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Gestalttheorie in der Psychotherapie [Gestalt Psychology in Psychotherapy]

Authors:
  • Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie

Abstract

Der vorliegende Beitrag gliedert sich in zwei Abschnitte. Der erste stellt eine Spurensuche zur Geschichte der Anwendung der Gestalttheorie auf das psychotherapeutische Arbeitsfeld ohne Anspruch auf Vollständigkeit dar. Im zweiten werden einige metatheoretische Grundkonzepte der Gestalttheoretischen Psychotherapie vorgestellt, einem auf der Gestalttheorie der Berliner Schule aufbauenden psychotherapeutischen Ansatz, der über die letzten 30 Jahre im deutschsprachigen Raum entwickelt wurde. This article is divided into two parts: The first part follows the tracks of the history of application of Gestalt theory in the field of psychotherapy. The second part presents an outline of some essential meta-theoretical concepts of Gestalt Theoretical Psychotherapy – founded by Hans-Jürgen P. Walter and colleagues and advanced over the last 30 years primarily in the German speaking countries. Gestalt Theoretical Psychotherapy claims to be a psychotherapeutic approach that is consistently rooted in the Gestalt theory of the Berlin School.
J. f. Psych., 13, 4 (2005), 333–371, ISSN 0942-2285
© Vandenhoeck & Ruprecht 2006
Gestalttheorie in der Psychotherapie
Rainer Kästl und Gerhard Stemberger
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag gliedert sich in zwei Abschnitte. Der erste stellt eine
Spurensuche zur Geschichte der Anwendung der Gestalttheorie auf das psychothera-
peutische Arbeitsfeld ohne Anspruch auf Vollständigkeit dar. Im zweiten werden
einige metatheoretische Grundkonzepte der Gestalttheoretischen Psychotherapie
vorgestellt, einem von H.-J. P. Walter begründeten, auf der Gestalttheorie der Berli-
ner Schule aufbauenden psychotherapeutischen Ansatz, der über die letzten 30 Jahre
im deutschsprachigen Raum entwickelt wurde.
Schlagwörter
Psychotherapie, Klinische Psychologie, Gestaltpsychologie, Gestalttheorie,
Gestalttheoretische Psychotherapie, Geschichte der Psychologie.
Summary
Gestalt theory in psychotherapy
This article is divided into two parts: The first part follows the tracks of the
history of application of Gestalt theory in the field of psychotherapy. The second part
presents an outline of some essential meta-theoretical concepts of Gestalt Theoretical
Psychotherapy – founded by Hans-Jürgen P. Walter and advanced over the last 30
years in the German speaking countries. Gestalt Theoretical Psychotherapy claims to
be a psychotherapeutic approach that is consistently rooted in the Gestalt theory of
the Berlin School.
Keywords
Psychotherapy, Clinical Psychology, Gestalt Psychology, Gestalt Theory, Gestalt
Theoretical Psychotherapy, History of Psychology.
334 R. Kästl und G. Stemberger
1So bleiben hier etwa die Einflüsse der Gestalttheorie im Bereich der Psychiatrie und in
der Schizophrenie-Forschung ausgeklammert, die vor allem mit den Namen von Klaus Conrad
(1958) und Paul Matussek (1978) verbunden sind. Zu dieser Entwicklungslinie siehe Stem-
berger (2002) und zusammenfassend Uhlhaas und Silverstein (2003) und die zugehörigen
Diskussionsbeiträge von Plaum (2003), Cutting (2004), Tschacher (2004) und Uhlhaas und
Silverstein (2005).
Der vorliegende Beitrag gliedert sich in zwei Abschnitte. Der erste stellt
eine Spurensuche zur Geschichte der Anwendung der Gestalttheorie
auf das psychotherapeutische Arbeitsfeld dar – ohne Anspruch auf Vollständig-
keit.1 Im zweiten Abschnitt werden verschiedene Grundkonzepte der Gestalt-
theoretischen Psychotherapie vorgestellt. Dieser auf der Gestalttheorie der
Berliner Schule aufbauende psychotherapeutische Ansatz wurde über die
letzten 30 Jahre im deutschsprachigen Raum entwickelt und hat in Österreich
inzwischen auch den Status einer staatlich anerkannten wissenschaftlich-psy-
chotherapeutischen Methode erlangt.
I. Anwendungen der Gestalttheorie im Bereich
der Psychotherapie – Eine Spurensuche
Es ist ein nach wie vor weit verbreitetes Vorurteil, dass der Beginn der
Geschichte der Anwendung gestalttheoretischen Gedankenguts auf das
Feld der Psychotherapie mit der von Frederick Perls und seinen Mitstreitern in
den 50er-Jahren begründeten Gestalt-Therapie anzusetzen wäre, deren Bezie-
hung zur Gestalttheorie noch dazu nicht unumstritten ist (Walter 1984, Stem-
berger 1998, King u. Wertheimer 2005). Dieses Bild hält einer Prüfung zwar
nicht stand, wie die folgende Spurensuche zeigen wird, doch gibt es für seine
Entstehung nachvollziehbare Gründe:
Tatsächlich stand in der Entwicklungsgeschichte der Gestalttheorie die
Beschäftigung mit ihren Anwendungsmöglichkeiten auf klinisch-psychologi-
schem und psychotherapeutischem Gebiet über lange Zeit nicht im Mittel-
punkt. Die Begründer der Gestalttheorie der Berliner Schule (Wertheimer,
Köhler, Koffka) und ihre namhaftesten Schüler wurden hauptsächlich durch
ihre Forschungsarbeiten auf anderen Gebieten bekannt, ursprünglich vor allem
im Bereich der Wahrnehmung, des Erinnerns, des Denkens und Problemlösens.
Während die Forschungen und Publikationen auf diesen Gebieten der
Gestalttheorie rasch große Bekanntheit und Resonanz eintrugen, blieben die
auch schon in dieser Anfangsperiode entstandenen Arbeiten mit klinisch-
psychologischer und psychotherapeutischer Relevanz mit wenigen Ausnahmen
Gestalttheorie in der Psychotherapie 335
weitgehend unbeachtet und gerieten im Gefolge der Vertreibung der Hauptver-
treter der Gestalttheorie und ihrer Schüler ins Exil und aller daraus entstehen-
den Schwierigkeiten auch für längere Zeit in Vergessenheit.
Eine wesentliche Rolle spielten dabei weitere Faktoren: Kaum jemand aus
dem Kreis der Schüler und Mitarbeiter der Begründer arbeitete in dieser Phase
selbst im klinischen Bereich, sieht man von der neurologisch-psychologischen
Grundlagenforschung des Gestaltpsychologen Adhémar Gelb (1887–1936) und
des der Gestalttheorie eng verbundenen Neurologen Kurt Goldstein
(1878–1965) ab. Die Psychotherapie befand sich zu dieser Zeit selbst erst in
den ersten Jahren einer ihrer wichtigsten Aufbau- und Umwälzungsphasen. Die
Psychoanalyse, die dieses Arbeitsfeld in der Folge revolutionieren sollte, war
noch sehr jung (erinnern wir uns: 1896 verwendete Freud den Begriff „Psy-
choanalyse“ zum ersten Mal, 1908 wurde die Wiener Psychoanalytische Ver-
einigung gegründet, also gerade einmal zwei Jahre vor dem „Geburtsjahr“ der
Gestalttheorie, die meist mit Wertheimers Untersuchungen zum Phi-Phänomen
um 1910 angesetzt wird). Für eine Anwendung der Gestalttheorie auf klinisch-
psychologische und psychotherapeutische Fragen kam es in dieser Phase also
vorwiegend darauf an, ob sich im klinischen Feld Tätige – also vor allem
Psychiater und Psychoanalytiker – für diesen neuen theoretischen Ansatz
interessierten und sich eingehend genug mit ihm vertraut machten, um eigen-
ständig an seine Anwendung im klinischen Feld zu gehen. Wie wir heute
wissen, sind in dieser Zeit auch tatsächlich die Keime für spätere Anwendun-
gen zumindest einzelner Konzepte der Gestalttheorie in der Psychotherapie
gelegt worden. Manches davon ist wieder verloren gegangen; manches wirkt
zwar weiter, expliziert jedoch nicht seine gestalttheoretische Provenienz;
einiges lässt sich in seinem unmittelbaren Bezug zur Gestalttheorie bis heute
nachverfolgen.
Die vorliegende Spurensuche folgt in erster Linie den unmittelbaren Schü-
lern und Mitarbeitern der Leitfiguren der Gestalttheorie. Dass sich die Ein-
flüsse der Gestalttheorie im psychotherapeutischen Bereich auch auf anderem
Wege als durch die klinische Praxis und Forschungsarbeit dieser unmittelbaren
Schüler und Mitarbeiter bemerkbar machten, zeigt etwa Waldvogel für den
Bereich der Psychoanalyse (1992) und der Sammelband über den Einfluss der
Lewinschen Theorie von Heigl-Evers und Streeck (1979).
Anstöße in der Aufbauphase
Es ist wenig bekannt, dass sich Max Wertheimer noch vor seinen be-
rühmten Arbeiten zum Phi-Phänomen in den Jahren zwischen 1905
und 1909 in Prag und Wien in Zusammenarbeit mit dem Neuropsychiater
336 R. Kästl und G. Stemberger
Anton Pick, dem Physiologen Sigmund Exner und den Neurologen Otto Pötzl
und Julius Wagner von Jauregg intensiven Studien zur Psychopathologie der
Sprache, insbesondere der Aphasie gewidmet hat. Da daraus keine Publikatio-
nen in der üblichen Form von Beiträgen in Fachzeitschriften hervorgingen,
wurden Wertheimers Arbeiten nur in einschlägig spezialisierten Fachkreisen
bekannt und gewürdigt – so etwa in Publikationen von Otto Pötzl, Kurt Gold-
stein und Alexander R. Luria (eingehender zur Aphasie-Forschung Max Wert-
heimers: Sarris u. Wertheimer 2001).
Einem heutigen Psychotherapeuten mag dieses neuropsychologische Inter-
esse an Sprachstörungen von eher peripherer psychotherapeutischer Relevanz
erscheinen. Es darf allerdings daran erinnert werden, dass Wertheimer mit
diesem Interesse in psychotherapeutisch guter Gesellschaft war – auch Sig-
mund Freuds erste veröffentlichte Arbeit beschäftigte sich mit der „Auffassung
der Aphasien“ (1891).
Besonders bemerkenswert an diesen frühen Arbeiten Wertheimers ist das
bereits darin erkennbare Leitthema der Gestalttheorie, die Beziehung zwischen
den Teilen und dem Ganzen. Störungen des Sprachvermögens wurden von
Wertheimer nicht unhinterfragt als Produkt eines neurologischen Teildefekts
angesehen, der unmittelbar eine bestimmte psychologische Teilwirkung nach
sich zieht. Vielmehr war sein Interesse schon in diesen Studien darauf ge-
richtet, durch vielfältige diagnostische Variationen herauszufinden, von wel-
chen Bedingungen im Ganzen es abhängt, ob das eine oder das andere Phäno-
men beim Patienten auftritt, und welche Bedingungen für den Patienten zu
schaffen sind, um nicht seinen Defekt, sondern seine Fähigkeiten zum Vor-
schein und zur Entfaltung zu bringen.
Auch wenn sich Wertheimer in der Folge selbst auf andere Fragestellungen
und Forschungsfelder konzentrierte, blieb sein Interesse an psychischer Patho-
genese und Salutogenese, wie man heute sagen würde, zeitlebens lebendig und
wirksam. Dies kam allerdings nicht in eigenen einschlägigen Publikationen
zum Ausdruck – so kam etwa Wertheimers Werk zur Gestalttheorie der Hyp-
nose, an dem er in seinen letzten Lebensjahren gearbeitet hatte, nicht mehr zur
Veröffentlichung (King u. Wertheimer 2005, 325). Vielmehr inspirierte Wert-
heimer andere Personen in seinem Umfeld, brachte Ideen ein, leitete sie in der
Anwendung der jungen Gestalttheorie auf klinische Fragestellungen an. Dies
gilt schon für seine Zeit in Berlin und Frankfurt und setzte sich nach seinem
Gang ins Exil verstärkt in New York an der New School for Social Research
fort, wo immer wieder auch namhafte Psychotherapeuten zu Gast waren (z. B.
Abraham Maslow und Karen Horney).
Das Interesse der Begründer der Gestalttheorie an einer Anwendung ihres
neuen Entwurfs einer Wissenschaft vom Menschen auch im klinischen Bereich
kam in vielfältiger Weise zum Ausdruck: So wurde neben Koffka, Köhler und
Wertheimer nicht nur Kurt Goldstein, sondern auch der Psychiater Hans Wal-
ther Gruhle (1880–1958) Mitherausgeber der 1922 gegründeten Zeitschrift
Gestalttheorie in der Psychotherapie 337
„Psychologische Forschung“, die zum zentralen Publikationsorgan der Gestalt-
theorie bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten werden sollte.
In dieser Zeitschrift wurden Arbeiten publiziert, die den Boden für die drei
hauptsächlichen (miteinander in unterschiedlichem Maß verbundenen, aber
auch ihre Eigenheiten aufweisenden) Entwicklungslinien der späteren kli-
nischen Anwendungen der Gestalttheorie bereiteten, denen in dieser Spurensu-
che nachgegangen wird:
1) die am unmittelbarsten von Wertheimer selbst geprägte Linie: für sie ist
hier vor allem die 1924 veröffentlichte (und laut Erwin Levy zu wesentlichen
Teilen von Wertheimer diktierte) Arbeit des Psychiaters Heinrich Schulte
„Versuch einer Theorie der paranoischen Eigenbeziehung und Wahnbildung“
zu nennen. Die hier ebenfalls zuzuordnenden Arbeiten von Wertheimers
Mitarbeiter Erwin Levy zum Verständnis der Manie und der schizophrenen
Denkstörung konnten bereits nicht mehr in der „Psychologischen Forschung“
erscheinen (Levy 1936, 1943).
2) die Forschungsreihe von Adhémar Gelb und Kurt Goldstein „Psycholo-
gische Analysen hirnpathologischer Fälle“, die in weiterer Folge eine großen
Fülle von dadurch beeinflußten Arbeiten nach sich ziehen sollte – genannt sei
der auch in verschiedenen Schulen der Psychotherapie wirksam gewordene
organismische Ansatz von Kurt Goldstein, weiters auch die in weiterer Folge
von Goldstein und Martin Scheerer vorgelegten Thesen zum konkreten und
abstrakten Verhalten und die darauf aufbauenden Arbeiten;
3) die Forschungsreihe Kurt Lewins und seiner Schüler zur Willens- und
Affektpsychologie; von diesen und dem anschließenden Ausbau der Feld-
theorie Lewins und ihrer sozialpsychologischen Anwendung gingen die wohl
spürbarsten Anstöße für die Aufnahme gestalttheoretischen Gedankenguts im
psychotherapeutischen Anwendungsfeld aus.
Mitarbeiter und Schüler von Köhler, Koffka
und Wertheimer in der klinisch-psychologischen
und psychotherapeutischen Praxis
Nur einige wenige unmittelbare Mitarbeiter und Schüler der Begründer
der Gestalttheorie schlugen selbst den Weg in das klinisch-psycholo-
gische und psychotherapeutische Arbeitsfeld ein.
Von Wolfgang Köhlers Schülerinnen sind hier zu nennen: Mathilde Eber-
hardt, die sich nach dem Krieg in Hamburg als Philosophin und Psychothera-
peutin einen Namen machte (Metzger 1976), sowie Susanne Liebmann (1897–
1990). Liebmann musste 1939 nach England fliehen, wo sie an einem Kinder-
338 R. Kästl und G. Stemberger
2Es ist hier erwähnenswert, dass etwa zeitgleich, aber völlig unabhängig von Harrowers
Arbeiten der im weiteren Sinn gestalttheoretisch orientierte Ferdinand Weinhandl
(1896–1973), Schüler von Alexius Meinong, Christian von Ehrenfels und Vittorio Benussi, an
der Universität Graz eine ähnliche Idee verfolgte. Auch der von ihm und seinen Mitarbeitern
entwickelte „Gestalt-Lege-Test“ war für selbstexplorative psychotherapeutische Zwecke
gedacht. Das Verfahren wurde jedoch nach dem Ende der Lehrtätigkeit Weinhandls trotz
Spital in Pewsey, Wiltshire, als Psychotherapeutin im Adlerschen Sinne tätig
war (Metzger 1976; West et al. 1996). Von Mathilde Eberhardt sind keine
Veröffentlichungen bekannt. Susanne Liebmann publizierte auf dem Gebiet der
psychotherapeutischen und heilpädagogischen Arbeit mit sprachgestörten
Kindern (Liebmann 1951, 1957). Sie führte damit auch die Ansätze ihres
Vaters Albert Liebmann (1865–1934) auf diesem Gebiet fort, deren Fruchtbar-
keit Wolfgang Metzger dazu veranlasste, mit Hilfe Susanne Liebmanns 1970
die Wieder-Herausgabe der nach wie vor sehr lesenswerten Schrift ihres Vaters
(1. Aufl. 1898, 2. Aufl. 1920) über die Arbeit mit geistig zurückgebliebenen
Kindern zu besorgen (Liebmann 1970).
Mary Henle, eine der engsten Mitarbeiterinnen von Köhler in Amerika, war
zwar selbst nicht psychotherapeutisch tätig, legte jedoch eine Reihe unmittelbar
psychotherapierelevanter Arbeiten vor (u. a. 1942 einen experimentellen Nach-
weis der Geltung der Gestaltgesetze bei der Interaktion psychischer Span-
nungssysteme im Zusammenhang mit der Ersatzbildung; 1962 eine Analyse
der Phänomenologie der Person mit engen Bezügen zur psychotherapeutischen
Arbeit mit verschiedenen Persönlichkeitsanteilen; 1978 schließlich ihre be-
kannte kritische Auseinandersetzung mit Aspekten des Spätwerks von Frede-
rick Perls, die sie schon 1975 vor der American Psychological Association
vorgetragen hatte).
Von Kurt Koffkas Schülern und Mitarbeitern ist vor allem Molly Harrower
(1906–1999) zu nennen, die 1934 ihren Studienabschluß bei Koffka am Smith
College gemacht hatte und über viele Jahre mit ihm zusammenarbeitete und im
regen Austausch war (Harrower 1983). Im Rahmen eines Forschungsstipendi-
ums arbeitete sie dann Ende der 30er-Jahre am Montefiore Hospital in New
York auch mit Kurt Goldstein zusammen. Ab 1945 war Harrower in eigener
niedergelassener klinisch-psychologischer und psychotherapeutischer Praxis in
New York tätig. Aufbauend auf ihrer umfangreichen klinisch-psychologischen
diagnostischen Tätigkeit (sie arbeitete zwischen 1945 und 1966 mit über 1.600
Patienten) entwarf Harrower in den 50er-Jahren eine eigene psychotherapeuti-
sche Methode des „Projective Counseling“, die sie mit einer Reihe von Mit-
arbeitern weiterentwickelte und erprobte (Harrower 1956a, Harrower et al.
1960, Harrower u. Bowers 1987; Harrower 1956b in Wolff 1956). Nach dieser
Methode werden Patientinnen unter Zuhilfenahme projektiver Tests (v. a.
Rorschach), an deren Deutung sie aktiv beteiligt sind, zur begleiteten Eigen-
analyse angeregt.2 Der gestaltpsychologische Hintergrund des Verfahrens ist
Gestalttheorie in der Psychotherapie 339
einiger Bemühungen, vor allem der Weinhandl-Schülerin Eldrid Abel-Müller, praktisch nicht
mehr weiterverfolgt (Abel-Müller 1999).
unverkennbar. Später entwickelte Harrower eine weitere psychotherapeutische
Methode, die auf ihr langjähriges lyrisches Schaffen zurückgeht: die „Poetry
therapy“ (Harrower 1972), bei der Gedichte psychotherapeutisch eingesetzt
werden, um Patientinnen über die Begegnung mit der Verarbeitung belastender
Lebensereignisse und Erfahrungen in Werken der Dichtkunst zur Ausein-
andersetzung mit ihren eigenen Verarbeitungsweisen anzuleiten. Ihren Wech-
sel von der experimentellen Psychologie zur klinischen Praxis beschreibt
Harrower später im Titel eines autobiographischen Beitrags als „Pferdewech-
seln in der Mitte des Flusses“ (1978). Ihr Rückblick auf ihre klinisch-psycholo-
gische und psychotherapeutische Tätigkeit 1991 trägt den bezeichnenden Titel
„Inkblots and poems“.
Von Max Wertheimers Schülern und Mitarbeitern, die sich der Psycho-
therapie zugewandt haben, sind vor allem Wolfgang Hochheimer, Erika
Oppenheimer-Fromm, Werner Wolff, Erwin Levy, Heinrich Schulte und aus
der Zeit in den USA Abraham S. Luchins zu nennen.
Wolfgang Hochheimer (1906–1991), studierte 1926 in Berlin bei Max
Wertheimer, wechselte dann 1928 nach Frankfurt, wo er 1931 bei Adhémar
Gelb und Kurt Goldstein promovierte; anschließend wurde er für kurze Zeit
Assistent von Max Wertheimer. Parallel zu seinem Studium absolvierte er eine
psychoanalytische Ausbildung in Berlin und Frankfurt. Im Nachkriegsdeutsch-
land spielte er als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psycho-
therapie und Tiefenpsychologie (DGPT) eine bedeutende Rolle für die Psycho-
analyse in Deutschland. Seine Verbundenheit mit der Gestalttheorie zeigte sich
wohl am deutlichsten in seiner 1954 erschienenen Abhandlung „Zur Analyse
des therapeutischen Feldes“, einer gestalt- und feldtheoretischen Untersuchung
der psychoanalytischen Methode. 1955–1968 war er mit Alexander Mitscher-
lich Mitherausgeber der führenden psychoanalytischen Zeitschrift „Psyche“
(ausführlicher zu Hochheimer: Waldvogel 1992).
Auch Erika Fromm (1910–2003) wandte sich früh und parallel zu ihrem
Studium bei Wertheimer an der Frankfurter Universität, wo sie 1933 mit ihrer
Dissertation „Optische Versuche über Ruhe und Bewegung“ promovierte (nach
der Emigration Wertheimers von Wolfgang Metzger abschließend betreut), der
Psychoanalyse zu. Nach vierjähriger Tätigkeit als Forschungsassistentin und
dann als Direktorin an einem Institut für klinische Psychologie in Amsterdam
musste sie 1938 angesichts der auch dort zunehmenden Judenverfolgung in die
USA emigrieren. 1939 bis 1940 war Erika Fromm zuerst Forschungsassistentin
für Psychiatrie an der Universität von Chicago, dann Leitende Psychologin am
Rehabilitations-Zentrum für Kriegsveteranen in Chicago. Nach weiteren
Positionen in Lehre und Forschung wurde sie als Professorin für klinische
340 R. Kästl und G. Stemberger
Psychologie an die Universität von Chicago berufen, wo sie bis zu ihrer Emeri-
tierung tätig war.
Der bekannt skeptischen Haltung Wertheimers gegenüber der Psychoanaly-
se ungeachtet vertiefte Erika Fromm ihre Auseinandersetzung mit der Psycho-
analyse in ihrer klinisch-psychologischen Arbeit und entwickelte ihre eigenen,
deutlich von der Gestaltpsychologie geprägten Positionen auf diesem Gebiet.
So grenzte sie sich kritisch vom pessimistischen Menschenbild der traditionel-
len Psychoanalyse ab und kam im Zuge ihrer langjährigen intensiven Be-
schäftigung mit der Analyse von Träumen auch zu der von Freud abweichen-
den Auffassung, dass Träume nicht als Ausdruck ungelöster Konflikte aus der
Kindheit in den Blick genommen werden sollten, sondern als Versuche, gegen-
wärtige Konfliktsituationen zu verarbeiten (vgl. dazu ihr in den USA einfluss-
reiches, gemeinsam mit Thomas French verfasstes Buch „Dream Interpretation
– A New Approach“, 1964).
In weiterer Folge bemühte sich Fromm zunehmend um eine Verbindung
von Psychoanalyse und Hypnose und erarbeitete sich in den USA den wohl-
verdienten Ruf einer der führenden Wissenschaftlerinnen auf diesem Gebiet.
Sie war zu der Auffassung gelangt, die klassische Psychoanalyse sei zur Psy-
chotherapie der Reichen geworden und Hypnose könnte Menschen rascher und
besser bei der Lösung ihrer Probleme helfen (Fromm 1977, 1987). Dabei
vertrat sie einen Ansatz der Hypnose, der sich von der damals auf diesem
Gebiet noch vorherrschenden autoritär-direktiven Haltung und Verfahrens-
weise abgrenzte und die Patienten ermutigte, sich als Partner in der Therapie zu
verstehen und daran aktiv mitzuwirken. 1976 schrieb Wolfgang Metzger über
Erika Fromm: „Über ihre Einstellung zu ihrer wissenschaftlichen Vorgeschich-
te in Deutschland geben ihre zahlreichen Arbeiten keine ausdrückliche Aus-
kunft, doch ist darin der Geist ganzheitlicher Betrachtung bis zuletzt unver-
kennbar.“ Die Rezeption von Erika Fromms Forschungsarbeiten und Publika-
tionen auf dem Gebiet der Tiefenpsychologie und Hypnose und ihre Nutzung
für die Weiterentwicklung der klinischen Anwendung der Gestalttheorie stehen
vor allem im deutschsprachigen Raum noch aus (zu Erika Fromm siehe auch:
Waldvogel 1992, 52; Stemberger 2003).
Werner Wolff (1904–1982) studierte bei Wertheimer schon in Berlin. Zu
seinen Lehrern zählte auch William Stern (1871–1938). Sein frühes klinisches
Interesse im Zusammenhang mit der Gestalttheorie zeigt sich unter anderem in
einem 1929 in der „Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie“
veröffentlichten Beitrag zu den „Gestaltlichen Faktoren in der Psychiatrie“.
Schon hier geht es um Wolffs zeitlebens weiterverfolgtes Anliegen, Tiefenpsy-
chologie und Gestalttheorie auf experimenteller Grundlage zu verbinden. Auf
Anregung Wertheimers begann Wolff 1925 am Psychologischen Institut in
Berlin seine dann in Spanien und in den USA fortgeführte 15-jährige experi-
mentelle Forschungsarbeit zum Ausdruck der Persönlichkeit im äußeren Er-
scheinungsbild, in der Bewegung und anderen Ausdrucksweisen. Durch seine
Gestalttheorie in der Psychotherapie 341
3Dieses Werk enthält auch eine positivere Bewertung der Arbeit von (Wertheimer-)
Schulte aus dem Jahr 1924, der Wolff ursprünglich (Wolff 1929) eher kritisch-ablehnend
gegenüberstand.
erzwungene Emigration in die USA bedingt konnte er erst dort 1943 diese von
Max Wertheimer auch in den USA weiter supervidierte wichtige persönlich-
keitspsychologische Studie unter dem Titel „The Expression of Personality.
Experimental Depth Psychology“ fertig stellen. Diese Arbeit Wolffs, die in
Europa kaum wahrgenommen wurde, hat bis heute ihre Aktualität nicht einge-
büßt, aus ihr lassen sich auch vielfältige psychotherapeutische Anregungen
gewinnen.
Schon während seiner Zeit in Berlin war Wolff in Kooperation mit dem
Psychoanalytischen Institut Berlin praktisch-psychotherapeutisch tätig (Wolf
1956, xi). Im amerikanischen Exil war er vor allem publizistisch, forschend
und lehrend im klinisch-psychologischen und psychiatrischen Feld tätig und
erwarb er sich den Ruf eines bedeutenden und einflussreichen Tiefenpsy-
chologen. 1950 veröffentlichte er ein sehr beachtenswertes Übersichtswerk zur
Psychopathologie, „The Threshold of the Abnormal – A Basic Survey of
Psychopathology“3, in dem er sein Anliegen einer experimentell fundierten
Tiefenpsychologie mit deutlichen Bezügen zur Gestalttheorie systematisiert.
Seine gestaltpsychologische Ausdrucksforschung schlug sich unter anderem
auch in vielbeachteten, experimentell gestützten Arbeiten zur Graphologie
nieder (u. a. Wolff 1948). Wolff war nicht unwesentlich an der Entstehung und
Entwicklung der Humanistischen Psychologie in den USA beteiligt. So ging
unter anderem die erste Veröffentlichung von Maslows Arbeiten zum Thema
Selbst-Aktualisierung auf die Initiative Wolffs zurück (Maslow 1950; vgl.
Frick 2000).
Erwin Levy (1907–1991) studierte Medizin an der Universität Berlin, wo er
1931 graduierte. Nach Abschluß seines Medizinstudiums war Levy 1931 bis
1933 (zugleich mit Wolfgang Metzger) Assistent von Max Wertheimer am
Psychologischen Institut der Universität Frankfurt. 1933 floh er angesichts der
Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland nach Paris, von dort
1934 nach New York. Dort erwarb er am Hastings Hillside Hospital seine
ärztliche Zulassung und absolvierte er auch seine psychiatrische Facharztaus-
bildung. Bis 1942 war er an dieser Krankenanstalt als Senior Psychiatrist und
später als Assistant Medical Director tätig.
Bis 1937 nahm Levy regelmäßig an Max Wertheimers Seminaren an der
New School for Social Research teil, wo Fälle aus seiner psychiatrischen und
psychotherapeutischen Praxis zum Gegenstand der Diskussion wurden. Auch
über diese Zeit an der New School for Social Research hinaus blieb Levy mit
Max Wertheimer bis zu dessen Tod in kontinuierlichem Kontakt. Neben weite-
ren institutionellen Positionen als Clinical Director am Pinewood Sanitorium,
342 R. Kästl und G. Stemberger
4In diesem Sammelband finden sich auch zeitgenössische Kommentare zur Arbeit von
Schulte, unter anderem auch von Abraham S. Luchins, Erwin Levy und Paul Tholey.
Katonah, als Professor für Klinische Psychiatrie an der Mount Sinai Medical
School, und als Consultant am Beth Israel Hospital, betrieb Levy in New York
nach einer sechsjährigen Lehranalyse eine psychoanalytische Privatpraxis.
Dass sein Psychoanalyse-Verständnis ein kritisch gestalttheoretisches war, geht
nicht zuletzt aus seiner Abhandlung zur Kritik der Freudschen Auffassung vom
Über-Ich (1956) und aus seinem Kommentar zu Heinrich Schultes (von Wert-
heimer geprägter) Arbeit über die Paranoia hervor, die er erstmals vollständig
ins Englische übersetze und mit einer ausführlichen Einleitung und Nach-
betrachtung versah (Levy 1986). Zwei weitere, für die klinische Theorie und
Anwendung der Gestalttheorie bedeutende Arbeiten waren unter Anleitung
Max Wertheimers schon früher entstanden: 1936 eine Abhandlung zum Ver-
ständnis manischen Erlebens und Verhaltens, 1943 eine Analyse der schi-
zophrenen formalen Denkstörung. Diese beiden für die klinische Gestalttheorie
wesentlichen Arbeiten fanden in den USA allerdings wenig Beachtung, in
Europa wurden sie bis vor kurzem überhaupt nicht registriert. Es ist zu hoffen,
dass sich dies durch die inzwischen erfolgten Übersetzungen ins Deutsche
(Levy 1997, 2000) und ihre Einordnung in eine gestalttheoretische Krankheits-
lehre der Psychotherapie (Stemberger 2002) zumindest für den deutschsprachi-
gen Raum ändern wird (Gesamt-Bibliographie und weitere biographische
Anmerkungen zu Levy siehe Stemberger 2002).
In dem Zusammenhang ist es angebracht, auch kurz auf Heinrich Schulte
(1898–1983) einzugehen. In die Geschichte der Psychologie, insbesondere der
Gestalttheorie bzw. Gestaltpsychologie, und der Psychopathologie ging Schul-
te, damals Psychiater an der Berliner Charité, vor allem durch seine 1924
publizierte Arbeit „Versuch einer Theorie der paranoischen Eigenbeziehung
und Wahnbildung“ ein. Dieser grundlegende gestalttheoretische und sozial-
psychologische Aufriss einer Theorie zum Verständnis des Entstehens und der
Dynamik schwerer psychischer Störungen ist auf Anregung und in enger
Kooperation mit Max Wertheimer entstanden, laut Erwin Levy sogar von
Wertheimer praktisch diktiert worden. Sie gehörte zu den ersten gestaltpsy-
chologischen Arbeiten überhaupt, die in die englische Sprache übersetzt wur-
den (in gekürzter Form in Ellis 1938), wenn auch erstaunlicherweise mit relativ
wenig Resonanz. Im deutschsprachigen Raum wurde diese lange Zeit unbeach-
tet gebliebene grundlegende gestalttheoretische Arbeit erst Mitte der 90er-
Jahre wiederentdeckt und im Rahmen der Gestalttheoretischen Psychotherapie
für die klinische Theorie und Praxis fruchtbar gemacht (Ruh 1995, 1996). Die
damit eingeleitete Diskussion unter internationaler Beteiligung findet im 2002
erschienenen Sammelband mit gestalttheoretischen Beiträgen zur psychothera-
peutischen Krankheitslehre ihren Niederschlag (Stemberger 20024, vgl. dazu
Gestalttheorie in der Psychotherapie 343
5Eine von Gerda Engelbracht verfasste Kurzbiographie von Heinrich Schulte mit Ge-
samtbibliographie findet sich in Stemberger (2002).
auch Fitzek 2000). Heinrich Schultes weiterer Weg und seine späteren Arbei-
ten lassen erkennen, dass Schulte nach seiner hier angesprochenen Publikation
mit Wertheimer den gestalttheoretischen Ansatz nicht mehr explizit weiter-
verfolgte. Er setzte sich jedoch in der Nachkriegszeit, in der er eine führende
Position an der Nervenklinik von Bremen inne hatte, engagiert für den Einsatz
von Psychotherapie in psychiatrischen Kliniken ein, damals noch weniger eine
Selbstverständlichkeit als heute.5
Eine bis heute noch völlig unzureichend wahrgenommene Sonderstellung
unter Wertheimers Schülern und Mitarbeitern, die sich dem klinischen Arbeits-
feld zuwandten, nimmt Abraham S. Luchins (1914–2005) ein. Von 1936 bis
1942 war er Max Wertheimers Forschungsassistent an der New School for
Social Research in New York. Von A. S. Luchins und seiner Frau, Edith H.
Luchins (einer Mathematikerin und Gestaltpsychologin ersten Ranges), stammt
auch die bekannte Serie von Transkripten und Berichten über die Wertheimer-
Seminare in New York. Von 1940 bis 1949 leitete Luchins die Psychologische
Abteilung der Yeshiva University in New York. In diesen Zeitraum fällt auch
eine dreijährige Tätigkeit in der psychologischen Betreuung von US-Armee-
angehörigen in den USA und in Nordafrika und der Beginn der Entwicklung
von Programmen für Gruppenpsychotherapie und von psychologischen Trai-
ningsprogrammen für das Spitalspersonal als Chief Clinical Psychologist an
mehreren Militärspitälern. 1947–49 war Luchins Ausbildungsdirektor an der
Mental Hygiene Clinic der NYRO Veterans Administration und entwickelte
dort Gruppentherapie-Programme für Kriegsveteranen. Daran schlossen sich
weitere klinische Positionen an verschiedenen anderen Spitälern und Uni-
versitäten in Kanada und den USA an, in denen Luchins seine psychotherapeu-
tische Praxis und Forschungstätigkeit fortsetzte. Ab Mitte der 60er-Jahre war
Luchins dann hauptsächlich in der Lehre und Forschung tätig – an der State
University of New York und am Rensselaer Polytechnic Institute. Seit 1984
emeritiert, setzte er seine Forschungs- und Publikationstätigkeit bis zu seinem
Tod ungebrochen fort (einer seiner Schwerpunkte war dabei zuletzt die Auf-
arbeitung und Analyse der Geschichte der psychiatrischen Einrichtungen und
des gesellschaftlichen Umgangs mit psychischen Erkrankungen in den USA).
Abraham S. Luchins ist vor allem durch seine berühmten, von Max Wert-
heimer angeregten Experimente zur Untersuchung des sogenannten
Einstellungs-Effekts anhand der von ihm entwickelten Umfüllaufgaben be-
kannt geworden (Luchins 1942), die eine Fülle von weiteren Untersuchungen
nach sich gezogen haben und bis heute Standardreferenz in der psychologi-
schen Literatur zum Problemlösen und zum produktiven Denken sind (Luchins
u. Luchins 1994a, 1994b). Seine zahlreichen psychotherapeutischen Beiträge
sind demgegenüber zu Unrecht in den Hintergrund getreten und vor allem in
344 R. Kästl und G. Stemberger
6Den Hintergrund für dieses Herangehen hat Luchins in „Practice and Levels of Theory“
1967 mit der Hervorhebung folgender drei Ebenen des Verhältnisses von Praxis und Theorie
in der Evaluation von Psychotherapie beschrieben:
„1. Die aktuelle Praxis (die Pragmatik) der Psychotherapie: Hier will man schlicht wissen, was
getan wird und welche Ergebnisse es hat. Negative wie positive Ergebnisse sind dabei glei-
chermaßen wichtig. Auf dieser Ebene geht es um die Beschreibung, nicht um (theoriegeleitete)
Erklärung dessen, was geschieht. Dies erfordert allerdings ein hohes Niveau deskriptiver
Qualität.
2. Die Suche nach Möglichkeiten der Verallgemeinerung bzw. die Prüfung des Geltungs-
bereichs einer Methode oder eines Konzepts: Hier geht es darum, den Anwendungsbereich
einer Methode oder eines Konzepts abzustecken, die sich auf der ersten Ebene bewährt haben,
oder den Geltungsbereich eines Prinzips, das von den Geschehnissen auf der ersten Ebene
abgeleitet wurde. Auch hier geht es um pragmatische Ergebnisse, da Methoden gesucht
werden, die für die Lösung bestimmter Probleme geeignet sind, für andere Probleme hingegen
vielleicht nicht. Hier ist auch der Geltungsbereich einer Methode, eines Prinzips, eines Kon-
zepts zu prüfen, da es keine Prinzipien der Psychotherapie außerhalb von Zeit und Raum und
ohne Menschen gibt wie etwa die Prinzipien der formalen Logik, denen derartiges bisweilen
fälschlich zugeschrieben wird.
3. Die logischen Strukturen der Prozesse: Hier werden spezifische Modelle oder Theorien
überprüft oder wird zwischen verschiedenen Modellen oder Theorien abgewogen. Forschung
der europäischen klinischen Psychologie und Psychotherapielandschaft bis
heute praktisch überhaupt nicht rezipiert worden. Dies ist umso erstaunlicher,
als Luchins als einer der ersten und bedeutendsten amerikanischen Gestaltpsy-
chologen gelten kann, der sich systematisch (schon ab Mitte der 40er-Jahre;
vgl. Luchins 1946, 1947 und die weiteren Hinweise im Literaturverzeichnis)
der Entwicklung der Psychotherapie, vor allem der Gruppenpsychotherapie,
auf gestalttheoretischer Grundlage widmete.
1964 erschien sein Übersichtswerk „Group Psychotherapy – A Guide“
(1984 wurde es in einer spanischen Übersetzung aufgelegt, wohl ein deutliches
Zeichen für seine noch zwanzig Jahre später ungebrochene Aktualität). In
diesem Werk demonstriert Luchins die für ihn typische, deutlich von Max
Wertheimer geprägte Haltung: Es handelt sich um einen systematischen Über-
blick über sämtliche zu dieser Zeit vorliegenden Ansätze und Erfahrungen in
der Entwicklung gruppentherapeutischer Verfahren und Techniken und der
jeweils vorliegenden Untersuchungen zu ihren Einsatzmöglichkeiten und zu
ihrer Wirkung. Auswahl und Darstellung erfolgen nicht theoriegeleitet. Viel-
mehr wird in diesem Band vorbehaltlos alles erwogen und geprüft, was an
praktischen gruppentherapeutischen Vorgangsweisen und Erfahrungen entwi-
ckelt wurde – das behandelte Spektrum reicht von erzieherischen Vorträgen in
therapeutischen Gruppen, beschäftigungstherapeutischen Ansätzen bis hin zum
Psychodrama und zu psychoanalytisch orientierten Gruppenverfahren. Der
gestalt- und feldtheoretische Ansatz fließt in die Erörterung dieser Verfahren
und ihrer Hintergründe ein, ohne zum Ausgangspunkt oder gar zum Aus-
schließungskriterium für die Erfassung des Tatsachenmaterials zu werden.6
Gestalttheorie in der Psychotherapie 345
auf dieser theoriezentrierten 3. Ebene ist keine Vorbedingung für Lösungen auf den beiden
anderen Ebenen und führt auch nicht notwendigerweise zur Lösung von Problemen auf diesen
beiden anderen Ebenen.
Was auf einer dieser drei Ebenen geschieht, löst also nicht notwendigerweise Probleme auf
einer der beiden anderen Ebenen. Für bestimmte Zwecke kann eine Evaluierung auf der einen
Ebene angemessener sein als auf einer anderen. Für den Praktiker kann die Kenntnis von
Fortschritten auf der 2. und 3. Ebene die Gefahr eindämmen helfen, dass er zum mechanischen
Techniker wird. Umgekehrt können Erkenntnisse auf der 1. Ebene vor allzu spekulativer
Forschung und Theorienbildung auf Ebene 2 und 3 bewahren“ (Übersetzung GSt).
Diese theoretisch vorbehaltslose Analyse des Tatsachenmaterials und die
ebenso vorbehaltslose Prüfung aller dazu vorliegenden theoretischen Modellie-
rungen kennzeichnet auch das für die Psychotherapie hoch relevante Werk von
Abraham S. Luchins und Edith H. Luchins „Rigidity of Behavior“ (1959), dem
23 Jahre Forschungsarbeit über Festlegung und Wandelbarkeit menschlichen
Verhaltens im klinischen und außerklinischen Bereich zugrunde liegen. Es
beginnt mit einer Darlegung der zu dieser Fragestellung im Bereich der psy-
choanalytischen Schule entwickelten Auffassungen im Werk von Sigmund
Freud, Franz Alexander, Wilhelm Reich, Carl Jung, Alfred Adler, Karen
Horney, Erich Fromm und Harry Sullivan, gefolgt von den von Kurt Goldstein,
Heinz Werner und Kurt Lewin vorgelegten Ansätzen. Daran schließt sich eine
umfassende Darstellung und kritische Diskussion der experimentellen For-
schungsarbeiten zum Einstellungseffekt und darauf aufbauend die Beleuchtung
der Gültigkeit bzw. des Geltungsbereichs der zur Diskussion stehenden theore-
tischen Modellierungen. In vorbildlicher Weise demonstriert dieses Grundla-
genwerk der Luchins schon viele Jahre vor der Proklamation des „Empiriege-
bots“ auch für den psychotherapeutischen Bereich, wie dieses in sinnvoller und
fruchtbarer Weise eingelöst werden kann.
Angesichts dieser Pionierarbeiten Luchins’ auf dem Gebiet der Psych-
otherapie muss es umso seltsamer anmuten, dass den Vertretern der Gestalt-
theorie oft pauschal Desinteresse an klinisch-psychotherapeutischen Fragestel-
lungen oder ein Mangel an relevanten Arbeiten auf diesem Gebiet vorgehalten
wird. Beides ist, wie gerade auch das Werk von Luchins zeigt, nicht aufrecht
zu erhalten. Dass es in der sich zu dieser Zeit in den USA rasant und in großer
Vielfältigkeit entwickelnden psychotherapeutischen Szene weitgehend unbe-
achtet blieb und keine nennenswerte Resonanz fand, hat wahrscheinlich viele
Gründe, nicht zuletzt die Abneigung Luchins’ gegenüber spekulativen Schnell-
schüssen und beeindruckenden Modellierungen, seine methodische Sorgfalt,
seine empirische Strenge und nicht zuletzt seine Bescheidenheit – dies alles
nicht gerade die Ingredienzien, die es zu dieser Zeit für breite Resonanz oder
gar schulenbegründende Einflüsse in der Psychotherapie-Landschaft der USA
gebraucht hätte.
346 R. Kästl und G. Stemberger
Mitarbeiter und Schüler von Goldstein und
Lewin in der klinisch-psychologischen und
psychotherapeutischen Praxis
Von den „Berlinern“ der ersten Zeit waren es hauptsächlich Kurt Gold-
stein und Kurt Lewin und ihre Schüler, die im weiteren beträchtlichen
Einfluss auf die Entwicklung verschiedener psychotherapeutischer Schulen
gewannen. Diese sind allerdings so verzweigt, dass sie hier nur in Andeutun-
gen und anhand ausgewählter Beispiele angeführt werden können.
Goldstein und Lewin hier in einem Atemzug zu nennen, bezieht seine
Berechtigung nicht etwa aus der Übereinstimmung ihrer Arbeitsgebiete, der
Anlage ihrer Forschungen und ihrer Konzeptionen. Aber es lag wohl in der
Natur der Sache, dass die biologische (organismische) Gestaltlehre des Neuro-
logen und Psychiaters Goldstein einerseits, die auf das Erleben und Verhalten
des Menschen in seiner Umwelt bezogene Feldtheorie von Lewin andererseits
jene Menschen, die an klinischen Anwendungen der Gestalttheorie interessiert
waren, unmittelbarer ansprach als die in der Aufbauphase der Gestalttheorie im
Mittelpunkt stehenden grundlegenden experimentellen Arbeiten auf dem
Gebiet der Wahrnehmung. So sind hier als Beispiele zwei spätere Leitfiguren
der Psychotherapie zu nennen, deren gestalttheoretische Beeinflussung in erster
Linie auf Goldstein und Lewin zurückzuführen ist: Zum einen S. H. Foulkes
(vor seiner Emigration nach England Siegmund Heinrich Fuchs), der als Be-
gründer der analytischen Gruppentherapie gilt, zum anderen Frederick Perls,
Begründer der Gestalt-Therapie. Beide können nicht im eigentlichen Sinn als
Schüler von Goldstein und Lewin bezeichnet werden, auch kamen beide nicht
nur mit Goldstein, Gelb und Lewin in Berührung, sondern auch mit den Ideen
und Forschungen von Wertheimer und Köhler, dennoch sind in ihrem eigenen
weiteren psychotherapeutischen Entwicklungsweg die Einflüsse Goldsteins
und Lewins besonders deutlich nachvollziehbar (zu den gestaltpsychologischen
Wurzeln der analytischen Gruppenpsychotherapie siehe Pines 1979, Lemche
1993, Tschuschke 2001; zu Goldsteins Einfluss auf die Gestalttherapie von
Perls siehe Walter 1977 sowie die Arbeiten von Votsmeier 1988 und 1995).
Neben diesen psychotherapeutischen Schulenbegründern sollte in diesem
Zusammenhang die Psychoanalytikerin Frieda Fromm-Reichmann (1889–
1957) nicht unerwähnt bleiben, die sowohl mit Kurt Goldstein, als auch mit
Foulkes zusammenarbeitete. Auch sie musste nach dem Machantritt der Na-
tionalsozialisten aus Deutschland fliehen. In den USA wurde sie zu einer
Pionierin der Psychosen-Therapie. Sie entwickelte aus den Lehren und Be-
handlungsmethoden von Kurt Goldstein, Sigmund Freud, Georg Groddeck und
Harry Stack Sullivan die „Intensive Psychotherapie“ (1950), mit der sie Auf-
Gestalttheorie in der Psychotherapie 347
sehen erregende Erfolge erzielte. Im deutschsprachigen Raum ist sie wohl vor
allem als die Psychoanalytikerin „Dr. Fried“ im Roman von Hannah Green,
„Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen“, bekannt geworden (1964).
Schließlich ist hier auch Andras Angyal (1902–1960) anzuführen: Beein-
flusst von W. Stern und K. Goldstein entwickelte er nach seiner Emigration in
die USA eine lose an die Gestalttheorie angelehnte Konzeption der Persönlich-
keit und eine den Ansatz Ferenczis fortführende psychotherapeutische Theorie
und Praxis. Angyal gilt als einer der Pioniere der Humanistischen Psychologie.
Sein zu Lebzeiten nicht abgeschlossenes Werk „Neurosis and Treatment. A
Holistic Theory“ (1982) wurde aus seinem Nachlass von der Lewin-Schülerin
Eugenia Hanfmann und Richard M. Jones rekonstruiert und von Abraham
Maslow eingeleitet.
Die Rolle der feldtheoretischen und sozialpsychologischen Arbeiten Kurt
Lewins für die Psychotherapie, vor allem seine Pionierrolle für die Gruppendy-
namik und deren Auswirkungen, ist an anderer Stelle bereits so ausführlich
behandelt worden (siehe etwa den Sammelband von Heigl-Evers u. Streek
1979), dass hier nur einige ergänzende Hinweise auf sonst meist nicht Berück-
sichtiges sinnvoll erscheinen.
Der erste Hinweis bezieht sich auf den zu Unrecht wenig beachteten (und
auch nie ins Englische übertragenen) Vortrag Kurt Lewins „Die Entwicklung
der experimentellen Willenspsychologie und die Psychotherapie“ (gehalten
1928, publiziert 1929), in dem er einem ärztlich-psychotherapeutischen Publi-
kum die Bedeutung der unter seiner Anleitung durchgeführten Berliner For-
schungsarbeiten zur Willens- und Affektpsychologie für die Psychotherapie
nahe bringen wollte. Diese Forschungsarbeiten (unter ihnen die von Zeigarnik
und Ovsiankina zum Behalten unabgeschlossener Handlungen und von Hoppe
zum Anspruchsniveau) wurden zwar zu Klassikern der Psychologie und zogen
in vielen Ländern zahlreiche psychologische und klinisch-psychologische
Nachfolgeuntersuchungen nach sich, eine nachhaltige Resonanz im psychothe-
rapeutischen Feld erfuhren sie jedoch vorerst nicht. Zeigarniks Arbeit wurde in
vereinfachter Form später in der Perls’schen Gestalt-Therapie aufgegriffen und
spielt dort eine nicht unwesentliche Rolle. Eine systematische Eingliederung
der Ergebnisse von Lewins Berliner Forschungsprogramm in die Psycho-
therapie sollte in Europa erst durch Hans-Jürgen P. Walter im Ansatz der
Gestalttheoretischen Psychotherapie (1977) erfolgen.
Der zweite ergänzende Hinweis bezieht sich auf den Lewin-Schüler Junius
F. Brown. Der Amerikaner Brown, der bei Lewin noch in Berlin studiert hatte,
erlangte nach seiner Rückkehr in die USA in den 30er- und 40er-Jahren nicht
unerhebliche Beachtung und Einfluss durch seine eigenständige Fortführung
des Lewinschen Ansatzes in seiner „Psychology of the Social Order“ (1936)
und sein während seiner psychoanalytisch-psychotherapeutischen Tätigkeit an
der Menninger-Klinik verfasstes Lehrbuch „The Psychodynamics of Abnormal
Behavior“ (1940). Ersteres ist ein noch vor Lewins eigenen einschlägigen
348 R. Kästl und G. Stemberger
Arbeiten ausgearbeiteter Entwurf zur Anwendung der Lewinschen Feldtheorie
auf die Sozialpsychologie der Gesellschaft, wobei Brown marxistisches und
psychoanalytisches Gedankengut mit der Gestalttheorie verband. Die „Psycho-
dynamics“ wiederum stellen einen Entwurf zu einer Systematisierung und
Neuausrichtung der Psychopathologie auf Grundlage des Lewin’schen Pro-
gramms zur Willens- und Affektpsychologie dar. Die auch aus heutiger Sicht
sehr beachtenswerten Arbeiten Browns wurden vor allem aus politischen
Gründen in der Folge wieder verdrängt und sind in Vergessenheit geraten.
Stone (1980) in den USA und Lück (1996) in Europa haben ihre Wieder-
entdeckung für die Sozialpsychologie eingemahnt. Für die Psychotherapie
könnte eine Wiederentdeckung und kritische Auseinandersetzung mit Browns
Arbeiten sowohl in Hinblick auf die Klärung ihrer gesellschaftstheoretischen
Positionen als auch für die Entwicklung ihrer Krankheitslehre fruchtbar wer-
den.
Der dritte Hinweis bezieht sich auf einen späteren Schüler Lewins, den
Psychotherapeuten George R. Bach. Seine „Intensive Group Psychotherapy“
(1954) ist seinem Lehrer Kurt Lewin nicht nur gewidmet, sondern unüber-
sehbar auch von seinem Gedankengut geprägt. In den 70er- und 80er-Jahren
wurde Bach auch im deutschsprachigen Raum durch seine originellen Ansätze
zum psychotherapeutischen Umgang mit Aggressionen bekannt, die es nicht zu
unterdrücken, sondern konstruktiv zu wenden gelte. Bach machte sich bei der
Entwicklung seines Ansatzes neben den bahnbrechenden Arbeiten der Lewin-
Schule zur Gruppendynamik insbesondere die von Lewin geleiteten Berliner
Experimente zur Willens- und Affektpsychologie zunutze, darunter vor allem
Tamara Dembos experimentelle Forschungsarbeiten zu Ärger und Wut (Dem-
bo 1931)
Abschließend sei hier schließlich – über die unmittelbaren Schüler Lewins
hinausgehend – auf die Fortführung des Lewinschen Ansatzes im Bereich der
klinischen Lebensraumanalyse durch den kalifornischen Psychotherapeuten
Matthew Maibaum hingewiesen (1980, 1992, 2001; Diskussion: Stemberger
2001).
Gestalttheorie in der klinisch-psychologischen
und psychotherapeutischen Praxis
im deutschen Sprachraum
Der Wertheimer-Schüler Wolfgang Metzger (1899–1979), neben Edwin
Rausch (1906–1994) und Kurt Gottschaldt (1902–1991) wohl der
bedeutendste und einflussreichste Exponent der Gestalttheorie im Nachkriegs-
Gestalttheorie in der Psychotherapie 349
deutschland, war zwar selbst nicht klinisch-psychotherapeutisch tätig, spielte
aber dennoch in mehrfacher Weise eine erhebliche Rolle für die Psycho-
therapie. In der Darstellung der Gestalttheoretischen Psychotherapie im zwei-
ten Abschnitt dieses Beitrags wird darauf noch eingegangen. Die Entstehung
des grundlegenden Werks zur Gestalttheoretischen Psychotherapie von Hans-
Jürgen P. Walter (1977) hat er noch selbst beratend begleitet. Darüber hinaus
ist die eminente Rolle Metzgers für die Adlersche Individualpsychologie in
Deutschland hervorzuheben. Die enge Verwandschaft und hohe Überein-
stimmung zwischen Adlers Individualpsychologie und der Gestaltpsychologie
veranlassten Metzger zur Herausgabe der Schriften Adlers, die er ausführlich
einleitete und kommentierte (zusammenfassend dazu: Soff u. Ruh 1999).
Metzger war auch maßgeblich an der Gründung der Deutschen Gesellschaft für
Individualpsychologie beteiligt. Wesentliche Beiträge zur Psychotherapie sind
– neben den erwähnten Einleitungen zu Adlers Schriften – in seinen Arbeiten
zur Verifikation tiefenpsychologischer Hypothesen (1970) und in seiner mit
Anne Bruns verfassten Abhandlung über einen Fall der Entstehung und Hei-
lung einer kindlichen Phobie zu sehen (1967).
Auch der vor allem auf der Lewinschen Feldtheorie aufbauende Beratungs-
ansatz von Erna Hruschka, einer Schülerin des Gestaltpsychologen Wilhelm
Witte, zeigt deutlich den Einfluss von Metzger. 1964 legte Hruschka mit ihrer
Habilitationsschrift „Psychologische Grundlagen des Beratungsvorgangs“ eine
bemerkenswerte Anwendung der Gestalttheorie im psychotherapienahen
Bereich der Beratung vor, den sie in ihrem weiteren Wirken konsequent an-
wandte, lehrte und weiterentwickelte. Über ihren engeren Wirkungskreis an der
Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim hinaus wurde dieser Ansatz bis
heute wenig beachtet. Hartmut Albrecht, der selbst ähnliche Ansätze verfolgt
(Hoffmann 1992), hat dankenswerterweise 1994 eine Sammlung von Schriften
Hruschkas zugänglich gemacht.
Die Fruchtbarkeit des Lewinschen Ansatzes für die theoretische Fundierung
und praktische Ausgestaltung der Beratungstätigkeit entfaltete Anfang der
70er-Jahre auch die Sozialpädagogin Marianne Hege, die 1974 in ihrer Arbeit
„Engagierter Dialog“ die Feldtheorie und das dynamische Lebensraum-Kon-
strukt Kurt Lewins in den Mittelpunkt ihres Beratungsansatzes stellte. Ihre
Ausarbeitung, die auch eine Differenzierung der Anforderungen der sozialpä-
dagogischen und sozialarbeiterischen Beratung im Unterschied zur psychothe-
rapeutischen Arbeit vornimmt, kann in der Art der Nutzung der Lewinschen
Lebensraumanalyse als Vorgängerin der entsprechenden Ausarbeitungen von
Hans-Jürgen P. Walter für die Psychotherapie angesehen werden, auch wenn
bei ihr die erst von Walter geleistete umfassende Einbettung in die Gestalt-
theorie fehlt.
In diesen Kontext gehört auch die psychotherapeutische Anwendung der
gestalttheoretisch fundierten Klartraumforschung, deren Pionier Paul Tholey
(1937–1998) war. Tholey, Schüler von Edwin Rausch, hat zahlreiche grundle-
350 R. Kästl und G. Stemberger
gende Beiträgen zur Gestalttheorie auf den Gebieten der Erkenntnistheorie, des
Leib-Seele-Problems, der phänomenologischen Methode, der Bewußtseinsfor-
schung und der Sportpsychologie verfasst. In seinen empirisch-experimentellen
Forschungen zum Klartraum sah er auch psychotherapeutische Anwendungs-
möglichkeiten (auch der Selbstbehandlung), wie er in mehreren Publikationen
darlegte (1988, 1994, mit Utecht 1987, mit Holzinger u. LaBerge 1998). In die
Gestalttheoretische Psychotherapie, der Tholey bis zu seinem Tod aktiv ver-
bunden war, wurden einige spezielle Ergebnisse der Klartraumforschung
Tholeys integriert (so etwa Schlussfolgerungen aus seinen Forschungsergeb-
nissen über den konstruktiven Umgang mit Traumgestalten für die gestalt-
therapeutische Technik der Arbeit mit dem „leeren Stuhl“). Das Einüben der
Klartraumtechnik mit Psychotherapie-Patienten hat in der Praxeologie der
Gestalttheoretischen Psychotherapie jedoch bisher keinen Platz gefunden.
Spricht man von gestalttheoretischen Ansätzen im weiteren Sinn in der
Psychotherapie, ist für Deutschland schließlich auch auf die von Wilhelm
Salber entwickelte Analytische Intensiv-Behandlung (AIB) bzw. Analytische
Intensivberatung einzugehen (Ahren u. Wagner 1984, Endres u. Salber 2001).
Salber und seine Mitarbeiter hatten in der ersten Hälfte der 70er-Jahre am
Psychologischen Institut II der Universität Köln auf Grundlage der von Salber
begründeten Morphologischen Psychologie ein neues psychologisches Be-
handlungskonzept mit engen Bezügen zur Psychoanalyse zu entwickeln begon-
nen: Dieses geht davon aus, dass sich die seelische Strukturbildung methodisch
intensivieren läßt und so in verhältnismäßig kurzer Zeit bei Störung der Le-
bensbewältigung Veränderungen eingeleitet werden können. Die Intensivbera-
tung ist eine Form der Kurztherapie, die in 20 Stunden die strukturelle Proble-
matik eines Falles herauszuarbeiten und anhand eines prototypischen
Entwicklungs-Bildes durchzuarbeiten versucht. 1982 wurde die „Wissen-
schaftliche Gesellschaft für analytische Intensivberatung“ gegründet, die
diesen Ansatz weiterzuentwickeln und zu verbreiten sucht. Diese Gesellschaft,
nunmehr „Wissenschaftliche Gesellschaft für Analytische Intensivbehandlung /
Psychotherapie (WGI)“ bietet auch eine sechssemestrige Ausbildung in Analy-
tischer Intensivberatung an.
Salber nimmt für sich in Anspruch, die Gestaltpsychologie, die seiner
Auffassung nach bei einer Wahrnehmungs- und Handlungspsychologie stehen-
geblieben und damit in Stagnation geraten ist, zu einer „Morphologie des
seelischen Geschehens“ weiterentwickelt zu haben (Fitzek u. Salber 1996, 9).
Seine Morphologische Psychologie zielt darauf ab, „die für den seelischen
Ablauf bestimmende Gestalt-Logik im Ganzen des seelischen Wirkungsraumes
aufzuweisen und zu komplettieren.“
„Um uns und anderen zu verdeutlichen, was Psychologie sei, können wir
seelische Konstruktionen in mehreren Schritten zur Darstellung bringen. In
einem ersten Schritt stellen wir Gestalt als Anhaltspunkt für ein Konstruktions-
verständnis heraus; danach wird sich zeigen, dass der Gebrauch von Gestalt in
Gestalttheorie in der Psychotherapie 351
der Psychologie seinerseits eine Konstruktionsanalyse (Gestaltbrechung)
voraussetzt – Konstruktion ist mehr als figurale Gestalt. In einem weiteren
Schritt kommen wir dann über eine psychoanalytische Zerlegung des Funktio-
nierens von Gestalt zu einer Morphologie, die Gestalt von paradoxen Prinzi-
pien her erläutert“ (Salber 1981 in Fitzek u. Salber 1996, 126).
Die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung der Gestaltpsychologie zur
Morphologischen Psychologie wird von Salber oft mit einer stark verein-
fachenden Kritik an der Gestaltpsychologie mitbegründet. Typisch dafür sind
Aussagen wie die eben zitierte: „Konstruktion ist mehr als figurale Gestalt“,
oder „mit Gestalt als Figur ist nicht das ganze Konstruktionsproblem zu erfas-
sen“, oder „Gestalt sagt immer schon mehr aus, als sich aus einem reinen
Gestaltbegriff, isoliert genommen, ableiten ließ“ (129). Diese Kritik wird in
dieser überspitzten und pauschalen Form der Gestalttheorie wohl kaum gerecht
(vgl. dazu auch Fitzek 2000). Eine eingehendere Darstellung und Erörterung
dieses Ansatzes ist hier nicht möglich. Zu verweisen ist auf Salbers Schriften
(1965, 1981, Fitzek u. Salber 1996), auf die Bibliographie zur Morphologi-
schen Psychologie (Schulte 1996) sowie auf die zusammenfassende Darstel-
lung des therapeutischen Ansatzes in Endres u. Salber 2001.
Die Analytische Intensivbehandlung und die Gestalttheoretische Psych-
otherapie wurden in etwa zur gleichen Zeit entwickelt. Sie haben einander
bisher praktisch nicht zur Kenntnis genommen. Wechselseitige Rezeption und
Auseinandersetzung stehen noch aus.
II. Grundkonzepte der Gestalttheoretischen
Psychotherapie
Vorbemerkungen
Dieser zweite Abschnitt ist der Darlegung einiger Grundkonzepte der
Gestalttheoretischen Psychotherapie gewidmet, die in den 70er-Jahren
in Deutschland von Hans-Jürgen P. Walter und seinen Mitarbeitern begründet
wurde und inzwischen auch in Österreich und in der Schweiz Anwendung
findet. Ausbildungen in Gestalttheoretischer Psychotherapie werden von der
Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie
(DAGP) und der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft (ÖAGP) angeboten.
Die Gestalttheoretische Psychotherapie nimmt für sich in Anspruch, erst-
mals eine umfassend systematisierte und konsistente Anwendung der Gestalt-
theorie der Berliner Schule in all ihren Teilansätzen auf das klinische Arbeits-
352 R. Kästl und G. Stemberger
feld zu entwickeln. Die folgende Darlegung konzentriert sich vorwiegend auf
die erkenntnistheoretischen Grundkonzepte dieses Verfahrens.
Die Darstellung der theoretischen und methodischen Konzepte und Vor-
gangsweisen eines psychotherapeutischen Verfahrens impliziert – neben allen
eventuell vorhandenen Gemeinsamkeiten – eine Abgrenzung zu bzw. eine
Unterscheidung von anderen ebenfalls bestehenden und etablierten psychothe-
rapeutischen Verfahren. Grundsätzlich beruht diese Abgrenzung in einer
Darstellung und einem Vergleich der grundlegenden theoretischen Konzepte,
dem darin enthaltenen oder ableitbaren Welt- und Menschenbild und den sich
daraus ergebenden Behandlungstechniken. Dabei werden die grundlegenden
philosophischen und psychologischen Annahmen und deren wissenschaftliche
Belege einen größeren Aussagewert haben als bloße Untersuchung der Be-
handlungstechniken (wie sie fragwürdigerweise in den zur Zeit üblichen Wirk-
samkeitsstudien im Mittelpunkt steht). Erst die Darstellung dieser philosophi-
schen und psychologischen Annahmen lässt Schlüsse darauf zu, in welchem
Ausmaß ein Verfahren mit anderen Verfahren übereinstimmt, inwieweit eine
Nähe oder Verwandtschaft zu weiteren Verfahren besteht oder ob elementare
Unterschiede in den Grundverständnissen aufgezeigt werden können und
müssen.
In der gegenwärtigen psychotherapeutischen Literatur werden Grundraster
zur Einteilung psychotherapeutischer Verfahren verwendet, die an sich bereits
diskussionswürdig sind. Eine Einteilung in drei Grundrichtungen wie tiefen-
psychologisch, verhaltenstherapeutisch und humanistisch-psychologisch
übersieht, dass die meisten der der humanistischen Psychologie zugeordneten
Verfahren gleichfalls tiefenpsychologisch orientiert sind. Nimmt man als
grundlegendes Kriterium für „tiefenpsychologisch“ die Erkenntnis, dass Unbe-
wusstes dem menschlichen Erleben und Verhalten zugrunde liegen und auf es
einwirken kann (vgl. Elhardt 1973), dann werden Vertreter von z. B. Gestalt-
Therapie, Psychodrama usw. diese Sichtweise sicher völlig teilen. Würde man
der Einfachheit halber bei diesem Raster bleiben, dann könnte die Gestalt-
theoretische Psychotherapie auch als Verfahren der humanistischen Psycholo-
gie, und dabei als eine von drei methodenspezifischen gestalttherapeutischen
Richtungen angesehen werden, die sich gemeinsam als tiefenpsychologisch
fundierte und erlebnisaktivierende Verfahren mit phänomenologischem und
psychodynamischem Hintergrund verstehen: Neben der von Frederick Perls
(z. B. 1976, 1981) begründeten Gestalt-Therapie wären dann die von Hilarion
Petzold (z. B. 1987) auf existentiell-philosophischen Traditionen basierende
Integrative Therapie und eben die von Hans-Jürgen P. Walter (1977, 1996) auf
die Gestalttheorie bezogene Gestalttheoretische Psychotherapie als die drei
Orientierungen der Gestalt-Therapie anzusehen.
Selbst bereits die derzeitige Einteilung der in Deutschland als wissen-
schaftlich anerkannten, sogenannten Richtlinienverfahren in psychoanalytisch,
tiefenpsychologisch fundiert und verhaltenstherapeutisch erscheint wider-
Gestalttheorie in der Psychotherapie 353
sprüchlich. Ist doch die Psychoanalyse als das erste tiefenpsychologisch fun-
dierte Verfahren anzusehen. So wäre „tiefenpsychologisch“ eher als Dach-
begriff anzusehen, dem dann das psychoanalytische als eines von mehreren
Verfahren unterzuordnen wäre. Und eine plausible Begründung, weshalb
bestimmte neopsychoanalytische Verfahren als „psychoanalytisch“, andere
wiederum als „tiefenpsychologisch fundiert“ eingereiht werden, ließ sich
bisher nicht finden. Diese Aufteilung scheint mehr einem standes- oder berufs-
politischen Interesse zu entsprechen als einer sinnvollen Auseinandersetzung
mit sachlich nachvollziehbaren wissenschaftlichen Kriterien.
Die von Hans-Jürgen P. Walter (1977) und Mitarbeitern begründete Ge-
stalttheoretische Psychotherapie versteht sich als integrative Psychotherapie
mit gestalttheoretischer Grundlage. In der theoretischen Begründung psycho-
therapeutischen Handelns werden die Erkenntnisse der Gestalttheorie mit
ihrem, wie es Paul Tholey (1988) einmal zusammenfasste, ganzheitlichen,
methodologischen, erkenntnistheoretischen, systemtheoretischen, psychophysi-
schen und psychologischen Ansatz berücksichtigt. Auf dieser theoretischen
Grundlage können daher praxeologisch Interventionsformen verschiedener
psychotherapeutischer Verfahren Anwendung finden, sofern sie in der jeweili-
gen therapeutischen Situation dem Klienten Einsicht und Weiterentwicklung
ermöglichen und dabei der momentanen Lebenssituation des Klienten gerecht
werden.
Grundsätzliche Position der Gestalttheorie
Nachdem Ehrenfels (1890) den Begriff „Gestalt“ bereits Ende des 19.
Jahrhunderts in die wissenschaftliche Psychologie eingeführt und
damit die Frage nach dem Verhältnis vom Ganzen und seinen Teilen im Be-
reich des Seelischen aufgeworfen hatte, entwickelten sich verschiedene ganz-
heitspsychologische Ansätze, die im Gegensatz zu atomistischen psychologi-
schen Ansätzen von der Ganzheitlichkeit des Seelischen ausgehen. Sie teilen
folgende Erkenntnis: Das Ganze und seine Teile, sowie die Teile unterein-
ander, stehen in einer unmittelbaren Wechselbeziehung, so dass, verändert sich
das Ganze oder eine seiner Eigenschaften, sich auch die Teile verändern oder
umgekehrt, verändern sich Teile des Ganzen, so verändert sich auch das Gan-
ze.
Die Gestalttheorie, insbesondere deren Berliner Schule (Wertheimer,
Köhler, Koffka, Duncker, Lewin, Metzger), die die Theorie des Primates des
Ganzen über seine Teile betonte („Das Ganze ist etwas anderes als die Summe
seiner Teile“), hat sich vor allem durch ihre wissenschaftlichen Pionierarbeiten
in den 20er Jahren rasch zu einem dynamischen Ansatz entwickelt, in dem
354 R. Kästl und G. Stemberger
Selbstordnungstendenzen (besser bekannt als „Tendenz zur guten Gestalt“
bzw. Prägnanztendenz) eine bedeutende Funktion zukommen. Aus diesem
dynamischen Blickwinkel ist es möglich, den Gestaltbegriff auch auf phi-
losophische, biologische und physikalische Sachverhalte anzuwenden (vgl.
Tholey 1988).
Nachdem sich die universitäre Psychologie von Anfang an im Spannungs-
feld von einerseits spekulativer philosophischer Orientierung und von anderer-
seits philosophiefeindlicher naturwissenschaftlicher Ausrichtung entfalten
musste, wurde nun ein Standpunkt vertreten, der geistes- und naturwissen-
schaftliche Seiten gleichermaßen berücksichtigt. Statt Erlebnisinhalte als nicht-
beweiskräftig abzuwerten, versteht die Gestalttheorie „die unvereingenommene
Erlebnisbeschreibung oder Phänomenologie als Ausgangspunkt der psycholo-
gischen Forschung“ (Tholey 1988, 250). Bedenkt man, dass auch den naturwis-
senschaftlichen Forschungsergebnissen zuallererst Wahrnehmungen, Be-
obachtungen, Messvorgänge, Denkprozesse und Schlussfolgerungen des
Forschers zu Grunde liegen, so erscheint es geradezu unmöglich, generell die
Erlebnisinhalte als „nicht objektiv“ ausklammern zu wollen; zuallererst ist von
diesen phänomenalen Gegebenheiten auszugehen, um schließlich zu beweis-
kräftigen Aussagen über den Forschungsgegenstand zu gelangen. Den phäno-
menalen Vorgängen des Menschen kommt demzufolge die gleiche Würde zu
wie den physikalischen Gegebenheiten dieser Welt; diese Gewichtung kenn-
zeichnet das Menschenbild der Gestalttheorie. Dass sich diese phänomenologi-
sche Haltung von der Vorgehensweise in der Forschung auf den Bereich der
Psychotherapie oder der Beratungsarbeit – und nicht nur darauf – übertragen
lässt, wird in Metzgers (1975, 12) grundlegender Forderung deutlich:
„Das Vorgefundene zunächst einfach hinzunehmen, wie es ist; auch wenn
es ungewohnt, unerwartet, unlogisch, widersinnig erscheint und unbezweifel-
baren Annahmen oder vertrauten Gedankengängen widerspricht. Die Dinge
selbst sprechen zu lassen, ohne Seitenblick auf Bekanntes, früher Gelerntes,
„Selbstverständliches“, auf inhaltliches Wissen, Forderungen der Logik, Vor-
eingenommenheiten des Sprachgebrauches und Lücken des Wortschatzes. Der
Sache mit Ehrfurcht und Liebe gegenüberzutreten, Zweifel und Misstrauen
aber gegebenenfalls zunächst vor allem gegen die Voraussetzungen und Be-
griffe zu richten, mit denen man das Gegebene bis dahin zu fassen suchte.“
Neben der ganzheitlichen und phänomenologischen Sichtweise und Vor-
gehensweise dient das Experiment als grundlegendes Instrument zur Gewin-
nung von Forschungsergebnissen. Allgemeiner bekannt sind hier vor allem
wohl die zahlreichen wahrnehmungspsychologischen Experimente der Gestalt-
psychologen. So gilt die Beschreibung der Wahrnehmung von Bewegung
(Wertheimer 1912), das sog. Phi-Phänomen, als eigentlicher Anfang der Ge-
stalttheorie der Berliner Schule. Max Wertheimer hat in diesem Experiment
bekanntlich nachgewiesen, dass zwei Lichtpunkte, die zeitlich etwas verzögert
und räumlich etwas versetzt vorgegeben werden, nicht als zwei Lichtpunkte
Gestalttheorie in der Psychotherapie 355
wahrgenommen werden, sondern als ein Lichtpunkt, der sich von A nach B
bewegt. Die physikalische Reizgrundlage und die erlebten Wahrnehmungs-
inhalte unterscheiden sich deutlich; eine Erkenntnis, die sich für die gestalt-
theoretischen Konzepte als fundamental erweisen sollte.
Neben den wahrnehmungspsychologischen Untersuchungen wurden al-
lerdings bereits sehr früh auch andere Bereiche des menschlichen Lebens und
Erlebens experimentell erforscht; hier seien lediglich Köhlers (1917) Intel-
ligenzprüfungen an Menschenaffen, Lewins (z. B. 1963) berühmte Studien zum
Vergleich von Erziehungs- bzw. Führungsstilen, sein Beitrag zur Entwicklung
der Gruppendynamik oder Zeigarniks motivationspsychologisches Experiment
über den Umgang mit unerledigten Aufgaben, das bei der Entwicklung der
Gestalt-Therapie (Perls 1947; deutsch 1978) eine nicht unwesentliche Rolle
gespielt hat, erwähnt. Die Gestalttheorie Max Wertheimers und seiner Berliner
Kollegen hat weltweite Anerkennung gefunden und sich bis Beginn der 30er
Jahre des 20. Jahrhunderts eine herausragende Position in der Wissenschaft,
insbesondere der Psychologie, erworben. Die Machtergreifung der Nazis führte
allerdings dazu, dass die meisten der Gestalttheoretiker ihre Forschungstätig-
keit in Deutschland beenden und ins Ausland emigrieren mussten.
Der Wirklichkeitsbegriff
Wertheimers Phi-Phänomen verdeutlicht die erkenntnistheoretische
Position der Gestalttheorie: Wir müssen klar unterscheiden zwi-
schen physikalischen und erlebten Gegebenheiten. Dabei haben wir als be-
wusstseinsfähige Lebewesen keinen unmittelbaren Zugang zur physikalischen
Welt (Makrokomos), sondern uns ist nur unsere jeweilige phänomenale Welt
(Mikrokosmos) unmittelbar gegeben und damit seelisch wirklich.
Wir sind zwar mit unseren Sinnen mit der Welt verbunden; die Sinnesreize
werden aber über die Sinnesorgane und Nervenleitungen in unser Gehirn
geleitet, wo gleichermaßen hirnphysiologische Vorgänge ablaufen und be-
wusstseinsfähige Prozesse stattfinden: Köhler (1968) nennt diese bestimmten
Gehirnbereiche, in denen die bewusstseinsfähigen Prozesse ablaufen, das
„psychophysische Niveau“, wobei er von dynamisch strukturellen Überein-
stimmungen (Isomorphieannahme) zwischen hirnphysiologischen Vorgängen
und psychischen (phänomenalen) Prozessen ausgeht.
Um es an einem konkreten Beispiel anschaulicher zu machen: Erkenntnis-
theoretisch lässt sich der Vorgang „Ich blicke aus dem Fenster und sehe die
Blutbuche in unserem Garten“ in verschiedene Stufen unterteilen. Beim Bli-
cken auf die physikalische Blutbuche im physikalischen Garten erreichen
Lichtwellen meine Augen, die wiederum eine Erregung der Sehnerven be-
356 R. Kästl und G. Stemberger
7Zur genaueren Differenzierung der Begriffe „physikalisch“ und „transphänomenal“ vgl.
Walter (2001).
wirken, die weitergeleitet an das Gehirn im psychophysischen Niveau zu
Bewusstseinsvorgängen führen. Das Ergebnis dieser optischen Wahrnehmung
befindet sich also in meinem Gehirn in der mir eigenen, allein bewusstseins-
fähigen, phänomenalen Welt. Anschaulich gegeben ist mir demnach die phäno-
menale Blutbuche im phänomenalen Garten. Wenn ich nun Aussagen über das
Aussehen, den Zustand oder die Schönheit – oder überhaupt über das Vorhan-
densein – des Baumes mache, so beziehen sich diese Aussagen auf den phäno-
menalen Baum als Teil meiner phänomenalen Welt und nicht auf den physika-
lischen Baum als Teil der mir nicht unmittelbar zugänglichen physikalischen
Welt.
Die Erkenntnistheorie der Gestalttheorie, der „Kritische Realismus“, geht
demnach von der Existenz der einen physikalischen, erlebensjenseitigen oder
transphänomenalen7 Welt aus; Aussagen über diese können aber nur als Ergeb-
nis phänomenaler Gegebenheiten wie sinnlicher Wahrnehmung, eigenem
Erleben oder gedachter Schlussfolgerungen angesehen werden. Die eher um-
gangssprachliche Trennung von subjektiv = persönlich gefärbt und objektiv =
von mir unabhängig (diese Trennung findet sich allerdings sinngemäß auch in
vielen wissenschaftlichen Arbeiten) greift zu kurz. Genau genommen muss
zwischen phänomenal-subjektiv (mich selbst betreffend) und phänomenal-
objektiv (meine erlebte Umwelt betreffend) unterschieden werden.
Neben den äußeren Sinnesorganen, mit denen wir die Umwelt wahrneh-
men, werden über die inneren Sinnesorgane Informationen zum psychophysi-
schen Niveau weitergeleitet, wo auch diese physischen Prozesse psychisch und
bewusst werden und man sich selbst wahrnimmt. Die phänomenale Welt ist
demnach zu differenzieren in die phänomenale Umwelt und das phänomenale
Körper-Ich, wobei das phänomenale Körper-Ich (körperliche Empfindungen,
Gefühle, Gedanken, die ich ja in mir erlebe) sich ebenso innerhalb der erlebten
Umwelt befindet, wie der physikalische, also erlebensjenseitige Organismus
sich innerhalb der physikalischen Umwelt befindet. Verkürzt ausgedrückt: Ich
bin ein (erlebter) Körper und habe einen (physischen) Organismus. Mit diesem
erkenntnistheoretischen Dualismus böte der Kritische Realismus u. a. ver-
schiedenen körpertherapeutischen Ansätzen Anlass, ihre theoretischen Konzep-
te zu überprüfen und anhand der beschriebenen Unterscheidung theoretische
Widersprüchlichkeiten zu korrigieren.
Im (gestalttheoretisch-) psychotherapeutischen Vorgehen beschäftigen wir
uns ausschließlich mit den phänomenalen Vorgängen der Menschen, also der
Art und Weise, wie sie sich selbst in ihrer Umwelt erleben und eben dieser
Umwelt begegnen. Sich seiner selbst bewusst zu werden, erfordert nicht nur
die Selbstwahrnehmung, sondern darüber hinaus die Umweltwahrnehmung und
Gestalttheorie in der Psychotherapie 357
die Art und die Bedeutung der Begegnung mit dieser Umwelt. Metzger (1975,
307) unterstreicht die gestalttheoretische Sichtweise, sich selbst als Teil eines
umfassenden Ganzen zu verstehen, folgendermaßen: „Beseeltheit eines We-
sens hat ihre unmittelbare Grundlage in der Art und Bedeutung, in der Struktur
und dem Gewicht der Umwelt im Gesamtsystem des Psychischen. (...) Das
unmittelbare Bild der Beseeltheit eines lebenden Wesens wächst mit dem
erlebten Rang des ihm in seiner anschaulichen Welt Begegnenden, insbesonde-
re mit der durch diesen erst ermöglichten tatsächlichen Gliedhaftigkeit seines
anschaulichen Ich, (...) mit der Feinheit und Vielfältigkeit seines Ansprechens
auf Mitwesen im Sinne solcher Gliedhaftigkeit, Zusammengehörigkeit und
Funktion im umgreifenden Verband.“
Eine weitere aus dem erkenntnistheoretischen Standpunkt des Kritischen
Realismus ableitbare und für die Begründung psychotherapeutischen Handelns
wichtige Konsequenz liegt in der von Metzger (1975, 18 ff) formulierten
weiteren Differenzierung dessen, was, wie oben ausgeführt, unter phänomena-
ler Welt zu verstehen ist. Er unterscheidet zwischen
den Dingen, Wesen, Ereignissen, Taten selbst, also von uns Angetroffe-
nem, Vorgefundenem, leibhaft uns Begegnendem,
und andererseits von uns bloß Gedachtem, Vorgestelltem, Vermutetem,
Geahntem, Erinnertem, Erwartetem, begrifflich Gewusstem, Geplantem,
Beabsichtigtem.
Generell geht es also um die wichtige Unterscheidung von unmittelbar
Angetroffenem und Vorgestelltem, Gedachtem; beides erleben wir gleicherma-
ßen als wirklich, beides kann unser Selbstverständnis, die Haltung, wie wir das
Leben begreifen, die Art, wie wir unsere Mitmenschen und die Beziehungen zu
ihnen erleben, bestimmen, obwohl beides in seiner Aussagekraft für die Ein-
sicht in die Gefordertheit einer jeweiligen Situation und damit letztlich auch für
die Führung eines befriedigenden und verantwortlichen Lebens nicht gleich
gesetzt werden kann.
Ein Mensch, der nicht mehr zwischen unmittelbar Angetroffenem und
Vorgestelltem unterscheidet und sich lediglich seiner Vorstellungen über sich
und andere bewusst ist und das Angetroffene gar nicht mehr beachtet, seine
gedanklichen Konstrukte für „die Wirklichkeit“ hält, anstatt sie immer wieder
anhand des Vorgefundenen zu überprüfen und zu ändern, dieser Mensch wird
sich schwerlich im Leben zurechtfinden und adäquates Verhalten in der jewei-
ligen Situation entwickeln können. Vermutlich werden eher Erinnerungen,
frühere Erfahrungen oder Befürchtungen sein Bewusstsein bestimmen und ein
flexibles und adäquates Verhalten erschweren oder verhindern. Daher ist es
gerade in der (gestalttheoretischen) Psychotherapie wichtig, über die Vorstel-
lungen der Klienten hinaus die Aufmerksamkeit auf das unmittelbar Angetrof-
fene zu zentrieren. Allein schon durch diese Zentrierung lassen sich bereits
anhaltende Veränderungen der Wahrnehmungs- und Erlebensstruktur der
Klienten bewirken, eventuell vorhandene Fixierungen lösen und alternative
358 R. Kästl und G. Stemberger
persönliche Entfaltungsmöglichkeiten entwickeln. Der phänomenologische
Ansatz der Gestalttheoretischen Psychotherapie trägt dieser Forderung Rech-
nung, indem die therapeutische Methodik vor allem dadurch geprägt ist, mög-
lichst nahe an das momentane Erleben des Klienten heranzuführen und dies
zum Zentrum der therapeutischen Situation werden zu lassen.
Konkret können hierzu verschiedene Interventionsformen dienlich sein:
Das Gespräch, das auf die Intensivierung des Kontaktes des Klienten mit
seinem gesamten Erleben abzielt und dabei neben den Gedanken sinnliche,
emotionale und körperliche Vorgänge mit einzubeziehen versucht („Phänome-
nologie treiben“); das gesprächspsychotherapeutische Verbalisieren emo-
tionaler Inhalte; die psychodramatische szenische Darstellung oder die gestalt-
therapeutische Technik des Dialoges mithilfe des leeren Stuhles. Im Grunde
genommen zielen alle diese Techniken darauf ab, mit Hilfe der Zentrierung auf
das unmittelbar Angetroffene veränderte Sichtweisen einer Gesamtsituation zu
ermöglichen und eine neue Einsicht für die eigene Verantwortung am Gesamt-
geschehen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen.
Mit diesem Hinweis auf die methodischen Vorgehensmöglichkeiten soll
auch aufgezeigt werden, dass eine klare erkenntnistheoretische Ausgangs-
position und ein davon geprägtes Menschenbild nicht „eine akademische
Angelegenheit“ sind, sondern sehr hilfreich dabei sein können, die den Men-
schen ausmachenden Fähigkeiten und Erlebensweisen zu verstehen und ein-
zuordnen, psychotherapeutische Zielsetzungen zu formulieren und dement-
sprechend auch Interventionsformen sinnvoll und zielführend einzusetzen.
Der Kritische Realismus beinhaltet den erkenntnistheoretischen Dualismus,
also die klare Unterscheidung zwischen Makrokosmos und Mikrokosmen,
zwischen physikalischen und phänomenalen Gegebenheiten; gleichzeitig
befasst sich dieser gestalttheoretische Ansatz ausführlich mit dem Verständnis
der Verbindung von Physischen und Psychischen. Zumindest im oben bereits
genannten Psychophysischen Niveau geht man von isomorphen, also gleich-
artigen Strukturen der ablaufenden hirnphysiologischen und bewusstsein-
fähigen Vorgänge aus. Demnach beinhalten Veränderungen der hirnphysiolo-
gischen Vorgänge zwangsläufig auch Veränderungen der Bewusstseinsinhalte
(z. B. wirken Drogen auf die Gehirnvorgänge, die wiederum von veränderten
Wahrnehmungsinhalten oder Gemütsverfassungen begleitet werden), aber auch
umgekehrt bewirken Veränderungen der Bewusstseinsinhalte Änderungen der
chemischen und physiologischen Abläufe im Gehirn, von wo über die Nerven-
leitungen Informationen zum gesamten Organismus abgeleitet werden (z. B.
kann bei einem erregenden Gedanken oder Gefühl die Veränderung der Herz-
frequenz gemessen werden). Da wir also davon ausgehen können, dass über
die Vorgänge im psychophysischen Niveau Psychisches und Physisches in
einer ständigen wechselseitigen Beziehung stehen und in einem Gestalt-Zu-
sammenhang stehen (verändert sich ein Teil des Ganzen, verändern sich alle
Gestalttheorie in der Psychotherapie 359
8Lewin versteht den Begriff „Feld“ so, wie er in der Physik von Einstein verwendet
wurde, als eine Gesamtheit gleichzeitig bestehender Tatsachen, die als wechselseitig von
einander abhängig verstanden werden. Damit ist der Begriff „Feld“ synonym mit dem in der
Psychologie verwendeten Begriff „Gestalt“ und darüber hinaus auch synonym mit dem Begriff
„System“, wie ihn v. Bertalanffy (1957) in die Biologie eingeführt hat.
anderen Teile und das Ganze), so können und müssen wir den Menschen als
eine psychophysische (psychosomatische) Einheit verstehen.
Eine Aufteilung von Störungen bzw. Krankheiten, wie sie die Schulmedizin
und auch verschiedene Psychosomatik-Theorien nahe legen, in psychisch
bedingt (psychogen) oder somatisch bedingt (somatogen) erübrigt sich. Wenn
wir von einer psychophysischen Ganzheit des Menschen ausgehen, dann ist
letztlich jeder Zustand – ob gesund oder krank – in einem psychosomatischen
Zusammenhang zu verstehen; das Interesse wird daher auch zuallererst auf das
gesunde Erleben und Verhalten gerichtet sein, um verstehen zu können, wie
diese Gesundheit des Ganzen bei Vorliegen einer Krankheit beeinträchtigt oder
gestört sein könnte (eingehender zur Gesundheits- und Krankheitslehre in der
Gestalttheoretischen Psychotherapie: Stemberger 2002).
Lewins Konstrukt „Lebensraum“
In seiner Feldtheorie8 entwickelte Lewin (1963) eine umfassende Persön-
lichkeitstheorie, in der das Konstrukt „Lebensraum“ eine gewichtige
Rolle einnimmt. Lewin beschreibt in diesem Ansatz Verhalten als Funktion
von Person und Umwelt und bezieht sich dabei ausschließlich auf die phäno-
menale Welt des Menschen, also auf die Art und Weise, wie zu einem be-
stimmten Zeitpunkt ein Mensch sich selbst und seine Umwelt erlebt, wie also
Person und Umwelt in seinem psychischen Feld repräsentiert sind. Die Ge-
samtheit der zu diesem Zeitpunkt vorhandenen Aspekte der phänomenalen
Welt nennt er „Lebensraum“, der damit Sinneswahrnehmungen, Körperemp-
findungen, Gefühle, Wünsche, Erinnerungen, unbewusste Kräfte, Einstel-
lungen, Haltungen und beabsichtigte Zielsetzungen umfasst. Die im Lebens-
raum angetroffenen Kräfte können als die das Verhalten des Menschen in der
jeweiligen Situation bestimmend angesehen werden, sind damit auch für
Veränderungen und Entwicklungen als relevant anzusehen und damit auch für
psychotherapeutische Vorgangsweisen. „Je differenzierter und komplexer der
Lebensraum eines Menschen strukturiert ist, umso besser wird der Mensch
dazu imstande sein, sich situationsgemäß zu verhalten und in der Welt zurecht
zu kommen“ (Zabransky u. Soff 1996).
360 R. Kästl und G. Stemberger
Differenziertheit – Undifferenziertheit beschreibt Lewin als eine Dimension
des Lebensraumes. Die Differenziertheit des Lebensraumes kann in verschie-
denen weiteren Lebensraumdimensionen beschrieben werden. Als erste sei auf
die „Zeitperspektive“ verwiesen, die „als Gesamtheit der Ansichten eines
Individuums über seine psychologische Zukunft und seine psychologische
Vergangenheit, die zu einer gegebenen Zeit existieren“ (Lewin 1963, 116/117),
beschrieben wird. Wirken können demnach vergangene oder zukünftige Er-
eignisse nur, wenn sie im gegenwärtigen Lebensraum des Menschen z. B. als
Erinnerung oder geplante Absicht vertreten sind. Gerade in der Psychotherapie
besteht die Gefahr, dass man sich bei der Analyse der Lebensgeschichte und
deren Bedeutung für die Persönlichkeit und die vorgefundene Symptomatik des
Klienten auf die Vergangenheit an sich und deren Rekonstruktion bezieht. Für
die Analyse und Bearbeitung von Kausalbeziehungen folgt daraus, „dass nicht
die Sachverhalte als solche ausschlaggebend sind, sondern die Art und Weise,
wie sie im Individuum repräsentiert sind, und zwar „... zu einem jeweils gege-
benen Zeitpunkt. Nicht irgend ein Ereignis in der Vergangenheit, so wenig wie
ein zukünftiges, ist in der Gegenwart handlungsrelevant, sondern allein, wie
sich solche vergangenen oder zukünftigen Ereignisse in der Gegenwart dar-
stellen“ (Walter 1994, 83).
Eine weitere Differenzierung des Lebensraumes besteht in der Unterschei-
dung der „Realitäts- und Irrealitätsdimension“, wobei der Realitätsschicht die
Ebene der Handlungen und der Irrealitätsschicht die Ebene der Wünsche und
Träume zuzuordnen sind.
Mit der Dimension „Ordnung – Unordnung“ wird der Organisationsgrad
des Lebensraumes, mit „Enge – Weite“ die Reichweite der gleichzeitig im
Bewusstsein verfügbaren Zeitspanne und mit „Flüssigkeit – Rigidität“ die
Durchlässigkeit der verschiedene Lebensraumbereiche beschrieben.
Mit diesem dynamischen „Baukasten-Konstrukt“ Lebensraum (Walter
1994) lässt sich erklären und verstehen, wie die dem Menschenbild der Gestalt-
theorie zugrunde liegende „Tendenz zur guten Gestalt“ als Tendenz zur Ord-
nung und Differenzierung wirksam werden und auch psychotherapeutisch
genutzt werden kann.
Lewin, der mit diesem Modell eine theoretische Grundlage zum Verständ-
nis menschlichen Verhaltens und menschlicher Entwicklung – und damit
Veränderung – formuliert, benennt auf der Grundlage dieser Sichtweise drei
Wirkfaktoren der Psychotherapie: Bezogenheit, Konkretheit und Gegenwärtig-
keit. Mit Bezogenheit betont er den Beziehungscharakter der verursachenden
Fakten. „Ein Geschehen kann nur durch ein „Zueinander“ verschiedener
Gebilde verursacht werden“ (Lewin 1969, 54), d. h., dass verschiedene gegen-
wärtig wirkende (bewusste oder unbewusste) Aspekte des Lebensraumes
miteinander in Beziehung stehen und nicht als isolierte Geschehnisse betrach-
tetet werden können. Eine Einstellung, ein Gefühl oder eine Stimmung kann
nur in der Bezogenheit der verursachenden Fakten verstanden werden. Am
Gestalttheorie in der Psychotherapie 361
Beispiel von Trauer kann dies bedeuten, dass die emotionale Reaktion im
Zusammenhang mit einer enttäuschten, vielleicht auch unrealistischen, Erwar-
tungshaltung steht.
Die Faktoren Konkretheit und Gegenwärtigkeit der wirkenden Faktoren
ergeben sich aus dem Lebensraumkonzept und besagen, dass nur Konkretes
und Gegenwärtiges wirken kann. Diese Forderung gilt demzufolge auch für die
(gestalttheoretische) Psychotherapie, die sich auf im Lebensraum des Klienten
repräsentierte konkrete und gegenwärtige Fakten zu beziehen hat, um bewusst-
seinsfördernd und -erweiternd, insgesamt verändernd wirken zu können.
Lewins Wirkfaktoren folgend, können wir in der Gestalttheoretischen
Psychotherapie zuallererst von einer Kraftfeldanalyse sprechen. Ihre Aufgabe
besteht darin, die momentan wirkenden Kräfte (das können auch Barrieren
sein) in der phänomenalen Welt des Klienten deutlich werden zu lassen, eine
Umstrukturierung des psychischen Feldes zu ermöglichen, die Differenzierung
der Wahrnehmungs- und Erlebniswelt zu fördern und eine Stabilisierung der
Persönlichkeit auf einem höheren „Ordnungs-Niveau“ zu ermöglichen.
Schöpferische Freiheit
Wenn es darum geht, im therapeutischen Prozess etwas Neues zu
erkennen, zu entwickeln und diese Entwicklung im Sinne einer
diesem Menschen adäquaten Veränderung zu fördern, dann gilt es, Randbedin-
gungen herzustellen, die diese Veränderungen ermöglichen, d. h. die schöpferi-
schen Kräfte beim Klienten zur Entfaltung kommen lassen. Metzger (1962)
nennt diesen Zustand „Schöpferische Freiheit“; einen Zustand, der dort vor-
ausgesetzt wird, „wo aus dem Tun eines Menschen etwas ... Besonderes,
Neues, Eigenartiges, Ursprüngliches, Echtes, Wahres“ entstehen soll, wie „die
Klarlegung ungeahnter Zusammenhänge, eine Entdeckung, eine Erfindung, die
unerwartete Lösung einer organisatorischen Aufgabe, aber auch die von nie-
mand für möglich gehaltene Auflösung eines menschlichen Zerwürfnisses“
(Metzger 1962, 10). Schöpferische Freiheit kann nicht von außen aufgepfropft
werden, sondern entsteht von innen heraus. Sie kann durch einen sinnvollen
Umgang mit dem Menschen gefördert werden. Metzger (1962, 18 ff.) be-
schreibt sechs Kennzeichen im Umgang mit dem Lebendigen, deren Beachtung
„schöpferische Freiheit“ ermöglichen oder fördern soll:
Nicht-Beliebigkeit der Form: Man kann nur zur Entfaltung bringen, was im Men-
schen bereits angelegt ist. Auf Dauer kann man ihm nichts gegen seine Natur
aufzwingen.
Gestaltung aus inneren Kräften: Die Kräfte und Antriebe, die die angestrebte
Form verwirklichen, haben wesentlich in dem betreuten Wesen selbst ihren Ur-
sprung.
362 R. Kästl und G. Stemberger
Nichtbeliebigkeit der Arbeitszeit und Nicht-Beliebigkeit der Arbeitsgeschwindig-
keit: Eigene fruchtbare Zeiten und Augenblicke des Wesens, in denen es bestimm-
ten Arten der Beeinflussung, der Lenkung oder der Festlegung zugänglich ist, sind
ebenso zu beachten, wie die jeweils für das betreute Wesen eigentümlichen Ab-
laufgeschwindigkeiten. Dies bezieht sich auf Prozesse des Wachsens und Reifens,
die nicht beliebig gehandhabt oder beschleunigt werden können.
Duldung von Umwegen: Die Entwicklung des Menschen verläuft nicht gradlinig.
Umwege sind dort zu dulden, wo es für die weitere Entwicklung unerlässlich ist.
Wechselseitigkeit des Geschehens: Alles Geschehen im Umgang mit dem Lebendi-
gen ist wechselseitig und kann nur in der Beziehung von betreutem und betreuen-
dem Wesen verstanden werden.
Die Beachtung dieser sechs Kennzeichen durch den Betreuer (Pfleger,
Berater, Therapeut) können und sollen es dem betreuten Menschen ermögli-
chen, in schöpferischer Freiheit den sachlichen Forderungen der jeweiligen
Situation zu entsprechen. Sinnvolles und verantwortungsvolles Handeln setzt
ein Sich-Öffnen für die Gegebenheiten der vorgefundenen Situation und die
Bereitschaft voraus, sich sachbezogen statt ich-haft verhalten zu wollen. Damit
wird auch deutlich, dass unter Freiheit nicht die Freiheit, Beliebiges oder
Willkürliches zu tun, gemeint ist, sondern die Freiheit, das Rechte, das Ge-
forderte aus freien Stücken zu tun.
Walter (1977), der die Therapiesituation als einen Ort schöpferischer
Freiheit beschreibt, erweitert die sechs Kennzeichen Metzgers durch die bereits
beschriebenen Wirkfaktoren Lewins, also Bezogenheit, Konkretheit und Ge-
genwärtigkeit, und durch die von Rogers (1961) und der Gesprächspsycho-
therapie bekannten Kennzeichen therapeutischer Vorgehensweise wie Akzep-
tieren und Wertschätzung des Klienten, Empathie sowie Authentizität und
Transparenz des Therapeuten. Die Beachtung dieser zwölf Kennzeichen kann
als grundsätzliche Haltung des Therapeuten in der Gestalttheoretischen Psy-
chotherapie angesehen werden. Sie sind zugleich auch praxeologisch hand-
lungsleitend für die Kraftfeldanalyse im Rahmen der Prozess-Einheit von
Diagnostik und Therapie (vgl. dazu Stemberger 2005).
Gestalttheoretische Psychotherapie
und Gestalt-Therapie
Walter (1977), der mit der Gestalttheoretischen Psychotherapie ein
psychotherapeutisches Verfahren begründet hat, das sich auf die
Gestalttheorie der Berliner Schule mit ihren prägnanten erkenntnistheoreti-
schen, ganzheitlichen und phänomenologischen Sichtweisen bezieht, sieht im
Unterschied zu einigen anderen Gestalttheoretikern keinen Anlass, sich von der
Gestalt-Therapie des Frederick (Fritz) Perls grundsätzlich zu distanzieren. Perls
Gestalttheorie in der Psychotherapie 363
hat sich bei der Begründung seines Verfahrens wesentlich auch auf die Er-
kenntnisse der Gestaltpsychologie bezogen; seine phänomenologische Sicht-
weise in seiner therapeutischen Methodik ist beeindruckend und richtungs-
weisend. Dennoch sind in der weiteren theoretischen Begründung seines
Ansatzes Erklärungsansätze eingeflossen, die vor allem im erkenntnistheoreti-
schen Bereich nicht mehr mit der Gestalttheorie vereinbar sind. Als Begrün-
dung für die Abgrenzung der Gestalttheoretischen Psychotherapie zur Gestalt-
Therapie führt Walter (1994b, 1) daher folgendes an: „Es geht also keinesfalls
um eine grundsätzliche Distanzierung gegenüber der Gestalt-Therapie des Fritz
Perls. Aber gerade, dass Fritz Perls das Besondere der Gestalt-Therapie als
durch die gestalttheoretische Psychologie begründet ansah, rechtfertigt die
Entscheidung, nicht mehr einfach von Gestalt-Therapie zu sprechen. Denn
leider ist dies von vielen seiner Schüler gründlich missachtet worden. Man
machte es sich vielfach allzu leicht, in dem man Gestalt-Therapie als therapeu-
tische Methode und Theorie sui generis, erfunden und gelehrt von einem
einzigen Menschen, betrachtete und anschließend bedenkenlos von ihrem
erkenntnistheoretischen und psychologiegeschichtlichen Hintergrund abkop-
pelte. So kam es dazu, dass ihr schließlich unter dem Deckmantel theoretischer
Weiterentwicklung ganz andere Grundlagen unterschoben, oder, will man es
freundlicher sagen, angedichtet wurden, oft schlicht, weil die Verfasser solcher
Texte zwar die Praxis der Gestalt-Therapie kennen gelernt hatten, die gestalt-
theoretische Psychologie aber kaum kannten und sich auch nicht die Mühe
machten, sich näher mit ihr zu beschäftigen.“
Inzwischen zeigt die von Walter angesprochene Entwicklung, dass auf die
Gestalttheorie zurückzuführende Konstrukte in der theoretischen Begründung
der Gestalt-Therapie zum Teil inhaltlich anders verstanden und eingesetzt
werden. Eine ausführliche Darstellung hierzu findet sich bei Stemberger
(1998).
Abschließende Bemerkungen
Neben der nahen Verwandtschaft der Gestalttheoretischen Psycho-
therapie zur Gestalt-Therapie des Frederick Perls können weitere enge
Verbindungen zu bekannten Psychotherapieverfahren in Theorie und Praxis
gefunden werden. Dem Menschenbild der Gestalttheorie sehr nahe steht vor
allem auch Adlers individualpsychologischer Ansatz, der dem Gemeinschafts-
gefühl des Menschen eine bedeutende Rolle zuschreibt; dieses Gemeinschafts-
gefühl und die von seinem Mitarbeiter Künkel beschriebene Wir-Haftigkeit
stimmen mit dem Teil-Ganzen-Verständnis und der Betonung der Sach-Bezo-
genheit der Gestalttheorie überein. Der tiefenpsychologische Aspekt – also die
364 R. Kästl und G. Stemberger
Einbeziehung des Unbewussten – verbindet mit dem psychoanalytischen
Verfahren Freuds, ohne deshalb die deterministische Triebtheorie mit überneh-
men zu müssen. In der therapeutischen Methodik ist die Gestalttheoretische
Psychotherapie offen für jede Interventionsform, die der Eigenart des be-
handelnden Menschen gerecht und mit dem ganzheitlichen und phänomenolo-
gischen Grundverständnis der Gestalttheorie in Übereinstimmung gebracht
werden kann. Hier sind insbesondere die zahlreichen bewusstseinsfördernden
Interventionsformen, die in den der humanistischen Psychologie nahestehenden
Verfahren wie z. B. Gestalt-Therapie, Psychodrama, Gesprächspsychotherapie
und körperorientierte Verfahren zu nennen; aber auch die zeitgerechte und
konkret auf das gegenwärtige Erleben bezogene Deutung in der Psychoanalyse
oder die situationsgerechte lernförderliche Methodik der Verhaltenstherapie
sind mit einzubeziehen. Eine Beschreibung der psychotherapeutischen Vor-
gangsweise, der Anwendung von Interventionstechniken und ihrer Zielsetzung
findet sich in Zabransky u. Soff (1996). Die detaillierte Umsetzung des theore-
tischen Verständnisses der Gestalttheoretischen Psychotherapie in die konkrete
psychotherapeutische Praxis mit der Anwendung verschiedener Interventions-
formen wurde anschaulich in verschiedenen Falldarstellungen (z. B. Winkelhog
1992, Hensgen-Möck 1992, Sternek 1999) dargelegt.
Dass auf der Grundlage gestalttheoretischer Sichtweisen und Forschungs-
befunde zahlreiche unterschiedliche Interventionstechniken Anwendung in der
Gestalttheoretischen Psychotherapie finden können, stellt für die Vertreter der
Gestalttheoretischen Psychotherapie einen der Gründe dar, diese als einen
integrativen Ansatz der Psychotherapie zu verstehen und zu vertreten.
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Rainer Kästl, Lindenhofweg 19, D-88131 Lindau.
Dipl.-Psych., freiberuflicher Psychotherapeut und Supervisor in Lindau und Wien, Aus-
und Weiterbildung in Tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie, Gestalt-Therapie,
Gestalttheoretischer Psychotherapie und Psychodrama, Lehrtherapeut für Gestalttheoreti-
sche Psychotherapie. Seit 1979 Vorstandsmitglied der Sektion Psychotherapie der
Gesellschaft für Gestalttheorie und ihre Anwendungen (GTA); seit 1994 Vorstandsmit-
glied der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie
(DAGP).
Dr. Gerhard Stemberger, Wintergasse 75-77/7, A-3002 Purkersdorf.
Dr.phil., Soziologe und Psychotherapeut (Gestalttheoretische Psychotherapie), Mitglied
des Psychotherapie-Beirates beim österreichischen Gesundheitsministerium, Lehr-
therapeut für Gestalttheoretische Psychotherapie, in freier Praxis als Psychotherapeut und
Supervisor in Wien und Purkersdorf. Vorsitzender der Gesellschaft für Gestalttheorie
und ihre Anwendungen (GTA), Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift „Gestalt
Theory“.
Manuskriptendfassung eingegangen am 23. Oktober 2005.
... Auf den psychotherapeutischen Bereich strahlte die Gestalttheorie von Anfang an aus (vgl. Kästl/Stemberger 2005), was angesichts der wahrneh-mungspsychologischen und anderen bekannteren Forschungsbereiche der Gestalttheorie oft übersehen wird. Es entstanden schon in den 1920er-Jahren Pionierarbeiten zum gestalttheoretischen Verständnis gesunder und pathologischer psychischer Entwicklung (vgl. ...
Chapter
Full-text available
Summary: The paper [in German language] outlines the key concepts of Gestalt Theoretical Psychotherapy, a strictly Gestalt psychology based psychotherapy method. Preprint of the book chapter: Zabransky, Dieter; Eva Wagner-Lukesch; Gerhard Stemberger & Angelika Böhm (2018): Grundlagen der Gestalttheoretischen Psychotherapie. In: M. Hochgerner et al. (Hrsg.), Gestalttherapie. Zweite Auflage. Wien: Facultas, 132-169.
... Kurt Lewin (1890Lewin ( -1947 Die Gestalttheorie strahlte von Anfang an auch auf den psychotherapeutischen Bereich aus (vgl. Kästl & Stemberger, 2005). Schon früh entstanden Pionierarbeiten zum gestalttheoretischen Verständnis gesunder und pathologischer psychischer Entwicklung (vgl. . ...
Chapter
Full-text available
Der Beitrag stellt die Gestalttheoretische Psychotherapie in ihren theoretischen und praktischen Grundkonzepten vor.
Chapter
In seinen historischen Schulrichtungen (Grazer Schule, Leipziger Ganzheitspsychologie und besonders der Berliner Gestalttheorie) ist das Konzept eines vom seelischen Ganzen ausgehenden und seinem Gestaltcharakter folgenden gegenstandsangemessenen Zugangs zur Wirklichkeit des Erlebens und Verhaltens zunächst in der Wahrnehmungs- und Denkpsychologie prägend gewesen. Heute ist gestaltpsychologische Forschung und Beratung darüber hinaus in den Bereichen von (gestalttheoretischer) Psychotherapie, Kulturpsychologie, Organisationspsychologie und psychologischer Ästhetik verbreitet.
Chapter
Wenn wir Beratung als Mittel verstehen, mit komplexen und schwer lösbaren Problemen umzugehen, dann stellt sich die Frage, was Beratenden in ungewissen Situationen hilft, Orientierung zu finden und mit ihrem eigenen Nichtwissen umzugehen. Um sich dem zu nähern, skizziert dieser Beitrag zum einen kurz die Situation und Trends in der Beratung und charakterisiert anhand von drei Thesen ein ganzheitliches Beratungsverständnis. Zum andern beschreibt er den ganzheitlichen Gestaltansatz als grundlegende Theorie und erläutert, daran angelehnt, was Beratende dabei unterstützt, trotz der druckvollen und herausfordernden Situationen handlungsfähig zu bleiben. Denn indem Beratende ihre Aufmerksamkeit für die intuitive Erfassung von Mustern öffnen, können Lösungen aus der Situation heraus entstehen; Beratende können Veränderungen geschehen lassen, statt etwas erwirken zu wollen.
Article
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ZUSAMMENFASSUNG: Die Kernaussagen des Vorschlags von Matthew Maibaum für eine Taxonomie psychischer Störungen in der Tradition der Lewin-Schule werden in einer kurzen Zusammenfassung in deutscher Sprache vorgestellt. Daran schließen sich Anmerkungen zur Vorfrage, die zu einem solchen Vorschlag zu stellen ist, ob nämlich eine solche Aufgabenstellung mit der Lewinschen Forderung nach einem Übergang von der aristotelischen zur galileischen Denkweise vereinbar ist. SUMMARY: Some key concepts of Matthew Maibaum's suggestions for a Lewinian taxonomy of psychiatric disorders are summarized in German language, followed by a discussion of a preliminary question for such an endeavor: Can the construction of a taxonomy of psychiatric disorders be compatible with Kurt Lewin's call for adopting the Galileian instead of the Aristotelian mode of thought?
Chapter
Die Frage läßt theoretisch Antworten von „absolut gar nichts“ bis „sind im Prinzip identisch“ zu. Ich habe sie so formuliert, weil ich für möglich halte, daß sich die Antwortpräferenzen der Anwesenden über die gesamte Skala zwischen diesen Polen verteilen. Für mich bedeutet diese Frage: Ich habe die Aufgabe übernommen zu belegen, daß und wie Gestalt-Therapie und Gestalttheorie etwas miteinander zu tun haben, ja, daß und wie sie mehr oder weniger zusammengehören.
Chapter
Gestalt theory, which arose in and was demonstrated with psychological phenomena, was one of the answers to a crisis in Western intellectual thought which is still with us. There has been, in the 20th century, a growing hostility toward science among the intellectuals, expecially the younger generation, which seems to be caused by the opinion that science offers them nothing when they turn to it for answers to the most fateful questions that confront them, namely, questions about the meaning of human existence. They are not content with the goods and services and with the domination of nature by man that are often pointed to as proof that science leads to the betterment of mankind as well as to the understanding of nature. Science, they say, ignores what human beings encounter in their daily lives.1) Some implications of Gestalt theory for dealing with the crisis are reflected in a paper written by Max Wertheimer in 1924. It is based on a lecture that Wertheimer gave that year at a meeting of the Kantgesellschaft in Berlin. He spoke from only a few notes and had no manuscript but the speech was taken down in shorthand while he spoke. Due to the urging of people who heard it, the shorthand record of the speech was published with minor changes (1924).