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Abstract

Bilderbücher vermitteln nicht nur Informationen, sondern haben auch einen großen Einfluss auf den Spracherwerb und die Ausbildung von kognitiven Kompetenzen. Damit leisten sie einen zentralen Beitrag zum Kulturalisierungsprozess von Kindern und übermitteln zugleich als Träger_innen gesellschaftlicher Diskurse Vorstellungen von Geschlecht und geschlechts(un)typischem Verhalten. Anhand der Analyse von 6 117 Figuren aus 133 aktuell in Kindertageseinrichtungen genutzten Bilderbüchern wird in diesem Beitrag den Fragen nachgegangen, welche zweigeschlechtlichen Verteilungsmuster in Bilderbüchern vorzufinden sind, inwieweit geschlechtsstereotype Darstellungen gefestigt beziehungsweise aufgebrochen werden und ob aktuell verwendete Kinderliteratur einem heteronormativen Paradigma verhaftet ist. In addition to providing information, picture books have a great influence on language learning and the development of cognitive skills. They thus make an important contribution to children’s culturalization process, and as a conduit of social discourses they transport ideas of gender and men’s and women’s (a)typical behaviour. Using data from 6,117 characters in 133 picture books which are currently being read in child day care facilities, the article examines the following questions: What is the binary gender distribution in picture books? Are gender stereotypes reproduced or are they softened? Do picture books add to the heteronormative dualism of men and women?
GENDER Heft 3 | 2016, S. 61–80
Lars Burghardt, Florian Cristobal Klenk
Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern –
eine empirische Analyse
Zusammenfassung
Bilderbücher vermitteln nicht nur Informatio-
nen, sondern haben auch einen großen Ein-
fluss auf den Spracherwerb und die Ausbil-
dung von kognitiven Kompetenzen. Damit
leisten sie einen zentralen Beitrag zum Kultu-
ralisierungsprozess von Kindern und übermit-
teln zugleich als Träger_innen gesellschaftli-
cher Diskurse Vorstellungen von Geschlecht
und geschlechts(un)typischem Verhalten.
Anhand der Analyse von 6 117 Figuren aus
133 aktuell in Kindertageseinrichtungen ge-
nutzten Bilderbüchern wird in diesem Beitrag
den Fragen nachgegangen, welche zwei-
geschlechtlichen Verteilungsmuster in Bil-
derbüchern vorzufinden sind, inwieweit ge-
schlechtsstereotype Darstellungen gefestigt
beziehungsweise aufgebrochen werden und
ob aktuell verwendete Kinderliteratur einem
heteronormativen Paradigma verhaftet ist.
Schlüsselwörter
Bilderbuch, Geschlecht, Geschlechtsstereo-
type, quantitative Analyse
Summary
Gender representations in picture books – an
empirical analysis
In addition to providing information, picture
books have a great influence on language
learning and the development of cognitive
skills. They thus make an important contribu-
tion to children’s culturalization process, and
as a conduit of social discourses they trans-
port ideas of gender and men’s and women’s
(a)typical behaviour. Using data from 6,117
characters in 133 picture books which are
currently being read in child day care facili-
ties, the article examines the following ques-
tions: What is the binary gender distribution
in picture books? Are gender stereotypes re-
produced or are they softened? Do picture
books add to the heteronormative dualism of
men and women?
Keywords
picture book, gender, gender stereotypes,
heteronormativity, quantitative analysis
1 Einleitung: zur geschlechterpädagogischen Bedeutung
von Bilderbüchern
„Auch wenn man nur in den wenigsten Fällen von einem ausdrücklichen Bildungsauftrag sprechen
kann, so leistet doch Kinderliteratur in einem allgemeinen Sinne einen Bildungsbeitrag: einen Beitrag
dazu, die Heranwachsenden mit den kulturellen Regeln und Übereinkünften der Gesellschaft, der sie
angehören, vertraut zu machen […]. Diesen Bildungsbeitrag zu übersehen, wäre fahrlässig“ (Rendtorff
1999a: 85f.).
Bilderbücher werden als spezielle Form der Kinderliteratur beschrieben, die sich durch
eine enge Wechselbeziehung zwischen Text und Bild und einen beschränkten Umfang
auszeichnen (Thiele/Steitz-Kallenbach 2003). Aufgrund ihrer besonderen Rezeptions-
praxis – häuges Lesen desselben Buches – gelten sie als sozial relevante Gegenstände
der frühen Kindheit (Jürgens/Jäger 2010). Da sich Bilderbücher vor allem an Kinder
richten, die sich im frühen Lesealter benden, kann den darin enthaltenen Illustrationen
eine dominierende Rolle zugeschrieben werden. So ist es möglich, dass Kinder sich
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ohne Erwachsene die Inhalte eines Bilderbuchs eigenständig durch die Betrachtung der
Bilder erschließen.
Bilderbücher leisten neben der Unterstützung für den Spracherwerb einen Beitrag
zum Kulturalisierungsprozess von Kindern (Rendtor 1999a), sodass ihnen eine beson-
dere Rolle in der Auseinandersetzung mit (intelligiblen) Lebensweisen und gesellschaft-
lichen Normen zukommt. Sie können als gegenständliche Miterzieher_innen betrachtet
werden, an denen sich Kinder auf unterschiedliche Weise ‚bilden‘ (Schmitz 1993). Als
Teil der Auseinandersetzung „mit der von Seiten der Gesellschaft vorgegebenen Ge-
schlechterordnung, den Plätzen für Mann und Frau, den Erwartungen an Weiblichkeit
und Männlichkeit“ (Rendtor 1999b: 78) übernehmen Bilderbücher eine Funktion in
dieser frühen Phase der nicht nur, aber auch geschlechtlichen und sexuellen Sozialisation
beziehungsweise poststrukturalistisch gesprochen Subjektivation. So ist vielen Bilder-
büchern gemein, dass sie Prozesse der Identitätsndung anregen und Rezipient_innen
bei der Entwicklung ihrer Welt-, Selbst- und Anderenverhältnisse unterstützen können.
Bezogen auf geschlechterspezische Aspekte werden zudem Konstruktionen von Ge-
schlecht sowie geschlechts(un)typischem Verhalten vermittelt (Blank-Mathieu 2002).
Susanne Keuneke beschreibt „den Umgang mit Geschlechtsdarstellungen in Bilderbü-
chern letztlich als einen Beitrag zur interaktiven Geschlechtsidentitätsgenese“ (Keuneke
2000: 45).
Margarete Blank-Mathieu (2002) sowie Tim Rohrmann und Peter Thoma (1998)
empfehlen daher anstatt einer Auswahl ‚korrekter‘ Kinderliteratur sowohl Bücher, in
denen Kinder ihre eigenen Lebensrealitäten wiedernden, als auch Bücher, die vielfäl-
tige Darstellungen von geschlechtlichen Lebens- und Verhaltensformen vermitteln. In
einer anderen Untersuchung mit 74 Kindern konnte aufgezeigt werden, dass das Lesen
von nichtstereotypen Bilderbüchern das Denken der Kinder über geschlechtsbezogenes
Verhalten und Tätigkeiten insofern beeinusst, als deutlich häuger die Antwort „ty-
pisch für männlich und weiblich“ gewählt wurde als vor der Auseinandersetzung mit
nichtstereotypen Bilderbüchern (Trepanier-Street/Romatowski 1999). Die Studie gibt
erste Hinweise darauf, dass durch Bilderbücher geschlechtliche Egalitätsvorstellungen
ausgebildet werden können. Denn sie nden gerade dann bei Kindern Anwendung, wenn
primäre Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit – also was als ‚richtiger‘ Junge, als
‚richtiges‘ Mädchen gilt – ausgebildet werden (Crisp/Hiller 2011). Für den deutsch-
sprachigen Raum liegen nur wenige Untersuchungen vor, die sich mit der Frage der
Darstellung von Geschlecht in Bilderbüchern für Kinder unter sechs Jahren befassen.
Ein Großteil der Veröentlichungen zeichnet sich entweder durch Buchempfehlungen
aus (z. B. Winderlich 2008) oder nimmt die Häugkeit der Abbildungen weiblicher und
männlicher Figuren in den Blick (z. B. Jürgens/Jäger 2010). Wenige Untersuchungen
beschäftigen sich damit, wie Geschlecht in Bilderbüchern dargestellt wird. An dieser
Stelle setzt der Beitrag an und untersucht die Darstellung von weiblichen und männli-
chen Figuren in Bilderbüchern für Kinder im Kindergartenalter.
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2 Bilderbücher: subtile Subjektivationsfaktoren
Einer poststrukturalistischen Lesart von Geschlecht und Begehren folgend (Butler
1991) können Bilderbücher als Teil des frühen Subjektivationsprozesses als ein mög-
licher Faktor für die Konstitution geschlechtlicher Subjektpositionen und die damit in
Relation stehenden Identitätsbildungsprozesse von Kindern angesehen werden. Versteht
man Diskurse nicht als deskriptive Darstellungen bestehender Wirklichkeit, sondern als
produktive Machtformationen im Sinne von Systemen „des Denkens und Sprechens,
die das, was wir von der Welt wahrnehmen, konstituieren, indem sie Art und Weise
der Wahrnehmung prägen“ (Villa 2003: 20), und bedenkt die genannten Spezika von
Bilderbüchern (u. a. wiederholende Rezeption, Dominanz der Bilder, individuelle und
kollektive Erschließung der Inhalte in einer frühen Lebensphase, Spracherwerbsfunk-
tion), wird ersichtlich, dass Bilderbücher Einuss haben auf die geschlechtlich-sexuelle
Identitätsbildung von Kindern. Der wiederholte Einsatz von Kinderbüchern in einem
soziokulturellen, ritualisierten Umfeld, wie z. B. pädagogischen Institutionen oder
Familie, verleiht den beim Lesen und Zuhören aufgerufenen Diskursen und Normen
die nötige Autorität in Form institutioneller Kontextabsicherung. Die in den Bilderbü-
chern zirkulierenden, auf Konventionen beruhenden und durch mehrmaliges Lesen oder
Zuhören ritualisierten Anrufungen als z. B. ‚süße Prinzessin‘ oder ‚tollkühner Held‘
können letztlich auch auf individueller Ebene subjektivierende Eekte entfalten. An-
rufungen werden von Kindern je nach Situation unterschiedlich rezipiert – sie können
als Einschränkung fungieren, als ermöglichend antizipiert oder gar zur Überschreitung
hegemonialer Geschlechter- und Begehrensordnungen genutzt werden –, wie Anja
Tervooren (2006) in ihren ethnographischen Studien zur ausgehenden Kindheit anhand
von Ritualen und Spielen verdeutlicht.
Ein heteronormativitätskritisches „Durchdenken des Wo und Wie der Entstehung
eines Menschen“ (Butler 2009: 29) muss jedoch zunächst ein „Nachdenken über die
soziale und die psychische Umgebung beinhalten, aus denen ein Kleinkind hervorgeht“
(Butler 2009: 29). Die in Bilderbüchern zirkulierenden Anrufungen, die von Kindern
noch nicht in gleicher Weise wie von Erwachsenen reektiert werden können, beeinus-
sen im Zusammenhang mit weiteren Subjektivationsfaktoren, welche geschlechtlichen
Subjektangebote von Kindern als les-, denk- und anerkennbar(er) wahrgenommen wer-
den und welche nicht. Dies bedeutet, dass Bilderbücher daran beteiligt sein können, wie
Kinder als Subjekte hervorgebracht werden und welche Möglichkeiten Kinder erhalten,
sich selbst als Subjekte hervorzubringen. Die Analyse zeigt auf, welche geschlechtli-
chen „Normen der Anerkennung“ (Butler 2009: 28) in Bilderbüchern wirksam sind. An-
hand der Häugkeit und Form der Darstellungen in Bild (quantitativer Teil), Schrift und
Narration (qualitativer Teil) veranschaulicht die vorliegende Untersuchung, wie Bilder-
bücher geschlechtliche Spaltungen und Vereindeutigungen (re)produzieren (Rendtor
2016), aber auch durchbrechen und bestimmte Lebensweisen in eine explizite und im-
plizite Hierarchie zu anderen (un)möglichen Formen des Seins setzen.
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3 Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern
Ein Großteil der bisherigen Publikationen zur Darstellung von Geschlecht in Bilder-
büchern für Kinder im Kindergartenalter zeichnet sich durch einen eher explorativen
Charakter aus, der die prinzipielle Verteilung von männlichen und weiblichen Figu-
ren fokussiert. So beschäftigt sich Kirstin Winderlich (2008) mit „Gender-Perspekti-
ven im zeitgenössischen Bilderbuch“ und veranschaulicht anhand von fünf Beispielen,
wie traditionelle Geschlechterrollen aufgebrochen werden können. Stefanie Fürnsinn
(2014) untersucht anhand von fünf gendersensiblen Bilderbüchern (De-)Konstruktions-
weisen von Geschlecht. Sie rekonstruiert mit Blick auf das Zusammenspiel von Text-
und Bild ebene Momente, in denen Reibungen und Verwirrungen auftreten können, um
Geschlecht als vordiskursiven Zustand potenziell infrage zu stellen. Margarete Blank-
Mathieu (1996) postuliert, dass es kaum Literatur für Kinder im Elementarbereich gibt,
die nicht gesellschaftlichen Geschlechtsrollen entsprechen. Statt einer Analyse werden
jedoch lediglich konkrete Anschaungsvorschläge gegeben. Marika Grigat (2009) un-
tersucht in 18 Bilderbüchern mithilfe einer Checkliste (Rohrmann/Thoma 1998), wel-
che Geschlechterstereotype durch Bilderbücher transportiert werden. Die Autorin be-
richtet unter Gesichtspunkten wie Rollen und Funktion, Umgebung, Spiel und Arbeit
über vereinzelte Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Eine systematische Analyse
und Quantizierung der Ergebnisse bleibt jedoch aus. Eine der wenigen Untersuchun-
gen, die eine vergleichsweise große Stichprobe (n=52 Bilderbücher) aufweist und so-
wohl quantitative wie qualitative Verfahren nutzt, stammt von Christiane Schmerl, Gabi
Schülke und Jutta Wärntges-Möschen aus dem Jahr 1988. Sie führen an, dass ein starkes
zahlenmäßiges Ungleichgewicht in der Darstellung von weiblichen und männlichen Fi-
guren aufzunden ist (Verhältnis 1:2,3). Außerdem liegen traditionelle Rollenzuwei-
sungen vor wie die häugere Darstellung von Männern im Beruf und von Frauen im
Haushalt. Männer werden zudem eher als aktiv, z. B. in Bewegung, und Frauen eher als
passiv, z. B. in ruhenden Positionen, abgebildet. Diese Darstellungsformen zeigen sich
sowohl bei weiblichen als auch bei männlichen Autor_innen. Ein Ungleichgewicht der
Geschlechterverteilung war jedoch deutlich häuger bei männlichen Autoren zu nden
(Schmerl/Schülke/Wärntges-Möschen 1988). Die angeführten Studien geben Hinweise
darauf, dass das Aufbrechen von Geschlechterstereotypen eher die Ausnahme darstellt.
Im Anschluss an frühere Untersuchungen zur Rolle von Männern und Frauen in Bil-
derbüchern (Hagemann 1981; Matthiae 1986) untersuchten Elisabeth Jürgens und Ruth
Jäger (2010) die in den Jahren 2007 und 2008 in die Empfehlungen zum Deutschen
Literaturpreis aufgenommenen Bilderbücher (n=12) für Kinder bis zu sechs Jahren. Sie
kommen dabei zu ähnlichen Befunden wie die Untersuchungen aus den 1980er-Jahren.
Das Geschlecht der handlungsleitenden Figuren ist in den untersuchten Büchern zu
58,2 % männlich, zu 20,1 % weiblich und zu 21,7 % neutral beziehungsweise nicht klar
zuzuordnen. Die qualitative Analyse zeigt zudem, dass geschlechtsuntypisches Verhal-
ten in sehr geringem Umfang dargestellt wird, beispielsweise durch die Abbildung einer
aktiven, strategisch planenden Frau als handlungsleitender Figur.
Internationale Untersuchungen belegen, dass zwar eine Tendenz zu geringeren Ge-
schlechterstereotypen feststellbar ist, dass aber gleichzeitig Männer nach wie vor eine
dominierende Rolle in Text und Bild einnehmen, obwohl eine tendenzielle Angleichung
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der Häugkeit der Darstellung von Männern und Frauen erkennbar ist (Turner-Bowker
1996). Dennoch können die meisten Darstellungen als geschlechterstereotyp bezeichnet
werden, was sich unter anderem daran zeigt, dass weibliche Figuren bei Haushaltstä-
tigkeiten abgebildet werden und männliche Figuren so gut wie nie bei fürsorglichen
Tätigkeiten (Gooden/Gooden 2001). In einer US-amerikanischen quantitativen Unter-
suchung (Hamilton et al. 2006) wurden 200 populäre, teils preisgekrönte Bilderbücher
aus dem Jahr 2001untersucht. Die Autor_innen belegen, dass auch im Vergleich zu den
Untersuchungen aus den 1980er- und 1990er-Jahren nach wie vor eine deutliche Über-
repräsentation von männlichen Figuren aufzunden ist und dass Frauen häuger bei
erzieherischen Tätigkeiten und im häuslichen Nahbereich dargestellt werden, Männer
hingegen eher in außerhäuslichen Kontexten sowie im Beruf. Die Analyse der Tätigkei-
ten von Frauen und Männern zeigt deutliche Zusammenhänge zu traditionellen Vorstel-
lungen von geschlechtstypischem Verhalten. Ein prinzipieller Unterschied in der Dar-
stellung von Männern und Frauen als aktiv und passiv agierende Figuren (z. B. bei der
Initiierung von Gesprächen) konnte hingegen nicht gefunden werden. Der Forschungs-
stand setzt sich aus Untersuchungen zusammen, die seit den 1980er-Jahren bis ins Jahr
2010 veröentlicht wurden; dies ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass es recht
wenige Veröentlichungen zu dieser Thematik gibt, jedoch kann dadurch zum anderen
deutlich gemacht werden, dass sich kaum Änderungen in Geschlechtsdarstellungen im
Zeitraum von knapp 30 Jahren ergeben haben.
In Anbetracht der überwiegend traditionellen Geschlechterdarstellungen in Bilder-
büchern stellt sich die Frage, ob und in welcher Weise das heterosexuelle System der
Zweigeschlechtlichkeit in Bilderbüchern tradiert wird. Die Analyse von sechs Büchern,
in denen lesbische Mütter und ihre Kinder dargestellt werden, zeigt, dass durch verschie-
dene Mechanismen wie das Problematisieren des fehlenden Vaters an der Dominanz des
heteronormativen Systems festgehalten wird (Esposito 2009). Melanie Bittner (2011)
liefert mit ihrer Untersuchung zu Heteronormativität und Konstruktion der binären Ge-
schlechterordnung erste Ergebnisse zur Darstellung vielfältiger geschlechtlicher und
sexueller Lebensweisen in Schulbüchern. Bezogen auf die Verteilung der Akteur_innen
nach Geschlecht ndet sich zwar eine zahlenmäßig ausgeglichene Darstellung zwischen
Männern und Frauen, durch eine starke Stereotypisierung des Aussehens der Figuren
wird jedoch ersichtlich, dass Zweigeschlechtlichkeit weiterhin aufrecht erhalten wird.
Die Untersuchung zeigt ferner, dass in den analysierten Büchern schwule, lesbische, bi-
sexuelle, trans*- oder intergeschlechtliche* Personen entweder gar nicht oder lediglich
in Abweichung zur Norm dargestellt werden.
4 Forschungsdesign und Fragestellungen
Vor dem skizzierten Hintergrund behandelt der Beitrag die Frage, wie sich Geschlecht,
verstanden als historisch-diskursiv konstituiertes, prozessuales und über Iteration gefes-
tigtes Konstrukt, in der bildlichen Darstellung innerhalb aktuell in Kindertagesstätten
verwendeter Bilderbücher reproduziert. Die Untersuchung gibt somit Hinweise darauf,
welche geschlechtlichen und sexuellen Erfahrungs- und Dispositionsräume den Adres-
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sat_innen im Kindergartenalter im Hinblick auf den Prozess der Sozialisation bezie-
hungsweise Subjektivation durch Bilderbücher ermöglicht und verschlossen werden.
Forschungsleitende Fragen sind:
1. Wie gestaltet sich die Geschlechterverteilung in aktuell genutzten Bilderbüchern?
2. Inwieweit werden Geschlechterstereotype in Bilderbüchern gefestigt beziehungs-
weise aufgebrochen?
3. Bleibt die untersuchte Literatur einem heteronormativen Paradigma verhaftet?
4.1 Analysegegenstände
Zur Klärung dieser Fragen wurden 133 Bilderbücher1 ausgewählt, die aktuell in Kinder-
tagesstätten (Kitas) rezipiert werden und eine hohe soziale Relevanz für pädagogische
Adressat_innen aufweisen. In den 133 Büchern wurden insgesamt 6 117 Personen abge-
bildet, die den Gegenstand der Analyse bilden. Zur Gewinnung der Stichprobe wurden
32 Kitas aus dem Großraum Bamberg angefragt, ob diese ihre aktuell in der Kinder-
gartengruppe genutzten Bücher zur Verfügung stellen können. 15 Kitas erklärten sich
hierzu bereit. Die Kitas wussten nicht, welche Fragestellung der Studie zugrunde lag,
sodass davon ausgegangen werden kann, dass keine Selektion zum Thema „Geschlecht“
durch die Kitas vorgenommen wurde. Die aktuell genutzten Bücher wurden daraufhin in
den Kitas abgeholt und nach der Analyse wieder dorthin zurückgebracht.
Bei der Auswahl der Bücher wurde darauf geachtet, dass keine Tierbilderbücher vor-
kommen, da die (vermenschlichte) Darstellung von Tieren eine konkrete Geschlechts-
zuschreibung in Darstellung und Verhalten tendenziell erschwert (Blank-Mathieu
1996). Da den Bildern in Bilderbüchern eine dominierende Rolle zukommt, fokussiert
die quantitative Analyse die bildlichen Darstellungsweisen von Geschlecht.
4.2 Analyseplan
Um herauszunden, wie sich die Geschlechterverteilung in Bilderbüchern darstellt,
wurde das quantitative Verhältnis von eindeutig weiblich und männlich zu lesenden
Figuren analysiert. Zudem wurde kodiert, ob die handlungsleitende Figur im Bilderbuch
als männlich oder weiblich dargestellt wird, sowie das vermutete Geschlecht der Au-
tor_innen und das Erscheinungsjahr des Buches. Zur Darstellung der Zusammenhänge,
beispielsweise Geschlecht der Autor_innen und Geschlecht der handlungsleitenden Fi-
gur, wurde auf bivariate Korrelationen zurückgegrien. Um die zweite und dritte Frage
zu beantworten, wurde ein schrittweises Analyseverfahren durchgeführt (vgl. Abb. 1).
1 Eine Liste der analysierten Bücher kann bei den Autoren erfragt werden.
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Quelle: eigene Darstellung.
Auf Ebene 1 wird der Frage nachgegangen, ob die untersuchten Bilderbücher als he-
teronormativ aufzufassen sind. Ebene 2 befasst sich mit Geschlechterdarstellungen.
In einem ersten Schritt wurde die Bildebene auf prinzipielle weibliche und männliche
Darstellungsformen hin untersucht. Daran anschließend wurde jeweils der Frage nach-
gegangen, ob die Darstellung Geschlechterstereotype festigt oder aufbricht. In einem
letzten Schritt wurde das vermeintlich Typische oder Untypische einer der vier Kate-
gorien – Aussehen, Gefühle und Verhalten, Tätigkeiten sowie Kontext zugeordnet.
Hierzu wurde eine theoriegeleitete (u. a. nach Bittner 2011; Blank-Mathieu 2002; Grigat
2009; Jürgens/Jäger 2010; Schmerl/Schülke/Wärntges-Möschen 1988) Auistung von
(un)typischen Zuschreibungen erstellt, welche die Grundlage der Kodierungen bildete
(vgl. Abb. 2). In einem Pretest wurde das neu gebildete Instrument auf seine Reliabilität
geprüft. Hierfür wurden zehn Bilderbücher von je zwei Personen kodiert. Die berechne-
te Intraklassenkorrelation kann mit einem Wert von ICC = .98 als sehr gut beschrieben
Abbildung 1: Analytisches Vorgehen bei der Analyse der Bilderbücher
Bild
Ebene 1: Heteronormativität?
ja
nein
Ebene 2: Geschlechterdarstellungen
weiblich
männlich
typisch
untypisch
untypisch
Aussehen
Gefühle &
Verhalten
Tätigkeiten
Kontext
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werden (Wirtz/Caspar 2002). Innerhalb der realisierten Stichprobe von 133 Büchern
wurden 20 Bücher doppeltkodiert. Die berechnete Beobachterübereinstimmung liegt
ebenfalls im sehr guten Bereich (ICC= .97).
Abbildung 2: Kategoriensystem
Aussehen Gefühle & Verhalten Tätigkeiten Kontext
Kleidung aktiv vs. passiv berufstätig vs. Fürsorge,
Haushalt
am Arbeitsplatz vs. im
Haushalt
Körper Mut, stark vs. Angst,
schwach
Erschaffen vs. künstle-
rische Tätigkeiten
in Beziehung vs. nicht in
Beziehung
rational vs. emotional Sport draußen vs. drinnen
kompetent vs. inkom-
petent
Mathe & Technik vs.
Sprache & Kunst
Quelle: eigene Darstellung.
Durch das gewählte Forschungsdesign können sowohl Aussagen über die Häugkeit
als auch die Art und Weise geschlechtlicher Darstellungsformen in Bildern getroen
werden. Zur Berechnung, ob die unterschiedlich häugen Darstellungen statistisch be-
deutsam sind, wurden Mittelwertvergleiche durch T-Tests durchgeführt.
Anhand qualitativer Einzelanalysen von zwei Büchern wird in Anlehnung an eine
maximale Kontrastierung exemplarisch veranschaulicht, welche Geschlechterkonstruk-
tionen Teile der verwendeten Kinderliteratur aufweisen und wie dadurch geschlechter-
stereotype Vorstellungen in Text und Bild tradiert oder irritiert werden. Hierzu wurde
die quantitative Analyse als Ausgangspunkt genutzt und jeweils ein Buch ausgewählt,
das durch eine hohe Ausprägung typischer beziehungsweise untypischer Darstellungen
männlicher und weiblicher Figuren auällt.
5 Ergebnisse
Im Folgenden werden die Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Analyse zu Ge-
schlechterdartstellungen in Bilderbüchern dargestellt.
5.1 Wie gestaltet sich die Geschlechterverteilung in aktuell genutzten
Bilderbüchern?
Die Analyse des Verhältnisses der Anzahl von männlichen und weiblichen Figuren zeigt,
dass häuger weibliche Figuren abgebildet werden als männliche. Insgesamt konnten
von 6 117 abgebildeten Personen 3 243 Charaktere als weiblich (53 %) und 2 874 als
männlich (47 %) kodiert werden. Dies entspricht einem Verhältnis von 1:0,9. Das Ge-
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schlechterverhältnis kann als nahezu ausgeglichen beschrieben werden, mit einer Ten-
denz zur häugeren Abbildung von weiblichen Figuren.
Mehr als die Hälfte der Bücher wurde von einer Autorin verfasst (59,4 %), ledig-
lich 18,8 % der Bücher wurden von einem Autor verfasst. Nahezu gleich viele Bücher
(18,0 %) wurden gemeinsam von mehreren Autor_innen verfasst. Bei 3,8 % der -
cher konnte nicht erschlossen werden, wer das Buch geschrieben hat. Die Analyse der
Geschlechterverteilung in Abhängigkeit zum vermuteten Geschlecht der Autor_innen
zeigt, dass in Büchern von Autoren mehr als doppelt so viele männliche Figuren dar-
gestellt werden (n=618) wie weibliche (n=300). Statistisch zeigt sich ein negativer Zu-
sammenhang zwischen einem Autor und der Anzahl der abgebildeten Frauen (r= -.27,
p< .01). Ein etwas ausgeglicheneres Verhältnis ndet sich bei Bilderbüchern, die von
Autorinnen verfasst wurden. Hier sind 57,9 % der Charaktere weiblich und 42,1 %
männlich. Auch hier zeigt sich jedoch ein statistisch bedeutsamer Zusammenhang zwi-
schen der Autorin und weiblichen Figuren (r= .28, p< .01).
Ein ähnliches Bild lässt sich bei der Frage nach dem Geschlecht der handlungslei-
tenden Figur(en) erkennen. Von den 133 Büchern konnte bei 121 das Geschlecht der
handlungsleitenden Figur(en) bestimmt werden. Bei zwölf Büchern konnte keine ein-
deutige Kodierung vorgenommen werden oder keine Figur als handlungsleitend identi-
ziert werden. Die Mehrzahl der handlungsleitenden Figuren wurde als weiblich kodiert
(43,8 %). In 32,2 % der Fälle führte eine männliche Figur durch die Geschichte. 24 %
hatten sowohl eine männliche als auch eine weibliche Figur als handlungsleitend. Ähn-
lich wie bei der Verteilung der Geschlechter ndet sich ein Zusammenhang zwischen
dem Geschlecht der Autor_innen und dem Geschlecht der handlungsleitenden Figur.
In Büchern von Autoren sind 2,6-mal häuger männliche Figuren handlungsleitend
(r= .26, p< .05) und in Büchern von Autorinnen 2,3-mal häuger weibliche (r= .19,
p< .05).
Das Erscheinungsjahr der Bilderbücher reicht von 1950 bis 2014, das durchschnitt-
liche Erscheinungsjahr ist 1997. Es zeigen sich keine statistischen Zusammenhänge zwi-
schen dem Jahr des Erscheinens und der Geschlechterverteilung oder dem Geschlecht
der handlungsleitenden Figuren.
5.2 Inwieweit werden Geschlechterstereotype in Bilderbüchern gefestigt
beziehungswiese aufgebrochen?
Tabelle 1 gibt die Häugkeiten der kodierten Geschlechtszuschreibungen wieder und
setzt je nach Geschlecht der abgebildeten Figur scheinbar typische und untypische Zu-
schreibungen in Relation.
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Tabelle 1: Deskription der Darstellung von Geschlechtsmerkmalen
weiblich männlich
Aus-
prägung N Relation Aus-
prägung N Relation Relation
vs.
Aussehen
Kleidung T 2526
1:0,4*** T 2143
1:0,2*** 1:0,8
Kleidung UT 913 UT 358 1:0,4
Körper T 3094
1:0*** T 2596
1:0,1*** 1:0,8
Körper UT 138 UT 251 1:1,8
Gefühle & Verhalten
aktiv UT 1382
1:1,3*T 1357 1:1,1 1:1
passiv T 1771 UT 1426 1:0,8*
Mut & stark UT 92
1:2,3** T 176 1:0,8 1:1,9**
Angst & schwach T 205 UT 135 1:0,7*
rational UT 2
1:122*** T 2
1:61,5*** 1:1
emotional T 244 UT 123 1:0,5**
kompetent UT 1 1:9*T 6 1:0,7 1:6
inkompetent T 9 UT 4 1:0,4
Tätigkeiten
berufstätig UT 124 1:1,3 T 426
1:0,1*** 1:3,4**
Fürsorge & Haushalt T 165 UT 50 1:0,3***
Erschaffen UT 23
1:1,8
T 85
1:0,3
1:3,7
künstlerische
Tätigkeit T 41 UT 25 1:0,6
Sport UT 3 1:2,3 T 19 1:0,2 1:6,3
Sport T 7 UT 3 1:0,4
Kontext
am Arbeitsplatz UT 118
1:7,8*** T 317
1:1,8*1:2,7**
im Haushalt T 923 UT 583 1:0,6**
nicht in Beziehung UT 1110
1:1,9*** T 1093
1:1,5*** 1:1
in Beziehung T 2140 UT 1681 1:0,8*
draußen UT 1312 1:1,7 T 1367 1:0,8 1:1
drinnen T 1532 UT 1075 1:0,7**
Mathe & Technik UT 58 1:2,1 T 197
1:0,2** 1:3,4**
Sprache & Kunst T 120 UT 38 1:0,3**
Anmerkung: T = typisch; UT = untypisch / * p <.05, ** p<.01, *** p<.001
Quelle: eigene Darstellung.
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Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern – eine empirische Analyse
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GENDER 3 | 2016
Betrachtet man zunächst die Ausprägungen für weibliche Figuren, so fällt im Bereich
Aussehen auf, dass sowohl in der Art der Kleidung als auch in der Darstellung des
Körpers typische Zuschreibungen deutlich überwiegen. In beiden Kategorien ist dieser
Zusammenhang statistisch signikant (p< .001). Weibliche Figuren werden demnach
2,7-mal häuger in typischer Kleidung (Röcke, Kleider, Rottöne) dargestellt als in unty-
pischer Kleidung. Die Fälle, in denen weibliche Figuren scheinbar untypisch gekleidet
waren, belaufen sich fast ausschließlich auf die Farbgebung der Kleidung (z. B. blaues
T-Shirt). In der Kategorie Körper wird das Ungleichgewicht noch deutlicher: Von 3 232
Kodierungen können 3 094 als typisch und nur 138 als untypisch weiblich beschrieben
werden. Die Darstellung des Aussehens von weiblichen Figuren entspricht in der deut-
lichen Mehrheit klassischen Zuschreibungen. Die Analyse der Kategorie Gefühle und
Verhalten zeigt ebenfalls, dass weibliche Figuren in großen Teilen geschlechterstereotyp
dargestellt werden. Sie werden eher passiv als aktiv dargestellt (p< .01), mehr als dop-
pelt so häug ängstlich oder schwach wie mutig und stark (p< .01) und deutlich häu-
ger emotional als rational (p< .001). Die Analyse der Kategorie Tätigkeiten zeigt keine
statistisch bedeutsamen Unterschiede. Der Kontext, in dem Protagonistinnen dargestellt
werden, lässt dagegen wieder deutliche Unterschiede erkennen. Protagonistinnen wer-
den 8-mal häuger im Haushalt dargestellt als im Beruf (p< .001). Die Relation von
1:1,9 im Bereich ‚nicht in Beziehung versus in Beziehung‘ verdeutlicht zudem traditio-
nelle Geschlechtszuschreibungen (p< .001). Frauen werden demnach eher im Haushalt
und eher in Beziehung mit anderen Menschen dargestellt.
Zusammenfassend kann man die Darstellung von weiblichen Figuren in aktuell ge-
nutzten Bilderbüchern wie folgt beschreiben: Die typische weibliche Figur trägt rötliche
Kleider oder Röcke, hat langes Haar, verhält sich eher passiv und ängstlich und hält sich
im Haushalt oder in Beziehung mit anderen Figuren auf.
Männliche Figuren werden bezogen auf ihr Aussehen deutlich häuger in typischer
Kleidung und mit typischen körperlichen Merkmalen (kurze Haare, Bart) dargestellt.
Die Abbildung in geschlechtsstereotyper Kleidung ndet 6-mal häuger statt als in
untypischer (p< .001). Auch hier ist die Mehrzahl der Kodierungen der untypischen
Kleidungsstücke auf die Farbgebung (Rottöne) zurückzuführen. Es zeigt sich eine ten-
denzielle Zuschreibung männlicher Figuren als passiv statt als aktiv sowie mutig statt
ängstlich, die Unterschiede sind jedoch statistisch nicht von Bedeutung. Statistisch be-
deutsam ist die Zuschreibung von Emotionalität im Vergleich zu Rationalität (p< .001).
An dieser Stelle muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass sowohl weibliche als
auch männliche Figuren jeweils lediglich 2-mal als rational kodiert wurden. Bei den
ausgeübten Tätigkeiten zeigt sich, dass Männer mehr als 8-mal so häug berufstätig
dargestellt werden wie bei fürsorgenden oder haushaltsnahen Tätigkeiten (p< .001). Es
nden sich aber dennoch mehr männliche Figuren im Haushalt statt am Arbeitsplatz
(p< .05). Trotz dieser häugen Darstellung im Kontext Haushalt gehen Männer nur sehr
selten haushaltsnahen oder fürsorglichen Tätigkeiten nach. Protagonisten werden eher
in Beziehung mit anderen Figuren dargestellt (p< .001) und verhältnismäßig häuger in
technischen als in sprachlich-künstlerischen Kontexten (p< .01).
Zusammenfassend kann die Zuschreibung männlicher Figuren wie folgt beschrie-
ben werden: Männliche Figuren tragen typisch männliche Kleidung, haben kurzes
Haar, gehen einer Berufstätigkeit nach und werden vergleichsweise häuger im Haus-
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72 Lars Burghardt, Florian Cristobal Klenk
GENDER 3 | 2016
halt oder in technischen Kontexten und in Beziehung mit anderen Menschen abgebil-
det.
Ein Vergleich der Darstellung geschlechterstereotyper Zuschreibungen zwischen
den Geschlechtern bestätigt diese Ergebnisse bzw. relativiert die zum Teil überraschen-
den Ergebnisse bei männlichen Figuren. Weibliche Figuren werden demnach signikant
häuger passiv dargestellt als männliche (p< .05), weniger mutig oder stark (p< .01) und
doppelt so oft emotional (p< .01). Protagonisten gehen im Vergleich zu Protagonistin-
nen häuger einer Berufstätigkeit nach (p< .01), sind öfter am Arbeitsplatz abgebildet
(p< .01) und weniger im Haushalt (p< .01) oder drinnen (p< .01). Fürsorgliche Tätigkei-
ten werden häuger von weiblichen Figuren ausgeübt (p< .001). Die Analyse des Kon-
textes, unterteilt nach Sprache und Kunst sowie Mathematik und Technik, ergibt eben-
falls traditionelle, geschlechtsstereotype Zusammenhänge. Männliche Figuren werden
häuger in Bezug zu Mathematik oder Technik dargestellt (p< .01) und weibliche eher
im Kontext von Sprache und Kunst (p< .01).
Es kann geschlussfolgert werden, dass Geschlechtsstereotype in aktuell genutzten
Bilderbüchern in bestimmten Bereichen gefestigt werden. Besonders deutlich wird dies
in der Stereotypisierung des Aussehens oder im traditionellen Verständnis von Män-
nern als Ernährer und von Frauen in fürsorgenden Rollen. Die Darstellung von passiven
Frauen und aktiven Männern, wie sie in anderen Studien beschrieben wurde, kann nur
zum Teil bestätigt werden. Zwar werden Frauen vergleichsweise eher passiv als aktiv
dargestellt, die Relation von aktiv zu passiv beträgt jedoch nur 1:1,3 und ist lediglich auf
dem 5-prozentigen Niveau signikant.
5.3 Bleibt die untersuchte Literatur einem heteronormativen Paradigma
verhaftet?
Die Frage nach der Verhaftung der untersuchten Bilderbücher in einem heteronormati-
ven Paradigma kann mit einem deutlichen Ja beantwortet werden. In keinem der analy-
sierten Bilderbücher konnten andere Beziehungsformen gefunden werden als die hetero-
sexuelle, mononormative Paarbeziehung. Ebenso wurden nur Familienformen abgebil-
det, die der traditionellen Vorstellung von Vater, Mutter, Kind entsprechen. Schwule,
lesbische und bisexuelle Personen konnten nicht festgestellt werden. Es konnten keine
uneindeutigen Personen, trans*- oder intergeschlechtliche* Personen identiziert wer-
den, die das heteronormative System der Zweigeschlechtlichkeit durchbrechen würden.
6 Exemplarische Analyse in Anlehnung an eine maximale
Kontrastierung
Um exemplarische Einblicke in die erzählerische Vermittlung des quantitativ unter-
suchten Bilderbuchsamples zu geben und die darin zirkulierenden Möglichkeitsräume
geschlechtlich-sexueller Lebensweisen partiell zu veranschaulichen, bietet sich die Ge-
genüberstellung zweier Bücher in Anlehnung an eine maximale Kontrastierung an. Für
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Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern – eine empirische Analyse
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GENDER 3 | 2016
die Analysen wurden Bücher ausgewählt, welche die beiden Extreme der Stichprobe
darstellen, zum einen das Buch Barbie und Shelly, welches am deutlichsten tradier-
te Vorstellungen von weiblichen und männlichen Figuren aufweist, und zum anderen
Der Gute-Nacht-Kuss, der danebenging, ein Buch, das sich durch eine eher untypische
Darstellung von Männlichkeit und eine eher neutrale Darstellung von Weiblichkeit aus-
zeichnet.
Die exemplarischen Analysen der Bilderbücher orientieren sich an Michael Staigers
(2014) fünfdimensionalem Modell der Bilderbuchanalyse.2 Zur Reduktion der semioti-
schen Komplexität wurde die Bild-Text-Struktur zunächst getrennt auf geschlechtliche
Implikationen untersucht und anschließend in ein Verhältnis gesetzt. Da das gewählte
Modell vom jeweiligen Erkenntnisinteresse der Untersuchung abhängt, werden im Fol-
genden ausschließlich genderrelevante Aspekte fokussiert und pointiert dargestellt.
6.1 Barbie und Shelly
Das Buch Barbie und Shelly (o. A. 1997) handelt von den Vorbereitungen für Shellys
Geburtstagsfeier. Bereits auf paratextueller Ebene verdeutlichen die Elemente Titel,
Frontcover und Backcover, dass das Buch sowohl in der bildlichen Darstellung als auch
in den schriftlichen Beschreibungen binärgeschlechtliche Stereotype reproduziert. Das
Cover zeigt Barbie in hellblauer Abendgarderobe mit farblich abgestimmten Ohrringen
und Blumenkranz im Haar, wie sie in statischer Haltung ihre jüngere Schwester Shelly
(zwei Jahre alt), die ebenfalls hellblau angezogen ist, vor einem rosa Hintergrund auf
dem Arm hält. Die Haltung der Figuren sowie das hellblaue Abendkleid erinnern an
Abbildungen von Schutzmantelmadonnen. Die Farben Rosa und Blau stecken bereits
auf dem Frontcover das Spektrum an geschlechtlichen Möglichkeitsräumen innerhalb
der Narration ab. Der Farbkontrast lässt erahnen, welche geschlechterstereotypen An-
rufungen in Text, Bild und Narration vorzunden sind. Dies bestätigt sich im Verlauf
der Geschichte anhand zahlreicher Abbildungen und Textpassagen: Die Darstellung
und Aufgabe weiblicher Figuren ist auf adrettes Aussehen, den Nahbereich (Haushalt,
Garten, Einkaufszentrum) sowie auf die Sorge um andere Menschen festgelegt (z. B.
im Kindergarten, im Hinblick auf Shelly und ihre Geburtstagsparty). Die comicartigen
und ächig gezeichneten Figuren sind auf das Wesentliche reduziert und die knappen
Personenbeschreibungen bestärken die charakterliche sowie geschlechtliche Eindimen-
sionalität der Figuren: „Barbie: Sie hat wirklich etwas Besonderes – das hübsche, sym-
pathische Mädchen, das bei allen beliebt ist. […] Ken: Barbies guter Freund“. Lediglich
Skipper, Barbies zweite jüngere Schwester, wird vergleichsweise aktiv dargestellt und
als „immer fröhlich und voller Tatendrang“ beschrieben. Dies stellt jedoch keineswegs
einen Widerspruch zu weiblichen Stereotypen dar. Skippers Tätigkeiten beschränken
sich ebenfalls auf haushaltsnahe Bereiche (Lampions aufhängen) und stimmen mit den
2 Staiger formuliert folgende Analyseebenen: „(1) Narrativ: Kategorien der historie (Was wird er-
zählt?) und des discours (Wie wird erzählt?), die sowohl mit Hilfe von bildlichen als auch verbalen
Codes dargestellt sein können; (2) Bildlich: alle Aspekte der visuellen Gestaltung und des Designs
[…] (3) Verbal: Parameter der sprachlichen Gestaltung; (4) Intermodal: wechselseitiges Verhältnis
von Bild und Schrifttext; (5) Paratextuell/materiell: Peritext des Bilderbuchs“ (Staiger 2014: 13).
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GENDER 3 | 2016
von Karin Hausen (1976) als weiblich identizierten Geschlechtsspezika ‚betriebsam‘
und ‚emsig‘ überein. Auf der intermodalen Dimension weist das Bilderbuch überwie-
gend ein symmetrisches, klar abgegrenztes Bild-Schrift-Verhältnis auf, das ebenso starr
wie die im Buch tradierten binärgeschlechtlichen Konstruktionen ist. Die stereotypen
Darstellungen weisen weder im Verlauf der Narration noch im Text-Bild-Verhältnis
Brüche auf. Die prinzipielle Farbgebung der bildlichen Dimension bewegt sich aus-
schließlich im Pastellbereich. Die Bildränder werden, bis auf Front- und Backcover,
häug in sanften Grün-, Gelb- und Blautönen gestaltet (z. B. Wände und Möbel), sodass
die primäre Kleidungsfarbe (rosa) der handlungsleitenden (weiblichen) Figuren (Barbie
und Shelly) verstärkt hervortritt. Auf der verbalen Dimension fallen insbesondere Wör-
ter mit dem verniedlichenden Sux -chen auf (Törtchen, Jäckchen, Zähnchen) sowie
die Wiederholung der Adjektive hübsch, süß und klein: „Barbies kleiner Sportwagen“,
„die Kleine“, „Du siehst aber hübsch aus, Shelly! Wie eine richtige kleine Prinzessin!“
Auf der Ebene der Narration wird schon auf den ersten Seiten deutlich, was unter weib-
lichen Tätigkeiten verstanden wird: Einladungskarten schreiben, Törtchen backen und
das Haus schmücken. Ken, die einzige männlich lesbare Figur, ndet nur auf drei Seiten
Erwähnung und übernimmt die „anstrengende Pusterei“ (Luftballons aufblasen), ver-
teilt Komplimente für Skippers „schönes Kleid“ und wird zum Dank von Barbie mit
Tee versorgt.
Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass die heteronormativen Rollenzu-
schreibungen klar in männliche und weibliche Lebens- und Arbeitszusammenhänge
aufgeteilt werden und fast auf jeder Seite – sowohl in Schrift und Bild – stereotype
Anrufungen reproduzieren, die Frauen und Mädchen primär auf häusliche Tätigkeiten
(einkaufen, backen, dekorieren und vorlesen), schöne Kleider sowie Sorge- und Erzie-
hungsarbeiten reduzieren. Auf narrativer Ebene wird dies insbesondere dann deutlich,
als Barbie Shelly in eine Kindergruppe bringt und kurzerhand beschließt, selbst dort zu
bleiben, um den Kindern „die Geschichte von einer schönen Prinzessin, die von einem
tapferen Prinzen gerettet wurde“, zu erzählen. Die Binnenerzählung ist somit prototy-
pisch für das im Bilderbuch reproduzierte Geschlechterbild und verdeutlicht darüber
hinaus, dass es für weibliche Erziehungsarbeit im Rahmen der Narration scheinbar kei-
nerlei Qualikation bedarf.
6.2 Der Gute-Nacht-Kuss, der danebenging
Das Bilderbuch Der Gute-Nacht-Kuss, der danebenging (Melling 2006) stellt
im Vergleich zu Barbie und Shelly die maximale Kontrastierung im Hinblick auf
geschlechts(un)typische Darstellungen weiblich und männlich lesbarer Figuren im Rah-
men des untersuchten Bilderbuchsampels dar. Die paratextuelle Dimension erönet
durch die bildliche Darstellung eines Ritters, der schief auf einem Pferd sitzt und unter
anderem von einem Bären und einem Drachen (Frontcover) umrahmt wird, die The-
matik des Kinderbuches. Der Klappentext komplementiert die Darstellung des Front-
covers. Da der Gute-Nacht-Kuss des Königs den Prinzen verfehlte (Abb. Backcover)
und in den „wilden Wald, wo viele gefährliche Tiere leben“, og, entsendet der König
einen „tapferen und furchtlosen“ Ritter, der den Kuss zurückbringen soll. Die Thematik
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Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern – eine empirische Analyse
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GENDER 3 | 2016
des Kinderbuches bewegt sich – so die aufgebaute Erwartungshaltung auf intermodaler
Ebene anhand des Front- und Backcovers – um scheinbar jungentypische Themen wie
Ritter und Drachen, deutet jedoch bereits durch den tollpatschig dargestellten Ritter
(Frontcover) einen ersten Bruch mit gängigen Heldenmythen an. Dieser Bruch setzt sich
im Verlauf des Buches im Zusammenspiel von Bild-, Text- und Narrationsebene fort. So
zeigt die erste Seite den kleinen Prinzen im Bett und den „wie immer sehr eiligen“ Kö-
nig, der mit Krone, Badehandtuch und Quietscheente am Zimmer des Prinzen vorbei-
geht und ihm einen Kuss zubläst. Als die grün gekleidete Königin vom verfehlten Kuss
erfährt, erzählt sie dies dem in Gestik und Mimik androgyn dargestellten König, der sich
schamhaft ein rosa Badehandtuch vor die Brust hält. Nachdem ein eher ängstlicher und
tollpatschiger anstatt mutiger und tapferer Ritter den Gute-Nacht-Kuss zurück zur Kö-
nigsfamilie bringt, verspricht der zu Beginn noch als beschäftigt beschriebene König,
„sich in Zukunft mehr Zeit zu nehmen“, er „las langsam eine Gute-Nacht-Geschichte
vor“. Die Darstellungen des Königs, mit rosagepunkteten Strümpfen, Schlafrock, rosa
Handtuch vor der Brust, die Hände im Schoß gefaltet und die Beine wie ein Kind freu-
dig ausstreckend, stellen im Verlauf des Bilderbuches wiederholt einen bildlichen Bruch
zur schrifttextlichen Anfangsbeschreibung dar. Ein vergleichbarer Bruch zeigt sich auch
bei den zunächst als „wild“ beschriebenen Tieren und dem als „tapfer und furchtlos“
angekündigten Ritter. So erweisen sich die wilden Tiere als durchweg freundlich, der
eilige König als interessiert an häuslichen Belangen und der tapfere Ritter, der beim
Anblick hungriger Wölfe „quietschend“ vom Pferd fällt, keineswegs als furchtlos.
Im Hinblick auf geschlechtliche Konstruktionen zeigt sich im Verlauf der Narration
auf bildlicher und verbaler Ebene sowie durch die anfängliche kontrapunktische Span-
nung von Text und Bild (intermodale Ebene) eine Männlichkeitskonstruktion, die mit
klischeehaften Erwartungen rund um die Ritterburg bricht. Männlichkeit wird weder op-
tisch (Kleidung, Gesichtszüge, Körperhaltung) noch im Hinblick auf das Verhalten der
Figuren kontinuierlich stereotypen Eigenschaften wie stark, mutig, rational zugeordnet.
Ritter und König verdeutlichen, dass es als Mann legitim ist, Angst zu haben, Emotio-
nen zu zeigen und sich um erzieherische Tätigkeiten im Nahbereich zu kümmern. Ver-
gleichbar mit den Ergebnissen von Fürnsinn (2014) gibt die Analyse Hinweise darauf,
dass das prozessuale Zusammenspiel von Text- und Bildebene im Verlauf der Narration
Potenziale zur Parodie und Verschiebung geschlechtlicher Normalitätsvorstellungen
transportiert, was zur Infragestellung geschlechtlicher Stereotype anregen und gegebe-
nenfalls die Identikationsmöglichkeiten der Rezipient_innen erweitern kann.
Einschränkend muss festgehalten werden, dass die einzige Frau in der Geschichte
keinerlei Brüche mit gängigen Vorstellungen von Weiblichkeit aufweist. Das bedeutet:
Weibliche Geschlechterstereotype werden zwar nicht betont, aber auch nicht aufgebro-
chen. Der Charakter der Königin wirkt dadurch vergleichsweise eindimensional, sodass
sich ihre Funktion im Bilderbuch auf die Aufrechterhaltung des heteronormativen Fa-
milienbildes reduziert.3
3 Da alle untersuchten Bilderbücher als heteronormativ identifiziert wurden, verdeutlicht die hier
dargelegte exemplarische Analyse lediglich, welche geschlechtlichen Möglichkeitsräume im
Rahmen des Systems der Zweigeschlechtlichkeit in aktuell genutzten Bilderbüchern angeboten
werden.
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7 Diskussion
Ausgehend von der Frage, wie Geschlechter in Bilderbüchern dargestellt werden, unter-
suchte die Studie 6 117 Figuren aus 133 Bilderbüchern auf bildliche Repräsentationen
von als weiblich und männlich zu lesenden Figuren. Dem (inter)nationalen Forschungs-
stand zur Geschlechterverteilung in Bilderbüchern folgend, wurde im Vorfeld eine deut-
liche Überrepräsentation von männlichen Charakteren angenommen (z. B. Verhältnis
2,3:1 bei Schmerl/Schülke/Wärntges-Möschen 1988). In der eigenen Untersuchung
konnte dieser Befund nicht bestätigt werden. Im Gegenteil zeigt das gefundene Verhält-
nis (1:0,9) eine tendenziell häugere Abbildung von weiblichen Figuren. Ähnlich über-
raschend sind die Befunde zum Geschlecht der handlungsleitenden Figuren. Verweisen
Jürgens und Jäger (2010) darauf, dass in den von ihnen untersuchten Medien zu 58,2 %
männliche und zu 20,1 % weibliche Personen durch die Geschichten führen, ndet sich
in unserer Studie ein gegenteiliges Bild. Eine mögliche Erklärung könnte darin liegen,
dass aktuellere Bücher zunehmend und bewusst weibliche Figuren als handlungsleitend
konzipieren (Bannasch 2007) – Stichwort: starke Mädchen. An dieser Stelle muss je-
doch angemerkt werden, dass die vorliegende Stichprobe aktuell genutzte Bilderbücher
analysiert hat und es nicht darum ging, neu erschienene Bücher zu analysieren. Die
Stichprobe umfasst zwar viele aktuelle Bücher, aber auch einige ältere. Dies muss beim
Vergleich der Ergebnisse mit dem Forschungsstand berücksichtigt werden, sie können
nur in Teilen als aktuelle Entwicklungen interpretiert werden.
Um zu klären, wie Geschlechter in Bilderbüchern dargestellt werden, wurde ein
theoriegeleitetes Kategoriensystem erstellt. Die Ergebnisse decken sich in weiten Tei-
len mit den in anderen Untersuchungen beschriebenen traditionellen Zuschreibungen
an Frauen (z. B. Abbildung in Haushalt, fürsorgende Tätigkeiten) und Männer (z. B.
Nachgehen eines Berufs). So zeigen bisherige Untersuchungen, dass das Aufbrechen
von Geschlechtsstereotypen die Ausnahme darstellt und heteronormative Ordnungs-
strukturen innerhalb der Bilderbücher reproduziert werden. Auch in unserer Untersu-
chung werden Männer deutlich häuger im Beruf dargestellt als Frauen, diese hingegen
eher in fürsorgenden und haushaltsnahen Tätigkeiten. Die von Schmerl, Schülke und
Wärntges-Möschen (1988) nachgewiesene Zuschreibung von Männern als aktiv kann
mit den vorliegenden Daten nicht bestätigt werden. Insgesamt zeigt sich, dass in be-
stimmten Bereichen eine Tendenz zu nichtstereotypen Zuschreibungen aundbar ist,
zum Beispiel bei der häugeren Darstellung von männlichen Figuren in Beziehung zu
anderen Figuren. Es nden sich jedoch auch Bereiche (z. B. das Aussehen), die in deut-
lichem Maße stereotypen Zuschreibungen entsprechen.
Die Ergebnisse zur Frage, ob sich das heteronormative System der Zweigeschlecht-
lichkeit in Bilderbüchern reproduziert, sind ähnlich wie die Ergebnisse der Analyse von
Schulbüchern (Bittner 2011). Die analysierten Bilderbücher bleiben einem heteronor-
mativen Paradigma verhaftet.
Im Hinblick auf die empirische Analyse muss jedoch einschränkend festgehalten
werden, dass ausschließlich die bildliche Darstellung von männlichen und weiblichen
Figuren analysiert wurde. Eine Analyse des Textes bzw. Bild-Text-Verhältnisses wurde
bis auf die beiden exemplarisch vorgestellten Bücher nicht vorgenommen. Somit kann
die Untersuchung keine Aussagen darüber treen, wie Geschlecht im Text bzw. auf
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Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern – eine empirische Analyse
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verbaler, narrativer und intermodaler Ebene (de)konstruiert wird. Die qualitative Ana-
lyse gibt jedoch Hinweise darauf, dass durch das Zusammenspiel von intermodaler und
narrativer Ebene geschlechtliche Brüche und Irritationen erzeugt werden können. Die
Wirkung bei den Rezipient_innen ist durch eine reine Produktanalyse nicht erklärbar.
Ob die aufgezeigten Irritationen auch bei ihnen Wirkung entfalten, gilt es in weiteren
empirischen Studien, z. B. zum institutionalisierten Einsatz von Bilderbüchern, zu un-
tersuchen.
Bilderbücher können als Träger_innen gesellschaftlicher Normen Vorstellungen
von Geschlecht und geschlechts(un)typischem Verhalten vermitteln. Durch die Abbil-
dung der Figuren könnte somit eine Erweiterung oder Einschränkung des eigenen Ver-
haltens-, Vorstellungs- und Identikationsrepertoires durch ‚Vor-Bilder‘ stattnden.
Um Geschlechtskonstruktionen und Stereotype verändern zu können, müssen diese
jedoch zunächst aufgezeigt werden, denn der „Prozess einer binären sozialen Kodierung
der Welt […] gehört zum Repertoire alltäglicher Routinewahrnehmungen und sozialen
Handelns. Und darin wird nicht reektiert, daß man für ‚Natur‘ hält, was ‚Gesellschaft‘
ist“ (Gildemeister 1992: 228). In Betonung dieser Aussage sowie im Bewusstsein da-
rum, dass auch dieser Beitrag durch das Untersuchungsdesign zu einer partiellen Re-
izierung des heterosexuellen Systems der Zweigeschlechtlichkeit beiträgt, wenn mit
binären Kategorien wie ‚männlich‘ und ‚weiblich‘, ‚typisch‘ und ‚untypisch‘ gearbeitet
wird, gilt es, auch im Rahmen erzieherischer Tätigkeiten ein Bewusstsein darüber zu
erlangen, dass die Widersprüche und Ambivalenzen zwischen Kritik und Reproduk-
tion sozialer Macht- und Ungleichheitsverhältnisse nicht einfach aufgelöst, jedoch da-
hingehend reektiert werden können, dass die institutionellen und subjektiven Verstri-
ckungen in (heteronormative) Macht- und Ungleichheitsverhältnisse (selbst)kritisch
gekennzeichnet und thematisiert werden (Klenk/Langendorf 2016). Dies gilt auch im
Hinblick auf die verwendeten Materialien in pädagogischen Institutionen und schließt
die Reexion von Geschlecht und dessen Darstellung in Bilderbüchern ein. So können
auch stereotype Bilderbücher als Gegenstände der Auseinandersetzung mit intelligiblen
geschlechtlichen und sexuellen Lebensweisen dienen und für pädagogisch Tätige und
Kinder zum Anlass der Reexion werden. Vor allem das Ergebnis, dass alle untersuch-
ten Bücher einem heteronormativen Paradigma verhaftet bleiben, legt die praktische Im-
plikation eines breiteren Repertoires an geschlechtlichen und sexuellen Lebensformen
in Bilderbüchern nahe. Dem folgend schließen wir uns der Forderung von Rohrmann
und Thoma (1998) an, dass es einer Vielzahl an Darstellungen geschlechtlicher und
sexueller Lebensweisen in Kinder- und Jugendbüchern bedarf, und plädieren ergänzend
für eine gender- und dierenzreexive Professionalisierung pädagogisch Tätiger, um
altersgemäß, adressat_innengerecht und (selbst)kritisch mit den aktuell vorndbaren
geschlechtlichen Darstellungen und heteronormativen Anrufungstendenzen in Bilder-
büchern zu arbeiten.
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78 Lars Burghardt, Florian Cristobal Klenk
GENDER 3 | 2016
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Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern – eine empirische Analyse
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GENDER 3 | 2016
Klenk, Florian C. & Langendorf, Lisa M. (2016). Pädagogische Genderkompetenz: Ambi-
valenzen eines schillernden Begris. In Carola Bauschke-Urban, Göde Both, Sabine
Grenz, Inka Greusing, Tomke König, Lisa Pfahl, Katja Sabisch, Monika Schröttle &
Susanne Völker (Hrsg.), Bewegung/en. Beiträge zur 5. Jahrestagung der Fachgesellschaft
Geschlechterstudien (Sonderheft 3 der GENDER. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und
Gesellschaft) (S. 120–132). Opladen, Berlin, Toronto: Barbara Budrich.
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(S. 85–102). Opladen: Leske + Budrich.
Rendtor, Barbara (1999b). Erziehung und Entwicklung – Sexuierte Selbstbilder von Mädchen
und Jungen. In Barbara Rendtor & Vera Moser (Hrsg.), Geschlecht und Geschlechter-
verhältnisse in der Erziehungswissenschaft (S. 71–84). Opladen: Leske + Budrich.
Rendtor, Barbara (2016). Geschlechtsbezogene Markierungen und Vereindeutigung. In Nadine
Balzter, Florian Cristobal Klenk & Olga Zitzelsberger (Hrsg.), Queering MINT. Impulse
für eine dekonstruktive Lehrer_innenbildung (S. 5–15). Opladen, Berlin, Toronto: Barbara
Budrich.
Rohrmann, Tim & Thoma, Peter (1998). Jungen in Kindertagesstätten. Ein Handbuch zur
geschlechtsbezogenen Pädagogik. Freiburg/Breisgau: Lambertus.
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sind noch nicht müde. Über die Zähigkeit von Geschlechterklischees in Kinderbilderbüchern.
Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 8(2), 130–151.
Schmitz, Ursula (1993). Das Bilderbuch in der Erziehung. Ein Ratgeber für Erzieher/innen,
Unterrichtende und alle, die Kinder und Bilderbücher lieben. Donauwörth: Auer.
Staiger, Michael (2014). Erzählen mit Bild-Schrifttext-Kombinationen. Ein fünfdimensionales
Modell der Bilderbuchanalyse. In Ulf Abraham & Julia Knopf (Hrsg.), Bilderbücher: Band
1: Theorie (S. 12–23). Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.
Tervooren, Anja (2006). Im Spielraum von Geschlecht und Begehren. Ethnographie der
ausgehenden Kindheit. Weinheim, München: Juventa.
Thiele, Jens & Steitz-Kallenbach, Jörg (2003). Handbuch Kinderliteratur. Grundwissen für
Ausbildung und Praxis. Freiburg/Breisgau: Herder.
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Wirtz, Markus & Caspar, Franz (2002). Beurteilerübereinstimmung und Beurteilerreliabilität.
Methoden zur Bestimmung und Verbesserung der Zuverlässigkeit von Einschätzungen mittels
Kategoriensystemen und Ratingskalen. Göttingen: Hogrefe.
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Zu den Personen
Lars Burghardt, M. A., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Elementar- und Fami-
lienpädagogik der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Arbeitsschwerpunkte: Inanspruchnahme
frühkindlicher institutioneller Betreuungseinrichtungen und pädagogische Qualität in Kinderta-
geseinrichtungen.
Kontakt: Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Markusstraße 8a, 96047 Bamberg
E-Mail: lars.burghardt@uni-bamberg.de
Florian Cristobal Klenk, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine Pädagogik
und Berufspädagogik der TU Darmstadt, tätig im Projekt „Schulpädagogik der Vielfalt – Inklu-
siv Lehren und Lernen“. Arbeitsschwerpunkte: Gender und Queer Studies, genderinformierte
(MINT-)Fachdidaktik, Bildungs- und Diskurstheorie, pädagogische Professionalisierung, die-
renzreexive Inklusion.
Kontakt: Technische Universität Darmstadt, Alexanderstraße 6, 64283 Darmstadt
E-Mail: f.klenk@apaed.tu-darmstadt.de
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... Richtet man den Blick auf geschlechtsspezifische Tätigkeiten, zeigen sich ebenfalls deutliche Muster: Frauen kümmern sich um den Haushalt und die Kindererziehung, Männer hingegen sind berufstätig oder erleben Abenteuer. Insgesamt zeigt der Forschungstand zu Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern, dass der Großteil der Abbildungen stereotypen Zuschreibungen entspricht und eine asymmetrische Behandlung der Geschlechter deutlich macht (siehe Burghardt/Klenk 2016;Jürgens/Jäger 2010;Lynch 2016). ...
Article
Bilderbücher sind ein fester Bestandteil in der frühen Kindheit und leisten einen Beitrag dazu, Heranwachsende mit Normen und Werten der Gesellschaft vertraut zu machen. (Un-)bewusst werden so auch Vorstellungen von Geschlecht vermittelt. Insbesondere im Kindergartenalter entwickeln Kinder Annahmen darüber, was einen „Jungen“ und ein „Mädchen“ ausmacht. Untersuchungen zu Geschlechterdarstellungen in Bilderbüchern zeigen, dass diese meist traditionellen Klischees entsprechen. Über die kindliche Wahrnehmung von Geschlecht liegt vergleichsweise wenig aktuelles Forschungswissen vor. Der vorliegende Beitrag geht dieser Frage nach und untersucht die kindliche Wahrnehmung von Geschlechterdarstellungen beim gemeinsamen Lesen eines „untypischen“ Bilderbuchs bei 43 Kindern im Kindergartenalter. Die Ergebnisse zeigen, dass viele der Kinder flexible Vorstellungen von männlichen und weiblichen Verhaltensweisen haben und es beispielsweise als selbstverständlich ansehen, dass auch Männer nähen oder Kinder trösten können. Andere Faktoren, wie das „Erwachsen sein“ oder „Kompetent sein“ von Figuren, spielen für die kindliche Wahrnehmung teils eine größere Rolle als deren Geschlecht. Die Ergebnisse werden diskutiert und in den Forschungsstand eingebettet.
Article
Religion und Geschlecht sind zentrale Wissenskategorien für die Entwicklung und Ausprägung jüdischer Identität in ihrer Selbst- und Fremdwahrnehmung. Gemäß Pierre Bourdieu lassen sich entsprechende Prozesse der Identitätsbildung als Habitualisierung verstehen, an welcher auch Jugendliteratur einen Anteil haben kann. Der Artikel legt anhand der Jugendromane Bella und das Mädchen aus dem Schtetl (2015) und Dunkles Gold (2019) exemplarisch dar, mit welchen Methoden und Fragestellungen Geschlechtlichkeit und geschlechtlich markierte Sozialisationsangebote innerhalb religionsaffiner Kontexte jüdischer Jugendliteratur untersucht werden können .
Chapter
Full-text available
[Framework for analyzing picturebooks.] Inzwischen liegt eine aktualisierte und erweiterte Fassung des Modells vor: M. Staiger: Kategorien der Bilderbuchanalyse – ein sechsdimensionales Modell. In: B. Dammers/A. Krichel/M. Staiger (Hg.): Das Bilderbuch. Theoretische Grundlagen und analytische Zugänge. Stuttgart: J.B. Metzler 2022, S. 3-27. https://doi.org/10.1007/978-3-476-05824-9_1
Book
Der Band bietet eine breite und anspruchsvolle Einführung in das Gebiet der erziehungswissenschaftlichen Geschlechterforschung. Zweifellos liegt in der Frage nach der Bedeutung und den Wirkungsweisen von Geschlecht und Geschlechterverhältnis eine der größten aktuellen Herausforderungen an Wissenschaft und soziale und politische Praxis. Das Buch gibt einen Überblick über die gegenwärtige Forschungslage zur Geschlechterthematik innerhalb der Erziehungswissenschaften und arbeitet dabei die strukturelle Bedeutung von "Geschlecht" als Kategorie heraus. Die Darstellung und Diskussion dieser Thematik ist in drei Teile gegliedert. Als Einführung dient eine systematische Darstellung der Kategorie "Geschlecht" in ihren sozialen, historischen und strukturellen Aspekten. Im zweiten Teil werden einige erziehungswissenschaftlich relevante Fragestellungen vertieft und konkretisiert. Der dritte Teil umfaßt Beiträge aus den Einzeldisziplinen, die jeweils den Stand der Diskussion darlegen und darüber hinausgehende Fragestellungen aufzeigen.
Book
Die zeitgenössischen feministischen Debatten über die Bedeutungen der Geschlechtsidentität rufen immer wieder ein gewisses Gefühl des Unbehagens hevor, so als ob die Unbestimmtheit dieses Begriffs im Scheitern des Feminismus kulminieren könnte. Möglicherweise muß aber dieses Unbehagen nicht zwangsläufig mit einer negativen Wertigkeit behaftet sein. Im herrschenden Diskurs meiner Kindheit galt ›Schwierigkeiten machen‹ als etwas, das man in keinem Fall tun durfte, und zwar gerade, weil es einen ›in Schwierigkeiten bringen‹ konnte.
Book
In ihrer epochemachenden Studie Das Unbehagen der Geschlechter entwickelt Judith Butler die These der Performativität des Geschlechts: die Einsicht, daß unser Geschlecht nicht nur durch biologische Parameter bestimmt ist, sondern daß wir es durch unser Sprechen und Handeln allererst erzeugen. Was wir sind, hängt davon ab, was wir tun – was wir tun, liegt aber häufig nicht in unserer Macht. In ihrem neuen Buch geht sie nun insbesondere den Reglementierungen und Einschränkungen unseres Handelns nach und erforscht die Möglichkeiten, bestehende Muster, Regeln und Ordnungen zu demontieren, um neue Handlungsspielräume – und neue Möglichkeiten, die eigene Identität zu gestalten – zu erschließen. Ihr neues Werk vertieft und bilanziert eine Reihe von Themen und Thesen aus Butlers früheren Werken: die Materialität des Körpers, die Beziehung zwischen Macht und Psyche, die politischen Dimensionen der Psychoanalyse und die Auswirkungen des juridischen Diskurses auf diejenigen, die nicht autorisiert sind, an ihm teilzunehmen. Die einzelnen Essays untersuchen das Problem der Verwandtschaft vor dem Hintergrund einer immer stärkeren Infragestellung der Lebensform Familie und die Bedeutung und Ziele des Inzesttabus; sie hinterfragen die Pathologisierung von Intersexualität und Transsexualität und unterziehen das Phänomen sexueller und ethnischer Panik in der Kunstzensur einer kritischen Analyse. Der Band schließt mit einem grundlegenden Essay über den Status der Philosophie und ihre Möglichkeiten, das »Andere der Philosophie« zur Sprache kommen zu lassen.
Chapter
Das Konzept des „Doing gender“ ist in der Geschlechterforschung zu einem Synonym für die in der interaktionstheoretischen Soziologie entwickelten Perspektive einer „sozialen Konstruktion von Geschlecht“ geworden. „Doing gender“ zielt darauf ab, Geschlecht bzw. Geschlechtszugehörigkeit nicht als Eigenschaft oder Merkmal von Individuen zu betrachten, sondern jene sozialen Prozesse in den Blick zu nehmen, in denen „Geschlecht“ als sozial folgenreiche Unterscheidung hervorgebracht und reproduziert wird. In diesem Sinne ist das Konzept des „Doing gender“ eine Antwort auf die nur auf den ersten Blick einfache Frage: Wie kommt es zu einer Zweiteilung der Gesellschaft in „Frauen“ und „Männer“?
Chapter
In diesem Aufsatz geht es um die Frage, wie sich das Geschlecht eines Kindes auf den Prozeß seiner individuellen lebensgeschichtlichen Entwicklung, die Entwicklung seiner sozialen Beziehungen und auf das Bild von sich selbst auswirkt — salopp formuliert geht es also um den Vorgang, wie aus Kindern Mädchen und Jungen werden. Diese Entwicklung läßt sich auf mehreren unterschiedlichen Ebenen nachzeichnen. Zuerst wäre die biologische Seite zu diskutieren: Welche Rolle spielt die Anatomie, sind geschlechtstypische Eigenarten angeboren oder erworben — ‘nature or nurture’? Sodann die Sozialisation, also die Gesamtheit der Erfahrungen und Prägungen, die ein Mensch in Interaktion mit seiner Umwelt, ihren spezifischen materiellen, kulturellen und sozialen Bedingungen erlebt — diese haben, wie im Eingangskapitel dargelegt, immer eine geschlechtliche Dimension. Unter dem Stichwort Erziehung wären gezieltere Einflußnahmen von Eltern oder Erziehungsberechtigten einzuordnen, die erwartungsgemäß auch da, wo sie nicht ausdrücklich (und sogar da, wo sie ausdrücklich nick) geschlechtsspezifisch sein wollen, gleichwohl einen Sexuierungseffekt, einen geschlechtertypisierenden Anteil haben.1 Und diese speziellen Einflüsse, die ein Kind vom Beginn des Lebens an erfährt, prägen auch sein leibliches Selbstbild, sie schreiben sich in sein Körperbild ein und beeinflussen so die Vorstellung des Menschen von sich selbst.