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Literarische Verwandtschaft im Mittelalter. Literatur- und geschichtswissenschaftliche Perspektiven

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Abstract

Seit ihren Anfängen setzt sich die literaturwissenschaftliche Mediävistik immer wieder mit dem Thema der Verwandtschaft in erzählenden Texten auseinander. Kein Wunder: Wer das Personal mittelalterlicher Romane und das Verhältnis der einzelnen Figuren zueinander mustert, stellt schnell fest, dass verwandtschaftlich definierte Beziehungen die geschilderten Figurenkonstellationen auffällig häufig prägen. Auf der Grundlage dieser Beobachtung schloss und schließt man auf die wesentliche Bedeutung des Konzepts ,,Verwandtschaft“ für die Strukturierung mittelalterlicher Gesellschaften. Die Literaturwissenschaft sieht sich dabei in Übereinstimmung mit der Geschichtswissenschaft, in deren Zuständigkeitsbereich der Kontext der erzählenden Texte fällt und in der es seit langem – und trotz vielerlei Einschränkungen bis heute – als selbstverständlich gilt, dass Verwandtschaft im europäischen Mittelalter (wie in allen vormodernen Gesellschaften) ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Prinzip gesellschaftlicher Organisation war.
Astri d Lembke
Literarische Verwandtschaft im Mittelalter.
Literatur- und geschichtswissenschaftliche Perspektiven
Diskussion
Seit ihren Anfängen setzt sich die literaturwis-
senschaftliche Mediävistik immer wieder mit
dem Thema der Verwandtschaft in erzählenden
Texten auseinander. Kein Wunder: Wer das Per-
sonal mittelalterlicher Roma ne und das Verhältnis
der einzelnen Figuren zueinander mustert, stellt
schnell fest, dass verwandtschaftlich definierte
Beziehungen die geschilderten Figurenkonstella-
tionen auffällig häufig prägen. Auf der Grundlage
dieser Beobachtung schloss und schließt man auf
die wesentliche Bedeutung des Konzepts „Ver-
wandtschaft“ für die Strukturierung mittelalter-
licher Gesellschaften. Die Literaturwissenschaft
sieht sich dabei in Übereinstimmung mit der
Geschichtswissenschaft, in deren Zuständigkeits-
bereich der Kontext der erzählenden Texte fällt
und in der es seit langem – und trotz vielerlei
Einschränkungen bis heute – als selbstverständlich
gilt, dass Verwandtschaft im europäischen Mittel-
alter (wie in allen vormodernen Gesellschaf ten) ein
wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Prinzip
gesellschaftlicher Organisation war.
Allerdings haben in den letzten rund 30 Jahren
zahl reiche Neudeutungen der Entwicklung von Ehe
und Familie in Europa (mit dem Titel von Jack
Goody von 1983)1 beträchtlich die Vorstellung
davon beeinflusst, wie Verwandtschaft im post-
römi schen Europa genau organisiert war, wie sie
im Zusa mmenspiel mit anderen gesell schaft lichen
Organisat ionsformen funktionierte u nd be sonders:
wie sich die lateineuropäische Spielart von Ver-
wandtschaft und Ehe von dem unterschied, was
in anderen Regionen der mittelalterlichen Welt
praktiziert wurde (also etwa in den christlich-
orthodoxen Ge sellscha ften Ost- und Südosteuro pas,
in den islamischen Gesellschaften oder in China).
Als spezifisch lateineuropäische Organisation
des Sozialen zeichnet sich für das gesamte Mittel-
alter, so die neuere geschichtswissenschaftliche Ver-
wandtschaftsforschung, eine auffällige Schwäche
verwa ndtschaft licher Strukt uren bei gleichzeitig er
Stärkung des konjugalen Paares ab. Sinngeber die-
ser kulturellen Formation sei das Christentum ge
wesen, das leibliche Abstammung nie prämiert
habe. Theologisch und rechtlich habe die lateini-
sche Kirche nicht ausgedehnte verwandtschaftliche
Netzwerke favorisiert – insbesondere nicht mehr
jene agnatisch konzipierten Ver bände, die die
römische Gesellschaft geprägt hatten –, sondern
zölibatäre Lebensformen, geistliche Verwandt-
schaftsverbindungen, genossenschaftliche Bünd-
nisse sowie die lebenslange Einheit des ehe lichen
Paares.2 Nurmehr a ls aris to kratischer Machtd iskurs
soll jene mutation lignagère des Hohen Mittelalters
zu deuten sein, die K arl Schmid u nd Georges Duby
für den großen strukturellen Umbruch gehalten
haben.3
Wenn aber nun die sozialhistorische Forschung
die Geschichte der Verwandtschaft im Mittelalter
einer grundlegenden Revision unterzieht und
damit einen neuen Kontext postuliert, in den der
Kanon der höfischen Literatur eingebettet gewesen
sein soll, dann wird die Frage nach der Rolle der
Verwandtschaft in diesen Texten zu einer neuen
Herausforderung. Welche Relektüren mittelalter-
licher Texte sind möglich oder sogar notwendig,
wenn sich die Literaturwissenschaft versuchsweise
die aktuelle Umdeutung aus der Geschichtswissen-
schaft zu eigen macht?
Die meisten literaturwissenschaftlichen Studi-
en zur Verwandtschaft im Mittelalter lassen sich
zwei Gruppen zuteilen.4 Zahlreiche Literaturwis-
senschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler
konzentrierten sich im Verlauf des 20. Jahrhun-
derts entweder auf ein thematisches Teilgebiet
der Verwandtschaftsforschung oder aber auf einen
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bestimmten Textbestand (also auf ein einzelnes
Werk, auf das Korpus der Werke eines Autors oder
auf eine Gattung). So entstanden einerseits Arbei-
ten zu spezifischen Themen wie Vatersuche, Inzest,
Verwandtenkampf, Onkel-Neffen-Beziehungen,
Genealogie oder Pflegekindschaft. Zum anderen
richtete sich das Interesse der Literaturwissenschaft
auf bestimmte Texte und Textsorten, in denen die
verwandtschaftlichen Beziehungen der Akteure
in besonderem Umfang oder besonders deutlich
zutage treten: so u. a. auf die französischen chan-
sons de geste und die französischen und deutschen
Gralsromane. Verbreitet waren und sind zudem
Kombinationen dieser beiden Ansätze.5
Der Tendenz zur Fokussierung auf ein abge-
grenztes Textkorpus folgend, wurden in der Ger-
manistik vor allem der Willehalm und der Parzival
Wolframs von Eschenbach zum Gegenstand von
Untersuchungen zum Stellenwert der Verwandt-
schaf t im hochmitte lalterlichen Denk en. An diesen
Arbeiten k ann exemplari sch gezeig t werden, wie aus
dem Austausch der wissenschaftlichen Disziplinen
untereinander eine rege und produktive For-
schungsdiskussion entstand. Seit den späten 70er
Jahren des 2 0. Jahrhunderts et wa widmete ma n sich
dem Thema der Verwandtschaft bei Wolfram vor
allem, im Anschluss an Claude Lévi-Strauss’ Stu-
dien zu Inzestverbot und Frauentausch, aus struk-
turanthropologischer Perspektive.6 Die deutschen
und französischen Strukturalisten schlossen aber
nicht nur an die e thnologische, sonder n – ebenso wie
ihre Vorgänger und ihre Nachfolger – auch an die
im engeren Sinn historische Forschung an. Ver-
wandtschaft galt ihnen nicht nur als ein überzeit-
liches und allgemeingültiges System zur Struk-
turierung von Gesellschaft. Sie gingen vielmehr
auch davon aus, dass sich in den mittelalterlichen
literarischen Verwandtschaftssystemen zeit- und
ortspezifische gesellschaf tliche Praktiken spiegeln,
wie sie von den Kolleg(inn)en aus der Geschichts-
wissenschaft untersucht wurden.7
In Studien wie Mario Mancinis Aufsatz Aiol,
dal clan al lignaggio etwa zeichnet sich deutlich
die Handschrift der Historiker Karl Schmid und
Georges Duby ab.8 Deren Thesen zur mittelal-
terlichen Verwandtschaft hatten seit den späten
1950er Jahren für einen Paradigmenwechsel in
der Geschichtswissenschaft gesorgt. In seinem
programmatischen Aufsatz Zur Problematik von
Familie, Sippe und Geschlecht, Haus und Dynastie
beim mittelalterlichen Adel aus dem Jahr 1957
wandte sich der deutsche Mediävist Karl Schmid
gegen die Annahme, dass Verwandtschaft bereits
im frühen Mittelalter die Form eines fest gefügten,
agnatisch strukturierten Rechtsverbandes besessen
habe.9 Stattdessen postulierte er, dass die frühmit-
telalterliche Sippe noch kognatisch-bilateral ge-
prägt wa r (dass also sowohl die mütterliche als auch
die väterliche Abstammungslinie von Bedeutung
waren), und dass diese Form verwandtschaftlicher
Organisation erst um die Jahrtausendwende von
einer agnatischen Geschlechterstruktur abgelöst
wurde (dass also Abstammung von nun an aus-
schließlich über die väterliche Linie definiert wur-
de). Gegenüber einem horizontalen, weitgehend
offenen und flexiblen Verband setzte sich Karl
Schmid zufolge eine vertikale, abgeschlossene, an
einem Ursprung ausgerichtete Ordnung durch.
Diese Transformation habe sich auf ein breites
Feld sozialer Pra ktiken ausgewirkt, das vom Verer-
bungs- und Nachfolgesystem bis zu den Strategien
der Allianzbildung durch Heiratspolitik gereicht
habe. Aufgenommen wurde Schmids These von
dem französischen Historiker Georges Duby.10 Die
Ausführungen Karl Schmids und Georges Dubys
waren für die germanistische und romanistische
Mediävistik wohl auch deshalb so anschlussfähig,
weil besonders Duby seine Auffassungen zur Ver-
wandtschaftsstruktur des Hochmittelalters immer
wieder mit Deutungen fiktionaler höfischer Texte
verband.11 Von der literaturwissenschaftlichen
Rezeption der Schmid/Duby-These zeugen z. B.
die Arbeiten Friedrich Wolfzettels zu den franzö-
sischen Enfance-Erzählungen, Michael Heintzes
zu den chansons de geste und Martin Przybilskis
zu Wolframs Willehalm.12
Die Mehrzahl der germanistischen und ro-
manistischen Mediävisten schloss an den in der
Geschichtswissenschaft bis Ende der 1990er Jahre
fast durchgehend anerkannten Forschungsstand
an. Man wies jedoch stets auch auf Befunde hin,
aus denen sich ein von Schmids und Dubys The-
sen abweichendes Bild ergab. So macht Elisabeth
Schmid im Gralsroman Robert de Borons zwar
starke vertikale, auf die Patrilinie ausgerichtete
Tendenzen aus, bei Chrétien de Troyes hingegen
ein eher horizontal ausgerichtetes Verwandt-
schaftsgefüge. Dorothea Kullmann wiederum
spricht in ihrer Untersuchung zur Verwandtschaft
in den altfranzösischen chansons de geste und Ro-
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Diskussion
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manen von einer Gleichzeitigkeit verschiedener
Verwandtschaftsvorstellungen.13 Stärkere Dif-
ferenzierungen sowohl bei der Betrachtung von
historischen und literarischen Verwandtschafts-
konzeptionen als auch bei der Untersuchung der
Wechselbeziehungen zwischen historischer Praxis
und dem Erzählen über Verwandtschaft forderte
auch Beate Kellner in ihrer Studie zum genealo-
gischen Wissen im Mittelalter von 2004.14
In der erzählenden Literatur des Hochmittelal-
ters wurde Verwandtschaft somit zwar nicht in al-
len Fällen, aber doch häufig in einem dynastischen
Sinn als wirkmächtiges Prinzip zur Strukturierung
von Gesellschaft präsentiert. Wie aber verhalten
sich solche diskursiven Inszenierungen zu den
konkreten sozialen Praktiken derjenigen Bevöl-
kerungsgruppe, die das Publikum der höfischen
Literatur bildete?
Der Vorstellung, dass die mittelalterliche Ge -
sellschaft übergreifend agnatisch organisiert ge-
wesen sei, widersprach erstmals zwar vehement,
jedoch lange Zeit von der deutschsprachigen
Geschichtswissenschaft weitgehend unbeachtet
der Ethnologe Jack Goody in seiner 1983 er-
schienenen Studie Die Entwicklung von Ehe und
Familie in Europa.15 Das europäische Verwandt-
schaftssystem zeichne sich dadurch aus, dass es mit
der Durchsetzung des Christentums zunehmend
bi lateral ausgerichtet worden sei und dass in ihm
zudem die Rechte des konjugalen Paares und der
Eltern-Kind-Beziehung auf Kosten der entfern-
teren Verwandtschaft deutlich gestärkt worden
seien.16 Zu erklären sei diese Entwicklung, so
Goody, mit den ökonomischen Interessen der
Kirche. Dieser habe daran gelegen, die Verwandt-
schaftsverbände zu schwächen, um auf ihre Kosten
selbst effektiv Besitz akkumulieren zu können. Zu
diesem Zweck habe man sämtliche Verfahrenswei-
sen beseitigt, mit deren Hilfe sich die Unwägbar-
keiten der Zeugung kompensieren ließen. Man
habe durch das Verbot von Scheidung, Polygynie,
Konkubinat und Adoption, durch die Problemati-
sierung der Wiederheirat sowie durch die massive
Ausweitung der Heiratsverbote für ein vermehrtes
Auftreten von Situationen gesorgt, in denen ein
Erblasser kinderlos starb. Wann im mer aber die
Kirche als alleiniger möglicher Erbe auftrat, habe
sie umfangreiche Besitztümer erwerben können.
Goodys These, dass die Kirche eine systematische
und zielgerichtete Politik der Besitzanhäufung ver-
folgt habe, konnte zwar nicht verifiziert werden.17
Seine Beobachtungen aber haben bis heute für die
Forschung nichts von ihrer Brisanz verloren. Tat-
sächlich nahm die Kirche entscheidenden Einfluss
darauf, wie man im Mittelalter Verwandtschaft
wahrnahm. Die Verwandtschaf tsfeindlichkeit der
Kirche ist u. a. im Neuen Testament verwurzelt.
Aus dessen spätantiker Rezeption entwickelte sich
die kirchliche Auffassung, dass nicht die leibliche
Abstammung zu prämieren sei, wohl aber geistliche
Beziehungen sowie die ex klusive und unauflösbare
Einheit des konjugalen Paares.18
Nicht in allen christlich geprägten Teilen der
Welt, wohl aber in Lateineuropa zeitigte die im
Neuen Testament angelegte Ablehnung von Ab-
stammung und weitreichenden Verwandtschafts-
beziehungen ähnlich weitreichende Konsequenzen.
Der österreichische Historiker Michael Mitterauer
beschrieb, wie sich bestimmte institutionelle Aus-
prägungen des Christentums zusammen mit be-
stimmten Herrschafts- und Wirtschaftsformen
auf die Bildung des westlichen Verwandtschafts-
systems auswirkten.19 Um die Charakteristika der
lateineuropäischen Vergesellschaftungsmodelle
herauszuarbeiten, verglich Mitterauer sie mit de-
nen der byzantinisch beeinflussten christlichen
Balkangesellschaf ten. Das Zusammenwirken einer
Vielzahl von Faktoren (hochzentralisierte Papst-
kirche, Feudalorganisation, Grundherrschaft,
Hu fenverfassung) habe im lateinischen Westen
eine im Kulturvergleich einmalige Konzeption
von Verwandtschaft ergeben: eine, in der väterliche
mit mütterlichen Blutsverwandten parallelisiert
wurden, aber auch Blutsverwandte mit Heirats-
verwandten und geistlich Verwandten; eine Kon-
zeption zudem, die nicht abstammungsorientiert,
sondern gattenzentriert wirkte.
Aufgenommen und weiterentwickelt wurden
die Modelle von Goody und Mitterauer u. a. in
Anita Guerreau-Jalaberts, Régine Le Jans und
Joseph Morsels Aufsatz zu Famille et Parenté,20
in Simon Teuschers und David Sabeans Ausfüh-
rungen zur relativ späten Vertikalisierung ver-
wandtschaftlicher Strukturen21 und schließlich
in Bernhard Jussens Aufsatz zu den Perspektiven
der Verwandtschaftsforschung. Jussen regt dazu an,
Goodys Beobachtungen zur relativ schwachen
Verwandtschaft im Hochmittelalter weiterhin als
Ausgangspunkt für weitere Diskussionen zu ver-
wenden. Er weist jedoch zugleich darauf hin, dass
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Astrid Lembke: Literarische Verwandtschaft im Mittelalter
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mit diesem Modell die zahlreichen agnatischen
Repräsentationen – z. B. in der hochmittelalter-
lichen Literatur – nicht erklärt werden können.22
Es bleibt die Frage: Warum wird in einer ko-
gnatisch mindestens ebenso stark wie agnatisch
und zudem in weiten Teilen genossenschaftlich
organisierten Gemeinschaft so viel über patriline-
are Abstammung gesprochen, über die Weitergabe
von Herrschaft vom Vater auf seinen Sohn, über
genealogische Reihen und vererbte Eigenschaften?
Eine These kann lauten, dass man in der adligen
Elite bereits im Hochmittelalter soziale Strukturen
imaginierte und diskursivierte, die erst 200 oder
300 Jahre später tatsächlich begannen, sich auch
in konventionalisier ten Handlungsroutinen auszu-
drücken. Die fiktionale Literatur bietet für solche
Gedankenexperimente einen Reflexionsraum.
Erklärt werden muss dann allerdings immer
noch, warum in der lateineuropäischen Gesell-
schaft um 1200 ausgerechnet das Thema der
agnatischen Verwandtschaft ein solches Faszina-
tionspotential entfaltet hat. Der Historiker Joseph
Morsel bietet auf diese Frage eine bedenkenswerte
Antwort an: Er liest den spätmittelalterlichen
Abstammungs- und Geschlechterdiskurs nicht
in erster Linie als Diskurs über Verwandtschaft,
sondern als Herrschaftsdiskurs, der sich lediglich
der Nomenklatur der Verwandtschaft bediene.23
Dynastien und Geschlechter seien, nur weil sie
aus Verwandten bestünden, noch lange keine
verwandtschaftlichen Gebilde. Es handle sich
vielmehr um herrschaftliche Formationen: Eine
Gruppe von Personen, deren Auswahl nach nicht-
verwandtschaftlichen Prinzipien erfolgt (etwa nach
politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, affekti-
ven), wird als ‚natürliche‘ Verwandtengruppe prä-
sentiert. Nicht eine bestimmte Position in einem
Verwandtschaftsverbund befähigt eine Person zur
Herrschaft – es gilt vielmehr als verwandt, wer
an der Herrschaft teilhat. Die Vorstellung, dass
ein Geschlecht oder eine Dynastie ausschließlich
oder hauptsächlich durch verwandtschaftliche
Verbindungen zusammengehalten wird, beruht
demnach auf einer Fiktion.24 Verwandtschaft im
lateineuropäischen Mittelalter ist Joseph Morsel
zufolge kein strukturierendes, sondern ein seiner-
seits machtpolitisch, religiös oder wirtschaftlich
strukturiertes Prinzip gesellschaftlicher Organi-
sation, welches aus Legitimationsgründen seine
Strukturiertheit zu verhüllen sucht.
Im Diskurs der gesellschaftlichen Eliten aber
tritt Verwandtschaft als strukturierendes Prinzip in
Erscheinung, wie auch in der Literatur wissenschaf t
häufig erkannt wurde. Seit dem Hochmittelalter
formieren sich die Adligen mehr und mehr zu
einem klar definierten Personenverband. Morsel
zufolge ist den adligen Akteuren daran gelegen,
auf den Druck im Inneren des gesellschaftlichen
Systems mit der Bildung von Solidaritätsgemein-
schaften zu reagieren wie auch im Zuge der
Territorialisierung eine Verwurzelung im Raum
zu erzielen. Dieser Prozess der Elitenbildung zum
Zweck der Akkumulation, Konzentration und
Verteidigung von Herrschaft und Macht führt
dazu, dass man ab dem späten Mittelalter tat-
sächlich vom europäischen ‚Adel‘ als abstrakter
sozialer Kategorie, a lso als Gesamtheit aller adligen
Personen sprechen kann statt von nobilitas als ad-
liger Lebensform.25 Auffällig ist, dass die Adligen
die Monopolisierung von Herrschaft schon früh
mit der Verwendung einer verwandtschaftlichen
Terminologie legitimieren. Joseph Morsels These
lautet mithin, dass verwandtschaftlich-agnatische
Repräsentationen als Instrument zur Schaffung
einer neuen Elitenidentität und, damit verbunden,
zur diskursiv legitimierten Konzentration von
Herrschaftsmitteln eingesetzt wurden.
Wie aber lässt sich dieses geschichtswissen-
schaftliche Konzept für die Literaturwissenschaft
nutzen? Schon lange hat man erkannt, dass es sich
bei höfischer Literat ur um eine – wenn auch viel fach
gebrochene und in ihren Intentionen nie eindeutige
– Form adliger R epräsentation und Selbs tinszenie-
rung handelt.26 Aus dieser Perspektive trägt die
höfische Literatur in nicht zu unterschätzendem
Maß dazu bei, nicht nur über Konflikte und Pro-
bleme innerhalb verwandtschaftlicher Bündnisse
zu sprechen, sondern eben auch mit Hilfe einer
‚Sprache der Verwandtschaft‘ insbesondere dieje-
nigen Konflikte und Probleme zu thematisieren,
die sich aus den aristokratischen Bemü hungen um
Elitenbildung und Herrschaftsstabilisierung erge-
ben.27 Warum aber aus gerechnet Verwandtscha ft?
Deren Terminologie zu verwenden, um Exklu-
sions- und Inklusionsmechanismen in Worte zu
fassen, ist schließlich nicht selbstverständlich. Eine
mögliche Erklärung lautet: Gerade die Vertreter
der Kirche mit ihrer verwandtschaftsfeindlichen
Lehre speisten das Vokabular der Verwandtschaft
immer wieder neu in den Diskurs ein und ver-
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Diskussion
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liehen ihm damit fortwährende Aktualität. Dies
geschah z. B. in den klerikalen Diskussionen um
das Inzestverbot.28 Vom europäischen Klerus bis
zum Jahr 1215 immer detaillierter ausgearbeitet,
um ausgedehnte verwandtschaftliche Netzwerke
zu schwächen, zwang die Inzestgesetzgebung die
Angehörigen der weltlichen Eliten dazu, sich mit
den Klassifizierungsregeln der Verwandtschaft
auseinander zusetzen und veran kerte dadurch deren
Terminologie als theoretisches Strukturierungs-
werkzeug fest im Bewusstsein aller Beteiligten. In
diesem Sinne förderte die Kirche verwandtschaft-
liches und genealogisches Denken im selben Maß,
in dem sie es bekämpfte.
Zu dem Sc hluss, dass i m Medium der höfischen
Romane und Epen Konflikte zwischen unter-
schiedlichen Vorstellungen von Verwandtschaft
ausgetr agen wurden, wa r die Literatur wissensc haft
allerdi ngs auch ohne die Hilf e von Historiker n wie
Joseph Morsel schon früh gekommen. Besonders
interessierte m an sich für die A rt und Weise, wie in
den erzählenden Texten aristokratische Exk lusivi-
tätsansprüche und kirchliche Integrationspostulate
auf der Basis der chr istlichen Glaubensgemeinsc haft
miteinander konfrontiert, überblendet oder auch
harmonisiert wurden. In den 1930er Jahren etwa
stellte Herma nn Schultheiss de m geslehte der Heiden
im Willehalm analy tisch die Religionszugehörigkeit
der Christen gegenüber.29 Auf einer breiten Textba-
sis und mit differen zierten Ergebnissen untersuchte
Elisabeth Schmid den Zusammenhang zwischen
„Familiengeschichten und Heilsmythologie“ (im
nicht ausschließlich klerikal-christlichen Sinn) in
den franz ösischen und deutschen Gralsromanen.30
Peter Strohschneider wiederum legte mehrere
Arbeiten zum volkssprachlichen Erzählen über
Heiligkeit vor, in denen das Eingebundensein des
Heiligen in einen sozialen Zusammenhang meist
über die Institution der adeligen Familie hergestellt
wird.31
Insgesamt zeigte und zeigt die mediävistische
Literaturwissenschaft großes Interesse an der
Ver mischung weltlicher und geistlicher, eher ex-
kludierender und eher inkludierender Konzepte,
die häufig in Erzählungen über Familien- und
Verwandtschaftskonflikte thematisiert werden.
Einer der ersten Literaturwissenschaftler, der sich
systematisch mit dem Einfluss religiöser Codes
und Denkmuster auf vormoderne und moderne
Vorstellungen von Familie und Verwandtschaft
beschä ftigte und der sich zu diesem Zweck auch auf
die Thesen Jack Goodys einließ, war kein Mediä-
vist, sondern der Neugermanist Albrecht Koschor-
ke. In seiner Studie über Die Heilige Familie und
ihre Folgen (2000) zeigte er, wie ein dem Neuen
Testament entstammendes, skandalöses und auf
den ersten Blick dysfunktionales Familienmodell
zu einem kulturellen Phantasma avancierte, das
bis heute das Verständnis der Europäer davon
prägt, was Familie, Verwandtschaft und überhaupt
menschliche Gemeinschaft bedeuten.32
Untersucht wurde die Vorstellung von der
Prägung verwandtschaftlicher Denkmuster durch
die Prämissen der christlichen Glaubenslehre auch
von dem germanistischen Mediävisten Christian
Kiening in seinem Buch Unheilige Familien.33
Kiening zufolge wurde das Modell der Heiligen
Familie im Mittelalter dazu verwendet, Bilder von
familiären Gemeinschaften zu entwerfen, die ihr
Faszinationspotential daraus gewinnen, dass sie
zwischen Heiligkeit und Unheiligkeit oszillieren.
Der Autor demonstriert an einer Vielzahl von
Beispielen, wie einerseits die Kirche die weltliche
Verwandtschaf tsterminologie übernimmt und ihr
einen neuen, geistlichen Sinn verleiht, während
andererseits die Aristokratie an einer Legitimation
weltlicher Zusammenhänge arbeitet, indem sie als
deren Begründung und Ziel einen geistlichen Ho-
rizont setzt.34 Häufig dienen solche Erzählungen
laut Kiening dazu, Herrschafts- und Dominanz-
verhältnisse sowie das Verhältnis zwischen den
Konzepten adliger Exklusivität und inklusiver
christlicher Gemeinschaft zu reflektieren.35
Damit schließlich ist die literaturwissenschaft-
liche Mediävistik ganz nah bei den Thesen Jack
Goodys und Jose ph Morsels von einer im westl ichen
Mittelalter lebensweltlich schwachen Verwandt-
schaft bzw. von gleichzeitig prominenten Macht-
disku rsen, die sich verwandts chaftlicher Vokabeln
und Metaphern bedienen, um die Exklusivität
einer gesellschaftlichen Gruppe zu legitimieren.
Es bleibt zu untersuchen, inwiefern sich Texte, in
denen kleinfamiliäre Strukturen und verwandt-
schaftliche Netzwerke eine größere Rolle spielen,
anders und neu lesen lassen, wenn man einige der
seltener rezipierten Thesen der Geschichtswis-
senschaft ernst nimmt: Wenn man beispielsweise
annimmt, dass in manchen Texten mit starken
weltlichen Schwerpunkten möglicherweise nicht
das Thema „Verwandtschaft“ zur Debatte steht,
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Astrid Lembke: Literarische Verwandtschaft im Mittelalter
22
sondern dass h ier die diesem Thema ben achbarten,
aber keinesweg s äquivalenten Themen „Herrschaf t“
und „Elitenbildung“ verhandelt werden, und dass
geistlich a kzentuierte Texte darauf eben so reagieren
wie sie auch ihr eigenes, stärker universalisieren-
des Programm entwickeln. Die Herausforderung
besteht für die Literaturwissenschaft wie auch für
die Geschichtswissenschaft nach wie vor darin,
wechselseitige Anleihen zu fördern und solcher-
maßen kreativ damit zu experimentieren, dass
dadurch Deutungspotentiale erzählender Texte
zum Vorschein kommen, die andernfalls unsicht-
bar bleiben würden. Auf diese Weise werden auch
weiterhin die Disziplinen voneinander profitieren.
Anmerkungen
1 Vgl. Jack Goody: Die E ntwicklung von E he und Fa-
milie in Europa, übers. v. Eva Horn, Frankfurt a. M.
1989 (11983) .
2 Vgl. Bernhard Jussen: Perspektiven der Verwandt-
schaftsforschung zwanzig Jahre nach Jack Goodys
„Entwicklung von Ehe und Familie in Europa“. In:
K.-H. Spieß (Hr sg.): Die Familie i n der Gesellsch aft
des Mittelalters, Ostfildern 2009, S. 275–324.
3 Vgl. Karl Schmid: Zur Problematik von Familie,
Sippe und Geschlecht, Haus und Dynastie beim
mittela lterlichen Adel. Vorfragen zum Thema ‚ Adel
und Herrschaft im Mittelalter‘ (1957). In: Ders.:
Gebetsgedenken und adliges Selbstverständnis
im Mittelalter: Ausgewählte Beiträge. Festgabe
zu seinem sechzigsten Geburtstag, Sigmaringen
1983, S. 183–244 ; Georges Duby: Ritter, Frau und
Priester. Die Ehe im feudalen Frankreich, übers. v.
Michael Schröter, Frankfurt a. M. 21986.
4 Eine ande re Aufteilung ni mmt Ursula Peters vor, die
die Untersuchun gsbereiche Themen, Autorenme nta-
litäten und Pro duktion sbedingung en ausmacht. Vgl.
dies.: Dynastengeschichte und Verwandtschafts-
bilder. Die Adelsfamilie in der volkssprachigen
Literatur des Mittelalters, Tübingen 1999, S. 44.
5 Vgl. z. B. Finn E. Sinclair: Milk and Blood. Gender
and Genealogy in the ,Chanson de Geste‘, Oxford
2003.
6 Vgl. z. B. Karl Bertau: Versuch über Verhaltensse-
mantik von Verwandten im „Parzival“ (1978). In:
Ders.: Wolfram von Eschenbach. Neun Versuche
über Subjektivität und Ursprünglichkeit in der
Geschichte, München 1983, S. 190–240.
7 Vgl. Elisabeth Schmid: Familiengeschichten und
Heilsmythologie. Die Verwandtschaftsstrukturen
in den französischen und deutschen Gralromanen
des 12. und 13. Jahrhunderts, Tübingen 1986,
S. 23 ff.; Werner Busse: Verwandtschaftsstruktu-
ren im „Parzival“. In: Wolfram-Studien 5 (1979),
S. 116–134, hier S. 131.
8 Mario Mancini: Aiol, dal clan al lignaggio. In:
C. Bordoni (Hrsg.): La pratica sociale del testo.
Scritti di sociologia della letteratura in onore die
Erich Köhler, Bologna 1982, S. 173–187.
9 Vgl. Schmid (wie Anm. 3).
10 Duby (wie Anm . 3), S. 106 f. Zweifel an der Schm id/
Duby-These, die al lerdings lang e Zeit ungehört blie-
ben, äußerte Karl-Heinz Spieß. Vgl. ders.: Familie
und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des
Spätmittelalters (13. bis Anfang des 16. Jahrhun-
derts), Stuttgart 1993, S. 539.
11 Vgl. z. B. Georges Duby: Die ‚Jugend‘ in der ari-
stokratischen Gesellschaft. In: Ders.: Wirklichkeit
und höfischer Traum. Zur Kultur des Mittelalters,
Berlin 1986, S. 103–116.
12 Vgl. Friedrich Wolfzettel: Zur Stellung und Bedeu-
tung der Enfances in der altfranzösischen Epik I
und II. In: Zeitschrift für französische Sprache
und Literatur 83 (1973), S. 317–348, 84 (1974),
S. 1–32; Michael Heintze: König, Held und Sippe.
Untersuchungen zur Chanson de geste des 13. und
14. Jahrhunderts und ihrer Zyklenbildung, Heidel-
berg 1991, S. 522; Martin Przybilski: ‚sippe‘ und
‚geslehte‘. Verwandtschaft als Deutungsmuster im
„Willehalm“ Wolframs von Eschenb ach, Wiesbaden
2000, S. 62, 114 ff.
13 Vgl. Dorot hea Kull mann : Verwandtsch aft in epi scher
Dichtung. Untersuchungen zu den französischen
chansons de geste und Romanen des 12. Jahrhun-
derts, Tübingen 1992, S. 35.
14 Vgl. Beate Kellner: Ursprung und Kontinuität.
Stu dien zum genea logischen Wissen i m Mittelalter,
München 2004, S. 76.
15 Vgl. Goody (wie Anm. 1).
16 Vgl. ebenda, S. 228.
17 Vgl. Jussen (wie Anm. 2), S. 287.
18 Vgl. Goody (wie Anm. 1), S. 88, 211 (zur spirituel len
Verwandtschaft) sowie S. 36 ff. und S. 162 ff. (zur
Ehe).
19 Vgl. Michael Mitterauer: Geschichte der Familie.
Mittelalter. In: A. Gestrich, J.-U. Krause, M. Mit-
terauer (Hrsg.): Geschichte der Familie, Stuttgart
2003, S. 160–363; Michael Mitterauer: Warum
Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonder-
wegs, München 2003, S. 89.
20 Vgl. Anit a Guerreau-Jalabert , Régine Le Jan, Joseph
Morsel: Fa mille et Parenté. De l ’histoire de la fa m ille
à l’anthropologie de la parenté. In: O. G. Oexle,
J.-C. Schmitt (Hrsg.): Les tendences actuelles de
l’h istoire du Moyen Âge en France e t en Allemagne,
Paris 2002, S. 433– 446. Vgl. auch früher Anita
Guerreau-Jalabert: La Parenté dans l’Europe mé-
© Peter Lang AG Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXV (2015), H. 1, S. 17–23
Diskussion
23
diéva le et moderne: à propos d ’u ne synthèse récente.
In: L’homme 110 (1989), S. 69–93.
21 Vgl. David Warren Sabean, Simon Teuscher: Kin-
ship in Europe. A New Approach to Long Term
Development. In: D. Warren Sabean, S. Teuscher,
J. Mathieu (Hrsg.): Kinship in Europe. Approaches
to Long-Term Development (1300–1900), New
York 2007, S. 1–32.
22 Vgl. Jussen (wie Anm. 2), S. 302.
23 Morsel spricht zwar über spätmittelalterliche Ver-
hältnisse; es bleibt zu überprüfen, ob sich deren
Parameter in verwandtschaftsdiskursiver Hinsicht
auf das Hochmittelalter übertragen lassen. Vgl.
Joseph Morsel: Verwandtschaft oder Herrschaft?
Zur Einordnung der sozialen Strukturen im spä-
ten Mittelalter. Bemerkungen zu Jörg Rogge:
‚Herrschaftsweitergabe, Konfliktregelung und
Familienorganisation im f ürstlichen Hochadel‘. In:
Neues Archiv für sächsische Geschichte 76 (2005),
S. 245–252, hier S. 249; Joseph Morsel (mit Chri-
stine Ducourtieux): L’Histoire (du Moyen Âge) est
un sport de combat… Réflexions sur les finalités de
l’h istoire du Moyen Âge dest inées à une société dans
laquelle même le s étudiants d’histoire s’interrogent,
Paris 2007, S. 110 f.
24 Vgl. Joseph Mors el: Geschlec ht und Reprä sentation.
Beobachtungen zur Verwandtschaftskonstruktion
im fränkischen Adel des späten Mittelalters. In:
O. G. Oexle, A. von Hülsen-Esch (Hrsg.): Die Re-
präsentat ion der Gruppen. Texte – Bilder – Objekte,
Göttingen 1998, S. 259–325, hier S. 313.
25 Joseph Morsel macht deutlich, dass die Existenz
von Personen, die in mittelalterlichen Texten als
adelig gekennzeichnet werden, nicht zwangsläufig
darauf schließen lässt, dass auch das Phänomen
des ‚Adels‘ als klar definierter Personenverband im
hohen Mittelalter existiert hat (ähnlich wie eine
Anz ahl von ‚Bürge rn‘ noch nicht das ist, w as man im
19. Jahrhund ert meint, wenn man vom ‚Bü rgertum‘
spricht). Morsels These, den niederen fränkischen
Adel betreffend, lautet: „Der Adel in Franken ist
entscheidend er st im ausgehenden Mit telalter, näm-
lich nach 1400, entstanden. Das heißt: Es gab zuvor
zwar eine Gesamtheit soziopolitisch dominierender
Menschen, d ie – unregelmä ßig, nicht eindeutig u nd
nicht alle – als nobiles bezeichnet werden konnten,
keinesfalls aber das soziale Gefüge bildeten, das
man später ‚Adel‘ nannte.“ Ders.: Die Erfindung
des Adels. Zur Soziogenese des Adels am Ende des
Mittela lters – das B eispiel Frank ens. In: O. G. Oex le,
W. Paravicini (Hrsg.): Nobilitas. Funktion und
Repräsentation des Adels in Alteuropa, Göttingen
1997, S. 312–375, hier S. 316.
26 Vgl. z. B. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Litera-
tur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, Bd. 2,
München 51990, S. 382.
27 Siehe a uch Beate Kell ners Hinweis zu m Zusammen-
hang von Herrschaft und Genealogie im Buch von
Bern: „Entscheidend ist […], daß die genealogische
Vorgeschichte des ‚Buches von Bern‘ funktional auf
den Erweis von Herrschaftskon tinuität zielt und
Genealogie dabei die Rolle eines stabilisierenden
Mechanismus spielt. Zweifellos waren die genea-
logischen Argumentationsstrate gien, die Entwürfe
von Eigengeschichten einer Sippe bzw. Dynastie,
darauf ausgerichtet, Konti nuitätsprobleme von
Herrschaf tsansprüchen zu verbergen, ge wisser maßen
zu überdecken.“ Beate Kellner: Kontinuität der
Herrschaft. Zum mittelalterlichen Diskurs der
Ge
nealogie am Beispiel des ‚Buches von Bern‘.
In: J.-D. Müller, H. Wenzel: Mittelalter. Neue
Wege durch einen alten Kontinent, Stuttgart 1999,
S. 43– 62, hier S. 51.
28 Vgl. Karl U bl: Inzestverbot und Gesetzgebung. Die
Konstr uktion eines Verbrechens (30 0–1100), Berl in
2008.
29 Vgl. Hermann Schultheiss: Die Bedeutung der Fa-
milie i m Denken Wolframs von Es chenbach, Breslau
1937, S. 66.
30 Vgl. Schmid (wie Anm. 7).
31 Vgl. z. B. Peter Strohschneider: Inzest-Heiligkeit.
Krise und Auf hebung der Unterschiede in Hart-
manns ‚Gregorius‘. In: Ch. Huber, B. Wachinger,
H.-J. Ziegler (Hrsg.): Geistliches in weltlicher und
Weltliches in geistlicher Literatur des Mittelalters,
Tübingen 2000, S. 105–133.
32 Albrecht Koschorke: Die Heilige Familie und ihre
Folgen, Frankfurt a. M. 32001.
33 Christia n Kiening: Unheilige Fami lien. Sinnmuster
mittelalterlichen Erzählens, Würzburg 2009.
34 Vgl. ebenda, S. 28 f.
35 Vgl. ebenda, S. 15.
© Peter Lang AG Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXV (2015), H. 1, S. 17–23
Astrid Lembke: Literarische Verwandtschaft im Mittelalter
Anschrift der Verfasserin: Dr. Astrid Lembke, Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophi-
sche Fakultät II, Institut für deutsche Literatur, Ältere deutsche Literatur, D–10099 Berlin,
<astrid.lembke@hu-berlin.de>
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Entwicklung von Ehe und Familie in Europa
  • Bernhard Vgl
  • Jussen
Vgl. Bernhard Jussen: Perspektiven der Verwandtschaftsforschung zwanzig Jahre nach Jack Goodys "Entwicklung von Ehe und Familie in Europa". In: K.-H. Spieß (Hrsg.): Die Familie in der Gesellschaft des Mittelalters, Ostfildern 2009, S. 275-324.
Milk and Blood. Gender and Genealogy in the
  • Z B Vgl
  • E Finn
  • Sinclair
Vgl. z. B. Finn E. Sinclair: Milk and Blood. Gender and Genealogy in the,Chanson de Geste', Oxford 2003.
Versuch über Verhaltenssemantik von Verwandten im
  • Z B Vgl
  • Bertau
Vgl. z. B. Karl Bertau: Versuch über Verhaltenssemantik von Verwandten im "Parzival" (1978). In: Ders.: Wolfram von Eschenbach. Neun Versuche über Subjektivität und Ursprünglichkeit in der Geschichte, München 1983, S. 190-240.
  • Duby
Duby (wie Anm. 3), S. 106 f. Zweifel an der Schmid/ Duby-These, die allerdings lange Zeit ungehört blieben, äußerte Karl-Heinz Spieß. Vgl. ders.: Familie und Verwandtschaft im deutschen Hochadel des Spätmittelalters (13. bis Anfang des 16. Jahrhunderts), Stuttgart 1993, S. 539.
Die ‚Jugend' in der aristokratischen Gesellschaft
  • Z B Vgl
  • Georges Duby
Vgl. z. B. Georges Duby: Die ‚Jugend' in der aristokratischen Gesellschaft. In: Ders.: Wirklichkeit und höfischer Traum. Zur Kultur des Mittelalters, Berlin 1986, S. 103-116.
Untersuchungen zu den französischen chansons de geste und Romanen des 12
  • Dorothea Vgl
  • Kullmann
Vgl. Dorothea Kullmann: Verwandtschaft in epi scher Dichtung. Untersuchungen zu den französischen chansons de geste und Romanen des 12. Jahrhunderts, Tübingen 1992, S. 35.
Goody (wie Anm. 1), S. 88, 211 (zur spirituellen Verwandtschaft) sowie S. 36 ff. und S
  • Vgl
Vgl. Goody (wie Anm. 1), S. 88, 211 (zur spirituellen Verwandtschaft) sowie S. 36 ff. und S. 162 ff. (zur Ehe).
Famille et Parenté. De l'histoire de la fa mille à l'anthropologie de la parenté
  • Anita Vgl
  • Régine Guerreau-Jalabert
  • Joseph Le Jan
  • Morsel
Vgl. Anita Guerreau-Jalabert, Régine Le Jan, Joseph Morsel: Famille et Parenté. De l'histoire de la fa mille à l'anthropologie de la parenté. In: O. G. Oexle, J.-C. Schmitt (Hrsg.): Les tendences actuelles de l'histoire du Moyen Âge en France et en Allemagne, Paris 2002, S. 433-446. Vgl. auch früher Anita Guerreau-Jalabert: La Parenté dans l'Europe médiévale et moderne: à propos d'une synthèse récente. In: L'homme 110 (1989), S. 69-93.