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Vom Regen in die Traufe? Medien und Medialisierung

Abstract

Der amerikanische Politikwissenschaftler Stanley Rothman und der Psychologe Mark Snyderman haben 1988 ein Buch namens „The IQ controversy – the media and public policy“ vorgelegt, das viel Aufsehen erregt hat. Rothman und Snyderman haben die Berichterstattung von neun Elitemedien (Printmedien und Fernsehen) zwischen 1969 und 1983 daraufhin untersucht, wie über das Thema Intelligenztests berichtet wurde. Zusätzlich haben sie eine große Befragung unter insgesamt 661 Sozialwissenschaftlern (in der Regel Psychologen) und Experten aus dem Erziehungsbereich durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Teilstudien haben sie verglichen und dabei frappante Unterschiede festgestellt: Die Nachrichtenmedien, so Snyderman und Rothman, erzeugen ein ganz anderes Bild von Intelligenztests, als es die erfragten Expertenstandpunkte nahelegen würden.
Vom Regen in die Traufe? Medien und Medialisierung
Matthias Kohring
1 Diskrepanz zwischen Wissenschaft und Journalismus
Der amerikanische Politikwissenschaftler Stanley Rothman und der Psychologe
Mark Snyderman haben 1988 ein Buch namens „The IQ controversy – the media
and public policy“ vorgelegt, das viel Aufsehen erregt hat. Rothman und Sny-
derman haben die Berichterstattung von neun Elitemedien (Printmedien und
Fernsehen) zwischen 1969 und 1983 daraufhin untersucht, wie über das Thema
Intelligenztests berichtet wurde. Zusätzlich haben sie eine große Befragung unter
insgesamt 661 Sozialwissenschaftlern (in der Regel Psychologen) und Experten
aus dem Erziehungsbereich durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Teilstudien
haben sie verglichen und dabei frappante Unterschiede festgestellt: Die Nach-
richtenmedien, so Snyderman und Rothman, erzeugen ein ganz anderes Bild von
Intelligenztests, als es die erfragten Expertenstandpunkte nahelegen würden. Sie
erzeugen vor allem ein weitaus negativeres Bild von Intelligenztests, das den
Eindruck vermittelt, dass nur noch eine kleine Außenseitergruppe in der Wissen-
schaft an dem Nutzen und der objektiven Aussagekraft solcher Tests festhalte.
Diese Auffassung sei mittlerweile eine ‚conventional wisdom‘, stehe aber dia-
metral zur tatsächlichen Auffassung der Experten, die tatsächlich sehr wohl vom
generellen Nutzen der Intelligenztests überzeugt seien.
Ein Beispiel: Befragt danach, in welchem Maße Intelligenzunterschiede
zwischen Schwarzen und Weißen auf genetische Ursachen oder aber auf Um-
weltbedingungen oder aber auf eine Kombination dieser beiden Aspekte zurück-
zuführen seien, präferieren 45% der befragten Experten die Kombinationslösung;
15% führen Intelligenzunterschiede allein auf Umweltbedingungen zurück, nur
1% allein auf genetische Ursachen.161 Die Nachrichtenmedien hingegen würden
die Welt in Pro-Vererbung und Pro-Umwelt aufteilen. Dies führe dazu, dass fast
15% der Printberichterstattung und fast 5% der Fernsehnachrichten genetische
Ursachen als alleinige Ursachen benennen, was dem Aggregat der Expertenmei-
nungen widerspreche und mutmaßlich von den wenigen sehr prominenten Ver-
161 Mark Snyderman/Stanley Rothman: The IQ Controversy, the Media and Public Policy. New
Brunswick (NJ)/Oxford (UK) 1988, S. 128.
138 Matthias Kohring
treter dieser Hypothese herrühre, die größere öffentliche Aufmerksamkeit finden.
Ein ähnlich hoher Anteil der Berichterstattung sieht genetische Ursachen als
gänzlich irrelevant an, eine Meinung, die nach Überzeugung der Autoren nur von
einem einzigen der zitierten Experten wirklich vertreten wird. Dass es nicht um
das „Ob“ des genetischen Einflusses, sondern nur um das „Wie sehr“ gehe, wür-
de unter den Tisch fallen.
Man kann unterschiedliche Ansichten dazu haben, warum sich die Situation
so wie beschrieben darstellt. Ich will den Blick aber auf einen anderen Punkt
lenken: Es geht mir darum, dass hier relativ deutlich und auch gar nicht mit
schlechten Argumenten die Ansicht vertreten wird, dass die journalistische Be-
richterstattung mehr oder weniger der wissenschaftlichen Expertenmeinung
folgen sollte. Die Betrachtung der IQ-Kontroverse deutet allerdings darauf hin,
dass sich der Journalismus auch bei seiner Berichterstattung über die Wissen-
schaft nicht primär an den Perspektiven seines Berichterstattungsobjekts ausrich-
tet, ja diese sogar nach eigener Façon gewichtet.
2 Das Spannungsverhältnis aus Sicht der Beteiligten
Wie sehen Wissenschaftler und Journalisten selbst dieses augenscheinliche
Spannungsverhältnis? Die Befragungsstudien, die der Wissenschaftskommunika-
tions-Forscher Hans Peter Peters (2008) mit Wissenschaftlern u. a. vom For-
schungszentrum Jülich durchführte, ergeben fünf Unterschiede und damit poten-
zielle Konfliktfelder zwischen Journalisten und Wissenschaftlern (Abb. 15; vgl.
Peters 2008, S. 119 ff.).
1) Kontrolle der Berichterstattung
Die Wissenschaftler sehen sich nicht als bloße Informationsquelle, sondern be-
anspruchen mehr oder weniger implizit die Autorenrolle; die Journalisten lehnen
ein solches Selbstverständnis ab und begreifen sich als unabhängige Autoren.
2) Wissenschaftliche Normen gelten auch r die öffentliche Kommunikation
Im Gegensatz zu den Journalisten erwarten die Wissenschaftler, dass die Normen
der wissenschaftlichen Darstellung (z. B. Nüchternheit) auch für die öffentliche
Kommunikation über ihre Arbeit gelten.
3) Journalismus im Dienste der Wissenschaft
Wissenschaftler erwarten, dass die journalistischen Medien sie bei der Populari-
sierung wissenschaftlicher Erkenntnisse und bei der Verdeutlichung von deren
Nutzen unterstützen. Die Journalisten lehnen dies ab, erst recht, wenn es um die
Beschaffung von Akzeptanz für Technologien geht.
Vom Regen in die Traufe? Medien und Medialisierung 139
4) Akzeptanz einer journalistischen Kritik- und Kontrollfunktion
Für Peters überraschend akzeptieren die Wissenschaftler die journalistische Kri-
tik- und Kontrollfunktion, wenn auch weit weniger stark ausgeprägt als die Jour-
nalisten. Peters vermutet hier allerdings auf beiden Seiten eine Verzerrung hin-
sichtlich der normativen Erwünschtheit dieser Kritik- und Kontrollfunktion: Die
Wissenschaftler würden sie tatsächlich weniger akzeptieren, und die Journalisten
würden sie weniger praktizieren.
5) Paternalismus gegenüber dem Medienpublikum
Die Wissenschaftler neigen im Gegensatz zu den Journalisten zu einem modera-
ten Paternalismus gegenüber den Publika der Berichterstattung.
Nach Peters gibt es trotz dieser potenziellen Konfliktherde eine relativ hohe
Zufriedenheit bei Wissenschaftlern und Journalisten. Er nennt hierfür drei Grün-
de:
Zum Ersten finde eine Selbstselektion von Wissenschaftlern für den Kon-
takt mit Journalisten statt.
Zum Zweiten komme es zur Ausbildung einer Ko-Orientierung zwischen
Wissenschaftlern und Journalisten.
Zum Dritten komme journalistischer Kritik an der Wissenschaft, angesichts
von deren hohem öffentlichen Ansehen, nur eine geringe Legitimität zu.
Peters konstatiert einen „an der öffentlichen Selbstdarstellung der Wissenschaft
orientierten Wissenschaftsjournalismus“.162 Und er fährt fort: „Die überwiegend
positiven Erfahrungen der Wissenschaftler bei ihren Medienkontakten dürften
daher auch mit der überwiegend affirmativen Thematisierung von Forschung in
deutschen Medien und der damit verbundenen Vermeidung antagonistischer
Interessenkonflikte zu erklären sein.“163
162 Hans Peter Peters: Erfolgreich trotz Konfliktpotential – Wissenschaftler als Informationsquellen
des Journalismus. In: Holger Hettwer/Markus Lehmkuhl/Holger Wormer/Franco Zotta (Hg.): Wis-
sensWelten. Wissenschaftsjournalismus in Theorie und Praxis. Gütersloh 2008, S. 108–130, hier
S. 125.
163 Ebd., S. 125f.
140 Matthias Kohring
Abbildung 15: Erwartungen von Wissenschaftlern und Journalisten (Auswahl aus
Peters 2008, S. 120; Jahr der Befragung in Klammern; Grad der Zustimmung auf
7er-Skala von -3 bis +3)
Aussagen Journ. Wiss. Diff.
Kontrolle der Berichterstattung
Journalist soll Artikel gegenlesen lassen (1993) -1,2 2,1 3,4
interviewte Experten haben Mitspracherecht (2003) -1,9 1,2 3,2
Journalist soll in Alltagssprache übersetzen (1993) 2,5 0,9 1,6
Geltung wiss. Normen für öffentliche
Kommunikation
Experten sollen sich auf ihr Fachgebiet
beschränken (1993) -0,7 1,0 1,7
Experten sollen Wertungen unterlassen (1993) -1,9 -0,6 1,3
Journalismus im Dienste der Wissenschaft
Medien sollen Expertenwissen popularisieren
(1993) -0,7 0,9 1,6
Medien sollen Nutzen der Forschung herausstellen
(1993) 0,2 1,4 1,2
Akzeptanz journalistischer Kritikfunktion
Medien sollen Expertenaussagen nicht in Frage
stellen (1993) -2,5 -1,1 1,4
Wenn man auf das Beispiel von der IQ-controversy zurückblickt, sieht man, dass
die Autoren Rothman und Snyderman ebenfalls die Prinzipien verfolgen, die von
den befragten Wissenschaftlern für den Umgang mit der Presse vertreten werden.
Dieser Konflikt von Erwartungen scheint schwer aufzulösen zu sein. Der Wis-
senschaftsjournalismus gerät dabei unweigerlich in eine Defensivhaltung, muss
er doch begründen, warum seine Darstellung von der wissenschaftlichen Sicht-
weise abweicht. Im Folgenden soll allerdings eine alternative Position favorisiert
Vom Regen in die Traufe? Medien und Medialisierung 141
werden, die das oben beschriebene Spannungsverhältnis nicht als Problem, son-
dern geradezu als Qualitätsindikator für den Journalismus versteht. Diese Positi-
on stellt grundsätzlich in Frage, dass Journalismus die Expertenmeinung über-
haupt widerspiegeln sollte.
3 Journalismus als externer Beobachter von Wissenschaft
Es gibt auch eine Sichtweise von Journalismus als einem autonomen Beobachter
von Wissenschaft, und zwar im Dienste seiner nicht-wissenschaftlichen Publi-
ka.164 In diesem Modell beobachtet Journalismus die Wissenschaft im Hinblick
auf Erkenntnisse und Ereignisse, die für seine nicht-wissenschaftlichen Publika
von Interesse sind. Wissenschaft wird prinzipiell also nur dann zum Thema,
wenn sie den Relevanzkriterien genügt, die in der gesellschaftlichen Umwelt der
Wissenschaft existieren. Wissenschaft wird nicht zum Thema, weil sie Wissen-
schaft ist. Ihre Erkenntnisse und Aussagen werden bewertet nach wissenschafts-
externen Kriterien der praktischen und ökonomischen Nützlichkeit, der Umwelt-
gestaltung und -kontrolle, der Lebensverlängerung und Existenzerleichterung,
der Lebensgestaltung und sogar Sinnorientierung usw. usf.
Wer das kritisieren möchte, verkennt, dass sich genau diesen wissenschafts-
externen Bewertungen und Erwägungen auch der Siegeszug der modernen Wis-
senschaft verdankt: Es ist selbstverständlich immer der Nutzen der Wissenschaft
für ihre gesellschaftliche Umwelt gewesen, der ihr zur Anerkennung verholfen
hat, ja sogar ihrem Prinzip der Erkenntnisproduktion, des methodisch geschulten
reflektierten Zweifels, zur Anerkennung verholfen hat. Wissenschaft als Wissen-
schaft interessiert höchstens die Wissenschaftler selbst – und auch das scheint
abzunehmen.
Insofern die Geistes- und Sozialwissenschaften zur Orientierung anderer
Gesellschaftsbereiche beitragen können, werden sie auch vom Journalismus
nachgefragt: als Lieferanten eines speziellen, nur bei ihnen erhältlichen Orientie-
rungswissens. Eine solche Orientierung ist beileibe nicht nur anwendungsbezo-
gen zu verstehen; sie schließt bei etwas spezielleren Publika durchaus auch das
ein, was wir recht unbestimmt unter Bildung verstehen.
164 Vgl. im Folgenden Matthias Kohring: Wissenschaftsjournalismus. Forschungsüberblick und
Theorieentwurf. Konstanz 2005.
142 Matthias Kohring
Abbildung 16: Anzahl wissenschaftsjournalistischer Artikel in überregionalen deut-
schen Printmedien 2008 – 2009165
Man könnte jetzt denken, dass es die Geistes- und Sozialwissenschaften dann
aber schwer hätten. So schlimm sieht es überaschenderweise aber gar nicht aus;
das zeigen zumindest die Ergebnisse aus einem Projekt der VW-Stiftung zur
Medialisierung verschiedener Fächer (s. Abb. 16).166 Zumindest unter den 15
ausgewählten Disziplinen aus den Bereichen Geistes-, Sozial-, Lebens-, Natur-
und Ingenieurswissenschaften nehmen die Sozial- und auch die Geisteswissen-
schaften eine dominierende Stellung ein, was die Publikationshäufigkeit in jour-
nalistischen Printmedien betrifft.
Das Fazit lautet: Wissenschaft muss damit leben, dass Journalismus sie nicht
nach ihren eigenen Kriterien beobachtet. Sie könnte es eigentlich auch gut, denn
von einem zu kritischen Wissenschaftsjournalismus kann man in Deutschland
wirklich nicht sprechen. Vor lauter Empfindlichkeit, die immer noch auf Seiten
der Wissenschaft anzutreffen ist, wenn sie in den Fokus medialer Aufmerksam-
165 Zunächst wurden ca. 30.000 Suchtreffer, die zufällig aus insgesamt 76.000 Suchtreffern aus-
gewählt wurden, bereinigt, d. h. daraufhin untersucht, ob in dem Artikel tatsächlich eine wissen-
schaftliche Thematisierung einer der 15 Disziplinen stattfand. Die so ermittelten Artikelzahlen
wurden dann anteilig hochgerechnet.
166 „Die vielfältigen Beziehungen zwischen Wissenschaft und Nachrichtenmedien: eine ver-
gleichende Analyse von Forschungsbereichen aus den Naturwissenschaften, den Sozialwissen-
schaften und den Geisteswissenschaften“; Verbundprojekt der Universitäten Mannheim (Matthias
Kohring), Münster (Frank Marcinkowski), FU Berlin (Alexander Görke) und des Forschungs-
zentrums Jülich (Hans Peter Peters).
Vom Regen in die Traufe? Medien und Medialisierung 143
keit gerät, wird dieser Vorteil gar nicht gewürdigt. Entgegen immer noch zu
hörenden Klagen kann man also gerade nicht behaupten, dass die Wissenschaft
ein Problem mit den Medien hätte. Der Trend geht vielmehr in die umgekehrte
Richtung: Angesichts einer immer weiter professionalisierten und quantitativ
verstärkten Hochschul-PR ist viel eher eine andere Besorgnis ernstzunehmen;
dass nämlich die Wissenschaft zunehmend Einfluss auf die öffentliche Behand-
lung wissenschaftsjournalistischer Themen gewinnt.
4 Die Folgen der Medialisierung für die Wissenschaft
Natürlich hat es Konsequenzen für das öffentliche Bild einer Wissenschaft, nur
nach journalistischen Maximen von den Nachrichtenmedien berücksichtigt zu
werden. Man sollte sich hier allerdings in Erinnerung rufen, dass meistens nur
vom tages- und wochenaktuellen Journalismus und vor allem nur vom Journa-
lismus die Rede ist – als gebe es keinen anderen Weg für Wissenschaft (z. B.
Schulen und Hochschulen), gesellschaftlich bekannt und anerkannt zu werden,
und als sei alles, was im Argen liegen mag (‚Bildung‘; ‚Akzeptanz‘), der Wis-
senschaftskommunikation in aktuellen Nachrichtenmedien anzulasten. Solange
die Thematisierung von Wissenschaft nach journalistischen Selektionskriterien
nur das Verhältnis von Medien und Geistes- und Sozialwissenschaften betrifft,
ist hierin kein besonderes Problem zu erkennen. Riskant wird es aber, wenn
diese nach einem bestimmten Prinzip eingeschränkte öffentliche Außenwahr-
nehmung zum alleinigen oder herausragenden Gradmesser der gesellschaftlichen
Relevanz von Geistes- und Sozialwissenschaften gemacht wird (und zwar in der
Regel nicht durch die Massenmedien). Die Wissenschaft trägt allerdings selbst
dazu bei, indem sie sich selbst aktiv an den Aufmerksamkeitsregeln einer soge-
nannten breiten Öffentlichkeit ausrichtet. Laut Weingart reagiert die Wissen-
schaft damit auf einen wachsenden Legitimationsbedarf, der nicht zuletzt durch
die Verwissenschaftlichung aller Gesellschaftsbereiche verursacht wird.167
Aber wessen Aufmerksamkeit will man dabei eigentlich erlangen? Die Wis-
senschaft hat kein eigenes Publikum, das es zu überzeugen gelte. Das ist eine
Besonderheit des Handlungsbereichs Wissenschaft, dass er nicht über ein Laien-
publikum verfügt. Sofern es den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess betrifft,
können den Wissenschaftlern die Laien oder Nicht-Wissenschaftler relativ
gleichgültig sein – das ist eine ganz andere Situation als in der Wirtschaft oder in
der Politik, wo Entscheidungen ein sehr direktes Feedback erfahren können, und
der Entscheider dies mitberücksichtigen muss. Wenn aber nicht die Laien selbst
gemeint sind, worum geht es dann bei dem Versuch, massenmediale Aufmerk-
samkeit zu erlangen? Das Ziel der Selbst-Medialisierung, der aktiven, strategi-
167 Peter Weingart: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft
und Medien in der Wissensgesellschaft. Weilerswist 2001, S. 232–283.
144 Matthias Kohring
schen Anpassung an Aufmerksamkeitskriterien einer breiten Öffentlichkeit, ist
vermutlich, die Aufmerksamkeit der Entscheider vor allem in Politik und Wirt-
schaft zu erlangen, von deren Entscheidungen die Ressourcenverteilung im Wis-
senschaftssystem abhängig ist.168 Zugleich muss aber die Unterstellung mitwir-
ken, dass diese Entscheider wiederum selbst auf die sogenannte breite Öffent-
lichkeit achten, sich also von ihr beeinflussen lassen (presumed media in-
fluence).
Man kann durchaus den Eindruck gewinnen, und zwar sowohl in der Hoch-
schuladministration als auch unter den Wissenschaftlern selbst, dass diese Aus-
richtung an Kriterien öffentlicher Aufmerksamkeit immer mehr zum Selbstläufer
wird, dass es als Eigenwert gilt, diese Aufmerksamkeit erlangt zu haben. Man
geht anscheinend davon aus, dass dies eine anerkannte und wertvolle Währung
ist – und dass die anderen sich auch so verhalten. Man muss sich dann allerdings
die Frage stellen, ob diese Kommunikationsstrategie vollends durchdacht ist –
ich glaube, sie ist es nicht. Die Wissenschaft zahlt einen hohen Preis, wenn sie
sich diesen Kriterien einer Sichtbarkeit für eine sogenannte breite Öffentlichkeit
und einer Sichtbarkeit für diejenigen Entscheider, die eben auf diese breite Öf-
fentlichkeit zu schauen vorgeben, ausliefert.
Dieser Preis dürfte übrigens für die Geistes- und Sozialwissenschaften deut-
lich höher sein als für die Naturwissenschaften. Die ‚reflexive Medialisierung‘169
mit dem Ziel einer höheren öffentlichen Sichtbarkeit kann u. a. zu folgenden
Konsequenzen führen:
Es kommt zu einer Restrukturierung der Organisation von Wissen-
schaft; z. B. werden Hierarchien erzeugt, um für Sichtbarkeit in Form
adressierbarer Personen zu sorgen. Diese werden wiederum zumindest
teilweise nach ihrer ‚massenmedialen Eignung‘ ausgewählt.
Wissenschaftliche Erfolgskriterien werden ersetzt oder zumindest ver-
schoben; z. B. zählt schon das bloße Einwerben von Drittmitteln als Er-
folg und auch als Kriterium für die Vergabe weiterer Drittmittel, ohne
nach der Qualität des wissenschaftlichen Outputs zu fragen. Es kommt
damit tendenziell zur Aufgabe des zentralen Eigenwertes ‚Wahrheit‘.
168 Vgl. Frank Marcinkowski/Adrian Steiner: Was heißt „Medialisierung“? Autonomiebeschränkung
oder Ermöglichung von Politik durch Massenmedien? In: Klaus Arnold/ Christoph Classen/Edgar
Lersch/Susanne Kinnebrock/Hans-Ulrich Wagner (Hg.): Von der Politisierung der Medien zur Medi-
alisierung des Politischen? Zum Verhältnis von Medien, Öffentlichkeit und Politik im 20. Jahrhun-
dert. Leipzig 2010, S. 51–76.
169 Ebd.
Vom Regen in die Traufe? Medien und Medialisierung 145
Die Öffentlichkeit wird darin bestärkt, ja sogar dahin ‚erzogen‘, dass
eben dies die richtigen Kriterien zur Bewertung von Wissenschaft sind.
Auf diese Weise werden möglicherweise die Erwartungshaltungen an
Wissenschaft verändert und damit auch der Bezugspunkt für das Ver-
trauen in Wissenschaft.
Wie bei allen vernetzten Phänomenen fällt es schwer, hieraus eindeutige
Schlussfolgerungen zu ziehen. Eine Idee könnte sein, die Aufmerksamkeitsprin-
zipien der Medialisierung selbst gegen deren teilweise fatalen Konsequenzen zu
richten, also quasi die Erfolgskriterien öffentlicher Aufmerksamkeit einzusetzen,
um sich gegen den Strom freizuschwimmen – aber dafür müsste man sich an den
Hochschulen schon im Klaren darüber sein, worin man den gesellschaftlichen
Wert und Nutzen der Geistes- und Sozialwissenschaften sehen will.
DieGeistes-undSozialwissenschaftenan
derUniversitätvonmorgen
hrsg. von Mechthild Dreyer, Uwe Schmidt und Klaus Dicke
Inhalt
Mechthild Dreyer/Uwe Schmidt/Klaus Dicke
Einführung ……………………………………………………...…………….… 7
Pauline Yu
The Travels and Travails of Scholarship Today …………………………….... 15
Ute Frietsch
Kulturwissenschaften als Plattform für eine Neukonzeption der
Geisteswissenschaften ……………………………..….………………...…….. 29
Norbert Franz
Massenfächer und Orchideen. Die kleinen und großen kulturwissen-
schaftlichen Fächer an der Universität von morgen ………….……………….. 43
Tassilo Schmitt
Massenfach und Orchidee – die Perspektive der kleinen Fächer …….……….. 51
Katharina Bahlmann
Die Erneuerung der Geisteswissenschaften aus der Perspektive der kleinen
Fächer ………………………………………………………………….…........ 59
Georg Schmidt
Selbstverantwortlich und im Verbund.
Zwölf Thesen zur Neujustierung der Forschungsförderung – nicht nur aus geis-
teswissenschaftlicher Sicht ………………………………………….…....…… 75
Luise Schorn-Schütte
Von der Freiheit eines Wissenschaftlers zu kommunizieren.
Verbundforschung in den Geistes- und Sozialwissenschaften ………….…….. 85
Caspar Hirschi
Potemkinsche Projekte ………………………………………….….…………. 89
Inhalt 6
Stefan Hornbostel
Schisma oder Diversifikation. Das Verhältnis von Natur-, Sozial-
und Geisteswissenschaften ……………………………………………..…..…. 99
Hans Mathias Kepplinger
Die Geistes- und Sozialwissenschaften in den Medien ……………….…...… 125
Karl-Heinz Kohl
Die kleinen Fächer und die Medien: Das Beispiel der Ethnologie …….….… 129
Matthias Kohring
Vom Regen in die Traufe? Medien und Medialisierung ……………….….… 137
Dorothea Rüland
Auch in Zukunft attraktiv? Die Geistes- und Sozialwissenschaften am
Studienstandort Deutschland ……………………………………….……...… 147
Abbildungsverzeichnis ……………………………….........……….……...… 165
Literaturverzeichnis …………………………………..............…….……...… 167
Autorinnen und Autoren ………………………………........……….…...…... 181
... Dernbach und Schreiber 2012;Dernbach et al. 2012b), Friedrichsmeier, Kohring und Marcinkowski (vgl. Friedrichsmeier et al. 2013;Kohring 2014Kohring , 2005Kohring und Matthes 2003;Marcinkowski et al. 2013Marcinkowski et al. , 2014, Peters (2008Peters ( , 2012Peters et al. 2009Peters et al. a, 2009b und Röttger (vgl. Röttger 2007;Gehrau et al. 2013). ...
Article
Der Beitrag setzt sich mit dem Forschungsstand zur strategischen Kommunikation von Wissenschaftsorganisationen auseinander. Auf der Grundlage einer theoretischen Verortung im Feld der Wissenschaftskommunikations- und der strategischen Kommunikationsforschung erfolgt mit einer Meta-Analyse eine systematische Bestandsaufnahme einschlägiger deutschsprachiger Publikationen für den Zeitraum 2000 bis 2016. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Wissenschaftsorganisationen, die als strategische Kommunikatoren zunehmend die öffentliche Wahrnehmung von Wissenschaftsthemen beeinflussen, in der deutschsprachigen Forschung bislang wenig Beachtung finden und erst in den vergangenen Jahren stärker die Aufmerksamkeit der Kommunikationswissenschaft auf sich ziehen. Dies gilt insbesondere für die in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichte Grundlagenforschung zum Thema. Die strategische Kommunikation von Wissenschaftsorganisationen wird zudem wenig systematisch und eher en passant in kleineren Projekten bearbeitet. Gleichermaßen bestätigt die Meta-Analyse die These, dass anwendungsorientierte Forschung einen wesentlichen Teil des Feldes ausmacht und sich zu großen Teilen präskriptiv der Effektivitätssteigerung der Kommunikation von Wissenschaftsorganisationen widmet. Theoretische Beiträge und kritisch-normative Perspektiven sind hingegen selten. Die dynamische Entwicklung von strategischer Wissenschaftskommunikation und die hohe Aufmerksamkeit politischer Akteure für das Themen- und Handlungsfeld legt jedoch Forschungsansätze nahe, die stärker über präskriptive Fragestellungen hinausgehen.
... Die mediale Behandlung sozialwissenschaftlicher Themen als auch die mediale Sichtbarkeit sozialwissenschaftlicher Akteure wurden kaum ausführlicher beleuchtet (Scheu & Volpers, 2016;Cassidy, 2014;Schäfer, 2012).Medienberichterstattung belegen können, dass Themen und Akteure der Sozial-und Geisteswissenschaften sehr wohl einen zentralen Platz in der massenmedialen Berichterstattung einnehmen (vgl. z.B.Kohring, 2014). So kommen etwa Summ und Volpers (2015) in ihrer Untersuchung der Wissenschaftsberichterstattung deutscher Printmedien zu einem entsprechenden Ergebnis. ...
... This finding is all the more surprising given that existing comparative studies on discipline-related media coverage demonstrate that subjects and actors from the social sciences and humanities clearly occupy a central place in mass media coverage. This fact is shown in a study on the medialization of 15 disciplines in German print reporting (Kohring, 2014) as well as by Summ and Volpers (2015), who came to a similar conclusion in their study on media coverage regarding science in German print media. But, their study is based on an expanded definition of science journalism that goes beyond the science sections and specialized science journalists and is defined in general by references to scientific actors and subjects in the entirety of media reporting (Schäfer, 2012;Wormer, 2008). ...
Article
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This article examines the visibility of social scientists in the context of crisis media reporting by using the example of the German populist radical right movement PEGIDA. Based on previous research, a role typology was developed to serve as a framework for the empirical study. A content analysis of German newspapers demonstrates that social scientists are quite visible in the media coverage of PEGIDA and are presented mainly in the role of intellectuals. At the same time, new roles for social scientists are also discernible. Based on these findings, an extended role typology was developed to provide points of reference for further research.
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Zusammenfassung In jüngster Zeit wird verstärkt über die gesellschaftliche Wahrnehmung und Relevanz der Medien- und Kommunikationswissenschaft (MuK) diskutiert. Viele ForscherInnen kritisieren, dass das Fach sich zu wenig in öffentliche Debatten einmische und in den Nachrichtenmedien kaum sichtbar sei. Den zahlreichen Diagnosen stehen allerdings kaum Studien gegenüber, die die externe Wahrnehmung des Faches empirisch erfassen. Insbesondere mangelt es an Trendanalysen. Daher stellt die vorliegende Studie Resultate einer automatisierten Inhaltsanalyse zur Mediensichtbarkeit und thematischen Einordnung des Faches in Schweizer Printmedien vor. Mit einer Vollerhebung der Berichterstattung sieben überregionaler Zeitungen wird die Visibilität der Medien- und Kommunikationswissenschaft zwischen 1999 und 2018 analysiert und mit derjenigen der Nachbardisziplinen Politikwissenschaft und Soziologie verglichen. Zudem wird die Berichterstattung über das Fach mittels Topic Modeling mit Latent Dirichlet Allocation vertiefend untersucht. Unsere Studie zeigt, dass die öffentliche Sichtbarkeit der Kommunikations- und Medienwissenschaft deutlich hinter jener der Politikwissenschaft und Soziologie zurücksteht. Beide Vergleichsfächer konnten ihre Visibilität kontinuierlich steigern, während jene der MuK auf einem tieferen Niveau weitgehend stagniert. Thematisch wird über die Kommunikations- und Medienwissenschaft insbesondere im Kontext der Entwicklung der Presseauflage, von Studium und Lehre sowie von Medienpolitik, Medienregulierung und Service Public berichtet. Erstaunlicherweise berichteten Journalisten über das Fach eher selten im Kontext der Digitalisierung – und diese Kontextualisierung nimmt über die Zeit auch nicht zu. Die Studie legt nahe, dass Maßnahmen zur Stärkung der gesellschaftlichen Sichtbarkeit und Legitimation des Fachs sinnvoll wären.
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Die Wissenschaftskommunikation unterliegt einem tief greifenden, hoch dynamischen Wandel. Sowohl die interne Wissenschaftskommunikation (Scholarly Communication) als auch die externe Wissenschaftskommunikation differenzieren sich in der Praxis immer stärker aus. Treiber sind hier vor allem die Digitalisierung, die Medialisierung des Wissenschaftssystems und die Erweiterung der Formate: Blogs, Science Slams, Kinderunis usw. Neben die drei zentralen Akteure der externen Wissenschaftskommunikation – Wissenschaftler, Wissenschaftsjournalisten sowie Medien- und Öffentlichkeitsarbeiter – treten weitere. Der Beitrag kartiert das Feld der praktischen Wissenschaftskommunikation, analysiert die Modulationen nach Akteuren, skizziert Grundzüge der Aus- und Weiterbildung insbesondere von Forschenden und formuliert in Unterscheidung der Kommunikation von, für und über Wissenschaft Forschungsperspektiven im Hinblick auf die Praxis.
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Der Beitrag verfolgt das Ziel, die Rolle sozial- und geisteswissenschaftlicher Akteure, Themen und Forschungsergebnisse im öffentlichen Diskurs herauszuarbeiten. Hierzu wird der einschlägige Forschungsstand aufgearbeitet. Im Zentrum stehen dabei folgende Fragen: Wie lässt sich der Forschungsstand zur Rolle von Sozial- und Geisteswissenschaften im öffentlichen Diskurs charakterisieren? Welche methodischen Zugänge und Herausforderungen birgt das Forschungsfeld? Was sind die zentralen Ergebnisse, welche Konstanten und Veränderungen lassen sich im Zeitverlauf feststellen und welche aktuellen Entwicklungen charakterisieren das Forschungsfeld? Dabei wird soweit möglich auch speziell auf das Fach Kommunikationswissenschaft Bezug genommen.
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