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Prekäre Wissensarbeit im akademischen Kapitalismus

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Abstract

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine der großen Zeitungen oder andere Medien das Leid der akademischen Beschäftigten thematisieren. Herzzerreißende Geschichten erzählen von höchstqualifizierten Spezialist*innen im Alter zwischen 35 und 50, die sich mit Kettenverträgen und Teilzeitstellen kürzester Laufzeit herumschlagen oder in der Blüte ihres Berufslebens gezwungen sind, aus der Wissenschaft auszusteigen und – eigentlich viel zu spät – beruflich noch einmal von vorn zu beginnen. Sie erzählen vom ewig aufgeschobenen Kinderwunsch, der sich mit der völlig unsicheren Einkommenssituation und der geforderten Mobilität schlecht verträgt, von unbezahlter Arbeit, von Stress, kurz: von hochgradig prekären Beschäftigungsverhältnissen. Und doch erzählen sie zugleich von nicht enden wollendem Engagement und grenzenloser Begeisterung der ‚Betroffenen‘, die mit Leib und Seele Wissenschaft betreiben (wollen). Die paradoxe Situation dieser oft als ‚Nachwuchs‘ infantilisierten, aber ansonsten durchaus sehr erwachsenen prekär-mobilen Wissens- und Bildungsarbeiter*innen spitzt sich im Prozess der Ökonomisierung der Hochschulen zum „akademischen Kapitalismus“ (Münch 2011) zu. Diese Situation soll eingangs umrissen und hinsichtlich der Auswirkungen für Beschäftigte und die Wissenschaft befragt werden (2), um auf dieser Basis zu erörtern, welche Möglichkeiten der Erringung von Handlungsmacht für sie bestehen (3). Die dabei auftretenden Herausforderungen, insbesondere die gering ausgeprägte Konfliktfähigkeit und die niedrigen Anspruchsniveaus, sowie darauf abgestimmte Organisierungsansätze sollen vor allem am Beispiel der Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und weiteren Organisierungsansätzen im akademischen Mittelbau dargestellt und problematisiert werden. Es geht also um die Frage, wie sich das akademische Prekariat unter widrigen Umständen organisieren kann.
1
Der Beitrag erschien zuerst im Mai 2016 in drei Teilen auf dem „Sozblog“ der Deutschen
Gesellschaft für Soziologie:
http://soziologie.de/blog/2016/05/prekaere-wissensarbeit-teil-1/
http://soziologie.de/blog/2016/05/prekaere-wissensarbeit-teil-2/
http://soziologie.de/blog/2016/05/prekaere-wissensarbeit-teil-3/
Prekäre Wissensarbeit im akademischen
Kapitalismus
Strukturen, Subjektivitäten und Organisierungsansätze in Mittelbau und
Fachgesellschaften
Peter Ullrich, Berlin
1 Vom Leiden des „Nachwuchses“
Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine der großen Zeitungen oder andere Medien
das Leid der akademischen Beschäftigten thematisieren. Herzzerreißende Geschichten
erzählen von höchstqualifizierten Spezialist*innen im Alter zwischen 35 und 50, die
sich mit Kettenverträgen und Teilzeitstellen kürzester Laufzeit herumschlagen oder in
der Blüte ihres Berufslebens gezwungen sind, aus der Wissenschaft auszusteigen und
eigentlich viel zu spät beruflich noch einmal von vorn zu beginnen. Sie erzählen vom
ewig aufgeschobenen Kinderwunsch, der sich mit der völlig unsicheren
Einkommenssituation und der geforderten Mobilität schlecht verträgt, von
unbezahlter Arbeit, von Stress, kurz: von hochgradig prekären
Beschäftigungsverhältnissen. Und doch erzählen sie zugleich von nicht enden
wollendem Engagement und grenzenloser Begeisterung der Betroffenen, die mit Leib
und Seele Wissenschaft betreiben (wollen).
Die paradoxe Situation dieser oft als ‚Nachwuchs‘ infantilisierten, aber ansonsten
durchaus sehr erwachsenen prekär-mobilen Wissens- und Bildungsarbeiter*innen
spitzt sich im Prozess der Ökonomisierung der Hochschulen zum „akademischen
Kapitalismus“ (Münch 2011) zu. Diese Situation soll eingangs umrissen und hinsichtlich
der Auswirkungen für Beschäftigte und die Wissenschaft befragt werden (2), um auf
dieser Basis zu erörtern, welche Möglichkeiten der Erringung von Handlungsmacht für
sie bestehen (3). Die dabei auftretenden Herausforderungen, insbesondere die gering
ausgeprägte Konfliktfähigkeit und die niedrigen Anspruchsniveaus, sowie darauf
abgestimmte Organisierungsansätze sollen vor allem am Beispiel der Initiative „Für
Gute Arbeit in der Wissenschaft“ in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie und
weiteren Organisierungsansätzen im akademischen Mittelbau dargestellt und
2
problematisiert werden. Es geht also um die Frage, wie sich das akademische Prekariat
unter widrigen Umständen organisieren kann.
2 Die feudale Hochschule im akademischen Kapitalismus
1
2.1 Politisch geschaffene Reservearmee
Dass wir in einer Wissensgesellschaft leben, in der Wissen und Bildung zu den
herausragenden normativen Bezugsgrößen und wichtigsten Produktivkräften gehören,
ändert nichts daran, dass zu den faktischen Produktionsbedingungen dieses Wissens
eine institutionalisierte Prekarität der Beschäftigung gehört. Akademische Tätigkeit ist
geprägt von personalisierten Abhängigkeiten, Beschäftigungsunsicherheit, mangelnder
Planbarkeit und fehlenden Perspektiven. Etwa 80 Prozent der akademischen Stellen
gehören zum sogenannten Mittelbau. Dauerstellen unterhalb der Professur gibt es
im Gegensatz zu Daueraufgaben an den Hochschulen aber fast nicht mehr, ihr Anteil
ist in den vergangenen Jahren immer mehr gesunken. Im Jahr 2011 hatten nur noch
etwa 13 Prozent der wissenschaftlichen und künstlerischen Mitarbeiter*innen eine
unbefristete Vollzeitstelle (Brugger, Threin, und Wolters 2013, 29 ff.). Die Hälfte der
Beschäftigten hat Verträge mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr. Verträge die länger
als zwei Jahre laufen (11 % an Hochschulen, 18 % an außeruniversitären
Forschungseinrichtungen), stellen mittlerweile schon Ausnahmen dar (Jongmanns
2011, 73). Viele dieser Verträge sind nicht nur befristet, sondern zugleich oft
unfreiwillig auch noch geteilt. Bei manchen Gruppen, wie Doktorand*innen wird als
Standard eine halbe oder eine 2/3-Stelle als angemessen empfunden. Doch auch
Postdoc-Stellen und mittlerweile sogar Professuren werden befristet und als
Teilzeitstellen ausgeschrieben. Reguläre Stellen sind aber immerhin noch
sozialversicherungspflichtig oder führen zu Rentenanwartschaften; das gilt jedoch
nicht für die sich mehr und mehr durchsetzenden Stipendien. Daneben etablieren sich
Hochdeputatsstellen wie die „Lehrbeauftragten für besondere Aufgaben“, die von
einer exzessiven Lehr- und Prüfungsbelastung erdrückt werden und daneben keinerlei
Zeit für andere Tätigkeiten wie Forschung haben. Noch schlechter geht es vielen
Lehrbeauftragten, die häufig gänzlich unbezahlt tätig sind, weil sie Lehrerfahrungen
sammeln wollen oder sich diese Ausbeutung als Eintrittsbillet oder Fuß in der Tür
schönreden. Ähnlich verhält es sich mit der in Deutschland wohl einmaligen Titellehre,
die jährlich abzuleisten die meisten Privatdozent*innen verpflichtet sind, wenn sie ihre
1
In Bezug auf die Darstellung der Karriereperspektiven des Mittelbaus, insbesondere
der Wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen, folge ich in diesem Abschnitt in weiten Teilen der
sehr guten und kompakten Darstellung von Rogge (2015b). Für einen umfassenderen Blick auf
die Hintergründe und Entwicklungstendenzen der Transformation des Wissenschaftssystems
zum „akademischen Kapitalismus“ vgl. Münch (2011) und Demirovic (2015).
3
Lehrerlaubnis und ihren Titel behalten wollen. Sie geht nicht mit einer Anstellung
einher, erfolgt ohne Bezahlung und infrastrukturelle Unterstützung.
Die Hauptursache für diese Misere ist die strukturelle Unterfinanzierung der
Hochschulen, deren Budgets und Stellenkontingente mit den stetig wachsenden
Studierendenzahlen nicht annähernd mithalten. Die Auswirkungen sind völlig
unzureichende Betreuungsrelationen und eine entsprechende Belastung von
Studierenden und Lehrenden.
2
Lehre und Forschung fallen auseinander, weil
finanzielle Aufwüchse vor allem im Bereich der außeruniversitären Forschung zu
verzeichnen sind (Münch 2011, 50). Auch die Abhängigkeit der Hochschulen von
externen Fördergeldern („Drittmittel“) steigt.
Auf der Ebene der Beschäftigung sorgt eine fest institutionalisierte Struktur extremer
Konkurrenz für hohe Kosten für die Beschäftigten und damit zugleich für ihre maximale
(Selbst-) Ausbeutung. Ein Kernproblem dieser Beschäftigungsstruktur ist neben der
Unterfinanzierung das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG). Dieses gliedert
einen großen Teil wissenschaftlicher Tätigkeiten aus dem Geltungsbereich des Teilzeit-
und Befristungsgesetzes aus, welches i. d. R. Befristungen über den Zeitraum von zwei
Jahren hinaus nicht gestattet. Stattdessen erlaubt es längere Befristung (zweimal sechs
Jahre) und beschränkt dadurch paradoxerweise reguläre wissenschaftliche Tätigkeit,
abgesehen von wenigen Ausnahmen, auf diese zwei Phasen nach dem
Studienabschluss und der Promotion. Wer länger bleibt, müsste entfristet werden
doch das vermeiden die Einrichtungen. Das einzige dadurch verbleibende Karriereziel
mit Perspektive ist die Professur. Doch die ist realistischer Weise für die meisten
Aspirant*innen schlichtweg nicht erreichbar. Der Wissenschaftsforscher Jan-Christoph
Rogge (2015b, 693) dazu:
Von 2003 bis 2013 ist der akademische Mittelbau an deutschen Universitäten []
von 120 545 auf 171 037, d. h. um 50 492 Personen (42 %) angewachsen. Die Zahl
der ordentlichen Professuren hingegen ist im gleichen Zeitraum nur um 1054 (8
%), von 21 129 auf 22 183, gestiegen. Zum Vergleich: 1995 gab es 104 721
Beschäftigte im Mittelbau und 20 429 Professuren. Während immer mehr
Personen eine wissenschaftliche Karriere beginnen können, die Basis der Pyramide
2
Auch auf den Aspekt der Lehre kann hier nicht vertieft eingegangen werden, obwohl
die vor allem mit dem Bologna-Prozess verbundenen Transformationsprozesse des
Hochschulstudiums zu tiefgreifenden Einschnitten führen. Sehr eindrücklich beschreibt Alex
Demirovic ( 2015, 20 f.) das gegenwärtige Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden als
„eine Art pädagogischen Krieg“, in dem die Studierenden dem wachsenden Druck vor allem
mit Findigkeit in der Aufwandsminimierung zu entfliehen versuchen und die Lehrenden dies als
narzisstische Kränkung erfahren und darum die Neigung zum polizeilichen Denken entwickeln.
4
sich also beständig verbreitert, wird die Zahl der Stellen an ihrer Spitze nahezu
konstant gehalten.“
Zur Verstärkung der Problematik dieses äußerst engen Flaschenhalses beim immer
späteren Übergang zur Dauerbeschäftigung hat neben dem WissZeitVG als
Grundstruktur auch die Exzellenzinitiative gehörig beigetragen, wie kürzlich die
Imboden-Kommission feststellte (Internationale Expertenkommission zur Evaluation
der Exzellenzinitiative 2016). Die Anzahl der Stellen und Stipendien für Graduierte und
Postgraduierte explodiert förmlich, während Anschlussoptionen für die meisten nicht
vorgesehen sind. Dieses Missverhältnis von befristeten und Dauerstellen, welches in
keinem vergleichbaren Land so stark ausgeprägt ist wie in der Bundesrepublik
(Konsortium Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs 2013, 82), schafft eine
Situation extremer Konkurrenz, in der Rogge den Arbeitsmarkt für
Wissenschaftler*innen auf dem Weg zum „Winner-take-all-Marktsieht. Nur wenige
können sich am Ende durchsetzen und erhalten den Gewinn, die Professur. Den
anderen verbleibt nur der Exit, allerdings in einer Lebensphase, in der man als
hochgradig spezialisierte*r Experte*in oft schon zu alt für einen Neubeginn ist.
Diese Situation der radikalen Ökonomisierung der Wissenschaft durch Inszenierung
eines verschärften Wettbewerbs, mithin der „akademische Kapitalismus“ (Münch
2011), verdankt sich nicht dem Wirken einer unglückseligen, unsichtbaren Hand,
sondern wissenschaftspolitischer Steuerung, die alles auf die Etablierung von
konkurrenzvermittelten Marktmechanismen als Motor der Wissenschaft setzte.
Folgenreich, auch und gerade für die Beschäftigten ist, dass ein solcher Markt nur ein
„Quasi-Markt“ ist. Es gibt im Grunde nur einen Abnehmer (den Staat) und zugleich ein
von eben diesem künstlich geschaffenes Überangebot an Verkäufer*innen in diesem
Marktsegment (Münch 2011, 17; Rogge 2015b). Die Überlagerung dieses
problematischen Stellenmarktes mit der hierzulande unklar geregelten
Qualifikationsbetreuung führt zu einer gewissen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Denn die Probleme des akademischen Kapitalismus, also des verschärften
Wettbewerbsmodells, überlagern sich hinsichtlich der Qualifikationsverläufe mit dem
alten, durch personalisierte Abhängigkeit geprägten Patronagemodell der
wissenschaftlichen Karriere (Münch, Beyer, und Massih-Tehrani 2015), welches man
wohl eher einem akademischen Feudalismus zurechnen müsste (vgl. Bérubé und Ruth
2015, 116). Das äußert sich beispielsweise in der Befürchtung, Doktoreltern‘ oder
wichtigen Fachvertreter*innen durch eigenständige Positionen oder berufspolitisches
Engagement zu missfallen. Die Folgen dieser Doppelbelastung sind insbesondere für
den Mittelbau immens.
2.2 Folgen für die Wissenschaft(ler*innen)
An den Hochschulen zeigt sich die Transformation im Wandel des Selbstverständnisses
und im Umbau der Organisationsstrukturen zur „unternehmerischen Universität“
5
(Münch 2009; Münch 2011, 68 ff.). In dieser wird die wissenschaftsimmanente
Steuerung (Kritik) durch Ansätze verdrängt, die sich am New-Public-Management
orientieren. Die unternehmerische Universität ist vor allem am Erreichen und
Überbieten nicht-inhaltlicher Kennziffern interessiert (im Blick auf Studierende,
Drittmittel, Patente, Preise, Publikationen usw.), die eine „Herrschaft der Zahlen“
(Münch 2011, 13) etablieren. Wichtiger als Erkenntnis ist im globalen Wettbewerb
der Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie auch auf
Ebene des global konkurrierenden Personals der objektivierbare numerische Erfolg
im Audit, der permanenten statistischen Qualitätssicherung („Audit-Universität“,
Münch 2011, 94 ff.). Diese Situation etabliert Temporalstrukturen, die mit
wissenschaftsinhärenter Argumentation nicht begründbar sind, stattdessen auf
schnelle, planbare und überschaubare Resultate hin orientieren. Die paradoxen
Auswüchse dieser Entwicklungen kommen deutlich in der dadurch notwendig
gewordenen und weiter wachsenden Simulation wissenschaftlicher Tätigkeit durch
bloße Geschäftigkeit (die aber messbare Resultate zeitigt) zum Ausdruck.
3
Zugespitzt
verdeutlicht sich dieses Paradox in der bei Wissenschaftsförderern derzeit beliebte
Förderkategorie ‚risikoreiche Forschung‘. Diese kleinen, gut dotierten und begehrten
Förderlinien offenbaren vor allem, welche Konzeption von normaler Wissenschaft
derzeit hegemonial zu sein scheint: sie ist nicht risikoreich, sie ist vorhersagbar und
damit instrumentell und geistig eng.
Wissenschaft als Beruf wird in dieser Transformation immer mehr zu einer harten
Auseinandersetzung auf einem eng umkämpften Terrain, zum Karrierejob‚, in dem
Stressresistenz und letztlich der Nachweis quantifizierbarer, äußerlicher
Erfolgsindikatoren mehr zählt als die Suche nach Wahrheit (Rogge 2015a). Für den
Karriereerfolg (also die Berufung auf eine Professur) ist die Durchsetzung des „Impact-
Faktor-Fetischismus“ (Fleck 2013) besonders folgenreich. Da die Anzahl der im Social
Sciences Citation Index gelisteten Publikationen mittlerweile, bspw. in der Soziologie,
den höchsten Prädiktor für Berufungen darstellt (Jungbauer-Gans und Gross 2013;
Lutter und Schröder 2014), richtet sich die CV-Arbeitan diesen Erfordernissen aus.
Die Wissenschaftler*innen ähneln in vielerlei Hinsicht Soloselbstständigen; ihre
Subjektivität ist die von Selbstunternehmer*innen (Bröckling 2007). Sie setzten auf
„individuelle Optimierungsstrategien“ (Fleck 2013, 616), die sich allerdings praktisch
als wenig individuell oder originell erweisen, wie die Orientierung an besonders hoch
gelisteten Publikationsorganen und das Verfolgen einer kaskadischen
Einreichungspraxis (Rogge 2015a, 209 f.). Der immense Publikationsdruck trägt zum
weiteren Aufblähen des akademischen Zeitschriftenmarktes bei, dessen Produkte
3
So muss immer mehr Zeit für die Entwicklung von Anträgen, deren Anpassung an
Ausschreibungen und wissenschaftsfremde Formalkriterien (bspw. Anzahl zu beteiligender
Länder) aufgewendet werden. Diese werden dann ggf. noch von Beratungsfirmen optimiert.
6
mehrheitlich weder gelesen noch zitiert werden. Ziel ist für viele der Verbleib in einem
System, das sie ausgebildet, weitergebildet, promoviert, habilitiert, zu
Wissenschaftler*innen par excellence gemacht hat, allerdings nur auf Zeit und um
äußerst spät die meisten doch wieder auszuschließen. Betroffen davon sind vor allem
diejenigen, die nicht auf exzellente Unterstützungsnetzwerke in der Hochschule und im
privaten Bereich setzen können. Denn „die Verschärfung des Wettbewerbs und die
künstliche Inszenierung von Markteffekten [führt] nicht zu mehr Effizienz, sondern zu
einem Bedeutungsgewinn sozialer Faktoren im Ausleseprozess“ (Rogge 2015b, 703).
3 Handlungshindernisse und Handlungsansätze im Mittelbau
3.1 Konfliktfähigkeit und Anspruchsniveaus Herausforderungen in
der Organisation des wissenschaftlichen Prekariats
Die beschriebene Situation ist also wissenschaftsfeindlich, da sie die akademische
Freiheit und die wissenschaftliche Rationalität untergräbt (Münch 2011; Demirović
2015); sie ist beschäftigtenfeindlich, weil sie inakzeptablen Flexibilisierungsdruck und
hochgradig prekäre Beschäftigungsperspektiven zur Grundlage des Funktionierens der
deutschen Wissenschaft macht. Und sie ist ein Problem für die Handlungsfähigkeit der
betroffenen Bildungs- und Wissensarbeiter*innen und damit für den akademischen
Mittelbau, das beim Organisieren dieser Interessen Berücksichtigung finden muss.
Dieses Problem ist die äußerst geringe Konfliktfähigkeit
4
der Beschäftigten. Sowohl ihre
strukturelle Situation als auch ihre Subjektivität erschweren einen Einsatz für eine
Verbesserung ihrer Situation.
Die wohl wichtigste strukturelle Bremse für den Aufbau von Gegenmacht auf Seiten
der Beschäftigten ist die prekäre Mobilität. Kurzzeitverträge an stetig wechselnden
Einrichtungen in Verbindung mit der häufigen Doppelbelastung von Job und eigener
Qualifikationsarbeit erschweren effektiv die Mitarbeit in Gremien der akademischen
Selbstverwaltung, Mittelbauinitiativen oder Betriebsräten. Diejenigen, die sich doch
engagieren, sind auch durch ihr geringeres symbolisches Kapital in den
entsprechenden Einrichtungen benachteiligt: Kurzzeitaufenthalte implizieren starke
Wissensasymmetrien zuungunsten der Prekär-Mobilen und schwächer ausgeprägte
Beziehungsnetzwerke. Die Strukturfaktoren stabilisieren zudem Abhängigkeiten,
insbesondere von den mächtigen Lehrstuhlinhaber*innen und anderen Vorgesetzten,
4
Unter Konfliktfähigkeit wird hier keine psychische Konstitution oder
Charaktereigenschaft verstanden, sondern die tatsächliche Chance, in Auseinandersetzungen
eigne Forderungen mit Nachdruck zu versehen, insbesondere durch die Möglichkeit Interessen
anderer wirksam zu tangieren (beispielsweise durch Streik).
7
die nicht nur über Beschäftigungsmöglichkeiten, sondern häufig auch über
Qualifikationsarbeiten befinden. Selbst gute und kollegiale Beziehungen an Instituten
sind, wo gegeben, zumindest ambivalent, da sie konfliktive Auseinandersetzungen
(Streik usw.) erschweren.
Dies verbindet sich mit ‚passenden‘ Subjektivitäten, die teilweise noch stark von der
illusio innerer akademischer Freiheit und dem merkwürdig „interesselosen Interesse“
(Bourdieu 1998, 27), mithin dem Ideal von Wissenschaft als ‚Berufung‘ oder innerem
Beruf geprägt sind, welcher im wilden Hazard des Gelehrtendaseins unendliche
Hingabe zur Sache ebenso fordert wie hohe Leidensfähigkeit hinsichtlich ihrer
materiellen Bedingungen (Weber 2002, 481, 477). Die hohe intrinsische Motivation,
eine erfüllende und sinnvolle Tätigkeit auszuüben, wird durch die Vielzahl von
Ausschreibungen von Stipendien, Kollegs, Förderprogrammen und Preisen immer
wieder in die Illusion transformiert, dass sie gleichzeitig einen Karriereweg darstellt.
Diese vage Aussicht sowie der Arbeit und Leben völlig entgrenzende Lebensstil, der zu
ihrer Realisierung vonnöten ist, zugleich aber durchaus hohe Freiheitsgewinne
beinhaltet, lassen die Wissenschaftler*innen einiges ertragen. Sie laufen, so Neis
(2009) wie der Esel vor dem Wagen „immer der Karotte nach“. Auch das große Ziel der
Akkumulation relativer Reputation fördert eher Individualisierungstendenzen. Der
organisierte Einspruch, gemessen am gewerkschaftlichen Organisierungsgrad, ist
entsprechend gering. Und vor allem: die Freude über jede Verlängerung, jeden
Anschluss und jede Übergangsfinanzierung erscheint angesichts der allgemeinen Lage
als jeweils so rosige Option, dass sie begeistert auf- bzw. hingenommen wird. Auch
unbezahlte Lehraufträge sind keine Seltenheit. Egal ob Wissenschaftler*innen auf
fatalistische Hinnahme, auf Exit oder auf Ellenbogenkarrierismus setzen (vgl. Rogge
2015b, 696 ff.) nichts davon stärkt die kollektive Handlungs- und Konfliktfähigkeit,
ebenso wenig wie die personalisierten Abhängigkeiten angesichts der Persistenz
feudaler Patronageelemente.
Die strukturelle Position des Mittelbaus im ‚akademischen neofeudalen Kapitalismus‘
und seine (begrenzte) Handlungsmacht bedingen sich also gegenseitig. Eine zentrale
Aufgabe im Organizing und der Interessensvertretung für prekäre
Bildungsarbeiter*innen besteht also in der Stärkung der Handlungsfähigkeit, auch hier
wiederum auf struktureller und subjektiver Ebene. Insbesondere die Bereitschaft
auszuhalten, also das geringe Anspruchsniveau der wissenschaftlichen Beschäftigten,
ist eine Herausforderung. Zugleich steht man vor dem eingangs erwähnten Problem,
dass es ja nicht an grundlegender öffentlicher Zustimmung zu dieser Problemdiagnose
mangelt, sondern vor allem an Machthebeln, die entsprechende Änderungen
umsetzbar erscheinen lassen.
Eine entscheidende Entwicklung der jüngeren Vergangenheit ist, dass sich trotz der
ungünstigen Voraussetzungen an verschiedenen Hochschulen neue
8
Mittelbauinitiativen gegründet haben. Diese arbeiten v.a. standortbezogen auf
Mindeststandards für Beschäftigung hin, was an verschiedenen Universitäten Prozesse
zur Einführung von Selbstverpflichtungen zur Folge hatte.
5
Zugleich ermöglichen sie
über Erfahrungsaustausch, Solidarisierung, Diskussion und Aktion die Herausbildung
einer gemeinsamen Mittelbau-Identität, eine wichtige symbolische Voraussetzung für
die Gewinnung von Konfliktmacht. Die verschiedenen Initiativen sind bisher aber
auch dies strukturbedingt über die jeweiligen Hochschulen hinaus kaum vernetzt. Ein
anderer Ansatz, wenn man so will, ein anderer kleiner Machthebel wird derzeit von
Initiativen innerhalb der wissenschaftlichen Fachgesellschaften vorangetrieben. Die
Fachgesellschaften unterscheiden sich sehr stark in der Frage, ob und wie sie Fragen
von Beschäftigung thematisieren und den Mittelbau repräsentieren. Manche
Fachgesellschaften folgen noch sehr stark einem elitären Honoratior(*inn)enideal. Sie
nehmen Mitglieder nur mit Nachweis einschlägiger fachlicher Aktivitäten und
ausschließlich auf Empfehlung der bisherigen Mitglieder auf.
6
Andere haben sich für
jüngere Kolleg*innen und sogar Studierende geöffnet, die Mitglieder werden oder
sogar Ämter übernehmen können.
7
Eine Initiative von Soziolog*innen innerhalb der
Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) hat einige Aufmerksamkeit und Wirkungen
in ihrem Fach und darüber hinaus entfaltet.
8
Auf deren Ansatz, Erfolge und Probleme,
welche die eingangs beschriebene Situation wiederspiegeln, soll nun im Einzelnen
eingegangen werden.
5
Selbstverständlich bleibt eine Selbstverpflichtung unterhalb dessen, was an
Verbindlichkeit möglich ist. Aber als transformatorischer Schritt sind Selbstverpflichtungen von
Relevanz, wenn sie nicht als bloße Beruhigungspillenfungieren, also Veränderungsprozesse
nicht zum Erliegen bringen.
6
So die Deutsche Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft
(DGPuK), http://www.dgpuk.de/uber-die-dgpuk/satzung/ [2016-02-28].
7
So gibt es im erweiterten Vorstand (Beirat) der Deutschen Vereinigung für politische
Wissenschaft immer „Nachwuchsvertreter*innen“. Die Österreichische Gesellschaft für
Soziologie hat sogar zwei studentische Vorstandmitglieder. Die Deutsche Gesellschaft für
Soziologie hat zwar studentische Mitglieder und außer dem Mitgliedsbeitrag keine formellen
Zugangsbarrieren, allerdings bisher ausschließlich professoral besetzte Gremien (Vorstand und
Konzil).
8
https://prekaereswissen.wordpress.com/soziologie-ini-fur-gute-arbeit-in-der-
wissenschaft/ [2016-02-28].
9
3.2 Die Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ in der
Soziologie
Der Ansatz der Initiative, die Soziolog*innen in unterschiedlichsten Positionen umfasst
(Promovierende, Postdocs, Juniorprofs, freiberuflich Forschende, außerakademisch
Tätige) lässt sich als Versuch der Politisierung und Indienstnahme der
Fachgesellschaft beschreiben (Amelung, Edinger, Rogge, u. a. 2015; Amelung, Edinger,
Keil, u. a. 2015). Sie ist eines der möglichen Foren für eine Politisierung der
Auseinandersetzungen über Beschäftigung in der Wissenschaft, das bisher in dieser
Sache nicht in Erscheinung getreten ist. Somit handelt es sich um einen Versuch, eine
Arena zu finden, in der angesichts der Abschottung der struktursetzenden Bundes- und
Landespolitik Zwischenschritte zur Verbesserung der Lage des Mittelbaus erreicht
werden könnten.
Im Rollenverständnis der DGS, das wahrscheinlich besonders stark von der inhaltlichen
„Treuhänderschaft“ (Münch 2011, 44 ff.) der Wissenschaft für das jeweilige
Fachwissen geprägt ist und sich insofern von Berufsverbänden mit deutlicher
professionspraktischen Zielstellungen unterscheidet, gab es bisher wenig Raum für die
Beschäftigungsseite der Soziologie. Aus zwei Gründen liegt es jedoch nahe, dass die
DGS sich mit dieser Thematik befasst. Zunächst einmal sind alle ihre Mitglieder in allen
Statusgruppen von den skizzierten Entwicklungen betroffen, besonders jedoch der die
Mehrheit der Mitgliedschaft stellende Mittelbau (was allerdings für verschiedene
Fachgesellschaften gilt). Zugleich fallen die beschriebene Situation, ihre strukturellen
Hintergründe in der neoliberalen Transformation des Kapitalismus und die
Auswirkungen auf die Wissensproduktion auch in den genuinen Bereich ihrer
Expertise.
Die Initiative, gegründet von Soziolog*innen aus Berlin, aber später um Mitstreitende
in andere Städten des deutschsprachigen Raumes ergänzt, wandte sich zunächst in
einem Offenen Brief an die eigene Fachgesellschaft.
9
Darin wird das Grundanliegen wie
folgt erklärt:
„Die massiven gesellschaftlichen Umwälzungsprozesse der letzten Jahrzehnte
haben weder vor der Wissenschaft im Allgemeinen noch vor der Soziologie im
Besonderen halt gemacht. Deregulierung, Aktivierung und
Wettbewerbsorientierung haben hoch problematische Entwicklungen nach sich
gezogen, nicht zuletzt eine zunehmende Prekarisierung von Arbeits- und
Beschäftigungsbedingungen.
9
https://www.openpetition.de/petition/online/fuer-gute-arbeit-in-der-wissenschaft
[2016-02-28].
10
Wir, eine status- und generationenübergreifende Gruppe wissenschaftlicher
Mitarbeiter/innen, fordern mit diesem offenen Brief die Deutsche Gesellschaft
für Soziologie und ihre Mitglieder auf, sich aktiv und kritisch mit diesen
Entwicklungen auseinanderzusetzen und sich zukünftig für gute Arbeits- und
Beschäftigungsverhältnisse ebenso einzusetzen wie für die bereits bestehenden
wissenschaftlichen und forschungsethischen Standards. Wir fordern dazu auf,
einerseits bestehende Handlungsspielräume zu nutzen, und sich andererseits
langfristig für die Verbesserung von Beschäftigungsverhältnissen
hochschulpolitisch konsequent einzusetzen.
[…] Wir sind der Auffassung, dass Kooperation die grundlegende Bedingung für
wissenschaftliches Arbeiten darstellt, nicht aber verschärfte
Konkurrenzverhältnisse und berufliche Existenzangst. Ein ausreichendes Maß
an Planbarkeit muss im Wissenschaftssystem gegeben sein, um den Zugang und
Verbleib für alle engagierten Wissenschaftler/innen sicherzustellen und
besonders verletzbaren Personengruppen gute Bedingungen einzuräumen und
Benachteiligungen auszuräumen.“
Der Ansatz hatte neben seiner generellen Kritik an der Ökonomisierung der Bildung
und dem verschärften Wettbewerbsdruck zwei strategische Stoßrichtungen. Es gelte,
erstens, die strukturellen Entwicklungen zu reflektieren und zu kritisieren sowie dazu
im Fach einen Diskussionsprozess in Gang zu setzen, der im besten Fall in alle
Richtungen wirken soll (in die Politik, in das Fach, in die sozialwissenschaftlichen
Institute, die Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen). Zum
zweiten wurde auf bestehende Handlungsspielräume innerhalb existenter Strukturen
verwiesen. Die Verfasser*innen weisen beispielsweise auf die konkrete Ausgestaltung
von Arbeitsverträgen durch Soziolog*innen als Vorgesetzte und deren Möglichkeit,
diese unterschiedlich lang zu befristen und (nicht) zu stückeln, hin. Um auf dieser
Ebene wenigsten kleine Erfolge hinsichtlich einer besseren Praxis zu erreichen, schlug
die Initiative vor, Minimalstandards Guter Arbeit
10
in den Ethikkodex der
Fachgesellschaft aufzunehmen (der auch für den BDS, den „Berufsverband Deutscher
Soziologinnen und Soziologen“, gilt). Als weitere Forderung, die auch als Weg zum
Erreichen der anderen zu verstehen ist, fordert die Initiative eine bessere
10
Zu den leicht direkt umsetzbaren Anliegen zählt beispielsweise die Bindung von
Arbeitsverträgen an die Projektlaufzeit bei Drittmittelstellen oder an die tatsächlich benötigte
Zeit für die Promotion/Habilitation bei Qualifikationsstellen, die Bevorzugung voller Stellen
und der Verzicht auf Lehraufträge, insbesondere unbezahlte, zur Sicherstellung regulärer
Lehre. Im Bereich der Qualifikation, die eng mit der Stellensituation zusammenhängt, gehört
dazu die Sicherstellung von Betreuung und die Gewährung von ausreichend Zeit für die
Qualifikation (bspw. durch eine verbindliche und realistische Betreuungsvereinbarung).
11
Repräsentation des akademischen Mittelbaus und auch der studentischen Mitglieder
in den DGS-Gremien, um deren Problemsichten auch organisationsstrukturell besser zu
verankern.
Nach fast zwei Jahren lässt sich aus Sicht der Initiative vorsichtig ein positives
Zwischenfazit der Arbeit ziehen. Den Offenen Brief haben 2.751 Personen
unterzeichnet. Er wurde zugleich beispielgebend für Initiativen anderer
Fachgesellschaften (s.u.). Mitglieder der Initiative haben das Anliegen u.a. auf der
Mitgliederversammlung der DGS, auf einer Sonderveranstaltung beim DGS-Kongress in
Trier und bei einer von ihr in Zusammenarbeit mit der DGS und verschiedenen DGS-
Sektionen organisierten Tagung zum Thema „Soziologie als Beruf“ vorgestellt. Überall
haben sie plebiszitäre Unterstützung erfahren: Beifall, unterstützende Worte und
kaum grundlegenden Widerspruch. Die Initiative hat ihre Forderungen und den
Fortgang des Diskussionsprozesses in Fachzeitschriften vorgestellt (s.o.), sie wurde
vom Fachportal „Soziopolis“ interviewt und zum „Projekt des Monats“ gekürt. Darüber
hinaus gab es massenmediale Berichterstattung. Die DGS hat als Reaktion den
Ausschuss Mittelbau in der DGS / Beschäftigungsbedingungen in der Wissenschaft"
eingerichtet (zusammengesetzt aus Vorstandsmitgliedern und
Mittelbauvertreter*innen), der über die Forderungen und Umsetzungsmöglichkeiten
diskutiert und konkrete Vorschläge erarbeitet hat. Es gibt mittlerweile einen Entwurf
für einen erweiterten Ethikkodex, in den u.a. Qualifizierungsvereinbarungen und
ausreichende Zeit für Qualifikation aufgenommen wurden. Vor allem aber hat die DGS
als Fachgesellschaft nach Vorbereitung im Ausschuss eine Erklärung veröffentlicht, die
im Grundtenor der Analyse des Offenen Briefes folgt.
11
Auch der im Offenen Brief schon deutlich gewordene Konnex zwischen der
Beschäftigungsprekarität und der soziologischen Wissensproduktion wird in der
Stellungnahme aufgegriffen. Zugleich widmete sich diesem Thema eine vom Ausschuss
initiierte Tagung mit dem Titel „Soziologie als Beruf“. Hierbei zeigte sich allerdings,
dass es zwar viele Einschätzungen (und Reformvorschläge) zur Hochschulpolitik und
zur Beschäftigungsentwicklung gibt, aber Forschung zu deren epistemologischen
Folgen, also zu den Auswirkungen der analysierten Transformationen auf das
soziologische Wissen fast nicht vorhanden sind.
Auch das Wahlprozedere der Fachgesellschaft soll überarbeitet werden. Bei den
letzten Wahlen zum Konzil wurden ad hoc auch drei Mittelbauvertreter*innen
nominiert. Diese konnten sich allerdings nicht durchsetzen, was wenig überrascht, da
11
http://www.soziologie.de/de/nc/aktuell/meldungen-
archiv/einzelansicht/archive/2016/02/03/article/stellungnahme-der-deutschen-gesellschaft-
fuer-soziologie-dgs-zu-beschaeftigungsverhaeltnissen-in-der-wissenschaft.html [2016-02-28].
12
sie weniger bekannt sind und nicht explizit als Mittelbauvertreter*innen erkennbar
waren. Doch genau das ist Ziel der Initiative: eine feste Quote für den Mittelbau in den
Gremien und eine Kenntlichmachung der Statusgruppe, aus der man kommt und für
deren Interessen oder Problemsichten man antritt, in den Wahlunterlagen.
Man sollte sich jedoch von dieser (fragilen) Erfolgsbilanz nicht täuschen lassen. Die
öffentliche Unterstützung konnte nicht ganz überdecken, dass es durchaus auch
Widerstände gab und gibt, die sich eher informell artikulierten. Teile der
Professor*innenschaft würden wohl lieber am Honoratiorenmodell einer
Fachgesellschaft festhalten. Auch war die Zusammenarbeit und v.a. das
Zusammenkommen auf Augenhöhe nicht immer ganz unkompliziert. Und während,
wie als Grundproblem eingangs beschrieben, in der generellen Problemdiagnose
hinsichtlich der Beschäftigungssituation des Mittelbaus durchaus eine gewisse
Einmütigkeit besteht, ist insbesondere der Aspekt individueller Verantwortung hoch
umstritten. Sich mit konkreten Optionsbeschneidungen persönlich in die Pflicht
nehmen zu lassen, behagt wohl einigen Professor*innen nicht. Doch genau das ist
einer der Hebel im Ansatz der Initiative. Denn die konkrete Erfahrung gesteigerter
Verlässlichkeit ist die Basis für Forderungen nach mehr und v.a. für die Ausbreitung des
Glaubens an die Realisierbarkeit von mehr in einem insgesamt wohl eher
antiutopischen Feld. Das Ziel, Anspruchsniveaus zu erhöhen, wird über erlebte
Einlösung von Ansprüchen erreicht.
In Zukunft muss sich auch noch beweisen, welche programmatischen Effekte oder
sogar konkreten Steuerungswirkungen die umgesetzten Schritte zeitigen. Weder
Wahlreform noch Ethikkodexerweiterung (die man sich durchaus noch weitgehender
hätte vorstellen können) sind bisher umgesetzt. Sollte die Umsetzung erfolgen,
ergeben sich Folgeprobleme. Dies betrifft zum einen den Ethikkodex. Entwickelt der
überarbeitete Ethikkodex eine Bindekraft? Werden Verstöße überhaupt angezeigt oder
siegen die informellen Abhängigkeiten in der Wissenschaft über diesen formellen
Weg? Nimmt sich die Ethikkommission konkreter Verstöße an? Kann sie sie
wirkungsvoll sanktionieren? Der zweite Problemkomplex betrifft die angestrebte
Gremienmitarbeit durch den Mittelbau in der Fachgesellschaft. Die Prekarität der
Beschäftigung ist eingangs schon als gremienfeindlich analysiert worden; dies gilt
selbstverständlich auch für die Gremien der Fachgesellschaften. Die Möglichkeiten
über längere Zeiträume verlässlich zu planen und eine verantwortungsvolle Aufgabe zu
übernehmen, sind begrenzt. Allein die Entwicklung des Aktivenstamms innerhalb der
Initiative zeigt die aus der mobilen Prekarität resultierenden Fährnisse. Teile ihrer
Mitgliedschaft sind arbeitslos geworden, haben die universitäre Forschung an den
Nagel gehängt, sind in eine andere Stadt oder ins Ausland gezogen, sind berufen
worden oder haben Phasen extremer Prekarität oder Arbeitsbelastung durchgemacht,
die kontinuierliches Engagement behinderten. Für diese Problematiken gibt es
13
Lösungen, die im weiteren Reformprozess Eingang in die Institutionalisierungsprozesse
finden müssen.
Denkbar ist beispielsweise, Rotations- oder Nachrückermodelle für Ämter zu finden
und so Arbeit und Engagement breiter zu verteilen. Für Vorstandstätigkeiten könnte
man über Vorstandsmitglieder ohne gesonderten bzw. mit einem kleineren
Zuständigkeitsbereich nachdenken, wenn durch solidarische und kollektive
Entscheidungsstrukturen sichergestellt wird, dass diese nicht zu Vorständen zweiter
Klasse werden. Denkbar ist auch, dass für Sitzungen o.ä. Aufwandsentschädigungen
geleistet werden. Dies muss keine Regelleistung sein, sondern kann bedarfsorientiert
entschieden werden. Es wäre auch keine Entwertung des Ehrenamts, sondern die
Reflexion der sehr unterschiedlichen materiellen Voraussetzungen Ehrenämter
wahrnehmen zu können (wobei diese Art Ehrenamtohnehin sehr starken beruflichen
Charakter hat und nicht nur Aufwand ist, sondern auch Quelle symbolischer
Gratifikationen ist).
3.3 Impulse und Initiativen über die Soziologie hinaus
Einer der größten Erfolge der Initiative neben oder wegen der medialen und
fachinternen Resonanz ist sicherlich, dass ihr Beispiel in mehreren anderen
Fachgesellschaften aufgegriffen wurde. Mittlerweile gibt es mehrere vergleichbare
Initiativen, die sich teilweise explizit am Beispiel der Soziolog*innen orientieren.
Aus der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft (DVPW), die schon länger in
Sachen Mittelbau aktiv
12
ist, gab es einen ähnlichen Offenen Brief unter explizitem
Bezug auf die DGS-Initiative.
13
In der Petition, die für ein Wissenschaftsthema
beeindruckende 14.000 Unterstützer*innen fand, wird für bessere
Beschäftigungsbedingungen und planbare Perspektiven der Beschäftigten geworben.
Adressat des Briefes ist vor allem die Politik, doch die Politikwissenschaftler*innen
nehmen auch die Hochschulen und die Professor*innenschaft in die Pflicht und
betonen deren Gestaltungsmöglichkeiten.
Diese beiden Handlungsebenen werden auch in einer Initiative von
Erziehungswissenschaftler*innen fokussiert,
14
die zunächst weniger Resonanz erfuhr
12
http://www.dvpw.de/fileadmin/docs/Stellungnahme%20zur%20Nachwuchsf%F6rderung%20O
ktober2010.pdf [2016-02-28].
13
https://www.openpetition.de/petition/online/wissenschaft-als-beruf-fuer-bessere-
beschaeftigungsbedingungen-und-planbare-perspektiven [2016-02-28].
14
https://www.openpetition.de/petition/online/fuer-gute-arbeits-und-
beschaeftigungsbedingungen-in-der-erziehungswissenschaft [2016-02-28].
14
(etwa 600 Unterzeichnende der Petition), aber auch in der Erziehungswissenschaft zur
Etablierung der Debatte beitrug. Auf dem Kongress der Kongress der Deutschen
Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) gab es in der Folge ein
Vernetzungstreffen von und für „WissenschaftlerInnen in Qualifikationsphasen“.
Parallel zu der Petition entstanden Pläne für einen Workshop auf dem DGfE-Kongress
nachträglich zu einem prominent platzierten Symposium aufgewertet zum Thema
„Kein Raum, keine Zeit? Aktuelle Politiken des akademischen Mittelbaus als
Bezugspunkt erziehungswissenschaftlicher Reflexionen“. Netzwerktreffen wie
Symposion waren gut besucht. Doch mit ihren Erwartungen an die Fachgesellschaft
waren die DGfE-Qualifikand*innen nicht so erfolgreich. Ihre nur assoziierte
Mitgliedschaft (bis zum Erringen des Doktortitels) bspw. bleibt weiter erhalten.
Allerdings wurde auf Initiative der Qualifikand*innen eine Kommission zur Befassung
mit den Beschäftigungsbedingungen und zur Erarbeitung eines Leitbilds für Gute Arbeit
ins Leben gerufen.
In der Gesellschaft für Medienwissenschaft (GfM) hat sich eine zur DGS gleichnamige
Initiative („Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“) gebildet, „deren Ziel es ist, innerhalb
der GfM […] eine Diskussion über die herrschenden Arbeitsbedingungen befristet
angestellter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler anzustoßen“ und sich politisch
bei Bundes- und Landesregierungen für Verbesserungen für die Beschäftigten
einzusetzen. Die Mitgliederversammlung der GfM hat eine von der Initiative
entworfene Resolution verabschiedet, die u.a. einen massiven Ausbau von
Laufbahnstellen und Dauerstellen für Daueraufgaben fordert.
15
Die aus der Initiative
hervorgegangene Kommission beim Vorstand führt 2016 in allen GfM-Gliederungen
einen Diskussionsprozess, dessen Ziel die Verankerung eines Kodex für gute Arbeit an
medienwissenschaftlichen Instituten ist.
16
In der Germanistik fungiert die Zeitschrift undercurrents
17
einerseits als Forum für die
textförmige Auseinandersetzung mit den Beschäftigungsverhältnissen als Teil der
Produktionsbedingungen von Wissenschaft. Mit einem monatlichen „Jour Fixe zu
prekären Arbeitsverhältnissen in der Literaturwissenschaft“ schafft man andererseits
auch einen Raum für Diskussion und Aktion.
18
Auch diese Initiative plant
Interventionen in die Fachgesellschaft.
15
http://www.gfmedienwissenschaft.de/webcontent/files/GfM_-
_Resolution_Gute_Arbeit.pdf [2016-02-28].
16
http://www.gfmedienwissenschaft.de/gfm/start/index.php?TID=1762 [2016-02-28].
17
http://undercurrentsforum.com/ [2016-02-28].
18
http://undercurrentsforum.com/category/action/ [2016-02-28].
15
Um einen Eindruck von dem weiteren Feld zu vermitteln, in dem sich derzeit
Bewegung gegen die Prekarität in der Wissens- und Bildungsarbeit entfaltet, sollen
weitere exemplarische Akteure und ihr Aktivitätsspektrum abschließend zumindest
noch kurz Erwähnung finden. Schon seit 2012 organisieren sich Honorarlehrkräfte in
der Bundeskonferenz der Sprachlehrbeauftragten (BKSL), die u.a. darauf aufmerksam
macht, dass Lehrbeauftragte, obwohl sie einen großen Teil des universitären
Fremdsprachenunterrichts sicherstellen, deutlich schlechter gestellt sind als ihre
hauptamtlichen Kolleg*innen, die inhaltlich die gleiche Arbeit leisten. Mit
gewerkschaftlicher Unterstützung organisierte die BKSL 2014 einen bundesweiten
Aktionstag und 2015 eine Aktionswoche der Lehrbeauftragten. An vielen Hochschulen
bilden sich derzeit auch wieder neue Mittelbauinitiativen, die auf Ebene ihrer
Einrichtung streiten. Auf Facebook gibt es erfolgreiche Gruppen wie „25 %
akademische Juniorpositionen“
19
, die sich für die Erweiterung des Karriere-
Flaschenhalses engagieren. Es gibt auch Initiativen von Privatdozent*innen, die mit
Lobbying bei Bildungspolitiker*innen auf ihre Lage aufmerksam machen.
20
Eine Gruppe
von Wissenschaftlerinnen fordert im „Marbacher Manifest“
21
, bei den aktuellen
wissenschaftspolitischen Weichenstellungen, Quotierungen gegen die
Geschlechterungleichheiten. Konferenzen und Workshops mit Titeln wie „ReClaim
University“, „Akademischer Frühling“ oder eine besonders prägnante Zuspitzung
„Die Verschrottung des Nachwuchses und die Zukunft der Wissenschaft“
22
bringen
immer wieder Interessierte und Wütende zusammen und konstituieren aktivistische
Netzwerke. V.a. aber gab es weitere fachungebundenen Petitionen, besonders
erwähnenswert die breite Aufmerksamkeit erzielende Petition an die
Bildungsministerin „Perspektive statt Befristung“
23
.
4 Wer und was genau ist hier eigentlich prekär?
Manchen der bis hierher getätigten und bewusst zugespitzten Darstellungen
insbesondere in der Problemdiagnose könnte man Gleichmacherei vorwerfen. Denn
selbstverständlich stellen sich die Bedingungen nicht für alle gleich dar. Fast schon eine
19
https://www.facebook.com/akademischeJuniorposition/ [2016-04-20].
20
https://privdoz.wordpress.com/ [2016-02-28].
21
https://marbachermanifest.wordpress.com/eine-seite/ [2016-04-20].
22
http://mittelbau-dresden.de/wp-content/uploads/sites/2/2015/10/2015-09-
23_Tagungsbericht-FINAL_o.Kennz_..pdf [2016-04-20].
23
https://www.openpetition.de/petition/online/perspektive-statt-befristung-fuer-mehr-
feste-arbeitsplaetze-im-wissenschaftsbereich [2016-02-28].
16
Binsenweisheit ist die Geschlechtlichkeit dieser Verhältnisse. Die Unterrepräsentanz
von Frauen in allen Bereich der oberen Hierarchien wird beim gegenwärtigen Stand
der Geschlechterbeziehungen durch die menschen- und insbesondere
familienunfreundliche Beschäftigungssituation sicher nicht verbessert. Hinsichtlich der
Fächer sieht Rogge vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen in der
Spezialisierungsfalle (Rogge 2015b, 695), während manche Natur- und
Ingenieurwissenschaftler*innen wegen des für sie günstigeren Arbeitsmarktes auch
während der Promotion volle Stellen bekommen und auch als Postdocs noch größere
außeruniversitäre Beschäftigungsoptionen haben. Diese Diversität und der Mangel von
Kommunikationsräumen können sich zusätzlich zu den Statusgruppendifferenzen als
Solidarisierungshemmnis erweisen.
Mit der besonderen Situation der Geistes- und Sozialwissenschaften hängt eine
weitere Problemdimension zusammen: ganz sicherlich bedroht ist im „akademischen
Kapitalismus“ die Kritik (Demirović 2015), die ihren Ort eher in diesen Fächern hat.
Wenn alles sich der messbaren Zweckorientierung unterwirft, ist Muße nicht
vorgesehen, ist zwangloser Austausch nur Ablenkung. Wenn Ausbildung die Bildung
komplett verdrängt, wird Verwertbarkeit zum Mantra. Das bedeutet nicht, dass im
Hochschulsystem kritische (im emphatischen Sinne) Forschung keinen Platz mehr
hätte. Der flexibilisierte Kapitalismus war bislang in der Lage noch jede Subkultur zu
kommodifizieren (vgl. Fisahn 2009); auch radikale Kritik verkauft Bücher und muss
entsprechend eher mit Vereinnahmung als mit Verfolgung rechnen. Es reicht ihre
Verbannung in Nischen und ihr Verpuffen in Irrelevanz.
Es geht also tatsächlich noch um mehr als nur das Leiden unter
Beschäftigungsbedingungen. Doch die Frage nach der Möglichkeit von Kritik und der
Art und Weise des Umgangs der Hochschule als Institution mit ihren Mitgliedern sind
eng miteinander verwoben. Damit sich hier etwas grundlegend ändern kann, sind
Anstrengungen nötig, die weit über die Möglichkeiten der dargestellten Initiativen
hinausgehen. Diese zeigen aber Ansätze auf. Sie liegen in der Organisierung
gruppenübergreifender Solidarität, in der Politisierung neuer Arenen für diese
Auseinandersetzung, in der Erhöhung des Organisierungsgrades und damit der
Konfliktfähigkeit der Beschäftigten und in der Wiederanhebung ihrer
Anspruchsniveaus. Ihnen stehen Strukturmerkmale entgegen, die von personaler
Abhängigkeit, verschärftem Wettbewerb, Subjektivierung, Vereinzelung und
Wissenschaftsfeindlichkeit geprägt sind. Allerdings zeigen die bisherigen Kämpfe und
Debatten, dass zumindest kleine Handlungsspielräume und konkrete Konzepte für das
Hier und Jetzt auch unter diesen Rahmenbedingungen bestehen. Dazu gehören neben
den analysierten Fachgesellschaftsprozessen Selbstverpflichtungen von Universitäten
für Beschäftigungsstandards oder lokale Enthierarchisierungs-Initiativen, Institute vom
Lehrstuhlprinzip weg hin zu einer weniger feudalen Departmentstruktur zu entwickeln.
17
Sie alle sind eine Voraussetzung, um letztlich deutlich mehr zu erreichen und dieses
v.a. zunächst wieder denkbar erscheinen zu lassen.
5 Literatur
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Der Autor
Peter Ullrich, Dr. phil. Dr. rer. med., Soziologe/Kulturwissenschaftler, ist Ko-Leiter des
Bereichs „Soziale Bewegungen, Technik, Konflikte“ am Zentrum Technik und
Gesellschaft der Technischen Universität Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind:
Protest- und Bewegungsforschung, Antisemitismusforschung, Polizeiforschung und
Surveillance Studies. Er engagiert sich u.a. in der Initiative „Für Gute Arbeit in der
Wissenschaft“. Web: http://textrecycling.wordpress.com, Kontakt: ullrich@ztg.tu-
berlin.de
... Das führt im Ergebnis zu einer mangelnden Planbarkeit der Promotionsphase und zu unsicheren Zukunftsperspektiven für die Promovierenden. Auch die Häufung von Rollen (der disziplinarische Vorgesetzte ist in der Regel gleichzeitig Betreuer und Erstgutachter) ist vor diesem Hintergrund als nachteilig zu betrachten [9]. ...
... Nach Reitz erzeugen Kennzahlen einen Status-und Konkurrenzdruck der (paradoxerweise) die Objektivität des wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses durch das Abschwächen notwendiger Kritik zu schädigen droht[28, S. 52]. Zudem können diese Metriken zu einer "Simulation wissenschaftlicher Tätigkeit durch bloße Geschäftigkeit (die aber quantitativ objektivierbare Resultate zeitigt) führen[9]. Für Erstberufungsverfahren sehen wir das DORA-Modell[29] als richtungweisend, das Journal-basierte Metriken (z. B. wie den Journal Impact Factor) ablehnt, die Offenlegung von Bewertungskriterien bei Fördergebern und in Berufungsverfahren fordert und die Bewertung von Inhalten statt Kennzahlen verlangt. ...
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Zusammenfassung Der Beirat des Wissenschaftlichen Nachwuchses (GI-WiN) der Gesellschaft für Informatik (GI) fordert und empfiehlt Maßnahmen zur Verbesserung der Lage von Promovierenden sowie Postdoktoranden und Postdoktorandinnen in der Informatik und anderen Technikwissenschaften. Promovierende sowie Postdoktoranden und Postdoktorandinnen im Bereich der Informatik sind in zunehmendem Maß von den komplexen strukturellen und finanziellen Problematiken des Wissenschafts- und Lehrbetriebs betroffen. Der Flaschenhals auf dem Weg zur Professur führt in der akademischen Karriere zu prekären Beschäftigungsverhältnissen. Die schwierige Vereinbarkeit von Familie und akademischer Karriere erzeugt eine zusätzliche Benachteiligung, insbesondere von Wissenschaftlerinnen. Mangelnde Qualitätssicherung sowie fehlende zuverlässige und vertrauenswürdige Prozesse erschweren die Aufdeckung und Aufarbeitung von Konflikten während der Promotionsphase und der Zeit des Postdoktorats. Fehlanreize im akademischen System beeinträchtigen eine direkte, intensive und regelmäßige Betreuung der jungen Akademiker durch Professorinnen und Professoren. Eine zeitnahe Bewältigung der in diesem Beitrag skizzierten Herausforderungen ist für den zukünftigen Fortbestand von Forschungseinrichtungen an Hochschulen sowie für eine erfolgreiche Fortführung des Prinzips der Bestenauslese von zentraler Bedeutung. Vor dem Hintergrund von bereits geplanten und durchgeführten Maßnahmen zur Stärkung des wissenschaftlichen Nachwuchses skizziert dieser Beitrag konkrete Maßnahmen; einerseits zur Verbesserung der Betreuung während der Promotionsphase und andererseits zur Strukturierung und Schaffung weiterer Karrierewege.
... Science is characterized by not only cooperation but also competition (Fang & Casadevall 2015). This competition has increasingly been strengthened, not least by a persistent precarious situation in science, and is also noticeable by numerous conflicts in the projects (Münch 2011;Ullrich 2016). The acceptance to allow external observers to participate in their own transdisciplinary process is thus rather low. ...
Article
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The neoliberalization of higher education in western countries has led to work intensification, projectification, and work-life balance issues for academics. This article draws on interviews with Digital Humanities practitioners in higher education conducted in 2017–2018 in three Nordic countries to introduce the concept of the ‘work-work balance’, an under-researched phenomenon in contemporary academe. The term ‘work-work balance’ refers to the ways in which workers in higher education seek to balance conflicting concurrent work demands made on them. Four such work scenarios emerged from the data: the 50/50 split across different jobs; working across multiple projects simultaneously; occupying multiple functional roles; and conflicting demands within one job. The article argues that work-work balance, or rather imbalance, issues result in the inability of higher education workers to meet the demands put upon them. This raises questions regarding the role of HEIs and research funding regimes in the generation and maintenance of work-work balance scenarios and suggests that work-work balance issues need to be researched further as well as requiring urgent attention from HEIs and research funders.
Article
In diesem letzten Beitrag geben wir zahlreichen Teilnehmer*innen eine Stimme in Form kurzer und persönlicher Stellungnahmen. Wir hatten sie eingeladen, ihr derzeitiges Befinden und ihre (gefühlten) Aussichten als Religionswissenschaftler*innen anonym zu artikulieren. Wie kam es zu dieser Idee und dem Aufruf?
Chapter
Im Kontext eines institutionellen Wandels von Wissenschaft und Hochschule sind die Arbeitsverhältnisse und Lebenszusammenhänge von Wissenschaftler_innen seit zwei Jahrzehnten entscheidenden Veränderungen unterworfen. Der vorliegende Sammelband stellt drei Entwicklungen in den Mittelpunkt, die die Arbeits- und Lebenssituation von Forschenden und Lehrenden besonders tief greifend verändert haben: erstens die fortschreitende Ökonomisierung von Hochschulen und anderen Wissenschaftsorganisationen sowie damit einhergehende Verschiebungen in der Governance von Wissenschaft; zweitens die zunehmende Prekarisierung wissenschaftlicher Arbeitsverhältnisse und Laufbahnen, die sich insbesondere im akademischen Mittelbau verschärft hat; sowie drittens die verstärkte Institutionalisierung von Gleichstellungspolitiken in einer Zeit, da an den hiesigen Universitäten mehr Frauen studieren, promovieren und wissenschaftliche Laufbahnen einschlagen als je zuvor – während strukturelle gruppenbezogene Benachteiligungen fortwirken und Alltag und Karriereverläufe in der Wissenschaft nach wie vor durch hierarchische Machtverhältnisse, Diskriminierung und soziale Ungleichheiten mitbestimmt sind.
Article
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Initiative führt zu Diskussionen in der DGS Die Sonderveranstaltung »Nachwuchs in der Krise« auf dem DGS-Kon-gress 2014 in Trier zeigte, dass vom Doktoranden, über die Post-Dokto-randin und die Juniorprofessorin, bis hin zum ausgewanderten Professor Wissenschaftler/innen in allen Karrierestufen prekäre Arbeitsbedingungen im Wissenschaftsbetrieb kennen und erfahren. Neben dem stoischen Er-tragen einer unverhältnismäßig langen ›wissenschaftlichen Adoleszenz‹ stel-len nur der Weggang ins Ausland oder die Abkehr von der Wissenschaft individuelle Handlungsoptionen dar. Beinahe wöchentlich ist in den gro-ßen Medien über die Arbeits-und Beschäftigungsbedingungen im deut-schen Hochschulsystem zu lesen. Der Hintergrund ist die sich stetig ver-schlechternde Situation des akademischen Mittelbaus, die geprägt ist von hochgradiger Beschäftigungsunsicherheit und Prekarität, insbesondere in den Geistes-und Sozialwissenschaften. Zeitungsartikel, die erstaunt von der Leidensfähigkeit der so genannten Nachwuchs-Wissenschaftler/innen berichten, offenbaren das eigentliche Problem: Die berufliche Unsicherheit gehört zum akademischen Mythos. Nur wer von der inneren Berufung zur Wissenschaft beseelt ist, wird in der Lage sein, die Unwägbarkeiten des Wissenschaftsberufs auszuhalten – eine Sichtweise, die sich schon in Max Webers berühmter Rede »Wissenschaft als Beruf« findet. In den letzten Jahren steht dieser »unzeitgemäßen Aktualität Max Webers« (Kreckel 2013: 54) allerdings eine massive Verschärfung des Wettbewerbs um Forschungs-gelder und Stellen bei gleichzeitiger Unterfinanzierung der Universitäten gegenüber. Die Schwierigkeiten durch diese äußeren Bedingungen des wis-senschaftlichen Berufs sind geradezu eskaliert. Aus dieser Situation heraus trafen sich Angehörige des wissenschaftli-chen Mittelbaus erstmals im Frühjahr 2014 um zu diskutieren, welche Möglichkeiten der Veränderung ihnen zur Verfügung stehen. Die kleine Gruppe wuchs schnell an, formierte sich als Initiative »Für Gute Arbeit in der Wissenschaft« und hat mit einem Offenen Brief an den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziologie einen ersten Schritt getan, um die Fachgemeinschaft für die problematische Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus zu interessieren und zu mobilisieren. Im Folgenden sollen die zentralen Anliegen, das bisher Erreichte und die weiteren Schritte aus Sicht der Initiator/innen dargestellt werden.
Article
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What factors determine the chances of being appointed to a chair in Germany? We propose to derive hypotheses from discrimination theory, social and human capital theory, and the signaling approach. In a survey we sampled scholars from mathematics, law and sociology who had completed their Habilitation ("second book") from 1985 and 2005 at West German universities. A young age at the time of completion of the Habilitation is beneficial across all disciplines. In sociology, the number of publications included in the Science Citation Index is the most important factor in attaining a chaii; and women are at an advantage when they face the same conditions as do men. In the field of law, parents' years of education have a significant impact on success, as has having a highly respected mentor. In mathematics, the chances of getting a professorship increase significantly with high occupational prestige of the parents, the share of time spent in research, the specialty of applied mathematics, or having a mentor with a high reputation.
Article
Full-text available
Wissenschaftliche Erwerbsarbeit ist von einer Schwebelage gekennzeichnet. Einerseits verfügen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über eine hohe Arbeitsautonomie, erleben ihre Tätigkeit als sinnstiftend und sich selbst als Professionals. Andererseits leben sie sehr lange in materieller und perspektivischer Ungewissheit. Dieses Profil wirft die Frage nach dem prekären Potential wissen-schaftlicher Arbeit auf. Der Beitrag ordnet wesentliche Ergebnisse der Prekarisierungsforschung und bezieht sie in einer ersten Näherung auf Charakteristika der Wissenschaft. Es wird deutlich, dass die subjektive Verarbeitung materieller und institutioneller Prekarisierungsrisiken zu einem dominanten Muster individueller Problemlösungsstrategien und Duldsamkeit führt, welches die Wahrnehmung kollektiver Handlungsoptionen behindert.