ChapterPDF Available

Der Dilettant

Manuskriptfassung des Textes – erschienen in Moebius, Stephan/Schroer, Markus
(Hg.) (2010): Sozialfiguren der Gegenwart, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 68-80.
Der Dilettant
»Wenn zu perfekt, lieber Gott böse«
Nam June Paik
Dilettanten tun sich in einem hervor: Sie scheitern. An sich selbst, an den
Ansprüchen anderer oder schlicht an ungünstigen Umständen. Was stellt also
der Dilettant als Figur des Scheiterns dar? In den Anfängen bedeutete
»dilettieren« die anspruchsvolle Hinwendung zu einer geschätzten
künstlerischen Beschäftigung vom italienischen dilettare, sich erfreuen. Seit
Mitte des 18. Jahrhunderts bezog man sich nahezu ausschließlich auf die
Bereiche der Musik, aber auch der Kunst und Malerei, Felder, auf denen
Adelige und zunehmend das gehobene Bürgertum ihr Können vertieften. In
England gründete sich 1732 die Society of Dilettanti, die sich aus besonderem
Interesse vorrangig der Kunst und bald auch der Wissenschaft verschrieben
hatten. So ist die Figur des Dilettanten anfangs verbunden mit dem britischen
Gentleman, der sich jedoch eher durch ein breites Interessengebiet auszeichnete,
einem Generalisten also, der sich zu seinem Vergnügen mit den
unterschiedlichsten Dingen beschäftigte – und dies durchaus mit Tiefgang.
Finanzieller Ehrgeiz oder berufliche Ambitionen waren allerdings verpönt. Der
Wortsinn des Begriffs »Dilettant« wandelte sich jedoch spätestens seit Goethes
und Schillers Auseinandersetzung mit schriftstellernden Amateuren zunehmend
zur Kennzeichnung von Stümperei. Stand also zunächst die Betonung der
Liebhaberei im Vordergrund, mit der sich Amateure von professionellen
Künstlerinnen und Künstlern abzugrenzen suchten, trat gegen Ende des 19.
Jahrhunderts wiederum die berufliche Gegenbewegung an, sich gegenüber allzu
laienhaften Beiträgen – insbesondere in der Literatur – zur Wehr zu setzen (vgl.
Stanitzek 1998 [1997]). Dies spiegelte sich in Diskussionen um das Verständnis
des Künstlers seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wider. Handwerkliche
Fertigkeit und gesellschaftliche Nützlichkeit waren in der Regelpoetik der
Maßstab guter Dichtkunst. Nach Renaissance und Barock verlagert sich das
Verständnis von Autorschaft und Künstlertum im Geniediskurs hin zu einer
geschenkten, sich entfaltenden geistigen Begabung (vgl. Lenk 2000). Nicht
mehr anhand der Regeltreue ist die Spreu vom Weizen zu trennen, sondern an
einem im Werk aufscheinenden genialen Geist. So wollen Schiller und Goethe
die Vorraussetzungen beschreiben, unter den man mit Fug und Recht den
Adelsschlag eines »wahren Künstlers« erhalten kann, ohne an einer
formalisierten Regelpoetik festzuhalten. Sie entwickeln ein Schema für
verschiedene künstlerische Tätigkeiten, nach dem Dilettanten von wahren
Genies unterscheiden werden können, und prüfen, welcher Schaden oder Nutzen
der Kunst aus dem Dilettantismus erwächst (Schiller 1993 [1799], S. 1047-
1053).
Am Beispiel des Gefechtes um Regelpoetik und Geniediskurs lässt sich dabei
die Entwicklungslogik des sozialen Feldes Kunst nachzeichnen (vgl. Bourdieu
2003 [1992]). So kann Goethes und Schillers Schema als Angelpunkt eines
klassischen Geniediskurses gesehen werden, dessen Konsequenzen bis in die
Gegenwart hineinreichen. Dies hat Folgen für die Gegenfigur des Genies, den
Dilettanten. Mit der Terminologie Bourdieus kann man diese
Auseinandersetzung als Kämpfe auf dem Feld der Kunst betrachten, in denen
Positionen zugewiesen werden: Genies oben, Dilettanten unten – oder gleich
ganz draußen. Bourdieu zeigt, dass sich die jeweils anerkannte Kunst einer
Epoche aus den Strategien ihrer Produzenten generiert. Ein
Aushandlungsprozess zwischen fachlicher Anerkennung und ökonomischem
Erfolg ergibt die Positionen innerhalb des Feldes. Alle übrigen werden damit zu
Dilettanten. So erklärt sich gleichermaßen der anhaltende Wandel sozialer
Praxen künstlerischer Produktion wie auch der Habitus, durch den die
Positionen des sozialen Feldes strukturiert sind. Gleichförmige
Machtmechanismen der Distinktion (Bourdieu 1982 [1979]) lassen sich bis in
die Gegenwart nicht nur für das Feld der Kunst beschreiben. Der Kampf um die
Voraussetzungen, ein »echter« Künstler und eben kein Dilettant zu sein, zeigt,
wie Macht und Status als Faktoren in einer Zeit bedeutsam werden, in der
gesellschaftliche Positionen mittels Differenzbildung neu verhandelt werden.
Das soziale Feld ist somit ein Netz von objektiven Beziehungen zwischen
konkurrierenden Positionen, ein ständiger Kampf um die Verteidigung des
eigenen Status angesichts sich wandelnder Kräfteverhältnisse.
Mit dem Geniediskurs entstand, wie gesagt, das negative Bild des Dilettanten,
dem aufgrund seines Halbwissens und der fehlenden Begabung die
Daseinsberechtigung im Feld abgesprochen wurde. Diese Entwicklung setzt sich
angesichts der Forderung moderner, funktional differenzierter Gesellschaften
nach Professionalisierung und Spezialisierung geradewegs fort. Die
Verwissenschaftlichung der Gesellschaft ist der Feind des Dilettanten
(Pfadenhauer 2003, S. 15-30 u. 58 ff.). Womöglich erfährt der Dilettantismus,
der in so vielen gesellschaftlichen Sektoren verunglimpft wird, über einen
Umweg eine unerwartete Wertschätzung, immerhin diagnostizieren viele
Beobachter eine Krise des Expertentums. Die Zuständigkeit und Kompetenz von
Professionen ist ständig herausgefordert. Der Amateur, und in seinem Gefolge
auch der Dilettant, ist somit auf dem Vormarsch. Mit dem Zugang zu
professionellen Kameras, Schnittprogrammen, Musiksoftware und
Wissensangeboten aus dem Internet ist dem Aufstieg dilettantischer Amateure
eine breite Schneise geschlagen, sich in Bereichen zu tummeln, die bis vor
wenigen Jahren allenfalls Profis zugänglich waren. Die Leser-Reporter
unterstützen Bild-Journalisten, Hobby-Musiker produzieren am Rechner Hits,
die öffentliche Vernunft räsoniert basisdemokratisch in Blogs über das
Zeitgeschehen (Keen 2008 [2007]), und Hobby-Homöopathen medikamentieren
sich anhand von Listen aus dem Internet selbst.
Hierbei markiert die Bezeichnung »Dilettant« eine Grenze, jenseits derer
Standards, Werte, Normen und besondere Fertigkeiten als Maßstäbe gültig sind.
Mit der Kontrolle des Zugangs wird selektiert, welche Personen aus dem Status
des Amateurs in den anerkannten Status als Profi gelangen. Akademische Titel
legen fest, wer sich zu bestimmten Fragen äußern darf. Meist wird der geleitete
Übergang vom Status des Amateurs zu dem des professionellen Experten im
Rahmen einer Ausbildung über formale Prüfungen organisiert. Die Einbindung
in Netzwerke ordnet diesen Prozess. Erst dann ist die Qualität formal bestätigt
und legitimiert. So sollen Dilettanten ferngehalten werden – dies funktioniert
aber eben nicht immer.
*
An Schärfe gewinnt das Bild des Dilettanten dementsprechend im Vergleich mit
einem weiteren Gegensatz: dem Profi bzw. Experten. Dieser erhält, ich habe
darauf hingewiesen, seinen Status durch geregelte Zugänge zu Professionen, in
der Regel durch eine berufliche Ausbildung. Es gibt allerdings Berufe, die man
auch ohne solche Auswahlverfahren ausüben kann, man kann also durchaus in
der eigenen Profession dilettieren. Solche Personen werden dann zu
Lachnummern und sind Sinnbilder dafür, wie man es nicht machen soll. Ein
prominentes Beispiel bot dabei der ehemalige US-Präsident George W. Bush,
der in seiner Amtszeit in den Medien als minderbemittelter Dilettant, als
texanisches Landei dargestellt wurde. In das kollektive mediale Gedächtnis ging
das Foto ein, auf dem er in einer Schule aus einem falsch herum gehaltenen
Buch vorlas. Bei dem Bild handelte es sich zwar um eine Montage, doch gerade
dass das manipulierte Foto zirkulierte und auf Plausibilität stieß, zeigt, wie es
um den öffentlichen Stellenwert Bushs bestellt war.
Üben Amateure und Laien eine Beschäftigung teilweise durchaus
»professionell«, also mit großem Können aus, zeichnet es demgegenüber den
Dilettanten aus, dass er gültige Standards unterbietet. Respektable
Amateursportler und Hobbyköche können ihrer »Liebhaberei« auf hohem
Niveau frönen, ein Dilettant erfüllt die entsprechenden Erwartungen nicht.
In der Regel bezeichnet sich wohl kaum jemand freiwillig selbst als Dilettant,
dieses Urteil wird üblicherweise von anderen gefällt. In dem Begriff zeigt sich
somit ein Unterschied in der Selbst- und Fremdbeschreibung, der sich an mehr
oder minder expliziten Standards zur Ausführung einer Beschäftigung oder
Tätigkeit orientiert. Je klarer eine Profession ausdifferenziert ist, desto schärfer
selektiert und missbilligt sie Dilettanten und Abweichler. Dilettantisch ist dabei
eine Abweichung von erwarteten Standards, die innerhalb einer Rolle, wie zum
Beispiel eines Berufsbildes, erwartet werden. Damit lässt sich jedoch ebenso
eine Unterscheidung markieren, die entweder den eigenen Status erhöht, den als
Dilettanten Gekennzeichneten abwertet oder von Qualitätsstandards aus
strategischen Gründen gleich ganz absieht – schlicht und einfach, um jemanden
denunzierend zum Außenseiter zu machen. Die Darstellung der Personen wird
auf ein Merkmal – dilettantisch = unwürdig – verkürzt und als Machtinstrument
genutzt. Denn ein als Dilettant Abgekanzelter kann die Hierarchie zum Beispiel
innerhalb einer Organisation nicht stören.
Zur Abwertung einer widerständigen Haltung im Feld, wie sie beispielsweise
Galilei vertrat, wurde dabei früher der Begriff des »Häretikers« an den
Störenfried herangetragen. Auch in der Gegenwart warten nach wie vor solche
Querulanten mit scheinbar abstrus anmutenden Theorien auf: So warnte der US-
Amerikaner Walter Wagner, der in deutschen Medien gelegentlich als Physiker
bezeichnet wurde, obwohl er nach eigener Auskunft lediglich
Naturwissenschaften an amerikanischen High Schools lehrt, im Jahr 2008 davor,
nach dem Einschalten des Teilchenbeschleunigers LHC im Schweizer CERN
könne die Erde von einem schwarzen Loch verschluckt werden (vgl. Knoke
2008). In Zeitungsberichten und einschlägigen Comedy-Sendungen bekam
Wagner daraufhin bald das Etikett des Dilettanten verpasst. »Gefährdende
Elemente« wie er müssen eben ausgegrenzt werden, wenn alles so bleiben soll,
wie es ist. Dies macht es sozialen Aufsteigern und innovativen Denkern schwer,
sich zu etablieren (vgl. Bourdieu 1982 [1979], S. 741 ff.)
Prinzipiell ist jedoch nicht auszuschließen, dass Dilettanten im Bereich der
Wissenschaft auch eine positive Funktion haben könnten. Durch sie werden
immerhin Weiterentwicklungen und Wandel möglich. Noch nicht kanonisiert
bzw. routiniert, beleuchten sie die blinden Flecke der Etablierten und sorgen für
Innovation und Kompetenzerweiterung. Weil ihr Wirken nicht der Norm
entspricht, ist anfangs jedoch schwer zu unterscheiden, ob es sich tatsächlich um
schlichten Dilettantismus handelt oder doch um eine erwünschte Innovation
(vgl. Schüttpelz 1995).
*
Dominieren heute also ausschließlich die negativen Konnotationen des Begriffs
»Dilettant«, oder haben Funken der ursprünglichen Bedeutung des
»Allrounders« überlebt, ja steckt in ihm möglicherweise sogar
emanzipatorisches Potenzial? Auch hier liefert die Kunst die interessantesten
Beispiele: »Scheitern als Chance« war der Slogan, mit dem Christoph
Schlingensief im Zuge seiner Partei-Aktion CHANCE 2000 das dilettantische
Scheitern zum Prinzip erhob und dabei durchweg positiv bewertete. Organisiert
in der »Partei der Arbeitslosen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten«, sollten
sich die »qualifizierten Disqualifizierten« selbstermächtigen und ihr Recht auf
demokratischen Teilhabe zurückerobern. Ähnliche Versuche lassen sich freilich
schon früher entdecken: Seit der Wende zum 20.Jahrhundert nutzen
Repräsentanten künstlerischer Avantgarde-Bewegungen die Bezeichnung zur
eigenen Profilierung. »Dilettanten, erhebt Euch!« war ein Motto der Kölner
Dadaisten. Damit erfolgte die Dada-typische ironische Aneignung dieses
eigentlich abschätzig gemeinten Begriffs Im Anschluss an die Figur des
Gentleman verengte sich damals die Figur zum Dandy, der ebenfalls aus
Liebhaberei meist künstlerischen Beschäftigungen nachging, aber letztlich eine
ästhetisch geformte Lebensführung anstrebte (vgl. Barstad 2004). Auch in
späteren Avantgardebewegungen findet sich dieses Muster: Man forderte mit
der Selbstbezeichnung als Dilettant das Verständnis von Künstlertum und
Hochkultur heraus und erzielte so einen erheblichen Marketingeffekt. Die
bekanntesten Werke in dieser Tradition sind sicher Duchamps »Fountain«-
Urinal und später Joseph Beuys »Fettecke«, die jeweils hitzige Diskussionen um
die allzu starren formalen und inhaltlichen Anforderungen an Kunstwerk und
Künstler auslösten. Durch eine (selbst-)bewusste Positionierung als Laien und
durch amateurhafte Inszenierungen sollten diese Grenzen und Beschränkungen
auch auf der Ebene des akademischen Kunstbetriebs aufgebrochen werden (vgl.
von Beyme 2005, Fähnders 1998).
*
Mit Punk gab und gibt es eine weitere Strömung, die – man denke an die Sex
Pistols – den Dilettantismus der drei Akkorde glorifiziert. Diese Bewegung
stellte sich mit dem Motto »DIY« (»Do it Yourself«) gegen etablierte Maßstäbe
der »professionellen« Musik und Kunst. So verstanden sich etwa Die
Einstürzenden Neubauten oder Die Goldenen Zitronen explizit als Dilettanten.
Die Band Trio landete mit ihrem kunstvoll stilisierten Dilettantismus – »Da Da
Da« – gar einen großen Hit. In dieser provokativen Attitüde profilierten sich die
Musiker-Künstler gegenüber den »Etablierten« abgrenzend als »Außenseiter«
(vgl. Elias/Scotson 1990 [1965]). Im Gegensatz dazu bleiben Sarah Connors
Variation der deutschen Nationalhymne, die sie anlässlich der Eröffnung der
Fußballweltmeisterschaft 2006 zum Besten gab (»Brüh im Lichte dieses
Glückes…«) oder der Playback-Skandal um Milli Vanilli als Beispiele
unfreiwilliger Komik präsent.
Gegenwärtig treten Amateure und Dilettanten besonders häufig in die
Öffentlichkeit. In Fernsehformaten wie Deutschland sucht den Superstar
(DSDS) entsteht eine Kultur der Inszenierung eigener (Un-)Fähigkeiten, wobei
explizit Amateure gesucht werden, die ihre Lieblingsbeschäftigung in einen
Beruf überführen möchten. Gerade die Diskrepanz zwischen den Ambitionen
und dem Talent der Kandidatinnen und Kandidaten, die oft mit
bewundernswertem Selbstbewusstsein und kaum zu erschütternder Hoffnung
aus dem Nichts zu Stars werden wollen, macht dabei einen guten Teil des
Unterhaltungswertes aus. Die Jury scheidet mit ihren Kommentierungen – nie
uneindeutig: Dieter Bohlen – in der Tradition von Goethe und Schiller die
Amateure von den Dilettanten.
*
Auch in anderen Formaten finden sich Sendeplätze für Dilettanten. Im Fast
Food Duell treffen Profiköche auf Kochdilettanten, für die Spaghetti mit
Tomatensoße ein Festtagsgericht ist und die bei Lebensmitteln ohne
Konservierungsstoffe misstrauisch werden. Ihnen wird in Form eines
Wettbewerbs das ABC des Kochens nahegebracht. In der Sendung Raus aus
den Schulden werden Finanzdilettanten gerettet, in Einsatz in vier Wänden
Einrichtungsdilettanten; die »Supernanny« greift den Erziehungsdilettanten
unter die Arme. Und der »Restauranttester« Christian Rach bringt desolate
Gaststätten auf Vordermann. Reality-Dokus sind das Format, in dem die Profis
den Dilettanten zeigen, wie es richtig geht.
Ein besonders prominenter Vertreter des leidenschaftlichen Dilettantismus ist
schließlich Stefan Raab mit seinen Show-Events. Mit großer Spielfreude werden
Wettbewerbe wie die Wok-WM, Auto-Crash-Rennen oder Turmspringen
publikumswirksam ausgetragen. Bei diesen Shows glänzt Raab als Generalist,
der sich – wie in Schlag den Raab und Raab in Gefahr – immer neuen
Herausforderungen stellt. Raab stellt insofern so etwas dar wie den Großmeister
des Dilettantismus mit Gespür für Peinlichkeiten und den ganz normalen
Wahnsinn. Er zeigte auch, nicht unbedingt als erster, die »normalen« Leuten auf
der Straße, die in Interviews keine Antworten ablieferten, wie man sie von
»wohlinformierten Bürgern« erwartet. Gerade die Patzer und Ausrutscher der
Befragten zielen dabei auf Lacher ab. Innerhalb der Musikwettbewerbe, die
Raab auslobt, gelten allerdings andere Maßstäbe. Amateure: ja, Dilettanten:
nein. SSDSDSSWEMUGABRTLAD (Stefan sucht den Superstar, der singen
soll, was er möchte und gern auch bei RTL auftreten darf), SSDSGPS (Stefan
sucht den Super-Grand-Prix-Star) oder jüngst die in Kooperation mit der ARD
veranstaltete Vorausscheidung Unser Star für Oslo bieten talentierten
Amateuren ein Forum.
*
In der Filmgeschichte finden sich – vor allem in Komödien – reihenweise
Dilettanten, die sich in den Wirrungen der Handlung bewähren müssen. Von
Dick und Doof über Chaplins Diktatoren-Dilettant in Der große Diktator (USA
1940) bis zu Forrest Gump (USA 1994, Robert Zemeckis) changiert das
Scheitern zwischen Dummheit und Dilettantismus. Als Paradebeispiel kann hier
sicher Inspector Clouseau gelten, der in nahezu jeder Hinsicht als glücklicher
Blindgänger glänzt. Hinter der Kamera vertrat die DOGMA-Bewegung um Lars
von Trier mit ihrem Manifest »Dogma 95) eine Form des gewollten
Dilettantismus. Mit Handkameras, grobkörnigen Bildern und dem Verzicht auf
Spezialeffekte wollten sie sich von der zunehmenden Wirklichkeitsferne des
Kinos distanzieren.
*
An den Übergängen vom Amateur- zum Profibereich fallen die Unfähigen
besonders auf. Im Sport, etwa bei den Olympischen Spielen, dem offiziell
größten »Amateurtreffen« der Welt, begeistern immer wieder Teilnehmer das
Publikum, die gerade nicht durch erstklassige Leistungen hervorstechen.
Athleten wie »Eddie the Eagle«, ein mutiger britischer Skispringer, »Eric the
Eel«, ein afrikanischer Kurzstreckenschwimmer aus Äquatorialguinea, oder die
jamaikanische Bobmannschaft gewannen so die Aufmerksamkeit und
Sympathien der Zuschauer. Mit deutlich weniger Zuneigung begegnen die
Arrivierten dagegen Dilettanten in den Bereichen Wirtschaft und Politik. Schon
Max Weber schrieb, Politiker könnten in der Moderne nurmehr Dilettanten sein,
da sie vom Fachwissen der Administration, das heißt der Experten abhingen
(Weber 1980 [1922], S. 831). Ähnlich wie Journalisten und Diplomaten sehen
sich seither auch Politiker und Manager immer wieder mit dem Vorwurf des
oberflächlichen Banausentums konfrontiert. Die spezifische
Organisationsstruktur der entsprechenden Felder und Professionen führt dabei
laut Weber dazu, dass die Dilettanten und die Mittelmäßigen aufsteigen und
nicht die Besten (vgl. Weber 1995 [1919]). So werden die »Nieten in
Nadelstreifen« (Ogger 1992) oder die »Dilettanten im Amt« (Franz 2007; vgl.
auch Wieczorek 2009) mit Ärger und Häme abgeurteilt. Der, was seine
politische Durchsetzungsfähigkeit betrifft, durchaus erfolgreiche Berlusconi
wird wie auch George W. Bush immer wieder als Dilettant und als »singender
Schiffsteward« bezeichnet. Gerade in der Politik werden derartige
Beschimpfungen gerne herangezogen, um die Kompetenz der jeweiligen
Gegenseite in Frage zu stellen. Sie begleiten als Abgesang jene, die sich von der
politischen Bühne verabschieden müssen oder sollen. Einmal als Dilettant
stigmatisiert, wird es schwer, diesen Makel abzustreifen.
*
Eine lange dilettantische Tradition gibt es auch in der Wissenschaft, in der seit
dem 18. Jahrhundert Dilettanten im ursprünglichen Wortsinn eine bedeutende
Rolle spielten (vgl. Felt et al. 1995; Strauß 1996). Die Bedeutung der Amateure
wurde jedoch durch Ausdifferenzierung und Spezialisierung, das Aufkommen
der technischen Großforschung und der Forschungsverbünde inzwischen
verschwindend gering. Im Zuge der Ausdifferenzierung der Geistes- und
Naturwissenschaften fanden immer wieder Diskussionen über den Stellenwert
und die Wissenschaftlichkeit dieser zwei akademischen Kulturen statt, die 1996
in der Sokal-Affäre gipfelten. Damals veröffentlichte der Physiker Alan Sokal in
einem amerikanischen Journal einen Artikel, in dem er den Jargon postmoderner
Denker persiflierte, deren Texte er etwas später in dem gleichnamigen,
zusammen mit Jean Bricmont verfassten Buch als »eleganten Unsinn«
bezeichnete (1999 [1997]). Sokal beanstandete, die Theoretiker der Postmoderne
schwächten die Kritikfähigkeit der Geisteswissenschaften, weil sie
naturwissenschaftliche Erkenntnisse für sich instrumentalisierten. Die
Dekonstruktion von Wahrheitsvorstellungen durch postmoderne Denker führte
zum Streit über die Tragfähigkeit wissenschaftlichen Wissens und dessen
normative Bedingtheit.
Angesichts der Enttäuschung über das Scheitern der steuerungspolitischen
Visionen der sechziger Jahre, des Versagens des wissenschaftlichen Wissens,
der Konkurrenz unterschiedlicher Erkenntnisse und der Aufdeckung der sozialen
Konstruiertheit des Wissen büßte das Expertenwissen ganz allgemein an
Geltungskraft ein. Nun rückten die Grenzen des Wissens in den Fokus (vgl.
Hitzler et al. 1994). Dass sich Organisationen auf der Grundlage
wissenschaftlicher Erkenntnis keineswegs effizienter und erfolgreicher gestalten
lassen, zeigt Wolfgang Seibel (1994) auf. Er beschreibt darin den eine Art
funktionalen Dilettantismus in Organisationen des Dritten Sektors. Sie seien
nicht erfolgreich, obwohl es dilettantisch zugehe, sondern gerade weil man sich
durchwurschtele. Zweckrationalität und Effizienz seien für solche
Organisationen demnach als Kriterien nicht immer unverzichtbar. Eine
»verminderte Zweck- und Normrationalität« ermögliche daher eine Balance
zwischen Rationalisierung und Offenheit (vgl. Seibel 1994).
*
Verlief die Grenze der Unterscheidung bisher vor allem zwischen Dilettanten
und Profis, wird nun der Jedermann als Dilettant des Alltags entlarvt.
Inzwischen kann nahezu alles dilettantisch ausgeführt werden, denn durch
Expertise fundierte Ratgeberliteratur gibt es zu allen nur vorstellbaren
Problemlagen: Aufräumen, Schwanger werden, Bewerben, Glücklich Sein,
Freunde finden und behalten. Für alles finden sich Profis und Experten, die
Amateuren, vor allem aber den Dilettanten des Lebens auf die Sprünge helfen.
Bisweilen wird gar ganzen Gruppen, aus denen die einzelnen Mitglieder kaum
entkommen können, Dilettantentum zugeschrieben: So gelten beispielsweise
Kinder oft per se als Dilettanten »des Lebens«, die durch Erziehung zu
kompetenten Individuen und Gesellschaftsmitgliedern gemacht werden sollen.
Ihnen werden durch eine Vielzahl von Personen Konzepte nahe gebracht, die in
Handlungs- und Deutungskompetenz münden sollen. In bestimmten Fällen ist
der Dilettantismus auch eine generelle geschlechtsbezogene Zuschreibung, was
beispielsweise die Fähigkeit des Einparkens betrifft oder die Fähigkeit, über
Gefühle reden zu können. Auch mit solchen generalisierten
Fremdzuschreibungen werden Kompetenzfelder besetzt, die sich zumeist
wechselseitig auf entsprechende Komplementärrollen beziehen. Ohne ein Bild
vom »Erwachsenen« als reifem Menschen kein »Kind«, ohne Idee vom »Mann«
kein Verständnis der »Frau«. Entsprechend der bürgerlichen Rollenaufteilung, in
der der Mann einen Beruf ausübt, während die Frau für das Private und die
Haushaltsführung zuständig war, bestand gegenüber beruflich aktiven Frauen
ein Generalverdacht des Dilettantismus. Ein Indiz dafür finden wir noch heute in
dem Umstand, dass die weibliche Begriffsvariante »Dilettantin« eher selten zu
vernehmen ist. Die Inkompetenz des Geschlechts erschien zeitweilig wohl so
evident, dass ein entsprechender Vorwurf sich erübrigte.
*
Wir können nun also drei Typen von Dilettanten unterscheiden: Erstens
Dilettanten im Sinne von Amateuren, die sich ohne formale Qualifikation einer
Beschäftigung widmen, von der entsprechenden Profession jedoch nicht
anerkannt werden (das gilt zum Beispiel für Blogger). Zweitens solche
Dilettanten, die sich von als unsinnig empfundenen Standards und
Einschränkungen befreien wollen und dabei selbst auf dem jeweiligen Gebiet
beruflich tätig sind (man denke an Stefan Raab). Und schließlich drittens
diejenigen, die tatsächlich auf ihrem Gebiet dilettieren, die dabei aber durch
ihren Status oder ihr Charisma abgesichert sind (George W. Bush). Mit der
Figur des Dilettanten verbinden sich dabei neben dem Stigma des Scheiterns
und Nicht-Genügen auch positive Konnotationen. Der Dilettant bricht
Verkrustetes auf und bringt frischen Wind in die Sache. Als »genialer Dilettant«
mit erfrischender Naivität und unverstelltem Blick kennt er keine
Betriebsblindheit. Der Dilettant ist die Figur der Offenheit und Geschlossenheit
sozialer Felder. Formen der Organisation, der Umgang mit
Differenzierungsfolgen, Ordnungsleistungen durch Exklusionsprozesse – all
diese Aspekte moderner Gesellschaften werden in der Sozialfigur sichtbar. Im
Dilettanten scheint das Wechselspiel der Stabilität und Flexibilität von
Institutionen auf.
Welche Bedeutung hat also der Dilettant in »der Gesellschaft«? Wird er nicht
ernst genommen, ist er als Stümper das Ziel von Häme? Er ist der Verlierer
unserer vielfältigen Gegenwart, denn Differenzierung meint nicht nur
Unterscheidung, sondern auch Separation. Doch ermöglicht es die Figur des
Dilettanten Einzelnen, sich neue Felder zu eröffnen, sozialen Aufstieg zu
bewerkstelligen. Mit dieser Seite der ambivalenten Figur ist die Hoffnung
verbunden, verengten Sichtweisen und dem »stählernen Gehäuse« einer
Expertokratie zu entkommen. Hinter dem Dilettantismus schimmert demnach
der Traum, entgegen aller Spezialisierung und Bürokratisierung mit Talent,
Kreativität und Engagement etwas erreichen zu können (vgl. Althaus et al.
1992). In diesem Sinne also: Avanti Dilettanti!
Anina Engelhardt
Literatur
Althaus, Gabriele/Helmuth Berking/Ursula Evers/Rudi Thiessen (Hg.) (1992), Avanti
Dilettanti. Über die Kunst Experten zu widersprechen. Urs Jaeggi zum 60. Geburtstag,
Berlin: Metropol.
Barstad, Guri/Marie-Theres Federhofer, (Hg.) (2004), Dilettant, Dandy und Décadent,
Hannover: Wehrhahn.
Beyme, Klaus von (2005), Das Zeitalter der Avantgarden. Kunst und Gesellschaft 1905-1955,
München: C. H. Beck.
Bourdieu, Pierre (1982 [1979]), Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen
Urteilskraft, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre (1999 [1992]), Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen
Feldes, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Elias, Norbert/John L. Scotson (1990 [1965]), Etablierte und Außenseiter, Frankfurt am
Main: Suhrkamp.
Fähnders, Walter (1998), Avantgarde und Moderne 1890-1933, Stuttgart/Weimar: Metzler.
Felt, Ulrike/Helga Nowotny/Klaus Taschwer (Hg.) (1995), Wissenschaftsforschung. Eine
Einführung, Frankfurt am Main/New York: Campus.
Franz, Wolfgang (2007), Dilettanten im Amt: Zu Rechtsbruch und Inkompetenz in Politik und
Verwaltung, Berlin/Münster: LIT-Verlag.
Hitzler, Ronald/Anne Honer /Christoph Maeder (Hg.) (1994), Expertenwissen. Die
institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit, Opladen: Westdeutscher
Verlag.
Keen, Andrew (2008 [2007]), Die Stunde der Stümper. Wie wir im Internet unsere Kultur
zerstören, München: Hanser.
Knoke, Felix (2008), »Angst vor Weltuntergang. Amerikaner klagt gegen
Teilchenbeschleuniger«, online verfügbar unter
{www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,544088,00.html} (Stand März
2010).
Lenk, Hans (2000), Kreative Aufstiege: Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität,
Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Ogger, Günter (1992), Nieten in Nadelstreifen, München: Droemer Knaur.
Pfadenhauer, Michaela (2003), Professionalität. Eine wissenssoziologische Rekonstruktion
institutionalisierter Kompetenzdarstellungskompetenz, Opladen: Leske + Budrich.
Schiller, Friedrich (1993 [1799]), »Über den Dilettantismus«, in: Sämtliche Werke, Bd. 5,
Philosophische Schriften, herausgegeben von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfert,
München: Hanser.
Schüttpelz, Erhard (1995), »Die Akademie der Dilettanten«, in: Akademie, herausgegeben
von Stefan Dillemuth, Köln: Permanent Press, S. 40-57
Seibel, Wolfgang (1994), Funktionaler Dilettantismus im Dritten Sektor, Baden-Baden:
Nomos.
Stanitzek, Georg (1997 [1998]), »Dilettant«, in: Reallexikon der Deutschen
Literaturwissenschaft, herausgegeben von Klaus Weimar, Berlin/New York: de
Gruyter; eine erweiterte Fassung des Lexikonartikels aus dem Jahr 1998 ist online
verfügbar unter {http://www.culture.hu-
berlin.de/verstaerker/vs003/stanitzek_dilettant.html} (Stand März 2010).
Strauß, Elisabeth (Hg.) (1996), Dilettanten und Wissenschaft. Zur Geschichte und Aktualität
eines wechselvollen Verhältnisses, Amsterdam/Atlanta: Editions Rodopi.
Weber, Max (1980 [1922]), Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden
Soziologie, Tübingen: Mohr.
Weber, Max (1995 [1919]), Wissenschaft als Beruf, Stuttgart: Reclam
Wieczorek, Thomas (2009), Die Dilettanten: Wie unfähig unsere Politiker wirklich sind,
München: Droemer Knaur.
Article
Full-text available
The article presents three „conceptual personae” (Giles Deleuze, Félix Guattari) of the contemporary humanist: dilettante, amateur and jester. The first two are discussed on the basis of texts of such Polish essayists as Krzysztof Czyżewski, Marcin Król and Leopold Tyrmand, who used to emphasize not only the cultural history of these figures but also their own autobiographical experiences. In order to develop our understanding of the contemporary humanistic modus operandi, the author juxtaposes the dilettante and amateur personae with the jester figure. The article underlines three dimensions of such an „intellectual clowning dialectic”: 1) the necessity of adopting a new peculiar media strategy, 2) the ambiguous relationship with an authority, 3) the exceptional „foolish” way of thinking related to deconstruction and crucial to Jacques Derrida’s L’Universite’ sans condition (discussed by such Polish authors as Michał Paweł Markowski, Tadeusz Sławek).
  • Klaus Beyme
  • Von
Beyme, Klaus von (2005), Das Zeitalter der Avantgarden. Kunst und Gesellschaft 1905-1955, München: C. H. Beck.
Die Regeln der Kunst
  • Pierre Bourdieu
Bourdieu, Pierre (1999 [1992]), Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Amerikaner klagt gegen Teilchenbeschleuniger«, online verfügbar unter {www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,544088,00.html} (Stand März
  • Felix Knoke
Knoke, Felix (2008), »Angst vor Weltuntergang. Amerikaner klagt gegen Teilchenbeschleuniger«, online verfügbar unter {www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,544088,00.html} (Stand März 2010).
Kreative Aufstiege: Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität
  • Hans Lenk
Lenk, Hans (2000), Kreative Aufstiege: Zur Philosophie und Psychologie der Kreativität, Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Ordnungsleistungen durch Exklusionsprozesse -all diese Aspekte moderner Gesellschaften werden in der Sozialfigur sichtbar. Im Dilettanten scheint das Wechselspiel der Stabilität und Flexibilität von Institutionen auf
  • Differenzierungsfolgen
Differenzierungsfolgen, Ordnungsleistungen durch Exklusionsprozesse -all diese Aspekte moderner Gesellschaften werden in der Sozialfigur sichtbar. Im Dilettanten scheint das Wechselspiel der Stabilität und Flexibilität von Institutionen auf.
Mit dieser Seite der ambivalenten Figur ist die Hoffnung verbunden, verengten Sichtweisen und dem »stählernen Gehäuse« einer Expertokratie zu entkommen. Hinter dem Dilettantismus schimmert demnach der Traum, entgegen aller Spezialisierung und Bürokratisierung mit Talent
  • Dilettanten Einzelnen
  • Sich Neue Felder Zu Eröffnen
Dilettanten Einzelnen, sich neue Felder zu eröffnen, sozialen Aufstieg zu bewerkstelligen. Mit dieser Seite der ambivalenten Figur ist die Hoffnung verbunden, verengten Sichtweisen und dem »stählernen Gehäuse« einer Expertokratie zu entkommen. Hinter dem Dilettantismus schimmert demnach der Traum, entgegen aller Spezialisierung und Bürokratisierung mit Talent, Kreativität und Engagement etwas erreichen zu können (vgl. Althaus et al.