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ARCHÄOMETRISCHE UNTERSUCHUNGEN AN FELSGESTEINSARTEFAKTEN AUS DER URNENFELDERZEITLICHEN HÖHENSIEDLUNG BULLENHEIMER BERG

Authors:
ARCHÄOMETRISCHE UNTERSUCHUNGEN AN FELSGESTEINSARTEFAKTEN AUS
DER URNENFELDERZEITLICHEN HÖHENSIEDLUNG BULLENHEIMER BERG
STEFAN HÖHN1,2, FRANK FALKENSTEIN1, ULRICH SCHÜSSLER2
1 Vor- und Frühgeschichtliche Archäologie, Institut für Altertumswissenschaften der Universität Würz-
burg, Residenzplatz 2, 97070 Würzburg
2 Geodynamik und Geomaterialforschung, Institut für Geographie und Geologie der Universität Würz-
burg, Am Hubland, D-97074 Würzburg, hoehnstefan@gmx.de
Einleitung
Der Bullenheimer Berg, ein Zeugenberg der
Keuperschichtstufe etwa 30 km südöstlich von
Würzburg, beherbergt auf seinem Gipfelplateau
eine mittel- bis spätbronzezeitliche Höhensied-
lung. Im Rahmen mehrerer Grabungen (C, D, F,
H, siehe Abb. 1) wurde dort seit 2010 eine
Vielzahl von Felsgesteinsartefakten geborgen.
Im Fundspektrum der ersten Grabungen von
2010 konnten neben lokalen Sandsteinvarietä-
ten auch Amphibolite, Kieselschiefer, einige
Silexknollen, eine größere Anzahl an Silexab-
schlägen, Eisenerze und Karneole identifiziert
und analysiert werden. Steinbeile und andere
Funde zeigen, dass auf dem Plateau bereits im
Jungneolithikum (Michelsberger Kultur) eine
Siedlung bestand. Für die Untersuchung der
Funde kamen Gesteinsmikroskopie und geo-
chemische Analytik mit einer mobilen und ei-
ner stationären Röntgenfluoreszenzanalytik
RFA zum Einsatz.
Lokaler Sandstein
Die 14 untersuchten Sandsteinartefakte lassen sich petrographisch den unmittelbar am Bullenheimer
Berg anstehenden Schichten des Schilfsandsteins und des Blasensandsteins zuordnen (Abb. 2). Dabei
dominiert der Blasensandstein deutlich, was wohl darauf zurückzuführen ist, dass dieser Sandstein im
Bereich des Siedlungsplateaus unmittelbar ansteht. Blasensandstein wurde vor allem für Klopfsteine,
Abb. 1: Digitales Geländemodell des Bullenheimer Ber-
ges nach einem hochauflösenden Airborne Laserscan, mit
den Ausgrabungsstellen von 2010. Gut erkennbar sind der
umlaufende vorgeschichtliche Randwall und die drei
Querwälle. An der Westflanke, auf halber Hanghöhe
befinden sich neuzeitliche Steinbrüche im Schilfsand-
stein.
Mahlsteine und Reibsteinen verwendet. Der Schilfsandstein steht etwa 50 Höhenmeter tiefer in der
Mitte des Berghanges an. Bei diesem Sandstein handelt es sich ausnahmslos um einen plattig ausge-
bildeten Sandstein, der vorwiegend zu fein gearbeiteten Objekten wie Glättsteinen, Poliersteinen und
Schleifsteinen geformt wurden. Auch ein Spielstein und das Fragment eines wahrscheinlich dolchähn-
lichen Artefakts wurden aus diesem Material gefertigt.
Bezüglich des Blasensandsteins und des Schilfsandsteins wurden experimentelle Untersuchungen
durchgeführt, mit denen sich das unterschiedliche Verhalten der Gesteine bei typisch urnenfelderzeitli-
chen Bearbeitungsvorgängen mikroskopisch dokumentieren ließ. Dabei wurden Testgesteine aus bei-
den Einheiten mehrere Stunden mit Läufersteinen aus dem gleichen Material gerieben. Als Folge da-
von bildeten sich auf den Oberflächen sehr unterschiedliche Reliefformen. So verlor der Schilfsand-
stein bereits nach einiger Zeit sein Makrorelief auf der Reibfläche, was eine deutliche Glättung zur
Abb. 2: Geologisches Profil durch den Bullenheimer Berg. mo, Oberer Muschelkalk;
ku, Unterer Keuper; kmM, Myophorienschichten mit Grundgipsschichten; A+C, Acro-
dus-Corbula-Schichten; kmE, Estherienschichten, kmS, Schilfsandstein; kmL, Lehr-
bergschichten; kmBL, Blasensandstein. Verändert nach Haunschild (1976).
Abb. 3: Objekt Fz-392 bei normaler Beleuchtung (links) und im Streiflicht (rechts).
Deutlich zu sehen sind ausgeprägte Schleifmulden auf dem ca. 14 cm langen, 13 cm
breiten und 3 cm dicken Fundstück. Als Rohmaterial konnte der Blasensandstein vom
Bullenheimer Berg identifizier werden.
Folge hatte. Hingegen erzeugte die gleiche Behandlung beim Blasensandstein nur vereinzelt Druck-
punkte, die deutlich geglättet erschienen (Abb. 4). Diese Beobachtungen verdeutlichen, wie wichtig
die richtige Auswahl des Rohmaterials für den jeweiligen Verwendungszweck war und gibt zudem
eine Vorstellung davon, wie viel mechanische Arbeit auf einen Blasensandstein mit ausgeprägten
Schleifmulden gewirkte haben muss, wie sie beispielsweise das Artefakt in Abb. 3 aufweist.
Ortsfremde Gesteine
Das sehr feinkörnige, dunkelgraue Material einiger sehr schön erhaltener Glättsteine konnte mit Hilfe
der mobilen RFA zerstörungsfrei als Kieselschiefer identifiziert werden. Die nächstgelegenen geologi-
schen Vorkommen dunkler Kieselschiefer finden sich in den paläozoischen Sedimenten des Franken-
waldes. Zwar gab es schon während der Bronzezeit Siedlungen und Handelswege im und am Fran-
kenwald (z.B. Heunischenburg bei Kronach), es ist aber eher damit zu rechnen, dass die verwendeten
Kieselschiefer aus den Schotterterrassen des Mains stammen. Die bis auf 10 km an den Bullenheimer
Berg heran reichenden Mainschotter bilden eine Quelle für vielfältige Rohmaterialien und waren für
die Bevölkerung der Höhensiedlung zudem leicht zugänglich. Dunkelgraue Kieselschiefer sind ein
sehr auffälliger Bestandteil der Mainschotter und wurden aus dem Einzugsgebiet im Frankenwald
nachweislich bis in die Gegend um Frankfurt transportiert (mündl. Mitt. Tragelehn 2013).
Abb. 4: Die Oberflächen der experimentell beanspruchten Sandsteine unter dem Mikroskop.
a: Schilfsandstein unbearbeitet, b: Schilfsandstein bearbeitet, c: Blasensandstein bearbeitet, einer der
vereinzelten Druckpunkte im Initialstadium, d: bearbeiteter Blasensandstein mit Druckpunkt im Rei-
festadium. (Bildunterkante von a und b entspricht jeweils 2,4 mm, von c und d jeweils 1,2 mm).
Unter den Funden am Bullenheimer Berg befinden sich auch zwei Fragmente von Glättsteinen aus
Karneol. Diese kommen mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Karneol-Dolomit-Horizont, einer
geringmächtigen stratigraphischen Lage im obersten Teil des Mittleren Buntsandsteins. Geologisch
tritt diese Gesteinsabfolge im Spessart mehrere 10er km westlich des Bullenheimer Berges, aber auch
weiter östlich im fränkischen Bruchschollenland des Frankenwald-Vorlandes zutage. Der hohen Quali-
tät und dem Erscheinungsbild nach zu urteilen, könnten die Karneole aber auch aus einem von Büttner
& Stenzinger (2006) beschriebenen Vorkommen südöstlich von Münnerstadt, 20 km nordöstlich von
Schweinfurt stammen.
Das Rohmaterial der beiden jungsteinzeitlichen
Axtfragmente vom Bullenheimer Berg ist Amphibo-
lit. Studien über die schon im süddeutschen Neoli-
thikum weit verbreiteten nordböhmischen Amphi-
bolite aus Jistebsko (z.B. Christensen & Schüssler
2012) belegen einen frühen weiträumigen Handel
mit Amphibolit, in den auch die Region des Vor-
steigerwaldes einbezogen war (Ippesheim am Fuss
des Bullenheimer Bergs, Buchbrunn bei Kitzingen).
Untersuchungen zu dem als bronzezeitliche Guss-
form verwendeten Hösbachit aus dem westlichen Vorspessart (Okrusch & Schubert 1986) zeigen eine
etablierte bronzezeitliche Verbindung zwischen der Region um den Bullenheimer Berg und dem Spes-
sart. Zwar konnte im Rahmen dieser Arbeit ausgeschlossen werden, dass es sich bei den Äxten des
Bullenheimer Berges um Hösbachit oder um den nordböhmischen Amphibolit handelt, jedoch ist klar,
dass sich die mögliche Rohstoffquelle außerhalb eines Umkreises von etwa 80 km rund um den Bul-
lenheimer Berg befunden haben muss. Das Material sollte daher aus einem der zahlreichen anderen
Amphibolitvorkommen des Spessarts, des Odenwalds oder des ostbayerischen Grundgebirges stam-
men.
Andere ortsfremde Gesteine unterstreichen das Bild von weit gehandelten Felsgesteinen. Bei den
Silexknollen fällt die herausragende Qualität auf, die in der umliegenden Geologie keinen Vergleich
findet und am ehesten durch einen Handel mit der Fränkischen Alb zu erklären ist. Der Fund eines
Graphitschiefers weist wiederum auf das ostbayerische Grundgebirge. Graphitschiefer sind z.B. aus
der nördlichen Oberpfalz und vor allem aus der Gegend um Passau bekannt. Es liegt nahe, dass der
Graphit zur Herstellung graphitierter Keramik verwendet wurde. Dieser Keramiktyp kam in der Ur-
nenfelderzeit auf und wurde beispielsweise in der mittelurnenfelderzeitlichen Siedlungsschicht der
bronzezeitlichen Siedlung von Kaspauer im Landkreis Lichtenfels (Uni Bamberg 2013) und in der
Abb. 5: Fragment einer grobkörnigen Amphibolit-
Axt vom dem Bullenheimer Berg
späturnenfelderzeitlichen Schicht der Höhen-
befestigung Wettenburg in der Mainschleife
bei Urphar (Neubauer 2000) gefunden.
Resüme
Die vorliegenden, ersten Ergebnisse aus der
Untersuchung von Felsgesteinen belegen, dass
die Bewohner der vorgeschichtlichen Höhen-
siedlung auf dem Bullenheimer Berg nicht nur
lokal vorgefundene Felsgesteine verwendet
haben, sondern auch Gesteine, die aus einem
Umkreis von mindestens 80 km und mehr
stammen müssen. Das zeigt, dass die Siedlung in das Netz bronzezeitlicher Handelswege eingebunden
war, denn Karneole, Silexknollen und Graphitschiefer können nicht aus geologischen Vorkommen
derselben Region stammen. Es waren also unterschiedliche Handelskontakte nötig, um an diese Ge-
steine zu gelangen. Derartige Kontakte existierten auch schon im Jungneolithikum, was die Funde von
Amphibolit-Steinäxte belegen. Mit einer detaillierteren Untersuchung der Gesteine unter Einbeziehung
der neuen Funde aus den aktuellen Grabungen ließe sich das Bild sicherlich noch verfeinern und die
Richtung der Handelsbeziehungen konkretisieren.
Danksagung: Herrn Dr. Boaz Paz, Paz Laboratorien für Archäometrie Bad Kreuznach, der für die
Messungen mit der mobilen RFA seine Ausrüstung und Erfahrung zur Verfügung stellte, sei herzlich
gedankt. Ebenso Herrn Siegfried Müller der Firma Stein Müller, der die Arbeit durch die Bereitstel-
lung von Werksteinen und seinen fachmännischen Rat in Sachen Natursteinbearbeitung unterstützt hat.
Literatur
Büttner, G. & Stenzinger, K. (2006): Hochliegende Terrassenschotter im Münnerstädter
Raum. Naturwissenschaftliches Jahrbuch Schweinfurt 21/22/23. Selbstverlag, 485-522, Schweinfurt.
Christensen, A.-M., Schüssler, U. (2012): Die Steinwerkzeuge der neolithischen Siedlung Buchbrunn
bei Kitzingen - eine petrographische und geochemische Charakterisierung. In: Kuhn, J. (ed.), Buch-
brunn, eine Siedlung der Linearbandkeramik in Nordbayern. Berliner Archäologische Forschungen,
10, 287-295.
Haunschild, H. (1976): Geologische Karte von Bayern 1:25 000 Blatt 6327 Markt Einersheim.-
Bayerisches Geologisches Landesamt, München.
Neubauer, D. (2000): Die Wettenburg in der Mainschleife bei Urphar. Eine Höhenbefestigung des
Jungneolithikums, der Urnenfelderzeit, der frühen Eisenzeit und der Völkerwanderungszeit. Diss.
Univ. Würzburg.
Okrusch, M. & Schubert, W. (1986): Das Gestein Hösbachit als Material für prähistorische
Bronzegussformen aus dem fränkischen Raum.- In: Mainfränkische Studien 37.- Freunde
Mainfränkischer Kunst und Geschichte E.V., S. 31-36, Würzburg.
Uni Bamberg (2013): http://www.uni-bamberg.de/?id=59915
Wolf, H. (1994): Oberpfälzer Eisen im Wandel der Geschichte. In: Festschrift 30. Nordgautag
Sulzbach-Rosenberg.- Manzsche Buchdruckerei und Verlag, S. 104-111, Regensburg.
Abb. 6: Rückstreu-Elektronenbild des Graphitschiefers.
Helle Leisten, Muskovit; mittelgraue Flächen, Quarz;
schwarze Leisten, Graphit
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Hochliegende Terrassenschotter im Münnerstädter Raum
  • G Büttner
  • K Stenzinger
  • A.-M Christensen
  • U Schüssler
Büttner, G. & Stenzinger, K. (2006): Hochliegende Terrassenschotter im Münnerstädter Raum. Naturwissenschaftliches Jahrbuch Schweinfurt 21/22/23. Selbstverlag, 485-522, Schweinfurt. Christensen, A.-M., Schüssler, U. (2012): Die Steinwerkzeuge der neolithischen Siedlung Buchbrunn bei Kitzingen -eine petrographische und geochemische Charakterisierung. In: Kuhn, J. (ed.), Buchbrunn, eine Siedlung der Linearbandkeramik in Nordbayern. Berliner Archäologische Forschungen, 10, 287-295.
Die Wettenburg in der Mainschleife bei Urphar
  • D Neubauer
Neubauer, D. (2000): Die Wettenburg in der Mainschleife bei Urphar. Eine Höhenbefestigung des Jungneolithikums, der Urnenfelderzeit, der frühen Eisenzeit und der Völkerwanderungszeit. Diss. Univ. Würzburg.
Geologische Karte von Bayern 1:25 000 Blatt 6327 Markt Einersheim
  • H Haunschild
Haunschild, H. (1976): Geologische Karte von Bayern 1:25 000 Blatt 6327 Markt Einersheim.Bayerisches Geologisches Landesamt, München.
Das Gestein Hösbachit als Material für prähistorische Bronzegussformen aus dem fränkischen Raum
  • M Okrusch
  • W Schubert
Okrusch, M. & Schubert, W. (1986): Das Gestein Hösbachit als Material für prähistorische Bronzegussformen aus dem fränkischen Raum.-In: Mainfränkische Studien 37.-Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte E.V., S. 31-36, Würzburg. Uni Bamberg (2013): http://www.uni-bamberg.de/?id=59915
Oberpfälzer Eisen im Wandel der Geschichte
  • H Wolf
Wolf, H. (1994): Oberpfälzer Eisen im Wandel der Geschichte. In: Festschrift 30. Nordgautag Sulzbach-Rosenberg.-Manzsche Buchdruckerei und Verlag, S. 104-111, Regensburg. Abb. 6: Rückstreu-Elektronenbild des Graphitschiefers.