ChapterPDF Available

Biodiversität erfassen: von Suppen und Satelliten

Authors:

Abstract

Nahe dem North River machten zwei Eichhörnchen um mich und über mir viel Wesen von sich; sie rannten hurtig von Baum zu Baum, sprangen von der Spitze eines Asts auf die eines anderen Asts am nächsten Baum, bis sie eine große Weißtanne erreicht und erklettert hatten. Ich näherte mich ihr und stellte mich unter sie, während die beiden einen großen Wirbel um mich veranstalteten. Eines kam schließlich ein Stück herunter, um zu rekognoszieren. 1 In seinen umfassenden Tagebüchern (18371861) erzählt der US-amerika-nische Naturphilosoph Henry David Thoreau von seinen Wanderungen durch die Felder und Haine um Concord im US-Bundesstaat Massachu-setts, wo er sich in einer kleinen Hütte am Waldon Pond eingerichtet hatte. Detailreich, mit viel Einfühlungsvermögen und gelegentlich exal-tiert beschreibt er seine Begegnungen mit Blumen, Gräsern, Sträuchern, Beeren, Schmetterlingen, Vögeln, Fischen, Käfern, Eichhörnchen und Bisamratten (hierzulande auch Sumpfhasen genannt) und schafft damit ein kurzweiliges Archiv zwischenartlicher Zusammenkünfte, das als eine der bedeutendsten Vorlagen der " ökologischen Imagination " gilt. 2 Beglei-tet werden Thoreaus Naturbeobachtungen von biophilen 3 und manchmal durchaus komischen Kommentaren (er fragt sich unter anderem, wie wohl das Schrifttum der Bisamratten und Bieber ausfallen würde) über die wundersamen Ausformungen seiner Umwelt und ihrer Vielfalt sowie von kritischen Überlegungen zur modernen Welt, die mit Eisenbahnen und wachsendem Kommerz nicht weit von seiner Hütte tatkräftig voran-schritt. Sowohl die Literaturkritik als auch die aufstrebende Umweltbe-wegung nahmen sich seines Werkes an; so war beispielsweise John Muir, einer der ersten umweltpolitischen Akteure, dessen Engagement 1864 zum ersten Naturschutzgebiet führte, stark von Thoreau und dessen Mit-streiter Ralph Waldo Emerson geprägt. Thoreau war aber auch ein para-digmatischer Naturwissenschaftler, der sich dem Erkunden seiner 1 Thoreau: Denken, S. 59. 2 Buell: Environmental Imagination, Cambridge 1995. 3 Für den Biologen E.O. Wilson (Biophilia, Cambridge 1984) beschreibt die Biophi-lie eine angeborene Veranlagung und ein elementares Bedürfnis, sich mit Lebens-formen und lebensnahen Prozessen zu beschäftigen.
61
BIODIVERSITÄT ERFASSEN:
VON SUPPEN UND SATELLITEN
Tahani Nadim
Nahe dem North River machten zwei Eichhörnchen um mich und
über mir viel Wesen von sich; sie rannten hurtig von Baum zu
Baum, sprangen von der Spitze eines Asts auf die eines anderen
Asts am nächsten Baum, bis sie eine große Weißtanne erreicht und
erklettert hatten. Ich näherte mich ihr und stellte mich unter sie,
während die beiden einen großen Wirbel um mich veranstalteten.
Eines kam schließlich ein Stück herunter, um zu rekognoszieren.1
In seinen umfassenden Tagebüchern (18371861) erzählt der US-amerika-
nische Naturphilosoph Henry David Thoreau von seinen Wanderungen
durch die Felder und Haine um Concord im US-Bundesstaat Massachu-
setts, wo er sich in einer kleinen Hütte am Waldon Pond eingerichtet
hatte. Detailreich, mit viel Einfühlungsvermögen und gelegentlich exal-
tiert beschreibt er seine Begegnungen mit Blumen, Gräsern, Sträuchern,
Beeren, Schmetterlingen, Vögeln, Fischen, Käfern, Eichhörnchen und
Bisamratten (hierzulande auch Sumpfhasen genannt) und schafft damit
ein kurzweiliges Archiv zwischenartlicher Zusammenkünfte, das als eine
der bedeutendsten Vorlagen der „ökologischen Imagination“ gilt.2 Beglei-
tet werden Thoreaus Naturbeobachtungen von biophilen3 und manchmal
durchaus komischen Kommentaren (er fragt sich unter anderem, wie
wohl das Schrifttum der Bisamratten und Bieber ausfallen würde) über die
wundersamen Ausformungen seiner Umwelt und ihrer Vielfalt sowie von
kritischen Überlegungen zur modernen Welt, die mit Eisenbahnen und
wachsendem Kommerz nicht weit von seiner Hütte tatkräftig voran-
schritt. Sowohl die Literaturkritik als auch die aufstrebende Umweltbe-
wegung nahmen sich seines Werkes an; so war beispielsweise John Muir,
einer der ersten umweltpolitischen Akteure, dessen Engagement 1864
zum ersten Naturschutzgebiet führte, stark von Thoreau und dessen Mit-
streiter Ralph Waldo Emerson geprägt. Thoreau war aber auch ein para-
digmatischer Naturwissenschaftler, der sich dem Erkunden seiner
1 Thoreau: Denken, S. 59.
2 Buell: Environmental Imagination, Cambridge 1995.
3 Für den Biologen E.O. Wilson (Biophilia, Cambridge 1984) beschreibt die Biophi-
lie eine angeborene Veranlagung und ein elementares Bedürfnis, sich mit Lebens-
formen und lebensnahen Prozessen zu beschäftigen.
62
Umwelt mit Akribie und Neugier widmete. So manches Exemplar wurde
in die Hütte geschafft, um durch teils experimentelles, teils vergleichendes
Studium bearbeitet zu werden. So nehmen Thoreaus Vorgehensweisen im
Dokumentieren der lokalen Fauna und Flora tatsächlich Methoden vor-
weg, die im Laufe der Entwicklung der modernen Naturkunde rationali-
siert wurden.
Der vorliegende Text widmet sich drei aktuellen Methoden, nämlich
der Zählung durch Sichtnachweis und Verhören, der genetischen Technik
der „Biodiversitätssuppe“4 und der satellitengestützten Fernerkundung.
Durch diese Praktiken der Erfassung von Natur möchte ich den Begriff
der Biodiversität beleuchten, denn Biodiversität steht zur Zeit hoch im
Kurs – als Ressource, als politisches Zugpferd und, ihrer rapiden Zerstö-
rung wegen, als globale Herausforderung für politische Steuerungspro-
zesse. Und es obliegt der Wissenschaft, insbesondere den Naturwissen-
schaften, Biodiversität dingfest und fassbar zu machen. Thoreau dient hier
nicht nur als Vorläufer und Einstieg, sondern bietet einen methodologi-
schen Rahmen, um sich mit diesen Methoden und ihrem Verhältnis zu
unserem Biodiversitätsverständnis auseinanderzusetzen. Denn zum einen
geschieht die heutige Inventarisierung der Natur zumeist in der Absicht,
diese zu bewahren und zu schützen, was ganz dem Anliegen Thoreaus
entspricht. Zum anderen lässt sich in seinen Tagebüchern eine praktische
und begriffliche Spannung ausmachen, die heutige Dokumentationsversu-
che der biologischen Vielfalt fruchtbar problematisiert.
„Biodiversität“ ist ein mehrdeutiger Begriff, der auf allen Ebenen –
vom Gen bis hin zu Ökosystemen, Nationalstaaten und Kontinenten –
verhandelt wird. Als „Eigenschaft lebender Systeme“, so die bedeutende
Definition des Harvard-Biologen Otto Solbrig, umfasst der Ausdruck
denn auch alle Prozesse, die man auf Erden findet und vermutet.5 Diesem
weitläufigen, dehnbaren Definitionsrahmen steht nun der Versuch einer
Verengung gegenüber, der eine zentrale Spannung im Biodiversitätsver-
ständnis aufzeigt. Denn, im Gegensatz zu ihrer gedanklichen und praxis-
bezogenen Vielfalt, liegt die eigentliche Deutungshoheit über Erschei-
nung, Inhalt, Relevanz und Funktion von Biodiversität ganz bei den
Naturwissenschaften. Diese alleinige Befugnis, Biodiversität sinnvoll dar-
zulegen, begrenzt unser Fassungs- und Vorstellungvermögen, da die
Naturwissenschaften nur ganz bestimmte Erfahrungen und Wissensfor-
men zulassen. Schon Thoreau übte Kritik an den immer stärker professio-
nalisierten Naturwissenschaften, die seines Erachtens sowohl die Natur
als auch den menschlichen Einfallsreichtum in immer rigidere Register
drängte und beide somit ihrer Zoe, also ihrer Lebenskraft und Beseeltheit,
4 Yu u.a.: „Biodiversity Soup“, 2012.
5 Solbrig: From Genes to Ecosystems, 1991.
63
beraubte: „Ich meine, der Wissenschaftler machet einen Fehler, und mit
ihm der größte Teil der Menschheit, wenn er annimmt, man solle die
Aufmerksamkeit hauptsächlich auf das Phänomen richten, das den Beob-
achter erregt als etwas, das von ihm unabhängig ist, anstatt auf seine
Beziehung zu ihm.“6
Thoreau beanstandet hier eine unheilvolle Trennung der zweckge-
bunden, distanzierten Aufnahme von der immersiven, ortsgebundenen
Erfahrung durch Begegnungen in und mit Natur. Bei letzterer kommen
Situation und Subjektivität der Beobachterin, Fähigkeiten, Vorlieben,
Stimmungen, Empfindsamkeiten sowie Narrative, Phantasien und ein
über das rein Menschliche hinausgehende Bezugssystem zur Geltung, und
zwar als Voraussetzungen für Wissensfindung. und als Teil dieser Fin-
dung selbst. Bei der distanzierten Aufnahme wird all dies unterdrückt
oder ausgelöscht, um dem Ideal der Objektivität gerecht zu werden.7
Dabei verliert nicht bloß unser Biodiversitätsverständnis, vielmehr ver-
armt die Wissenschaft selbst, wie die Philosophin Isabelle Stengers
bemerkte:
The very success they [die Wissenschaftler] are meant to achieve is
to stop interpretation, to have ambitions bowing in front of an ob-
jective verdict, to promote reality against intentions, and to enforce
the closure of until then free human controversies. The whole of
human intervention, imagination, intentionality, and freely engaged
passion is here mobilized in order to establish that there is one in-
terpretation only, the ‚objective one,‘ owing nothing to invention,
imagination, and passion.8
Diese Aussparungen werden besonders in den neueren Methoden der
Biodiversitätserfassung deutlich, die in Folge des Artensterbens in immer
„effizientere“ – schnellere, kostengünstigere, jederzeit und allerorts re-
produzierbare – Bahnen gedrängt wird. Hier bleibt keine Zeit für stim-
mungsvolle Auswüchse oder bedachtsames Verweilen. In dem vorliegen-
den Text möchte ich nun den Einfallsreichtum, die Imagination und
Leidenschaften hervorkehren, die in den wissenschaftlichen Methoden der
modernen Biodiversitätserfassung verborgen bzw. verboten bleiben. Tho-
reaus Wanderungen stehen mir dabei Modell, denn auch ich suche unter-
schiedliche Erscheinungen von Biodiversität – als Nahrungsmittel, Politi-
kum, unerkennbares Miteinander, Krise, Suppe, Kriegsgewinnler – durch
verschiedenartige Szenen zu verknüpfen.
6 Thoreau, Denken, IV, 2, S. 220.
7 Zum Objektivitätsverständnis in der Wissenschaft vgl. Daston und Galison: Objek-
tivität, 2007.
8 Stengers: „Beyond Conversation“, 2002, S. 251. Gibt es davon eine deutsche Über-
setzung? Nein, gibt es (noch) nicht.
64
Die Problematisierung der Biodiversität
Als Wissenschaftssoziologin gilt meine Aufmerksamkeit den konkreten
Praktiken, die vom Biodiversitätsbegriff – der, wie wir sehen werden, kein
zufälliger ist und sich nicht auf eine Definition reduzieren lässt – ausge-
hen. Demgemäß verstehe ich Biodiversität als einen Komplex, um den
sich verschiedene wissenschaftliche Arbeitsweisen konstituiert haben, die
den Biodiversitätsbegriff wiederum kontinuierlich mit- und umgestalten.
Dieser Komplex umfasst auch politische, wirtschaftliche, kulturelle
Akteure und Interessen, die sich ihrerseits sowohl in den wissenschaftli-
chen Praktiken als auch im Biodiversitätsbegriff wiederfinden: Hier erstel-
len Umweltökonomen Finanzinstrumente, um Biodiversität als Ressource
zu veranschlagen, die damit in einem monetären Wert vergegenständlicht
wird, der wiederum der Politik ein Movens für Forschungsagenden liefert,
die den Naturwissenschaften Vorgaben zur Vermessung der Biodiversität
setzen. Mich beschäftigt die Frage, wie Biodiversität in diesen Vermes-
sungen definiert und ausgestaltet wird. Besonders gilt mein Interesse den
Exzessen (z.B. Daten) und ungereimten Präsenzen sowie den Dingen und
Beziehungen, die durch das Zählen und Schätzen wegrationalisiert wer-
den.
Meinem Versuch, den Biodiversitätsbegriff solcherart analytisch zu er-
kunden, liegt die Frage nach politischen Interventionsmöglichkeiten
zugrunde: Die Art und Weise, wie Biodiversität definiert wird und welche
Parameter für ihre Erfassung und Wertschätzung gesetzt werden,
bestimmt, wer von ihrer Zerstörung rechtmäßig betroffen ist, wer von ihr
profitieren darf und welcher Instanz ihre Sorge und Verwaltung zu unter-
liegen hat. Nehmen wir als Beispiel die aktuelle Debatte über den Erfolg
der getreideähnlichen Nutzpflanze Quinoa (Chenopodium quinoa), eine
Debatte, die weit über den wissenschaftlichen Expertenkreis hinaus auf
Resonanz gestoßen ist.9 Quinoa wird seit ungefähr 5.000 Jahren im Hoch-
land von Peru, Bolivien, Ecuador und Chile kultiviert. Es zählt zu den
bedeutendsten Grundnahrungsmitteln, findet Anwendung in der Heil-
kunde und in Riten und hat auch eine soziale Valenz, die zur gesellschaft-
lichen Struktur der Anden beiträgt. Das Jahr 2013 wurde von den Verein-
ten Nationen zum Internationalen Quinoa Jahr erklärt, und Qui-
noaprodukte finden sich heutzutage nicht mehr nur in ausgesuchten
Bioläden. Angesichts der steigenden Popularität der Pflanze stellte der
kanadische Pflanzenwissenschaftler Ernest Small im Fachblatt Biodiver-
sity die These auf, dass sich verstärkte Nachfrage negativ auf die lokale
Artenvielfalt in den Anden auswirken wird, dass also der steigende Anbau
9 Berichte z.B. im britischen The Guardian, auf Arte und im US Radiosender NPR.
65
zwangsläufig zur Verdrängen und Vernichtung anderer Tier- und Pflan-
zenarten führen werde.10 Der Quinoaexperte Didier Bazile vom französi-
schen Forschungsinstitut für Landwirtschaft und Internationale Entwick-
lung (CIRAD) betonte hingegen, dass es sich beim Anbau von Quinoa im
peruanischen und bolivarischen Hochland um ökologisch-nachhaltige
Bodenkultur handeln würde, die von Kleinbauern betrieben werde, deren
Anbaupraktiken seit jeher auf den Erhalt von Biodiversität bedacht sei:
Der Anbau mehrfacher Landsorten, die Kombination unterschiedlicher
Arten, die Integration mit Nutztieren sowie die Nutzung unterschiedli-
cher Ökozonen in verschiedenen Höhenlagen erlaubten die nachhaltige
Sicherung genetischer Vielfalt sowie die Vielfalt von Arten und Ökosys-
temen.11 Smalls Antwort lautete:
However, the mandate of Biodiversity is to defend biodiversity, and
crops like Quinoa, that indeed have wonderful potential to grow in
places that up to the present have been unsuitable for crops, con-
comitantly have terrible potential to eliminate biodiversity. The
first prerequisite in correcting a problem is to acknowledge that
there is a problem [...].12
Augenscheinlich erhitzt das Thema Biodiversität die Gemüter, was auch
daher rührt, „dass der Gedanke Biodiversität selbst Tatsachen und Wert-
urteile miteinander kombiniert“.13 Biodiversität ist folglich nicht unbe-
dingt und nur partiell ein wissenschaftlicher Sachverhalt, denn sie ver-
schränkt unterschiedliche Erfahrungen und Handlungsräume. Global
gesehen lässt sich nun durchaus das Argument vertreten, dass verstärkte
landwirtschaftliche Nutzung erheblich zum Arten- und Habitatsverlust
beiträgt. Demnach ist Biodiversität mit steigendem Anbau unvereinbar
und wird zum klassischen Nullsummenspiel, in dem auch noch der Geist
Malthus‘ mitmischt: entweder Landwirtschaft oder Biodiversität, entwe-
der Nahrung oder Artenvielfalt, entweder Mensch oder Natur.14 Aber
sind Bodenkultur und Landwirtschaft grundsätzlich schädlich für die
Artenvielfalt? Gilt Natur nur dann, wenn sie menschenfrei gehalten wird?
Kann man, wie es Small tut, von nationalen Exportzahlen auf örtliche
Bedingungen schließen? Ist es angesichts der mehr als 16.000 Quinoasor-
ten überhaupt möglich, von Quinoa an sich zu sprechen? Welche Biodi-
versität gilt es zu verteidigen, und kann es nicht auch sein, dass man dabei
10 Small: „Quinoa“, 2013.
11 Bazile: „Contesting Blossoming Treasures“, 2014.
12 Small: „A Rejoinder“, 2014, meine Übersetzung.
13 Heise: Nach der Natur, 2010, S. 27.
14 Auf besonders krasse Weise wird der Antagonismus zwischen Mensch und Natur
in afrikanischen Naturreservaten deutlich, wo zum Beispiel indigene Bevölkerun-
gen vertrieben werden (vgl. Adams und Hutton, 2007) und gezielte Todesschüsse
auf vermutliche Wilderer angeordnet werden (vgl.
66
indigene Rechte, verschiedenartige Wissenszugänge und Kosmologien
verteidigen muss? Anders gesagt, bedarf es denn eines allgemeingültigen
Konsens über die Definition und Bedeutung von Biodiversität, um Wis-
senschaft zu tätigen, um politische Entscheidungen zu fällen, um ihrer
Zerstörung Einhalt zu gebieten?
Tatsächlich scheinen führende Stimmen in der Debatte über die
Bedeutung von Biodiversität und über das weitere Vorgehen just so einen
Konsens anzusteuern.15 Die Globalisierung und Institutionalisierung, die
der Biodiversitätsdiskurs seit den 1980er Jahren erfahren hat, verlangen
nach vergleichbaren Daten und standardisierten Indikatoren für globale
Sachstandsberichte sowie nach universal-gültigen und kalkulierbaren
Bezugswerten und Richtgrößen für Modelle und Prognosen wie zum Bei-
spiel den Essential Biodiversity Variables, einer Serie allgemeiner Größen,
durch die Biodiversität messbar gemacht wird.16 Diese Generalisierungen,
die auch immer eine Reduktion oder Verengung nach sich ziehen, gesche-
hen im Zeichen der Effizienz und der Machbarkeit: Als globaler Zustand
soll Biodiversität eben auch global verstanden und verhandelt werden, und
dafür bedarf es, so der Tenor der Debatte, einheitlicher Kennwerte und
Methoden sowie einer einzigen Sprache und epistemologischen Grund-
lage, nämlich die der Naturwissenschaften. Der Abriss der Quinoadebatte
zeigt jedoch, dass unterschiedliche Methoden, Erfahrungen, Größenord-
nungen und Generalisierungen unterschiedliche Problematisierungen von
Biodiversität ins Spiel bringen. Bei Small erscheint sie als globale und erre-
chenbare Größe, die ein singuläres, diskretes Problem darstellt; bei Bazile
hingegen als Teil eines historischen, lokalen und veränderlichen Gefüges,
das unter anderem keinen dauerhaften Unterschied zwischen Landwirt-
schaft (Kultur) und Natur macht.
Die Biodiversitätsforschung hat bereits sehr erfolgreich Smalls
Appell für die Anerkennung eines Problems („acknowledge that there is a
problem“) umgesetzt. Die Problematisierung der Biodiversität ist dort
klar strukturiert durch, zum einen, das Artensterben und, zum anderen,
den Mangel an beschriebenen und bekannten Arten (weitere Einzelheiten
hierzu siehe unten). Dadurch wird die Inventarisierung der Arten als
15 Dazu zählen sowohl Wissenschaftler wie Stuart Butchart (BirdLife International),
Dan Faith (Australian Museum, Sydney), Harold Mooney (Stanford Universität),
Paul Leadley (CNRS, Paris), Georgina Mace (Imperial College, London) als auch
einflussreiche Wissenschafts- und Umweltschutzorganisationen wie das interna-
tionale Biodiversitätsforschungsprogramm Diversitas, der internationale Wissen-
schaftsrat ICSU (International Council for Science), die Weltnaturschutzunion
IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources)
und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, UNEP (United Nations Envi-
ronmental Programme).
16 Pereira u.a.: „Essential Biodiversity Variables“, 2013.
67
wesentlicher Ausweg in den Vordergrund gedrängt und das Repertoire an
möglichen Lösungswegen und Denkansätzen folgenschwer beschränkt.
Biodiversität als politischer Gegenstand
Der gegenwärtige Aufstieg von Biodiversität zur globalpolitischen Ange-
legenheit, die sowohl wissenschaftliche wie auch politische und wirt-
schaftliche Akteure auf die Bühne ruft, ist untrennbar mit dem Krisen-
denken verbunden, das sich im Laufe des 20. Jahrhunderts im Welt-
verständnis verankert hat. Seit Rachel Carsons wegweisender Studie Der
stumme Frühling (1962) über die katastrophalen Konsequenzen des Insek-
tizids DDT (Dichlordiphenyltrichlorethan) reiht sich das Artensterben in
eine nicht enden wollenden Serie globaler Krisen – Waldsterben, Ozon-
loch, Ölpest, saurer Regen, Tschernobyl, Erderwärmung. Seitdem ist das
Aussterben von Arten nicht mehr nur als „normales“ Phänomen zu ver-
stehen, wie es das Konzept des Hintergrundaussterbens17 (background
extinction) vermuten lässt, sondern zeigt sich als ein zentraler Effekt
anthropogener Aktivität. Studien über Korallenbleiche, die in den 1990er
Jahren besonders Korallenriffe im Pazifik vernichtete, zeigten überdies,
dass die Auslöschung einer Art oftmals katastrophale Kaskadenwirkungen
nach sich zieht und die Wiederinstandsetzung höchst diverser und kom-
plexer Ökosysteme praktisch unmöglich ist.
Angesichts des „sechsten großen Massenaussterbens“18 formierte
sich nun Mitte der 1980er Jahre eine Gruppe prominenter Biologen und
Ökologen, allen voran E.O. Wilson, und drängte darauf, den Artenverlust
als globale Katastrophe wahrzunehmen, derer man sich unverzüglich
annehmen sollte. Der Workshop, das National Forum on BioDiversity,
der diese Wissenschaftler 1986 in Washington DC zusammenführte,
prägte nicht nur das Wort „Biodiversität“, welches im Zuge der Vorberei-
tungen „erfunden“ wurde sondern gab diesem auch Ausdruck als spezi-
fisch krisenzentrierte Auffassung von Artenvielfalt.19 Das Vorwort des
17 Das Aussterben von Arten ist auch ein evolutionärer Prozess, dessen normale Rate
laut Fossilbericht für Säugetiere bei ungefähr 0,2–0,5 pro Million liegt. Durch
anthropogene Ursachen ist diese Rate 100- bis 1.000fach angestiegen. Vgl.
Rockström u.a.: „A Safe Operating Space“, 2009.
18 Dieses Massenaussterbeereignis ist im Holozän zu verorten, begann also vor ca.
8.000–10.000 Jahren, und ist auf anthropogene Ursachen zurückzuführen. Laut
neuesten Schätzungen sind seit dem Jahr 1500 322 Wirbeltierarten ausgestorben.
Die Übriggebliebenen erfahren einen Rückgang von durchschnittlichen 25% in
ihrer Abundanz. Bei 67% Wirbellosen liegt dieser Rückgang sogar bei durch-
schnittlich 45%. Vgl. Dirzo u.a.: „Defaunation“, 2014.
19 Für eine wissenschaftshistorische Studie über dieses Zusammentreffen und seine
Auswirkungen vgl. Takacs: The Idea of Biodiversity, 1996.
68
illustren Tagungsberichts20, der sich aus leidenschaftlichen Plädoyers für
die Wichtigkeit und Unersetzlichkeit der biologischen Vielfalt zusam-
mensetzt, nahm bereits die Parameter des nachfolgenden Biodiversitäts-
diskurs vorweg: Zum einen muss Biodiversität „ernst genommen werden
als globale Ressource, die es zu katalogisieren, zu nutzen und vor allem zu
erhalten gilt“.21 Zum anderen handelt es sich um eine Angelegenheit von
äußerster Dringlichkeit, verursacht durch eine wachsende Weltbevölke-
rung und ein noch nie dagewesenes Ausmaß an Zerstörung. Der Appell an
die Wissenschaft und Politik lässt weder Raum für Zweifel noch für
Zögern: „Overall, we are locked into a race. We must hurry to acquire the
knowledge on which a wise policy of conservation and development can
be based for centuries to come.“22 Mit der Forderung nach einer
beschleunigten Wissensproduktion im Bereich Biodiversität richteten sich
die Autoren im gleichen Maße an die Naturwissenschaften und die Poli-
tik.
Die Rufe von Wilson und seinen Kollegen nach politischer Interven-
tion wurden tatsächlich bald erhört, und bereits sechs Jahre später war das
Übereinkommen über die biologische Vielfalt (Convention on Biological
Diversity, CBD) verabschiedet. Mit der Gründung 2012 des Intergo-
vernmental Panel on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), dem
sogenannten Weltbiodiversitätsrat mit Sitz in Bonn, erfuhr die Biodiversi-
tät ihre bisher größte Legitimation als weltpolitische Angelegenheit. Die
Aufgabe von IPBES, von vielen als Pendant zum Weltklimarat (IPCC)
verstanden, besteht in der Durchführung regelmäßiger Gutachten über
und Abschätzungen zum aktuellen globalen Wissenstand über Biodiversi-
tät. Ziel von IPBES ist es, politische Entscheidungsprozesse durch rele-
vantes Wissen zu unterstützen und somit als Schnittstelle zwischen Wis-
senschaft und Politik zu agieren.23 Auch die CBD, insbesondere deren
Aichi-Ziele zum Aufhalten des Biodiversitätsverlusts, und die Millen-
nium-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen sollen durch die Arbeit
von IPBES gestärkt werden.24 Forciert durch die intensive Diskussion und
20 Wilson und Peter: Biodiversity, 1988.
21 Ibid., S. 3.
22 Ibid.
23 Welches Wissen dabei als „relevant“ gilt ist eine wichtige Frage und Streitpunkt in
den Prozessen von IPBES. IPBES sucht dezidiert lokale und indigene Wissenssys-
teme sowie Geistes- und Sozialwissenschaften einzubinden.
24 Die CBD, unterzeichnet von 194 Vertragspartnern (nicht vertreten sind Andorra,
die Vereinigten Staaten und der Vatikan), verfolgt drei Ziele: 1. den Schutz der bio-
logischen Vielfalt, die sowohl Artenvielfalt, genetische Vielfalt und die Vielfalt der
Ökosysteme beinhaltet; 2. die nachhaltige Nutzung der Biodiversität; und 3.
Zugangsregelungen und gerechten Ausgleich von Vorteilen aus der Nutzung gene-
tischer Ressourcen. Diese werden aktuell durch zwei verbindliche völkerrechtliche
Abkommen, dem Cartagena-Protokoll (2003 in Kraft getreten) und dem Nagoya-
69
Förderung des finanziellen Nutzens der Ökosystemdienstleistungen (wie
zum Beispiel Bodenbildung, Rohstoffe oder Bestäubung) und des natürli-
chen Kapitals biodiverser Regionen (sogenannter „hot spots“), ist Biodi-
versität nun Angelpunkt für eine Vielzahl von Interessen geworden.
Dementsprechend betriebsam sind die Forschungsbereiche, die sich mit
dem Erfassen von Biodiversität auseinandersetzen, von Naturschutzbio-
logie, Meeresbiologie und phylogenetischer Forschung bis hin zu ökolo-
gischer Ökonomie, denn es gilt, sowohl enormen Schaden zu verhindern
wie auch beträchtlichen Nutzen zu ziehen.
Erfassen von Biodiversität
IPBES hat im Dezember 2013 im Zuge der zweiten Vollversammlung in
Antalya das erste Arbeitsprogramm verabschiedet. Dieses Programm sieht
eine Serie von prioritären Gutachten (fast-track thematic assessments) vor,
die sich mit Bestäubung und Nahrungsmittelproduktion, Bodenver-
schlechterung, Rekultivierung und eingeschleppten Pflanzen- und Tierar-
ten beschäftigen, sich aber auch der Entwicklung und Anwendung von
Szenarienanalysen und Modellen sowie Wertbestimmungen und Bilanzie-
rungsmechanismen widmen. Obwohl sich hier die zentralen Fragen nach
der Gesamtzahl der Arten, deren geografischer Verteilung und Gefähr-
dung angesichts von Umweltveränderungen seit Wilsons Workshop nicht
geändert haben, werden diese in eine umfassende Argumentation gesetzt,
die sowohl innerwissenschaftlichen als auch politischen Ansprüchen
gerecht werden muss. Die biologische Vielfalt spielt demnach eine zen-
trale Rolle für eine gesicherte Nahrungsmittelproduktion, Gesundheit,
Klimastabilität, Wirtschaftsleistung und vieles mehr.
Die Dringlichkeit und Notwendigkeit, welche das Krisendenken ins
Herzen des Biodiversitätsdiskurses verpflanzt hatte, äußert sich in der
aktuellen Biodiversitätsforschung in Bestrebungen nach mehr Effizienz,
was das Erfassen von Artenvielfalt anbelangt. Diese stellt eine wesentliche
Aufgabe der Biodiversitätsforschung dar, die dem Credo folgt, dass wir
nur schützen können, was wir kennen. Mit „kennen“ ist dabei naturwis-
senschaftlich autorisiertes Wissen über die Identität, den Bestand, die
Protokoll (verabschiedet in 2010), umgesetzt. Die Aichi- Ziele wurden im Zuge der
10. Vertragsstaatenkonferenz (Aichi-Nagoya, 2010) und als Teil des Strategischen
Plans zur Biodiversität 2011–2020 gesetzt und umfassen fünf strategische Ziele,
unter anderem die Bekämpfung der Ursachen des Artensterbens. Die Millennium-
Entwicklungsziele umfassen „ökologische Nachhaltigkeit“ und sahen ursprünglich
vor, den Verlust der Biodiversität bis 2010 zu verringern. Die Milleniums-
Entwicklungsziele sind Teil des Millenium-Projekts, das gemeinsam von den Ver-
einten Nation, der Weltbank, IWF und OSZE aufgesetzt wurde. Bis 2015 sollte
u.a. der Biodiversitätsverlust eingedämmt werden.
70
Dichte (Abundanz) und die Ausbreitung einer Art oder eines Habitats
gemeint. 1975 wurde zum Beispiel das Loch Ness Monster taxonomisch
beschrieben und benannt (Nessiteras rhombopteryx), denn nur eine Art mit
wissenschaftlichem Namen (der sich aus Gattung und Artnamen zusam-
mensetzt), kann gesetzlich unter Schutz gestellt werden.25 Doch sind wir
angesichts der Krise überhaupt in der Lage, alle Arten der Welt zu benen-
nen, bevor sie aussterben? Diese bange Frage stellte unlängst ein Kom-
mentar26 im Fachjournal Science, und tatsächlich bringt sie die Sorge vieler
Biologen auf den Punkt, denn die klassische taxonomische Dokumenta-
tion von Flora und Fauna ist zeitaufwendig und kann mit dem Tempo der
Zerstörung nicht mithalten. Laut jüngsten Schätzungen würde es unge-
fähr 263 Milliarden Dollar kosten und 360 Jahre dauern, die globale Bio-
diversität zu beschreiben.27
In der Biodiversitätserfassung unterscheidet man allgemein zwischen
invasiven Methoden, bei denen die Lebewesen gefangen und/oder getötet
werden, wie zum Beispiel das Einsammeln mariner Arten mit einer
Dredge (Schleppnetz), und nichtinvasiven Methoden, zu denen unter
anderem genetische, akustische und fototechnische Verfahrensweisen
zählen. Die älteste Methode der Biodiversitätserfassung, die uns bereits
Thoreau demonstrierte, ist die feldbiologische Aufnahme und Zählung
von Vorkommen und Bestand, also das Erfassen von spezifischen Arten
in situ. Durch Sichtnachweis, Verhören, aber auch Fang kann die Alpha-
Diversität, das heißt, die Anzahl der Taxa in einem bestimmten Habitat,
durch Stichproben statistisch extrapoliert werden. Für eine systematische
Erfassung wird hierfür ein Gebiet abgesteckt und abgesucht, dabei kann
es sich um kleinere Nischen wie Nationalparks oder größere Regionen
wie Nationalstaaten handeln. Dies kann einmalig passieren oder in regel-
mäßigen Abständen zwecks Monitoring wie bei den Roten Listen, aber
auch kumulativ wie der Census of Marine Life28, der zwischen 2000 und
2010 die Einwohner der Weltmeere erfasste. Wie man dabei genau vor-
geht, ist von der jeweiligen Art, ihren Merkmalen, Verhaltensweisen und
Erhaltungszustand abhängig sowie von den vorhandenen Ressourcen.
Auch das Habitat, dessen Einsehbarkeit und geopolitische Situierung,
sind von Bedeutung. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist
natürlich die Erfahrung der mit der Erfassung betrauten Wissenschaftle-
rinnen und Assistentinnen, denn es bedarf oft beachtlicher Fähigkeiten,
um kryptische Arten oder solche mit veränderlicher Morphologie in
unterschiedlichen Lebensphasen zu identifizieren und dabei die Unter-
25 Scott und Rines: „Naming the Loch Ness Monster“, 1975.
26 Costello u.a.: „Can We Name Earth’s Species Before They Go Extinct?“, 2013.
27 Carbayo und Marques: „The Costs of Describing the Entire Animal Kingdom“,
2011.
28 Vgl. http://www.coml.org/
71
schiede, die wortwörtlich den Unterschied machen, auszumachen. Auch
eine gewisse intime Kenntnis der Eigenheiten der Organismen und ihrer
Umgebung – wo sie wann anzutreffen sind oder auf welche Stimuli sie
besonders reagieren – ist von Nöten.
Für das feldbiologische Erfassen der Artenvielfalt werden menschli-
che und mehr-als-menschliche Sinne angestrengt. Somit wird eine
Zusammenarbeit auf zwischenartlicher Ebene etabliert, wie im Falle der
besonders seltenen Froschlurchfauna in Zentral-Guyana. Diese verlangt
von der Herpetologin ein umsichtiges und nahezu empathisches Durch-
streifen, bei dem Baumstämme aufgehoben, Steine umgedreht, Falllaub
durchgraben, Erdlöcher freigelegt und vorsichtig Rinde abgeschält wird.29
Solch ein überbordendes Sich-Einlassen auf das Andere, bei Amphibien
zumeist nach Einbruch der Dunkelheit, entbehrt, ähnlich wie bei Tho-
reau, nicht einem gewissen Zauber. Thoreau sah sich wahrhaftig „diffun-
diert“, also verstreut und gleichzeitig verschmolzen, im Klang „träumen-
der Frösche“, auf der Fährte des Fuchses oder der im Angesicht der
gefälligen Röte des Kleinen Sauerampfers.30 Aber wie viele praktische
Details der Biodiversitätserfassung (zum Beispiel die Zusammenarbeit mit
einheimischen Führern oder die oftmals schwierigen Verhandlungen mit
regionalen und nationalen Regierungsbehörden) fallen auch solch erzähle-
rische Anmerkungen und Reflexionen dem naturwissenschaftlichen Text
zum Opfer, der ausschließlich an der Kommunikation objektivierbarer
Daten Interesse hat. Dieses Genre spiegelt sich auch in den Tätigkeiten
und Reglements umweltpolitischer Akteure wider, die sich dann – ganz
dem sinnlichen und gestalterischen Aufforderungscharakter der Daten-
sätzen entsprechend – das Setzen, Verschieben oder Verhandeln von uni-
versalen Mindest- und Höchstwerten zum Ziel setzen.
Letztlich ist das Zählen und statistische Verbuchen der Arten eine
Beschäftigung sui generis, die die Naturkunde seit dem 18. Jahrhundert
bewegt. Die Arbeiten des deutschen Biologen, Geographen und Mathe-
matikers Eberhard August Wilhelm von Zimmermann (1743–1815) ließen
bereits eine Gesamtzahl von 7 Millionen allein für Insektenarten erah-
nen.31 Heutige Schätzungen schwanken zwischen 2 bis 100 Millionen
Arten, wobei diese Zahlen Mikroorganismen außer Acht lassen. Proka-
ryoten, also Bakterien und Archaeen, entziehen sich dem klassischen Art-
konzept – sie weisen zum Beispiel keine diagnostisch-wertvollen morpho-
logischen Charakteristika auf – und somit der Zählung. Deshalb finden sie
trotz ihrer Bedeutung für die Konstitution und Funktion der Biosphäre
verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit in der Biodiversitätsdebatte.
29 Vgl. Ernst u.a.: „On the Cutting Edge“, 2005.
30 Thoreau: The Journal: 1837–1861, 2009.
31 Dank an Michael Ohl für diesen Hinweis.
72
Diese konzentriert sich, neben den Ökosystemdienstleistungen, ganz auf
Vielfalt mehr oder minder charismatischer Arten, also gut erkennbare
und, wenn möglich, reizvolle Vertreter vor allem der Tierwelt. Meeres-
ökologen der Dalhousie Universität in Halifax, Kanada, bemessen diese
mit ungefähr 8,7 Millionen (+–1,3 Millionen) Arten. Selbst diese relativ
bescheidene Menge würde bedeuten, dass 86% der terrestrischen und
91% der marinen Arten immer noch unbenannt und deswegen unbekannt
sind.32 Diese Veranschlagungen berücksichtigen jedoch weder Pflanzen,
Pilze und Fadenwürmer noch Viren und Bakterien. Angesichts dieser
Zahlen überrascht es nicht, dass sich die Naturwissenschaften auf das
Erstellen effektiverer, datengestützter Biodiversitätserfassungsmethoden
konzentrieren. Im Folgenden werden zwei moderne Praktiken der Biodi-
versitätserfassung vorgestellt, die beide das sogenannte „taxonomische
Hindernis“33 überkommen sollen.
Biodiversitätssuppe: dubiose Gäste
Eine radikale Erneuerung erlebte die Biodiversitätserfassung durch Ent-
wicklungen in der Molekularbiologie. Deren genetische Methoden hielten
in den frühen 1990er Einzug, wo anhand von Haarmaterial34 und Fäkal-
material35 der flüchtige, aber an sich gut ausmachbare Braunbär (Ursus
arctos) festgehalten wurde. Was jedoch taxonomische Erfassung entschei-
dend und weiterhin aufwühlt, war die Entwicklung von sogenannten Bar-
codes, eine Technologie, die erstmals 2003 von Biologen an der Universi-
tät in Guelph, Kanada erarbeitet und angewendet wurde.36 Mit „Barcode“
bezeichnet man die DNA-Sequenz eines Genabschnitts der, wie bei
industriellen Strichcodes, der Identifizierung dient. Bei Tieren stammt der
Genabschnitt vom mitochondrische Markergen COI (Cytochrom c Oxi-
dase), welches kaum selektionsbedingte Veränderung erfahren hat (also
bei allen Tieren stabil präsent ist), jedoch eine Variabilität zwischen ver-
schiedenen Arten aufweist.
Trotz Kritik auch aus den Reihen der Biologie erfreut sich das Bar-
coding immer weiterer Anwendung, wie zum Beispiel in Form der Biodi-
versitätssuppe, die 2012 erstmals aufgetischt wurde.37 In der Biodiversi-
tätssuppe geht es zunächst um das Erfassen der Diversität von Glieder-
füßern (Arthropoda), also Insekten, Spinnentieren, Krebstieren und
32 Mora u.a.: „How Many Species“, 2011.
33 Evenhuis: „Helping Solve“, 2007.
34 Taberlet Bouvet: „Bear Conservation Genetics“, 1992.
35 Höss u.a.: „Excrement Analysis“, 1992.
36 Waterton u.a.: Barcoding Nature, 2013.
37 Yu u.a.: „Biodiversity Soup“, 2012.
73
Tausendfüßern. Die Autoren rühmen dieses Verfahren als besonders
schnell, verlässlich, billig und vor allem unerlässlich, wenn man die Arti-
dentifikation und den Artenschutz ernsthaft vorantreiben möchte. Für
die Biodiversitätssuppe wurden zunächst Malaise-Fallen38 (für flugaktive
Arthropoden) in einem subtropischen Waldgebiet in der chinesischen
Yunnan-Provinz aufgestellt.39 Die somit gefangenen Insekten wurden
daraufhin „homogenisiert“, oder, wie die Autoren schreiben, souped.
Anders als beim Barcoding, dem genetisches Material einer einzelnen
distinkten Probe zugrunde liegt, nutzt diese Vorgehensweise Metabarco-
ding, das auf einem konturlosen Probenbrei, eben der Biodiversitätssuppe,
basiert. Beim Metabarcoding wird DNA also nicht von einem einzelnen
Organismus entnommen, sondern kann zum Beispiel aus durchmischten
Proben spezifischer biologischer Lebensgemeinschaften (Biozönosen)
und Biotopen wie Thermalquellen, sauren Grubenwässern (acid mine
drainage) oder verschiedenen Bodentypen stammen. Durch Metabarco-
ding haben diese environmental samples eine erstaunliche Fülle und Viel-
falt an Mikroorganismen selbst in äußerst lebensfeindlichen Umgebungen
offenbart. Vorerst folgt der Ablauf der gewöhnlichen Barcodemethode:
DNA wird aus der Suppe extrahiert und mittels Polymerase-
Kettenreaktion amplifiziert, also vervielfältigt, um dann mit der Hilfe von
Sequenzierungsmaschinen ausgelesen zu werden. Die somit gefertigten
DNA-Sequenzen werden daraufhin mit bereits existenten DNA-
Sequenzen in Datenbanken wie GenBank, der weltgrößten DNA-
Datenbank, verglichen. Gibt es wenig Abweichung oder sind sie mit vor-
handenen Einträgen identisch, lässt sich die Suppe in einzelne Organis-
men aufschlüsseln, die jeweils der Art zugewiesen werden können, aus der
die Vergleichssequenzen stammen. Gibt es allerdings keine Übereinstim-
mung, was vor allem bei Vertretern der Meso- und Mikrofauna vor-
kommt, dann werden die DNA-Sequenzen durch mehrstufige bioinfor-
matische Pipelines geschleust.
Hierbei kommen komplexe Sortieralgorithmen zum Einsatz, die
durch Gruppierung und Hierarchisierung sogenannte Cluster erstellen.
Diese Cluster werden dann zu operational taxonomic units (OTUs), also
taxonomischen Einheiten, deren tatsächlicher ontologische Status zwar
nicht eindeutig ist (da es in der Suppe keine Korrespondenz zu einer dis-
38 Diese von dem schwedischen Entomologen René Malaise 1934 entwickelter Fallen-
typ ist für flugaktive Arthropoden gedacht und besteht aus einer schrägstehenden
Fläche, die mit feinmaschigem Netz bespannt ist, einer Lichtquelle und einem
Gefäß. Sie ist so aufgebaut, dass unglückliche Arthropoden dagegen fliegen und,
ihren Instinkten folgend, die Fläche hinaufkriechen gen Lichtquelle, wo sie dann
ein Gefäß mit Ethanol und der sichere Tod erwartet. Die Geschichte der Falle und
ihres Erfinders wird von Fredrik Sjöberg in Die Fliegenfalle, 2008 erzählt.
39 Ji u.a.: „Reliable“, 2013.
74
kreten Probe und Art in vivo gibt), die aber dennoch als Existenznach-
weis fungieren. Die gängige Definition eines OTUs, genauer eine molecu-
lar operational taxonomic unit (mOTU), lautet: „Sequenzgruppen, die von
einem expliziten Mehrschrittverfahren (explicit algorithm) generiert wur-
den und die als repräsentativ gelten für die Genome, aus denen sie gewon-
nen wurden.“40
Die chinesische Datensuppe barg nebst Schmetterlingen, Fliegen,
Wespen, Käfern, Spinnen, Staubläusen, Schaben, Stein-, Eintags- und
Köcherfliegen, Libellen und Ringelwürmer auch unerwartete Gäste, denn
es fanden sich genetische Spuren von Fledermäusen, Fröschen, Vögeln,
und selbst Huftiere hatten sich in die Suppe gemischt. Ein ähnlich unarti-
ges Durcheinander bot sich den Meeresbiologen, die ebenfalls via Meta-
barcoding eine Zählung der Bewohner der, wie sie es nennen, „Ozean-
suppe“ vorgenommen hatten. In diesem Fall handelte es sich um den
teilgeschlossenen Mesokosmos eines 4-Millionen-Liter Beckens im Mon-
terey Bay-Aquarium.41 Dort fanden sich neben den zu erwartenden Ein-
wohnern wie Mond- und Thunfisch auch Nachweise auf Menschen, Kühe,
Schweine, Hühner und Seeotter. Obwohl man die Gegenwart dieser
unpassenden Besucher großteils auf Essenreste, Parasiten oder Laborver-
unreinigungen zurückführen kann, zeigen sich im Metabarcoding unge-
ahnte Ausschweifungen, die eigentlich im Gegensatz stehen zu der Ratio-
nalität, die diese Methode verspricht. Es ist immer mehr da, als man zu
sehen vermag, und das, was man sieht, entspricht nicht unbedingt unserer
Idee von natürlichen Organismen und Leben.
Satelliten: himmlisches Versehen
Wie das Metabarcoding versprechen satellitengestützte Prozesse der Bio-
diversitätserfassung einen längerfristig gesehenen geringen Kostenauf-
wand, unabhängig überprüfbare Daten sowie Zugang zu ansonsten schwer
einzusehenden Gegenden.42 Im Vergleich zur direkten Zählung und der
Suppenauswertung erscheinen Satelliten zunächst als unverhältnismäßige
Begleiter für die Biodiversitätserfassung. Doch moderne Erdfernerkun-
dungssatelliten können durch ihre hohe räumliche (zwischen 1 und 4000
Metern) und zeitliche (zwischen 1 und 16 Tagen) Auflösung durchaus
brauchbare Daten zum Vorkommen und der Verteilung von bestimmten
Arten liefern. Ausgestattet mit Kameras und Sensoren machen Satelliten
bodennahe Charakteristika und geodynamische und biophysische Pro-
40 Jones, u.a.: „jMOTU“, 2011.
41 Kelly u.a.: „Using environmental DNA“, 2014.
42 Pettorelli u.a.: „Satellite Remote Sensing“, 2014.
75
zesse fassbar. Moderne hyperspektrale Sensorsysteme, die mehr Wellen-
längen auf schmäleren Bandbreiten erkennen, ermöglichen sogar das
Erfassen pflanzenspezifischer spektraler Signaturen und können selbst
Dinge wie einzelne Wale oder Baumkronen erfassen. Satellitengestützte
Fernerkundung hat vor allem auch anthropogene Umweltveränderungen
sichtbar gemacht und uns durch medienwirksame Bilder wie das Blue
Marble- Foto, das 1972 von der Apollo 17 Besatzung angefertigt wurde,
die Knappheit der Ressourcen und Verletzlichkeit unseres Planeten vor
Augen geführt.
Satelliten erlauben es, in regelmäßigen Abständen und über weite
Zeiträume vergleichbare Daten über die Distribution, Vielfalt und Struk-
tur ökologischer Gemeinschaften zu generieren und dienen somit der
Identifikation und dem Management und Monitoring von bestimmten
Gebieten und Ökosystemen. Im Fokus ist hier nicht die Begegnung mit
mehr-als-menschlichen Geschöpfen, sondern das Ermessen und Erstellen
von Umweltparametern, welche die Verteilung und Abundanz von gewis-
sen Arten und Zuständen erahnen lassen. Umweltparameter wie Chloro-
phyll-Level, Ozeanfarbe, Zirkulation, Wassergehalt, Regenfall, Gesteins-
art, Klima, Topographie oder Schneebedeckung dienen somit als Proxies
für indirekten Messungen, die dann mit Habitatvoraussetzungen und
Verhaltensmustern spezifischer Arten verknüpft werden. Hier zeigt sich,
dass Biodiversität sich nicht unbedingt nur auf belebte Natur bezieht,
sondern auch ganz ausschlaggebend von abiotischen, also „leblosen“,
Elementen geprägt wird. Hier scheint Biodiversität als eine Errungen-
schaft von Umweltfaktoren, Geografie, klimatischen Bedingungen und
topografischen Eigenheiten auf.
Die Beschaffenheit der Bodendecke, vom französischen Spot (Satel-
lite Pour l’Observation de la Terre) Satelliten aus betrachtet, sowie Daten
zur Verdunstung und Produktion von Biomasse geben Aufschluss über
die kanadische Schmetterlingsvielfalt.43 Die Amphibian Research and Mo-
nitoring Initative der US Geological Survey kartiert und beobachtet mit
Hilfe der seit 1972 aktiven Landsat-Satelliten-Serie (NASA) Feuchtge-
biete im Yellowstone Nationalpark, die als Habitate für Amphibien in
Frage kommen. Und selbst Vogelgesang lässt sich aus dem Weltall pro-
gnostizieren. Hierfür kombinierten Forscher Satellitenbeobachtungen
über die Struktur und Funktion von Ökosystemen in Kamerun mit Da-
ten, die das Lied vom Kleinen Bülbül (Andropadus virens), einem Sper-
lingsvogel, charakterisierten.44 Lieder wurden in verschiedenen Habitaten
aufgezeichnet, auch in jenen, die anthropogene Veränderungen erfuhren
(Landnutzung). Es zeigte sich, dass verschiedene Landschaften unter-
43 Kerr u.a.: „Remotely sensed habitat diversity“, 2001.
44 Smith u.a.: „Predicting Bird Song“, 2013.
76
schiedliche Gesänge hervorbringen und auch, das die Unterschiede zwi-
schen den Gesängen zum Teil so groß waren, dass sie zu reproduktiver
Divergenz führen, also dass sich Bülbüls untereinander nicht mehr „ver-
stehen“ und paaren können.
Ähnlich wie beim Metabarcoding kommen hier äußerst vielschichtige
Konstruktionsprozesse zum Einsatz, die scheinbar unvereinbare Größen-
ordnungen, Fragestellungen und Elemente miteinander vereinen. Un-
schwer zu erkennen ist, dass die satellitengestützte Biodiversitätserfas-
sung nicht nur höchst unterschiedliche Dimensionen, sondern auch
gegensätzliche Anwendungsgebiete zusammenführt. Eine Kriegstechno-
logie kann nun in den Dienst des Artenschutzes gestellt werden. Dass in
einigen biodiversity hotspots in der Tat kriegsähnliche Zustände herrschen,
macht es notwendig, sich auch der Geschichte und Anwendungsgebiete
von solchen Methoden und Technologien gewahr zu werden. Zumal die
Mehrwegnutzung dieser Infrastruktur die Wissenschaft vor brutale Tatsa-
chen stellt: Umweltsatelliten des europäischen Erdbeobachtungspro-
gramms Copernicus der ESA (European Space Agency) liefern ihre Daten
auch an das Grenzüberwachungssystem Eurosur und die Grenzschutz-
truppe Frontex, die somit gezielt „Jagd auf Flüchtlinge“ machen kann.45
Diskussion: Vermessene Verzählungen
Die eben beschriebenen Methoden sind Elemente eines Dokumentations-
apparats, der Biodiversität fass- und vor allem messbar machen möchte.
So unterschiedlich diese Methoden auch sind, verfolgen sie doch das
gemeinsame Ziel, Biodiversität zu quantifizieren und somit einen Gegen-
stand zu konstruieren, der zugänglich für politische Interventionen, wirt-
schaftliches Kalkül und natürlich wissenschaftliche Weiterbearbeitung ist.
Im Zentrum der beschriebenen Studien stehen demnach Zahlen, die auf
die Artenvielfalt und Populationsverteilung von Fröschen, Vögeln, Pilzen,
Fischen und Wespen schließen lassen. Anders als bei Thoreau findet man
hier nichts, was augenscheinlich affiziert, was zum Träumen und Nach-
denken anregt oder Fragen über Verantwortung und Ethik aufkommen
lässt. Und im Gegensatz zu Thoreaus Eichhörnchen, die den Betrachter
inspizieren und diesen durch „kurzes, abgehacktes Bellen“ und „eine Art
gurgelnden Pfeifens“46 auffordern, bleibt die Natur eine stumme, objekti-
vierbare Größe. Wie bereits erwähnt, ist eine wesentliche Bedingung des
Krisendiskurses, dass die Vermessung der Biodiversität drängend und
global geschieht. Hier geht es auch darum, den Fortschritt bezüglich der
45 Vgl. Ludwig: „Umweltsatelliten“, 2013.
46 Thoreau: Denken, S. 59f.
77
unzähligen Ziele zu bemessen, die als Antwort auf das Artensterben for-
muliert wurden. Denn es gilt, Erfolge und Rückschläge zu bewerten und
die Wirksamkeit von Politik durch Trends im Status von Arten und Habi-
taten zu beurteilen. Der Bedarf an Zahlen und Daten ist demnach enorm.
Das zieht nach sich, dass der Problematisierung von Biodiversität eine
Messbarmachung vorangestellt wird. Ganz nach dem Motto „one com-
mon way to define a problem is to measure it“ (Deborah Stone) wird Bio-
diversität somit zu einem Problem der Berechenbarkeit.47
Die zentrale Rolle der Kalkulation im Biodiversitätsverständnis ist
aber nicht unumstritten. Besonders die Annahme, „dass Schutz und
Erhalt biologischer Vielfalt dann am besten erfolgen, wenn ihr ein öko-
nomischer Wert zugemessen wird“, stößt vor allem in den Sozialwissen-
schaften und der Umweltethik auf Kritik.48 Dabei wird beanstandet, dass
das Verbuchen und Verwerten von Arten, Habitaten und ihren Ökosys-
temdienstleistungen darauf trachtet, diese in marktwirtschaftliche Mecha-
nismen zu übersetzen. Dem Artenschutz würde auf dem freien Markt ein
ähnliches Schicksal erwarten wie den Klimaschutz, der durch die singuläre
Übersetzung in einen Handel mit Emissionsrechten fulminant gescheitert
ist. In dieser Rationalität wird Biodiversitätsverlust primär zum Manage-
mentproblem, was in der Form von Biodiversitäts-Offsets (biodiversity
offsets), d.h. Kompensationsstrategien, die „unvermeidbare“ Umweltschä-
den an anderer Stelle wieder gutmachen, auf die Spitze getrieben wird.
Losgelöst von ihren komplexen biotischen und abiotischen Gemeinschaf-
ten können Tiere, Pflanzen, Pilze und Habitate dann als verbuchbare
Elemente im Kuhhandel (oder Frosch- und Wespenhandel) herumge-
schoben werden.
Eine der vielleicht bekanntesten Zahlen in dieser anmaßenden Logik
ist 33 Billionen. Das ist der Wert in US-Dollar, den der Ökonom Robert
Costanza und Kollegen als Durchschnittswert für die jährliche Finanzleis-
tung der globalen Ökosysteme errechnet hatten.49 Diese Praxis der In-
wertsetzung, eingehend als „measurementality“50 umschrieben, bedient
ein mechanistisches Naturverständnis und eine technokratische Politik-
auffassung, die keine anderen Wissensformen, Problematisierungen oder
Teilnehmer mehr zulässt. Die Anthropologin Helen Verran hat deswegen
Costanzas Zahl als „zwielichtig“ (dodgy) bezeichnet, denn verstohlen
dient sie zwei Zielen: Zum einen etabliert sie im Nu eine verblüffende
Wirklichkeit, in der die Natur als Ansammlung diskreter Güter zu verste-
47 Höhler: „Von Biodiversität“, 2014.
48 Brand: Zwischen Schutz, 2008, S. 12.
49 Costanza u.a.: „The Value“, 1997.
50 Turnhout u.a.: „Measurementality“, 2014.
78
hen ist. Zum anderen rechtfertigen 33 Billionen Dollar diese Perspektive,
in dem sie die nunmehrigen Naturgüter gleich mit einem Wert versieht.51
Der Wunsch nach messbaren und vergleichbaren Entitäten in der
Biodiversitätsforschung weist durchaus Parallelen mit den Verrechnungs-
systemen dieses ökonomisch-getriebenen Kalküls auf: Nur was tatsäch-
lich gezählt wurde, zählt. Zumal sich unschwer eine ästhetische, wenn
nicht auch epistemische Symmetrie zwischen Börsenkursen und Anlage-
portfolios einerseits und andererseits Artenlisten wie der Living Planet
Index oder der Rote Liste-Index (RLI) ausmachen lässt. Die Biodiversi-
tätswissenschaft ist auch nicht sparsam mit Vergleichen und Metaphern,
die biologische Vielfalt mit Schatzkammern und Warenlagern gleichset-
zen, weil nur dies, wie viele meinen, einer realpolitischen Räson ent-
spricht. Hier erscheint mir eine, wenn auch nicht immer gewollte oder
bewusste, Komplizenschaft zwischen naturwissenschaftlicher Biodiversi-
tätsforschung (und Naturschutzbiologie) und monetärer Verbuchungslo-
gik. Wenn Wissenschaftler meinen, dass die Metabarcodingtechnologie
verlässlich und glaubhaft „real policy questions“52 beantworten kann, darf
man sich fragen, ob sie dabei nicht einen Zirkelschluss beschwören. Denn
das herausfordernde „real“ legt den Schluss nahe, dass ausschließlich eine
von Zahlen und Daten geleitete Politik eine wahre Politik ist. In Anbe-
tracht des Umstands, dass Ji und Kollegen ihrem Metabarcoding-Text ein
Zitat von Josef Stalin voranstellen („Quantity has a quality all of ist own.“),
wäre eine fantastische Politik in diesem Falle vorzuziehen. Zahlen und
Daten gehören, wie der Wissenschaftshistoriker Steve Shapin bemerkte,
sowohl zu den Wissenschaften als auch zu unseren Moralvorstellungen
und zu unserem politischen Leben.53 Es geht also nicht darum, den Zahlen
und Daten eine Relation zu Fragen über die Verteilung von Ressourcen,
den Schutz und Erhalt der Biodiversität oder, ganz allgemein, den Status
der Welt abzusprechen. Allerdings sollen sie nicht allein und losgelöst
über ethische und politische Fragen entscheiden können.
Dass Wissenschaft mit Generalisierungen, Quantifizierungen und
numerischen Bezugsnormen arbeitet ist unumgänglich. Auch dass jene
oftmals mehr schlecht als recht gewisse Phänomene und Entitäten reprä-
sentieren gehört zum wissenschaftlichen Alltag. Zahlen sind ja nicht von
Natur aus anrüchig. Nur befördern sie eben, ähnlich wie die Biodiversi-
tätssuppe, mehr als man denkt. Und auch das Zählen, ob über Begegnun-
gen, Metabarcoding oder Satelliten, ist eine situierte Handlung, die von
lokalen Kontexten, von Geschichte, Aushandlungsprozessen und den
Beteiligten (Zähler und Gezählte) geprägt wird. Helen Verran plädiert
51 Verran: „Number as Generative Device“, 2012.
52 Ji u.a.: „Reliable“, S. 3.
53 Shapin: „Libel on the Human Race“, 2014.
79
deshalb für einen verantwortlicheren Umgang mit Zahlen. Denn Zahlen
sind performativ, d.h. sobald sie in Erscheinung treten, verrichten sie eine
bestimmte Arbeit: Sie ordnen und werten, sie erwecken Teile der Umwelt
zum Leben, legen aber andere still. Ähnlich wie Veronika Lipphardt beim
Thema Humandiversität zeigt, muss auch in der Biodiversitätsforschung
den Zahlen und Daten und den Ordnungen, die sie in die Welt projizie-
ren, mit kritischer Sorgfalt begegnet werden.54 Denn was passiert in den
Verrechnungen und Verzählungen mit Natur und ihren Auswüchsen?
Was wird ausgespart, verhindert oder gar vernichtet im Generalisieren und
Vergleichbarmachen? Welche Kulturen, Geschichten und Beziehungen,
welche Gemeinschaften und Verpflichtungen, welcher Habitus werden
zugelassen bzw. negiert?
Conclusio: Ein Genre für uns Fische und Flechten
Mein Betrachten der Biodiversitätssuppe und Fernerkundung macht
sichtbar, dass das Zählen in der Biodiversitätserfassung eine äußerst le-
bendige, exzessive Angelegenheit sein kann. Inmitten der abstrakten und
begrifflichen Vereinzelung schlummern, manchmal toben, vielfältige Vor-
kommen, die sich universalen Deutungen verwehren. Anders gesagt: Hin-
ter den Zahlen stecken eine unglaubliche Kreativität und facettenreiche
Konstruktionsprozesse, in denen sowohl menschliche wie auch mehr-als-
menschliche Kapazitäten zum Tragen kommen. Die Daten- und Zahlen-
suppen schaffen eine neue Dimension der Biodiversität, die nicht mehr
nur in der Natur verortet ist, sondern in komplexen Symbiosen mit bioin-
formatischen, politischen, geografischen, wirtschaftlichen, kulturellen
Verhältnissen verschränkt ist. Auch veranschaulichen sie den menschliche
Anteil, denn zum einen ist Biodiversität nicht unabhängig von unseren
Versuchen, sie zu begreifen. Zum anderen haben diese Versuche, beson-
ders jene, die sich genetischer Methoden bedienen, gezeigt, dass ‚mensch-
lich‘ eigentlich ein bakteriell-virös-humanes Gemenge beschreibt: Nur ein
Zehntel ‚unserer‘ Zellen sind tatsächlich ‚menschlich‘.55 „We are all
lichen“, verkündete dementsprechend der Biologe Walter Gilbert und
Kollegen am Ende ihres wunderschönen Aufsatzes „A symbiotic view of
life“.56
54 Lipphardt in diesem Band.
55 Goodman u. Gordon: „Our Unindicted Coconspirators“, 2010.
56 Gilbert u.a.: „A Symbiotic View of Life“, 2012.
80
Schon Thoreau war damit beschäftigt, sich durch das Erfassen und Erzäh-
len in seiner Umwelt aufzulösen und damit auch dem anthropogenen
Exzeptionalismus entgegenzuhalten:
How many young finny contemporaries of various character and
destiny, form and habits, we have even in this water— And it will
not be forgotten by some memory that we were contemporaries. It
is of some import— We shall be some time friends I trust and know
each other better. Distrust is too prevalent now. We are so much
alike! have so many faculties in common! I have not yet met with
the philosopher who could in a quite conclusive undoubtful way—
show me the and if not the then how any— difference between man
and a fish. We are so much alike!57
Thoreau mochte diese Symmetrien und Vermischungen zwischen Mensch
und mehr-als-menschlichen Gefährten, und sie finden sich an vielen Stel-
len seiner Tagebücher. Die Biodiversität vermengt in ihrer allumfassenden
Vielfalt und Hybridität ebenfalls Begrifflichkeiten und zersetzt Grenzen
zwischen realen und konstruierten Lebewesen, zwischen Zählen und
Erzählen und zwischen ungebetenen Gästen und geladenen Teilnehmern.
Diesem wilden Gefüge Aufmerksamkeit zu Teil werden lassen würde ein
neuartiges Spektrum an Problematisierungen der Biodiversität öffnen.
Der konzeptuelle Rahmen von IPBES spricht zum Beispiel von „Mutter
Erde“, von den „Geschenken der Natur“ und dem „Leben in Zusammen-
klang mit Natur“ –Begriffe, die mit „Ökosystemdienstleistung“ oder
„Naturkapital“, welche ebenfalls in diesem Rahmen aufscheinen, stark
kontrastieren. Die Ambiguität, die durch diese Nebeneinanderstellung
hervorgerufen wird, eröffnet andere, heterogenere Problematisierungen:
Quinoa kann demnach als Teil von traditionellen, indigenen agroökologi-
schen Praktiken verstanden werden, die durch Koevolution, also wechsel-
seitiger Anpassung, auch mit Zwergsträuchern, Käfern, Schmetterlingen
und Fungi in vitaler Verbindung stehen. Diese Praktiken, und demnach
Quinoa, sind auch verschränkt mit der Auslandsschuldenlast (die in Süd-
amerika auch durch Agrarexporte getilgt wird), dem Klimawandel (Was-
serknappheit) und dem Konflikt zwischen indigenen Gruppen und der
Rohstoffindustrie. Biodiversität ist in alledem kein rein naturwissen-
schaftliches Thema mehr und benötigt zusätzliche Methoden und Wis-
sensweisen (z.B. Wissenssysteme indigener Gruppen, landwirtschaftliche
Kenntnisse), um diese Bandbreiten zu erfassen. Diese sind unabdingbar,
wenn man verstehen möchte, was und wer im Zuge der Biodiversitätszer-
störung Schaden zu nehmen droht. Diesbezüglich ist es auch wichtig zu
betonen, dass die tatsächlichen Schäden, die der Biodiversitätsverlust ver-
ursacht, ungleich verteilt sind.
57 Thoreau: The Journal, 2009 (1844), S. 27.
81
Denn die Biodiversitätskrise ist auch eine Krise unseres Verständnis
von und unseres Verhältnisses zur Biodiversität. Deshalb gilt es, Sprachen
zu finden, die das Leiden unserer mehr-als-menschlichen und menschli-
chen Mitbewohner erfassen können. Sprachen, die in der Lage sind, den
Ausschluss derer darzulegen, die weder anwesend noch vertreten sind in
den unzähligen naturwissenschaftlichen Abhandlungen und politischen
Gremien zum Thema Biodiversität, die aber dennoch Bestandteil unserer
„lebenden Systeme“ sind. Hier sind nicht genauere Zahlen oder mehr
Expertentum gefragt, sondern ein anderes, erweiterndes Genre der Biodi-
versitätserfassung. Dieses Genre würde sich der Exzesse, Narrativen und
Ausschweifungen, der geisterhaften Signale und Empfindlichkeiten, der
unbequemen Begegnungen und unerwarteten Resonanzen nicht entledi-
gen, sondern ihnen Raum geben und sie ernst nehmen. Thoreau bietet
dafür vielartige Keime.
Mit Dank an Ina Heumann, Tanja Bogusz und die Teilnehmer der Sigge-
ner Begegnungen 18.–24. August der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S für
wertvolle Kommentare und Anregungen. Dieser Text entstand mit Hilfe
der Fellowship Internationales Museum der Kulturstiftung des Bundes.
Literatur
Adams, William M. Adams/Hutton, Jon: „People, Parks, and Poverty:
Political Ecology and Biodiversity Conservation“, in: Conservation
and Society, 2007; 5: S. 147–83.
Bazile, Didier: „Contesting Blossoming Treasures of Biodiversity: ‚Qui-
noa – Is the United Nation’s Featured Crop of 2013 Bad for Biodi-
versity?‘ – Quinoa, a Model Crop to Examine the Dynamics of Bio-
diversity within Agricultural Systems“, in: Biodiversity, 2014; 15:
S. 3f.
Brand, Ulrich: Zwischen Schutz, Rechten und Kommerzialisierung: Die
Konvention über biologische Vielfalt im Globalisierungsprozess und
Chancen demokratischer Biodiversita ̈tspolitik, Rosa-Luxemburg-
Stiftung Manuskripte, Berlin 2008.
Buell, Lawrence: The Environmental Imagination: Thoreau, Nature Writ-
ing, and the Formation of American Culture, Cambridge, MA 1995.
Carbayo, Fernando/Marques, Antonio C.: „The Costs of Describing the
Entire Animal Kingdom“, in: Trends in Ecology & Evolution, 2011;
26: S. 154f.
Costanza, Robert/d’ Arge, Ralph/de Groot, Rudolf u.a.: „The Value of
the World’s Ecosystem Services and Natural Capital“, in: Nature,
1997; 387, S. 253–60.
82
Costello, Mark J./May, Robert M./Stork, Nigel E.: „Can We Name
Earth’s Species Before They Go Extinct?, in: Science, 2013; 339,
S. 413–16.
Dirzo, Rodolfo/Young, Hillary S./Galetti, Mauro u.a.: „Defaunation in
the Anthropocene“, in: Science, 2014: 345, S. 401–6.
Ernst, Raffael/Rödel Mark-Oliver/Arjoon, Deokie: „On the Cutting
Edge – The Anuran Fauna of the Mabura Hill Forest Reserve, Cen-
tral Guyana“, in: Salamandra, 2005; 41, S. 179–94.
Evenhuis, Neal L.: „Helping Solve the ‚Other‘ Taxonomic Impediment:
Completing the Eight Steps to Total Enlightenment and Taxonomic
Nirvana“, in: Zootaxa, 2007; 1407: S. 3–12.
Gilbert, Scott F./Sapp, Jan/Tauber, Alfred I.: „A Symbiotic View of Life:
We Have Never Been Individuals“, in: The Quarterly Review of Biol-
ogy, 2012; 87: S. 325–41.
Goodman, Andrew L./Gordon, Jeffrey I.: „Our Unindicted Coconspira-
tors: Human Metabolism from a Microbial Perspective“, 2010; 12:
S. 111–116.
Höhler, Sabine: „Von Biodiversität Zu Biodiversifizierung: Eine Neue
Ökonomie Der Natur?“, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte,
2014; 37, S. 60–77.
Höss, Matthias/Kohn, Michael/Pääbo, Svante u.a.: „Excrement Analysis
by PCR“, in: Nature, 1992; 359, S. 199.
Ji, Yinqiu/Ashton, Louise/Pedley, Scott M.: „Reliable, verifiable and effi-
cient monitoring of biodiversity via metabarcoding“, in: Ecology Let-
ters, 2013; 16, S. 1245–1257.
Jones, Martin/Ghoorah/Anisah/Blaxter, Mark: „jMOTU and Taxonera-
tor: Turning DNA Barcode Sequences into Annotated Operational
Taxonomic Units“, in: PLoS ONE, 2011; 6, S. e19259.
Ludwig, Astrid: „Umweltsatelliten der Esa helfen bei Jagd auf Flücht-
linge“, in: ZEIT Online, 20. Dezember 2013.
Mora, Camilo/Tittensor, Derek P./Adl, Sina u.a.: „How Many Species
Are There on Earth and in the Ocean?“, in: PLoS Biology, 2011; 9,
S. e1001127.
Neumann, Roderick P.: „Moral and Discursive Geographies in the War
for Biodiversity in Africa“, in: Political Geography, Ethics in Political
Ecology, 2004; 23, S. 813–37.
Pettorelli, Nathalie/Safi, Kamran/Turner, Woody: „Satellite Remote Sens-
ing, Biodiversity Research and Conservation of the Future“, in: Phi-
losophical Transactions of the Royal Society B, 2014; 369 (Nr. 1643).
Rockström, Johan/Steffen, Will/Noone, Kevin u.a.: „A Safe Operating
Space for Humanity“, in: Nature, 2009; 461, S. 472–75.
Scott, Peter/Rines, Robert: „Naming the Loch Ness Monster“, in: Nature,
1975; 258, S. 466–68.
83
Shapin, Steven: „Libel on the Human Race“, in: London Review of Books,
2014; 36, S. 26–29.
Sjöberg, Fredrik: Die Fliegenfalle: Über das Glück der Versenkung in selt-
same Passionen, die Seele des Sammlers, Fliegen und das Leben mit der
Natur, Frankfurt am Main 2008.
Small, Ernest: „Quinoa – Is the United Nations’ Featured Crop of 2013
Bad for Biodiversity?“, in: Biodiversity, 2013; 14, S. 169–79.
––, „A Rejoinder to Didier Bazile’s Letter to the Editor Contesting Blos-
soming Treasures of Biodiversity“, in: Biodiversity, 2014; 15, S. 5.
Smith, Thomas B./Harrigan, Ryan J./Kirschel, Alexander N.G. u.a.: „Pre-
dicting Bird Song from Space“, in: Evolutionary Applications, 2013; 6,
S. 865–874.
Solbrig, Otto T.: From Genes to Ecosystems: A Research Agenda for Biodi-
versity, IUBS, Harvard Forest, MA 1991.
Taberlet, Pierre/Bouvet, Jean: „Bear Conservation Genetics“, in: Nature,
1992; 358, S. 197.
Takacs, David: The Idea of Biodiversity: Philosophies of Paradise, Baltimore
1996.
Thoreau, Henry David: The Journal: 1837–1861, hg. v. Damion Searls,
New York, 2009.
Thoreau, Henry David, Denken mit Henry David Thoreau: Von Natur
und Zivilisation, Einsamkeit und Freundschaft, Wissenschaft und Poli-
tik, übers. von Philipp Wolff-Windegg, Zürich 2008.
Turnhout, Esther/Neves, Katja/de Lijster, Elisa: „,Measurementality‘ in
Biodiversity Governance: Knowledge, Transparency, and the Inter-
governmental Science–Policy Platform on Biodiversity and Ecosys-
tem Services (IPBES)“, in: Environment and Planning A, 2014; 46,
S. 581–97.
Verran, Helen: „Number as Generative Device: Ordering and Valuing
Our Relations with Nature“, in: Inventive Methods: The Happening of
the Social, hg. v. Celia Lury u. Nina Wakeford, London 2012.
Waterton, Claire/Ellis, Rebecca/Wynne, Brian: Barcoding Nature: Shifting
Cultures of Taxonomy in an Age of Biodiversity Loss, London 2013.
Wilson, Edward. O./Peter, Frances M. (Hrg.): Biodiversity, Washington,
D.C. 1988.
Wilson, Edward. O.: Biophilia, Cambridge, MA 1984.
Yu, Douglas W./Ji, Yinqiu/Emerson, Brent C. u.a.: „Biodiversity Soup:
Metabarcoding of Arthropods for Rapid Biodiversity Assessment
and Biomonitoring“, in: Methods in Ecology and Evolution, 2012; 3,
S. 613–23.
... The age of the Anthropocene-the epoch in which human disturbance outranks other geological forces-has resurged the interest and the necessity to rethink how humans engage with nature, not as something out there untouched and pure but as the ongoing presence of many species with which we as humans interact (Tsing 2015). This interaction has a long history of destruction based on arrangements of governance and science that have conceptualized the Earth as a resource ready to be named, measured and consumed (Turnhout et al. 2014;Nadim 2016). How then could it be possible to "become-with each other" (Haraway 2016, p. 4), to create governance arrangements that are less harmful to the Earth and all its inhabitants? ...
Article
Full-text available
This paper advances current scholarship on future practices and anticipation arguing that the ways in which we engage in future making not only rely on distinct practices but also on objects, future objects. Future objects are defined as an array of socio-material entities that underpin future practices. In drawing on science studies, this paper develops a typology of future objects that takes as its ordering mechanism the political work future objects perform. Type one future objects are solid and ready to use. Their political work is to secure the present by allowing for political agreements that concern the future. Based on a linear model of expertise, this type of future object provides answers in speaking truth to power. Bodies and instruments, databases and power points are involved when producing, as well as performing, type one objects. Type two future objects are about the experimental infrastructure for creating futures. Foresight conferences organize space with the aim in mind to come up with novel visions of sustainable futures in the Anthropocene. Finally, type three future objects are more fluid and still in the making. They are collectively worked on in iterative cycles. Examples range from prototypes of climate engineering to negotiation texts of global environmental agreements. They operate as a centering device and materialize in artifacts integrating participants contributions. In outlining the difference between the three object types, the paper elaborates on the environmental politics of anticipation especially with regard to science policy interaction.
Article
Full-text available
We live amid a global wave of anthropogenically driven biodiversity loss: species and population extirpations and, critically, declines in local species abundance. Particularly, human impacts on animal biodiversity are an under-recognized form of global environmental change. Among terrestrial vertebrates, 322 species have become extinct since 1500, and populations of the remaining species show 25% average decline in abundance. Invertebrate patterns are equally dire: 67% of monitored populations show 45% mean abundance decline. Such animal declines will cascade onto ecosystem functioning and human well-being. Much remains unknown about this “Anthropocene defaunation”; these knowledge gaps hinder our capacity to predict and limit defaunation impacts. Clearly, however, defaunation is both a pervasive component of the planet’s sixth mass extinction and also a major driver of global ecological change.
Article
Full-text available
Assessing and predicting ecosystem responses to global environmental change and its impacts on human well-being are high priority targets for the scientific community. The potential for synergies between remote sensing science and ecology, especially satellite remote sensing and conservation biology, has been highlighted by many in the past. Yet, the two research communities have only recently begun to coordinate their agendas. Such synchronization is the key to improving the potential for satellite data effectively to support future environmental management decision-making processes. With this themed issue, we aim to illustrate how integrating remote sensing into ecological research promotes a better understanding of the mechanisms shaping current changes in biodiversity patterns and improves conservation efforts. Added benefits include fostering innovation, generating new research directions in both disciplines and the development of new satellite remote sensing products.
Article
Full-text available
Environmentally imposed selection pressures are well known to shape animal signals. Changes in these signals can result in recognition mismatches between individuals living in different habitats, leading to reproductive divergence and speciation. For example, numerous studies have shown that differences in avian song may be a potent prezygotic isolating mechanism. Typically, however, detailed studies of environmental pressures on variation in animal behavior have been conducted only at small spatial scales. Here, we use remote-sensing data to predict animal behavior, in this case, bird song, across vast spatial scales. We use remotely sensed data to predict the song characteristics of the little greenbul (Andropadus virens), a widely distributed African passerine, found across secondary and mature rainforest habitats and the rainforest-savanna ecotone. Satellite data that captured ecosystem structure and function explained up to 66% of the variation in song characteristics. Song differences observed across habitats, including those between human-altered and mature rainforest, have the potential to lead to reproductive divergence, and highlight the impacts that both natural and anthropogenic change may have on natural populations. Our approach offers a novel means to examine the ecological correlates of animal behavior across large geographic areas with potential applications to both evolutionary and conservation biology.
Article
Full-text available
To manage and conserve biodiversity, one must know what is being lost, where, and why, as well as which remedies are likely to be most effective. Metabarcoding technology can characterise the species compositions of mass samples of eukaryotes or of environmental DNA. Here, we validate metabarcoding by testing it against three high-quality standard data sets that were collected in Malaysia (tropical), China (subtropical) and the United Kingdom (temperate) and that comprised 55,813 arthropod and bird specimens identified to species level with the expenditure of 2,505 person-hours of taxonomic expertise. The metabarcode and standard data sets exhibit statistically correlated alpha- and beta-diversities, and the two data sets produce similar policy conclusions for two conservation applications: restoration ecology and systematic conservation planning. Compared with standard biodiversity data sets, metabarcoded samples are taxonomically more comprehensive, many times quicker to produce, less reliant on taxonomic expertise and auditable by third parties, which is essential for dispute resolution.
Article
From Biodiversity to Biodiversification: A New Economy of Nature? This paper explores the relations between economy and ecology in the last quarter of the 20th century with the example of biodiversity. From its definition in the 1980s, the concept of biodiversity responded not only to conservational concerns but also to hopes and demands of economic profitability. The paper argues that archival systems of inventorying and surveying nature, the biodiversity database and the biodiversity portfolio, changed the view on nature from a resource to an investment. The paper studies the alliances of ecologists and environmental economists in managing nature according to economic principles of successful asset management, “diversification”, with the aim to distribute risk, minimize ecological loss and maximize overall ecosystem performance. Finally, the paper discusses the assumptions and the consequences of transferring principles from financial risk management to landscape management. How has the substitution of the existential values of nature by shareholder value affected the relations between ecology, environment, and ecosystem conservation? Who gains and who looses in exchanging natural capital and financial capital, yields, and profits?
Book
DNA Barcoding has been promoted since 2003 as a new, fast, digital genomics-based means of identifying natural species based on the idea that a small standard fragment of any organism's genome (a so-called 'micro-genome() can faithfully identify and help to classify every species on the planet. The fear that species are becoming extinct before they have ever been known fuels barcoders, and the speed, scope, economy and 'user-friendliness( claimed for DNA barcoding, as part of the larger ferment around the 'genomics revolution(, has also encouraged promises that it could inspire humanity to reverse its biodiversity-destructive habits.