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Die Verständlichkeit der Schizophrenia: Biologische und Phänomenologische Perspektiven

Authors:
  • Center for Subjectivity Research/Mental Health Center Amager
Übergänge
Texte
und
Studien
zu
Handlung,
Sprache
und
Lebenswelt
begründet
von
Richard
Grathoff
Bernhard
Waldenfels
herausgegeben
von
Wolfgang
Eßbach
Bernhard
Waldenfels
Band
63
Thieme
Breyer
(Hg.)
Grenzen
der
Empathie
Philosophische,
psychologische
und
anthropologische
Perspektiven
Wilhelm
Fink
MADS
GRAM
HENRIKSEN
.
Die
Verständlichkeit
der
Schizophrenie.
Biologische
und
phänomenologische
Perspektiven"
1.
Einleitung
Zu
lange
wurden
viele
charakteristische
Symptome
und
Anzeichen
von
Schizophrenie
als
unverständliche
Ergebnisse
abnormaler
neura—
ler
Substrate
abgetan,
wodurch
diese
alarmierenden
subjektiven
Er—
fahrungen
und
seltsames
Verhalten
jenseits
der
Reichweite
empathi—
schen
Verständnisses
verortet
wurden.
Während
der
biomedizinische
Ansatz
in
der
Psychiatrie
die
Patienten
und
ihre
Familien
entstigmati—
sierte
sowie
unverzichtbare
pharmakologische
Behandlungen
mit
sich
brachte,
entscheidend
für
die
Erholung,
Rückfallprävention
und
Lebensqualität,
hat
dieser
Ansatz
die
Patienten
gleichzeitig
in
be-
trächtlichem
Grade
dehumanisiert.
Dieser
Aufsatz
untersucht
ein
im
psychiatrischen
Mainstream
scheinbar
verlorenes
und
fast
vergessenes
Thema‚
nämlich
die
Subjektivität
und
wie
sie
bei
Störungen
des
schi-
zophrenen
Spektrums
betroffen
ist.
Basierend
auf
der
Besprechung
unterschiedlicher
Ansätze
zu
psychischen
Störungen
und
den
damit
verbundenen
epistemologisch-nosologischen
Problemen
wird
der
phänomenologische
Zugang
zur
Schizophrenie
vorgestellt.
Insbeson—
dere
werden
Geschichte,
Einfluss
und
Einschränkungen
des
biomedi—
zinischen
Modells
ausgewertet.
Es
wird
ein
phänomenologischer
Zugang
vorgeschlagen,
der
neue
Lösungen
zu
einigen
Problemen
der
;
aktuellen
Forschung
bieten
und
eine
neue
Ära
der
Schizophreniefor—
‘schung
einleiten
könnte.
Das
Verständnis
psychischer
Störungen
ist
von
vornherein
ange—
wiesen
an
die
Wahrnehmung
der
Eigenart
dieser
Erkrankungen.
Da
jedoch
die
Eigenart
dieser
Störungen
je
nach
Disziplin,
in
der
sie
?erforscht
werden
wie
etwa
Psychiatrie,
Psychologie
und
Soziologie
"
hr
unterschiedlich
wahrgenommen
werden,
variieren
auch
die
Ver—
ändnisformen
und
ferner,
was
als
ein
Verstehen
dieser
Störungen
’.
erkannt
ist.
In
der
zeitgenössischen
Psychiatrie
ist
die
vorherr—
f
er
Autor
dankt
Christopher
Gudand
für
seine
sorgfältige
und
umsichtige
Über-
tzung
dieses
Aufsatzes.
396
MADS
SRAM
HENRIKSEN
schende
Meinung,
die
primäre
Ursache
psychischer
Störungen
seien
genetisch
ererbte
biologische
Anomalien
(Andreasen)
1984;
Torrey
2006).
Das
bedeutet:
jeder
Versuch,
diese
Störungen
innerhalb
einer
solchen
Ansicht
zu
verstehen,
beruht
letztlich
auf
der
Identifiz1erung
der
relevanten
biologischen
Anomalien
und
der
beteiligten
Kausalme-
chanismen,
welche
dann
wissenschaftliche
Kenntnis
der
Atiologie
und
Pathogenese
ermöglichen.
Die
phänotypischen
Symptome
einer
psychischen
Störung
werden
also
verstanden
als
kausal
erw1rkr
durch
wohldefinierte
biologische
Anomalien.
Alternative
Zugangsweisen
zu
psychischen
Störungen
finden
sich
im
Gebiet
der
Psychologie.
Psy—
choanalytische
Therapeuten
vertreten
zum
Beispiel
die
Ansicht,
psy-
chotische
Störungen
wie
Schizophrenie
seien
bedingt
durch
haupt-
sächlich
psychologisch
konditionierte
Entw1cklungsstorungen
und
Schizophrenie
sei
als
Rückfall
in
einen
unreifen
Geisteszustandp
zu
verstehen,
der
sich
durch
primitive
Abwehrmechatusmen
Wie
Pro;ek-
tion
und
Verleugnung
beherrscht
zeigt
(Freud
1914/1992;
Pao
1979;
Searles
1996;
Gabbard
2005).
Im
Gegensatz
dazu
argumennerten
Kognitive
Verhaltenstherapeuten,
die
Informationsverarbeitung
in-
terner
und
externer
Stimuli
sei
gestört,
was
zu
systematischen
Em—
schätzungsfehlern
wie
Denkfehlern,
dysfunktionalen
Überzeugungen
und
negativen
Schemata
führe.
Aus
dieser5icht
werden
schizophrene
Wahnvotstellungen
als
dysfunktionale
Überzeugungen
verstanden,
die
durch
pathogene
Mechanismen
wie
Trugschlusse,
externahs1eren-
dem
Attributionsstil,
und
Theury
of
Mimi—Defiz1ten
verursacht
wer-
den
(Garety
&
Freeman
1999;
Garety
et
al.
2001;
Beck
.&
Rector
2005).
Andere
Forscher
haben
alternativ
versucht,
psychische
Sra-
rungen
aus
einer
soziologischen
Perspektive
zu
verstehen,
d.h.hm-
sichtlich
sozialer
Kontexte
sowie
kultureller
Normen
und
Praktiken,
wobei
sie
nahelegten,
dass
Umweltbedingungen
des
Betroffenen
Wie
Erziehung,
Trennung
der
Eltern
oder
Faktoren
wie
Gender,
Hautfaé-
be,
Sexualorientierung,
Ethnie,
Vermögensstand
usw.
in
der
Entw1c
-
lung
psychischer
Störungen
eine
Rolle
spielenflkönrrten.
.
h
5
"
Entsprechend
dem
vorherrschenden
Verstandriis
psychnc
er
Igo-
rungen
werden
unterschiedliche
Aspekte
der
Storungen
in
der
ei
handlung
angegangen.
Biologische
Psychiater
tendierei'i
zum
geistige—
bevorzugt
zu
pharmakologischer
Therapie
als
Hauptforrnfl.
gr
;.
handlung;
Psychologen
konzentrieren
sich
oft
auf
die
Verankeru
%
maladaptierter
Denkprozesse,
negativer
Schemata]
oder
dysfun
tigr;;n
ler
Überzeugungen
(Kognitive
Verhaltenstherap1e)
oder
versuc
th;
unbewusste,
innerpsychische
Konflikte
zu
lösen
(Psychodynamß
(
_
DIE
VERSTÄNDLICHKEIT
DER
SCHIZOI’I—[RENIE
397
Psychotherapie);
Therapeuten
mit
dem
Schwerpunkt
auf
soziologi-
schen
Faktoren
schließlich
behandeln
durc
Umwelt
und
der
sozialen
Beziehungen,
bar
machen,
h
Veränderungen
der
die
den
Patienten
verwund-
2.
Erklären
und
Verstehen:
eine
viable
Unterscheidung?
Ein
begründeter
Einwand
gegen
obige
Beschreibung
ist,
dass
die
Unterscheidung
zwischen
Erklären
und
Verstehen
unerwähnt
blieb,
nach
der
Psychiatrie,
allemal
biologische
Psychiatrie
im
Gegensatz
zur
Psychologie
oder
Soziologie
«
nicht
versucht,
psychische
Störun-
gen
zu
verstehen,
sondern
sie
zu
erklären.
Die
Unterscheidung
zwi-
schen
Erklären
und
Verstehen
geht
auf
]aspers
zurück
(1913/1973,
250463),
der
sie
aus
Diltheys
Werken
übernahm
und
verwendete,
um
zwischen
zwei
seiner
Meinung
nach
inkongruenten
methodologi-
schen
Ansätzen
zu
unterscheiden,
welche
die
Psychiatrie
durchzögen:
(a)
dem
biologischen
Ansatz,
der
psychische
Symptome
erklärt,
in—
dem
er
sie
auf
neurobiologische
Fehlfunktionen
reduziert
und
(b)
dem
psychologischen
Ansatz,
der
versucht,
psychiatrische
Symptome
als
Wirkung
von
schwerem
emotionalem
Stress
zu
verstehen.
In
die—
sem
Sinne
verweist
Erklären
auf
die
Identifikation
von
Kausalbezie»
hungen
zwischen
neuronalen
Gebilden,
während
Verstehen
die
Suche
nach
einer
sinnvollen
Kohärenz
zwischen
dem
Verhalten
und
den
Erfahrungen
des
Patienten
beinhaltet
(z.B.
in
Bezug
auf
subjektive
Bedeutungen,
Gründe,
Motive
und
Wünsche).
In
Betreff
wissen-
schaftlicher
Validität
beinhaltet
Erklären
scheinbar
objektive
bzw.
universale
Validität,
während
Verstehen
unweigerlich
kontextuell
verhaftet
und
nur
subjektiv
gültig
bleibt.
Es
gibt
jedoch
mindestens
zwei
Sachverhalte,
welche
die
scheinbar
klare
Trennung
zwischen
Erklären
und
Verstehen
infrage
stellen.
Erstens
ermöglicht
uns
der
phänomenologische
Ansatz
in
der
Psychiatrie,
nicht
nur
auf
den
Inhalt
der
Patientenerfahrungen
zu
achten
(d.h.
war
sie
sagen,
denken
oder
fühlen),
sondern
auch
auf
die
Struktur
dieser
Erfahrungen
(d.h.,
grob
gesagt,
wie
sie
sich
selbst,
andere
und
die
Welt
wahrnehmen).
So
klagen
zum
Beispiel
viele
Patienten
des
schizophrenen
Spektrums
darüber,
sich
in
der
Welt
nicht
gänzlich
anwesend
zu
fühlen
oder
ihre
innerste
Identität
verlo-
ren
zu
haben,
ferner
über
Gedankendrängen
oder
—blockade,
Gedan»
kenlautwerden,
Spiegelphänomene,
Ratlosigkeit
und
quasi
solipsisti-
598
MADS
GRAM
HENRIKSEN
sche
Erfahrungen.
Diese
typischen
Beschwerden
spiegeln
strukturelle
Veränderungen
des
Selbstbewusstseins
wider,
die
sich
im
spezifischen
Erfahrungsinhalt
geltend
machen
und
ihn
beeinflussen.
Indem
Wir
die
strukturellen
Veränderungen
des
Selbstbewusstseins,
die
bei
Sto-
rungen
des
schizophrenen
Spektrums
auftreten,
phänomenologrsch
untersuchen,
können
wir
unser
Verständnis
der
Symptombildung
von
Schizophrenie
und
der
zugrundeliegenden
psychopathologischen