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Introduction: Interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene

Authors:

Abstract

Anthology, edited by Christiane Lewe, Tim Othold and Nicolas Oxen. The included essays explore waste, remnants and remains as practical, theoretical and productive matter, without immediately trying to tidy everything up and put it in order. The extract includes cover, table of contents and the German and English introductions. -- Müll und Reste »bleiben übrig«, ohne sich dabei je ganz zu erübrigen: Sie werden geplant, verwaltet, vermieden, vergessen und wiederentdeckt, sie provozieren Ordnungen und transformieren sich und unsere Gesellschaft. Statt die Illusion einer nachhaltigen »Restlosigkeit« aufrechtzuerhalten und alles Übrige und Sonstige sauber fortzukehren, betrachten die Beiträge in diesem Band Müll und Reste als eine kritische Masse, als ein praktisches und theoretisches Phänomen, das von Ökologie und Philosophie bis zu Medienwissenschaft und Soziologie neue Perspektiven ermöglicht und neues Nachdenken fordert – und für die es sich lohnt, etwas übrig zu haben.
2016-08-16 11-29-57 --- Projekt: transcript.anzeigen / Dokument: FAX ID 0178437731170608|(S. 1- 2) VOR3327.p 437731170616
Aus:
Christiane Lewe, Tim Othold, Nicolas Oxen (Hg.)
Müll
Interdisziplinäre Perspektiven auf das Übrig-Gebliebene
Oktober 2016, 254 Seiten, kart., zahlr. z.T. farb. Abb.,
29,99 , ISBN 978-3-8376-3327-6
Müll und Reste »bleiben übrig«, ohne sich dabei je ganz zu erübrigen: Sie werden ge-
plant, verwaltet, vermieden, vergessen und wiederentdeckt, sie provozieren Ordnun-
gen und transformieren sich und unsere Gesellschaft. Statt die Illusion einer nachhal-
tigen »Restlosigkeit« aufrechtzuerhalten und alles Übrige und Sonstige sauber fortzu-
kehren, betrachten die Beiträge in diesem Band Müll und Reste als eine kritische Mas-
se, als ein praktisches und theoretisches Phänomen, das von Ökologie und Philoso-
phie bis zu Medienwissenschaft und Soziologie neue Perspektiven ermöglicht und
neues Nachdenken fordert – und für die es sich lohnt, etwas übrig zu haben.
Christiane Lewe (M.A.) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kompetenzzentrum
Medienanthropologie an der Bauhaus-Universität Weimar.
Tim Othold (M.A.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie
audiovisueller Medien an der Bauhaus-Universität Weimar.
Nicolas Oxen (M.A.) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Philosophie
audiovisueller Medien an der Bauhaus-Universität Weimar.
Weitere Informationen und Bestellung unter:
www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3327-6
© 2016 transcript Verlag, Bielefeld
2016-08-16 11-29-57 --- Projekt: transcript.anzeigen / Dokument: FAX ID 0178437731170608|(S. 1- 2) VOR3327.p 437731170616
Inhalt
Vorwort | 7
Einleitung
Christiane Lewe, Tim Othold, Nicolas Oxen | 9
Introduction
Christiane Lewe, Tim Othold, Nicolas Oxen | 31
BEDINGUNGEN
Ordnung schaffen mit Medien.
Über die Produktivität von Müll und Schmutz
Thomas Waitz | 41
The Interplay of Attraction and Repulsion:
Approaching the Mysterious Agency of Waste
Franziska Reichenbecher | 65
IN GESELLSCHAFT MIT DEM ÜBRIGEN
Cleaning up: Gender, Race and Dirty Work at Home
Rosie Cox | 97
RestopiaSelf-Storage as Urban Practice.
»Like a hotel – but for things«
Petra Beck | 117
EIGENSINNIGES UND EIGENSINNLICHES
ÄSTHETISCHE DYNAMIKEN DES ÜBRIGEN
Tales from the Great Pacific Garbage Patch.
Speculative Encounters with Plastic
Léa Perraudin | 143
Szenarien des Mülls.
Von Schrott, Abfall und anderen symbolischen Ordnungen
des Ausrangierten
Claudia Tittel | 171
ZUR PRODUKTIVITÄT DES ÜBRIGEN:
PRAKTIKEN DES
ENT-, VER- UND WEGWERFENS
A Phone Worth Keeping for the Next 6 Billion?
Exploring the Creation of a Modular Smartphone
Made by Google
Stefan Laser | 201
Architektur aufbewahren.
Zur Ideengeschichte des Gebäuderecycling
Johannes Warda | 227
Vitae | 247
Einleitung
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HRIS TIANE
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EWE
,
T
IM
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THOLD
,
N
ICOLAS
O
XEN
Das Übrige fällt nicht nur an – oder ab –, es fällt auch auf: Hartnäckig häuft es
sich an und drängt vom Rande unserer Aufmerksamkeit in ihr Zentrum und for-
dert dabei ontologische Grenzen der materiellen Welt heraus. Der bloße Akt des
Übrig-Bleibens beinhaltet stets eine Form von Widerstand; er ist Zeugnis einer
Eigenwilligkeit, die nicht in einer sauberen Distanz zwischen Subjekt und Objekt
aufgeht. Am Ende von Das Sein und das Nichts trifft auch Jean-Paul Sartre auf
eine ähnlich ambivalente und widerspenstige Substanz: das Klebrige (le vis-
queux):
»Das Klebrige erscheint mir wie eine im Alptraum gesehene Flüssigkeit, deren Eigen-
schaften sich alle mit einer Art Leben beseelen und gegen mich richten. Das Klebrige ist
die Rache des An-Sich.«1
Wie das Übrige, stört das Klebrige Distanzverhältnisse, weil es die Welt als ei-
gensinnig und angänglich erscheinen lässt. Überquellende Papierkörbe und
schmutzige Kühlschränke können nicht nur ein Eigenleben gegen jedes Ord-
nungs- und Hygienebedürfnis entwickeln und darin abstoßend sein, sie erzeugen
auch eine eigenartige Faszination und Anziehungskraft des Ekelhaften, Ver-
brauchten und Vergänglichen. Wie das Übrige stört auch das Klebrige Klassifi-
zierungen: Was das ist, das sich in einem Zustand zunehmender organischer Zer-
setzung in der hintersten Ecke des Kühlschranks befindet, ist immer auch eine
Frage nach ontologischer Differenzierung – konfrontiert mit Ambivalenz und
1 Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Onto-
logie, Gesammelte Werke, Philosophische Schriften 1, Frankfurt a.M.: Rowohlt 1994,
S. 1042.
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Wandlungsfähigkeit. Sartre bezeichnet das Klebrige auf einer materiellen Ebene
als eine »Substanz zwischen zwei Zuständen«
2
. Weder flüssig noch fest, unter-
läuft es etablierte Kategorien; es fließt nicht, sondern verdickt und verlangsamt
sich. Auch seine Festigkeit ist instabil, denn versucht man es zu formen, scheint
man es nur zu zerdrücken, wobei es oft unweigerlich an den Fingern kleben
bleibt.
3
Das Übrig-Gebliebene muss nicht immer klebrig sein, aber es ist ebenso
schwer abzuschütteln und scheint ebenfalls stets zwischen oder quer zu Versu-
chen der Kategorisierung zu stehen.
Derart in einem Zwischenzustand zu existieren, macht auch für Michael
Thompson die Kategorie des ›Abfalls‹ aus. In seiner Rubbish Theory versucht
Thompson zu zeigen, dass der »Lebenszyklus« von Gegenständen nicht nur von
ihrer materiellen Dauerhaftigkeit, sondern insbesondere von gesellschaftlichen
Wertvorstellungen abhängig ist. Zwischen Gegenständen, die vergänglich sind
und an Wert verlieren einerseits und ›dauerhaften‹ Gegenständen, die an Wert
gewinnen, andererseits – z.B. Antiquitäten, aber auch ganze Stadtviertel in ihrer
Gentrifizierung bildet der Abfall einen Zwischenzustand. Er ist die Kategorie
des Wertlosen, die zwischen den anderen beiden vermitteln kann und es Objek-
ten erlaubt, über temporäres Abfall-Sein zwischen den Kategorien von Wertzu-
wachs und Wertverlust zu wechseln. Abfälliges verschwindet so aus dem kogni-
tiven Rahmen bzw. bleibt darin unbemerkt integriert, wie Thompson es am An-
fang seines Buches anhand des benutzten Taschentuchs illustriert, das man so
selbstverständlich wie unbedacht mit sich in der Tasche trägt. Als Abfall existie-
ren Gegenstände in einem »zeitlosen und wertfreien Limbo«
4
und können – wie
sich an Vintage- und Retro-Trends gut nachvollziehen lässt – jederzeit wieder in
den Kreislauf der wertvollen Objekte eintreten.
Bei Thompson und Sartre geht es also um Zwischenzustände und doch ist
Thompsons Konzept von Rubbish mit seinen überraschend sauber gezogenen
Kategoriegrenzen und Schaubildern weit von jeder Klebrigkeit entfernt. Dies
wird vor allem deutlich, wenn Sartre seine Ausführungen, in Anlehnung an Gas-
ton Bachelard, als eine »Psychoanalyse der Dinge«
5
bezeichnet und mit der Kur-
sivierung der »Dinge« einen theoretischen Perspektivwechsel andeutet: Für Sart-
re geht es nicht darum zu zeigen, welche psychologisch grundierten Projektio-
2 Ibid., S. 1039.
3 Vgl. ibid., S. 1040ff.
4 Thompson, Michael: Die Theorie des Abfalls, Stuttgart: Klett 1981, S. 25.
5 J-P. Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 1026.
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nen
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wir auf die Dinge übertragen, sondern welche machtvolle Eigensinnigkeit
und Eigensinnlichkeit von den Dingen selbst ausgeht.
Diese eigensinnigen und eigensinnlichen Dinge sind nicht nur in doppeltem
Sinne klebrig, sie fallen auch, zusammen mit Resten, Abfall und Rubbish, unter
den Begriff des ›Übrigen‹. Als das, was übrig bleibt, unterliegen sie nicht nur
wechselnden Wertzuschreibungen, sie bringen darüber hinaus eigene Raum- und
Zeitdynamiken hervor und machen damit Aufräum- oder Aufbewahrungsarbeit
notwendig: Das Übrige kann als Erinnerungsstück gesammelt, als potentielle
Ressource gelagert werden oder sich scheinbar wie von selbst in Kellern stapeln,
auf Deponien sammeln und an Strände gespült werden. Es provoziert Fragen,
was und wie wir übrig lassen, wie wir damit umgehen und was am Ende von uns
bleibt.
7
Das Übrige sind Dinge, die bleiben, um sich zu verändern, die abfallen,
um wiederzukehren und die dabei abstoßend und anziehend zugleich wirken.
Man kann sie als ›Müll‹ bezeichnen, als ›Abfall‹ oder ›Reste‹
8
, mit sorgenvol-
lem, melancholischem oder schlicht angeekeltem Blick betrachten
9
oder in ihnen
einen vielversprechenden Rohstoff sehen. Man kann dabei zunächst unterschei-
den zwischen kaputten Dingen, die aus ihrem Gebrauch herausgefallen sind, und
den intakten, aber nicht mehr genutzten Dingen, die aus der Zeit gefallen, unmo-
disch oder unpraktisch geworden sind. Weiter sortieren lässt sich das Übrige da-
nach, ob es über genügend Form verfügt, um repariert zu werden oder ob es ein-
gestampft und umgeformt werden kann. Doch solche Unterscheidungen sind
wiederum und unweigerlich selbst ephemer und hinterlassen eigene Reste und
neues Übriges. Der Versuch, Müll und Übrig-Gebliebenes zu fassen, indem man
es festlegt und doch einen finalen Platz dafür findet, scheint nicht am Übrigen
interessiert, sondern daran, es zu beenden. In diesem Sammelband geht es daher
nicht vorrangig um eine analytische Aufräumarbeit, die ihre Gegenstände vorge-
fertigten Ordnungssystemen und einer beruhigenden ›Ent-Sorgung‹ zuführt –
und die darin selbst zu einer untersuchenswerten Reaktion auf Übrig-Gebliebe-
nes wird. Vielmehr geht es um eine wissenschaftliche Perspektive, die die Dy-
namiken des Übrigen schätzt, statt sie zu unterbinden. Es gilt zu fragen, wie die
6 Vgl. ibid., S. 1035f.
7 Vgl. Horn, Eva: Zukunft als Katastrophe, Frankfurt a.M.: S. Fischer 2014.
8 Vgl. Becker, Andreas/Reither, Saskia/Spies, Christian (Hg.): Reste. Umgang mit ei-
nem Randphänomen, Bielefeld: transcript 2005.
9 Vgl. Kristeva, Julia: Powers of Horror: An Essay on Abjection, New York: Columbia
University Press 1982; Cohen, William A. (2005): »Introduction: Locating Filth«, in:
Cohen William A./Johnson, Ryan (Hg.): Filth. Dirt, Disgust, and Modern Life, Lon-
don/Minneapolis: University of Minnesota Press, S. VII-XXIV.
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Dinge übrig bleiben, wie sie erneuert, umgeformt oder vergessen werden und
wohin sie dabei kommen. Welche Prozesse durchlaufen, welche Orte besetzen
sie und welche Praktiken und Diskurse sind damit verknüpft?
Ebenfalls gilt es, die Begriffsrahmen zu reflektieren, in denen sich Phänome-
ne des Übrigen bewegen: ›Abfall‹, ›waste‹ und ›Recycling‹, um nur drei Aus-
drücke eines umfangreichen Vokabelreichtums zu wählen, bedeuten jeweils an-
dere Zugänge zum Übrigen und weisen jeweils unterschiedliche Gebrauchsspu-
ren auf. Mit dem Begriff ›Abfall‹ ist zunächst eine dialektische Beziehung auf-
gerufen. Etwas hat sich abgelöst und verselbstständigt, es ist ›abgefallen‹ von ei-
nem Ganzen, das es als latente Bedrohung und Verunreinigung heimsucht. Die
drohende Verschmutzung kann dabei gleichermaßen Quelle von Macht sein
zum Beispiel wenn der Müll einer Großstadt für Regierende und Regierte zum
politischen Vehikel avanciert
10
als auch Gefühle der Ohnmacht wecken be-
sonders dramatisch etwa im Fall von Atommüll, der in seiner gefährlichen Lang-
lebigkeit ein eher problematisches Erbe der Menschheit ist
11
. Als simultan kör-
perliche und metaphorische Verunreinigung kann abfällige Materie sogar das
persönliche Seelenheil bedrohen und damit zu einer Art theologischem Gefahr-
gut werden.
12
Der Begriff ›Abfall‹ verweist hierbei auch konkret auf die Bewe-
gung des Fallens und deckt damit versteckte Prozesse sozialer, moralischer und
ökonomischer Hierarchisierung auf. Um Abgefallenes wieder einzusammeln, um
Übriges wieder zu ordnen, muss man selbst eine Bewegung nach unten vollzie-
hen: Man muss sich bücken und sich der klebrigen Materialität der nicht mehr
wohlgeformten Dinge nähern. Wie unter anderem Agnès Varda in ihren Film
T
HE
G
LEANERS AND
I (FR, 2000) zeigt, lernt man in dieser Geste des (Auf-)He-
bens und des Sammelns auch die Welt anders zu sehen: Denn das, was abfällt,
markiert und problematisiert die unsichtbaren Grenzen von Eigentum, Ordnung
und Sinn. In Frankreich ist es beispielsweise legal, auf bereits abgeernteten
Weinbergen und Obstplantagen das Übrig-Gebliebene für den eigenen Gebrauch
zu sammeln, auch ohne das Einverständnis des eigentlichen bzw. ursprünglichen
10 Vgl. Desai, Renu/McFarlane, Colin/Graham, Stephen: »The Politics of Open Defeca-
tion«, in: Antipode 47.1 (2014), S. 98-120; Fredericks, Rosalind: »Vital Infrastruc-
tures of Trash in Dakar«, in: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Mid-
dle East 34.3 (2104), S. 532-548.
11 Vgl. Posner, Roland (Hg.): Warnungen an die Ferne Zukunft, München: Raben Verlag
1990.
12 Vgl. Bayless, Martha: Sin and Filth in Medieval Culture, London/New York:
Routledge 2012.
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Eigentümers. Das Abgefallene ist also nicht immer gleich ›Abfall‹, es kann Ge-
fahr, aber ebensogut Sammlerware, Wertstoff oder Kuriosum sein.
Das Sammeln und Aufheben des Abfälligen und die damit verbundene Of-
fenlegung von Wert- und Eigentumsverhältnissen finden sich auch im englischen
Begriff ›waste‹ wieder. Das Wort lässt an Weggeworfenes und an desolate Land-
striche denken, und vor allem an Verschwendung und Verminderung. Doch wie
Jesse Goldstein an der Geschichte der englischen Landwirtschaft gezeigt hat,
stammt ›waste‹ vor allem von den sogenannten ›common wastes‹, eine bis ins
19. Jahrhundert übliche Form von agrarischem Gemeingut.
13
Dieses Brachland,
eigentümerlose Wälder und Wegesränder wurden von allen Bewohnern einer
kleinen Stadt oder Gemeinde genutzt und waren für viele eine wichtige Lebens-
grundlage, bis die Bereiche zunehmend mit Zäunen und Hecken begrenzt wur-
den und die Idee einer landwirtschaftlich maximal effizienten Nutzung für einen
Perspektivwechsel sorgte: Die »common wastes«, als von allen nutzbares Ge-
meingut, wurden zu einer verschwendeten Ressource umgedeutet, den »wasted
commons«. Im politischen Handeln der Gegenwart, das die Folgen übermäßiger
agro-industrieller Nutzung nicht mehr ignorieren kann, wird solches Brachland
wiederum als sogenannte »Ausgleichsfläche« für den Bau großer Infrastruktur-
projekte veranschlagt. Eine ähnliche Logik der Kompensation findet sich auch in
EU-Direktzahlungen, die unter dem Begriff des »Greening« die europäische Ag-
rarindustrie auf finanziellem Wege zu Umweltfreundlichkeit verpflichten wol-
len.
14
Derweil haben ganz andere Arten von Brachflächen und Randbereichen in
Innenstädten Konjunktur, wo zwischen unklaren Eigentumsrechten, vielfältigen
Motivationen und oftmals schwierigen Anbaubedingungen ›urban gardening‹ be-
trieben wird. Nicht nur aus historischer Sicht zeigt sich damit in den Brachlän-
dern und Randzonen ›waste‹ statt als Verschwendung vielmehr als Ort des Po-
tentials, dessen jeweilige Verwirklichung an unterschiedliche Nutzungsformen
und nicht zuletzt an ökonomische Interessen gebunden ist.
15
Das Übrige ist somit
auch in einem topologischen Sinne »zwischen zwei Zuständen«, als eine Rand-
zone, die wechselnde Nutzungsinteressen, Operationen und Wertsetzungen an-
stößt und offenlegt.
13 Goldstein, Jesse: »Terra Economica: Waste and the Production of Enclosed Nature«,
in: Antipode 45.2 (2013), S. 357-375.
14 Vgl. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Umsetzung der EU-
Agrarpolitik in Deutschland, Broschüre, Berlin 2015 (online).
15 Vgl. Kersten, Jens (Hg.): Inwastement – Abfall in Umwelt und Gesellschaft, Bielefeld:
transcript 2016.
14
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Die Wandlungsfähigkeit des Übrigen effizient nutzen zu wollen, steht auch
hinter der Idee des ›Recycling‹ und auch hier werden ideologische Ordnungs-
muster und Strukturmodelle sichtbar. Bei der politisch geregelten, gesellschaft-
lich durchgeführten Wieder-Verwertung, der angeblichen Rückkehr des Übrigen
in den Kreislauf der nützlichen und wertvollen Dinge, stehen offenkundig Logi-
ken der Nachhaltigkeit
16
, der Restlosigkeit und der technischen Bewältigung von
Problemen der Verschwendung und Verschmutzung im Vordergrund. Gerade
der ›Rest‹ ist etwas, in dem politische, bürokratische und kaufmännische Interes-
sen eng miteinander verbunden sind
17
und das Streben nach ›Restlosigkeit‹ lässt
leicht an vergangene imperiale Großprojekte denken sowie an den ›Rest der
Welt‹, auf den sie oft abzielten. Ein verwandtes Phantasma findet sich in post-
modernen digitaltechnischen Lösungsfantasien und Vorstellungen scheinbar ver-
lustfreier und immaterieller Kommunikation – die leider durchaus Berge an ma-
teriellem Elektroschrott und metaphorischem Datenmüll produziert.
18
Im Kon-
text des Recycling ist die Restlosigkeit zunächst Teil der ideologischen Dimen-
sion von Kreislaufmodellen, die ökonomischem und ökologischem Denken
gleichermaßen eine Form von Stabilität und Selbstregulierung suggerieren.
19
Problematisch daran ist jedoch, dass diese Stabilität primär der entsprechenden
Industrie nutzt, da die alltäglich durchgeführten Recyclingpraktiken der Bevöl-
kerung nur einen verschwindend geringen Bruchteil des Mülls betreffen.
20
Mehr
noch, eine universelle, unreflektierte Umetikettierung von Müll als Rohstoff
trägt dazu bei, einen Diskurs zu schaffen, der effektive Praktiken der Müllver-
16 Vgl. Radkau, Joachim: »›Nachhaltigkeit‹ als Wort der Macht. Reflexionen zum me-
thodischen Wert eines umweltpolitischen Schlüsselbegriffs«, in: Duceppe-Lamarre,
François/Engels, Jens Ivo (Hg.): Umwelt und Herrschaft in der Geschichte, München:
R. Oldenbourg Verlag 2008, S. 131-136.
17 Vgl. Krajewski, Markus: Restlosigkeit. Weltprojekte um 1900, Frankfurt a.M.: Fischer
2006.
18 Vgl. Gabrys, Jennifer: Digital Rubbish. A natural history of electronics, Michigan:
University of Michigan Press 2013.
19 Vgl. Graeber, David: »Afterword«, in: Alexander, Catherine/Reno, Joshua (Hg.):
Economies of Recycling. The global transformations of materials, values and social
relations, London/New York: Zed Books 2012, S. 277-291.
20 Vgl. Liboiron, Max: »Recycling as a Crisis of Meaning«, In: eTOPIA: Canadian
Journal of Cultural Studies (Spring 2010), S. 1-9; Liboiron, Max: »Modern Waste is
an Economic Strategy«, in: Discard Studies. Social studies of waste, pollution & ex-
ternalities, 2014 (online).
EINLEIT UNG
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15
meidung vorwiegend verhindert.
21
Es existiert ein Bruch zwischen der öffentli-
chen Wahrnehmung von Recycling als unhinterfragt gute Tat und der harten Tat-
sache, dass es sich doch um einen Prozess von ›Down-Cycling‹ handelt, das
eben nicht restlos operiert, das stattdessen Energie verbraucht und Materialquali-
tät mindert. Es bewahrt letzten Endes weniger die Umwelt und mehr die morali-
sche Integrität der Recycelnden. Hier zeigt sich nicht nur die Beständigkeit von
Müllproblemen, zusammen mit dem Trugbild der Restlosigkeit, sondern wird
auch erneut deutlich, welche unterschiedlichen konzeptionellen Zugriffe und
Perspektiven unser aller Übrig-Gelassenes ermöglicht und wie essentiell diese
Perspektiven für die Auseinandersetzung mit derart Unbeständigem sind.
Das Übrige und Übrig-Gebliebene erstreckt sich auf ein Feld, das sich aus
Klebrigem und aus Müll, aus Abfall und Resten, Rubbish und Waste zusammen-
setzt, ebenso wie aus Bestrebungen des Verwertens, Recyclings, des Sammelns
oder auch Suhlens. Es taucht an den Rändern verschiedener Disziplinen auf, oft
ohne jemals von diesen bedacht zu werden, speist sich aus historischen und
sprachlichen, wie auch materiellen und technischen Entwicklungen. Dieses Buch
ist daher nicht nur praktisch, sondern auch konzeptionell ein ›Sammelband‹: Die
hier versammelten Beiträge sind Auseinandersetzungen mit Müll und dem Üb-
rig-Gebliebenen, aber in ihnen geht es auch darum, unterschiedliche wissen-
schaftliche Felder zu durchqueren, Forschende aus verschiedenen Disziplinen
zusammen zu bringen und den deutschen und internationalen Diskurs stärker zu
verbinden. Das Ziel ist es, damit eine Perspektive einzunehmen, die das Übrige
in seiner produktiven Unbeständigkeit ernst nimmt, ohne es von vornherein wie-
der wegwischen und aufräumen zu wollen.
Jacques Lacan hat einmal die Verschriftlichungen seiner Seminare – konsti-
tuiert aus Mitschriften der Studierenden, verstreuten Artikeln etc. – statt als eine
›Publikation‹ als eine »poubellication« (frz. poubelle: Mülleimer) bezeichnet.
22
Hinter dieser Idee der Vermüllung und Verstreuung steht unter anderem eine
Idee des Schreibens, das erst durch das Schreiben der Anderen möglich wird.
Auch Sammelbände sind zusammen-geschriebene Bücher, die erst in diesem
Sinne möglich werden. In ihre Beiträge hat sich immer die stumme Präsenz der
ersten Entwürfe, unbewussten Einflüsse und nicht zuletzt der gelöschten oder re-
kombinierten Ideen und Sätze eingeschrieben, die es nicht alle in die gedruckten
Zeilen geschafft haben. Durch die materiellen Eigenschaften des Papiers einer-
21 Vgl. Jensen, D./McMillan, S.: As the World Burns: 50 Simple Things You Can Do to
Stay in Denial – A Graphic Novel, New York: Seven Stories Press 2011.
22 Vgl. Porge, Erik: »Instance de la lettre et poubellication selon Lacan«, in: Essaim. Re-
vue de Psychanalyse 33.4 (2014), S. 29-40.
16
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seits und dem schon vor der Entstehung vertraglich fixierten Termin, an dem die
verbleibende Restauflage eingestampft wird, andererseits, ist die Lebenszeit die-
ses Buches bereits festgelegt. Was allerdings noch nicht bestimmt ist, ist wie un-
terdessen seine Inhalte und Gedanken gesammelt, umgeformt und verstreut wer-
den. Wir hoffen, dass der Band Gebrauchsspuren an sich und an seinen Lesen-
den hinterlässt.
BEDINGUNGEN
Übrig-Bleiben bedeutet niemals nur, dass etwas verweilt, verbleibt oder über-
dauert; es beinhaltet stets auch einen Moment des Neuen und des Eigenständi-
gen: Genau darin, dass das Übrige ›noch da‹ oder ›zu viel‹ ist, unterscheidet es
sich von seinem Ursprung und seinem Verursachendem. Wenn etwas übrig
bleibt, unabhängig davon, ob der jeweilige Rest uns als Menschen letztlich recht
ist – als reichhaltiger Überfluss, interessante Spur oder historisches Erbe oder
eher unliebsam – als Müll, Schmutz und Abfall –, dann sind damit ein grundle-
gender Akt und ein Prozess der Differenzierung angesprochen, die das Übrige
erst als Übriges erscheinen lassen. Bei Fragen der Müll-Werdung und des Ab-
fallens, bei Debatten über Recycling und Verschmutzung geht es demnach nie
um rein materielle Probleme, sondern immer auch um die Grenzen, Zuschrei-
bungen und Konsequenzen einer epistemologischen Kategorie, an deren Verfer-
tigung die Menschen ebenso teilhaben wie die betroffene Materie.
In einem verwandten Kontext schreibt Bruno Latour von der »Reinigungsar-
beit«
23
, dem stets zum Fehlschlag bestimmten Streben der westlichen Moderne,
die eigene Welt – und die eigentlich ›hybriden‹ Objekte – fein säuberlich in Ka-
tegorien ein- und aufzuteilen, die der modernen Verfassung entsprechen und sie
dadurch bewahren. Da jedoch die Welt und ihre hybriden Objekte diesen Versu-
chen trotzen, produziere dieses Streben immerfort Widersprüche und neue ›Res-
te‹, mit der schlussendlichen Erkenntnis, dass wir nie oder zumindest nicht in
diesem Sinne modern gewesen seien. Vor diesem Hintergrund scheint geboten,
den Zustand allgemeiner Vermengung (wieder) zu akzeptieren, ohne eine abso-
lute Klassifizierung von Rest und Rohstoff. Doch lässt sich unser differenzieren-
des Streben wirklich restlos aufgeben?
23 Latour, Bruno: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropo-
logie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2013. Vgl. auch Ghanbari, Nacim/Hahn, Marcus
(Hg.): Zeitschrift für Kulturwissenschaften, Heft »Reinigungsarbeit« 1 (2013).
EINLEIT UNG
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Folgt man John Scanlan, so ist der angesprochene Akt der Unterscheidung
keiner, der lediglich säubert und in binäre Kategorien wie gut und schlecht oder
brauchbar und unnütz zerfällt. Vielmehr handelt es sich dabei ursprünglich um
die fundamentale Unterscheidung zwischen Figur und Grund, zwischen Einzel-
wesen und Einheitsbrei:
»We only acquire or understand the valuable (or develop ideas of the relationship between
the self and the object world) as the result of a galloping retreat from an undifferentiated
mass of things (which may also be called ›nature‹ ) that could otherwise swamp us.
[...] Garbage is the formlessness from which form takes flight, the ghost that haunts pres-
ence.«24
Der Drang zur Differenzierung wäre damit untrennbar verbunden mit unserem
Verhältnis zur Welt und unserem Handeln in ihr. Die damit einhergehende (epis-
temologische) Produktion von Müll und Übrigem wären somit ahistorische
Grundlage menschlichen Denkens, weit vor jedem Startpunkt der Moderne – uns
bliebe schlicht nichts anderes übrig. Die Diagnosen von Latour und Scanlan ver-
folgen demnach recht unterschiedliche Perspektiven, sie teilen aber eine wichti-
ge Erkenntnis: Ob vergebliches Bemühen der Moderne oder zeitlose Grundlage
des Denkens – oder gar beides –, die Differenzierung selbst ist unabgeschlossen,
sie ist ein andauernder Prozess. Das, was wir unter Begriffen wie Müll, Übrig-
Gebliebenem oder Resten verstehen, steht nicht fest, sondern ist wandelbar. Das,
was wir als Schmutz, Dreck oder Unrat bezeichnen, hat keine inhärenten Eigen-
schaften, sondern entsteht in einer Akkumulation von jeweils anders bedingten
Einzelfällen. Daraus folgt, dass, so wie die Moderne auf ihre Reinigungsarbeit
angewiesen scheint, die Kategorien von Müll und Übrig-Gebliebenem ihrerseits
auf stetige Verhandlung und Aktualisierung angewiesen sind. Zusammen mit
Reinlichkeit und Ordnung als Kehrseite oder besser: gekehrte Seite der Me-
daille – bilden sie ein Feld, in dem Materie und Bezeichnungen fortwährend neu
erschaffen und begriffen werden und darin in produktivem Sinne unbeständig
bleiben. Zu Beginn des Sammelbandes stehen daher zwei Texte, die neben allen
materiellen, sozialen und kulturellen Akteuren vor allem auch die zentralen
sprachlichen und medialen Aspekte behandeln, die an dieser Unabgeschlossen-
heit mitwirken und sowohl Bedingungen der Erscheinung von Müll und Übri-
gem sind, als auch die Bedingungen unseres Zugangs dazu.
24 Scanlan, John: On Garbage, London: Reaktion Books 2005, S. 13-14.
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CH RISTIA NE LEWE, TIM OTH OLD, NICOLAS OXE N
Thomas Waitz fokussiert in seinem Beitrag das Mediale und den Moment der
Unabgeschlossenheit, indem er Müll und vor allem Schmutz durch die Linse des
Fernsehens betrachtet, als einem ebenfalls problematischen, in gewissem Sinne
unbestimmten und auf immer neue Re-Aktualisierung angewiesenen Mediendis-
positiv. Die Frage ist dabei einerseits, inwiefern Fernsehen an der Darstellung
von Schmutz und an seiner visuellen wie konzeptionellen Bestimmung beteiligt
ist – was also das Fernsehen vom Schmutz ›weiß‹ – und andererseits, wie Fern-
sehen konkreten und metaphorischen Schmutz für sich selbst produktiv macht,
als Inhalt nutzt, und in den Dienst einer Selbstbeschreibung und Strukturgewin-
nung stellt unter anderem in Anlehnung an Zygmunt Baumans und Bruno La-
tours Beobachtungen über die Moderne. Den Kern der Überlegungen bildet eine
Auseinandersetzung mit einem Fernsehbeitrag der WDR-Sendung A
KTUELLE
S
TUNDE
, der über einen sog. ›Videojunkie‹ berichtet, dessen immense Samm-
lung von VHS-Kassetten eine städtische Aufräumaktion nötig machte. Waitz
zeigt, wie hier das Fernsehen gesellschaftliche Ordnung und Unordnung,
Schmutz und gleichzeitig auch sich selbst bearbeitet. Als eine ›Agentur der Ord-
nung‹ erzählt das Fernsehen Narrative der Säuberung und Verschmutzung und
verhandelt darüber soziale und kulturelle Wertsetzungen, während es gleichzei-
tig selber in mehrerer Hinsicht ›schmutzig‹ ist: Ihm haften Assoziationen der so-
zialen Wertlosigkeit und kritische Zuordnungen zur Kulturindustrie an, es ist in
Struktur und Inhalt brüchig und steht in diskursiver Spannung zu seinem Publi-
kum. Anhand dieser Wechselverhältnisse zwischen Schmutz, d.h. Übrig-Geblie-
benem und Residualen, und Fernsehen legt Waitz damit praxisnah dar, wie Müll
als medialer Effekt begriffen werden kann, wie er für und von Medien produktiv
gemacht wird und – mit grundlegender Bedeutung für die weiteren Beiträge –
wie die eigenwillige Produktivität von Müll genau darauf beruht, soziale Dyna-
miken, mediale Praktiken und diskursive Bestimmungen stets aufs Neue heraus-
zuforden.
Franziska Reichenbecher stellt diesem medialen Fokus daraufhin eine um-
fangreiche philologische Perspektive an die Seite. Es ist leicht ersichtlich, dass
Müll und Übrig-Gebliebenes nicht nur in materieller Hinsicht vielfältig und
klebrig-verformbar sind; sie eröffnen auch sprachlich ein fruchtbares Feld ver-
schiedenster, oftmals assoziativ geladener, Ausdrücke: von mechanischer ›Ex-
pulsion‹ und medizinischen ›Ausscheidungen‹ bis hin zu ekliger ›Scheiße‹.
Nicht zuletzt Walter Benjamin weist darauf hin, dass solche Bedeutungsfelder
von Begriffen, und vor allem auch ihre Übersetzungen in unterschiedliche Spra-
chen, ein produktiver Raum sind, in dem sich Werke und Gedanken stets neu
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entfalten können.
25
Dieser Einsicht vollends gerecht werdend, taucht Reichenbe-
cher ein in Michel Serresʼ Der Parasit – dem französischen Original als auch
den deutschen und englischen Übersetzungen – und entfaltet dessen Theorie der
Aneignung von Raum durch (exkrementelle) Verschmutzung. Serres nimmt an,
dass eigenverursachte Verschmutzung in einer Ablehnung des Verschmutzten
durch andere resultiert und darin das Konzept von Eigentum bzw. Eigentums-
rechten begründet liegt, eine Annahme, die sich in ähnlicher Form bei Domini-
que Laporte wiederfindet
26
. Reichenbecher nutzt diesen Ausgangspunkt, um Ser-
res als Theoretiker des Übrigen und des Mülls zu gewinnen, aber auch, um de-
tailreich die Spannungsverhältnisse von Exklusion und Inklusion, von Expulsion
und Aneignung zu verhandeln, die Müll und (körperliche) Reste als etwas erwei-
sen, das gerade in seiner Differenzierung und affektiven Ablehnung produktiv
und äußerst aktiv werden kann. Der Beitrag liefert damit über die Auseinander-
setzung mit Serres hinaus einen wichtigen Kontext in diesem sprachlich und rhe-
torisch äußerst sensiblen Themenbereich und eröffnet Verbindungen zu zahlrei-
chen anderen Autoren, nicht zuletzt zu Rosie Cox und Petra Beck in diesem
Band.
IN GESELLSCHAFT MIT DEM ÜBRIGEN
Müll, Reste und Schmutz provozieren Ordnungs- und Reinigungsbemühungen
und sind zugleich ihr Resultat. Der Müll auf der Halde ist da, »wo er hingehört«
und lenkt die Aufmerksamkeit auf die wirksamen Systeme und Infrastrukturen
der Entsorgung. Doch seine Masse wuchert, der Wind trägt den Gestank zurück
in die Siedlungen, das Regenwasser rinnt durch die Reste, verwäscht aufs Neue
die Grenzen zwischen Unrat und Erde. Während im Innern des Müllhügels Mik-
roorganismen Materie verdauen und in bedrohlich mobile (Schad-)Stoffe ver-
wandeln, beansprucht das Entsorgte und Ausgestoßene erneut seine Rolle als po-
litischer und sozialer Akteur in Gesellschaft mit Menschen. Müll ist zwar das
Ergebnis von Ordnungsbemühungen, führt dabei aber zugleich das Scheitern von
Versuchen der absoluten Trennung und Grenzziehung vor Augen. Ihn als passi-
ves Ergebnis von menschlichen Differenzierungspraktiken zu fassen, greift zu
kurz, denn er behält ein aktives, transgressives Potential und produziert unab-
sehbare Effekte, die zu neuen Ordnungsmechanismen herausfordern. Wie Jane
25 Vgl. Benjamin, Walter: »Die Aufgabe des Übersetzers«, in: ders.: Gesammelte Schrif-
ten. Bd. IV/1, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1972, S. 9-21.
26 Vgl. Laporte, Dominique: History of Shit, Cambridge, London: The MIT Press 1993.
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Bennett mit einem Ausschnitt aus Robert Sullivans Meadowlands zeigt, ist Ab-
fall vitale Materie: »The […] garbage hills are alive […].«
27
Mensch und Mate-
rie sind in lebhaften Beziehungen miteinander verflochten, oder verklebt. Des-
halb könne Müll niemals wirklich weg-geworfen werden, so Bennett. Praktiken
der Müllentsorgung stellen Neuverhandlungen von Beziehungen zwischen Men-
schen und Dingen dar. Durch Formen materieller und diskursiver Grenzziehung
sind Systeme, Infrastrukturen, Körpertechniken, Technologien, Praktiken und
Gewohnheiten im Umgang mit Müll in der Konstituierung und prekären Unter-
scheidung von menschlichem Subjekt und überflüssigem Objekt eingebunden.
Mensch und Müll sind wechselseitige Effekte ihrer Relationen. In gesellschaftli-
chem Maßstab strukturiert Müll soziale Beziehungen und Hierarchien. In indivi-
duellem Maßstab konstituiert sich das Selbst durch Aushandlungen, an welche
Dinge es sich bindet und welche Bindungen es löst. Praktiken der Reinigung und
Entsorgung müssen deshalb auch als Praktiken der Subjektivierung begriffen
werden. Nicht umsonst versprechen Aufräum-Ratgeber wie Marie Kondos Ma-
gic Cleaning nicht nur eine saubere Wohnung, sondern daran geknüpft eine
»aufgeräumte Seele« und ein »verändertes Leben«: revitalisiertes Liebesglück,
Erfolg im Job, körperliche Fitness – kurzum: ein besseres Selbst.
28
Doch die persönlichen und gesellschaftlichen Relationen zu Müll können
höchst unterschiedlich sein. Es gibt ganz verschiedene Weisen und Anweisungen
mit Dingen zu leben, deren ontologischer Status zur Disposition steht, sobald sie
aus Nützlichkeitszusammenhängen herausfallen. Auch wenn Aversion und Ekel
das auszeichnende Verhältnis des modernen Subjekts zu Dreck und Abfall be-
schreiben, sind völlig andere, situativ veränderliche Relationen denkbar. Andere
Relationen, die selbstverständlich erscheinende Ordnungen des Sozialen prob-
lematisieren und völlig umstrukturieren können.
Müll und Schmutz sind nicht nur Zeugnisse einer Unterscheidung zwischen ge-
wünschter und unliebsamer Materie, sondern haben Anteil an der Organisation
und Legitimation wesentlicher Dichotomien moderner Gesellschaften, die durch
eingeübte Praktiken und Gewohnheiten, Architekturen und Infrastrukturen zum
Umgang mit Abfall realisiert werden. Rosie Cox zeigt, dass auch soziale Katego-
rien wie race, class und gender sowie ihre hierarchischen Beziehungen durch
27 Bennett, Jane: Vibrant Matter. A Political Ecology of Things, Durham, London: Duke
University Press 2010, S. 6.
28 Vgl. Kondo, Marie: Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert,
Reinbek: Rowohlt 2013; Kondo, Marie: Magic Cleaning 2: Wie Wohnung und Seele
aufgeräumt bleiben, Reinbek: Rowohlt 2014.
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Nähe und Distanz zu Abfall strukturiert werden. Sie nimmt dazu den Umgang
mit höchstpersönlichem Schmutz im privaten Haushalt unter die Lupe und geht
der Frage nach: Wer muss die Drecksarbeit machen? Bis heute übernehmen
mehr Frauen als Männer die schmutzigsten Aufgaben in der eigenen Wohnung
und überwiegend migrantisierte Frauen und Women of Color kümmern sich als
Putz- und Haushalts- oder Pflegekräfte um den privaten Schmutz ihrer mehrheit-
lich weißen bürgerlichen Arbeitgeber_innen.
Mit dem Aufbau des modernen Staates wird Schmutz zum Faktor in der
Strukturierung sozialer Hierarchien: Wie Cox im Anschluss an Gay Hawkins
zeigt, vollziehen sich urbane Reformen als groß angelegtes Grenzziehungspro-
jekt zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Kanalisationssysteme und Hygi-
eneerziehung der Arbeiterklasse verbannen den Dreck von den Straßen und ver-
legen die Verantwortung für den Abfall ins Individuelle, Private und Unsichtba-
re. Schmutz wird dabei zum moralischen Problem. Das moderne, respektable
Subjekt entsteht in größtmöglicher Abgrenzung zum eigenen Dreck. Der Um-
gang mit persönlichem Unrat vollzieht sich in Verborgenheit und kreiert so die
Diskretion privater Häuslichkeit. Cox führt anhand von Reform- und Erzie-
hungsmaßnahmen in den ehemaligen Kolonien und in den USA des späten 19.
Jahrhunderts vor, wie Weißsein per se mit Reinlichkeit und Zivilisiertheit assozi-
iert wird, nicht-weiß rassifizierte Menschen demgegenüber als unsauber, unzivi-
lisiert und unmoralisch gelten. Rassifizierungen finden durch die Assoziierung
mit Schmutz statt. Hygienische Standards und soziale Ordnung werden damit zur
Legitimation rassistischer Menschenführung.
Auf paradoxe Weise reproduziert sich die hierarchische Strukturierung sozia-
ler Beziehungen durch Nähe und Distanz zu Abfall in jedem Verhältnis zwi-
schen Arbeitgeber_in und Haushaltshilfe. Auf der einen Seite ist – wie Rosie
Cox zeigt – eine sich selbst begründende Hierarchisierung am Werk: Die rassis-
tisch unterstellte Nähe zu Schmutz legitimiert den niedrigen Status von z.B. mig-
rantisierten schwarzen Frauen aus der Arbeiterklasse; ein niedriger Status legiti-
miert wiederum die Nähe zum Schmutz und somit die Reinigungstätigkeit für
andere. Auf der anderen Seite ist die »überlegene Reinlichkeit« der Arbeitge-
ber_innen abhängig von der Arbeit der als schmutzig stigmatisierten Hände.
Damit ist zugleich ein Abhängigkeitsverhältnis angesprochen, das wiederum auf
das transgressive Potential des Übrigen verweist. Denn der Umgang mit dem
Dreck ihrer Arbeitgeber_innen verleiht den Bediensteten eine gewisse Macht
über sie. Da die Grenzziehung zwischen privat und öffentlich, schmutzig und
reinlich, vulgär und respektabel von ihrer Hände Arbeit gewährleistet wird, kön-
nen auch sie die Differenz in jedem Moment zusammenbrechen lassen: buch-
stäblich schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit waschen. Cox schließt mit ei-
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ner Perspektive auf das Übrige, das nicht nur soziale Hierarchien strukturiert,
sondern immer auch die Möglichkeit der Restrukturierung in sich trägt.
Auch im Beitrag von Petra Beck geht es um Praktiken und Infrastrukturen,
die eine ambivalente Distanz zum Übrigen herstellen. Sie unternimmt eine eth-
nographische Untersuchung von Self-Storage-Häusern, die sie Restopia nennt:
Orte für Dinge. In großen innerstädtischen Gebäuden werden mietbare Parzellen
zur privaten Einlagerung von Dingen angeboten. Hier sammeln, akkumulieren
und horten Menschen in einer von Mobilität und rascher Veränderung geprägten
Konsumgesellschaft jenen materiellen Überschuss, der in knapp gewordenem
Wohnraum und flexiblem Lebensstil keinen Platz mehr findet und trotzdem noch
nicht weggeworfen werden kann. Die Dinge treten hier ein in einen ontologi-
schen Schwebezustand: Schrott oder Schatz? Sie sind zwar überflüssig gewor-
den, aus einem Nutzungszusammenhang herausgefallen, sie sind vielleicht er-
setzt worden und haben ihren selbstverständlichen Platz in einem Lebenszu-
sammenhang mit Menschen und anderen Dingen eingebüßt. Zu Müll werden sie
aber nicht so einfach. Ent-Sorgung ist ein komplizierter Prozess. Das Selbst in
Self-Storage unterhält meist enge, sentimentale Beziehungen mit den Objekten,
deren kategorialer Status zur Disposition steht. Mit den Dingen lagert das Sub-
jekt auch Teile seiner selbst ein. Die Aushandlung zwischen Sammeln, Behalten
und Entsorgen wird zur biographischen Tätigkeit. Self-Storing entwickelt daher
ganz eigene Zeitlogiken, knüpft enge Bande mit der Vergangenheit und hegt ei-
nen festen Glauben an die Zukunft. Ebenso installieren Self-Storage-Häuser
ganz eigene räumliche Bezüge. Sie ziehen materielle Grenzen zwischen Privat-
heit und Öffentlichkeit und installieren einen Abstand zwischen Eigentümer_in
und ihren Dingen, der einen Raum zur Neuverhandlung oder Auflösung sozialer
Beziehungen zwischen Menschen und Dingen schafft. Dieser stellt zugleich eine
Extension und Quasi-Amputation des Selbst dar. Von Eigentümer_innen im
Stich gelassener Container-Inhalte, die der Zwangsentsorgung preisgegeben
werden müssen, bezeichnet Beck dann auch treffenderweise als »Häutung«.
EIGENSINNIGES UND EIGENSINNLICHES
ÄSTHETISCHE DYNAMIKEN DES ÜBRIGEN
Für den Bereich der Ästhetik und künstlerische Praktiken wird das Übrige durch
seine materielle Eigensinnigkeit und Eigensinnlichkeit interessant. Das Übrige,
das an den Händen kleben bleibt, sich in der Ecke des Ateliers chaotisch auf-
türmt oder Speicherplatz frisst, liefert den Stoff aus dem sich Unerwartetes
ergibt und der gewohnte Handlungs- und Wahrnehmungsmuster verschieben
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kann. In diesem Sinne lässt sich dabei das »Re-« als ästhetisches Präfix des Üb-
rigen begreifen. Künstlerische Bewegungen wie Appropriation-Art, Arte Povera
oder Praktiken des Remix
29
und Mashups
30
spielen mit Re-Integration und Re-
Kombination und überlassen die Schaffung neuer Wahrnehmungs- und Bedeu-
tungszusammenhänge der kreativen Kontingenz und Resistenz des Übrigen. Die
ästhetische Dynamik, die vom Übrigen ausgeht, besteht darin, die identitäre Ein-
heit und deren klare Grenzen durch eine Re-Integration des Verstreuten, Äuße-
ren und Randständigen zu irritieren. Die Spannungen und Ambivalenzen, die
durch das Übrige entlang der Fragen von Form und Struktur entstehen, spiegeln
sich nicht zuletzt auch in der affektiven Dynamik der Anziehung und Absto-
ßung, wie sie beim Ekelhaften vielleicht am deutlichsten spürbar wird.
Versteht man das ästhetische Präfix des »Re-« im Sinne von Gilles Deleuze
als eine differenzielle Wiederholung, die auf die Emergenz des Neuen angelegt
ist
31
, fordert der künstlerische Umgang mit dem Übrigen auch zu einem neuen
Modell des Sinns heraus.
Gegenüber der Dichotomie von Konstruktion und Dekonstruktion hat Jean-
Luc Nancy aus einer technikphilosophischen und anthropologischen Perspektive
ein Modell des Sinns vorgeschlagen, das er als »Struktion« bezeichnet (von
»struo« für »anhäufen« oder »aufhäufen«).
32
Technik ist für Nancy nicht das
Andere der Natur, sondern eine der menschlichen Natur inhärente Notwendig-
keit. Weil die Technik sich somit aus der Natur kommend auf diese selbst zu-
rückbezieht, versucht Nancy mit dem Begriff der »Struktion« die Dichotomien
von Natur und Kultur sowie Mensch und Technik durch ein relationales, ›öko-
technisches‹
33
Denken in Wechselbeziehungen zu ersetzen:
»Sie [die Technik] lädt dazu ein, eine Struktion in Betracht zu ziehen: die nicht koordi-
nierte Gleichzeitigkeit von Dingen oder Wesen, die Kontingenz ihrer Kozugehörigkeiten,
die Streuung im Wuchern von Aspekten, Arten, Kräften, Formen, Spannungen und Inten-
tionen (Instinkten, Trieben, Projekten, Elanen). In dieser Fülle macht sich keine Ordnung
29 Vgl. Gunkel, David J.: Of Remixology: Ethics and Aesthetics after Remix, Cambridge
(Mass.)/London: MIT Press 2015.
30 Vgl. von Gehlen, Dirk: Mashup. Lob der Kopie, Berlin: Suhrkamp 2011.
31 Vgl. Deleuze, Gilles: Differenz und Wiederholung, aus dem Französischen von Joseph
Vogl, München: Wilhelm Fink Verlag 2007.
32 Vgl. Nancy, Jean-Luc: »Von der Struktion«, in: Hörl, Erich (Hg.): Die technologische
Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt, Berlin: Suhrkamp 2011,
S. 54-73, hier: S. 61.
33 Ibid., S. 66.
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über die anderen geltend: Sie scheinen alle Instinkte, Reaktionen, Reizbarkeiten,
Konnektivitäten, Gleichgewichte, Katalysen, Stoffwechsel – dazu bestimmt, sich ineinan-
der zu verfangen, wechselseitig zu erfassen, sich gegenseitig aufzulösen oder sich mitei-
nander zu vermischen und durcheinanderzugeraten.«34
Als »Struktion« wird »Sinn« nicht produziert, sondern er häuft sich an und bildet
dabei ein unauflösbares Knäuel aus Dynamiken und Akteuren in dem »keine
Ordnung über die andere geltend« gemacht werden kann. Wie beim Übrigen
sind hier der Haufen und das Knäuel dem sauber strukturierten Sinn vorgängig
und die unvorhersehbaren, ungeordneten Dynamiken des Verfangens und Ver-
mischens stehen einer klar gerichteten Intentionalität entgegen. Künstlerische
Praxis weiß um die Eigensinnlichkeit ihres Materials und ästhetisches Denken
um die Eigensinnigkeit von Kunst. Statt einer Trennung, kann damit eine Ausei-
nandersetzung mit dem Übrigen entstehen.
Der Beitrag von Léa Perraudin beschäftigt sich nicht nur mit einer ungeord-
neten Anhäufung, einer klandestinen Ansammlung von Plastikmüll im Nordpazi-
fik, sondern auch mit der Möglichkeit, durch eine ästhetische Perspektive und
spekulatives Denken die Dichotomie von Natur/Kultur zu unterlaufen. Im Zent-
rum von Perraudins Text steht dabei die Arbeit An Ecosystem of Excess (2014)
der Künstlerin Pinar Yoldas, die den sogenannten ›Great Pacific Garbage Patch‹
als Ausgangpunkt für ihre ästhetische Spekulation über ein hybrides Ökosystem
nimmt. Plastik ist darin ein zentraler Stoff, der selbst die Grenzen zwischen Na-
tur und Kultur in Frage stellt, wie es aus dem Netz von Perraudins historischen
und theoretischen Bezügen deutlich wird. Als erster Kunst-Stoff und artifizielles
Kind der Petrochemie steht Plastik, wie aus dem Nichts erschaffen, natürlichen
Ressourcen entgegen und suggeriert gleichzeitig durch seine »Plastizität«, seine
Formbarkeit und Wandelbarkeit, eine quasi-organische, vitale Substanz zu sein.
Pinar Yoldas’ fiktives Ecosystem of Excess wird von Koevolution und Hyb-
ridisierung bestimmt. Die Plastiksuppe im Nord Pazifik wird in einer ihrer In-
stallationen mit der Ursuppe und der Entstehung des Lebens assoziiert. Soge-
nannte »Plastivoren« fressen darin giftige Polymere, es entstehen im Wortsinne
neue »Lebens-Formen« und Seevögel wechseln durch verdautes Plastik ihre
Farbe. Was angesichts der realen Verschmutzung der Meere wie ein böser
Scherz erscheinen mag, ist, wie Léa Perraudins Text zeigt, ganz im Gegenteil ein
Weg zur Lösung solcher ökologischen Probleme. Gerade der Wechsel in ein äs-
thetisches und spekulatives Denken ermöglicht es, die Umwelt in einem konse-
quent ökologischen Sinne als ein Gefüge aus wechselseitigen Beziehungen zu
34 Ibid., S. 62.
EINLEIT UNG
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betrachten und bei der Lösung von Umweltproblemen nicht auf die menschliche
Perspektive allein zu vertrauen. Für Perraudin wird eine solche Abkehr von ei-
nem humanzentrierten Blick im sogenannten ›Anthropozän‹ wichtig, einem geo-
logischen Zeitalter, das durch die bleibenden geologischen Spuren menschlicher
Aktivität auf der Erde bestimmbar ist.
»Heute bin ich mal auf dem Fleck gewesen, wo die Aschenmänner den Müll [...] hinbrin-
gen. Donnerwetter, war das schön [...]! Morgen bekomme ich einige interessante Gegen-
stände von diesem Müllhaldeplatz zur Ansicht oder als Modelle [...]. Heute Nacht werde
ich wahrscheinlich davon träumen.« (Vgl. Beitrag von Claudia Tittel)
Diese Begeisterung für das Übrige äußert Vincent van Gogh 1883 in einem Brief
an einen Freund. Claudia Tittel nimmt van Goghs Brief als Dokument des Be-
ginns einer künstlerischen Aneignung des Übrigen und unternimmt in ihrem Bei-
trag einen ebenso faszinierenden Rundgang zwischen den Müllprojekten der
Kunstgeschichte. Dabei zeigt sie, mit welcher Kraft das Übrige nicht nur Künst-
ler_innen inspiriert, sondern auch die Grenzen der Kunst hartnäckig herausfor-
dert und wieder neue Fragen an die Orte, Formen und Zeitlichkeiten der Kunst
stellt.
Frank Stellas Schrottskulpturen auf dem Campus der Universität in Jena, bei
denen Tittel beginnt, ziehen nicht nur skeptische Blicke auf sich, sondern auch
überflüssige Gegenstände an sich. ›Schrott‹ ist eine besonders ambivalente Res-
source für die Kunst, weil sie Prozesse der Verformung und Umformung reflek-
tiert. Geht es bei Frank Stella stärker um die Frage der Komposition von Gefun-
denem und Geformtem, so Tittel, fasziniert den amerikanischen Künstler John
Chamberlain die Rohheit des Materials und dessen zufällige Verformung durch
den Autounfall. Nicht die zufällige Form des Unfalls oder die ursprüngliche
Form des Autos, sondern die neue Form des gepressten Wracks interessiert wie-
derum den französischen Künstler César, der seine »Compressions« auch als
Kritik am Auto als Statussymbol versteht.
Neben Formfragen provoziert und problematisiert das Übrige auch die Gren-
zen zwischen Kunst und Gesellschaft. Wie Claudia Tittel in ihrem Beitrag zeigt,
geht es dabei ganz konkret um die ordnende und schützende Funktion von Mu-
seums- und Galeriewänden. Ausräumen! – war Yves Kleins Statement für den
White Cube. Für seine Ausstellung Le vide hatte er 1957/8 den Ausstellungs-
raum einer Pariser Galerie nicht nur von allem Überflüssigen, sondern auch von
der Kunst selbst gereinigt. Auffüllen! – ist etwa zwei Jahre später die Antwort
des Künstlers Arman, der für seine Aktion Le Plein denselben Galerieraum, den
Klein ausgeräumt und weiß gestrichen hatte, mit Pariser Stadtmüll füllen ließ.
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Das Übrige stellt hier Fragen an die institutionelle Reinigungsarbeit rund um das
Kunstwerk und thematisiert darüber hinaus die Säuberung und Verunreinigung
innerhalb ästhetischer Rezeptionsprozesse. Mierle Laderman Ukeles hat schließ-
lich die Räume der Kunst direkt auf die New Yorker Mülldeponie verlegt und
für Besucher dort einen Besichtigungstunnel graben lassen.
Dass das Übrige neben Fragen der Form und des Ortes auch Fragen der Zeit-
lichkeit stellt, zeigt Claudia Tittel anhand von Andy Warhols »Time Capsules«,
die eine Sehnsucht nach modernistischer Leere und Beseitigung des Überflüssi-
gen erkennen lassen, damit aber gleichzeitig selbst zum Archiv werden. Gegen
das Bleiben der Kunst und des Werks selbst wendet sich schließlich Dieter Roth
mit seinen »Schimmelbildern«, was wiederum dazu führt, dass sich Kuratoren
und Restauratoren hartnäckig an der Konservierung von Roths eigenem Werk
abarbeiten. Die ästhetische Kraft des Übrigen liegt in seiner Eigensinnigkeit und
Eigensinnlichkeit und in den fortlaufenden Un- und Umordnungsprozessen in-
nerhalb derer es abfällt, sich anhäuft, übrig bleibt und wiederkehrt.
ZUR PRODUKTIVITÄT DES ÜBRIGEN:
PRAKTIKEN DES ENT-, VER- UND WEG-WERFENS
In ihrem Buch The Ethics of Waste schildert Gay Hawkins wie eine Szene aus
dem Film American Beauty, in der eine Plastiktüte im Wind tanzt, ihre Sympa-
thien für ein Objekt weckte, das sonst als Abfall nur Ekel und Aversion hervor-
ruft und sogar als negative Ikone schlechthin für die Verschmutzung der Umwelt
durch Plastikmüll steht. Die Filmszene holt das Objekt heraus aus einem einsei-
tigen, durch und durch moralisierenden Diskurs, der Müll als immer schon
schlecht und schuldbeladen zeichnet und dadurch den Blick auf materielle
Transformationen und verschiedene, ambivalente Weisen, mit Dingen zu leben,
blockiert.
35
Hawkins gründet dieses belastete Verhältnis zum Übrigen auf einen
spezifisch Ethos der modernen Konsumkultur, der auf die Fähigkeit zu entsor-
gen, auf Distanz und Verleugnung gründe und sich durch eingeübte Praktiken im
Umgang mit Müll, Schrott und Dreck äußere.
36
Habitualisierte Verschwendung
und ein Restlosigkeitsstreben gehören hier untrennbar zusammen und hängen an
einem Kultur-Natur-Dualismus, nach dem Müll als menschgemachte Plage über
die unveränderlich unschuldige und reibungslose Natur hereinbricht. Jennifer
35 Hawkins, Gay: The Ethics of Waste: How We Relate to Rubbish, Lanham: Rowman
and Littlefield 2006, S. 21ff.
36 Ibid., S. 24ff.
EINLEIT UNG
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27
Gabrys entwirft in ihrem Buch Digital Rubbish hingegen eine andere Naturge-
schichte, in die Abfall, insbesondere Elektromüll als unabdingbare Materialisie-
rung re-integrierbar wird. Sie plädiert für eine »garbage imaginery«, die sich den
Politiken und Poetiken von Materie sowie ihren Transformationsprozessen zu-
wendet: »In dirt, there is potential.«
37
Eine solche Perspektive auf Prozesse der
De- und Re-Stabilisierung von Materie nimmt auch ihre multiplen Verflechtun-
gen mit technologischen, ökonomischen, politischen, sozialen Praktiken und
Akteuren in den Blick, die einfache Natur-Kultur-Unterscheidungen überschrei-
ten. Entwurfspraktiken, die am Kaputten, am Gescheiterten, am Übrigen anset-
zen, statt solche Prozesse der Dematerialisierung zu distanzieren und zu leugnen,
erlauben ganz neue materielle Relationen.
Ein Beispiel für vom Müll motivierte Entwurfspraktiken gibt Stefan Laser in
seinem Beitrag über die Entwicklungsgeschichte modularer Smartphones. Auf-
grund ihres integrierten Systems, das es überhaupt erst ermöglicht aus Handys
Kompaktcomputer zu machen, lässt sich in aktuell erhältlichen Geräten ein ka-
puttes Teil nicht vom funktionierenden Rest lösen. Die monolithischen Devices
verschließen sich gegen Reparatureingriffe und werden nach relativ kurzer Le-
bensdauer vollständig obsolet. So tragen sie massiv zur kritisch proliferierenden
Elektroschrottmasse bei – die materielle Kehrseite der »immateriellen« User-
Erfahrung mit digitalen Technologien. Durch die Linse der Akteur-Netzwerk-
Theorie zeigt Laser wie sich am Problem des e-waste ein ›leidenschaftliches In-
teresse‹ (Gabriel Tarde) entzündet: ein Kollektiv aus Konsument_innen, Social
Media Plattformen, einem niederländischen Designstudenten und seinem Youtu-
be-Video, einer interessierten Öffentlichkeit aus User_innen, Expert_innen,
Journalist_innen stoßen eine emphatische Debatte über alternative Konfiguratio-
nen von Smartphones an, die rasch von Unternehmen wie Google aufgegriffen
und in einen konkreten offenen Entwicklungsprozess überführt wird. Ver-
schiedenste menschliche und nicht-menschliche Akteure fügen sich zusammen
zu einem product-to-be, in das der not-yet-existing-waste schon eingebaut ist.
Ein aus Phonebloks modular zusammengesetztes Smartphone bedenkt die Mög-
lichkeit des Abfallens bereits mit: Kaputte oder nutzlose Module können einfach
ausgetauscht werden. Der Elektroschrott wird damit selbst zum Akteur im Ent-
wurfsprozess und neue Relationen zum Übrigen werden erprobt, die weitrei-
chende potentielle Veränderungen nach sich ziehen: neue Ökonomien, Märkte
und Verwertungsketten, neue technologische Standards und andere Formen von
Eigentum. Das Smartphone verliert seine Einmaligkeit und Abgeschlossenheit,
37 J. Gabrys: Digital Rubbish, S. 155.
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ist vielmehr offen für permanente Transformation, in deren Prozess obsolete Tei-
le abgestoßen werden wie tote Hautschuppen. Der Vision nach wird ein so zu-
sammengesetztes Smartphone nie in Gänze obsolet. Doch Laser verdeutlicht
auch, wie prekär die Entität eines modularen Smartphones noch immer ist. Wie
nicht verbundene Phonebloks zu Unfunktionalität verdammt, stagniert derzeit
die Interaktion der Akteure und damit der Entwicklungsprozess. Zur Reduktion
des Elektroschrottbergs haben die Phonebloks bisher nicht beitragen können, im
Gegenteil. So mag auch r das modulare Smartphone letztlich Jennifer Gabrys
Beobachung gelten: »When proposals are made for a ›solution‹ to the waste
›problem‹, waste is often displaced back into the same productive mechanism
that produced waste in the first place.«
38
Heterogene Akteure in neuen Entwurfspraktiken sind auch Thema in Johan-
nes Wardas Beitrag. Er geht einer Ideengeschichte des Gebäuderecylings in der
Architektur des 20. Jahrhunderts nach, die sich zwischen konservativer Denk-
malpflege und konsumkritischen Recycling-Ambitionen aufspannt. Ausgangs-
punkt ist auch hier eine Fokusverschiebung der Architekturdiskurse auf die Ma-
terialität von Gebäuden, die erst durch ihren Verfall wieder in den Blick rückt.
Was tun mit dem gebauten Übrigen? Warda zeigt wie diese Frage in den
1960ern für ganz verschiedene Positionen anschlussfähig wird: Konservative
Erhaltungsanliegen, die sich aus denkmalpflegerischer Tradition, nostalgischer
Sehnsucht und einer heritage industry speisen, verbinden sich mit Modernekri-
tik, Sozialpolitik und ressourcenökonomischem Umweltbewusstsein und mün-
den in einer postmodernen entwerferischen Praxis der Wiederverwendung, die
sich den Bestand zum Rohstoff für Neues macht. Vormals geschmähte Praktiken
des Umbaus entwickeln eine neue Ästhetik transformativer Architektur, die die
Grenzen zwischen Neu- und Altbau, zwischen Restauration, Reparatur und Re-
animation verschwimmen lässt. Aus dem Bauen wird ein kontinuierliches Wei-
terbauen. Der Verfall motiviert hier eine gänzlich am Übrigen orientierte Ent-
wurfspraxis.
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38 Ibid., S. 150.
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ten .Bd. IV/1, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1972, S. 9-21.
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Kondo, Marie: Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert,
Reinbek: Rowohlt 2013.
30
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CH RISTIA NE LEWE, TIM OTH OLD, NICOLAS OXE N
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Introduction
C
HRIS TIANE
L
EWE
,
T
IM
O
THOLD
,
N
ICOLAS
O
XEN
Remains don’t just ›stick around‹, they stand out: They persevere and pile up,
they push from the edges of our attention into its center and thereby challenge
ontological boundaries of material worlds. The pure act of remaining always in-
cludes a form of resistance; it attests to a certain individualism that denies a
clean division between subject and object.
Toward the end of Being and Nothingness, Jean-Paul Sartre encounters a
substance that is similarly ambivalent and unruly: the slimy (le visqeux).
1
Like
the remaining, the slimy seems to have a will of its own and disrupts a sense of
distance between world and subject. Overflowing paper baskets and dirty fridges
are not only able to develop a life of their own, becoming repelling as well as
withstanding all attempts at order and hygiene. They can also invoke a strange
sense of wonder about the refused, the used and the temporary. The slimy, along
with the remaining, subverts rigid classifications: Trying to label a substance that
is decomposing at the back of the fridge is disgusting. It is also, in a more ab-
stract way, an attempt at ontological differentiation in the face of ambivalence
and transformation. Sartre calls the slimy a »substance between two states«, that
is between liquidity and solidity. Slime thus undermines established categories:
It does not flow, it thickens and slows. It is unstable. Attempts at shaping it re-
sult in squishing it, and end with the slime, inevitably, sticking to your fingers.
That which remains is not necessarily slimy, but is equally hard to get rid of as it
always seems to escape any categorization.
1 Sartre, Jean-Paul: Being and Nothingness; an essay on phenomenological ontology,
Translated and with an introd. by Hazel E. Barnes. New York: Washington Square
Press 1966.
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CH RISTIA NE LEWE, TIM OTH OLD, NICOLAS OXE N
To exist in a state of in-betweenness is, according to Michael Thompson, al-
so central to ›rubbish‹. In his Rubbish Theory he argues that the ›life cycle‹ of
objects is not just determined by their material durability, but by social concep-
tions of value.
2
Between transient objects, that depreciate, and durable objects,
that over time appreciate in value, there is rubbish. It is the category of the value-
less, that enables objects to transfer between the other categories. Rubbish in this
sense is unnoticed in the social determination of value, but remains incorporated
in it, as Thompson illustrates in the beginning of his book regarding a used tis-
sue, carried around in one’s pocket as a simple matter of course. As rubbish, ob-
jects exist in a limbo from where they can re-enter the cycle of value anytime
as can be seen in vintage and retro trends.
Thompson and Sartre thus both deal with states of in-betweenness and yet
Thompson’s notion of rubbish with surprisingly tidy categories and neat dia-
grams – is far removed from anything slimy. This becomes especially clear when
Sartre, drawing on Bachelard, describes his theory as a »psychoanalysis of
things«
3
, and by italicizing »things« points to a change in perspective: Sartre is
not interested in psychological projections we attach to things, but in the things
themselves and their powerful independence.
These independent and willful things are not just – and in more than one way
slimy, they also together with rubbish fall under the notion of ›Remains‹. As
things that remain, they are not only affected by changing conceptions of value,
they produce their own dynamics of time and space and afford practices of
cleaning and storing: The ›Remaining‹ can be collected as a memento, stored as
a potential resource; it, seemingly by itself, piles up in cellars and attics, accu-
mulates in landfills and gets swept up on beaches. It provokes questions about
how and what we leave behind, how we handle it and what will ultimately re-
main of us.
4
The ›Remaining‹ are things that persist through change, that drop
away only to return and that repulse and attract at the same time. They can be
termed ›waste‹ or ›rubbish‹ or ›remainders‹
5
, they can be thought of with worry,
melancholy or sheer disgust
6
, or they can be viewed as a promising resource.
2 Thompson, Michael: Rubbish Theory: The Creation and Destruction of Value, Ox-
ford: University Press, 1979.
3 J-P. Sartre: Being and Nothingness, p. 765
4 Cf. Horn, Eva: Zukunft als Katastrophe, Frankfurt a.M.: S. Fischer 2014.
5 Cf. Becker, Andreas/Reither, Saskia/Spies, Christian (Hg.): Reste. Umgang mit einem
Randphänomen, Bielefeld: transcript 2005.
6 Cf. Kristeva, Julia: Powers of Horror: An Essay on Abjection, New York: Columbia
University Press 1982; Cohen, William A. (2005): »Introduction: Locating Filth«, in:
INTR ODUCTION
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33
One can distinguish between broken things which have become defective, and
between working but unused things which have simply become obsolete or
awkward to use. The ›Remaining‹ can further be divided by whether it retains
enough of its shape and function to be repairable or whether it has to be demol-
ished and maybe remade. However, such distinctions are always and inevitably
ephemeral in themselves and leave behind new remainders. An attempt to grasp
the remaining and concern oneself with it by trying to yet again determine it, as-
signing it it’s proper place, serves only to terminate it. This volume therefore is
not concerned with an analytical cleaning operation, reassuringly disposing of its
subject in predetermined pigeonholes which itself would be a reaction to the
›Remaining‹ worth studying. Instead we aim for a perspective that cherishes and
cultivates the dynamic aspects of remains, without essentially trying to suppress
them. We ask how things remain, how they are restored, reformed or forgotten
and where they end up. Which processes do they go through, which places do
they occupy and what kinds of practices and discourses are associated with
them?
It is also essential to reflect on the different terms and concepts, within which
phenomena of the remaining are found: ›Litter‹, ›waste‹ and ›recycling‹, to take
just three expressions from a far broader range, all entail different approaches to
the remaining and leave different marks. Litter (which in German would be ›Ab-
fall‹, literally: »off-fall«, the fallen-off) immediately invokes a dialectical rela-
tionship. Something has come off, peeled away and has become independent. It
has fallen off from a whole, which it now haunts as a latent threat and contami-
nant. The menacing possibility of pollution can in equal measure be the source
of power – for example when the garbage of a city becomes a medium of politi-
cal power for government and its subjects alike
7
and the source of a feeling of
disempowerment – as is the case with nuclear waste, that has in its longevity be-
come a problematic inheritance of humanity.
8
As a simultaneously material and
metaphorical impurity, such matter can even threaten one’s soul and salvation
Cohen, William A./Johnson, Ryan (Ed.): Filth. Dirt, Disgust, and Modern Life, Lon-
don/Minneapolis: University of Minnesota Press, p. VII-XXIV.
7 Cf. Desai, Renu/McFarlane, Colin/Graham, Stephen: »The Politics of Open Defeca-
tion«, in: Antipode 47.1 (2014), p. 98-120; Fredericks, Rosalind: »Vital Infrastructures
of Trash in Dakar«, in: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East
34.3 (2104), p. 532-548.
8 Cf. Posner, Roland (Ed.): Warnungen an die Ferne Zukunft, München: Raben Verlag
1990.
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and turn into a kind of theological hazard
9
. In this regard, especially the German
term ›Abfall‹ (again: fallen-off), referring to the motion of falling, points to
sometimes hidden processes of social, moral and economical order. But in order
to collect the things that have fallen off, to sort litter and remains, one may have
to perform a downward motion as well: One has to bend down and come close to
the slimy materiality of unsightly things. In her film T
HE
G
LEANERS AND
I (FR,
2000), Agnès Varda shows that this motion of picking something up, this act of
collecting also leads to a different view of the world, since that which has fallen
off marks and contests the invisible boundaries of property, order and meaning.
It is, for example, legal in France to go through vineyards and orchards that have
already been harvested and collect the remainders for personal use, even without
consent of the actual or rather original owner. Thus, things that have fallen off
are not necessarily nor immediately ›litter‹, they can also be a hazard, a collecti-
ble, resource or curiosity. They afford opportunities for creativity and creation
a reminder that ›to litter‹ also means ›giving birth‹.
The aspects of collecting and picking up the things that have fallen off, as
well as the structures of value and ownership that are revealed through them, al-
so enter into the concept of ›waste‹. The term brings to mind refuse, desolate
badlands and most of all the ideas of squandering, misuse and of depletion and
decay. However, as Jesse Goldstein has shown regarding the historical develop-
ment of English agriculture and land-use, ›waste‹ notably derives from the so-
called ›common wastes‹, i.e. the common lands that were customary up until the
19th century.
10
These fallow lands, unowned forests and spaces alongside roads
could be used by all residents of a nearby village or settlement and were an im-
portant part of the livelihood for many of them, until advocates for enclosure in-
creasingly limited access to them with fences and hedges. The concept of agri-
culture oriented towards maximizing profit caused a shift in perspective: The
»common wastes«, common property to be used by all, turned into the »wasted
commons«, lands whose potential and resources were being misused. In today’s
political landscape, in the context of the consequences of excessive agricultural
land-use, similar fallows and lands are being used as areas for ecological com-
pensation. An analogous logic of ›compensating‹ for ecological harm can be
found in the direct payments of the European Union termed »Greening«, that
aim to financially coax the industrial agriculture of Europe into more eco-
9 Cf. Bayless, Martha: Sin and Filth in Medieval Culture, London/New York:
Routledge 2012.
10 Goldstein, Jesse: »Terra Economica: Waste and the Production of Enclosed Nature«,
in: Antipode 45.2 (2013), p. 357-375.
INTR ODUCTION
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35
friendly behavior.
11
Meanwhile, in cities and metropolitan areas a wholly differ-
ent kind of common lands and wayside spaces are being harnessed for so-called
»urban gardening«, despite or possibly even due to vague property rights.
›Waste‹ does not just reveal ›wasted‹ spaces and resources but also areas of po-
tential, whose actualization is dependent upon diverse kinds of use, including
prominent economical interests
12
. The ›Remaining‹ thus emerges as a state ›in
between‹ in a more topological sense as well, enabling the unfolding of shifting
interests, operations and understandings of value.
This malleability of the ›Remaining‹, along with an interest in making effi-
cient use of it, is also central to the idea of ›recycling‹, where it unveils ideolo-
gies and systems of order. What is fundamental to the practice and understanding
of recycling are notions of ›sustainability‹
13
, of a perfect and lossless conversion,
without any remainders (»restlos« in German, literally: remainder-less), and of
the technological solution to problems of ›waste‹ and pollution. Especially re-
mainders constitute a link between political, bureaucratical and mercantile
realms,
14
and the pursuit of ›Restlosigkeit‹ (German: remainder-less-ness, utter
completeness) can easily call to mind past large-scale, imperial projects and the
»rest of the world« they often aimed at. A closely related fantasy informs the
wishful thinking found in ›digital solutions‹ and in beliefs about seemingly loss-
less and immaterial communication – which in fact produces mountains of elec-
tronic waste and junk data.
15
In the context of recycling, this ›Restlosigkeit‹ and
losslessness are primarily a part of the ideological dimension of circulatory sys-
tems, prone to implying some sort of ecological as well as economical stability
11 Cf. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Umsetzung der EU-
Agrarpolitik in Deutschland, Broschüre, Berlin 2015 (online).
12 Cf. Kersten, Jens (Ed.): Inwastement Abfall in Umwelt und Gesellschaft, Bielefeld:
transcript 2016.
13 Cf. Radkau, Joachim: »›Nachhaltigkeit‹ als Wort der Macht. Reflexionen zum metho-
dischen Wert eines umweltpolitischen Schlüsselbegriffs«, in: Duceppe-Lamarre,
François/Engels, Jens Ivo (Ed.): Umwelt und Herrschaft in der Geschichte, München:
R. Oldenbourg Verlag 2008, p.131-136.
14 Cf. Krajewski, Markus: Restlosigkeit. Weltprojekte um 1900, Frankfurt a.M.: Fischer
2006.
15 Cf. Gabrys, Jennifer: Digital Rubbish. A natural history of electronics, Michigan:
University of Michigan Press 2013.
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and self-regulation.
16
Distressingly, however, this stability mostly benefits the
respective industry, as the ordinary practice of recycling by the general public
concerns only a miniscule portion of waste.
17
Furthermore, the universal and
blind rebranding of waste as ›resource‹ contributes to a discourse that mostly
serves to hinder effective methods of preventing waste.
18
There is a discrepancy
between the public perception of recycling as an undisputedly good deed and the
hard truth that it is, in fact, a process of down-cycling, that does have remain-
ders, uses energy and over time reduces the quality of materials. In the end, it
serves less to protect the environment and more to protect the moral integrity of
those who recycle. What becomes apparent here is not only the persistence of
problems brought about by ›waste‹ along with illusions of ›Restlosigkeit‹, but al-
so the diversity of conceptual approaches to and perspectives on things we leave
behind and how essential these perspectives are for dealing with such mutable
material.
The ›Remaining‹ covers a field that is composed of the slimy and of waste,
of trash and things fallen off, of remnants and residuals, as well as efforts of sal-
vaging and recycling them, collecting them or clinging to them. It emerges at the
edges of different academic disciplines, oftentimes unconsidered, it is informed
and influenced by historical and linguistic developments, along with material
and technological changes. This book, therefore, is a ›compilation‹ and a ›collec-
tion‹ not just in name but also in spirit: The articles collected here engage with
›waste‹ and with the ›Remaining‹, but they also range over a variety of academic
fields, constitute a dialogue between thinkers from different disciplines and serve
to more strongly connect the German and the international discourse regarding
these subjects. This volume aims to take a viewpoint that recognizes the ›Re-
maining‹ in its productive instability, without immediately trying to tidy it up
and put it in order.
Jacques Lacan once described the written copies of his seminars – aggregat-
ed from students‹ notes, scattered articles etc. – not as a ›publication‹ but a
16 Cf. Graeber, David: »Afterword«, in: Alexander, Catherine/Reno, Joshua (Ed.): Econ-
omies of Recycling. The global transformations of materials, values and social rela-
tions, London/New York: Zed Books 2012, p. 277-291.
17 Cf. Liboiron, Max: »Recycling as a Crisis of Meaning«, in: eTOPIA: Canadian Jour-
nal of Cultural Studies (Spring 2010), p. 1-9; Liboiron, Max: »Modern Waste is an
Economic Strategy«, in: Discard Studies. Social studies of waste, pollution & exter-
nalities, 2014 (online).
18 Cf. Jensen, D./McMillan, S.: As the World Burns: 50 Simple Things You Can Do to
Stay in Denial – A Graphic Novel, New York: Seven Stories Press 2011.
INTR ODUCTION
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37
»poubellication« (fr. poubelle: waste bin, trash can).
19
This playful take on dis-
order and scatteredness also implies a concept of writing that is only made pos-
sible through the writings of others. Anthologies and edited volumes are books
that are compiled and in this sense are made possible by collaborative writing. In
every chapter and text the haunting presence of the preceding drafts still remains
along with the latent influences and residual notions of paragraphs and ideas that
did not make it into the final work. The life span of this book has already been
determined, dictated on the one hand by the material properties of paper and on
the other hand by the contractually stipulated date when the publisher’s remain-
ders are to be trashed. What is not yet determined, however, is how its contents
and ideas will be collected, transformed and scattered in the meantime. We hope
that this volume will collect some marks and leave behind traces of use.
REFERENCES
Bayless, Martha: Sin and Filth in Medieval Culture, London/New York:
Routledge 2012.
Becker, Andreas/Reither, Saskia/Spies, Christian (Eds.): Reste. Umgang mit ei-
nem Randphänomen, Bielefeld: transcript 2005.
Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Umsetzung der EU-
Agrarpolitik in Deutschland, Broschüre, Berlin 2015. (Online: http://www.
bmel.de/DE/Landwirtschaft/Agrarpolitik/_Texte/GAP-FAQs.html)
[19.05.2016].
Cohen, William A. (2005): »Introduction: Locating Filth«, in: Cohen William
A./Johnson, Ryan (Eds.): Filth. Dirt, Disgust, and Modern Life, London/
Minneapolis: University of Minnesota Press, p. VII-XXIV.
Desai, Renu/McFarlane, Colin/Graham, Stephen: »The Politics of Open Defeca-
tion«, in: Antipode 47.1 (2014), p. 98-120.
Fredericks, Rosalind: »Vital Infrastructures of Trash in Dakar«, in: Comparative
Studies of South Asia, Africa and the Middle East 34.3 (2104), p. 532-548.
Gabrys, Jennifer: Digital Rubbish. A natural history of electronics, Michigan:
University of Michigan Press 2013.
Goldstein, Jesse: »Terra Economica: Waste and the Production of Enclosed Na-
ture«, in: Antipode 45.2 (2013), p. 357-375.
19 Cf. Porge, Erik: »Instance de la lettre et poubellication selon Lacan«, in: Essaim. Re-
vue de Psychanalyse 33.4 (2014), p. 29-40.
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CH RISTIA NE LEWE, TIM OTH OLD, NICOLAS OXE N
Graeber, David: »Afterword«, in: Alexander, Catherine/Reno, Joshua (Eds.):
Economies of Recycling. The global transformations of materials, values and
social relations, London/New York: Zed Books 2012, p. 277-291.
Horn, Eva: Zukunft als Katastrophe, Frankfurt a.M.: S. Fischer 2014.
Jensen, D./McMillan, S.: As the World Burns: 50 Simple Things You Can Do to
Stay in Denial - A Graphic Novel, New York: Seven Stories Press 2011.
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2006.
Kristeva, Julia: Powers of Horror: An Essay on Abjection, New York: Columbia
University Press 1982.
Liboiron, Max: »Modern Waste is an Economic Strategy«, in: Discard Studies.
Social studies of waste, pollution & externalities, 2014. (Online: http://dis-
cardstudies.com/2014/07/09/modern-waste-is-an-economic-strategy/)
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ogy, Translated and with an introd. by Hazel E. Barnes. New York: Wash-
ington Square Press 1966.
Thompson, Michael: Rubbish Theory: The Creation and Destruction of Value,
Oxford: University Press 1979.
Article
Full-text available
This article discusses plastic and other solid household waste in both rural and urban Daerah Istimewa Yogyakarta (Special Region of Yogyakarta) and integrates several practical and theoretical perspectives in its analysis. An exploration of the everyday littering practices of the Javanese people is combined with analysis of their particular ways of relating to the environment. This study reveals that an abstract notion of nature is not seen as crucial by most actors. Rather, what counts for individuals is their immediate social environment. Government officials are increasing efforts to raise awareness of the issues at hand, and to encourage citizens to sort household waste and to recycle. However, bottom-up initiatives such as community-based ‘waste banks’, communal clean-ups and ‘recycle fashion’ street carnivals that address various social, economic, and emotional aspects of waste have proven much more efficient. Thus, a tentative path to transform the waste problem that, in the authors’ perspective, challenges the notions of growth, modernisation, and human-nonhuman relations is seen in Java in the mobilisation of the local, social and moral world. However, it is not certain that this will generate a less consumptive lifestyle leading to the much needed reduction of waste.
Article
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This paper examines the politics of open defecation by focusing on everyday intersections of the body and infrastructure in the metabolic city, which produces profoundly unequal opportunities for fulfilling bodily needs. Specifically, it examines how open defecation emerges in Mumbai's informal settlements through everyday embodied experiences, practices and perceptions forged in relation to the materialities of informality and infrastructure. It does so by tracing the micropolitics of provision, access, territoriality and control of sanitation infrastructures; everyday routines and rhythms, both of people and infrastructures; and experiences of disgust and perceptions of dignity. It also examines open defecation as embodied spatial and temporal improvisations in order to investigate the socially differentiated efforts and risks that it entails. More broadly, the paper seeks to deepen understandings of the relationship between the body, infrastructure and the sanitary/unsanitary city.
Article
In laymen’s terms, recycling is “good for the environment.” It involves “doing your bit” to help “save the Earth.” Yet, recycling requires high expenditures of energy and virgin materials, and produces pollutants, greenhouse gases and waste; it creates products that are “down-cycled” because they are not as robust as their predecessors, nor are such products usually recyclable themselves. Of the fifteen to thirty percent of recyclables that are retrieved from the waste stream, “almost half” are buried or burned due to contamination or market fluctuations that devalue recyclables over virgin materials (McDonough and Braungart, 56-60; Rogers, 176-179; Luke, 115-135; Rathje, 203-7;MacBride; Ackerman; EPA; Grassroots Recycling Network, Taxpayers for CommonSense, Materials Efficiency Project and Friends of the Earth). Furthermore, recycling infrastructure creates a framework where disposables become naturalized commodities instead of allowing practices of waste redesign, reduction or elimination. How is the schism between the popular perception of recycling as “good for the environment” and its less environmentally sound industrial processes maintained? By critiquing the visual culture of recycling campaigns, I argue that the meaning of recycling has been decontextualized, narrowed, and naturalized, thus functioning as a commodity sign.That is, recycling has been “abstracted from [its] context and then reframed in terms of the assumptions and interpretive rules of the advertising framework” through which it is promoted (Goldman, 5). I identify three main characteristics of the recycling commodity-sign. First, the individual, rather than government or industry, is represented as the primary unit of social change. Secondly, recycling is depicted as an act that ends at the blue bins, cutting out the industrial side of the cycle. Finally, recycling is symbolized as something that benefits the environment “in general” rather than as a specific form of waste management. Overall, I argue that recycling, instead of being a solution to environmental or waste crises, in fact constitutes a crisis of meaning that allows environmental degradation and derisory waste practices to continue.
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This important new contribution to the history of the body analyzes the role of filth as the material counterpart of sin in medieval thought. Using a wide range of texts, including theology, historical documents, and literature from Augustine to Chaucer, the book shows how filth was regarded as fundamental to an understanding of human history. This theological significance explains the prominence of filth and dung in all genres of medieval writing: There is more dung in theology than there is in Chaucer. The author also demonstrates the ways in which the religious understanding of filth and sin influenced the secular world, from town planning to the execution of traitors. As part of this investigation the book looks at the symbolic order of the body and the ways in which the different aspects of the body were assigned moral meanings. The book also lays out the realities of medieval sanitation, providing the first comprehensive view of real-life attempts to cope with filth. This book will be essential reading for those interested in medieval religious thought, literature, amd social history. Filled with a wealth of entertaining examples, it will also appeal to those who simply want to glimpse the medieval world as it really was.
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The instance of the letter and “poubellication” (litter publication) with Lacan The existence of a veritable publication strategy is prominent with Lacan. It is principally characterized by the non-publication of books as such, an abundance of dispersed articles and seminaries transcribed by others. This strategy draws upon his distinction between the written and the word. The evolution of his approach to the letter in its link with topology outlines moreover a distinction between the instance of the letter and “poubellication”.
The last twenty-five years in Dakar have seen countless institutional reorganizations in the city’s municipal trash collection system, an explosion of informal recycling and disposal practices, frequent and prolonged garbage strikes, and widespread concerted acts of public dumping. Fredericks’s article examines the messy politics of trash in Dakar through considering the infrastructure of municipal garbage collection as a critical site of contestation around urban citizenship. The devolution of the central burdens of garbage infrastructure onto labor has meant that municipal trash collectors and the other citizens informally managing garbage in the home, community, and garbage dump are called upon to serve as the backbone of the city’s waste collection and disposal architecture. The material relations between infrastructure and labor are probed for what they reveal about practices of government performed through differentially ordering spaces and disciplining residents via the burdens of dirt, microbes, and abjection associated with laboring in filth. Social and bodily technologies are thus revealed to be key elements within a wider gamut of techniques constituting urban infrastructure. At the same time, strikes, dumping, and workers’ appeals to the value of cleaning in Islam are shown to subvert ordering paradigms through disrupting the proper flow of waste disposal and inverting its negative associations. The intimacy of this low-tech labor infrastructure and the specificity of waste’s material and discursive dimensions provide fertile ground on which to contest the disposability of labor and lay bare the ethics of infrastructure.
Article
I. Approaching Abjection2. Something to Be Scared Of3. From Filth to Defilement4. Semiotics of Biblical Abomination5... Qui Tollis Peccata Mundi6. C line: Neither Actor nor Martyr7. Suffering and Horror8. Those Females Who Can Wreck the Infinite9. "Ours to Jew or Die"10. In the Beginning and Without End...11. Powers of Horror
  • Jesse Goldstein
Goldstein, Jesse: »Terra Economica: Waste and the Production of Enclosed Nature«, in: Antipode 45.2 (2013), p. 357-375.
The Ethics of Waste: How We Relate to Rubbish
  • Gay Hawkins
Hawkins, Gay: The Ethics of Waste: How We Relate to Rubbish, Lanham: Rowman and Littlefield 2006.