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Parallelnamen

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  • University of Zurich/Schweizerdeutsches Wörterbuch

Abstract

Der Beitrag beschäftigt sich mit inoffiziellen Ortsnamenvarianten und Ortsnamen und deren sozialen und kommunikativen Funktionen. Die im Folgenden als Parallelnamen bezeichneten Namenformen sind nicht amtlich fixiert und auf Plänen verzeichnet, aber ein wichtiger Teil des alltäglichen Ortsnamengebrauchs. Sie zeichnen sich wesentlich dadurch aus, dass sie keinen offiziellen und dadurch auch keinen normierten Status haben und meist in der mündlichen Kommunikation entstanden sind. Manche Parallelnamen existieren über mehrere Generationen hinweg und können sogar in die offizielle Namengebung übernommen werden, andere zeichnen sich durch eine kurze Lebensdauer aus.
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Am Ende dieses dritten Bandes des ‹ Namenbuchs Basel-Stadt › steht die Beschäigung mit
jenen Ortsnamen und Ortsnamenvarianten, die in den beiden Lexikonbänden nur am
Rande erwähnt werden, die aber ebenfalls eine wichtige Rolle in der kommunikativen
Organisation und Interpretation unseres Lebensraumes spielen : die Vielzahl inozieller
Namenvarianten oder Namen. Sie sind nicht amtlich xiert und auf den Plänen verzeich-
net, aber doch Teil unseres Ortsnamengebrauchs. Im Folgenden werden alle gleichzeitig
zu amtlich festgelegten Namen informell gebrauchten Toponyme als Parallelnamen be-
zeichnet.475 Sie zeichnen sich wesentlich dadurch aus, dass sie keinen oziellen und da-
durch auch keinen normierten Status haben und meist in der mündlichen Kommunikati-
on entstanden sind. Zum einen bezieht sich der Begri Parallelnamen auf die mündlichen
dialektalen Gebrauchsformen der auf dem Stadtplan und in den Grundbüchern verzeich-
neten schrilichen Toponyme, zum anderen zählen wir auch all die Ortsnamen zu dieser
Gruppe, die informelle Benennungen von oziell anders benannten Orten sind oder die
Orte bezeichnen, die in der oziellen Stadtplanung gar nicht als zu benennende Orte
wahrgenommen werden.
Manche Parallelnamen existieren über mehrere Generationen hinweg und können so-
gar in die ozielle Namengebung übernommen werden,476 andere zeichnen sich durch eine
kurze Lebensdauer aus. Aber nicht nur sprachlich sind Parallelnamen weniger normiert als
die oziellen Toponyme, o nehmen die einzelnen Namennutzerinnen und Namennutzer
auch den mit ihnen bezeichneten Raum perspektivisch anders wahr.477 Parallelnamen kön-
nen von Einzelnen wie auch von kleineren oder grösseren Gruppen verwendet werden. In
deutlicher Diskrepanz zu den oziellen Toponymen stehen sie nicht zuletzt durch die amt-
liche Fixierung Letzterer, und es bedarf spezieller, häug soziolinguistischer, Methoden, um
sie im heutigen Gebrauch ausndig zu machen und zu analysieren. 478 Dieses Kapitel bietet
Parallelnamen
Inga Siegfried
475 In der linguistischen und onomastischen Forschungsliteratur gibt es nur wenige Arbeiten, die
sich explizit mit den inoziellen Eigennamen beschäigen. Allein die terminologische Abgren-
zung dieser Klasse bietet einige Schwierigkeiten. Vgl. dazu K, Inozielle PersN, 17 . und
P, Investigating, 131 . Salvisberg fügt dem Basler Strassennamenlexikon einen Index ehe-
maliger und inozieller Namen bei, in dem er einige inozielle Toponymne aufzählt, aber nicht
weiter bespricht, vgl. S, StrassenN, 466 .
476 Vgl. zum Beispiel das 2010 amtlich benannte Hexenweglein, NbBS 2, 353 f.
477 Vgl. dazu C, Displacement, 502.
478 Dass sich auf diese Weise auch im ländlichen Raum eine Vielzahl von parallel oder singulär ge-
brauchten Flurnamen aufzeigen lassen, zeigen zum Beispiel M, Teoria und W-
-H, Mikrotoponyme.
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einen kurzen Einblick in basel-städtische Parallelnamen und bespricht an einzelnen Bei-
spielen deren Formen und Funktionen. Es versteht sich jedoch nicht als detaillierte Aus-
wertung eines bestimmten Korpus, sondern möchte vielmehr weitere Untersuchungen auf
diesem Gebiet anregen. Denn wir begegnen mit den Parallelnamen einer Art von subjekti-
vem, individuellem oder gruppenspezischem, Blick auf städtische Örtlichkeiten, in dem
die emotive Ebene der Ortsnamenverwendung besonders gut fassbar ist.
Untersuchungsgrundlage ist eine von der Forschungsstelle ‹ Namenbuchs Basel-Stadt
durchgeführte Umfrage,479 an der circa 350 Personen aus allen Generationen, von Schüle-
rinnen bis hin zu Pensionären, teilnahmen und in der verschiedene Fragen zu Parallel-
namen beantwortet werden sollten. Die nichtrepräsentative Umfrage erlaubt eine erste
Annäherung an auällige Phänomene des städtischen Parallelnamengebrauchs.480
Dialektal geprägte Namenformen
Wie schon im Kapitel zur ‹ Stadtsprache › festgestellt wurde, zeigt sich in der dialektal ge-
prägten Aussprache der in standarddeutscher Form festgelegten Strassennamen481 ein we-
sentliches Moment des Stadtsprachlichen.482 Auch in der Umfrage wurden vielfach dialek-
tale Strassennamenformen als Parallelnamen angeführt, am häugsten jedoch in der
Kurz- oder Koseform ( z. B. Brisi 483 für Breisacherstrasse, Sissi für Sissacherstrasse, Marki
für Markircherstrasse, Stareli für Starenstrasse, Freyi, Freie für Freie Strasse, Dälsbi für
Delsbergerallee, Peti / Petis / Petsgi für Petersplatz, Bar, Baar für Barfüsserplatz ). Ähnli-
che Kurzformen nennen die Teilnehmenden besonders auch für Gastronomielokale und
andere öentlich genutzte Gebäude ( z. B. Hirschi für Hirscheneck, Tis für Restaurant At-
lantis, Mitti für Unternehmen Mitte, Joha für Johanniter Bar, Soca / S oka für Sommercasino,
Mutz oder im Bruune für Brauner Mutz ). Schon das Dialektwörterbuch von Rudolf Suter
führt einige toponymische Kurzformen auf ( z. B. Santihans für das Quartier St. Johann484 ).
Es ist anzunehmen, dass solche dialektalen Kurzformen auch in vormoderner Zeit in Ge-
brauch waren, doch begegnen sie uns nicht in den Schridokumenten. Dies deutet darauf
hin, dass, wie schon an anderer Stelle bemerkt worden ist,485 die Urkundentexte eine über-
479 Umfrage NbBS.
480 Mehrfach wurde von den Teilnehmenden darauf hingewiesen, wie schwer die kontextlose Frage
nach Parallelnamen ( auch bei Angabe einiger Beispiele ) zu beantworten sei. Für künige Paral-
lelnamenumfragen empehlt sich daher zum Beispiel die Arbeit mit Karten, in die Parallelna-
men eingetragen werden können.
481 Die drei 1970 amtlich benannten und auf die Kleinbasler Fasnachtstradition verweisenden Stras-
sennamen Ueli-Gässli, Vogel Gry-Gässli und Wild Ma-Gässli sowie das 2008 aufgrund eines
Vorschlags der Anwohnenden vergebene Salmgässli bilden Ausnahmen, da hier die amtliche
Benennung von den standardsprachlichen Namenformen abweicht.
482 Vgl. das Kapitel ‹ Stadtsprache › im vorliegenden Band.
483 Die kursiv gesetzten Formen entsprechen der in den Umfragerückmeldungen angegebenen
Schreibung.
484 S, Baseldeutsch, 184.
485 Vgl. das Kapitel ‹ Stadtnamen › im vorliegenden Band.
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dialektale Ausgleichssprache wiedergeben, die sie auch in anderen sprachlichen Umge-
bungen lesbar machen sollte. Nur in vereinzelten Belegen des 15. und 16. Jahrhunderts, in
den stark dialektal geprägten Varianten der Stadtbeschreibung und im Pestbericht Felix
Platters aus dem Jahr 1610 begegnen wir Spuren des in der mündlichen Kommunikation
üblichen Namengebrauchs. So heisst es beispielsweise in Platters Pestbericht :
Die Stroß an der Rinckmuren goth vom Spalenthor biß an die fröschgaß, do das polwerck an der
muren ; darnoch bis an urn, do des Folterers hus gewesen auch an der stat muren, von dannen
bis zum polwerck, do der Wogtenhalß der thurn gestanden ist.486
Dieser Ausschnitt belegt nicht nur die dialektale Wiedergabe der noch nicht amtlich fest-
gelegten Strassennamen ( fröschgaß ), sondern auch die starke räumliche Orientierung an
Bauten ( an der Rinckmuren ; do der Wogtenhalß der thurn gestanden ist ; an urn, do des
Folterers hus gewesen usw. ), die häug mit Informationen über ehemalige oder aktuelle
Bewohner verknüp sind.
Der alltägliche Ortsnamengebrauch war und ist demnach von der Sprache der jewei-
ligen Namennutzerinnen und -nutzer und von deren individueller und perspektivischer
Wahrnehmung der Umgebung geprägt. Dennoch funktionierten und funktionieren Orts-
namen auch in dieser informellen Form nur, wenn beide Seiten, also auch die Angespro-
chenen, das sprachliche Zeichen referenziell verstehen und einem Ort zuordnen können.
Man muss hierfür nicht einmal die gleiche Sprache sprechen, man muss nur einmal in
den Gebrauch der Ortsnamen ( worauf bezieht sich welcher Name ) eingeführt worden
sein. Dies geschieht durch andere Kommunikationsteilnehmende, heutzutage oziell
auch über Karten und Ähnliches. Bei Parallelnamen ist die Einführung in den Namen-
gebrauch zwingend an die mündliche Vermittlung innerhalb einer Kommunikations-
gemeinscha gebunden.
Unabhängig davon, wie ihnen der Gebrauch eines Parallelnamens beigebracht wurde,
bestimmen die einzelnen Namennutzerinnen und -nutzer individuell und situativ, wie
und wo sie den Namen genau nennen ( wollen ).487 Durch die Art und Weise, wie sie die
Namenvarianten nutzen, geben sie zugleich Signale weiter, die wesentlich für die Funkti-
on der Parallelnamen sind.488
486 P, Pest Edition, 190, hier zitiert ohne erklärende Klammerbemerkungen des Heraus-
gebers.
487 Manche der Befragten nannten explizit ‹ baseldytsche Lautungen › ( vor allem im Zusammenhang
mit während der Fasnacht gebrauchten Parallelnamen ), während andere das ablehnten oder ak-
tuelle dialektale Formen nannten.
488 Vgl. dazu das Unterkapitel ‹ Zur Funktion von Parallelnamen › in diesem Aufsatz.
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Vom Beverly Holz zur Glettiisegass
Neben den dialektalen Namenvarianten wurden in der Umfrage auch Parallelnamen ge-
nannt, die Alternativen zu der oziellen Ortsbenennung wiedergeben. Zum Teil handelt
es sich dabei um veränderte Namenformen oder Parodien der bestehenden oziellen
Namen, häug enthalten sie eine ironische Konnotation. So bezeichnet Beverly Holz das
Stadtquartier Bruderholz, das auf diese Weise wegen seiner vielen gehobenen Miet- und
Eigenheimobjekte und deren Bewohner ironisch mit dem für seine Villen bekannten ka-
lifornischen Beverly Hills verglichen wird. Ähnliche Parallelnamenbildungen sind Hirz-
brooklyn für das Hirzbrunnen-Quartier und Betstone für das Wettstein-Quartier. Waren
auch im Dialekt ähnliche ironische Umstellungen ( z. B. Doorstaine für Steinentorstrasse )
möglich, so sieht man in den angegebenen Beispielen, dass sich die Möglichkeiten des
Sprachspiels durch den Einbezug der englischen Sprache erweitert haben.
Mit der Glettiisegass 489, die vor allem älteren Befragten als Parallelname für die Rhein-
gasse bekannt war, begegnet uns eine weitere Form von Parallelnamen. Die informellen
Toponyme dieser Parallelnamengruppe weisen keinerlei sprachliche Verbindung zu den
jeweiligen oziellen Ortsnamen auf. Wesentlich für diese Gruppe ist, dass immer ein
ganz eigenes Motiv für die Benennung vorliegt, das alternativ zu der oziellen Namenge-
bung auf ein besonderes, den Namennutzenden ( noch ) bekanntes Ereignis oder eine ent-
sprechende Nutzung beziehungsweise Ansicht etc. zurückgeht.490 So soll die Glettiisegass
an ein dort geschehenes Tötungsdelikt mit einem Bügeleisen erinnern. Ebenfalls in diese
Gruppe gehören Parallelnamen wie Firestone für die Elisabethenschanze ( da von dort aus
über lange Zeit eine Werbung für die Pneumarke Firestone zu sehen war ), Wällb l ä c h -
Bruederholz für das Wohnquartier Neubad ( wohl wegen der etwas weniger privilegierten
Wohnlage )491, Kierbalkon für die Pfalz ( wegen der Cannabis rauchenden an diesem Aus-
sichtspunkt ), Kinostroos für die Steinenvorstadt ( wegen der dortigen Lichtspielhäuser ).
Neben diesen Fällen wurden in der Umfrage häug Parallelnamen genannt, die sich auf
ältere Namen für die heute anders benannten Orte beziehen. So verweist der Name Säge-
berg auf den früheren Strassenabschnittsnamen der 1871 amtlich benannten Zürcher-
strasse, an dem von 1838 bis 1954 eine Sägemühle stand.492 Das bekannteste Beispiel ist
jedoch der vor allem im Fasnachtskontext bekannte Parallelname Seibi für den Barfüsser-
platz, der auf eine frühere Nutzung des Platzes als Schweinemarkt zurückgeht.493
489 In der Umfrage wurde ungefähr ebenso häug die Schreibung Glettyysegass angegeben, und in
dieser Schreibung ist sie auch im Dialektwörterbuch von Rudolf Suter verzeichnet.
490 Hierin gleichen die Parallelnamen den primär benannten vormodernen Strassennamen.
491 S, Baseldeutsch, 26 führt noch die Parallelnamen Bläächdalbe und Alumyyniumdalbe für
das Bachletten-Quartier und das Paulus-Quartier an.
492 Vgl. NbBS 2, 632 f. Auch die vormoderne Munimattstrasse, die nicht für die moderne Nomen-
klatur berücksichtigt wurde, prägte moderne informelle Namen wie Munimattbrücke und Muni-
matt-Parkplatz. Vgl. NbBS 2, 527.
493 Vgl. NbBS 2, 104.
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Neben diesen Parallelnamen, die sich auf einen oziell anders benannten, aber na-
mentlich aufgeführten Ort beziehen, wurden in der Umfrage auch Namen genannt, die
auf Orte verweisen, die nicht Teil des amtlich vermessenen Raumes sind. Sie sollen im
Folgenden genauer betrachtet werden.
Wo bitte ist der Affenfelsen?
Der oder die Florabeach ist eine inzwischen in Basel recht bekannte Bezeichnung für das
Rheinufer bei der Florastrasse. Andere Abschnitte des Kleinbasler Rheinufers werden mit
den Parallelnamen Riviera
494 oder Rhimini ( unter spielerischem Einbezug des Dialektna-
mens Rii für Rhein ) bezeichnet, während das Ufer des Wiesenusses lange als Arbeiter-
Riviera bekannt war. Einer der am häugsten genannten Trepunkte in Basel sind die
Telefonkabinen auf dem Barfüsserplatz ; der Trepunkt wurde in der Umfrage mit den
Namenformen Türketämpel / Türgge tämpel, s Dirgehotel495, TT, TK, TKB, Te lbinen , D Deli-
foonkabine am Bar und Te o n angegeben. Während der Basler Fasnacht kann man im
Bermudadreieck / Bermuda Dreyegg zwischen den Beizen Hasenburg, Grüner Heinrich
und Gihüttli ‹ untergehen ›. Viele Basler verabredeten sich, als vor der Barfüsserkirche
noch eine Mauer stand, bei oder auf der Muur, Klagemuure oder Klagemauer, nach Abriss
der Mauer verwendete man den Parallelnamen für den Barfüsserplatz oder die dortige
Treppe. Heute tri man sich zuweilen bei der Truurwide / Trauer weide auf dem Bahnareal
St. Johann oder – zumindest bis vor Kurzem – auf dem NT-Areal.496 All diese Orte, die
nicht Teil des oziellen Benennungsrasters sind, werden von Einzelnen, von kleinen oder
von grossen Personengruppen als eigene Orte wahrgenommen und benannt.497 Manche
dieser Orte und deren Namen sind nur wenigen bekannt. Selbst Einzelpersonen können
im Gespräch mit sich selbst oder ihren Haustieren vollkommen eigene Ortsnamen verge-
ben. Häuger ist allerdings eine gruppenbezogene Namengebung, die den Ort für eine
bestimmte soziale Gruppierung ( eine Familie, einen Freundeskreis, eine Schulgemein-
scha, Taxifahrer, Fasnachtscliquen, Pensionärsvereinigungen etc. ) erschliesst. Wer den
Namen kennt, weiss zu welchem Trepunkt er oder sie kommen soll, weiss, über was die
oder der andere redet.
Allerdings kann es passieren, dass man am falschen Ort ankommt, wenn man nicht
aufpasst. Denn gerade Parallelnamen können sich je nach Sprechergruppe durchaus auf
unterschiedliche Orte beziehen. Das zeigt der Fall des Aefel s( e ) : In der Umfrage kam es
zu mehreren Nennungen dieses Parallelnamens. Während einige die Stufen am Kleinbas-
ler Rheinufer so bezeichneten, meinten andere die Betontribüne im Familienbad Eglisee,
wiederum andere die Tribüne beim Sportbecken im Gartenbad St. Jakob oder gar die
494 Der Parallelname ndet sich auch im Restaurantnamen Glaibasler Rhywyera am Unteren Rhein-
weg ; vgl. NbBS 2, 603.
495 Der spöttische Bezug auf die Volksgruppe ergab sich aus der Wahrnehmung von früher häug
diese öentlichen Telefonkabinen nutzenden Zuwanderern aus südlichen Ländern.
496 Vgl. NbBS 2, 733 f.
497 Unter diesen Parallelnamen nden sich auch viele spöttische oder auch vulgäre Namen.
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Stirnseite des Hafenbeckens 1 an der Westquaistrasse. Alle aber beziehen sich mit diesem
Namen metaphorisch auf die müssig von den Felsenanlagen ‹ gaenden › Aen im Zoo.
Das Beispiel zeigt eindrücklich, dass die fehlende Normierung der informellen Namen
hinsichtlich der Eindeutigkeit der Namen zu Problemen führen kann, es macht aber zu-
gleich eine wichtige Funktion von Parallelnamen sichtbar, die im Anschluss besprochen
wird.
Zur Funktion von Parallelnamen
Selbstverständlich bezieht sich die Verwendung von Parallelnamen identizierend auf
einen Ort, und ich möchte als Sprecher, dass die Menschen, denen ich unterstelle, dass sie
meinen Parallelnamengebrauch verstehen, wissen, von welchem Ort ich rede, und auch
dort ankommen. Doch hat meine Kenntnis einzelner Parallelnamen noch eine weitere
Funktion. Wenn ich mich entscheide, einen bestimmten Ort mit einem Parallelnamen
wie zum Beispiel Bar zu bezeichnen, zeige ich je nach Situation und Kommunikations-
partner an, dass ich den informell und von einer grossen Personengruppe universell498
gebrauchten Namen kenne und nicht völlig ausserhalb der städtischen Kommunikations-
gemeinscha stehe, sondern mich, im Gegenteil, darin ganz bewusst positioniere. Wenn
ich weiss, wo d Line ist, verfüge ich über ein exklusives Wissen der Sprayerszene, wenn ich
weiss, wo die Fuule Egge ( dr fuul Egge, s fuule Eck ) ist, habe ich wohl eine Beziehung zur
Rheinschifahrt, und wenn ich mich mit jemandem am Aenfelsen verabrede, dann ge-
hört er vermutlich zu meinem Freundeskreis und ich gehe davon aus, dass wir uns am
selben Ort treen werden, oder ich muss bei meinem Gegenüber nachfragen, um in sei-
nen Parallelnamengebrauch eingeweiht zu werden. Ein Parallelname kann in Konkurrenz
zu anderen Parallelnamen und zu oziellen Namenformen stehen und deshalb als Mittel
der sozialen Dierenzierung und kommunikativen Kontrolle eingesetzt werden.499 Aus
diesem Grund können aber aus der Beobachtung der jeweiligen Vergabe und Verwen-
dung von Parallelnamen auch Rückschlüsse auf die Sprechenden selbst gezogen werden –
mögen sie stimmen oder nicht. Parallelnamen haben daher – anders als die oziellen
Toponyme – eine wichtige soziale Funktion, die über die Zugehörigkeit zu einer bestimm-
ten Gruppe entscheiden kann und die in verschiedenen sozialen und kommunikativen
Kontexten relevant ist.
498 Vgl. P, Investigating, 132.
499 Vgl. dazu für die inoziellen Personennamen K, Inozielle PersN, 197 f.
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