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Feldprozesse in der Psychotherapie. Der Mehr-Felder-Ansatz im diagnostischen und therapeutischen Prozess [Field Processes in Psychotherapy. The Multiple-Field-Approach]

Authors:
  • Österreichische Arbeitsgemeinschaft für Gestalttheoretische Psychotherapie
Article

Feldprozesse in der Psychotherapie. Der Mehr-Felder-Ansatz im diagnostischen und therapeutischen Prozess [Field Processes in Psychotherapy. The Multiple-Field-Approach]

Abstract and Figures

Mit diesem Beitrag wird - anknüpfend an gestaltpsychologische Forschungen - ein Mehr-Felder-Ansatz für die Psychotherapie vorgeschlagen. Der Beitrag geht dabei von einem Phänomen aus, dessen Auftreten und Wirken jeder Mensch in seinem eigenen Wahrnehmen und Erleben erfahren und überprüfen kann: Dass es nämlich unter bestimmten Voraussetzungen dazu kommt, dass in unserem Erleben nicht nur ein Ich und seine Umwelt vorhanden ist, sondern sich ein zweites Ich mit einer zugehörigen zweiten Umwelt herausbildet – und dass es manchmal sogar noch zu weiteren solchen Ausgliederungen kommt. Dabei soll hier nicht von pathologischen Phänomenen im Sinne einer „gespaltenen oder multiplen Persönlichkeit“ oder dergleichen die Rede sein, sondern von alltäglichen Phänomenen im „Normalbereich“ des Wahrnehmens und Erlebens jedes Menschen. Dieses Phänomen der Herausbildung eines zweiten anschaulichen Gesamtfeldes mit einem zweiten anschaulichen Ich und einer zweiten anschaulichen Umwelt spielt auch für die Psychotherapie und in der Psychotherapie eine wesentliche Rolle. Das Phänomen tritt auch in der psychotherapeutischen Situation häufig auf – ob nun beachtet oder unbeachtet, ob nun bewusst herbeigeführt oder spontan – und zwar sowohl auf Seiten des Psychotherapeuten, als auch auf Seiten des Klienten. Wird das Phänomen in seinen Bedingungen und Wirkungen gut verstanden, kann dies zu einem besseren praktischen und theoretischen Erfassen der therapeutischen Situation und des therapeutischen Prozesses beitragen und auch bewusst für eine Verbesserung des Vorgehens in Diagnostik und Therapie eingesetzt werden.
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Feldprozesse in der Psychotherapie
Der Mehr-Felder-Ansatz im diagnostischen und therapeutischen Prozess
Gerhard Stemberger, Wien
Wahrnehmung und
Psychotherapie
„Ich stehe am Fenster und sehe ein
Haus, Bäume, den Himmel. …“ Mit
diesem Satz beginnt eine der be-
rühmtesten Abhandlungen in der
Geschichte der Psychologie – der
Artikel „Untersuchungen zur Lehre
von der Gestalt“ von Max Werthei-
mer (1923, S. 301). Und Werthei-
mer fährt fort: „In dem bestimm-
ten Zusammen, der bestimmten
Getrenntheit sehe ich es; und in
welcher Art des Zusammen, der
Getrenntheit ich es sehe, das steht
nicht einfach in meinem Belieben:
ich kann durchaus nicht etwa nach
Belieben jede irgend andere ge-
wünschte Art der Zusammenge-
fasstheit einfach realisieren.“
In diesen Untersuchungen belegt
Wertheimer, dass sich die Wahr-
nehmungswelt des Menschen nach
bestimmten Gesetzmäßigkeiten
ordnet und gliedert. Er arbeitet
einige dieser grundlegenden Geset-
ze heraus, die seither als Gestaltge-
setze allgemein bekannt geworden
sind (das Gesetz der Nähe, der
Gleichheit, der Geschlossenheit,
des gemeinsamen Schicksals usw. –
dies alles besondere Ausprägungen
des allgemeinen Prägnanzgesetzes,
der Tendenz zur möglichst präg-
nanten Form).
Ist die Beschäftigung mit solchen
grundsätzlichen Fragen der Wahr-
nehmung auch für die Psychothe-
rapie relevant? Ein Blick in die psy-
chotherapeutische Fachliteratur
deutet darauf hin, dass das weithin
eher als vernachlässigbares Rand-
thema gilt. Als wesentlich relevan-
ter für die Psychotherapie werden
demgegenüber etwa Fragen der
Persönlichkeit und der sozialen
Interaktionen zwischen den Men-
schen angesehen. Der Gestaltpsy-
chologe Wolfgang Metzger hat
dazu allerdings angemerkt, dass bei
der Vernachlässigung der Wahr-
nehmungsfrage ein grundlegendes
Missverständnis im Spiel ist. Denn:
„Streng genommen ist jede soziale
Interaktion primär eine Interaktion
zwischen Wahrnehmungen – eine
Interaktion, die erst über kyberne-
tische Vorgänge an die teilhaben-
den Organismen übermittelt und
von diesen aufgenommen wird,
sodass jede Interaktion zwischen
Organismen nichts anderes ist als
ein vermittelndes Korrelat dessen,
was in den Wahrnehmungswelten
der beteiligten Individuen ge-
schieht. Deshalb kommt der Wahr-
nehmungstheorie eine fundamen-
tale Rolle für alle anderen Bereiche
der Psychologie zu“ (Metzger 1974,
p. 3; Übersetzung GSt).
Soziale Interaktion =
Interaktion zwischen
Wahrnehmungen?
Was ist damit gemeint, dass
„streng genommen jede soziale
Interaktion primär eine Interaktion
zwischen Wahrnehmungen ist“?
Betrachten wir dazu die auf den
ersten Blick ganz einfache Situation
in Abbildung 1 .
Abb. 1
Zwei Personen – links der Psychotherapeut,
rechts der Klient – sitzen sich gegenüber. Der
Klient erzählt…
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Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
Zusammenfassung
In diesem Beitrag wird ein Phänomen
behandelt, dessen Auftreten und Wirken
jeder Mensch in seinem eigenen Wahr-
nehmen und Erleben erfahren und über-
prüfen kann: Dass es nämlich unter be-
stimmten Voraussetzungen dazu kommt,
dass in unserem Erleben nicht nur ein Ich
und seine Umwelt vorhanden ist, son-
dern sich ein zweites Ich mit einer zuge-
hörigen zweiten Umwelt herausbildet
und dass es manchmal sogar noch zu
weiteren solchen Ausgliederungen
kommt. Dabei soll hier nicht von patho-
logischen Phänomenen im Sinne einer
„gespaltenen oder multiplen Persönlich-
keit“ oder dergleichen die Rede sein,
sondern von alltäglichen Phänomenen
im „Normalbereich“ des Wahrnehmens
und Erlebens jedes Menschen.
Dieses Phänomen der Herausbildung
eines zweiten anschaulichen Gesamtfel-
des mit einem zweiten anschaulichen Ich
und einer zweiten anschaulichen Umwelt
spielt auch für die Psychotherapie und in
der Psychotherapie eine wesentliche
Rolle. Das Phänomen tritt auch in der
psychotherapeutischen Situation häufig
auf ob nun beachtet oder unbeachtet,
ob nun bewusst herbeigeführt oder
spontan – und zwar sowohl auf Seiten
des Psychotherapeuten, als auch auf
Seiten des Klienten. Wird das Phänomen
in seinen Bedingungen und Wirkungen
gut verstanden, kann dies zu einem bes-
seren praktischen und theoretischen
Erfassen der therapeutischen Situation
und des therapeutischen Prozesses bei-
tragen und auch bewusst für eine Ver-
besserung des Vorgehens in Diagnostik
und Therapie eingesetzt werden.
Zwei Personen – in der Abbildung
links der Psychotherapeut, rechts
der Klient sitzen sich gegenüber.
Der Klient erzählt… Bekanntlich
kann diese kleine Szene von jeder
dieser beiden Personen sehr unter-
schiedlich erlebt werden. Aber wo
hätte diese Tatsache (oft etwas
missverständlich umschrieben mit
„alles ist subjektiv“) Platz in dieser
Abbildung? Offenkundig reicht eine
so einfache Abbildung nicht aus,
um dieser Tatsache gerecht zu
werden. Vielmehr ist eine etwas
komplexere Auffassung notwendig,
wie sie in Abbildung 2 skizziert ist.
In diese zweite Abbildung geht ei-
ne Art „Vervielfachung der Welt“
ein: Es wird unterschieden:
zwischen einer physikalischen Welt
einerseits, in der sich die physikali-
schen Organismen des Therapeuten
und seines Klienten gegenübersitzen
(angedeutet in der Gegenüberstel-
lung der beiden Köpfe) und es zu
entsprechenden physikalischen Pro-
zessen der wechselseitigen Einwir-
kung und ihrer physiologischen Ver-
arbeitung kommt,
und einer jeder der beiden Personen
gegebenen eigenen Wahrnehmungs-
und Erlebniswelt (phänomenalen
Welt) andererseits, in der das jewei-
lige erlebte Ich der erlebten anderen
Person gegenübersitzt und mit ihr
kommuniziert.
Diese Darstellung zeigt damit also
in Grundzügen eine Lösung für die
oben aufgeworfene Frage, wie
denn „ein und dieselbe“ Situation
von den beiden beteiligten Men-
schen mehr oder weniger unter-
schiedlich wahrgenommen und
erlebt werden kann. Erkenntnis-
theoretisch entspricht diese Lö-
sung der Position eines Kritischen
Realismus, der die meisten Vertre-
ter der Gestalttheorie folgen. Die
Darstellung in Abb. 2 ist allerdings
insofern vereinfacht und unvoll-
ständig, als sie keine Hinweise auf
Art und Funktionsweise der
„Transmission“ zwischen der jewei-
ligen phänomenalen und der
transphänomenalen Welt enthält;
das spricht Metzger mit seinem
Verweis auf kybernetische Vorgän-
ge an. Auf die Beleuchtung dieses
Aspekts verzichte ich hier aus
Platzgründen und verweise auf die
eingehenderen Darstellungen bei
Bischof 1966, Metzger 1969, Tho-
ley 1980.
Damit wird nun deutlich, was
Metzger mit seiner Behauptung
meint, dass „streng genommen
jede soziale Interaktion primär eine
Interaktion zwischen Wahrneh-
mungen ist“. Auf beiden Seiten,
auf der Therapeuten- wie auch auf
der Klientenseite, interagiert ein
wahrgenommenes Ich mit einem
wahrgenommenen Du in einer
wahrgenommenen Umwelt.
Das anschauliche
Gesamtfeld
„Ich stehe am Fenster und sehe ein
Haus, Bäume, den Himmel. …“ In
diesen Untersuchungen befasst
sich Max Wertheimer mit Struktur
und Ordnungsgesetzen im Bereich
des Wahrnehmungsgegenstandes,
in dem Fall also im Bereich dessen,
was sich dem Blick aus dem Fens-
ter bietet. Die wahrnehmende Per-
son, ihre Eigenheiten, ihre Befind-
lichkeit, ihre Strebungen, also die
Struktur und Ordnungsgesetze im
Bereich des Wahrnehmenden und
ihre Beziehung zum Wahrgenom-
menen bleiben dabei außer Be-
tracht. Für die Untersuchung
grundlegender Organisationsprinzi-
pien der visuellen Wahrnehmung
in ihrem Objektbereich ist dieses
Vorgehen auch zulässig. Dass zum
Beispiel Wolken am Himmel als
Figur auf einem hinter ihnen
durchgehenden Grund des blauen
Himmelsgewölbes wahrgenommen
werden und nicht umgekehrt, und
nach welchen Gesetzmäßigkeiten
das geschieht, kann als im Normal-
fall person-unabhängiges Phäno-
men angenommen und daher auch
ohne Einbeziehung des Personbe-
reichs im Wahrnehmungsvorgang
untersucht werden.
Diese Fokussierung auf die Objekt-
seite der Wahrnehmung ist für
viele Fragen, mit denen sich die
Wahrnehmungspsychologie (auch
die gestaltpsychologische) typi-
scherweise beschäftigt, durchaus
angemessen. Im Bereich der Psy-
chotherapie (wie auch im Alltag)
haben wir es allerdings in aller Re-
gel mit Phänomenen des Wahrneh-
mens und Erlebens zu tun, in de-
nen die wahrnehmende Person,
das wahrnehmende Ich sehr wohl
und sehr maßgeblich differenzie-
rend in das Wahrnehmen und Erle-
ben mit eingeht – wo also beim
Hinwenden zum Wahrnehmungs-
gegenstand das Ich mehr oder we-
niger ausgeprägt miterlebt wird.
Seite 13
Phänomenal
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie
Abb. 2
Zwei Personen – links der Psychotherapeut, rechts der Klient – sitzen sich gegenüber. Der Klient
erzählt… Diese Szene in der vorangegangenen Abbildung 1 ist beiden Seiten – dem Therapeuten wie
dem Klienten – als Wahrnehmungs- und Erlebnissachverhalt in ihrer jeweiligen phänomenalen Welt
gegeben (in der Abb. repräsentiert durch die in die Köpfe eingezeichneten Blasen).
Für solche Wahrnehmungs- und
Erlebnissituationen hat Wolfgang
Metzger den Begriff des anschauli-
chen Gesamtfeldes geprägt: Das
anschauliche Gesamtfeld schließt
also nicht nur den Objektbereich
der Wahrnehmung, sondern auch
das wahrnehmende und handeln-
de Subjekt mit ein (Metzger 2001,
S. 194). Insofern kann man hier
auch umfassender von einem an-
schaulichen Gesamt-Erlebnisfeld im
Sinne nicht nur eines Wahrneh-
mungsfeldes, sondern eines Wahr-
nehmungs- und Handlungsfeldes
oder Aktionsfeldes sprechen.
Mit dem Begriff des anschaulichen
Gesamtfeldes ist nun aber auch die
Aussage verbunden, dass nach
gestaltpsychologischer Auffassung
das Geschehen in der Wahrneh-
mungs- und Erlebniswelt des Men-
schen, in seiner phänomenalen
Welt, als Feldgeschehen aufzufas-
sen ist. Es wird also davon ausge-
gangen, dass die Vorgänge in der in
der Abbildung 2 auf Therapeuten-
und auf Klientenseite eingezeich-
neten Wahrnehmungs- und Erleb-
niswelt von ähnlichen Gesetzmä-
ßigkeiten bestimmt sind, wie sie
auch von physikalischen Kraftfel-
dern bekannt sind: Diese Welt ist
ganzheitlich und nach bestimmten
dynamischen Gesetzmäßigkeiten
organisiert, es gibt in ihr keine völ-
lig isolierten, unabhängig vonein-
ander bestehenden Bereiche. Ver-
änderungen an einer Stelle können
daher auch Veränderungen an
allen anderen, auch weit davon
entfernten, nicht „benachbarten“
und auch nicht aneinander gekop-
pelten Stellen dieser Welt nach
sich ziehen (für eine ausführlichere
Darstellung des feldtheoretischen
Ansatzes siehe „Gestalttheorie und
Feldtheorie“ von Soff, Ruh &
Zabransky 2004; siehe auch
die Stichworte „Feldkonzepte,
psychologische“ und „Gesamtfeld,
anschauliches“ im vorliegenden
Heft im „Lexikon zur Gestalttheore-
tischen Psychotherapie“).
Gleichzeitiges Bestehen
von zwei oder noch mehr
Gesamtfeldern
Sowohl die Erlebnisbeobachtung,
als auch die wahrnehmungspsy-
chologische Forschung, die sich mit
Vorgängen im anschaulichen Ge-
samtfeld befasst, zeigt nun aber
ein sehr beachtliches Phänomen:
Es gibt Situationen, in denen in
unserem Erleben nicht nur ein Ge-
samtfeld besteht, nur ein Ich und
seine Umwelt vorhanden ist, son-
dern wo sich ein zweites Gesamt-
feld herausbildet, also ein zweites
Ich mit einer zugehörigen zweiten
Umwelt. Es kann sogar zur Ausglie-
derung noch weiterer Gesamtfel-
der kommen, sodass die phänome-
nale Welt eines Menschen durch
die Gliederung in mehrere gleich-
zeitig bestehende Gesamtfelder
und durch die Wechselbeziehun-
gen dieser gleichzeitig bestehen-
den Gesamtfelder untereinander
bestimmt wird.
Im Bereich der Wahrnehmungsfor-
schung hat sich mit diesen Phäno-
menen der Gestaltpsychologe Ed-
win Rausch in seiner Forschungsar-
beit Bild und Wahrnehmung
Psychologische Studien ausgehend
von Graphiken Volker Bußmanns
(1982) eingehend befasst. Sein
unmittelbarer Forschungsgegens-
tand ist dabei zwar die Bildbetrach-
tung, aber er weist darauf hin, dass
die von ihm erforschten phänome-
nalen Vorgänge keineswegs auf die
Bildbetrachtung beschränkt, son-
dern viel allgemeinerer Natur sind.
Er stellt fest: „Übrigens ist gleich-
zeitiges Bestehen zweier Gesamt-
felder nicht beschränkt auf die Fäl-
le, in denen beide der Wahr-neh-
mung angehören. Dem primären
Wahrnehmungsfeld kann sich ein
(räumlich-zeitliches) Vorstellungs-
feld hinzugesellen. Beispiele hier-
für sind beim Lesen und in beliebig
vielen anderen Situationen anzu-
treffen. Diese Fälle … lassen sich
natürlich auch als Ausgangser-
fahrungen auffassen, derart, dass
reine Wahrnehmungsduplizität
als bemerkenswerter Sonderfall
anzusprechen wäre. Eine solche
Richtung der Problemherleitung
entspricht sogar besser den
genetischen Prioritätsverhältnis-
sen“ (Rausch 1982, S. 33).
Zur Veranschaulichung des hier
gemeinten Phänomens ein
Beispiel:
Wenn sich jemand für einige Zeit
auf ein Gemälde einer Gebirgsland-
schaft einlässt, seinen Blick über
das Bild wandern lässt, vielleicht da
und dort innehält, wird er auf die
Frage nach seinem Erleben beim
Bildbetrachten über kurz oder lang
spontan Formulierungen wie diese
wählen: „Ich schaue gerade von
diesem Felsgrat ins Tal hinunter.
Die Sonne steht direkt über mir.“
Das Ich, von dem hier die Rede ist,
ist nun aber ganz offensichtlich
weder das physikalische Körper-
Ich, noch das phänomenale
Betrachter-Ich, das sich auf
ebenem Boden vor dem Bild im
Zimmer stehend weiß. Es hat sich
vielmehr ein zweites (sekundäres)
phänomenales Ich herausgebildet,
das sich nicht im Zimmer, sondern
in der Gebirgslandschaft des Ge-
mäldes aufhält. Das Auftreten ei-
nes solchen zweiten Ich ist zugleich
das sichere Merkmal dafür, dass
sich ein zweites Gesamtfeld
tatsächlich herausgebildet hat.
Die Ausgliederung eines zweiten
Gesamtfeldes mit einem zweiten
phänomenalen Ich ist ein auch
sonst im Alltagsleben häufig zu
beobachtendes Phänomen. Es
kann beim eingehenden Betrach-
ten eines Bildes auftreten, wie im
obigen Beispiel angeführt, aber
auch beim Ansehen eines Films
oder eines Theaterstückes, beim
„Tagträumen“ oder intensiven,
anschaulichen Erinnern, beim
Lesen, beim Anhören einer leben-
digen Erzählung usw.
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Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
Dieses Phänomen hat im übrigen
auch eine gestaltpsychologische
Erklärung: Es ist auf das Wirken des
von den Gestalttheoretikern ent-
deckten und vielfach experimentell
nachgewiesenen Prägnanzgesetzes
zurückzuführen – treten nämlich in
einem Ganzen Sachverhalte auf,
die in einem Ganzen nicht verein-
bar sind, dann führt das damit ver-
bundene Imprägnanz-Erleben zur
Ausgliederung eines weiteren Gan-
zen (Rausch 1982, S. 300f).
Haben sich aber erst einmal zwei
Gesamtfelder herausgebildet, so
sind diese Gesamtfelder mit-
einander verschränkt und stehen
in der Regel in einem Figur-Grund-
Verhältnis zueinander. Ein Mensch
liegt etwa im Bett und vertieft sich
in ein spannendes Buch. Die
geschilderten Szenen werden für
ihn immer lebendiger, er beginnt
mit einer der Romanfiguren zu
fühlen und zu erleben – ein zweites
Ich in einer anderen Welt und
damit ein zweites Gesamtfeld bil-
den sich heraus: Da gibt es zum
einen den immer noch im Bett lie-
genden Menschen mit dem Buch in
der Hand, da gibt es aber auch be-
reits einen anderen, der in span-
nende Ereignisse in einer ganz an-
deren Welt verstrickt ist.
Je na ch Aufmerksamkeits-
Schwerpunkt wird entweder das
erstere oder das zweite Gesamt-
feld thematisch bzw. dominant
sein (zur Figur werden), das andere
thematisch untergeordnet (den
Grund bilden). So wird über länge-
re Zeit die Faszination der Lektüre
das zweite Gesamtfeld zum domi-
nanten machen und der Betroffene
kaum noch gewahr sein, dass es da
auch noch den im Bett liegenden
Leser gibt. Doch wird es zu einer
Gewichtsverlagerung von diesem
zweiten Gesamtfeld zum ersten
etwa dann kommen, wenn die Er-
müdung des Lesers größer wird
und er das zu spüren beginnt oder
er hungrig zu werden oder einen
Harndrang zu spüren beginnt. Auch
dann werden die beiden Gesamt-
felder vielleicht noch einige Zeit
weiterbestehen, bei Hin- und Her-
pendeln der Aufmerksamkeit und
damit wechselnden Dominanzver-
hältnissen, bis sich irgendwann
unter dem gestiegenen Bedürfnis-
druck im primären Gesamtfeld das
zweite ganz auflöst.
Entstehung eines zweiten
Gesamtfelds in der
Psychotherapie – ein
Beispiel
In der psychotherapeutischen Situ-
ation kann es zur Herausbildung
eines zweiten Gesamtfeldes so-
wohl beim Klienten, als auch beim
Therapeuten entweder spontan
und „unbeabsichtigt“ kommen,
indem etwa der Klient sich intensiv
mit einer bestimmten Erinnerung
beschäftigt und in sie „eintaucht“
und im Therapeuten nun seiner-
seits die geschilderte Szene leben-
dig wird. Die Herausbildung eines
zweiten Gesamtfeldes kann aber
auch gezielt gefördert und genutzt
werden, wenn man sich mit den
Eigenheiten dieses Vorgangs ver-
traut macht. Wie beim Bildbetrach-
ten eine gewisse Zeitdauer und ein
„Sich-Einlassen“ auf das Bild Vor-
aussetzungen für die Herausbil-
dung des zweiten Gesamtfeldes
sind, gibt es auch in der psychothe-
rapeutischen Arbeit eine Reihe von
Möglichkeiten, die Herausbildung
eines zweiten Gesamtfeldes so-
wohl auf Klienten-, wie auch auf
Therapeutenseite zu fördern oder
auch hintan zu halten.
Zur beispielhaften Veranschauli-
ch u ng de s M e hr - Fe lde r-
Geschehens im therapeutischen
Prozess soll die hier beigefügte
Bilderfolge „Die angedrohten Prü-
gel“ dienen. Sie zeigt einige der
Möglichkeiten und Variationen, in
denen es in einer Psychotherapie-
Sequenz zur Ausbildung mehrfa-
cher, gleichzeitig bestehender Ge-
samtfelder kommen kann – ohne
Anspruch auf Vollständigkeit der
dabei möglichen Variationen und
Phänomene.
Zur Erläuterung der fol-
genden Bildergeschichte:
Auf der linken Seite ist jeweils das
Geschehen in der phänomenalen
Welt des Therapeuten (Th) darge-
stellt, auf der rechten Seite das
Geschehen in der phänomenalen
Welt des Klienten (K).
Ausschnitt 1: Eingangsphase. K
erwähnt ein Erlebnis aus seiner
Kindheit ein Mann hatte ihm am
Kinderspielplatz Prügel angedroht.
Auf Th-, wie auch auf K-Seite be-
steht nur ein Gesamtfeld, das je-
weils ein phänomenales Ich und
ein phänomenales Gegenüber in
einer phänomenalen Umwelt (der
Praxis-Situation) enthält.
Ausschnitt 2: K erzählt Th sein da-
maliges Erlebnis. Dabei wird ihm
(rechte Seite) die damalige Szene
wieder so gegenwärtig, dass er sie
wieder als Kind erlebt, der bedroh-
lichen Männergestalt ausgeliefert.
Rechts auf der K-Seite hat sich ein
zweites Gesamtfeld herausgebil-
det, das dominant ist (die Szene
bedrohtes Kind / bedrohender
Mann), das primäre Gesamtfeld
(K+Th im Praxis-Raum) ist dagegen
in den Hintergrund getreten,
„thematisch unterlegen“ (in der
Zeichnung angedeutet durch Stri-
chelung). Der Th (linke Seite) hört
zwar die Geschichte, ist aber noch
nicht so weit in sie „eingetaucht“,
dass sich bei ihm ein zweites Ge-
samtfeld herausgebildet hätte.
Ausschnitt 3: Während K weiterer-
zählt, hat sich nun auch bei Th
(linke Seite) ein zweites Gesamt-
feld herausgebildet die von K
geschilderte Szene ist für Th so
lebendig geworden, dass er sich
selbst in ihr erlebt, vorerst gewis-
sermaßen als körperloser Beobach-
ter (gezeichnet als punktförmiges
Seite 15
Phänomenal
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie
Th-Ich
2
) oder Zeuge des Gesche-
hens (bedrohtes Kind / bedrohen-
der Mann). Auch bei ihm ist nun
di e ses zweit e Gesam tfeld
dominant. Es weist aber einen
wesentlichen Unterschied zu dem
des K auf: In seiner“ Szene ist
auch die Mutter des K im Hinter-
grund enthalten, von deren
Anwesenheit er spontan ausgeht.
Ausschnitt 4: Th hat irgendwie mit-
bekommen, dass in Ks Szene des-
sen Mutter gar nicht enthalten ist.
Dadurch kommt es (linke Seite) zu
einer Korrektur der Szene in sei-
nem zweiten Gesamtfeld.
Ausschnitt 5: Hier wird eine we-
sentliche Veränderung im sekundä-
ren Gesamtfeld des Th (linke Seite)
angezeigt. Es ist nicht mehr als
punktförmiges, körperloses Beob-
achter-Ich zusätzlich zum bedroh-
ten Kind und zum bedrohenden
Mann in der Szene, sondern ist in
das Kind „hineingeschlüpft“, sein
zweites phänomenales Ich und das
ph än om en al e K i nd s in d
„fusioniert“, eins geworden. Er
erlebt die Szene nun aus der Iden-
tifikation heraus als Kind.
Ausschnitt 6: Wieder eine neue
Variante auf der Th-Seite (links):
Dessen Aufmerksamkeit pendelt
zwischen dem zweiten Gesamtfeld
und einem inzwischen herausgebil-
deten dritten, e iner Art
„Vergleichs“- oder „Referenz“-
Gesamtfeld: Es ist dies wieder sei-
ne ursprüngliche Szene (mit Mut-
ter) – in ähnlichen Situationen in
seiner eigenen Kindheit war die
Mutter stets in der Nähe und hätte
eingegriffen. Th’s Aufmerksamkeit
pendelt zwischen GF
2
und GF
3
und
„vergleicht“ (spürt den Unterschie-
den in den Atmosphären, Span-
nungen, Tendenzen etc. in den
beiden Szenen nach), Th ist hier
wieder als körperloses punktförmi-
ges Beobachter-Ich bzw. Erinnerer-
Ich im Gesamtfeld 3 enthalten.
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Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
Die angedrohten Prügel (I)
Bildergeschichte zur Veranschaulichung des Mehr-Felder-Ansatzes
Gesamtfeld/er Therapeut Gesamtfeld/er Klient
Legende:
1=K erzählt (Gf
1
bei K und T);
2=K bildet Gf
1,2
aus (Gf1 „thematisch unterlegen“ = schraffiert; Gf
2
dominant =
nicht schraffiert);
3=T bildet Gf
1,2
aus, enthält punktförmiges Th-Ich
2
(Beobachter, Teilhaber…) und
eine Mutter;
4=Th bemerkt, dass Mutter im K- Gf
1,2
nicht enthalten ist, Korrektur des Th- Gf
1,2
.
Ausschnitt 7: Auf dieser Grundlage
fragt nun der Th den K (genauer:
den Kind-K aus dessen GF
2
), ob
denn seine Mutter nicht in der Nä-
he ist. Erst durch diese Frage
„erscheint“ die Mutter in der Szene
des K (rechte Seite), nachdem ihm
ihre Anwesenheit vorher gar nicht
gegenwärtig war.
Ausschnitt 8: Nun erfolgt auf
der Th-Seite eine neuerliche
Seite 17
Phänomenal
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie
ist, während es auf der Th-Seite
(rechts) zu einer Aufmerksamkeits-
verschiebung zum primären Ge-
samtfeld gekommen ist (z.B. da-
durch, dass dem Th die fortge-
schrittene Zeit bewusst geworden
ist).
Ausschnitt nn: Zeigt gewisserma-
ßen den Abschluss der Sequenz an
– K und Th sind zu einer Bespre-
chung der erinnerten Szene über-
gegangen, es besteht auf beiden
Seiten nur noch ein Gesamtfeld.
Unsere kleine Bilderfolge und die
damit beschriebenen phänomena-
len Vorgänge sind – so meine ich
für jeden Menschen anhand eige-
ner Erfahrungen nachvollziehbar
und überprüfbar. Die Ausgliede-
rung von mehreren gleichzeitig
bestehenden Gesamtfeldern, die
miteinander in Wechselwirkung
stehen, ist kein theoretisches Kon-
strukt, sondern ein phänomenaler
Sachverhalt, den sich jeder Mensch
erschließen kann. Wer entspre-
chende Achtsamkeit aufbringt,
wird schon in der Selbstbeobach-
tung in Alltagssituationen auf viel-
fältige Variationen der Ausbildung
eines zweiten Gesamtfeldes, der
dafür maßgeblichen Bedingungen,
der Wechselwirkungen zwischen
den Gesamtfeldern, der Verände-
rungen an ihren Teilen und Berei-
chen stoßen.
Auf dieser Grundlage lässt sich
auch ein Mehr-Felder-Ansatz für
das Erfassen und Verstehen we-
sentlicher Vorgänge und für ein
angemessenes Handeln in der psy-
chotherapeutischen Situation ent-
wickeln. Schon aus Platzgründen
kann das hier nicht vollständig und
systematisch aufgefaltet werden,
aber zumindest einige wenige ver-
dichtete Hinweise und Anmerkun-
gen sollen hier abschließend gege-
ben werden.
Gesamtfeld/er Therapeut Gesamtfeld/er Klient
Die angedrohten Prügel (II)
Bildergeschichte zur Veranschaulichung des Mehr-Felder-Ansatzes
Anpassung (Erweiterung um die
Mutter).
Ausschnitt 9: Auf der TH-Seite
(rechts) geht das Beobachter-Ich
neuerlich in einer „Fusion“ mit
dem Kind-Ich auf.
Ausschnitt n: Hier wird eine Phase
angezeigt, in der auf der K-Seite
das zweite Gesamtfeld (mit der
durchlebten Szene) noch dominant
Legende:
5= punktförmiges Th-Ich
2
(Beobachter, Teilhaber…) im Th-Gf
1,2
verschmilzt, fusio-
niert mit K- Ich
2
(erlebt aus der Identifikation heraus)
6=Ausbildung eines „Referenz-Gf“ Th-Gf
1,2,3
mit Mutter; vergleichende Pendelbe-
wegung Th-Gf
1,2,3
/ Th-Gf
1,2,3
setzt ein.
7=Th-Frage nach der Mutter lässt diese im K- Gf
1,2
„erscheinen“.
8= Th-Gf
1,2
erweitert sich um die Mutter.
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Seite 18
Originalarbeiten aus Theorie und Praxis
Legende:
9= punktförmiges Th-Ich
2
(Beobachter, Teilhaber…) im Th-Gf
1,2
verschmilzt, fusio-
niert erneut mit K- Ich
2
n=mögliche Phase, in der für den Th wieder Th-Gf
1
dominant wird: Th-Gf
1,2
[achtet z.B. mehr auf Körpersprache, Tonfall etc. oder bereitet Abschluss vor]
nn=Th-Gf
2
und K-Gf
2
haben sich aufgelöst.
Charakteristika des primä-
ren und sekundären Ge-
samtfelds
Für eine differenzierte Beachtung
und Nutzung des Phänomens der
Ausgliederung eines zweiten Ge-
samtfeldes oder auch mehrerer
Gesamtfelder im therapeutischen
Prozess (bei Therapeuten wie auch
beim Klienten) ist es hilfreich, sich
einige grundlegende Charakteristi-
ka der Mehr-Felder-Situation vor
Augen zu führen.
Primäres und sekundäres Gesamt-
feld weisen eine Reihe charakteris-
tische Unterschiede auf, die auch
für den psychotherapeutischen
Prozess und für das therapeutische
Handeln relevant sind:
Primäres Gesamtfeld: Das Körper-
Ich im primären Gesamtfeld
(primäres Ich) ist im Unterschied
zum Körper-Ich im sekundären
Gesamtfeld (sekundäres Ich) in
seiner Lokalisation genau be-
stimmt und in der Regel durch die
Körpersinne und mit kräftigeren
optischen Mitteln an seinem Ort
festgelegt. Auch für die verschiede-
nen Sachverhalte seines phänome-
nalen Umfelds, die Gegenstände
im Raum usw. gilt ähnliches (vgl.
dazu auch Rausch 1982, S. 27).
Sekundäres Gesamtfeld: Das se-
kundäre Gesamtfeld ist im Allge-
meinen flexibler und leichter wan-
delbar als das primäre. Das sekun-
däre Ich kann sowohl „körperlos“,
also gewisser-maßen punktförmig
sein (Beispiel virtuelles Beobachter
-Ich), als auch als Körper-Ich weit-
gehend ausgebildet sein. Es ist
sogar wie schon in unserer
Abbildungs-Folge dargestellt - in
der Lage, mit dem Körper-Du einer
anderen Person (etwa in einer
erzählten Szene) zu verschmelzen
und die geschilderte und anschau-
lich gewordene Szene „an ihrer
Stelle“ zu erleben. Ähnliches gilt
für das sekundäre phänomenale
Gesamtfeld/er Therapeut Gesamtfeld/er Klient
Die angedrohten Prügel (III)
Bildergeschichte zur Veranschaulichung des Mehr-Felder-Ansatzes
Umfeld. Während es im primären
Umfeld kaum dazu kommen kann,
dass sich unvermittelt neue Gegen-
stände und Personen im Raum
befinden, ist dies für das sekundäre
Umfeld keineswegs ungewöhnlich.
Zahlreiche Vorgänge in psychothe-
rapeutischen Situationen beruhen
auf diesen Eigenschaften des
sekundären Gesamtfeldes und den
damit verbundenen Phänomenen.
Als Beispiel sei noch einmal auf das
„Auftauchen“ der Mutter im
sekundären Gesamtfeld des Klien-
ten im Ausschnitt 7 unserer Bilder-
geschichte verwiesen.
Seite 19
Phänomenal
Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie
Aus diesen charakteristischen Un-
terschieden zwischen dem primä-
ren und dem sekundären Gesamt-
feld ergeben sich auch für das
praktisch-therapeutische Vorgehen
konkrete Folgerungen und Mög-
lichkeiten:
So bietet etwa die höhere Plastizi-
tät des sekundären Gesamtfeldes
besondere Ansatzpunkte für viel
weiter reichende und vielleicht
auch überraschendere Variationen
in allen Bereichen des sekundären
Ichs wie auch des sekundären Um-
felds, als das im primären Gesamt-
feld der Fall ist. Hier gilt, was schon
Kurt Lewins Berliner Studien zur
Handlungs- und Affektpsychologie
hinsichtlich des Unterschieds zwi-
schen Realitäts- und Irrealitäts-
schicht im Lebensraum zutage ge-
fördert haben.
Der höhere Grad an Festlegung des
primären Gesamtfeldes wiederum,
insbesondere die Verankerung des
primären Ichs durch seine Körper-
sinne, lässt sich beispielsweise
gezielt für das „Zurückholen“ des
Klienten durch Aufmerksamkeits-
verschiebung auf die Körperwahr-
nehmung seines primären Ichs und
auf dessen sinnlichen Kontakt zu
seinem primären Umfeld nutzen.
Schlussbemerkung
In vielen Therapiemethoden wer-
den wenn auch ohne die hier
ausgeführte theoretische und kon-
zeptionelle Einbettung - Techniken
und Interventionsformen einge-
setzt, die geeignet sind, in der
einen oder anderen Weise die Aus-
gliederung eines zweiten Gesamt-
feldes bei den Klienten anzuregen.
Da und dort wird auch von den
charakteristischen Unterschieden
zwischen primärem und sekundä-
rem Gesamtfeld p unktuell
Gebrauch gemacht. Dies ist vor
allem in den phänomenologisch,
hermeneutisch und erlebnisaktivie-
rend orientierten Verfahren der
Fall, wenn auch nicht auf diese
beschränkt. Zu solchen Techniken
und Interventionsformen zählen
etwa: Die Aufforderung an die
Klienten, erinnerte Erlebnisse in
der Gegenwartsform zu erzählen;
Träume, Phantasien oder erinnerte
Ereignisse zu zeichnen, zu stellen,
zu inszenieren; die gestaltthera-
peutische Technik des „leeren
Stuhls“; die katathym-imaginativen
Techniken und vieles andere mehr.
Auf die Klientenseite gerichtet wer-
den also in einer Reihe von Thera-
pieformen so etwas wie „Mehr-
Felder-Techniken angewandt,
während Entsprechendes bei der
methodischen Reflexion des Ge-
schehens auf der Therapeutensei-
te in der Regel fehlt. Die spontane
oder auch bewusst herbeigeführte
Herausbildung eines zweiten Ge-
samtfeldes beim Therapeuten im
Zusammenhang mit den Erzählun-
gen oder Inszenierungen des Klien-
ten und die wechselseitige Beein-
flussung dieser mehrfachen Ge-
samtfelder würde allerdings we-
sentlich größere Aufmerksamkeit
verdienen, als das in der Regel in
den theoretischen Konzeptionen
des therapeutischen Prozesses der
Fall ist. Diese Vorgänge bilden
nämlich die Grundlage für zahlrei-
che Phänomene, die gemeint sind,
wenn man von „Einfühlung“ in den
anderen, vom Verstehen des ande-
ren und dergleichen spricht aber
auch für zahlreiche Phänomene,
die in die psychotherapeutische
Fachsprache als Übertragung und
Gegenübertragung, als Identifikati-
on, projektive Identifikation usw.
usf. eingegangen sind.
Literatur
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retische Grundlagenprobleme der
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chungen zur Lehre yon der Gestalt.
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301-350
... The work of the German Gestalt psychologist Edwin Rausch on the perception of paintings (Rausch, 1982) gave the impetus to the development of the multiple-field approach in Gestalt Theoretical Psychotherapy (cf. Stemberger 2009Stemberger , 2021. ...
... 4. Disturbances in the relationship of multiple total fields: The research of Gestalt psychologist Edwin Rausch has shown (Rausch, 1982), that under certain conditions the ego-environment-structure of the phenomenal field differentiates further and a second phenomenal ego segregates with a second phenomenal world, for instance in "daydreaming," mental sports training, "mind wandering," and similar processes (Stemberger, 2009(Stemberger, , 2021. The interrelationship between these two total fields can have a constructive effect (for example for problem solving) but can also be part of a problematic process. ...
... Or it may be already the decisive condition for the segregation of the second total field that one discovers the experience of another own ego, which cannot be reconciled in one and the same world-at least not immediately and only the interaction between the two egos in the primary and secondary total field makes their later unification possible. I can only hint at these connections here and refer to the more extensive Gestalt-theoretical literature on the multiple-field approach (Stemberger, 2009(Stemberger, , 2021. ...
Article
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The paper presents basic Gestalt theoretical concepts of ego and self. They differ from other concepts in the way that they do not comprehend ego and self as fixed entities or as central controlling instances of the psyche, but as one specific organized unit in a psychological field in dynamic interrelation with the other organized units—the environment units—of this field. On this theme, well-known representatives of Gestalt theory have presented some general and special theories since the early days of this approach that could partly be substantiated experimentally. They illuminate the relationship between ego and world in everyday life as well as in the case of mental disorders. Not only the spatial extension of the phenomenal ego is subject to situational changes, but also its place in the world, its functional fitting in this world, its internal differentiation, its permeability to the environment, and much more. The German Gestalt psychologist Wolfgang Metzger emphasizes the significant functional role that this dynamic plasticity of the phenomenal world and its continuously changing segregation of ego and environment have for human life by designating the phenomenal world as a “Central Steering Mechanism.” In this article, ego and self as part of this field in their interrelation with the total psychological field will be illuminated from the perspective of the thinking of the Gestalt psychologists Max Wertheimer, Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Kurt Lewin, Wolfgang Metzger, Mary Henle, Edwin Rausch, and Giuseppe Galli.
... When the lights turn on again in the cinema, the secondary total field collapses and I am back in an undivided primary total field. The lawfulness of such processes was described by Rausch (1982) in connection with looking at images and transferred to psychotherapeutic processes by Stemberger (2009). ...
Article
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The case of an anorectic patient is presented to demonstrate how well-known symptomatic phenomena such as a supposedly distorted body perception can be understood. Further theoretical suggestions are made to explain the motive to starve, without making complicated psychodynamic assumptions. To do so, genuine gestalttheoretical concepts such as ‘centring’ and ‘reference system’ are used. This leads to hints for a temporarily perception-focused formation of the therapeutic relationship.
... Erleben und Verhalten des Menschen werden als Funktion von Person und Umwelt in wechselseitiger Abhängigkeit in einem psychischen Feld begriffen. Diese Sichtweise bestimmt auch das Verständnis von diagnostischem und therapeutischem Prozess als Prozesseinheit (Stemberger, 2005(Stemberger, , 2009(Stemberger, , 2016. ...
Chapter
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Der Beitrag stellt die Gestalttheoretische Psychotherapie in ihren theoretischen und praktischen Grundkonzepten vor.
... In diesem Fall kann das Ich-Erlebnis hinter dem Objekt sogar schwinden. 17 Dieses Modell lässt sich mit einer Abbildung veranschaulichen, die der erkenntnistheoretischen Position des "Kritischen Realismus" entspricht (Stemberger 2009: 13, Fuchs 2010 ...
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Abstrakt The paper attempts to define the term "communicative space” for (im)politeness research. “Communicative space” is a crucial notion for the definition of concepts such as “ritual balance”, “discursive rule”, “discursive position”, “territoriality”, “field of action” and “co-construction of communicative interaction” (Jacoby, Ochs 1995). “Communicative space” cannot be reduced to the mere physical space in which an (im)polite communicative interaction takes place (“transactional space” according to Kendon 1990). It is a mental space, which is “co-constructed” in so far as it is the result of the convergence of the mental worlds of interactants mediated by utterences. In this sense it can be defined as a “phenomenal space” which is ruled by structuring principles and field laws. The capacity of creating convergent communicative spaces is a key competence which lays the foundations for dialogue capacity and permits successful communicative interactions; therefore it is defined as a very important educational goal in the Common European Framework of Reference for Languages (2001).
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Zusammenfassung Mit dem neuen Psychotherapeutengesetz ist eine ernste Lage für die Psychoanalyse entstanden. Auf die eine Gefahr, die technologische Medizinalisierung (Buchholz 2017b, c; Buchholz und Kächele 2019), wurde häufig verwiesen. Eine wachsende Abhängigkeit von der klinischen Psychologie (Slunecko 2021) ist noch wenig gesehen. Wie kann sich die Psychoanalyse behaupten? Vorgeschlagen wird, sich verstärkt Fragen nach a) Ausbildung therapeutischer Persönlichkeiten, b) stärkerer lebensweltlicher Kontextualisierung und c) weit größerer Aufmerksamkeit der originalen Stimme der Patienten in Theorie und Kasuistik zu widmen. Loyalität gegenüber Theorie-Traditionen löst keine Probleme. Sie blockiert Umweltsensitivität und erzeugt Rückzug in Selbstbeschäftigung und beunruhigenden Mangel an Irritierbarkeit. Die viel zu loyale Bindung an Theorietraditionen, an lehranalytische Aus- und Vorbilder, supervisorische Praktiken und an fragliche Behandlungsregeln wehrt die Irritation ab, deren Bewältigung zentrale Aufgabe wäre, und entmutigt die nächste Generation. Dazu am Schluss Vorschläge.
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The Society for Gestalt Theory and its Applications (GTA) is celebrating its 40th anniversary this year. The task of this article was to give a selection of gestalt theoretical research, which was created within the framework of the GTA. After a brief introduction to the theory, recent developments that have emerged since the founding of the Society and have found expression in the journal Gestalt Theory, as well as in many other publications, have been discussed. A number of contributions to the fundamental area could be cited: consciousness research, multifield approach, synergetics, language, development, and so on. The transfer of basic knowledge to a number of application-oriented disciplines, namely, psychotherapy, education, arts, culture, nation and society, organizations, and so on, has been presented. The article has shown that Gestalt theory has great relevance in both basic and application-related areas and can cover a wide range of issues.
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In 1915 the Danish psychologist Edgar Rubin describes in his famous work on figure-ground perception, the phenomenon that when you look attentively at a picture, a second, virtual ego arises, breaking away from the viewer-ego to wander around in the picture along the contours of the depicted. In 1982, German Gestalt psychologist Edwin Rausch expanded this observation of the emergence of a second phenomenal ego to the conclusion that not only does a second phenomenal ego emerge, but with it a second phenomenal total field, ie a second phenomenal world with its own phenomenal ego and an own phenomenal environment of this ego. Several years ago, I proposed a multi-field-approach in psychotherapy building on this research. This approach involves three levels: First, the level of phenomenological observation and psychological analysis of the conditions that determine the formation of such a second total field (and even further total fields), regardless of whether this occurs spontaneously or intentionally or as a result of external influences. Second, the level of explanation of various psychic processes, which in the field of psychotherapy have been explained so far mainly on the basis of depth psychology, and the conceptualization of the therapeutic situation and therapeutic processes from a Gestalt psychological perspective. Third, finally, the level of practical application of such insights on the development of appropriate procedures and interventions that can promote or defer the emergence of such second or multiple fields in psychotherapy. The present article introduces the multi-field approach, especially at the first level, and refers to research and discussion on mind wandering, imagining, daydreaming and dissociation.
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Der Beitrag stellt grundlegende gestalttheoretische Auffassungen von Ich und Selbst vor. Sie unterscheiden sich von anderen Konzepten darin, dass sie Ich und Selbst nicht als feststehende Gegebenheiten oder als steuernde Zentralinstanzen des Psychischen verstehen, sondern als Teil eines psychologischen Feldes in dynamischer Wechselbeziehung zu ihrer psychologischen Umwelt. Zu diesem Thema haben namhafte Vertreter der Gestalttheorie der Berliner Schule seit der Frühzeit dieses Ansatzes einige allgemeine und spezielle Thesen vorgelegt, die zum Teil auch experimentell belegt werden konnten. Sie beleuchten das Ich-Welt-Verhältnis im Alltäglichen wie auch im Fall von psychischen Störungen. Situativen Veränderungen unterworfen ist schon die Ausdehnung des phänomenalen Ich, aber auch sein Ort in der Welt, seine funktionale Einpassung, seine Binnendifferenzierung, seine Durchlässigkeit zur Umwelt und vieles mehr. Die bedeutende funktionale Rolle dieser Plastizität der phänomenalen Welt in ihrer wechselnden Ich-Umwelt-Gliederung für das Leben der Menschen hebt Wolfgang Metzger hervor, indem er die anschauliche Welt als „zentrales Steuerungsorgan“ bezeichnet. Ich und Selbst als Teile dieses Feldes in ihrer Wechselbeziehung zum psychischen Gesamtfeld werden im vorliegenden Beitrag aus der Perspektive von Max Wertheimer, Kurt Koffka, Wolfgang Köhler, Kurt Lewin, Wolfgang Metzger, Mary Henle und Giuseppe Galli beleuchtet.
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Die Formulierung "Arbeit mit dem leeren Stuhl" ist hier in Anführungszeichen gesetzt, weil sie zwar gebräuchlich, aber eigentlich irreführend ist: Wenn eine solche Arbeit gelingt, ist der Stuhl eben gerade nicht leer, sondern sieht die Klientin darauf tatsächlich ihren Gesprächspartner; und natürlich wird auch nicht mit dem Stuhl gearbeitet, sondern an der Begegnung mit den darauf angetroffenen Personen. Wer einmal selbst eine gelungene "Arbeit mit dem leeren Stuhl" erlebt hat, versteht gut, wie bewegend und bereichernd diese Arbeitsweise für die Beteiligten sein kann und welche Erwartungen daher von vielen TherapeutInnen mit ihr verknüpft werden. Wer allerdings auch die gegenteilige Erfahrung gemacht hat, vom quälend hilflosen Geplänkel bis hin zum manipulativen Gezerre an der Klientin, wird sich die Frage stellen: Wovon hängt es denn nun ab, ob diese Arbeitsweise therapeutisch zu dem einen oder zu dem anderen Ergebnis führt? Auf der Suche nach einer Antwort auf diese Frage greifen die Überlegungen in diesem Beitrag auf grundlegende gestalttheoretische Annahmen zurück. Die erste dieser Annahmen ist die der Ganzbestimmtheit der Teile: Sie besagt, dass, was in einem Ganzen geschieht, nicht so sehr davon abhängt, wie die einzelnen Teile beschaffen sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt die Eigenart und innere Dynamik des Ganzen bestimmt, welches Schicksal seine einzelnen Teile haben. Geht man davon aus, dass es sich auch bei der Psychotherapie um ein ganzheitliches Geschehen handelt, wird man also damit rechnen müssen, dass auch bestimmte Arbeitsweisen und Techniken als Teile dieses Geschehens ihre konkrete Bedeutung und Wirkung erst aus der Eigenart und inneren Dynamik des jeweiligen Ganzen beziehen. Diese Überlegung möchte ich aus zwei Blickwinkeln konkretisieren: Der erste ist die konkrete Einbettung der "Arbeit mit dem leeren Stuhl" in das Ganze der therapeutischen Beziehung, der zweite ist die Einbettung in konkrete therapeutische Zielsetzungen und psychologische Situationen.
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The Evolutionary Perspective on the Interactions Between Body, Mind and Expression Summary In Gestalt psychology, the holistic organization of the phenomenal world (and its underlying, correlated neural dynamic) is crucial. Following Arnheim´s (1949) analysis, we have to say that expression could be defined as the psychological counterpart of the dynamic processes – led by the phenomenal world – which result in the organization of perceptual stimuli. Therefore, observing a “graceful gesture” of a dancer is an integral part of the organized processes of perception in the observer. However, there is a lot of evidence that the phenomenal world of the dancer will direct the muscular forces which produce the “graceful gesture” of his arm and hand. As a consequence, it is plausible that the phenomenal world which organizes the bodily behavior of the dancer is partly structurally similar to the phenomenal world of the person who perceives this gesture and, moreover, that there are corresponding mental states. These aspects are not surprising if one takes the evolution of mankind into account. All living beings have evolutionarily developed in adaption (and more or less co-adaption to a so-called “ecological niche”. This is, of course, also true for human beings. However: the “ecological niche” of humans is not so governed by material and biological structures of the environment. But the “ecological niche” for humans’ evolutionary development is the social system constituted of a group or society of interacting, cooperating, and communicating humans. More specifically, humans’ brains have developed so as to serve as a means of surviving in such a social system. This is the thesis of the prevailing discourse under the term “social brain”. The present paper discusses some aspects of the interactions between body, mind and expression from the “social brain” perspective. The importance of self-reflective processes in the phenomenal world as well as the ability to refer verbally to one’s own and another person’s state of mind (“mentalization”) is stressed, and the developmental conditions necessary for a child to unfold these evolutionary and inborn potentials are examined. Keywords: Body, mind, expression, evolution, symbolization, communication, understanding. ----- Zusammenfassung Für die Gestalttheorie ist es zentral, die Betonung auf die ganzheitliche Organisation der phänomenalen Welt (und der zugrundeliegenden neuronalen Dynamik) zu legen. Indem man Arnheims Abhandlung über Ausdruck folgt, lässt sich unter „Ausdruck“ das Gegenstück des dynamischen Prozesses in der Organisation der Wahrnehmung verstehen – wobei die phänomenale Welt als zentrale Steuerinstanz dient. Wenn man daher die anmutige Geste eines Tänzers wahrnimmt, so ist diese integraler Bestandteil der Wahrnehmungsorganisation beim Beobachter. Gleichzeitig aber spricht einiges dafür, dass die phänomenale Welt als zentrale Steuerinstanz auch beim Tänzer die muskulären Kräfte organisiert, um diese anmutige Geste hervorzubringen. Es ist daher plausibel, dass die beiden phänomenalen Welten in dieser Situation teilweise strukturell ähnlich sind und ihnen auch korrespondierende mentale Zustände zugeordnet sind. Diese Aspekte sind nicht überraschend, wenn man die Evolution des Menschen berücksichtigt. Alle Lebewesen haben eine Evolution in Adaptation (bzw. mehr oder weniger Ko-Adaptation) an ihre „ökologische Nische“ durchlaufen – das gilt auch für den Menschen. Allerdings ist diese ökologische Nische des Menschen weniger durch materielle oder biologische Strukturen seiner Umwelt bestimmt, sondern vielmehr durch ein Sozialsystem strukturiert, welches aus einer Gruppe bzw. der Gesellschaft anderer Menschen besteht, die miteinander interagieren, kooperieren und kommunizieren. Insbesondere das Gehirn des Menschen hat hier eine Evolution durchlaufen, die dem Menschen zum Überleben unter diesen Bedingungen optimale Voraussetzung gewährleistete. Dies jedenfalls ist die These aktueller Diskurse unter dem Stichwort „social brain“. Dieser Beitrag diskutiert einige Aspekte im Zusammenwirken von Körper, Geist und Ausdruck unter dieser „soical brain“ - Perspektive. Dabei wird die Bedeutung von Selbst-Reflexion sowie des Verbalisierens von mentalen Zuständen Anderer (sog. „Mentalisieren“) hervorgehoben und die notwendigen Bedingungen für die kindliche Entwicklung untersucht, damit diese evolutionär erworbenen, angeborenen Potentiale auch entfaltet werden können. Schlüsselwörter: Körper, Geist, Ausdruck, Evolution, symbolisieren, Kommunikation, Verstehen.
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