlouG et al. 2002, Aquatic Microbiol. Ecol.), zu Bakterien und heterotrophen Flagellaten in Aggregaten (wörnEr et al. 2002, Int. Rev. Hydrobiol.), zum Einfluß der Kanaltopographie auf Aggregate in der Elbmündung (ziMMErMann-tiMM et al. 2002, Arch. Hydrobiol.) sowie zur Mikrobenaktivität im Freiwasser (karrascH et al. 2003, Acta Hydrochem.).
GüntEr köHlEr, wilfriED scHönborn ( †), utE rissE-buHl
  • Heike Zimmermann-Timm
HEikE ziMMErMann-tiMM, GüntEr köHlEr, wilfriED scHönborn ( †), utE rissE-buHl, EVa-barbara MEiDl
Leiterin der AG Limnologie 1999-2002, bei der Bearbeitung von Probenmaterial im Nasslabor des Forschungsschiffes "Meteor
  • Abb
Abb. 77: Frau Doz. Dr. Heike Zimmermann-Timm, Leiterin der AG Limnologie 1999-2002, bei der Bearbeitung von Probenmaterial im Nasslabor des Forschungsschiffes "Meteor", 1999. Foto: R. Koppelmann.
Vernetzung innerhalb des Instituts für Ökologie beförderndes Projekt widmete sich den fossil-terrestrischen und -limnischen Lebensgemeinschaften im mesozooischen Bernstein aus den nördlichen Kalkalpen
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Ein besonderes, die wissenschaftliche Vernetzung innerhalb des Instituts für Ökologie beförderndes Projekt widmete sich den fossil-terrestrischen und -limnischen Lebensgemeinschaften im mesozooischen Bernstein aus den nördlichen Kalkalpen, die von Wilfried Schönborn, Alexander Schmidt, Heinrich Dörfelt und Ursula Schäfer initiiert und durchgeführt wurden (Alexander Schmidt 2003, Diss. ff. – vgl. Kap. 2.2.7).
Freeze-core sampler im Einsatz mit Falko Wagner in der Ilm
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Abb. 76: Freeze-core sampler im Einsatz mit Falko Wagner in der Ilm, Sommer 2002. Foto: B. Klein.
Wilfried Schönborn leitete von 1992-1998 die AG Limnologie
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Abb. 74: Dr. habil. Wilfried Schönborn leitete von 1992-1998 die AG Limnologie. Foto: AG-Archiv.