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Von der Umwelt zum Genom und zurück: Der Beitrag der Entwicklungspsychologie zur Sozialisationsforschung.

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Von der Umwelt zum Genom und zurück 1
Clemens M. Lechner und Rainer K. Silbereisen
Der Beitrag der Entwicklungspsychologie zur
Sozisalisationsforschung
Von der Umwelt zum Genom und zurück
Sozialisationsforschung stellt im Kern die Frage, wie sich Menschen entwickeln
und welchen Einfluss die Umwelt darauf hat. Diese Frage ist von ungebrochener
Relevanz für viele sozialwissenschaftliche Disziplinen. Dennoch haben einige Au-
toren bemerkt, das Konzept der Sozialisation habe seit seinem Höhepunkt in den
1970er Jahren an Bedeutung eingebüßt (z. B. Elder, 1994). Diesen Schluss legt auch
ein Blick auf die in Abbildung 1 dargestellte Vorkommenshäufigkeit des Stichworts
“socialization” beziehungsweise “socialisation” in englischsprachigen Buchpublika-
tionen in den 50 Jahren von 1958 bis 2008 nahe
1
.
-Abbildung 1-
Im deutschen Sprachraum hingegen hat das Interesse an „Sozialisation“ ab Ende der
1980er Jahre erneut Konjunktur erlangt. Ein Grund dafür ist sicher der allmähliche
Wandel des Sozialisationsbegriff, für den Hurrelmanns (1983) Modell des produktiv
realitätsverarbeitenden Subjekts maßgeblich war: Verstanden frühe Theorien Sozia-
lisation in der Nachfolge Émile Durkheims noch als eher passive Internalisierung
gesellschaftlicher Normen und Rollenerwartungen im Laufe von Kindheit und Ju-
gendalter, begriff dieses Modell das Sozialisationsgeschehen als Wechselspiel zwi-
schen Person und Umwelt, fasste es als lebenslangen Prozess auf und hob den akti-
ven Beitrag der Person hervor. In der letzten Ausgabe dieses Handbuchs von 2008
wurde Sozialisation schließlich definiert als „ein Prozess, durch den in wechselsei-
tiger Interdependenz zwischen der biopsychischen Grundstruktur individueller Ak-
teure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-,
Bewertungs- und Handlungsdispositionen auf persönlicher ebenso wie auf kollekti-
ver Ebene entstehen“ (Hurrelmann, Grundmann, & Walper, 2008, S. 25).
Mit dieser Erweiterung hat sich der Sozialisationsbegriff bis zur Synonymität
dem Entwicklungsbegriff der Entwicklungspsychologie angenähert. Insofern
kommt der Entwicklungspsychologie eine wichtige Rolle als Informantin der Sozia-
1
Die Abbildung haben wir mit dem Google Ngram Viewer erstellt. Dieser ermöglicht es, die Vor-
kommenshäufigkeiten von Stichwörtern in allen von Google digitalisierten Buchpublikatio-
nen aus den Jahren 1800 bis 2008 aus einer Datenbank auszugeben. Die Datenbank umfasst
die Texte mehrerer Millionen Bücher und erlaubt so einen interessanten Einblick in den histo-
rischen Wandel von Begriffsverwendungen (siehe Michel et al., 2011).
Unkorrigierte Pre-Print-Version - bitte zitieren als:
Lechner, C. M., & Silbereisen, R. K. (2015). Der Beitrag der Entwick-
lungspsychologie zur Sozialisationsforschung. In K. Hurrelmann, M.
Grundmann, U. Bauer, & S. Walper (Hrsg.), Handbuch Sozialisations-
forschung (8. Auflage, S. 96113). Weinheim: Beltz.
2 Von der Umwelt zum Genom und zurück
lisationsforschung zu. Die Entwicklungspsychologie ihrerseits hat aber unlängst
neue Impulse für das Verständnis des Wechselspiels zwischen Person und Umwelt
erhalten, deren Rezeption im deutschen Sprachraum noch unvollständig ist: einer-
seits ein profunderes Verständnis der biologischen Mechanismen von Umweltein-
flüssen und anderseits eine differenzierte Betrachtung von Umwelten selbst. In
diesem Kapitel wollen wir ebendiese Neuerungen skizzieren und erörtern, welche
Anregungen sie der Sozialisationsforschung liefern können.
1. Entwicklung als Person-Umwelt-Interaktion
In der Entwicklungspsychologie hat sich in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten
eine Sichtweise auf Entwicklung durchgesetzt, die man als „interaktionistisch“ oder
„transaktional“ bezeichnen kann (Lerner, 1991, 2012). Dieser Sichtweise zufolge
vollzieht sich Entwicklung weder im Sinne einer starr ablaufenden Entfaltung eines
im Organismus bereits angelegten Programms; noch bezeichnet sie eine rein me-
chanische Reaktion auf Umwelteinflüsse (Neyer & Lehnart, in diesem Band). Der
grundlegende Prozess der Entwicklung – die sowohl Stabilität als auch Wandel um-
fassen kann – besteht vielmehr in der lebenslangen, sich fortwährend verändernden
Austauschbeziehung (Interaktion oder Transaktion) zwischen Individuum und Kon-
text. Das Individuum wird dabei als von früh an handelndes Subjekt aufgefasst, das
auf Basis seiner psychologischen und biologischen Ausstattung und den Gegeben-
heiten der physikalischen und sozialen Umwelt seine Entwicklung aktiv mitgestaltet
(Lerner & Busch-Rossnagel, 1981; Silbereisen & Eyferth, 1986). Kontexte werden
seit Bronfenbrenner (1979) in hierarchisch organisierte, miteinander interagierende
Teilsysteme differenziert, die einem historischen Wandel unterliegen. Der Lebens-
lauf wird mit Havighurst (1952) als durch altersgradierte Entwicklungsaufgaben
wie die Erlangung von Autonomie in der Spätadoleszenz, Familiengründung im
Erwachsenenalter oder Generativität im Alter strukturiert und von kritischen Leben-
sereignissen durchzogen verstanden, die das Individuum unterschiedlich bearbeiten
kann. Betont wird die prinzipielle lebenslange Plastizität (Veränderbarkeit), ob-
gleich der Grad an Plastizität nach Alter und Entwicklungsdomäne variiert (Baltes,
Lindenberger, & Staudinger, 2006).
Die Elemente dieser Sichtweise sind, wiewohl mit unterschiedlichen Schwer-
punkten, in allen einflussreichen Metatheorien der Entwicklungspsychologie enthal-
ten. Dies gilt insbesondere für die übergreifende Perspektive der relationalen Ent-
wicklungssysteme (Lerner, 2012), das stärker auf biologische Aspekte abstellende
Modell der probabilistischen Epigenese (Gottlieb, 2007), aber auch für die hand-
lungstheoretischen Modelle der selektiven Optimierung mit Kompensation (Baltes,
1997) oder die motivationale Theorie der Lebensspannenentwicklung (Heckhausen,
Wrosch, & Schulz, 2010).
Von der Umwelt zum Genom und zurück 3
Wie aber vollziehen sich die für Entwicklung konstitutiven „proximalen Prozes-
se“ (Mechanismen oder Transaktionen; Bronfenbrenner, 1979) der Person-Umwelt-
Interaktion? Die genannten Metatheorien nahmen zwar früh zur Kenntnis, dass da-
bei neben psychologischen und sozialen Faktoren auch genetische und neurobiolo-
gische Aspekte eine Rolle spielen. Empirische Arbeiten zu letzteren blieben jedoch
rar und fragmentarisch. Erst in jüngerer Zeit haben Fortschritte in Molekular- und
Neurobiologie auch der Entwicklungspsychologie neue Impulse für das Verständnis
dieser Aspekte verliehen. Gleichzeitig haben ausgerechnet jene Fortschritte die
Umwelt zurück ins Spiel gebracht und zur Entstehung neuer Forschungsfelder mit
Fokus auf Umwelteinflüsse beigetragen. Diese Veränderungen beleuchten wir fol-
gend anhand exemplarischer Befunde.
2. Neue Erkenntnisse zum Wechselspiel von
Genom und Umwelt
2.1 Genom-Umwelt-Interaktion (G×E)
Verhaltensgenetische Familien-, Zwillings- und Adoptionsstudien deuteten seit lan-
gem darauf hin, dass viele Verhaltens- und Erlebensmerkmale teils beträchtliche
Erblichkeitsanteile aufweisen (Asendorpf, 2008), darunter auch Merkmale, die man
in der klassischen Sozialisationsforschung Umwelteinflüssen zuschrieb (z. B. Wer-
torientierungen; Renner et al., 2012). Solche Studien versuchten, die relativen An-
teile der auf Anlage und Umwelt zurückgehenden Varianz an der phänotypischen
Gesamtvarianz von Merkmalen und damit den Grad ihrer Erblichkeit (Heritabilität)
zu bestimmen. Auf verhaltensgenetischer Basis wurde beispielsweise auch die bis
dahin angenommene Bedeutsamkeit der elterlichen Erziehung für die kindliche
Entwicklung in Zweifel gezogen und argumentiert, entscheidend seien genetische
Einflüsse (Genom-Umwelt-Korrelationen) und Einflüsse der nichtgeteilten Umwelt
(z. B. Peereinflüsse; Scarr, 1992; siehe auch Silbereisen & Noack, 2006).
Die populationsabhängigen Erblichkeitsschätzungen der Verhaltensgenetik tru-
gen zwar wenig zum Verständnis der Mechanismen von Entwicklung bei. Gerade
im Gefolge der Entschlüsselung des Humangenoms Anfang der 2000er Jahre nähr-
ten sie jedoch die Erwartung, man würde nun die für erbliche Verhaltens- und Erle-
bensmerkmale ursächlichen Gene identifizieren können. Diesem Bestreben war we-
nig Erfolg beschieden: Trotz verbesserter Methoden – von der groben Kopplungs-
analyse mit 400-1000 Markern auf verschiedenen chromosomalen Regionen bis zu
genomweiten Assoziationsstudien (GWAS) mit über einer Million Markern – ließen
sich komplexe Verhaltens- und Erlebensmerkmale kaum auf einige wenige Gene
zurückzuführen (Manuck & McCaffery, 2014). Der durch genetische Marker aufge-
klärte Varianzanteil blieb meist deutlich unter 5 Prozent und damit weit hinter den
4 Von der Umwelt zum Genom und zurück
Erblichkeitsschätzungen verhaltensgenetischer Studien zurück, die häufig zwischen
30 Prozent und 60 Prozent lagen, bisweilen gar darüber. Diese Diskrepanz wurde
als „missing heritability“ diskutiert (Manuck & McCaffery, 2014).
„Missing heritability“ kann mehrere Ursachen haben (Duncan, Pollastri, &
Smoller, 2014; Plomin & Simpson, 2013). Phänotypische Verhaltens- und Erle-
bensmerkmale basieren meist auf vielen Genen (Polygenie), wobei jedes Gen nur
kleine Einflüsse beiträgt, dafür aber an mehreren Merkmalen beteiligt ist (Pleiotro-
pie). Bisweilen, etwa bei psychiatrischen Erkrankungen, können seltene genetische
Varianten mit starken Effekten eine Rolle spielen, die aber statistisch schwer nach-
weisbar sind. Denkbar sind auch nichtadditive genetische Effekte, also Interaktio-
nen von Genen am selben Genlocus (Gendominanz) oder an unterschiedlichen Gen-
loci (Epistase), die in Assoziationsstudien unentdeckt bleiben.
Eine weitere, aus entwicklungspsychologischer Sicht und damit für die Soziali-
sationsforschung besonders relevante Erklärung der „missing heritability“ lautet,
dass genetische Einflüsse oft nicht als Haupteffekte, sondern in Form von Genom-
Umwelt-Interaktionen (G×E, sprich „G-by-E“) zur Ausprägung gelangen (Manuck
& McCaffery, 2014; Dick, 2011). Dies hieße, dass eine genetische Variante nur un-
ter bestimmten Umweltbedingungen ein phänotypisches Merkmal formt – oder um-
gekehrt, dass eine Umweltbedingung dieses Merkmal nur bei Vorliegen bestimmter
genetischer Varianten beeinflusst.
Einen vielbeachteten Vorstoß hierzu lieferten zwei Arbeiten aus der Gruppe um
Avshalom Caspi und Terrie Moffit, die anhand einer Jahrzehnte umfassenden pros-
pektiven Längsschnittstudie aus Neuseeland erstmals eine solche Interaktion von
Umwelteinflüssen und spezifischen genetischen Markern in Hinblick auf Verhal-
tens- und Erlebensmerkmale nachweisen konnten. Die erste Studie (Caspi et al.,
2002) untersuchte den Zusammenhang zwischen Misshandlung im Kindesalter und
antisozialem Verhalten junger Männer im Alter von 26 Jahren in Abhängigkeit von
einem funktionalen Polymorphismus (d. h. einem in der Population in unterschied-
lichen Varianten vorkommenden Allel) eines Gens auf dem X-Chromosom. Dieses
Gen enkodiert das Enzym Monoaminoxidase-A (MAOA), das am Neurotransmitter-
stoffwechsel im Gehirn beteiligt ist und dort eine wichtige Rolle für die Verhaltens-
regulation nach Bedrohungen spielt (Dodge, 2009). Bei Trägern des mit geringerer
MAOA-Aktivität einhergehenden Allels hatte kindliche Misshandlung stärkere Ef-
fekte auf späteres antisoziales Verhalten als bei Trägern des mit hoher MAOA-
Aktivität einhergehenden Allels. Die Kombination aus Misshandlung im Kindesal-
ter und geringer MAOA-Aktivität betraf nur 12 Prozent der Untersuchten – auf diese
gingen aber 44 Prozent der Verurteilungen wegen Gewalttaten in der Gesamtstich-
robe zurück. In der zweiten Studie (Caspi et al., 2003) standen in den letzten fünf
Jahren widerfahrene stressreiche Lebensereignisse wie Langzeitarbeitslosigkeit o-
der Gewalt in der Beziehung bei Trägern der „kurzen“ Varianten (s/l, s/s) eines Al-
lels in der Promotorregion des Serotonin-Transportergens (5-HTTLPR) stärker mit
Depressivität im Alter von 26 Jahren in Zusammenhang als bei homozygoten Trä-
gern der „langen“ Variante (l/l). Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter, der
Von der Umwelt zum Genom und zurück 5
unter anderem Stimmungslage und Schlaf-Wach-Rhythmus beeinflusst. Bei vier
oder mehr belastenden Lebensereignissen litten 33 Prozent der Träger der kurzen
Varianten (s/l und s/s) an depressiven Episoden, aber nur 17 Prozent derjenigen mit
l/l-Genotyp. Beide Studien berühren klassische Themen der Sozialisationsforschung
Erziehungsstile, die das Kindeswohl gefährden, und kritische Lebensereignisse,
die das Individuum überfordern können.
Diese Studien lösten ein großes Forschungsinteresse am Thema G×E aus. Heute
liegen zahlreiche Replikationsversuche sowie eine wachsende Zahl von Arbeiten zu
weiteren psychologischen Merkmale, genetischen Varianten und Umweltbedingun-
gen vor (Manuck & McCaffery, 2014; Dick, 2011). Die meisten untersuchten eben-
falls solche genetischen Polymorphismen, die mit Neurotransmittersystemen im
Gehirn assoziiert sind und für deren Einflüsse auf Verhalten und Erleben auch neu-
robiologische Wirkungsmodelle vorlagen (z. B. Dodge, 2009, zur Rolle von MAOA
für Verhaltensstörungen). Spätere Studien berichteten etwa, dass der Zusammen-
hang zwischen der mütterlichen Positivität und der Prosozialität ihrer Kinder (z. B.
Bereitschaft zum Teilen und Spenden) durch einen Polymorphismus in einem Gen
(DRD4) moderiert wird, das einen Dopaminrezeptor enkodiert (Knafo, Israel, &
Ebstein, 2011; Bakermans-Kranenburg & van Ijzendoorn, 2011). Bemerkenswer-
terweise erwies sich auch die Effektivität einer Intervention, die durch eine Verbes-
serung des elterlichen Erziehungsverhaltens externalisierendes Verhalten ihrer Kin-
dern reduzieren sollte, als abhängig von der DRD4-Variante der Kinder (Baker-
mans-Kranenburg, van IJzendoorn, Pijlman, Mesman, & Juffer, 2008).
Nach der ersten Dekade wich die anfängliche Euphorie um G×E einer vorsichti-
geren Haltung, ausgelöst durch eine Häufung von Nichtreplikationen und Meta-
Analysen, die einige der zentralen Befunde nicht voll bestätigen konnten so an-
scheinend auch jene von Caspi zu 5-HTTLPR (Duncan & Keller, 2011). Es mehrten
sich kritische Stimmen, die auf eine Reihe von Problemen in der G×E-Literatur
hinwiesen, darunter die geringe statistische Power bisheriger Studien sowie die
womöglich hohe Zahl statistischer Artefakte (Duncan et al., 2014). Auf konzeptuel-
ler Seite wurde vor allem die Konzentration auf einige wenige Kandidatengene mo-
niert, deren jeweilige Effekte gering sein dürften (Dick, 2011; Duncan, et al., 2014).
Vielversprechender erscheint die Verwendung sogenannter „polygener Scores“
(Plomin & Simpson, 2013) aus mehreren mittels GWAS identifizierten Polymor-
phismen. Letzterem Ansatz folgend fanden etwa Docherty, Kovas und Plomin
(2011), dass ein chaotisches Elternhaus und elterliche Negativität den Zusammen-
hang eines aus zehn Polymorphismen gebildeten Risikowertes mit den mathemati-
schen Fähigkeiten der Kinder moderierten. Allen Einschränkungen bisheriger Stu-
dien zum Trotz verspricht G×E also wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der biopsy-
chosozialen Mechanismen von Entwicklung mit Relevanz für die Sozialisationsfor-
schung.
2.2 Epigenetik
6 Von der Umwelt zum Genom und zurück
Wie aber kann die Umwelt gleichsam „unter die Haut“ gelangen und mit dem Ge-
nom interagieren? Gemäß dem auf Francis Crick, einen der beiden Entdecker der
Struktur der Desoxyribonukleinsäure (DNS) zurückgehenden „zentralen Dogma“
der Molekularbiologie fließt die erbliche biologische Information in der Zelle stets
nur in eine Richtung: Die DNS als Trägerin aller Erbinformation wird in Ribonukle-
insäure (RNS) übersetzt (Transkription), die RNS wiederum wird an den Riboso-
men der Zelle in funktionale Genprodukte, vor allem Proteine, übersetzt (Translati-
on), die Struktur und Verhalten des Organismus bestimmen.
Die Annahme, Gene würden Verhaltens- und Erlebensmerkmale deterministisch
hervorbringen, geht jedoch fehl schon allein aufgrund von Polygenie, Epistase,
Gendominanz und G×E. Hinzu kommt: Ob und wann ein Gen tatsächlich zur Aus-
prägung gelangt (Genexpression), hängt wesentlich von der Struktur der die DNS
enthaltenden Chromosomen und damit der Zugänglichkeit des Gens für die Tran-
skription ab. Die DNS-Struktur kann durch verschiedene biochemische Mechanis-
men verändert werden, darunter die Bindung einer Methylgruppe an eine Cytosin-
base der DNS selbst (Methylierung) oder die Bindung bestimmter Strukturen wie
Methyl- oder Acetylgruppen an „Histone“ genannte Makromoleküle, um die sich
die DNS vielfach wickelt (Histonmodifikation). Diese Vorgänge regulieren das
Ausmaß der Genexpression – Methylierung der DNS beispielsweise reduziert sie
ohne aber die Sequenz der DNS zu verändern. Daher werden sie als epigenetisch
(gr. epi: auf, an, darüber) bezeichnet.
Bekannt war, dass epigenetische Prozesse eine wichtige Rolle in der Zelldiffe-
renzierung während der Embryonalentwicklung spielen. Relativ neu ist dagegen die
Erkenntnis, dass sie über die gesamte Lebensspanne stattfinden und prinzipiell
langanhaltend, aber auch teils reversibel sind. Das Entscheidende für Entwick-
lungspsychologie und Sozialisationsforschung dabei ist, dass Umwelteinflüsse die
Genexpression über eine komplexe Informationskaskade epigenetisch „program-
mieren“ können: Das intrazelluläre Milieu, in dem sich epigenetische Prozesse ab-
spielen, interagiert mit Signalen aus der extrazellulären Umwelt etwa der Kon-
zentration von Neurotransmittern, Hormonen, Zytokinen aus dem Immunsystem
oder Nährstoffen. Diese biochemischen Prozesse interagieren wiederum mit Signa-
len aus der extraorganismischen Umwelt, also der Umwelt im engeren Sinne (z. B.
die Wahrnehmung eines stressreichen Ereignisses). Im Gegensatz zu Cricks „zentra-
lem Dogma“ impliziert dies, dass der Informationsfluss auch von der Umwelt zum
Genom laufen kann (Zhang & Meaney, 2010; González-Pardo & Pérez-Alvarez,
2013). Epigenetische Modifikationen sind mithin ein möglicher Mechanismus für
eine kausale Interaktion von Umwelt und Genom, die langfristige phänotypische
Veränderungen zeitigen kann.
Das neue Feld der Verhaltensepigenetik („behavioral epigenetics“) wendet diese
Erkenntnisse auf Verhaltens- und Erlebensmerkmale an. Vielzitierter Ausgangs-
punkt war eine Reihe von Studien aus der Gruppe um Michael Meaney (ausführlich
in Zhang & Meaney, 2010) am Tiermodell. Diese erbrachten, dass bei Rattenjungen
Von der Umwelt zum Genom und zurück 7
das Ausmaß mütterlicher Fürsorge (in Form arttypischer taktiler Stimulation) lang-
anhaltende Effekte auf ihre spätere endokrine Stressreaktivität, ihr Explorationsver-
halten und weitere Merkmale hat. Diese Effekte wurden durch epigenetische Verän-
derungen an neuronalen Zellen im Gehirn der Jungen vermittelt, die ihrerseits durch
die Aktivität bestimmter Hormone und Neurotransmitter hervorgerufen wurden, in
der sich die Jungen je nach Grad der mütterlichen Fürsorge unterschieden. Damit
war es gelungen, eine mögliche Kausalkette von einer frühen sozialen Erfahrung
über neurokognitiv vermittelte Veränderungen der Genexpression bis hin zu stabilen
Veränderungen in Erleben und Verhalten darzustellen („biological embedding“), die
womöglich sogar Generationen überdauern können, ohne im traditionellen Sinn ge-
netisch oder sozialisatorisch übermittelt zu sein.
Diese bahnbrechenden Studien wurden aus forschungspraktischen Gründen am
Tiermodell durchgeführt, waren aber von der Literatur zu Effekten des frühen fami-
liären Umfelds auf die spätere Gesundheit beim Menschen inspiriert (Zhang & Me-
aney, 2010). Mittlerweile liegen erste Versuche vor, analoge epigenetische Mecha-
nismen auch beim Menschen nachzuweisen. McGowan et al. (2009) fanden bei Su-
izidopfern in einer bestimmten Gehirnregion, dem Hippocampus, post mortem eine
verringerte Expression eines am Aufbau von Glucocorticoidrezeptoren beteiligten
Gens (NR3C1); Glucocorticoidrezeptoren sind im Hippocampus an der Dämpfung
der Stressreaktivität beteiligt. Die reduzierte Expression von Glucocorticoidrezepto-
ren fand sich nur bei Suizidopfern, die in der Kindheit Missbrauch erlebt hatten,
nicht aber bei Suizidopfern ohne Missbrauchserfahrungen oder einer Kontrollgrup-
pe. Dies wurde als Hinweis gedeutet, dass Missbrauchserfahrungen in der Kindheit
durch epigenetische Veränderungen vermittelte, langanhaltende Veränderungen der
Stressreaktivität zur Folge haben könnten, die im Erwachsenenalter das Risiko für
Suizidalität erhöhen. Ähnliche Befunde legen nahe, dass die Auswirkungen trauma-
tischer Erfahrungen in der Kindheit auf das Risiko späterer posttraumatischer Be-
lastungsstörungen durch Unterschiede in der Methylierung eines Gens (FKBP5)
vermittelt wird, das die Funktion von Glucocorticoidrezeptoren beeinflusst (Klengel
et al., 2013). Dieser Effekt fand sich nur bei Trägern des mit höherer Stressreaktivi-
tät und erhöhtem Risiko für posttraumatische Belastungsstörungen assoziierten
FKBP5-Allels.
Weitere Studien suchten nach möglichen epigenetischen Markern, welche die
langfristigen Konsequenzen des sozioökonomischen Status der Eltern für Intelli-
genzentwicklung, Bildungserfolg und Gesundheit der Kinder bis in deren Erwach-
senenalter vermitteln. So schlugen McGuinness et al. (2012) vor, globale DNS-
Methylierungsmuster, die mit Gesundheitsproblemen und Alterungsprozessen in
Zusammenhang stehen, im Sinne eines „Bio-Dosimeters“ für sozioökonomische
Benachteiligung zu verwenden. Zwischen den Teilnehmern einer schottischen Ko-
hortenstudie fanden sie Unterschiede im Methylierungsstatus je nach Grad der öko-
nomischen Deprivation. Andere Ansätze suchten stattdessen an spezifischen Gen-
loci nach epigenetischen Modifikationen als Folge des holländischen Hungerwin-
8 Von der Umwelt zum Genom und zurück
ters während des Zweiten Weltkriegs (Lumey et al., 2012) und sozioökonomischer
Deprivation (Borghol et al., 2012).
Befindet sich G×E noch in der Etablierungsphase als Forschungsfeld, so gilt dies
erst recht für die Epigenetik. Viele Fragen sind noch ungeklärt (Landecker & Pa-
nofsky, 2013; Zhang & Meaney, 2010): Wie dauerhaft oder reversibel sind epigene-
tische Veränderungen, und ist ihr kausaler Status wirklich zweifelsfrei festzustellen?
Sollten epigenetische Marker an spezifischen Genloci oder breitere epigenetische
Muster über das gesamte Genom untersucht werden? Reicht es aus, das Epigenom
leicht zugänglicher Zellen aus Schleimhaut- oder Blutproben zu analysieren, oder
sind epigenetische Veränderungen so stark gewebespezifisch, dass dies zu Fehl-
schlüssen führen würde? Trotz vieler offener Fragen könnte es der Epigenetik künf-
tig gelingen, die molekularen Mechanismen für ein Kernthema von Entwicklungs-
psychologie und Sozialisationsforschung zu identifizieren: den „langen Arm“ früher
Erfahrungen im Umgang mit der Umwelt.
3. Die Rückkehr der Umwelt
G×E und Epigenetik haben weitreichende Konsequenzen für unser Verständnis der
Rolle von Genom und Umwelt in der Entwicklung: Die Befunde zu G×E legen na-
he, dass die Einflüsse von Genom und Umwelt auf Verhaltens- und Erlebensmerk-
male wechselseitig eben: interaktiv voneinander abhängig und nicht getrennt
voneinander zu verstehen sind. Die Befunde zur Epigenetik gehen noch einen
Schritt weiter, heben sie doch die in G×E noch vorhandene Dichotomie von Anlage
und Umwelt und von Organismus und Kontext auf (Lickliter, 2009): Genom und
Umwelt wirken nicht nur zusammen auf ein phänotypisches Merkmal hin, sondern
auch wechselseitig aufeinander ein.
Mit anderen Worten: Die genetische Ausstattung der Person darf nicht als „un-
bewegter Beweger“ von Entwicklung verstanden werden (Gottlieb, 2007), sondern
kommt stets im „Dialog“ mit der Umwelt zur Geltung (Zhang & Meaney, 2010).
Mit dieser Einsicht haben G×E und Epigenetik, fast paradoxerweise, die herausra-
gende Rolle der Umwelt untermauert (Lickliter, 2009). Vor diesem Hintergrund er-
scheint es passend, dass in der Entwicklungspsychologie ein jüngst wieder wach-
sendes Interesse an Kontexten in sozialisationstheoretischer Diktion: Sozialisati-
onsumwelten – zu verzeichnen ist, das sich in der Entstehung mehrerer Forschungs-
felder mit Relevanz für die Sozialisationsforschung niedergeschlagen hat.
3.1 Die Rolle von Makrokontexten
Ein erster Trend ist die Untersuchung von Makrokontexten, repräsentiert durch die
sozioökologische Psychologie (Oishi, 2014; Oishi & Graham, 2010). Die unter die-
Von der Umwelt zum Genom und zurück 9
ser Perspektive versammelte Forschung eint ein Interesse an der Frage, welche
makrokontextuellen Faktoren individuelles Erleben und Handeln auf welche Weise
beeinflussen. Im Fokus stehen hier dezidiert objektive Umweltbedingungen physi-
scher (z. B. Pathogenprävalenz), intrapersoneller (z. B. Bevölkerungsdichte), öko-
nomischer (z. B. Einkommensungleichheit) und politischer (z. B. Wohlfahrtsstaat)
Art.
Das Interesse an Makrokontexten selbst ist nicht neu (Bronfenbrenner, 1979).
Neu ist jedoch die immens gestiegene Verfügbarkeit geeigneter Daten. In Reaktion
auf globale Herausforderungen wie Klimawandel und Migration ist eine zunehmen-
de Integration politischer Steuerungsversuche durch inter- und supranationale Or-
ganisationen wie UN und EU erfolgt. Hinzu kommen die Möglichkeiten moderner
Informationstechnologie zur Erhebung und Verarbeitung von Daten. Auf Internet-
präsenzen von Behörden, statistischen Ämtern, Stiftungen und Unternehmen liegen
nun umfassende Datenbestände vor, die sich mit geringem Aufwand mit Umfrage-
daten kombinieren lassen. Dies eröffnet neue Forschungsperspektiven für die Un-
tersuchung der Rolle von Makrokontexten für individuelle Entwicklung.
Sozioökologische Studien konnten beispielsweise nachhaltige Auswirkungen der
historischen Prävalenz von Pathogenen (z. B. Viren und Bakterien) in der Umwelt
auf die Persönlichkeit ihrer Bewohner zeigen: Menschen in „gefährlicheren“ Regi-
onen erwiesen sich als kollektivistischer, familienorientierter, weniger extravertiert
und religiöser als Menschen in Regionen mit geringerer Pathogenprävalenz – An-
zeichen einer stärkeren Eigengruppen-Orientierung, die als eine evolvierte Schutz-
reaktion bei hoher Pathogenprävalenz erklärt wurde (Fincher & Thornhill, 2012;
siehe auch Oishi, 2014). Auch die subsistenzwirtschaftliche Historie einer Region
hat nachhaltigen Auswirkungen auf die Persönlichkeit ihrer Einwohner (Talhelm et
al., 2014): Junge Erwachsene aus südlichen Regionen in China, in denen historisch
vorrangig Reis angebaut wurde und solche aus nördlichen Regionen, in denen vor-
rangig Weizen angebaut wurde, unterschieden sich hinsichtlich ihrer Selbstkon-
struktionen (interdependent vs. independent) und Denkstile (holistisch vs. analy-
tisch). Bewohner der Reis anbauenden Regionen wiesen eher interdependente
Selbstkonstruktionen und holistische Denkstile auf. Dies wurde als Folge einer kul-
turellen Adaptation gedeutet: Reisanbau ist weitaus arbeitsaufwändiger als Wei-
zenanbau und erfordert einen hohen Grad an Kooperation, was die Persönlichkeit
der Bewohner in dieser Region langfristig prägt – selbst nachdem diese längst keine
Subsistenzwirtschaft mehr betreiben. Zu beachten ist, dass ethnische und damit
womöglich genetische Unterschiede ausgeschlossen werden konnten; es handelt
sich um genuine Umwelteffekte.
Die sozioökologische Psychologie wird bislang noch von Studien dominiert, die
lediglich Korrelationen von Makrokontexten mit Verhaltens- und Erlebensmerkma-
len liefern. Ihrem Programm nach umfasst sie aber auch Studien zu den zwischen
Makrokontexten und individueller Entwicklung vermittelnden Prozessen; mitbe-
dacht ist auch, dass das Individuum auf Makrokontexte zurückwirkt, insofern es auf
Basis seiner psychischen Ausstattung ökologischen Nischen mitkonstruiert und auf-
10 Von der Umwelt zum Genom und zurück
rechterhält (Oishi, 2014). So zeigten etwa Gelfand et al. (2011), dass sich Kulturun-
terschiede in der Stärke sozialer Normen und der Toleranz devianten Verhaltens
(„tightness“ vs. „looseness“) in 33 Nationen auf historisch vorhandene Bedrohun-
gen in der Umwelt (z. B. Territorialkonflikte, Pathogene, Ressourcenknappheit) zu-
rückführen ließen. Die kulturelle „tightness vs. looseness“ zog einen unterschiedli-
chen Sozialisationsdruck durch soziopolitischen Institutionen nach sich, schlug sich
in der Anzahl der durch klare Verhaltensvorschriften gekennzeichneten Alltagssitua-
tionen („strong situations“) nieder und hatte je charakteristische psychische Adapta-
tionen (z. B. Selbstkontrolle, Ambiguitätstoleranz) zur Folge, die wiederum zur
Aufrechterhaltung der kulturellen „tightness vs. looseness“ beitragen können. Diese
Studie illustriert idealtypisch eine mögliche Wirkkette von objektiven Umwelten
über die Kultur zu Alltagssituationen bis zur Psyche – und zurück zur Kultur.
3.2 Historischer Wandel von Kontexten
In sozioökologischen Studien werden Makrokontexte meist noch eher statisch auf-
gefasst. Schon Bronfenbrenner (1979) hatte mit seinem Konzept des Chronosys-
tems unterstrichen, dass Kontexte einem historischen Wandel unterliegen, der sich
in heutigen Gesellschaften noch beschleunigt hat (Rosa, 2005). Die Untersuchung
der Folgen solcher makrokontextueller Veränderungen für die Individualentwick-
lung ist ein weiterer neuer Trend in der Entwicklungspsychologie, allerdings mit
prominenten Vorläufern in der Soziologie (Elder, 1974; Kohn et al., 1997). Exemp-
larisch für diesen Trend stehen die folgenden theoretischen Ansätze, auf denen je-
weils eine umfassende empirische Literatur fußt.
Greenfield (2009) legte eine Theorie des sozialen Wandels und menschlicher
Entwicklung vor, deren Fokus auf einem Verständnis sich wandelnder Entwick-
lungsbedingungen in der Kindheit liegt. Ihre Theorie spezifiziert, wie Veränderun-
gen der sozialen Ökologie vermittelt über einen Wandel kultureller Werte (z. B. In-
dividualismus vs. Kollektivismus) und der Lernumwelten des Kindes (z. B. elterli-
che Erziehungspraktiken) die soziale und kognitive Entwicklung des Kindes beein-
flussen. Die soziale Ökologie differenziert Greenfield anhand der auf Ferdinand
Tönnies zurückgehenden Idealtypen der „Gemeinschaft“ (ländlich, geringe Arbeits-
teilung und Technologie, Subsistenzwirtschaft) und „Gesellschaft“ (urban, hohe Ar-
beitsteilung und Technologie, Geldwirtschaft). Sie liefert klare Vorhersagen, wie
sich Veränderungen der sozioökologischen Konstellation in Richtung Gesellschaft
(typisch für die meisten Nationen in der Gegenwart) oder Gemeinschaft durch ihren
je charakteristischen Sozialisationsdruck auf die Individualentwicklung nieder-
schlagen. Ähnlich gelagert ist die früher datierende Theorie von Kağıtçıbaşı (2007),
die allerdings anders als Greenfield nicht von universellen, sondern teils kulturspe-
zifischen Adaptationen des familiärem Umfelds und der individuellen Selbstkon-
struktion an Veränderungen der sozialen Ökologie ausgeht.
Von der Umwelt zum Genom und zurück 11
Einen anderen Ansatz verfolgen Silbereisen und Kollegen mit ihrem auf Jugend
und Erwachsenenalter abstellenden Jenaer Modell des sozialen Wandels und
menschlicher Entwicklung (Silbereisen, Pinquart, & Tomasik, 2010). Dieses ver-
sucht, im Gegensatz zur noch herrschenden Fokussierung auf objektive Kontexte in
der sozioökologischen Psychologie, die Rolle der subjektive Wahrnehmung und
Bewertung der Umwelt zu belegen: Es versteht durch makrokontextuelle Trends
wie Globalisierung und demographische Alterung angestoßene, subjektiv wahrge-
nommene Veränderungen in den Mikrokontexten des täglichen Lebens wie Arbeits-
platz und Familie als Bindeglied zwischen Makrowandel und individueller Ent-
wicklung. Die Veränderungen beziehen sich auf Bedingungen für die Bewältigung
alterstypischer Entwicklungsaufgaben wie Berufseinstieg und Familiengründung
und stellen neue Anforderungen („demands“) dar, die eine Reaktion durch das Indi-
viduum erfordern. Auf diesem Modell basierende Studien (zusammenfassend Silbe-
reisen, Tomasik & Reitzle, 2012; Silbereisen et al., 2010) zeigten unter anderem,
dass die Belastung durch wahrgenommene berufliche oder familiäre Anforderungen
des sozialen Wandels systematisch anhand von soziodemographischen Faktoren wie
Region, Bildung und Erwerbsstatus variierte. Die Auswirkung solcher Anforderun-
gen auf das subjektive Wohlbefinden wurde von individuellen Handlungsstrategien
zum Beispiel aktive Auseinandersetzung oder Distanzierung – moderiert, die ih-
rerseits von der individuellen Bewertung dieser Anforderungen sowie von psychi-
schen Ressourcen wie Optimismus abhingen.
Das Neue an diesen Ansätzen liegt im Bemühen, die Mechanismen zu erhellen,
mittels derer der Wandel von Makrokontexten die Individualentwicklung beein-
flusst. Sie postulieren kaskadenartige Wirkungen, wobei makrokontextueller Wan-
del sich zunächst in Veränderungen der Mikrokontexte manifestiert, in denen die
proximalen Prozesse der Individualentwicklung dann stattfinden. Alle unterstrei-
chen dabei den aktiven Beitrag der Person zu ihrer eigenen Entwicklung.
4. Ansätze zur Integration biologischer und
ökologischer Perspektiven auf Entwicklung
Die Forschung zur Sozioökologie und sozialem Wandel hat ein differenzierteres
Verständnis von Entwicklungskontexten und ihren Einflüssen erreicht. Sie greift
aber bislang noch kaum die neuen Erkenntnisse aus Molekular- und Neurobiologie
zu den Mechanismen der Person-Umwelt-Interaktion auf. Einige kürzlich entstan-
dene Forschungsstränge integrieren dagegen bereits die bis hierher beschriebenen
beiden neuen Impulse.
Einer dieser Stränge wendet die Erkenntnisse zu G×E auf eine für die Sozialisa-
tionsforschung wichtige Einsicht an: Die Umwelt wirkt nicht auf jeden gleich. Hier-
für haben Belsky und Kollegen (z. B. Belsky & Pluess, 2009; Ellis et al., 2011) das
Konzept der differenziellen Empfindlichkeit („differential susceptibility“) geprägt.
12 Von der Umwelt zum Genom und zurück
Dessen Kernthese lautet, dass manche Menschen stärker als andere sowohl durch
negative als auch durch positive Umweltbedingungen beeinflusst werden, also eine
generell höhere Plastizität aufweisen. Dieselben Personenmerkmale, die unter wid-
rigen Umweltbedingungen eine Vulnerabilität für negative Entwicklungsergebnisse
verursachen, sollen unter anregenden Bedingungen auch besonders positive Ent-
wicklungsergebnisse ermöglichen, und zwar beim gleichen Individuum. Bezog sich
die Forschung zu dieser Idee anfänglich auf phänotypische Personenmerkmale als
Hinweise für differenzielle Empfindlichkeit (z. B. Temperament), ergründen neuere
Studien auch die diesen Phänotypen zugrundeliegenden physiologischen (z. B. Cor-
tisolreaktivität) und genetischen Marker (z. B. MAOA, 5-HTTLPR, DRD4). Alle
diese Marker sollen letztlich interindividuelle Unterschiede in neurobiologischen
Prozesse wiederspiegeln, denen eine Schlüsselrolle für die differenzielle Empfind-
lichkeit gegenüber Umwelteinflüssen zugeschrieben wird (Ellis et al., 2011). In der
Tat findet sich zunehmend Evidenz, dass mehrere dieser Marker die Effekte diver-
ser Umwelteinflüsse – darunter elterliches Erziehungsverhalten, sozioökonomischer
Status, kritische Lebensereignisse – auf zahlreiche Entwicklungsergebnisse wie an-
tisoziales Verhalten, kognitive Fähigkeiten, oder psychische Gesundheit moderie-
ren; und zwar in der Weise, dass die „empfänglichsten“ Personen unter widrigen
Umständen die negativsten Entwicklungsergebnisse erleben, unter förderlichen
Umständen aber sogar positivere als weniger empfängliche Personen (Ellis et al.,
2011). Dies unterstreicht, dass ebenso wie genetische Einflüsse auch Umweltein-
flüsse nicht als deterministisch verstanden werden dürfen (Baltes, Rösler, & Reuter-
Lorenz, 2006; Neyer & Lehnhart, in diesem Band).
Die Humansozialgenomik („human social genomics“; Slavich & Cole, 2013)
greift die Erkenntnisse der Epigenetik auf. In ihrem Fokus steht die epigenetische
Vermittlung der langfristigen Effekte sozialer Stressoren auf gesundheitliche Ent-
wicklungsmerkmale. Ihr Hauptgegenstand sind die Auswirkungen sozialer Stresso-
ren: Die subjektive Wahrnehmung sozialer Isolation oder Zurückweisung löst eine
endokrine Stressreaktion aus (z. B. Ausschüttung von Cortisol und Noradrenalin).
Diese endokrinen Signale befördern durch epigenetische Prozesse die Expression
von Genen, die an proinflammatorischen Immunantworten beteiligt sind. Proin-
flammatorische Immunantworten waren als Schutzreaktion evolutionär in solchen
Umwelten adaptiv, in denen bakterielle Infektionen drohten; eine dauerhaft erhöhte
Expression entsprechender Gene durch soziale Stressoren hat jedoch nachteilige
physische (z. B. erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Diabetes)
und psychische (z. B. Depression) Folgen und lässt sich bereits im Kindesalter als
anhaltende Reaktion auf widrige Umwelten nachweisen (Fagundes & Way, 2014).
Einen integrativen Forschungsansatz verfolgt auch die kulturelle Neurowissen-
schaft (Kim & Sasaki, 2014). Sie nutzt Erkenntnisse aus G×E, Epigenetik und Neu-
rowissenschaften, um die Mechanismen der Einflüsse kultureller Umwelten (z. B.
Individualismus vs. Kollektivismus) auf Merkmale wie Emotion, Kognition, Per-
sönlichkeit und Wertorientierungen zu erhellen. Die Verwendung experimenteller
Paradigmen spielt dabei eine wichtige Rolle, was eine Klärung von Fragen der Kau-
Von der Umwelt zum Genom und zurück 13
salität kultureller Einflüsse erlaubt. In der Jugendforschung hat die Aufklärung der
vielfältigen Veränderungen des Gehirns im Jugendalter das Verständnis des kom-
plexen Zusammenspiels von Biologie, Verhalten und sozialer Umwelt in dieser Le-
bensphase bereichert, und zwar mit erheblichen Folgen für sozialpolitische Maß-
nahmen, weil das Konzept der kategorialen Unterscheidung von Pubertät und Ado-
leszenz erschüttert wird (Steinberg, 2014). Integrative Forschungsansätze liegen
ferner in der Resilienzforschung mit Schwerpunkt auf die frühe Kindheit vor, in der
die Folgen sozialer Benachteiligung und einschneidender makrokontextueller Er-
eignisse wie Naturkatastrophen, Terrorismus oder Krieg für die individuelle Ent-
wicklung unter Berücksichtigung neuronaler, physiologischer, und (epi-)genetischer
Mechanismen neu thematisiert werden (Masten & Narayan, 2012; Shonkoff, 2010).
Dass sich die bis hierhin berichteten, häufig in Entwicklungspsychopathologie
und Resilienzforschung wurzelnden Ansätze überwiegend auf widrige Umweltbe-
dingungen und negative Entwicklungsergebnisse beziehen, bedeutet nicht, dass die-
se Ansätze darauf beschränkt wären. In jüngerer Zeit richtet sich beispielsweise ein
auf dem Konzept der differenziellen Empfindlichkeit basierender Forschungszweig
unter dem Stichwort der Vorteilssensitivität („vantage sensitivity“) dezidiert auf po-
sitive Umwelteinflüsse und Entwicklungsergebnisse (Pluess & Belsky, 2013). Auch
die sozioökologische Psychologie (Oishi, 2014) und die kulturelle Neurowissen-
schaft (Kim & Sasaki, 2014) widmen sich primär ‚normalen‘ Entwicklungsmerk-
malen. Insgesamt thematisieren diese Forschungsfelder also durchaus eine große
Breite an Entwicklungsergebnissen, die für die Sozialisationsforschung von Interes-
se sind.
Ohne im Detail auf Einzelbefunde eingehen zu können, lautet eine elementare
Einsicht, dass nicht nur der objektiven Umwelt, sondern vor allem ihrer subjektiven
Wahrnehmung und Bewertung eine Schlüsselrolle für Entwicklung zukommt (Sla-
vich & Cole, 2013). Die subjektive Verarbeitung steht am Anfang einer Kaskade
von neurobiologischen, physiologischen und schließlich epigenetischen Prozessen,
die Umwelteinflüsse vermitteln und vielfach modifizieren und schließlich über Ver-
halten und Erleben auf die Umwelt rückwirken. Der entscheidende Beitrag dieser
integrativen Forschungsstränge liegt im Bemühen um eine umfassende Aufklärung
solcher Kausalketten von Einflüssen von der Umwelt zum Genom – und zurück.
5. Implikationen für die
Sozialisationsforschung
Entwicklung kann nur angemessen erfasst werden, wenn sie als Wechselspiel zwi-
schen Person und Umwelt verstanden wird (Silbereisen & Noack, 2006; Lerner,
2012). Ausgehend von diesem Kernpostulat der interaktionistischen Sichtweise hat
unsere Darstellung neuer Impulse für die Entwicklungspsychologie zweierlei Fort-
schritte offenbart: zum einen ein tieferes Verständnis der genetischen und neurobio-
14 Von der Umwelt zum Genom und zurück
logischen Mechanismen der Person-Umwelt-Interaktion und zum anderen eine dif-
ferenziertere Konzeptualisierung von entwicklungsrelevanten Kontexten.
Entwicklung – dies ist heute klarer denn je – vollzieht sich, wie in Abbildung 2
dargestellt, durch dynamische und bidirektionale Interaktionen zwischen der geneti-
schen Ausstattung des Individuums, der neuronalen und physiologischen Aktivität
des Organismus, den Prozessen des subjektiven Erlebens und Verhaltens sowie den
vielschichtigen physischen, sozialen und kulturellen Kontexten einschließlich ihres
historischen Wandels. Es wäre theoretisch wie empirisch inadäquat, eine dieser
Ebenen isoliert zu betrachten, denn sie sind untrennbar verwoben und wirken wech-
selseitig aufeinander ein (Lerner, 2012; Gottlieb, 2007; Lickliter, 2009).
-Abbildung 2-
Diese Erkenntnis führt zu einem Desiderat für künftige Sozialisationsforschung:
Die interaktionistische Sichtweise als Leitkonzept ernst zu nehmen. Dies verlangt
nach einer Berücksichtigung der bidirektionalen Einflüsse auf allen Ebenen ein-
schließlich der biologischen – und erfordert ein bislang selten praktiziertes Maß an
multi- und interdisziplinärer Kooperation (Baltes, Lindenberger, & Staudinger,
2006; Duncan, Pollastri, & Smoller, 2014). In der Entwicklungspsychologie ist seit
längerem eine Tendenz zur Multi- und Interdisziplinarität zu verzeichnen. Dies
spiegelt sich auch in der zunehmenden Bezeichnung des Forschungsgebiets als „de-
velopmental science” anstelle der enger gefassten „developmental psychology”
wieder.
Eine solche Öffnung gegenüber Molekular- und Neurobiologie steht für weite
Teile der Sozialwissenschaften noch aus (Landecker & Panofsky, 2013). Die Sozi-
alwissenschaften sollten jedoch, wie Rose (2013) betont, das jüngst gestiegene Inte-
resse an Umwelten in der Biologie als Einladung verstehen, ihren Teil zum Ver-
ständnis des Wechselspiels von Person und Umwelt beizutragen: Die Sozialwissen-
schaften wissen beispielsweise um die Strukturierung der sozialen Umwelt durch
Institutionen und Rollen; sie verfügen über ein geeignetes Instrumentarium zur Er-
fassung von individuellem Wahrnehmen, Bewerten und Handeln; kurz: sie verste-
hen diejenigen Analyseebenen, die sich einer rein biologischen Betrachtung entzie-
hen. Dies bedeutet keineswegs, dass den sozialwissenschaftlichen Disziplinen le-
diglich die Rolle eines „Zulieferers“ der Biologie zukäme (z. B. Steinberg, 2014).
Der Dialog zwischen Person und Umwelt, der das Entwicklungsgeschehen prägt, ist
nur in einem echten Dialog zwischen den Disziplinen zu verstehen.
All dies freilich ist kein Selbstzweck, sondern dient ultimativ dem Ziel, die
Chancen für positive Entwicklung über die Lebensspanne zu verbessern und die Ri-
siken von Fehlanpassung zu reduzieren sei es durch Maßnahmen der Optimie-
rung, Prävention und Intervention oder durch Anstöße zur Schaffung entsprechen-
der politischer Rahmenbedingungen. Ein Verständnis der (epi-)genetischen und
neurobiologischen Prozesse der Entwicklung und damit der Kausalität von Um-
welteinflüssen verspricht dabei nicht nur effektivere Methoden der Diagnostik, Prä-
Von der Umwelt zum Genom und zurück 15
vention und Intervention (z. B. Rutter, 1998; Dodge, 2009), sondern würde auch die
Rolle der Sozial- und Verhaltenswissenschaften in der Politikberatung stärken
(Shonkoff & Bales, 2011; Shonkoff, 2010). Hier kann die „developmental science“
der Sozialisationsforschung neue Anregungen geben, weil sie die neuen Erkenntnis-
se zur Biologie und zur Ökologie menschlicher Entwicklung bereits in ihrem Rah-
men aufzugreifen begonnen hat.
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Von der Umwelt zum Genom und zurück 19
Abbildung 1. Veränderung der relativen Vorkommenshäufigkeit des Stichworts Sozialisation
im Korpus der Buchpublikationen aus dem englischen im Vergleich zum deutschen Sprach-
raum zwischen 1958 und 2008. Quelle: Google Ngram Viewer, Korpus 2012; Suchbegriffe:
„socialization“ / „socialisation“ (engl.) in Groß und Kleinschreibung, summiert, bzw. „Sozialisa-
tion“ (dt.); Smoothing-Faktor: 4.
Abbildung 2. Das Entwicklungsgeschehen umfasst Wechselwirkungen zwischen allen Analy-
seebenen. Modell in Anlehnung an Gottlieb (2007).
Chapter
Es wurde dargelegt, dass die Freiwilligen, welche ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren, im Durchschnitt 16–26 Jahre alt und damit der Lebensphase Jugend zuzuordnen sind und dass zumindest ein Teil von ihnen daran interessiert ist, das FSJ als ein zeitlich begrenztes Moratorium (siehe dazu auch Abschn. 4.4.2) zu nutzen, um länger in dieser Phase verbleiben zu können. Aus diesen Gründen und da es in dieser Arbeit darum geht, die Beweggründe der Freiwilligendienstableistenden in ihrer biografischen Bedeutung herauszuarbeiten, dient dieses Kap. 4 dazu, sich dieser Lebensphase begrifflich und thematisch zu nähern. Unter Einnahme einer interdisziplinären Perspektive soll aufgezeigt werden, dass und inwiefern das Freiwillige Soziale Jahr eine Möglichkeit darstellt, diese Lebensphase aktiv zu gestalten. Dabei ist die Einnahme einer interdisziplinären Perspektive dem konkreten Forschungsfeld geschuldet, denn:Es setzt sich also nicht nur die Erziehungswissenschaft, sondern es setzen sich auch andere Disziplinen wie z. B. die Soziologie, Psychologie und Biologie mit der Lebensphase Jugend auseinander. Dementsprechend sollte diese Mehrperspektivität auch bei der Annäherung an das dieser Arbeit immanente Forschungsinteresse berücksichtigt werden, um ein dem Forschungsanliegen angemessenes und detailliertes Bild von der im Fokus stehenden Jugendphase zu erhalten.
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Die geographische Psychologie befasst sich unter anderem mit Persönlichkeitsunterschieden von Regionen und Regionstypen, in denen Personen leben und handeln. Mittels solcher Forschung können regionale „Mentalitäten“ untersucht werden aus denen sich Forschungsfragen zu Entwicklungspfaden von Regionen und deren Populationen ableiten lassen. Während existierende psychologische Regionalforschung „psychologische Landkarten“ vor allem in den USA und Großbritannien erforschte, liefert die vorliegende Analyse eine Regionaluntersuchung für Deutschland auf kleinteiligem Raumniveau (97 deutsche Raumordnungsregionen). Basierend auf dem Big Five Modell der Persönlichkeit werden deutsche Daten der „The Big Five Project“-Studie (N = 73756) präsentiert. Es werden regionale Persönlichkeitsunterschiedliche zwischen städtischen und ländlichen Regionen, Ost- und Westdeutschland, und Nord- und Süddeutschland getestet. Es finden sich insbesondere Hinweise für a) die empirische Validität einiger Stereotype (wie das der unterkühlten, rauen Norddeutschen, der gemütlichen Süddeutschen und der aufgeschlossenen Großstädter), b) systematische Migrationsmuster, und c) eine Köln-München Linie in der regionalen Verteilung von Neurotizismus. Die Effektstärken in den Regionalunterschieden sind in der Regel zwar gering, aber dennoch mit wichtigen Implikationen für zukünftige Forschung und Anwendungsgebiete.
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Der Autor entwickelt die These, dass die zunächst befreiende und befähigende Wirkung der modernen sozialen Beschleunigung, die mit den technischen Geschwindigkeitssteigerungen des Transports, der Kommunikation oder der Produktion zusammenhängt, in der Spätmoderne in ihr Gegenteil umzuschlagen droht. Das Tempo des Lebens hat zugenommen und mit ihm Stress, Hektik und Zeitnot, so hört man allerorten klagen – obwohl wir auf nahezu allen Gebieten des sozialen Lebens mithilfe der Technik enorme Zeitgewinne durch Beschleunigung verzeichnen können. Wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen. Dafür, so die leitende These der Arbeit, ist es erforderlich, die Logik der Beschleunigung zu entschlüsseln.
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This book focuses on the developmental analysis of brain-culture-environment dynamics and argues that this dynamic is interactive and reciprocal; brain and culture co-determine each other. As a whole, this book refutes any unidirectional conception of the brain-culture dynamic, as each is influenced by and modifies the other. To capture the ubiquitous reach and significance of the mutually dependent and co-productive brain-culture system, the metaphor of biocultural co-constructivism is invoked. Distinguished researchers from cognitive neuroscience, cognitive psychology, and developmental psychology review the evidence in their respective fields. A special focus of the book is its coverage of the entire human lifespan.
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Reflecting author Çigdem Kagitçibasi's influential work over the last two decades, this new edition examines human development, the self, and the family in a cultural context. It challenges the existing assumptions in mainstream western psychology about the nature of individuals.
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Discusses results of the Jena Study on Social Change and Human Development on methods used by individuals to adjust to stress caused by social change. A list of everyday manifestations of social challenges related to work, life course planning, and family was derived. These impact of those challenges was assessed using a measure of cumulated demand load in a sample of 2,154 German adolescents and adults aged between 16 and 42 years. Hypotheses assumed that demand load is affected by political regions, status in work or family domains, and individual biographies. All data at the individual level were self-reported. Four modes of adaptive reactions targeting either the external world (primary control) or the inner self (secondary control) were compared. The relationships between demands and civic engagement, well-being, and the moderating effect of context were also examined. Results showed higher demand loads in East Germany than in West Germany, and the negative relationship between d
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The goal of developmental science is to describe, explain, and optimize intraindividual changes in adaptive developmental regulations and, as well, interindividual differences in such relations, across life. The history of developmental science is reviewed and its current foci, which are framed by relational developmental systems models that emphasize that change across life occurs through mutually-regulative relations between individuals and their context, are discussed. Finally, ideas about the future of developmental science are presented.