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Namibia – Gesellschaftspolitische Erkundungen. Buchrezension: Melber, Henning (2015): Namibia - Gesellschaftspolitische Erkundungen seit der Unabhängigkeit.

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Abstract

Wenn ein Autor kurz nacheinander jeweils ein Buch in englischer und eines in deutscher Sprache zum Rahmenthema „Entwicklung Namibias seit der Unabhängigkeit“ veröffentlicht, dann liegt die Vermutung nahe, dass letzteres lediglich eine deutsche Fassung des englischen Buches ist. Um dies gleich vorwegzunehmen: Henning Melbers vor kurzem im Brandes und Appels Verlag erschienenes Buch "Namibia - Gesellschaftspolitische Erkundungen seit der Unabhängigkeit“ ist nicht einfach eine deutsche Fassung seines 2014 bei C. Hurst & Co. Publishers veröffentlichten „Understanding Namibia. The Trials of Independence“ (am 6. Jan. 2015 hier in der AZ rezensiert).
hintergrund
12
montAg, 27. April 2015
Anzeigen
Namibia – Gesellschaftspolitische Erkundungen
N
atürlich gibt es einige inhalt-
liche Überschneidungen, aber
„Namibia - Gesellschaftspoliti-
sche Erkundungen seit der Unabhän
-
gigkeit“ ist ein eigenständiges Buch
mit (zumindest zu großen Teilen)
anderen inhaltlichen Schwerpunkten
und auch an eine andere Zielgruppe
gerichtet. Dies sind vor allem deutsch
-
sprachige Leser im Ausland, die an
Namibia interessiert sind, sowie die
Community der deutschsprachigen
Namibier und der in Namibia leben
-
den Deutschen.
Die Eckdaten: Das Buch umfasst 193
Seiten Text plus 22 Seiten Quellenan
-
gaben (ca. 330 Quellen). Es gliedert
sich in 12 Haupt- und insgesamt 45
Unterkapitel. Jedes Hauptkapitel ist
einem bestimmten Thema gewidmet,
wobei die Themen nicht unbedingt
aufeinander aufbauen. Der Preis be
-
trägt in Deutschland € 19.80, in Nami
-
bia kostet es laut Auskunft der Wind
-
hoeker Buchhandlung NAD 460.00.
Umgang mit Geschichte
Im Unterschied zu Melbers „Under
-
standing Namibia“, das sich eher an
eine internationale Leserschaft rich
-
tet, enthält dieses Buch verschiedene
Kapitel, die speziell für deutsche Leser
von Interesse sind. So analysiert das
erste Kapitel „Im Schaen des Völker-
mordes: Deutsch-namibische Bezie-
hungen“ das auf Grund der kolonia-
len Vergangenheit recht komplizierte
Verhältnis zwischen den beiden Län-
dern. Im achten Kapitel „Schauplatz
Windhuk: Das Gestern und Heute –
ein Stadtbummel“ nimmt Melber den
Leser mit auf einen ausgesprochen
informativen virtuellen Rundgang
durch Windhuks koloniale und nach-
koloniale Vergangenheit. Im neunten
Kapitel „Der ver-rückte Reiter: Zum
Umgang mit unerledigter Geschich-
te“, setzt sich der Autor ausführlich
(und wie üblich sehr kritisch) mit der
Geschichte des Reiterdenkmals ausei-
nander, von seiner Errichtung im Jah-
re 1912 bis zu seiner Versetzung in den
Innenhof der Alten Feste am Abend
des 25. Dezembers 2013. Es sind sicher
vor allem diese „deutschen“ Kapitel
des Buches, die für das deutschspra-
chige Zielpublikum des Buches von
besonderem Interesse sind.
Namibische Präsidial-
demokratie
Von den übrigen Kapiteln sind – nach
Ansicht des Rezensenten – vor allem
das Kapitel „Allmächtige und ohn-
Präsident Hage Geingob, Mitte, mit Vizepräsident Dr. Nickey Iyambo, und Premierministerin Saara Kuugongelwa-
Amadhila.
• Foto: Dirk HeinricH
Dr. Henning Melber, engagierter und
profunder Kenner Namibias, gibt
Einblick in die gesellschaftspoliti
-
schen Entwicklungen des Landes seit
1990.
• Foto: AZ-ArcHiv
Wenn ein Autor kurz nacheinander jeweils ein Buch in englischer
und eines in deutscher Sprache zum Rahmenthema „Entwicklung
Namibias seit der Unabhängigkeit“ veröentlicht, dann liegt die
Vermutung nahe, dass letzteres lediglich eine deutsche Fassung
des englischen Buches ist. Um dies gleich vorwegzunehmen:
Henning Melbers vor kurzem im Brandes und Appels Verlag
erschienenes Buch „Namibia - Gesellschaftspolitische
Erkundungen seit der Unabhängigkeit“ ist nicht einfach eine
deutsche Fassung seines 2014 bei C. Hurst & Co. Publishers
veröentlichten „Understanding Namibia. The Trials of
Independence“ (am 6. Jan. 2015 hier in der AZ rezensiert).
schen gesetzt hat, scheinen Melbers
Einschätzung bereits zu bestätigen.
Nicht alle Teile des Buches wur-
den von Grund auf neu geschrieben.
An verschiedenen Stellen – insbe-
sondere für die oben angeführten
„deutschen“Kapitel – verwendet
Melber bereits früher veröffentlich-
te (eigene) Beiträge in überarbeiteter
Form. Das Buch ist daher auch kein ty-
pisches „Textbook“ mit stringent auf-
einander aufbauenden Kapiteln. Es ist
vielmehr eine Art Aufsatzsammlung
zu verschiedenen, inhaltlich teilwei-
se nicht direkt zusammenhängenden
Themen.
„Advokatus Diaboli“
Henning Melber ist in Namibia be-
kannt als hochkompetenter, aber aus-
gesprochen kritischer Intellektueller,
der sich regelmäßig in Interviews,
Zeitungsartikeln und Vorträgen zu
Wort meldet und sehr deutlich Stel-
lung zu aktuellen politischen Themen
und Entwicklungen im Lande bezieht.
Auch mit diesem neuen Buch wird er
seinem Ruf als kritischer „Advocatus
diaboli“ gerecht, der sich nicht scheut,
die Erfolgsmeldungen der Regierung
zu (durchaus ja vorhandenen) positi-
ven Entwicklungen im Lande zu rela-
tivieren, in dem er immer wieder auf
Fehlentwicklungen und verpasste
Chance hinweist. Seine Kritik ist dabei
in der Sache immer gut belegt, aber
die sehr direkte Art, mit der Melber
seine Kritik an manchen Stellen an-
bringt, wird manch Betroffenem (die
Kritisierten werden im Buch durch-
aus mit Amt und Namen benannt)
recht sauer aufstoßen. Seine kriti-
schen Äußerungen beschränken sich
dabei nicht nur auf die ehemaligen
SWAPO „Comrades“. Melber verteilt
seine Kritik gleichmäßig nach allen
Seiten und nimmt auch deutsche Po-
litiker, deutsche Botschafter, Teile der
Leserschaft der AZ und auch die AZ
Redaktion nicht davon aus.
Gewandelter Kritiker
Wie schon bei „Understanding Na-
mibia“ wird deutlich, dass Melber
auch dieses Buch wieder mit „heißem
Herzen“ geschrieben hat, worunter
zwangsläufig die kritische Distanz et-
was leidet, die man üblicherweise von
Wissenschaftlern erwartet. Dies mag
man durchaus kritisieren. Aber für
den Autor, der vierzehn Jahre im Exil
auf Namibias Unabhängigkeit warten
musste und der sich dann nach der
Unabhängigkeit im Laufe der Jahre
allmählich von einem aktiven Unter-
stützer der namibischen Befreiungs-
bewegung zu einem der schärfsten
Kritiker der SWAPO gewandelt hat,
kann Namibia verständlicherweise
nicht einfach irgendein Forschungs-
objekt sein. Namibia ist vielmehr ein
wesentlicher Teil Melbers eigener
Identität und Geschichte und es ist
auch – daran lässt das Vorwort des Au-
tors keinen Zweifel – ein geplatzter
Lebenstraum, den das Buch aus der
ganz persönlichen (und damit unver-
meidlich subjektiven) Sicht des Au-
tors rückblickend reflektiert. Unter
solchen Umständen strikte Objektivi-
tät und kritische Distanz zu wahren,
ist wohl kaum möglich.
Fazit: Ist das Buch lesenswert und,
wenn ja, für wen ist es besonders inte-
ressant? Melber ist – und das werden
auch seine Gegner kaum bestreiten
– der Wissenschaftler mit dem welt-
weit wohl umfassendsten Wissen zur
politischen und sozialen Entwicklung
Namibias. Melbers Bücher und Artikel
sind, auch wenn man persönlich nicht
immer mit allen Aussagen überein-
stimmt, stets exzellent recherchiert,
dabei immer auch sehr gut lesbar
und verständlich. Dies galt schon für
„Understanding Namibia“ und dies
gilt auch für sein neues Buch, wobei
das letztere das erstere weder erset-
zen kann noch soll, sondern vielmehr
hervorragend ergänzt. Für alle, die
sich intensiv mit der namibischen
Geschichte und der komplizierten
deutsch-namibischen Vergangenheit
auseinandersetzen wollen oder müs-
sen, ist das Buch daher ein „Muss“!
Thomas Christiansen, Windhoek
(Thomas Christiansen arbeitet als
Hochschullehrer am Polytechnic of Na-
mibia. Die Rezension gibt ausschließlich
seine persönliche Meinung wieder.)
mächtige Präsidenten“,„Fremdenver-
kehrswelten: Dem Reiseland hinter
die Kulissen geschaut“ sowie das letzte
Kapitel „Quo vadis Namibia?“ beson-
ders lesenswert. In „Allmächtige und
ohnmächtige Präsidenten“ untersucht
Melber die verfassungsrechtliche Stel-
lung des Präsidentenamtes in der na-
mibischen Präsidialdemokratie und
die sich hieraus ergebenden Hand-
lungsspielräume. Er analysiert in ei-
nem kritischen Rückblick, wie deut-
lich unterschiedlich Sam Nujoma
und Hifikepunye Pohamba ihr Amt
interpretiert und genutzt haben. Das
Kapitel schließt mit einer hochaktuel-
len Einschätzung des neuen Präsiden-
ten Hage Geingob und seines „Team
Hage“. Nach Melbers Meinung wird
Hage Geingob das Amt des Präsi-
denten deutlich aktiver und offensi-
ver interpretieren als sein Vorgänger
Pohamba. Die ersten (recht deutli-
chen) Akzente, die Geingob inzwi-
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