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Abstract

Aktuelle Entwicklungen der Maker-Bewegung in der Schule
38 OCG Journal | 02 2016
Aktuelle Entwicklungen der Maker-Bewegung in der Schule
von Sandra Schön und Martin Ebner
Digitales kreatives
Selbermachen in der Schule
In einigen Schulen werden bereits digitale
Werkzeuge eingesetzt, um kreatives digi-
tales Selbermachen zu ermöglichen und
zu unterstützen. Diese Aktivitäten werden
im deutschsprachigen Raum als „Ma-
king“ bezeichnet (von engl. „to make“
für „machen“). Making sind Aktivitäten,
bei denen jede/r selbst aktiv wird und ein
Produkt, ggf. auch digital, entwickelt, ad-
aptiert, gestaltet und produziert und dabei
(auch) digitale Technologien zum Einsatz
kommen. Making-Aktivitäten sind dabei
soziale Aktivitäten, die häufig in speziellen
Werkstätten, z.B. den Fablabs, Makerspa-
ces, Hackerspaces, und unter Berücksich-
tigung ökologischer und gesellschaftlicher
Gesichtspunkte, z. B. als Upcycling oder
im Repair-Café, durchgeführt werden (vgl.
Schön, Ebner, Kumar, 2014).
Während Making-Aktivitäten bei Erwach-
senen in der Regel selbstinitiiert und auto-
didaktisch sind, werden Making-Aktivitä-
ten mit Kindern und Jugendlichen häufig
durch Erwachsene angeregt und gestaltet.
Das digitale Selbermachen der Maker-Be-
wegung (vgl. Anderson, 2012) ist dabei
nicht auf die naheliegenden Fächer, d.h.
vor allem das Fach Informatik, beschränkt.
Wichtige Prinzipien für Making-Aktivitä-
ten mit Kindern lassen sich folgenderma-
ßen skizzieren (nach Schön u.a., 2016, S.
9): Kinder sind selbst die Akteure – von
der Idee bis zur Umsetzung. Das Ergeb-
nis ist ein konkretes Produkt – also ein
gegenständliches oder digitales Ergebnis.
Kreativität hat großen Raum. Making-Ak-
tivitäten mit Kindern leiten zum selbstor-
ganisierten Lernen an. Making-Aktivitäten
mit Kindern unterstützen den interdiszip-
linären Wissensaufbau und Wissensaus-
tausch. Der Austausch von Erfahrungen,
Ideen und Wissen sowie das gemeinsame
Arbeiten benötigt eine kooperative Atmo-
sphäre. Und das Ziel der Aktivitäten ist eine
bessere (schönere) Welt, die aktiv gestaltet
wird – z.B. auch mit Upcycling, Müllver-
meidung und sozialem Engagement.
Making-Aktivitäten mit digitalen Techno-
logien sind lerntheoretisch in der Traditi-
on des „Konstruktionismus“ rund um die
Gruppe von Seymour Papert am Massa-
chusetts Institute of Technology (MIT) zu
sehen. Papert entwirft den Konstruktionis-
mus als „Lernen durch Machen“ (Papert &
Harel, 1991, S. 1); die Lernenden nutzen
Werkzeuge, um Wissen zu konstruieren.
Wenn Kinder aus Seifenblöcken Figuren
schnitzen, dann haben sie Zeit, in denen
es möglich ist, „zu denken, zu träumen,
zu staunen, neue Ideen zu bekommen, et-
was auszuprobieren, etwas sein zu lassen
oder auch nicht locker zu lassen, Zeit zum
Sprechen, die Arbeit von anderen und
ihre Reaktionen zu sehen“ (Papert & Ha-
rel, 1991: 1; eig. Übersetzung; s.a. Schön,
Ebner & Kumar, 2014). Auch andere päd-
agogische Traditionen, v.a. im Feld der Re-
formpädagogik weisen auf die Bedeutung
des Selbermachens bzw. der Produkte hin
(vgl. Schelhowe, 2013).
Im Gegensatz zu eher klassischen Lernfor-
men im Lernraum Schule ist das Making
schülerzentriert, projektorientiert und
bietet auf einer didaktischen Ebene die
Möglichkeit der Individualisierung bei der
Erreichung von Lernzielen. Natürlich gibt
es gerade zu Beginn von Making-Aktivitä-
Foto: Autoren
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02 2016 | OCG Journal
Themenschwerpunkt: Der Weg zu Bildung 4.0
ten Phasen, in denen z.B. die Bedienung
eines neues Werkzeugs oder eine Techno-
logie systematisch vorgestellt und geschult
wird, dies erfolgt aber oft durch Lernma-
terialien, die ein eigenes Tempo erlauben.
Im Verlauf jeder Making-Aktivität sollte
dann aber Raum für Kreativität – und auch
Scheitern gegeben sein.
WIE KANN MAN SICH SOLCHE
MAKING-AKTIVITÄTEN IN DER
SCHULE VORSTELLEN?
Im Musikunterricht können digitale Mu-
sikinstrumente konstruiert werden – bei-
spielsweise ein Klavier aus Bananen oder
ein Percussion-Set aus Knete, bei denen
neben der Erfahrungen am PC auch ele-
mentare Gruppenimprovisation zentrale
Lernziele sind.
Im Schulfach Mathematik (Geometrie)
wird das Thema der Parkettierung nicht
nur mit Papier erprobt, sondern auch
gleich entsprechende Parkett-Teile in 3D
LITERATUR
1. ANDERSON, Chris (2012): Makers: The New Industrial Revolution. New York: Crown Business.
2. PAPERT, Seymour & HAREL, Idit (1991). Preface, Situating Constructionism, In: Harel, Idit &
Papert, Seymour (Eds.). Constructionism, Research reports and essays, 1985-1990 (S. 1). Ablex:
Norwood NJ.
3. SCHELHOWE, Heidi (2013): Digital Realities, Physical Action and Deep Learning. In: WAL-
TER-HERRMANN, J. & BÜCHING, C. (Hrsg.), FabLab. Of machines, makers and inventors. Biele-
feld: transcript, S. 93-103.
4. SCHÖN, Sandra; EBNER, Martin & KUMAR, Swapna (2014): The Maker Movement. Implications
of new digital gadgets, fabrication tools and spaces for creative learning and teaching. In: eLe-
arning Papers, 39, July 2014, S. 14-25.
5. SCHÖN, Sandra; BOY, Henrike; BROMBACH, Guido; EBNER, Martin; KLEEBERGER, Julia; NARR,
Kristin; RÖSCH, Eike, SCHREIBER, Björn & ZORN, Isabel (2016): Einführung zu Making-Aktivitä-
ten mit Kindern und Jugendlichen. In: SCHÖN, Sandra; EBNER, Martin & NARR, Kristin (2016,
Hrsg.), Making-Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen. Handbuch zum kreativen digitalen
Gestalten. Norderstedt: Book on Demand, Online: via http://bit.do/handbuch, S. 8-24
Univ.-Doz. Dr. Martin
Ebner ist Leiter der
Abteilung Lehr- und
Lerntechnologien an
der Technischen Uni-
versität Graz und ist
dort für sämtliche E-Learning-Belange
zuständig. Weiters forscht und lehrt er
als Medieninformatiker am Institut für
Informationssysteme Computer Medien
rund um technologiegestütztes Lehren
und Lernen. Seine Schwerpunkte sind
e-Learning, m-learning, Social Media,
Learning Analytics und Open Educatio-
nal Resources. Er bloggt unter
http://elearningblog.tugraz.at Details
unter: www.martinebner.at
Dr. Sandra Schön
ist Erziehungswissen-
schaftlerin, forscht bei
der Salzburg Research
Forschungsgesell-
schaft zu innovativen
Formen des Lernens und des Arbeitens
mit dem Web und leitet beim BIMS e.V.
unregelmäßig medienpädagogische
Projekte. Ihr Fokus liegt auf Technolo-
gien, Materialien und Werkzeugen, die
unkompliziert und kostenfrei nutzbar
sowie im besten Fall offen zugänglich
sind – allen voran offene Bildungsres-
sourcen. Details unter:
http://sandra-schoen.de
modelliert und dann mit dem 3D-Drucker
gedruckt. Und weil es soviel Spaß macht,
werden sie auch als Keksausstecher fa-
briziert, um damit dann wiederum Par-
kett-Teile zu backen.
In Physik wird mit Hilfe von Smartphones,
einer Pappschachtel und einem Vergröße-
rungsglas, z.B. einer einfachen Lupe, ein
Videoprojektor gebaut. Optik bzw. Projek-
tion sind beim Tüfteln für die optimalen
Abstände und Halterungen der fachliche
Anker. Oder es können Brillen für die vir-
tuelle Realität mit Hilfe von kostenlosen
Bausätzen aus dem Internet, Pappkarton,
dem Smartphone und einem Paar Linsen
gebastelt werden – z.B. unter dem Stich-
wort der Stereoskopie.
Making lässt sich also auf den ersten Blick
sehr gut im Schulfach Informatik verorten,
zahlreiche Anknüpfungspunkte ergeben
sich jedoch auch für viele andere Schul-
fächer, sofern die Lehrkräfte hier medien-
kompetent und technikaffin agieren kön-
nen.
Auch außerhalb der Schule ergeben sich
von der Maker-Bewegung beeinflusste
und gestaltete Lernräume, die auch von
Schüler/innen genutzt werden. In Öster-
reich sind dies z.B. die Happylabs in Wien
und Salzburg, die OTELO-Initiative, das
FabLab in Graz oder das Metalab Wien.
Making-Veranstaltungen werden dabei
auch gezielt für Kinder und Jugendliche
durchgeführt, beispielweise die „Maker
Days“ in der Stadt:Bibliothek Salzburg
oder auch im Jahr 2017 die Veranstal-
tung „Jugend hackt“, ein Hackathon für
Jugendliche ab 12 Jahren, bei dem unter
dem Motto „Mit Code die Welt verbes-
sern“ u.a. mit Unterstützung der Open
Knowledge Foundation an einem Wo-
chenende digitale soziale Innovationen
rund um offene Daten, Technik und Pro-
grammieren entwickelt werden.
KOSTENLOSE ONLINE-KURSE
Auf der österreichischen Plattform für kos-
tenfreie, offen lizenzierte Kurse iMooX.at
ist noch bis zum Herbst der Kurs „Making.
Kreatives digitales Gestalten mit Kindern“
für Erwachsene kostenfrei erreichbar, weit
über 600 Teilnehmer/innen sind bisher
zu verzeichnen. Im Oktober 2016 startet
der kostenlose Online-Kurs „Learning to
Code. Programmieren mit Pocket Code“
der TU Graz, der sich an Kinder zwischen
10 und 14 Jahren richtet. <<
ZUM WEITERLESEN
SCHÖN, Sandra/EBNER, Martin &
NARR, Kristin (2016): Making-Aktivi-
täten mit Kindern und Jugendlichen.
Handbuch zum kreativen digitalen Ge-
stalten. Norderstedt: Book on Demand,
kostenfrei online:
via http://bit.do/handbuch
33 konkrete Projekte rund um das
kreative digitale Gestalten mit Kindern
und Jugendlichen in der Schule, in der
Freizeit und MINT-Initiativen werden
beschrieben und in unterschiedliche
Making-Aktivitäten eingeführt.
Foto: Autoren
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Full-text available
This paper introduces several diverse terms (from FabLabs to Hackerspaces) and gives insights into background, practice and existing experiences from Maker Movement in educational settings amongst all age groups. As a conclusion, the authors present reasons why practitioners and researcher should consider its educational potential. Besides its creative and technological impacts, learning by making is an important component of problem-solving and relating educational content to the real world. Besides this, digital tools for making are not expensive, for example apps for mobile devices or rents for 3D printer (compared with desktops in 1:1 settings). The Maker Movement is seen as an inspiring and creative way to deal with our world, it is aware of ecological challenges and of course, and it is able to develop technological interest and competences casually. Finally, the authors give recommendation for reading for all who got interested in making.
Hrsg.), FabLab. Of machines, makers and inventors. Bielefeld: transcript
  • Heidi Schelhowe
SCHELHOWE, Heidi (2013): Digital Realities, Physical Action and Deep Learning. In: WAL-TER-HERRMANN, J. & BÜCHING, C. (Hrsg.), FabLab. Of machines, makers and inventors. Bielefeld: transcript, S. 93-103.