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Abstract

BSE, Bosnien und Bhopal stehen für Konflikte, Kriege und Katastrophen im Ausland, die eine große inländische Öffentlichkeit verunsichern und polarisieren. Aufgeworfen werden nämlich Anschlußfragen, die hiesige Normalitäts- und Kontinuitätserwartungen konterkarieren, in Frage stellen, ja im Grunde ad absurdum führen. Wer etwa garantiert, daß der Rinderwahnsinn sich nicht noch stärker verbreitet oder Bhopal nur möglich war, weil in Indien ‘deutsche Sicherheitsstandards’ fehl(t)en? Welche Bedeutung haben schließlich Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, wenn in seiner Mitte (dem ehemaligen Jugoslawien) jahrelang Krieg herrschte? Verdiente nicht eher das Versagen der europäischen Innenpolitik, als Krise bezeichnet zu werden? Doch wer könnte das tun? Vielleicht die Medien? Erschöpft sich ihr Beitrag in objektiver Berichterstattung oder ist von ihnen mehr, vielleicht sogar Verständigung, Konsens- und Friedensstiftung zu erwarten? Meinen Journalisten und Politiker überhaupt dasselbe, wenn sie von Krisen sprechen? Schließlich: Wo beginnt das Ausland, das uns interessieren muß? Welches können wir ignorieren, und von wem werden wir ignoriert?
Konflikte, Kriege, Katastrophen
Zur Funktion internationaler Krisenkommunikation
Matthias Kohring/Alexander Görke/Georg Ruhrmann
BSE, Bosnien und Bhopal stehen für Konflikte, Kriege und Katastrophen im Aus-
land, die eine große inländische Öffentlichkeit verunsichern und polarisieren.
Aufgeworfen werden nämlich Anschlußfragen, die hiesige Normalitäts- und Kon-
tinuitätserwartungen konterkarieren, in Frage stellen,
ja
im Grunde ad absurdum
führen.
Wer
etwa garantiert, daß der Rinderwahnsinn sich nicht noch stärker
verbreitet oder Bhopal nur möglich war, weil in Indien 'deutsche Sicherheitsstan-
dards' fehl(t)en? Welche Bedeutung haben schließlich Sicherheit und Zusammen-
arbeit in Europa, wenn in seiner Mitte (dem ehemaligen Jugoslawien) jahrelang
Krieg herrschte? Verdiente nicht eher das Versagen der europäischen Innenpoli-
tik, als Krise bezeichnet zu werden? Doch wer könnte das tun? Vielleicht die Me-
dien? Erschöpft sich ihr Beitrag in objektiver Berichterstattung oder ist von ih-
nen mehr, vielleicht sogar Verständigung, Konsens- und Friedensstiftung zu er-
warten? Meinen Journalisten und Politiker überhaupt dasselbe, wenn sie von Kri-
sen sprechen? Schließlich: Wo beginnt das Ausland, das uns interessieren muß?
Welches können wir ignorieren, und von wem werden wir ignoriert?
Forschungsunternehmen, die kriegerische oder katastrophale Ereignisse
im
Ausland behandeln, subsumiert die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
unter das Feld der 'Internationalen Krisenkommunikation' . Überzeugen kann die-
se
Bezeichnung nicht. Die aufgeworfenen Fragen sollten gezeigt haben, daß we-
der die Unterscheidung von national und international noch der Krisenbegriff
eindeutig sind. Wenn im folgenden dargelegt wird, was gemeint sein kann, wenn
von internationaler bzw. transnationaler Krisenkommunikation die Rede ist, be-
greifen wir diese Problemlage als Ansporn. Zunächst werden daher der Krisen-
begriff und die Unterscheidung von national versus international entwickelt; diese
Überlegungen werden dann zusammengeführt, um eine Krisentypologie zu ent-
werfen. Mit Hilfe systemtheoretischer Denkzeuge werden wir Journalismus als
Funktionssystem der Gesellschaft modellieren und dabei auch der Frage nachge-
hen, wie national oder international dieser Journalismus operiert. Im Anschluß
werden wir auf die Besonderheiten journalistischer Krisenkommunikation einge-
hen und abschließend deren Folgen für die gesellschaftliche Krisenkommunikati-
on herausarbeiten.
M. Meckel et al. (eds.), Internationale Kommunikation
© Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen 1996
284
M.
KohringiA. GÖrke/G. Ruhrmann
Krisenkommunikation: zur sozialen Konstruktion von
Diskontinuitäten
Gleichgültig, ob es sich um Konflikte, Kriege oder Katastrophen handelt, schnell
(vielleicht vorschnell) sind wir bereit, der Sprache der Nachrichtenmedien zu
folgen und von 'Krisen' zu sprechen. Jenseits der Alltagsplausibilität zu behaup-
ten, daß der bosnische Krieg, das Erdbeben in Kobe oder aber die Reaktorhava-
rie von Tschernobyl nicht zwangsläufig als Krisen gelten können, hat allerdings
etwas Ketzerisches, mehr noch, es mag zynisch klingen. Wer diese Einschätzung
teilt, dem muß es erst recht zynisch erscheinen, wenn nicht nur die genannten Er-
eignisse, sondern auch Phänomene wie die Kürzung des Arbeitslosengeldes, die
ungewisse Kohlesubventionierung oder sogar ein Ehestreit als Krisen bezeichnet
werden.
Im
folgenden soll beobachtertheoretisch l begründet werden, warum eine
Unterscheidung von Ereignissen in Krisen und Nicht-Krisen sinnvoll scheint. Zu-
gleich wird damit deutlich, warum Kommunikation über Konflikte, Kriege und
Katastrophen nicht zwangsläufig auch Krisenkommunikation ist.2 Dabei soll Kri-
senkommunikation als Gournalistische) Kommunikation über Krisen, nicht aber
als ein institutionalisierter konfliktbewältigender Kommunikationsprozeß verstan-
den werden, der sich das Ziel eines sozial verträglichen Interessensausgleichs setzt
(v
gl. hierzu Dombrowsky 1991: 17).
Die drei Begriffe Konflikte, Kriege, Katastrophen lassen sich nicht trennscharf
voneinander abgrenzen. Systemtheoretisch kann von Konflikten immer dann ge-
sprochen werden, wenn einer Kommunikation widersprochen wird: "Ein Kon-
flikt ist die operative Verselbständigung eines Widerspruchs durch Widerspruch"
(Luhmann 1988a: 530). Kriege können als Eskalation von Konflikten verstanden
werden. Daher ist jeder Krieg auch ein Konflikt. Der Kriegsbegriff wird hierbei
keineswegs exklusiv auf mit Waffengewalt ausgetragene Konflikte angewendet,
wie Formulierungen wie Handels- oder Ehekrieg zeigen. Der Begriff der Kata-
strophe wird vor allem verwendet,
um
Ereignisse mit großem Schädigungspoten-
tial zu bezeichnen (Kobe, Bhopal), was wohlgemerkt nicht ausschließt, daß auch
Kriege als Katastrophen beurteilt werden können.
Konflikte, Kriege und Katastrophen sind keine Naturereignisse, sondern das
Ergebnis von äußerst komplexen und voraussetzungsreichen sozialen Konstruk-
tionsprozessen. Das heißt, sie existieren nicht unabhängig von der Wahrnehmung
eines Beobachters} Konflikte, Kriege und Katastrophen stellen in diesem Ver-
Zu der hier vorausgesetzten systemtheoretisch-konstruktivistischen Theoriefigur des Beobachters vgl. Maturana
1985:
34
ff.; Luhmann 1992:
68
ff.; Schmidt 1994a.
2 Anders argumentiert beispielsweise Löffelholz (1993), der Kriegskommunikation mit Krisenkommunikation
gleichsetzt.
3 Eine Untersuchung über das bundesdeutscbe Verwaltungshandeln nach Tschernobyl zeigt,
daß
das Ereignis nicht
offiziell als Katastrophe eingestuft wurde (vgl. CzadalDrexler 1988: 55). Selbst die Unterscheidung von techno-
Konflikte, Kriege, Katastrophen
285
ständnis Beobachterdispositionen dar, die (Welt-)Geschehen strukturieren, indem
unterscheidbare Ereignisse konstruiert werden. Diese schon sehr voraussetzungs-
reichen, selektiven Konstrukte werden erneut selegiert, indem sie als Krise be-
zeichnet werden -oder eben nicht. Auch bei Krisen handelt es sich um be ob ach-
terabhängige Zuschreibungen, die als solche kontingent,
d.
h. auch anders mög-
lich sind. Man kann daher pointiert formulieren: Krisen gibt es nicht; weder
draußen in der Welt, noch im lebensweltlichen Nahbereich. Die Frage lautet in-
folgedessen nicht, was eine Krise ist, sondern was dazu führt, daß ein (bereits
durch Beobachtung vorstrukturiertes) Ereignis zusätzlich als Krise bezeichnet
wird. In diesem Sinne definieren wir Krise als eine Beobachtung von beobachte-
ten Ereignissen, die normalen Kontinuitätserwartungen zuwiderlaufen, für zu-
mindest hypothetisch existenzrelevant gehalten und zudem negativ bewertet wer-
den: "Krisen sind unerwartete, thematisch nicht vorbereitete Bedrohungen nicht
nur einzelner Werte, sondern des Systemzustands mit seinem eingelebten An-
spruchsniveau. Sie stimulieren und sammeln Aufmerksamkeit dadurch, daß sie
den Erfüllungsstand zahlreicher Werte diffus, unbestimmt und unter Zeitdruck
gefährden. Darauf beruht ihr Integrationseffekt. " (Luhmann
1971
b:
16). Der Be-
griff der Krise steht -als eine prägnante semantische Umschreibung -für die be-
sonders hohe Aktualität eines Ereignisses, dem sowohl ein hoher Informations-
wert als auch große soziale Relevanz bescheinigt werden. 4
Diese Krisendefinition macht deutlich, warum nicht jeder Konflikt, nicht jeder
Krieg, nicht
jede
Katastrophe von allen Beobachtern (gleichzeitig) als Krise
wahrgenommen wird. Diese Unterscheidung wird aber häufig ignoriert. Das liegt
vor allem daran, daß externe Beobachter sich an der Wahrnehmung derjenigen
orientieren, die beispielsweise von einem Krieg betroffen sind und diesen deshalb
auch gleichzeitig als Krise wahrnehmen. Diese externen Beobachter erklären die
Krise anderer aus moralischen Gründen zur Krise aller. Entsprechend groß ist
das Potential möglicher solidarischer Krisenbeobachtungen. Für die Theoriebil-
dung ist ein moralisch-normativer Ansatz gleichwohl nur bedingt tauglich.5
Bei Krisen handelt es sich also um beobachterabhängige Zuschreibungen. So-
ziale Gestalt gewinnen Krisenbeobachtungen dadurch, daß sie kommuniziert wer-
den. Erst indem aus dem unspezifischen Umweltreiz ein Kommunikationsereignis
geworden ist, werden Krisen am gesellschaftlichen Horizont sichtbar. Das heißt
zum einen, daß nicht jede individuelle Krisenwahrnehmung auch kommunikabel
logischen und Naturkatastrophen wird
in
Frage gestellt: "Es gibt gar keine Naturkatastrophe -nur Kulturkata·
strophen." (Clauscn/Jäger 1975: 23; kursiv im Orig.) Zur Katastrophensoziologie vgl. Clausen
u.
a.
1978;
ClausenIDombrowsky 1983.
4 Vgl. Merten 1973, der Aktualität als das Produkt
von
Überraschung und Relevanz definiert.
Im
Hinblick auf
Kriegsberichterstattung vgl. Ruhrrnann 1993.
5 Auch moralische Urteile sind nämlich kontingent,
d.
h.
beobachterabhängig. Das läßt sich historisch
z.
B.
an
der wechselnden Bewertung von Kriegen zeigen.
286
M.
Kohring/A. GÖrke/G. Ruhrmann
ist und nicht jede kommunizierte Krisenwahrnehmung zum anderen die Chance
hat, systemübergreifend Aufmerksamkeit zu erlangen. Die Gesellschaft hat Me-
chanismen herausgebildet, die eine soziale Regulation von Krisenbeobachtungen
ermöglichen.6 Die einzelnen Funktionssysteme können allerdings nur nach ihrem
je
spezifischen Code über Krisen kommunizieren und errichten dadurch gleich-
zeitig neue Kommunikationshürden.
7 Insgesamt wird so sichergestellt, daß die ge-
sellschaftliche Krisenkommunikation überschaubar bleibt. Zugleich kann ein Er-
eignis, das sich als Krise 'durchsetzt', mit erhöhter Aufmerksamkeit rechnen.
Der
Nationalitätsgedanke:
Grenzen
für
politische
Identität
Weder für den politischen (Auslands-)Journalismus noch für die kommunikati-
onswissenschaftliche Forschung scheint der Nationalitätsbegriff ein Problem dar-
zustellen. So finden die Begriffspaare Inland! Ausland bzw. national/international
in
der Regel ohne weitere Reflexion Verwendung.8 Indem die Journalismusfor-
schung die alltagssprachliche Bedeutung der Begriffe Ausland bzw. international9
übernimmt, bleibt sie theoretisch auf einer rein phänomenologischen Ebene und
ignoriert somit die Frage nach der Funktionalität (oder: Dysfunktionalität) dieser
Unterscheidung für journalistische Operationen. Ohne auf die Entwicklung des
Nationalbegriffes an dieser Stelle ausführlich eingehen zu können
lo
, zeigt ein
Blick in die Geschichte, daß das Nationalstaatsprinzip noch relativ jung ist und
erst mit den bürgerlichen Revolutionen des
17.
(England) und 18. Jahrhunderts
(Frankreich, Nordamerika) als wirksames politisches Postulat etabliert wurde.
Vorangegangen waren die historischen Prozesse der Säkularisierung, der Zentra-
lisierung von Macht (Absolutismus) und der Territorialisierung, die allesamt vor
dem
Hintergrund des Souveränitäts gedankens zu sehen sind (v gl. Seidelmann
1990). Bedeutende europäische Staatsgründungen fanden erst im 19. Jahrhundert
6
Zum
Prinzip
der
sozialen Regulation kognitiver Autonomie vgl. Sclnnidt 1994a und 1994b; Hejl 1988.
7
Das
Gesundheitssystem
befaßt
sich nur mit
den
Krisenkommunikationen, die mit
dem
Code
gesundlkrank be-
schrieben werden können. Religiöse Krisenkommunikation wirkt hier genauso deplaziert wie
der
Versuch, poli-
tische Krisen
durch
die
Differenz von krank
und
gesund
zu kurieren.
Im
Gegensatz zu diesen Beschränkungen
läßt
sich die
Familie
als Sozialsystem mit
enthemmter
Kommunikation begreifen: "Die Teilnehmer sehen sich
durch ihre Partner
in
der
Familie motiviert, herausgefordert, irritiert oder auch mit Möglichkeiten
der
Kommuni-
kation bereichert, die sie nirgendwo sonst hätten" (Luhmann 1990: 204).
8 Die Begriffe Elitenation und geographische Nähe werden beispielsweise für wesentliche Kriterien der journalisti-
schen Selektion gehalten
und
überprüft. Vgl. beispielgebend GaltunglRuge 1965. Vgl. für eine neuere Untersu-
chung zum Nachrichtenfaktor 'geographische Nähe' die Dissertation von Kmse (1993).
9
Wir
verstehen diese beiden Begriffe als weitgehend synonym. Der Begriff Ausland betont etwas stärker die mani-
festen, nämlich territorialen Grenzen.
10
Hier
wäre
zwischen
einem
ethnischen
Nationalbegriff
(Kulturnation) und
einem
politischen
Nationalbegriff
(Staatsnation) zu unterscheiden. "Vielmehr wird
auch
der Staat erst durch die
die
innergesellschaftlichen Teilsy-
stemgn:.nzen transzendierende Semantik ethnischer und nationaler Selbstidentifikation zum Nationalstaat, wie
z.
B. die Okonomie zur Nationalökonomie wird." (Nassehi 1990: 271, kursiv
im
Orig.)
Konflikte, Kriege, Katastrophen 287
stattlI: Mit der Entwicklung von Nationalstaaten geht untrennbar die Ideologie
des Nationalismus einher, die die politische Organisationsform des Nationalstaates
als fast natürlich und notwendig erscheinen läßt: "Die nationalistische Ideologie
schafft sich ihre eigene Wirklichkeit. Die kompromißlose Unterscheidung zwi-
schen 'uns' und den 'anderen' erweist sich als nützliche, beinah beliebig manipu-
lierbare Technik der Loyalitätsbeschaffung. " (Häckel 1990: 204; vgl. N assehi
1990) Für unsere Argumentation ergeben sich zwei Folgerungen:
Die Unterscheidung national versus international ist erstens eine historisch ge-
wachsene Differenz, deren Kontingenz nicht verkannt werden darf. Da es sich
nicht um eine natürliche Unterscheidung handelt, ist sie einer Betrachtung zu-
gänglich, die sie
auf
ihre Funktionalität hin befragt. Diesen Aspekt werden wir
im Zusammenhang mit journalistischen Beobachtungskriterien wieder aufgreifen.
Zum zweiten ist die Unterscheidung zwischen nationalen und internationalen
Ereignissen als eine primär politische aufzufassen. Aus systemtheoretischer Sicht
dient der Staat als Bezugspunkt politischen Handeins: "Der Staat, das ist die For-
mel
für
die Selbstbeschreibung des politischen Systems der Gesellschaft." (Luh-
mann 1987: 78; kursiv im Orig.)12 In bezug
auf
den Nationalstaat muß man er-
gänzen: der nationalen Gesellschaft. Die Funktion dieser Unterscheidung liegt zu-
sätzlich in der Selbstbeschreibung und Abgrenzung gesellschaftlicher Identität
(vgl. Fuchs
1992).13
Diese findet ihre symbolische Umsetzung etwa in territoria-
len Ländergrenzen. Wir haben es hierbei mit einer Form von segmentärer Diffe-
renzierung zu tun, die Gleiches -politische Kommunikation, politisches Handeln
-in unterschiedliche Einheiten aufteilt. Diese Unterscheidung verläuft quer zu
dem Prozeß einer funktionalen Differenzierung der Gesellschaft, der auf nationa-
le Grenzen prinzipiell keine Rücksichten mehr nimmt, ohne ihm allerdings zu wi-
dersprechen (v gl. demgegenüber Esser 1988: 239).
Gesellschaftliche Funktionssysteme wie Wissenschaft und Wirtschaft nehmen in
ihrer Funktionsweise nicht primär Bezug
auf
diesen politisch-kulturellen Grenz-
begriff.
14
Für diese Systeme erweist sich die Unterscheidung von national und in-
ternational, von Inland und Ausland als eine sogar eher hinderliche Differenzie-
11
Hier
sind
vor
allem
Italien
und
Deutschland
anzuführen.
Für
die
deutsche
Entwicklung
vgl.
Wehler
1994.
12
Die
Notwendigkeit
einer
solchen
Selbstbeschreibung
des
politischen
Systems
erklärt
Luhmann
mit
dem
Um-
stand,
daß
Machtgebrauch
nicht
zwangsläufig
schon
als
ein
politisches
Phänomen
verstanden
werden
kann.
Die
Orientierung
von
Politik
am
Staat
ermöglicht
dann
"jene
Geschlossenheit
der
Selbstreferenz,
die
im
Wirtschafts-
system
schon
durch
das
Medium
Geld
gesichert
ist"
(Luhmann
1988a:
627;
vgl.
KneerlNassehi
1993:
153).
13
"Nationalstaat, Nationalökonomie, Nationalerziehung, Nationalkirche
und
Nationale Sicherheit
motivieren
und
organisieren jetzt immer beides: weitreichende Anspruche jedes einzelnen
an
die sich autonomisierenden Funk-
tionssysteme
und
den
Widerspruch
gegen
die
Berücksichtigung,
ja
gar
Privilegierung
Fremder."
(Stichweh
1988:
288;
kursiv
im
Orig.)
Vgl.
auch
Fuchs/GerhardsfRoller
1993:
238.
14
Das
bedeutet
natürlich
nicht,
daß
sie
nicht
von
der
Ideologie
des
Nationalismus
oder
Ideologien,
die
unter
dem
Deckmantel
des
Nationalen
verkauft
werden,
auf
ihrer
Progammebene
(Theorien
bzw.
Preise)
beeinflußt
würden.
Steuerungs
versuche
dieser
Art
haben
sich
aber
stets
als
dysfunktional
erwiesen,
da
sie
die
Systeme
ihrer
Lemfa-
higkeit
beraubten.
288
M. Kohring/A. GÖrke/G. Ruhrmann
rungsform. Sowohl wissenschaftliche (Relativitätstheorie) als auch wirtschaftliche
(Börsenkrach) wie auch katastrophale (Atomkraftwerksunfall; Klimakatastrophe)
Ereignisse oder Ereignisfolgen führen eine Betrachtung nach politisch gezogenen
Grenzen ad absurdum. Das bedeutet nicht, daß diese Form der segmentären Dif-
ferenzierung gänzlich obsolet wäre. Gerade im Hinblick auf die Identitätsproble-
matik moderner, funktional ausdifferenzierter Gesellschaften können sich seg-
mentäre Differenzierungsformen als sinnvoll erweisen. Wir sind allerdings der
Ansicht, daß dies für die Beobachtung von Krisenkommunikation nicht zutrifft,
ja
mehr noch, daß die Unterscheidung in nationale und internationale Krisen kon-
traproduktiv werden kann.
Nationale,
internationale
und
transnationale
Krisen
Die Bezeichnung eines Ereignisses oder einer Ereignisfolge als nationale Krise
verknüpft gleich zwei beobachterabhängige Zuschreibungen.
15
Was aber bedeutet
es, wenn Krisen nicht nur beobachtet, sondern zudem als national ausgeflaggt
werden? In diesem Fall wird die Krise als Gefährdung gesamtgesellschaftlicher
Identität, die ihren Ausdruck in der Rede vom politisch-souveränen Nationalstaat
findet, wahrgenommen. Eine nationale Krise bezeichnet eine besondere Form der
sozialen Relevanz: Von ihr betroffen sein sollen, so die Beobachtervorschrift, alle
Personen und Organisationen, die politisch und geographisch einer bestimmten
politischen, aber auch kulturellen Selbstbeschreibung verpflichtet sind. 16 In Er-
gänzung zu der oben getroffenen Krisendefinition zeichnen sich nationale Krisen
zusätzlich durch die Behauptung einer allgemeinen gesellschaftlichen Relevanz
aus. Aus einer wirtschaftlichen Krise wird dann eine nationale Wirtschaftskrise,
einzelne Krisenbeobachtungen im Erziehungssystem avancieren zur deutschen
Bildungskrise.17 Referieren Krisenbeobachtung und -kommunikation in dieser
Weise
auf
national-territoriale Grenzen, ist damit das jeweilige nationale politi-
sche System als Adressat notwendiger Krisenmaßnahmen benannt.
Zusätzlich zu nationalen Krisen unterscheiden wir internationale Krisen und
transnationale Krisen. Sogenannte internationale Krisen sind in der sozialen Di-
mension
von
einer Relevanz, die sich nicht mehr
auf
einen einzelnen Staat be-
15
Die Beobachterperspektive wird im folgenden vorausgesetzt: Ereignisse sind stets nur deshalb kommunizierbar,
weil sie vorher beobachtet wurden.
16 Diese Verpflichtung erfolgt
qua
Geburt und wird bisweilen auch als unfreiwillig empfunden. Nach den Krawal-
len während eines Länderspiels zwischen Irland und England beklagte ein DFB-Sprecher, "wie machtlos man ist,
wenn bei Auswänsspielen ein paar Chaoten unter dem Deckmantel der gleichen Nationalität über die Stränge
schlagen" (Kölner Stadtanzeiger
v.
17.02.1995,
S.
1:
"Fußballkrawalle Schande genannt"; herv. d. d. Verf.).
17
Oder
es wird reflexiv die Krise der Unterscheidung selbst beschworen und die "selbstbewußte Nation" eingefor-
dert (vgl. SchwilklSchacht 1994).
Konflikte, Kriege, Katastrophen 289
schränken läßt, sondern mehrere Nationalstaaten gleichzeitig betrifft.
Die
Zu-
schreibung einer allgemeinen Relevanz setzt im Gegensatz zu bloß nationalen
Krisen die politische Grenzbestimmung außer Kraft. Auch internationale Krisen
sind aber Krisen, deren Lösungsbedarf zuerst einmal an die einzelnen nationalen
politischen Systeme adressiert wird. Als Spätfolge nationalstaatlichen Denkens
können selbst Probleme, die als nicht-nur-national, sondern als international
wahrgenommen werden, nur an nationale Staaten zurückverwiesen werden,
da
es
keinen globalen Akteur, keinen internationalen Staat gibt.
18
Das Fehlen einer in-
ternationalen politisch handlungsfähigen Instanz hat zur Folge, daß die politische
Beobachtung internationaler Krisen stets aus einer nationalen Beobachterposition
erfolgt. Diese sieht sich zunächst ihren eigenen, nationalen Interessen verpflichtet
-man denke nicht nur an den Gebrauch, sondern überhaupt
an
die Existenz des
Vetorechts im Sicherheitsrat der UNO. Das führt zum einen dazu, daß das, was
vom Ausland als internationale Krise bezeichnet wird, oft als nationale Krise de-
klariert wird und somit unter den Deckmantel der 'inneren Angelegenheiten'
fällt. Zum anderen ist es möglich, daß die Bezeichnung eines Ereignisses als
internationale Krise abgelehnt und als Problem 'der anderen' abgetan wird. 19
Relativ neu ist der Typus der transnationalen Krise. Transnationale Krisen be-
treffen in ihren Folgen alle, ungeachtet nationaler Ländergrenzen und internatio-
naler Bündnisgrenzen. Als Beispiel läßt sich die Diskussion über die weltumgrei-
fende Umweltzerstörung anführen. Ungeachtet der tatsächlichen Folgen von 'KIi-
makatastrophe' und 'Ozonloch' für die Weltbevölkerung -entscheidend ist, daß
die Kommunikation über diese Schäden und die mit ihnen zukünftig verbundenen
Risiken nicht mehr sinnvoll auf die Unterscheidung von nationalen und interna-
tionalen Krisen zurückgeführt werden kann. Transnationale Krisen heben politi-
sche Grenzen generell auf.
20
Entscheidungsprobleme fallen allerdings auch bei
diesen Krisen auf nationale politische Entscheidungsträger zurück. Es ist diese
Rückbindung an eine nationale (politische!) Beobachterperspektive, die die politi-
sche Thematisierung von internationalen und transnationalen Krisen, sofern es
18
Die Diskussion um
Für
und Wider eines internationalen Staates findet reichhaltiges Anschauungsmaterial,
zum
einen in der Diskussion um einen europäischen Staat, zum anderen -gerade was die Bewältigung internationaler
Krisen angeht -in der Ernüchterung über die politischen Handlungsmöglichkeiten der UNO.
19
Für
beides läßt sich die unterschiedliche Wahrnehmung des russischen Krieges (oder doch nur Konflikts?) gegen
Tschetschenien als Beispiel anführen. Ein weiteres Beispiel ist die westeuropäische 'Lösung'
der
Immigration
aus den Ländern der sogenannten Dritten Welt: Indem die nationalen Grenzen abgeschottet werden, wird die An-
sicht vertreten, daß es sich hier nicht um eine internationale Krise handele, die der Westen durch seine Wirt-
schaftspolitik ntitverursacht hat.
20 Darauf hat schon Ulrich Beck ("Risikogesellschaft") hingewiesen: Für ihn enthalten die Modernisierungsrisiken
und -folgen "eine Globalisierungstendenz, die Produktion und Reproduktion ebenso übergreift wie nationalstaat-
liehe Grenzen unterläuft und in diesem Sinne übernationale und klassenunspezifische G/oba/gejährdungen mit
neuartiger sozialer und politischer Dynamik entstehen läßt." (Beck 1986:
17
f.; kursiv
im
Original) Und weiter
heißt es: Dieses "zivilisatorische Selbstgef:ihrdungspotentialläßt also auch die Utopie einer Weltgesellschaft re-
aler oder zuntindest dringlicher werden." (Beck 1986: 63)
290
M.
KohringiA. GÖrke/G. Ruhrmann
sich nicht
um
originär politische Krisen mit einer hohen Aufmerksamkeitszumu-
tung handelt
2l
, erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht.
Die Synchronisationsfunktion
des
Journalismus
Wir haben bereits erläutert, daß Phänomene wie Krisen nur kommunikativ ver-
mittelbar sind, und das aus zwei Gründen: Zum einen ist die Bewertung von Er-
eignissen als krisenhaft, selbst bei gleichzeitiger persönlicher Wahrnehmung, nur
über kommunikative (Bewertungs-)Prozesse möglich. Zum anderen kann man in
den heutigen modemen Gesellschaftsformen nicht mehr von einer zeitlich und so-
zial synchronen Wahrnehmung von Ereignissen ausgehen, mit anderen Worten:
Man kann nicht gleichzeitig überall sein. Die Funktion einer sachlichen, sozialen
und vor allem zeitlichen Synchronisierung von gesellschaftlicher Kommunikation
nimmt, so unsere These, Journalismus wahr (vgl. Luhmann 1991b: 319 f.).
Wir sprechen im folgenden von Journalismus und vermeiden eine Gleichset-
zung mit dem Begriff der Massenmedien. Diese sind unerläßliche Verbreitungs-
medien für die journalistische Synchronisationsfunktion -bei weitem aber nicht
alles, was Massenmedien anbieten, kann als Journalismus bezeichnet werden. Die
Synchronisationsformel kann nur als Annäherung an eine befriedigende Beschrei-
bung eines gesellschaftlichen Funktionssystems Journalismus verstanden werden.
Auch die
jüngeren,
systemtheoretisch orientierten journalismustheoretischen
Konzeptionen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten können (vgl. Görkel
Kohring 1996).
Wir
orientieren uns daher an einem Minimalkonsens, der in der
Kommunikationwissenschaft nicht mehr ernsthaft in Frage gestellt werden dürfte,
daß nämlich Journalismus als Kommunikations- und Handlungssystem seine Be-
obachtungen
der
gesellschaftlichem Umwelt autonom, d. h. nach eigenen Krite-
rien organisiert
und
sie seiner Umwelt danach wieder als (nun: journalistische)
Informationen anbietet (vgl. Weischenberg 1994).
Zusätzlich
gehen
wir von der Synchronisationsfunktion aus, lehnen aber
gleichzeitig Vorstellungen ab, die Journalismus aus diesem Grund eine gesamtge-
sellschaftliche Integrationsfunktion zutrauen (vgl. dagegen Marcinkowski 1993:
130). Gerade aus systemtheoretischer Sicht ist es überhaupt nicht plausibel, daß
die Sonderperspektive des Journalismus (der Publizistik) eine gesellschaftlich bin-
dende und dadurch integrative Selbstbeobachtung der Gesellschaft hervorbringen
sollte (vgl. GörkelKohring 1996). Wir gehen statt dessen genau vom Gegenteil
aus, daß die Gesellschaft nämlich mit dem Journalismus ein System hervorge
21
Selbst Kriege dürften diese Bedingung nur selten erfüllen.
Konflikte, Kriege, Katastrophen 291
bracht hat, um sich selbst ständig zu lfntieren (vgl. Luhmann 1995a: 65 f.).
Journalismus bedient in diesem Sinne eine 'Unruhe-Funktion',22
Nationaler oder internationaler Journalismus?
Wenn man Journalismus als ein gesellschaftliches Funktionssystem, zumindest
aber als einen autonomen, eigenen Gesetzen folgenden gesellschaftlichen Hand-
lungsbereich beschreibt, ist es theoretisch äußerst problematisch, sowohl von
einem nationalen als auch von einem internationalen Journalismus
zu
sprechen.
Ein Journalismus, der sich in seinen Selektionen primär an der Selbstbeschrei-
bung des politischen Systems orientierte, wäre wohl kaum noch von staatlichen
Publikationsorganen zu unterscheiden. Es ist dennoch nicht zu übersehen, daß
sich Journalismus mit seinen Selektionsprogrammen stärker als andere Teilsyste-
me noch an der segmentären Differenzierungsform des Nationalstaates orientiert,
zumindest der politische Journalismus. Dies hängt nur bedingt mit der Sprachen-
barriere zusammen.
23
Entscheidend ist die Notwendigkeit, journalistische Publika
zu gewinnen. Ganz allgemein tut dies Journalismus, indem er seine Themen nach
Relevanzkriterien selektiert, die er auch seinem Publikum zumuten kann. In die-
sem Sinne ist Journalismus genauso von Märkten abhängig wie
z.
B.
die Wirt-
schaft -nicht in dem Sinne, daß auch journalistische Informationsangebote
auf
Zahlungen angewiesen sind, sondern daß journalistische Themen Rezipienten 're-
krutieren' müssen. Dies soll am Beispiel des politischen Journalismus verdeutlicht
werden. Im Hinblick auf die Integration der EU geht Gerhards (1993) der Frage
nach, warum die Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten so schleppend vor-
angeht (vgl. auch Siebenhaar 1994). Den Grund sieht er in der ungenügenden
Koppelung europäischer Entscheidungsträger (wie der EU-Kommission) an die
europäischen Bürger. Da der einzelne Bürger keine Möglichkeit sieht,
auf
euro-
päische Entscheidungen direkt Einfluß zu nehmen, orientiert er sich weiterhin an
der nationalen Politik (vgl. Gerhards 1993: 108),24 Der Markt für europäische
Themen ist somit als recht klein einzuschätzen. Die gleiche Feststellung trifft aber
auch bereits für die nationale Berichterstattung zu. Nur wenige deutsche Zeitun-
gen können es sich leisten, in ihrer Berichterstattung auf lokale Themen zu ver-
zichten.25 Mit wachsender Distanz zum Erfahrungsbereich des einzelnen Rezi-
22
Luhmann (1995a: 22. Anmerkung 43) weist diese Funktion allerdings dem System der Massenmedien
zu.
23
Schließlich überwindet auch wissenschaftliche Kommunikation diese Sprachenbarriere, wenn ihre Themen nur
genug Aufmerksamkeit einfangen können. Ein Beispiel
für
den institutionalisierten Versuch,
in
mehreren
Sprachen gleichzeitig zu senden, war das Europa- TV, das allerdings nach einem Jahr eingestellt wurde (vgl.
Gerhards 1993; Siebenhaar 1994: 52 ff.).
24 Zwar darf man das EU-Parlament wählen -dieses übt jedoch nur marginalen Einfluß auf die EU-Politik aus.
25
Dies hängt natürlich auch mit dem föderalistischen Prinzip zusammen, das nicht sämtliche politisch relevanten
292
M.
Kohring/A. GÖrke/G. Ruhrmann
pienten müssen journalistische Themen eine immer höhere 'Relevanzhürde' über-
springen,
um
noch selektiert und damit rezipiert
zu
werden (vgl. Ruhrmann
1994:
47
ff.). Selbst bei einer Reformierung der politischen Einflußnahme
auf
die EU-Politik, wie sie Gerhards (1993: 108) vorschlägt, kann man prognostizie-
ren, daß
nur
eine gesamteuropäische Zeitung sich
in
ihrer (politischen) Bericht-
erstattung auf internationale Themen beschränken könnte.26 Als Konsequenz die-
ser Überlegungen scheint eine Differenzierung zwischen nationalem und interna-
tionalem Journalismus wenig ergiebig. Sinnvoller ist die Unterscheidung von na-
tionalen und internationalen Themen und die Fragestellung, welche Chancen die
journalistische Thematisierung internationaler Ereignisse hat. Im Hinblick
auf
das
Thema diskutieren wir also nicht eine -unseres Erachtens nicht existente -inter-
nationale journalistische Kommunikation über Krisen, sondern die journalistische
Kommunikation über internationale Krisen.
Journalistische
Krisenkommunikation
Wir haben bereits festgestellt, daß die Beobachtung internationaler und transna-
tionaler Krisen aus einer nationalen Beobachterperspektive erheblichen Restrik-
tionen unterworfen ist. Würde es nur diese Beobachterposition geben, wäre es
höchst fraglich, ob überhaupt Ereignisse als internationale, geschweige denn als
transnationale Krisen bezeichnet würden. Eine solche 'Egozentrik' des Teilsy-
stems Politik kann nicht nur für dieses System selbst, sondern auch für die übrige
Gesellschaft dysfunktional sein -sozusagen durch zu rigide Reduzierung von
Komplexität. Dabei geht es weniger darum, daß die Politik internationale Krisen
überhaupt nicht beobachten würde, sondern vielmehr darum, daß das politische
System Krisenbeobachtungen dieser
Art
ignoriert. Die eingeschränkte Sicht na-
tionaler Politiksysteme wird zunehmend durch die Beobachtungen anderer gesell-
schaftlicher Funktionssysteme in Frage gestellt, die sich nicht primär
an
einem
nationalen Grenzbegriff orientieren. So nimmt beispielsweise die Wissenschaft
Krisenbeobachtungen ohne Rücksicht auf Territorialgrenzen vor und zeigt damit
auf, daß sich gerade im Hinblick
auf
die Umweltproblematik eine nationalpoli-
tisch orientierte Krisendefinition als unklug erweisen kann.27 Dies klingt ein-
Entscheidungen
an
eine Zenttalregierung delegiert.
Es
wäre übrigens falsch
zu
sagen, daß es generell weniger na-
tionale als lokale Ereignisse oder Themen geben würde. Das hängt
ganz
vom
Beobachter ab.
26
Wie
z. B.
die
ehemalige Tages- und jetztigen Wochenzeitung
The
European. Die Beschränkung
auf
Teilmärkte
läßt sich übrigens
in
absteigender Häufigkeit auch in der Wirtschaft
und
in
der
Wissenschaft finden.
27
Das
Ignorieren
betrifft auch politische Kommunikation selbst: Krisenbeobachtungen können
ja
durcbaus
im
politischen
System
kommuniziert werden. Entscheidend ist. daß sie nicht
in
politische Entscheidungen münden.
So
werden
z.
B.
die
Grünen nicht müde,
auf
die -ihrer Ansicht nach -transnationale Krise der Umweltzerstö-
rung hinzuweisen, allerdings ohne damit große Resonanz bei
der
Regierung
zu
finden.
Konflikte, Kriege, Katastrophen 293
leuchtend, läßt aber eine wichtige Frage offen: Warum eigentlich sollte Politik
sich um diese Einwürfe kümmern und nicht genauso weitermachen wie bisher?28
Eine Antwort auf diese Frage versuchen wir in der Analyse journalistischer
Kri-
senkommunikation
zu
finden.
Krisenbeobachtungen
in
anderen
Funktionssystemen
Gesellschaftliche Funktionssysteme operieren eigensinnig. Diese Formulierung
meint, daß Systemgrenzen als durch Kommunikation hergestellte Sinngrenzen
zu
konzipieren sind. Nur mit Hilfe dieser Sinngrenzen ist ein System in der Lage,
seine Identität auszubilden, sich also als System im Verhältnis zu seiner Umwelt
zu
beschreiben
(v
gl. Luhmann 1988a: 268 ff.). Mit Hilfe spezifischer zweiwerti-
ger Codes, die nicht austauschbar sind, erfüllen diese Systeme eine jeweils exklu-
sive Funktion für die Gesellschaft. Als Folge dieser 'Arbeitsteilung' konstruieren
Funktionssysteme daher nicht nur Wirklichkeiten sui generis; sie produzieren
auch höchst spezifische Krisenkommunikationen. So beobachtet das Wirtschafts-
system das Weltgeschehen mit Hilfe der Leitunterscheidung ZahlunglNichtzah-
lung. Allein vor diesem Horizont entscheidet sich, ob es Ereignisse zum Anlaß
von Krisenbeobachtungen nimmt oder nicht.
29
Das heißt auch, daß Wirtschafts-
krisen so lange exklusive Krisenkommunikationen des Wirtschaftssystems blei-
ben, wie sie nicht Eingang in die Kommunikation anderer Funktionssysteme fin-
den.
Da
aber diese das Weltgeschehen nur nach ihren eigenen Leitunterscheidun-
gen beobachten, tendieren sie dazu, die Krisenbeobachtungen von Systemen in
ihrer Umwelt zu ignorieren.
Genau das kann von Journalismus beobachtet und qua Veröffentlichung einem
Publikum zugänglich gemacht werden. Die eventuelle Unzulänglichkeit politi-
scher Krisenbeobachtung wird auf diesem Wege gleich doppelt offenbar: Journa-
listische Berichterstattung decouvriert zum einen, daß das, was politisch als Krise
gilt, unter Umständen nirgendwo sonst so gesehen wird. Journalismus kann etwa
zeigen, daß der Golfkrieg vom politischen System als Krise wahrgenommen
wird, nicht aber von der (Rüstungs-)Wirtschaft. Dabei wird sichtbar, daß die In-
ternationalisierung der Weltgesellschaft so weit fortgeschritten ist, daß sich mit
28
Wir
bezweifeln also, daß politische Entscheidungen immer nach bestem Wissen (Wissenschaft) und Gewissen
(Moral) gefällt werden. Das liegt
in
der Komplexität von Welt und der Notwendigkeit von Selektion begründet:
Wer
kann bestimmt sagen, was das beste Wissen ist, wer entscheidet, was moralisch den höchsten Wert
genießt?
29
Auch Politik prüft mögliche Krisenbeobachtungen anhand der systemeigenen Leitunterscheidung Macht
vs.
Ohnmacht, deren Präferenzwert zudem zwischen Regierung und Opposition unterscheidet. Was
immer
Politik
kommuniziert, entscheidet sich letztlich vor diesem Hintergrund. Die Thematisierung von Krisen kann insofern
auch eine Folge davon sein, daß die Unterscheidung von Opposition und Regierung dies opportun erscheinen
läßt. Die Tschetschenien-Debatte im deutschen Bundestag ist hierfür ein gutes Beispiel.
294
M.
Kohring/A. GÖrke!G. Ruhrmann
Hilfe der Nationalsemantik in Wirtschaft und Wissenschaft keine Krisenbeobach-
tungen mehr erzeugen lassen. Zum anderen wird die Gesellschaft dank journali-
stischer Beobachtung aber auch damit konfrontiert, daß wirtschaftliche, wissen-
schaftliche, rechtliche oder religiöse Krisenkommunikationen in der Politik keine
Resonanz hervorrufen. Indem Journalismus die Krisenbeobachtungen dieser
Funktionssysteme kommuniziert, verdeutlicht er nicht nur die Kontingenz politi-
scher Krisendefinitionen; die journalistische Öffentlichkeit vormals exklusiver
Krisenbeobachtungen ist zudem geeignet, auch die Politik zu einer Thematisie-
rung dieser Krisenphänomene zu bewegen.
Allgemein wird man sagen können, daß die Operationsweise verschiedener
Funktionssysteme unterschiedlich stark mit einer Orientierung am politischen Na-
tionalbegriff konfligiert. Journalistische Krisenkommunikation steigert die Kom-
plexität dieser Beobachtungsverhältnisse beträchtlich. Zum ersten visibilisiert sie
den originär politischen Beobachterstandpunkt, der sich hinter der Nationalse-
mantik verbirgt. Zum zweiten kontrastiert sie die Krisenkommunikation der ge-
sellschaftlichen Funktionssysteme und verweist dadurch auf die Kontingenz und
möglichen Defizite einer ausschließlich politischen Krisenbeobachtung. Wenn
man davon ausgeht, daß Krisenbeobachtungen anderer Funktionssysteme nationa-
le Grenzziehungen unterlaufen und somit als international begriffen werden müs-
sen - als Beispiel kann das Krisenthema 'Klimakatastrophe' dienen
-,
läßt sich
noch eine dritte Konsequenz formulieren: daß nämlich nationale Politiksysteme
nicht umhin können, diese internationale Krisendefinition zu akzeptieren. Hierzu
trägt ein weiterer Aspekt journalistischer Krisenbeobachtung bei: Sie beschränkt
sich nicht nur
auf
das 'eigene' nationale Politiksystem, sondern beobachtet auch
'die anderen'.
Die Vielfalt
nationaler
Perspektiven
Aus der Perspektive eines nationalen politischen Beobachters konstituiert sich
'das' Ausland als die Summe zahlreicher nationaler Perspektiven. Gerade bei der
gemeinsamen Definition von Krisen zeigt sich, wie schwierig es ist, die unter-
schiedlichen Interessen der Staaten'gemeinschaft' unter einen Hut zu bringen. Na-
tionale Politik weiß durchaus um dieses streitbare Nebeneinander vieler nationa-
ler Perspektiven -und damit auch
um
die Kontingenz eines nationalen Stand-
punktes. Aber es bleibt der Entscheidung des national orientierten Beobachters
überlassen, inwiefern er sein Handeln an diesem Wissen ausrichtet.
Er
kann die
Krisenbeobachtungen anderer nationaler Staaten einfach ignorieren und hat dar-
unter nur selten wirklich zu leiden. Diese ausschließlich nationalpolitische Orien-
Konflikte, Kriege, Katastrophen 295
tierung halten wir zumindest dann für problematisch, wenn es
um
die Beobach-
tung potentiell allgemeinrelevanter Krisenereignisse geht.
In der journalistischen Berichterstattung über Politik dominiert nach wie vor
die Einteilung in nationale und internationale Politiksysteme. Journalismus über-
nimmt damit zwar das wesentliche Identitätskriterium des von ihm beobachteten
nationalen Politiksystems, wendet es aber auf alle nationalen Politiksysteme an.
Gerade dadurch wird deutlich, daß es das Ausland gar nicht gibt, sondern statt
dessen eine Vielzahl unterschiedlicher nationaler Handlungsträger (Regierungen)
mit ebenso vielen nationalen Standpunkten. Journalismus führt seinem Publikum
damit die Kontingenz der nur scheinbar natürlichen Unterscheidung von national
versus international vor Augen. Das gilt natürlich auch für die politische Beob-
achtung von nationalen bzw. eben internationalen Krisen. Indem Journalismus
sein (nationales) Publikum auch über die Krisenbeobachtungen anderer nationaler
Politiksysteme informiert, verliert die Krisenbeobachtung des eigenen politischen
Systems ihre Selbstverständlichkeit. Die nationale Regierung muß auf das ihr an-
getragene Krisenthema reagieren, und sei es nur dadurch, daß sie die Krise zur
'inneren Angelegenheit' eines anderen Staates erklärt.
3o
Die journalistische Aus-
lands berichterstattung trägt dazu bei, daß eine ausschließlich nationale Definition
von Krisen erheblich erschwert wird. Je mehr deutlich wird, daß sich die Krisen-
beobachtungen ausländischer Staaten angleichen, desto weniger wird sich auch die
nationale Politik dem Druck entziehen können, statt von keiner oder einer nur
nationalen Krise von einer internationalen Krise zu sprechen.
Journalistische
Selbstbeobachtung:
Der
Blick
auf
'uns'
Mehr Medien bedeuten mehr Orientierungsangebote, mehr Medienangebote be-
dingen eine stärkere Ausdifferenzierung der Publika und höhere Kontingenz der
Wirklichkeitskonstruktionen. Zu Beginn der fünfziger Jahre, als es in der Bun-
desrepublik nur zwei Vollprogramme gab, konnte sich die soziale Fiktion, daß
alle an einer Realität teilhaben (vgl. Luhmann 1991b: 320), ungleich leichter auf-
zwingen als heute. Verlorengegangen ist also nicht nur die Einheit der Fernseh-
gemeinde, sondern auch die damit verbundene (gleichwohl stets illusionäre) Rea-
litätsgewißheit (v gl. Elsner et al. 1994:
181
ff.). In der Mediengesellschaft wer-
den so Bedingungen geschaffen, die nicht Medienabstinenz oder Medienreduk-
tion, sondern eine rigide gesteigerte Selektivität erfordern, "die typischerweise
30 Auch diese Ablehnung des Themas hat Folgen, denn so werden Erwartungsstrukturen aufgebaut.
auf
die irgend-
wann
in
der Zukunft wieder Bezug genommen werden könnte. So versicherte die deutsche Regierung kurz nach
Tschernobyl, daß so etwas 'bei uns' nicht passieren könnte.
296
M.
Kohring/A. GÖrke/G. Ruhrmann
durch die Institutionalisierung einer reflexiven Struktur, nämlich durch die Ver-
fügbarkeit von Meta-Medien erzeugt wird" (Merten 1994a: 155; Herv.
i.
Orig.).
'Pressestimmen' sind ein derartiges Meta-Medium. Der Anteil deutscher Tages-
zeitungen, die 'Pressestimmen' veröffentlichen, stieg von 1960 bis 1990 von 32
auf 78 Prozent (v gl. Merten 1994a: 156). Auch jenseits der Printmedien hat sich
dieses Meta-Medium bereits etabliert. So haben beispielsweise ARD und ZDF täg-
lich die Presseschau im Angebot. Im Umfang ähnlich, jedoch mit deutlicher Aus-
richtung
auf
internationalen Journalismus bereiten der Deutschlandfunk und Ra-
dio 5 (WDR) die Pressestimmen auf.
Journalismus beobachtet also nicht nur Politik, Wirtschaft, Recht usw., sondern
auch sich selbst. Diese Beobachtung beschränkt sich nicht nur auf journalistische
Kommunikation
im
unmittelbaren (nationalen) Nahbereich
31
, sondern erstreckt
sich auch
auf
die journalistischen Produkte im 'Ausland'. Diese Selbstbeobach-
tung ermöglicht es dem Funktionssystem Journalismus
zu
beobachten, wie und
über welche Krisen die anderen Medien kommunizieren. Sie steigert, abstrakt
formuliert, die Selektivität journalistischer Krisenkommunikation. Daß hierbei
(Sprach-)Grenzen übersprungen werden, mag dazu führen, daß das, was als na-
tionale Krisenbeobachtung begann, auch die internationale Krisenoptik prägt und
schärft. Die Beobachtung eines journalistischen Krisenthemas durch externe jour-
nalistische Beobachter macht neugierig auf ähnliche Krisensymptome andernorts.
So konnten die 'italienischen Verhältnisse' als journalistisches Krisenthema inter-
national Karriere machen. Die journalistische Aktualitätskonstruktion erschließt
sich so ein großes Reservoir möglicher Themen. Weltgeschehen, über das vor
wenigen Jahren nicht oder
nur
mit großer Zeitverzögerung berichtet werden
konnte, findet heutzutage vergleichsweise leicht Eingang in die Nachrichtenrouti-
ne.32 Journalismus hierzulande muß andererseits damit rechnen, daß seine Kri-
senkonstruktionen nicht mehr nur vom hiesigen Publikum beobachtet werden,
sondern auch vom Journalismus anderer Länder. Dieser wird beispielsweise sehr
genau beobachten, ob, wie und in welchem Umfang Mölln, Rostock und Solingen
hierzulande journalistische Krisenkommunikation inspiriert.33 Journalistische
Selbstbeobachtung kann
auf
Krisenbeobachtung aber nicht nur stimulierend, son-
dern auch regulierend wirken. Dies zeigt die Berichterstattung zur Tschernobyl-
Katastrophe, die
z.
B. durch den Journalismus in Frankreich nicht als Krise beob-
achtet wurde. Die reflexive Beobachtung journalistischer Krisenkommunikation
erlaubt es dem nationalen politischen System nicht, sich nur
auf
die Beobachtung
31
Ein Beispiel ist die Medien·Resonanz der Spiegel· Titelstory (Nr.
711995)
über das "MiIIiardengrab Aufschwung
Ost".
32 V gl. dazu den Beitrag von GörkeIKollbeck in diesem Sammelband.
33 Nicht auszuschließen ist, daß journalistische Krisenkonstruktionen, die auf das hiesige Publikum zugeschnitten
sind, als Eigenarten der 'deutschen Mediengesellschaft', wenn nicht gar 'der Deutschen' (miß)verstanden werden.
Konflikte, Kriege, Katastrophen 297
hiesiger journalistischer Krisenbeobachtungen
zu
beschränken. Daß seinem Publi-
kum, den Wählern, durch Journalismus vorgeführt wird, wie 'ausländische Beob-
achter' das hiesige (politische) Geschehen strukturieren, kann Politik nicht igno-
rieren, genausowenig wie die journalistische Beobachtung ausländischer Krisen-
themen. Zugleich muß sie sich darauf einstellen, daß ihre national geprägten Kri-
sendefinitionen nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit akzeptiert wer-
den wie vielleicht noch zur Zeit der großen Fernsehgemeinde.
Fazit:
Zur
Funktion
journalistischer
Krisenkommunikation
Konflikte, Kriege und Katastrophen verursachen großes menschliches Leid und
erhebliche Sachschäden. Beobachtungstheoretisch handelt es sich hierbei um recht
voraussetzungsreiche Konstrukte, die Welt geschehen vorstrukturieren, aber nicht
zwangsläufig von allen Beobachtern als Krise,
d.
h. als zumindest hypothetische
Bedrohung der eigenen Existenz oder Identität wahrgenommen werden. Das ist
erst dann der Fall, wenn die vorstrukturierten Ereignisse einen weiteren Selek-
tionsprozeß durchlaufen haben. Dieser Prozeß wird maßgeblich durch das Wech-
selspiel zweier spezieller Krisenbeobachter geprägt: der gesellschaftlichen Funk-
tionssysteme Politik und Journalismus. Ein hervorstechendes Merkmal von Poli-
tik ist die segmentäre Differenzierung in Nationalstaaten, die ihre Identität mit
Hilfe der Unterscheidung national versus international begründen. Diese Diffe-
renz wird aber von anderen Funktionssystemen aus ebenso eigensinnigen Grün-
den zunehmend mißachtet. Journalismus nimmt hier eine Mittelposition ein: We-
der internalisiert er die politische Unterscheidung zwischen Nationalem und In-
ternationalem, noch hat er sich von ihr restlos emanzipiert. Stagnation ist damit
nicht gemeint. Vielmehr handelt es sich um einen Prozeß von unterschwelliger,
gleichwohl stetiger Dynamik.
Wie kaum ein anderes Funktionssystem der Gesellschaft ist Journalismus auf
Krisenbeobachtung fixiert. Krisenkommunikationen anderer Systeme werden
vom Journalismus vor allem deswegen aufgegriffen, weil Journalismus in ihnen
nicht Dysfunktionales und Fremdes, sondern eigentümlich Bekanntes sieht: eine
spezifisch geformte, aber differente Aktualität, die zur journalistischen Operati-
onsweise paßt. Daß Journalismus buchstäblich ohne Krisen nicht leben kann, wird
daran deutlich, daß er selbst seine eigenen Krisen nicht ignorieren kann. Indem
Journalismus jedoch die modeme Gesellschaft und deren Krisen beobachtet,
kurzum Aktualität konstruiert, kann er gar nicht anders, als auf die Kontingenz
der Nationalsemantik
zu
stoßen. Die Funktion journalistischer Krisenkommunika-
tion ist es, für die Gesellschaft genau das
zu
leisten, was auch im 'Normalbetrieb'
298
M.
Kohring/A. GÖrke/G. Ruhrmann
geleistet wird: Journalismus irritiert die Gesellschaft und steigert so deren Mög-
lichkeiten, Neuigkeiten und Unsicherheiten nicht nur hinzunehmen, sondern als
Informationen sinnvoll zu verarbeiten. Im Unterschied zum Nachrichten'alltag'
wird diese Unruhefunktion, die Journalismus bedient, in Form von journalisti-
scher Krisenkommunikation aber einer größeren Öffentlichkeit augenfällig.
Die Funktion journalistischer Kommunikation über inter- und transnationale
Krisen liegt in einer ständigen Irritierung des politischen Nationalstaatsdenkens.
Damit verbunden ist die Aufgabe einer nationalen Definition von Krisen zugun-
sten einer internationalen oder sogar transnationalen. Selbst wenn die Politik da-
rauf
mit Ignoranz reagiert -sie kann zumindestens nicht mehr behaupten, von
nichts gewußt zu haben. Und auch das kann wieder zum Thema gemacht werden.
Dieser Irritationseffekt ist ausschließlich der hohen Eigendynamik -und das
heißt auch: Nicht-Steuerbarkeit -journalistischer Beobachtungsoperationen zu
verdanken. Verfehlt wäre daher die Hoffnung, ausgerechnet von Journalismus die
Harmonisierung internationaler Interessensgegensätze zu erwarten. Wer mit dem
Begriff Internationale journalistische Krisenkommunikation die Vorstellung von
Journalismus als einem internationalen Agenten der Krisen- und Friedensdiplo-
matie verknüpft (vgl. Vincent/Galtung 1993), muß sich auf dauerhafte Enttäu-
schung einstellen. Er sollte die Verantwortung dafür aber beim Beobachter su-
chen -also bei sich selbst. Die Einheit der Gesellschaft geht verloren, obwohl
diese von
der
nationalen Politik fortwährend behauptet und als Referenzboden
benutzt wird. Die Option, weder Opfer noch Henker zu sein, steht dem Journalis-
mus nicht zur Verfügung. So wenig journalistische Krisenkommunikation ver-
meiden kann,
auf
die Kontingenz der Nationalsemantik zu stoßen, sowenig ist
Journalismus selbst
auf
die damit verbundenen Anforderungen vorbereitet, sowe-
nig kann er schließlich verhindern, sein Publikum entsprechend zu (des-)orientie-
ren. Zwar ist Journalismus weder für die fortdauernde Differenzierung der mo-
demen
Gesellschaft noch für die zunehmende Unzulänglichkeit der politischen
Nationalsemantik verantwortlich, aber
er
fungiert als Überbringer der Botschaft
und wird als solcher behandelt.
... Die Wahrnehmung von Krisen als negativ und bedrohlich resultiert daraus, dass die Erfüllung zentraler Werte, die Erreichbarkeit wichtiger Ziele oder die Erhaltbarkeit bestimmter Strukturen in Frage gestellt werden und Krisen so den Fortbestand des betroffenen Systems zumindest hypothetisch gefährden (Kohring et al. 1996). Ob Situationen als Krisen eingestuft werden, hängt also von den Werten und Zielen der jeweiligen Beobachter ab und kann je nach Systemzugehörigkeit variieren. ...
... Die Wahrnehmung von Krisen als negativ und bedrohlich resultiert daraus, dass die Erfüllung zentraler Werte, die Erreichbarkeit wichtiger Ziele oder die Erhaltbarkeit bestimmter Strukturen in Frage gestellt werden und Krisen so den Fortbestand des betroffenen Systems zumindest hypothetisch gefährden (Kohring et al. 1996). Ob Situationen als Krisen eingestuft werden, hängt also von den Werten und Zielen der jeweiligen Beobachter ab und kann je nach Systemzugehörigkeit variieren. ...
Chapter
Krisenkommunikation ist in den letzten 25 Jahren zu einem der wichtigsten Anwendungsfelder der internen und externen Unternehmenskommunikation geworden. In Krisensituationen kommt es zur Gefährdung zentraler strategischer Ressourcen und Ziele von Organisationen und der Sicherheit von Anspruchsgruppen. Geeignete strukturelle Rahmenbedingungen und Strategien, um im Krisenkontext Kommunikation zu planen, zu steuern und zu kontrollieren, können daher überlebensnotwendig sein. Nach einem kurzen Überblick und der Definition wichtiger Begriffe werden zentrale Methoden, Erfolgsfaktoren und empirische Befunde zur Planung und Umsetzung von Krisenkommunikation vorgestellt. Dabei werden die Phasen der Krisenprävention, Krisenvorbereitung, des akuten Krisenmanagements sowie der Krisennachsorge berücksichtigt. Abschließend werden aktuelle Defizite und künftige Herausforderungen in Forschung und Praxis der Krisenkommunikation diskutiert.
... Krisen können aus verschiedenen Gründen auftreten (Thießen 2011, S. 63 ff.): Sie können ihre Gründe in einer hohen Systemkomplexität (Luhmann 1987;Perrow 1987) haben, auf Grund einer Veränderung der Prozessstruktur (Thießen 2011, S. 64) entstehen und sind abhängig von der Wahrnehmung der Betrachtenden ( Kohring et al. 1996). Außerdem sind Krisen ungewiss und weisen überraschende Verläufe auf (Thießen 2011, S. 65), weswegen Krisen mit weit vorausschauendem Handeln begegnet werden sollte. ...
Chapter
In einem Einwanderungsland wie Deutschland kommt es in Folge der Zuwanderung zur Ausbildung neuer Konfliktlinien und auch ein insgesamt höheres Konfliktpotenzial zeichnet sich ab. Die Zunahme von Konflikten, die als Folge gesellschaftlichen Fortschritts gedeutet werden kann, erfordert eine neue Streitkultur, um gesellschaftlichen Desintegrationsdynamiken entgegenzuwirken und Gewaltausbrüchen Vorschub zu leisten. Dabei bildet vor allem Dialog den möglichen Weg zu einer solchen und kann in Krisensituationen moderierend und beruhigend wirken und eine Streitkultur auf Grundlage demokratischer Normen etablieren. Um die Potenziale von Dialog als Mittel der Krisenintervention zu untersuchen, wird eine Krise in der ostsächsischen Stadt Bautzen im Jahr 2016 nachgezeichnet, die sich im Zuge der Fluchtzuwanderung ereignet hat und Dialog als Mittel der Krisenintervention diskutiert.
Chapter
Martin Löffelholz liefert einen Überblick über die Entwicklung, Ergebnisse und Herausforderungen der Risiko- und Krisenkommunikationsforschung. Nach einer Analyse der Entstehung, Internationalisierung und Institutionalisierung der Forschung erläutert er zentrale Forschungsergebnisse im Hinblick auf die Krisenprävention, die Vorbereitung auf sowie die Bewältigung und Evaluation von Kommunikations-)Krisen. Das Krisenkommunikationsmanagement wird dabei insbesondere von der rasant fortschreitenden Datafizierung, Algorithmisierung und Automatisierung von Kommunikationsprozessen (u. a. mit Hilfe Künstlicher Intelligenz) herausgefordert.
Book
Full-text available
The project “Journalism in European Societies” (JourEG), funded by the Federal Foreign Office (Auswärtiges Amt), brought together communication and journalism researchers from three countries. The aim of the project was to develop adaequate materials for teaching journalism in the participating countries. Regardless of the great differences in the university landscape of the participating countries, the topic of journalistic crisis communication in particular emerged quickly as the one that was regarded by all participants as equally interesting and exciting for the exchange of ideas. This is partly due to the fact that the countries of the Eastern European partnership are often marked by territorial conflicts in which, as in the case of the Ukraine and Georgia, Russia is directly and indirectly involved as a hegemonic power and through its participation prevents the further rapprochement of the states concerned with the Western community. This collection of texts documents the thematic fields and contributions from the participating countries. They also give a good impression of the kind of research questions, which brought us together. The collection of texts is divided up into four sections and thematic fields.
Chapter
Der Beitrag zielt darauf, zu erfassen, wie länger anhaltende krisenhafte Zustände im Kontext von Migration in einem permanenten herausgeforderten Quartier moderiert werden können. Dafür wurde die armutsgeprägte Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in der Dortmunder Nordstadt beobachtet und analysiert. Der Fokus lag auf den Beziehungen zwischen Bewohnergruppen, die sich besonders durch ihre Wohndauer voneinander differenzieren. Der Ausgangpunkt dabei war, dass in solchen Ankunftsgebieten der dauerhaft vorliegende Krisenzustand durch alltägliche Begegnung und moderierte Dialogforen abgeschwächt werden kann. Ein idealtypisches Modell eines Krisenverlaufs stellt den theoretischen Referenzpunkt dieser Arbeit da. Experteninterviews dienen als empirisches Material. Allerdings zeigen die Ergebnisse Paradoxien auf: Durch den Dialog können krisenhafte Zustände zwar stabilisiert werden, indem Eskalation vorgebeugt wird, jedoch kann der Dialog krisenhafte Zustände nicht lösen. Besonders im Kontext Migration ist das Verhältnis zwischen Krise und Dialog komplex und der Bedarf nach Forschung zu differenten Krisenverlaufstypen bleibt hoch.
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