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Die Berücksichtigung von Kohärenz in der empirischen Analyse textueller Frames

Authors:
Die Berücksichtigung von Kohärenz in der empirischen
Analyse textueller Frames
Matthias Potthoff und Matthias Kohring
Erkenntnisinteresse
Der vorliegende Aufsatz beschäftigt sich mit zwei Problemen der empirischen
Framing-Forschung, die so unser Vorschlag mit Hilfe des Konzepts der »Ko-
härenz« gelöst werden können. Das Konzept der Kohärenz wurde teils in ver-
wandter Begrifflichkeit bereits von mehreren Autoren als Bestandteil einer
Frame-Definition verwendet (vgl. Matthes 2007: 136, Reese 2001: 11, Neid-
hardt/Rucht 1993: 308). Eine empirische Umsetzung existiert bislang jedoch
noch nicht und somit scheint es, als werde dieses Merkmal nicht angemessen
gewürdigt. Dies sollte jedoch überdacht werden, da mit Hilfe des Kohärenzkrite-
riums sowohl die Definition von »Frame« präzisiert als auch das Problem der so
genannten »vermischten Frames« behoben werden kann.
Das erste hier behandelte Problem der Framing-Forschung besteht bei der Be-
griffsbestimmung von »Frame«. Von einigen Autoren wird völlig zu Recht an-
gemahnt, »dass das [.] Konstrukt »Frame« sowohl auf theoretischer als auch em-
pirischer Ebene nach wie vor klärungsbedürftig ist« (Bonfadelli/Marr 2008:
137), bzw. dass unklar sei, »welche empirischen Kriterien gegeben sein müssen,
sodass von einem Frame[…] gesprochen werden kann.« (Bonfadelli 2002:
152) Treffend konstatiert Van Gorp (2007: 62): »In a way, frames seem to be
everywhere, but no one knows where exactly they begin and where they end.«
Diese Situation ist dadurch entstanden, dass die Framing-Forschung sich ur-
sprünglich auf wenig konkret gefasste Konzepte gründete und dabei kaum Auf-
merksamkeit auf deren Operationalisierung legte. Bei dem Versuch, beobachtba-
re Phänomene zu finden, die zu den vagen Beschreibungen von Frames in der
bisherigen Literatur passen, ist der Frame-Begriff mehrfach und in unterschiedli-
che Richtungen mutiert. Dabei hat er wesentlich an Kontur verloren. Das Kon-
zept der Kohärenz kann die definitorische Unklarheit mindern, indem es ein
messbares Kriterium für das Vorliegen eines Frames bereitstellt.
Das zweite Problem der Framing-Forschung, mit dem sich der vorliegende
Aufsatz beschäftigt, ist das »Problem der vermischten Frames«. Es entsteht bei
der empirischen Analyse von textuellen Frames, z. B. also von Frames in Medi-
enangeboten, und meint, dass in einer Analyseeinheit mehrere Frames vorliegen
können. Bezüglich dieses jüngst in die Debatte eingebrachten Gedankens (vgl.
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Matthes 2007) ist zum Ersten zu diskutieren, inwieweit bei dem Vorliegen meh-
rerer Frames pro Einheit überhaupt noch von einem Framing zu sprechen ist.
Zum Zweiten ist zu überlegen, wie man empirisch mit dem Problem der Identifi-
zierung mehrerer Frames verfährt.
In diesem Kontext ist zunächst zu klären, was die Analyseeinheit einer Frame-
Analyse ist. Es wird hier argumentiert, dass dies bei der Analyse von Medien-
Frames das einzelne Medienangebot sein muss. Dies entspricht laut einer Meta-
Analyse von Matthes (2008: 169) einer gängigen Vorgehensweise. In jüngerer
Zeit wurde auch versucht, einzelne Sprecheräußerungen in Medienangeboten als
Analyseeinheit zu wählen (vgl. Matthes 2007: 200ff., Böcking 2009: 198) mit
der Begründung, ein Frame sei »eine strategische Sicht eines Akteurs, d.h. ein
spezifisches Muster bestehend aus einer Problemdefinition, Ursachenzuschrei-
bung, Handlungsanweisung und Bewertung.« (Matthes 2007: 89) Dabei solle
»einleuchten, dass schon allein aus Erwägungen der Vielfalt eine Reihe solcher
strategischer Positionen in einem Artikel vertreten sein können.« (ebd.) Diese
Vorgehensweise kann dann sinnvoll sein, wenn man Frames von Akteuren unter-
suchen möchte, die zum Gegenstand der Berichterstattung geworden sind.
Matthes (vgl. 2007: 201 & 233) fasst den Journalisten jedoch als einen Akteur
wie jeden anderen auf und ordnet ihm nur solche Textstellen zu, bei denen kein
anderer Sprecher zitiert wird (vgl. auch Böcking 2009: 198). Damit wird jedoch
vernachlässigt, dass der Journalist Konstrukteur des gesamten Medienangebotes
ist und dass diese Konstruktion sowohl die Selektion von Äußerungen anderer
Akteure als auch die Erstellung eigener Aussagen umfasst.
Dabei wird der Frame in einem Medienangebot so die hier vertretene Mei-
nung durch die Selektion von Fremdaussagen und die Ergänzung dieser durch
eigene Aussagen erschaffen. Eine Alternative zu der Sichtweise, dass ein Medi-
enangebot, in dem mehrere Akteursframes oder Fragmente von Akteursframes
vermischt wurden, mehr als einen Frame enthält, lautet somit, dass die Kombina-
tion dieser Akteursframes einen neuen Frame ergibt, dessen Konstrukteur der
Journalist ist. Das Medienangebot ist somit die sprachliche Einheit, innerhalb
derer der Journalist eine bestimmte Deutung eines Themas vornimmt. Soll das
Framing in/von Medientexten untersucht werden, ist das Medienangebot als
Analyseeinheit zu wählen.
Ist jedoch jede Kombination von Aussagen in einem Medienangebot, die auf
einen oder auch mehrere Akteure zurückzuführen ist, als ein Frame zu betrach-
ten? Matthes (vgl. 2007: 253f.) wegweisende Studie ergab, dass häufig sich wi-
dersprechende Akteursframes in ein und demselben Beitrag auftauchen. Dabei
scheint die Abbildung mehrerer Akteursframes in einem Medienangebot auf-
grund der journalistischen Objektivitätsnorm ein plausibles Verhalten darzustel-
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»Man veröffentlicht eine Darstellung von A und eine Gegenmeinung von B, einen Vor-
wurf von A und eine Reaktion bzw. ein Dementi von B, ein Gutachten und ein Gegengut-
achten usw. So können Journalisten behaupten, objektiv berichtet zu haben, da ja auch die
andere Seite veröffentlicht wurde.« (Weber 1999: 18)
Wie allerdings passt dies zu der häufig angesprochenen Orientierungsfunktion
von Frames, wonach sie bestimmte Entscheidungen und Bewertungen nahelegen
(vgl. Scheufele/Brosius 1999: 410) und mögliche politische Alternativen ein-
schränken (vgl. Tuchman 1978: 156; siehe auch Entman/Matthes/Pellicano 2009:
177)? Versteht man Frames als eine Informationskomposition, welche eine be-
stimmte Interpretation eines Ereignisses beinhaltet (vgl. Entman 2007: 164, Nor-
ris/Kern/Just 2003: 11, Entman 1993: 52), sind kontradiktorische Elemente als
Bestandteil desselben Frames nicht denkbar. Daraus folgt zum Ersten, dass nicht
jedes Medienangebot einen Frame aufweisen muss, da nicht jede Menge von in
einem Medienangebot enthaltenen Aussagen eine klar ausgerichtete Orientierung
anbietet. Zum Zweiten folgt daraus, dass es eines empirischen Kriteriums bedarf,
um festzustellen, ob ein Journalist durch die Auswahl und Konstruktion be-
stimmter Aussagen in einem Medienangebot tatsächlich eine Deutung eines
Themas vornimmt. Nur wenn letzteres der Fall ist, soll von einem Frame gespro-
chen werden. Auch hier kann das Konzept der Kohärenz sinnvoll eingesetzt
werden, wie in dem Folgenden gezeigt wird.
Definition von »Frame«
Da das Konzept des Frames bislang überaus vielgestaltig beschrieben wurde, gilt
es zunächst, eine Definition von »Frame« zu präsentieren, welche den folgenden
Ausführungen zugrunde liegt. Behandelt werden hier ausschließlich textuelle
Frames, die sich in Medienangeboten oder anderen in Textform vorliegenden
Dateneinheiten manifestieren. Ausgeschlossen werden damit diskursiv, kognitiv
oder kulturell verortete Frames (vgl. Van Gorp 2007: 61, Scheufele 2003: 48).
Weiterhin werden nur Frames im Sinne des Emphasis-Framing-Ansatzes be-
trachtet. Während bei anderen Framing-Varianten der Einfluss unterschiedlicher
Darstellungen logisch äquivalenter Handlungsalternativen auf Entscheidungen
von Individuen diskutiert wird (equivalency framing effects, vgl.
Tversky/Kahneman 1981), geht es hier um den Einfluss einer eingeschränkten
und nach bestimmten Prinzipien zusammengestellten Auswahl von Informatio-
nen (vgl. Druckman 2004: 672, siehe auch Entman/Matthes/Pellicano 2009:
182). Diese Frame-Variante lässt sich prägnant wie folgt beschreiben: »The es-
sence of framing is selection to prioritize some facts, images, or developments
over others, thereby unconsciously promoting one particular interpretation of
events.« (Norris/Kern/Just 2003: 11)
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In Anbetracht der Kritik, dass die Anzahl an teils stark divergierenden Frame-
Definitionen eine der wesentlichen Schwachstellen des Framing-Ansatzes dar-
stellt, schiene es konsequent, sich in der Definition dem Vorschlag Entmans (vgl.
1993: 52) anzuschließen, die sich nach der Meta-Analyse von Matthes (vgl.
2008: 165) zum Konsens zu etablieren scheint. Allerdings ist diese Definition
auch zu Recht kritisiert worden. So bemängeln Pan und Kosicki (vgl. 2005:
176f.), dass die Definition zu unspezifisch sei und dadurch die theoretische Vag-
heit des Framing-Ansatzes fördere. Zudem scheint Entmans Klassifizierung der
Frame-Elemente in Problemdefinition, Kausalattribution, Bewertung und Hand-
lungsempfehlung relativ willkürlich. Dass Frames nur aus diesen Aussagen be-
stehen sollten, wird jedenfalls weder durch empirische Beobachtungen noch
durch theoretische Überlegungen legitimiert. Aus diesem Grund wird Entmans
Vorschlag und denjenigen Definitionen, die sich teilweise hieraus ableiten (vgl.
u.a. Matthes 2007: 134ff., Dahinden 2006: 308, Harden 2002: 88), nicht in Gän-
ze gefolgt. Es sollte jedoch auch nicht so weit davon abgewichen werden, dass
damit der bisherige Forschungsdiskurs verlassen und die Anknüpfung an bishe-
rige Bemühungen unmöglich gemacht wird. Der folgende Vorschlag ist somit
vor allem als eine konstruktiv gemeinte Modifikation bestehender Definitionen
zu betrachten.
Wesentliche Merkmale des Frame-Konstrukts, die in verschiedensten Frame-
Definitionen wiederkehren, sind die folgenden: Bei einem Frame handelt es sich
um ein wiederkehrendes Muster bestimmter Elemente (vgl. Norris/Kern/Just
2003: 10f., Scheufele 2003: 46, Hertog/McLeod 2001: 140, Gitlin 1980: 7). Die-
ses Muster ist dadurch gekennzeichnet, Ergebnis eines Selektionsprozesses zu
sein, d. h. manche Elemente sind Bestandteil des einen und nicht Bestandteil ei-
nes anderen Frames (Entman 1993: 52, 2007: 164, Matthes 2007: 143, Reese
2001: 11f., 2007: 150, Dahinden 2006: 308, Norris/Kern/Just 2003: 10f., Scheu-
fele 2003: 46, Hertog/McLeod 2001: 140f., Tankard et al. 1991: 11, Gitlin 1980:
7). Zudem zeichnen sich die Elemente eines Frames durch eine erhöhte Salienz
aus, d. h. sie stechen für den Rezipienten aus ihrem Kontext hervor (vgl. Entman
1993: 52, 2007: 164, Matthes 2007: 143, Scheufele 2003: 46, de Vreese 2005:
27, Harden 2002: 88, Tankard et al. 1991: 11, Gitlin 1980: 7). Wie oben bereits
beschrieben, ist schließlich auch die Kohärenz ein häufig in Frame-Definitionen
erscheinendes Merkmal.
Problematisch an Entmans Vorschlag wirkt nur die Klassifizierung der Aus-
sagen, welche Bestandteil eines Frames sein sollen. Hier wird vorgeschlagen,
diese Klassifizierung fallen zu lassen und Frame-Elemente allgemeiner als Aus-
sagen mit direktem Bezug zu einem bestimmten Thema aufzufassen. Dies um-
fasst auch die von Entman vorgeschlagenen Aussagenarten, ohne sich jedoch da-
rauf zu beschränken. Ein Frame wird daher definiert als Muster von Aussagen,
das seinen inneren Zusammenhalt durch eine im Folgenden weiter zu spezifizie-
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rende Kohärenz erhält und sich dadurch von seiner sonstigen Umwelt abgrenzt,
dass es nur eine Teilmenge aller möglichen Aussagen zu einem Thema enthält.
Diese Aussagen stechen auf von der Framing-Forschergemeinschaft bislang
weitgehend unbestimmte Weise aus ihrem Kontext hervor (Salienz).
Nur, wenn eine Menge von Aussagen, die gemeinsam in einer Einheit vorlie-
gen, kohärent sind, ist diese Menge von Aussagen als ein Frame zu bezeichnen.
Kann jedoch keine Kohärenz festgestellt werden, dann handelt es sich nicht um
einen Frame.2 Damit ist ein klares empirisches Kriterium dafür gegeben, wann
von einem Frame zu sprechen ist. Dabei ist nicht anzunehmen, dass Kohärenz
jeder Menge von Aussagen in einem Medienangebot zu eigen ist; nicht jedes
Medienangebot verfügt also über einen Frame.
Definition und Operationalisierung von Kohärenz
Damit das Konzept der Kohärenz in der empirischen Forschung angewendet
werden kann, bedarf es einer operationalisierbaren Definition. An dieser Stelle
wird vorgeschlagen, Kohärenz zu bestimmen als einen Zusammenhang von
Frame-Elementen, der durch gemeinsame fundamentale Normen und Wertorien-
tierungen sowie einen gegenseitigen sinnhaften Verweis der Frame-Elemente
aufeinander entsteht. Diese Kohärenzdefinition trägt dem Umstand Rechnung,
dass es sich bei Frames um eine Aussagenstruktur handelt, die für den Wahr-
nehmenden Komplexität reduziert und eine bestimmte Interpretation eines The-
mas anbietet. Sie entspricht damit in Teilen Matthes (2007: 136) im Zusammen-
hang mit der Kohärenz geäußerten Annahme, »dass die Elemente des Frames die
gleiche Gesamtevaluation bzw. Grundhaltung zum Thema nahe legen«.
Bei der Operationalisierung scheint es einfacher, statt des Vorhandenseins von
Kohärenz das Gegenteil, nämlich Inkohärenz, zu erheben. Wenn Inkohärenz
nicht vorliegt, liegt in der Regel Kohärenz vor und umgekehrt. Entsprechend der
obigen Kohärenzdefinition lässt sich sagen, dass Inkohärenz bei Widersprüchen,
argumentativen Dissonanzen oder Konkurrenzverhältnissen zwischen Aussagen
vorliegt: Ein Widerspruch ist dann gegeben, wenn zwei Aussagen vorliegen, die
nicht beide wahr sein können. Ein Beispiel wären die Sätze »Atomkraft nutzt der
Wirtschaft« und »Atomkraft schadet der Wirtschaft«. Eine Sache kann entweder
in der Summe nützen oder schaden, jedoch nicht beides gleichzeitig. Zwei derar-
2 In gleicher Weise sollte auch das Konzept der Salienz ernst genommen werden, welches
ebenfalls Bestandteil vieler Frame-Definitionen ist. Im Rahmen des unten skizzierten
Tests wurde auch versucht, dieses Konzept als Betonung von Frame-Elementen zu opera-
tionalisieren. Dieser Versuch erwies sich jedoch nicht als erfolgreich, so dass er an dieser
Stelle nicht berichtet wird.
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tige Aussagen in einer Einheit zu finden wäre somit ein Zeichen von Inkohärenz.
Gleiches gilt bei argumentativen Dissonanzen, die dann gegeben sind, wenn
Aussagen in einer Einheit koexistieren, die nicht auseinander folgen können, d.
h. nicht sinnhaft aufeinander verweisen. Dies wäre bspw. der Fall bei den Aussa-
gen »Atomkraft schadet der Wirtschaft« und »Atomkraft ist etwas Gutes«. Wenn
Atomkraft einen Schaden verursacht, wäre sie nach allgemeiner Auffassung als
etwas Schlechtes anzusehen. Die Parallelität der zwei Beispielaussagen führt zu
Dissonanz und damit zu Inkohärenz. Der letzte Indikator von Inkohärenz ist ein
Konkurrenzverhältnis zwischen zwei Aussagen. Man denke beispielhaft an die
zwei Sätze »Atomkraft soll abgeschafft werden« und »Atomkraft soll beibehal-
ten werden«. Das Widerspruchskriterium greift hier nicht, weil es sich bei den
beiden Sätzen um Forderungen handelt und nicht um Aussagen, die einen Wahr-
heitsgehalt beanspruchen. Für diesen Zweck ist das Konzept der Konkurrenz
sinnvoll: Nur eine der beiden Alternativen kann sinnvollerweise gefordert wer-
den.
Anhand der drei genannten Kriterien kann Kohärenz somit operationalisiert
werden als das Ausbleiben von Inkohärenz, d. h. als das Nicht-Vorhandensein
von Widersprüchen, argumentativen Dissonanzen und Konkurrenzverhältnissen
zwischen Text-Aussagen bzw. Frame-Elementen. Die Operationalisierung dieser
Inkohärenz kann mithilfe einer Matrix erfolgen, in der jedes Frame-Element, das
in einem untersuchten Diskurs vorkommt, einmal in den Zeilen und einmal in
den Spalten abgetragen ist. In dieser Matrix wird dann für jedes Variablenpaar
bestimmt, ob ein Inkohärenzverhältnis dieser zwei Variablen vorliegt. Im fol-
genden Beispiel wurde eine »1« vergeben, wenn dies der Fall war, und eine »0«,
wenn zwei Variablen sich kohärent verhielten.
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Tabelle 1: Beispiel einer Inkohärenzmatrix
Auf der Grundlage dieser Matrix kann ein Inkohärenzwert berechnet werden. Da
die zwei durch die grau markierte Hauptdiagonale getrennten Bereiche der Mat-
rix jeweils identisch ausfallen, muss nur einer der beiden Bereiche beachtet wer-
den. Bei der Ermittlung des Inkohärenzwertes wird die Anzahl an Inkohärenz-
verhältnissen zwischen den in einer Einheit vorliegenden Aussagen ausgehlt.
Ein Beispiel: In einem Medienangebot erscheinen die drei Aussagen (1) »Atom-
kraft schadet der Umwelt«, (2) »Atomkraft ist etwas Gutes« und (3) »Atomkraft
soll beibehalten werden«. Wie aus der obigen Matrix ersichtlich, liegt zwischen
den Aussagenpaaren (1) und (2) sowie (1) und (3) jeweils ein Inkohärenzverhält-
nis vor. Der Inkohärenzwert wäre hier also zwei. Diese Auszählung des Inkohä-
renzwertes lässt sich zum Beispiel mithilfe einer Excel-Anwendung automatisie-
ren.
Nutzen der Kohärenzmessung
Der Inkohärenzwert hat zweierlei Nutzen: Zum Ersten kann er als Indikator da-
für angesehen werden, ob ein Medienangebot einen einzigen Frame enthält (und
damit eine klare Orientierung anbietet) oder nicht. Liegt der Wert hoch, ist dies
nicht der Fall, d. h. im Fall eines hohen Inkohärenzwertes ist davon auszugehen,
dass mehrere Frames in einem Medienangebot vermischt wurden, die zusammen
Atomkraft
schadet d.
Umwelt
Atomkraft
nützt d.
Wirtschaft
Atomkraft
ist etwas
Gutes
Atomkraft
ist etwas
Schlechtes
Atomkraft
soll beibe-
halten
werden
Atomkraft
soll abge-
schafft
werden
Atomkraft
schadet d.
Umwelt
0 1 0 1 0
Atomkraft
nützt d.
Wirtschaft
0 0 1 0 1
Atomkraft
ist etwas
Gutes
1 0 1 0 1
Atomkraft
ist etwas
Schlechtes
0 1 1 1 0
Atomkraft
soll beibe-
halten w.
1 0 0 1 1
Atomkraft
soll abge-
schafft w.
0 1 1 0 1
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keine sinnvolle Deutung eines Themas anbieten. Diese Fälle im Rahmen von
Frame-Analysen zu identifizieren ist wichtig, da die inkohärenten Fälle hier nicht
berücksichtigt werden sollten. Dies ist zum einen dadurch begründet, dass sie
streng genommen keinen journalistischen Frame enthalten. Zum Zweiten ist ihr
Ausschluss deshalb gerechtfertigt, weil in einer Analyseeinheit vermischte Fra-
mes für manche Verfahren der Frame-Analyse insbesondere das manuell-
dimensionsreduzierende ein Problem erzeugen: Anwender dieses Verfahrens
gehen davon aus, dass ein Frame ein Muster aus verschiedenen Elementen dar-
stellt und dass sich diese einzelnen Elemente im Gegensatz zu dem Frame als
Ganzem direkt beobachten lassen. Die Grundidee des Verfahrens ist nun, »dass
sich die durch eine Inhaltsanalyse erfassten und vorab definierten Frame-
Elemente in einer charakteristischen Weise gruppieren und somit clusteranaly-
tisch zu einem Frame zusammenfassen lassen.« (Matthes/Kohring 2004: 56, vgl.
auch Kohring/Matthes 2002: 145f.) Liegen in dem Material tatsächlich wieder-
kehrende Muster von Aussagen vor, wobei in jeder Analyseeinheit nur eines die-
ser Muster vorhanden ist, kann die Analyse gute Ergebnisse erbringen. Liegen
jedoch in einer einzelnen Analyseeinheit häufig mehrere vermischte Akteursfra-
mes vor, wird das Verfahren dadurch geschwächt.3 Jedes Cluster zeigt dann
nicht nur hohe Mittelwerte für Elemente eines Frames, sondern für Elemente
verschiedener Frames, die sich inkohärent zueinander verhalten. Hierbei ist teil-
weise keine Interpretation mehr möglich. Dies lässt sich jedoch vermeiden, in-
dem Fälle mit vermischten Akteursframes aus der Analyse ausgeschlossen wer-
den. Wird eine Clusteranalyse nur mit solchen Fällen durchgeführt, in denen nur
Elemente enthalten sind, die gemeinsam eine sinnvolle Deutung eines Themas
skizzieren, sind im Sinne der oben genannten Frame-Definition interpretierbare
Ergebnisse zu erwarten.
Erster Test der Kohärenzoperationalisierung
Ob sich das Konzept der Kohärenz empirisch erfassen lässt und dabei hilft, Arti-
kel mit mehreren Frames zu identifizieren, wurde in einer ersten Studie über-
prüft. Hierbei handelte es sich um eine originäre Frame-Analyse zum EU-Beitritt
der Türkei. Analysiert wurden Artikel aller Qualitätszeitungen der Länder
3 Mehrere Probleme sind hierbei denkbar: So kann ein Frame einen bestimmten Antagonis-
ten, d. h. einen Gegen-Frame aufweisen und immer mit diesem zusammen erscheinen.
Die Elemente der antagonistischen Frames hängen dann fast ebenso gut zusammen wie
die Elemente eines einzelnen Frames. Des Weiteren können Frames häufig unterschied-
lich vermischt sein, so dass viele Elemente ein wenig, nicht jedoch in eindeutiger Weise
zusammenhängen. Auch dies erschwert die Interpretation.
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Deutschland, Österreich und England im Zeitraum vom 1. Januar 2005 bis zum
1. Oktober 2009. Aufgegriffen wurden alle Artikel, die sich hauptthematisch mit
dem EU-Beitritt der Türkei beschäftigten, d. h. entweder musste mehr als die
Hälfte des Artikels sich mit dem EU-Beitritt der Türkei befassen oder dieser
musste im Titel des Artikels erwähnt und anschließend in mindestens einem
vollständigen Absatz behandelt werden. Insgesamt umfasst der Datensatz 1.841
Fälle.
Um die Kategorien für die Frame-Analyse zu generieren, wurde eine qualita-
tive Vorstudie durchgeführt. Aus den 1.841 Fällen wurde eine Unterstichprobe
so gezogen, dass mindestens ein Artikel von jedem Journalisten, der in dem Zeit-
raum publiziert hat und mindestens ein Artikel aus jeder Kalenderwoche, in der
mindestens ein Artikel erschienen war, in diese Unterstichprobe gelangten.
Gleichzeitig war die Maßgabe, dass diese Unterstichprobe die geringstmögliche
Anzahl von Artikeln enthalten sollte, mittels derer die zwei oben genannten Kri-
terien erfüllt sind. Auf diese Weise umfasste die Unterstichprobe 405 Artikel. Da
anzunehmen ist, dass es vom Autor, dem herausgebenden Medium, dem Land
und dem Erscheinungszeitpunkt eines Artikels abhängt, welcher Frame, bzw.
welche Frame-Elemente in einem Artikel erscheinen, konnte davon ausgegangen
werden, dass in der auf die beschriebene Weise gezogenen Unterstichprobe jedes
relevante, in der Gesamtstichprobe erscheinende Frame-Element mindestens
einmal vorkommt.
Mit der Unterstichprobe wurde zunächst eine strukturierende Inhaltsanalyse
durchgeführt, bei der jede Textstelle, welche der Definition eines Frame-
Elementes entsprach, aus dem Material extrahiert wurde. Anschließend wurden
diese extrahierten Textstellen der Ähnlichkeit nach sortiert und in mehreren
Schritten zusammengefasst. Das Ergebnis dieser Zusammenfassung waren die
Kategorien für die folgende quantitative Inhaltsanalyse.
Die quantitative Inhaltsanalyse wurde von einem der Autoren zusammen mit
zwei studentischen Hilfskräften durchgeführt. Im Rahmen erster Pretests des
Codebuchs ergab sich, dass eine vollends zufrieden stellende Reliabilität der Co-
dierung nur schwer herzustellen war. An der induktiven Kategorienerhebung er-
wies sich bei diesem Schritt als problematisch, dass die Codierer Mühe hatten,
Textstellen aus dem Material den doch wesentlich abstrakteren Kategorien rich-
tig zuzuordnen. Aus diesem Grund wurde jede einzelne Codierung durch einen
der Autoren noch einmal überprüft und bei Fehlerhaftigkeit korrigiert. Auf diese
Weise wurde sichergestellt, dass einheitlich und nach Maßgabe der Forscher ko-
diert wurde. Der Inkohärenzwert wurde im Zuge dieser Inhaltsanalyse errechnet
und mit den Werten, welche binär das Vorkommen eines bestimmten Frame-
Elementes abbildeten, in SPSS eingegeben.
Tabelle 2 zeigt das Ergebnis zweier anschließend durchgeführter Clusterana-
lysen. In beiden Fällen handelt es sich um eine Lösung mit fünf Clustern. Von
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der Analyse ausgeschlossen wurden von vorneherein solche Fälle, in denen kein
oder nur ein einziges Frame-Element vorlag, da diese Fälle für das Auffinden
von Aussagenmustern nicht informativ sind. Die linke Hälfte der Tabelle zeigt
das Ergebnis einer Analyse, die nur mit solchen Fällen durchgeführt wurde, in
denen zusätzlich der Inkohärenzwert maximal 1 betrug und die damit relativ ko-
härent waren (n = 791). In der rechten Hälfte dagegen findet sich das Ergebnis
einer zweiten Clusteranalyse, welches unter Berücksichtigung aller Fälle mit
mehr als einem Frame-Element und einem beliebigen Inkohärenzwert entstand
(n = 1.710).4 Es zeigt sich, dass die Cluster in der Analyse mit den kohärenten
Fällen gut zu interpretieren sind:
In Cluster eins erzielen diejenigen Frame-Elemente hohe Mittelwerte, wel-
che für die EU entstehende Vorteile des EU-Beitritts der Türkei beschreiben.
In Cluster zwei haben solche Variablen hohe Mittelwerte, in denen es darum
geht, die Ergebnisoffenheit der Beitrittsverhandlungen zu betonen und Al-
ternativen zu einer EU-Vollmitgliedschaft des Landes zu präsentieren.
In Cluster drei werden kulturelle Unterschiede zwischen der Türkei und den
übrigen EU-Mitgliedsländern thematisiert, die gegen den EU-Beitritt des
Landes sprechen und hier auch mit einer Ablehnung in Verbindung stehen.
Zentrales Thema von Cluster vier sind Mängel in den von der Türkei durch-
zuführenden Reformen.
In Cluster fünf liegt der Fokus darauf, dass die Türkei die Republik Zypern
nicht anerkennt bzw. Verpflichtungen in Bezug auf Zypern nicht einhält.
Sinnvoll damit verbunden ist u.a. die Ablehnung des EU-Beitritts inklusive
der Forderung, die Verhandlungen über den Beitritt zu beenden.
In der rechten Hälfte der Tabelle zeigt sich, dass das Clusteranalyseergebnis,
welches unter Berücksichtigung aller Fälle gewonnen wurde, wesentlich schlech-
ter interpretierbar ist, da hier häufig sich widersprechende Frame-Elemente ähn-
lich stark in einzelnen Clustern auftreten. Dies wird besonders deutlich bei den
Aussagen »Der EU-Beitritt der Türkei wird befürwortet« und »Der EU-Beitritt
4 In die hier berichteten Clusteranalysen gingen nicht alle der zuvor induktiv gewonnenen
Frame-Elemente ein. Für die Auswahl der zu berücksichtigenden Variablen wurde zu-
nächst mit den 791 kohärenten Fällen und allen Variablen eine vorläufige Clusteranalyse
durchgeführt. Anschließend erfolgte eine Betrachtung der F-Werte (vgl. Backhaus et al.
2008: 439f.). Solche Variablen, die in allen Clustern einen F-Wert von genau 0 oder über
1 erzielten, wurden von der Analyse ausgeschlossen, da sie für die Cluster entweder ohne
Bedeutung waren oder in den Clustern eine größere Heterogenität aufwiesen als in der
Erhebungsgesamtheit (vgl. ebd.: 441). Mit der sich durch den Ausschluss ergebenden
Menge von Variablen wurden anschließend zwei weitere Clusteranalysen durchgeführt -
die im Folgenden berichteten Werte stammen aus diesen Berechnungen.
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der Türkei wird abgelehnt« sowie den Aussagen »Der EU-Beitritt der Türkei soll
(weiter) verhandelt werden« und »Der EU-Beitritt der Türkei soll (vorerst) nicht
weiter verhandelt werden«. In allen Clustern treten diese sich widersprechenden
Aussagen in ähnlicher Stärke auf. Die Cluster der zweiten Clusterlösung könnten
nun bei Anwendung eines themenunabhängigen Frame-Verständnisses als Kon-
flikt-Frames interpretiert werden wobei dann allerdings jeder gefundene Frame
einen Konflikt-Frame darstellen würde. Geht man jedoch von themenunabhängi-
gen Frames aus, denen eine argumentative Kohärenz zugrunde liegen soll, ist
eine Interpretation dieser Cluster kaum möglich.
Tabelle 2: Ergebnis einer Clusteranalyse auf der Grundlage der kohärenten Fälle
im Vergleich zum Ergebnis einer Clusteranalyse mit allen Fällen, n = 791/1.710
Nur kohärente Fälle
Alle Fälle
Cluster
2
3
4
5
1
2
3
4
5
Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet, hat
dies Vorteile für die EU.
,01
,00
,01
,00
,11
,01
,03
,00
,03
Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet, ist
dies vorteilhaft für Europas Beziehungen zu
den islamischen/asiatischen/arabischen Län-
dern.
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,07
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Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet, hat
dies Vorteile für Sicherheit und Frieden.
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,09
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,00
Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet,
dann führt dies zu einer Stabilisation und/oder
Verwestlichung der Länder des (Nahen) Os-
tens.
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Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet,
erhält die EU hierdurch einen Zuwachs an
Macht und Einfluss.
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,13
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,03
Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet,
wäre dies für die derzeitigen EU-
Mitgliedsländer ökonomisch von Vorteil.
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Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet,
wäre dies für die derzeitigen EU-
Mitgliedsländer wirtschaftlich nachteilig.
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,01
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Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet,
wirkt sich dies nachteilig auf die europäische
Integration aus (mit negativen Folgen für die
Handlungshigkeit).
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,09
,07
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,00
Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet,
wird die Türkei einen starken (kulturel-
len/religiösen/politischen) Einfluss auf das bis-
herige Europa haben.
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,06
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,00
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,03
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,00
Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet, hat
dies Vorteile für die Türkei.
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,01
Wenn der EU-Beitritt der Türkei stattfindet,
erhält die türkische Bevölkerung mehr Freihei-
ten und Mitbestimmungsrechte.
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Der in Aussicht gestellte EU-Beitritt motiviert
die Türkei zu umfassenden Reformen und Mo-
dernisierungen.
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,01
Wenn der EU-Beitritt der Türkei nicht stattfin-
det, hat dies negative Konsequenzen.
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Wenn der EU-Beitritt der Türkei nicht stattfin-
det, wird es in dem Land eine Rückentwicklung
hin zu früheren Strukturen geben.
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,00
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,02
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,02
Wenn der EU-Beitritt der Türkei nicht stattfin-
det, findet eine Entfremdung zwischen der EU
und der Türkei und/oder den islamischen Län-
dern statt.
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,02
Die Türkei ist nicht auf die EU-Mitgliedschaft
angewiesen, um sich weiterzuentwickeln und
ihre Ziele zu erreichen.
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,01
Der EU-Beitritt der Türkei wird befürwortet.
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,11
,14
Der EU-Beitritt der Türkei wird ambivalent
bewertet.
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Der EU-Beitritt der Türkei wird abgelehnt.
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,75
,14
,01
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,42
,80
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,10
Die negative öffentliche Meinung in vielen EU-
Mitgliedsländern steht dem EU-Beitritt der
Türkei im Weg.
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,02
,04
,06
,10
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,02
Die EU möchte den EU-Beitritt der Türkei trotz
der Verhandlungen nicht und will ihn (insge-
heim) scheitern lassen.
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,07
,01
,08
,04
,08
,08
,03
Die EU bekennt sich nicht klar dazu, ob sie den
EU-Beitritt der Türkei möchte oder nicht (mit
negativen Auswirkungen auf den Reformpro-
zess in der Türkei).
,01
,05
,08
,03
,08
,03
,03
,07
,02
Die türkische Bevölkerung (oder ein Teil da-
von) hat selbst kein oder kein großes Interesse
(mehr) an einem EU-Beitritt.
,01
,06
,09
,01
,18
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,09
,03
Die türkische Bevölkerung (oder ein Teil da-
von) wünscht und unterstützt den EU-Beitritt
ihres Landes.
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,02
Kulturelle Differenzen stehen dem EU-Beitritt
der Türkei im Weg.
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Politische Differenzen mit den derzeitigen EU-
Mitgliedsländern stehen dem EU-Beitritt der
Türkei im Weg.
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,04
Die Türkei erfüllt die Voraussetzungen für ei-
nen EU-Beitritt nicht.
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Die Tatsache, dass das Land geographisch in
Asien liegt, steht dem EU-
Beitritt der Türkei im
Weg.
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,00
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Mangelnde Freiheitsrechte und/oder ungenü-
gende Mitbestimmungsrechte des türkischen
Volkes stehen dem EU-Beitritt des Landes im
Weg.
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,78
,01
,24
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,79
,05
Die mangelnde gesellschaftliche und/oder poli-
tische Stabilität in der Türkei steht dem EU-
Beitritt des Landes im Weg.
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Nur kohärente Fälle
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Das schlechte Verhältnis von der Türkei zu
Armenien und/oder die Tatsache, dass die Tür-
kei den Genozid an der armenischen Bevölke-
rung bislang nicht aufgearbeitet hat, steht ihrem
EU-Beitritt im Weg.
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Von der EU verlangte, seitens der Türkei je-
doch ausbleibende Zugeständnisse an die Re-
publik Zypern stehen dem EU-Beitritt der Tür-
kei im Weg.
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,90
,30
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Das mangelhafte Erreichen zivilisatorischer
Standards (insb. Wirtschaft, Bildung) steht d
em
EU-Beitritt der Türkei im Weg.
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Als Voraussetzung für den EU-Beitritt derr-
kei wird gefordert, dass das Land einen Menta-
litätswandel vollzieht.
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Mängel im Rechtssystem und/oder in der
Rechtsstaatlichkeit der Türkei stehen dem EU-
Beitritt des Landes im Weg.
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Die (Entwicklung hin zu) umfassenden Frei-
heits- und Mitbestimmungsrechte(n) der türki-
schen Bevölkerung sprechen für den EU-
Beitritt des Landes.
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Das Erreichen von oder die Entwicklung hin zu
bestimmten zivilisatorischen Standards (insb.
Wirtschaft, Bildung) sprechen für den EU-
Beitritt der Türkei.
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Die religiösen Strukturen in der Türkei spre-
chen für (oder zumindest nicht gegen) den EU-
Beitritt des Landes.
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Der EU-Beitritt der Türkei soll (weiter) ver-
handelt werden.
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Der EU-Beitritt der Türkei soll (vorerst) nicht
(weiter) verhandelt werden.
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Der EU-Beitritt der Türkei soll ergebnisoffen
verhandelt werden.
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Anstelle einer Vollmitgliedschaft der Türkei in
der EU soll (oder könnte) eine alternative Art
der Assoziierung gewählt werden.
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Der EU-Beitritt der Türkei mit einer vollen
Mitgliedschaft ist das Ziel der Beitrittsverhand-
lungen - nicht jedoch eine andere Assoziie-
rungsform.
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Der geplante EU-Beitritt der Türkei ist eine
schwierige und/oder langwierige Aufgabe.
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,35
,38
,21
,09
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,34
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Der EU-Beitritt der Türkei ist für die EU leist-
bar.
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,00
Der EU-Beitritt der Türkei würde die EU über-
fordern.
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Der EU-Beitritt der Türkei soll nur unter Erfül-
lung verschärfter Beitrittsbedingungen möglich
sein.
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Der EU-Beitritt der Türkei darf nur erfolgen,
wenn die EU zum Verhandlungsende aufnah-
mefähig ist.
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,03
,19
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,02
Der EU-Beitritt der Türkei darf nur erfolgen,
wenn das Land die gestellten Anforderungen
vollständig erfüllt.
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,02
,03
,03
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,06
,05
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,04
Die europäischen Völker sollen eine Mitbe-
stimmung darüber haben, ob der EU-
Beitritt der
Türkei stattfindet.
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,02
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,04
,15
,10
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,01
Die EU hat aufgrund gemachter Zusagen
und/oder der lang
jährigen Beitrittsbemühungen
der Türkei eine rechtliche und/oder moralische
Verpflichtung, Verhandlungen über eine EU-
Vollmitgliedschaft der Türkei zu führen.
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,00
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,06
Prognose: Der EU-Beitritt der Türkei wird nach
den Verhandlungen (wahrscheinlich) vollzo-
gen.
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Prognose: Ob der EU-Beitritt der Türkei erfolg-
reich vollzogen wird, ist ungewiss.
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,03
,06
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,03
Prognose: Der EU-Beitritt der Türkei wird
(wahrscheinlich) nicht vollzogen.
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Die Reformen, welche Voraussetzungen für
einen EU-Beitritt der Türkei sind, werden von
der Türkei zufriedenstellend durchgeführt.
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,04
,11
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Die Reformen, welche Voraussetzungen für
einen EU-Beitritt der Türkei sind, werden von
der Türkei nicht zufriedenstellend durchgeführt.
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,01
,11
,01
,09
,50
,06
Als Voraussetzung für den EU-Beitritt derr-
kei wird gefordert, dass das Land weitere Re-
formen durchführt und/oder Zugeständnisse
macht.
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,05
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Die Reformen, welche Voraussetzungen für
einen EU-
Beitritt der Türkei sind, belasten das
Land stark.
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,02
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,00
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,01
Fazit
Der präsentierte Vorschlag zur Operationalisierung von Kohärenz fügt sich gut
in die Menge der sonstigen definitorischen Merkmale von Frames ein. Die Ope-
rationalisierung hat sich in zweifacher Hinsicht als Erfolg erwiesen. Einmal
konnte gezeigt werden, dass die vorgeschlagene Operationalisierung von Kohä-
renz praktikabel ist. Zweitens ergab sich, dass die Interpretierbarkeit des Ergeb-
nisses einer manuell-dimensionsreduzierenden Frame-Analyse sich enorm ver-
bessert, wenn nur die kohärenten Fälle in die Clusteranalyse eingehen. Dabei
wurde nicht verändert, was eigentlich gemessen wird, sondern es wurde lediglich
ein Kriterium eingeführt, anhand dessen bestimmt wird, welche Fälle für die
Frame-Identifikation herangezogen werden. Damit ist hier ein Weg vorgeschla-
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gen worden, wie die Kohärenz als Merkmal von Frames auch empirisch berück-
sichtigt werden kann.
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Visuelles Framing durch Neue Typographie:
Eine historische Inhaltsanalyse
Patrick Rössler
»7. Typographie strukturiert Information und bereitet sie nach ihrem Inhalt auf.«
(Kurt Weidemann: Zehn Thesen zur Typographie, 1994).
Mediengestaltung erfüllt ihren Zweck dann am besten, wenn sie dem Rezipien-
ten nicht auffällt so ließe sich in Anlehnung an ein geflügeltes Wort formulie-
ren (Hagemann 2007). Diese radikale »form-follows-function«-Perspektive gilt
im übertragenen Sinne auch für die kommunikationswissenschaftliche Forschung
zu Aspekten des Layouts: unauffällig bis nicht existent (abgesehen von ad-hoc-
Studien zur Usability von Websites). Der vorliegende Beitrag zielt daher darauf
ab, die Aufmerksamkeit auf ein vermeintlich randständiges Phänomen zu lenken,
und zwar auf die Vermittlung politischer Metaframes durch die Art und Weise
der Gestaltung von medialen Botschaften. Der adressierte Framing-Prozess wäre
dabei auf einer übergeordneten Ebene jenseits themen- oder inhaltsspezifischer
Deutungsmuster zu verorten; es geht vielmehr um das visuelle Arrangement von
Botschaften, das auf Traditionen im Grafik-Design Bezug nimmt, die eine ideo-
logische Prägung aufweisen und diese damit als Deutungsrahmen aktiviert.
Im Folgenden werden zwei Thesen diskutiert, und zwar dass (1) mit politi-
schen Lagern auch bestimmte Bildsprachen verknüpft sein können, die als Meta-
Frames eine intendierte Lesart des Kommunikats nahelegen können; und dass (2)
diese Deutungsmuster einem dynamischen Wandel unterliegen und im Zeitver-
lauf von unterschiedlichen politischen Lagern appropriiert werden können. Diese
Thesen werden an einem medienhistorischen Beispiel analysiert, und zwar dem
Einsatz der in den 1920er Jahren populär gewordenen ›Neuen Typographie‹
(Tschichold 1928) und deren Verwendung im Kontext der politischen Mei-
nungskämpfe der Weimarer Republik, bis hin zum späteren Einsatz für die Pro-
paganda des NS-Staates. Empirische Basis ist die standardisierte Inhaltsanalyse
von Buchumschlägen anhand eines aus zeitgenössischen Kriterien entwickelten
Kategoriensystems. Die Studie befasst sich also mit einer ganz grundsätzlichen
Form des »visuellen Framings«, das auch über die vier Ebenen des visuellen
Framings (Rodriguez / Dimitrova (2011) hinausgeht: In seiner Erscheinungsform
im politischen Bereich durch den Meta-Frame der Neuen Typografie, dessen
ideologische Komponente (ebd.: 57) jenseits des Motivischen liegt.
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Chapter
Der Beitrag hat drei Ziele: Erstens diskutiert er die methodologischen Grundlagen eines an der Grounded Theory orientierten Auswertungsverfahrens zum Rekonstruieren von verbalen und visuellen Medienframes. Dazu versteht er Grounded Theory als Verfahrensrahmen, leitet daraus Kodier- und Konzeptualisierungsschritte ab und bezieht sie auf Dokumentenkorpora als Datentypen. Dann erklärt er zweitens, wie durch deduktive Schemata aus der Framesemantik und Sozialsemiotik das Kodieren methodisch angeleitet und so induktive Kodierschritte vorbereitet werden können. Drittens erläutert er die Forschungspraxis des Kodierens von multimodalen Diskursfragmenten und, darauf aufbauend, des Konzeptualisierens von schriftlich und bildlich konstituierten Medienframes. Dies wird anhand der Analyse des Diskurses zur so genannten Handygate-Affäre 2011 demonstriert.
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