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Alleinerziehende im Vereinigten Koenigreich 2016

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Unter Druck?
Alleinerziehende im Vereinigten Königreich
Martina Klett-Davies
Unter Druck?
Alleinerziehende im Vereinigten Königreich
Martina Klett-Davies
4
5
INHALT
Inhalt
Vorwort 6
Zusammenfassung 8
1. Warum eine Studie zu Alleinerziehenden im Vereinigten Königreich? 12
2. Wie ist die Situation Alleinerziehender im Vereinigten Königreich? 13
3. Auswirkungen von Trennung und Scheidung 17
4. Alleinerziehende im britischen Wohlfahrtsstaat:
von „Citizen Carers“ zu „Citizen Workers“ 24
5. Kinderbetreuung und Erziehungshilfen 34
6. Reformoptionen 37
7. Schlussfolgerung 41
Literatur 43
Über die Autorin 45
Abstract 46
Impressum 47
6
m Jahr 2015 lebten zwei Millionen Ein-Eltern-Familien mit insgesamt
3 Millionen unterhaltsberechtigten Kindern im Vereinigten König-
reich. Jede vierte Familie ist dort alleinerziehend. Im Vergleich der
Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gehört das Vereinigte
Königreich zu den Ländern mit dem höchsten Anteil alleinerziehender Familien
überhaupt. Diese Familienform gewinnt dabei weiter an Bedeutung: Während die
Zahl aller Familien im Vereinigten Königreich seit 1996 um 7 Prozent zugenom-
men hat, ist die Anzahl der Ein-Eltern Familien sogar um 21,5 Prozent gestiegen.
Die vorliegende Studie, die Dr. Martina Klett-Davies (Soziologin und Gastdozentin
an der „London School of Economics“) für die Bertelsmann Stiftung verfasst hat,
wirft einen Blick auf den Lebensalltag britischer Ein-Eltern-Familien und ihrer
Kinder. Dazu hat sie die wichtigsten Daten zu Alleinerziehenden zusammen-
gestellt sowie die rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen detail-
liert analysiert, die die Lebenslage dieser Familien beeinflussen. Dies umfasst u.a.
das Familienrecht, die Sozialpolitik, wohlfahrtsstaatliche Reformen der vergan-
genen Regierungen sowie das Angebot an Kinderbetreuung. Aber auch Erkennt-
nisse zu gesundheitlichen Belastungen von alleinerziehenden Elternteilen sowie
zum Wohlbefinden der Kinder nach einer Trennung der Eltern werden dargestellt.
Wir danken Martina Klett-Davies für diesen umfassenden Einblick in das Leben
von Ein-Eltern-Familien im Vereinigten Königreich, den sie uns durch die Studie
eröffnet.
Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass ein deutscher Think Tank wie die
Bertelsmann Stiftung eine Studie zu Ein-Eltern-Familien im Vereinigten König-
reich veröffentlicht. Der Grund dafür ist, dass uns die Lebenslage Alleiner-
ziehender schon seit einigen Jahren im Projekt „Familie und Bildung: Politik vom
Kind aus denken“ beschäftigt. 2014 haben wir in diesem Kontext eine ähnlich
umfassende Studie zur Lebenssituation von Ein-Eltern-Familien in Deutschland
veröffentlicht, die wir nun in einer aktualisierten Fassung vorlegen. Der zent-
rale Befund der deutschen Studie ist, dass Alleinerziehende vielfach besondere
Herausforderungen bewältigen, aber nur unzureichend und zu wenig passgenau
unterstützt werden. Daher liegt es nahe, auch einen Blick ins europäische Aus-
land zu werfen. Wenngleich die wohlfahrtsstaatlichen Systeme im Vereinigten
Königreich und in Deutschland sehr unterschiedlich sind, bietet ein detaillierter
Vergleich der Lebenslage Alleinerziehender die Chance, ähnliche Problemlagen
und Entwicklungslinien zu erkennen und voneinander zu lernen.
Vielen Alleinerziehenden im Vereinigten Königreich wie in Deutschland – zu 90
Prozent sind dies in beiden Ländern die Mütter – gelingt es sehr gut, die häufig
allein getragene Verantwortung für die Fürsorge der Kinder, Erwerbsarbeit und
Haushalt zu bewältigen. Dafür verdienen sie Anerkennung und Respekt. Aber in
beiden Ländern ist das Risiko für Ein-Eltern-Familien sehr hoch, arm und von
Sozialleistung abhängig zu sein. Im Vereinigten Königreich wie in Deutschland
beziehen etwa 37 Prozent der alleinerziehenden Familien Grundsicherungs-
Vorwort
I
VORWORT
7
VORWORT
leistungen des Staates. Sie sind damit in beiden Staaten fünf Mal häufiger auf diese
Leistungen angewiesen als Paarfamilien. Zwar gibt es im Vereinigten Königreich
mit dem Child Maintenance Service einen interessanten Ansatz zur Durchset-
zung von Unterhaltsansprüchen der Kinder. Dennoch kommt nur bei der Hälfte
der Ein-Eltern-Familien in beiden Ländern Unterhalt für die Kinder regelmäßig
und in voller Höhe an. Finanzielle Engpässe und Probleme bestimmen damit den
Alltag vieler alleinerziehender Familien in beiden Ländern. Sie führen zu Stress
und gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den Eltern. Die Kinder, die Armut
erleben, haben geringere Chancen auf gesundes Aufwachsen sowie Bildung und
Teilhabe.
Im Vereinigten Königreich wie in Deutschland sind daher dringend Reformen not-
wendig, damit Alleinerziehende und ihre Kinder wirksam unterstützt werden. In
beiden Ländern gibt es wie eben skizziert ähnliche Herausforderungen, die in den
jeweiligen Systemen angegangen werden müssen. Martina Klett-Davies schlägt
für das britische System zahlreiche Reformvorschläge vor. Analog finden sich in
der oben bereits erwähnten deutschen Studie Reformoptionen für Deutschland.
Einen Vergleich beider Systeme nimmt die Juraprofessorin Anne Lenze in einer
weiteren Veröffentlichung vor und zeigt dabei auch, wo beide Länder voneinander
lernen könnten.
An dieser Stelle daher nur so viel: Es wäre schon viel gewonnen, wenn Politik
und Gesellschaft sowohl im Vereinigten Königreich als auch in Deutschland die
Bedarfe, Rechte und Interessen der Kinder stärker in den Mittelpunkt rücken
würden. Die zunehmende Vielfalt von Familien und familiären Lebensentwürfen
– die sich hier am Beispiel der Alleinerziehenden zeigt – erfordert es, bisherige
familienpolitische Leitbilder in Frage zu stellen. Notwendig ist es vielmehr, das
Wohlbefinden von Kindern sowie ihre Bildungs- und Teilhabechancen als Aus-
gangspunkt für politische Reformen zu nehmen – ganz egal in welcher familiären
Konstellation und in welchem Land sie leben und aufwachsen.
Dr. Jörg Dräger
Mitglied des Vorstands
der Bertelsmann Stiftung
Anette Stein
Programmdirektorin
Wirksame Bildungsinvestitionen
8
Im Jahr 2015 lebten im Vereinigten Königreich insgesamt 7,9 Millionen Familien
mit unterhaltsberechtigten Kindern, davon waren zwei Millionen Ein-Eltern-
Familien. Ein Viertel aller Familien im Vereinigten Königreich sind damit allein-
erziehend. Ihre Anzahl ist seit 1996 um 21,5 Prozent gestiegen, während die Zahl
aller Familien um sieben Prozent zugenommen hat.
Alleinerziehende sind keine homogene Gruppe. Die Daten zeigen jedoch wichtige
Tendenzen: Zum einen sind sie überwiegend weiblich (91 %); zum anderen sind sie
im Vergleich zu Paarfamilien in der Regel jünger und haben weniger Kinder. Auch
weisen sie häufiger niedrigere Bildungsabschlüsse auf und sind seltener erwerbs-
tätig (60 %; verheiratete Mütter 73 %). Zudem ist der Anteil der Allein erziehenden-
Haushalte in städtischen Regionen in England und Wales am größten.
Das Risiko, in Einkommensarmut zu leben, ist für Kinder in Ein-Eltern-Familien
nach wie vor besonders hoch: Von den 3,1 Millionen unterhaltsberechtigten Kin-
dern in Alleinerziehenden-Haushalten im Jahr 2012/13 lebten 1,3 Millionen Kinder
(42 %) in relativer Einkommensarmut nach Abzug der Wohnkosten. Kinder von
Alleinerziehenden sind damit mehr als doppelt so häufig von Armut betroffen wie
Kinder in Paarhaushalten (20 %). Rund 37 Prozent der Alleinerziehenden mit Kin-
dern (730.000) erhielten im Jahr 2012/13 Sozialleistungen wie Income Support, Job-
seeker‘s Allowance und Employment and Support Allowance, da sie nicht erwerbstätig
waren. Damit waren Ein-Eltern-Familien fünf Mal häufiger auf diese Leistungen
angewiesen als Paare mit Kindern (7 %).
Sozialpolitik
Die New-Labour-Regierung (1997–2010) hat in ihrer Regierungszeit viele Sozial-
systemreformen initiiert, die Sozialleistungsempfänger in bezahlte Arbeit bringen
sollten. Diese Reformen im Rahmen des „work-first“-Ansatzes haben auch die
Situation vieler nicht erwerbstätiger Alleinerziehender verbessert. 1999 wurde
ein System aus sogenannten Tax Credits, aus Steuermitteln finanzierten „Steuer-
zuschüssen“ eingeführt, mit dem die Einkommen von Niedrigverdienern (Working
Tax Credit) bzw. Familien (Child Tax Credit) aufgestockt wurden. Trotz des missver-
ständlichen Namens reduzieren Tax Credits nicht die Steuerschuld. Sie zählen zu
den „means tested benefits“, d. h. es sind Leistungen, die gezahlt werden, wenn
die Antragsteller bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Dieses von den nachfol-
genden Regierungen weitergeführte System hat nicht nur zu einer Erhöhung des
Arbeitskräfteangebots, sondern auch des Einkommens der ärmsten Familien im
Vereinigten Königreich und damit auch vieler Ein-Eltern-Familien geführt.
Die Koalitionsregierung (2010–2015) hat diesen Ansatz übernommen, dabei aber
noch stärker den Fokus auf die Integration in den Arbeitsmarkt gelegt. Zudem hat
sie den sogenannten Universal Credit als Flaggschiff-Programm entwickelt, das die
konservative Regierung (2015 –) übernommen hat und bis Ende 2017 landesweit
umsetzen will. Ziel des Universal Credit ist es, Menschen durch erhöhte Anreize zur
Zusammenfassung
ZUSAMMENFASSUNG
9
Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu bewegen oder dazu, ihren Arbeitsumfang zu
erhöhen. Universal Credit gilt als die radikalste Reform des britischen Wohlfahrts-
staates in den letzten 60 Jahren und die damit verknüpften Sanktions regelungen
sind sehr hart. Sechs verschiedene Sozialleistungen sollen dabei in einem ver-
einfachten Online-Antragsverfahren zusammengeführt werden. Im Rahmen
des Systems soll damit schnell auf schwankende Einkommen und veränderte
Umstände reagiert werden können, so dass Unter- und Überzahlungen vermieden
werden. Dabei wird allerdings unterschätzt, wie häufig sich die Lebensumstände
Alleinerziehender verändern.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der „work-first“-Ansatz
und die damit angestrebte Erwerbstätigkeit keineswegs automatisch materielle
Sicherheit bedeutet. Die wachsende Zahl von erwerbstätigen Alleinerziehenden
im Vereinigten Königreich zeigt z. B. nicht den gewünschten Effekt einer Verrin-
gerung der Einkommensarmut bei Ein-Eltern-Familien. Ein Grund dafür könnte
die Art der Arbeitsplätze sein, die Alleinerziehenden in der Regel zur Verfügung
stehen, und die keinen Weg aus der Armut eröffnen. Aufgrund der zum Teil
niedrigen Qualifikationen sind sie vor allem in prekären, unsicheren Beschäfti-
gungsverhältnissen mit niedrigen Einkommen beschäftigt. Erwerbstätigkeit ist
in diesem Fall bestenfalls eine Teillösung des Problems der Einkommensarmut.
Entsprechend scheint der britische Wohlfahrtsstaat es Alleinerziehenden nicht
oder nur sehr schwer zu ermöglichen, ein auskömmliches Familieneinkommen zu
erwirtschaften. Zudem sind sie ganz wesentlich von Sparmaßnahmen und über-
proportional von den Budgetkürzungen im Sozialsystem betroffen.
Unterhalt
Das englische Recht gilt gegenüber dem finanziell schwächeren Partner in der
Ehe im Falle einer Scheidung als fair, da es keine Unterscheidung zwischen der
Rolle des Ernährers / der Ernährerin und der Hausfrau / des Hausmanns macht. Bei
einer Scheidung wird eine gerechte Aufteilung des ehelichen Vermögens un ab-
hängig von der Erwerbssituation während der Ehe angestrebt. Der/die Richter/in
hat dabei einen erheblichen Spielraum. Entsprechend kommen auch verschiedene
Richter/innen zu unterschiedlichen Urteilen. Ehegattenunterhalt wird gezahlt,
wenn ein Ehepartner keine anderweitige finanzielle Unterstützung erhält und
die Ehe oder Lebenspartnerschaft länger als fünf Jahre bestand. Es gibt (noch)
keine gesetzlichen Vorschriften, die einen Kinder betreuenden Elternteil dazu
verpflichten, erwerbstätig zu sein, damit sie/er sich selbst versorgen kann. Aller-
dings zeigen jüngste Fälle beim High Court, dass tendenziell von beiden Partnern
eine Erwerbstätigkeit bzw. eine Umschulung erwartet wird, die den Weg in eine
Erwerbstätigkeit eröffnet, wenn die Kinder ein bestimmtes Alter erreicht haben.
Diese Rechtsprechung trägt mit dazu bei, dass Alleinerziehende zunehmend neben
ihrer Fürsorgeverantwortung auch die Verantwortung dafür haben, ihren eigenen
Lebensunterhalt durch eine Erwerbstätigkeit zu erwirtschaften.
Kindesunterhalt ist ein Konfliktthema in vielen Nachtrennungs-Familien. Nur
etwa die Hälfte der Kinder in getrennten Familien wird durch eine wirksame Kin-
desunterhaltsvereinbarung entweder durch den Child Maintenance Service, einen
Gerichtsbeschluss oder durch informelle, private Vereinbarungen unterstützt.
Dabei hängt die Höhe des Kindesunterhaltes vom Einkommen des nicht betreu-
enden Elternteils, den Betreuungsvereinbarungen und der Zahl der Kinder, aber
ZUSAMMENFASSUNG
10
nicht von deren Alter ab. Die Berechnungen sind dabei insgesamt sehr komplex
und orientieren sich nicht an den tatsächlichen Bedarfen der Kinder. Hierbei ist
Kindesunterhalt gerade für Alleinerziehende, die von Sozialleistungen abhängig
sind, ein wichtiger Einkommensbestandteil, der nicht auf die Sozialleistungen
angerechnet wird.
Kinderbetreuung
Die Kommunen im Vereinigten Königreich sind verpflichtet, ausreichende Kin-
derbetreuungsangebote zu gewährleisten. Die kostenlose vom Staat finanzierte
Teilzeitbetreuung für Drei- und Vierjährige nehmen fast alle Eltern in Anspruch;
jedoch umfasst sie nur 15 Stunden pro Woche und dies auch nur während der Schul-
zeit und nicht in den Ferien, die im Vereinigten Königreich ungefähr 14 Wochen im
Jahr dauern. Daher deckt das staatliche Angebot einer kostenlosen Betreuung nicht
einmal den Bedarf von Eltern bzw. Alleinerziehenden in Teilzeitbeschäftigung und
muss in der Regel durch institutionelle oder private Kinderbetreuung ergänzt wer-
den. Zudem ist die Qualität der Bildungs- und Betreuungsangebote nicht immer
hoch genug; 28 Prozent aller Zweijährigen sind z. B. in Betreuungseinrichtungen,
die nicht als qualitativ gut beurteilt wurden. Einrichtungen mit unzureichender
Qualität befinden sich dabei überwiegend in benachteiligten Gebieten.
Die Kosten für die über die staatlich finanzierte Teilzeitbetreuung hinausgehende
frühe Bildung und Betreuung von Kindern sind im Vereinigten Königreich im
internationalen Vergleich hoch. Seit 2009 sind sie zudem um 27 Prozent gestie-
gen, während im gleichen Zeitraum die Löhne aufgrund der Wirtschaftskrise
stagnierten. Die hohen Kinderbetreuungskosten können selbst für Alleinerzie-
hende in höheren Einkommensklassen erhebliche Hindernisse darstellen, da sie
sich die Aufwendungen oft nicht mit einem Partner teilen können. Gerade allein-
erziehende Eltern nehmen daher insgesamt seltener institutionelle Kinderbetreu-
ung in Anspruch als Paareltern.
Fazit
Zusammenfassend bietet der britische Wohlfahrtsstaat bis jetzt keine nachhalti-
gen Lösungen und Perspektiven für die häufig schwierigen Lebenssituationen von
alleinerziehenden Müttern und Vätern. Zudem wird ihre besondere Lebenslage,
aber auch ihre Leistung gesellschaftlich zu wenig anerkannt und wertgeschätzt.
Problematisch ist aktuell, dass Sozialleistungen im Rahmen der Sparpolitik der
derzeitigen Regierung weiter zurückgenommen werden und Alleinerziehende
davon besonders betroffen sind. Auch die Einführung des Universal Credit im Jahr
2017 wird gerade Alleinerziehenden-Haushalte besonders belasten: Bei vielen von
ihnen wird das Einkommen weiter sinken. Die Verbesserungen im Rahmen des
Universal Credit, wie die verstärkte finanzielle Unterstützung bei früher Bildung
und Betreuung oder die Vereinfachung der Beantragung, werden diesem Trend
nicht entgegenwirken können.
ZUSAMMENFASSUNG
11
Das Problem der zunehmenden sozialen Ungleichheit im Vereinigten Königreich
zeigt sich am Beispiel der Alleinerziehenden besonders deutlich. Eine wirksame
Sozial- und Familienpolitik für Alleinerziehende, die diese Familienform entlastet
und unterstützt, ist unerlässlich und sollte kurzfristig angegangen werden. Wich-
tige Reformschritte wären dabei:
Die Familienpolitik sollte sich nicht an bestimmten familiären Lebensmodellen
orientieren, sondern das Kind in den Mittelpunkt stellen und jede Maßnahme
im Hinblick auf ihre Konsequenzen für die Kinder prüfen.
Beim Kindesunterhalt ist dringend Forschung notwendig, warum bei so vielen
Alleinerziehenden kein bzw. zu wenig Unterhalt ankommt. Die Berechnungs-
grundlage des zu zahlenden Kindesunterhaltes sollte überdacht werden und an
den Bedarfen der Kinder orientiert sein. Der Child Maintenance Service sollte
für alle Alleinerziehenden nutzbar und finanzierbar sein, damit Unterhalts-
ansprüche auch durchgesetzt werden können.
Die Sozialpolitik sollte sich von dem starren „work first“-Ansatz lösen. Die-
ser hat zwar Sozialleistungsbezieher in eine Erwerbstätigkeit gebracht, aber
nicht zu einer nachhaltigen Armutsvermeidung und Langzeitsicherung von
auskömmlichen Arbeitsverhältnissen geführt. Gerade alleinerziehende Mütter
bleiben dadurch vielfach von Sozialleistungen abhängig.
Vordringliches Ziel sollte es sein, Alleinerziehende so zu qualifizieren, dass
sie eine Perspektive für ihre weitere Erwerbsbiografie entwickeln können.
Hier muss stärker auf Qualifizierung gesetzt und dabei die besondere Lebens-
situation Alleinerziehender berücksichtigt werden, besonders die Fürsorge und
Betreuung der Kinder.
Alleinerziehende benötigen im staatlichen Unterstützungssystem eine persön-
liche Begleitung von hoher Qualität, die sie individuell berät und unterstützt.
Umgangsregelungen für Familien in Nachtrennungs-Situationen führen nur
dann zu besseren Ergebnissen für alle Familienmitglieder, wenn sie von den
Familien frei gewählt wurden und wenn Eltern „gemeinsam“ erziehen. Kinder
wollen über die Modalitäten mitbestimmen.
Verlässliche und qualitativ hochwertige frühe Bildung und Betreuung ist ein
wichtiger Schlüssel zur Erwerbstätigkeit für Alleinerziehende. Allen Eltern
sollten 48 Betreuungswochen im Jahr angeboten werden. Darüber hinaus sind
staatliche Investitionen im Bereich der frühen Bildung und Betreuung erfor-
derlich, um eine hohe Qualität der Angebote für alle Kinder sicherzustellen.
ZUSAMMENFASSUNG
12
Das Vereinigte Königreich1 hat einen der höchsten, wenn nicht den höchsten
Anteil überhaupt an Alleinerziehenden in der Europäischen Union (EU) (Bradshaw
2011). Das Ziel dieser Zusammenfassung ist es, ihre Lebenssituation und die ihrer
Kinder im Vereinigten Königreich zu beschreiben. Im Mittelpunkt der Unter-
suchung steht dabei die besondere Lebenslage von Ein-Eltern-Familien. Viele
Alleinerziehende bewältigen die häufig allein getragene Verantwortung für die
Fürsorge der Kinder, Erwerbsarbeit und Haushalt sehr gut. Mitunter aber stoßen
gerade Ein-Eltern-Familien an ihre Belastungsgrenzen, z. B. in Nachtrennungs-
situationen oder aufgrund finanzieller Engpässe.
Der Text basiert auf einer umfangreichen englischsprachigen Studie (Klett-Davies
2016), in der empirische Fakten zu Ein-Eltern-Familien im Vereinigten Königreich
präsentiert und die rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ana-
lysiert werden, unter denen alleinerziehende Familien leben: Dazu gehören das
Familienrecht, die Sozialpolitik sowie Sozialreformen im Vereinigten Königreich,
aber auch der Anspruch auf Kinderbetreuung und staatliche Unterstützungssys-
teme für Ein-Eltern-Familien.
Das Anliegen der Studie ist es, Handlungsbedarfe für die Sozial- und Familien-
politik sowie Reformoptionen für das Vereinigte Königreich aufzuzeigen. Darü-
ber hinaus zielt insbesondere diese Zusammenfassung darauf ab, Vergleiche zu
Deutschland mit Blick auf die Situation von Alleinerziehenden in beiden Ländern
zu ermöglichen. Ein solcher Vergleich kann zum einen parallele gesellschaftliche
Entwicklungen in zwei unterschiedlichen wohlfahrtsstaatlichen Regimen aufzei-
gen. Zum anderen bietet er aber auch die Chance, neue Perspektiven zu eröffnen
und dadurch auch wechselseitig von anderen Ansätzen und Instrumenten zu
lernen.
1 Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland (United Kingdom) ist eine Union von England, Wales,
Schottland und Nordirland.
1. Warum eine Studie zu
Alleinerziehenden im
Vereinigten Königreich?
1. WARUM EINE STUDIE ZU ALLEINERZIEHENDEN IM VEREINIGTEN KÖNIGREICH?
13
Daten und Fakten
Im Jahr 2015 und auch 2014 lebten im Vereinigten Königreich insgesamt 7,9 Milli-
onen Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern,2 davon waren zwei Millionen
Ein-Eltern-Familien. Ein Viertel der Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern
im Vereinigten Königreich sind damit alleinerziehend. Ihre Anzahl ist im Vergleich
zum Jahr 1996 um 21,5 Prozent gestiegen, während die Zahl aller Familien mit
unterhaltsberechtigten Kindern insgesamt nur um sieben Prozent zugenommen
hat (Abbildung 1).
2 Als unterhaltsberechtigt gelten Kinder, wenn sie bei ihren Eltern leben und unter 16 Jahre alt sind. 16- bis 18-Jährige
sind eingeschlossen, wenn sie sich in einer ganztägigen Ausbildung/Schule befinden. Ausgenommen sind auch Kinder
im Alter von 16 bis 18 Jahren, die mit einem Ehepartner, Partner oder einem Kind in einem gemeinsamen Haushalt
leben (ONS 2014).
2. Wie ist die Situation
Alleinerziehender im
Vereinigten Königreich?
2. WIE IST DIE SITUATION ALLEINERZIEHENDER IM VEREINIGTEN KÖNIGREICH?
Quelle: ONS 2015.
ABBILDUNG 1 Entwicklung der Anzahl der Familien insgesamt sowie der alleinerziehenden
Familien mit unterhaltsberechtigten Kindern von 1996 bis 2014
im Vereinigten Königreich
In absoluten Zahlen
7.393.000
1.631.000
7.916.000
+523.000
+350.000
1.981.000
Familien
insgesamt
Allein-
erziehende
1996
2014
0
2.000.000
4.000.000
6.000.000
8.000.000
10.000.000
14
2014 lebten in allen Familien im Vereinigten Königreich 13,3 Millionen unterhalts-
berechtigte Kinder. Fast zwei Drittel davon wuchsen in verheirateten Paarfamilien
auf (63 %). 3,1 Millionen Kinder lebten bei einem alleinerziehenden Elternteil
(23 %) und 14 Prozent bei beiden Eltern, die nicht verheiratet sind. Der Anteil die-
ses Familientyps hat sich in den letzten Jahren deutlich erhöht.
Alleinerziehende sind keine homogene Gruppe. Die Daten zeigen jedoch wichtige
Tendenzen: Zum einen sind sie überwiegend weiblich (91 %); zum anderen sind sie
im Vergleich zu Paarfamilien in der Regel jünger und haben weniger Kinder. Auch
weisen sie häufiger niedrigere Bildungsabschlüsse auf und sind seltener erwerbs-
tätig. Dies hängt zum Teil mit dem Zeitpunkt der Trennung zusammen oder auch
mit dem Alter, in dem sie ihr (erstes) Kind bekommen haben.
Der Anteil der Alleinerziehenden-Haushalte ist in städtischen Regionen in Eng-
land und Wales am größten. Den höchsten Anteil an Ein-Eltern-Familien weist
London auf. Während die überwältigende Mehrheit der Alleinerziehenden weiß
und britisch ist, variiert der Anteil an Alleinerziehenden stark nach ethnischer
Zugehörigkeit. Mehr als die Hälfte der schwarz-afrikanischen, karibischen und
schwarz-britischen Eltern sind alleinerziehend. Bei den weißen Familien trifft
dies nur auf ein Fünftel zu und bei den asiatischen und asiatisch-britischen Fami-
lien auf ein Zehntel.
Die Mehrheit der Ein-Eltern-Familien entsteht durch eine Scheidung oder Tren-
nung einer Lebensgemeinschaft (57 %). 28 Prozent der Alleinerziehenden sind
ledig und haben nicht in einer Paargemeinschaft gelebt. Der Hintergrund des
Alleinerziehens besitzt durchaus große Bedeutung: Ledige alleinerziehende Müt-
ter haben jüngere Kinder, niedrigere Bildungsabschlüsse und sind vermehrt auf
staatliche Leistungen angewiesen.
Alleinerziehende Mütter, die im Teenageralter Kinder bekommen haben, haben
die niedrigsten Bildungsabschlüsse von allen alleinerziehenden Müttern im Ver-
einigten Königreich. Der Anteil von Teenagern an allen alleinerziehenden Müttern
mit unterhaltsberechtigten Kindern ist mit zwei Prozent im Jahr 2011 zwar recht
klein, allerdings sind umgekehrt mehr als die Hälfte aller jugendlichen Mütter
alleinerziehend.
Die Rate von Teenagerschwangerschaften im Vereinigten Königreich liegt im
Vergleich zu anderen entwickelten Ländern immer noch auf einem sehr hohen
Niveau, auch wenn es in den vergangenen Jahren hier einen Rückgang gab. Dieser
Rückgang lässt sich auf sozialpolitische Maßnahmen wie eine verbesserte Sexual-
erziehung an den Schulen, einen besseren Zugang sowie eine verstärkte Nutzung
von Verhütungsmitteln und eine steigende Zahl von Schwangerschaftsabbrü-
chen zurückführen. Darüber hinaus trägt auch der allgemeine Trend zu späteren
Schwangerschaften und damit verbunden einem zunehmenden Alter aller Mütter
zu einer Reduktion von Teenagerschwangerschaften bei.
Alleinerziehend zu sein ist häufig eine vorübergehende Situation für die Betrof-
fenen. Etwa die Hälfte der Alleinerziehenden geht innerhalb von fünf Jahren eine
neue Lebenspartnerschaft ein, zwei Drittel innerhalb von zehn Jahren. Allein-
erziehende Mütter, die nicht verheiratet waren und staatliche Unterstützungs-
leistungen erhalten, gehen insgesamt seltener eine Lebensgemeinschaft ein als
erwerbstätige Alleinerziehende.
2. WIE IST DIE SITUATION ALLEINERZIEHENDER IM VEREINIGTEN KÖNIGREICH?
15
Die Erwerbstätigenquote alleinerziehender Mütter hat sich seit 1996 deutlich von
43 Prozent auf 60 Prozent im Jahr 2013 erhöht und hat sich damit der verheirateter
Mütter (73 %) angenähert (siehe Abbildung 2). Gründe dafür sind Änderungen der
Bedingungen für den Erhalt von Sozialleistungen, die höhere Verfügbarkeit von
Teilzeitarbeit, verbunden mit Lohnergänzungsleistungen, sowie die verbesserte
Wirtschaftslage. Besonders die Teilzeitquote ist gestiegen. Allerdings ist im Zuge
der Wirtschaftskrise 2007 und aufgrund der verschärften Bedingungen für den
Erhalt von Sozialleistungen auch die Arbeitslosenquote von Alleinerziehenden
gestiegen; sie liegt über dem nationalen Durchschnitt der Erwerbstätigen.
Erwerbstätige alleinerziehende Mütter haben in der Regel doppelt so häufig gerin-
ger qualifizierte und schlecht bezahlte Arbeitsplätze, nur halb so oft wie Mütter
in Paarbeziehungen befinden sie sich in hochqualifizierten Positionen. Instabile
und schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse tragen wiederum dazu bei, dass allein-
erziehenden Müttern oft die Arbeitsplatzsicherheit und damit auch die finanzielle
Sicherheit fehlt. Das Einkommen der meisten Ein-Eltern-Familien setzt sich
aus einem Mix aus Gehalt, Unterhalt sowie Sozialleistungen zusammen. Ein-
Eltern-Familien berichten häufiger von Schulden und finanziellen Problemen als
Familien mit verheirateten Eltern. Forschungsergebnisse dazu zeigen, dass sich
Schulden negativ auf die psychische Gesundheit von Alleinerziehenden auswir-
ken, bezahlte Arbeit hingegen positiv.
Das Risiko, in Einkommensarmut zu leben, ist für Kinder in Ein-Eltern-Familien
nach wie vor besonders hoch: Von den 3,1 Millionen unterhaltsberechtigten Kin-
dern in Alleinerziehenden-Haushalten lebten 2012/13 1,3 Millionen Kinder (42 %)
in relativer Einkommensarmut nach Abzug der Wohnkosten. Kinder von Alleiner-
ziehenden sind damit mehr als doppelt so häufig von Armut betroffen wie Kinder
in Paarhaushalten (20 %).
2. WIE IST DIE SITUATION ALLEINERZIEHENDER IM VEREINIGTEN KÖNIGREICH?
Quelle: ONS 2014.
ABBILDUNG 2 Erwerbstätigenquote von Müttern mit unterhaltsberechtigten Kindern
nach Familientyp, 1996–2013, Vereinigtes Königreich
In Prozent
1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 201320112009200720052003200119991997
Verheitatete Mütter
40
50
60
70
80
Mütter in Lebens-
gemeinschaften
Alleinerziehende
Mütter
16
2. WIE IST DIE SITUATION ALLEINERZIEHENDER IM VEREINIGTEN KÖNIGREICH?
Dabei haben Reformen der Sozialsysteme und erhöhte Sozialleistungen die Kin-
derarmut im Vereinigten Königreich erheblich reduzieren können: Der Anteil der
Kinder in Ein-Eltern-Familien, die (nach Abzug der Wohnkosten) in Einkom-
mensarmut leben, ist von 62 Prozent 1994/95 auf heute 42 Prozent gesunken. Seit
2010 stagniert der Wert allerdings auf diesem noch immer sehr hohen Niveau.
Quelle: Daten des Family Resources Survey, DWP 2014.
ABBILDUNG 3 Anteil der Haushalte mit weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen
mittleren Haushaltseinkommens, nach Familientyp und ökonomischem
Status von Familien mit Kindern, nach Abzug der Wohnkosten, 1997–2013,
Vereinigtes Königreich
In Prozent
97/98 12/1310/1108/0906/0704/0502/0300/0198/99 99/00 01/02 03/04 05/06 07/08 09/10 11/12
Alleinerziehende
0
10
20
30
40
50
60
70
Verheiratete Paare
oder nichteheliche
Lebenspartnerschaften
Lebens-
gemeinschaften
17
3. AUSWIRKUNGEN VON TRENNUNG UND SCHEIDUNG
Eine Scheidung hat mindestens kurzfristig negative Auswirkungen auf das Wohl
der meisten Kinder. Für einen kleineren Teil der betroffenen Kinder hat sie auch
langfristig negative Folgen; Letzteres gilt vor allem für Kinder, die zum Zeitpunkt
der Trennung ihrer Eltern sieben Jahre und älter waren. Kinder erleben eine Tren-
nung oder Scheidung dann als weniger einschneidend bzw. beängstigend, wenn
sie zu beiden Elternteilen eine enge Beziehung haben und diese weiter aufrecht-
erhalten werden kann. Negative Auswirkungen können zudem begrenzt werden,
wenn die Eltern freundschaftlich miteinander kommunizieren und auf die Wün-
sche der Kinder eingehen. Unterstützung von Geschwistern und ausreichende
finanzielle Mittel in der Familie wirken ebenfalls als schützende Faktoren in einer
Trennungssituation.
Das Alter der Kinder bei einer Trennung der Eltern ist entscheidend, betrachtet
man mögliche Auswirkungen auf ihre Entwicklung. Trennen sich die Eltern,
wenn die Kinder sieben Jahre oder älter sind, sind negative Auswirkungen auf die
schulischen Leistungen im Alter von 16 Jahren und auf das emotionale und soziale
Wohlbefinden und Verhalten von Kindern im Alter von 13 Jahren häufiger zu beob-
achten. Bei jüngeren Kindern treten diese Folgen evtl. seltener auf, weil sie sich
weniger an die Zeit erinnern, in der ihre Eltern zusammen waren, und u. U. sind
ihnen auch die Auswirkungen einer Scheidung nicht im gleichen Ausmaß bewusst
wie älteren Kindern.
Folgende Faktoren scheinen die negativen Auswirkungen einer Trennung bzw.
Scheidung auf Kinder zu verschärfen: Armut, die psychische Belastung der Mutter,
elterliche Konflikte nach der Trennung und negative Eltern-Kind-Beziehungen.
Dabei ist jedoch offen, welche dieser Faktoren Ursachen oder Folgen der Trennung
sind.
Kinder und die gemeinsame Sorge der Eltern nach der Trennung
Unter der Koalitionsregierung (2010–2015) der Konservativen (Tories) und Libe-
raldemokraten (Liberal Democrats) kam es 2013 zu verschiedenen Änderungen
des Rechtssystems in Bezug auf Scheidungen bzw. Trennungen in Familien. Unter
anderem wurden mehr Mittel für Familienmediation zur Verfügung gestellt und
gleichzeitig Streichungen der Prozesskostenhilfe für Eltern in Trennungssituati-
onen vorgenommen. Beide Instrumente sind miteinander verbunden und zeigen
den problematischen und kurzsichtigen Ansatz der Politik in diesem Bereich.
Auf der einen Seite investierte die Koalitionsregierung in freie Familienmediation,
um die Gerichte zu entlasten. Auf der anderen Seite strich sie die Prozesskosten-
hilfen, was dazu führt, dass sich einige Eltern ohne anwaltliche Hilfe allein vor
Gericht vertreten müssen. Es sind die Anwälte, die die Klienten an die Familien-
3. Auswirkungen von
Trennung und Scheidung
18
3. AUSWIRKUNGEN VON TRENNUNG UND SCHEIDUNG
mediation verweisen. Aufgrund der Streichungen in der Prozesskostenhilfe gibt
es nun aber weniger Eltern, die Anwälte haben, die sie dann entsprechend an
die Familienmediation entsenden könnten. Auf diese Weise wird das System der
Familienmediation untergraben, und einige Familienmediationsdienste mussten
bereits schließen. Die öffentlichen Investitionen in diese Zentren wurden damit
verschwendet.
Die Familienmediation sollte zur Entlastung, Beschleunigung der Verfahren
und zur Kostenreduktion bei den Familiengerichten beitragen. Außerdem sollte
damit die Aufmerksamkeit des Rechtssystems verstärkt auf die Bedürfnisse der
Kinder gelenkt werden. Das Verfahren ist aber nach wie vor einem großen Teil
der britischen Öffentlichkeit unbekannt. So neigen Frauen und Männer in einem
anstrengenden Scheidungsprozess dazu, ihr Vertrauen eher in ihre individuelle
Rechtsvertretung oder ein Gericht zu setzen, weil sie annehmen, dass sie so das
beste Ergebnis für sich erzielen können.
Als Folge der Streichungen der Prozesskostenhilfe werden die Gerichte nun noch
mehr belastet. Es kommt vermehrt zu Verzögerungen und höheren Kosten, weil
sich viele Eltern aus finanziellen Gründen keine Vertretung durch einen Anwalt
leisten können. Im Ergebnis führt diese Entwicklung dazu, dass viele Eltern in
Trennungssituationen dem Rechtssystem den Rücken kehren. Einige schließen
private Vereinbarungen, die sich zum Teil als instabil herausstellen. Andere sind
überhaupt nicht in der Lage, Vereinbarungen zu treffen. Das kann u. a. dazu füh-
ren, dass ein Elternteil keinen Kontakt zu dem eigenen Kind / den eigenen Kindern
hat. Es ist daher davon auszugehen, dass sich die Kürzungen der Prozesskosten-
hilfe nachteilig auf das Wohlbefinden der Kinder auswirken und möglicherweise
den Rechtsgrundsatz des 1989 verabschiedeten Children Act untergraben, wonach
das Wohl des Kindes Vorrang haben sollte.
Umstritten ist auch das mit dem Children and Families Act 2014 normativ von der
Politik empfohlene Modell des „Shared Parenting“ für Nachtrennungs-Familien.
Das Modell sieht vor, dass sich beide Elternteile sowohl die elterliche Sorge als auch
die elterliche Verantwortung teilen und das Kind jeweils mindestens ein Drittel
der Zeit mit jedem Elternteil verbringt. Allerdings hat die Koalitionsregierung im
Rahmen des Children and Families Act 2014 lediglich für dieses Modell geworben.
Die Regelungen gehen nicht so weit, dass „Shared Parenting“ gesetzlich festge-
schrieben wurde, aber sie wird normativ empfohlen.
Es ist unstrittig, dass Kinder von einem kontinuierlichen und regelmäßigen Kon-
takt mit beiden Elternteilen profitieren, wenn diese gut miteinander umgehen und
kommunizieren können. Gehen Paare jedoch im Streit auseinander und halten
die Konflikte zwischen den Eltern auch nach der Trennung an, kann dies negative
Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Kinder haben. Eine möglichst gleichbe-
rechtigte Teilung der elterlichen Sorge und Verantwortung bedeutet daher nicht
automatisch immer das Beste für die Kinder. Hier besteht dringender weiterer
Forschungsbedarf zu den Betreuungsmodellen, dem Erleben der Kinder und den
damit einhergehenden Auswirkungen, wie Kinder sich z. B. fühlen, die zwischen
zwei Wohnungen hin- und herpendeln, oder welche Abstimmungen zwischen den
Partnern für eine gelingende gemeinsame Sorgeverantwortung notwendig sind.
19
3. AUSWIRKUNGEN VON TRENNUNG UND SCHEIDUNG
Aktuelle Forschungsergebnisse zu Nachtrennungs-Familien zeigen, dass die nicht
betreuenden Elternteile oftmals mit der Kontakthäufigkeit zu den Kindern unzu-
frieden sind und sich über zu wenig Mitbestimmungsmöglichkeiten beklagen. Im
Gegensatz dazu beklagen betreuende Elternteile immer wieder das mangelnde
Engagement oder auch die Unzuverlässigkeit der nicht betreuenden Elternteile.
Die Häufigkeit und Qualität des Kontaktes zwischen Kindern und dem nicht
betreuenden Elternteil hängt zudem von mehreren Faktoren ab: vom Alter des
Kindes, wie lange die Eltern getrennt leben, ob die Elternbeziehung feindselig ist
sowie davon, ob der nicht betreuende Elternteil neue Kinder hat.
Unterhaltsverpflichtungen nach der Trennung
Das englische Scheidungsrecht3 unterliegt einem Wandel. Jedoch sind bis heute
Eheverträge in England und Wales nicht rechtsverbindlich. Zudem gilt nach wie
vor das Schuldprinzip in der Scheidung („fault based divorce system“). Allerdings
gilt das englische Recht gegenüber dem finanziell schwächeren Partner in der
Ehe als fair, da es keine Unterscheidung zwischen der Rolle des Ernährers / der
Ernährerin und der Hausfrau / des Hausmanns macht. Im Falle der Scheidung wird
eine gerechte Aufteilung des ehelichen Vermögens unabhängig von der Erwerbs-
situation während der Ehe angestrebt. Der Richter hat dabei einen erheblichen
Spielraum, um „Fairness“ bei der Festlegung des Ehegattenunterhaltes und der
Vermögensteilung sicherzustellen. Entsprechend kommen aber auch verschie-
dene Richter zu unterschiedlichen Urteilen.
Ehegattenunterhalt wird nur gezahlt, wenn ein Ehepartner keine anderweitige
finanzielle Unterstützung erhält und die Ehe oder Lebenspartnerschaft (der
gemeinsame Haushalt mit Kindern) länger als fünf Jahre bestand. Es gibt (noch)
keine gesetzlichen Vorschriften, die einen Elternteil dazu verpflichten, sich um
eine bezahlte Beschäftigung zu kümmern, damit sie/er sich selbst versorgen kann.
Allerdings zeigen jüngste Fälle beim High Court, dass tendenziell von beiden
Partnern eine Erwerbstätigkeit bzw. eine Umschulung erwartet wird, die eventuell
zur Erwerbstätigkeit führt, wenn die Kinder ein bestimmtes Alter erreicht haben.
Diese Rechtsprechung trägt mit dazu bei, dass Alleinerziehende zunehmend neben
ihrer Fürsorgeverantwortung auch die Verantwortung dafür haben, ihren eigenen
Lebensunterhalt durch eine Erwerbstätigkeit zu erwirtschaften.
Kindesunterhalt ist ein Konfliktthema in vielen Nachtrennungs-Familien. Nur
etwa die Hälfte der Kinder in getrennten Familien wird durch eine wirksame Kin-
desunterhaltsvereinbarung entweder durch den Child Maintenance Service (siehe
unten), einen Gerichtsbeschluss oder durch informelle, private Vereinbarungen
unterstützt.
Die Höhe des Kindesunterhaltes hängt vom Einkommen, den Betreuungs-
vereinbarungen und der Zahl der Kinder, aber nicht von deren Alter ab. Es gibt
fünf Stufen, die auf das Bruttoeinkommen des unterhaltspflichtigen Elternteils
angewendet werden (siehe Tabelle 1). Wenn das Einkommen unter £ 7 pro Woche
3 In diesem Abschni wird auf das englische Recht Bezug genommen, das in England und Wales gilt. Insgesamt gibt es im
Vereinigten Königreich drei Rechtssysteme: das englische, das schosche und das nordirische Recht. An dieser Stelle können
aber nicht alle drei Rechtssysteme dierenziert dargestellt werden.
20
3. AUSWIRKUNGEN VON TRENNUNG UND SCHEIDUNG
(41 € im Monat)4 liegt, ist keine Zahlung zu leisten. In der Praxis trifft das nur auf
diejenigen zu, die sich in einer Vollzeitausbildung befinden oder im Gefängnis sit-
zen. Wenn das wöchentliche Einkommen zwischen £ 8 und £ 100 (47 € bzw. 583 €
im Monat) liegt, ist eine Pauschale (Flat Rate) in Höhe von £ 5 pro Woche (29 €
pro Monat) zu entrichten, unabhängig davon, wie viele Kinder betroffen sind. Bei
einem wöchentlichen Einkommen bis zu £ 200 (monatlich 1.166 €) ist für die ers-
ten £ 100 wöchentlich (583 € monatlich) pauschal eine Flat Rate von wöchentlich
£ 5 Unterhalt (29 € im Monat) fällig. Für das darüberliegende Einkommen ist ein
prozentualer Satz gestaffelt nach der Anzahl der Kinder zu bezahlen (siehe die
Reduced Rate in der Tabelle 1: 17 % für ein Kind, 25 % für zwei Kinder und 31 % für
drei oder mehr Kinder). Bei einem wöchentlichen Einkommen ab £ 201 (1.171 € im
Monat), aber unter £ 800 (4.664 € im Monat) wird wiederum zunächst die Reduced
Rate für die ersten £ 200 angewandt. Das darüberliegende Einkommen wird ent-
sprechend wieder mit dem prozentualen Satz der Basic Rate herangezogen usw.
Entsprechend steigt der Unterhalt für die Kinder mit steigendem Einkommen
des unterhaltspflichtigen Elternteils. Die prozentuale Belastung des Unterhalts-
pflichtigen nimmt dennoch mit steigendem Einkommen kontinuierlich ab.
4 Die im Vereinigten Königreich üblichen Angaben zu Beträgen in Pfund pro Woche wurden für eine bessere Vergleichbarkeit
der Werte zu den in Deutschland üblichen Euro-Beträgen pro Monat umgerechnet. Um auf einen Monatsbetrag zu kommen,
wurden die Angaben für eine Woche mit dem Faktor 4,3 mulpliziert. Die Umrechnung der Pfund-Beträge in Euro-Beträge
erfolgte auf der Grundlage des Wechselkurses am 25.09.2015 (1 Brisches Pfund = 1,3557 Euro).
TABELLE 1 Kindesunterhaltsberechnungen, gestaffelt nach wöchentlichem/monatlichem Bruttoeinkommen des Unterhaltsverpflichteten
und Kinderzahl
RATEN
BRUTTOEINKOMMEN
DES UNTERHALTSPFLICHTIGEN UNTERHALTSBERECHNUNG
Basic Plus Rate £ 801 bis £ 3.000/Woche
4.669 € bis 17.489 €/Monat
Basic Rate bis £ 800/Woche bzw. 4.664 €/Monat, dann
9 % für ein Kind
12 % für zwei Kinder
15 % für drei oder mehr Kinder
Basic Rate £ 201 bis £ 800/Woche
1.171 € bis 4.664 €/Monat
Reduced Rate bis £ 200/Woche bzw. 1.166 €/Monat, dann
12 % für ein Kind
16 % für zwei Kinder
19 % drei oder mehr Kinder
Reduced Rate £ 101 bis £ 200/Woche
589 € bis 1.166 €/Monat
£ 5 für die ersten £ 100/Woche bzw. 29 € für die ersten 583 €/Monat, dann
17 % für ein Kind
25 % für zwei Kinder
31 % für drei oder mehr Kinder
Flat Rate £ 8 bis £ 100/Woche
47 € bis 583 €/Monat
£ 5/Woche bzw. 29 €/Monat
Nil Bis zu £ 7/Woche
41 €/Monat
Null
Quelle: Citizens Advice 2015.
21
3. AUSWIRKUNGEN VON TRENNUNG UND SCHEIDUNG
Diese Berechnungen werden noch komplexer, wenn zusätzliche Faktoren in die
Formel aufgenommen werden. Zu diesen Faktoren zählen:
die Zahl der Kinder, die bei dem unterhaltspflichtigen Elternteil leben,
die Zahl der Kinder, für die Unterhalt gezahlt wird, und
wie viele Nächte das Kind beim zahlungspflichtigen Elternteil pro Woche
verbringt. Der zu zahlende Unterhalt reduziert sich um ein Siebtel für jede
entsprechende Nacht (Martin 2014).
Wenn der unterhaltspflichtige Partner eine neue Lebenspartnerschaft gründet und
wenn der/die Lebenspartner/in Kinder aus einer früheren Beziehung mitbringt,
wird der unterhaltspflichtige Elternteil weniger für seine/ihre anderen Kinder
zahlen müssen, da er/sie ja jetzt auch für den Unterhalt der nun in der neuen
Partnerschaft lebenden Kinder aufkommen muss. Für die Zahler der Basic Rate
werden z. B. 15 Prozent des wöchentlichen Bruttoeinkommens von der Unter-
haltsberechnung freigestellt, wenn ein Kind im neuen Haushalt lebt, 20 Prozent
bei zwei Kindern und 25 Prozent bei drei oder mehr Kindern. Die Berechnungen
des Unterhaltsanspruchs von Kindern sind damit insgesamt sehr unübersichtlich.
Der Child Maintenance Service ist eine staatliche Agentur, die die Berechnung und
ggf. die Durchsetzung von Unterhaltsverpflichtungen übernimmt. Dabei werden
zwei mögliche Verfahren angeboten: die Direktüberweisung durch den Zah-
lungspflichtigen oder der „pay and collect service“ durch die Agentur. Der unter-
haltsverpflichtete Elternteil zahlt bei Inanspruchnahme des Child Maintenance
Service zusätzlich 20 Prozent des Kindesunterhaltes als Verwaltungskosten an die
Agentur. Dem betreuenden Elternteil werden vier Prozent des Kindesunterhaltes
für den Einzug und die Auszahlung des Kindesunterhaltes in Rechnung gestellt.
Für Alleinerziehende im unteren Einkommensbereich ist das häufig eine zu teure
Lösung. Immerhin erreicht der Child Maintenance Service höhere Zahlungsquoten
beim Kindesunterhalt als private Vereinbarungen; seine Erfolgsquote liegt bei 80
Prozent aller bearbeiteten Fälle. Allerdings wird nur in 60 Prozent der Fälle der
volle Unterhaltsanspruch gezahlt.
Bei privaten Unterhaltsvereinbarungen sieht das anders aus. In sechs von zehn
Fällen wird überhaupt kein Kindesunterhalt gezahlt. Private Regelungen sind nur
unter folgenden Bedingungen erfolgversprechend: wenn ein höheres Einkommen
des Zahlungspflichtigen vorliegt, bei Erwerbstätigkeit des betreuenden Eltern-
teils, bei Kontakt zwischen dem nicht betreuenden Elternteil und dem Kind sowie
bei einem freundschaftlichen Umgang der Eltern untereinander.
Mütter, die Sozialleistungen beziehen, erhalten im Vereinigten Königreich am
seltensten Kindesunterhalt, obwohl sie sich fast doppelt so häufig auf formelle
Kindesunterhaltsvereinbarungen wie auf informelle, private Vereinbarungen ver-
lassen. Im Jahr 2012 haben fast zwei Drittel (64 %) der alleinerziehenden Mütter,
die Sozialleistungen beziehen, keinen Kindesunterhalt erhalten: Sie hatten ent-
weder keine Vereinbarungen zum Unterhalt geschlossen, ihre Ex-Partner kamen
ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nach oder waren aufgrund ihrer persönli-
chen Einkommenssituation nicht unterhaltspflichtig.
Kindesunterhalt ist jedoch gerade für Alleinerziehende, die von Sozialleistungen
abhängig sind, ein wichtiger Einkommensbestandteil. Im Vereinigten Königreich
22
3. AUSWIRKUNGEN VON TRENNUNG UND SCHEIDUNG
wird der gezahlte Unterhalt nicht auf die Sozialleistungen angerechnet (siehe
unten) und ist dadurch ein echter Einkommenszugewinn für die Ein-Eltern-Fami-
lien, wenn er gezahlt wird. Jede fünfte Alleinerziehende im Sozialleistungsbezug,
die Kindesunterhalt erhält, konnte so aufgrund des Unterhalts ein Einkommen
erzielen, das über der Armutsschwelle liegt, und das, obwohl jede Vierte von ihnen
nicht den vollen Unterhaltsbetrag bekam, der ihr zustand.
Trotz dieser hohen Bedeutung von Unterhaltszahlungen für die Einkommens-
situation von Ein-Eltern-Familien hat die Koalitionsregierung darauf hingewirkt,
dass Eltern seltener teure staatliche Dienste wie den Child Maintenance Service in
Anspruch nehmen. Vielmehr förderte die Regierung die vermehrte Nutzung von
privaten, informellen Vereinbarungen, mit dem Argument, dass dies besser für die
Kinder sei. Im Ergebnis führt das heute jedoch dazu, dass der betreuende Elternteil
nun Beamte erst davon überzeugen muss, dass eine private Vereinbarung nicht
funktioniert, bevor sie/er Zugang zum Child Maintenance Service erhält.
23
4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
Rund 37 Prozent der Alleinerziehenden mit Kindern (730.000) erhielten im Jahr
2012/13 Sozialleistungen wie Income Support, Jobseeker‘s Allowance und Employment
and Support Allowance, da sie nicht erwerbstätig waren. Damit waren Ein-El-
tern-Familien fünf Mal häufiger auf diese Leistungen angewiesen als Paare mit
Kindern (7 %).
Die New-Labour-Regierung (1997–2010) hat in ihrer Regierungszeit viele Sozial-
systemreformen initiiert, die Sozialleistungsempfänger in bezahlte Arbeit bringen
sollten. Diese Reformen haben aber auch die Situation von nicht erwerbstätigen
Alleinerziehenden verbessert. 1999 wurde der bedarfsorientierte Working Tax
Family Credit eingeführt, der 2003 durch zwei Sozialleistungen ersetzt wurde:
den Child Tax Credit und den Working Tax Credit.5 Der Child Tax Credit ist nicht an
einen Beschäftigungsstatus gebunden und wurde in den nachfolgenden Jahren
immer wieder leicht erhöht. Der Working Tax Credit kann von Alleinerziehenden
in Anspruch genommen werden, wenn sie mindestens 16 Stunden pro Woche
beschäftigt sind und ihr Einkommen und ihre Ersparnisse unter einer bestimmten
Schwelle liegen. Diese beiden Reformen haben zu einer Erhöhung nicht nur des
Arbeitskräfteangebots, sondern auch des Einkommens der ärmsten Familien im
Vereinigten Königreich geführt.
Die Koalitionsregierung (2010–2015) hat diesen Ansatz übernommen, dabei aber
die Arbeitsorientierung weiter verstärkt. Während unter der New-Labour-Regie-
rung noch die Reduktion der Kinderarmut die höchste Priorität im Rahmen ihres
„work first“-Ansatzes hatte, war der Schwerpunkt der Koalitionsregierung ein
anderer. Ihr Ziel war vor allem eine Einsparung wohlfahrtsstaatlicher Ausgaben
im Staatshaushalt.
Dazu wurde das Bild der „Fairness“ gegenüber anderen Steuerpflichtigen, die
einer bezahlten Beschäftigung nachgehen, in den Mittelpunkt der Politik gerückt.
Vorherrschend war nun eine „Vertragsperspektive“, die die Bezugsberechtigung
von Sozialleistungen an den sogenannten „Gesellschaftsvertrag“ zwischen Staat
und – in diesem Fall – Alleinerziehenden knüpft. Demnach sind Alleinerziehende
verpflichtet, das „Beste“ aus der Unterstützung zu machen und eine Erwerbstä-
tigkeit zu suchen. Sollten sie ihren Verpflichtungen nicht nachkommen, müssen
sie mit Sanktionen rechnen.
5 Ein Tax Credit ist ein aus Steuermitteln finanzierter „Steuerzuschuss“, mit dem die Einkommen von Niedrigverdienern
(Working Tax Credit) bzw. Familien (Child Tax Credit) aufgestockt werden. Trotz des missverständlichen Namens sind Tax
Credits „means tested benefits“, d. h. Leistungen, die gezahlt werden, wenn der Antragsteller bestimmte Voraussetzun-
gen erfüllt. Sie reduzieren also nicht die Steuerschuld.
4. Alleinerziehende im britischen
Wohlfahrtsstaat: von „Citizen
Carers“ zu „Citizen Workers“
24
4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
Sogenannte „welfare to work“-Programme und weitere Arbeitsaktivierungsmaß-
nahmen wie der New Deal for Lone Parents (NDLP), Working Tax Credit und Lone Parent
Obligations trugen dazu bei, den Status Alleinerziehender von Citizen Carers, deren
erste Aufgabe die Fürsorge für ihre Kinder ist, zu Citizen Workers zu verändern, die
dem Staat gegenüber verpflichtet sind, ihren Unterhalt durch Arbeit zu verdienen.
Entsprechend stieg der Druck auf Alleinerziehende, je nach Alter des jüngsten
Kindes eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen.
Lone Parent Obligations
Lone Parent Obligations sind ein gutes Beispiel für diesen Ansatz. Die New-La-
bour-Regierung hat sie 2008 eingeführt, die Koalitionsregierung hat die Kon-
ditionen über die Jahre weiter verschärft. Lone Parent Obligations umfassen den
folgenden Wandel im Bereich des britischen Sozialsystems: Bis 2008 konnten
Alleinerziehende mit Kindern bis zu 16 Jahren Income Support (eine Art Sozialhilfe)
beziehen und waren nicht zur Arbeitssuche verpflichtet. Noch unter der New-
Labour-Regierung wurden 2009 nichterwerbstätige Alleinerziehende mit Kindern
über neun Jahre vom Income Support in die Jobseeker‘s Allowance überführt, bei der
eine aktive Arbeitssuche gefordert wird. Schon ein Jahr später wurde die Alters-
grenze der Kinder auf sieben Jahre reduziert. Seit 2012 wechseln Alleinerziehende
mit einem Kind im Alter von fünf Jahren vom Income Support zur Jobseeker‘s Allo-
wance und müssen sich damit aktiv um einen Arbeitsplatz bemühen, damit sie
ihren Anspruch auf finanzielle Unterstützung behalten (siehe Tabelle 2).
Dabei ist der finanzielle Umfang des Income Support und der Jobseeker‘s Allowance
gleich und mit ähnlichen Vorteilen verbunden: kostenloses Schulessen für die
Kinder, kostenfreie Rezepte in der Apotheke, kostenfreie Zahnbehandlungen und
Sehtests, maximales Wohngeld sowie Übernahme der Kosten von Bestattungen.
Die Jobseeker‘s Allowance-Vorschriften erkennen die Fürsorgeverantwortlichkei-
ten der Alleinerziehenden zu einem gewissen Grad an. Während Arbeitsuchende
im Allgemeinen dem Arbeitsmarkt 40 Stunden pro Woche zur Verfügung stehen
müssen, können Alleinerziehende ihre Wochenarbeitszeit auf mindestens 16
Stunden begrenzen, solange sie ein Kind unter 16 Jahren haben. Alleinerziehende
mit Kindern unter 13 Jahren können ihre Verfügbarkeit für den Arbeitsmarkt auf
TABELLE 2 Wechsel vom Income Support zur Jobseeker‘s Allowance nach dem Alter des jüngsten
Kindes
Nach dem Alter des jüngsten Kindes
ZEITSPANNE
WECHSEL VOM INCOME SUPPORT
ZUR JOBSEEKER‘S ALLOWANCE
Ab 2009 10 oder älter
Ab 2010 7 oder älter
Ab 2012 5 oder älter
Quelle: Eigene Darstellung.
25
4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
die Schulstunden begrenzen. Ein Schultag im Vereinigten Königreich dauert in der
Regel montags bis freitags von 9.00 Uhr bis 15.30 Uhr, 38 Wochen im Jahr; es wird
aber von Alleinerziehenden erwartet, dass sie eine Kinderbetreuung finden, um
die Zeit für ihren Arbeitsweg abzudecken. Zudem wird auch ein größerer Arbeits-
umfang in den Schulferien erwartet, vorausgesetzt, eine Kinderbetreuung steht
zur Verfügung.
Insgesamt sind die Bestimmungen zum Arbeitsumfang für Alleinerziehende eher
vage gehalten. Daher wird Alleinerziehenden geraten, ihre Verfügbarkeit für den
Arbeitsmarkt mit ihrem persönlichen Jobcenter-Plus-Berater zu besprechen.
Erhebungen deuten aber darauf hin, dass Berater die Vorschriften entweder falsch
auslegen oder nicht gut kommunizieren: Sie neigen dazu, die Arbeitsverfügbarkeit
von Alleinerziehenden zu überschätzen und ihre Fürsorgeverantwortlichkeiten zu
unterschätzen.
Die wichtigsten Einwände gegen die Lone Parent Oligations umfassen die unzu-
reichende Anerkennung und Berücksichtigung der Fürsorgeverantwortung von
Alleinerziehenden sowie ihrer persönlichen und strukturellen Barrieren, die
die Teilnahme an der Erwerbsarbeit einschränken. Darüber hinaus gibt es eher
schwache finanzielle Anreize für Alleinerziehende, erwerbstätig zu sein.
Die meisten Alleinerziehenden bevorzugen Teilzeitarbeit unter 16 Stunden, damit
sie weiterhin ihre Kinder betreuen können. Solche Teilzeitarbeitsplätze können
auf der einen Seite eine gute Gelegenheit sein, um zusätzliche Fähigkeiten und
Erfahrungen zu erwerben, und sind vielleicht sogar ein Sprungbrett in Beschäf-
tigungsverhältnisse mit einem größeren Arbeitsumfang. Auf der anderen Seite
verlängern Arbeitsverhältnisse mit geringem Stundenumfang die Abhängigkeit
von staatlichen Leistungen, zumal die Beschäftigung in der Regel nicht reguliert,
unqualifiziert und schlecht bezahlt ist.
Bei einer Umfrage im Jahr 2012 berichteten 39 Prozent der erwerbstätigen Allein-
erziehenden, dass ihr Lohn unter die Niedriglohnschwelle gefallen sei; bei anderen
Arbeitnehmern lag der Wert bei 21 Prozent. Dabei können Niedriglöhne nicht nur
auf unterdurchschnittliche Qualifikationen von Alleinerziehenden zurückgeführt
werden, sondern auch auf ihre schwächere Arbeitsmarktposition: Sie bevorzugen
flexible Arbeitszeiten, die im Niedriglohnsektor häufig sind; zudem sind Allein-
erziehende ganz überwiegend weiblich und auch der Niedriglohnsektor wird von
weiblichen Arbeitskräften dominiert. Darüber hinaus scheint es auch so zu sein,
dass diese Jobs den Erhalt von anderen Sozialleistungszahlungen nicht unbedingt
unterbrechen oder ersetzen.
Lone Parent Obligations und andere arbeitsaktivierende Maßnahmen haben damit
zwar möglicherweise in einem geringen Umfang zu einer Reduktion von Armut in
Ein-Eltern-Familien im Vereinigten Königreich beigetragen.6 Tatsächlich führen
sie aber auch dazu, dass nicht vorrangig Qualifikationen alleinerziehender Mütter
ausgebaut werden und somit vielfach keine Chance besteht, dem Niedriglohnsek-
tor zu entkommen.
6 Nach der Einführung der Lone Parent Obligations im Jahr 2009 ist der Anteil der Kinder in Ein-Eltern-Familien, die (nach
Abzug der Wohnkosten) in Einkommensarmut leben, kaum gesunken (von 46 % im Jahr 2009/10 auf 42 % im Jahr
2012/13); der Wert stagniert seit 2010 auf diesem noch immer sehr hohen Niveau (41 % im Jahr 2010/11 und 42 % im
Jahr 2012/13).
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4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
FALLSTUDIE
Ruby ist 33 Jahre alt und lebt mit ihren drei Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung
in einem kürzlich erbauten kleinen Wohnblock in der Nähe des Zentrums von Lon-
don. Die drei Kinder teilen sich ein Schlafzimmer und schlafen in einem dreistöckigen
Etagenbett.
Ruby hat ihre ersten beiden Kinder in einer Lebenspartnerschaft bekommen, ein
Mädchen (13) und einen Jungen (11). Die Beziehung ging auseinander, als der Junge
zwei Jahre alt war. Die beiden Kinder besuchen den Vater etwa zweimal im Jahr
für ein paar Tage und sprechen ab und zu am Telefon mit ihm. Nach ein paar Jahren
heiratete Ruby einen neuen Partner. Mit ihm hat sie eine Tochter (5). Ruby hat sich
vor drei Jahren von ihm getrennt und ist seit zwei Jahren geschieden. Sie erhält keine
Unterhaltszahlungen vom Vater ihrer jüngsten Tochter, und es besteht auch kein Kon-
takt. Ihre psychische Gesundheit hat unter dieser Beziehung gelitten. Eine einjährige
Therapie hat ihr dabei geholfen, Strategien zur Alltagsbewältigung zu finden.
Aufgrund der Lone Parent Obligation musste Ruby sich auf Arbeitssuche begeben,
nachdem ihre jüngste Tochter ihren fünften Geburtstag gefeiert hatte. Ihr persönli-
cher Arbeitsamtsberater hat ihr manchmal erst eine Stunde vorher mitgeteilt, dass
sie zu einem Vorstellungsgespräch kommen sollte. Vor neun Monaten hat Ruby
durch eine private Arbeitsvermittlung eine 30-Stunden-Stelle gefunden. Sie arbeitet
als unqualifizierte Hilfslehrerin an einer Förderschule für Kinder mit geistigen und
schwerstmehrfachen Behinderungen. Ihr Arbeitstag dauert von 9 bis 16 Uhr. Sie
muss aber schon um 8 Uhr ihre Wohnung verlassen und kommt erst um 17 Uhr nach
Hause, da sie jeweils etwa eine Stunde mit U-Bahn und Bus für den Hin- und Rückweg
benötigt.
Die private Arbeitsvermittlung bezahlt nur für die 38 Schulwochen im Jahr, in denen
sie arbeitet, nicht jedoch für die 14 Schulferienwochen, in denen sie nicht arbeitet.
Nach einem Jahr wurde an dieser Schule eine Festanstellung frei, und obwohl die
Konkurrenz hoch war, hat Ruby diese Stelle erhalten. Damit verbunden sind auch
Weiterbildungsmöglichkeiten, die eine Voraussetzung für qualifizierte Schulkräfte
sind.
Der Umgang mit Finanzen
Ruby fällt es schwer, mit den Sozialleistungen und ihrem unregelmäßigen und
niedrigen Einkommen über die Runden zu kommen. 2011, als sie noch Sozialhilfe-
empfängerin war, musste sie Privatinsolvenz anmelden, da sie Schulden im Wert von
über £ 6.000 (8.134 €) hatte, die sie nicht zurückzahlen konnte. Auch jetzt ist Ruby
wieder mit jeder Rechnung im Verzug und schätzt ihre aktuellen Schulden auf £ 2.500
(3.389 €).
In den Schulferien, in denen sie kein Gehalt bekommt, unterbricht sie alle Zahlungen
vom Girokonto, da sie sich diese Ausgaben nicht leisten kann. Die schriftlichen Mah-
nungen bleiben ungeöffnet und werden ignoriert. Sobald sie wieder Gehalt bekommt,
verhandelt sie telefonisch über die monatlichen Ratenzahlungen. Aus diesem Grund
sind ihre Strom-, Gas-, Festnetz- und Wasserrechnungen höher als im Durchschnitt.
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4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
Die Einkommensschwankungen haben auch Auswirkungen auf die Höhe des Child Tax
Credit. Ruby findet es daher schwierig, mit ihrem Einkommen zu haushalten. Ihr Ver-
mieter, eine gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft, hat ihr bereits mit Kündigung
und damit Obdachlosigkeit gedroht, da sie mit der Miete im Rückstand ist. Sie wurde
daraufhin vor Gericht geladen, wo es ihr gelang, mit dem Richter und der Wohnungs-
baugesellschaft einen Tilgungsplan zu vereinbaren.
Vor ihrer Beschäftigung ging sie regelmäßig in ein Fitnessstudio. Seit sie ihre Arbeits-
stelle angetreten hat, findet sie nicht mehr die Zeit dafür. Das Fitnessstudio entließ
sie nicht vorzeitig aus ihrem Einjahresvertrag und verlangt einen reduzierten Beitrag
von £ 25 (34 €) pro Monat, bis der Vertrag ausläuft. Ruby hat vier Handy-Verträge
abgeschlossen und bezahlt dafür etwa £ 97 (132 €) pro Monat, inklusive der Raten-
zahlungen für die Handys. Es ist im Vereinigten Königreich üblich, dass Kinder ab 11
Jahren ein Handy besitzen. Ruby bezahlt auch für das Handy ihrer Mutter, die bei der
Betreuung der Kinder hilft, wenn sie gebraucht wird. Rubys älteste Tochter hilft eben-
falls bei der Betreuung der Geschwister mit. Sie ist diejenige, die am meisten unter der
Trennung ihrer Eltern leidet.
In den Schulferien, wenn das Einkommen niedrig ist, stellt Ruby keinen Antrag
auf Jobseeker‘s Allowance. weil die Antragstellung sehr aufwendig ist. Sie versucht
stattdessen, so über die Runden zu kommen. Generell kauft Ruby den Bedarf ihrer
Familie täglich bei einem Discounter ein. Sie wählt billige Lebensmittel, selten sind
frische Waren dabei. Wenn das Geld sehr knapp ist, bringt sie die Kinder manchmal zu
ihrer Mutter oder zu einem Nachbarn zum Essen. Zudem gibt ihr ihre Mutter dann ein
wenig Geld. Manchmal isst Ruby mit Absicht weniger als ihre Kinder.
Selbst wenn sie arbeitet, ist der finanzielle Spielraum eng. In den ersten zwei Wochen
des Monats fühlt sich Ruby „gut gestellt“. Sie geht gelegentlich mit den Kindern ins
Kino, oder sie bestellen manchmal Essen vom Bringdienst. In der zweiten Monats-
hälfte lebt sie dann sehr bescheiden. Glücklicherweise muss Ruby keine Kinderbe-
treuungskosten und Schulessen für ihre jüngste Tochter in der Grundschule bezahlen,
eine Einsparung von ungefähr £ 160 (216,91 €) pro Monat. In der Schule gibt es eine
Regelung, dass Eltern, die in den letzten fünf Jahren Sozialleistungsempfänger waren,
nicht für die Kinderbetreuung oder das Schulessen zahlen müssen.
Die Armutsgrenze für alleinerziehende Familien mit zwei Kindern im Alter von
fünf und 14 Jahren lag im Vereinigten Königreich nach Abzug der Wohnkosten im
Jahr 2012/13 bei £ 1.157 (1.568 €) pro Monat (DWP 2014). Im Jahr 2015 verfügt
Ruby nach Abzug der Wohnkosten und der Council Tax (Gemeindesteuer) über ein
Einkommen von £ 1.268 (1.719 €) im Monat (siehe Tabelle 3). Dies bedeutet, dass sie
um £ 111 (150 €) pro Monat über der Armutsgrenze lebt. Ruby hat aber drei Kinder,
und es wurde von Regierungsseite keine Armutsgrenze für Alleinerziehende mit
drei Kindern für das Jahr 2015 definiert. Da die Lebenshaltungskosten allgemein
gestiegen sind und durch das dritte Kind zusätzliche Kosten entstehen, kann davon
ausgegangen werden, dass Ruby unter der relativen Armutsgrenze lebt.
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4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
TABELLE 3 FALLSTUDIE – Monatliche Einnahmen und Ausgaben
In Pfund und Euro
MONATLICHES
NETTOEINKOMMEN
MONATLICHE
KOSTEN
Nettoeinkommen £ 802 / 1.087 €
Working Tax Credit £ 300 / 407 €
Child Tax Credit £ 652 / 884 €
Kindergeld £ 190 / 258 €
Wohngeld £ 0 / 0 €
Council Tax Benefit £ 0 / 0 €
Unterhalt für die ältesten 2 Kinder £ 100 / 136 €
Geschenke vom Vater der ältesten
Kinder (informelle Vereinbarung) £ 17 / 23 €
Gesamteinkommen £ 2.061 / 2.794 €
Miete £ 650 / 881 €
Council Tax £ 143 / 194 €
Gas und Strom £ 130 / 176 €
Wasser £ 103 / 140 €
Netflix-Filme £ 6 / 8 €
Telefone Festnetz und Internet £ 34 / 46 €
4 Vertragshandys £ 97 / 132 €
Öffentliche Verkehrsmittel zur
Arbeitsstelle
£ 31 / 42 €
Mitgliedsbeitrag Fitnessstudio £ 25 / 34 €
Schulmahlzeiten für 2 Kinder £ 80 / 108 €
Feste Gesamtausgaben £ 1.299 / 1.761 €
Gesamteinkommen £ 2.061 / 2.794 €
Verfügbare Mittel für
Nahrung, Kleidung und Extras £ 762 / 1.033 €
Quelle: Eigene Darstellung.
Ruby hat Anträge für fünf verschiedene Sozialleistungen gestellt. Sie beantragt die
Leistungen online, wie viele Menschen in ihrem Alter. Manchmal hilft ihr eine Freun-
din bei der Antragstellung, oder Ruby ruft die Telefon-Hotline an. Sie geht sehr selten
persönlich zu den Ämtern. Das macht sie eigentlich nur, wenn sie Originalunterlagen
vorlegen muss. In diesen Fällen möchte sie vermeiden, dass etwas auf dem Postweg
verloren geht.
29
4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
Das Flaggschiff-Programm Universal Credit (geplant für 2017)
Die Koalitionsregierung (2010–2015) hat ein Flaggschiff-Programm entwickelt,
das die konservative Regierung (2015–) übernommen hat und bis Ende 2017
landesweit umsetzen will. Das Ziel des sogenannten Universal Credit ist es, Men-
schen durch erhöhte Anreize zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit zu bewegen
oder dazu, ihren Arbeitsumfang zu erhöhen. Durch die Verringerung sowohl
der Erwerbslosigkeit als auch der Abhängigkeit von Sozialleistungen soll das
Sozialleistungssystem „fairer“ und auch günstiger werden. Es kann aber auch
argumentiert werden, dass diese Reformpolitik den liberalen Sozialstaat mit einer
radikalen Aktivierungspolitik flankiert, der weniger Hilfestellungen in sozialen
Notlagen leistet und vor allem mit Sanktionen droht.
Universal Credit gilt als die radikalste Reform des britischen Wohlfahrtsstaates in
den letzten 60 Jahren. Sechs verschiedene Sozialleistungen werden dabei zusam-
mengeführt, und es wird nicht mehr zwischen denen unterschieden, die arbeitslos
sind, und denen, die Arbeit haben. Im Rahmen des Systems soll auch schnell auf
schwankende Einkommen und veränderte Umstände reagiert werden (können),
so dass Unter- und Überzahlungen vermieden werden. Dabei wird allerdings
unterschätzt, wie häufig sich die Lebensumstände Alleinerziehender verändern,
z. B. durch Verlust und Aufnahme einer Erwerbstätigkeit, ständige Einkommens-
schwankungen oder ein krankes Kind. Zudem können Kinder unterschiedlich lang
bei ihren Müttern oder Vätern leben, und Partner können in kurzen Zeiträumen
ein- oder ausziehen. Auch die Kinderbetreuung variiert im Verlauf eines Jahres.
Universal Credit soll ein vereinfachtes System der Verdienstanrechnung beinhalten
und es den Empfängern gleichzeitig ermöglichen, etwas mehr Geld – bis zu 35
Prozent – von ihrem Einkommen zu behalten, bevor es auf den Sozialleistungsan-
spruch angerechnet wird. Um die Bezieher unabhängiger zu machen, wird es keine
wöchentlichen Zahlungen mehr geben. Vielmehr werden alle Zahlungen wie ein
Gehalt monatlich auf das Bankkonto des Empfängers überwiesen. Wohngeld wird
nicht mehr direkt an den Vermieter gezahlt, sondern die Mieter sind selbst für die
Zahlungen verantwortlich. Die Antragstellung für den Universal Credit wird haupt-
sächlich online erfolgen, um das System zu vereinfachen und zu rationalisieren.
Das System wird den Wandel der Rolle von alleinerziehenden Müttern als Für-
sorgerinnen und Erzieherinnen zu primär Erwerbstätigen weiter verfestigen. Der
Anspruch auf Universal Credit ist an Bedingungen und damit verknüpfte Sanktions-
regelungen gebunden. Sie wurden mit der Zielsetzung entwickelt, jedem Antrag-
steller einen noch größeren Anreiz zu geben, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen
sowie mehr Stunden zu arbeiten. Der Bezug von Sozialleistungen hängt damit in
erster Linie vom eigenen Verhalten ab.
Eine Erwerbstätigkeit zu haben, ist jedoch nicht allein vom Verhalten eines
Individuums abhängig; nicht jeder ist in der Lage, einen Arbeitsplatz zu finden.
Darüber hinaus sind die wirtschaftlichen und strukturellen Rahmenbedingungen,
wie niedrige Löhne, unsichere Arbeitsplätze und Beschäftigungsmöglichkeiten, zu
berücksichtigen sowie die Tatsache, dass diese regional und je nach Wirtschafts-
lage variieren. Auch die Verfügbarkeit von Kinderbetreuungsangeboten sowie
berufliche und pädagogische Qualifizierungsmaßnahmen sind hier von großer
Bedeutung.
30
Aufgrund der Konzeption des Universal Credit werden Alleinerziehende wohl die
schwächsten Anreize haben, ihren Arbeitsumfang auszuweiten. Denn im Vergleich
zu anderen Haushalten werden sie im System des Universal Credit einen höheren
Anteil ihres Einkommens verlieren. Es wird geschätzt, dass nur etwa ein Drittel
(32 %) der Alleinerziehenden durch die Einführung des Universal Credit finanziell
besser dastehen werden; zwei Fünftel (41 %) werden sich schlechter stellen. Bei
den verbleibenden 27 Prozent wird es keine Veränderung im Vergleich zum der-
zeitigen System geben.
Der Erhalt von Universal Credit wird vom Alter der Kinder abhängig gemacht (siehe
Tabelle 4). Alleinerziehende mit einem Kind unter fünf Jahren müssen sich dem
Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stellen. Alleinerziehende mit einem Kind unter
13 Jahren können ihre Verfügbarkeit auf die regulären Schulzeiten begrenzen.
Arbeiten Alleinerziehende aber weniger Stunden, als es die Umstände zu erlauben
scheinen, werden sie dazu aufgefordert, ihre Arbeitsstundenzahl zu erhöhen.
Dies bedeutet, dass die Alleinerziehenden auch auf die Qualität der Beziehung zu
ihrem persönlichen Jobcenter-Berater angewiesen sind, der/die ihre individuellen
Umstände zu bewerten hat.
Die Anspruchsbedingungen und die Sanktionen des Universal Credit sind die här-
testen und umfassendsten, die das britische Wohlfahrtssystem je hatte. Sollte
etwa eine Alleinerziehende eine nach den Regeln des Universal Credit zumutbare
Arbeitsstelle ablehnen, kann ihr ein Großteil der Unterstützung durch den Univer-
sal Credit für bis zu drei Monate entzogen werden.
Die Koalitionsregierung hat darüber hinaus weitere Sanktionsmaßnahmen im
Rahmen ihres Kostensenkungsprogrammes verabschiedet. Die Bedroom Tax
(Schlafzimmersteuer) führt dazu, dass Mieter von Sozialwohnungen, die über
mehr als die gesetzlich vorgegebene Anzahl von Schlafzimmern pro Bewohner
verfügen, entweder eine Strafe zahlen oder ihre Wohnung verlassen müssen. Die
obere Sozialleistungsgrenze (Benet Cap) ist ein festgelegter Höchstbetrag, den
Wohngeldempfänger beziehen können. Diese Grenze führt dazu, dass Alleiner-
ziehende in Gebieten mit hohen Mieten, wie zum Beispiel in London, von diesem
Höchstsatz überproportional betroffen sind und ihre Mieten kaum noch finanzie-
ren können. Sie stehen dann vor der Wahl, entweder umzuziehen oder ihre Miete
von ihren anderen Sozialleistungen, die sie beziehen, zu bezahlen. Wählen sie den
4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
TABELLE 4 Bedingungen für die Inanspruchnahme des Universal Credit durch Alleinerziehende
ALTER DES KINDES BEDINGUNGEN
Unter einem Jahr Keine
Zwischen 1 und 5 Jahren Arbeitsorientierte Interviews
5–12 Jahre Arbeitsstunden an Schulstunden angepasst
13–16 Jahre Arbeitsstunden sind von individuellen Umständen abhängig
Quelle: Eigene Darstellung.
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4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
letzten Weg, führt dies häufig zur Zahlungsunfähigkeit in anderen Bereichen und
zur Überschuldung.
Sozialreformen unter der konservativen Regierung (2015-)
Die konservative Regierung (2015–) will das Haushaltsdefizit noch stärker als die
Koalitionsregierung reduzieren und wird die maximale Höhe der Sozialleistun-
gen daher weiter kürzen. Ab April 2016 werden Sozialleistungen wie der Child Tax
Credit, der Working Tax Credit, der Income Support, die Jobseeker‘s Allowance und das
Child Benet (Kindergeld) nicht mehr erhöht, sondern für vier Jahre eingefroren. Die
Regierung wird das „citizen workers“-Modell durch ihre Gesetzgebung stützen und
die oben skizzierte „Vertragsperspektive“ des Wohlfahrtsstaates weiter ausbauen.
Dazu hat die konservative Regierung eine national geltende existenzsichernde Min-
destlohngrenze (national living wage) eingeführt. Seit Januar 2016 ist der gesetzliche
Mindestlohn demnach pro Stunde für über 25-Jährige von £ 6,70 (9,10 €) auf £ 7,20
(9,80 €) gestiegen. Berechnungen zeigen aber, dass viele Niedriglohnempfänger
sich dadurch nicht besserstellen werden, da die konservative Regierung in den
nächsten vier Jahren £ 12 Milliarden (16,2 Mrd. €) aus dem Sozialbudget einsparen
wird, u. a. durch die Festlegung der Höhe des Benet Cap sowie durch Kürzungen und
das Einfrieren von weiteren Sozialleistungen. Das Einfrieren des Wohngelds wird
z. B. dazu führen, dass einkommensschwache Mieter im privaten Wohnungssektor
Mieterhöhungen ohne staatliche Hilfe finanzieren müssen.
Zudem wird die konservative Regierung die bestehende gesetzliche Verpflichtung
des Staates zur Verringerung von Kinderarmut aufheben und auch das bisher ver-
wendete Berechnungsmodell zur Festlegung von Kinderarmut verändern. Es soll
eine neue Armutsdefinition entwickelt werden, die Faktoren wie Erwerbstätigkeit
und Bildungsniveau in der Familie einbezieht sowie normative Dimensionen wie
die Auflösung der Familie, Schulden und Sucht. Die genaue Definition des neuen
Berechnungsmodells ist noch unklar.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass eine Erwerbstätigkeit heute
keineswegs automatisch materielle Sicherheit bedeutet. Die wachsende Zahl
von erwerbstätigen Alleinerziehenden im Vereinigten Königreich zeigt z. B.
nicht den gewünschten Effekt einer Verringerung der Einkommensarmut bei
Ein-Eltern-Familien. Ein Grund dafür könnte die Art der Arbeitsplätze sein, die
Alleinerziehenden in der Regel zur Verfügung stehen und die keinen Weg aus der
Armut eröffnen. Erwerbstätigkeit ist in diesem Fall bestenfalls eine Teillösung des
Problems der Einkommensarmut.
Der britische Wohlfahrtsstaat scheint es Alleinerziehenden nicht oder nur sehr
schwer zu ermöglichen, ein auskömmliches Familieneinkommen zu erwirtschaf-
ten. Sie sind ganz wesentlich von Sparmaßnahmen und überproportional von den
Budgetkürzungen im Sozialsystem betroffen. Im Vergleich zu anderen Haushalts-
typen verlieren Alleinerziehende am meisten; aufgrund von Leistungskürzungen
sowie Sozialleistungsreformen im Jahr 2015/16 werden sie im Durchschnitt über
15 Prozent weniger Einkommen verfügen können (Women‘s Budget Group 2015).
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Finanzielle Unterstützung für Alleinerziehende 2015/16 im Überblick
Tabelle 5 zeigt den Anspruch auf finanzielle Unterstützung für eine Reihe von
hypothetischen Familiensituationen 2015/16. Sie beschreibt die verschiedenen
Leistungen, die Alleinerziehenden zur Verfügung stehen, und vergleicht erwerbs-
lose Alleinerziehende mit denen, die Teilzeit und Vollzeit für den im Jahr 2015
geltenden Mindestlohn von £ 6,70 (9,10 €) arbeiten.
Die drei Szenarien gehen von folgenden Annahmen aus: Die Alleinerziehenden
haben zwei Kinder im Alter von fünf und 14 Jahren, niemand in der Familie hat
eine Behinderung oder langfristige gesundheitliche Probleme, und niemand über-
nimmt Pflegeaufgaben für eine weitere Person. Die Alleinerziehenden sind über
18 Jahre alt und haben keine weiteren Einkünfte. Weder Kinderbetreuungskosten
noch Unterhaltszahlungen oder Rentenbeiträge sind in diese Berechnungen ein-
geschlossen. In jedem der drei Szenarien mieten die Familien eine Sozialwohnung
mit einer Miete von £ 100 pro Woche (583 € im Monat), und ihre Gemeindesteuer
(Council Tax) beträgt £ 18 pro Woche (monatlich 105 €).
In der Tabelle werden nur die Nettoeinkünfte aufgezeigt. Arbeitnehmer zahlen
im Vereinigten Königreich Steuern, wenn sie mehr als £ 10.000 pro Jahr (13.557 €)
verdienen (2014/15). Im Rahmen der National Insurance (staatliche Rentenversi-
cherung, Mutterschaftsurlaub, die ersten sechs Monate der Jobseeker‘s Allowance
sowie einige weitere Sozialleistungen) zahlen Arbeitnehmer Beiträge in Höhe von
12 Prozent auf Einkommen, das über der Schwelle von £ 7.956 pro Jahr (10.786 €)
liegt. Das britische Gesundheitssystem (National Health Service) ist staatlich orga-
nisiert und steuerfinanziert, es war bei seiner Einführung die weltweit erste staat-
liche Organisation einer beitragsfreien Gesundheitsversorgung. Arbeitnehmer
und Arbeitgeber leisten hier keine zusätzlichen Beiträge.
Als Vergleichsgröße wird bei der Berechnung die relative Einkommensarmuts-
grenze in Höhe von 60 Prozent des mittleren Einkommens angewendet. Nach den
jüngsten Zahlen von 2012/13 liegt diese Einkommensarmutsgrenze nach Abzug
der Wohnkosten bei £ 269 pro Woche (1.568 € im Monat) für Alleinerziehende mit
zwei Kindern im Alter von fünf und 14 Jahren (DWP 2014).
Tabelle 5 zeigt, dass erwerbslose Alleinerziehende etwas mehr Sozialleistungen
erhalten als Alleinerziehende in Teilzeitbeschäftigungen, vor allem das Wohngeld
ist höher. Auch Alleinerziehende, die in Vollzeit zum Mindestlohn arbeiten, erhal-
ten staatliche Unterstützungen in Höhe von £ 211 pro Woche (1.231 € im Monat).
Die Berechnung macht aber auch deutlich, dass erwerbslose Alleinerziehende
trotz der Sozialleistungen in diesem Szenario unterhalb der Armutsgrenze leben.
Durch die Kombination von Einkommen und Sozialleistungen können Alleiner-
ziehende in Teilzeit- oder Vollzeitbeschäftigungen dagegen die Armutsgrenze
überschreiten.
Insgesamt sind Vollzeit arbeitende Alleinerziehende finanziell im Vergleich zu
ihrer eingesetzten Arbeitszeit nur geringfügig bessergestellt als Teilzeit arbeitende
Alleinerziehende, wenn sie den Mindestlohn bekommen. Dies scheint ein Beleg
dafür zu sein, dass die Koalitionsregierung und die jetzige konservative Regierung
Alleinerziehende eher als Teilzeitarbeitskräfte und nicht als Vollzeitbeschäftigte
ansehen.
4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
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4. ALLEINERZIEHENDE IM BRITISCHEN WOHLFAHRTSSTAAT: VON „CITIZEN CARERS“ ZU „CITIZEN WORKERS“
TABELLE 5 Szenarien für Einkommen, Sozialleistungen und Armut für Alleinerziehende ohne Beschäftigung, in Teilzeit- und Vollzeitbeschäftigung,
April 2015 – April 2016
NICHT ERWERBSTÄTIG TEILZEIT (16 STUNDEN) VOLLZEIT (38 STUNDEN)
Nettoeinkommen zum Mindestlohn N / A £ 107,20 / pro Woche
625 € / Monat
£ 244,45 / pro Woche
1.425 € / Monat
Working Tax Credit N / A £ 76,53 / Woche
446 € / Monat
£ 38,36 / Woche
224 € / Monat
Jobseeker’s Allowance oder Income Support £ 73,10 / Woche
426 € / Monat
N / A N / A
Kindergeld £ 34,40 / Woche
201 € / Monat
£ 34,40 / Woche
201 € / Monat
£ 34,40 / Woche
201 € / Monat
Child Tax Credit £ 117,52 / Woche
685 € / Monat
£ 117,52 / Woche
685 € / Monat
£ 117,52 / Woche
685 € / Monat
Wohngeld £ 100,00 / Woche
583 € / Monat
£ 77,39 / Woche
451 € / Monat
£ 20,75 / Woche
121 € / Monat
Gemeindesteuerunterstützung
(Council Tax Support)
£ 12,35 / Woche
72 € / Monat
£ 11,51 / Woche
67 € / Monat
£ 0
Kostenfreies Mittagessen in der Schule* £ 9,50 / Woche
55 € / Monat
£ 0 £ 0
Gesamteinkommen £ 346,87 / Woche
2.022 € / Monat
£ 424,55 / Woche
2.475 € / Monat
£ 455,48 / Woche
2.655 € / Monat
Einkommen nach Abzug der Wohnkosten
(Miete und Gemeindesteuer £ 118)
£ 228,87 / Woche
1.334 € / Monat
£ 306,55 / Woche
1.787 € / Monat
£ 337,48 / Woche
1.967 € / Monat
Relative Armutsgrenze (nach Abzug der
Wohnkosten)
£ 269,00 / Woche
1.568 € / Monat
£ 269,00 / Woche
1.568 € / Monat
£ 269,00 / Woche
1.568 € / Monat
Unterschied zwischen Einkommen und
Armutsgrenze
–£ 40,13 / Woche
–234 € / Monat
+£ 37,55 / Woche
+219 € / Monat
+£ 68,48 / Woche
+399 € / Monat
*Ein kostenfreies Mittagessen in der Schule gibt es nur 38 Wochen im Jahr.
Quelle: Turn2us benefit calculator 2015: https://www.turn2us.org.uk/Find-Benefits-Grants (letzter Zugriff 23.6.2015).
34
5. KINDERBETREUUNG UND ERZIEHUNGSHILFEN
Die New-Labour-Regierung (1997–2010) hat erheblich in die Ausweitung des
Angebotes an frühkindlicher Bildung und Betreuung investiert. Damit sollten
Kindern frühe Zugänge zu Bildung und Teilhabe eröffnet und Folgen von Kinder-
armut verringert werden. Die sogenannte National Childcare Strategy führte 1998
für alle Vierjährigen kostenlose Teilzeitplätze für Bildung und Betreuung ein. Der
Rechtsanspruch wurde 2004 auf Dreijährige erweitert.
Die Kommunen im Vereinigten Königreich sind verpflichtet, ausreichende Kinder-
betreuungsangebote zu gewährleisten. Die kostenlose Teilzeitbetreuung nehmen
fast alle Eltern in Anspruch; jedoch umfasst sie nur 15 Stunden pro Woche und
dies auch nur während der Schulzeit, nicht aber in den Ferien, die im Vereinig-
ten Königreich ungefähr 14 Wochen im Jahr dauern. Daher deckt das staatliche
Angebot einer kostenlosen Betreuung von Drei- und Vierjährigen nicht einmal
den Bedarf von Eltern bzw. Alleinerziehenden in Teilzeitbeschäftigung und muss
in der Regel durch institutionelle oder private Kinderbetreuung ergänzt werden.
Die konservative Regierung hat nach der Wahl 2015 angekündigt, dass sie das
kostenlose Angebot an früher Bildung und Betreuung für Drei- und Vierjährige bis
2017 auf 30 Stunden pro Woche verdoppeln will. Dieses Angebot gilt jedoch nur für
berufstätige Eltern und nicht in den Schulferien. Viele Kommunen weisen aller-
dings schon jetzt einen chronischen Mangel an Kinderbetreuungsplätzen auf und
können noch nicht einmal die bestehenden Bedürfnisse und Rechte berufstätiger
Eltern erfüllen. Im Jahr 2015 hatten 57 Prozent aller Kommunen in England und 82
Prozent in Wales ein unzureichendes Angebot an Kinderbetreuung für berufstätige
Eltern. Diese Engpässe treten besonders in strukturschwachen Gebieten auf. Vor
diesem Hintergrund erscheinen die neuen Regierungspläne kaum realisierbar
(Butler/Rutter 2015).
Durch die Koalitionsregierung (2010–2015) wurde das kostenlose Angebot an frü-
her Bildung und Betreuung auf zweijährige Kinder aus benachteiligten Familien
ausgeweitet. Allerdings gibt es heute immer noch Kinder, die dieses Angebot nicht
in Anspruch nehmen können – so gab es im Jahr 2014 in England und Wales rund
30.000 Zweijährige, die zwar einen Anspruch auf einen freien Betreuungsplatz
hatten, ihn aber nicht nutzen konnten, weil er nicht zur Verfügung stand.
Zudem ist die Qualität der Bildungs- und Betreuungsangebote nicht immer hoch
genug; 28 Prozent aller Zweijährigen sind in Betreuungseinrichtungen, die nicht
als qualitativ gut beurteilt wurden. Einrichtungen mit unzureichender Qualität
befinden sich überwiegend in benachteiligten Gebieten. Aufgrund von Budget-
kürzungen gibt es zudem weniger gut qualifiziertes Personal in Kindertagesein-
richtungen, und das pädagogische Personal in Kindertageseinrichtungen sowie die
Leitungen erhalten eine eher niedrige Bezahlung.
5. Kinderbetreuung
und Erziehungshilfen
35
5. KINDERBETREUUNG UND ERZIEHUNGSHILFEN
Die Kosten für frühe Bildung und Betreuung sind im Vereinigten Königreich im
internationalen Vergleich hoch. Seit 2009 sind sie zudem um 27 Prozent gestie-
gen, während im gleichen Zeitraum die Löhne aufgrund der Wirtschaftskrise sta-
gnierten. Die hohen Kinderbetreuungskosten können auch für Alleinerziehende
in höheren Einkommensklassen erhebliche Hindernisse darstellen, da sie sich
die Aufwendungen oft nicht mit einem Partner teilen können. Gerade alleinerzie-
hende Eltern nehmen daher insgesamt seltener institutionelle Kinderbetreuung
in Anspruch als Paareltern.
Die hohen Kinderbetreuungskosten können zum Teil durch das nachfrageorien-
tierte System mit einem hohen Anteil an gewinnorientierten Anbietern erklärt
werden. Ein nachfrageorientiertes System früher Bildungs- und Betreuungsan-
gebote soll Eltern die freie Wahl zwischen verschiedenen Anbietern ermöglichen.
Es deutet jedoch viel darauf hin, dass die rückwirkende Erstattung von Kinderbe-
treuungskosten durch das Steuer- und Sozialleistungssystem eine eher abschre-
ckende Wirkung auf viele Familien hat. Hinzu kommt, dass privat-gewerbliche
Anbieter von früher Bildung und Betreuung häufig teurer sind als kommunale
bzw. gemeinnützige Anbieter.
Die Kinderbetreuungskomponente des Working Tax Credit erstattet, je nach Ein-
kommen, bis zu 70 Prozent der Kinderbetreuungskosten bis zu einem Maximal-
wert von £ 175 pro Woche (1.020 € pro Monat) für ein Kind und £ 300 pro Woche
(1.749 € pro Monat) für zwei oder mehr Kinder. Um anspruchsberechtigt zu sein,
müssen Alleinerziehende mindestens 16 Stunden pro Woche arbeiten. Allerdings
deckt der Maximalbetrag in vielen Fällen immer noch nicht ihre Teilzeitbetreu-
ungskosten (Rutter 2015).
In einer Elternbefragung im Jahr 2013 fanden es fast die Hälfte (48 %) aller nicht-
erwerbstätigen sowie 37 Prozent der erwerbstätigen Alleinerziehenden schwierig,
für die formelle Kinderbetreuung aufzukommen. Im Gegensatz dazu bestätigten
lediglich 23 Prozent der erwerbstätigen Paarfamilien diese Aussage.
FALLSTUDIE
Eine alleinerziehende Mutter mit einem vierjährigen Kind verdient als Geschäfts-
leiterin £ 24.500 (33.215 €) im Jahr. Ihr Einkommen liegt damit etwas höher als das
Durchschnittsgehalt von £ 23.348 (31.653 €) im Jahr 2014. Sie hat Anspruch auf 15
Stunden kostenlose Kinderbetreuung pro Woche, benötigt aber darüber hinaus 30
weitere Betreuungsstunden und muss dafür £ 135 (183 €) pro Woche zahlen. Über
die Kinderbetreuungskomponente des Working Tax Credit erhält sie hierauf einen
Zuschuss von £ 51 (69 €); £ 84 (114 €) pro Woche muss sie selbst finanzieren. Im Jahr
errechnen sich daraus bei 38 Wochen £ 3.192 (4.332 €), d. h., sie muss 13 Prozent
ihres Jahresgehalts in Kinderbetreuung investieren, womit sie nur 38 Wochen im Jahr
abdeckt. Diese Kosten würden erheblich steigen, wenn sie auch in den Schulferien
formelle Kinderbetreuung bräuchte und sie keine Unterstützung durch Familienan-
gehörige hätte.
36
Eine Verbesserung wird es geben, wenn im Zuge der Einführung des Universal Cre-
dit im Jahr 2017 der Kinderbetreuungszuschuss von 70 auf 85 Prozent aufgestockt
wird. Zudem ist dieser Zuschuss dann nicht mehr von einer Wochenarbeitszeit
von mindestens 16 Stunden abhängig. Alleinerziehende können schon ab der
ersten Arbeitsstunde pro Woche einen Antrag auf einen solchen Kinderbetreu-
ungszuschuss stellen (Alakeson/Hurrell 2012).
Positiv zu bewerten ist, dass es im Vereinigten Königreich festgelegte und relativ
großzügige Vorgaben zum Personalschlüssel in Kindertageseinrichtungen gibt
(DfE 2013). Die vorgeschriebene Fachkraft-Kind-Relation für Kinder bis zum zwei-
ten Lebensjahr liegt bei 1:3, für Zweijährige bei 1:4. Erst für Kinder ab dem dritten
Lebensjahr reduziert sich der Personalschlüssel auf 1:8. Diese Vorgaben werden
in der Praxis wohl eingehalten, allerdings nur, weil nicht alle Fachkräfte gleich
gut qualifiziert sind, sondern einige über geringere Qualifikationen verfügen und
dadurch kostengünstiger sind. Insgesamt ist der Sektor im Vergleich zu anderen
Ländern eher schlecht bezahlt.
Darüber hinaus kann die nahezu universelle Inanspruchnahme des freien Betreu-
ungsangebotes für Drei- und Vierjährige als bemerkenswerter Erfolg betrachtet
werden. Das hat sicher auch mit dazu beigetragen, dass mehr Alleinerziehende
einer Erwerbstätigkeit nachgehen konnten und Kinderarmut zum Teil reduziert
wurde. Die vollen Auswirkungen der Investitionen in die frühe Bildung und
Betreuung durch die New-Labour-Regierung sind allerdings noch nicht sichtbar,
da sich die Kinder noch im Bildungssystem befinden.
Da die beiden letzten Regierungen die Ausgaben für frühe Bildung und Betreuung
um 25 Prozent gekürzt haben, ist zu erwarten, dass dies Auswirkungen auf die
Qualität und das Angebot haben wird. Die positiven Effekte früherer Reformen
könnten dadurch konterkariert werden.
5. KINDERBETREUUNG UND ERZIEHUNGSHILFEN
37
6. REFORMOPTIONEN
Die Studie zeigt, dass die Situation von Alleinerziehenden und ihren Kin-
dern dringend verbessert werden muss. In der Vergangenheit wurden bereits
Schritte unternommen, die zu einer positiven Veränderung der Lebenslage von
Alleinerziehenden und insbesondere zu einer Reduktion der Kinderarmut in
Ein-Eltern-Familien geführt haben. Allerdings besteht in vielen Bereichen noch
dringender Handlungsbedarf, etwa bei den Regelungen des Umgangsrechtes, den
Unterhaltszahlungen, Mediation, Erwerbstätigkeit, Kinderbetreuung, Bildung und
Ausbildung sowie Sozialleistungen.
Elternschaft nach der Trennung
Umgangsregelungen für Familien in Nachtrennungs-Situationen führen nur
dann zu besseren Ergebnissen für alle Familienmitglieder, wenn sie von den
Familien frei gewählt wurden und wenn Eltern „gemeinsam“ und kindorien-
tiert erziehen. Kinder wollen über die Modalitäten mitbestimmen. Sie brauchen
Eltern, die zuverlässig und verfügbar sind. Andresen et al. (2014) kommen für
Deutschland zu dem Fazit, dass Familienpolitik sich nicht an bestimmten fami-
liären Lebensmodellen orientieren sollte, sondern das Kind in den Mittelpunkt
gestellt werden muss und jede Maßnahme im Hinblick auf ihre Konsequenzen
für die Kinder geprüft werden sollte. Dies gilt auch für das Vereinigte König-
reich.
Unterhaltszahlungen
Es ist dringend Forschung notwendig, warum bei so vielen Alleinerziehenden
kein bzw. zu wenig Unterhalt ankommt.
Die Berechnungsgrundlage des zu zahlenden Kindesunterhaltes sollte neu
definiert werden. Derzeit hängt die Höhe vom Einkommen, Betreuungsver-
einbarungen und der Anzahl der Kinder ab. Wenn sich der Betrag aber an den
Bedürfnissen des Kindes orientieren würde, dann könnte im Falle von Unter-
oder Nichtzahlung der Staat einspringen und einen „Unterhaltsvorschuss“
zahlen – wie es in Deutschland zumindest phasenweise erfolgt. Dies könnte
erheblich zur Verringerung der Kinderarmut im Vereinigten Königreich beitra-
gen.
Familien, die keine Unterhaltsvereinbarung haben, müssen dabei unterstützt
werden, verlässliche Regelungen auf privater oder institutioneller Basis zu
treffen.
Für Alleinerziehende im Sozialleistungsbezug scheint es besonders schwierig
zu sein, Unterhaltszahlungen auf der Basis von privaten Vereinbarungen zu
erhalten. Der Child Maintenance Service sollte daher für alle Alleinerziehenden
nutzbar und finanzierbar sein, damit beide Eltern verlässlich zu den Kosten für
die Kindererziehung beitragen.
6. Reformoptionen
38
Unterstützung nach der Trennung
Die Kürzung der Prozesskostenhilfen hatte zur Folge, dass Familiengerichte mit
Eltern über den Umgang mit den Kindern verhandeln müssen, die keine recht-
liche Vertretung haben. Diese Kürzungen müssen überdacht und das System
der Prozesskostenhilfe auf die Bedürfnisse des Kindes ausgerichtet werden.
In Mediationsverfahren sollte das Wohl der Kinder im Mittelpunkt stehen und
unter den Schutz des Children Act 1989 gestellt werden. Danach muss in Ver-
fahren dem Wohl des Kindes die höchste Bedeutung zugemessen werden („the
child’s welfare shall be the court’s paramount consideration“).
Voraussetzung für eine gelingende Mediation bei Familien in Trennungssitua-
tionen ist es, dass beide Partner in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren.
In einer strittigen Trennung ist das oft nicht möglich. In Mediationsverfahren,
in denen es auch um finanzielle Streitfragen geht, könnte eine gleichzeitige
Unterstützung durch eine Rechtsvertretung der richtige Weg sein; dabei sollte
auch die umfassende Offenlegung der finanziellen Verhältnisse beider Eltern-
teile sichergestellt werden. Dann könnte die Mediation eine attraktive Option
zu den überlasteten Familiengerichten werden.
Der Mediation könnte auch eine Rolle im Rahmen familienberatender Tätigkei-
ten zukommen. Ziel wäre es, allen Eltern in Konfliktsituationen Unterstützung
anzubieten, unabhängig davon, ob sie sich trennen oder zusammenbleiben
möchten.
Reformen der Sozialpolitik
Die Sozialpolitik sollte sich von dem starren „work first“-Ansatz lösen. Die-
ser hat zwar Sozialleistungsbezieher in eine Erwerbstätigkeit gebracht, aber
nicht zu einer nachhaltigen Armutsvermeidung und Langzeitsicherung von
auskömmlichen Arbeitsverhältnissen geführt. Auch Einkommenssteigerungen
oder beruflicher Aufstieg gingen damit nicht automatisch einher. Der Arbeits-
markt im Vereinigten Königreich ist vielmehr vor allem für gering qualifizierte
Beschäftigte durch eine große Unsicherheit sowie niedrige Löhne und Einkom-
men gekennzeichnet. Gerade alleinerziehende Mütter bleiben dadurch vielfach
von Sozialleistungen abhängig.
Universal Credit wird eine Vielzahl von staatlichen Leistungen ersetzen und
eventuell ein vereinfachtes System der Antragsverfahren mit sich bringen.
Dieses neue Konzept soll es den Empfängern durch eine Veränderung der
Anrechnungsmodalitäten ermöglichen, von ihrem Einkommen mehr Geld als
bisher behalten zu können. Nachzudenken wäre darüber, die Anrechnungs-
grenzen gerade für Alleinerziehende großzügiger zu gestalten: Statt 65 Prozent
sollten nur 55 Prozent des Erwerbseinkommens auf Sozialleistungen angerech-
net werden. Die härteren Sanktionsmöglichkeiten sollten zurückgenommen
und stattdessen Hilfestellungen angeboten werden.
6. REFORMOPTIONEN
39
6. REFORMOPTIONEN
Bildung und Ausbildung
Eine Ausbildung wirkt sich positiv auf das berufliche Fortkommen und die Lohn-
entwicklung aus und kann so den Weg in finanzielle Unabhängigkeit ebnen.
Vordringliches Ziel sollte es daher sein, Alleinerziehende so zu qualifizieren,
dass sie eine Perspektive für ihre weitere Erwerbsbiografie entwickeln können.
Dann wäre es nicht mehr nötig, sie in schlecht bezahlte und unsichere Stellen
zu vermitteln, und der Wohlfahrtsstaat müsste die Einkommen nicht mehr
aufstocken, um Armut zu verhindern. Die bisherigen Bedingungen im Rahmen
der Lone Parent Obligations haben nicht dazu geführt, Alleinerziehende auf dem
Weg in eine auskömmliche Beschäftigung zu unterstützen. Hier müssen neue
Wege beschritten werden, die stärker auf Qualifizierung setzen und dabei die
besondere Lebenssituation Alleinerziehender berücksichtigen, besonders die
Fürsorge und Betreuung der Kinder.
Arbeitsförderungsprogramme
Die Studie zeigt, dass alleinerziehende Eltern vielfach als „soziales Problem“
wahrgenommen werden. Ihre Fähigkeiten sowie ihre tägliche Leistung, Kin-
dererziehung erfolgreich mit unbezahlter Hausarbeit und Erwerbstätigkeit
zu verbinden, werden nicht wertgeschätzt. Eine solche Wertschätzung von
Alleinerziehenden in der Öffentlichkeit wie auch in unterstützenden Organisa-
tionen ist aber notwendig. Es muss Rücksicht auf ihre spezifischen Bedürfnisse
genommen werden, z. B. bei der Arbeitsvermittlung und beim Angebot von
qualitativ hochwertigen Betreuungsangeboten, aber auch mit Blick auf flexible
Arbeitsangebote von Seiten der Unternehmen.
Alleinerziehende benötigen im staatlichen Unterstützungssystem eine persön-
liche Begleitung von hoher Qualität, die sie individuell berät und unterstützt.
Ihre besonderen Bedürfnisse müssen dabei Berücksichtigung finden, z. B. der
Bedarf nach Flexibilität, Finanzberatung, gesundheitlicher Beratung oder Hilfe
bei der Suche nach Kinderbetreuung.
Familienfreundliche Beschäftigung
Der bestehende Rechtsanspruch auf flexible Arbeitsstunden („legal right to
request flexible working“) sollte so umgesetzt werden, dass Arbeitsplätze im
öffentlichen Dienst mit einer flexiblen Arbeitsoption ausgeschrieben werden
müssen.
Alleinerziehende müssen für ihr Kind da sein können, wenn es einmal krank
ist. Derzeit ist es Mitarbeitern erlaubt, sich in einem Notfall unbezahlt freizu-
nehmen, aber die erlaubte Dauer der Freistellung und die Häufigkeit im Jahr
sind nicht festgeschrieben. Hier muss nachgebessert werden. Wo es machbar
ist, sollten Eltern die Möglichkeit haben, von zu Hause zu arbeiten, wenn ein
Kind krank ist.
40
6. REFORMOPTIONEN
Frühe Bildung und Betreuung
Verlässliche und qualitativ hochwertige frühe Bildung und Betreuung ist ein
wichtiger Schlüssel zur Erwerbstätigkeit für Alleinerziehende. Die kostenlosen
Betreuungsplätze für Drei- und Vierjährige stehen nur 15 Stunden in der Woche
und für nur 38 Wochen im Jahr zur Verfügung. Die konservative Regierung hat
es sich zwar zum Ziel gesetzt, das Angebot auf 30 Stunden zu verdoppeln, aller-
dings nur für berufstätige Eltern und während der 38 Schulwochen. Das sollte
überdacht werden, da es nicht den Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt ent-
spricht. Allen Eltern sollten 48 Betreuungswochen im Jahr angeboten werden.
Darüber hinaus sind staatliche Investitionen im Bereich der frühen Bildung
und Betreuung erforderlich, um eine hohe Qualität der Angebote für alle Kinder
sicherzustellen.
Die Regierung sollte Anbieter von früher Bildung und Betreuung direkt finan-
zieren, ohne die Wahlmöglichkeiten der Eltern einzuschränken. Eine Direkt-
finanzierung ist eher geeignet, Angebote in benachteiligten Sozialräumen zu
garantieren. Bei einer ausreichenden Finanzierung kann sie zu einer Verbes-
serung der beruflichen Qualifikationen sowie einer Erhöhung der Anzahl der
Fachkräfte und damit insgesamt zu einer höheren Qualität früher Bildung und
Betreuung beitragen.
Nach dem Childcare Act 2006 müssen Kommunen für ausreichende Angebote
an früher Bildung und Betreuung für berufstätige Eltern sorgen. Ein solcher
Rechtsanspruch sollte für alle Eltern bestehen und dem Rechtsanspruch auf
einen Schulplatz gleichgestellt werden.
41
7. SCHLUSSFOLGERUNG
7. Schlussfolgerung
Der britische Wohlfahrtsstaat kann mit Blick sowohl auf die Verringerung der
Kinderarmut seit 2000 als auch auf die sinkenden Geburtenraten von Teenagern
deutliche Erfolge verzeichnen. Darüber hinaus ist eine fast vollständige Inan-
spruchnahme der freien Teilzeitbetreuung für Drei- und Vierjährige erreicht
worden, und die Erwerbsquoten von Alleinerziehenden sind deutlich gestiegen.
Trotz allem sind Ein-Eltern-Familien aber nach wie vor von allen Familienformen
am stärksten von Armut betroffen. Der Anteil der Alleinerziehenden, die in Ein-
kommensarmut leben, liegt seit 2010 stabil bei rund 42 Prozent.
Mit dem „work first“-Ansatz der britischen Regierungen der letzten Jahrzehnte
tritt die gesellschaftlich wichtige Fürsorge- und Erziehungsarbeit der Alleinerzie-
henden immer weiter in den Hintergrund. Zudem konnten die zum Teil niedrigen
Qualifikationen von Alleinerziehenden nicht grundlegend angehoben werden, so
dass sie vielfach in prekären Beschäftigungsverhältnissen mit niedrigen Einkom-
men und unsicheren Arbeitsplätzen verharren. Unterhalt für die Kinder kommt
bei zu vielen Ein-Eltern-Familien nicht oder nicht in ausreichender Höhe an.
Aus diesen Gründen stagniert die Armutsquote von Kindern in alleinerziehenden
Familien nach wie vor auf sehr hohem Niveau, mit negativen Konsequenzen für
das Aufwachsen und die Teilhabechancen der Kinder.
Der britische Wohlfahrtsstaat bietet bis jetzt keine nachhaltigen Lösungen und
Perspektiven für die häufig schwierigen Lebenssituationen von alleinerziehenden
Müttern und Vätern. Zudem wird ihre besondere Lebenslage, aber auch ihre Leis-
tung gesellschaftlich zu wenig anerkannt und wertgeschätzt. Problematisch ist
aktuell, dass Sozialleistungen im Rahmen der Sparpolitik der derzeitigen Regie-
rung weiter zurückgenommen werden und Alleinerziehende davon besonders
betroffen sind. Auch die Einführung des Universal Credit im Jahr 2017 wird gerade
Alleinerziehenden-Haushalte besonders belasten: Bei vielen von ihnen wird das
Einkommen weiter sinken. Die Verbesserungen im Rahmen des Universal Credit,
wie die verstärkte finanzielle Unterstützung bei früher Bildung und Betreuung
oder die Vereinfachung der Beantragung, werden diesem Trend nicht entgegen-
wirken können.
Das Problem der zunehmenden sozialen Ungleichheit im Vereinigten Königreich
zeigt sich am Beispiel der Alleinerziehenden besonders deutlich. Eine wirksame
Sozialpolitik für Alleinerziehende, die diese Familienform entlastet und unter-
stützt, ist unerlässlich und muss kurzfristig angegangen werden.
Daneben stellt sich die Frage, wie dem wachsenden Niedriglohnsektor sowie der
Deregulierung von Arbeitsverträgen entgegengewirkt werden kann. Aufstockende
Sozialleistungen allein können hier eine Prekarisierung nicht verhindern. Es sind
weitere einschneidende Reformen im Rahmen einer wirtschaftlichen Umvertei-
lung notwendig, die die anhaltenden und hohen sozioökonomischen Ungleichhei-
ten beseitigen können.
42
Die Ursachen für die zunehmende Ungleichverteilung von Vermögen und
Einkommen aus Erwerbsarbeit erklärt Piketty (2014) in seinem Buch „Das
Kapital im 21. Jahrhundert“. Piketty fordert eine stärkere Umverteilung
durch den Staat, z. B. durch die Besteuerung von Vermögen. In jedem Fall
muss die Bekämpfung der sozialen Ungleichheit oberste Priorität auf der
politischen Agenda im Vereinigten Königreich bekommen – vor allem im
Interesse der Kinder.
7. SCHLUSSFOLGERUNG
43
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Weitere Literaturangaben finden sich in der Langversion der Studie von
Martina Klett-Davies (2016).
45
ÜBER DIE AUTORIN
Über die Autorin
Dr. Martina Klett-Davies ist Soziologin und arbeitet derzeit als Gastdozentin an
der „London School of Economics“ (LSE). Aktuell unterrichtet sie dort „Gender
and Geography“ sowie „Personal Life, Intimacy and the Family”. Seit ihrer vom
„Economic and Social Research Council“ geförderten Dissertation beschäftigte
sie sich immer wieder in verschiedenen Kontexten mit dem Thema Alleinerziehen
(u.a. in dem Buch „Going it Alone?: Lone Motherhood in Late Modernity“). Dr.
Klett-Davies hat verschiedene qualitative und quantitative Forschungsarbeiten
für Universitäten wie Stiftungen durchgeführt. Unter anderem forschte sie von
2011 bis 2013 an der Open University zu Langzeit-Paarbeziehungen. Von 2007 bis
2010 führte sie als Senior Research Fellow am „Family and Parenting Institute“
verschiedene Projekte für das britische „Departement for Education“ durch und
veröffentlichte zwei Bücher („Is parenting a class issue?“ und “Putting sibling
relationships on the map”). Für die Bertelsmann Stiftung schrieb sie die Studie
„Under Pressure? Single Parents in the UK“, die Grundlage des vorliegenden Tex-
tes ist.
Foto: Arndt Paykowski
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Under Pressure? – Single Parents in the UK
Under Pressure?
Single Parents in the UK
Martina Klett-Davies
on behalf of the Bertelsmann Stiftung
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Under Pressure? Single Parents in the UK
www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/
publikation/did/under-pressure/
46
ABSTRACT
Abstract
The present study, undertaken by Dr Martina Klett-Davies, sociologist and guest
lecturer at the London School of Economics and Political Sciences, shows the
everyday reality of single parents and their children in the UK. The study presents
empirical data on lone parent families and analyses the relevant societal and
legal conditions, such as family law, social policies, social reforms, childcare and
welfare-state services. Additionally, it summarises findings on lone parents´
health issues and the wellbeing of children after separation.
In many cases, being a single parent means caring for children, working outside
the home and managing the household – all on one´s own. Many single parents
cope well with these responsibilities. But the risk of living in income poverty for
children in single parent families is high. They are almost five times more likely
to receive welfare benefits than are couples with children. There were two million
single parent families with dependent children in the UK in 2015. A quarter of all
families with dependent children are headed by one parent. Some three million
children live in these families, and the number of lone parent families has
increased by 21.5 percent since 1996.
As these findings show, the situation of single parents and their children requires
urgent attention. The study implies numerous reform options that can improve
the situation of single parents and their children in the UK.
Impressum
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Unter Druck? – Alleinerziehende im Vereinigten Königreich
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