Conference PaperPDF Available

Prekäre Arbeitsverhaltnisse als Hauptursache von sozialen Unruhen in China: Ergebnisse einer Auwertung von 40.000 Protestberichten

Authors:

Abstract and Figures

Prekäre Arbeitsverhältnisse sind ein integraler Bestandteil des chinesischen Entwicklungsmodells. Chinas im Durchschnitt zweistelliges Wirtschaftswachstum zwischen 1978 und 2010 beruht zu einem wesentlichen Bestandteil auf der systematischen Ausnutzung von Entwicklungs- und Einkommensunterschieden. Mit Ausnahme von wertvollen Analysen über Großproteste, beispielsweise im Zuge der Massenentlassungen Beginn der Weltfinanzkrise 2008, sind die Folgen der praktizierten chinesischen Arbeitsverhältnisse für die soziale und politische Stabilität des Landes nur unzureichend erfasst. Der Artikel leistet einen Beitrag zur Abschätzung dieser Folgen, indem er die Entstehung von Arbeitsprotesten und den Umgang der Regierung mit diesen systematisch untersucht. Dabei stützt er sich auf die computerunterstützte Inhaltsanalyse von Berichten über mehr als 40.000 Proteste, die zwischen August 2013 und August 2015 stattgefunden haben. Die Untersuchung zeigt, dass mehr als ein Drittel aller in China stattfindenden Proteste gegen die Beschneidung der ohnehin geringen Arbeitnehmerrechte gerichtet ist. In Verbindung mit der Tatsache, dass prekäre Arbeitsverhältnisse zur Aufrechterhaltung der hohen Einkommensungleichheit beitragen und damit die Entwicklung eines gesunden Binnenmarktes behindern, haben prekäre Arbeitsverhältnisse also nicht nur negative Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden der betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sondern auch auf die soziale, ökonomische und politische Makrostabilität.
Content may be subject to copyright.
Prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse als Hauptursache von
sozialen Unruhen in China:
Ergebnisse einer Auwertung von 40.000
Protestberichten
Christian G¨
obel
University of Vienna, Department of East Asian Studies
Christian.Goebel@univie.ac.at
9. Oktober 2015
Zusammenfassung
Prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse sind ein integraler Bestandteil des chine-
sischen Entwicklungsmodells. Chinas im Durchschnitt zweistelliges Wirt-
schaftswachstum zwischen 1978 und 2010 beruht zu einem wesentlichen
Bestandteil auf der systematischen Ausnutzung von Entwicklungs- und
Einkommensunterschieden. Mit Ausnahme von wertvollen Analysen ¨
uber
Großproteste, beispielsweise im Zuge der Massenentlassungen Beginn der
Weltfinanzkrise 2008, sind die Folgen der praktizierten chinesischen Ar-
beitsverh¨
altnisse f¨
ur die soziale und politische Stabilit¨
at des Landes nur
unzureichend erfasst. Der Artikel leistet einen Beitrag zur Absch¨
atzung
dieser Folgen, indem er die Entstehung von Arbeitsprotesten und den
Umgang der Regierung mit diesen systematisch untersucht. Dabei st¨
utzt
er sich auf die computerunterst¨
utzte Inhaltsanalyse von Berichten ¨
uber
mehr als 40.000 Proteste, die zwischen August 2013 und August 2015
stattgefunden haben. Die Untersuchung zeigt, dass mehr als ein Drittel
aller in China stattfindenden Proteste gegen die Beschneidung der oh-
nehin geringen Arbeitnehmerrechte gerichtet ist. In Verbindung mit der
Tatsache, dass prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse zur Aufrechterhaltung der ho-
hen Einkommensungleichheit beitragen und damit die Entwicklung eines
gesunden Binnenmarktes behindern, haben prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse
also nicht nur negative Auswirkungen auf das pers¨
onliche Wohlbefinden
der betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sondern auch auf
die soziale, ¨
okonomische und politische Makrostabilit¨
at.
1
1 Arbeitsproteste und Regimestabilit¨
at
Prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse sind ein integraler Bestandteil des chinesischen Ent-
wicklungsmodells. Chinas im Durchschnitt zweistelliges Wirtschaftswachstum
zwischen 1978 und 2010 beruht zu einem wesentlichen Bestandteil auf der syste-
matischen Ausnutzung von Entwicklungs- und Einkommensunterschieden (Si-
cular u. a. 2007, Yang 1999). Schon ab Mitte der 1980er Jahre begann eine
Segmentierung des Chinesischen Arbeitsmarkts: w¨
ahrend die Anstellung in ei-
nem Staatsunternehmen eine lebenslange Anstellung und die Einbindung in das
chinesische Sozialsystem bedeutete (Ding und Warner 2001; Zhou 2000), verließ
eine steigende Anzahl an Menschen den l¨
andlichen Raum, um zu Niedrigl¨
ohnen,
ohne Vertrag und ohne soziale Absicherung auf einer Baustelle oder in einem
Industrieunternehmen zu arbeiten (Ngai und Lu 2010). Mit der Abschaffung
der seit 1949 bestehenden Arbeitsplatzgarantie (Leung 1994), der Schließung
oder Privatisierung defizit¨
arer Staatsunternehmen (Nolan und Xiaoqiang 1999;
Shirley 1999), und der zunehmenden Liberalisierung des chinesischen Arbeits-
markts (White 1996; Meng 2000; Nee 1992) griff die Prekarisierung der Ar-
beitsverh¨
altnisse ab Ende der 1990er Jahre von der Land- auch auf die vormals
vollbesch¨
aftigte Stadtbev¨
olkerung ¨
uber (Solinger 2006).
Die Folgen dieser Maßnahmen f¨
ur Chinas Niedriglohnarbeiter sind ebenso
gut dokumentiert (Khan und Riskin 2001, Meng, Gregory und Wang 2005)
wie einzelne groß angelegte Streiks vor allem bei Zulieferern f¨
ur multinationale
Unternehmen (Chan 2007, Hui 2011). Mit Ausnahme von wertvollen Analysen
¨
uber Großproteste, beispielsweise im Zuge der Massenentlassungen Beginn der
Weltfinanzkrise 2008 (De Haan 2010; Overholt 2010; Cai und Chan 2009; Chan
und Siu 2010), sind die Folgen der praktizierten chinesischen Arbeitsverh¨
altnisse
f¨
ur die soziale und politische Stabilit¨
at des Landes nur unzureichend erfasst.
Der Artikel leistet einen Beitrag zur Absch¨
atzung dieser Folgen, indem er
die Entstehung von Arbeitsprotesten und den Umgang der Regierung mit die-
sen systematisch untersucht. Vor dem Hintergrund, dass zwischen Mitte der
1990er Jahre und heute soziale Unruhen aller Art zugenommen haben (G¨
obel
und Ong 2012), steht im Zentrum des Artikels die Frage, wie hoch der Anteil
von Arbeitsprotesten an diesen Unruhen ist. Weiters ist von Interesse, wo der-
artige Proteste vermehrt stattfinden, welche Mittel die Protestierenden w¨
ahlen,
und wie die Reaktion der Regierung aussieht. Erreicht wird dieses Ziel durch
die systematische Auswertung von mehr als 40.000 Protesten, die sich in China
zwischen dem 1. August 2013 und dem 25. August 2015 ereignet haben.
Die Analyse wird zeigen, dass mehr als ein Drittel aller in China stattfinden-
den Proteste gegen die Beschneidung der ohnehin geringen Arbeitnehmerrechte
gerichtet ist. Vor allem in Arbeitsverh¨
altnissen, die nicht oder nur unzureichend
vertraglich geregelt sind, kommen Arbeitnehmer ihrer Pflicht, vereinbarte L¨
ohne
zeitgerecht und in voller H¨
ohe zu zahlen, nicht nach. Wanderarbeiter, rund ein
F¨
unftel der arbeitsf¨
ahigen Bev¨
olkerung, sind von diesem Problem in besonde-
rem Maße betroffen. In Verbindung mit der Tatsache, dass prek¨
are Arbeits-
verh¨
altnisse zur Aufrechterhaltung der hohen Einkommensungleichheit beitra-
gen (Cai, Wang und Du 2002; Lin, Wang und Zhao 2004; Sicular u. a. 2007; Yang
2
1999) und damit die Entwicklung eines gesunden Binnenmarktes behindern, ha-
ben prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse also nicht nur negative Auswirkungen auf das
pers¨
onliche Wohlbefinden der betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitneh-
mer (Ngai 1999,Chan 1998), sondern auch auf die soziale, ¨
okonomische und po-
litische Makrostabilit¨
at. Die chinesische Regierung versucht, diesen Herausfor-
derungen durch die Versch¨
arfung des Arbeitsvertragsgesetzes (Becker, Elfstrom
u. a. 2010) und der Verabschiedung eines Sozialversicherungsgesetzes (Gallagher
und Dong 2011) zu begegnen, verfolgt deren Umsetzung aber nicht konsequent
genug. Die Frage nach der Bestandsf¨
ahigkeit des chinesischen Einparteiensy-
stems wird nicht zuletzt durch die L¨
osung der im Verlauf des Artikels angespro-
chenen Probleme entschieden werden.
Die Analyse beginnt mit einer historischen Kontextualisierung des Problems
prek¨
arer Arbeit in China, da nur so die strukturellen Einbettung des Ph¨
anomens
verstanden werden kann. Dies ist wiederum notwendig, um potentielle Ent-
wicklungspfade abzusch¨
atzen und nachhaltige L¨
osungsans¨
atze formulieren zu
k¨
onnen. Nach der Vorstellung des Datenmaterials und der Methode folgt die
Analyse, die Arbeitsproteste zun¨
achst vor dem Hintergrund der zunehmenden
sozialen Unruhen in China untersucht, und sich dann den Gr¨
unden und Me-
thoden von Arbeiterprotesten sowie der Reaktion der Regierung zu widmen.
Schließlich werden auch die strukturellen Determinanten von Arbeitsprotesten
in China untersucht.
2 Die Grenzen von Chinas Entwicklungsmodell
Eine Analyse der Arbeitsproteste in China darf sich nicht auf die unmittelbar
ersichtlichen Fakten beschr¨
anken, sondern muss auch die strukturellen Faktoren
einbeziehen, die einen Einfluss sowohl auf die Entstehung als auch die Auswir-
kungen von Protesten haben. Aus diesem Grund wird im Folgenden aufgezeigt,
welche politischen, ¨
okonomischen und sozialen Faktoren die Entstehung prek¨
arer
Arbeitsverh¨
altnisse beg¨
unstigt haben, und weshalb sich die Unzufriedenheit der
so Besch¨
aftigten vor allem in in sozialen Unruhen ¨
außert. Drei Faktoren erschei-
nen urs¨
achlich: ein auf Exporte im Niedriglohnsektor ausgerichtetes Entwick-
lungsmodell, das seine ¨
okonomischen Grenzen erreicht hat; die Herausforderung,
unter Bedingungen hoher Einkommensungleichheit einen entwicklungsfreundli-
chen Binnenmarkt aufzubauen; und ein autorit¨
ares System, das Anreize f¨
ur die
Missachtung von Arbeiterinteressen setzt.
2.1 Internationale Nachfrage und Produktionskosten
Bis in die sp¨
aten 1970er Jahre hinein war China ein agrarisch gepr¨
agtes Land.
Noch 1980 trug die Landwirtschaft ¨
uber 30 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt
(BIP) bei, der Prozentsatz der in der Landwirtschaft Besch¨
aftigten war mit
¨
uber 80 Prozent jedoch weitaus h¨
oher. Da die Gewinnmargen und damit die
Steuereinnahmen aus agrarischen Produkten sehr gering sind, stehen agrarisch
gepr¨
agte L¨
ander oder Regionen vor der Herausforderung, die zum Aufbau eines
3
Industrie- und Dienstleistungssektors notwendigen Ressourcen zu mobilisieren.
Staaten, die wirtschaftliche Autarkie anstreben, sehen sich oft dazu gezwungen,
die l¨
andliche Bev¨
olkerung exzessiv zu besteuern oder internationale Anleihen in
großer H¨
ohe aufzunehmen. Beide Strategien sind mit großen finanziellen und
sozialen Risiken verbunden (Assessing Pathways to Success“).
Aus diesem Grund haben einige der heute als wirtschaftlich erfolgreich gel-
tenden Staaten, darunter Singapur, Malaysia und Taiwan, um ausl¨
andische Di-
rektinvestitionen geworben und f¨
ur Exportm¨
arkte produziert. Hierbei werden
ausl¨
andischen Investoren billige Arbeitskr¨
afte, steuerliche Subventionen und der
Zugang zu subventioniertem Land versprochen. Diesen Weg ist auch die Volks-
republik China gegangen. Noch im Jahre 2007 war der Exportsektor, gemessen
am Anteil von G¨
uter- und Dienstleistungsexporten am BIP, fast genauso groß
wie der gesamte Industriesektor. Exporte und Importe entwickelten sich fast
spiegelbildlich, da ausl¨
andische Unternehmen sowie Joint Ventures und andere
Unternehmensformen mit ausl¨
andischer Beteiligung Bauteile nach China im-
portierten, diese dort zusammensetzen ließen und die fertigen Produkte wieder
exportierten. Noch heute werden ¨
uber 80 Prozent der Hochtechnologieexporte
von ausl¨
andischen und ausl¨
andisch beteiligten Unternehmen produziert - dies
hat China die Bezeichnung als “Werkbank der Welt” eingebracht (G¨
obel 2013).
F¨
ur den Erfolg dieser Strategie ist es urs¨
achlich, dass Lohnkosten niedrig
bleiben, zumindest niedriger als die der internationalen Konkurrenz. Wie im
folgenden Teil des Artikels weiter ausgef¨
uhrt werden wird, dienten die f¨
ur den
ausl¨
andischen Markt produzierenden Unternehmen lange als Anziehungspunkt
f¨
ur ungelernte Arbeiterinnen und Arbeiter aus Chinas l¨
andlichen Regionen.
Die Gr¨
oße von Chinas l¨
andlicher Bev¨
olkerung, der hohe Prozentsatz junger
Menschen darin, ein umfassendes, aber defizit¨
ares l¨
andliches Bildungssystem,
mangelnde soziale Aufstiegschancen und ein sehr niedriges Einkommensniveau
beg¨
unstigten diesen Prozess.
Die Nachhaltigkeit eines auf niedrigen Gewinnmargen, der Ausnutzung großer
Einkommensunterschiede sowie der willk¨
urlichen Enteignung von Acker- und
Bauland zum Zweck der industriellen Entwicklung wurde nach dem Beginn
der Weltfinanzkrise stark infrage gestellt. Der gleichzeitige Einbruch von Direk-
tinvestitionen und Exportnachfrage f¨
uhrte zu Massenentlassungen, gleichzeitig
hatten Inflation und das allm¨
ahlich sinkende Angebot l¨
andlicher Arbeitskr¨
afte
die L¨
ohne in die H¨
ohe getrieben (Traub-Merz 2011). Als Ergebnis von Chinas
Einkindpolitik hatte sich das f¨
ur die Entwicklung g¨
unstige “demographische
Fenster” einer jungen Bev¨
olkerung allm¨
ahlich geschlossen, an seine Stelle sind
die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft getreten (Golley und Tyers
2006). Um international kompetitiv bleiben und ausl¨
andischen Unternehmen
weiterhin hohe Gewinnmargen erm¨
oglichen zu k¨
onnen, dr¨
uckten viele Unter-
nehmer die Lohnausgaben dadurch, dass sie unentgeltliche ¨
Uberstunden einfor-
derten, L¨
ohne nicht in voller H¨
ohe ausbezahlten und keine Beitr¨
age zu den ko-
finanzierten Sozialversicherungssystemen leisteten. Diese Bedingungen stellten
einen fruchtbaren N¨
ahrboden f¨
ur soziale Proteste dar (Butollo und Brink 2012).
Aus diesem Grund waren die St¨
arkung des Binnenmarktes und die daf¨
ur not-
wendige Beseitigung der extremen Einkommensunterschiede die erkl¨
arten Ziele,
4
die China als Reaktion auf den Schock der Weltfinanzkrise formuliert hatte.
2.2 begrenzter Binnenmarkt
Seit Beginn der Weltfinanzkrise ist die Politik der chinesischen Regierung dar-
auf ausgerichtet, die Transition von einem von ausl¨
andischen Unternehmen do-
minierten, auf die Produktion von G¨
utern mit hohen Umwelt- und niedrigen
Arbeitskosten ausgerichteten Exportsektor hin zu einem starken Binnenmarkt
zu bew¨
altigen. Dies gestaltet sich jedoch schwierig, da die Kaufkraft eines Groß-
teils der chinesischen Bev¨
olkerung gering ist. Letzteres bewirkt die Nachfrage
vor allem nach Billigprodukten, und ein Teufelskreis entsteht: viele Unterneh-
mer wollen aufgrund geringer Gewinnmargen Arbeit nicht in der H¨
ohe bezah-
len, die aufgrund der stetigen Preissteigerung in China eigentlich angemessen
w¨
are, was wiederum die Einkommensunterschiede verst¨
arkt. Strukturell gesehen
tr¨
agt der begrenzte Markt f¨
ur Hochqualit¨
atsprodukte dazu bei, dass chinesi-
sche Unternehmen weder die Anreize noch die Mittel haben, in die Entwicklung
profitablerer Produkte zu investieren. Verst¨
arkt wird dieses Problem durch die
konservative und tendenziell klientelistisch gepr¨
agte Kreditvergabepolitik, die
insbesondere mittelst¨
andische Unternehmen daran hindert, das f¨
ur Produktin-
novationen notwendige Investitionskapital zu akquirieren (G¨
obel 2013).
Die bisherigen Versuche der Zentralregierung, der Prekarisierung eines großen
Teils der chinesischen Bev¨
olkerung durch die Verbesserung sozialer Leistungen
entgegenzuwirken, waren bisher nur begrenzt erfolgreich (Leung 2003, Wang
2008). Besonders f¨
ur Wanderarbeiter gestaltet sich der Zugang zu den Sozial-
systemen weiterhin schwierig, und die Abwesenheit eines nationalen Sozialver-
sicherungssystems macht es fast unm¨
oglich, an einem Ort bereits erworbene
Anspr¨
uche an einen anderen Ort zu transferieren (Liu 2006, Tao 2008). Dies
ist allerdings nicht das gr¨
oßte Problem, denn selbst ein umfangreiches Sozial-
system kann die makrostrukturellen Verwerfungen der chinesischen Volkswirt-
schaft nicht begradigen.
Das eigentlich wichtigere Ziel, kleinen und mittleren Unternehmen das Vor-
dringen in profitablere M¨
arkte zu erm¨
oglichen, dabei die Qualit¨
at des Bildungs-
systems zu verbessern und die Zugangsh¨
urden zu sekund¨
aren und terti¨
aren Bil-
dungsinstitutionen abzuschaffen wird jedoch nur halbherzig bis gar nicht ange-
gangen. Teilweise ist diese Unt¨
atigkeit darin begr¨
undet, dass das chinesische po-
litische System hochgradig fragmentiert ist (Mertha 2009) und die Bef¨
orderung
lokaler politischer Entscheidungstr¨
ager vor allem von der kurzfristigen Steige-
rung des Bruttoregionalprodukts abh¨
angig ist. Ein hohes Maß an Korrupti-
on, Nepotismus und spekulativer Investitionen in Land und Nahrungsmittel,
die wiederum zur Erh¨
ohung der Inflation beitragen, verst¨
arken die aus Chinas
Fragmentierung hervorgehenden negativen Effekte. Wiederum f¨
uhren diese Fak-
toren also dazu, dass steigende Lebenshaltungskosten bei gleichzeitig niedrigen
Gewinnmargen einen hohen Druck auf die H¨
ohe der gezahlten L¨
ohne und die
Sicherheit der Arbeitsverh¨
altnisse vor allem von Wanderarbeitern aus¨
uben.
5
2.3 fehlende B¨
urgerrechte und Rechtsstaatlichekeit
Neben den wirtschaftlichen Faktoren leisten auch politische Faktoren sowohl
einen Beitrag zum Fortbestehen prek¨
arer Arbeitsverh¨
altnisse als auch zur Ent-
stehung von Arbeitsprotesten. Ein wesentliche Ursache beider Ph¨
anomene ist
eine Kombination aus mangelnder Rechtsstaatlichkeit und der mangelnden po-
litischen Repr¨
asentation von Arbeiterinteressen. Die mangelnde Rechtsstaat-
lichkeit erlaubt Allianzen von (Lokal-)Politikern und Unternehmern, deren ge-
meinsames Ziel die Profitsteigerung ist (Li, Meng und Zhang 2006; Dickson
2008,Truex 2014). Da die lokalen Gerichte nicht unabh¨
angig von der politischen
F¨
uhrung sind, kann die Missachtung von Arbeiterrechten nahezu ungestraft er-
folgen. Gleichzeitig besitzen Arbeiter in China keine Organisation, die ihre In-
teressen vertritt. Der Allchinesische Gewerkschaftsbund (ACGB), die einzige
legale Gewerkschaft Chinas, ist Teil der Kommunistischen Partei. Seine Aufga-
be besteht vorrangig darin, zum weiteren Wachstum des Bruttoinlandsprodukts
beizutragen. Die Schlichtung von Konflikten ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Die
Bildung einer unabh¨
angigen Gewerkschaft oder jedweder anderen Form von Ar-
beiterorganisationen ist streng verboten (Chan 2000; Chen 2003; Howell 2008;
Liu 2010; Chen 2010). Streiks und andere Formen des Protests von Arbeite-
rinnen und Arbeitern m¨
ussen also vor diesem Hintergrund analysiert werden:
da es keine funktionierenden systemimmanenten Kan¨
ale gibt, um die eigenen
Interessen durchzusetzen, sind die in ihren Rechten beschnittenen Arbeiter ge-
zwungen, Missst¨
ande auf dem informellen Weg anzuprangern (Nichols und Zhao
2010; Chan 2010a; Pringle 2011).
Zusammengefasst l¨
asst sich also feststellen, dass in China ein hoher Preis-
druck, ein autorit¨
ares System und strukturelle Defizite in der chinesischen Wirt-
schaft dazu f¨
uhren, dass große Teile der Bev¨
olkerung systematisch prekarisiert
werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Arbeiterproteste in Chi-
na die soziale und politische Stabilit¨
at des Landes gef¨
ahrden. Um diese Frage
beantworten zu k¨
onnen, muss ein analytischer Blickwinkel angenommen werden,
der dem hohen Grad an politischer, sozialer und ¨
okonomischer Fragmentierung
des Landes angemessen ist. Die vorliegende Beitrag setzt sich zum Ziel, eine
empirisch solide Analyse der Bedeutung von Arbeiterprotesten im Gesamtspek-
trum sozialer Unruhen, deren regionale und sektorale Verbreitung sowie des
Methodenspektrums zu liefern, dessen sich Protestierende und Regierung in Ar-
beitskonflikten bedienen. Zu diesem Zweck sollen Berichte zu mehr als 40.000
Proteste untersucht werden, die zwischen August 2013 und August 2015 in ganz
China stattgefunden haben.
3 Methode und Daten
Die vorliegende Analyse st¨
utzt sich auf Berichte ¨
uber soziale Unruhen in China,
die in webbasierten Zeitungen, Blogs und Microblogs ver¨
offentlicht werden. Ein
Blogger vermutlich chinesischer Herkunft mit dem Decknamen Wickedonna“
sammelt seit Anfang 2013 solche Berichte und stellt sie auf seiner Webseite onli-
6
ne. Jeder Eintrag ist eine Sammlung unterschiedliche Quellen, darunter Meldun-
gen offizieller Medien, Blogeintr¨
age, sowie Augenzeugenberichte von Personen,
die selber an einem Protest teilgenommen oder ihn beobachtet haben. Jedem
Beitrag sind mehrere Bilder angeheftet, was die Glaubw¨
urdigkeit der Quelle im
Hinblick auf die Authentizit¨
at der berichteten Ereignisse best¨
arkt.
Im ersten Schritt werden vor Autor dieses Artikels s¨
amtliche auf der Web-
seite ver¨
offentlichten Berichte in einer Datenbank lokal abgespeichert. Mit Hilfe
eines selbst programmierten Suchalgorithmus werden zun¨
achst die folgenden In-
formationen extrahiert: Datum und Ort des Vorfalls, ¨
Uberschrift und Inhalt des
Webeintrags, die zwei Schl¨
usselw¨
orter , mit deren Hilfe der Autor der Webseite
viele der Eintr¨
age klassifiziert. F¨
ur den Ort des Vorfalls wurden zwei Variablen
codiert: der tats¨
achliche Ort sowie die ¨
ubergeordnete (Kreis-)stadt, in der sich
der Vorfall ereignete.
Die Inhaltsanalyse stellt den zweiten Schritt dar. Hier werden drei Methoden
miteinander verkn¨
upft: zun¨
achst wird mit Hilfe einer automatisierten Textana-
lyse der gesamten Korpus an Protesten klassifiziert (Lucas u. a. 2015; Roberts,
Stewart und Tingley 2014; Grimmer und Stewart 2013). Jeder einzelne Ein-
trag muss zu diesem Zweck segmentiert werden. Da es im chinesischen keine
Abst¨
ande zwischen den Worten gibt, und ein Wort aus mehreren Zeichen be-
stehen kann, ist es notwendig, den Text f¨
ur die weitere Analyse in W¨
orter zu
gliedern. Unter Zuhilfenahme eines elektronischen W¨
orterbuchs werden die ein-
zelnen W¨
orter in einem Satz identifiziert und zwischen den W¨
ortern ein Leer-
zeichen eingesetzt. Im zweiten Schritt wird anhand der Anzahl und Verteilung
einzelne W¨
orter im gesamten Textkorpus sowie in den einzelnen Beitr¨
agen er-
rechnet, welche W¨
orter besonders h¨
aufig miteinander korrelieren. Diese werden
einer a priori festgelegten Anzahl an Themen zugeordnet. Wie viele Themen
gew¨
ahlt werden sollten, kann errechnet werden (Hornik und Gr¨
un 2011).
Der Autor bedient sich allerdings einer anderen Methode. Eine zuf¨
allig aus-
gew¨
ahlte Stichprobe von mehreren Dutzend Protestberichten wird mit Hilfe
einer qualitativen Inhaltsanalyse untersucht, und die Einsch¨
atzung des Autors
bez¨
uglich der Zuordnung der Texte zu einem Thema mit den Ergebnissen des
Programms verglichen. Auf diese Weise kann einerseits das Computermodell
sinnvoll kalibriert werden, andererseits hilft die errechnete Zuordnung dem Au-
tor aber auch, die eigene Einsch¨
atzung kritisch zu hinterfragen. Das Ergebnis
dieser Arbeit ist ein sogenanntes “topic model” (Blei, Ng und Jordan 2003) aus
75 Themen, das den Inhalt des Korpus sehr gut widerspiegelt. Nat¨
urlich muss
darauf hingewiesen werden, dass hier vor allem allgemeine Trends errechnet
werden. Durch eine sukzessive Fokussierung auf einzelne Teile des Korpus kann
allerdings eine bessere Repr¨
asentation auch von Themen erreicht werden, die an-
sonsten unterrepr¨
asentiert sind. Durch die Kombination von pers¨
onlichem Urteil
und computergest¨
utzter Analyse kann so von einer generalisierten Abbildung
der Protestlandschaft bis zur Betrachtung einzelner Proteste der Abstraktions-
grad der Untersuchung stufenlos erh¨
oht oder verringert werden. In einem dritten
Schritt wird das so erzielte Ergebnis einer ¨
Uberpr¨
ufung unterzogen, indem die
errechneten Themen mit den handkodierten Schl¨
usselw¨
ortern des Betreibers der
Webseite verglichen werden.
7
Die so entstandenen Themen k¨
onnen numerisch codiert und statistisch ana-
lysiert werden (f¨
ur ein Beispiel aus einem anderen Bereich siehe Rusch u.a.
2013). Allerdings lassen sich die teilweise langen Berichte ¨
uber einzelne Prote-
ste nur schwer einem einzelnen Thema zuordnen: manche Berichte geben nur
den Anlass des Protests wieder, andere beschreiben, welches Mittel die Prote-
stierenden gew¨
ahlt haben, um ihr Ziel zu erreichen, und in einigen Texten wird
auch ¨
uber die Reaktion der Regierung auf einen Protest berichtet. W¨
ahrend sich
k¨
urzere Eintr¨
age nur einer dieser Kategorien zuordnen lassen, liefern l¨
angere Be-
richte oft Informationen zu allen drei Kategorien. Aus diesem Grund wird f¨
ur
jeden Eintrag untersucht, ob Informationen zu den Kategorien Grund, Aktion
und Reaktion vorliegen.
Der so codierte Datensatz kann nun im Hinblick auf die zeitliche Entwick-
lung nicht nur von Protesten allgemein, sondern auch im Hinblick auf einzelne
Gr¨
unde, Mittel und Reaktionen der Regierung untersucht werden. Auf diese
Weise kann festgestellt werden, welche Missst¨
ande ab- und zunehmen, wie den
Beschwerden Ausdruck verliehen wird, wie sich die Zusammensetzung der Pro-
teste insgesamt ver¨
andert, und ob der Umgang der Lokalregierungen mit sozia-
len Unruhen eine Ver¨
anderung erf¨
ahrt. Weiters k¨
onnen diese drei Variablen auf
Kausalbeziehungen untersucht werden. Schließlich geben die errechneten Asso-
ziationsketten auch Aufschluss ¨
uber die soziale Zusammensetzung unterschiedli-
cher Unruhen. Solche Informationen, die in der ersten Untersuchung nicht sofort
ersichtlich sind, k¨
onnen ¨
uber die gezielte Auswahl einzelner Beitr¨
age vertieft
werden.
In einem letzten Schritt werden die Daten, die Informationen zu Protesten
an einem Ort und an einem Tag liefern, auf der Grundlage des Ortes aggre-
giert. Der Datensatz wird also so transformiert, dass er Informationen liefert, in
welcher Stadt im Beobachtungszeitraum wie viele Proteste welcher Art stattge-
funden haben. Dies ist notwendig, um den Einfluss von strukturellen Faktoren
wie H¨
ohe und Zusammensetzung des Bruttoregionalprodukts, Arbeitslosigkeit
und H¨
ohe der Regierungsausgaben errechnen zu k¨
onnen. Diese Daten liegen ge-
nerell nur f¨
ur den Zeitraum eines Jahres vor. Insgesamt kann so eine umfassende
Analyse des vorliegenden Materials erfolgen, die unterschiedliche Analyseebenen
miteinander kombiniert.
Ein methodisches Problem, das sich allerdings in rein qualitativen Analy-
sen in noch gr¨
oßerem Maße stellt, ist die Repr¨
asentativit¨
at der auf der Web-
seite ver¨
offentlichten Proteste f¨
ur alle in China stattfindenden Unruhen. Das
betrifft weniger das Problem der Zensur als das der Auswahl der Daten durch
die Betreiber der Webseite. Was Zensur angeht, so legt H. Christoph Stein-
hardt ¨
uberzeugend dar, dass Proteste mittlerweile verst¨
arkt ¨
offentlich durch die
Parteif¨
uhrung diskutiert werden. Weiterhin wurde die Zensur von Protestbe-
richten in den Medien stark gelockert, nicht zuletzt als Konsequenz einer more
assertive Internet and news media”(Steinhardt 2015a; Steinhardt 2015b). Was
die Auswahl der Protestberichte angeht, die auf der Webseite publiziert wer-
den, so geben die Betreiber auch auf Nachfrage keine Auskunft dar¨
uber, nach
welchen Kriterien die Auswahl erfolgt. Die große Anzahl der jeden Tag neu
hinzukommenden Berichte (zwischen 100 und 200) l¨
asst es aber wahrschein-
8
lich erscheinen, dass eine Suchmaschine verwendet wird. Dies und der Vergleich
der Eintr¨
age mit der bestehenden Literatur legen nahe, dass die Datenbank
durchaus repr¨
asentativ f¨
ur die in den Medien und im Internet beschriebenen
Proteste ist. Es stellt sich allerdings die Frage, ob die so gesammelten Proteste
auch repr¨
asentativ f¨
ur Unruhen ist, die nicht in den Medien aufscheinen. Da
der Großteil der Eintr¨
age auf der digitalen Dokumentation durch Augenzeugen
beruht und den Zugang zum Internet voraussetzt, ist es m¨
oglich, dass gera-
de solche Proteste nicht dokumentiert werden, die in extrem unterentwickelten
Regionen stattfinden.
Die Aufnahme einer Variable in das statistische Modell, die den Internetzu-
gang misst, bietet einen ersten Aufschluss, ob eine solche Verzerrung stattfindet.
Falls diese Variable hoch und signifikant mit der Anzahl von Protesten korreliert,
so kann die M¨
oglichkeit, dass der Datensatz zu Gunsten von Regionen mit einer
guten Internetinfrastruktur verzerrt ist, nicht ausgeschlossen werden. Nat¨
urlich
ist es m¨
oglich, dass Proteste tats¨
achlich vermehrt an h¨
oher entwickelten Or-
ten stattfinden - zumindest die vergleichende Literatur legt das nahe (Dalton,
Van Sickle und Weldon 2010). Ebenso ist es m¨
oglich, dass Menschen sich gerade
dort zum Protest ermutigt f¨
uhlen, wo die Dokumentation ihrer Aktivit¨
aten im
Internet als Versicherung gegen eine gewaltsame Niederschlagung der Regierung
dienen kann. Da die Zentralregierung die gewaltsame Eind¨
ammung von Massen-
protesten negativ sanktioniert, gehen Lokalregierungen tendenziell behutsamer
mit Protesten um, wo sie bef¨
urchten m¨
ussen, dass ihre Reaktion ¨
offentlich do-
kumentiert wird (G¨
obel und Ong 2012). Zusammengefasst l¨
asst sich sagen, dass
eine hohe und positive Korrelation von Internetzugang mit Protesth¨
aufigkeit
einen m¨
oglichen Aufschluss auf eine verzerrte Stichprobe gibt, aber zugleich
viele andere Erl¨
auterungen zul¨
asst.
4 Die Mechanismen von Arbeitsprotesten
Folgend werden die Ergebnisse der Untersuchung von 40.900 Protestberichten
vorgestellt. Zun¨
achst werden innerhalb der 75 Themen, die mit Hilfe der com-
putergest¨
utzten Textanalyse gewonnen wurden, diejenigen Themen identifiziert,
die einen Bezug zu Arbeitsprotesten aufweisen. Auf der Grundlage der beste-
henden Literatur zu den einzelnen Ph¨
anomenen werden diese genauer erl¨
autert.
Danach wird untersucht, wie h¨
aufig und in welcher saisonalen Auspr¨
agung die
jeweiligen Probleme auftreten, mit welchen Mitteln die Lokalregierungen auf die
sozialen Unruhen reagieren, und welche ¨
okonomischen und sozialen Determinan-
ten das Auftreten von Arbeiterprotesten besonders wahrscheinlich machen.
4.1 Protestgr¨
unde und Statusgruppen
30 der insgesamt 75 durch die computergest¨
utzte Textanalyse identifizierten
Cluster beziehen sich auf Worte, die oft gemeinsam vorkommen und Aufschluss
auf die stilistischen Merkmale der ausgewerteten Berichte zulassen, nicht aber
auf deren Inhalte. Ein Beispiel ist die Kombination “aber - wenn - nicht - dieses
9
-sollte - k¨
onnte - diese - auf diese Weise - derartige - weil”. Diese Themen werden
in der folgenden Analyse nicht weiter beachtet. 26 der ¨
ubrigen Themen bezie-
hen sich auf Statusgruppen bzw, Protestgr¨
unde, 12 auf Protestmittel und sechs
auf die Reaktionen der Regierung. Sieben der 26 Statusgruppen- und Protest-
gr¨
unde beziehen sich auf Arbeitsproteste. Da sich die Themen teilweise stark
¨
uberlappen, k¨
onnen sie zu vier Kategorien verdichtet werden: Lohnzahlungen
an Wanderarbeiter, Lohnzahlungen allgemein, Lohnzahlungen an Lehrer sowie
die Situation von Taxifahrern.
4.1.1 Lohnzahlungen an Wanderarbeiter
Chinas Wanderarbeiter haben eine hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren. Sie
sind ein Produkt des chinesischen Transformationsprozesses - war bis in die
1980er Jahre die Mobilit¨
at der chinesischen Landbev¨
olkerung stark eingeschr¨
ankt
und Ihre berufliche T¨
atigkeit vor allem auf die Landwirtschaft konzentriert, so
boten neue Arbeitspl¨
atze in kleinen und mittleren l¨
andlichen Unternehmen so-
wie Bauprojekten in den rasch wachsenden St¨
adten Menschen einen Anreiz, ihr
Einkommen durch saisonale oder sogar ganzj¨
ahrige Arbeit in den St¨
adten zu
erh¨
ohen (Murphy 2002, Davin 1999). In den 1990 er Jahren wurde aus dem An-
reiz zunehmend eine Notwendigkeit, da Menschen mit einem Registrierungssta-
tus auf dem Land zwar Ackerboden besaßen, aber von den Sozialsystemen aus-
geschlossen waren (Alexander und Chan 2004,Li 2008, Tao 2008, Chan 2010c).
Zudem mussten sie f¨
ur staatliche Leistungen wie Grundschulbildung, die f¨
ur
Stadtbewohner kostenfrei waren, bezahlen (Bernstein und L¨
u 2003).
Im Zuge der Marktliberalisierung und der damit fallenden Nahrungsmittel-
preise reichte das Einkommen aus dem Verkauf der Ernte oft nicht aus. Preis-
gef¨
alle zwischen Stadt und Land sowie zwischen einzelnen Regionen in China
bewirkten, dass eine T¨
atigkeit als Tagel¨
ohner in der Stadt f¨
ur diese Menschen
finanziell attraktiv war, auch wenn ihre Entlohnung weit unter dem Durch-
schnitt der Stadtbev¨
olkerung lag (Zhao 2005). Die Tatsache, dass ein großer
Teil der fr¨
uher l¨
andlich dominierten chinesischen Bev¨
olkerung in die St¨
adte
str¨
omte, sorgte f¨
ur einen scheinbar nicht enden wollen den Strom an billigen
Arbeitskr¨
aften (Bruni u. a. 2011, Chan 2010b; Zhang, Yang und Wang 2011;
Bowlus und Sicular 2003). Die Wanderarbeiter dieser ersten Generation vor al-
lem m¨
annlich und warben als Bauarbeiter auf Großbaustellen an. Die zweite
Generation wurde hingegen von jungen Frauen dominiert, die in der Textil- und
Elektronikbranche arbeiteten (Ngai 1999, Ngai 2005b). Zwischen den 1980er
Jahren und dem Beginn des 21. Jahrhunderts wuchs die Anzahl der Wander-
arbeiter auf gesch¨
atzte 180 Millionen Personen und damit rund ein F¨
unftel der
gesamten Arbeitsbev¨
olkerung an.
Der Großteil der Wanderarbeiter war allerdings weder in die ¨
ortlichen So-
zialsysteme eingebunden (Nielsen und Smyth 2008), noch wurde mit ihnen
¨
uberhaupt ein schriftlicher Vertrag geschlossen (Zheng 2009). Dass Wander-
arbeiter auf Tagesbasis eingestellt und entlohnt wurden, war keine Ausnahme.
Da sie auch von den Gesetzesvollzugsorganen als B¨
urger zweiter Klasse angese-
hen wurden, waren sie der Willk¨
ur des Arbeitgebers schutzlos ausgesetzt (Ngai
10
und Lu 2010). Die systematische Benachteiligung von Migrantinnen und Mi-
granten aus dem l¨
andlichen Bereich sorgte zunehmend f¨
ur soziale Spannungen,
und ihre Verzweiflung nicht nur ob der systematischen Benachteiligung am Ar-
beitsplatz, sondern auch der gesellschaftlichen und politischen Diskriminierung
entlud sich immer wieder in spontanen Protesten (Chan und Ngai 2009; Nang
und Ngai 2009; Ngai, Chan und Chan 2009; Ngai und Lu 2010, Butollo und
Brink 2012; Perry 2002; Chen 2009; Chen 2000). Ins Zentrum der politischen
Tagesordnung gelangte die Situation der Wanderarbeiter im Jahre 2008, als
auf Grund der Weltfinanzkrise ausl¨
andische Direktinvestitionen genauso wie die
Exportm¨
arkte chinesischer Elektronik oder Textilunternehmen einbrachen. Dies
f¨
uhrte zur Freisetzung von gesch¨
atzten 80 Millionen Wanderarbeitern in ganz
China. Die hohe Konzentration von prek¨
aren Arbeitspl¨
atzen im Peruflussdelta
gab Anlass zur Bef¨
urchtung, dass es dort zu systemgef¨
ahrdenden Unruhen kom-
men k¨
onnte (Cai und Chan 2009; De Haan 2010; Overholt 2010; Chan und Siu
2010). Obwohl dieser “worst case” nicht eintrat, reagierte die Zentralregierung
mit der Verabschiedung eines Sozialversicherungsgesetzes im Jahr 2010 und der
Schaffung einer Grundversorgung f¨
ur alle B¨
urgerinnen und B¨
urger (Wang 2007;
Solinger und Hu 2012).
4.1.2 Lohnzahlungen allgemein
Ein zweiter Themenkomplex betrifft Probleme bei der Festlegung und Auszah-
lung von Geh¨
altern allgemein. Prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse betreffen n¨
amlich
nicht nur Niedriglohnarbeiter mit einem l¨
andlichen Hintergrund. Auch gut aus-
gebildete Universit¨
atsabsolventen sehen sich mit zeit mich kurz befristeten Ar-
beitsverh¨
altnissen und der mangelnden Achtung ihrer Rechte als Arbeitnehmer
konfrontiert (Farrell und Grant 2005; Bai 2006). Die Tatsache, dass zwar im
Niedriglohnsektor das Angebot an Arbeitskr¨
aften langsam abnimmt, im Fach-
kr¨
aftebereich aber zu wenige Arbeitspl¨
atze f¨
ur die vielen Absolventinnen und
Absolventen aus Chinas Universit¨
aten bereitstehen, versetzt auch diese Gruppe
in eine schlechte Verhandlungssituation. Mit der Drohung, bestehende Vertr¨
age
nicht zu verl¨
angern, fordern Arbeitgeber die unentgeltliche Ableistung von zahl-
reichen ¨
Uberstunden ein. Zur Aufmerksamkeit der Welt¨
offentlichkeit gelangte
dieses Problem, als mehrere Personen in Verzweiflung ¨
uber ihre Situation vom
Dach des Apple-Zulieferers Foxconn sprangen (Chan und Pun 2010; Ngai und
Chan 2012).
4.1.3 Lohnzahlungen an Lehrer
Lehrer sind eine dritte Gruppe, die wegen der Festlegung oder aus Bezahlung von
Geh¨
altern protestieren. Dies mag zun¨
achst ¨
uberraschend erscheinen, sind Lehrer
doch zumeist Angestellte des Staates. In China ist es allerdings so, dass Leh-
rergeh¨
alter nicht von der Provinz- oder gar Zentralregierung beglichen werden,
sondern einem großen Teil in die Verantwortung der Regierungen auf Kreisebene
fallen. In China existiert zwar ein System, in dem einkommensstarke Regionen
¨
armere Kreise und St¨
adte bezuschussen, doch f¨
uhrt dies ist nicht ann¨
ahernd zu
11
einer Angleichung der Regierungshaushalte (G¨
obel 2011a). Grunds¨
atzlich ist es
so, dass Gebietsk¨
orperschaften mit niedrigen Einnahmen auch nur wenig Spiel-
raum bei den Ausgaben haben. Das kann dazu f¨
uhren, dass der regul¨
are Haus-
halt nicht einmal ausreicht, um die Geh¨
alter der Staatsangestellten zu bezahlen.
Bis Anfang der 2000er Jahre finanzierten sich vor allem l¨
andliche Schulen da-
durch, dass sie Schulgeb¨
uhren einhoben und Unterrichtsmaterial verkauften. Im
Jahre 2005 wurde allerdings gesetzlich festgelegt, dass die Grundschulbildung
kostenfrei zur Verf¨
ugung gestellt werden muss. Manche Orte haben halblegale
Wege gefunden, um von den Eltern dennoch Geb¨
uhren einzuheben, andere be-
gegnen Engp¨
assen dadurch, dass sie Lehrergeh¨
alter nicht oder nicht in voller
H¨
ohe auszahlen (G¨
obel 2011b). Auch dies f¨
uhrt zu Protesten.
4.1.4 Die Situation von Taxifahrern
Taxifahrer sind eine weitere Gruppe, die wegen ihrer Arbeitssituation prote-
stiert (Hess 2009). Hier liegt das Problem vor allem darin, dass die festgelegten
Fahrpreise nur langsam an Benzinpreiserh¨
ohungen und die Inflation angepasst
werden. Dies f¨
uhrt einerseits dazu, dass sich Taxifahrer weigern, kurze Strecken
zu fahren, illegal Pauschalpreise abrechnen oder den Betrieb g¨
anzlich einstellen.
Andererseits machen Taxifahrer kollektiv auf ihre Situation aufmerksam, in dem
sie mit ihren Fahrzeugen Hauptverkehrsadern blockieren.
4.2 H¨
aufigkeit und saisonale Auspr¨
agung
Die soeben beschriebenen Protestgr¨
unde sollen nun im Kontext der gesamten
Protestlandschaft analysiert werden.
0
2000
4000
wages general
migrant wages
investment fraud
education
manag.comp
peasant land
construction
taxi drivers
village despots
death
unresp. gov.
forced relocation
pollution
hospital
entrepreneurs
teacher wages
the elderly
NA
issues
cases
Abbildung 1: Alle Protestarten nach Kategorie
Abbildung 1 zeigt, dass die soeben erl¨
auterten Ph¨
anomene sehr oft Anlass
12
von Protesten sind. Die einzelnen Balken markieren die absolute Anzahl an
Protesten, die in dem jeweiligen Bereich im Untersuchungszeitraum stattge-
funden haben. Insgesamt machen Arbeiterproteste rund ein Drittel der rund
41.000 hier analysierten Proteste aus. Vor dem Hintergrund der wissenschaft-
lichen und journalistischen Besch¨
aftigung mit der Zunahme von Protesten in
China ist also zu beachten, dass es sich bei den oft umspezifisch angef¨
uhrten
Protesten zumeist um Arbeitsproteste handelt. Eine Besch¨
aftigung mit der Fra-
ge, welchen Aufschluss die zunehmenden sozialen Unruhen in China auf die
¨
Uberlebensf¨
ahigkeit und Reformierbarkeit des chinesischen Regierungssystems
zulassen, muss also unbedingt im Kontext der Besch¨
aftigung mit prek¨
aren Ar-
beitsverh¨
altnissen erfolgen.
Die vorliegenden Daten lassen auch Schl¨
usse auf die Sequenzierung dieser
Proteste zu. Sie liefern Informationen zur zeitlichen Verteilung von Protesten,
der Konsistenz oder Ver¨
anderung saisonaler Muster, und indirekt auch den Aus-
wirkunge zentralstaatlicher Politik. So l¨
asst sich aus den Daten m¨
oglicherweise
ablesen, ob Maßnahmen wie beispielsweise die Versch¨
arfung des Arbeitsvertrags-
gesetzes im Jahre 2014, schon Wirkung gezeigt haben. Diese Informationen
sind auch f¨
ur die Diskussion ¨
uber die Stabilit¨
at des chinesischen Regierungs-
systems, und den Auswirkungen von Arbeiterprotesten auf autorit¨
are Regime
insgesamt relevant. So stellt Jay Ulfelder beispielsweise fest, dass Regimewech-
seln oft Streiks vorausgehen (Ulfelder 2005). M¨
oglicherweise ist aber nicht nur
die Tatsache relevant, dass Streiks stattfinden, sondern auch, wo und wann sie
sich ereignen. Es w¨
are denkbar, dass ein nachhaltiges Anschwellen von Protesten
bei einer gleichm¨
aßigen geographischen Verteilung schwerwiegendere Folgen hat
als regional und zeitlich begrenzte Spitzen. Ersteres w¨
urde eine konstant steigen-
de und weit verbreitete Unzufriedenheit signalisieren; eine breite geographische
Streuung w¨
urde zudem die Wahrscheinlichkeit erh¨
ohen, dass Proteste eskalie-
ren und sich auf andere soziale Gruppen ausweiten. Hier w¨
aren vergleichende
Analysen sicherlich aufschlussreich.
Aus Abbildung 2 l¨
asst sich gut ablesen, dass die Entwicklung von Arbeitspro-
testen in den vergangenen zwei Jahren einen ¨
ahnlichen zeitlichen Verlauf auf-
weist. Die grauen Punkte visualisieren die absolute Anzahl aller Proteste an
jedem Tag der vergangenen zwei Jahre - der Maßstab befindet sich auf der
linken y-Achse. Wie zu sehen ist, finden t¨
aglich zwischen 60 und 80 Proteste
statt, zum Jahreswechsel liegt die Anzahl an Protesten sogar im dreistelligen Be-
reich. Der Anstieg zum chinesischen Jahreswechsel korreliert mit dem Anstieg
von Arbeitsprotesten, die nicht in absoluten Zahlen visualisiert sind, sondern
als Fraktion aller Proteste. Wie auf der rechten y-Achse abzulesen ist, machen
Arbeitsproteste zum Jahreswechsel ¨
uber 80 Prozent aller Proteste aus. Es ist
kein Zufall, dass diese Spitzen genau auf das chinesische neue Jahr fallen. Zum
einen werden am Jahresende die Bilanzen f¨
ur das vergangene Jahr erstellt, und
die Arbeiter bef¨
urchten, dass eine nachtr¨
agliche Auszahlung noch ausstehen-
der L¨
ohne mit dem Hinweis auf den Abschluss der Bilanz abgelehnt werden.
Noch st¨
arker ins Gewicht f¨
allt allerdings die Tatsache, dass Wanderarbeiter zu
den Neujahrsferien zu ihren Familien zur¨
uckkehren und nicht wissen, ob sie nach
der Neujahrspause noch f¨
ur den selben Arbeitgeber t¨
atig sein werden. Insgesamt
13
2014 2015
0 20 40 60 80 100 120
Unruhen/Tag insgesamt
%migrant wages
%wages, general
%taxi strike
0.0 0.2 0.4 0.6 0.8 1.0
fraction of protests
no. of cases
Abbildung 2: Unruhen/Tag (li. Achse), davon Arbeitsproteste (re. Achse)
ist ihre Bef¨
urchtung, dass ausstehende L¨
ohne nach Beginn der Feiertage nicht
mehr ausbezahlt werden, gut begr¨
undet. Der ¨
uberwiegende Teil der Proteste in
diesen Tagen ist also der Tatsache geschuldet, dass Arbeitgeber sich weigern,
die im Schnitt ohnehin geringen L¨
ohne in voller H¨
ohe auszuzahlen. Nach Neu-
jahr f¨
allt der Anteil an Arbeiterprotesten an den Gesamtprotesten wieder auf
rund 15 Prozent aller Proteste, um dann allerdings unmittelbar wieder zuzu-
nehmen. Der vergleichsweise steile Anstieg im ersten Halbjahr 2015 gibt Anlass
zur Bef¨
urchtung, dass es in diesem Jahr zu einer Intensivierung der Konflikte
gekommen ist - m¨
oglicherweise eine Folge der durch das versch¨
arfte Arbeitsver-
tragsgesetzes gew¨
ahrten und nun von den prek¨
ar Besch¨
aftigten eingeforderten
Rechte.
4.3 Wahl der Mittel
Was die Wahl der Mittel der Protestierenden angeht, um ihre Unzufriedenheit
auszudr¨
ucken, sind Demonstrationen, Petitionsbesuche bei Regierungsstellen,
die Blockade von Verkehrswegen und der Versuch, auf rechtlichem Weg eine
L¨
osung des Konflikts zu erreichen, quantitativ in etwa zu gleichen Teilen ver-
treten. Interessanterweise nehmen Streiks den geringsten Anteil aller Protest-
handlungen ein. Dies hat sicherlich damit zu tun, dass Arbeitgeber im Falle
eines Streiks der prek¨
ar Besch¨
aftigten die Fabrikhalle r¨
aumen und neue Kr¨
afte
einstellen w¨
urden. Die Proteste sind weniger an die Adresse der Arbeitgeber ge-
richtet, sondern m¨
ussen als Hilferuf an die Regierung verstanden werden (Chen
2012).
Allerdings ist die Art der gew¨
ahlten Mittel abh¨
angig vom Protestgrund.
Abbildungen 3–5 zeigen die Ergebnisse einer binomialen Regressionsanalyse, die
14
0.50 ***
0.58 ***
1.13
0.76 ***
wages
mgrnt_wages
teacher_wgs
taxi_strk
1
Odds Ratios
engage in legal process
0.63 ***
1.09
1.39 **
0.99
wages
mgrnt_wages
teacher_wgs
taxi_strk
1
Odds Ratios
visit the government
Abbildung 3: Konsultationsinstrumente nach Gruppe
den statistischen Zusammenhang zwischen Protestgr¨
unden, Protestmitteln und
Reaktionen der Lokalregierungen zeigen. Die Ergebnisse, in der Abbildung als
Mittelwerte und Konfidenzintervalle visualisiert, sind Wahrscheinlichkeitswerte.
Der Wert “1” bedeutet, dass die jeweilige Variable keinen Einfluss auf das zu
erkl¨
arende Ph¨
anomen hat. Ein Wert von zwei bedeutet, dass bei Vorliegen des
jeweiligen Faktors sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Ph¨
anomen eintritt, sich
gegen¨
uber der mittleren Wahrscheinlichkeit verdoppelt. Analog bedeutet der
Wert von 0.5, dass der Einfluss der jeweiligen Variable die Wahrscheinlichkeit
des Eintreffens halbiert.
Abbildungen 3 und 4 visualisieren, welche Typen von Arbeitsprotesten sich
tendenziell welcher Mittel bedienen. Abbildung drei tut dies f¨
ur Formen der
Konsultation, n¨
amlich dem Anstoßen eines Rechtsverfahrens und dem Petitions-
besuch bei einer (Lokal)regierung. Wie zu sehen ist, m¨
undet die Unzufrieden-
heit ¨
uber nicht gezahlte Geh¨
alter tendenziell nicht in ein Rechtsverfahren - die
Wahrscheinlichkeit, dass im Zusammenhang mit Arbeiterprotesten von rechtli-
chen Maßnahmen berichtet wird, ist halb so hoch wie bei anderen F¨
allen. Lehrer
tendieren eher zu Petitionsbesuchen als andere Gruppen, was m¨
oglicherweise auf
deren h¨
oheren Bildungsgrad zur¨
uckzuf¨
uhren ist. Was Instrumente des Wider-
stands angeht, so lassen sich ebenfalls einige klare Tendenzen ablesen.
Demonstrationen sind bei Arbeitskonflikten eher selten und werden vor allem
von Wanderarbeitern gew¨
ahlt, weniger aber von anderen Arbeitern. M¨
oglicherweise
liegt das daran, dass Wanderarbeiter eine schw¨
achere Verhandlungsposition als
andere Arbeiter haben und deshalb ihre Beschwerden auf die Straße tragen
m¨
ussen. Die dritte S¨
aule des Schaubilds scheint das zu belegen, denn Streiks
sind das Mittel der Wahl aller Gruppen mit Ausnahme der Wanderarbeiter. Die
Blockierung von Straßen und Wegen ist erwartungsgem¨
aß eher ein Instrument
15
0.82 ***
1.45 ***
1.04
0.93
wages
mgrnt_wages
teacher_wgs
taxi_strk
1
Odds Ratios
demonstrate
1.04
1.55 ***
0.83
1.48 ***
wages
mgrnt_wages
teacher_wgs
taxi_strk
1
Odds Ratios
obstruct
7.11 ***
1.10
5.99 ***
2.18 ***
wages
mgrnt_wages
teacher_wgs
taxi_strk
1 2 5
Odds Ratios
strike
Abbildung 4: Widerstandsinstrumente nach Gruppe
der Taxifahrer, aber auch von Wanderarbeitern. Interessant sind die Ergebnis-
se auch im Hinblick auf die Reaktion der Stadtregierungen auf diese Proteste
(Abbildung 5).
W¨
ahrend die j¨
ungere Literatur betont, dass Konflikte in China oft auf dem
Verhandlungswege gel¨
ost w¨
urden und dies als Spezifika eines als contentious
authoritarianism“ (Cai 2008; Chen 2012; Saich 2000) angesehen werden m¨
usste,
vermitteln die analysierten Berichte ein anderes Bild. Ein F¨
unftel aller Berich-
te behauptet, dass es bei den Protesten insgesamt zur Anwendung von Gewalt
durch Vollzugsorgane der Regierung gekommen sei. Die zwei h¨
aufigsten Schlag-
worte in diesem Zusammenhang sind Pr¨
ugel durch Ordnungskr¨
afte der Stadt
(chengguan)“ sowie Pr¨
ugel der lokalen Polizei (paichusuo). Immerhin mehr als 5
% aller Berichte beinhalten zudem die Anschuldigung, lokale Regierungen h¨
atten
Schl¨
ager angeheuert, um Protestierende einzusch¨
uchtern. Dass dieses Ph¨
anomen
vor allem im Zusammenhang mit l¨
andlicher Landnahme existiert, ist gut belegt
(G¨
obel 2011a). Interessanterweise scheint gerade Arbeitsprotesten tendenziell
eher seltener mit Gewalt begegnet zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die
Regierung bei Arbeitsprotesten Gewalt einsetzt, liegt weit unter der anderer
Protestanl¨
asse - insgesamt sind Berichte ¨
uber Arbeitsproteste vergleichsweise
selten mit den Schlagworten assoziiert, die auf Gewaltanwendung hindeuten.
Letztere scheint vor allem Konflikten im Zusammenhang mit Landenteignung
vorbehalten zu sein.
Aus der Analyse kann zwar abgeleitet werden kann, welche Reaktionen ten-
denziell nicht erfolgen, allerdings bleibt unklar, wie genau diese Konflikte gel¨
ost
werden. Eine in diesem Zusammenhang zu pr¨
ufende Vermutung ist, dass das
Paradigma eines verhandelnden autorit¨
aren Staat f¨
ur die Untergruppe der Ar-
beitsproteste doch valide ist. M¨
oglicherweise ¨
ubt die Regierung Druck auf die
16
0.64 ***
0.47 ***
0.39 ***
0.82 ***
wages
mgrnt_wages
teacher_wgs
taxi_strk
1
Odds Ratios
officially sanctioned violence
0.84 **
0.70 ***
1.54 ***
1.65 ***
wages
mgrnt_wages
teacher_wgs
taxi_strk
1 2
Odds Ratios
clearup by police
Abbildung 5: Reaktionen der Regierung
Demonstranten, sondern die Arbeitgeber aus. Diese Hypothese muss durch die
Auswertung von Berichten ¨
uber einen l¨
angeren Zeitraum ¨
uberpr¨
uft werden, da
das hier gesammelte Material sich auf den Zeitpunkt des Aufflammens des Pro-
tests bezieht, nicht jedoch auf dessen weiteren Verlauf.
4.4 Strukturelle Determinanten
In einem letzten Analyseschritt soll nun ¨
uberpr¨
uft werden, ob sich Arbeitsprote-
ste tats¨
achlich an Orten mit bestimmten strukturellen Merkmalen h¨
aufen. Bei-
spielsweise ist zu vermuten, dass Arbeitsproteste besonders h¨
aufig in St¨
adten
mit einem großen Industrie- und Dienstleistungssektor auftreten, wohingegen
in l¨
andlichen Regionen weniger Arbeitsproteste zu erwarten sind - hier d¨
urfte
vor allem gegen illegale Landnahme protestiert werden. Sind die Ergebnisse der
bestehenden qualitativen Studien korrekt, so m¨
ussten Arbeitsproteste beson-
ders h¨
aufig dort auftreten, wo die G¨
uterproduktion vor allem f¨
ur internationale
Unternehmen einen hohen Anteil des Bruttoregionalprodukts ausmachen (Chan
2001; Chan 2003; Sum und Ngai 2005; Ngai 2005b; Ngai 2005a; Gallagher 2011;
Chan 2012). Hier konzentrieren sich prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse, und der Preis-
druck durch die Konkurrenz mit asiatischen Entwicklungsl¨
andern ist hoch.
Eine weitere Vermutung ist, dass sich ein hoher Anteil an Arbeitslosigkeit
ebenfalls auf die Protesth¨
aufigkeit auswirkt, da hier der Pool an potentiellen
Bewerbern auf eine Stelle gr¨
oßer ist. Ebenso sollte ein Zusammenhang zwischen
einer niedrigen Sozialversichertenquote und einem hohen Protestaufkommen be-
stehen. Die Logik hinter dieser Vermutung ist, dass der Verlust des Arbeitsplat-
zes mit h¨
oherer Wahrscheinlichkeit einen sofortigen Verlust des Einkommens
bedeutet. In ¨
ahnlicher Weise sollte die Protestwahrscheinlickeit dort h¨
oher sein,
17
wo Regierungsausgaben tendenziell niedrig sind. Letzteres l¨
asst einerseits auf
ein vergleichsweise niedriges Entwicklungsniveau schließen, da in China Ausga-
ben stark mit Einnahmen korrelieren, andererseits aber auch auf einen “kleinen
Staat”, der in geringerem Maße soziale Leistungen erbringen und die Einhaltung
von Arbeitsstandards zu sanktionieren vermag.
Schließlich soll, wie im Methodenteil erl¨
autert, noch ¨
uberpr¨
uft werden, ob ein
Zusammenhang zwischen Internetverf¨
ugbarkeit und der Anzahl von Arbeitspro-
testen vorliegt - ein m¨
ogliches Anzeichen daf¨
ur, dass die der Arbeit zu Grunde
liegende Stichprobe nicht repr¨
asentativ ist.
structural predictors of labor protests
−1.0 −0.5 0.0 0.5 1.0
Internet.n
Exp.n
insur.n
FDI.n
unempl.n
EmplManufact.n
PrimaryPercGDP.n
Abbildung 6: Alle Protestarten nach Kategorie
Abbildung 6 visualisiert das Ergebnis der Regressionsanalyse. Da weder die
erkl¨
arenden noch die zu erkl¨
arende Variablen normalverteilt vorliegen, wurden
alle Daten logarithmiert. Um die Vergleichbarkeit zu gew¨
ahrleisten und Verzer-
rungen durch die Bev¨
olkerungsgr¨
oße oder die Gr¨
oße der regionalen Wirtschaft
zu vermeiden, wurden alle erkl¨
arenden Variablen durch die Bev¨
olkerungszahl
bzw. die H¨
ohe des Bruttoregionalprodukts geteilt. Die Variablen liegen also als
Pro-Kopf-Werte bzw. als Anteil am Bruttoregionalprodukt vor. Eine Ausnahme
stellt die Besch¨
aftigtenzahl im Fertigungssektor dar, da hier eine Umrechnung
auf die Gesamtbev¨
olkerung wenig sinnvoll ist. Die Ergebnisse sind folgender-
maßen zu lesen: eine Zunahme von einem Prozentpunkt bei dem jeweiligen
Faktor f¨
uhrt zu einer prozentuellen Zunahme in der H¨
ohe des in der Abbil-
dung visualisierten Koeffizienten. Die L¨
angsstriche stellen die 99 Prozent so-
wie 95 Prozent Konfidenzintervalle dar. Die Ergebnisse entsprechen gr¨
oßtenteils
den gerade formulierten Erwartungen: tendenziell treten Arbeitsproteste h¨
aufig
in industriell gepr¨
agten Regionen, und besonders h¨
aufig in St¨
adten mit vielen
Besch¨
aftigten im Fertigungssektor auf. Arbeitslosigkeit hat einen signifikanten,
wenn auch nicht starken Effekt auf das Entstehen von Protesten, dasselbe gilt
18
f¨
ur die H¨
ohe der Regierungsausgaben. Zwei ¨
Uberraschungen stellen die Befunde
dar, dass ausl¨
andische Direktinvestitionen sehr gering, eine hohe Prozentzahl
an Versicherten in der Gesamtbev¨
olkerung jedoch positiv mit der Protestvaria-
ble korreliert. Der erste Befund k¨
onnte genauso durch verbesserte Arbeitsbe-
dingungen bei ausl¨
andischen Unternehmen wie der Verlagerung von Direktin-
vestitionen in den Dienstleistungssektor erkl¨
art werden, bedarf aber in jedem
Fall einer weitergehenden ¨
Uberpr¨
ufung. Der zweite ¨
uberraschende Befund l¨
asst
sich m¨
oglicherweise dadurch erkl¨
aren, dass Wanderarbeiter generell weder ver-
sichert sind noch in der Statistik aufscheinen. Arbeitsproteste w¨
urden dann
besonders dort auftreten, wo ein hoher Anteil der Besch¨
aftigten in regul¨
aren
Arbeitsverh¨
altnissen angestellt und in das Sozialversicherungssystem integriert
ist - der Gegensatz zwischen nicht prek¨
arer und prek¨
arer Arbeit w¨
are hier in
besonderem Maße offensichtlich. Diese Hypothesen bed¨
urfen in jedem Fall der
weiteren ¨
Uberpr¨
ufung, eine Aussage f¨
ur den vorliegenden Fall darf aus den vor-
liegenden Ergebnissen nicht abgeleitet werden.
5 Schlussfolgerungen
Die Aufgabe des vorliegenden Beitrags war es, die Auswirkungen prek¨
arer Ar-
beitsverh¨
altnisse auf die soziale Stabilit¨
at der Volksrepublik China zu unter-
suchen. Es konnte gezeigt werden, dass prek¨
are Besch¨
aftigungsverh¨
altnisse in
China in der Tat die Ursache massiver sozialer Unruhen sind. Vor dem Hinter-
grund, dass die steigende Anzahl an Protesten in China in Wissenschaft und
Politik intensiv debattiert wird, ist dies eine sehr wichtige Erkenntnis. Kon-
kret konnte gezeigt werden, dass rund ein Drittel der insgesamt in China ver-
zeichneten Proteste auf die Unzufriedenheit von Wanderarbeitern, aber auch
Menschen in normalen Besch¨
aftigungsverh¨
altnissen zur¨
uckgef¨
uhrt werden kann.
Zum gegenw¨
artigen Zeitpunkt scheint eine Eskalierung der Proteste zu system-
gef¨
ahrdenden Unruhen nicht wahrscheinlich, da die Sicherheitskr¨
afte den Prote-
sten tendenziell nicht mit Gewalt begegnen. Dennoch k¨
onnen schwerwiegendere
Unruhen durch nationale oder internationale Wirtschafts- und Finanzkrisen aus-
gel¨
ost werden.
Die F¨
uhrung der kommunistischen Partei Chinas hat Maßnahmen eingeleitet,
um der Unzufriedenheit der prek¨
ar Besch¨
aftigten zu begegnen. Dazu geh¨
ort die
mehrmalige Anhebung der Mindestl¨
ohne und die Versch¨
arfung des Arbeitsver-
tragsgesetzes - der g¨
angigen Praxis der entgeltlichen Vermittlung von Niedrigst-
lohnarbeitern mit extrem kurzen Vertr¨
agen soll damit entgegengewirkt werden.
Schließlich ist noch die Verabschiedung eines Sozialversicherungsgesetzes und
weiterer Regelungen, die auch den ¨
Armsten in der chinesischen Gesellschaft
einen minimalen Schutz gegen Lebensrisiken wie Krankheit und Arbeitslosig-
keit bieten soll, hervorzuheben. Allerdings sind die Leistungen so niedrig, dass
sie vor allem bei chronischen Krankheiten keine Hilfe darstellen. Nach wie vor
sind deshalb Arbeitslosigkeit und Krankheit die gr¨
oßte Sorge chinesischer Fa-
milien in den unteren Einkommensschichten.
Diese Maßnahmen sind zweifellos sehr wichtige Schritte, um soziale Unruhen in
19
China zu entsch¨
arfen, reichen aber bei weitem nicht aus. Dies ist umso mehr
der Fall, als diese Maßnahmen nicht stringent umgesetzt werden. F¨
ur Unterneh-
mer und Politiker besteht nach wie vor ein hoher Anreiz, Lohnkosten niedrig
zu halten und so zumindest nominell das Bruttoregionalprodukt zu steigern.
Da die internationale Wettbewerbsf¨
ahigkeit chinesischer Billigexporte abnimmt,
die Struktur des Binnenmarkts chinesischen Unternehmen wenige Anreize gibt,
Produkte h¨
oherer Wertsch¨
opfung zu entwickeln und produzieren, und China
gleichzeitig mit einer rasch alternden Bev¨
olkerung konfrontiert ist, sind die Her-
ausforderungen groß. Die momentan gew¨
ahlte Strategie, das Wachstum des BIP
durch Staatskonsum zu f¨
ordern, ist nicht nachhaltig. Es kann nicht genug be-
tont werden, dass diese Probleme nicht das Resultat der j¨
ungsten Krise sind,
sondern ihren Ursprung in der weiten Verbreitung prek¨
arer Arbeitsverh¨
altnisse
haben. Das hohe Wirtschaftswachstum wurde zum Preis einer anwachsenden
Kluft zwischen hohen und niedrigen Einkommen erkauft, die nun indirekt die
Innovationsf¨
ahigkeit chinesischer Unternehmen be- und einen nachhaltig wach-
senden Binnenmarkt verhindert. Es muss das Ziel der chinesischen Regierung
sein, durch eine weitere Abfederung von Lebensrisiken, der Erh¨
ohung niedriger
Einkommen und der F¨
orderung innovativer (sozialer) Unternehmen der steigen-
den Einkommensungleichheit entgegenzuwirken. F¨
ur Politiker anderer L¨
ander
bietet China ein gutes Beispiel der negativen Folgen, die die Abw¨
artsspirale
von prek¨
arer Arbeit, niedrigen Einkommen, steigender Ungleicheit, schwacher
Kaufkraft und sozialen Unruhen f¨
ur die politische, wirtschaftliche und soziale
Stabilit¨
at eines Landes haben kann. Da prek¨
are Arbeitsverh¨
altnisse ein globales
Ph¨
anomen sind, und durch den internationalen Wettbewerb beg¨
unstigt wer-
den, sind innovative und integrative L¨
osungen auf der nationalen wie auf der
internationalen Ebene gefragt.
20
Literatur
Alexander, Peter und Anita Chan (2004). Does China have an apartheid pass
system?“ In: Journal of Ethnic and Migration Studies 30.4, S. 609–629.
Bai, Limin (2006). Graduate unemployment: Dilemmas and challenges in Chi-
na’s move to mass higher education“. In: The China Quarterly 185, S. 128–
144.
Becker, Jeffrey, Manfred Elfstrom u.a. (2010). The Impact of China’s Labor
Contract Law on Workers“. In:
Bernstein, Thomas P und Xiaobo L¨
u (2003). Taxation without representation
in contemporary rural China. Bd. 37. Cambridge University Press.
Blei, David M, Andrew Y Ng und Michael I Jordan (2003). Latent dirichlet
allocation“. In: the Journal of machine Learning research 3, S. 993–1022.
Bowlus, Audra J und Terry Sicular (2003). Moving toward markets? Labor allo-
cation in rural China“. In: Journal of Development Economics 71.2, S. 561–
583.
Bruni, Michele u. a. (2011). China’s New Demographic Challenge: From Un-
limited Supply of Labour to Structural Lack of Labour Supply. Labour mar-
ket and demographic scenarios: 2008-2048“. In: Department of Political Eco-
nomy, University of Modena and Reggio Working Paper 643.
Butollo, Florian und Tobias ten Brink (2012). Challenging the atomization of
discontent: Patterns of migrant-worker protest in China during the series of
strikes in 2010“. In: Critical Asian Studies 44.3, S. 419–440.
Cai, Fang und Kam Wing Chan (2009). The global economic crisis and unem-
ployment in China“. In: Eurasian Geography and Economics 50.5, S. 513–
531.
Cai, Fang, Dewen Wang und Yang Du (2002). Regional disparity and econo-
mic growth in China: The impact of labor market distortions“. In: China
Economic Review 13.2, S. 197–212.
Cai, Yongshun (2008). Power structure and regime resilience: contentious po-
litics in China“. In: British Journal of Political Science 38.03, S. 411–432.
Chan, Anita (1998). Labor standards and human rights: The case of Chinese
workers under market socialism“. In: Human Rights Quarterly 20.4, S. 886–
904.
(2000). Globalization, China’s free (read bonded) labour market, and the
Chinese trade unions“. In: Asia Pacific Business Review 6.3-4, S. 260–281.
(2001). China’s workers under assault: The exploitation of labor in a globa-
lizing economy. ME Sharpe.
(2003). A “Race to the Bottom”. Globalisation and China’s labour stan-
dards“. In: China Perspectives 46.
(2007). Organizing Wal-Mart in China: two steps forward, one step back
for China’s unions“. In: New Labor Forum. Bd. 16. 2. The City University
of New York on behalf of the Murphy Institute for Worker Education und
Labor Studies, S. 86.
(2010a). ‘Labor Unrest and Role of Unions“. In: China Daily 18, S. 9.
(2010b). ‘Labor Unrest and Role of Unions“. In: China Daily 18, S. 9.
21
Chan, Anita und Kaxton Siu (2010). Analyzing exploitation: The mechanisms
underpinning low wages and excessive overtime in Chinese export factories“.
In: Critical Asian Studies 42.2, S. 167–190.
Chan, Chris King-chi (2012). The challenge of labour in China: Strikes and the
changing labour regime in global factories. Bd. 16. Routledge.
Chan, Chris King-Chi und Pun Ngai (2009). The making of a new working
class? A study of collective actions of migrant workers in South China“. In:
The China Quarterly 198, S. 287–303.
Chan, Jenny und Ngai Pun (2010). Suicide as protest for the new generation
of Chinese migrant workers: Foxconn, global capital, and the state“. In: The
Asia-Pacific Journal 37.2, S. 1–50.
Chan, Kam Wing (2010c). The household registration system and migrant
labor in China: notes on a debate“. In: Population and Development Review,
S. 357–364.
Chen, Chih-jou Jay (2009). Growing social unrest and emergent protest groups
in China“. In: Rise of China: Beijing’s strategies and implications for the
Asia-Pacific, S. 87–105.
Chen, Feng (2000). Subsistence crises, managerial corruption and labour pro-
tests in China“. In: The China Journal, S. 41–63.
(2003). Between the state and labour: The conflict of Chinese trade unions’
double identity in market reform“. In: The China Quarterly 176, S. 1006–
1028.
(2010). Trade unions and the quadripartite interactions in strike settlement
in China“. In: The China Quarterly 201, S. 104–124.
Chen, Xi (2012). Social protest and contentious authoritarianism in China.
Cambridge University Press.
Dalton, Russell, Alix Van Sickle und Steven Weldon (2010). The individual–
institutional nexus of protest behaviour“. In: British Journal of Political
Science 40.01, S. 51–73.
Davin, Delia (1999). Internal migration in contemporary China.“ In:
De Haan, Arjan (2010). A defining moment? China’s social policy response to
the financial crisis“. In: Journal of International Development 22.6, S. 758–
771.
Dickson, Bruce J (2008). Wealth into power: the communist party’s embrace of
China’s private sector. Cambridge University Press.
Ding, Daniel Z und Malcolm Warner (2001). China’s labour-management sy-
stem reforms: Breaking the ‘Three Old Irons’(1978–1999)“. In: Asia Pacific
journal of management 18.3, S. 315–334.
Farrell, Diana und Andrew J Grant (2005). China’s looming talent shortage“.
In: McKinsey Quarterly 4.56, S. 70–79.
Gallagher, Mary E und Baohua Dong (2011). Legislating harmony: Labor law
reform in contemporary China“. In: From Iron Rice Bowl to Informalization:
Markets, Workers, and the State in A Changing China, S. 36–60.
Gallagher, Mary Elizabeth (2011). Contagious capitalism: Globalization and the
politics of labor in China. Princeton University Press.
G¨
obel, Christian. Assessing Pathways to Success“. In:
22
G¨
obel, Christian (2011a). The politics of rural reform in China: State policy
and village predicament in the early 2000s“. In: The China Quarterly 206,
S. 426–461.
— (2011b). Uneven policy implementation in rural China“. In: The China
Journal, S. 53–76.
— (2013). Politik f¨
ur die Wissensgesellschaft und indigene Innovation“. In:
L¨
anderbericht China.
G¨
obel, Christian und Lynette H Ong (2012). Social unrest in China“. In: Long
Briefing, Europe China Research and Academic Network (ECRAN).
Golley, Jane und Rod Tyers (2006). China’s Growth to 2030: Demographic
Change and the Labour Supply Constraint“. In: The Turning Point in Chi-
na’s Economic Development, Asia Pacific Press, Canberra, S. 203–26.
Grimmer, Justin und Brandon M Stewart (2013). Text as data: The promise
and pitfalls of automatic content analysis methods for political texts“. In:
Political Analysis, mps028.
Hess, Steve (2009). Deliberative institutions as mechanisms for managing social
unrest: the case of the 2008 Chongqing taxi strike“. In: China: An Interna-
tional Journal 7.02, S. 336–352.
Hornik, Kurt und Bettina Gr¨
un (2011). topicmodels: An R package for fitting
topic models“. In: Journal of Statistical Software 40.13, S. 1–30.
Howell, Jude A (2008). All-China Federation of Trades Unions beyond reform?
The slow march of direct elections“. In: The China Quarterly 196, S. 845–
863.
Hui, Elaine Sio Ieng (2011). Understanding labour activism: the Honda wor-
kers’ strike“. In: C. Scherrer.
Khan, Azizur Rahman und Carl Riskin (2001). Inequality and Poverty in China
in the Age of Globalization“. In: OUP Catalogue.
Leung, Joe CB (1994). Dismantling the ‘iron rice bowl’: welfare reforms in the
People’s Republic of China“. In: Journal of Social Policy 23.03, S. 341–361.
(2003). Social security reforms in China: Issues and prospects“. In: Inter-
national Journal of Social Welfare 12.2, S. 73–85.
Li, Bingqin (2008). Why do migrant workers not participate in urban social se-
curity schemes? The case of the construction and service sectors in Tianjin“.
In: Series on Contemporary China 14, S. 92–117.
Li, Hongbin, Lingsheng Meng und Junsen Zhang (2006). Why do entrepreneurs
enter politics? Evidence from China“. In: Economic Inquiry 44.3, S. 559–578.
Lin, Justin Y, Gewei Wang und Yaohui Zhao (2004). Regional Inequality and
Labor Transfers in China*“. In: Economic Development and Cultural Change
52.3, S. 587–603.
Liu, Mingwei (2010). Union organizing in china: still a monolithic labor move-
ment?“ In: Industrial & Labor Relations Review 64.1, S. 30–52.
Liu, Wenhai (2006). A Study on Local Pilot Experiments on the Provision of
Social Insurances for Rural Migrant Workers“. In: Chinese Migrant Workers’
Research Report (Beijing: China Publishing House) pp, S. 53–69.
Lucas, Christopher u. a. (2015). Computer-Assisted Text Analysis for Compa-
rative Politics“. In: Political Analysis, mpu019.
23
Meng, Xin (2000). Labour market reform in China. Cambridge University Press.
Meng, Xin, Robert Gregory und Youjuan Wang (2005). Poverty, inequality, and
growth in urban China, 1986–2000“. In: Journal of Comparative Economics
33.4, S. 710–729.
Mertha, Andrew (2009). “Fragmented authoritarianism 2.0”: political plurali-
zation in the Chinese policy process“. In: The China Quarterly 200, S. 995–
1012.
Murphy, Rachel (2002). How migrant labor is changing rural China. Cambridge
University Press.
Nang, Leung Pak und Pun Ngai (2009). The radicalisation of the new Chinese
working class: A case study of collective action in the gemstone industry“.
In: Third World Quarterly 30.3, S. 551–565.
Nee, Victor (1992). Organizational dynamics of market transition: Hybrid
forms, property rights, and mixed economy in China“. In: Administrative
science quarterly, S. 1–27.
Ngai, Pun (1999). Becoming dagongmei (working girls): the politics of identity
and difference in reform China“. In: The China Journal, S. 1–18.
(2005a). Global production, company codes of conduct, and labor conditi-
ons in China: A case study of two factories“. In: The China Journal, S. 101–
113.
(2005b). Made in China: Women factory workers in a global workplace. Duke
University Press.
Ngai, Pun, Chris King Chi Chan und Jenny Chan (2009). The role of the state,
labour policy and migrant workers’ struggles in globalized China“. In: Global
Labour Journal 1.1.
Ngai, Pun und Jenny Chan (2012). Global capital, the state, and Chinese
workers the Foxconn experience“. In: Modern China 38.4, S. 383–410.
Ngai, Pun und Huilin Lu (2010). Unfinished proletarianization: self, anger, and
class action among the second generation of peasant-workers in present-day
China“. In: Modern China.
Nichols, Theo und Wei Zhao (2010). Disaffection with trade unions in China:
some evidence from SOEs in the auto industry“. In: Industrial Relations
Journal 41.1, S. 19–33.
Nielsen, Ingrid und Russell Smyth (2008). The Rhetoric and the Reality of
Social Protection for China’s Migrant Workers“. In: Migration and Social
Protection in China. Singapore: World Scientific.
Nolan, Peter und Wang Xiaoqiang (1999). Beyond privatization: Institutional
innovation and growth in China’s large state-owned enterprises“. In: World
Development 27.1, S. 169–200.
Overholt, William H (2010). China in the global financial crisis: rising influence,
rising challenges“. In: The Washington Quarterly 33.1, S. 21–34.
Perry, Elizabeth J (2002). Challenging the mandate of heaven: social protest and
state power in China. ME Sharpe.
Pringle, Tim (2011). Trade unions in China: The challenge of labour unrest.
Taylor & Francis.
24
Roberts, Margaret E, Brandon M Stewart und Dustin Tingley (2014). Naviga-
ting the local modes of big data: The case of topic models.
Rusch, Thomas u. a. (2013). Model trees with topic model preprocessing: An
approach for data journalism illustrated with the wikileaks afghanistan war
logs“. In: The Annals of Applied Statistics 7.2, S. 613–639.
Saich, Tony (2000). Negotiating the state: The development of social organi-
zations in China“. In: The China Quarterly 161, S. 124–141.
Shirley, Mary M (1999). Bureaucrats in business: The roles of privatization
versus corporatization in state-owned enterprise reform“. In: World Deve-
lopment 27.1, S. 115–136.
Sicular, Terry u. a. (2007). The urban–rural income gap and inequality in Chi-
na“. In: Review of Income and Wealth 53.1, S. 93–126.
Solinger, Dorothy J (2006). The creation of a new underclass in China and its
implications“. In: Environment and Urbanization 18.1, S. 177–193.
Solinger, Dorothy J und Yiyang Hu (2012). Welfare, wealth and poverty in
urban China: The Dibao and its differential disbursement“. In: The China
Quarterly 211, S. 741–764.
Steinhardt, H Christoph (2015a). From blind spot to media spotlight: Propa-
ganda policy, media activism and the emergence of protest events in the
Chinese public sphere“. In: Asian Studies Review 39.1, S. 119–137.
(2015b). State Behavior and the Intensification of Intellectual Criticism in
China The Social Stability Debate“. In: Modern China, S. 0097700415581158.
Sum, Ngai-Ling und Pun Ngai (2005). Globalization and paradoxes of ethi-
cal transnational production: Code of conduct in a Chinese workplace“. In:
Competition & Change 9.2, S. 181–200.
Tao, Ran (2008). Hukou reform and social security for migrant workers in
China“. In: Labour migration and social development in contemporary China,
S. 73.
Traub-Merz, Rudolf (2011). Lohnstreiks und Gewerkschaften in China-Ende der
Niedriglohnpolitik? Friedrich-Ebert-Stiftung, Referat Asien und Pazifik.
Truex, Rory (2014). The returns to office in a “Rubber Stamp” parliament“.
In: American Political Science Review 108.02, S. 235–251.
Ulfelder, Jay (2005). Contentious collective action and the breakdown of aut-
horitarian regimes“. In: International Political Science Review 26.3, S. 311–
334.
Wang, Dewen (2008). The design of a social security system for rural migrant
workers in China“. In: Migration and social protection in China 14, S. 51–64.
Wang, Meiyan (2007). Emerging urban poverty and effects of the Dibao pro-
gram on alleviating poverty in China“. In: China & World Economy
15.2, S. 74–88.
White, Gordon (1996). Chinese trade unions in the transition from socialism:
towards corporatism or civil society?“ In: British Journal of Industrial Re-
lations 34.3, S. 433–457.
Yang, Dennis Tao (1999). Urban-biased policies and rising income inequality
in China“. In: American Economic Review, S. 306–310.
25
Zhang, Xiaobo, Jin Yang und Shenglin Wang (2011). China has reached the
Lewis turning point“. In: China Economic Review 22.4, S. 542–554.
Zhao, Zhong (2005). Migration, labor market flexibility, and wage determina-
tion in China: A review“. In: The Developing Economies 43.2, S. 285–312.
Zheng, Yin Lily (2009). It’s Not What is on Paper, but What is in Practice:
China’s new labor contract law and the enforcement problem“. In: Wash.
U. Global Stud. L. Rev. 8, S. 595.
Zhou, Yongxin (2000). Socialist welfare with Chinese characteristics: The reform
of the social security system in China. 141. Centre of Asian Studies, the
University of Hong Kong.
26
... Recent surveys indicate that this strategy may have helped. While the single major reason for public unrest during the last half of the 2000s was land disputes (Ma 2013: 26), later studies have shown that the share of public unrest focusing on labour conditions has grown to a much higher level than land disputes in the last few years (Göbel, 2015;China Digital Times, 2016). ...
Article
Full-text available
Human Rights Quarterly 20.4 (1998) 886-904 The world has been awed by China's rapid economic development, labeling it "the latest Asian miracle." Some writers predict it will be the world's biggest economy in the next century. However, they generally do not mention that millions of ordinary people, mostly workers and peasants, will not be able to take advantage of this economic boom. The problem goes beyond workers not getting their share of the pie. Arguably more troubling is the fact that the fundamental labor rights of increasing numbers of workers are being seriously violated, in breach of the People's Republic of China's first-ever Labor Law of early 1995. Human rights literature usually does not mention labor rights or, if a link is drawn on paper, the reference is normally to "labor rights and human rights"--the underlying assumption being that labor rights are not subsumed under human rights. Evidence is presented in this article to show that labor rights are indeed a form of human rights and that more specific labor standards need to be created to ensure these rights. When reading the following description of Chinese labor conditions, it should be kept in mind that China is just one of many countries where workers' rights are subject to widespread abuse -- and China is not the worst. This discussion is based on the cumulative knowledge gained from half a decade of research on industrial relations in China. The project has involved extensive Chinese-language documentary research, annual trips to China to visit factories, formal and informal interviews with dozens of officials, managers, and workers, and a 1996 survey of 1,531 staff and workers in fifty factories located in five cities throughout China. The author's research shows that many of the tens of millions of workers who work outside of China's state-owned industrial sector are the victims of labor rights violations. Many of them are "migrant workers" from the countryside, who labor in the so-called township and village enterprises as well as the foreign-funded enterprises. They number about 144 million, forming a category as large as the urban state-enterprize workforce and the urban collective workers combined. They constitute China's peripheral flexible workforce in the new free labor market that has so often been hailed as the cornerstone of China's economic success. The following letter, co-signed by more than twenty workers and sent to the official trade union newspaper editor in 1995, illustrates violations of Chinese workers' rights:
Article
Full-text available
A startling 13 young workers attempted or committed suicide at the two Foxconn production facilities in southern China between January and May 2010. We can interpret their acts as protest against a global labor regime that is widely practiced in China. Their defiant deaths demand that society reflect upon the costs of a state-promoted development model that sacrifices dignity for corporate profit in the name of economic growth. Chinese migrant labor conditions as articulated by the state, are shaped by these intertwined forces: First, leading international brands have adopted unethical purchasing practices, resulting in substandard conditions in their global electronics supply chains. Second, management has used abusive and illegal methods to raise worker efficiency, generating widespread grievances and resistance at the workplace level. Third, local Chinese officials in collusion with enterprise management, systematically neglect workers' rights, resulting in widespread misery and deepened social inequalities. The Foxconn human tragedy raises profound concerns about the working lives of the new generation of Chinese migrant workers. It also challenges the state-driven policy based on the use of internal rural migrant workers, whose labor and citizenship rights have been violated.
Article
In Wealth into Power, Bruce Dickson challenges the notion that economic development is leading to political change in China, or that China's private entrepreneurs are helping to promote democratization. Instead, they have become partners with the ruling Chinese Communist Party to promote economic growth while maintaining the political status quo. Dickson's research illuminates the Communist Party's strategy for incorporating China's capitalists into the political system and how the shared interests, personal ties, and common views of the party and the private sector are creating a form of “crony communism.” Rather than being potential agents of change, China's entrepreneurs may prove to be a key source of support for the party's agenda. Based on years of research and original survey data, this book will be of interest to all those interested in China's political future and in the relationship between economic wealth and political power.
Article
Based on a treasure trove of information collected through fieldwork interviews and painstaking documentary research through the Chinese and Western language presses, this book analyzes one of the most important reforms implemented in China over the past decade - the rural tax and fee reform, also known as the "Third Revolution in the Countryside". The aim of the tax was to improve social stability in rural China, which has become increasingly shaken by peasant protests, many of them large-scale and violent. By examining the gap between the intentions of the reform and the eventual outcomes, Göbel provides new insights into the nature of intergovernmental relations in China and highlights the ways in which the relationship between the state and the rural populace has fundamentally changed forever. The Politics of Rural Reform in China will appeal to students and scholars of Chinese politics, governance and development studies.
Article
Xi Chen explores the question of why there has been a dramatic rise in and routinization of social protests in China since the early 1990s. Drawing on case studies, in-depth interviews, and a unique data set of about 1, 000 government records of collective petitions, this book examines how the political structure in Reform China has encouraged Chinese farmers, workers, pensioners, disabled people, and demobilized soldiers to pursue their interests and claim their rights by staging collective protests. Chen suggests that routinized contentious bargaining between the government and ordinary people has remedied the weaknesses of the Chinese political system and contributed to the regime's resilience. Social Protest and Contentious Authoritarianism in China challenges the conventional wisdom that authoritarian regimes always repress popular collective protest and that popular collective action tends to destabilize authoritarian regimes.
Article
The transition from a command economy to a capitalist market economy has entirely altered the industrial landscape in which Chinese trade unions have to operate. This book focuses on how the All China Federation of Trade Unions (ACFTU) is reforming under current conditions and demonstrates that labour unrest is the principal driving force behind trade union reform in China. Presenting case studies where reform has been largely inspired by the pressure of worker activism from below, the book examines three crucial areas of trade union activity - collective bargaining, labour rights and trade union direct elections - against the background of China’s turbulent industrial relations history.