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Störfaktoren in der Stabsarbeit

Authors:
BEVÖLKERUNGSSCHUTZ 1|2012 9
Störfaktoren in der Stabsarbeit
Anika Garrecht, Benedikt Birkhäuser, Frank Fiedrich
Stäbe als organisatorisches Element stellen vielfach
sowohl in der polizeilichen als auch in der
nicht-po-
lizeilichen Gefahrenabwehr das Mittel der Wahl zur
Bewältigung komplexer Ereignisse dar. Wird die
Einsatzleitung entsprechend des zu koordinierenden
Aufwandes durch einen Führungsstab unterstützt,
so ist dies gemäß FwDV 1001 die höchste Führungs-
stufe für den operativ-taktischen Bereich. Unwider-
sprochen stellt die Arbeit in einem Führungsstab
hohe Ansprüche an die beteiligten Stabsmitglieder,
folgt man allerdings Thieme und Honger,2 so ist
die Untersuchung von Stäben in der zivilen Gefahren-
abwehr
bisher erst vereinzelt Gegenstand der
For-
schung. Insbesondere fehlt es an empirischer For-
schungsarbeit
. Qua Denition sind Ereignisse, die
die Einrichtung eines Führungsstabes notwendig
machen allerdings selten. Es ist daher notwendig,
auf innerhalb von Übungen ermittelte Daten zurück-
zugreifen
.
An der Akademie für Krisenmanagement,
Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des BBK
werden laufend Kurse mit realitätsnahen Übungen
durchgeführt, die das Training entsprechender
Handlungsabläufe ermöglichen.
Der hohe Anspruch an die Arbeit in einem Kri-
senstab
lässt es als logisch erscheinen, Anstrengun-
gen dahingehend zu entwickeln, negative Einuss-
faktoren zu verringern und positive Einussfakto-
ren zu verstärken. Bevor dies allerdings möglich ist,
ist es notwendig, die entsprechenden Faktoren auf
Basis einer soliden Datenlage zu identizieren. Ziel
der vorgestellten Arbeit ist es, hierzu
einen Beitrag
zu leisten. Aufbauend auf an der AKNZ mittels Frage-
bogen erhobenen Daten stellt die vorliegende Arbeit
identizierte Einussfaktoren dar und unternimmt
den Versuch einer Bewertung insbesondere vor
dem Hintergrund der Wirkung mehrtägiger Stabs-
übungen für den operativ-taktischen Bereich.3
Störfaktoren in der Stabsarbeit
Die in der Einleitung genannten negativen
Einussfaktoren für die Stabsarbeit können als Stör-
faktoren verstanden werden. Ausgangspunkt für die
Erstellung eines verwendbaren Fragebogens war da-
her
die Analyse wissenschaftlicher Literatur hinsicht-
lich bekannter Störfaktoren. Berücksichtigt wurden
hierbei insbesondere Quellen aus dem
deutschspra-
chigen Raum. Generell können Störfaktoren sowohl
auf ein Individuum als auch auf zusammenhängen-
de
Abläufe innerhalb der Gruppe wirken.
Zu unter-
scheiden sind externe und interne Störfaktoren. Mit
externen Störfaktoren sind von außen wirkende
Einüsse gemeint, während interne Faktoren aus
den Prozessen der Stabsarbeit selbst hervorgehen.
Aus der Literatur sind ca. 60 verschiedene Stör-
faktoren
ermittelt worden. Diese sind in einem ers-
ten Schritt hinsichtlich ihrer inhaltlichen Ähnlich-
keit
überprüft und wo nötig zusammengefasst wor-
den
. Zwecks Durchführbarkeit wurden die ermit-
telten Störfaktoren zu übergeordneten Gruppen
zusammengefasst (Tab. 1).
EXTERN INTERN
• Technik(z.B.Telefon,Fax,Drucker,
Computer, …)
• Handwerkszeug(z.B.Vierfachvor-
druck,Lagekarte,Einsatztagebuch,…)
• Stabsraum(z.B.Raumgröße,
AnordnungderArbeitsplätze,…)
• Tageszeit(Leistungsschwankungenin
AbhängigkeitderTageszeit)
• Lautstärke(durchPersonen,interne
oderexterneQuellen)
• KlimatischeBedingungen
(LeistungsschwankungeninAbhän-
gigkeitvonz.B.derTemperatur)
• Ausbildungsstand(z.B.Rollenvertei-
lung,Erfahrungsstand,…)
• KommunikationundEntscheidungs-
ndungsprozesse(z.B.Missverständ-
nisse;ProblemeinZielausarbeitung,
Informationsmanagement,Modellbil-
dungundPrognose,Planung,Ent-
scheidungundDurchführung,Effekt-
kontrolle4)
• Gruppenverhalten(z.B.groupthink,
Kassandra-Verhalten,socialloang)
• Führungsverhalten
(Führungsstil:autoritärbiskooperativ)
• IndividuelleAspekte
Tab.1:InterneundexterneStörfaktorenderStabsarbeit.
Datenerhebung im Rahmen der AKNZ-Seminare
Anhand einer Befragung der Dozenten an der
AKNZ wurde für die Untersuchung eine Auswahl
aus den in der Literatur gefundenen Störfaktoren ge-
troffen. Dabei waren folgende Punkte entscheidend:
Wichtigkeit für Dozenten / Forschung
Leichte Verständlichkeit und selbstständiges Er-
kennen der Störfaktoren durch die Übungsteil-
nehmer
10 BEVÖLKERUNGSSCHUTZ 1|2012
ÜBUNGUNDEINSATZ
te war das Übungsszenario, das jeweils
im Vorhinein
der Übungstage vom Stab aus einem Pool der an
der AKNZ vorhandenen Szenarien ausgewählt wur-
de. Die Szenarien wurden im Laufe der Übung
durch die Übungsleitung an die Leistungsmöglich-
keiten der Stäbe individuell angepasst. Alle Stäbe
hatten zur Durchführung der Stabsarbeit in
etwa
die gleiche (technische) Ausstattung zur Verfügung,
jedoch fanden die untersuchten Übungen in unter-
schiedlichen Räumlichkeiten statt, so dass sowohl
die Raumgröße als auch die Anordnung der einzel-
nen Arbeitsplätze unterschiedlich waren.
Ergebnisse der Untersuchung
Um eine spätere Interpretation der
Auswir-
kungen der Übung auf die untersuchten Störfaktoren
vornehmen zu können, soll zunächst eine Ausgangs-
situation
dargestellt werden, die die Beurteilung der
Stäbe zum Einuss der Störfaktoren am ersten
Übungstag wiedergibt. Dies ist von Bedeutung, weil
innerhalb dieser ersten Übungssequenz in aller Re-
gel
keine unterstützenden Maßnahmen durch die
Übungsleitung durchgeführt werden, um so den
Wissens- und Übungsstand des übenden Stabes ken-
nenzulernen
. Ansatzweise lässt sich so diese
Aus-
gangssituation mit dem Zusammentreffen des Stabes
in einem Realeinsatz vergleichen, womit auch Art
und Umfang des Auftretens der Störfaktoren als ähn-
lich
angenommen werden können.
Als Grundlage zur Darstellung der Ausgangs-
situation
soll die Häugkeit der Nennung des je-
weiligen Störfaktors als solchen durch die Übungs-
teilnehmer am ersten Übungstag dienen (Abb. 1).
Die externen Störfaktoren Temperatur, Lautstärke
und Räumlichkeit wurden durch die Teilnehmer
Auf Grundlage der genannten Kriterien sind
die zu untersuchenden Störfaktoren auf die Katego-
rien Temperatur, Lautstärke, Räumlichkeit, Informa-
tionsweiterleitung,
Kenntnis der eigenen Funktion,
Informationsdarstellung an der Lagekarte, Lagebe-
sprechung, Anzahl der Stabsmitglieder, Konikte
aufgrund von Alltagshierarchie und Informations-
management mit dem Vierfachvordruck einge-
schränkt worden.
Aus Zeitgründen und aus Gründen der besse-
ren
Vergleichbarkeit wurden als
Untersuchungsin-
strument Fragebögen eingesetzt. Jeder Fragebogen
gliedert sich in einen Abschnitt mit persönlichen
Daten des Befragten sowie in jeweils einen Abschnitt
pro Übungstag, mit denen der Einuss der Störfak-
toren untersucht werden konnte. Zu jedem Störfak-
tor wurden hierfür dem Befragten zunächst auf die
Thematik hinleitende Fragen gestellt. Anschlie-
ßend wurde abgefragt, ob der Teilnehmer den Stör-
faktor als solchen empfunden hat oder nicht. Bei
einer Bejahung dieser Frage wurde eine Bewertung
der Einussstärke anhand einer Skala von 1 (kaum
Einuss) bis 5 (starker Einuss) durchgeführt.
Die Untersuchung wurde an insgesamt zehn
Stäben im Rahmen der „Führungs- und Stabslehre
2“-Seminare durchgeführt, die von „geschlossenen
Führungsgremien im operativ-taktischen Bereich,
die über eine gute Erfahrung in der Stabsarbeit ver-
fügen“5 besucht werden. Innerhalb dieses Semina-
res nden drei Übungstage statt. An den ersten bei-
den Übungstagen werden jeweils Übungen von ca.
3,5 Stunden und am dritten Übungstag von 6
Stun-
den durchgeführt, so dass eine
Gesamtübungsdau-
er von bis zu 13 Stunden erreicht wird. Jeder Übungs-
phase schließt eine Selbstreexionsphase des Stabes
über den bisherigen Übungsverlauf, eine Auswer-
tung gemeinsam mit der Übungsleitung sowie Im-
pulsreferate an. Für die Untersuchung wurde den
Selbstreexionsphasen jeweils eine Pause
vorange-
stellt, in der den Teilnehmern Zeit für das Beantwor-
ten
der Fragebögen gegeben wurde. Insgesamt wur-
den
187 Übungsteilnehmer befragt, die zu etwa
66 % BOS (Behörden und Organisationen mit Sicher-
heitsaufgaben), etwa 4 % dem Militär und 23 % dem
dem Verwaltungsbereich angehörten (7 %
keine An-
gabe).
Die Zusammensetzung der einzelnen Stäbe
hinsichtlich der Zugehörigkeit zu den verschiedenen
BOS, dem Militär oder der Verwaltung variierte von
Stab zu Stab. Was ebenfalls von Stab
zu Stab variier-
1 In ähnlicher Form in weiteren Dienstvorschriften deniert.
2 Thieme, Uwe; Honger, Gesine (2008): Stabsarbeit und „Ständige
Stäbe“ bei der Polizei: Sicherheit durch Professionalisierung. In: Petra
Badke-Schaub, Gesine Honger und Kristina Lauche (Hg.): Human Fac-
tors. Psychologie sicheren Handelns in Risikobranchen. Berlin, Heidel-
berg: Springer, S. 256–270.
3
Der vorliegende Beitrag ist auf Basis der am Fachgebiet „Bevölkerungs-
schutz,
Katastrophenhilfe und Objektssicherheit“ der Bergischen Univer-
sität Wuppertal von Frau Anika Garrecht erstellten Bachelorthesis „Un-
tersuchung ausgewählter Störfaktoren und ihres Einusses auf die Stabs-
arbeit im Rahmen von Stabsübungen an der AKNZ“ entstanden und ist
entsprechend verkürzt. Die vollständige Arbeit ist über die Fachinforma-
tionsstelle des BBK verfügbar.
4 Prozessablauf angelehnt an Dörner, Dietrich (2003): Die Logik des
Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen. Dietrich
Dörner. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
5 Jahresprogramm 2011 der AKNZ
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als Störfaktoren identiziert. Da diese Faktoren je-
doch während des Übungsverlaufes nicht beein-
ussbar
waren, werden sie im Weiteren nicht näher
betrachtet und interpretiert. Ebenso soll der interne
Störfaktor „Konikte aufgrund der Alltagshierar-
chie“
nicht weiter berücksichtigt werden, da mit dem
gewählten Untersuchungsinstrument hierzu zu
wenig auswertbare Daten erhoben werden konnten.
Bei den restlichen untersuchten, internen,
Störfaktoren stellt sich die Häugkeit der Bewer-
tung als Störfaktor wie folgt dar:
Ungenügende Informationsweiterleitung (56 %)
Ungenügendes Informationsmanagement mit
dem Vierfachvordruck (35 %)
Fehlende Kenntnis der eigenen Funktion (27 %)
Ungenügendes Informationsmanagement in
der Lagebesprechung (26 %)
Ungenügende Informationsdarstellung an der
Lagekarte (23 %)
Anzahl der Stabsmitglieder (22 %)
Um eine zeitliche Entwicklung des Einusses
der näher betrachteten Störfaktoren aufzeigen zu
können, müssen die Ergebnisse des zweiten und drit-
ten
Übungstages der Betrachtung der
Ausgangssi-
tuation hinzugezogen werden. Hierbei zeigt sich, dass
die Störfaktoren mit zunehmender Übungszeit
im-
mer weniger von den Übungsteilnehmern als solche
wahrgenommen und bewertet werden. Eine beson-
ders
stark abnehmende Tendenz um mehr als 20 %
kann bei den Störfaktoren „ungenügende Informa-
tionsweiterleitung“
und „fehlende Kenntnis der ei-
genen
Funktion“ beobachtet werden. Ausnahme von
der abnehmenden Tendenz bildet jedoch der Stör-
faktor „Anzahl der Stabsmitglieder“, bei dem eine
kaum eindeutige, nur leicht ansteigende Tendenz
erkennbar ist.
Einordnung und Fazit
Die vorgenommene Untersuchung zeigt auf,
dass Störfaktoren durch die Teilnehmer der Übung
wahrgenommen wurden. Eindeutig können Aspekte
der Informationsweiterleitung als initial am stärks-
ten genannter Störfaktor identiziert werden. Im
Verlauf des mehrtägigen Seminars mit mehreren
Übungsabschnitten konnte für einzelne Faktoren
Wahrnehmung von Störfaktoren lässt auf die
Wichtigkeit der Durchführung mehrtätiger, reali-
tätsnaher Übungen schließen.
Offen bleibt die Übertragbarkeit der Erkennt-
nisse
vor dem Hintergrund der
Übungskünstlich-
keit der erhobenen Daten. Es sind zusätzliche Unter-
suchungen dahingehend durchzuführen, inwieweit
stabile Stabsstrukturen auch in der Realität den Ein-
uss
von Störfaktoren verringern können. Um ein-
zelne Efzienzfaktoren identizieren zu können
wäre eine Unterscheidung nach erfahrenen und we-
niger
erfahrenen Stabsmitgliedern aus wissen-
schaftlicher Perspektive interessant. Abschließend
bleibt festzustellen, dass die Übungen in operativ-
t
aktischen Szenarien stattgefunden haben.
Stabs-
strukturen werden allerdings auch an anderer Stel-
le genutzt. Hier sind ebenfalls weitere Untersu-
chungen hinsichtlich der Übertragbarkeit durch-
zuführen.
eine geringer werdende Bewertung durch die Teil-
nehmer aufgezeigt werden. Am deutlichsten kann
dies für die Störfaktoren „ungenügende
Informati-
onsweiterleitung“ und „fehlende Kenntnis der eige-
nen
Person“ beobachtet werden. Es liegt die
Inter-
pretation nahe, dass diese Faktoren besonders durch
entsprechende Trainingsmaßnahmen
beeinuss-
bar sind. Die über mehrere Übungstage abnehmende
Abb.1:WahrnehmungderStörfaktorenimLaufederÜbung(kumuliert).
AnikaGarrechtB.Sc.studiertSicherheitstechnikanderBergischenUni-
versitätWuppertalundistGastdozentinanderAKNZ.
Dipl.Wirt.-Inf.BenediktBirkhäuseristWissenschaftlicherMitarbeiteram
Fachgebiet „Bevölkerungsschutz, Katastrophenhilfe und Objektsicher-
heit“derBergischenUniversitätWuppertal.
Prof. Dr.-Ing.Frank Fiedrich ist Leiter des Fachgebietes „Bevölkerungs-
schutz,KatastrophenhilfeundObjektsicherheit“derBergischenUniver-
sitätWuppertal.
Article
The increase in complex emergency situations, such as extreme weather events, pandemics, or terrorist threats, requires civil protection and disaster management actors to act quickly in a high-risk environment characterized by great uncertainty. In this context, a specific leadership organization is established as a temporary coordination and advisory body to support a decision-maker in performing his or her leadership duties: The staff organization as rear management unit. One of the main challenges in this regard is to design communication structures and processes that are as efficient and effective as possible. This article examines the social, organizational, and technological factors that influence communication structures and processes in disaster management teams which are organized according to the principle of the staff organization. Furthermore, relevant fields of action and design options are outlined.
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