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Im Teufelskreis der Lust: Zuviel ist nie genug!

Authors:

Abstract

Was wissen wir über das Belohnungssystem in unserem Gehirn? Sagt es uns, wie wir leben sollen? Der Arzt, Psycho-therapeut und Suchtmediziner Dr. med. Ingo Schymanski sichtet die bekannten Fakten und fügt sie neu zusammen: Sein Modell erklärt nicht nur, warum unser Leben immer schneller wird, wir gleichzeitig aber immer weniger Zeit haben. Es erklärt auch, warum wir fast alle mehr besitzen wollen, aber niemand dadurch glücklicher wird. Aus dem »Teufelskreis der Lust« lassen sich die häufigsten psychischen Störungen wie AD(H)S, Ängste, Burnout oder Depression verstehen, letztlich sogar die Ursache jeder Zivilisationserkrankung. Darüber hinaus ergeben sich neue Ansätze zur neurophysiologischen Unterscheidung der monopolaren Depression von der bipolaren Störung oder auch Hinweise, warum schlechte sozioökonomische Bedingungen die Anfälligkeit für Schizophrenie erhöhen. Es ergeben sich zudem neue Ansätze für die Therapie der häufigsten psychischen Erkrankungen. Darüber hinaus erklärt das Modell, auf welche Weise äußerer Stress die innere HPA-Achse anstößt. Letztlich ergeben sich aus Schymanskis Ansatz Antworten sogar auf gesellschaftliche und philosophische Fragen. Das Buch schließt mit praktischen Erwägungen, wie sich der Einzelne dem endlosen Rennen nach immer mehr erfolgreich entziehen kann, um glücklich, gesund und dauerhaft leistungsfähig zu bleiben.
Zuviel ist nie genug!
Was wissen wir über das Belohnungssystem in unserem
Gehirn? Sagt es uns, wie wir leben sollen? Der Arzt, Psycho -
therapeut und Suchtmediziner Dr. med. Ingo Schymanski
sichtet die bekannten Fakten und fügt sie neu zusammen:
Sein Modell erklärt nicht nur, warum unser Leben immer
schneller wird, wir gleichzeitig aber immer weniger Zeit
haben. Es erklärt auch, warum wir fast alle mehr besitzen
wollen, aber niemand dadurch glücklicher wird.
Aus dem »Teufelskreis der Lust« lassen sich die häufigsten
psychischen Störungen wie AD(H)S, Ängste, Burnout oder
Depression verstehen, letztlich sogar die Ursache jeder Zivili-
sationserkrankung.
Das Wissen über die Funktion des Belohnungssystems könnte
Ihr Leben verändern – und es vielleicht in ein Savoir vivre ver-
wandeln.
Eine erbsengroße Ansammlung von Nervenzellen
bestimmt unser Leben – das sogenannte »Lust-«
oder »Belohnungszentrum« in unserem Gehirn.
Die moderne Bildgebung macht es sichtbar: Ob
Essen, Trinken, Sex, Macht, Anerkennung oder
Drogen – was uns »Lust« bereitet, lässt das Beloh-
nungszentrum »leuchten«. Die Abbildung zeigt
unser Belohnungszentrum in Aktion.
In allgemein verständlicher Sprache stellt der Autor
Forschungsergebnisse zum »Lustzentrum« vor.
Er präsentiert ein Modell, das nicht nur zahl -
reiche seelische und körperliche »Zivilisations-
folgen« erklärt, sondern auch Phänomene wie
die allgegenwärtige Beschleunigung oder das
offen bar unvermeidbare Streben nach »immer
mehr«. Letztlich gibt das Buch sogar Antworten
auf aktuelle gesellschaftliche und philosophische
Fragen – und darauf, wie der Einzelne sein Leben
gestalten kann, um möglichst gesund, zufrieden
und glücklich sehr, sehr alt zu werden.
Dr.med. Ingo Schymanski
studierte in Marburg und Freiburg Medizin. In Berlin
arbeitete er jeweils fünf Jahre in internistischen
und chirurgischen Krankenhausabteilungen und
leitete einen privaten Arztnotruf. Seit 2001 ist er in
Ulm als Facharzt für Allgemeinmedizin niederge-
lassen. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind Sucht -
medizin, Psychosomatik und Psychotherapie.
Suchtmedizinische und psychotherapeutische Frage -
stellungen weckten sein Interesse an den Neuro -
wissenschaften. So entwickelte er das in diesem
Buch vorgestellte Habituationsmodell, das das Be-
lohnungssystem im Gehirn als Regelkreis interpre -
tiert.
Sein Studium finanzierte er teilweise durch sein
Spiel als Pianist und E-Bassist in verschiedenen
Bands. Neben einer CD mit Klavierimprovisationen
veröffentlichte er ein Fachbuch zu somatoformen
Störungen und unter einem Pseudonym auch zwei
Romane. Ingo Schymanski ist verheiratet und hat
vier Kinder.
Ingo Schymanski
Im Teufelskreis
der Lust
Raus aus der Belohnungsfalle!
Mit einem Geleitwort von Hans Hopf
Ingo Schymanski Im Teufelskreis der Lust
www.schattauer.de www.balance-verlag.de
XIII
„Protect me from what I want“
Jenny Holzer
Vorwort
Das Leben wird immer schneller. Und obwohl der zivilisier-
te Mensch heute so viel besitzt, über so viele Möglichkeiten
verfügt, so abgesichert, gesund und so lange lebt wie wohl
keine Generation vor ihm, läuft er Gefahr, sich im Überan-
gebot zu verlieren. Statt zu genießen, fühlt er sich oft nur
noch gehetzt, erschöpft und unglücklich wie wohl ebenfalls
noch keine Generation zuvor. Woran kann das liegen?
Als ich anfing, die Gründe für diese Entwicklung zu re-
cherchieren, wusste ich über das Thema vermutlich genau-
so viel wie Sie in diesem Augenblick. Ich ahnte, dass die
Antwort auf diese Frage im Belohnungssystem unseres Ge-
hirns zu finden sein müsste. Deswegen fing ich an dieser
Stelle an zu graben: Ich las Bücher und eine Unmenge von
wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wobei mir meine
ärztliche, psychotherapeutische und suchtmedizinische
Ausbildung sowie meine tägliche Arbeit mit Patienten beim
Verstehen und Einordnen der schier zahllosen Fakten hal-
fen. Zu guter Letzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen:
Alle Tatsachen, die meine Eingangsfrage beantworteten,
sind lange bekannt. Das einzige, was bis heute zum Ver-
ständnis fehlte, war das „geistige Band“ zwischen den mitt-
lerweile nahezu unüberschaubaren Einzelbefunden der ak-
tuellen Hirnforschung.
Das in diesem Buch vorgestellte Modell erklärt nicht
nur die sattsam bekannte Beschleunigung aller Lebensvor-
gänge. Es liefert darüber hinaus auch sehr gute Erklärun-
gen für die häufigsten seelischen Erkrankungen. Und damit
nicht genug: Sehr viele bislang in ihrem Ursprung unklare
psychosomatische und soziale Erscheinungen lassen sich
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durch die Belohnungsmechanismen in unserem Kopf erst
wirklich verstehen. Richtig geordnet, machen die Befunde
der Neurowissenschaften deutlich, warum wir durch unser
Streben nach „immer mehr“ nicht nur unsere eigene Ge-
sundheit gefährden, sondern auch die Zukunft der Mensch-
heit auf unserem Planeten. Letztlich liefert das Wissen um
die Vorgänge in unserem Gehirn sogar eine Antwort auf die
Frage, wie der Einzelne sein Leben entschlacken und
entschleu nigen kann – um dafür auch noch mit einem Ge-
winn an Lebensqualität (und aller Wahrscheinlichkeit nach
auch noch an Lebensjahren!) belohnt zu werden – vom
Nutzen für das globale Ökosystem ganz zu schweigen.
Um die wesentlichen Mechanismen zu begreifen, muss
niemand gleich selbst zum Hirnforscher werden. Im Gegen-
teil: Die Vielzahl der Einzelbefunde scheint die Spezialisten
so sehr zu verwirren, dass sie den Wald vor lauter Bäumen
nicht mehr erkennen. Dabei lassen sich die bekannten und
von keinem Forscher mehr ernsthaft bezweifelten Fakten
zu einem so einfachen Modell zusammensetzen, dass man
sich hinterher fragt, warum die häufigsten Zivilisationser-
scheinungen überhaupt jemals als völlig unterschiedliche
Phänomene missverstanden werden konnten.
Vorab möchte ich versprechen, dass ich Ihnen Aus-
drücke wie „frontostriatale Dysfunktion“ oder „Dopamin-
Transporter-Protein-Synthese-Induktion“ im gesamten Buch
erspare. Denn viel interessanter als jedes einzelne neuro-
physiologische Puzzleteil ist das Gesamtbild, das sich aus
den faszinierenden Einzelbefunden der letzten Jahrzehnte
zusammensetzen lässt. Um die grundlegenden Prinzipien zu
verstehen, reicht das allgemein verständliche Vokabular
vollständig aus.
Die möglichen Konsequenzen des in diesem Buch vorge-
stellten Modells sind allerdings gewaltig. Angefangen bei
der täglichen Lebensgestaltung über die Therapie der häu-
figsten psychischen Erkrankungen wie Ängste, Depressio-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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nen, ADHS und andere zivilisationsbedingte Störungen
reichen die Folgen bis hin zu dem, was unser Glück und
unsere Lebensqualität eigentlich ausmacht – und welche
Alternative zu unserer gegenwärtig immer noch als „alter-
nativlos“ dargestellten Wachstumsphilosophie existiert.
Denn einerseits liegt auf der Hand, dass sich durch immer
mehr Wohlstand genau wie durch die Einnahme von immer
mehr Tabletten kein dauerhaftes Wohlbefinden erschaffen
lässt. Andererseits erscheint es schwierig, tatsächlich auf
das zu verzichten, was uns vordergründig schnell und ein-
fach glücklich macht. Das in diesem Buch vorgestellte neue
Verständnis der Belohnungsmechanismen beantwortet die
Frage, warum „immer mehr“ nicht „immer besser“ sein
muss. Und es gibt Auskunft, wie es vermutlich aussieht, das
„richtige Leben“. Denn auch wenn es jeder Mensch indivi-
duell gestalten wird: Das Belohnungssystems funktioniert
für uns alle gleich.
Die größte Stärke des in diesem Buch vorgestellten Mo-
dells ist vielleicht auch seine größte Schwäche: Es erklärt
„zu viel“. Eine einfache Erklärung für eine Vielzahl von
Phänomenen und Krankheitsbildern provoziert in der Welt
der Wissenschaft beinahe reflexhaft Widerspruch. Ich
möchte dem Text daher vorausschicken, dass das Habitua-
tionsmodell keineswegs den Anspruch darauf erhebt, alle
geschilderten Krankheiten und Erscheinungen vollständig
zu begründen. Dieses Buch stellt eine neue Sichtweise zur
Diskussion, die sich nach dem Sparsamkeitsprinzip der
Wissenschaften („Ockhams Rasiermesser“1) als äußerst
1 „Ockham‘s Razor“: Die simpelste und zugleich passende Erklä-
rung ist vorzuziehen, alle anderen werden mit einem Rasiermesser
abgeschnitten, benannt nach dem Scholastiker Wilhelm von Ockham
(1288–1347).
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potentes Werkzeug erweisen könnte, die Folgen und vor
allem auch die wünschenswerte Zielrichtung unserer zivili-
satorischen Entwicklung besser zu verstehen.
Lassen Sie sich überraschen! Ich wünsche Ihnen eine
spannende und gewinnbringende Lektüre!
Ulm, im Februar 2015 Ingo Schymanski
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Inhalt
1 Das Belohnungssystem in unserem Kopf ......... 1
1.1 Das „Lustzentrum“: Die Quelle von Glück und
Zufriedenheit ................................ 1
1.2 Sichtlich glücklich: Das „Lustzentrum“ in Aktion ....... 3
1.3 Habituation ................................. 8
1.4 Der Teufelskreis der Lust ........................ 10
1.5 Der Sinn der Habituation am „Lustzentrum“ .......... 11
Das „Wohlfühlparadoxon“ ...................... 12
Noch mehr vom Zuviel: Kompensationsstrategien des
Lustverlusts.................................. 14
Immer häufiger ............................. 14
Immer doller ............................... 15
Immer verrückter ............................ 15
Immer dringlicher............................ 16
Gebrauch von Stimulanzien .................... 16
Drogen ................................... 18
Das Ende jeder Zufriedenheit: Der Vergleich......... 20
Einheitliche Ursache – unterschiedliche Wirkungen?..... 23
2 Seelische Folgen: die häufigsten psychischen
Erkrankungen in Europa....................... 26
2.1 Psychovegetative Erregung, psychovegetative
Erschöpfung ................................. 27
2.2 Angst ...................................... 30
2.3 Schlafstörungen .............................. 34
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2.4 Depression .................................. 37
Die Serotonin-Hypothese........................ 37
Depression als Folge von Überstimulation
im Belohnungssystem .......................... 39
Exkurs: Frühere Modelle zur Depressionsentstehung... 42
Depression als Zivilisationserscheinung? ............. 47
Depression ohne Zivilisation – die Amish-People...... 47
Die bipolare Störung – eine Erkrankung der Astrozyten? 49
Der Sinn der Übersättigungsdepression.............. 52
2.5 Demenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
2.6 Krankheit oder Warnsignal der Über stimulation:
ADHS, ADS ..................................... 55
2.7 Krankheitsgefühl ohne Krankheit:
Somatoforme Störungen ........................ 75
2.8 Süchte ..................................... 82
Stoffgebundene Süchte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
Weiche und harte Drogen ..................... 88
Die am häufigsten verwendeten Substanzen ........ 91
Behandlung von stoffgebundenen Suchterkrankungen . 98
Akute Entgiftung ............................ 101
Langzeittherapie ............................ 102
Drogen legalisieren?.......................... 103
Stoffungebundene Süchte ....................... 104
Starke Drogen, schwache Drogen ................ 105
Burnout................................... 107
Wie vermeide ich Burnout?..................... 113
2.9 Stress: eine Theorie zu seiner Entstehung ............ 116
Stress und Gedächtnis .......................... 118
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2.10 Exkurs: Schizophrenie .......................... 119
2.11 Krankheit oder Warnsignal? ...................... 122
3 Körperliche Folgen:
Die typischen Zivilisationskrankheiten............ 124
3.1 Ernährung und das Belohnungssystem .............. 127
4 Gesellschaftliche Folgen....................... 130
4.1 Die Colanisation der Welt ....................... 130
4.2 Lebenssinn, Glück und Zufriedenheit ............... 133
4.3 Der Unterschied im „westlichen“ und „fernöstlichen“
Denken .................................... 136
Flow....................................... 141
Der Sinn von Exzessen.......................... 144
„Bruttonationalglück“ – Bhutan ................... 145
4.4 Der Happy-Planet-Index ........................ 148
4.5 Was brauchen wir wirklich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
Frau Mujahi................................ 150
Andrea Petkovic: Genug ist nicht genug ........... 151
Wirtschaftswachstum, Verteilungsgerechtigkeit und
Lebensqualität .............................. 152
Mehr ist nicht genug ......................... 153
Glück und Lebenszufriedenheit subjektiv und objektiv ... 155
Kalorien und Lebenserwartung.................... 160
Die Maslow-Pyramide .......................... 162
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Familie, Freunde, Anerkennung – soziale Kontakte als
Lebenssinn? ................................. 168
Sinn und Selbstzweck .......................... 169
4.6 Die Freiheit des Willens ......................... 172
5 Persönliche Konsequenzen für den Alltag......... 182
5.1 Der Start in den Tag ........................... 182
Freiwilligkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
Volle Speicher ................................ 185
5.2 Der Tagesverlauf .............................. 187
5.3 Ernährung................................... 190
Alles Bio? ................................... 192
5.4 Schlaf...................................... 195
5.5 Beziehungen................................. 198
Paarbeziehungen.............................. 199
Sex........................................ 201
Kindererziehung .............................. 205
5.6 „Hirndoping“ – Neuro-Enhancement ............... 213
5.7 Frühwarnzeichen der Erschöpfung ................. 217
5.8 Glutamat ................................... 219
5.9 Fazit....................................... 220
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XXI
6 Mögliche Schwächen des Habituationsmodells .... 223
6.1 GABA – der häufigste Botenstoff im Gehirn........... 224
6.2 GABA, der Schlüssel zum Gedächtnis? .............. 225
6.3 Unterschiedliche Geschwindigkeiten im Belohnungs -
system ..................................... 226
6.4 Leben ohne „Lustzentrum“ ...................... 227
7 Schlusswort ................................ 229
7.1 Erste Schritte auf dem Weg zur Entschleunigung . . . . . . . 230
7.2 Entschleunigung für Fortgeschrittene ............... 234
Literatur ....................................... 235
Glossar ........................................ 243
Sachverzeichnis ................................. 249
Danke! ........................................ 255
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des Buches eingegangen werden (Kap. 5.8). Für das prinzi-
pielle Verständnis des „Teufelskreises“ reicht die Konzen-
tration auf Dopamin und GABA vollständig aus.
Halten wir also fest: Egal ob es sich um künstliche oder
natürliche Auslöser handelt – was bei Mensch und Tier das
Belohnungszentrum stimuliert, wird als angenehm empfun-
den. Deswegen verführen Tätigkeiten und Stimulanzien,
die das „Lustzentrum“ erregen, stets dazu, die Lust vermit-
telnde Tätigkeit zu wiederholen.
1.2 Sichtlich glücklich:
Das „Lustzentrum“ in Aktion
Mit den bildgebenden Methoden der modernen Hirnfor-
schung lässt sich das „Lustzentrum“ sichtbar machen.
Denken oder tun wir etwas Angenehmes, wird das Beloh-
nungszentrum stimuliert und beginnt in der funktionellen
Magnetresonanztomografie (fMRT) als orangefarbener Be-
zirk zu „leuchten“ (Abb. 1). In Wirklichkeit leuchtet es
natürlich nicht; das fMRT macht lediglich den bei Stimula-
tion vermehrten Stoffwechsel sichtbar.
Auch wenn wir die Stimulation des Belohnungszent-
rums mit moderner Technik sichtbar machen können, er-
Abb. 1 Das Belohnungszentrum
„bei der Arbeit“, wie es sich in der
funktionellen Magnetresonanztomo-
grafie darstellt (fMRT) (aus: Spitzer
2008).
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schließt sich daraus noch keineswegs seine komplette
Funktion. Es existieren nämlich auch Stoffe, die das Beloh-
nungszentrum nicht stimulieren und dennoch eine starke
Abhängigkeit bewirken können.
Denn das Belohnungszentrum (wissenschaftlich korrekt
auch als Nucleus accumbens bezeichnet) ist keineswegs
der Endpunkt von Lust erregenden Tätigkeiten. Vielmehr
ist es eine Zwischenstation. Das Belohnungszentrum sendet
bei Erregung nämlich selbst Botenstoffe aus. Der wichtigste
all dieser Transmitter ist der stärkste dämpfend wirkende
Botenstoff im Gehirn. Er besteht – ähnlich wie Dopamin –
aus einer einfachen chemischen Verbindung, aus der sich
sein Name ableitet: Gamma-Amino-Butyric-Acid, kurz
GABA.
Wir kennen die Wirkung von GABA im Gehirn sehr ge-
nau. Denn die Medizin verfügt über Substanzen, die an den
gleichen Rezeptor binden wie GABA. Das bekannteste der-
artige Medikament heißt Valium®. In den 70er-Jahren war
es als „Tranquilizer“ und Lifestyle-Droge weit verbreitet.
Kein Wunder, denn Valium® und alle Medikamente, die die
Wirkung von GABA imitieren, simulieren im Gehirn die
„Endstrecke des Glücks“: Eine Tablette Valium® gaukelt
dem Hirn vor, einen ganzen Tag voller Lust vermittelnder
Tätigkeiten verbracht zu haben. Ohne auch nur einen Fin-
ger zu krümmen, fühlen wir uns geborgen, entspannt und
wohlig müde. So ist es kein Wunder, dass von diesen Mit-
teln eine erhebliche Suchtgefahr ausgeht: GABA-artig wir-
kende Substanzen sind die am häufigsten missbrauchten
Psychopharmaka überhaupt.
Valium® und andere Vertreter seiner Gruppe (Benzodia-
zepine) werden aufgrund ihrer Eigenschaften medizinisch
eingesetzt. Benzodiazepine wirken:
Angst lösend,
Schlaf anstoßend und
Muskel entspannend.
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Da wir wissen, welche Wirkungen Valium® und verwandte
Substanzen im Gehirn besitzen, können wir daraus ziem-
lich genau schließen, was die Freisetzung von GABA nach
Stimulation unseres Belohnungszentrums letztlich bewirkt:
Angstfreiheit, wohlige Müdigkeit und eine wunderbare
Muskelentspannung. Wir werden auf diese drei Effekte von
GABA noch verschiedentlich zurückkommen.
Exkurs
Der modernen Pharma-Forschung ist es gelungen, Medika-
mente zu entwickeln, die zwar nicht direkt an den GABA-Re-
zeptor binden, aber dennoch die gleichen Wirkungen entfal-
ten. Forschungsziel war gewesen, Wirkstoffe zu finden, von
denen keine Suchtgefahr mehr ausgeht. Die klinische Erfah-
rung allerdings zeigt, dass die gefundenen Substanzen (z. B.
Gabapentin, Handelsname Lyrica®, oder sogenannte Z-Medi-
kamente wie z. B. Zopiclon) genauso stark abhängig machen
wie Benzodiazepine.
An dieser Stelle haben wir bereits einen Gutteil dessen
verstanden, was Mensch und Tier antreibt: Einerseits ist
es das Streben nach Lustempfinden, also der Stimulation
des „Lustzentrums“ durch Dopamin und weitere beloh-
nende Botenstoffe, was uns Lust, Selbstbewusstsein und
Sinnerfüllung vermittelt. Andererseits wollen wir Befrie-
digung empfinden, die sich aus der Aktivität des Beloh-
nungszentrums durch die Freisetzung des beruhigenden
Transmitters GABA ergibt, der uns angstfrei macht, ange-
nehm müde und entspannt. Aus diesen beiden Befunden
ergibt sich ein Regelkreis, wie ihn Abbildung 2 veranschau-
licht.
Das Belohnungssystem ist entwicklungsgeschichtlich
sehr alt. Es ist schon in primitiven Lebensformen wie dem
Fadenwurm (Caenorhabditis elegans) nachweisbar (Chase
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et al. 2004). Kriecht der Fadenwurm durch eine bakterien-
reiche Gegend, wird sein aus nur wenigen Nervenzellen be-
stehendes Belohnungszentrum auf den Nahrungsreiz hin
durch Dopamin stimuliert und stößt GABA aus. GABA
hemmt beim Fadenwurm die Nervenzellen, die für die
Vorwärtsbewegung des Wurms verantwortlich sind. Durch
diesen Mechanismus verweilt der Fadenwurm in Gebieten,
in denen er seine Lieblingsspeise findet: Bakterien. Es muss
uns also nicht verwundern, wenn sich heute unsere Schritte
immer noch verlangsamen, wenn wir hungrig an einem
Restaurant vorübergehen: Im Prinzip gehorchen wir
dem gleichen natürlichen Mechanismus wie der Faden-
wurm. Die Wahrnehmung von etwas, was Lust stimuliert,
führt zur Freisetzung von GABA. Und GABA hemmt alle
Abb. 2 Das Belohnungssystem unseres Gehirn, dargestellt als Regel-
kreis. NAC= Nucleus accumbens („Lustzentrum“), A= Aktivierung
(psychovegetative und psychomotorische Erregung), B= Belohnungs-
neurone (Speicherzellen für Dopamin, Glutamat u. a. Botenstoffe, die
bei Planung, Umsetzung und Erfolg einer Handlung ausgeschüttet
werden). Die maximale Ausschüttung belohnender Transmitter wie
Dopamin erfolgt im Moment des Erreichens eines Ziels.
Erfolg
Handlung
Planung
Dopamin
Glutamat
GABA
B
ANAC
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Aktivitäten, die uns von der Quelle der Lust entfernen
wollen.
Als Regelkreis betrachtet, wird deutlich, welche Funk-
tion das Belohnungszentrum besitzt: Es dient dem Über-
leben. Denn alle Handlungen, die uns am Leben erhalten,
werden durch Lustempfindung „belohnt“ – ob es sich
um Essen, Trinken oder Sex handelt, um Revierverteidi-
gung, Balzen oder Putzen, um Protzen, Schminken oder
Aufreizen. Lust dient dem Überleben des Individuums
und dem Fortbestand seiner ganzen Art. Fehlt die Lust,
resultiert daraus ein Mangel an GABA, was zu psychovege-
tativer Erregung und psychomotorischer Unruhe führt.
Dieser unangenehme Zustand lässt erst nach, wenn wir
wieder „Lust“ empfinden und in der wohligen Befriedigung
schwelgen, die uns der Hauptbotenstoff des „Lustzen-
trums“ – GABA – vermittelt. Es ist dieser einfache Regel-
kreis, der Drang nach Lust und Befriedigung, der Mensch
und Tier dazu bringt, ihr angeborenes biologisches Pro-
gramm abzuarbeiten: Nahrung suchen, Reviere erobern
und für die Erhaltung der Art sorgen. Wird das Beloh-
nungszentrum durch die Verknappung äußerer Ressourcen
nicht mehr stimuliert, motiviert der resultierende psycho-
vegetativ-psychomotorische Erregungszustand das Indivi-
duum, für den Selbsterhalt und den Erhalt der Art aktiv zu
werden.
Warum Mensch und Tier gefährdet sind, über das ei-
gentliche Ziel der Luststeuerung des Verhaltens (die Siche-
rung des Überlebens des Individuums und der Art) hinaus-
zuschießen, mehr zu essen, als gesund ist, mehr Ressourcen
zu verbrauchen als nachwachsen und sich – vor allem beim
Menschen zu beobachten – in Exzessen zu verlieren, ergibt
sich aus einem zweiten, einfachen Mechanismus, der im
nächsten Kapitel besprochen wird.
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1.3 Habituation
Habituation bedeutet „Gewöhnung“. Beklopft man mit
einem Finger die Stelle zwischen den Augenbrauen, schlie-
ßen sich reflexartig die Augenlider („Glabellareflex“). Löst
man diesen Reflex wieder und wieder aus, wird die Reflex-
antwort innerhalb von Sekunden und Minuten schwächer
und schwächer, bis der Reflex am Ende vollständig erlischt.
Setze ich eine rosa Brille auf, erscheint nach wenigen Mi-
nuten die weiße Wand wieder weiß – trotz der farbigen
Brille.
Wenn ich Süßigkeiten esse, antwortet der Körper mit
der Freisetzung von Insulin. Insulin bewirkt, dass der auf-
genommene Zucker in die Körperzellen aufgenommen und
verstoffwechselt wird. Nehme ich jeden Tag zu viele Koh-
lenhydrate zu mir, gewöhnen sich die Körperzellen an das
ständige Insulin-Signal; ihre Reaktion darauf wird immer
schwächer, bis sie trotz hohen Insulin-Spiegels nur noch
wenig Zucker aufnehmen. In diesem Moment wird der
Mensch „zuckerkrank“, er leidet an Diabetes mellitus.
Der Vorgang der Habituation ist ein Mechanismus, der
bei vermutlich jeder Signalübertragung im Körper stattfin-
det. Ein Signal, das ständig vorhanden ist, verliert seine
Wirkung. Stellen Sie sich vor, in Ihrer Straße stünde eine
Fußgängerampel immer auf Rot. Nach wenigen Minuten
würde das Signal von den ersten Fußgängern ignoriert wer-
den, spätestens nach ein paar Tagen von nahezu allen. Die
Anwohner hätten sich an die funktionslose Ampel „ge-
wöhnt“.
Was wir am Verhalten des Gesamtorganismus beobach-
ten können, hat seine Entsprechung an den Schaltstellen im
Körper. Nahezu alle Hormone und Neurotransmitter wer-
den nicht kontinuierlich freigesetzt, sondern stoßweise
(„pulsatil“). Ein Botenstoff, der zu häufig oder gar perma-
nent vorhanden ist, verliert seine Wirkung. Dieser „auto-
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matische Weißabgleich“ dient der ständigen Kalibrierung
unseres Belohnungssystems und damit der Anpassung des
Organismus an die sich ständig verändernden Umweltbe-
dingungen.
Habituation ist überlebensnotwendig. Durch sie adap-
tieren wir uns an unterschiedliche Nahrungsmengen und
-beschaffenheiten, an unterschiedliche Temperaturen,
Lärmpegel, soziale Umgangsformen, an sehr verschiedene
Lebensbedingungen, ja sogar an unterschiedliche Lebenser-
wartungen. Was wir häufig erleben, wird auf diese Weise
zur „Normalität“, die wir ohne besondere Aufregung zur
Kenntnis nehmen.
Selbstverständlich gilt dieser durch Habituation vermit-
telte Mechanismus der kontinuierlichen Selbstkalibrierung
auch für das Gehirn insgesamt – einschließlich der Sig-
nalübertragung am Belohnungszentrum. „Toujours per-
drix!“, fluchte der Beichtvater des Königs Heinrich IV von
Frankreich, nachdem dieser ihm eine Woche lang seine
Leibspeise, Rebhuhn (frz. perdrix), vorgesetzt hatte.1 Jeder
kennt es von sich selbst: Jede Lust verflacht zur Routine,
wenn sie wieder und wieder abgerufen wird.
Aus Versuchen ist bekannt, dass das Belohnungszent-
rum am stärksten von überraschenden Reizen stimuliert
wird (Bassareo u. Di Chiara 1997). Eine erwartete Beloh-
nung, ein erwartetes Geschenk lösen – genau wie das jeden
Tag servierte Lieblingsessen – kaum noch Freude aus. Des-
wegen werden Versuche, in denen das Belohnungszentrum
in Funktion dargestellt werden soll, am besten mit hungri-
gen Tieren durchgeführt. Denn diese können sich – im Ge-
gensatz zu satten Tieren – über kleine Belohnungen noch
richtig freuen.
1 Er hatte Heinrich wegen dessen ehelicher Untreue ermahnt, Hein-
rich „rächte“ sich auf seine Weise.
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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1.4 Der Teufelskreis der Lust
Kehren wir zurück zur obigen Darstellung des Belohnungs-
systems in unserem Gehirn als Regelkreis (s. Abb. 2). Das
Belohnungszentrum kann durch zahllose Reize stimuliert
werden. Sei es leckeres Essen, Sex, Geld oder Macht, Alko-
hol, Nikotin oder jede andere Droge, die Endstrecke ist für
alle Auslöser gleich: die Stimulation von Rezeptoren für
belohnende Botenstoffe. Da wir in der „zivilisierten“ Welt
kaum mehr einer Ressourcenbegrenzung unterworfen sind,
verfügen wir über die Möglichkeit, unser Belohnungszent-
rum pausenlos zu stimulieren. Hier liegt der Schlüssel zu
der Frage, warum in der heutigen Zeit alle Lebensvorgänge
immer schneller werden, warum wir immer mehr haben,
gleichzeitig aber Gefahr laufen, unseren Überfluss kaum
mehr zu genießen, ja an ihm krank zu werden. Denn durch
die gemeinsame Endstrecke aller Lüste – die Stimulation
des Nucleus accumbens, des Belohnungszentrums – kommt
es über den Mechanismus der Habituation zu einer Ab-
stumpfung des Lustempfindens. Die Auslöser, die Genüsse,
müssen immer größer und ausgefeilter werden, um über-
haupt noch Lust hervorzurufen. Vereinfacht ließe sich sa-
gen, der Vorrat an Dopamin erschöpft sich beim Versuch,
ständig Lust zu erleben – genau wie die Rezeptoren für alle
belohnenden Botenstoffe bei ständiger Stimulation ihre
Empfindlichkeit verlieren oder freigesetztes Dopamin im-
mer schneller aus dem synaptischen Spalt entfernt wird.
Welche molekularen Mechanismen im Einzelnen hinter
dem Effekt der Habituation am Belohnungszentrum ste-
hen, ist von geringerer Bedeutung. Wichtig ist die Folge des
„Lustverlusts“: Wenn die Nervenzellen des Belohnungszen-
trums aufgrund von Gewöhnung nicht mehr stimuliert
werden können, vermindern sie ihren Ausstoß des beruhi-
genden Transmitters GABA. Ohne die dämpfende Wirkung
von GABA aber gerät der Gesamtorganismus in den bereits
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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2.4 Depression
Die Serotonin-Hypothese
Seit in den 60er-Jahren festgestellt wurde, dass im Gehirn2
von Depressiven ein relativer „Mangel“ an Serotonin
herrscht, galt Serotonin-Mangel als Auslöser von Depressi-
onen. Es ist aber bis heute keineswegs sicher, ob eine Ver-
minderung von Serotonin in den Synapsen des Gehirns tat-
sächlich die Ursache von Depressionen ist – oder deren
Folge. Dennoch brach, seit in den 80er- und 90er-Jahren
Medikamente zur Verfügung standen, die den Seroto-
nin-Spiegel im Gehirn um ein Vielfaches anhoben, eine
wahre Euphorie los. Endlich, glaubte man, den Schlüssel
gefunden zu haben, um die „zivilisierte“ Menschheit von
einer ihrer bedeutsamsten Geißeln zu befreien.
Seither wurden Milliarden Tagesdosen an sogenann -
ten „Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern“ (SSRI, Selec-
tive-Serotonine-Reuptake-Inhibitors) verschrieben – mit
allerdings durchaus zweifelhaftem Erfolg, wenn man
vom Umsatzerlös absieht. Mehrere kritische Übersichtsar-
beiten, die nicht unter dem Einfluss von Pharmafirmen
ausgewertet wurden, legen den Verdacht nahe, dass die
SSRI lediglich eine Wirkung erzielen, die dem Effekt von
Placebos gleichkommt (Kirsch et al. 2008). Selbstverständ-
lich stießen diese Studien auf heftigste Kritik (Fritze et al.
2 Präziser gesagt wurde der „Mangel“ an Serotonin und Noradren-
alin eigentlich nicht „im Gehirn“ nachgewiesen, sondern im Blut,
dass das Gehirn durchströmt, sowie in der Flüssigkeit, die das Gehirn
umgibt, im sog. Liquor. Es gibt Hinweise darauf, dass im Gehirn
selbst die genannten Botenstoffe nicht vermindert, sondern sogar ver-
mehrt auftreten, sie aber vermindert ins Blut und in den Liquor abge-
geben werden.
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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2008). Allerdings existiert mittlerweile auch ein Wirk -
stoff (Tianeptin), der die Serotonin-Wiederaufnahme för-
dert und damit den zerebralen Serotonin-Spiegel senkt.
Tianeptin soll, obwohl es den herkömmlicher Antidepres-
siva genau entgegengesetzt wirkt, ebenfalls antidepressiv
wirken.
Vielleicht beruht eine tatsächliche antidepressive Wir-
kung von Tianeptin auf seiner Fähigkeit, unabhängig von
seinem Einfluss auf den Serotonin-Stoffwechsel die Dopa-
min-Konzentration am Belohnungszentrum zu erhöhen
(Invernizzi et al. 1992; Pozzi et al. 1994). Dann allerdings
müsste die Wirkung von Tianeptin mit der Zeit der Habitu-
ation zum Opfer fallen. Die betroffenen Patienten würden
versuchen, die nachlassende Wirkung durch eine Dosisstei-
gerung auszugleichen. Über genau dieses Phänomen, das
Suchtpotenzial von Tianeptin, gibt es bereits einige Berich-
te (Association Mieux prescrire 2012; arznei-telegramm
2013).
Ist die gesamte medizinische Welt einem Placebo-Effekt
zum Opfer gefallen? Ganz so hart sollte man es vielleicht
nicht ausdrücken. Aber das Medikamentenwunder, als das
die SSRI seit ihrer Markteinführung verkauft werden,
scheint sich bei weitem nicht im erhofften Ausmaß zu be-
stätigen. Ebenso kritisch wie die Effektivität der SSRI hin-
terfragt werden muss, sollten die Studien gelesen werden,
die ihnen „eine Wirkung auf Placebo-Niveau“ attestieren.
Unterzieht man die Daten einer genauen Analyse, wird
deutlich, dass einzelne Patienten von der Therapie mit SSRI
tatsächlich profitieren – deutlicher als von Placebo. Andere
hingegen verschlechtern sich unter SSRI. Übrig bleibt ein
Effekt, der im Mittel ebenso gut oder schlecht erscheint wie
der von Scheinmedikamenten.
Auf welche Weise SSRI bei Depressionen wirken, ist bis
heute ebenso unklar wie die genaue Funktion von Seroto-
nin im zentralen Nervensystem. Denkbar erscheint ein Ein-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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fluss auf die Impulskontrolle: Zuvor depressiv gehemmte
Patienten könnten durch eine Serotonin-vermittelte Ent-
hemmung längst überfällige Entscheidungen treffen und
sich hierdurch aus der Depression befreien. Bedauerlicher-
weise scheint diese Serotonin-vermittelte Enthemmung sich
auch in umgekehrter Richtung auszuwirken: Unter Thera-
pie mit SSRI kann es besonders in der Anfangsphase zu
plötzlichen Impulsdurchbrüchen mit verheerenden Folgen
kommen. Manche Patienten töten Angehörige, obwohl sie
zuvor niemals gewalttätig waren, oder sie legen unvermit-
telt Hand an sich selbst. Es sind zahlreiche derartige Fälle
übermittelt (Goetz u. Heilbuth 2013). Der genaue Zusam-
menhang der Gewalttaten mit der Einnahme von SSRI
ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber noch unklar. Die
Verschreibung von Antidepressiva sollte jedoch mit äußers-
ter Zurückhaltung erfolgen – insbesondere, weil sich ein
Großteil der Depressionen äußerst plausibel durch das
Habituationsmodell erklären lässt, was wiederum völlig
neue Perspektiven auf eine sehr viel wirkungsvollere und
nachhaltigere Therapie eröffnet.
Depression als Folge von Überstimulation
im Belohnungssystem
In der Schulmedizin wird die Diagnose einer Depression
gestellt, wenn eine Kombination von sogenannten Haupt-
und Zusatzsymptomen vorliegt (Härter et al. 2007).
Diagnosekriterien bei Depressionen
Hauptsymptome:
gedrückte Stimmung
Unfähigkeit zu genießen (Anhedonie)
Antriebslosigkeit
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Nebensymptome:
Konzentrationsstörungen
Verlust des Selbstwertgefühls
Schuldgefühle
negative Einschätzung der Zukunftsperspektiven
Suizidgedanken
Schlafstörungen
Appetitmangel, selten auch vermehrtes Essen
Es fällt nicht schwer, alle genannten Symptome der Depres-
sion in den in diesem Buch vorgestellten Regelkreis des
Belohnungssystems des Gehirns einzuordnen. Wenn be-
lohnende Botenstoffe wie das klassische „Lusthormon“
Dopamin durch Habituation ihre Wirkung verlieren, ist es
kein Wunder, dass den Betroffenen die Welt grau erscheint,
ihnen nichts mehr Vergnügen bereitet und jede Motivation,
etwas zu unternehmen, verloren geht. Wenn nachfolgend
das Belohnungszentrum seinen beruhigenden Botenstoff
GABA nur noch vermindert freisetzt, erklärt dies auch die
von nahezu allen Depressiven geschilderte innere Unruhe,
die Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, die Schlafstörun-
gen, die aufsteigenden Ängste. Wenn nichts mehr schmeckt,
gibt es auch keinen Grund mehr zu essen, oder, was bei
Depressiven auch der Fall sein kann, die Betroffenen essen
vermehrt, um den Mangel an sonstigem Lusterleben auf
diese Weise zu kompensieren. Diese Anhedonie (die Unfä-
higkeit zu genießen) geht einher mit einer verringerten
Erregbarkeit des Belohnungszentrums, einer verringerten
Ruheaktivität seiner Zellen und einem verringerten Volu-
men dieser Hirnstruktur (Wacker et al. 2009).
Im Kapitel „Süchte“ werden wir uns noch genauer
mit zwei Substanzen beschäftigen, die stark in den Stoff-
wechsel von Dopamin und GABA eingreifen (s. Kap. 2.8).
Kokain hemmt die Wiederaufnahme von Dopamin am Be-
lohnungszentrum, daher steigert Kokain die Wirkung von
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Dopamin. Die durch Kokain hervorgerufene Wirkung
passt geradezu spiegelbildlich zu den Symptomen einer De-
pression: Während der Depressive an gedrückter Stimmung
leidet, weil er nichts mehr genießen kann und zu nichts
mehr Antrieb verspürt, platzt der Kokain-Konsument gera-
dezu vor Euphorie, Genussfreude und Motivation – solan-
ge die Wirkung seiner „Nase“ (des meist geschnupften Ko-
kains) anhält, meist für 30 bis 120 Minuten. Anschließend
fühlt er sich deprimiert: Nichts bereitet ihm noch Freude,
nichts hat noch Sinn für ihn. Bis er die nächste Dosis
schnupft ...
Die Symptome einer Depression lassen sich augen-
scheinlich viel plausibler durch eine Reduktion der Dopa-
min-Wirkung erklären als durch die lange für verantwort-
lich gehaltenen Veränderungen im Serotonin-Stoffwechsel.
Untrennbar verbunden mit der Dopamin-Wirkung am Be-
lohnungszentrum ist aber die Funktion des Belohnungszen-
trums selbst: die Freisetzung von GABA. Wird das Beloh-
nungszentrum nicht mehr stimuliert, kommt es zu einem
Mangel an diesem beruhigenden Botenstoff. Angst, Un-
ruhe, Schlafstörungen sind die Folge, ebenso wie Konzen-
trationsstörungen oder somatische Erscheinungen, z. B.
körperliche Schmerzen ohne wirklichen pathologischen
Untersuchungsbefund (zur GABA-Wirkung auf körper-
liche Symptome s. Kap. 2.7).
Da für das Krankheitsbild der Depression bis heute kein
neurophysiologisch belastbares Konzept zur Verfügung
steht, musste die Symptomauswahl bezüglich der Depression
in der ICD-10 willkürlich erfolgen. Das Gleiche gilt für
das DSM-5, das von der American Psychiatric Association
herausgegebene „Diagnostic and Statistical Manual of
Mental Disorders“, auch wenn hier wohl die ebenfalls
intuitiv vorgenommene Symptomgewichtung etwas plau-
sibler erscheinen mag als die Unterscheidung in Haupt- und
Nebensymptome der ICD-10.
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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In beiden Handbüchern werden die primären Effekte
des Wirkverlusts von Botenstoffen (Lustverlust, innere
Unruhe, psychovegetative Erregung, Angstbereitschaft,
Durchschlafstörungen, Konzentrations- und Gedächtnis-
probleme, Antriebsminderung und körperliche Beschwer-
den) nicht sauber getrennt von sekundären Erscheinungen
wie Selbstwertverlust, Schuldgefühlen oder negativer Ein-
schätzung der Zukunftsperspektiven, die erst durch subjek-
tive Bewertung entstehen. Gerade aber die Bewertung trägt
zur Eigendynamik von depressiven Erkrankungen erheb-
lich bei. Sie beeinflusst sowohl ihren Schweregrad als auch
ihren Verlauf. Jeder – und gerade das überreizte Zivilisa-
tionsopfer – leidet gelegentlich an Symptomen wie den erst-
genannten „primären“. Aber erst Merkmale aus der zwei-
ten Gruppe bewirken, dass diagnostisch nicht auf die
eigentlich notwendige Erholungspause geschlossen wird,
sondern auf eine bedrohliche Krankheit, die Depression.
Das Habituationsmodell bietet an dieser Stelle ein Werk-
zeug für eine neurophysiologisch begründete Neuordnung
der Diagnosekriterien. Dann wäre die monopolare Depres-
sion vermutlich nicht länger als eigenständige Krankheit zu
bewerten, sondern lediglich als zivilisationsbedingtes Syn-
drom, das aus Überstimulation, Erfolgsdruck, permanen-
tem Vergleich und fehlenden Erholungspausen resultiert.
Exkurs: Frühere Modelle zur Depressionsentstehung
Selbstverständlich sind Depressionen nicht immer und aus-
schließlich die Folge von Überstimulation im Belohnungs-
system. Es existieren durchaus „seelische“ Gründe, aus
denen einzelne Menschen depressiv werden können.
Auch hier war ich bei meinen Nachforschungen ver -
blüfft, wie plausibel sich die gängigen Hypothesen zur
Depressionsentstehung in den Regelkreis des Belohnungs-
systems einfügen lassen.
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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falls nicht die Ursache, sondern eher eine Begleiterschei-
nung, vielleicht auch eine Folge der Alzheimer-Demenz zu
sein. Neurologen vermuten den eigentlichen Anstoß für die
klassische Alzheimer-Demenz in einem Verlust an Nerven-
zellverbindungen (Synapsen), dessen Ursache allerdings bis
heute wiederum unklar ist.
Ziemlich sicher scheint, dass ein aktives und gesundes
Leben mit geistiger Betätigung dazu beiträgt, den Ausbruch
einer Demenz zu verzögern. Studien geben Hinweise dar-
auf, dass intellektuelles Training wie die Beherrschung von
Fremdsprachen oder das Erlernen eines Instruments den
Ausbruch der Erkrankung um Jahre verschieben. Auch die
zweitgrößte Gruppe von Demenz-Erkrankungen, die so-
genannten „vaskulär“ bedingten Demenzen, bei denen
Krankheiten wie Bluthochdruck, Hypercholesterinämie
und Diabetes mellitus zu Durchblutungsstörungen im Ge-
hirn mit Mikroinfarkten und ausgedehnteren Schlagan-
fällen führen, dürften sich durch eine Abkehr vom „süßen
Leben“ erfolgreich verkleinern lassen.
Auf welche Weise die Eigendynamik des „Teufelskrei-
ses“ zu durchbrechen ist, wird später in diesem Buch noch
erläutert. Sichten wir zunächst weitere Syndrome, die heute
als eigenständige Erkrankung betrachtet werden, sich im
Habituationsmodell aber zwanglos als zivilisationsbeding-
te Folge der Überstimulation klassifizieren lassen.
2.6 Krankheit oder Warnsignal der Über-
stimulation: ADHS, ADS
Noch 2012 titelte der Berufsverband für Kinder- und
Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie,
Deutschland (bkjpp):
„ADHS ist eine Krankheit, keine gesellschaftliche Fehlentwicklung ...“
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Über kaum eine Diagnose wird so heftig gestritten wie
über die Aufmerksamkeits-Defizit-(Hyperaktivitäts-)Stö-
rung, abgekürzt ADS bzw. ADHS. Die betroffenen Kinder
und Jugendlichen können sich schlecht auf eine bestimmte
Aufgabe konzentrieren („ADS“), viele von ihnen sind
unruhig und suchen ständig nach neuen Ablenkungen
(„ADHS“). Aufgrund der motorischen Unruhe wird die
ADHS auch als „Hyperkinetische Störung“ bezeichnet.
Wie unerbittlich sich Befürworter und Gegner dieses
Syndroms gegenüber stehen, wird in der Wortwahl des Be-
rufsverbandes der Kinder- und Jungendpsychiater deutlich.
Im Text der zitierten Pressemitteilung werden die Gegner
der Ritalin-Behandlung gewarnt, Patienten nicht durch Zu-
schreibung ihrer Erkrankung als „persönliche Schuld“ oder
gar als „Besessenheit oder göttliche Strafe“ zu diskriminie-
ren. Es handele sich um keine „reaktive Fehlanpassung“
eines Menschen an „pathogene äußere oder kulturelle Be-
dingungen“, sondern um „eine biologisch fundierte Beein-
trächtigung“. ADHS-Patienten seien „lange genug stig-
matisiert, diskriminiert und fehldiagnostiziert worden“,
schreibt der Berufsverband weiter und stellt fest, dass die
Fehlinterpretation der mit der Erkrankung verbundenen
Symptomatik als „persönliches Versagen, Faulheit oder
Böswilligkeit“ zu „viel vermeidbarem Leid“ geführt habe.
„In früheren Jahrzehnten landeten viele der Betroffenen in
prekären Lebensumständen, einschließlich Gefängnisauf-
enthalten, Drogenabhängigkeit und zusätzlichen schweren
psychischen Erkrankungen.“ Daher warne der bkjpp aus-
drücklich davor, „in frühere Reflexe im Umgang mit ADHS
zurückzufallen und die Betroffenen und ihre Angehörigen
zu beschuldigen“, um ihnen eine „wissenschaftlich als
wirksam und hilfreich erwiesene Behandlung zu versagen“.
Die Stellungnahme klingt, als entstammten die Gegner
der Ritalin-Behandlung dem Mittelalter und als seien sie
mit ihrer kritischen Einstellung gegenüber einer massenhaf-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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ten Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Psycho-
pharmaka verantwortlich für „Drogenabhängigkeit und
Gefängnisaufenthalte“. Ich fühle mich veranlasst, eindeutig
klarzustellen: Es liegt mir fern, einen Betroffenen zu diskri-
minieren, ihn selbst oder einen seiner Behandler zu beschul-
digen oder ihm gar Besessenheit zu unterstellen – auch
wenn die Auseinandersetzung um die Ursachen und die
beste Therapie der ADHS mit großer Vehemenz geführt
wird. Ich denke, alle Beteiligten, angefangen bei den Betrof-
fenen bis hin zu den Befürwortern und den Gegnern der
Ritalin-Behandlung, wollen vor allem die Situation der
Betroffenen und ihrer Angehörigen verbessern. Denn die
gestaltet sich gegenwärtig noch unbefriedigend, sowohl
was die Möglichkeiten der Therapie als auch jene der Vor-
beugung betrifft.
Die Zahlen sprechen für sich: Nach den Daten einer Er-
hebung der Barmer-Krankenkasse aus dem Jahr 2013 gibt
es einen Anstieg der Diagnoseraten von Hyperkinetischen
Störungen nach der internationalen Klassifikation von
Krankheiten (ICD-10) zwischen 2006 und 2011 um 149 %.
Am häufigsten werde die Diagnose bei den 9- bis 11-Jähri-
gen gestellt und zwar in 8,1 % der Fälle, genauer gesagt
bei knapp 12 % aller Jungen und 4,4 % aller Mädchen.
Von den im Jahr 2000 geborenen Kindern erhalten insge-
samt 19,4 % der Jungen und 7,8 % der Mädchen im Alter
zwischen 6 und 11 Jahren mindestens einmal im untersuch-
ten Zeitraum die Diagnose einer Hyperkinetischen Störung
(DGKJP 2013). In den USA erhalten mittlerweile schon
Säuglinge (Kinder unter 12 Monaten!) und Kleinkinder
Psychopharmaka gegen Angststörungen und ADHS (IMS
2013).
Das Geschehen bei der ADHS wird sicher von vielen
Faktoren beeinflusst. Dass es sich um eine rein genetische,
also schicksalhafte und unvermeidliche Krankheit handelt
(im Text der DGKJP als „biologisch fundiert“ umschrie-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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ben), erscheint bei näherer Betrachtung allerdings unwahr-
scheinlich. Zwar weisen Zwillingsstudien in diese Rich-
tung, aber bei diesen lassen sich sozioökonomische und
andere Einflüsse oft nicht sicher eliminieren. Vor allem aber
können genetische Einflüsse die explodierenden Diagnose-
raten nicht erklären: Welcher Einfluss sollte das mensch-
liche Genom innerhalb der letzten Jahrzehnte so grund-
legend verändert haben? Ebenfalls nicht erklären lässt sich
die rapid wachsende Zahl von Betroffenen durch eine mög-
liche Verbesserung der diagnostischen Methoden, durch
die im Gegensatz zu früher heute unentdeckte Fälle identi-
fiziert würden: Jeder ältere Lehrer weiß, dass „Unaufmerk-
samkeit“ und disziplinarische Schwierigkeiten im Vergleich
zu früheren Jahrzehnten deutlich zugenommen haben.
Die genetisch bedingte Anfälligkeit hat sich sicher nicht
verstärkt. Es müssen die veränderten Lebensbedingungen
sein, die zur Zunahme der Diagnosehäufigkeit von ADS
und ADHS geführt haben.
Nachdem ich zuvor schon einige „heilige Kühe“ der
Schulmedizin zur Schlachtbank führen musste – wie bei-
spielsweise die Serotonin-Hypothese zur Entstehung von
Depressionen – war ich kaum mehr überrascht, dass es der
AD(H)S nicht besser erging. Vor dem Hintergrund des
Habituationsmodells erscheint schon der Name AD(H)S
irreführend, wenn nicht falsch. Die Betroffenen leiden eben
nicht an einem Aufmerksamkeitsdefizit: Sie sind überauf-
merksam; ständig suchen sie neue Eindrücke, die ihre Auf-
merksamkeit fesseln könnten. Was ihnen fehlt, ist die Fä-
higkeit, ihre Aufmerksamkeit auf eine Sache zu fokussieren.
Eigentlich müsste das Syndrom heißen: „Konzentrations-
Defizit-Hyperaktivitäts-Störung“.
Wie sich die ADHS aus dem Habituationsmodell er-
klärt, soll im Folgenden dargestellt werden. Vorausge-
schickt werden muss lediglich, welche Rolle GABA bei der
Fokussierung der Aufmerksamkeit im Gehirn spielen dürf-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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te. Die Puristen unter den Neurowissenschaftlern (also
quasi alle) werden kritisieren, dass die Zusammenhänge in
der hier geschilderten Weise noch nicht vollständig bewie-
sen sind und meine Argumentation „teleologisch“ erfolgt,
ich also aus bekannten Fakten Schlüsse ziehe, um Einzelbe-
funde in einer von vornherein feststehenden Richtung zu
interpretieren. „Gute“ Wissenschaft funktioniert andershe-
rum: Ich erstelle zunächst eine Arbeitshypothese und be-
weise anschließend durch Experimente deren Stichhaltig-
keit. Um der ohnedies zu erwartenden Kritik den Wind aus
den Segeln zu nehmen, möchte ich schon an dieser Stelle
feststellen, dass meine nachfolgenden Interpretationen
keine Fakten behaupten, sondern lediglich Hypothesen
aufstellen, die sich in zukünftigen Versuchen vielleicht be-
weisen – oder auch widerlegen – lassen.
Systeme lassen sich nicht durch Analyse verstehen, son-
dern nur im Kontext des größeren Ganzen (Capra 1999,
S. 43). Aus den einzelnen Bestandteilen der angeblich
„komplexesten Struktur des Universums“3 lässt sich die
Funktion des Gehirns keineswegs ableiten. Der Sinn seiner
Subsysteme erschließt sich erst durch die Betrachtung des
Gesamtorgans innerhalb seines Umfelds – den biologi-
schen, sozialen, letztlich den ökologischen Zusammenhän-
gen auf der Erde. Insofern sei mir mein „teleologisches“
Vorgehen verziehen.
Beginnen wir damit, wie Fokussierung der Aufmerk-
samkeit im Gehirn vermutlich funktioniert: Das Beloh-
nungszentrum, der Nucleus accumbens, sendet Nervenfa-
3 Diese vielzitierte Phrase erweist sich bei näherer Betrachtung als
fragwürdig: Der Mensch und sein Gehirn sind Teil des Ökosystems
der Erde. Unser Ökosystem, in dem das menschliche Gehirn nur einen
Bestandteil unter vielen bildet, dürfte in seiner Gesamtheit die Kom-
plexität des menschlichen Gehirns deutlich übertreffen.
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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sern zu sehr vielen verschiedenen Regionen im Gehirn.
Nicht bei allen diesen Verbindungen ist auf den ersten Blick
augenfällig, welchem Zweck sie dienen. Ziemlich rätselhaft
erscheint beispielsweise die Verbindung des Belohnungs-
zentrums zu den Augenmuskelkernen (jenen Nervenzell-
ansammlungen im Gehirn, die die Augenbewegungen
steuern). Die Funktion dieser vom Belohnungszentrum aus-
gehenden Fasern ist vollständig unbekannt. Es ist aber eine
Funktion vorstellbar: Fällt unser Blick auf ein Appetenz
erregendes Objekt, sendet das Belohnungszentrum seinen
beruhigenden („inhibitorischen“, d. h. Nervenzellaktivität
unterdrückenden) Impuls auch an die Augenmuskelkerne.
Hier werden durch die Freisetzung von GABA alle Augen-
bewegungen unterdrückt, die den Blick vom Objekt der
Begierde entfernen könnten. „Wir können die Augen von
etwas nicht losreißen“, benennt der Volksmund diesen
Effekt – sei es von einem attraktiven Menschen, einer appe-
titlichen Speise oder einem hochinteressanten Buch. Die
Stimulation unseres Belohnungszentrums fesselt über den
Ausstoß von GABA unseren Blick an das Objekt unserer
Begierde. Aus Versuchen an Tier und Mensch ist bekannt,
dass das Belohnungszentrum tatsächlich bereits beim
Anblick von Belohnungen stimuliert wird; die Freisetzung
des Lusthormons Dopamin steigt und steigt, bis das Indi-
viduum das Objekt seiner Begierde erreicht hat. Das
Maximum der Dopamin-Ausschüttung erfolgt am Ziel,
genau dann nämlich, wenn das Tier seinen Happen ver-
zehrt (vgl. z. B. Knutson et al. 2001). Anschließend sinkt
die Dopamin-Ausschüttung wieder – und damit auch die
GABA-Freisetzung an den Augenmuskel- und anderen
Hirnnervenkernen. Erst durch das Nachlassen der Dopa-
min-Stimulation am Belohnungszentrum wird der Blick
wieder frei für neue Ziele.
Dieser Mechanismus der Luststeuerung dürfte für etli-
che weitere bewusste und unbewusste Verhaltenssteuerun-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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gen beim Tier wie beim Menschen gelten: Wenn wir uns in
einer belebten Kneipe auf das Gespräch am Nachbartisch
konzentrieren, sorgen vermutlich Dopamin und GABA da-
für, dass sich die Nervenschaltkreise, die für die akustische
Signal- und Sprachverarbeitung zuständig sind, im Gewirr
der Stimmen auf genau dieses eine Gespräch fokussieren.
Gleichzeitig sorgt das Belohnungszentrum mittels GABA
dafür, dass Muskelgruppen, die dem Nachbartisch zuge-
wandt sind, erschlaffen. Deswegen neigt sich unser Körper
in Richtung des Ortes von Interesse. Das Wort „Zunei-
gung“ lässt sich von den neurophysiologischen Grundlagen
her betrachtet als körperlich spür- und sichtbarer Effekt
von Dopamin und GABA interpretieren.
ADHS-Patienten leiden in erster Linie unter der Ein-
schränkung des Konzentrationsvermögens. Vielleicht han-
delt es sich in einem kleinen Teil der Fälle wirklich um ein
genetisch oder hirnorganisch bedingtes Defizit im Dopa-
min-Stoffwechsel. Dass manch werdende Mutter schon
während der Schwangerschaft die Unruhe ihres ungebore-
nen Kindes spürt, mag ebenso als Hinweis auf angeborene
Komponenten dieser Störung dienen wie der (als Diagnose-
kriterium geforderte) Beginn der Symptomatik vor dem
sechsten Lebensjahr. Allerdings ist auch die Wertigkeit die-
ser beiden Beobachtungen zu hinterfragen: Viele gesunde
Schwangere spüren, wie sich äußerer Stress auf das Kind im
Mutterleib überträgt. Ebenso verhält es sich mit seelischen
Spannungen nach der Geburt: Kinder reagieren wie ein Seis-
mograph auf Stress der Eltern. Die kindlichen Reaktionen
als primäre Erscheinung eines ADHS zu interpretieren, birgt
die Gefahr der Verwechslung von Henne und Ei. Möglicher-
weise spiegeln die hyperaktiven Kinder lediglich die Verfas-
sung ihrer Bezugspersonen. Wenn also die Zunahme der
Diagnosen durch „hirnorganische“ oder „genetische“ Fak-
toren nicht zu erklären ist: Was verursacht dann die Erkran-
kungszunahme an „AD(H)S“ innerhalb einer Generation?
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Es sind die psychosozialen Einflüsse, die einer steten
Veränderung unterliegen. Schon das Stillen reicht vielen
Müttern als intensive Beschäftigung und Näheerfahrung
nicht mehr aus; manch eine telefoniert gleichzeitig, chattet
oder surft durchs Internet. In der Fußgängerzone sehe ich
Mütter mit Kinderwagen, Zigarette und Bierflasche. Selbst
akademisch gebildete Mütter erliegen dem Intensivierungs-
wahn: Spazierengehen alleine reicht nicht, der Kinderwa-
gen muss auf Rollerblades geschoben werden. Die Verdich-
tung der Erlebniswelt findet überall ihre Fortsetzung.
Elektronisches Spielzeug und elektronische Kommunikati-
onsmittel bestimmen heute einen Großteil des Alltags schon
sehr kleiner Kinder. Flugreisen gelten in jedem Alter als
normal, und wer statt aus fernen Ländern vom Wanderur-
laub im Allgäu berichtet – und das jedes Jahr wieder –
droht im sozialen Ranking ganz nach unten zu purzeln.
Das Phänomen der Langeweile ist aus dem Leben der Kin-
der wie der Erwachsenen nahezu völlig verschwunden. Be-
schäftigungslosigkeit kann nicht mehr genossen werden,
jede „lange Weile“ wird sofort unter Betriebsamkeit er-
stickt. Was Erwachsene wie Kinder nicht daran hindert,
mit ihrer jeweiligen Situation und dem Überangebot an
Reizen trotzdem nicht nachhaltig zufrieden zu sein. Kein
Wunder, wenn die Speicher der belohnenden Botenstoffe
keine Zeit mehr bekommen, sich jemals zu füllen!
Natürlich gibt es belastende Lebensumstände, die die
Wirkung belohnender Botenstoffe behindern. Oft sind es
Bindungsstörungen oder (fortgesetzte) Traumatisierungen,
die den „Flow“ der belohnenden und beruhigenden Boten-
stoffe im Belohnungsregelkreis beeinträchtigen. Häufig ver-
steckt sich eine seelische Vernachlässigung auch hinter
materiellem Überfluss, wie es der Begriff „Wohlstandsver-
wahrlosung“ so treffend bezeichnet. Vermutlich gehen bei-
de Effekte – Überstimulation und Vernachlässigung – Hand
in Hand: Die Erwachsenen, angestachelt durch scheinbar
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unvergleichliche Chancen auf Glück und Wohlstand, ver-
fügen über keine ausreichenden Kapazitäten, sich in wirk-
licher Ruhe mit dem eigenen Nachwuchs zu beschäftigen.
Statt Zuwendung und gemeinsame Aktivitäten zu erleben
versinken Eltern wie Kinder jeweils in ihre eigene „opti-
mierte“ und überstimulierende Wirklichkeit.
Wenn wir die heutigen Lebensumstände in wohlhaben-
den Ländern betrachten, entgeht wohl kaum ein Mensch
der permanenten Reizüberflutung. Selbst im entlegensten
Dorf gibt es Telekommunikation, Fernsehen, Radio, Unter-
haltungselektronik, Computerspiele und Internet. Darüber
hinaus herrscht heute in zivilisierten Ländern (beinahe
hätte ich geschrieben „zuvielisierten“) kein Mangel an
„schnellen Genüssen“. Schon die Kleinsten werden voll-
gestopft mit möglichst „wirksamen“ Belohnungen. Es be-
ginnt damit, dass wir – gesellschaftlich akzeptiert – unseren
Babys gerne einen Schnuller zur Beruhigung in den Mund
schieben. Selbstverständlich könnten wir unsere Kinder –
wie es in ferner Vergangenheit, als an Zeit noch kein
Mangel herrschte, wohl der Fall gewesen sein mag – auf
dem Arm wiegen und herumtragen. Die Kautschuk-Indust-
rie macht´s möglich: Den Schnuller in den Mund gesteckt,
und schon nuckelt der Säugling zufrieden, selbst wenn er
nicht hungrig ist. Und falls er nicht nuckeln will, gibt es
immer noch „Hausmittel“. Tunkt man den Schnuller in
Zucker, lässt sich das schreiende Baby hervorragend be-
ruhigen. Kein Wunder: Die extreme Süße bewirkt eine er-
hebliche Dopamin-Ausschüttung, was das Interesse des
Säuglings an ablenkenden Reizen eindämmt; die dem
Lusterlebnis folgende GABA-Freisetzung wirkt auf vielen
Ebenen entspannend und beruhigend. Deswegen bieten
die Hersteller von Babynahrung tatsächlich auch gesüßte
Fertigprodukte an, die die Kinder natürlich besonders
lieben und die von den Eltern deswegen besonders gerne
gekauft werden.
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Symptomunterdrückung die Spirale eines chronischen Ver-
laufs nur antreiben kann.
Die richtigen, die gesunden Konsequenzen aus somato-
formen Störungen zu ziehen hieße, Beschwerden nicht als
lästige Hindernisse auf dem Weg zum dringend ersehnten
Ziel – dem Zustand, in dem wir glauben, uns endlich Ruhe
gönnen zu dürfen – zu sehen, sondern als Hinweis darauf,
dass die Grenze der körperlich-seelischen Belastbarkeit er-
reicht ist und eine Pause unumgänglich. Das früheste Warn-
signal ist der „Lustverlust“: Nichts macht mehr Spaß,
nichts begeistert noch. Hier sollten wir innehalten, statt
weiter und immer schneller zu rennen. Denn welches Ziel
wollen wir erreichen, wenn wir es nicht genießen können?
Das Leben besteht nicht aus den (wenigen) Zielen, die wir
erobern. Es besteht vor allem aus dem Weg dorthin – aus
lauter Augenblicken. Und die Augenblicke lassen sich nur
genießen, wenn die Speicher der belohnenden Botenstoffe
so gut gefüllt sind, dass sie beinahe überquellen. Das kann
nur der Fall sein, wenn wir ihre Freisetzung nicht immerzu
mit „billigen Genüssen“ provozieren und unseren Trans-
mitterspeichern die Ruhephasen gönnen, die sie brauchen,
um sich zu regenerieren.
2.8 Süchte
An siebter Stelle der häufigsten psychischen Erkrankungen
stehen in der 2011 veröffentlichten Liste der Universität
Dresden die Suchterkrankungen.
Die Medizin unterscheidet zwischen stoffgebundenen
und stoffungebundenen Süchten. Während also in der ers-
ten Gruppe die Zufuhr einer Substanz (wie Alkohol, Niko-
tin oder andere Drogen) Voraussetzung für die Entwick-
lung einer Sucht ist, übernimmt in der zweiten Gruppe eine
Tätigkeit (wie Arbeit, Sex oder auch Glücksspiel) die Funk-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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tion der Droge. Es ist kein Wunder, dass sowohl Substan-
zen als auch Tätigkeiten Sucht bewirken können. Denn die
Endstrecke ist für beide Gruppen die gleiche: Das Beloh-
nungssystem in unserem Kopf, der „Teufelskreis der Lust“.
Stoffgebundene Süchte
Auf welche Weise einzelne Substanzen ins Belohnungssys-
tem eingreifen, soll im Folgenden kurz dargestellt werden.
Das Grundprinzip ist einfach: Entweder führt die Anwen-
dung einer Droge zur Stimulation des Belohnungszentrums
(Nucleus accumbens) oder es imitiert die vom Belohnungs-
zentrum ausgehenden GABA-Impulse. Ersteres führt zu ei-
nem exzessiven Lusterlebnis, das häufig mit übersteigertem
Selbstbewusstsein, Größenfantasien, sexueller Stimulier-
barkeit und intensivem Lebensgefühl einhergeht, Letzteres
zu Angstfreiheit, Entspannung, und – je nach Dosis – zu
Schläfrigkeit bis hin zum Koma. Die meisten Drogen stimu-
lieren das Belohnungszentrum und nachgeschaltete Instan-
zen gleichzeitig. Dem Konsumenten vermittelt dieser Effekt
auf der einen Seite ein Gefühl von Lust, Selbstbewusstsein
und Sinnerfüllung, während er sich auf der anderen Seite
auch angstfrei fühlt, hoch konzentriert oder auch schläfrig
mit einem Gefühl der souveränen Gleichgültigkeit. Abbil-
dung 8 verdeutlicht den Mechanismus für substanzgebun-
dene Süchte.
Um den unvermeidlichen Wirkverlust auszugleichen,
kombinieren viele Süchtige verschiedene Substanzen. Wer
seine Scheu vor „harten“ Drogen verloren hat, dem ist
schnell jedes Mittel recht, seinen Belohnungsregelkreis an
jedweder Stelle zu manipulieren. Sehr viele Konsumenten
„harter“ Drogen landen in der Abhängigkeit von vielen
Substanzen, der Polytoxikomanie. Die Schwerstabhängi-
gen benutzen alle Substanzen, die irgendwie ein Rausch-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Abb. 8 Bei den substanzgebundenen Süchten wird die natürliche
Verhaltenssteuerung durch stärker wirksame Substanzen ersetzt. Dro-
gen entleeren die Belohnungsbotenstoffspeicher und desensibilisieren
die Rezeptoren der Zielstrukturen. Natürliche Belohnungsbotenstoffe
(hellgraue kurze Pfeile) können mit den viel stärkeren Drogensub-
stanzen (dunkle dicke Pfeile) nicht konkurrieren. Deshalb verliert im
Alltag des Süchtigen alles seinen Reiz – bis auf die Droge. Craving=
Suchtdruck, der Drang, die suchterzeugende Substanz zuzuführen.
Psychosoziale Belastungen (Blitze) stören den natürlichen „Flow“ im
Regelkreis, weswegen psychosozialer Stress in den Drogenmissbrauch
oder später auch nach längerer Abstinenz zum Rückfall führen kann.
NAC= Nucleus accumbens, B= Nervenzellen, die belohnende Boten-
stoffe freisetzen.
psychosoziale
Belastungen
Belohnungs-
botenstoff
freisetzende
Drogen
Belohnungsbotenstoff-
Wiederaufnahme
hemmende
Drogen
GABA-artig
wirkende Drogen
B
NAC
A
psycho-
motorische und
psychovegetative
Aktivierung
Craving
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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erlebnis oder wenigstens eine vorübergehende Beruhigung
versprechen – ohne Rücksicht auf die lebensbedrohlichen
Gefahren.
An dieser Stelle löst das Habituationsmodell eines der
Rätsel der Hirnforschung: Warum können Substanzen wie
Benzodiazepine, Barbiturate oder Z-Medikamente, die ein-
deutig nicht das Belohnungszentrum erregen, dennoch
süchtig machen (Spanagel u. Weiss 1999)? Die Impulse, die
vom Belohnungszentrum selbst ausgehen, sind Bestandteil
des Regelkreises. Gleichgültig an welcher Stelle Drogen im
Regelkreis ansetzen: Die Endstrecke ist immer das Gefühl,
es „richtig“ gemacht zu haben, „intensiv gelebt“ zu haben,
um sich nach dem Lust- oder Erfolgserlebnis „befriedigt“
und innerlich ruhig zu fühlen. Um die innere Ruhe zu errei-
chen, die nach jedem Drogengenuss gefährdeter ist denn je,
um jene durch die Verwendung von Drogen wachsende Be-
dürftigkeit zu stillen, benutzen viele Süchtige entsprechen-
de GABA-artig wirkende Medikamente. GABA bedient die
natürliche „Endstrecke des Glücks“ – GABA-artig wirken-
de Medikamente und Drogen erzeugen künstlich ein „Be-
friedigungsgefühl“ – zumindest eine Zeit lang. Deswegen
können sie genau wie Substanzen, die primär das Beloh-
nungszentrum erregen, in eine schwere Abhängigkeit
führen.
Zum Verständnis der Drogensucht sind die Auffassung
des Belohnungssystems als Regelkreis und der Effekt der
Habituation von gleichrangiger Bedeutung. Die Konse-
quenz aus beiden Annahmen ist, dass Süchte eine Eigendy-
namik besitzen, die zu keinem Ziel führen kann. Ob stoff-
gebunden oder immateriell: Das „Wohlfühlparadoxon“
verstärkt genau jenen Hunger, den Drogen wie suchtartig
ausgeübte Tätigkeiten zu stillen vorgeben: Jede Substanz
und jede exzessiv ausgeübte Tätigkeit kann nur zeitlich be-
grenzt befriedigen. Suchtartiger Gebrauch verursacht bei
gefährdeten Menschen einen Hunger nach immer höheren
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Dosen, wobei die ursprünglichen, natürlichen Lustauslöser
gleichzeitig immer schwächer wirken. Die Entkopplung des
Belohnungssystems von der Wirklichkeit führt zur Ver-
nachlässigung der realen Erfordernisse. Deswegen verste-
hen viele Süchtige erst in einem fortgeschrittenen Stadium
ihrer „Karriere“, dass sie die Droge, ohne die sie nicht
mehr zu leben können glaubten, in Wirklichkeit an den Ab-
grund geführt hat. Wenn sie endlich Hilfe suchen, sind sie
oft körperlich, seelisch und sozial „am Ende“. Nichts geht
mehr, im zentralen Belohnungssystem genauso wenig wie
im wirklichen Leben.
Im fortgeschrittenen Stadium einer Suchterkrankung
besteht die Intention des Konsumenten kaum mehr darin,
einen Rauschzustand zu erreichen. Die Süchtigen wollen
sich durch die Zufuhr von Substanzen vor allem „normal“
fühlen. Diese Normalität aber ist durch die Überreizung
des Belohnungsregelkreises und die Gegenregulation des
Körpers (Habituation) auf lange Zeit gestört.
Suchtgedächtnis
Das Umdenken fällt schwer. Das liegt daran, dass extrem
lustbetonte Erlebnisse einen besonders einfachen Zugang
ins Langzeitgedächtnis finden: In freier Natur war es ext-
rem wichtig, sich den Ort einer ergiebigen Nahrungsquelle
zu merken. Auch das Verfahren, um an eine besonders
leckere Speise zu gelangen, musste erinnert werden. Ver-
mutlich deswegen hat das Belohnungszentrum auch direkte
Verbindungen in eine Hirnstruktur namens Hippocampus.
Der Hippocampus gilt als „Tor zum Gedächtnis“. Es ist
nur konsequent, den mächtigsten Schlüssel zu diesem Tor
im Belohnungszentrum zu vermuten (mehr zu diesem The-
ma in Kap. 2.9 im Abschnitt „Stress und Gedächtnis“).
Jeder kennt das Phänomen: Was Spaß bereitet, lernen wir
leicht und gerne. Jeder Tiertrainer arbeitet mit Belohnungen,
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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nicht mit Strafen. Vielleicht modernisiert diese aus dem Ha-
bituationsmodell abgeleitete Erkenntnis eines Tages selbst
die in unseren Schulsystemen praktizierte Pädagogik ...
Da Drogen im Allgemeinen extreme Lustempfindung
produzieren (deswegen werden sie ja verwendet), prägt ihre
Anwendung das Gedächtnis des Konsumenten nachhaltig.
Selbst wenn nach einer Entgiftung die akuten Entzugs-
erscheinungen abgeklungen sind, wird der nunmehr ab-
stinente Patient extrem von seinen Erinnerungen an die
vermeintlich glücklichsten Stunden und Tage seines Dro-
genkonsums gepeinigt. Zu Beginn des Drogenmissbrauchs
fühlte er sich lebendig und erfüllt wie nie zuvor in seinem
Leben. Ohne Drogen erscheint ihm die Realität lange Zeit
– bei entleerten Glücksbotenstoffspeichern und „verbrann-
ten“ Rezeptoren – grau und sinnlos, ebenso leer wie lang-
weilig. Kein Wunder: Die in der Regel jahrelang überstra-
pazierten Strukturen im Gehirn müssen sich regenerieren,
bis Lust und Befriedigung überhaupt wieder empfunden
werden können. Hinzu kommen die beschädigten oder oft
schon vor Beginn der Drogensucht zerrütteten sozialen
Strukturen, die kaum Halt, Anerkennung und Erfolgserleb-
nisse vermitteln konnten. Erst mit der nur durch Abstinenz
erreichbaren Erholung des Belohnungssystems kann der
(Wieder-)Aufbau tragfähiger, zwischenmenschlicher Ver-
bindungen die drogengetriggerten Inhalte des Suchtge-
dächtnisses langsam überschreiben.
Viele Süchtige scheitern an dieser Hürde. Die innere Un-
ruhe, das Verlangen nach Glücksempfinden und Befriedi-
gung (nach Dopamin und GABA!) ist so übermächtig, dass
Rückfälle in der Suchttherapie eher die Regel als die Aus-
nahme darstellen. Das „wahre Leben“ enthält viele Stolper-
steine. Glücks- und Erfolgserlebnisse sind in der Wirklich-
keit viel mühsamer zu erreichen als die gleichen oder gar
intensivere Gefühle durch Verwendung chemischer Hilfs-
mittel. Viele Patienten müssen den Zyklus aus Zusammen-
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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nen Voraussetzungen Glück zu empfinden und bei allen
Hochs und Tiefs insgesamt Zufriedenheit zu erreichen.
Dies ist für viele ein weiter Weg. Allerdings existiert
auch keine sinnvolle Alternative, was am folgenden Bei-
spiel deutlich werden mag.
Burnout
Als Exempel für substanzungebundene Süchte sei hier eine
Erkrankung genannt, über deren Existenz und Zuordnung
in der Fachwelt immer noch gestritten wird. Die einen hal-
ten es für eine Erschöpfungsdepression, die anderen für
eine Modediagnose. Aus dem Habituationsmodell ergeben
sich klare Hinweise auf die Entstehung eines Burnouts, den
Ursprung seiner Symptome genauso wie für den Ansatz
einer rationalen Therapie. Alle substanzungebundenen
Süchte – in die sich das Burnout nach dem Habituations-
modell einordnen lässt – funktionieren nach dem gleichen
Muster. Es erübrigt sich daher an dieser Stelle Spielsucht,
Sexsucht oder auch den manchmal ungesunden Hang zu
Risikosportarten gesondert zu besprechen.
Wie die substanzgebundenen Süchte, beginnt auch das
Burnout mit anfänglichen Erfolgserlebnissen. „Wer nie
gebrannt hat, kann auch nicht ausbrennen!“ sinniert ein
gängiges Klischee. Warum entwickelt sich aus anfänglicher
Begeisterung eine Krankheit mit Ängsten, Schlafstörungen
und Depressionen, die letztlich im vollständigen körper-
lich-seelisch-sozialen Zusammenbruch endet?
Wer Spaß bei der Arbeit hat, bringt sich ein. Er ist aber
auch verleitet, notwendige Erholungsphasen zu vernachläs-
sigen. Wie bei substanzgebundenen Süchten reagieren die
Menschen unterschiedlich auf diese Situation. Wie nicht
jeder drogenabhängig wird, entwickeln viele Menschen
auch kein Burnout. Die allermeisten spüren ihre Grenzen
und wissen, wann sie eine Pause einlegen müssen. Nicht so
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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der typische Burnout-Patient. Er (oder sie) gibt alles für den
Erfolg in seinem Job.
Naturgemäß lassen sich die anfänglichen Erfolge nicht
halten. Erstens steigen mit der Zeit die Anforderungen.
Zweitens werden die Erfolgserlebnisse auch subjektiv klei-
ner, da man sie selbst – wie alle anderen – schon erwartet.
Aus der Glücksforschung ist bekannt, dass vor allem über-
raschende Erlebnisse den Nucleus accumbens stimulieren,
was bedeutet, dass absehbare Erfolge weniger intensiv
empfunden werden als die ersten, unerwarteten. Die Folge:
Der Betroffene verstärkt seinen Einsatz, macht Überstun-
den und verzichtet auf notwendige Erholungspausen, um
wie früher vor sich selbst und anderen zu strahlen. Ty-
pischerweise bewirkt das zusätzliche Engagement auf
Dauer weder Glück noch Zufriedenheit. Mit der Zeit wer-
den alle Zusatzarbeiten, alle Flexibilität, alle Überstunden
als selbstverständlich angesehen – auch die Umgebung
habi tuiert sich an den zu Beginn wahrscheinlich noch als
außergewöhnlich empfundenen Elan. Die Konsequenz: Die
Ausschüttung von belohnenden Botenstoffen wird spär-
licher. Und der zukünftige Patient setzt alles daran, das
frühere Maß der Anerkennung, des Glücksgefühls, der
Befriedigung, das ihm seine Arbeit vermittelte, wieder zu
erreichen.
Also streicht er sein Mittagessen. Ein paar schnelle Koh-
lenhydrate zwischen zwei Telefonaten müssen reichen.
Durch die Überstunden bleibt abends weder Zeit noch Mo-
tivation für den üblichen Feierabendsport. Stattdessen ent-
spannt man sich doch lieber vor dem Fernseher und trinkt
sich mit dem verdienten Feierabendbier oder einer halben
Flasche Rotwein die nötige Bettschwere an.
Denn auch der Schlaf ist schlecht geworden. Kein Wun-
der bei dem Druck! In letzter Zeit passieren häufig Fehler.
Verständlich, dass man da kaum mehr durchschlafen
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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kann.4 Wenn wenigstens die Partnerschaft noch harmo-
nisch wäre! Aber die hat sich auch ungünstig entwickelt.
Die Lust auf Sex ist zu einer Erinnerung verblasst, statt
Zärtlichkeit gibt es jetzt ständig Streit. Um Freunde zu tref-
fen, fehlt nun wirklich die Zeit. Schließlich muss ich mor-
gen fit sein, einigermaßen wenigstens, um irgendwie durch
den Tag zu kommen. Ach, das ganze Leben ... Es macht
keinen Spaß mehr ...
Wer in diesem Zustand seinen Arzt aufsucht – wegen
Schlafstörungen, wegen Rückenschmerzen, vielleicht aus
Angst vor einem Hirntumor, weil man sich nichts mehr
merken kann und ständig vermeidbare Fehler passieren –
wird von diesem vielleicht hören, das man an einem Sero-
tonin-Mangel leide und ein entsprechendes Medikament
schlucken soll. Vielleicht erhält man auch ein Schmerzmit-
tel verschrieben und ein Rezept für Krankengymnastik.
Wenn der Doktor die wahren Ursachen des Geschehens
erahnt, wird er vielleicht einen längeren Urlaub empfehlen
oder eine Krankschreibung ausstellen wollen. Aber Ersteres
ist gerade ungünstig – der Patient ist am Arbeitsplatz un-
verzichtbar, gerade nach den Fehlern in den letzten Mona-
ten muss er beweisen, dass er es besser kann – und eine
Krankschreibung ist prinzipiell unmöglich. Arbeitsunfähig!
Über mehrere Wochen vielleicht auch noch! Daheim gibt es
eh nur Streit – sofern der Partner nicht schon das Weite
gesucht hat. Außerdem fällt dem typischen Burnoutler zu
4 Typisch für den psychovegetativen Erregungszustand sind nicht
Ein-, sondern Durchschlafstörungen. Das Einschlafen bereitet in der
Regel wenig Probleme, da die Betroffenen vollkommen erschöpft
sind. Doch ihr Schlaf bleibt oberflächlich und wird durch häufiges
Erwachen unterbrochen. Herzjagen, Schweißausbrüche, Ängste und
Gedankenkreisen verschlimmern die Problematik. Alle diese Erschei-
nungen lassen sich aus einem Mangel an GABA erklären.
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Hause sofort die Decke auf dem Kopf. Also schluckt er die
verordneten Pillen und schafft weiter, bis tatsächlich gar
nichts mehr geht. Das Fass zum Überlaufen bringt meist
eine Kritik am Arbeitsplatz. Jetzt hat man schon alles gege-
ben, alles und noch mehr – und dann ein solcher Dank!
Völlig erschöpft, zitternd und weinend sitzt der typische
Patient letztlich doch wieder beim Hausarzt: Das (die Kri-
tik) habe er nun wirklich nicht verdient!
Was ist geschehen? Die anfänglichen Erfolge „fixten“
den Betroffenen an. Doch der Spaß bei der Arbeit verflüch-
tigte sich über die Jahre vollständig. Länger erhalten blieb
das Bemühen, die anfänglichen Erfolge zu wiederholen,
möglichst sogar zu übertreffen. Das Suchtgedächtnis ver-
führte den Betroffenen, alles zu geben, um abermals in den
Genuss vergleichbarer Mengen seines „Lusthormons“ Do-
pamin zu gelangen und die tiefe Befriedigung durch GABA
zu erfahren. Doch die Dopaminvorräte sind verbraucht;
das Geschäft duldet keine Erholungspause. So schwindet
die Freude an der Arbeit. Nur der Leistungswille bleibt er-
halten, oder vielleicht besser ausgedrückt, das Bedürfnis,
durch Leistung Befriedigung zu finden. Doch mit leeren
Speichern macht nichts mehr Sinn. Ohne GABA fehlt die
Konzentration. Außerdem wird der Schlaf oberflächlich,
zerstückelt, kaum mehr erholsam. Und der Rücken beginnt
zu schmerzen. Angst tritt hinzu, den Anforderungen nicht
länger gewachsen zu sein. Das Engagement wird nochmals
verstärkt, die letzten Reserven werden mobilisiert. Doch
die Stimmung bleibt gereizt, der Druck wächst. Fehler häu-
fen sich, die eigene Souveränität (Dopamin) schwindet wie
die Gelassenheit (GABA). Der Teufelskreis gewinnt an
Fahrt.
Die Ablehnung der eigentlich unumgänglichen Krank-
schreibung ist dabei typisch für die Betroffenen. Denn bei
einer Auszeit verlören sie ihre letzte Hoffnung, das Steuer
in letzter Sekunde vielleicht herumzureißen, den nötigen
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Erfolg, die ersehnte Anerkennung doch noch zu erreichen.
Dies würde mit einer Krankschreibung gänzlich unmög-
lich. Der neurophysiologische Hintergrund dieser Haltung:
Schon die Beschäftigung mit einem Lust besetzten Thema
(Erfolg am Arbeitsplatz) führt zu einer Freisetzung von Do-
pamin – lange bevor der ersehnte Erfolg überhaupt einge-
treten ist. Sollte ein Patient im Burnout jetzt zu Hause blei-
ben, schwindet das letzte bisschen Dopamin, das ihn
irgendwie noch über Wasser hält. Ohne Stimulation durch
Dopamin und andere Botenstoffe setzt das Belohnungszen-
trum auch kein GABA mehr frei. Die Situation eskaliert:
Die innere Unruhe, die Schlafstörungen, die Ängste, die
Rückenschmerzen, das Gefühl der Sinnlosigkeit, die De-
pressionen, die Selbstvorwürfe – alle diese Quälgeister ex-
plodieren geradezu, wenn der Patient resigniert zu Hause
sitzt. Die Depression in dieser Situation ist unausweichlich;
es kann sogar zu Selbstmordgedanken kommen, die eine
Klinikeinweisung erforderlich machen.
In der Klinik werden üblicherweise Medikamente gege-
ben, die die Symptome lindern. Hinzu kommt, dass „Burn-
out“ zumindest in Reha-Kliniken mittlerweile eine halb-
wegs anerkannte Krankheit ist, obwohl auch dort die
Vorstellung, um was es sich dabei handelt, immer noch
verschwommen und widersprüchlich erscheint. Dennoch
stellt sich während des Klinikaufenthalts langsam – oft erst
nach Monaten – eine Besserung ein. Diese wird typischer-
weise den verabreichten Medikamenten zugeschrieben,
wofür harte Daten allerdings fehlen oder nur von zweifel-
hafter Seite verfügbar sind. Was wirkt, sind vermutlich
kaum die Medikamente, sondern in erster Linie die Ruhe
und das Verständnis, das dem Betroffenen vonseiten des
Klinikpersonals und den Mitpatienten entgegengebracht
wird. Durch die Akzeptanz seines Zustandes als unver-
schuldete Krankheit kann sich der Patient erlauben, sein
zuvor als unanfechtbar empfundenes Lebenskonzept ohne
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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Schuldgefühle zu überdenken. Währenddessen können sich
seine Transmitterspeicher füllen und die zugehörigen Re-
zeptoren erholen.
Durch das in diesem Buch vorgestellte Konzept gelingt
es mir in aller Regel, meine Burnout-Patienten erstens da-
von zu überzeugen, dass sie nicht an einem Serotonin-Man-
gel leiden, sondern allein an den Folgen einer suchtartigen
Entwicklung, was sie in aller Regel sehr gut nachvollziehen
können. Zweitens kann ich sie auf die Verschlechterung ih-
rer Symptome vorbereiten, sollten sie der notwendigen
Krankschreibung tatsächlich zustimmen. Meist können sie
die zu erwartende Symptomverschlechterung ertragen,
wenn sie deren Hintergründe verstanden haben und gewiss
sein dürfen, dass sich ihre Beschwerden nach einiger Zeit
der „Abstinenz“ wieder bessern werden. Und drittens er-
gibt sich aus dem Habituationsmodell, welche Fehler sie in
Zukunft umgehen können, um einen Rückfall zu vermei-
den.
Selbstverständlich ist die Problematik vielschichtig. In
der Regel muss mit dem Patienten auch erarbeitet werden,
woher sein überhöhter Leistungsanspruch an sich selber
stammt. Meist ist hierfür die Konstellation des Elternhau-
ses verantwortlich, in dem „Leistung“ mit „Liebe“ verbun-
den oder gar verwechselt wurde. Es gilt für die Betroffenen
zu begreifen, dass sie leben dürfen und eine „Existenzbe-
rechtigung“ besitzen, ganz ohne dass sie etwas „leisten“,
ohne dass sie „besser“ sein müssten als die Kollegen, die
Familienangehörigen, die Freunde oder Bekannten. Burn-
out-Patienten sind leistungsbereit und leistungsfähig. Um
dauerhaft gesund zu bleiben, müssen sie aber lernen, die
Grenzen ihrer Belastbarkeit zu respektieren und Strategien
entwickeln, sich selbst nicht länger (wie sie es ein Leben
lang gewohnt waren) nur über das Erbringen von „Leis-
tung“ zu definieren. Und sich trotzdem lebendig zu fühlen
und überhaupt zu spüren.
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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4.2 Lebenssinn, Glück und Zufriedenheit
Über diese drei Begriffe wird seit Jahrtausenden spekuliert
– und dies durchaus kontrovers. Philosophisch betrachtet
existiert wohl kaum eine Möglichkeit einer allgemeingülti-
gen Definition. „Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin
Nachtigall!“ könnte man resignieren. Die Neurophysio-
logie hingegen weist einen Ausweg: Da die Stimulation
des Belohnungszentrums mit angenehmen Gefühlen einher-
geht und in subjektiv glücklichen Momenten auftritt, ließe
sich, wenn auch verkürzt, der Zustand, in dem das Beloh-
nungszentrum auf natürliche Weise stimuliert wird, als
„Glück“ bezeichnen. Mit „Zufriedenheit“ ließe sich die
Wirkung von GABA beschreiben, denn die Stimulation von
GABA-Rezeptoren bewirkt genau diesen Zustand, der uns
ruhig werden lässt, angstfrei, wohlig müde und entspannt.
Selbstverständlich spielt eine lange Reihe weiterer Boten-
stoffe eine Rolle bei der Entstehung von Glücksgefühlen
und Zufriedenheit. Zum prinzipiellen Verständnis sind die-
se aber an dieser Stelle zu vernachlässigen.
Es mag ernüchtern und auch ein wenig befremden, See-
lenzustände, über die mit religiöser Vehemenz und philoso-
phischem Ehrgeiz gestritten wird, dem Effekt von simplen
Botenstoffen zuzuschreiben. Doch welche Alternative ha-
ben wir? Wollen wir nicht in metaphysische Zusammen-
hänge flüchten, in „Erklärungen“, die rational eben nicht
nachvollziehbar sind, darum immer subjektiv bleiben müs-
sen und sich deswegen jedem Versuch der Objektivierung
entziehen, müssen wir uns auf das beschränken, was wir
durch Experimente nachvollziehen können. Was, wie wir
sehen, heutzutage durch die Fortschritte der Neurowissen-
schaften bereits eine ganze Menge ist.
Dass auch der metaphysische Ansatz durchaus eine
Rechtfertigung besitzt, möchte ich keineswegs bestreiten.
Im Gegenteil: Bei genauer Betrachtung ist auch jede Ratio
Schymanski: Im Teufelskreis ... ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH
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eine Abstraktion der Wirklichkeit und damit bereits Meta-
physik. Ratio und Metaphysik unterscheiden sich demnach
nicht qualitativ. Sie besitzen lediglich andere Zuständigkei-
ten: Die Ratio bezieht sich auf kleine, experimentell nach-
vollziehbare Zusammenhänge, während die Metaphysik
komplexe Phänomene zu fassen versucht, die sich einer
eindeutigen, logischen Darstellung entziehen. Jedes einzel-
ne Wort ist eine Abstraktion und nicht das Ding an sich –
und damit Metaphysik. Eine genaue Analyse dieser Proble-
matik würde allerdings den Rahmen dieses Buches
sprengen.
Aktuell sollten wir uns auf das zu konzentrieren, was
sich durch die Ergebnisse der Hirnforschung gut nachvoll-
ziehen lässt. Denn: Es gibt gute Gründe dafür, die Funk-
tionen unseres Belohnungssystems als Endstrecke unseres
Lebenssinnes zu betrachten – selbst wenn mancher hinter
dem, was wir begreifen können, immer noch das Wirken
einer göttlichen Hand erahnen mag.
Den Sinn des Lebens können wir objektiv nicht erfas-
sen; in Anbetracht der unendlichen Weite des Weltalls und
der Ewigkeit sind wir nicht einmal in der Lage, den mögli-
chen Sinn eines Sinnes objektiv zu beschreiben. In ein paar
Milliarden Jahren wird sich die Sonne in einen roten Riesen
verwandeln und die innersten Planeten, Merkur und
Venus, werden verdampfen. Die Erde wird zu einem glü-
henden Lavaball; alles Leben auf unserem Planeten wird
mit Gewissheit erlöschen. Jeder Gedanke, auch jeder Ge-
danke an einen Gott, wird dann vernichtet sein.
So wenig der Mensch in der Lage ist, Gott zu erkennen
und rational zu beschreiben, so wenig vermag er den Sinn
des Lebens zu erfassen. Wir dürfen glauben, doch wissen
werden wir nie. Wenn wir auf die Anmaßung verzichten,
dem Leben einen „höheren Sinn“ zuzuschreiben, bleibt uns
nichts als nüchtern festzustellen: Jeder höhere Sinn, auch
jede philosophisch-metaphysische Sinnzuschreibung, bleibt
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notwendigerweise subjektiv und damit Spekulation. Das Le-
ben ist Selbstzweck. Sein einzig erkennbarer Sinn – wenn wir
denn auf einer Sinnzuschreibung bestehen wollen – wäre
sein Erhalt.
Das Belohnungssystem in unserem Kopf hingegen ist
kein Selbstzweck. Denn es dient genau diesem einen Ziel:
dem Erhalt des Lebens. Innerhalb dessen, was wir wissen
– nämlich sehr viele Fakten über den Ursprung des Lebens
wie über das, was zu seiner Bewahrung notwendig ist –
besitzt das zerebrale Belohnungssystem die Funktion,
dem Individuum und seiner Art das Überleben zu sichern.
Uns Menschen vermittelt es hierzu das Gefühl von Sinn-
haftigkeit, auch wenn wir diesen Sinn letztendlich rational
nicht erfassen können. Wir fühlen Hunger, wir fühlen
Durst, wir fühlen Lust, Liebe, Lüsternheit, wir fühlen auch
Verantwortung, Mitgefühl – und all das fühlt sich wahr
an. Dass wir die gleichen Gefühle mit Drogen und Elek-
troden im Belohnungszentrum simulieren können (die
Betroffenen verwechseln die auslösenden Substanzen und
Stromstöße tatsächlich mit ihrem Lebenssinn!), ergibt
den klaren Hinweis, dass es sich bei Lust, Befriedigung
und dem Gefühl eines Lebenssinns eben nicht um objek -
tive oder gar göttliche Maßstäbe handelt. Gefühle sind
Funktionen unseres Gehirns, die unser Überleben sichern
sollen.
Lust und Befriedigung, zwischen diesen beiden Polen
bewegt sich unser Leben. Sie definieren, was wir als Le-
benssinn empfinden. Sollte tatsächlich ein Gott existieren,
ist der menschliche Geist mit großer Wahrscheinlichkeit
nicht in der Lage, ihn zu erfassen. Wenn es aber tatsächlich
einen Gott gibt – und das sage ich als erklärter Agnostiker,
als Atheist vielleicht – dann war er es, der sich die Mecha-
nismen im zerebralen Belohnungssystem ausgedacht hat.
Wir werden sehen, warum.
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4.3 Der Unterschied im „westlichen“ und
„fernöstlichen“ Denken
Ziele im Leben zu haben, erscheint im „westlichen“ Den-
ken als wichtig. Das ganze westliche Leben ist auf „Ziele“
ausgerichtet („Mein Haus, mein Auto, meine Familie ...“).
Unsere Lebenserfahrung scheint dieses Konzept zu bestäti-
gen: Es fühlt sich gut an, Ziele zu erreichen. Schließlich
werden am „Ziel“ Belohnungsbotenstoffe ausgeschüttet,
die uns „glücklich“ und „zufrieden“ machen. Dass dieses
Glück und diese Zufriedenheit kein Dauerzustand sein
können, ergibt sich aus den einfachsten physiologischen
Zusammenhängen: Jede dauerhafte Rezeptorstimulation
verliert ihre Wirkung. Ein tatsächlicher Mangel oder die
Habituation bereitet jeder Zufriedenheit irgendwann ein
Ende.
Das fernöstliche Denken verfolgt eine andere Strategie.
„Wenn Du glaubst, das Erreichen eines Ziels würde Dir zur
Glückseligkeit verhelfen – setz’ Dich erst einmal hin und
meditiere!“ ließe sich die buddhistische Sichtweise zusam-
menfassen. „Wenn Du lange genug meditiert hast, wirst Du
verstehen, dass ohnedies alles ‚eins‘ ist, die Unendlichkeit
des Weltalls wie die Ewigkeit der Zeit. Wenn Du dies –
durch Meditation – verstanden hast, dann erhebe Dich und
schau, ob Dir das, was Dir als Ziel so wichtig erschien,
immer noch erstrebenswert erscheint. Wenn ja, begib Dich
auf den Weg, es zu erreichen. Wenn Du merkst, dass Du
gierig wirst, bedürftig, sodass Du rennen willst, mehr errei-
chen, schneller ankommen, dann sage ich Dir: Setz Dich
wieder hin und meditiere! Denn nicht das Erreichen eines
Ziels wird Dich glücklich machen. Der Weg ist das Ziel!“
Im Habituationsmodell lässt sich der Unterschied beider
Einstellungen recht einfach erklären: Während die west-
liche Lebensphilosophie auf eine „stoßweise“ Freisetzung
von belohnenden Botenstoffen setzt, bevorzugt die fernöst-
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liche eine kontinuierliche. Wer regelmäßig meditiert – und
das womöglich mit einem spirituellen Hintergrund – mag
sich durch diese recht trockene Sichtweise eventuell brüs-
kiert fühlen. Aber neurophysiologisch lässt sich einer der
Haupteffekte der Meditation darauf zurückführen, dass
sich beim tagelangen Sitzen die Belohnungsbotenstoffspei-
cher füllen und die entsprechenden Rezeptoren regenerie-
ren. Nach wenigen Tagen „laufen die Speicher über“, und
es wird spontan und ohne Anlass Dopamin und Glutamat
freigesetzt, Glückshormone, die am Lustzentrum auf hoch-
sensible Rezeptoren treffen. Hierunter wird das Beloh-
nungszentrum selbst aktiv; es setzt seinen angstlösenden,
entspannenden Transmitter GABA frei, was der Meditie-
rende als befreiend, möglicherweise gar als „Erleuchtung“
empfindet. Denn er erlebt ein Glück, das sich unabhängig
von äußeren Einflüssen, unabhängig vom Erreichen von
Zielen und Erfolgserlebnissen einstellt.
Wer diesen Zustand erlebt, sieht die Welt mit anderen
Augen. Er weiß, dass sein früheres angestrengtes Rennen zu
keinem dauerhaften Glück, zu keiner nachhaltigen Befrie-
digung führen konnte. Er begreift, dass seine Lebenszufrie-
denheit eben nicht abhängig ist von äußerer Anerkennung,
sondern – so verbrämt es der Buddhismus – von der „Ein-
heit mit dem Universum und der Ewigkeit“. Was, neuro-
physiologisch ausgedrückt, nichts anderes ist, als der Effekt
von überquellenden Belohnungsbotenstoffspeichern und
hochsensiblen Rezeptoren.
Leider ist dem westlich geprägten Menschen diese Ein-
sicht nicht leicht zu vermitteln. „Jetzt meditiere ich schon
drei Mal die Woche für jeweils zwanzig Minuten“, höre ich
Patienten in der Sprechstunde schimpfen, „und ich bin im-
mer noch nicht ausgeglichen, glücklich und zufrieden!“
Vor dem Hintergrund des Habituationsmodells wird deut-
lich, warum ein solcher – auf westliche Weise missverstan-
dener – Zugang zur Meditation nicht zum Erfolg führen
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kann. Meditation ist keine Pille, die man einwirft, um un-
mittelbar darauf Glück und Zufriedenheit zu erfahren. Sol-
che Pillen gibt es; aber nicht ohne Grund sind entsprechen-
de Substanzen als Betäubungsmittel verboten. Meditation
wirkt paradox: Durch bewussten Lustverzicht werde ich
für leise Reize wieder sensibel. Kleinigkeiten können meine
Aufmerksamkeit erregen (Dopamin) und fesseln (GABA).
Die Buddhisten nennen diesen Zustand Achtsamkeit. Acht-
samkeit lässt sich nicht durch Konsum erreichen, sondern
ausschließlich durch Verzicht auf überdimensionierte und
pausenlos zugeführte Lustauslöser.
Selbstverständlich besteht auch für Buddhisten das Le-
ben nicht aus permanenten Highlights. Auch überquellende
Belohnungsbotenstoffspeicher können Rezeptoren nicht
dauerhaft stimulieren. Deswegen betrachtet der Buddhis-
mus das Leben auch als „Leiden“. Im Gegensatz zum nim-
mersatten „Westler“ haben Buddhisten allerdings erkannt,
dass im freiwilligen Verzicht ein größerer Genuss liegt als
im Versuch der permanenten Stimulation unserer Beloh-
nungsstrukturen. Oder wenigstens das geringere Leiden.
Buddhisten kommen also nicht umhin, ihre belohnen-
den Botenstoffe ebenfalls schubweise (und nicht völlig
gleichmäßig) freizusetzen. Nur verzichten sie auf überpro-
portionale Auslöser und verhindern dadurch ein „Auf-
schaukeln“ ihres Belohnungssystems, was im Westen die
Ursache für sämtliche Zivilisationskrankheiten vom ADHS
bis hin zur Zuckerkrankheit darstellen dürfte.
An dieser Stelle wird deutlich, warum mir das Beloh-
nungssystem „wie von göttlicher Hand“ geschaffen er-
scheint. Es ist so „konstruiert“ (hat sich im Laufe der Jahr-
millionen langen Evolution so herausgebildet), dass es das
Individuum nicht nur vor Unterversorgung bewahrt, son-
dern auch vor den schädlichen Folgen der Überversorgung.
Und: Es lässt sich aus seiner Kenntnis mühelos ableiten,
dass wir Menschen mit weniger genauso glücklich sein
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können wie mit dem angeblich alternativlosen Mehr und
Mehr. Glücklicher sogar. Denn durch einen freiwilligen
Verzicht können wir uns vor Zivilisationskrankheiten ge-
nauso schützen wir vor dem Kollaps unserer Ökosysteme.
Und das ohne jede Einbuße an Lebensqualität, mutmaßlich
sogar mit erheblichem Gewinn!
Exkurs
Weitere Erklärungen für die Effekte von Meditation
Volle Speicher und sensible Rezeptoren sind sicher nur eines
von mehreren Geheimnissen, die sich hinter den Effekten re-
gelmäßiger und ausdauernder Meditation verbergen. Die Vor-
gänge in unserem Gehirn sind vielfältig, und sie greifen auf
komplexe Weise ineinander.
Für das Erreichen der „Erleuchtung“ scheinen „synchrone
Nervenzellentladungen“ ebenfalls eine Rolle zu spielen. Ner-
venzellen, die miteinander in Einklang stehen, „feuern“
gleichzeitig; diese synchronen Entladungen stimulieren das
Belohnungszentrum. Wenn uns vielerlei Gedanken gleichzei-
tig beschäftigen, wird das Belohnungszentrum nicht erregt.
Bei der Meditation geht es also auch darum, überflüssige oder
einander „widersprechende“ Gedanken loszuwerden, um eins
zu werden mit sich selbst, der „Unendlichkeit“ und „Ewig-
keit“, wie es Buddhisten ausdrücken würden. Neurowissen-
schaftlich betrachtet dürfte es darum gehen, „störende“ Ein-
flüsse aus dem Belohnungsregelkreis zu eliminieren. Da wir
geprägt sind von unseren Erfahrungen und Erinnerungen,
geht es bei der „Einswerdung“ vor allem darum, das augen-
blickliche Denken von störenden Erinnerungen, die immer
auch störende Gedanken verursachen, zu befreien.
Hierzu gehört die Erfahrung, dass Gedanken und Gefühle
nicht unbedingt einer objektiven Wahrheit entsprechen, son-
dern eben „kommen und gehen“. Wer diese Erfahrung in der
Meditation zulassen kann – und in Anbetracht einer oft unbe-
wussten (!), vielleicht traumatisch erlebten Erinnerung – die
Meditation nicht abbricht und davonläuft, kann erleben, wie
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ISBN: 978-3-7945-3115-8. © Schattauer GmbH Mögliche Schwächen des Habituationsmodells
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westlichen " Denken als wichtig. Das ganze westliche Leben ist auf " Ziele " ausgerichtet ( " Mein Haus, mein Auto, meine Familie
  • Ziele Im Leben Zu Haben
Ziele im Leben zu haben, erscheint im " westlichen " Denken als wichtig. Das ganze westliche Leben ist auf " Ziele " ausgerichtet ( " Mein Haus, mein Auto, meine Familie... " ).