ChapterPDF Available

Cannabiskonsum aus dem Blickwinkel von Schadensminderung / harm reduction und Public Health

Authors:
  • Hausarztpraxis St. Pauli (Hamburg); Drob Inn (Hamburg); Praxiskombinat Neubau (Berlin); www.forum-substitutionspraxis.de (editor)

Abstract and Figures

Die zurückliegenden 20 Jahre haben eine Fülle von Erkenntnissen gebracht über das schädliche, aber auch therapeutische Potential von Cannabis. Im folgenden Beitrag werden daraus mögliche schadensmindernde Maßnahmen abgeleitet.
Content may be subject to copyright.
3. Alternativer
Drogen- und
Suchtbericht
2016
Herausgegeben von
akzept e.V. Bundesverband
Deutsche AIDS-Hilfe
JES Bundesverband
akzept e.V., Deutsche AIDS-Hilfe, JES e.V. (Hrsg.)
3. Alternativer
Drogen- und Suchtbericht
2016
PABST SCIENCE PUBLISHERS · Lengerich
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.
Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines
solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der
engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das
gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und
Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Redaktion: Heino Stöver und Bernd Werse (verantwortlich), Anna Dichtl, Dirk Egger, Niels Graf und
Gerrit Kamphausen
© bei den Autoren_innen
Umschlagfoto: Heino Stöver
2016 Pabst Science Publishers, 49525 Lengerich, Germany
Formatierung: Armin Vahrenhorst
Druck: KM-Druck, 64823 Groß Umstadt
Print: ISBN 978-3-95853-193-2
eBook: ISBN 978-3-95853-194-9 (www.ciando.com)
http://alternativer-drogenbericht.de/
Kontaktadresse:
akzept e.V.
Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit
und humane Drogenpolitik
Suedwestkorso 14
12161 Berlin
Tel.: ++49 (0)30 827 06 946
www.akzept.org
www.gesundinhaft.eu
5
Inhaltsverzeichnis
1 Alternative Drogenpolitik ......................................................................................9
1.1 Die Zahlen des BKA zeigen das Scheitern der Prohibition
dient sie wirklich dem Jugendschutz?
Rainer Ullmann ..........................................................................................................10
1.2 Wie mit NpS zukünftig umgehen? Kritik an dem Referentenentwurf zum
Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)
Jan Fährmann, Tibor Harrach, Heiko Kohl, Sonja C. Ott,
Marcel Schega, Rüdiger Schmolke, Bernd Werse ..................................................18
1.3 Zum Sinn und Unsinn von Repräsentativbefragungen als Grundlage
für Drogenpolitik
Bernd Werse ................................................................................................................29
1.4 „Akzeptanz braucht Akzeptanz!“ – Plädoyer für eine soziokulturelle
Sensibilisierung des Wandels in der Drogenpolitik
Arnd Hoffmann, Urs Köthner ..................................................................................37
1.5 Zu neueren Argumenten gegen die Legalisierung von Cannabis
Bernd Werse ................................................................................................................44
1.6 Kontrollierte Abgabe von Cannabis als wissenschaftlicher Modellversuch
Jens Kalke, Uwe Verthein .........................................................................................48
1.7 Drogenkonsumräume … und der rechtliche Rahmen
Kerstin Dettmer, Wolfgang Schneider.....................................................................56
1.8 Rauschkontrolleure und das Legalitätsprinzip – Polizeiliche Perspektiven
zu Drogen und Drogenkriminalität
Svea Steckhan..............................................................................................................63
1.9 Mitarbeiter_innen in Kontaktläden als „Rädchen im Getriebe von
irgendeinem System“? – Drogenrecht und -politik als Arbeitsbelastung
in Kontaktläden
Daniela Molnar...........................................................................................................70
6
Inhaltsverzeichnis
1.10 Repräsentative Umfragen:
Wie stehen die Deutschen zu Cannabis und Legalisierung?
Georg Wurth...............................................................................................................78
1.11 Für eine evidenzbasierte Drogenpolitik in Deutschland –
Zur Gründung von LEAP Deutschland
Hubert Wimber...........................................................................................................82
1.12 Fünf Schritte zum Einstieg in eine rationale Drogenpolitik
Michael Kleim .............................................................................................................88
1.13 Die weltweite Bewegung für eine Reformierung der Drogengesetze wächst!
Ein Bericht zur DPA reform-conference 2015
Florian Rister ..............................................................................................................94
2 Risikokonstruktionen in Drogenforschung und -politik.............................99
2.1 Angsterzeugung und Übertreibung als bedenkliche Strategie der
Suchtprävention und -forschung
Alfred Uhl, Julian Strizek ........................................................................................100
2.2 Drogentests, Risikoszenarien und die Negativperspektive auf Drogenkonsum
Monika Urban, Katja Thane, Simon Egbert, Henning Schmidt-Semisch.........109
2.3 Vereinnahmende Ausgrenzung der Sucht? Versuch über das imaginäre
Subjekt des neurobiologischen Krankheitsparadigmas
Seifried Seyer .............................................................................................................115
2.4 Es geht ums Prinzip – Eine wissenschaftlich fundierte Grenzwertfindung
scheint unerwünscht
Michael Knodt ..........................................................................................................121
3 Verbraucher_innenschutz und Prävention...................................................127
3.1 Die Gefährlichkeit von Drogen: ein multidimensionaler Ansatz
Dagmar Domenig, Sandro Cattacin ......................................................................128
3.2 Drugchecking und Substanzanalyse – Geht (es in) Berlin voran?
Astrid Leicht..............................................................................................................135
7
Inhaltsverzeichnis
3.3 Das Jahr 2016: Cannabisblüten werden verschreibungsfähig und der
Cannabisanbau wird vorbereitet
Franjo Grotenhermen ..............................................................................................141
3.4 Cannabiskonsum aus dem Blickwinkel von Schadensminderung /
harm reduction und Public Health
Hans-Günter Meyer-Thompson, Heino Stöver....................................................154
3.5 Synthetische Cannabinoide – Cannabisersatzstoffe mit hohem
Risikopotenzial
Benjamin Löhner, Drug Scouts..............................................................................161
3.6 Das Spannungsfeld zwischen Akzeptanzorientierung, Kinderschutz
und Jugendamt
Frank Frehse, Norman Hannappel .............................................................................168
3.7 Take-Home-Regularien für Patient_innen in Opioid-Substitutionstherapie
(OST) – Problemskizzierung und Änderungsvorschläge zur
aktuellen Rechtslage aus Sicht der Internationalen Koordinations- und
Informationsstelle für Auslandsreisen von Substitutionspatienten
Ralf Gerlach ................................................................................................................173
3.8 Rauchen für die schwarze Null – Hochglanz und Elend der Tabakkontrolle
in Deutschland
Dietmar Jazbinsek ....................................................................................................179
3.9 Drogenphobie, Drogenfreiheit und die kulturelle Seite des Phänomens
Michael Kleim..............................................................................................................185
3.10 Harm Reduction durch anonyme Drogenmärkte und Diskussionsforen
im Internet?
Meropi Tzanetakis, Roger von Laufenberg ................................................................189
4 Weiterentwicklung der Drogenhilfe................................................................195
4.1 Das Paradigma Zieloffener Suchtarbeit
Joachim Körkel, Matthias Nanz..................................................................................196
4.2 Die Schwierigkeiten des Themas „Drogen und Flüchtlinge“:
Zwischen wohlmeinender Tabuisierung und fremdenfeindlicher
Dramatisierung
Gundula Barsch, Astrid Leicht ....................................................................................205
8
Inhaltsverzeichnis
4.3 Zusammenhänge zwischen Sexualität und Substanzkonsum bei Männern,
die Sex mit Männern (MSM) haben: Die zielgruppenspezifische Ausrichtung
von Angeboten der Drogenhilfe auf die Lebenswelt und Sexualität von MSM
Ralf Köhnlein, Marcus Pfliegensdörfer .................................................................214
4.4 Patientenbedarfe, Patientenrechte und Patientenbeteiligung in der
Substitutionsbehandlung
Dirk Schäffer.............................................................................................................220
4.5 Substitution und was kommt dann? Der Stellenwert von Arbeit für
Menschen in einer substitutions-gestützten Behandlung
Claudia Schieren .......................................................................................................226
4.6 Probleme im ländlichen Raum – Meine Behandlung, meine Wahl oder
Selbsthilfe als Coming Out
Stefan Ritschel...........................................................................................................232
4.7 11 Jahre SGB II/ Hartz IV – Auswirkungen auf die Beschäftigungssituation
suchtmittelabhängiger Menschen
Olaf Schmitz..............................................................................................................239
4.8 Frühintervention bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit
glücksspielbezogenen Problemen
Veit Wennhak ...........................................................................................................247
4.9 DRUCK-Studie (Drogen und chronische Infektionskrankheiten) des RKI
offenbart Präventions- und Behandlungsdefizite – nicht nur in Frankfurt
am Main
Jürgen Klee ................................................................................................................253
4.10 JES NRW 2.0 – Streetwork und more
Marco Jesse, Axel Hentschel, Matthias Haede.....................................................260
Autorinnen und Autoren.....................................................................................................267
3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016 - Einleitung
3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016 - Einleitung
DAS MÖGLICHE MÖGLICH MACHEN
Perspektiven zukunftsweisender Drogenpolitik in Deutschland
Immer mehr Drogentote, verschwendete Milliarden für die wirkungslose und sogar
kontraproduktive Strafverfolgung von Cannabiskonsumenten, anhaltend hoher Tabak- und
Alkoholkonsum: drei Beispiele für die Folgen verfehlter Drogenpolitik. Wirksame
Gegenmaßnahmen sind längst bekannt und erprobt, werden jedoch nicht umgesetzt. Die
Bundesregierung und ihre Drogenbeauftragte lehnen selbst eine Überprüfung des
Betäubungsmittelgesetzes ab. Die Herausgeber des Alternativen Drogen- und Sucht-
berichtes fragen deshalb: Wie kann Deutschland in Zukunft eine wissenschaftlich fundierte
Drogenpolitik sicherstellen?
Auch in diesem Jahr ist ein Alternativer Drogen- und Suchtbericht dringend
notwendig. Weder die Bundesregierung noch ihre Drogenbeauftragte geben auf die
brennenden Herausforderungen in der Drogenpolitik zeitgemäße und wissen-
schaftlich fundierte Antworten. Auf viele Fragen antworten sie sogar überhaupt nicht.
Dabei könnte die Politik durchaus Rahmenbedingungen schaffen, die individuelle
und gesellschaftliche Schäden, die durch Drogenkonsum entstehen, erheblich
reduzieren würden. Stattdessen zementieren sie denn Stillstand. Da Drogenpolitik
immer unmittelbar das Leben und die Gesundheit von Menschen und damit ihre
fundamentalen Rechte betrifft, ist diese Untätigkeit in keiner Weise akzeptabel.
Volksdrogen außer Kontrolle
Ein Beispiel ist das noch immer fehlende Werbeverbot für Tabak und Alkohol.
Deutschland ist bei diesen legalen Drogen Hochkonsumland. Bei der Tabak-
kontrolle liegen wir auf einem der letzten Plätze in Europa, beim Alkohol-Pro-Kopf-
Verbrauch sind wir spitze. Bei Zigarettenautomaten sind wir sogar Weltmeister!
330.000 solcher Automaten gibt es sonst nirgendwo. Ihre stillschweigende Botschaft:
Tabakkonsum gehört zum Alltag. Genauso wie 110.000 tabakbedingte Todesfälle
300 Menschen pro Tag.
Alle wissen: Regelmäßiger und intensiver Konsum der Volksdrogen Tabak und
Alkohol birgt drastische gesundheitliche und soziale Risiken. Expert_innen wissen
außerdem: Halbherzige Maßnahmen, wie das von der Bundesregierung geplante
teilweise Tabakwerbeverbot, reichen bei weitem nicht aus. Längst steht außer
Zweifel, dass nur ein Bündel von Veränderungen daran etwas ändern könnte.
Neben dem Werbeverbot gehört dazu eine höhere Besteuerung alkoholischer
Getränke. Im Handel müssten Tabak und Alkohol weniger leicht zugänglich sein.
Warum, so müssen wir fragen, bleibt die Regierung untätig und benennt das
Problem nicht in aller Klarheit?
3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016 - Einleitung
Wirksame Regulierung statt ohnmächtiger Verbote
Beispiel Cannabis: Hier tut sich was. Langsam aber sicher setzt sich die Einsicht
durch, dass Strafverfolgung von Konsumierenden zwar einen unvorstellbaren
Aufwand erforderlich macht und jährlich Ausgaben in Milliardenhöhe verursacht,
zugleich aber nichts, aber auch wirklich gar nichts zur Lösung des Problems beiträgt.
Nur zur Bundesregierung und ihrer Drogenbeauftragten sind diese Entwicklungen
noch nicht vorgedrungen. Im Drogen- und Suchtbericht 2015 findet sich dazu:
nichts. Eine durchaus wirkmächtige „Drogenpolitik von unten“, die sinnvolle
Veränderungen anmahnt und teilweise bereits ins Werk setzt, soll von höchster
Stelle offenbar so lange wie möglich ignoriert werden.
Dabei wird nicht nur in Deutschland, sondern weltweit darüber diskutiert, wie sich
Vertrieb und Konsum von Cannabis besser kontrollieren ließen als über wirkungs-
lose Verbote. Kanada hat gerade die Legalisierung von Cannabis beschlossen. In den
USA haben bereits einige Staaten (Washington, Colorado, Alaska, Oregon) Cannabis
legalisiert oder sind auf dem Weg, die Prohibition zu beenden.
Auch in Deutschland ist diese Entwicklung, die man als politischen Gesundungs-
prozess lesen kann, längst unumkehrbar. Landauf, landab suchen Verantwortliche
nach einem wirksamen und menschenwürdigen Umgang mit der Droge. Bündnis
90/Die Grünen, Die Linke und die FDP haben Cannabislegalisierung im Programm,
die Grünen haben ein Cannabiskontrollgesetz vorgeschlagen. Einzelne SPD- und
CDU-Vertreter_innen gehen in ihren Parteien voran, die Medien geben dem Thema
Auftrieb. Bremen hat kürzlich eine weitgehende Entkriminalisierung von Cannabis-
konsument_innen beschlossen. Frankfurt, Köln, Hamburg und andere Städte haben
die Absicht bekundet, neue Wege zu erproben.
Die meisten Fachleute gehen davon aus, dass die Forderung nach gesetzlich
kontrollierter Abgabe nicht mehr aufzuhalten ist. Selbst diejenigen Experten, die von
Regierungsparteien regelmäßig als Kronzeugen des Status quo aufgerufen werden,
wollen weitergehende Regelungen zur Straffreiheit für Cannabis Konsumierende.
Ähnliche Entwicklungen gibt es auch bei anderen Substanzen: Der Krieg gegen
Drogen gilt längst als gescheitert, die Suche nach neuen Wegen hat begonnen und
Erfolge in Ländern wie Portugal, das den Besitz kleiner Mengen bei allen illegalen
Drogen nicht mehr bestraft, taugen als Vorbild.
Bundesregierung und Drogenbeauftragte bleiben untätig
Von der Bundesregierung beziehungsweise ihrer Drogenbeauftragten Marlene
Mortler wäre zu erwarten, dass sie diese historischen Entwicklungen der Drogen-
politik begleitet, moderiert und mitgestaltet. Doch offenkundig fehlt hier jegliches
Interesse. Das zeigt sich auch in der Weigerung, das Betäubungsmittelgesetz (BtMG)
wissenschaftlich zu evaluieren.
3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016 - Einleitung
Fachverbände und Expert_innen sind sich einig: Eine Überprüfung des BtMG ist
dringend notwendig, hat es doch beispielsweise nicht verhindern können, dass der
Konsum verschiedener Drogen seit seiner Einführung drastisch zugenommen hat.
Es geht wohlgemerkt niemandem um eine pauschale Forderung, das Gesetz
abzuschaffen, sondern es soll lediglich untersucht werden, ob es seine Ziele erreicht
beispielsweise durch eine Enquête-Kommission und wie es reformiert werden
müsste, um besser zu wirken. Doch selbst solch eine Überprüfung wird von der
Regierungskoalition bisher abgelehnt.
Stattdessen führt sie ihre Strategie fort, die auf immer mehr dessen setzt, was bisher
nicht funktioniert hat: Strafverfolgung und Verteufelung. Selektiv und manchmal
populistisch werden einzelne Themen hervorgehoben, andere tabuisiert. Die
Gründe sind teils ideologisch, teils parteipolitisch und teilweise dem Druck
entsprechender Lobbygruppen geschuldet. So werden (wichtige!) Randthemen wie
Crystal Meth hervorgehoben, während die Rahmenbedingungen der legalen
Drogenindustrie (Alkohol, Tabak, Medikamente) weitgehend unangetastet bleiben
und wissen-schaftliche Analysen außen vor bleiben.
Drogentote: Verharmlosung statt wirksamer Maßnahmen
Den jüngsten Beleg für diese erschütternde Kontinuität in der deutschen
Drogenpolitik bietet der von der Bundesdrogenbeauftragten und dem BKA
vorgestellte Bericht zur „Rauschgiftlage“. Hier wurde vor allem über eine weitere
Zunahme der Kriminalisierung von Konsumierenden berichtet (die nämlich
verbirgt sich hinter immer mehr Drogendelikten und der steigenden Zahl
„erstauffälliger Konsumenten harter Drogen“). Die Zahlen wurden als Beleg für eine
Verschärfung des Drogenproblems interpretiert, auf das wiederum mit weiteren
repressiven Maßnahmen zu reagieren sei ein Zirkelschluss erster Güte. Denn die
Strafverfolgung trägt erheblich zum Problem bei, das sie eigentlich lösen wollte:
Drogenkonsument_innen werden marginalisiert, von Präventionsangeboten fern-
gehalten und häufig in Haft extremen Gesundheitsrisiken ausgesetzt.
Die entscheidende Nachricht machte die Drogenbeauftragte in ihrem Presse-
statement zur Nebensache. Die Nachricht lautet: Die Zahl der Drogentoten in
Deutschland ist zum dritten Mal in Folge gestiegen, und zwar um 19 Prozent! Mit
dem Hinweis, in Deutschland würden weniger Menschen an illegalen Drogen als
in anderen Industriestaaten sterben, überspielte die Drogenbeauftragte die darin
liegende Tragik wie ihre eigene Mitverantwortung für diese Entwicklung.
Die Zahl der Toten ließe sich mit relativ einfachen Mitteln senken. Doch
nachweislich wirksame Maßnahmen wie Drogenkonsumräume (bisher nur in sechs
Bundesländern verfügbar) und die Abgabe des Notfallmedikament Naloxon (in
anderen Ländern bereits im Einsatz), erwähnte die Drogenbeauftragte nicht einmal.
Sie zeigt damit, dass sie nicht bereit ist, sich für wissenschaftlich evaluierte
Maßnahmen der Drogenpolitik einzusetzen.
3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016 - Einleitung
Eine sachgerechte Drogenpolitik ermöglichen
Damit stellt sich die Frage, ob und wie die Bundesregierung eine sachorientierte
drogenpolitische Arbeit in Zukunft sicherstellen kann. Frankreich hat zu diesem
Zweck eine interministerielle Arbeitsgruppe mit einem fachkundigen Sprecher
eingerichtet. Auch andere Formen von Gremien, die Fachverbände und Fachleute
einbeziehen würden, sind denkbar und sollten diskutiert werden. Der gegenwärtige
Drogen- und Suchtrat erfüllt diesen Zweck jedenfalls nicht und scheint nicht viel
mehr zu sein als ein Alibigremium: Er tagt nicht-öffentlich und seine Zusam-
mensetzung ist nicht nachvollziehbar. Er berät die politische Amtsträgerin
(gegenwärtig CSU) lediglich, die dann recht willkürlich selbst Schwerpunktthemen
definiert.
Das Thema Drogen ist zu ernst, um es parteipolitischen Interessen und
Instrumentalisierungen zu überlassen. Vielmehr brauchen wir in Deutschland eine
kontinuierliche, verlässliche und rationale Drogenpolitik, die an Sachlichkeit,
wissenschaftlicher Evidenz und systematisierten Erfahrungen ansetzt.
Solch eine Drogenpolitik möchten wir mit dem Alternativen Drogen- und
Suchtbericht fördern, den gegenwärtigen Stillstand beenden. Zusätzlich zu den
„großen“ drogenpolitischen Themen finden sich auch in dieser Ausgabe zahlreiche
Beiträge aus ganz verschiedenen Bereichen wie Prävention, Therapie, Schadens-
minimierung und Recht. Sie alle verdienen öffentliche Aufmerksamkeit. Denn
Potenzial für Reformen gibt es in praktisch jedem Bereich des Umgangs mit Drogen
und Abhängigkeiten.
Man kann das als gute Nachricht verstehen. Möge sie auf fruchtbaren Boden fallen.
Frankfurt, Berlin, Köln im Mai 2016
Prof. Dr. Heino Stöver, Dr. Bernd Werse, Dirk Schäffer und Marco Jesse
Alternative
Drogenkontrollpolitik 1
10
1.1 | Die Zahlen des BKA zeigen das
Scheitern der Prohibition – dient sie
wirklich dem Jugendschutz?
Rainer Ullmann
Zusammenfassung
Ziel der Prohibition ist es, den „Missbrauch“ - gemeint ist der Konsum als Genussmittel, nicht
als Heilmittel - sowie das Entstehen oder Erhalten einer Betäubungsmittelabhängigkeit soweit
wie möglich auszuschließen. Um die Wirksamkeit der Prohibition zu belegen, können die Dro-
gentodesfälle, die polizeiauffälligen Konsumierenden und die Sicherstellungsmengen gezählt
werden. All diese Daten sind in einem bei Verabschiedung des BtMG 1972 geradezu unvorstell-
baren Ausmaß angestiegen – bei den Drogentoten um das 30fache, bei den wegen Konsumde-
likten Tatverdächtigen um das 200fache, bei den Sicherstellungsmengen um das 100-
1000fache. Deutlicher kann ein Misserfolg nicht sein. Die Frage ist nicht mehr, ob die Prohibi-
tion unwirksam ist - die Frage ist, warum diese Politik weiter verfolgt wird.
Zahlen
Die Ziele des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) sind, „die notwendige medizinische
Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, daneben aber den Missbrauch und das
Entstehen oder Erhalten einer Abhängigkeit von Betäubungsmitteln zu verhindern“.
(BtMG 1982 §5 Abs. 1 Nr. 6). Mit Missbrauch ist - anders als bei den legalen Genuss-
mitteln - jeder Konsum gemeint, der nicht medizinisch begründet ist. Die Bundesregie-
rung beschrieb die Situation mit folgenden Worten: „Der Missbrauch von Rauschgif-
ten, ... breitet sich einer Seuche gleich ... mehr und mehr auch in der Bundesrepublik
Deutschland aus. ...In besonderem Maße droht der Jugend Gefahr, oft schon während
der Pubertät.“ Das BtMG 1972 solle dem Ziel dienen, „(...) der Rauschgiftwelle in der
Bundesrepublik Deutschland Einhalt zu gebieten, (...) den einzelnen Menschen, insbe-
sondere den jungen Menschen, vor schweren und nicht selten irreparablen Schäden an
der Gesundheit und damit vor der Zerstörung seiner Persönlichkeit und seiner Exis-
tenz zu bewahren (...), der Allgemeinheit den hohen Preis zu ersparen, den ihr die
Opfer einer sich ungehemmt ausbreitenden Rauschgiftwelle abverlangen würden (...)
die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft nicht gefährden zu lassen“ (Bundesregierung
1971).
Obwohl sich die „Rauschgiftwelle“ ungehemmt in einer bei Verabschiedung des
Gesetzes unvorstellbaren Größenordnung ausgebreitet hat, ist die Funktionsfähigkeit
der Gesellschaft nicht gefährdet und der hohe Preis für die Gesellschaft ist im wesent-
lichen Folge des Verbotes: durch hohe Kosten für Strafverfolgung, Beschaffungskrimi-
11
1.1 | Die Zahlen des BKA zeigen das Scheitern der Prohibition – dient sie wirklich dem Jugendschutz?
nalität, Behandlung der medizinischen Komplikationen. Millionen Menschen konsu-
mieren „Drogen“, ohne dass ihre Persönlichkeit und ihre Existenz zerstört werden.
Der Erfolg einer Maßnahme kann mit Kennzahlen gemessen werden. Bei der Ver-
kehrssicherheit sind das z. B. die Zahlen der Verkehrsunfälle und der im Verkehr ver-
letzten und getöteten Menschen. Seit Anfang der 1970er wurde versucht, mit verschie-
denen Maßnahmen diese Zahlen zu vermindern. Während die Zahl der Unfälle von
1,4 auf 2,4 Mio. stieg (BAST 2014), sank die Zahl der Verletzen von etwa 530.000
(1970) auf 374.000 (2013), die Zahl der Getöteten von über 21000 (1970) auf etwa
3400 (2014), die Zahl der getöteten Kinder sogar von 2167 auf 58 (Statistisches Bun-
desamt 2014). Daraus kann man schließen, dass verschiedene der ergriffenen und als
Ordnungswidrigkeiten (nicht als Straftaten) sanktionierten Maßnahmen (Geschwin-
digkeitsbegrenzungen, Einführung der Promillegrenzen bei Fahren unter Alkoholein-
fluss (0,8‰-Grenze 1973 und 0,5‰ 1998), Helmtrage- (1980) und 1984 Gurtanlege-
pflicht) gewirkt haben. Zusätzlich wurden den Hersteller_innen höhere Anforderun-
gen an die innere Sicherheit der Autos gestellt und die Straßen besser ausgebaut.
Ebenfalls Anfang der 1970er Jahre wurde versucht, den Konsum von „Drogen“ (der
übliche Ausdruck für die z. Zt. verbotenen Genussmittel) zu vermindern. Um zu beur-
teilen, ob das mit dem Strafrecht gelungen ist, ist es erforderlich, einen längeren Zeit-
raum zu betrachten (BKA 2001: 2). Zu den vom Bundeskriminalamt (BKA) in der
polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) und in den Rauschgiftjahresberichten veröffent-
lichten Kennzahlen gehören seit 1953 die Tatverdächtigen, seit 1963 die Sicherstel-
lungsmengen und seit 1974 die erstauffälligen Konsumierenden harter Drogen
(EKhD). Die Daten sind über die Jahre und bei den verschiedenen Substanzen nicht
ganz vergleichbar. Die Konsumierenden der verschiedenen Substanzen werden unter-
schiedlich intensiv verfolgt, die Verfolgungsintensität ist regional unterschiedlich und
wechselt im Laufe der Jahre (Black Box Polizei) (BKA 2001: 14, 23; Cousto 2011).
Zusätzliche Aussagen können mit epidemiologischen Daten zur Häufigkeit des Kon-
sums in verschiedenen Altersgruppen gewonnen werden, aber auch diese Daten geben
kein zuverlässiges Bild. Besonders Abhängige werden schlechter erreicht, die Antwor-
ten sind nicht immer korrekt, das Auskunftsverhalten kann sich ändern (BKA 2001:
25; Uhl 2012). Bei allen Einschränkungen können aber Trends erkannt werden: weni-
ger Tatverdächtige wegen Verstößen gegen das BtMG, eine geringere Menge beschlag-
nahmter Substanzen oder Preiserhöhungen auf dem Schwarzmarkt und weniger Kon-
sumierende nach den Befragungen können auf einen Erfolg des BtMG hinweisen.
Bis 1965 wurden maximal 1000 Rauschgiftdelikte jährlich gezählt weniger als
0,5‰ aller Straftaten (PKS seit 1953; Cousto 2011: 11). Nur 20-30 der Tatverdächti-
gen waren unter 21 Jahre alt. 1969 waren es schon 4400 Tatverdächtige, davon 2100
unter 21 Jahre (PKS 1969). 1972 wurde das Opiumgesetz von 1929 umfassend novel-
liert. Es ging damals im Wesentlichen um Cannabis (Bundesregierung 1971), von dem
1965 nur 40 kg, 1969 aber schon über 2 to beschlagnahmt wurden, verglichen mit
etwa 1 kg Heroin und einigen Gramm Kokain. Das BtMG 1972 konnte „der Rausch-
giftwelle nicht Einhalt gebieten.“ Bereits 1975 wurde festgestellt, dass vermehrt
Heroin (1974: 33kg) eingeschmuggelt wurde und mehr Menschen an „Drogen“ star-
ben (1974: 139) (Bundesrat 1975). Die Zahl der polizeilich erfassten Rauschgiftdelik-
te stieg bis 1982 auf 63.000 (PKS 1982). In diesem Jahr wurde das BtMG novelliert.
Es heißt in der Begründung der Bundesregierung: „Die Verschärfung der Strafvor-
12
Rainer Ullmann
schriften hat sich voll gegen den aus Gewinnstreben handelnden Großtäter zu richten“
(Bundesregierung 1980).
In den folgenden Jahren sank die Zahl der Verstöße gegen das BtMG nicht, sondern
stieg dramatisch an. 2014 wurden über 275.000 Delikte registriert (46‰ aller Strafta-
ten), ermittelt wurde gegen fast 230.000 Verdächtige, sichergestellt wurden ab 1990
jährlich mehrere Tonnen der „Drogen“ (Grafik 1). Bis 1985 wurden allgemeine Ver-
stöße (die „Konsumentendelikte“, etwa 2/3 der Fälle) und illegaler Handel und
Schmuggel (etwa 1/3 der Fälle) unterschieden. Schon 1975 war klar, dass damit im
Wesentlichen gegen konsumierende Kleinhändler_innen ermittelt wurde (Rauschgift-
jahresbericht des BKA 1975). 1985 wurde die Kategorie „Illegale Einfuhr von BtM (in
nicht geringer Menge)“ hinzugefügt. Zum Effekt der Sicherstellungen heißt es im
Rauschgiftjahresbericht 2001: „Seit Beginn der 90er Jahre hat die Verfügbarkeit zuge-
nommen. (...) Großsicherstellungen bleiben häufig ohne nennenswerte Auswirkungen
auf die Preisentwicklung“ (BKA 2001: 177ff.). So spielt es keine Rolle, dass in den letz-
ten 30 Jahren nur in maximal 4% der Fälle (2014 in etwa 1%) gegen
„Großtäter_innen“ ermittelt wurde. Die Großhandelspreise haben sich von 1985 bis
2002 halbiert und sind seitdem auf diesem Niveau stabil (BKA 2002: 173). Auch dieses
Gesetz war erfolglos. Es verwundert, dass in Zeitungen noch immer größere Sicherstel-
lungen oder die „Zerschlagung von Drogenringen“ als Erfolge beschrieben werden.
Entsprechend stieg die Zahl der polizeilich erstmals auffälligen Konsumierenden
harter Drogen (EKhD) erheblich; seit 1997 sind es etwa 20.000 jährlich. Die Konsum-
gewohnheiten ändern sich: beim Heroin war der Gipfel 1992 mit 10.000 EKhD
erreicht; jetzt sind es noch 1500. Beim Kokain war der Gipfel 1998 mit fast 5000
EKhD erreicht, jetzt sind es 3000. Bei den Amphetaminen waren es 1982 nur 168
EKhD; die Zahl stieg unaufhörlich auf jetzt 11.000. Beim Ecstasy war der Gipfel 2001
mit 6000 EKhD erreicht, 2010 waren es 840, in den letzten Jahren stieg die Zahl wie-
der auf über 2000 im Jahr 2014 (Grafik 2). Der fehlende Erfolg beim Gesundheits-
schutz ist am deutlichsten an der Zahl der Drogentoten abzulesen. Von 29 im Jahre
1970 stieg diese Zahl in 20 Jahren auf über 2100. Man kann sich leicht vorstellen,
0
500
1000
1500
2000
2500
3000
1961 -
1665
1966 -
1970
1971 -
1975
1976 -
1980
1981 -
1985
1986 -
1990
1991 -
1995
1996 -
2000
2001 -
2005
2006 -
2010
2011 -
2014
Heroin kg
Cannabis kg x 10
Kokain kg
Amphetamin kg
Ecstasy 1000 Konsumeinheiten
BtM Delikte x 100
Grafik 1: Delikte und Sicherstellungsmengen (Durchschnitt aus jeweils 5 Jahren)
Quelle: PKS seit 1960
13
1.1 | Die Zahlen des BKA zeigen das Scheitern der Prohibition – dient sie wirklich dem Jugendschutz?
0
2000
4000
6000
8000
10000
12000
14000
EKhD Heroin
EKhD Koka
EKhD Amph
EKhD Ecstasy (bis 1994 bei Amph)
Grafik 2: Erstkonsumierende harter Drogen
Quelle: PKS seit 1977
Grafik 3: Vergleich des Effekts politischer Maßnahmen bei der Verkehrssicherheit und beim "Drogen-
konsum"
Quellen: PKS seit 1970, Statistisches Bundesamt 2014
dass die im Straßenverkehr ergriffenen Maßnahmen sofort geändert worden wären,
wenn es in der Folge zu einem so dramatischen Anstieg der Verkehrstoten wie bei den
Drogentoten gekommen wäre (Grafik 3). Die Zahl der Drogentoten sank erst, als
Maßnahmen eingeführt wurden, die nicht zur Prohibition passen. Für die Einführung
der Substitutionsbehandlung (4. BtMÄndV vom 23.12.1992), des Spritzentauschs
(Gesetz zur Änderung des BtMG vom 9.9.1992) und der Konsumräume (3. BtM
Änderungsgesetz vom 28.3.2000) musste jeweils das BtMG bzw. die BtMVV geändert
werden.
Ein gut dokumentiertes Beispiel für den Mißerfolg der Prohibition ist das Opiumver-
bot im kaiserlichen China. 1729 wurde der Handel mit Opium verboten, 1796 auch
der Konsum (Hartwich 1911: 158). 1773 begann die Britische Ostindien-Kompanie
14
Rainer Ullmann
Opium in großem Stil nach China zu schmuggeln (ebd.: 163). Die britische Regierung
unterstützte den Schmuggel, weil so die negative Handelsbilanz mit China ausgegli-
chen werden konnte dieses erste Beispiel für organisierte Kriminalität im Zusam-
menhang mit „Drogen“ war Folge einer Prohibition. Im kommunistischen China ist
es Anfang der 1950er Jahre gelungen, die Opiumsucht auszurotten. Die Mittel waren:
geschlossene Grenzen für Menschen und Waren, Umerziehungslager für Konsumie-
rende, Todesstrafe für Drogenhändler_innen. Diese Methoden sind in einem liberalen
Rechtsstaat mit offenen Grenzen nicht angemessen. Mit der wirtschaftlichen Öffnung
nahm der Konsum von „Drogen“ wieder zu: 2001 wurden 3,5 Mio. Konsumierende
geschätzt (Qian et al. 2005). In keinem Staat mit Bürgerrechten und freiem Handel ist
es gelungen, ein verbotenes Genussmittel aus dem Land fernzuhalten.
Jugendschutz
In der Begründung des BtMG wird der Schutz der Jugend besonders betont. Es wird
unterstellt, dass der Jugendschutz durch die Prohibition am besten gewährleistet wird.
Diese Auffassung ist nicht gut belegt. Unter der Prohibition hat ab den späten 1960er
Jahren in Deutschland der Konsum der „Drogen“ unter Jugendlichen und Heran-
wachsenden dramatisch zugenommen. Die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen
stieg von 13 (1965) auf 4500 (1970). In den folgenden 40 Jahren wurde maximal
gegen fast 40.000 Jugendliche und über 50.000 Heranwachsende ermittelt. „Vor-
nehmlich bei Jugendlichen nahm die Probierbereitschaft von Cannabis und Ecstasy
zu“ (BKA 2001: 7). Nach den Befragungen der letzten Jahrzehnte haben in den letzten
20 Jahren von den 12-17-Jährigen zwischen 5 und 15% jemals und zwischen 5-10%
(bis 500.000 Jugendliche) im Jahr vor der Befragung eine illegale Droge genommen;
90% davon nur Cannabis (BZgA 2001, 2011). Bis zu 30% der Erstkonsumierenden
von Heroin und Amphetaminen waren unter 21 Jahre alt (bis zu 10% unter 18 Jahre).
Beim Kokain waren es maximal 15% (5%), beim Ecstasy 50% (10%). Diese Zahlen
zeigen nicht an, dass die Prohibition den Konsum von „Drogen“ bei Jugendlichen ver-
hindern kann. Sie zeigen an, dass Jugendliche in großem Stil strafrechtlich verfolgt
werden, weil sie trotz des Verbotes „Drogen“ konsumieren (Cousto 2011: 12). Der in
den frühen 1970er Jahren als dramatisch eingeschätzte Cannabiskonsum Jugendlicher
nahm in den folgenden 30 Jahren während der Geltung des Gesetzes, das den Konsum
vermindern sollte, weiter deutlich zu. Strafverfolgung war für wenige Befragte ein
Grund, auf illegale Substanzen zu verzichten (1997: 11%, 2001: 3%) (BZgA 1997,
2001). Häufiger genannte Gründe waren: kein Interesse, Angst vor Rausch, gesund-
heitlichen Schäden oder Abhängigkeit. Verboten und erlaubt sind offensichtlich nicht
die Kriterien, nach denen Jugendliche die Wahl für ein Genussmittel treffen. Dafür
spricht, dass in den letzten Jahrzehnten immer weniger Jugendliche Tabak (BZgA
2011) und Alkohol in riskanter Weise konsumieren (BZgA 2014). Offensichtlich ist
das Strafrecht nicht der einzige Weg zur Konsumreduktion.
In gleicher Weise verbotene Substanzen werden in sehr verschiedenem Ausmaß von
Jugendlichen gebraucht. Während bei einer Befragung 2011 knapp 5% angaben, in
den letzten 12 Monaten Cannabis genommen zu haben (bei Befragungen der letzten
15
1.1 | Die Zahlen des BKA zeigen das Scheitern der Prohibition – dient sie wirklich dem Jugendschutz?
20 Jahre waren es zwischen 5 und 10%), waren es bei Ecstasy 0,2%, Amphetaminen
0,4%, Kokain 0,2% und bei Heroin <0,05% (BZgA 2011).
Auch die US-amerikanische Alkoholprohibition zwischen 1919 und 1933 führte
nicht zu einem Schutz der Jugend vor Alkohol. Die Zahl der wegen Trunkenheit fest-
genommenen Jugendlichen stieg in Washington von jährlich etwa 60 vor Beginn der
Prohibition bis auf etwa 600 während der Prohibition. In einem Bericht heißt es: „Der
Genuss berauschender Getränke durch Mädchen und Knaben war vor der Zeit der
Prohibition praktisch unbekannt. (...) Das Hauptziel der Prohibition war der Schutz
der Jugend. (...) Gerade in diesem Punkte aber, der Fernhaltung der Jugend vom Alko-
holmissbrauch, ist das Ziel nicht nur nicht erreicht worden, sondern die Verhältnisse
verschlechtern sich von Tag zu Tag“ (Schmölders 1930).
Resumé
Nach Befragungen (Pfeiffer et al. 2012) entscheiden sich über 10 Mio. Bürger_innen
für eine der verbotenen „Drogen“. Opiate und Amphetamine werden oft täglich kon-
sumiert (aber auch bei diesen ist ein kontrollierter Konsum möglich) (Schipper/Cra-
mer 2002), die übrigen Substanzen meist nur gelegentlich und eine begrenzte Zeit. Die
Zahlen des BKA und Erfahrungen aus vielen Ländern zeigen, dass die Prohibition kei-
ne geeignete Maßnahme ist, um den Konsum zu vermindern. Fast jedes der jetzt lega-
len Genussmittel war eine Zeit lang in irgendeinem Land verboten. Die Verbote haben
nie dazu geführt, dass das Genussmittel nicht mehr konsumiert wurde. Nach einer
gewissen Zeit wurde es „legalisiert“ und besteuert (Thamm 1989). Weltweit ist es mit
dem vom US-Präsidenten Nixon 1971 ausgerufenen „War on Drugs“ nicht gelungen,
den Schwarzmarkt einzudämmen, wie den INCB-Berichten seit vielen Jahren entnom-
men werden kann (INCB 1980, 1998, 2014). Alle Daten in den Berichten zeigen die
allgemeine Verfügbarkeit und die stabilen bis sinkenden Preise für die verbotenen Sub-
stanzen auf dem Schwarzmarkt. Eine erfolgreiche Kontrolle des illegalen Handels
durch die Prohibition ist diesen Berichten für kein Land zu entnehmen. Zu befürchten
ist, dass die Prohibition wegen der hohen Gewinnspannen wesentlich zum Drogenpro-
blem beigetragen hat.
Das Verbot eines Genussmittels ist verfassungsrechtlich nicht gut begründet.
Das politische Ziel, Selbstschädigung zu vermeiden, ist zwar legitim, aber nach dem
in der Verfassung verankerten Selbstbestimmungsrecht ist es nicht strafbar, das Risiko
einer Selbstschädigung einzugehen.
Selbst wenn es für legitim gehalten würde, die Selbstbestimmung in diesem Fall ein-
zuschränken, müsste diese Maßnahme auch geeignet sein, das angestrebte Ziel zu
erreichen: nicht nur nach dem gesunden Menschenverstand, sondern auch nach dem
verfassungsrechtlichen Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Aber die Prohibition war
mit dem Verbot von Produktion, Handel und Besitz in keinem Staat mit Bürgerrechten
und freiem Handel erfolgreich. Sie ist keine geeignete Maßnahme. Darüber hinaus
wird durch die Prohibition das Risiko einer Selbstschädigung nicht vermindert, son-
dern erhöht: u.a. durch schädliche Streckmittel und überhöhte Preise, die zum intra-
venösen Konsum führen.
16
Rainer Ullmann
Es ist also notwendig, einen legalen Zugang zu den gewünschten Genussmitteln zu
schaffen. Die Verfügbarkeit muss nach dem gesundheitlichen Risiko der Substanzen
differenziert gesetzlich geregelt werden. Zu den sinnvollen Regelungen einer Legalisie-
rung gehören Produktionskontrollen, örtlich und zeitlich geregelte Zugangsmöglich-
keiten, ein wirksamerer Jugendschutz als aktuell bei Alkohol und Tabak durchgesetzt,
höhere Preise für gefährlichere Substanzen einer Gruppe, ein Verbot von Werbung
und anderer Maßnahmen der Verkaufsförderung, evtl. ein staatliches Monopol
(Transform 2009).
Diese Änderungen werden viele Jahre erfordern, die Effekte jedes einzelnen Schrittes
müssen sorgfältig beobachtet werden. Die ersten Schritte sind aber seit vielen Jahren
überfällig. In Deutschland ist mit Diacetylmorphin (Heroin) die erste der verbotenen
„Drogen“ legalisiert worden. Es ist allerdings bisher einer nur sehr kleinen Zahl von
Konsumierenden legal im Rahmen einer Krankenbehandlung zugänglich und darf nur
fremdkontrolliert genommen werden.
Seit den 1960er Jahren gibt es das sogenannte Drogenproblem in Deutschland. 50
Jahre und über 40.000 Tote später wird aus allen Zahlen völlig klar, dass Prohibition
„Missbrauch“ und Abhängigkeit nicht verhindern, nicht einmal vermindern kann.
Seit Jahrzehnten wird aus der Wissenschaft auf die Wirkungslosigkeit der Prohibition
hingewiesen. Dieser Auffassung haben sich viele Politiker_innen angeschlossen, wenn
sie aus dem Amt geschieden sind (Global Commission on Drugs 2011). Die Frage ist
nicht mehr, ob die Prohibition unwirksam ist - die Frage ist, warum diese verfehlte
Politik nicht geändert wird.
Literatur
BAST (2014): Verkehrs- und Unfalldaten Deutschland, online verfügbar unter: http://www.bast.de/
DE/Publikationen/Medien/Dokumente/Unfallkarten-national-deutsch.html; letzter Zugriff:
15.03.2016.
BKA (verschiedene Jahrgänge): Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität (2001 –2014), online verfüg-
bar unter: http://www.bka.de/nn_231632/DE/ThemenABisZ/Deliktsbereiche/Rauschgiftkrimina-
litaet/Lagebilder/lagebilder__node.html?__nnn=true; letzter Zugriff: 15.02.2016.
BKA (verschiedene Jahrgänge): Rauschgiftjahresbericht (1975, 1977, 1980, 1988, 2000, 2001,
2002), Wiesbaden.
Bundesrat (1975): Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Betäubungsmittelgesetzes (BT DS
7/4141, 13.10.1975), online verfügbar unter: dipbt.bundestag.de/doc/btd/07/041/0704141.pdf;
letzter Zugriff: 15.03.2016.
Bundesregierung (1971): Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Opiumgesetzes (BT DS VI 1877),
online verfügbar unter: dipbt.bundestag.de/doc/btd/06/018/0601877.pdf; letzter Zugriff:
15.03.2016.
Bundesregierung (1980): Entwurf eines Gesetzes zur Neuordnung des Betäubungsmittelrechts (BT DS
8/3551, 09.01.1980), online verfügbar unter: dipbt.bundestag.de/doc/btd/08/035/0803551.pdf;
letzter Zugriff: 15.03.2016.
BZgA (verschiedenene Jahrgänge): Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutsch-
land (1997, 2001, 2004, 2011), Köln.
BZgA (2014): Der Alkoholkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland, Köln.
Cousto, H. (2011): Daten und Fakten zum Deutschen Betäubungsmittelgesetz (BtMG), online verfüg-
bar unter: http://www.eve-rave.net/abfahrer/download/eve-rave/politics115.pdf; letzter Zugriff:
15.03.2016.
17
1.1 | Die Zahlen des BKA zeigen das Scheitern der Prohibition – dient sie wirklich dem Jugendschutz?
Global Commission on Drugs (2011): Krieg gegen die Drogen. Bericht der Weltkommission für Dro-
genpolitik, online verfügbar unter: http://www.globalcommissionondrugs.org/wp-content/the-
mes/gcdp_v1/pdf/Global_Commission_Report_German.pdf; letzter Zugriff: 15.03.2016.
Hartwich, C. (1911), Die menschlichen Genußmittel, Leipzig.
INCB (verschiedene Jahrgänge): Annual Reports (1980, 1998, 2014), online verfügbar unter:
https://www.incb.org/incb/en/publications/annual-reports/annual-report.html; letzter Zugriff:
15.03.2016.
Pfeiffer-Gerschel T./Kipke, I./Flöter, S./Jakob, L./Hammes, D./Rummel, C. (2012): Bericht 2012 des
nationalen REITOX-Knotenpunkts an die DBDD, online verfügbar unter: http://www.bzga.de/
infomaterialien/fachbpublikationen/reitox-berichte/; letzter Zugriff: 15.03.2016.
PKS (verschiedene Jahrgänge): Polizeiliche Kriminalstatistik (1953 – 2014), online verfügbar unter:
http://www.bka.de/nn_205960/DE/Publikationen/PolizeilicheKriminalstatistik/pks__node.html?
__nnn=true; letzter Zugriff: 15.03.2016.
Qian, Z. H./Vermund, S. H./Wang, N. (2005): Risk of HIV/AIDS in China: Subpopulations of special
importance, in: Sex Transm Infect 81, 442-444.
Schipper, G. M./Cramer, E. (2002): Kontrollierter Gebrauch von Heroin und Kokain, in: Suchtthe-
rapie 3, 71-80.
Schmölders, G. (1930): Die Prohibition in den Vereinigten Staaten, Leipzig.
Statistisches Bundesamt (2014): Verkehrsunfälle Zeitreihen, online verfügbar unter: https://www.
destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/TransportVerkehr/Verkehrsunfaelle/Verkehrsunfaelle-
Zeitreihen.html;jsessionid=A8F4EA01E4DFDA61FC401A493C7D9215.cae1; letzter Zugriff:
15.03.2016.
Thamm, G.B. (1989): Drogenfreigabe – Kapitulation oder Ausweg?, Hilden.
Transform (2009): Nach dem Krieg gegen die Drogen: Modelle für einen regulierten Umgang (deut-
sche Übersetzung durch akzept e.V.), Berlin.
Uhl, A. (2012): Methodenprobleme in der Evaluation komplexerer Sachverhalte: Das Beispiel Sucht-
prävention, in: Robert Koch-Institut/Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsi-
cherheit (Hrsg.): Evaluation komplexer Interventionsprogramme in der Prävention: Lernende
Systeme, lehrreiche Systeme? Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Berlin, 57 –
78.
18
1.2 | Wie mit NpS zukünftig umgehen?
Kritik an dem Referentenentwurf zum
Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz
(NpSG)
Jan Fährmann, Tibor Harrach, Heiko Kohl, Sonja C. Ott,
Marcel Schega, Rüdiger Schmolke, Bernd Werse
Zusammenfassung
Das Inverkehrbringen von „Neuen psychoaktiven Substanzen“ ist aktuell vollständig unregu-
liert. Da viele entsprechende Substanzen im Umlauf sind und deren chemische Zusammenset-
zung leicht verändert werden kann, ist die Aufnahme in die Anlagen des BtMG ungeeignet, um
diese Stoffe zu regulieren. Daher soll in Zukunft das Inverkehrbringen von Substanzen, die
bestimmten Stoffgruppen unterfallen, verboten und bestraft werden. Dieses Verbot ist nicht nur
aus Gründen der Suchtprävention und rechtlicher Bedenken völlig ungeeignet, die Verbreitung
von neuen psychoaktiven Substanzen zu verringern, sondern kann nach wie vor umgangen wer-
den. Neue psychoaktive Substanzen müssen daher anders reguliert werden. Dazu sollten wis-
senschaftliche Risikobewertungen die Grundlage für Prävention und Regulierung darstellen.
Gefahrenpotenziale der zu bewertenden Substanzen müssen ermittelt werden und eine Regulie-
rung auf Basis eines förmlichen Zulassungsverfahrens erfolgen. Nur Substanzen, bei denen ein/e
Hersteller_in gegenüber den regulatorischen Behörden nachgewiesen hat, dass sie ein vertretba-
res Nutzen-Risiko besitzen, dürften unter bestimmten Bedingungen an Erwachsene verkauft
werden.
Ausgangslage
Seit der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschieden hat, dass das Inverkehrbringen
von „neuen psychoaktiven Stoffen“ (NpS), die nicht im BtMG enthalten sind, keinen
Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz (AMG) darstellt (EUGH 2014), ist der Umgang
mit diesen vollständig unreguliert. Daher sind und werden zahlreiche Stoffe legal ver-
trieben, die ähnliche Wirkungen aufweisen wie die im Betäubungsmittelgesetz (BtMG)
verbotenen Substanzen (Körner et al. 2016: § 1, Rn. 17; OVG Bremen 2016) und mit
deren Konsum Gesundheitsrisiken einhergehen (BMG 2015: 13).Zwar werden NpS,
auch im Vergleich zu ihren illegalen Äquivalenten, in Deutschland nur von relativ
wenigen Personen konsumiert, aber es gibt offenbar Schwerpunkte in bestimmten
Konsument_innengruppen und vor allem in bestimmten regionalen Räumen (über-
blicksartig: Egger/Werse 2015).
19
1.2 | Wie mit NpS zukünftig umgehen? Kritik an dem Referentenentwurf zum Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)
Da NpS sehr schnell kreiert werden können, sind oftmals bereits andere Substanzen
auf dem Markt, sobald ein NpS in die Anlagen des BtMG aufgenommen wurde. Das
Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geht daher davon aus, dass allein durch die
Erweiterung der Anlagen des BtMG nicht mehr adäquat auf die Situation reagiert wer-
den kann, weshalb es einen Entwurf für ein entsprechendes neues Gesetz erarbeitet hat
(BMG 2015).
Gesetzesentwurf NpSG
Das einzuführende „Neue-psychoaktive-Substanzen-Gesetz“ (NpSG) soll zum Schutz
der Volksgesundheit die Verbreitung von NpS verhindern, wovon AMG und BtMG
aber nicht betroffen werden. Ein Gesundheitsrisiko wird hier, anders als im BtMG,
allein aufgrund der psychoaktiven Wirkung der Stoffe angenommen (vgl. zur Defini-
tion von BtM: BVerfG 1998). NpS werden dabei als Stoffe oder eine Zubereitung der
Stoffe aus den in den Anlagen genannten Stoffgruppen definiert. Unter einer Stoff-
gruppe werden nach dem üblichen Sprachgebrauch Stoffe zusammengefasst, die eine
gemeinsame Struktur oder ähnliche biologische Eigenschaften aufweisen (z. B.
Umweltbundesamt 2015). Da die genannten Stoffgruppen zahlreiche Strukturvarian-
ten umfassen, gehören den genannten Stoffgruppen notwendigerweise auch zahlreiche
Stoffe an, die gar nicht psychoaktiv wirken (BMG 2015: 20), darunter auch körperei-
gene Stoffe wie die Neurotransmitter Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin sowie
das Tyramin, das Amin der Aminosäure Tyrosin.
Verboten und bestraft wird der Handel, das Inverkehrbringen, Herstellen und Ein-
führen von NpS1, ohne dass Vorsatz bezüglich des Hervorrufens einer psychoaktiven
Wirkung oder einer Gesundheitsgefährdung bestehen muss. So kann auch Verhalten
bestraft werden, welches ausschließlich dem Eigenkonsum dient, z. B. umfasst die Ein-
fuhr das Bestellen in einem ausländischen Onlineshop (BMG 2015: 18). Die Verbrei-
tung von NpS zu wissenschaftlich, gewerblich und industriell anerkannten Verwen-
dungen und zu behördlichen Zwecken ist hingegen vom Verbot ausgenommen.
Zudem kann das BMG mittels Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates,
der Bundesministerien für Justiz und Finanzen sowie nach der Anhörung von Sachver-
ständigen die Stoffgruppen erweitern, wenn dies wegen der unmittelbaren oder mittel-
baren Gefährdung der Gesundheit aufgrund missbräuchlicher Verwendung von NpS
nötig ist. Da die Eigenschaften und die Struktur einer Stoffgruppe beliebig definiert
werden können, können damit nahezu unendlich viele Stoffe verboten werden. Aller-
dings ergibt die teleologische Auslegung, dass Stoffe enthalten sein müssen, die eine
psychoaktive Wirkung haben. Psychoaktivität wird jedoch nicht definiert. Die Recht-
sprechung orientiert sich zur Bestimmung von psychoaktiven Substanzen in erster
Linie daran, ob ein Rauschzustand hervorgerufen wird (vgl. etwa BGH 2015, BGH
2014), wobei dieser Schluss nicht zwingend ist. Nach dem Sprachgebrauch zeichnet
sich Psychoaktivität dadurch aus, dass positive Effekte auf Stimmung, Antrieb, Leis-
tungsvermögen oder Kontaktfähigkeit hervorgerufen werden (vgl. z. B. Saß 2009).
1Diese Begriffe stimmen mit dem BtMG überein. Zur Übersicht über die Begriffe z. B. Weber (2013: § 29,
Rn. 125 ff.).
20
Jan Fährmann, Tibor Harrach, Heiko Kohl, Sonja C. Ott, Marcel Schega, Rüdiger Schmolke, Bernd Werse
Nach der gängigen naturwissenschaftlichen Vorstellung ist ein Stoff allein dann schon
psychoaktiv, wenn er die Blut-Hirn-Schranke überwinden und damit direkt auf das
Gehirn einwirken kann. Dies schließt auch Stoffe ein, bei denen ganz andere pharma-
kologische Wirkungen im Vordergrund stehen.
Verfassungsrechtliche Bewertung
Der Entwurf ist in vielerlei Hinsicht verfassungswidrig
I. Strafbares Verhalten durch eine Stoffgruppe zu bestimmen, verstößt gegen den
Bestimmtheitsgrundsatz. Aus dem Rechtsstaatsprinzip ergibt sich, dass eine Norm
inhaltlich bestimmt sein muss, wozu es ausreicht, dass die Norm durch Auslegung
bestimmbar ist (BVerfG 1963, 1994; Rössner/Voit 2011: 23). Dadurch sollen die
betroffenen Bürger_innen die Rechtslage erkennen und sich so auf mögliche belasten-
de Maßnahmen einstellen können (St. Rspr. BVerfG, z. B. BVerfG 2008 m. w. N.).
Die Anforderungen an die Bestimmtheit strafrechtlicher Normen sind aufgrund von
Art. 103 Abs. 2 GG besonders hoch (vgl. z. B. BVerfG 1982).
Zwar kann ausgehend von einem Einzelstoff bestimmt werden, ob dieser zu der
betroffenen Stoffgruppe gehört (BMG 2015: 16; Rössner/Voit 2011: 24 m. w. N.).
Aufgrund der Weite der Stoffgruppe ist aber die Zuordnung selbst für
Chemiker_innen und Pharmazeut_innen überaus schwierig. Nur Expert_innen unter
ihnen können erkennen, ob ein Stoff aufgrund seiner Strukturformel zu der verbote-
nen Stoffgruppe gehört, da sie anders als bei Stoffen im BtMG nicht nur (auf dem
Papier) prüfen müssen, ob eine bestimmte Struktur vorliegt, sondern auch, ob diese in
die die Stoffgruppe definierende „Strukturschablone“ fällt, was deutlich komplizierter
ist. Zusätzliche Schwierigkeiten entstehen dadurch, dass überdies zu prüfen ist, ob die-
se Substanzen unter das BtMG oder das AMG fallen, da die Stoffe dort anders regu-
liert werden.
Durch den unbestimmten, generalklauselartigen Rechtsbegriff „anerkannte Verwen-
dungen“ wird zudem nicht deutlich, welcher Umgang mit den Stoffen erlaubt ist. Ein
Maßstab, woran sich dies feststellen lässt oder wer dies festlegt, fehlt völlig, da dem
BMG offensichtlich selbst nicht klar ist, wie dieser bestimmt werden soll. Damit ist
der Großteil der Menschen, die mit entsprechenden Stoffen in Berührung kommen
können, nicht in der Lage zu beurteilen, ob sie sich strafbar machen, selbst wenn sie
mit Stoffen arbeiten, die nicht psychoaktiv wirken. Sowohl die Arbeit als auch die For-
schung in entsprechenden Bereichen wird damit erheblich erschwert, wodurch auch
Forschungs- und Berufsfreiheit verfassungswidrig beeinträchtigt werden.
II. Der Anwendungsbereich dieser Normen kann zudem noch mittels einer Rechtsver-
ordnung extrem erweitert werden, sodass die Rechtslage noch unübersichtlicher wer-
den kann und auch immer mehr Stoffe ohne psychoaktive Wirkung verboten werden.
Aus Rechtsstaatsprinzip und Gesetzesvorbehalt ergibt sich jedoch der Wesentlichkeits-
grundsatz. Dieser besagt, dass die Anforderungen an die inhaltliche Bestimmtheit der
Norm steigen, je stärker eine staatliche Maßnahme in Rechte der Bürger_innen ein-
greift. Bei schwerwiegenden Grundrechtseinschränkungen muss ferner die Legislative
21
1.2 | Wie mit NpS zukünftig umgehen? Kritik an dem Referentenentwurf zum Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)
den Eingriffsrahmen in einem formellen Gesetz festlegen (z. B. BVerwG 2013). Die
Exekutive kann zwar ermächtigt werden, durch Rechtsverordnungen den Inhalt eines
Gesetzes zu ändern, jedoch nur, wenn der Regelungsbereich durch das jeweilige
Gesetz so umschrieben wird, dass erkennbar ist, zu welchen Änderungen die Exekuti-
ve ermächtigt ist (BVerfG 1998). Vorliegend wird die Exekutive aufgrund der vielfäl-
tigen Kombinationsmöglichkeiten einer Stoffgruppe aber ermächtigt, eine nicht mehr
zu überblickende Anzahl von Stoffen zu verbieten. Dass psychoaktive Stoffe enthalten
sein müssen, ist keine wirksame Begrenzung, da dies auch bei zahlreichen gebräuchli-
chen Substanzen der Fall ist und es ausreicht, wenn nur ein Teil der enthaltenen Stoffe
entsprechend wirkt. Dies gilt auch für die Merkmale „un- oder mittelbare Gefährdung
der Gesundheit“, die eindeutig zu unbestimmt sind. Damit wird aus dem Gesetz nicht
deutlich, welche Stoffe in Zukunft verboten werden können, sodass der Eingriffsrah-
men nicht bestimmbar ist.
III. Überdies ist der Entwurf auch unverhältnismäßig (zum Begriff der Verhältnismä-
ßigkeit z. B. Jarass/Pieroth 2014: Art. 20 Rn. 83a ff.), da dieser nicht geeignet ist, die
Verbreitung von NpS zu verhindern und die Gesundheit der Bevölkerung zu schützen.
Psychoaktivität ist einerseits kein geeignetes Kriterium zum Gesundheitsschutz, da
eine entsprechende Wirkung nicht zwingend mit einem Gesundheitsrisiko oder einem
Rauschzustand verbunden ist. So ist beim Coffein (Schneidereit 2000) die psychoak-
tive Wirkung durchaus erwünscht. Betroffen sind außerdem zahlreiche Arzneistoffe,
die wegen einer ganz anderen Wirkung Anwendung finden, z. B. als Antihistaminikum
zur Allergie-Behandlung, als Bronchodilatator bei asthmatischen Beschwerden, als
Mittel gegen Sinusitis bei Erkältungskrankheiten, als Antivertiginosum, als Antieme-
tikum etc.
Ferner ist wissenschaftlich nicht belegt, dass alle Substanzen, die ein bestimmtes che-
misches Merkmal aufweisen, auch eine vergleichbare biologische Wirkung haben,
sodass die Wirksamkeit eines Stoffgruppenverbotes an sich nicht belegt ist.
Außerdem können auch weiterhin NpS kreiert werden, die nicht unter die genannten
Stoffgruppen fallen, sondern Substanzklassen wie den Tryptaminen, den Arylcyclo-
hexylaminen, den Benzodiazepinen, den Lysergsäureamiden, o. ä. angehören. Selbst
innerhalb einer Stoffgruppe sind nicht alle psychoaktiven Substanzen erfasst, z. B. feh-
len bei den Cannabimimetika Substanzen, welche sich vom Cannabicyclohexanol
ableiten oder einige Dibenzopyrane. Mit Sicherheit werden sich noch weitere Stoff-
gruppen oder Einzelstoffe finden lassen, zumal das BMG selbst davon ausgeht, nicht
alle Stoffe erfasst zu haben (BMG 2015:13). Insbesondere besteht die Möglichkeit,
leicht abspaltbare funktionelle Gruppen einzuführen, die im Körper abgespalten wer-
den, und erst dort den eigentlichen Wirkstoff freisetzen. Die daraus resultierende Sub-
stanz unterliegt bis zur Abspaltung nicht der definierten Stoffgruppe. Das BMG oder
die Legislative werden also fortwährend neue Stoffgruppen erarbeiten müssen. Dies
wird wiederum dazu führen, dass die Situation noch unübersichtlicher wird und Men-
schen, die mit entsprechenden Substanzen arbeiten, sich fortwährend einer möglichen
Strafverfolgung ausgesetzt sehen.
Überdies wird der Druck steigen, neue Substanzkreationen zu schaffen, die dann
immer unüberschaubarer und schädlicher werden (vgl. Europäische Kommission
2013a: 6).
22
Jan Fährmann, Tibor Harrach, Heiko Kohl, Sonja C. Ott, Marcel Schega, Rüdiger Schmolke, Bernd Werse
Suchtprävention
Aus (sucht-)präventiver Sicht ist der Ansatz des vorliegenden Gesetzesentwurfs als
Enttäuschung und Feigenblatt-Strategie zu bewerten. Im Feld der (modernen) Sucht-
prävention hat sich auch bei ehemals rein abstinenzorientiertem Denken verpflichteten
Organisationen inzwischen der Konsens herausgebildet, dass konsumaffine Personen
vor allem im Zuge einer faktenbasierten Risikokommunikation „auf Augenhöhe“ für
Präventionsbotschaften offen sind.2Präventionsprogramme wie „Rebound“
(www.my-rebound.de) setzen konsequent auf Steigerung der Reflexionsfähigkeit von
Jugendlichen und schulen, wie das individuelle Risiko besser abgeschätzt werden
kann. Sie tragen so zur Entmystifizierung des Drogengebrauchs und Aneignung von
Strategien zur Risiko- und Schadensminimierung bei.
Der Gesetzesentwurf beinhaltet hingegen ausschließlich Maßnahmen zur Strafver-
folgung – zwar betrifft dies immerhin nicht die Konsumierenden, respektive den Besitz
kleiner Mengen, aber jegliche Art von Inverkehrbringen. Maßnahmen für eine sinn-
volle Prävention fehlen hingegen völlig. So verzichtet der Entwurf auf die Risikobe-
wertung von Einzelsubstanzen, die die Grundlage für ein individuelles Risikomanage-
ment darstellen. Letztlich setzt das Gesetz wie bei den illegalen Drogen auf ein auto-
ritär-kontrollierendes Grundverständnis und die Vorstellung, dass Jugendliche auf-
grund möglicher Konsequenzen der Strafverfolgung signifikant weniger konsumieren.
Diese Strategie gilt nicht nur deswegen als gescheitert, weil sie das Substanzkonsum-
verhalten kaum zu beeinflussen vermag. Sie untergräbt auch systematisch die Wissens-
verbreitung durch staatliche (oder staatlich geförderte) Suchtpräventionsstellen,
indem vor allem jugendliche Konsumierende diese als voreingenommen und unglaub-
würdig einstufen und in der Folge nicht nutzen (Uhl 2005).
Insgesamt dürfte das NpS-Gesetz im Hinblick auf seine abschreckende Zielsetzung
auf Konsumierende weitgehend unwirksam sein. Wirkungsvoll wäre dagegen der Aus-
bau der personalkommunikativen Kompetenzen und Ressourcen von Präventionsar-
beit auf Basis eines konsequent demokratisch-emanzipativen Ansatzes auch in Bezug
auf illegalisierte Substanzen (Barsch 2008).
Alternative Regelungsmöglichkeiten
Zur Regulierung der NpS kann auf bestehende Verfahren zur Regulierung von Risiken
zurückgegriffen werden.
Stoffe, die Bestandteile von Arzneimitteln und Lebensmitteln sind, oder Chemika-
lien, bei deren Umgang es zur Exposition von Menschen und Freisetzung in die
Umwelt kommen kann, unterliegen umfangreichen gesetzlichen Regulationen. Grund-
lage hierfür ist immer eine wissenschaftliche Risikobewertung („risk assessment“).
Das ist ein komplexes Verfahren zur Abschätzung eines Risikos mittels wissenschaft-
licher Methoden (Appel et al. 2013). Dabei werden zunächst die substanzinhärenten
2Vgl. z. B. die zuletzt mit Unterstützung der BZgA in hoher Auflage zur Verfügung gestellte, von der Fach-
stelle für Suchtprävention im Land Berlin konzipierte Informationsbroschüre zu Methamphetamin
(BZgA 2015).
23
1.2 | Wie mit NpS zukünftig umgehen? Kritik an dem Referentenentwurf zum Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)
gefährlichen Eigenschaften (Hazards) der zu bewertenden Substanzen festgestellt. Bei
bekannten Stoffen liefern dies meistens epidemiologische Studien von exponierten
Populationen. Bei neuen Substanzen werden derartige Daten vor Anwendung am
Menschen experimentell in durch internationale Richtlinien standardisierten Tierver-
suchen oder in Zell- und Gewebekulturen erhoben (siehe Abb. 1) (Appel et al. 2013;
OECD 2015).
Im Gegensatz zum Hazard, das eine unveränderliche qualitative Stoffeigenschaft
darstellt, ist das Risiko eine variable und quantifizierbare Größe. In der Toxikologie
beschreibt das Risiko die Wahrscheinlichkeit, mit der unerwünschte Wirkungen bei
einer definierten Dosis oder Exposition auftreten (Neubert 2013). Je höher die Dosis,
desto höher ist in der Regel das Risiko. Zur Risikobeschreibung werden das quantita-
tive Risiko und die Menge des Stoffes, der ein Mensch ausgesetzt sein kann, zueinan-
der in Beziehung gesetzt. Aus diesem Verhältnis kann sowohl die Wahrscheinlichkeit
abgeschätzt werden, mit der eine gesundheitsschädliche Wirkung eintritt, als auch der
voraussichtliche Schweregrad der Schädigung (Bundesinstitut für Risikobewertung
2007).
Unter Risikomanagement wird in der regulatorischen Toxikologie das Umsetzen der
Risikobewertung in staatliche bzw. behördliche Handlungsstrategien mit dem Ziel,
das Risiko zu begrenzen, verstanden. Dies kann durch Maßnahmen zur Verringerung
der Exposition und Anwendungsbeschränkungen erfolgen (Appel et al. 2013). Im
Gegensatz dazu werden im Drogenbereich tatsächliche und hypothetische Risiken
ausschließlich zur Legitimierung umfassender, aber wenig effektiver Verkehrsverbote
benutzt (Nutt et al. 2010; Global Commission on Drug Policy 2011). Wie bereits aus-
geführt, wird dieser Fehler im Referentenentwurf zum NpSG wiederholt.
Abbildung 1: Hazard-Identifikation auf Basis definierter Endpunkte als Voraussetzung für eine wissen-
schaftliche Risikobewertung
24
Jan Fährmann, Tibor Harrach, Heiko Kohl, Sonja C. Ott, Marcel Schega, Rüdiger Schmolke, Bernd Werse
Stoffe, die dazu bestimmt sind (u. a. Arzneimittel, Lebensmittelzusatzstoffe, Novel
Food), bzw. bei denen davon ausgegangen werden muss, dass sie in relevanten Men-
gen vom menschlichen Körper aufgenommen werden (u. a. Pflanzenschutzmittel und
Biozidprodukte), werden in der Regel einem Zulassungsverfahren unterworfen (Appel
et al. 2013). Im Chemikalienrecht müssen Substanzen in der Regel nur bewertet, ein-
gestuft und registriert werden (Umweltbundesamt 2013), lediglich die besonders
gefährlichen SVHC (substances of very high concern) müssen in der EU zur sicheren
Verwendung zugelassen werden (Bundesinstitut für Risikobewertung 2013). Bei
einem Zulassungsverfahren gilt das Verbotsprinzip mit Erlaubnisvorbehalt, d. h., die
Hersteller_innen müssen gegenüber den regulatorischen Behörden nachweisen, dass
die von ihnen hergestellte Substanz hinsichtlich einer bestimmten Anwendung ein ver-
tretbares Nutzen-Risiko-Verhältnis besitzt. Die Zulassungskriterien werden ständig
den wachsenden Erkenntnissen, Anforderungen und Möglichkeiten aus Wissenschaft
und Technik angepasst und sind heute weitestgehend international harmonisiert.
Auch die Regulation neuer psychoaktiver Substanzen sollte auf der bewährten
Grundlage einer wissenschaftlichen Risikobewertung erfolgen. Die Europäische Beob-
achtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) hat bisher allerdings ledig-
lich eher ungeeignete „Operating Guidelines“ zur Risikobewertung von neuen psy-
choaktiven Substanzen veröffentlicht. Zunächst einmal wird der Begriff Hazard stark
erweitert: Ist in der Toxikologie das Hazard ausschließlich durch die substanzinhären-
ten gefährlichen Eigenschaften definiert, gelten in den EMCDDA-Guidelines auch
Maßnahmen der sozialen Kontrolle (Regulationspolitik und informelle Normen), die
Konsummodalitäten (Konsummuster und Kontext) und individuelle Faktoren (Alter,
Geschlecht, Genetik und Persönlichkeit) als Hazard determinierende Faktoren
(EMCDDA 2010). Dieses Vertauschen oder Gleichsetzen von Ursache und Wirkung
führt dazu, dass die Gefahren, die von der Substanz selbst ausgehen, verschleiert wer-
den. Wenn die Folgen der Regulationspolitik (bzw. das Ausmaß von Fehl- u. Deregu-
lation im Drogenbereich) in das Hazard einfließen, kann dieses nicht mehr die Grund-
lage für eine wissenschaftliche Risikobewertung und ein darauf aufbauendes staatli-
ches Risikomanagement darstellen. Risikomanagement muss aber die Risiken, die
durch die Gefahren von Substanzen verursacht werden, effektiv begrenzen und sollte
nicht wie bei den Harm-Reduction-Strategien im Bereich der illegalen Drogen (u. a.
Spritzentausch, Drug Checking) darauf reduziert werden, den Folgen der staatlichen
Fehlregulation (Verhinderung von Qualitätssicherung) entgegenzuwirken.
Regulatorische Maßnahmen für psychoaktive Substanzen sollten immer auf Grund-
lage der tatsächlich von der Substanz ausgehenden Gefahren erfolgen. Nur so lässt
sich z. B. feststellen, welche Substanz aus einer Stoffgruppe die gefährlichste und wel-
che die sicherste ist. Ferner können dadurch evidenzbasierte risikoreduzierende Maß-
nahmen für ein individuelles Risikomanagement im Sinne eines sicheren Gebrauchs
abgeleitet werden. Soziale und individuelle Faktoren sind dann insbesondere bei der
Ausgestaltung der Distribution (einschl. Jugendschutz), Prävention und Intervention
zu berücksichtigen.
Große Defizite liegen vor allem in der sporadischen und mangelhaften Durchfüh-
rung der Risikobewertung der NpS durch die EMCDDA. In den Operating Guidelines
werden zwar die üblichen Methoden zur Erfassung von Gesundheitsrisiken ausge-
führt, doch stets mit dem Zusatz „wenn verfügbar“ versehen. Für eine qualifizierte
25
1.2 | Wie mit NpS zukünftig umgehen? Kritik an dem Referentenentwurf zum Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)
Risikobewertung von psychoaktiven Substanzen sind insbesondere die Daten zur
chronischen Toxizität unverzichtbar, weil deren Konsum immer mit dem Risiko eines
regelmäßigen bis hin zum abhängigen Konsum behaftet ist. In den EMCDDA-Guide-
lines findet sich allerdings der Hinweis, dass chronische Studien in Tieren normaler-
weise nicht durchgeführt werden (EMCDDA 2010).
Wie defizitär das Verfahren ist, erschließt sich beispielhaft bei der Betrachtung der
von der EMCDDA 2014 durchgeführten Risikobewertung von 4,4`-DMAR. Die Ver-
fügbarkeit dieses Psychostimulans auf dem EU-Drogenmarkt wird seit 2012 beobach-
tet. Im Verlauf von 12 Monaten wurde es im Zusammenhang mit 31 Todesfällen in
der EU festgestellt. In dem von der EMCDDA als Risikobewertung bezeichneten
Bericht findet sich z. B. der Vermerk, dass nicht einmal zur Feststellung von Neben-
wirkungen und der akuten Toxizität Daten experimentell erhoben wurden. Die
beschriebenen Effekte basieren auf Erfahrungsberichten von Konsument_innen im
Internet, Untersuchungen bei den im Zusammenhang mit dem Konsum von 4,4’-
DMAR verstorbenen Personen und theoretischen Ableitungen (EMCDDA 2015). Ein
solches Vorgehen hat nur wenig mit dem zu tun, was in der regulatorischen Toxiko-
logie gemeinhin als Risikobewertung verstanden wird (Appel et al. 2013). Es ist im
Ergebnis eine Mogelpackung, die weder staatliches noch individuelles Risikomanage-
ment ermöglicht.
Das Regulationsniveau einer Substanz sollte in Beziehung zu deren Gefährlichkeit
stehen (Bundesinstitut für Risikobewertung 2007). Für neue Substanzen, die zur
Anwendung im menschlichen Körper bestimmt sind, ist ein förmliches Zulassungsver-
fahren „State of the Art“ (Appel et al. 2013). Es gibt keinen sachlichen Grund, ein sol-
ches Verfahren nicht auch für die Regulation von NpS zu implementieren. Der kom-
merzielle Verkehr aller neuen Substanzen zur Erzielung eines veränderten Bewusst-
seinszustands wäre damit präventiv untersagt. Nur wenn ein/e Hersteller_in für eine
bestimmte Substanz in einem Zulassungsverfahren ein vertretbares Nutzen-Risiko-
Verhältnis darlegt, wird diese unter bestimmten Bedingungen verkehrsfähig. Der
Gesetzgeber würde dann nicht mehr den Verhältnissen hinterherlaufen, sondern
könnte präventiv durchsetzbare Normen in Form von Zulassungskriterien und Distri-
butionsbedingungen (einschließlich Jugendschutz und Werbeverbote) setzen.
Einen ersten Vorstoß hat Neuseeland mit seinem Psychoaktive-Substanzen-Gesetz
gemacht. Dieses reguliert die NpS, bevor sie auf den Markt gelangen, indem zunächst
alle NpS, welche noch nicht durch bereits existierende Gesetze erfasst werden, nicht
verkehrsfähig sind. Gelingt allerdings der Nachweis eines geringen Gesundheitsrisi-
kos, können sie zum regulierten Verkauf (z. B. Abgabemengen, Verkaufsort und
Kennzeichnung; Office of the Associate Minister of Health 2013: Artikel 42, 6-7)
zugelassen werden, wobei stark gesundheitsgefährdenden NpS die Zulassung verwei-
gert wird (Office of the Associate Minister of Health 2013: Artikel 6, 1). Dazu muss
jede/r Hersteller_in auf eigene Kosten sein/ihr Produkt einem staatlichen Zulassungs-
verfahren unterwerfen, diese betragen 110.000 für die Herstellungs- und Verkaufs-
lizenz und 720.000 für den Nachweis eines geringen Gesundheitsrisikos. Dieser
Betrag erscheint relativ niedrig, wenn man bedenkt, dass die Durchführung einer Kan-
zerogenitätsstudie gemäß OECD-Guideline deutlich über einer Million liegt. Für
eine Übergangszeit durften auf Grundlage einer provisorischen Produktionslizenz
bereits auf dem Markt befindliche NpS ohne Sicherheitsprüfung verkauft werden.
26
Jan Fährmann, Tibor Harrach, Heiko Kohl, Sonja C. Ott, Marcel Schega, Rüdiger Schmolke, Bernd Werse
Weil in dieser Zeit mehrere Vergiftungsfälle mit NpS gemeldet wurden, ohne dass es
den Behörden möglich war, dafür ein spezifisches Produkt zu identifizieren, zog die
Regierung die provisorischen Lizenzen zurück und kündigte an, neue Regelungen zu
erarbeiten. Möglicherweise fehlen Behörden und Hersteller_innen des 4,5 Millionen
Einwohner_innen zählenden Inselstaats die Ressourcen, ein aufwendiges Regulations-
system einschließlich Zulassungsverfahren für einen sehr begrenzten Markt durchzu-
führen (Schneider et al. 2014).
Eine ähnliche Herangehensweise ermöglicht der Richtlinienentwurf zur Regulierung
der NpS der Europäischen Kommission, der bereits vom Europäischen Parlament
angenommen, aber noch nicht vom Europäischen Rat gebilligt wurde. Das bisherige
binäre System von Verbot und freiem Marktzugang wird durch einen abgestuften
Ansatz ergänzt. Nach einer Risikobewertung durch die Europäische Beobachtungstel-
le für Drogen und Drogensucht (EBDD) werden NpS mit „schwerwiegendem Risiko“
als nicht verkehrsfähig eingestuft und strafrechtlich verfolgt, Substanzen mit „gemä-
ßigtem Risiko“ beschränkt am Markt zugelassen und Substanzen mit „geringem Risi-
ko“ können frei vermarktet werden (Europäische Kommission 2013a: 2). Zwar kann
dieser Ansatz auch genutzt werden, um einem rationalen Umgang durch weitere Pro-
hibition entgegenzuwirken (Europäische Kommission 2013b: Artikel 12: 27, 2014: 1).
Andererseits eröffnet der Entwurf aber auch die Möglichkeit eines verhältnismäßigen
Umgangs mit NpS (Europäische Kommission 2014: 1), sofern die Regulierung auf
Grundlage von Risikobewertungsverfahren erfolgt. Die genaue Ausgestaltung des Ver-
fahrens ist im Entwurf noch nicht beschrieben. Obwohl alle relevanten Behörden aus
dem Lebensmittel-, Chemikalien- und Arzneimittelbereich eingebunden sind, lässt der
Entwurf aber die Frage offen, wie die Datengrundlage für eine wissenschaftliche Risi-
kobewertung von NpS generiert werden soll. Wie in allen anderen Bereichen üblich,
werden die Hersteller_innen solcher Substanzen im vorliegenden Richtlinienentwurf
nicht in die Pflicht genommen. Die Durchführung eines so aufwendigen Verfahrens
ergibt aber vor allem dann Sinn, wenn ein/e Hersteller_in auf dieser Grundlage ein
Produkt auf den Markt platzieren kann.
Die Etablierung von Verfahren zur systematischen Entwicklung und Zulassung von
psychoaktiven Substanzen als Rauschmittel kann den Beginn einer neuen Ära in der
Drogenpolitik prägen. Dieser Schritt ist aber erst dann möglich, wenn auch für die
bereits auf dem Schwarzmarkt etablierten Substanzen praxistaugliche, legale Regulie-
rungen getroffen werden. In diesem Fall würde ohnehin einem Großteil der NpS (z. B.
den synthetischen Cannabinoiden bzw. Cannabimimetika) die potenzielle Nachfrage
entzogen werden, da sie in erheblichem Maße als ‚Ausweichsubstanz‘ für illegale Dro-
gen konsumiert werden (vgl. Werse/Morgenstern 2013). Die in einer entsprechenden
Gesetzgebung geregelten aufwendigen Zulassungsverfahren würden somit mangels
Interesse seitens Angebot und Nachfrage gar nicht zum Einsatz kommen.
Literatur
Appel, K. E./Gundert-Remy, U./Kramer, P.J. (2013): Regulatorische Toxikologie: Grundzüge, Test-
verfahren und Einrichtungen, in: Marquardt, H./Schäfer, S./Barth, H. (Hrsg.): Toxikologie, Stutt-
gart, 1237-1269.
27
1.2 | Wie mit NpS zukünftig umgehen? Kritik an dem Referentenentwurf zum Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NpSG)
Barsch, G. (2008): Lehrbuch Suchtprävention. Von der Drogennaivität zur Drogenmündigkeit,
Geesthacht.
BGH (2015): Urteil v. 14. 1.2015 –1 StR 302/13 –, Rn. 37 ff.
BGH (2014): NStZ-RR 2014, 312 (313).
BMG (2015): Referentenentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit: Entwurf eines Gesetzes zur
Bekämpfung der Verbreitung neuer psychoaktiver Stoffe (Bearbeitungsstand: 15.10.2015), Ber-
lin.
Bundesinstitut für Risikobewertung (2007): Fragen und Antworten zur Risikoabschätzung bei
Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern, Berlin.
BVerfG (1963): BVerfGE 17, 67, (82).
BVerfG (1982): BVerfGE 62, 203, (210).
BVerfG (1994): BVerfGE 90, 1, (16 f.).
BVerfG (1998): NJW 1998, 669 (670).
BVerfGE (2008): 120, 274, (315 f.)
BVerwG (2013): Urteil v. 10.10.2013 - 5 C 29/12 -, Rn. 13 ff.
BZgA (2015): http://www.bzga.de/infomaterialien/suchtvorbeugung/?idx=2632; letzter Zugriff:
06.4.2016.
Egger, D./Werse, B. (2015): Neue psychoaktive Substanzen als Kollateralschaden der Prohibition, in:
Akzept/DAH/JES (Hrsg.): Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2015, Lengerich, 104-110.
EuGH (2014): NStZ 2014, 461 (461 ff.).
Europäische Kommission (2013a): Pressemitteilung 17.09.2013: Europäische Kommission ergreift
entschiedene Maßnahmen gegen neue Suchtstoffe („Legal Highs“), Brüssel, online verfügbar
unter: http://europa.eu/rapid/press-release_IP-13-837_de.htm; letzter Zugriff: 08.03.2016.
Europäische Kommission (2013b): Vorschlag für eine Verordnung des Europäischen Parlaments und
des Rates über neue psychoaktive Substanzen, online verfügbar unter: http://ec.europa.eu/justi-
ce/anti-drugs/files/com_2013_619_de.pdf; letzter Zugriff: 09.03.2016.
Europäische Kommission (2014): Pressemitteilung 10.03.2014: Neue psychoaktive Substanzen: Aus-
schuss des Europäischen Parlaments unterstützt Vorschläge der Kommission, online verfügbar
unter: http://europa.eu/rapid/press-release_MEMO-14-173_de.htm; letzter Zugriff: 08.03.2016.
EMCDDA (2010): Risk assessment of new psychoactive substances — operating guidelines, Lissa-
bon.
EMCDDA (2015): Report on the risk assessment of 4,4-DMAR in the framework of the Council
Decision on new psychoactive substances, Lissabon.
Jarass/Pieroth (2014): Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Kommentar, München.
Government of New Zealand (2013): Psychoactive Substances Bill. Government Bill 100-1, Welling-
ton.
Global Commission on Drug Policy (2011): Report 2011, Washington, D. C.
Körner, H.H./Patzak, J./Volkmer, M. (2016): Betäubungsmittelgesetz, Arzneimittelgesetz, Grund-
stoffüberwachungsgesetz (Beck’sche Kurz-Kommentare, Band 37), München.
Neubert D. (2013): Möglichkeiten der Risikoabschätzung und der präventiven Gefährdungsminimie-
rung, in: Marquardt/Schäfer/Barth (Hrsg.): Toxikologie, Stuttgart.
Nutt D. J./King L. A. /Phillips L. D. (2010): Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis,
Lancet.
Office of the Associate Minister of Health (2013): Regulation of Psychoactive Substances. Cabinet
Social Policy Committee, Wellington.
OECD (2015): Guidelines for the Testing of Chemicals, Health Effects, online verfügbar unter:
http://www.oecd-ilibrary.org/environment/oecd-guidelines-for-the-testing-of-chemicals-section-
4-health-effects_20745788; letzter Zugriff: 28.03.2016.
OVG Bremen (2016): Urteil v. 29.1.2016 – 1 B 253/15 –, Rn. 17.
Rössner, D./Voit, W. (2011): Gutachten zur Machbarkeit der Einführung einer Stoffgruppenregelung
im Betäubungsmittelgesetz, online verfügbar unter: http://www.drogenbeauftragte.de/fileadmin/
dateien-dba/DrogenundSucht/Illegale_Drogen/Heroin_andere/Downloads/Endfassung_Gutach-
28
Jan Fährmann, Tibor Harrach, Heiko Kohl, Sonja C. Ott, Marcel Schega, Rüdiger Schmolke, Bernd Werse
ten_zur_Machbarkeit_der_Einfuehrung_einer_generischen_Klausel_im_BtMG.pdf, letzter
Zugriff: 04.03.2016.
Saß, H. (2009): Psychotrope Substanzen, in: Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie 4,
251-252.
Schneidereit, M. (2000): Psychotrope Wirkungen von Paracetamol, Coffein und der Kombination aus
beiden Substanzen: eine Humanstudie, Berlin.
Schneider, C./ Zobel, F./Wilkins, C. (2014): Neuseeland und die Regulierung von Neuen Psychoak-
tiven Substanzen, in: Suchtmagazin 6, 41-45.
Uhl, A. (2005): Präventionsansätze und –theorien, in: Wiener Zeitschrift für Suchtforschung 28, 39-
45.
Umweltbundesamt (2013): Das neue Einstufungs- und Kennzeichnungssystem für Chemikalien nach
GHS, Dessau-Roßlau.
Umweltbundesamt (2015): http://www.umweltbundesamt.de/themen/chemikalien/chemikalien-
reach/stoffgruppen, letzter Zugriff: 04.03.2016.
Weber K. (2013): Betäubungsmittelgesetz: BtMG, München.
Werse, B. & Morgenstern, C. (2012): How to handle legal highs? Findings from a German online
survey and considerations on drug policy issues, in: Drugs and Alcohol Today 4, 222-231.
29
1.3 | Zum Sinn und Unsinn von
Repräsentativbefragungen als
Grundlage für Drogenpolitik
Bernd Werse
Zusammenfassung
Seit vielen Jahren gelten die Befragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
(BZgA) zum Substanzkonsum junger Deutscher als eine der zentralen Datenquellen für die Dro-
genpolitik. Vergleicht man diese Befragung indes mit anderen Repräsentativerhebungen, so
wird deutlich, dass in der BZgA-Befragung aufgrund der Erhebungsform vor allem aktueller
Cannabiskonsum massiv unterschätzt wird. Klassengestützte Schüler_innenbefragungen kom-
men der Realität hingegen weitaus näher. Daher wäre es wünschenswert, wenn – wie im Rest
Europas – auch in Deutschland derartige bundesweite Befragungen durchgeführt würden.
Als im vergangenen Jahr die 2014er Befragung der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung (BZgA) zum Cannabiskonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen
erschien (Orth/Töppich 2015a), war die Aufregung groß: die Verbreitung der illegalen
Droge war in den letzten Jahren wieder angestiegen. Die Bundesdrogenbeauftragte
Marlene Mortler nutzte diese Meldung sogleich, um die drogenpolitische Reformbe-
wegung und ihre Forderung nach legaler Regulierung für den Anstieg verantwortlich
zu machen: „Offenbar wirkt sich die Gesundheitsgefahren verharmlosende Argumen-
tation der Befürworter einer Legalisierung von Cannabis bereits negativ aus“ (Bundes-
drogenbeauftragte 2015).
Auf diese Behauptung werde ich im abschließenden Teil dieses Artikels zurückkom-
men. Zunächst soll es indes um folgende Fragen gehen: Wie belastbar sind die Daten
der zitierten Studie überhaupt? Inwiefern bilden Repräsentativbefragungen in diesem
Themengebiet überhaupt die soziale Realität ab? Und welche Faktoren können
Anstiege und Rückgänge der Verbreitung bestimmter psychoaktiver Substanzen beein-
flussen? Diese Fragen werden im Folgenden am Beispiel von Cannabis diskutiert.
Die BZgA-„Drogenaffinitätsstudie“ und ihre Ergebnisse
Die sogenannte Drogenaffinitätsstudie („Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bun-
desrepublik Deutschland“) wird bereits seit 1973 unter Jugendlichen und jungen
Erwachsenen durchgeführt. Sie soll „aussagekräftige Daten zu Einstellungen und Ver-
breitung des Gebrauchs von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen der jungen Men-
schen in Deutschland“ (BZgA 2012: 16) liefern, die u. a. eine Grundlage für politische
30
Bernd Werse
Entscheidungen bilden sollen. Aus unbekannten Gründen hatte man sich zwischen-
zeitlich vom ursprünglichen Namen verabschiedet; die beiden letzten Befragungen
wurden unter dem Namen „Alkoholsurvey“ geführt, obwohl sich die Fragen neben
Alkohol auch auf Cannabis, Tabak und E-Zigaretten/-Shishas beziehen und auch drei
verschiedene Berichte zu den drei Drogenarten erschienen (Orth/Töppich 2015 a, b
und c; siehe auch BZgA 2014). In der jüngsten Befragung aus dem Jahr 2015 war
dann wieder von „Drogenaffinitätsstudie“ die Rede (Orth 2016).
Zwischen 2012 und 2014 war der Anteil derer, die Cannabis probiert haben
(Lebenszeit-Prävalenz), bei den 12- bis 17-Jährigen von 7,8% auf 8,9% angestiegen,
bei den 18- bis 25-Jährigen von 34,8% auf 36%; hier ist also jeweils ein eher mode-
rater Anstieg erkennbar. Aktueller Konsum (30-Tages-Prävalenz) ist bei jungen
Erwachsenen von 6,4% auf 7,4% gestiegen, bei den Jugendlichen von 2% auf 3%.
Dabei haben sich überwiegend Tendenzen aus den Vorjahren fortgesetzt, sodass tat-
sächlich von einem Trend zu höherem Cannabiskonsum gesprochen werden kann, der
allerdings bereits etwa seit dem Jahr 2011 begonnen hat. Zudem ist hervorzuheben,
dass sämtliche hier genannten Werte in früheren Jahren schon teils deutlich höher
lagen als 2014 (Lebenszeit-Prävalenz, jeweils im Jahr 2004: 12-17-J.: 15,1%, 18-25-
J.: 43%; 30-Tages-Prävalenz bzw. „gegenwärtiger Konsum“1: 12-17-J.: 6% im Jahr
1997; 18-25.-J.: jeweils 10% in den Jahren 1982, 1993 und 1997). Zudem war in den
Jahren 2008 bis 2010 eine Art ‚Tiefpunkt‘ im Hinblick auf den aktuellen Cannabis-
konsum erreicht (dies gilt nicht für die Lebenszeit-Prävalenz, die seit Ende der 1990er
Jahre durchweg klar oberhalb der zuvor gemessenen Werte liegt). Die aktuellen Zah-
len nähern sich also ‚vorsichtig‘ den bisherigen Höchstwerten an. Auch beim „regel-
mäßigen Konsum“ (mindestens zehn Mal in den letzten 12 Monaten) ist eine ähnliche
Entwicklung zu beobachten: nach einem Tief im Jahr 2010 ist dieser auf 2,2% (12-
17-J.) bzw. 5,1% (18-25-J.) im Jahr 2014 angestiegen. Im April 2016 erschien dann
die neueste Studie mit Daten von 2015; sämtliche Kennzahlen sind jeweils in beiden
Altersgruppen wieder zurückgegangen (Lebenszeit, 12-17-J.: 8,8%, 18-25-J.: 35,5%;
30 Tage, 12-17-J.: 2,2%, 18-25-J.: 6,3%, „regelmäßiger Konsum“, 12-17-J.: 0,8%,
18-25-J.: 3,8%; Orth 2016).
Es gilt also festzuhalten, dass laut dieser Daten tatsächlich in jüngerer Zeit ein
Anstieg der Cannabis-Konsumraten festzustellen ist, der aber bereits rund vier Jahre
zuvor, nach einem Tiefpunkt der Verbreitung, begonnen hat; die bisherigen Spitzen-
werte werden dabei aber nicht erreicht. Aktuell sind diese Anteile bereits wieder
zurückgegangen.
Zwar ist es ein bekanntes Phänomen, dass die Verbreitung von Drogen aus der Sicht
vermeintlichen Alltagswissens überschätzt wird,2aber dennoch kommen bei näherer
Betrachtung der oben genannten Zahlen Zweifel auf: Nur jede_r sechzehnte junge
Erwachsene und jede_r fünfundvierzigste Jugendliche soll im zurückliegenden Monat
gekifft haben? Und noch geringere Anteile sollen dies im letzten Jahr regelmäßig getan
haben? Diese verdächtig niedrigen Zahlen sind mit großer Wahrscheinlichkeit auf die
1
Bis 2004 wurde nicht nach der 30-Tages-Prävalenz, sondern nach einem nicht näher definierten „gegen-
wärtigen Konsum“ gefragt, weshalb die Zahlen aus früheren Jahren nur sehr bedingt vergleichbar sind.
2
Ein Phänomen, das unter dem Titel „Social Norms-Ansatz“ seit geraumer Zeit auch für Präventionsstra-
tegien verwendet wird (Perkins 2003).
31
1.3 | Zum Sinn und Unsinn von Repräsentativbefragungen als Grundlage für Drogenpolitik
Erhebungsmethode der BZgA-Studie zurückzuführen: Die Daten basieren nämlich
ausschließlich auf einer telefonischen Befragung. Im Klartext: ein_e Interviewer_in
meldet sich per Festnetz oder Handy bei einem jungen Menschen (der bzw. die in die-
ser Altersgruppe noch größtenteils bei den Eltern wohnt) und fragt z. B., ob diese_r in
den letzten 30 Tagen gekifft hat. Es braucht nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen,
dass nicht wenige hier die Unwahrheit sagen – oder erst gar nicht antworten. So
betrug die Ausschöpfungsquote in der jüngsten Befragung bei der Festnetz-Teilstich-
probe 48,7%, bei der Mobiltelefon-Teilstichprobe (die 2014 zum ersten Mal in die
Erhebung mit aufgenommen wurde) lediglich 32% (Orth 2016). Relativierend muss
erwähnt werden, dass Befragungen, die sich an derartige Repräsentativstichproben
wenden, meistens allenfalls knapp die 50%-Schwelle überschreiten, unabhängig von
der Erhebungsform. So lag z. B. die „Nettoausschöpfungsquote“ beim jüngsten,
schriftlich durchgeführten „Epidemiologischen Suchtsurvey“ für die erwachsene deut-
sche Wohnbevölkerung bei 53,6% (Kraus et al. 2013). Die geringe Ausschöpfungs-
quote ist hier indes vermutlich nicht der entscheidende Punkt, sondern die Botschaft,
die von der telefonischen Erhebungsmethode ausgeht. Dass dies nicht nur eine haltlose
Vermutung ist, zeigt der Vergleich der BZgA-Erhebungen mit anderen Studien.
Andere Repräsentativbefragungen im Vergleich mit den BZgA-Daten
Im Folgenden werden zunächst die BZgA-Befragungen mit der oben genannten, eben-
falls seit längerer Zeit durchgeführten Erwachsenen-Repräsentativbefragung zum
Gebrauch psychoaktiver Substanzen („Epidemiologischer Suchtsurvey“ bzw. ESA;
aktuell: Kraus et al. 2013) verglichen. Gut vergleichen lassen sich dabei die Prävalenz-
raten für junge Erwachsene; zwar sind die entsprechenden Altersgruppen nicht ganz
deckungsgleich, aber zumindest sehr ähnlich (Abb. 1). Leider liegen entsprechende Ver-
gleichsdaten für die drei wichtigsten Prävalenzraten nur aus den Jahren 2009/2010 vor.
Abbildung 1: Junge Erwachsene 2009/2010: Vergleich zwischen dem „Epidemiologischen Suchtsur-
vey“ (ESA) und der BZgA-„Drogenaffinitätsstudie“ (DAS)
25,8
16,1
6,8
40,8
14,4
7,1
29,9
7,2 5,5
40,4
13,6
5
Lebenszeit 12 Monate 30 Tage
ESA (2009)
ESA (2009)
DAS (2010)
DAS (2010)
32
Bernd Werse
Betrachtet man dabei die Lebenszeit-Prävalenz, so sind bei den Älteren (21-24- bzw.
22-25-Jährige) mit jeweils rund 40% nahezu identische Werte zu beobachten, wäh-
rend der Anteil bei den Jüngeren (18-20 bzw. 18-21) in der BZgA-Studie (DAS) sogar
noch etwas höher liegt. Beim „gegenwärtigen Konsum“ (letzte 12 Monate) liegen die
Werte der DAS insbesondere bei den Jüngeren deutlich niedriger als beim ESA und
auch im Hinblick auf die 30-Tages-Prävalenz sind höhere Werte bei der ESA-Befra-
gung zu beobachten.
Zu beachten ist indes die Ausschöpfungsquote beim ESA (siehe 1) sowie der
Umstand, dass es sich ebenfalls um eine Befragung handelt, bei der per Zufallsauswahl
Haushalte in der Allgemeinbevölkerung angeschrieben werden; das Ausfüllen und
Zurückschicken wird den Befragten selbst überlassen. Weitaus höhere Ausschöp-
fungsquoten, bei gleichzeitig besseren Möglichkeiten, die Anonymität der Erhebung
zu verdeutlichen, haben klassengestützt durchgeführte Schüler_innenbefragungen.
Eine solche ist die europäische ESPAD-Befragung (Kraus et al. 2011), die leider in
Deutschland stets nur in einigen Bundesländern durchgeführt wurde, zuletzt nur noch
in einem einzigen (Bayern; noch nicht veröffentlicht). Zwar gab es bei der letzten Erhe-
bung mit mehreren Bundesländern 2011 ein deutliches Übergewicht ostdeutscher Län-
der (siehe Abb. 2), doch frühere Erhebungen haben gezeigt, dass diese sich durch-
schnittlich in der Cannabisprävalenz nicht nennenswert von westdeutschen unter-
scheiden (Kraus et al. 2008). Wichtiger ist hingegen, dass zusätzlich zu den überwie-
gend ländlich geprägten Bundesländern mit Berlin auch ein Stadtstaat vertreten ist, da
Cannabis nach wie vor in Großstädten deutlich stärker verbreitet ist (ebd.; Werse et
al. 2008). Es kann somit mehr oder weniger von einer auch für das gesamte Bundes-
gebiet repräsentativen Stichprobe ausgegangen werden. Die Ausschöpfungsquote in
den befragten Klassen liegt mit 70,3% bedeutend höher als in den oben genannten
Erhebungen. ESPAD beschränkt sich auf 15- bis 16-jährige Schüler_innen. Auch hier
gibt es keine exakt vergleichbaren Daten aus der DAS, aber die etwas weiter gefasste
Stichprobe der 14- bis 17-Jährigen aus demselben Jahr 2011 dürfte sich nur geringfü-
gig unterscheiden.3
* Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen
22,2
17,4
8,1
10
6,8
2,7
Lebenszeit 12 Monate 30 Tage
ESPAD (15-16-J.)
DAS (14-17-J.)
Abbildung 2: Jugendliche 2011: Vergleich zwischen ESPAD-Schülerbefragung (5 Bundesländer)* &
BZgA-Befragung (DAS)
33
1.3 | Zum Sinn und Unsinn von Repräsentativbefragungen als Grundlage für Drogenpolitik
Wie Abb. 2 zeigt, unterscheiden sich die in den beiden Studien ermittelten Prävalenz-
raten erheblich voneinander: Die Lebenszeiterfahrung mit Cannabis ist in der ESPAD-
Stichprobe mit 22,2% mehr als doppelt so hoch wie in der DAS. Noch etwas deutli-
cher fallen die Unterschiede beim aktuellen Konsum in den letzten 12 Monaten bzw.
den letzten 30 Tagen aus. Im Fall der 30-Tages-Prävalenz zeigt sich mit 8,1% in der
ESPAD-Befragung sogar ein mehr als 2 ½-mal so hoher Wert wie in der DAS.
Die angeführten Zahlen beziehen sich auf eher jüngere Jugendliche sowie auf das
Jahr 2011. Die in Abschnitt 1 genannten Zahlen aus der DAS deuten auf eine höhere
Verbreitung unter älteren Jugendlichen und jungen Erwachsenen hin. Dies wird z. B.
in der Schüler_innenbefragung der lokalen Drogen-Monitoring-Studie MoSyD in
Frankfurt in der Tendenz bestätigt: so hatten zuletzt (2014) 32% der 15- und 16-Jäh-
rigen, 47% der 17- und 18- Jährigen und 62% der über 18-Jährigen (Durchschnitts-
alter: 21,6) Erfahrungen mit Cannabis. 20% der 15-16-Jährigen, 21% der 17-18-Jäh-
rigen und 25% der Älteren hatten im letzten Monat konsumiert (Werse et al. 2015).
Bei diesen Zahlen zeigt sich, dass im Unterschied zu den BZgA-Studien die Differenzen
zwischen jüngeren und älteren Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen beim aktuel-
len Konsum (30 Tage) nicht besonders ausgeprägt sind. Dies bestätigt sich auch in den
meisten anderen MoSyD-Erhebungen. Es ist zu vermuten, dass diese Abweichungen
ebenfalls auf die telefonische Erhebungsmethode zurückzuführen sein könnten: da
jüngere Jugendliche gemeinhin noch wesentlich stärker unter Elternaufsicht stehen als
ältere bzw. junge Erwachsene, könnte es sein, dass die im Auftrag der BZgA angeru-
fenen Jüngeren insbesondere aktuellen Cannabiskonsum noch in weitaus geringerem
Maße zugeben als ältere Befragte. Demnach könnten gerade die Konsumraten für
Jugendliche in besonderem Maße unterschätzt sein.
In jedem Fall kann man davon ausgehen, dass trotz der Beschränkung auf einige
Bundesländer die in der ESPAD-Befragung erhobenen Daten der Realität deutlich
näher kommen dürften als die in den BZgA-Befragungen. Unternehmen wir ungeach-
tet der mehrfach möglichen Stör- bzw. Verzerrungsfaktoren das Experiment, die
ESPAD-Zahlen von 2011 mittels der Steigerungsraten der BZgA-Studien (die zumin-
dest in der Tendenz für diesen Zeitraum auch in den o. g. MoSyD-Erhebungen bestä-
tigt werden) auf das Jahr 2014 hochzurechnen, so müsste die 30-Tages-Prävalenz bei
15- bis 16-Jährigen im Jahr 2014 bei 12,1% liegen anstatt bei 4,4% wie von der BZgA
für 14-17-Jährige berechnet.4Bei allen Fehlerquellen, die dieser Berechnung zugrunde
liegen, ist mithin von einer massiven Unterschätzung des aktuellen Cannabiskonsums
bei den BZgA-Erhebungen auszugehen.
Soziale Erwünschtheit
Zusätzlich zu den generellen Einflussfaktoren der spezifischen Erhebungsmethoden
sozialwissenschaftlicher Erhebungen zum Drogenkonsum stellt sich die Frage der
3
Zwar konsumieren 14-Jährige durchschnittlich deutlich seltener Cannabis als Ältere; dies dürfte aber
durch die Hinzunahme der i. d. R. häufiger konsumierenden 17-Jährigen ungefähr ausgeglichen werden
(vgl. Werse et al. 2015; Baumgärtner/Kestler 2013).
4
Für das Jahr 2015 kann eine solche Hochrechnung nicht vorgenommen werden, da die BZgA keine
gesonderten Daten für 14- bis 17-Jährige veröffentlicht hat.
34
Bernd Werse
sozialen Erwünschtheit, also Antworten, die auf Basis von Konformitätsvorstellungen
‚gefärbt‘ bzw. verzerrt werden. Dieses zentrale Problem der empirischen Sozialfor-
schung (Schnell et al. 1992; im Hinblick auf Drogenkonsum: Reuband 1988) stellt
sich insbesondere bei Befragungen, bei denen der/die Befragte unmittelbaren (mündli-
chen) Kontakt zu dem/der Interviewer_in hat, bei den o. g. Repräsentativbefragungen
also wiederum bei der BZgA-Studie. Was die jüngsten Veränderungen bei der Canna-
bis-Prävalenz betrifft, stellt sich allerdings noch eine andere Frage: Könnte der zeitwei-
se ansteigende Trend zum Teil womöglich tatsächlich etwas mit der zunehmenden
öffentlichen Diskussion um mögliche Liberalisierungen zu tun haben, aber anders als
z. B. von der Bundesdrogenbeauftragten erwartet? Sprich: Die gewachsene Zustim-
mung in Medien und (Fach-)Öffentlichkeit zu einem straflosen Umgang mit Cannabis
könnte die Bereitschaft erhöht haben, einen (insbesondere aktuellen) Cannabiskon-
sum bei der Befragung zuzugeben. Zwar ist ‚Kiffen‘ nach wie vor nicht als ein allge-
mein ‚sozial erwünschtes‘ Verhalten zu bezeichnen, wird aber wohl zumindest nicht
mehr in dem Maße als unerwünscht wahrgenommen wie noch vor einigen Jahren.
Diskussion
Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass die zentrale Datenquelle zur Verbrei-
tung illegaler Drogen unter jungen Menschen in Deutschland vermutlich nicht annä-
hernd die soziale Realität wiederzugeben vermag: Es gibt Hinweise darauf, dass gera-
de der aktuelle Cannabiskonsum unter Jugendlichen fast dreimal so hoch sein dürfte
wie dort ermittelt. Zudem ist es denkbar, dass dort beobachtete Trends im Konsum-
verhalten zumindest teilweise schlichtweg auf ein sich veränderndes Maß an Bereit-
schaft zurückzuführen sein könnten, einen Konsum zuzugeben. An dieser Stelle sei
angemerkt, dass die BZgA-Befragungen für die weniger tabuisierten, da nicht straf-
rechtlich bewehrten legalen Drogen vermutlich eine halbwegs realistische Einschät-
zung bieten. Die „Drogenaffinität“ junger Menschen in Deutschland wird hingegen
allenfalls sehr unzureichend dokumentiert.
Die Beobachtungen sind deshalb von drogenpolitischer Relevanz, weil die BZgA-
Befragungen regelmäßig in unterschiedlicher Zielrichtung für die entsprechende Dis-
kussion herangezogen werden: Einerseits werden die sehr niedrigen Raten für regel-
mäßigen Cannabiskonsum unter jungen Menschen als Beleg „gegen die Einschätzung
von Cannabiskonsum als Alltagsdroge“ (DGPPN 2015: 3) und letztlich als Argument,
dass die Prohibition weitgehend funktioniere, verwendet. Diese Einschätzung ist indes
kaum haltbar, wenn man davon ausgehen muss, dass anstatt rund 2-3% vermutlich
rund jede_r zehnte deutsche Jugendliche aktuell bzw. regelmäßig konsumiert, ganz zu
schweigen von den jungen Erwachsenen.5
Zum anderen werden die letztlich leichten Anstiege der Cannabisprävalenz, die zum
Teil auf eine veränderte Antwortbereitschaft zurückgehen könnten, von der offiziellen
5
Darauf, dass Cannabis in Großstädten mittlerweile auch in Relation zu den legalen Drogen als „Alltags-
droge“ verstanden werden kann, deuten die Resultate der jüngsten lokalen Frankfurter Schülerbefragung
hin: hier geben mittlerweile 9% der 15- bis 18-Jährigen an, im letzten Monat mindestens zehnmal Can-
nabis konsumiert zu haben, während nur 7% mindestens zehnmal Alkohol getrunken haben (Werse et
al. 2015).
35
1.3 | Zum Sinn und Unsinn von Repräsentativbefragungen als Grundlage für Drogenpolitik
Vertreterin der deutschen Drogenpolitik mittels der empirisch unhaltbaren Behaup-
tung, die Legalisierungsbefürworter_innen seien daran schuld, ideologisch ausge-
schlachtet. Die Befürworter_innen des drogenpolitischen Status Quo berufen sich zur
Rechtfertigung ihrer Position also gleichzeitig auf besonders niedrige und (vermeint-
lich) „hohe“, da ansteigende Zahlen. Besonders problematisch werden diese Interpre-
tationen, wenn die qua Befragungsmodus niedrigen Zahlen aus Deutschland mit den
naturgemäß weitaus höheren Raten aus der ESPAD-Schülerbefragung aus anderen
Ländern verglichen werden, um zu belegen, wie vergleichsweise niedrig hierzulande
angeblich die Verbreitung von Cannabis sei (Thomasius 2016). Zieht man andere ver-
fügbare Zahlen zurate, so wird deutlich, dass Deutschland vielmehr in einem mittleren
bis überdurchschnittlichen Bereich liegen dürfte.
Auch wenn sozialwissenschaftliche Studien ohnehin immer nur als mehr oder weni-
ger gute Annäherung an die Realität zu begreifen sind, so ist es unverständlich, dass
die Befragungsform, deren Resultate vermutlich am weitesten von der Realität ent-
fernt sind, als hauptsächliche Datenquelle für die deutsche Drogenpolitik im Hinblick
auf Jugendliche dient. Unverständlich ist außerdem, weshalb eine der Realität weitaus
nähere Erhebung wie die ESPAD-Schülerbefragung im Unterschied zu nahezu allen
anderen europäischen Ländern in Deutschland praktisch nicht (mehr) durchgeführt
wird. Es wäre wünschenswert, wenn man sich hier an den Rest Europas anpassen
könnte. Auch Deutschland braucht Daten, die eine realistische Einschätzung der Dro-
genthematik und somit eine pragmatische Drogenpolitik ermöglichen.
Literatur
Baumgärtner, T./Kestler, J. (2013): Die Verbreitung des Suchtmittelgebrauchs unter Jugendlichen in
Hamburg 2004 bis 2012. Basisauswertung der SCHULBUS-Daten im jahresübergreifenden Ver-
gleich – Kurzbericht, Hamburg.
Bundesdrogenbeauftragte (2015): Pressemitteilung Neue BZgA-Studie: Anstieg des Cannabiskon-
sums bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, online verfügbar unter: http://www.drogenbe-
auftragte.de/presse/pressemitteilungen/2015-03/neue-bzga-studie.html; letzter Zugriff:
09.03.2016.
BZgA (2012): Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2011. Der Kon-
sum von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen: aktuelle Verbreitung und Trends, Köln.
BZgA (2014). Der Cannabiskonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland 2012.
Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativbefragung und Trends, Köln.
DGPPN (2015): Positionspapier: Zur Legalisierungsdebatte des nichtmedizinischen Cannabiskon-
sums. Berlin.
Kraus, L./Pabst, A./Piontek, D. (2011): Die Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Dro-
gen 2011 (ESPAD): Befragung von Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klasse in Bayern,
Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen, München.
Kraus, L./Pabst, A./Steiner, S. (2008): Europäische Schülerstudie zu Alkohol und anderen Drogen
2007 (ESPAD): Befragung von Schülerinnen und Schülern der 9. und 10. Klasse in Bayern, Berlin,
Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und Thüringen, München.
Kraus, L./Piontek, D./Pabst, A./Gomes de Matos, E. (2013): Studiendesign und Methodik des Epide-
miologischen Suchtsurveys 2012, in: Sucht 59:6, 309-320.
Orth, B. (2016): Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2015. Rau-
chen, Alkoholkonsum und Konsum illegaler Drogen: aktuelle Verbreitung und Trends. BZgA-
Forschungsbericht, Köln.
36
Bernd Werse
Orth, B./Töppich, J. (2015a): Der Cannabiskonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in
Deutschland 2014. Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativbefragung und Trends, Köln.
Orth, B./Töppich, J. (2015b): Rauchen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland
2014. Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativbefragung und Trends, Köln.
Orth, B./Töppich, J. (2015c): Der Alkoholkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutsch-
land 2014. Ergebnisse einer aktuellen Repräsentativbefragung und Trends, Köln.
Perkins, H. W. (2003). The Social Norms Approach to Preventing School and College Age Substance
Abuse: A Handbook for Educators, Counselors, and Clinicians, San Francisco.
Reuband, K.H. (1988): Soziale Erwünschtheit und unzureichende Erinnerung als Fehlerquelle im
Interview : Möglichkeiten und Grenzen bei der Rekonstruktion von früherem Verhalten - das Bei-
spiel Drogengebrauch, in: ZA-Information 23, 63-72.
Schnell, R./Hill, P.B./Esser, E. (1992): Methoden der empirischen Sozialforschung, München &
Wien.
Thomasius, R. (2016): Stellungnahme des Einzelsachverständigen Prof. Dr. med. Rainer Thomasius
zum Gesetzentwurf der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN - Entwurf eines Cannabiskontroll-
gesetzes (CannKG), BT-Drucksache 18/4204, Berlin.
Werse, B./Kamphausen, G./Egger, D./Sarvari, L./Müller, D. (2015): MoSyD Jahresbericht 2014. Dro-
gentrends in Frankfurt am Main. Frankfurt a. M.
Werse, B./Müller, O./Bernard, C. (2008): Jahresbericht MoSyD 2007. Drogentrends in Frankfurt am
Main, Frankfurt a. M.
37
1.4 | „Akzeptanz braucht Akzeptanz!“ –
Plädoyer für eine soziokulturelle
Sensibilisierung des Wandels in der
Drogenpolitik
Arnd Hoffmann, Urs Köthner
Zusammenfassung
Der Krieg gegen die Drogen ist gescheitert und alternative Konzepte sind gefordert. Das Dro-
genverbot und die Forderung nach Abstinenz haben die reale Situation des Drogengebrauchs
nicht qualitativ verbessert oder gar den Konsum verringert. Demgegenüber wird die drogenpo-
litische Arbeit im Sinne von Akzeptanz, Legalisierung und Entkriminalisierung immer stärker.
Die zentrale Fragestellung in diesem Plädoyer lautet deshalb: Wie lässt sich kulturelle und
gesellschaftliche Akzeptanz für das Akzeptanzparadigma in der Drogenpolitik erzeugen und
verbreiten?
Zur gegenwärtigen Situation des Akzeptanzparadigmas für einen
Wandel in der Drogenpolitik
Der Kampf um einen langfristigen und qualitativen Wandel, der die politischen und
gesellschaftlichen Strukturen im Umgang mit Drogen betrifft, ist in vollem Gange. Vor
dem Hintergrund einer gescheiterten nationalen Repressionspolitik und internationa-
len Kriegsstrategie (‘War on Drugs’), die auf eine Illegalisierung von Drogen und Kri-
minalisierung von Drogenhandel und -konsum gesetzt haben, macht sich die Einsicht
breit, dass die Drogenpolitik liberalisiert werden muss. Die Prohibitionspolitik hat die
Verfügbarkeit von Drogen nicht eingeschränkt und produziert erhebliche Kollateral-
schäden und Kosten für Drogengebraucher_innen und die gesamte Gesellschaft. Die
Gefahren, welche durch Drogen verursacht werden können, werden nicht reduziert,
sondern durch diese Politik potenziert. Eine drogenfreie Gesellschaft hat es nie gege-
ben und wird es auch nicht geben. Die Akzeptanz dieser Gegebenheiten und die Ver-
abschiedung vom Abstinenzparadigma eröffnen neue Perspektiven und Handlungsop-
tionen. Denn erst die Einsicht, dass die Legalisierung von Drogen eine vernünftige
Regulierung von Drogenmärkten ermöglicht, wird eine effektive Prävention und einen
wohl überlegten Verbraucher_innen- und Jugendschutz nach sich ziehen. Die Bemü-
hungen der Akteure für einen Wandel in der Drogenpolitik sind vielfältig und entfal-
ten in dieser Vielfalt rationale Strategien und vernünftige Argumente, um die gegen-
wärtige Situation im Umgang mit Drogen zu verbessern und den langfristigen Struk-
turwandel einzuleiten. An der Sinnhaftigkeit der akzeptierenden Drogenarbeit in der
38
Arnd Hoffmann, Urs Köthner
BRD als auch des Engagements internationaler Player wie der Global Commission on
Drug Policy kann es keinen Zweifel geben. Ihre Aktivitäten sind eine notwendige
Voraussetzung für einen besseren Umgang mit Drogen in einer offenen Gesellschaft
(akzept e.V. 2012; Gerlach/Stöver 2012).
So informiert z. B. der 2. Alternative Drogen- und Suchtbericht aus dem Jahr 2015
über die gegenwärtigen Wandlungsprozesse in der Drogenpolitik und stellt auf empi-
rischer Basis die Alternativen für die Zukunft dar. Ebenso die Global Commission on
Drug Policy, die sich für einen Wandel in der internationalen Drogenpolitik engagiert.
Die Suchtmediziner_innen halten große Kongresse ab, um ihre notwendige Arbeit in
ein besseres Licht zu rücken. Weitere Akteure arbeiten an einer sinnvollen, akzeptie-
renden Präventionspolitik und forcieren einen Wandel im Geist der Aufklärung durch
Schriften, Bücher und Internetauftritte, die sich besonders (aber nicht nur) an Jugend-
liche richten. Es kommt also sowohl mit Blick auf die Praxis der Drogenarbeit als auch
auf den öffentlichen Diskurs Bewegung auf (Böckem et al. 2015; Berger 2015; Weibel
2002).
Trotzdem bleibt die Situation ambivalent. In vielen Menschen haben sich Stereotype,
Bilder und Ängste zementiert, die auch durch die vernünftigsten Argumente oder gar
empirisch gestützte, wissenschaftliche Forschungsergebnisse nicht so einfach modifi-
ziert werden können. In den Medien tobt weiterhin der Kampf der Bilder, die immer
noch oft ideologisch verblendet mit der Ambivalenz von Faszination und Schrecken
spielen und Drogen in einen ausschließlichen Zusammenhang von Krankheit, Elend
und Tod bringen, ohne die Frage zu beantworten, warum dies so ist. Der Drogenre-
port des Stern vom Februar 2016 ist dafür ein gutes Beispiel: Er kommt aufklärerisch
daher, bedient aber in seiner Bilderwelt nur die Szenarien von Bedrohung und Unter-
gang. Politiker_innen und Personen des öffentlichen Lebens, wie z. B. Volker Beck,
treten zurück, wenn ihr – wie auch immer gearteter – Drogenkonsum auffliegt. Es ist
immer noch ein moralisches Verbrechen, Drogen zu nehmen, wobei bei legalen Dro-
gen wie Alkohol natürlich immer noch eher ein Auge zugedrückt wird.
Die These „Akzeptanz braucht Akzeptanz!“ will dem notwendigen strukturellen
Wandel in der Drogenpolitik zuspielen. Die gesellschaftliche bzw. kulturelle Aufmerk-
samkeit einerseits und der Wandel in der Drogenpolitik andererseits bilden eine Wech-
selbeziehung, die für einen langfristigen Wandlungsprozess wesentlich ist: Politischer
Wandel ohne kulturelle Aufklärung bleibt leer, kulturelle Aufklärung ohne politischen
Wandel ist blind. Deshalb überträgt dieses Plädoyer das Akzeptanzparadigma der
Drogenarbeit auf den gesellschaftlichen Wandel in der Drogenpolitik selbst. Solch ein
politischer Wandel kann nur nachhaltig und bewusst sein, wenn er auch gesellschaft-
lich und kulturell akzeptiert wird. Wandel kann nicht nur heißen: Wandel in den Köp-
fen von Spezialist_innen aus Sozialarbeit, Therapie, Politik und Recht, sondern auch
Wandel in den Köpfen der Bürger_innen in einer offenen Gesellschaft, also Wandel
dessen, worauf alle Aufklärung zielte und zielt. Wenn die Akzeptanz gegenüber Dro-
gen und Drogenkonsum strukturell implementiert werden soll, dann muss dieser
Strukturwandel kulturpolitisch begleitet werden – und dies nicht nur mit Texten,
Schriften und Büchern, die dem Wandel des Diskurses in aufklärerischer Absicht
zuspielen. Eine konstruktive Gegenöffentlichkeit braucht – so wie es die Open Society
Foundation nennt – „Social Awareness Projects“, die für solch einen Wandel sensibi-
lisieren und die ideologischen Bilder und Stereotype aufgreifen und zurechtrücken.
39
1.4 | „Akzeptanz braucht Akzeptanz!“ – Plädoyer für eine soziokulturelle Sensibilisierung des Wandels in der Drogenpolitik
Denn: Es wird keinen politischen Wandel geben ohne gesellschaftliche und kulturelle
Akzeptanz. Akzeptierende Drogenarbeit bzw. Drogenpolitik braucht eine akzeptieren-
de kulturelle Öffentlichkeit, die versteht:
‘War is over!’
Akzeptierende Drogenpolitik und kulturelle Aufklärung
Es geht bei dem Gesagten nicht um Ausschlussverhältnisse: Die politische Arbeit ist
gegenüber der kulturellen Sensibilisierung nicht zweitrangig; die medizinische, rechtli-
che und politische Aufklärung ist der kulturellen Auseinandersetzung mit dem Thema
Drogen nicht nachgeordnet. Es geht vielmehr um Ergänzung und Zusammenarbeit im
Sinne des gemeinsamen Ziels: eine vernünftige Drogenpolitik und einen vernünftigen
gesellschaftlichen Umgang mit Drogen zu implementieren und den dazugehörigen
Strukturwandel auf den Weg zu bringen. Es ist aber eine Sache, festzustellen, dass der
‘War on Drugs’ falsch war und gescheitert ist; etwas anderes ist es, diejenige Politik
und dasjenige Bewusstsein gegenüber Drogen vorzubereiten, wenn es soweit ist, dass
gesagt werden kann: ‘War is over’. Denn es wird auch in Zukunft keine eindeutigen
Lösungen geben, sehr wohl aber fundamentale Verbesserungen und weniger Leid und
Tote. Drogen bleiben ein lebensweltlich und kulturell zurückgebundenes Ambiva-
lenzphänomen.
Auch die akzeptierende Drogenpolitik und Drogenarbeit kann nicht alleine auf ihre
empirischen und kritisch-reflektierten Argumente zurückgreifen, sondern benötigt
zusätzlich Projekte und Initiativen, die sie kulturpolitisch begleiten und die Komplexi-
tät ihrer Analysen und Ergebnisse reduzieren. Reduktion bedeutet dabei aber nicht
Banalisierung der Thematik, sondern möchte ‘Erzähltauglichkeit’ generieren: Der
Wandel in der Drogenpolitik muss erzähltauglich sein, wenn er akzeptiert werden soll.
Diese Erzählung ist natürlich nicht die eine große Erzählung über Drogen und Dro-
genpolitik. Als eine vielstimmige Geschichte nimmt sie demgegenüber aber in
Anspruch, das Spezial-Wissen der verschiedenen Aspekte der Drogenthematik in eine
Erzählstruktur zu überführen, die kulturell verständlich bleibt. Neben Büchern, Inter-
netauftritten und Filmen scheint eine moderne, kulturkritische, multimediale und
interaktive Ausstellung zum Thema Drogen eine weitere interessante und ergänzende
Form zu sein, um den Wandel in der Drogenpolitik zu begleiten und für ihn zu sensi-
bilisieren.
Die Ausstellung „Aus dem Labyrinth“ als „Social Awareness Project“
Die gegenwärtige Situation im Ausstellungssektor ist überraschenderweise sehr dürf-
tig. Natürlich gibt es verstreut Antiquarisches wie Hanfmuseen, historische Bierfabri-
ken oder gar Geschichtsträchtiges zum Thema ‘Wein’.1Im deutschsprachigen Raum
hat es jedoch seit den 1980er Jahren nur wenige Versuche gegeben, das Thema „Dro-
1
Nicht eingegangen wird an dieser Stelle auf Kunst-Ausstellungen, die sich mit den Themen 'Rausch und
Drogen' auseinandersetzen.
40
Arnd Hoffmann, Urs Köthner
gen, Rausch, Sucht“ museal oder medial zu inszenieren: „Rausch und Realität“
(1981/82), „Sucht hat immer eine Geschichte“ (1991ff.) und „Drogenkultur - Kultur-
drogen“ (2012ff.). Alle drei Ausstellungen waren oder sind als Wanderausstellungen
angelegt und haben Pionierarbeit geleistet auf politisch oft ‘vermintem’ Terrain. An
diesen Erfahrungen will sich auch das Ausstellungsprojekt „Aus dem Labyrinth“ ori-
entieren und sich von ihnen inspirieren lassen, ohne dabei den eigenen inhaltlichen
und besonders gestalterischen ‘approach’ zu vergessen. Drei Akzente einer solchen
kulturkritischen Ausstellung seien deshalb an dieser Stelle markiert. Zunächst will das
Ausstellungsprojekt „Aus dem Labyrinth“ die gegenwärtige Situation von Drogenge-
brauch und Drogenpolitik mit einem zeitlichen Index versehen, wobei sowohl der kul-
turhistorische Hintergrund Europas als auch die gegenwärtigen Kämpfe um die
Zukunft die Darstellung des Themas strukturieren: Man versteht die Gegenwart mit
ihren Problemen nicht, ohne sich die Vergangenheit (Erfahrungen) und die Zukunft
(Erwartungen, Pläne) bewusst zu machen. „Aus dem Labyrinth“ will darüber hinaus
die politischen und gesellschaftlichen Dimensionen von Drogen sichtbarer machen
und legt den inhaltlichen Akzent auf Fragen, deren Beantwortung das kollektive Mit-
einander (Praxis) der Gesellschaft betreffen (Gesetzgebung, Lebensbilder, Diskurse,
Erziehung, Lebens- und Arbeitsbedingungen, Produktion und Handel), um dann in
diesem Kontext auch die individuelle Komponente komplexer zu beleuchten. Schließ-
lich will „Aus dem Labyrinth“ kulturkritisch über gesellschaftspolitische und ökono-
mische Zusammenhänge informieren, bei der medialen Vermittlung der Themen
jedoch weit über Stellwände und Vitrinen hinausgehen.
Die Besucher_innen werden z. B. durch Entscheidungsszenarien im Labyrinth sowie
interaktive Raum-Installationen in die Auseinandersetzung mit den verschiedenen
Aspekten des Drogenthemas eingebunden. Der Form- und Darstellungsfrage soll eben
ein gleiches Gewicht eingeräumt werden wie den vielfältigen Inhalten. Denn bei dem
Plädoyer „Akzeptanz braucht Akzeptanz!“ geht es ja entscheidend auch um die Form
der Vermittlung für soziale Sensibilisierung (social awareness) und kulturelle Aufklä-
rung. Im Medienmix des Akzeptanzparadigmas spielen Texte und Bücher eine hervor-
ragende Rolle für Aufklärung und Prävention. Das ‘Surplus’ einer Ausstellung liegt
demgegenüber in den mehrdimensionalen Möglichkeiten eines spielerisch-experimen-
tellen und künstlerisch-medialen Zugangs zu einer konstruktiven und kritischen
Gegenöffentlichkeit, die sich einer akzeptierenden Drogenpolitik kulturell (symbo-
lisch) zuwendet und diese im öffentlichen Raum unterstützt. Auf dem Ausstellungs-
sektor gibt es von Seiten einer autoritär-regressiven Anti-Aufklärung (z.B. Scientology)
bereits Versuche, das Thema ideologisch zu besetzen.2Auch deshalb ist das Projekt
„Aus dem Labyrinth“ von zusätzlicher gesellschaftlicher Relevanz, insoweit man näm-
lich solcher Gegenaufklärung keinen unwidersprochenen Platz im öffentlichen Raum
gewähren sollte.
2
Vgl. folgende Quellen im Internet dazu: http://www.presse-scientology-hamburg.de/2015/04/fakten-
ueber-drogen-ausstellung-in-der-scientology-kirche-hamburg/ oder http://www.freedommag.org/ger-
man/fdm_a008/page01.htm. Des Weiteren allgemein zur Antidrogen-Propaganda von Scientology und
angegliederten Subunternehmen: http://de.drugfreeworld.org/home.html; http://www.sag-nein-zu-dro-
gen.de/ und http://www.scientology.de/how-we-help/truth-about-drugs.html (letzter Zugriff:
06.04.2016).
41
1.4 | „Akzeptanz braucht Akzeptanz!“ – Plädoyer für eine soziokulturelle Sensibilisierung des Wandels in der Drogenpolitik
Es würde im Rahmen dieses Artikels zu weit führen, das Ausstellungsprojekt „Aus
dem Labyrinth“ in seiner komplexen inhaltlichen und formellen Konzeption ausführ-
lich zu beschreiben. Hierfür bitten wir die interessierten Leser_innen sich auf unserer
Webseite www.ausdemlabyrinth.com umzusehen und die entsprechenden Dokumente
(Flyer, Konzept, Visualisierung und Spendenaufruf) herunterzuladen.3Für einen ers-
ten Eindruck soll aber an dieser Stelle der Raumplan des Labyrinths vorgestellt wer-
den, wobei der hellgraue Bereich die Räume der Vergangenheit (1-5), der dunkelgraue
die der Gegenwart (6-11) und der mittelgraue Bereich die Räume der Zukunft (12-16)
markiert:
Durch einen Tunnelgang voller Bilder und Stereotypen zum Drogenthema (‘rauschen-
der Tunnel’) kommen die Besucher_innen in die Mitte des Labyrinths. Nachdem sie
dort in einem Entscheidungsszenario Fragen zu ihrer Meinung über Drogen beantwor-
tet haben, beginnt der Weg durch die verschiedenen zeitlichen Dimensionen. Vom
Zukunftsbereich aus kommt man auf das Dach des Tunnelgangs. Von dieser Terrasse
aus bietet sich den Besuchern_innen ein Blick über das Labyrinth. Im Ausgangsbereich
schließlich müssen sie noch einmal Fragen bezüglich ihrer Haltung gegenüber dem
zukünftigen politischen bzw. gesellschaftlichen Umgang mit Drogen beantworten. Die
Raumstruktur ist also an Entscheidungsszenarien im Eingangs- und Ausgangsbereich
gekoppelt.4Im Konkreten werden in den Räumen folgende Themen behandelt:
Raumplan von „Aus dem Labyrinth“
3
Wir freuen uns immer über Feedback, ideelle & finanzielle Unterstützung und geben auch gerne Rück-
meldung bei Fragen. Melden Sie sich einfach!
4
Die ausführliche konzeptionelle Darstellung des Wegs durch das Labyrinth (Eingangs- und Ausgangsbe-
reich) sowie der Funktion des „rauschenden Tunnels“ bzw. des Terrassenbereichs findet sich im Exposé
zur Ausstellung auf: http://www.ausdemlabyrinth.com/#!projekt/component_74511.
42
Arnd Hoffmann, Urs Köthner
Räume der Vergangenheit
1. Kulturgeschichte des Drogengebrauchs in Europa 1800 bis Gegenwart
2. „Aus dem Labor“: Zur synthetischen Herstellung von Opiaten im 19. & 20. Jahr-
hundert
3. Ökonomie der Drogen: Produktion, Distribution und Verkauf von 1800-1945
4. „War On Drugs I“: Historische Szenarien der Prohibition (Opium / Alkohol)
5. Alkohol am Arbeitsplatz – eine andere Geschichte der Industrialisierung
Räume der Gegenwart
6. „Unter die Haut“ – Mediengeschichte der Drogen im 20. & 21. Jahrhundert
7. „War on Drugs II“: Globalisierung der Drogenproblematik seit 1945
8. Alternative Modelle der Drogenpolitik – neue internationale Entwicklungen
9. Drogen, Individuum und Biographie: Facetten einer intimen Beziehung
10. Räume gegenwärtiger Drogenhilfe: Drogenkonsumraum, niedrigschwelliges Dro-
gen Café, Therapieeinrichtungen, Substitution
11. Sport und Drogen: Vom Niedergang einer Vorbildfunktion
Räume der Zukunft
12. Zukunft, die sich was traut – Horizonte europäischer Drogenpolitik
13. „Legal, illegal, scheißegal“: Zukunfts-Szenarien internationaler Drogengesetzge-
bung
14. Pharmaindustrie, Beruf und Drogen: Hin zu einem leistungsfähigeren Menschen?
15. Der Kampf um die Zukunft: Aufklärung über „Anti-Aufklärung“ (Scientology)
16. Akzeptanz versus Abstinenz: Leben mit oder ohne Drogen?
Die Ausstellung könnte sicherlich als Wanderausstellung konzipiert werden. Die
Grundidee des Konzepts betrachtet „Aus dem Labyrinth“ aber immer noch eher als
den festen Kern eines zukünftigen europäischen Kulturzentrums für Drogen (mit
Bibliothek, Mediathek, Vortragsreihen, Wanderausstellungen etc.). Die Implementie-
rung solch eines Ortes, an dem der Wandel in der Drogenpolitik auch kulturell sinn-
fällig würde, wäre dann ein weiteres Zeichen dafür, dass die rationalen Potenziale
akzeptierender Drogenarbeit verstanden und auch symbolisch umgesetzt werden.
Denn eins ist klar: Trotz aller Evidenz des Scheiterns des ‘War on Drugs’ wird der
notwendige Wandel in der Drogenpolitik und in den Köpfen ein jahrzehntelanger
gesellschaftlicher Reformprozess sein, der immer wieder erstritten werden muss gegen
die ‘Anti-Aufklärer_innen’ (z.B. Scientology) und ‘Nutznießer_innen’ des Drogenver-
bots. Dementsprechend scheint uns eine konstante ‘Institution’ sinnvoll, welche Dro-
gen als kulturelle Ambivalenzphänomene aufgreift, beschreibt und eine individuelle
sowie gesamtgesellschaftliche Reflexion fördert.
43
1.4 | „Akzeptanz braucht Akzeptanz!“ – Plädoyer für eine soziokulturelle Sensibilisierung des Wandels in der Drogenpolitik
Literatur
akzept e.V. (Hrsg.) (2012): Nach dem Krieg gegen die Drogen: Modelle für einen regulierten
Umgang, Frankfurt.
Berger, Markus (2015): DEA Drug Education Agency, online verfügbar unter: http://markusber-
ger.info/category/dea/; letzter Zugriff: 15.03.2016.
Böckem Jörg / Jungaberle, Henrik/ Jork, Immanuel / Kluttig, Julia (2015): High Sein. Ein Aufklä-
rungsbuch, Berlin.
Gerlach, R. / Stöver, H. (Hrsg.) (2012): Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten. Legalisierung
von Drogen, Frankfurt.
Weibel, Peter (2002): Lebenssehnsucht und Sucht, Berlin.
44
1.5 | Zu neueren Argumenten gegen die
Legalisierung von Cannabis
Bernd Werse
Zusammenfassung
Diskutiert werden zwei Argumente gegen eine legale Regulierung von Cannabisprodukten, die
in jüngerer Zeit aufgekommen sind. Diese betreffen den Fortbestand eines Schwarzmarktes und
drastisch erhöhte Preise nach einer entsprechenden Gesetzesänderung. Angesichts der verfügba-
ren empirischen Anhaltspunkte gibt es keinen Hinweis darauf, dass diese beiden miteinander
zusammenhängenden Vermutungen zutreffen könnten. Sie sind aber ein bemerkenswertes Phä-
nomen innerhalb der in den vergangenen Jahren stark anschwellenden Diskussion über einen
möglichen legalen Umgang mit Cannabis.
Anfang 2015 hat die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen erstmals einen
ausgearbeiteten Antrag zur Ausgestaltung eines legalen Umgangs mit Cannabis in den
Bundestag eingebracht. Dieses sogenannte Cannabiskontrollgesetz (CannKG) bzw.
Cannabissteuergesetz (CannStG) enthält u. a. Regelungen zu Produktion, Verkauf,
Steuern und Prävention (Özdemir 2015). Im März 2016 fand dazu eine Anhörung im
Gesundheitsausschuss des Bundestages statt. Wie bereits in früheren Anhörungen, die
sich mit möglichen Liberalisierungen in der Drogenpolitik beschäftigten, sprachen
sich abgesehen von den zwei von der CDU nominierten Einzelsachverständigen alle
geladenen Expert_innen für eine Liberalisierung der Drogengesetze aus. Dennoch
wird der Gesetzentwurf angesichts der politischen Konstellation wohl keine Chance
haben. Ich selbst war von der mitregierenden SPD als Sachverständiger geladen wor-
den. In meiner Stellungnahme beschäftigte ich mich vorrangig mit Argumenten gegen
einen legalen Umgang mit Cannabis. Zwei davon sind erst in jüngster Zeit angesichts
der Legalisierungen in US-Bundesstaaten aufgekommen und kursieren offenbar vor
allem in Strafverfolgungskreisen. Die folgenden zwei Abschnitte sind ein leicht modi-
fizierter Auszug aus der oben genannten Stellungnahme.
Das Argument, Erfahrungen mit der Legalisierung hätten gezeigt, dass der
Schwarzmarkt nicht verschwindet
Hier gibt es zunächst Erfahrungen aus den Niederlanden. Tatsächlich existiert ein ille-
galer Handel mit Cannabis außerhalb der sogenannten Coffeeshops. Dieser wird am
ehesten in Gemeinden ohne Coffeeshop sowie Gegenden mit einer niedrigen Coffee-
shopdichte genutzt (Korf et al. 2005), was absolut plausibel erscheint, da es natürlich
bequemer ist, zu einem/einer „Hausdealer_in“ um die Ecke zu gehen als etliche Kilo-
meter Fahrt in Kauf zu nehmen. Dafür ist zu einem wesentlichen Teil die niederländi-
45
1.5 | Zu neueren Argumenten gegen die Legalisierung von Cannabis
sche Drogenpolitik der letzten Jahre verantwortlich, die dafür gesorgt hat, dass sich
die Anzahl der Coffeeshops drastisch, von 1.200-1.400 Mitte der 1990er Jahre bis
aktuell ca. 650, reduzierte (De Volkskrant 1996, Het Parool 2012). Zusätzlich ist
anzumerken, dass Produktion und Großhandel mit Cannabis in den Niederlanden
weiterhin illegal sind, sodass z. B. keinerlei Produktkontrolle in den Coffeeshops exis-
tiert. Von der Produktqualität und -sicherheit her gibt es also keinen prinzipiellen
Unterschied zwischen illegalen Dealer_innen und geduldetem Coffeeshophandel.
Nach Einführung eines CannKG hätten wir in Deutschland diesbezüglich eine kom-
plett andere Situation. Zudem ist anzumerken, dass laut der oben genannten Studie
dennoch die große Mehrheit der Konsumierenden in den Niederlanden ihr Cannabis
aus Coffeeshops bezieht (über 70%). Um Schwarzmarkt zu verhindern, müsste also
eine flächendeckende Versorgung bei guter Produktkontrolle (und nicht zu hohen
Preisen; siehe Punkt 2) gewährleistet sein.
Auch aus Colorado, wo nicht nur der Verkauf kleiner Mengen, sondern auch die
Produktion von Cannabis reguliert ist, gibt es Berichte über einen weiterhin bestehen-
den Schwarzmarkt: So schätzte ein Forscher auf Basis einer Marktstudie, die er für die
Marijuana Enforcement Division des Colorado Department of Revenue anfertigte,
dass lediglich 5,7% des in Colorado konsumierten Marihuana aus dem Schwarzmarkt
stammen (Huffington Post 2014a). Angesichts dessen, dass auch im US-Bundesstaat
nach wie vor keine flächendeckende Versorgung mit legalem Cannabis gewährleistet
ist, ist dieser Anteil als äußerst gering zu betrachten. So liegt z. B. laut einer Studie der
Wirtschaftsberatung KPMG der geschätzte Anteil der in Deutschland konsumierten
illegal eingeführten Zigaretten mit 8,4% höher (Markenartikel 2015). Es zeigt sich
also offenbar: wenn ein legal regulierter Verkauf mit kontrollierter Ware existiert,
wird dieser in weit überwiegenden Maße auch von den Konsument_innen in Anspruch
genommen.
Das Argument, dass bei legaler Regulierung die Preise (u. a. durch die erhobenen
Steuern) stark ansteigen würden und somit wieder Anreize für den illegalen
Markt entstünden
Diese seit einiger Zeit aufgekommene Behauptung, die sich auf den Markt in Colora-
do bezieht, ist zumindest mittel- und langfristig schlichtweg falsch, wie im Grunde
bereits an den in Punkt 1 genannten niedrigen Anteilen für illegalen Handel erkennbar
ist. Zwar stiegen die Preise unmittelbar nach der Legalisierung in Colorado 2014 auf
durchschnittlich 65 $ pro Achtelunze (ca. 3,5 g; vgl. Huffington Post 2014b); dies war
aber offensichtlich üblichen Gesetzen von (damals noch relativ geringem) Angebot
und zunächst hoher Nachfrage geschuldet. Dass die Nachfrage zu diesem Zeitpunkt
so hoch war, kann leicht mit einem „Novelty-Effekt“ erklärt werden: Da es sich um
den ersten legalen Marihuana-Verkauf in den USA seit über 70 Jahren handelte, woll-
ten viele (vermutlich auch viele gelegentliche oder äußerst seltene Konsument_innen)
diesen auch sofort ausprobieren. Innerhalb relativ kurzer Zeit fielen die Preise indes
wieder auf 30-45 $ (Think Progress 2015). Dies entspricht in etwa dem deutschen
Preisniveau (zuletzt durchschnittlich 9,20 pro Gramm Marihuana; siehe Pfeiffer-
Gerschel et al. 2015). In niederländischen Coffeeshops sind im Übrigen ähnliche Preise
zu beobachten (Niesink/Rigter 2015). Der Umstand, dass Produktion, Import und
46
Bernd Werse
Groß- bzw. Zwischenhandel in den Niederlanden nach wie vor komplett illegal sind,
führt zwar dazu, dass keine auf die Cannabis-Verkaufseinheit bezogene Steuern ent-
richtet werden müssen. Dennoch müssen auch Coffeeshops Steuern zahlen und der im
illegalen Handel übliche Risikoaufschlag gilt für die Niederlande wie für andere Län-
der, in denen der Cannabishandel komplett illegal ist.
Anzumerken ist im Hinblick auf die Cannabis-Preise weiterhin, dass bei einer legalen
Regulierung nach dem Muster des CannKG bzw. CannStG insgesamt ein deutlicher
Rückgang der Kosten für die Herstellung von Cannabis zu erwarten ist. Dies wäre u.
a. dadurch möglich, dass die Pflanze auf größeren (natürlich sehr gut gesicherten)
Außenflächen bzw. Gewächshäusern angebaut werden könnte. Somit könnte die in
der Illegalität übliche, ökonomisch und ökologisch unsinnige Praxis des Cannabis-
Innenanbaus mit künstlicher Beleuchtung zumindest deutlich zurückgefahren werden.
Diese Problematik ist auch in Colorado und anderen US-Bundesstaaten noch nicht
gelöst; auch dort wird überwiegend „indoor“ angebaut (ganz zu schweigen von den
Niederlanden mit ihrer weiterhin illegalen Produktion). Die Erfahrungen im illegalen
Anbau der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass auch in gemäßigten Breiten potente
und vor allem ertragreiche Cannabissorten unter Sonnenlicht produziert werden kön-
nen (überblicksartig: Decorte et al. 2011). Somit böte sich deutlich mehr Spielraum,
durch variierende Steuern den Preis der legalen Cannabisprodukte zu beeinflussen und
damit den Schwarzmarkt unattraktiv zu machen. Letzterer müsste nämlich weiterhin
die Kosten des Indoor-Anbaus plus Risikoaufschlag tragen.
Fazit
Zwar liegen noch keine längerfristigen Erkenntnisse über die Auswirkungen eines
vollständig legal regulierten Cannabismarktes vor, aber die bisherigen Erfahrungen
deuten deutlich darauf hin, dass weder der Schwarzmarkt eine reelle Chance haben
wird, den legalen Markt verdrängen zu können noch (damit zusammenhängend) dass
die Preise massiv ansteigen. So wenig Substanz diese Argumente auch haben: Es ist ein
interessantes Phänomen, dass diese Narrative von der angeblich nicht funktionieren-
den Legalisierung seit einiger Zeit in Kreisen konservativer Politiker_innen und Straf-
verfolger_innen kursieren. Bis vor wenigen Jahren wurde ein legaler Cannabisverkauf
von diesen politischen Akteur_innen gar nicht erst diskutiert, da man die Idee ohnehin
für abwegig hielt. Dass man sich in Prohibition befürwortenden Kreisen überhaupt
derart mit dem Szenario der Legalisierung und deren Zielen beschäftigt, kann durch-
aus als „Rückzugsgefecht“ interpretiert werden, das sich nahtlos in den Wandel des
drogenpolitischen Diskurses der letzten Jahre einfügt.
Literatur
Decorte, T./Potter, G.R./Bouchard, M. (Hrsg.) (2011): World Wide Weed. Global Trends in Canna-
bis Cultivation and its Control, Farnham.
Huffington Post (2014a): Colorado’s Marijuana Black Market Is More Complicated Than It Looks
(13.8.2014), online verfügbar unter: http://www.huffingtonpost.com/2014/08/13/colorado-mari-
juana-black-market_n_5669302.html; letzter Zugriff: 07.03.2016.
47
1.5 | Zu neueren Argumenten gegen die Legalisierung von Cannabis
Huffington Post (2014b): Here’s How Much It Costs To Buy Weed In Colorado Now, (2.1.2014),
online verfügbar unter: http://www.huffingtonpost.com/2014/01/02/marijuana-prices-colora-
do_n_4532463.html, letzter Zugriff: 7.3.2016.
Korf, D.J./Wouters, M./Nabben, T./Ginkel, P. van (2005): Cannabis zonder coffeeshop. Niet-ged-
oogde cannabisverkoop in tien Nederlandse gemeenten, Amsterdam.
Özdemir, C. (2015): Vernunft statt Ideologie Das grüne Cannabiskontrollgesetz, in:
Akzept/DAH/JES (Hg.): 2. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2015, Lengerich, 153-157.
Markenartikel (2015): Illegaler Zigarettenhandel in Deutschland auf hohem Niveau (23.06.2015),
online verfügbar unter: http://www.markenartikel-magazin.de/no_cache/recht-politik/artikel/
details/10011913-illegaler-zigarettenhandel-in-deutschland-auf-hohem-niveau/; letzter Zugriff:
7.3.2016.
Niesink, R./Rigter, S. (2015): THC-concentraties in wiet, nederwiet en hasj in Nederlandse coffee-
shops (2014-2015), Utrecht.
Parool, Het (2012): Aantal coffeeshops loopt rap terug (11.10.2012), online verfügbar unter:
http://www.parool.nl/parool/nl/224/BINNENLAND/article/detail/3330351/2012/10/11/Aantal-
coffeeshops-loopt-rap-terug.dhtml; letzter Zugriff: 9.3.2016.
Pfeiffer-Gerschel, T., Jakob, L., Dammer, E., Karachaliou, K., Budde, A. & Rummel, C. (2015):
Bericht 2015 des nationalen REITOX-Knotenpunkts an die EBDD – Workbook Drogenmärkte
und Kriminalität, München.
Think Progress (2015): Why Is Marijuana In Colorado Getting So Cheap? (23.6.2015), online ver-
fügbar unter: http://thinkprogress.org/economy/2015/06/23/3672717/colorado-marijuana-pri-
ces-down/, letzter Zugriff: 8.3.2016.
Volkskrant, De (1996): Sorgdrager wil hardere aanpak van koffieshops (20.12.1996), online verfüg-
bar unter: http://www.volkskrant.nl/voordeel/sorgdrager-wil-hardere-aanpak-van-koffieshops
~a500466/, letzter Zugriff: 9.3.2016.
48
1.6 | Kontrollierte Abgabe von Cannabis als
wissenschaftlicher Modellversuch
Jens Kalke, Uwe Verthein
Zusammenfassung
Alle bisherigen politischen Initiativen und Anträge, einen Cannabismodellversuch nach § 3 (2)
BtMG durchzuführen, wurden von der Genehmigungsbehörde (Bundesinstitut für Arzneimittel
und Medizinprodukte) abgelehnt. Eine Konzeption, die auf die Zielsetzung eines risikoärmeren
Cannabiskonsums fokussiert, wurde noch nicht verfolgt. Hierzu werden ein mögliches Verga-
bemodell und Ansätze eines Forschungsplans vorgestellt. Abschließend werden kurz die Reali-
sierungschancen problematisiert.
Politische Initiativen
Es gab in den letzten drei Jahren verschiedene kommunal- und landespolitische Initia-
tiven, einen Modellversuch zur kontrollierten Abgabe von Cannabisprodukten an
Erwachsene durchzuführen. In der Regel wurde und wird dabei auf die Ausnahmere-
gelung nach § 3 (2) Betäubungsmittelgesetz (BtMG) fokussiert, nach der das Bundes-
institut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) Ausnahmen vom Verbot der
Abgabe von Betäubungsmitteln (BtM) zulassen kann, wenn ein öffentliches und/oder
wissenschaftliches Interesse vorhanden ist. Über diese Ausnahmeregelung konnte in
Deutschland auch die Diamorphinbehandlung für Schwerstabhängige realisiert wer-
den.
Das jüngste Beispiel für solch einen Antrag nach § 3 (2) BtMG ist die Initiative vom
Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg (Berlin). Am 26. Juni 2015 wurde ein entsprechender
Antrag zum „regulierten Verkauf von Cannabis im Bezirk“ beim BfArM eingereicht
(Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg 2015). Dieser wird mit einem „öffentlichem
Interesse“ begründet und ist stark mit ordnungspolitischen Zielsetzungen versehen; er
zielt auf eine Reduzierung des Drogenhandels im öffentlichen Raum. Aber auch die
Verbesserung des Gesundheits- und Jugendschutzes wird als Ziel genannt. Nach den
Vorstellungen des Bezirks soll die kontrollierte Abgabe der Cannabisprodukte in vier
Cannabisfachgeschäften stattfinden, die über einen Sachkundenachweis und ein fun-
diertes Präventionskonzept verfügen. Die Teilnehmer_innen sollen eine Teilnahmekar-
te mit Lichtbild (Mindestalter 18 Jahre) erhalten. Pro Monat und Person ist die Abga-
be von bis zu 60 g Marihuana und/oder Haschisch vorgesehen; ihr Verkaufspreis soll-
te leicht über dem Preis auf dem illegalen Markt liegen. Konzepte für die Beschaffung
der Cannabisprodukte und die wissenschaftliche Begleitstudie beinhaltet der Antrag
aus Berlin nicht; diese sollten erst nach Genehmigung des Modellversuchs ausgearbei-
tet werden. Der Antrag an das BfArM wurde am 30. September 2015 aus zahlreichen
49
1.6 | Kontrollierte Abgabe von Cannabis als wissenschaftlicher Modellversuch
prinzipiellen Gründen, aber auch wegen konkreter konzeptioneller Schwächen abge-
wiesen. Auch der darauf ergangene Widerspruch des Bezirksamts Friedrichshain-
Kreuzberg wurde am 28. Januar 2016 vom BfArM abgelehnt, wobei die in der ersten
Ablehnung aufgeführten Gründe bekräftigt wurden (siehe unten). Entgegen ursprüng-
licher Ankündigungen wird der Bezirk nicht den weiteren Rechtsweg beschreiten, was
möglicherweise neue Erkenntnisse zur Realisierbarkeit eines Cannabismodellversu-
ches erbracht hätte.
Etwa zur gleichen Zeit – im 3. Quartal 2015 – fand in Hamburg im parlamentari-
schen Raum eine intensive Diskussion über die Möglichkeiten eines Cannabismodell-
versuchs statt. Im Koalitionsvertrag ist ein entsprechender Prüfungsauftrag formuliert.
Nach einer Anhörung von Sachverständigen wurde im November 2015 ein solches
Vorhaben vorerst ad acta gelegt, weil es aus der Sicht der Regierungsfraktionen von
SPD und GRÜNE aufgrund der derzeitigen Gesetzesauslegung und Bewilligungspraxis
des zuständigen Bundesinstituts kaum zu realisieren sei (GRÜNE Bürgerschaftsfrakti-
on Hamburg 2015).
Im Stadtstaat Bremen gibt es ebenfalls Bestrebungen für ein Pilotprojekt. Im rot-grü-
nen Koalitionsvertrag heißt es: „Unter Beachtung eines strengen Jugendschutzes wol-
len wir Möglichkeiten ausloten für wissenschaftliche Modellversuche zur kontrollier-
ten Abgabe und medizinischen Nutzung von Cannabis“ (SPD & BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN 2015). Am 26. Februar 2016 wurde in der Gesundheitsdeputation eine
Sachverständigenanhörung zum Thema durchgeführt. Nach Auswertung der Ergeb-
nisse der Anhörung kamen die Regierungsfraktionen jedoch überein, vorerst keinen
Antrag an das BfArM zu stellen, sondern stattdessen eine Bundesratsinitiative mit dem
Ziel zu starten, derartige Modellversuche im BtMG rechtlich klarer abzusichern
(BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN & SPD 2016).
Gleichfalls wird in der Stadt Düsseldorf ein Antrag an das BfArM vorbereitet. Dieser
soll von Anfang an eine wissenschaftliche Begleitung beinhalten, um eine potenzielle
Schwachstelle des gescheiterten Vorhabens des Bezirks Friedrichhain-Kreuzberg zu
beseitigen (RP ONLINE 2016). Für den Sommer 2016 ist zu dieser Thematik eine
Fachkonferenz geplant.
Auch in der Stadt Frankfurt a. M. war eine Modellinitiative im Gespräch. Diese
scheiterte jedoch an unüberbrückbaren Meinungsdifferenzen innerhalb der schwarz-
grünen Stadtregierung. Bei einem Treffen in Frankfurt a. M. haben jedoch zehn große
deutsche Städte vereinbart, beim Cannabisthema auf kommunaler Ebene eng zusam-
menzuarbeiten und sich über Regulationsmodelle abzustimmen (Heilig 2016). Von
daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass weitere, möglicherweise auch übergreifende
kommunale Initiativen für die Durchführung eines Modellversuchs in Deutschland
entstehen werden.
Ferner gab es in den Städten Münster und Duisburg kommunalpolitische Beschlüsse,
die Realisierung eines Cannabismodellversuchs zu prüfen bzw. entsprechende Anträge
beim BfArM einzureichen.
50
Jens Kalke, Uwe Verthein
Ablehnungsgründe BfArM
Mit den folgenden zentralen Argumenten hat das BfArM den Antrag aus Friedrichs-
hain-Kreuzberg zurückgewiesen (BfArM 2015):
Die Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken wäre mit dem erklärten Ziel des§
Gesetzes, den Missbrauch von Betäubungsmitteln sowie das Entstehen oder Erhal-
ten einer Betäubungsmittelabhängigkeit soweit wie möglich auszuschließen, nicht
vereinbar und angesichts der Risiken, die von Cannabis ausgehen, auch nicht ver-
hältnismäßig.
Mit einer legalen Abgabe von Cannabis aus kontrolliertem Anbau würde eine Sig-§
nalwirkung entfaltet und eine Unbedenklichkeit suggeriert, die das Betäubungsmit-
tel nicht habe.
Das BtMG sehe die Erteilung einer „generellen/abstrakten Erlaubnis“ für einen§
Träger (hier: Bezirksamt Friedrichshain- Kreuzberg) nicht vor.
Der Antrag stelle der Sache nach einen Antrag auf Erteilung einer Betriebserlaubnis§
für den Betrieb von Drogenkonsumräumen dar. Denn nach den Ausführungen der
Antragstellerin ist in den Abgabestellen auch der Konsum vorgesehen. Zuständig
für die Erteilung einer solchen Erlaubnis sei die zuständige oberste Landesbehörde.
Die Sicherheit und Kontrolle des Betäubungsmittelverkehrs sei nicht gewährleistet.§
Eine wissenschaftliche Ausrichtung des Projektes im Sinne eines Forschungsvorha-§
bens würde in den Antragsunterlagen nicht näher beschrieben.
Diese Argumente hat das BfArM in dem vier Monate später erfolgten ablehnenden
Widerspruchsbescheid erneut untermauert bzw. zudem bekräftigend ausgeführt
(BfArM 2016):
Die Erteilung einer generellen/abstrakten Grunderlaubnis wäre als „Regelung mit§
Konzentrationswirkung“ auch nicht sachgerecht, weil die Erteilung einer Ausnah-
meerlaubnis bei jeder/m Teilnehmer_in am Betäubungsmittelverkehr einzelfallbe-
zogen zu prüfen sei.
Die Annahmen zum potenziellen Erwerber_innenkreis seien rein spekulativer Natur,§
es lägen keine belastbaren Daten vor. Insofern seien die Vorteile von Cannabis aus
kontrolliertem Anbau gegenüber dem Schwarzmarkt-Cannabis unbeachtlich.
Der Gesundheitsschutz beim Konsum von Cannabis aus kontrolliertem Anbau§
greife nicht, weil auch Personen, die bislang nicht zu den Anwender_innen gehör-
ten, Zugang zum Modellvorhaben ermöglicht würde.
Aus ähnlichen Gründen hatte das BfArM im Jahr 2014 eine Voranfrage der Stadt
Duisburg zur möglichen Einrichtung eines modellhaften „Cannabis Social Clubs“
negativ beschieden. In dem Ablehnungsschreiben wird darauf hingewiesen, dass der
geplante Modellversuch nicht dem BtMG-Zweck, Entstehen und Erhalten einer
Abhängigkeit soweit als möglich auszuschließen, entspräche und dass die Sicherheit/
Kontrolle des BtM-Verkehrs nicht gewährleistet sei. Ferner wird ausgeführt, dass Can-
nabis kein Genussmittel, sondern per definitionem ein Betäubungsmittel sei (BfArM
2014).
Schon 17 Jahre zuvor hatte das BfArM den Antrag „Cannabis in Apotheken“ aus
Schleswig-Holstein (Raschke/Kalke 1997), der auf einem mehrheitlichen Beschluss der
51
1.6 | Kontrollierte Abgabe von Cannabis als wissenschaftlicher Modellversuch
Bundesländer beruhte, mit teilweise gleichen Argumenten abgelehnt. Zudem wurde
damals kritisiert, dass das Projekt nicht die wissenschaftlichen Kriterien analog einer
klinischen Arzneimittelprüfung erfüllen würde.
Anforderungen BtMG
Der aktuelle Kommentar des BtMG sieht strenge Vorgaben hinsichtlich der Durchfüh-
rung eines Modellversuches nach § 3 (2) BtMG vor (Körner et al. 2012). Danach muss
ein Modellvorhaben von sach- und fachkompetenten, wissenschaftlich erfahrenen Per-
sonen erarbeitet und durchgeführt werden. Obligatorisch ist ein Konzept für eine wis-
senschaftliche Begleitung vorzulegen. Die Versuchsanordnung muss eine Risikoab-
schätzung beinhalten, um unvertretbare Gefährdungen zu vermeiden; das Vorhaben
muss in diesem Sinne reversibel sein. Bei der abgebenden Stelle bzw. deren Personal
muss eine besondere Sachkenntnis über Betäubungsmittel vorliegen. Es hat eine stän-
dige Kontrolle der Teilnahmeberechtigung stattzufinden; die Verwendung der Betäu-
bungsmittel ist zu kontrollieren. Auch eine sichere Aufbewahrung der BtM ist zu
gewährleisten (u. a. Stahlschrank, Alarmanlage, Videoüberwachung).
Ob die Umsetzung eines Cannabis-Modellprojekts nach diesen eher restriktiven Aus-
legungen des § 3 (2) BtMG möglich ist, ist nicht allein Gegenstand juristischer Diskus-
sionen, sondern fordert auch zu konkreten Überlegungen zu den Zielsetzungen und
wissenschaftlichen Methoden eines solchen Projekts heraus. Dabei sind auch die bis-
herigen Ablehnungsgründe zu berücksichtigen (siehe oben). Dies soll im Folgenden
mit einigen grundsätzlichen Ausführungen skizziert werden, wobei letztlich davon
auszugehen ist, dass ein solcher Versuch bezogen auf die Definition des
Teilnehmer_innenkreises und die Durchführungsbedingungen hochschwellig angelegt
sein müsste, wenn überhaupt Aussicht auf Genehmigung bestehen soll.
Eckpfeiler eines Modellprojekts
Hintergrund und Zielsetzung
Zunächst müsste eine systematische Analyse empirischer Erkenntnisse über den Can-
nabiskonsum unter den Bedingungen des Strafrechts und des Schwarzmarkts erfolgen.
Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die Prohibition von Cannabis negative Wir-
kungen nach sich zieht, die zu den vermeintlich positiven (präventiven) Effekten des
Verbots in keinem Verhältnis stehen: Auch wenn davon auszugehen ist, dass die meis-
ten Konsumierenden in Deutschland Cannabisprodukte über Freunde oder Bekannte
beziehen (ca. 70%), kaufen etwa 12% der Konsumierenden diese Substanzen direkt
bei Dealer_innen zuhause oder auf der Straße (Werse 2010). Dabei besteht die poten-
zielle Gefahr, in Kontakt mit harten illegalen Drogen zu kommen. Ferner wird zuneh-
mend von gesundheitsgefährdenden Streckmitteln und Verunreinigungen in Cannabis-
produkten berichtet1und der THC-Gehalt bei Harz und Blüten steigt langsam, aber
1
Siehe hierfür etwa die Homepage des Hanfverbands (www.hanfverband.de).
52
Jens Kalke, Uwe Verthein
kontinuierlich (DBDD 2014), was von den Konsumierenden zunächst nicht erkannt
werden kann.
Durch die Ungleichbehandlung mit Alkohol dürfte die Glaubwürdigkeit der sucht-
präventiven Arbeit beeinträchtigt werden (Horn 2004; Franzkowiak/Schlömer 2003):
Es wird vermutet, dass Präventionsfachkräfte die Thematisierung risikoarmer Muster
des Cannabiskonsums vermeiden, da dies als Aufforderung zum Konsum gewertet
werden könnte (DHS 2015). Schließlich deuten europaweite Analysen darauf hin,
dass trotz eines hohen bzw. erhöhten Strafmaßes die Prävalenzen des Cannabiskon-
sums ansteigen können (EMCDDA 2011).
Diese Einzelbefunde und Hypothesen über die nicht-intendierten, kontraprodukti-
ven Folgen des Cannabisverbots in Deutschland müssten systematisch zusammenge-
stellt und hinreichend empirisch untermauert werden. Aus einer solchen Bestandsauf-
nahme würde sich dann die Zielsetzung eines Modellprojekts ableiten, die im Ein-
klang mit dem Zweck des BtMG stünde: ein risikoärmerer Cannabiskonsum. Eine
vorwiegend ordnungspolitische Fragestellung z. B. Trennung der Drogenmärkte
dürfte nicht genehmigungsfähig sein. Die primären Kriterien, an denen sich der Erfolg
eines entsprechend konzipierten Vorhabens überprüfen ließe, sollten sein: die Beendi-
gung bzw. Reduktion illegalen Cannabiskonsums, die Reduktion legalen Cannabis-
konsums im Verlauf des Modellprojekts (Konsumtage, Menge), der Umstieg auf Pro-
dukte mit geringerem THC-Gehalt, die Vermeidung/Reduktion des Gebrauchs ande-
rer illegaler Drogen und des Kontakts zum kriminellen Milieu sowie der Übergang
vom (in der Regel tabakhaltigen) Rauchen zum Dampfen. Als sekundäre Kriterien
kämen infrage: Reduktion auffälliger/problematischer sozialer Verhaltensweisen
(Schule, Arbeitsverhalten, etc.), Rückgang der Belastung des sozialen Umfelds sowie
eine Verringerung von Aufwand und Kosten im Polizei- und Justizsystem.
Vergabemodell
Ausgehend von der Zielsetzung des Modellvorhabens käme den Konsum- und Abga-
beregelungen eine große Bedeutung zu: Abgabe nur an konsumerfahrene Erwachsene
aus der Modellregion in speziell einzurichtenden Abgabe-/Verkaufsstellen, begrenzte
Menge, moderater THC-Gehalt, Qualitätssicherung (Reinheit, THC-Gehalt), nur
Cannabisblüten (Marihuana). Ferner müsste offensiv für die Konsumform des Damp-
fens (tabakfreier Konsum) geworben und eine ausreichende Anzahl von Dampfgeräten
bereitgestellt werden. Die Einbindung von Präventionsfachstellen und Jugendschutz-
experten_innen wäre unerlässlich; diese hätten ein fundiertes Konzept universeller,
selektiver und indizierter Prävention zu entwickeln. Ferner müsste das Personal in den
Abgabestellen intensiv geschult werden.
Als Abgabestellen kämen Fachstellen oder Coffeeshops infrage. Die Möglichkeit des
Konsums vor Ort sollte geprüft werden, weil dadurch eine aktive Konsumberatung
möglich wäre und das Risiko einer unerlaubten Weitergabe an Dritte verringert wer-
den könnte.
Die Preise für die abzugebenden Cannabisprodukte müssten etwas über Straßenver-
kaufspreis liegen, um einen Weiterverkauf möglichst unattraktiv zu machen. Ferner
müssten strenge Sicherheitsanforderungen beachtet werden; beispielsweise die elektri-
sche Sicherung der Aufbewahrung der Cannabisprodukte (Sicherung nach Ziffer 3 der
53
1.6 | Kontrollierte Abgabe von Cannabis als wissenschaftlicher Modellversuch
Richtlinien über Maßnahmen zur Sicherung von Betäubungsmittelvorräten). Und
schließlich ist die Beschaffung der Cannabisprodukte zu klären (Import oder regional
gesicherter Anbau), was im Rahmen einer Verfügung der sich neu konstituierenden
Cannabisagentur beim BfArM geschehen sollte.
Forschungsplan
Ein Modellprojekt nach § 3 (2) BtMG muss die mit dem Gesetz verbundenen Vor-
schriften bezüglich Zielsetzung und Zielgruppe, Abgabe- und Konsumbedingungen
sowie Personalanforderungen und Sicherheitsfragen soweit wie möglich berücksichti-
gen (s. o.). Die Durchführung der Forschungsaktivitäten erfolgt durch ein nicht an der
Vergabe und den präventiven Aktivitäten beteiligtes externes wissenschaftliches Insti-
tut. In der konkreten Umsetzung könnte ein Forschungsplan etwa folgende Eckfeiler
enthalten:
Vorgeschaltet wäre zunächst ein Screening bzw. eine Bestandsaufnahme zu Konsum-
gewohnheiten sowie Bedarf und Nutzungsabsichten der Zielgruppe. Für Letztere, und
damit für die spätere Untersuchungsgruppe, müssen daraufhin Ein- und Ausschluss-
kriterien definiert werden (z. B. Mindestalter 18 Jahre, Wohnsitz, Cannabiskonsum
innerhalb der letzten 12 Monate u. a.). Ferner muss eine Entscheidung über eine mög-
liche Kontrollgruppe getroffen werden, z. B. über Konsumierenden- und Umfeldbefra-
gungen sowie Dokumentenanalysen außerhalb der Modellregion, was den Evidenz-
grad der wissenschaftlichen Untersuchung erhöht.
Als Studiendauer bieten sich 24 Monate an (individueller Beobachtungszeitraum)
mit zwei Studienphasen, wobei davon auszugehen ist, dass aufgrund konsekutiver
Rekrutierung das gesamte Modellprojekt länger andauert. Als Erhebungszeitpunkte
kämen nach einer ausführlichen Basis-Befragung weitere vier Termine nach 3, 6, 12
und 24 Monaten infrage, wobei die Möglichkeit der Nachrekrutierung (z. B. nach 3
oder 6 Monaten) berücksichtigt werden sollte.
Die Fallzahlabschätzung muss sich an der Stärke der zu erwartenden Effekte beim
primären Zielkriterium (sowie dem Auswertungsmodus) der Studie orientieren. Steht
die Reduktion des illegalen Cannabiskonsums innerhalb der letzten 30 Tage nach 12
Monaten, gemessen an der Anzahl der Konsumtage im Vergleich zum Studienbeginn,
als Primärkriterium im Mittelpunkt der Untersuchung (erste Studienphase), könnten
mit einer geringen Fallzahl von unter 100 Teilnehmern_innen bereits Veränderungen
mit großer Effektstärke als statistisch signifikant nachgewiesen werden. Definiert man
das Zielkriterium kategorial, z. B. als vollständige Abstinenz von illegalem Cannabis
und anderen illegalen Drogen (innerhalb eines bestimmten Zeitraums), kann der
erwartete Prozentwert der Stichprobe mit einer Vergleichs-/Kontrollgruppe (oder mit
historischen, aus der wissenschaftlichen Literatur hergeleiteten Werten) verglichen
werden. Hierbei bedürfte es deutlich größerer Untersuchungsgruppen (200-300 Perso-
nen), wenn z. B. Häufigkeitsunterschiede von absolut ca. 10% bis 15% nachgewiesen
werden sollen. Zudem muss definiert werden, welche Teilnehmer_innen in die Haupt-
analyse einbezogen werden (alle anfänglich Beteiligten, also die Intention-to-Treat-
Stichprobe, oder Personen, die über ein Jahr regulär teilgenommen haben, die so
genannte Per-Protokoll-Stichprobe), was bedeutet, dass ggf. eine entsprechende Über-
54
Jens Kalke, Uwe Verthein
rekrutierung erfolgen müsste. Sekundäre Zielkriterien mit längerfristiger Ausrichtung
würden dann im zweiten Studienjahr untersucht.
Im Rahmen der oben genannten fünf Dokumentationszeitpunkte sollte insbesondere
das Konsummuster detailliert erhoben werden, wozu sich die Timeline-Followback-
Methode (TLFB, Sobell/Sobell 1992) anbietet. Dazu ist es zweckmäßig, dass die Stu-
dienteilnehmer_innen ein Konsumtagebuch führen. Ferner kämen standardisierte Fra-
gebögen zur Gesundheit, zu psychischen Symptomen und zur Lebenssituation zum
Einsatz. Parallel wird die Abgabedokumentation ausgewertet, um typische Konsum-
bzw. Erwerbsmuster im Verlauf abbilden zu können. Vertiefende qualitative Inter-
views zum Umgang mit sowie den Vor- und Nachteilen der neuen Beschaffungssitua-
tion sollten mit einer Untergruppe nach 6 oder 12 Monaten geführt werden.
Eine Umfeldbefragung anhand standardisierter Interviews unter Anwohner_innen,
Geschäftsleuten, Mitarbeiter_innen sozialer Einrichtungen u. a. (sowie ggf. in der
Kontrollregion) sollte ebenfalls Bestandteil einer umfassenden Evaluation sein. Ferner
sollte eine Auswertung regionaler polizeilicher und justizieller Registerdaten zu bzw.
vor Beginn des Modellprojekts sowie über die gesamte Zeitspanne erfolgen. Diese
können mit früheren Zeiträumen oder den Daten der Kontrollregion verglichen wer-
den. Abschließend wäre eine Kosten-Nutzen-Analyse zu nennen, die das Modellpro-
jekt begleitet und zudem eine gesundheitsökonomische Folgeabschätzung vornehmen
würde.
Wie bei jedem innovativen Modellprojekt eines solchen Ausmaßes sind eine überge-
ordnete Steuerungsgruppe sowie ein wissenschaftlicher Beirat erforderlich, um den
Studienverlauf zu kontrollieren und zu bewerten sowie mögliche unerwünschte Effek-
te rechtzeitig zu erfassen.
Perspektiven
Die Realisierungschancen des skizzierten Modellversuches können nur schwer einge-
schätzt werden, da dies offensichtlich vor allem eine politische Frage ist. Weitere
Anträge nach § 3 (2) sollten sich aber in jedem Fall an den bisherigen Kommentierun-
gen und Auslegungen des BtMG orientieren und müssten dem Zweck des BtMG fol-
gen (s. o.). Deshalb fokussiert der hier vorgelegte Rahmenvorschlag auf einen risiko-
armen Cannabiskonsum. Auch ein solch inhaltlich ausgerichteter Antrag könnte (je
nach Ausgestaltung) natürlich vom BfArM abgelehnt werden, möglicherweise wäre er
aber auf juristischem Wege durchsetzbar.
Ferner wäre eine Öffnungsklausel im BtMG bzw. eine föderale Zuständigkeit wün-
schenswert, mit der Modellversuche zur kontrollierten Abgabe von Cannabis insge-
samt leichter zu realisieren wären. Denn die Geschichte der Drogenpolitik in Deutsch-
land zeigt, dass wichtige Reformen (z. B. Methadonsubstitution, Konsumräume) häu-
fig über wissenschaftliche Modellprojekte auf föderaler und kommunaler Ebene
zustande gekommen sind. Versuch macht eben klug.
55
1.6 | Kontrollierte Abgabe von Cannabis als wissenschaftlicher Modellversuch
Literatur
Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg (2015): Antrag auf Erteilung einer Erlaubnis nach § 3 des
Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) „Regulierter Verkauf von Cannabis in Friedrichshain-Kreuz-
berg“ (26.06.2015), Berlin.
BÜNDNIS/DIE GRÜNEN & SPD (2016): Spielräume nutzen für neue Wege in der Cannabispolitik.
Antrag an die Bremische Bürgerschaft, Drucksache 19/340 (15.03.2016), Bremen
BfArM – Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2014): Schreiben an die Stadt Duis-
burg (06.05.2014), Bonn.
BfArM – Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2015): Ablehnungsbescheid zum
Antrag auf Erteilung einer Erlaubnis nach § 3 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) „Regulierter Ver-
kauf von Cannabis in Friedrichshain-Kreuzberg“ (30.09.2015), Bonn.
BfArM – Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2016): Widerspruchsbescheid zum
Antrag auf Erteilung einer Erlaubnis nach § 3 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) „Regulierter Ver-
kauf von Cannabis in Friedrichshain-Kreuzberg“, Bescheid des BfArM vom 30.09.2015, Wider-
spruchsverfahren (28.01.2016), Bonn.
DBDD Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (2014): Neue Entwicklungen
und Trends Deutschland. Drogensituation 2013/2014, München.
DHS – Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (2015): Cannabispolitik in Deutschland. Maßnahmen
überprüfen, Ziele erreichen. Stellungnahme des Vorstandes der DHS, Hamm.
EMCDDA – Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (2011): Stand der Dro-
genproblematik in Europa, Lissabon.
Franzkowiak P./Schlömer H. (2003): Entwicklung der Suchtprävention in Deutschland. Konzepte
und Praxis, in: Suchttherapie 4, 175-182.
GRÜNE Bürgerschaftsfraktion Hamburg (2015): Cannabis-Modellprojekt: Rechtliche Hürden der-
zeit zu hoch, Pressemitteilung (06.11.2015), Hamburg.
Heilig, R. (2016): Cannabispolitik in Frankfurt am Main. Gesundheit statt Strafe, in: Alternative
Kommunalpolitik 37: 1, 24-25.
Horn W.R. (2004): Cannabis-Prävention in der pädiatrischen Praxis, in: Kinder- und Jugendarzt 35:
5, 343-353.
Körner, H.H./Patzak, J./Volkmer, M. (2012): Betäubungsmittelgesetz: Arzneimittelgesetz - Grund-
stoffüberwachungsgesetz (Beck’sche Kurz-Kommentare, Band 37), München.
Raschke P./Kalke J. (1997): Cannabis in Apotheken. Kontrollierte Abgabe als Heroinprävention,
Freiburg i. B.
RP Online (2016): Diskussion um Cannabis-Freigabe, online verfügbar unter: http://www.rp-
online.de/nrw/staedte/duesseldorf/legalisierung-von-cannabis-diskussion-um-die-freigabe-aid-
1.5690799; letzter Zugriff: 10.03.2016.
Sobell, L.C./ Sobell, M.B. (1992): Timeline followback: A technique for assessing self-reported alco-
hol consumption, in: Litten, R.Z./ Allen, J. (Hrsg.): Measuring alcohol consumption. Psychoso-
cial and biological methods. New Jersey, 41-72.
SPD & BÜNDNIS/DIE GRÜNEN (2015): Vereinbarung zur Zusammenarbeit in einer Regierungsko-
alition für die 19. Wahlperiode der Bremischen Bürgerschaft 2015 – 2019, Bremen.
Werse B. (2010): Kleinhandel von Cannabis und anderen Drogen, in: SuchtMagazin 6, 39-44.
56
1.7 | Drogenkonsumräume … und der
rechtliche Rahmen
Kerstin Dettmer, Wolfgang Schneider
Zusammenfassung
Um in Deutschland Drogenkonsumräume betreiben zu können, muss das entsprechende Bun-
desland eine Rechtsverordnung erlassen. Die Rechtsverordnungen regeln die Rahmenbedingun-
gen, die in den bisher vorliegenden Verordnungen teilweise fachlich fraglich oder sogar dem
Ziel einer niedrigschwelligen und akzeptanzorientierten Einrichtung der Drogenhilfe konträr
entgegenstehen. Es gab in der Vergangenheit immer wieder Bemühungen seitens der Drogen-
konsumraumbetreiber_innen, die Rechtsverordnungen zu ändern. Erstmals ist das jetzt in NRW
gelungen.
Drogenkonsumräume als Baustein der niedrigschwelligen und akzeptanzorientierten
Drogenhilfe gibt es aktuell weltweit in zehn Staaten, in zwei weiteren sollen in 2016
Drogenkonsumräume eröffnet werden.1
In Deutschland haben sechs von 16 Bundesländern eine Rechtsverordnung erlassen,
die Voraussetzung für die Installierung eines Drogenkonsumraums ist. Zurzeit gibt es
25 Drogenkonsumräume in Deutschland.
Die Nutzung der Drogenkonsumräume sollte insbesondere schwerstabhängigen
Menschen zum hygienischen Drogenkonsum vorbehaltlos möglich sein. Die Realität
sieht leider anders aus: Voraussetzung für den legalen Betrieb eines Drogenkonsum-
raums ist der Erlass einer Rechtsverordnung des jeweiligen Bundeslandes. In dieser
werden kleinteilig verbindliche Rahmenbedingungen festgelegt, die in weiten Teilen
fachlich nicht begründbar oder dem eigentlichen Ziel der Einrichtung sogar völlig
konträr entgegenstehen. Es gab in der Vergangenheit deshalb immer wieder Bestre-
bungen seitens der Drogenkonsumraum-Betreiber_innen, Änderungen der Rechtsver-
ordnung zu erwirken, zuletzt mit einer Stellungnahme aller deutschen Drogenkonsum-
räume im September 2014. NRW ist nun das erste Bundesland, in dem dieses zum
01.12.2015 erfolgreich umgesetzt wurde. In Berlin hat der Drogenkonsumraum-
Betreiber Fixpunkt e. V. der zuständigen Senatsverwaltung ähnliche Änderungsvor-
schläge zur Rechtsverordnung vorgelegt.
Primäre Zielbestimmung niedrigschwelliger Einrichtungen akzeptanzorientierter
Drogenarbeit ist die Minimierung körperlicher, psychischer und sozialer Schädigun-
gen, die sich aus dem Konsum illegalisierter Drogen in der offenen Drogenszene erge-
1
In Europa gibt es Drogenkonsumräume in Dänemark, Deutschland, Luxemburg, Niederlande, Norwe-
gen, Spanien, Schweiz und Frankreich. In 2016 sollen außerdem in Slowenien und Portugal Drogenkon-
sumräume eröffnet werden. Außerhalb Europas findet man Drogenkonsumräume nur in Kanada und
Australien.
57
1.7 | Drogenkonsumräume … und der rechtliche Rahmen
ben können. Überlebenshilfe und Schadensbegrenzung sind dabei die zentralen
Schwerpunktsetzungen. Hierzu ist das Angebot eines in eine Kontaktstelle integrierten
Drogenkonsumraums zur hygienisch kontrollierten Applikation von illegalisierten
Substanzen von wesentlicher Bedeutung. Es gilt, unterstützende Hilfen für das Über-
leben und das Bearbeiten von drogengebrauchsbezogenen, gesundheitlichen und
sozialen Problemen bedürfnisorientiert bereitzustellen („Hilfe just in time“). Medizi-
nische Akutversorgungen, hygienische und medizinisch betreute Konsummöglichkei-
ten und Infektionsprophylaxe sowie soziale Beratungs- und Betreuungsleistungen
erweisen sich hierbei als zielführende Hilfebausteine.
Folgende Zielhierarchie liegt der Arbeit schadensminimierender und gesundheitsför-
derlicher Drogenhilfe zugrunde:
Überleben sichern§
Sicherung eines Überlebens ohne irreversible gesundheitliche Schädigungen§
Verhinderung sozialer Desintegration§
Gesundheitliche und psychosoziale Stabilisierung§
Unterstützung eines selbstverantwortlichen und kontrollierten Drogengebrauchs §
Ermöglichung und Unterstützung längerer Konsumkontrollphasen (mit Substitut§
oder ohne)
Unterstützung individueller Herauslösung aus der Drogenszene und aus individu-§
ellen Abhängigkeitsstrukturen
Nach dem dritten Gesetz zur Änderung des Betäubungsmittelgesetzes vom 28.03.2000
(Kabinettsbeschluss vom 28.07.1999) ist durch die Einfügung des § 10 a ins Betäu-
bungsmittelgesetz Rechtsklarheit über die Zulässigkeit von Drogenkonsumräumen
hergestellt worden. Demnach muss, wenn die Implementierung von Drogenkonsum-
räumen politisch gewünscht wird, eine länderspezifische Umsetzungsverordnung
erlassen werden, nach der der Betrieb von Drogenkonsumräumen näher geregelt und
per Antrag genehmigt werden kann.
Die Rechtsverordnung des Landes NRW über den Betrieb von Drogenkonsumräu-
men vom 26.09.2000 und die Berliner Rechtsverordnung vom 26.06.2002 legen dem-
nach folgende Zielbestimmungen als sog. „Betriebszwecke“ fest:
„Der Betrieb von Drogenkonsumräumen soll dazu beitragen,
1. die durch Drogenkonsum bedingten Gesundheitsgefahren zu senken, um damit
insbesondere das Überleben von Abhängigen zu sichern,
2. die Behandlungsbereitschaft der Abhängigen zu wecken und dadurch den Einstieg
in den Ausstieg aus der Sucht einzuleiten,
3. die Inanspruchnahme weiterführender, insbesondere suchttherapeutischer Hilfen
einschließlich der vertragsärztlichen Versorgung zu fördern und
4. die Belastungen der Öffentlichkeit durch konsumbezogene Verhaltensweisen zu
reduzieren.“
Es geht konkret um folgende Leistungskriterien und Zielbestimmungen:
Ermöglichung einer hygienischen Applikation von mitgeführten Drogen (Besitz§
zum Eigenverbrauch in geringer Menge: § 31a BtMG und § 6 Rechtsverordnung
des Landes NRW / § 8 Rechtsverordnung Berlin)
58
Kerstin Dettmer, Wolfgang Schneider
Reduzierung des Infektionsrisikos beim intravenösen Drogengebrauch§
Sofortige Hilfe bei Überdosierungen und Drogennotfallsituationen§
Vermittlungen von Techniken des Safer-Use§
Medizinische Hilfe bei Wundinfektionen und Abszessen§
Gesundheitsförderliche bzw. krankheitspräventive Maßnahmen im Sinne der§
Reduzierung des Mortalitätsrisikos und des Risikos, sich mit übertragbaren
Erkrankungen wie HIV und Virushepatitis zu infizieren
Direktes Abrufen bedarfsorientierter Hilfen (Beratung, Vermittlung, Versorgung)§
in Aushandlung mit verfügbaren Hilferessourcen (Case-Management)
Sicherung des Überlebens von Drogenabhängigen§
Unterstützung zur Überwindung von Sucht bzw. substanzbezogenen Störungen§
Vermittlung bei Nachfrage und auf Wunsch in weiterführende suchttherapeutische§
Hilfen einschließlich der ärztlichen Versorgung
Reduzierung der Belastung der Öffentlichkeit durch konsumbezogene Verhaltens-§
weisen (Spritzenfunde, öffentliches Konsumgeschehen)
Problematisch hinsichtlich der Erfüllung dieser Ansprüche erwiesen sich in der Ver-
gangenheit die gesetzten Zugangskriterien für die zehn in NRW und die drei in Berlin
existierenden Drogenkonsumräume.
Laut Rechtsverordnungen beider Bundesländer dürfen im Drogenkonsumraum Kon-
sumentschlossene nur nach Unterzeichnung einer Vereinbarung / eines Vertrages kon-
sumieren. Diese legen verbindliche Rahmenbedingungen für die Nutzung der Kon-
sumräume fest, die durch die Rechtsverordnungen vorgegeben sind.
Bis zum 01.12.2015 waren u. a. folgende Zugangskriterien in beiden Bundesländern
verbindlich:
Es darf nur eine eigene Ration einer illegalisierten Substanz intravenös, oral,
nasal oder inhalativ konsumiert werden. Zum Konsum zugelassene illegalisierte
Substanzen sind lediglich Opiate, Kokain, Amphetamine oder deren Derivate.
Die von den Nutzer_innen mitgeführten Betäubungsmittel müssen einer Sicht-
kontrolle unterzogen werden.
Hier stellt sich die Frage, ob die Reduzierung auf Opiate, Kokain, Amphetamine und
deren Derivate überhaupt sach- und zeitgemäß ist. Es handelt sich in der Regel um
nicht wirklich bekannte psychoaktive Substanzen: so kann man beispielsweise ledig-
lich davon ausgehen, dass im Straßenheroin sehr wahrscheinlich ein gewisser Anteil
an Heroin enthalten ist. Sowohl für die Konsumierenden als auch für das Fachperso-
nal ist bei Sichtkontrolle eine verlässliche Identifizierung nicht möglich. Allenfalls die
Wirkung während und nach der Einnahme gibt Hinweise darauf, ob es sich um die
erwartete Substanz gehandelt haben könnte. Ein Drugchecking-Angebot könnte
zumindest in bestimmten Situationen, z. B. beim gehäuften Auftreten unbekannter
(Neben-)Wirkungen, hilfreich sein.
Die Konsumform „intravenös“ sollte durch „injizierend“ ersetzt werden.
59
1.7 | Drogenkonsumräume … und der rechtliche Rahmen
Die Nutzer_innen müssen bei Vertragsabschluss volljährig und drogenabhängig
sein.
Jugendlichen (Mindestalter: 16 Jahre) mit Drogenabhängigkeit und Konsumerfahrung
darf der Zugang nach direkter Ansprache nur dann gestattet werden, wenn die
Zustimmung der Erziehungsberechtigten vorliegt oder die Mitarbeiter_innen sich im
Einzelfall nach sorgfältiger Prüfung anderer Hilfsmöglichkeiten vom gefestigten Kon-
sumentschluss überzeugt haben. In Berlin muss darüber hinaus auch noch Kontakt mit
dem zuständigen Jugendamt aufgenommen werden.
Das Ziel des Jugendschutzes und der frühzeitigen Anbindung von konsumentschlos-
senen Jugendlichen kann mit der bestehenden Regelung nicht erreicht werden. Das
Vorliegen einer Einwilligungserklärung der Erziehungsberechtigten zur Nutzung des
Drogenkonsumraums entspricht nicht den Lebensrealitäten jugendlicher Drogenkon-
sument_innen. Konsumerfahrene und zum Konsum entschlossene Jugendliche sollten,
entsprechend ihrer individuellen Lebenssituation, geeignete Hilfsangebote erhalten.
Dazu gehört u. a. auch die Zulassung zum Drogenkonsumraum, da dadurch gesund-
heitliche Gefahren durch den bereits bestehenden Drogenkonsum reduziert werden
können.
Es darf sich nicht um offenkundige Erst- oder Gelegenheitskonsument_innen
handeln.
Der Begriff „Gelegenheitskonsument_innen“ ist nicht präzise, es liegt keine Definition
vor. Eindeutiger wäre es, von „offensichtlich konsumunerfahrenen Personen“ zu spre-
chen.
Die Nutzer_innen dürfen außerdem „erkennbar nicht mit Ersatzstoffen
substituiert werden.“
Menschen, die ärztlich substituiert werden, den Zugang zum Konsumraum zu ver-
wehren, hat sich als äußerst kontraproduktiv erwiesen. Dass Substitutionsbehandlun-
gen häufig keine idealtypischen Verläufe zeigen, ist hinreichend bekannt. Langjährige
Erfahrungen verdeutlichen, dass etwa zu Beginn einer Behandlung, aber auch und ins-
besondere in psychischen Krisenzeiten zum Teil riskanter polyvalenter (polytoxikoma-
ner) Konsum zusätzlicher Drogen praktiziert wird. Der Mehrfachgebrauch verschie-
denster, psychoaktiv wirksamer Substanzen gehört im zeitintensiven und dynamischen
Prozess eines auch selbstorganisierten Herauswachsens aus drogendominanter
Lebenspraxis häufig dazu. Ein Bei- oder Zugebrauch sollte als die Ermöglichung eines
kontrollierten Umgangs mit Substanzen im Prozess einer Selbstbemächtigung bei Auf-
klärung bestehender Risiken und nicht als ein Ausschlusskriterium verstanden wer-
den. Jeder Beigebrauch hat eine subjektspezifische, psychosoziale Bedeutung, die es
jenseits moralischer Diktionen gemeinsam im moderierenden Unterstützungsverlauf
(Empowerment) aufzuarbeiten gilt. Dies ist nur möglich, wenn ein Gesprächskontakt
hergestellt werden kann. Abgelehnte Substituierte und auch intravenös Benzodiaze-
pin-Konsumierende (auch diese sind nicht im Drogenkonsumraum zugelassen) lassen
sich nicht vom Konsum abhalten: Sie tun dies weiterhin unter unhygienischen und risi-
60
Kerstin Dettmer, Wolfgang Schneider
koreichen Bedingungen auf der Straße oder (allein) zu Hause. Die Konsequenzen sind
bekannt: vermehrter öffentlich sichtbarer Drogenkonsum, Zunahme von Spritzenfun-
den und öffentlichen und privaten Drogennotfallsituationen mit letalem Ausgang.
Hier kann der Anspruch eines Drogenkonsumraums, Gesundheitsgefahren zu senken
und Überlebenshilfe zu sichern, aufgrund der festgelegten Zugangskriterien bisher
nicht erfüllt werden.
Alkoholisierten und „offensichtlich intoxikierten“ Personen, bei denen die
Nutzung des Drogenkonsumraums ein erhöhtes Gesundheitsrisiko verursachen
könnte, dürfen ebenfalls keinen Zugang erhalten.
Es stellt sich die Frage, ab wann eine Konsumentin oder ein Konsument als „intoxi-
kiert“ einzuschätzen ist. Konkrete Kriterien werden in der Rechtsverordnung nicht
genannt. Das Kriterium „offensichtlich intoxikiert“ ist für den Alltag untauglich und
birgt für den Träger ein rechtliches Risiko. Eine abgewiesene Konsumentin oder ein
abgewiesener Konsument wird sich vom Konsumentschluss sicherlich nicht abbringen
lassen und in der Öffentlichkeit unter noch risikoreicheren Bedingungen konsumieren,
sodass die Gefahr einer Überdosierung oder einer Mischintoxikation erheblich ist. Im
Konsumraum selbst wäre die Rettungswahrscheinlichkeit jedoch wesentlich erhöht.
Mit Unterstützung der Ordnungspartnerschaft Drogen in Münster, dem deutschen
Städtetag und dem Landesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Dro-
genpolitik (akzept e.V.) hat der Arbeitskreis Drogenkonsumräume in NRW mehrfach
einen Antrag auf Änderung der Zugangskriterien für die Nutzung der Drogenkonsum-
räume gestellt.
Im Rahmen der nun vorliegenden Verordnung zur Änderung der Verordnung über
den Betrieb von Drogenkonsumräumen vom 01.12.2015 (GV.NRW.2015: 798)
durch das Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes
NRW in Düsseldorf wurden folgende Änderungen verabschiedet:
1. Streichung des Ausschlusses von erkennbar Substituierten und stattdessen die
Maßgabe, auf die spezifische Situation Substituierter bei der Nutzung eines Dro-
genkonsumraums einzugehen, z. B. mit entsprechenden Beratungsangeboten.
„Hierbei ist insbesondere auf Risiken des Drogenkonsums bei gleichzeitiger Sub-
stitutionsbehandlung und die Notwendigkeit des Konsumverzichts hinzuweisen
und auf die Inanspruchnahme der im Einzelfall notwendigen Hilfe hinzuwirken“
(Verordnung § 5, Absatz 2 Satz 1).
2. „Der Konsum von Betäubungsmitteln im Drogenkonsumraum kann Opiate,
Kokain, Amphetamine oder deren Derivate sowie Benzodiazepine betreffen und
intravenös, inhalativ, nasal oder oral erfolgen“ (Verordnung § 8 Abs. 3 Satz 3).
3. „Geeignete Folien zum inhalativen Konsum“ (Verordnung § 3, Absatz 1 Satz 6)
sind in ausreichendem Umfang vorzuhalten.
Diese Ergänzung war notwendig, da es in der Vergangenheit rechtliche Probleme
mit der Abgabe von Folien zum inhalativen Konsum gab. In der Rechtsverordnung
wurden nur Konsumutensilien benannt, die für den injizierenden Konsum
gebraucht werden.
61
1.7 | Drogenkonsumräume … und der rechtliche Rahmen
Bei allen unbestreitbaren Erfolgen insbesondere für drogenkonsumierende Menschen:
Drogenkonsumräume im Rahmen niedrigschwelliger Drogenhilfe-Angebote bleiben
auch Teil ordnungspolitischer Regulierungsmaßnahmen, ein besonders sichtbares
„soziales und risikoreiches Problem“ zu managen. Das ordnungspolitisch motivierte
Ziel, Drogenkonsumierende und die öffentlichen Konsumakte möglichst unsichtbar
zu machen, um den gefürchteten öffentlichen Problemdruck zu reduzieren, ist und
bleibt weiterhin aktuell. Drogenkonsumräume stehen somit immer im Spannungsver-
hältnis zwischen sozialer Ausschließung, sozialräumlicher Verdrängung und lebensret-
tender Schadensminderung.
Auch die prekäre Rechtssituation durch das vorherrschende Legalitätsprinzip
besteht weiterhin: Es gibt „tolerierte“ Räume durch Änderung im Betäubungsmittel-
gesetz 10a) und länderspezifischer Rechtsverordnungen. Dies gilt aber außerhalb
der Einrichtung nicht mehr. Hier muss weiterhin strafverfolgt werden. Ohne weitere
gesetzliche Änderungen und Klarstellungen bleibt das so geschaffene System sehr fra-
gil und hängt weiter entscheidend von der regional bestimmten guten oder weniger
guten Kooperation in den in NRW sog. Ordnungspartnerschaften (Drogenkonsum-
raumbetreiber_innen und Polizei sowie Staatsanwaltschaft) ab.
Die Wirklichkeit von Harm Reduction (Schadensbegrenzung / Schadensminderung)
zeigt auch, dass das gesellschaftlich produzierte „Drogenproblem“ durch die Einrich-
tung von Drogenkonsumräumen nicht gelöst werden kann. Weder kann ein Drogen-
tod aufgrund der weiterhin bestehenden Illegalität der Drogenbeschaffung, des fehlen-
den Verbraucher_innenschutzes und damit einhergehendem schwankendem Rein-
heitsgehalt und der Verstreckung der Substanzen immer vermieden, die öffentlich
sichtbare Drogenszene zum Verschwinden gebracht noch die Beschaffungskriminalität
eingedämmt werden. Ferner ist zu berücksichtigen, dass es auch mit einer Ausweitung
der Konsumraumnutzungsmöglichkeit im Sinne einer „Rund-Um-Betreuung“ nicht
gelingen kann, alle öffentlich konsumierenden Drogenabhängigen jederzeit zu errei-
chen. Drogenkonsumräume sind ein freiwillig zu nutzendes Angebot. Sie sind ein
wesentlicher Baustein im Rahmen umfassender und differenzierter Hilfeangebote zur
Gesundheitsförderung, Überlebenshilfe und Schadensminderung. Nicht mehr, aber
auch nicht weniger.
Änderungen von bestehenden Rechtsverordnungen auf der Basis alltagsbasierter
Erfahrungen beim Betrieb von Drogenkonsumräumen können somit nur ein weiterer
Schritt sein, die Situation für drogenkonsumierende Menschen zu verbessern. Es sei
daran erinnert, dass es Bundesländer gibt, die bisher gar keine Rechtsverordnung
erlassen haben, da Drogenkonsumräume aus politischen Gründen nicht erwünscht
sind – trotz steigender Anzahl von Drogentoten!
Drogenkonsumräume offenbaren, ohne ihren aktuellen Nutzen infrage stellen zu
wollen, das gesamte Dilemma des Bundesdeutschen „Drogenrechts“:
Illegalisierte Substanzen, deren wahre Zusammensetzung dem Käufer/der Käuferin
unbekannt ist, werden illegal erworben und dürfen dann in einem speziellen Raum
(und nur da!) unter klar definierten Bedingungen legal konsumiert werden. Für alle
Beteiligten, im besonderen Maße für Drogenkonsumierende, aber auch für Mitarbei-
tende in den Drogenkonsumräumen, sind diese Rahmenbedingungen immer wieder
eine Herausforderung, ergeben sich doch unnötige gesundheitsschädigende oder gar
lebensbedrohliche Situationen. Drugchecking könnte Klarheit über Substanzen ver-
62
Kerstin Dettmer, Wolfgang Schneider
schaffen, wenn unbekannte/unerwünschte Wirkungen auftreten und sollte ein Stan-
dardangebot in Drogenkonsumräumen sein, solange Substanzen konsumiert werden
müssen, deren tatsächliche Zusammensetzung völlig unbekannt ist. Ziel sollte jedoch
eine regulierte Abgabe von zurzeit illegalisierten Drogen sein. Erst dadurch ließen sich
Risiken, die durch unklare Qualitäten der Substanzen entstehen, sicher vermeiden.
Aus fachlicher Sicht ist der Ausschluss bestimmter Personengruppen, wie z. B. Men-
schen die sich in ärztlicher Substitutionsbehandlung befinden, eine Katastrophe. Einer
hochgradig gefährdeten Personengruppe wird ein Angebot vorenthalten, das Leben
retten kann. Die Politik sollte hier endlich – NRW hat gezeigt, dass das möglich ist
fachlich begründete Entscheidungen treffen und nicht in alten drogenpolitischen Ideo-
logien verharren!
Literatur
Aktuell gültige Rechtsverordnung in Berlin, online verfügbar unter: http://fixpunkt-berlin.de/filead-
min/user_upload/PDF/DKR/rechtsverordnung.pdf.
Aktuell gültige Rechtsverordnung in NRW, online verfügbar unter: http://www.indro-
online.de/nrwrechtsverordnung.htm.
Drittes Gesetz zur Änderung des Betäubungsmittelgesetzes (Drittes BtMG-Änderungsgesetz - 3.
BtMG-ÄndG) vom 28. März 2000. Hier: Dokumentation des § 10a BtMG (Erlaubnis für den
Betrieb von Drogenkonsumräumen), online verfügbar unter: http://www.indro-online.de/
btmg10.htm.
Standorte und Informationen zu Drogenkonsumräumen in Deutschland, online verfügbar unter:
www.Drogenkonsumraum.net
Stellungnahme des Bundesarbeitskreis Drogenkonsumräume zu Zulassungsbeschränkungen nach
RVO vom 12.09.2014, online verfügbar unter: http://fixpunkt-berlin.de/fileadmin/user_upload/
PDF/DKR/Bundes-AK_Drogenkonsumraeume_Stellungnahme_RVO_14_09_12.pdf.
63
1.8 | Rauschkontrolleure und das
Legalitätsprinzip – Polizeiliche
Perspektiven zu Drogen und
Drogenkriminalität
Svea Steckhan
Zusammenfassung
Das Legalitätsprinzip erfordert im Bereich des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) ein konse-
quentes Einschreiten der Polizei auch auf der Konsum- und der unteren Handelsebene. Nicht
alle Polizeibeamt_innen können sich mit diesem Vorgehen identifizieren und bewerten ihre
Arbeit als nicht- oder sogar kontraproduktiv. Die Polizeibeamt_innen entwickeln deshalb ver-
schiedene Strategien, um einen Umgang damit zu finden, und fordern darüber hinaus auch
alternative politische und justizielle Maßnahmen, wie z. B. die Überführung von Teilen des
BtMG in das Ordnungswidrigkeitengesetz (OwiG) oder eine Teillegalisierung von Cannabis.
Einleitung
Einige ausgewählte Rauschsubstanzen sind in Deutschland illegal und müssen von der
Polizei strafrechtlich verfolgt werden. Als strafbar gelten dabei Besitz, Handel, Ein-
fuhr, Anbau und die Herstellung der sogenannten Betäubungsmittel, lediglich der
Konsum ist nicht strafbar (§§ 29 ff. BtMG). Die Polizei unterliegt überdies dem Lega-
litätsprinzip 163 StPO), welches besagt, dass Staatsanwaltschaft und Polizei zur
Erforschung und Verfolgung von Straftaten verpflichtet sind. Demnach müssen Poli-
zeibeamt_innen gemäß BtMG bei Verdacht auf Besitz, Erwerb, Handel oder Anbau
von illegalisierten Drogen einschreiten und eine Anzeige schreiben, damit sie sich nicht
selbst strafbar machen. Nicht alle Polizeibeamt_innen können sich mit diesem Vorge-
hen identifizieren und bewerten ihr Vorgehen als nicht- oder sogar kontraproduktiv.
Der vorliegende Aufsatz stellt Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt „Organisierte
Kriminalität zwischen virtuellem und realem Drogenhandel (DROK)“ vor. Um poli-
zeiliche Perspektiven zu Drogen und Drogenkriminalität zu ermitteln, wurden Polizei-
beamt_innen befragt, die in der Drogenfahndung tätig sind oder es einst waren und
nun an deutschen Polizei(fach)hochschulen lehren.1Als empirische Grundlage dienten
darüber hinaus teilnehmende Beobachtungen drogenpolitischer Veranstaltungen im
1
Hierzu wurden qualitative Expert_inneninterviews durchgeführt, die aus einem ersten narrativen Teil
und einem anschließenden halbstandardisierten Befragungsabschnitt bestanden. Konnte ein mündliches
Interview nicht realisiert werden, füllten die Expert_innen einen halbstandardisierten Fragebogen aus.
64
Svea Steckhan
Raum Hamburg sowie Statements polizeilicher Vertreter_innen in der Presse. Das
methodische Vorgehen orientierte sich an der Methodologie der Grounded Theory (z.
B. Strauss/Corbin 1990).
Produktivität der polizeilichen Arbeit von Rauschkontrolleuren
Die Bewertung der polizeilichen Arbeit als nicht- oder kontraproduktiv bezieht sich
vornehmlich auf den Strafverfolgungszwang bei Drogenbesitz. Da auch Konsumieren-
de in der Regel Drogen besitzen, erfordert das Legalitätsprinzip Konsumierende bei
Verdacht auf Drogenbesitz strafrechtlich zu verfolgen.
a) Bewertung als kontraproduktiv
Ich weiß, wenn ich ihm das jetzt wegnehme, dann muss er wieder ne Oma
umhauen um sich was Neues kaufen zu können (Lehre B).
Wenn Polizeibeamt_innen mit dem Bewusstsein, dass eine abhängige Person sich mit-
tels Kriminalität Geld für neue Drogen beschaffen muss, Drogen konfiszieren sollen,
kann für sie der Eindruck entstehen, Kriminalität nicht nur nicht verhindern zu kön-
nen, sondern geradezu an ihrer Produktion beteiligt zu sein. Die eigene Tätigkeit wird
aus einer rein zweckrationalen2Betrachtung als kontraproduktiv bewertet.
Der Konsument ist in erster Linie krank und erst in zweiter Linie Straftäter
(Lehre A).
Lass uns ihn nicht als Kriminellen, sondern mal als Kranken betrachten und ich
nehm ihm gerade seinen Stoff seine Medikamente weg (Lehre B).
Hingegen spielt bei einer wertrational begründeten Kontraproduktivitätshaltung das
Bild von Abhängigen eine zentrale Rolle. Wenn Abhängige als „krank“ und nicht als
„Straftäter_in“ betrachtet werden, kann es zu einem inneren Konflikt der jeweiligen
Polizeibeamt_innen kommen, wenn diese Abhängige wie Straftäter_innen behandeln,
anzeigen und die dringend benötigten „Medikamente“ wegnehmen müssen. Auch
wenn Anzeigen gegen Konsumierende illegalisierter Drogen von der Staatsanwalt-
schaft später folgenlos eingestellt werden, sind die Beamt_innen gezwungen, gegen-
über Konsumierenden entsprechende Maßnahmen zu treffen. Das Schreiben einer
Anzeige wird in diesem Fall moralisch in Frage gestellt.
Auf jedem Schulhof können Sie alles kriegen, vor allem Cannabisprodukte,
dann lass uns doch aufhören die jungen Menschen zu kriminalisieren. Wozu?
Bringt ja nichts, ich halte sie davon nicht ab (Lehre B).
2
In Anlehnung an Max Weber wird mit zweckrational ein rationales Abwägen verstanden, während wert-
rational einer ethischen Betrachtung gleichkommt (Weber 1922: 17).
65
1.8 | Rauschkontrolleure und das Legalitätsprinzip – Polizeiliche Perspektiven zu Drogen und Drogenkriminalität
Durch die Zuschreibung einer Droge, wie z. B. Cannabis, als gesellschaftlich etabliert,
kann die Verfolgung der Drogenkonsumierenden aus einer zweckrationalen Begrün-
dung als nutzlos angesehen und in einem wertrationalen Verständnis als Kriminalisie-
rung bestimmter Gesellschaftsgruppen („junge Menschen“) eingestuft werden.
b) Bewertung als nichtproduktiv
Eine Nichtproduktivitätshaltung kann aus einer rein zweckrationalen Begründung
entstehen, wenn die eigene Arbeit als ziel- oder sinnlos empfunden wird, z. B. wenn
die eigenen Arbeitsleistungen keine weitere Verwendung mehr finden und die eigene
Arbeit als Ressourcenverschwendung vernommen oder die Zielstellung als unrealis-
tisch wahrgenommen wird.
Im Vergleich mit Kontraproduktivität als dem Ziel entgegenwirkendes Handeln
taucht Nichtproduktivität insbesondere dann auf, wenn polizeiliche Strategien ins
Leere laufen, da die Justiz sehr liberal handelt. Toleranz lässt die Justiz unter anderem
vornehmlich walten, wenn es um minderschwere Übertretungen des BtMG geht und
nur geringe Mengen Betäubungsmittel involviert sind (§ 31a BtMG), unabhängig
davon, ob es sich um Konsum- oder Handelsdelikte handelt. Infolgedessen wird der
auf Verfolgungszwang basierte Einsatz polizeilicher Ressourcen im Vorfeld als Zeit-
verschwendung betrachtet oder sogar als „Arbeiten für die Tonne“ (Lehre I) oder
„Verfahren für den Papierkorb“ (Lehre E).
Zweitens ob ich die Anzeige fertige oder nicht [schnippst] weggeschmissene
Zeit da passiert eh nichts bei so nem bisschen (Lehre B).
Auch der Arbeitsaufwand, der durch die Strafverfolgungspflicht im Bereich des Stra-
ßenhandels für die Polizei und die Justiz entsteht, wird als immens eingestuft und kann
als nichtproduktiv bewertet werden. Aus polizeilicher Sicht kann der Eindruck entste-
hen, dass der Polizei politisch die Verantwortung für einen Bereich zugeschoben wird,
der sie unter der Bedingung einer liberalen Handhabung durch die Justiz nicht gerecht
werden kann. Eine Nichtproduktivitätshaltung aufgrund einer wahrgenommen Ergeb-
nislosigkeit der eigenen Leistungen wird noch dadurch verstärkt, dass die Erwartun-
gen an die Polizei von den Polizeibeamt_innen nicht erfüllt werden können, wie z. B.
dafür zu sorgen, dass keine Dealenden in der Öffentlichkeit wahrnehmbar sind. Eine
uniformierte Präsenz wird nur als Möglichkeit für eine meist kurzfristige Verdrängung
einer Kleinhandelsszene bewertet. Polizeiliche Erfolge in Form von Festnahmen finden
aus polizeilicher Sicht im Verborgenen – in „zivil“ – statt, können allerdings als nicht
fruchtbar wahrgenommen werden, wenn die justizielle Antwort als zu milde einge-
schätzt wird. Eine stärkere Ausnutzung des verfügbaren Strafrahmens wird dabei
allerdings nicht unbedingt als alternative Maßnahme bevorzugt.
Strategien und Verbesserungsvorschläge von Polizeibeamt_innen
Liegt eine Haltung der Kontra- oder Nichtproduktivität der eigenen Arbeit bei Poli-
zeibeamt_innen vor, tauchen verschiedene Strategien auf, einen Umgang damit zu fin-
66
Svea Steckhan
den. Die Strategien zielen entweder darauf ab, einen Weg zu finden, die Ambiguität
der Strafverfolgung von Betäubungsmitteldelikten zwischen Kontra- oder Nichtpro-
duktivität und Strafverfolgungszwang a) auszuhalten, b) zu verringern oder sie c) ganz
aufzulösen, indem Verbesserungsvorschläge für einen polizeilichen oder gesellschaftli-
chen Umgang mit Drogen und Drogenkriminalität gemacht werden.
a) Ambiguität aushalten
Wenn ich dann irgendwo einen Joint rauchen sehe dann stürze ich mich nicht
auf ihn das ist nicht mein Ziel […] und alles kann ich eben halt auch nicht sehen
und ich denke dass die meisten anderen ähnlich handeln (Praxis B)
Eine Strategie, die das Aushalten der Ambiguität ermöglicht, kann das Übersehen
sowohl auf der individuellen als auch auf der institutionellen Ebene sein. Auf indivi-
dueller Ebene bezieht sich ein Übersehen auf die Wahrnehmung von Konsumdelikten,
d. h. wenn ein aktuell stattfindender oder unmittelbar bevorstehender Konsum Dro-
genbesitz vermuten lässt oder sogar Drogen in geringen Mengen in Besitz einer Person
gefunden werden, greift die Strategie des Übersehens und die Straftat wird ignoriert.
Polizei ist halt verpflichtet und muss dann halt gucken dass im Rahmen der
Möglichkeiten was hab ich an Personal- und Sachressourcen wo […] kann ich
mich jetzt nicht mehr so intensiv kümmern (Lehre A).
Übersehen kann auch bedeuten, dass eine interne Anweisung gegeben wird, die Wahr-
nehmung auf bestimmte Bereiche nicht zu fokussieren, oder in einer institutionalisier-
ten Form stattfinden, wenn im Sinne des Ressourcenmanagements Prioritäten auf z. B.
Drogenarten oder (höhere) Handelsebenen gesetzt werden.
Das ist wie Räuber und Gendarm spielen was nachher da juristisch raus kommt
da gucken wir lieber nicht so genau hin, das könnte dann doch eher die Frage
aufwerfen und dafür den ganzen Aufwand? So also egal was da nachher bei
rauskommt ich hab meinen Erfolg dabei wir haben ihn erwischt (Praxis B)
Eine weitere Strategie, die auf das Aushalten einer Ambiguität abzielt, kann außerdem
der Fokus auf den Spaß an der alltäglichen Arbeit sein, um z. B. eine wahrgenommene
Nichtproduktivität auszublenden. Die Motivation wird daraus gezogen, dass eine zu
verfolgende Person „erwischt“ wird, die Tätigkeit erhält die Konnotation eines Fan-
genspiels. Was mit dem eigenen Arbeitsergebnis passiert, wird ausgeblendet, um ein
Infragestellen des Arbeitsaufwands zu verhindern.
Strategien, wie das Übersehen oder das Ausblenden, können innerhalb der politi-
schen Rahmenbedingungen verfolgt werden und vermögen kurzfristig ein Kontra-
oder Nichtproduktivitätsgefühl zu lindern. Es handelt sich dabei nicht um Strategien,
die auf eine Veränderung der Ursachen für eine Ambiguität zwischen einer Kontra-
oder Nichtproduktivitätshaltung und der Strafverfolgung von Delikten im Bereich der
Betäubungsmittelkriminalität abzielen. Diese auf eine kurzfristige Lösung zielenden
Strategien werden deshalb subsumiert unter ein Aushalten der Ambiguität.
67
1.8 | Rauschkontrolleure und das Legalitätsprinzip – Polizeiliche Perspektiven zu Drogen und Drogenkriminalität
b) Ambiguität verringern
Prävention ist ein riesen Stichwort, muss natürlich sein. Da hat die Polizei frü-
her auch in der Präventionsarbeit mitgewirkt […] war nach meiner Einschät-
zung eigentlich auch ganz erfolgreich (Lehre A)
Wenn Therapie und Hilfe vorrangig als Antworten auf negative Folgen eines Drogen-
konsums gesehen werden, kann eine Möglichkeit auch eine polizeiinterne Aufgaben-
verschiebung in Richtung Prävention sein. Obgleich die Polizei in erster Linie die Auf-
gabe der Repression hat, entwickelte sich vor einigen Jahrzehnten ein Ansatz inner-
halb der Polizei, der auf eine Drogenprävention durch Aufklärung setzte. Diese poli-
zeiliche Prävention wird als erfolgreich bewertet, wenn die Prävention grundsätzlich
als bevorzugtes Mittel begriffen wird, um negativen Folgen von Drogenkonsum
gesamtgesellschaftlich vorzubeugen. Vor dem Hintergrund dieser Annahme stellt die
polizeiliche Prävention eine Strategie dar, die als Verringerung der Ambiguität
bezeichnet werden kann. Weiterhin müssen Polizeibeamt_innen aufgrund des Legali-
tätsprinzips den Besitz von Drogen verfolgen, jedoch wird mit einem Teil der Ressour-
cen ein Vorgehen außerhalb der Strafverfolgung unterstützt. Gleichzeitig könnte mit
einer polizeilichen Prävention die Hoffnung verbunden sein, dass sich der Kreis an
durch Drogen auffällig gewordenen Straftäter_innen verkleinert.
c) Ambiguität auflösen
Wird das polizeiliche Vorgehen auf der Konsum- oder auch der unteren Handelsebene
aufgrund des Strafverfolgungszwangs als kontra- oder nichtproduktiv bewertet, kann
eine Strategie darin liegen, eine Auflösung der Ambiguität zu bemühen, indem politi-
sche oder justizielle Maßnahmen gefordert werden, die die Situation für die Polizei
verbessern.
Dabei dominiert die Forderung danach, bestimmte Bereiche des BtMG aus dem
Strafgesetz in das Ordnungswidrigkeitengesetz (OwiG) zu überführen, damit das
Opportunitätsprinzip greift, sodass ein polizeiliches Einschreiten nicht von Gesetzes
wegen erforderlich ist.
Was meiner Meinung nach sehr klug ist, ist die holländische Lösung mit dem
Opportunitätsprinzip […] weil das erlaubt es mir einzuschreiten, ich muss aber
nicht (Lehre E)
Mit dem Opportunitätsprinzip wird nicht nur eine Entlastung polizeilicher Ressour-
cen verknüpft, gleichzeitig hat die Polizei weiterhin die Möglichkeit, ein gewisses Maß
an Kontrolle auszuüben. Die Entscheidung, unter welchen Umständen die Verfolgung
eines Drogenkonsums sinnvoll ist, obliegt dann allein der Polizei, ein polizeiliches Ein-
schreiten ist möglich, aber nicht verpflichtend. Eine Überführung in das OwiG wird
nicht unbedingt als Mittel gesehen, gesamtgesellschaftliche Veränderungen hervorzu-
rufen, da angenommen wird, dass es einzelne Beamt_innen geben wird, die möglicher-
weise entsprechend der kulturellen Linie in ihrem Bundesland weiterhin eine konse-
quente Strafverfolgung betreiben. Eine Veränderung wird z. B. in bestimmten Bundes-
68
Svea Steckhan
ländern wie Hessen und Hamburg erwartet, nicht aber in Bayern oder Baden Würt-
temberg. Eine liberale Handhabung auf der Konsum- und Handelsebene, wie sie
bestimmten Bundesländern zugeschrieben wird, würde mit dem Opportunitätsprinzip
einen rechtlichen Rahmen bekommen. Nicht nur würden die Drogenkonsumierenden
nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden und auf diese Weise entkriminalisiert, auch
den Beamt_innen, die ein Einschreiten zumindest situationsbedingt für kontra- oder
nichtproduktiv oder auch nicht angemessen halten, droht keine Strafe mehr. Diese
Forderung wird vermutlich vor der Überzeugung erhoben, dass das Verbot einer Dro-
ge eine abschreckende Wirkung hat und eine Legalisierung einen Konsumanstieg
bewirkt.
Ich könnte mir auch vorstellen dass wir, wenn bestimmte Regeln eingehalten
werden, Cannabisprodukte zum Beispiel legal verkaufen (Lehre B)
Eine Legalisierung aller Drogen ohne Einschränkung wird abgelehnt, jedoch werden
auch innerhalb der Polizei Formen der Entkriminalisierung im Bereich des BtMG dis-
kutiert, die sich auf die Handlungen für den eigenen Konsum, wie z. B. Besitz und
Erwerb, beziehen und/oder nur bestimmte Drogenarten betreffen.
Speziell bei Cannabis wird zunehmend auch aus den Reihen der Polizei eine Entkri-
minalisierung des Drogenbesitzes und sogar des -erwerbs gefordert. Neben der Belas-
tung polizeilicher Ressourcen spielt hier auch die Bewertung der polizeilichen Verfol-
gung von Cannabiskonsumierenden als Kriminalisierung eine Rolle. Cannabiskonsum
gilt dann besonders bei jüngeren Generationen als etabliert und nicht vermeidbar.
Sogar eine kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene ist denkbar.
Die Prohibition in den zwanziger Jahren hat nichts anderes gemacht als eine
riesen OK Welle (Lehre E)
Obgleich keine vollständige Gewissheit darüber besteht, dass eine Legalisierung der
richtige Weg sei, zählt als gewichtiges Argument für die Legalisierung, dass der der-
zeitige Weg über die Prohibition „mit Sicherheit der falsche“ sei (Dirk Peglow, Frank-
furter Rundschau, 18.11.2014). Der sogenannte Kampf gegen Drogen gilt als verloren
und die Prohibition als Ursache für Organisierte Kriminalität.
Ne kontrollierte Abgabe an Schwerstabhängige zum Beispiel, Originalstoffver-
gabe, dass wir ihnen ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen, könnte ich
mir vorstellen (Lehre B)
Für diejenigen, die die strafrechtliche Verfolgung von Abhängigen aus einer wertratio-
nalen Begründung als kontraproduktiv bewerten, kann die Teillegalisierung von
Heroin in Form einer Originalstoffvergabe an schwer Abhängige als Lösung betrach-
tet werden. Diese Strategie wird nicht nur als menschenwürdiger gesehen, sondern
auch als Möglichkeit die Beschaffungskriminalität einzudämmen und letztlich polizei-
liche Ressourcen einzusparen.
69
1.8 | Rauschkontrolleure und das Legalitätsprinzip – Polizeiliche Perspektiven zu Drogen und Drogenkriminalität
Dann würde ich mir wünschen dass einfach mehr Spielraum auch gesetzlich
oder kriminalpolitisch bleibt um mal Versuche zu starten, Feldversuche, nicht
so diese streng dogmatische Geschichte, sondern dass man einfach sagt wir pro-
bieren einfach mal (Lehre B)
Die Bewertung der Polizeiarbeit als kontraproduktiv kann insgesamt zu dem Wunsch
nach mehr rechtlichem Spielraum führen, um alternative Lösungen zu finden.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich schließen, dass auch innerhalb der Polizei der Druck
wächst, einen alternativen gesellschaftlichen Umgang mit Drogen und Drogenkrimi-
nalität zu finden, der in erster Linie einer Optimierung polizeilicher Ressourcen dient.
Insbesondere die Überführung von Teilen des BtMG in das OwiG, bei dem das
Opportunitätsprinzip Anwendung findet, wird aus polizeilicher Sicht als sinnvolle
Alternative zu dem aktuell vorherrschenden Strafverfolgungszwang betrachtet. Die
Polizei hätte dann die Möglichkeit, Verstöße, die z. B. im Zusammenhang mit Dro-
genkonsum stehen, einzelfallabhängig zu ignorieren und dadurch freigewordene poli-
zeiliche Ressourcen in anderen Bereichen einzusetzen. Aber auch die Entkriminalisie-
rung des Besitzes und Erwerbes von Cannabis wird öffentlich von einigen
Vertreter_innen der Polizei gefordert, hauptsächlich um ein effizienteres Management
polizeilicher Ressourcen zu erreichen.
Literatur
Strauss, A./Corbin, J. (1996): Grounded Theory: Grundlagen Qualitativer Sozialforschung, Wein-
heim.
Weber, M. (1922): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Frankfurt am
Main.
70
1.9 | Mitarbeiter_innen in Kontaktläden als
„Rädchen im Getriebe von
irgendeinem System“? – Drogenrecht
und -politik als Arbeitsbelastung in
Kontaktläden
Daniela Molnar
Zusammenfassung
Rechtliche und politische Vorgaben beeinflussen maßgeblich die Arbeit in Kontaktläden der
niedrigschwelligen Drogenhilfe, so dass sie selbst als Arbeitsbelastungen betrachtet werden kön-
nen. Dieser Zusammenhang wird in drei Schritten verdeutlicht: Zunächst werden die negativen
Auswirkungen von Drogenrecht und -politik auf Klient_innen mit ihren Folgen für Mitarbei-
tende beleuchtet, anschließend wird dargestellt, wie sie Handlungsmöglichkeiten begrenzen und
abschließend werden die direkten Auswirkungen von Recht und Politik auf Mitarbeiter_innen
in den Fokus gerückt.
Drogenhilfe gilt als ein Arbeitsfeld, das Mitarbeiter_innen vor vielfältige und intensive
Anforderungen und Belastungen stellt, die sich u. a. durch die spezifische Klientel,
Konflikte und Grenzsituationen im Arbeitsalltag und fachliche Ansprüche ergeben.
Pädagogische Praxis steht jedoch immer auch in Abhängigkeit zu ihren Umgebungs-
faktoren, so werden bspw. die Arbeitsfelder der Drogenhilfe mit ihren jeweiligen Aus-
gestaltungen in weiten Bereichen über ihre Rahmenbedingungen konstituiert: Rück-
halt durch kommunale Entscheidungsträger_innen sowie finanzielle und personelle
Ausstattung und normative gesellschaftliche Vorstellungen des angemessenen
Umgangs mit der Klientel sowie vom ‚richtigen’ Leben fließen in die Arbeit ein. Maß-
geblich in der Drogenhilfe sind insbesondere politische und rechtliche Rahmenbedin-
gungen, die festlegen, was erlaubt und was verboten, was möglich und was unmöglich
ist. Über diesen Weg werden politische und rechtliche Rahmenbedingungen selbst zur
Arbeitsanforderung für Mitarbeiter_innen in der Drogenhilfe, mit der sie zu Recht-
kommen müssen. Auf diese Thematik wird hier in Bezug auf die Arbeitssituation von
Mitarbeitenden in Kontaktläden der niedrigschwelligen Drogenhilfe eingegangen.
Grundlage dieses Artikels sind die vorläufigen Ergebnisse einer qualitativen Studie, für
die 16 Mitarbeiter_innen von Kontaktläden in Bayern und Hessen im Hinblick auf die
Fragestellung, welche Arbeitsanforderungen und -belastungen sie erleben, interviewt
wurden.
71
1.9 | Mitarbeiter_innen in Kontaktläden als „Rädchen im Getriebe von irgendeinem System“?
Kontaktläden zeichnen sich dadurch aus, dass sie möglichst geringe Hürden zur
Inanspruchnahme von Hilfen bereithalten, ohne Änderungsanspruch an Klient_innen
herantreten, bedürfnis- und lebensweltnah orientiert und offen strukturiert sind: „Die
Leute wissen, okay, wir sind da. Und dann kommen sie halt mit ihren Sachen“1(Mol-
nar 2015). Das Angebotsspektrum reicht von lebenspraktischen Maßnahmen wie dem
Bereitstellen von Nahrungsmitteln über schadensminimierende Angebote, etwa Sprit-
zentausch, bis zu komplexen Beratungsprozessen inklusive der Vermittlung in andere
Hilfeangebote. Die Kontaktladenbesucher_innen werden in ihrer Lebenssituation
begleitet.
In Kontaktläden, deren Klientel in der Regel aktuelle Gebraucher_innen illegalisier-
ter Substanzen sind, spielen politische und rechtliche Bestimmungen zur Drogen(hil-
fe)politik und deren konkrete Umsetzung eine maßgebliche Rolle, da sie vorgeben,
was Klient_innen und Mitarbeiter_innen (nicht) dürfen und damit auch festlegen, was
gewünscht und was unerwünscht ist: „Eine wesentliche Aufgabe von Drogenpolitik ist
die Festlegung von Substanzen und Substanzformen als sozialverträglich bzw. als
inakzeptabel oder illegal“ (Schmidt/ Hurrelmann 2000:17). Die Gesetzgebung bein-
haltet also eine normsetzende und -bestätigende Funktion. Klient_innen niedrig-
schwelliger Drogenhilfe konsumieren in der Regel nicht ‚sozialverträglich’, ihr (Kon-
sum-)Verhalten entspricht nicht der gesetzlichen, politischen und gesellschaftlichen
Norm und wird in der Folge u.a. strafrechtlich über das Betäubungsmittelgesetz
(BtMG) sanktioniert.2Mitarbeitende niedrigschwelliger Drogenhilfe stellen sich,
bspw. im ‚Positionspapier von Trägern und MitarbeiterInnen der deutschen Drogen-
hilfe zur Drogenpolitik’ (Palette e.V. o. J.), immer wieder offensiv gegen die praktizier-
te Drogenverbotspolitik, um die Interessen ihrer Klient_innen zu vertreten. Allerdings
wirkt sich der drogenrechtliche und -politische Rahmen nicht nur auf Klient_innen der
niedrigschwelligen Drogenhilfe negativ aus, er kann in seinen mittelbaren und unmit-
telbaren Auswirkungen auch als belastender Faktor für Mitarbeitende erlebbar sein.
Dieser Zusammenhang wird auf drei Ebenen beleuchtet: Erstens wird der Blick auf
Auswirkungen der drogenrechtlichen und -politischen Rahmenbedingungen für
Klient_innen geworfen, die Mitarbeiter_innen über ihren Kontakt mit Klient_innen
und deren Lebenswelten erleben. Zweitens wird aufgezeigt, wie die rechtliche und
politische Rahmung Einfluss auf di