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Offenheit und Frische, Mitgefühl und Gelassenheit

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Offenheit und Frische,
Mitgefühl und Gelassenheit
Aus welcher Haltung berät und therapiert
ein im Buddhismus Beheimateter?
Martin Böker
Als einer, der sich in der Lehre des Buddha übt,
arbeite ich mit meinem eigenen Geist. »Mit dem
Geist üben« hat zwei Aspekte: das üben mit mir
selbst, in der formalen »Laborsituation« des Me-
ditationskissens sowie die inlormelle übung am
Rest des Tages mit mir und ureinem Umfeld. Das
bedeutet zunächst, dass ich mich mit Konsequenz
und Regelmäßigkeit jeden Tag für eine halbe
Stunde auf mein Meditationskissen zurückziehe.
Die Situation auf dem Kissen hat den Zweck,
den Geist zu stabilisieren, zu entspannen und
ihn auf diese Weise immer wieder für neue Er
fahrungsräume zu öffnen. Still werden, inne-
halten, immer wieder die mutige Entscheidung
treffen, den eigenen Geist zu beobachten. Me-
ditation ist zunächst auf einen streng reglemen-
tierten Rahmen (etwa im Sitzen oder im Gehen)
reduziert. Hier geht es darum, einen natürlichen
Zustand zu finden, der ofenes Gewahrsein ge-
nannt wird. Stabilität und Geistesruhe werden
im buddhistischen Sinne nicht durch Kontrol-
le und Einschränkung von inneren Aktivitäten
(etwa Gedanken oder Gefühlen) angestrebt, son,
dern durch freundliches, neugieriges Wahrneh-
men. Geduld und Disziplin helfen dabei. Eine
weitere Qualität ist die innere Haltung und Aus-
richtung. Ziel der Übung ist es, einen Zustand
natürlicher Gesundheit zu finden, der zunächst
durch vielerlei Prägungen und Gewohnheitsmus-
ter verborgen ist. Diese natürliche Gesundheit
oder ,grundlegende Gutheit« ist die eigentliche
Natur unseres Geistes, die sich durch offenes Ge-
wahrsein, Mitgefühl und Weisheit zeigt.
Der Drang, von Dingen zu erfahren,
die einem noch unbekannt sind
Dieses Erleben von Offenheit verändert sich von
Moment zu Moment. Es geht nicht darum, dass
ich mir etwas Neues erarbeite, vielmehr geht es
darum, die Haltungen und überzeugungen los-
zulassen, die mich an der Erfahrung von Offen-
heit hindern! Neugierde mir selbst gegenüber
wird zu Neugierde gegenüber meiner Umwelt.
Anders gesagt: Mitgefühlund Zuneigung (Nächs
tenliebe) sind aus buddhistischer Sicht natürliche
Qualitäten unseres Geistes, die immer schon da
waren. Mitgefühl meint das Mitemplinden von
Leid und Kummer ebenso wie die Qualität von
Mitfreude. Beide Aspekte bieten für mich ein un-
endliches Übungsfeld sowohl in.r Privatleben als
auch in meiner Arbeit.
Dem Leiden am Wandel begegnen
In der Zeitienseits des Meditationskissens ist das
Ziel der Übung, immer wieder in den Zustand
freundlichen Gewahrseins zu finden. Der Weg
dazu führt über den achtsamen Umgang mit den
eigenen Emotionen. Dabei dreht es sich vor al-
Iem um die Muster von Habenwollen oder Ab
lehnung. Engt mich dieses Gefühl ein, das ich im
Moment spüre, oder öffnet es mich? Was erlebe
ich dabei von Moment zu Moment? Wenn ich er-
kenne, dass alle Wesen um mich herum ebenso
wie ich aufder Suche nach Glück und Zufrieden-
heit sind, so ist esgut, wenn ich mf die Zeit und
Leidladen, Heli I /2016,5.42-,13, O Vandenhöeck & Ruprecht cmbH &Co. KG, cötringen,2016, iSSN 2192_1202
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Aufmerksamkeit
nehme, den Wesen
zu wünschen, dass sie .!7-
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Glück und Zufriedenheit linden.
Wenn ich erkenne, dass alles, was mir in-
nerlich und äußerlich begegnet, sich früher oder
später grundlegend verändert oder verschwindet,
so kann ich wahrnehmen, wie ich unter diesem
Wandel leide. Der Wunsch, dass alle fühlenden
Wesen inklusive mir von diesem Leid frei sein
und beständiges Glück erlangen mögen, ist eine
Hauptquelle buddhistischer Praxis.
Das Einstimmen des Geistes
Tiefsitzende Gewohnheitsmuster wie etwa die
Überzeugung, dass mein GIückoder Unglückvon
äußeren Bedingungen oder anderen Personen be
stimmt wird, brauchen Zeit und übung, um sich
langsam zu verändern. Bei diesem immerwieder
auch schmerzhaften Wechsel von offenem und
geschlossenem Geist sind innere Orientierungs
punkte ungemein wichtig. So habe ich gelernt,
wie hilfreich es ist, wenn ich mich mit guten Wün
schen aufSituationen des Alltags yorbereitet habe.
Ich begegne einem Menschen oder einer Situation
anders, wenn ich meinen Geist im Vorfeld posi,
tiv gestimmt habe. Eine weitere O entierung gibt
die Gelassenheit, die sich aufdiesem übungsweg
einstellt. Alles ist im Wechsel, nichts bleibt, wie es
war. Was mich heute plagt, kann morgen eben
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ol, fr was michgestern enl-
' zückte.
Hat das Einfluss auf meine
Arbeit? Ist es vermessen, wenn ich meine,
dass meine innere Haltung und mein Gewahr-
sein meine Umwelt beeinflussen? Mein Ziel ist
es jedenfalls, in den Begegnungen des Alltags
gemeinsam mit meinem Gegenüber Momente
der Oflenheit und Frische, Mitgefuhl und Gelas
senheit zu finden. Hierzu sind Wahrnehmungs-,
Zentrierungs- und Meditationsübungen hilfrei
che und wichtige Ansätze. Ein Thema für diese
Übungen ist etwa der Umgang mit der eigenen
Hilflosigkeit in einer palliativen Situation. Oft ge-
nug ist genau das und nichts anderes zu tun: von
Moment zu Moment ganz im Hier und Jetzt sein
und nicht an Konzepten hängen, wie die Dinge
sein sollten. OITen, mitfühlend und gelassen ein-
fach da sein, die Situation gemeinsam erleben
und gemeinsam tragen.
Dr. Martin Böker studierte Pädagogik
und Palliative Care (NIAS) inösterreich.
In Salzburg leitete er 13 lahre ein starjo
näres Hospiz. Er praktiziert buddhisti-
sche Meditatioü seit 35 Jahren, arbeitet
als Supervisor sowie als freier llozent an
Pflege und Fachhochschulen und lebt
in Tübingen.
E'Mail: martin.boeker@motir.iert.net
Websites: wwlr.motiviert.net
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Vandenhoeck & Ruprecht 5. Jahrgang 1 12016IISSN 2192 1202
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