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Gestalttheoretische Aspekte der "Arbeit mit dem leeren Stuhl" [The "Empty Chair Technique" from a Gestalt Psychological View ]

Authors:
  • Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie

Abstract

Die Formulierung "Arbeit mit dem leeren Stuhl" ist hier in Anführungszeichen gesetzt, weil sie zwar gebräuchlich, aber eigentlich irreführend ist: Wenn eine solche Arbeit gelingt, ist der Stuhl eben gerade nicht leer, sondern sieht die Klientin darauf tatsächlich ihren Gesprächspartner; und natürlich wird auch nicht mit dem Stuhl gearbeitet, sondern an der Begegnung mit den darauf angetroffenen Personen. Wer einmal selbst eine gelungene "Arbeit mit dem leeren Stuhl" erlebt hat, versteht gut, wie bewegend und bereichernd diese Arbeitsweise für die Beteiligten sein kann und welche Erwartungen daher von vielen TherapeutInnen mit ihr verknüpft werden. Wer allerdings auch die gegenteilige Erfahrung gemacht hat, vom quälend hilflosen Geplänkel bis hin zum manipulativen Gezerre an der Klientin, wird sich die Frage stellen: Wovon hängt es denn nun ab, ob diese Arbeitsweise therapeutisch zu dem einen oder zu dem anderen Ergebnis führt? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage greifen die Überlegungen in diesem Beitrag auf grundlegende gestalttheoretische Annahmen zurück. Die erste dieser Annahmen ist die der Ganzbestimmtheit der Teile: Sie besagt, dass, was in einem Ganzen geschieht, nicht so sehr davon abhängt, wie die einzelnen Teile beschaffen sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt die Eigenart und innere Dynamik des Ganzen bestimmt, welches Schicksal seine einzelnen Teile haben. Geht man davon aus, dass es sich auch bei der Psychotherapie um ein ganzheitliches Geschehen handelt, wird man also damit rechnen müssen, dass auch bestimmte Arbeitsweisen und Techniken als Teile dieses Geschehens ihre konkrete Bedeutung und Wirkung erst aus der Eigenart und inneren Dynamik des jeweiligen Ganzen beziehen. Diese Überlegung möchte ich aus zwei Blickwinkeln konkretisieren: Der erste ist die konkrete Einbettung der "Arbeit mit dem leeren Stuhl" in das Ganze der therapeutischen Beziehung, der zweite ist die Einbettung in konkrete therapeutische Zielsetzungen und psychologische Situationen.
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Gestalttheoretische Aspekte der “Arbeit mit dem leeren Stuhl”
Gerhard Stemberger (Wien)*
Wer einmal selbst eine gelunge-
ne „Arbeit mit dem leeren Stuhl“1
erlebt hat, versteht gut, wie be-
wegend und bereichernd diese Ar-
beitsweise für die Beteiligten sein
kann und welche Erwartungen
daher von vielen TherapeutInnen
mit ihr verknüp werden (vgl. dazu
die vielfälgen Beispiele bei Lusg
2014, vorliegendes He). Wer al-
lerdings auch die gegenteilige Er-
fahrung gemacht hat, vom quälend
hilosen Geplänkel bis hin zum ma-
nipulaven Gezerre an der Klienn,
wird sich die Frage stellen: Wovon
hängt es denn nun ab, ob diese Ar-
beitsweise therapeusch zu dem
einen oder zu dem anderen Ergeb-
nis führt? Auf der Suche nach einer
Antwort auf diese Frage greifen die
Überlegungen in diesem Beitrag
auf grundlegende gestalheore-
sche Annahmen zurück.
Die erste dieser Annahmen ist die
der Ganzbesmmtheit der Teile:
1 Die Formulierung “Arbeit mit dem leeren Stuhl”
ist hier in Anführungszeichen gesetzt, weil sie
zwar gebräuchlich, aber eigentlich irreführend
ist: Wenn eine solche Arbeit gelingt, ist der Stuhl
eben gerade nicht leer, sondern sieht die Klienn
darauf tatsächlich ihren Gesprächspartner;
und natürlich wird auch nicht mit dem Stuhl
gearbeitet, sondern an der Begegnung mit den
darauf angetroenen Personen.
Sie besagt, dass, was in einem Gan-
zen geschieht, nicht so sehr davon
abhängt, wie die einzelnen Teile
beschaen sind und sich zusam-
mensetzen, sondern umgekehrt
die Eigenart und innere Dynamik
des Ganzen besmmt, welches
Schicksal seine einzelnen Teile ha-
ben.2 Geht man davon aus, dass es
sich auch bei der Psychotherapie
um ein ganzheitliches Geschehen
handelt, wird man also damit rech-
nen müssen, dass auch besmm-
te Arbeitsweisen und Techniken
als Teile dieses Geschehens ihre
konkrete Bedeutung und Wirkung
erst aus der Eigenart und inneren
Dynamik des jeweiligen Ganzen be-
ziehen.
Diese Überlegung möchte ich aus
zwei Blickwinkeln konkresieren:
Der erste ist die konkrete Einbet-
tung der „Arbeit mit dem leeren
Stuhl“ in das Ganze der therapeu-
schen Beziehung, der zweite ist die
Einbeung in konkrete therapeu-
sche Zielsetzungen und psycholo-
gische Situaonen.
Die „Arbeit mit dem leeren
Stuhl“ als Kontaktvermei-
dung oder Kontaktverweige-
rung
Die „Arbeit mit dem leeren Stuhl“
ist unter anderem wesentlich da-
durch gekennzeichnet, dass Klien-
n und Therapeun den unmiel-
baren persönlichen Kontakt mit-
einander vorübergehend ausset-
zen und die Klienn stadessen (in
Gegenwart der Therapeun) mit
einem anderen Gegenüber Kontakt
2 In Anlehnung an Max Wertheimers berühmte
Kurzdenion der Gestalheorie (1924).
Zusammenfassung
Das „Arbeiten mit dem leeren Stuhl“ - ur-
sprünglich in der Gestalherapie in An-
lehnung an ähnliche Ansätze im Psycho-
drama entwickelt - hat in der psychothe-
rapeuschen Praxis o beeindruckende
Wirkungen gezeigt. Daher verwundert
es nicht, dass in letzter Zeit zunehmend
auch in anderen Therapiemethoden dar-
auf zurückgegrien wird, etwa in der Ver-
haltenstherapie. Dabei wird allerdings
o verabsäumt, die Bedingungen näher
zu beleuchten, von denen die Wirkungen
dieser Arbeitsweise besmmt sind. Der
vorliegende Beitrag versucht dies mit
Hilfe gestalheorescher Konzepte und
Befunde zu tun.
Eingangs wird die Einbeung dieser Ar-
beitsform in die therapeusche Bezie-
hung vor allem unter dem Blickwinkel
der damit verbundenen Veränderung
der Kontaktsituaon diskuert.
Es wird dann vorgeschlagen, das
Lewin‘sche Konzept der überlappenden
Situaon für das Verständnis verschiede-
ner Konstellaonen und Verläufe bei der
„Arbeit mit dem leeren Stuhl“ zu nutzen;
dabei wird auch die Beziehung dieses
Konzepts zum Mehr-Felder-Ansatz erläu-
tert.
Wie die Klienn auf die „Arbeit mit dem
leeren Stuhl“ eingeht, hat auch eine
kommunikave Funkon gegenüber der
Therapeun (und umgekehrt) – im Zu-
sammenhang damit stellt sich die Frage
nach Besonderheiten von „Übertragung“
und „Gegenübertragung“ in diesem Set-
ng.
Im Weiteren werden unterschiedliche
Aufgaben benannt, die mit dieser Ar-
beitsform verfolgt werden können: das
Probieren bzw. Experimeneren, das
Üben und Entwickeln, die Koniktbear-
beitung und das Problemlösen. Diese
unterschiedlichen Aufgabenstellungen
unterscheiden sich voneinander auch
* Für hilfreiche krische Rückmeldungen zum
Entwurf dieses Beitrags danke ich Doris Be-
neder, Thomas Fuchs, Bernadee Lindorfer,
Chrisan Punzengruber und Katharina Sternek.
Die im Text verwendete weibliche Form steht
für beide Geschlechter.
durch jeweils unterschiedliche psycholo-
gische Situaonen.
Der Beitrag wendet sich schließlich den
speziellen Erwartungen zu, dass sich die-
se Arbeitsform besonders gut für das Ab -
schließen „unerledigter Geschäe“ und
für die Integraon abgespaltener Anteile
eigne. Abschließend werden drei grund-
legende Wirkmöglichkeiten der „Arbeit
mit dem leeren Stuhl“ angesprochen,
was zugleich die Opon alternaver Ar-
beitsformen mit ähnlichen Wirkmöglich-
keiten aufzeigt.
1/2014 Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
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aufnehmen soll - mit einem Aspekt
ihrer selbst oder auch mit einer an-
deren Person in ihrem Leben, die
auf dem „leeren Stuhl“ Platz neh-
men soll.
Die therapeusche Idee bei einem
solchen Vorschlag mag sein, dass
die Klienn in dieser unmielbaren
Konfrontaon mit einem Aspekt
ihrer selbst oder einer Person aus
ihrem Leben in dem Moment mehr
erfahren und verändern kann, als
in der Forührung des direkten
Gesprächskontakts mit der Thera-
peun möglich wäre.
Gerade weil dieser Vorschlag aber
mit einer wesentlichen Änderung
der Kontaktsituaon zwischen The-
rapeun und Klienn verbunden
ist, kann er in seiner Bedeutung
und Wirkung nicht losgelöst vom
konkreten gegenwärgen Zustand
der therapeuschen Beziehung
zwischen den beiden verstanden
werden. Nicht die Details des Vor-
schlags und seiner „handwerkli-
chen“ Durchführung, sondern der
Gesamtcharakter der therapeu-
schen Beziehung zum gegebenen
Zeitpunkt wird darüber entschei-
den, welchen Charakter diese Ar-
beit mit dem leeren Stuhl“ dann
annehmen wird.
So kann die Therapeun die In-
iave zu dieser Arbeitsform zum
Beispiel ergreifen, weil ihr der un-
mielbare Kontakt mit der Klienn
aus irgendwelchen Gründen un-
angenehm geworden ist oder weil
sie besmmten Kontaktwünschen
der Klienn und der persönlichen
Auseinandersetzung mit ihr oder
einer persönlichen Stellungnahme
zu einem besmmten Thema aus-
weichen will. Und die Klienn kann
einen solchen Vorschlag aus ihrer-
seits ähnlich gelagerten Gründen
annehmen. Dann würde die Wahl
dieser Arbeitsform wesentlich der
Kontaktvermeidung dienen.
Auch dafür kann es durchaus gute
Gründe geben und es gibt keinen
Anlass, das vorschnell negav zu
bewerten. Seitens der Therapeu-
n kann ein solches Verhalten si-
tuav besmmt sein (sie weiß um
gerade bestehende Probleme in
der therapeuschen Beziehung
durchaus Bescheid und tri eine
überlegte Entscheidung für diese
Arbeitsform, ohne die Wirkungen
der Kontaktvermeidung aus den
Augen zu verlieren) oder es kann in
ihrer methodisch-konzeponellen
Ausrichtung wurzeln (zum Beispiel
in besmmten Vorstellungen über
die Notwendigkeit einer absnen-
ten Haltung der Therapeun und
über den angemessenen Umgang
mit „Übertragung“ und „Gegen-
übertragung“, die sie zu einer über-
legten Verweigerung oder Reduk-
on des unmielbaren persönlichen
Gesprächskontakts veranlassen).
Das vorübergehende Aussetzen
des unmielbaren Gesprächskon-
takts zwischen Therapeun und
Klienn muss auch keineswegs
gleichbedeutend mit einer völligen
Kontaktunterbrechung zwischen
den beiden während der „Arbeit
mit dem leeren Stuhl“ sein. Wie
noch näher zu zeigen sein wird,
bleibt die Therapeun ja auch bei
dieser Arbeitsform Teil des Gesche-
hens und kann auch in dieser Ar-
beitsphase Kontakt in unterschied-
licher (förderlicher oder auch hem-
mender) Weise zwischen ihr und
der Klienn bestehen.
So oder so gibt es allen Grund, sich
in jedem Fall selbst die krische
Frage zu stellen, welche konkrete
Bedeutung und Funkon der Vor-
schlag zu einer „Arbeit mit dem
leeren Stuhl“ in der gegebenen
Situaon der therapeuschen Be-
ziehung zwischen Therapeun und
Klienn hat, und das gegebenen-
falls auch in angemessener Weise
anzusprechen. Und auch im Ver-
lauf einer solchen Arbeit (und ihrer
Nachbesprechung) aufmerksam
die Signale wahrzunehmen, die
die Klienn dazu gibt und die die
Therapeun bei sich selbst wahr-
nimmt.
Überlappende Situationen
der Klientin in der Therapie
In der Regel bendet sich die Kli-
enn zumindest in einigen Phasen
der Therapiestunde nicht nur in
einer Situaon, sondern in zwei
sich überschneidenden oder über-
lappenden Situaonen. Diesen
Begri der überlappenden Situa-
on haben Kurt Lewin und seine
MitarbeiterInnen entwickelt, um
Konstellaonen zu erfassen, in de-
nen das Erleben und Verhalten ei-
ner Person davon besmmt wird,
dass sie sich gleichzeig in zwei
unterschiedlichen Situaonen mit
unterschiedlichen Charakteriska
und Kräegefügen bendet (siehe
Abbildung 1).
Als einfaches Beispiel führt Lewin
an: Ein Kind verzehrt sein Jausen-
brot (Situaon 1) und hört zugleich
dem Gezwitscher eines Vogels zu
(Situaon 2). Das Essen kann da-
bei die Hauptakvität sein und
das Zuhören die Nebenakvität
oder auch umgekehrt. Zwischen
diesen beiden Ausprägungen sind
viele Übergänge möglich. Lewin
macht darauf aufmerksam, dass
das Aureten solcher überlappen-
der Situaonen relav häug ist,
wobei die psychologische Struk-
tur und der Inhalt der beiden sich
überlappenden Situaonen sehr
unterschiedlich sein können (Lewin
1969, 152).
Abb. 1: Die Person P bendet sich gleich-
zeig in zwei verschiedenen Situaonen S1
und S2 (Abb. 27 aus Lewin 1969, 152).
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie
Phänomenal
32
In einer solchen überlappenden
Situaon ndet sich auch eine
Psychotherapie-Klienn spätes-
tens dann, wenn sie sich auf den
Vorschlag zu einer „Arbeit mit dem
leeren Stuhl“ oder einer anderen
Art der „Dialogarbeit“ eingelassen
hat. Diese Dialog-Situaon ist eine
andere als die Situaon, in der sie
sich gleichzeig nach wie vor mit
ihrer Therapeun bendet. In der
Dialog-Situaon (wir wollen sie S2
nennen) mag sie sich z.B. ihrer Mut-
ter gegenüber sehen, mit der sie im
Konikt liegt. Die gleichzeig weit-
erbestehende Situaon mit ihrer
Therapeun (Situaon S1) wird an-
ders beschaen sein.
Die Abbildungen 2-4 zeigen eine
mögliche Abfolge in der relaven
Gewichtung und Strukturierung
dieser beiden überlappenden Situ-
aonen:
In der ersten Etappe (Abb. 2) ben-
det sich die Klienn im Gespräch
mit der Therapeun (Situaon S1),
während sie zugleich mit gemisch-
ten Gefühlen an ihre Muer denkt
(S2) - das Gespräch mit der Thera-
peun ist dabei ihre Haupthand-
lung, die Situaon 1 ist demenspre-
chend im Vordergrund.
Abb. 2: Überlappende Situaonen für die
Klienn: Situaon S1 (vorrangig) = Klienn
P spricht mit ihrer Therapeun Th über
ihre Muer M. Situaon S2 (nachrangig)
= Klienn denkt mit gemischten Gefühlen
an ihre Muer.
Im Zuge des Gesprächs intensivie-
ren sich die gefühlsgeladenen Erin-
nerungen an die Muer - in dieser
Etappe wechselt das Schwerge-
wicht auf S2, auf die Befassung mit
den Erinnerungen an die Muer
(Abb. 3).
Abbildung 3: Situaon S2 wird vorrangig:
Für die Klienn P treten die Erinnerungen
an die Beziehung zu ihrer Muer M in den
Vordergrund.
In der drien skizzierten Etappe
(Abb. 4) hat die Klienn den
Vorschlag ihrer Therapeun aufge-
grien, unter Zuhilfenahme zweier
Stühle ein Gespräch mit ihrer Mut-
ter zu führen. S2 hat den eindeu-
gen Vorrang. Das wird hier noch
dadurch verstärkt, dass auch die
Therapeun sich zum Teil von S2
macht, indem sie ihren Platz ver-
lässt und die Klienn in beiden
Dialog-Identäten “doppelt” (zum
“Doppeln” siehe auch Kästl 2014
und Zabransky 2014 im vorliegen-
den He).
Abb. 4: Dialog auf zwei Stühlen zwischen
der Klienn und ihrer Muer (P‘ mit M‘;
Situaon S2 ist vorrangig). Therapeun Th
„doppelt“ P in S2 auf beiden Seiten (P‘ und
M‘). Situaon S1 zwischen Therapeun und
Klienn ist vorübergehend nachrangig.
Ein Fall der Störung
Wie eine „Arbeit mit dem leeren
Stuhl“ auch gründlich misslingen
kann, wird in einer der möglichen
Varianten in Abbildung 5 gezeigt:
Der Klienn wurde hier der
Vorschlag gemacht, unter Zuhilfe-
nahme zweier Stühle ein Gespräch
mit ihrer Muer zu führen. Das
Seng mit den beiden Stühlen
wurde bereits eingerichtet und das
Gespräch ansatzweise sogar schon
begonnen, wenn auch hauptsäch-
lich über Drängen der Therapeun.
Dennoch wird für die Klienn nicht
diese Gesprächssituaon S2 mit der
Muer vorrangig, sondern zeigt
sich im Verhalten der Klienn mehr
oder weniger deutlich, dass für sie
die Situaon S1 zwischen ihr und
der Therapeun im Vordergrund
und besmmend bleibt.
Dafür kann es verschiedene
Gründe geben: etwa eine atmo-
sphärische Störung aus dem Vor-
feld der Arbeit, ein schwelender
Konikt oder eine andere oene
Angelegenheit mit der Therapeu-
n, vielleicht auch eine für dieses
Seng zu große Scheu oder Befan-
genheit der Klienn gegenüber der
Therapeun oder ihr Bestreben,
der Therapeun zu gefallen.
Das seitens der Therapeun zu
übersehen oder zu ignorieren und
mit der “Anleitung und Begleitung
der Dialogarbeit“ einfach fortzu-
fahren, kann natürlich nur zum
Scheitern der Arbeit führen. Dies
wird umso negavere Auswirkun-
gen auf die therapeusche Bezie-
hung und die weitere Arbeit ha-
ben, je verdeckter dieser Prozess
abläu und je mehr das Missge-
schick möglicherweise auch noch
schöngeredet wird.
1/2014 Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
33
Abb. 5: Eine mögliche Störung: Der Dialog
auf zwei Stühlen zwischen der Klienn und
ihrer Muer (P‘ mit M‘) ist in S2 zwar for-
mell eingerichtet, tatsächlich bleibt aber
wegen atmosphärischer Störungen, Kon-
ikten oder anderen oenen Angelegen-
heiten zwischen Therapeun Th und Klien-
n P oder wegen vorrangiger anderer Prob-
leme von P die Situaon S1 vorrangig. Das
Doppeln der Therapeun Th in S2 geht ins
Leere, der Dialog zwischen P‘ und M‘ in S2
kommt nicht wirksam in Gang, die Haupt-
kommunikaon läu oen (z.B. als Streit)
oder verdeckt (z.B. als „hinhaltender Wid-
erstand“, als „Aussteigen“ oder „Brav sein“
zwischen P und Th in S1.
Überlappende Situaon und
Mehr-Felder-Ansatz
Die Schwerpunktverlagerung auf S2,
also an die Muer denken, sich an
Szenen mit ihr erinnern, schließlich
in diese Szene eintreten oder ein
Gespräch mit der Muer aufneh-
men – diese Verlagerung kann auch
damit verbunden sein, dass sich bei
der Klienn ein zweites anschauli-
ches Ich und damit ein zweites an-
schauliches Gesameld ausgliedert.
Das primäre Gesameld bleibt in
diesem Fall weiterhin in S1 und S2 ge-
gliedert und enthält ein Ich in zwei
sich überlappenden Situaonen.
Durch die Intensivierung des Erle-
bens in S2 kann aber zum Beispiel
aus einem erinnerten achtjähri-
gen Mädchen ein phänomenal
leibhaig anwesendes achtjähri-
ges Mädchen werden, das seiner
Muer gegenübersteht. Das führt
zur Ausgliederung eines zweiten
Ich, da es mit der Prägnanzten-
denz im menschlichen Erleben in
aller Regel nicht vereinbar ist, dass
ein und dieselbe Person sich in
ein und derselben anschaulichen
Welt zugleich als Erwachsene und
als achtjähriges Mädchen bewegt.
Treten nämlich in einem Ganzen
Sachverhalte auf, die in einem
Ganzen nicht vereinbar sind, dann
führt nach gestaltpsychologischen
Forschungsbefunden das damit
verbundene Imprägnanz-Erleben
zur Ausgliederung eines weiteren
Ganzen (Rausch 1982, S. 300f). Aus
dem anschaulichen Ich gliedert
sich daher ein zweites phänome-
nales Ich aus, das des achtjähri-
gen Mädchens, das auch seine ei-
gene vollständige Umwelt mit sich
bringt - ein zweites anschauliches
Gesameld ist entstanden.
Solche Bedingungen und Wirkun-
gen einer Mehr-Felder-Gliederung
der anschaulichen Welt im thera-
peuschen Prozess habe ich an
anderer Stelle näher ausgeführt
(Stemberger 2009). Dazu hier nur
zwei ergänzende Anmerkungen:
1. Die Mehr-Felder-Gliederung ist
nicht ident mit dem Lewin’schen
Konstrukt der überlappenden
Situaonen. Jedes anschauliche
Gesameld für sich kann überlap-
pende Situaonen enthalten. Die
überlappenden Situaonen sind
dadurch gekennzeichnet, dass sich
innerhalb ein und desselben an-
schaulichen Gesameldes ein Ich
gleichzeig in zwei (psychologisch
o recht unterschiedlichen) Situ-
aonen bendet. Im Unterschied
dazu verfügt bei einer Mehr-
Felder-Gliederung jedes Gesamt-
feld über ein eigenes anschauliches
Ich. Für die Ausgliederung eines
zweiten anschaulichen Ichs mit ei-
ner zweiten anschaulichen Umwelt
können überlappende Situaonen
insofern eine Vorstufe bilden, als
diese Überlappung bei entsprech-
end starker Ausprägung nach ein-
iger Zeit der Prägnanztendenz im
Wahrnehmen und Erleben eines
Menschen widersprechen kann.
2. Die Herausbildung eines zweiten
Gesameldes ist im Zuge einer “Ar-
beit mit dem leeren Stuhl” daher
möglich, tri aber nicht zwangsläu-
g ein und muss auch nicht sach-
lich zwingend aus therapeuschen
Gründen angestrebt werden.3
Seine Ausgliederung hängt zum
einen von der “Tiefung” der Arbeit
ab, zum anderen von konkreten Ei-
genheiten ihrer Ausführung. Nicht
zuletzt haben wir es nicht selten
mit Kliennnen zu tun, die be-
reits mit einem mehr oder weniger
permanent ausgegliederten zwei-
ten Gesameld in Therapie kom-
men (vgl. dazu die Beispiele von
essgestörten Menschen bei Fuchs
2010) oder in ständiger Anspan-
nung leben, weil sie von sich wissen,
dass sich bei ihnen immer wieder
und o übergangslos ein zweites
Gesameld herausbildet und so
dominant wird, dass sie weitestge-
hend die Kontrollmöglichkeit über
ihr Erleben und Verhalten verlieren
(vgl. dazu Sternek 2014, im vorlie-
genden He, zum Einsatz von “Bild-
schirm-Techniken”).
Kommunikative Funktion und
Übertragung/Gegenübertra-
gung
So oder so gilt auch für solche “Ar-
beiten mit dem leeren Stuhl” im
vollen Sinne, was zuletzt Giancarlo
Trombini hinsichtlich der Arbeit mit
Träumen und freien Assoziaonen
betont hat (Trombini 2014): Alles,
was sich in der Therapiestunde
ereignet, also auch das Gespräch
zwischen den “Parteien” auf den
beiden Stühlen (oder zwischen den
beiden Händen etc. in anderen For-
men der Dialog-Arbeit) ndet nicht
im luleeren Raum sta, sondern
hat schon aufgrund der überlap-
penden Situaonen stets auch eine
kommunikave Funkon zwischen
Klienn und Therapeun, ist im-
3 Was damit therapeusch angestrebt und
erreicht werden kann, wurde bereits an anderer
Stelle behandelt (vgl. dazu Stemberger 2009).
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie
Phänomenal
34
mer auch Mieilung an die Thera-
peun, sagt etwas über die Bezie-
hung zwischen den beiden aus und
will möglicherweise auch diese
Beziehung gestalten. Angesichts
der zahllosen Möglichkeiten, wo-
rum es hier jeweils gehen kann, ist
es müßig, diese hier auch nur an-
satzweise abzuarbeiten. Es genügt,
sich als Therapeun im Zusam-
menhang mit einer solchen Arbeit
immer wieder auch die Frage zu
stellen: Was will die Klienn mit
der konkreten Art, wie sie diesen
Dialog z.B. mit ihrer Muer führt,
auch mir, ihrer Therapeun, sagen?
Was drückt dieser Dialog in seiner
konkreten Eigenart über den Stand
unserer therapeuschen Beziehung
aus und was könnte sich daraus als
nächstes ergeben?
Solche Fragen werden im psycho-
therapeuschen Arbeitsfeld o
mit den Konzepten der “Übertra-
gung” und “Gegenübertragung“
verbunden. Hier verweise ich auf
die gestalheoresche Analyse
dieser Konzepte, die Rainer Kästl
2007 vorgelegt hat. Die mit diesen
Begrien gemeinten Phänomene
sind durch das spezielle Seng der
„Arbeit mit dem leeren Stuhl“ zwar
zumindest auf den ersten Blick et-
was modiziert, aber keineswegs
aufgehoben.
Inwiefern kommt es zu einer Modi-
kaon? Es mag z.B. so sein, dass
sich im Erleben und Verhalten der
Klienn zu ihrer Therapeun in das
unmielbar Angetroene dieses
Kontakts auch Dinge mischen, die
gar nicht aus diesem Kontakt her-
rühren, sondern aus der Beziehung
der Klienn zu ihrer Muer hierher
übertragen werden. Führt diese
Klienn nun unter Zuhilfenahme
zweier Stühle einen Dialog mit ihrer
Muer, so könnte man meinen, es
bestünde nun keine Möglichkeit
oder Grundlage für eine Übertra-
gung auf die Therapeun, weil nun
ja die Muer selbst zur Verfügung
steht. Aber so verhält es sich nicht.
Die Therapeun ist bei diesem Di-
alog ja anwesend und wird in aller
Regel auch als anwesend erlebt.
Und der Dialog mit der Muer ist
in dieser Form auch für die Ohren
der Therapeun besmmt. Was
man mit den Übertragungsvorgän-
gen meint, ist nicht aufgehoben, es
hat nur eine zusätzliche Schicht er-
halten wie die Puppe in der Puppe.
Unterschiedliche Aufgaben
– unterschiedliche psycholo-
gische Situationen
„Arbeiten mit dem leeren Stuhl“
können und werden je nach aktu-
eller Problemstellung der Klienn,
aber auch nach dem Gesamtcharak-
ter der therapeuschen Beziehung
und des handlungsleitenden thera-
peuschen Verfahrens einen sehr
unterschiedlichen Charakter ha-
ben. Neben diesen grundlegenden
Besmmungsgrößen spielt auch
schon die Einleitung solcher Arbei-
ten durch die Therapeun eine
entsprechende Rolle. Diese Vari-
aonen unterscheiden sich in der
Aufgabenstellung und Zielsetzung
und damit auch sehr wesentlich in
der psychologischen Situaon für
die Klienn.
Als Hauptvarianten führe ich hier
an: das Probieren bzw. Experimen-
eren, 4 das Üben und Entwickeln,
die Koniktbearbeitung und das
Problemlösen.
Hier geht es um jeweils unter-
schiedliche Aufgabenstellungen
sowohl für die Klienn als auch
für die Therapeun. Jede dieser
Aufgabenstellungen kann zur ge-
gebenen Zeit einer Psychothera-
pie der gegebenen Lage und der
darin angelegten Anforderungen
angemessen sein. Geht es gerade
darum, neue Möglichkeiten des
Erlebens und Verhaltens zu ent-
decken, auszuprobieren, auf die
Tauglichkeit für die eigene Leb-
enssituaon zu überprüfen? Geht
es gerade darum, besmmte ver-
loren gegangene oder nie voll ent-
faltete Fergkeiten neu einzuüben
und weiterzuentwickeln? Geht es
4 Gemeint ist nicht ein beliebiges, blindes
Probieren, sondern eines, das auf das Aufgreifen
von Möglichkeiten gerichtet ist, die in der Sache
selbst angelegt sind.
©pathdoc - Fotolia.com
1/2014 Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
35
Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
gerade darum, mit einem Konikt
mit anderen Menschen oder ei-
nem anderen Problem besser zu-
rechtzukommen?
Der in den meisten Fällen wohl
wichgste erlebens- und ver-
haltensbesmmende Unterschied
in der psychologischen Situaon
der Klienn in diesen unterschiedli-
chen Aufgabenstellungen besteht
im Vorhandensein der Möglichkeit
von Erfolg oder Misserfolg.
Die psychologische Situaon des
Probierens oder Experimener-
ens ist in der Regel nicht mit dem
Erwarten und Erleben von Erfolg
oder Misserfolg verbunden. In sei-
ner berühmt gewordenen Unter-
suchung zum Anspruchsniveau, bei
der es auch Situaonen des Probie-
rens gab, stellte der Lewin-Mitar-
beiter Ferdinand Hoppe fest:
„Der posive oder negave Aus-
gang dieses Probierens hae in der
Regel keine Erfolgs- oder Misser-
folgserlebnisse zur Folge, sondern
bedeutete der Versuchsperson nur
die reine Tatsachenfeststellung:
‚es ist möglich oder nicht möglich‘.
Beim Probieren gewinnt die Vp.
eine gewisse Übersicht nicht nur
über die Schwierigkeiten der Auf-
gabe, sondern auch über den Weg
zum Ziel: ob etwa vorsichg ste-
g gearbeitet werden müsse; ob
vielmehr ein Handstreich zum Ziel
führen könnte; oder ob mehrma-
lige Übungswiederholungen nög
seien.” (Hoppe 1930, 14; vgl. dazu
für den psychotherapeuschen
Kontext Sternek 2013)
Ein relav zwangloses, „entspann-
tes“ Sich-Einlassen auf eine “Arbeit
mit dem leeren Stuhl” wird für eine
Klienn, die damit noch gar keine
Erfahrung hat, aber auch in keiner
akuten Drucksituaon steht, am
ehesten dann möglich sein, wenn
die Situaon so eingerichtet werden
kann, dass sie den Charakter des
Probierens oder Experimenerens
zum Sammeln neuer Erfahrungen
hat. Bei einer Klienn hingegen, die
sich gerade in einer starken Kon-
iktspannung bendet und in der
zugleich die Dialogsituaon S2 er-
lebnismäßig schon relav weit aus-
gebildet ist, wird die Empfänglich-
keit für einen solchen Vorschlag
eher aus der aufgebauten Span-
nung als aus einer „Entspannung“
resuleren (vgl. Zöller 1993). Das
besondere Seng kann dann auch
besondere Erwartungen hinsicht-
lich der Problemlösung und einen
besonderen Erfolgsdruck fördern
(auf beiden Seiten, also auch bei
der Therapeun). Hier sind dann
auch eher Erfolgs- oder Misser-
folgserlebnisse nach der Arbeit zu
erwarten (wiederum auch bei der
Therapeun), die nicht übergangen
werden sollten.
keiten spielt vor allem in jenen
Bereichen eine große Rolle, wo im
Dialog zwischen oder mit verschie-
denen Ich-Funkonen (vgl. dazu
Zabransky 2014, im vorliegenden
He) Dezite zutage treten, deren
Behebung keine fortdauernden
konikthaen Hindernisse in der
Person entgegenstehen, sondern
wo es (inzwischen) hauptsäch-
lich an Übung und Verfeinerung
besmmter Funkonen mangelt
(also z.B. einer Verbesserung der
eigenen Krikfähigkeit sich selbst
und anderen gegenüber).
Unerledigtes abschließen und
Abgespaltenes integrieren
Die „Arbeit mit dem leeren Stuhl“
wird häug mit der Erwartung ver-
© Miredi - Fotolia.com
Es gibt natürlich Übergänge
zwischen den genannten Aufgaben-
stellungen: Auch beim Üben kön-
nen neue Entdeckungen gemacht
werden, auch beim Experimene-
ren kann es zu Problemlösungen
kommen. Das Problemlösen wird
o eine Phase des auf Einsicht
gerichteten Probierens und Exper-
imenerens, manchmal auch des
Übens beinhalten.
Das Üben und Weiterentwickeln
im Sinn einer Verbesserung oder
Verfeinerung der eigenen Möglich-
bunden, sie wäre besonders für
zwei Aufgaben gut geeignet, näm-
lich zum einen, Unerledigtes aus
der Vergangenheit abzuschließen,
und zum anderen, abgespaltene
Selbstanteile wieder in die Person
zu integrieren. Diese beiden Aspek-
te sind tatsächlich o eng mitein-
ander verbunden und können sich
als notwendige Teile der Bearbei-
tung aktueller Konikte erweisen.
So kann zum Beispiel der nie bei-
gelegte Streit mit einer wichgen
Bezugsperson damit zu tun haben,
das diese Person einmal an eine
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie
Phänomenal
36
Stelle gerührt hat, die man bei
sich nicht akzeperen kann oder
will; das Einlenken oder das Aus-
söhnen oder auch eine konstruk-
vere Forührung des Konikts mit
dieser Person setzen dann voraus,
dass man mit dem Abgelehnten
bei sich selbst einen verantwortli-
chen Umgang lernt (auf solche
wechselseige Bedingtheiten der
“Außen-Beziehungen” und der
“Innen-Beziehungen” weist die
Gestaltpsychologin Mary Henle in
ihren persönlichkeitstheoreschen
Überlegungen hin - vgl. Henle
1962, deutsch zusammengefasst in
Stemberger 2010b).
Auf das Thema des „Unnished
Business“ und die damit häug
verbundenen Missverständnisse
sind wir an anderer Stelle bereits
ausführlich eingegangen (Lindorfer
& Stemberger 2012). Es geht hier
um konstrukve Veränderungen
seelischer Spannungssysteme, die
in irgendeiner Weise festgefahren
sind und das Leben der Betro-
enen in ihrer Umwelt blockieren
oder belasten.
Zwei Möglichkeiten will ich dazu
nennen, das Abschließen des Un-
erledigten durch eine Ersatzhand-
lung und die Wiederaufnahme
durch das tatsächliche Forühren
des Unerledigten:
Abschließen des Unerledigten: Es
kann sich etwa die Aufgabe stellen,
mit in der Vergangenheit Unerle-
digtem durch geeignete Ersatzhand-
lungen abzuschließen - also z.B.
vom vor Jahren verstorbenen Vater
hier und heute Abschied zu neh-
men, wenn das damals vielleicht
wegen eines unlösbar erscheinen-
den Konikts nicht möglich war.
Hier wird in der therapeuschen
Arbeit also der Ersatzwert der
gewählten Bearbeitungsform im
Vordergrund stehen.
Wiederaufnahme durch das
tatsächliche Forühren des Un-
erledigten: Es kann aber auch
um die Wiederaufnahme und
das tatsächliche Forühren ei-
ner vorschnell aufgegebenen Vor-
nahme gehen, die inzwischen in
konstrukver Weise ins Leben ein-
geordnet werden kann – also z.B.
das Erlernen und Ergreifen eines
geeigneten Berufs, das vielleicht
in der Zeit des Erwachsenwerdens
durch unprodukve Konikte und
unangemessene Anspruchshal-
tungen verhindert worden war.
Dabei geht es nicht um eine Ersatz-
handlung in der therapeuschen
Situaon für unwiederbringlich
Versäumtes, sondern um förder-
liche Randbedingungen für einen
neuen Anlauf zu tatsächlichem
Handeln im Leben der Klienn.
Wenn als Zielsetzung der „Arbeit
mit dem leeren Stuhl“ eine „Integra-
on abgespaltener Anteile genan-
nt wird, ist eine gewisse Vorsicht ge-
boten. Die Redeweise von der „Inte-
graon abgespaltener Anteile“ ver-
weist auf kein schlüssiges persön-
lichkeitstheoresches Konzept, wie
man vielleicht vermuten könnte,
sondern wird in unterschiedlichster
Weise verstanden. Es bietet sich
also an, zum phänomenologischen
Ausgangspunkt zurückzugehen und
auf vorschnelle Konzeptualisierun-
gen zu verzichten.
Wir alle kennen die Erfahrung, dass
wir bisweilen besmmte Sachver-
halte unserer eigenen Person zuord-
nen, die wir in anderen Situaonen
zwingend als der Umwelt bzw. an-
deren Menschen in dieser Umwelt
zugehörig erleben - und umgekeh-
rt. Dabei muss es sich nicht um Ent-
deckungen der Art handeln, dass
wir anderen Menschen besmmte
Eigenschaen zuschreiben, die wir
dann plötz- lich an uns selbst erken-
nen - und umgekehrt. Es gibt auch
die Erfahrung, dass sogar unser
körperliches Ich einmal verschie-
dene Gegenstände als Erweiterung
mit einschließt (die Skier, das Auto,
die Kleidung), dann wieder nicht.
Was wir als zu unserer Person ge-
hörig erleben und was nicht, ist of-
fenkundig nicht für alle Situaonen
so eindeug und gleichbleibend
festgelegt, wie man meinen könn-
te, sondern variiert situav und
funkonal.5
Auf einige dieser Erlebnissachver-
halte – aber eben nur auf einige
– mag das mit der Formulierung
„abgespaltene Selbstanteile“ Ge-
meinte durchaus zutreen: Dass
nämlich mit dem eigenen Selbst-
bild unvereinbare Impulse, Eigen-
5 Ausführlicher dazu: Stemberger 2012/2014.
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1/2014 Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
37
heiten oder Persönlichkeitszüge
von der eigenen Person „abge-
spalten”, nicht als der eigenen Per-
son zugehörig erlebt werden. Das
kann mit typischen Lebensschwie-
rigkeiten einhergehen (vor allem
im Zusammenleben mit anderen
Menschen). Die Aufgabe bestünde
dann darin, diese „abgespaltenen
Anteile“ über den Weg der Integra-
on wieder verfügbar zu machen.
Aber bei weitem nicht alle
Vorgänge, bei denen Menschen
etwas nicht sich selbst zuord-
nen, sondern der Umwelt, haben
diesen besonderen Charakter. Eine
vorschnelle Einordnung in diesen
Bereich verbietet sich damit ebenso
wie die vorschnelle Festlegung der
therapeuschen Aufgabe auf “In-
tegraon“. In gestalheorescher
Betrachtung geht es hier nämlich
allgemein um das „Problem des
Zusammenhangs“, wie es Wolf-
gang Metzger in einem eigenen
Kapitel mit diesem Titel in seinem
Hauptwerk „Psychologie“ formu-
liert (Metzger 20016, 3. Kapitel). Es
geht um die Bedingungen und Ge-
setzmäßigkeiten des Zusammen-
hangs und der Trennung von zwei
Bereichen bzw. der Ausgliederung
neuer Bereiche – die Funkon die-
ser Trennung oder Ausgliederung
ebenso wie des Zusammenhangs
kann sehr unterschiedlich sein6.
Der Vorteil dieses oeneren Ansatz-
es liegt auf der Hand. Er vermeidet
eine vorschnelle Festlegung auf eine
besmmte Funkon des Vorganges,
sondern lenkt die Aufmerksamkeit
auf das Verständnis der konkreten
Funkon unter den gegebenen
Bedingungen. Dementsprechend
stellen sich auch die Diagnose und
die therapeusche Aufgabe je nach
Charakter dieser Funkon unter-
schiedlich. In manchen Fällen wird
es tatsächlich um eine Art von In-
tegraon gehen, in anderen Fällen
aber auch “nur” um eine Neuord-
6 Zur Rolle dieser Frage in der Bearbeitung von
Träumen vgl. Stemberger 2010 a.
nung, in wieder anderen Fällen viel-
leicht aber auch um eine konstruk-
vere Art der „Abspaltung“.
Alternativen zur „Arbeit mit
dem leeren Stuhl“
Wer die Bedingungen und die
Wirkung der verschiedenen Vari-
anten der „Arbeit mit dem leeren
Stuhl“ begrien hat, hat insofern
mehr Freiheit gewonnen, als er die
jeweiligen Alternaven zu dieser
Arbeitsform sieht, die im konkreten
Fall ebenfalls oder vielleicht sogar
besser geeignet sind, die in der Situ-
aon angelegten Ziele zu verfolgen.
Die „Arbeit mit dem leeren Stuhl“
bietet sich von ihrem Seng her
besonders für solche Aufgabenstel-
lungen an, wo die für sie typischen
besonderen Wirkmöglichkeit-
en hilfreich sein können. Die drei
wichgsten davon sind nach meiner
Auassung, gestaltpsychologisch
ausgedrückt:
- Förderung des unmielbar an-
schaulichen Erlebens: Wie Pra-
xiserfahrung und Forschung bele-
gen, sind in Eigenerfahrung, Lern-
prozessen und Problemlösung in
der Regel solche Vorgangsweisen
besonders wirkungsvoll, die auf
das unmielbare anschauliche
Erleben der eigenen Person und
ihrer Umwelt im „Hier und Jetzt“
abstellen. Sie sind in der Regel
besser geeignet, alle Ressourcen
des Menschen für die anstehende
Aufgabe verfügbar zu machen, als
das ein isoliertes Nachdenken oder
auch ein isoliertes „Fühlen” könn-
ten, und sie haben einen höheren
Ersatzwert, wenn es um Ersatz-
lösungen geht (vgl. dazu die klas-
sischen Forschungen von Mahler
1933, Henle 1942, 1944). Die „Ar-
beit mit dem leeren Stuhl“ fördert
im gelungenen Fall das unmielbar
anschauliche Erleben beim Klient-
en und ist damit eine der dafür ver-
fügbaren Möglichkeiten.7
7 vgl. dazu Kästl 2014 im vorliegenden Hezu
- Herstellung phänomenaler Dis-
tanz: Diese Arbeitsweise ist gut
geeignet, eine gewisse phänome-
nale Distanz zwischen sonst o
heillos ineinander verlzten Sach-
verhalten oder Personen in der Er-
lebniswelt herzustellen. Sie bietet
damit eine Möglichkeit einer klare-
ren, weil vorübergehend stark ver-
einfachten und polarisierten Ord-
nung des gegebenen anschaulichen
Feldes. Das kann Klärungsprozesse
vor allem dort fördern und erleich-
tern, wo diese durch zu geringen
Abstand der einzelnen Sachverhalte
zueinander oder durch Vermischun-
gen von Sachverhalten in der Erleb-
niswelt behindert werden.
- Förderung von Umzentrierung
und Wechsel des Bezugssys-
tems: Die „Arbeit mit dem leeren
Stuhl“ bietet im gelungenen Fall
besonders wirkungsvolle Möglich-
keiten der Umzentrierung und des
Wechsel des Bezugssystems durch
das tatsächliche Einnehmen der Po-
sion des Gegenübers oder eines
besmmten Aspekts im Lebens-
raum. Umzentrierung und Wech-
sel des Bezugssystems gehören zu
den wichgsten Operaonen bei
den meisten Problemlösungsproz-
essen, wie die Gestaltpsychologie
entdeckt und ausgearbeitet hat
(vgl. dazu Zöller 1993 sowie Gal-
li 2010, 2013 und Galli & Trombini
2013). Von der Zentrierung auf die
eigene Person einmal versuchsweise
abzugehen und die Welt aus den
Augen des anderen zu sehen (oder
in manchen Fällen auch umgekeh-
rt: einmal die Welt tatsächlich aus
den eigenen Augen zu sehen), ist
für manche Menschen eine große
Entdeckung oder Wiederentdeck-
ung, die ganz neue Erlebens-, Ver-
haltens- und damit auch Problem-
lösungsmöglichkeiten erönet.
verwandten psychodramaschen Arbeitsweisen;
Sternek 2014, ebenfalls im vorliegenden
He, behandelt die so genannten Screen-
Techniken, die ein unmielbar anschauliches
Erleben ermöglichen, ohne die Ich-Perspekve
einzunehmen.
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie
Phänomenal
38
Es gibt stets auch Alternaven zur
Verfolgung dieser Zwecke mit an-
deren Mieln als der „Arbeit mit
dem leeren Stuhl“, wenn diese
spezische Arbeitsweise nicht zur
Situaon und der persönlichen Ei-
genart der Beteiligten und ihrer
Beziehung passt. Wenn man sich
Sinn und Zweck der Sache einmal
bewusst gemacht hat, bieten sich
genügend andere Möglichkeiten
an, wobei die Gesprächsform kei-
nen Vergleich mit “spektakuläre-
ren” Arbeitsweisen zu scheuen
braucht. So kann man etwa eine
erlebnisakvierende Gesprächs-
führung wählen, die kein Aussetzen
des direkten Gesprächskontakts
zwischen Therapeun und Klienn
erforder t. Man kann zur Herstellung
phänomenaler Distanz verschie-
dene Formen der tatsächlichen
oder vorgestellten räumlichen Auf-
stellung wählen, aber auch schlicht
in der gesprächsweisen Bearbei-
tung für entsprechende Distanz
zwischen verschiedenen Aspekten
sorgen. Auch Umzentrierung und
Wechsel des Bezugssystems las-
sen sich durch eine entsprechende
Gesprächsführung induzieren.
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1/2014 Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
... Ein Mensch in Angst braucht andere Qualitäten der mit-menschlichen Begegnung und auch andere Arbeitsweisen, Interventionen und Techniken als ein Mensch in depressiver Vermeidung oder in manischer Getriebenheit. Hier zeigt sich die Nicht-Beliebigkeit der Wahl der Vorgangsweisen, wie sie beispielsweise für die so genannte "Arbeit mit dem leeren Stuhl" und die Arbeit mit Menschen in Angst und Depression gestalttheoretisch ausgeführt wurden (Stemberger 2014(Stemberger , 2012(Stemberger , 2010. Wenn in allgemeiner Form von der Gestaltung der psychotherapeutischen Situation als "Ort schöpferischer Freiheit" die Rede ist (Walter 1985), dann geht es hier im Konkreten um die Setzung der Randbedingungen, wie das im konkreten situativen Fall zu verwirklichen ist -z.B. als "sicherer Ort", als "Ort der Ermutigung" usw. ...
... Zum innerpersonellen Dialog gehört beispielsweise das "Gespräch mit dem Spiegelbild", das sich auch zur Übung ausbauen lässt (dargestellt in Stemberger 2018b, 27). Zu anderen -auch interpersonellen -Formen der Dialog-Arbeit und den zugehörigen Techniken und Interventionen siehe Zabransky 2014, Kästl 2014, Lustig 2014, Stemberger 2014. ...
Article
Full-text available
Summary in English: The first section of the article is devoted to the presentation of the working methods, the second to interventions and techniques in Gestalt Theoretical Psychotherapy. As basic working methods, "practicing phenomenology in psychotherapy" and the change-activating force field analysis are oulined. In both cases it is ultimately important that it is the client herself who applies these methods - encouraged by her therapist, accompanied and challenged by her therapist in a humane attitude and objective competence, but never replaced in her searching movements and decisions. The second section of the article turns to interventions and techniques. It is usually these interventions and techniques that are asked about first and foremost when discussing psychotherapeutic methods. Especially in the first part of this article (in issue 2/2018) this understanding of psychotherapy was decisively contradicted and it was shown that this approach is a misconception and to what extent this is the case. In this third part of the article, we will now look at a variety of different forms of interventions and techniques that can usefully and meaningfulkly be accommodated within the framework of the basic working methods of Gestalt Theoretical Psychotherapy. In accordance with our understanding, this presentation does not simply open a "toolbox", but assumes what function the respective forms of interventions and techniques can have. Once you have understood this, you will not make mistakes so easily even using the "toolbox", and at the same time and above all you will have your head and heart free for what really matters in psychotherapy. Zusammenfassung: Dieser dritte und letzte Teil des Beitrags zur Praxeologie der Gestalttheoretischen Psychotherapie wendet sich im ersten Abschnitt den Arbeitsweisen und Arbeitsmethoden, im zweiten Abschnitt den Interventionen und Techniken in der Gestalttheoretischen Psychotherapie zu. Als grundlegende Arbeitsweise oder Arbeitsmethode werden das „Phänomenologie treiben“ und die veränderungsaktivierende Kraftfeldanalyse genannt. Bei beidem kommt es letztlich darauf an, dass es die Klientin selbst ist, die dies tut – von ihrer Therapeutin dazu zwar angeregt und in menschlich zugewandter Haltung und sachlicher Kompetenz begleitet und gefordert, aber in ihren Suchbewegungen und Entscheidungen nie ersetzt. Der zweite Abschnitt wendet sich den Interventionen und Techniken zu. Zu Unrecht sind es meist diese Interventionen und Techniken, nach denen bei psychotherapeutischen Methoden zuallererst gefragt wird. Vor allem im ersten Teil dieses Artikels (in Heft 2/2018) wurde diesem Verständnis von Psychotherapie entschieden widersprochen und gezeigt, dass es sich dabei um einen Irrglauben handelt und inwiefern das der Fall ist. Im vorliegenden dritten Teil des Artikels wird nun auf eine Vielzahl verschiedener Interventionsformen und Techniken eingegangen, die im Rahmen der grundlegenden Arbeitsweise und Arbeitsmethoden der Gestalttheoretischen Psychotherapie sinnvoll Platz haben können. Unserem Verständnis entsprechend wird in dieser Darstellung nicht einfach ein „Werkzeugkoffer“ geöffnet, sondern davon ausgegangen, welche Funktion die jeweiligen Interventionsformen und Techniken haben können. Wer das einmal verstanden hat, wird sich auch im „Werkzeugkoffer“ nicht so leicht vergreifen und zugleich und vor allem Kopf und Herz frei haben für das, worauf es in der Psychotherapie tatsächlich ankommt.
... Psychotherapeutische Beziehung, psychotherapeutische Situation und Psychotherapieprozess werden jeweils als dynamische Ganzheiten gesehen. Sie sind im gelungenen Fall gekennzeichnet durch die Ganzbestimmtheit ihrer Teile und weisen somit Gestalteigenschaften auf: Was in einem Ganzen geschieht, hängt nicht so sehr davon ab, "wie die einzelnen Teile beschaffen sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt, die Eigenart und innere Dynamik des Ganzen bestimmt, welches Schicksal seine einzelnen Teile haben" (Stemberger 2014, in Anlehnung an Max Wertheimers berühmte Kurzdefinition, 1924. Dementsprechend werden in der GTP auch die verschiedenen Arbeitsweisen, Interventionsformen und Techniken immer in ihrer konkreten Bedeutung und Wirkung als Teil der gerade gegebenen therapeutischen Beziehung und therapeutischen Situation und in ihrer konkreten Stellung im therapeutischen Prozess betrachtet (vgl. ...
... Zum innerpersonalen Dialog gehört beispielsweise das "Gespräch mit dem Spiegelbild", das sich auch zur Übung ausbauen lässt. Zu anderen -auch interpersonellen -Formen der Dialog-Arbeit und den zugehörigen Techniken und Interventionen siehe Zabransky 2014, Kästl 2014, Lustig 2014, Stemberger 2014 Die Unterscheidung in diese vier Kategorien von Interventionsformen und Techniken ist vorwiegend eine konzeptuelle, mit dem Fokus auf Ziel und Wirkung. In der Praxis überschneiden sie sich meist: ...
Chapter
Full-text available
Summary: The paper [in German language] outlines the key concepts of Gestalt Theoretical Psychotherapy, a strictly Gestalt psychology based psychotherapy method. Preprint of the book chapter: Zabransky, Dieter; Eva Wagner-Lukesch; Gerhard Stemberger & Angelika Böhm (2018): Grundlagen der Gestalttheoretischen Psychotherapie. In: M. Hochgerner et al. (Hrsg.), Gestalttherapie. Zweite Auflage. Wien: Facultas, 132-169.
... This requires something like peace talks between warring factions of the self. There is perhaps no better illustration of this challenge than that found in a familiar therapeutic tool of GTP-involving "work with the empty chair" (e.g., Stemberger, 2014). The exercise not only captures the essence of this theoretical suggestion, but the nature of its ongoing emotional work it requires. ...
Article
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The task of this article is to review the principle of relational determination, as described by Solomon Asch (1952) which expands over Karl Duncker’s (1939) critique of ethical relativism. Relational determination has much to offer to the therapeutic community first with regard to interpersonal relations and social relations. My main goal is to extend this relational analysis to intrapsychic life, which may expose new potentialities for internal conflict resolution and personal integration, predicated on the cultivation of relational understanding (i.e., recognition of relational determination in organization of conscious experience). But this approach is best illustrated in its application to value differences and conflict across societies, which are typically viewed from the absolutist or relativist perspective.
... Ähnliches können wir heute in Bereichen erleben, in denen aus verschiedenen Perspektiven verwandte Phänomene erforscht werden -hier führe ich die Forschungen zur "wandernden Aufmerksamkeit" (mind-wandering), zum Imaginieren und zum Tagträumen an. 3 In dem von mir vorgeschlagenen Mehr-Felder-Ansatz 4 stehen demgegenüber andere, unserer Auffassung nach grundlegendere Fragen im Mittelpunkt: 3 Siehe Tart, 1975, Singer, 1974, Pope & Singer, 1978, Smallwood & Schooler, 2006zum Mind-Wandering: Ergas, 2017, Mooneyham & Schooler, 2013Daydreaming: Hopkins, 2013; Imaginieren zur Förderung von Lernprozessen: Ludwig, 1999. 4 Zum Mehr-Felder-Ansatz siehe Stemberger, , 2009bStemberger, , 2014Stemberger, , 2015; zu verschiedenen Anwendungsbereichen des Mehr-Felder-Ansatzes siehe u.a. Fuchs, 2010 (Ess-Störungen) ...
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In 1915 the Danish psychologist Edgar Rubin describes in his famous work on figure-ground perception, the phenomenon that when you look attentively at a picture, a second, virtual ego arises, breaking away from the viewer-ego to wander around in the picture along the contours of the depicted. In 1982, German Gestalt psychologist Edwin Rausch expanded this observation of the emergence of a second phenomenal ego to the conclusion that not only does a second phenomenal ego emerge, but with it a second phenomenal total field, ie a second phenomenal world with its own phenomenal ego and an own phenomenal environment of this ego. Several years ago, I proposed a multi-field-approach in psychotherapy building on this research. This approach involves three levels: First, the level of phenomenological observation and psychological analysis of the conditions that determine the formation of such a second total field (and even further total fields), regardless of whether this occurs spontaneously or intentionally or as a result of external influences. Second, the level of explanation of various psychic processes, which in the field of psychotherapy have been explained so far mainly on the basis of depth psychology, and the conceptualization of the therapeutic situation and therapeutic processes from a Gestalt psychological perspective. Third, finally, the level of practical application of such insights on the development of appropriate procedures and interventions that can promote or defer the emergence of such second or multiple fields in psychotherapy. The present article introduces the multi-field approach, especially at the first level, and refers to research and discussion on mind wandering, imagining, daydreaming and dissociation.
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Summary (article is in German): The encyclopedia entry deals with the concept of the "psychological situation". In Kurt Lewin's field theory, this refers to the just given structural and dynamic condition of the living space, i.e. of the person and his environment, in its meaning for the person concerned. It is to be strictly distinguished from the sociological ("objective") situation of the person insofar as it only encompasses what exists for the person himself as a habitat at the moment and what meaning these conditions have for him in terms of content. Zusammenfassung: Der Lexikon-Eintrag befasst sich mit dem Begriff der "Psychologischen Situation", Dieser bezeichnet in der Feldtheorie Kurt Lewins die gerade gegebene strukturelle und dynamische Beschaffenheit des Lebensraums, also der Person und ihrer Umwelt, in ihrer inhaltlichen Bedeutung für die betroffene Person. Sie ist insofern streng zu unterscheiden von der soziologischen („objektiven“) Situation der Person, als sie nur umfasst, was für die Person selbst gerade als Lebensraum besteht und welche inhaltliche Bedeutung diese Gegebenheiten für sie haben.
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Dem Üben wird in der einschlägigen Fachliteratur zur Psychotherapie mit Ausnahme von klassisch behavioristischen Beiträgen so gut wie keine Beachtung geschenkt. Gerade die humanistisch-psychologischen Therapieverfahren, zu denen ja auch die Gestalttheoretische Psychotherapie zu zählen ist, stehen dem Üben und insbesondere manualisierten Trainings sogar ausgesprochen skeptisch gegenüber. Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass Üben nicht nur immanenter Bestandteil jeder Psychotherapie ist, sondern auch, dass dieser Anteil beträchtlicher ausfällt als mitunter angenommen wird. Die Gestaltpsychologie hat dahingehend schon früh richtungsweisende Beiträge geleistet, die sich als Grundlage für die Auseinandersetzung mit diesem Thema eignen. Ausgehend von einer Begriffsbestim- mung und der Bedeutung des Übens in der Pädagogik sollen im folgenden Beitrag der Platz des Übens in der Psychotherapie sowie förderliche Rahmenbedingungen aus dem Blickwinkel der Gestattheoretischen Psychotherapie diskutiert werden.
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Abstract: For Gestalt psychology and Gestalt Theoretical Psychotherapy the "top-down approach" is characteristic. The article elaborates the four meanings in which one can refer to this: On the one hand one can speak of "top-down" referring to the holistic nature of the process of human perception and experience - that is, that perception and behavior proceed from the top down, from the whole to the details. Secondly one can speak of "top-down" referring to a procedure chosen for the investigation and assessment of a person, a behavior, a psychological process, a state of suffering, or a therapeutic technique, where such an approach usually proves to be superior to the "bottom-up" approach. Thirdly the "top-down" procedure can also be seen as the basic orientation for influencing psychic events also in psychotherapeutic practice: Trying to act on wholes is given preference over acting on isolated facts or behaviors. Fourth, and finally, there is the priority of holism in interpersonal encounter, which is an essential basis of constructive coexistence between people. Zusammenfassung: Für die Gestalttheorie und die Gestalttheoretische Psychotherapie ist das „Vorgehen von oben nach unten“ kennzeichnend. Der Artikel arbeitet die vier Bedeutungen heraus, in denen davon sinnvoll die Rede sein kann. Zum einen geht es um die Tatsache der Ganzheitlichkeit menschlichen Wahrnehmens und Erlebens – dass also das Wahrnehmen und Verhalten von sich aus „von oben nach unten“, vom Ganzen zu den Einzelheiten vorgehen. Zum zweiten wird dieses Vorgehen „von oben nach unten“ auch für das Herangehen an die Untersuchung und Einschätzung einer Person, einer Verhaltensweise, eines psychischen Vorgangs, eines Leidenszustandes oder einer therapeutischen Technik vorgeschlagen, wo sich diese Vorgangsweise in der Regel als überlegen gegenüber dem Vorgehen „von unten nach oben“ erweist. Zum dritten stellt das Vorgehen „von oben nach unten“ auch eine Grundorientierung jeder Einwirkung auf psychisches Geschehen dar, auch in der psychotherapeutischen Arbeit: Der Einwirkung auf Geschehensganzheiten wird der Vorzug gegeben vor der Einwirkung auf vereinzelte Sachverhalte oder Verhaltensweisen. Zum vierten schließlich geht es darüber hinaus um den Vorrang der Ganzheitlichkeit in der zwischenmenschlichen Begegnung, die eine wesentliche Grundlage konstruktiven Zusammenlebens von Menschen darstellt
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[On the relevance of the Lewinian concept of power fields in psychotherapy.. Part 2 of the article. The first part (2016) presented in detail and discussed Kurt Lewin's theory of power fields, concepts and research. ] Zusammenfassung: Im ersten Teil dieses Beitrags wurden die Ursprünge und Grundbegriffe des theoretischen Konzepts der Machtfelder von Kurt Lewin und die wichtigsten Forschungsarbeiten vorgestellt, die zu seiner Entwicklung beigetragen haben. Im vorliegenden zweiten Teil geht es um mögliche Anwendungen dieses Konzepts auf den Bereich der Psychotherapie. Dazu werden zuerst drei Themenbereiche behandelt: Erstens die Erscheinungsweise und das Wirken von Machtfeldern im Leben der Klientin, zweitens die Machtfelder in der psychotherapeutischen Situation und Beziehung und drittens zwei Fragen der Wechselwirkung zwischen Machtfeldern im Alltagsleben und in der Psychotherapie (die Spiegelung der Machtfelder-Erfahrungen in der psychotherapeutischen Situation und der Transfer des in der Therapie Erarbeiteten in den Alltag der Klientin). Eine kurze Einordnung und Diskussion der vorgestellten Übertragung des Machtfelder-Konzepts auf den psychotherapeutischen Arbeitsbereich schließt den Beitrag ab: Es wird angesprochen, dass sich beispielsweise auch die Psychoanalyse und die Perls’sche Gestalt-Therapie mit der Thematik induzierter Werte und Verhaltensweisen auseinandersetzen, aber in einem anderen, monopersonalen Rahmen und mit anderen Schlussfolgerungen. Theoretische und praktische Vorteile des feldtheoretischen Ansatzes werden kurz benannt und zur Diskussion gestellt. Dem Beitrag ist ein Anhang „Arbeiten mit Machtfeldern“ beigefügt sowie ein Auszug aus einer Arbeit Kurt Lewins, in der er eine Geschichte von Tolstoi unter dem Gesichtspunkt seines theoretischen Konzepts der Machtfelder analysiert.
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Der Zeigarnik-Effekt gehört zu den bekanntesten und zugleich am häufigsten missverstandenen oder jedenfalls allzu verkürzt verstandenen Entdeckungen der gestalttheoretischen Persönlichkeits- und Verhaltensforschung. Der Beitrag geht der Frage nach, in welchem Kontext diese Forschungsarbeiten durchgeführt wurden und was das eigentliche Anliegen und Ziel dieser Forschungen war. Daraus ergibt sich eine wesentlich weiter reichende Bedeutung dieser Befunde, nicht zuletzt auch für die Berücksichtigung und Anwendung in der Psychotherapie. Zentral ist dabei Lewins Entdeckung des Wirkens seelischer Spannungssysteme, wie es auch bereits in den Untersuchungen von Zeigarnik und Ovsiankina hervorkam. Der Beitrag diskutiert anschließend auch einige verkürzte Schlussfolgerungen aus diesen Untersuchungen, wie sie sich im psychotherapeutischen Bereich festgesetzt haben, und plädiert für eine neue, dem Zweck dieser Untersuchungen angemessene Nutzung.
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Mit diesem Beitrag wird - anknüpfend an gestaltpsychologische Forschungen - ein Mehr-Felder-Ansatz für die Psychotherapie vorgeschlagen. Der Beitrag geht dabei von einem Phänomen aus, dessen Auftreten und Wirken jeder Mensch in seinem eigenen Wahrnehmen und Erleben erfahren und überprüfen kann: Dass es nämlich unter bestimmten Voraussetzungen dazu kommt, dass in unserem Erleben nicht nur ein Ich und seine Umwelt vorhanden ist, sondern sich ein zweites Ich mit einer zugehörigen zweiten Umwelt herausbildet – und dass es manchmal sogar noch zu weiteren solchen Ausgliederungen kommt. Dabei soll hier nicht von pathologischen Phänomenen im Sinne einer „gespaltenen oder multiplen Persönlichkeit“ oder dergleichen die Rede sein, sondern von alltäglichen Phänomenen im „Normalbereich“ des Wahrnehmens und Erlebens jedes Menschen. Dieses Phänomen der Herausbildung eines zweiten anschaulichen Gesamtfeldes mit einem zweiten anschaulichen Ich und einer zweiten anschaulichen Umwelt spielt auch für die Psychotherapie und in der Psychotherapie eine wesentliche Rolle. Das Phänomen tritt auch in der psychotherapeutischen Situation häufig auf – ob nun beachtet oder unbeachtet, ob nun bewusst herbeigeführt oder spontan – und zwar sowohl auf Seiten des Psychotherapeuten, als auch auf Seiten des Klienten. Wird das Phänomen in seinen Bedingungen und Wirkungen gut verstanden, kann dies zu einem besseren praktischen und theoretischen Erfassen der therapeutischen Situation und des therapeutischen Prozesses beitragen und auch bewusst für eine Verbesserung des Vorgehens in Diagnostik und Therapie eingesetzt werden.
  • Rainer Kästl
Kästl, Rainer (2007): Gestalttheoretische Überlegungen zum psychoanalytischen Konstrukt "Übertragung". Gestalt Theory 29(1), 65 -73.
  • Katharina Sternek
Sternek, Katharina (2013): Erfolg und Misserfolg. Zur Aktualität und psychotherapeutischen Bedeutung der Untersuchungen von Ferdinand Hoppe. Phänomenal -Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie 5(1-2), 53-60.
Überlegungen zu zwei Interventionstechniken und ihren Zielen: Szenische Darstellung und Dialog mit dem leeren Stuhl
  • Rainer Kästl
Kästl, Rainer (2014): Überlegungen zu zwei Interventionstechniken und ihren Zielen: Szenische Darstellung und Dialog mit dem leeren Stuhl. Phänomenal-Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie 6(1), 17-19.