ResearchPDF Available

die SPRACHE DER SEELE - 2., aktuelle Auflage - Leseprobe

Authors:

Abstract

Zuckschwerdt-Verlag, München, 2014
Die Sprache der Seele
Ingo Schymanski
arbeitet als Facharzt für Allgemein-
medizin und Psychotherapeut in Ulm
an der Donau.
Die Sprache der Seele fußt auf seiner
jahrelangen Tätigkeit als Arzt in
Krankenhäusern und seiner eigenen
allgemeinmedizinischen und thera-
peutischen Praxis.
Dr. med. Ingo Schymanski
Leiden Sie an Beschwerden, für die keine organische Ursache
gefunden wird? Führen Medikamente nur kurzzeitig zu einer
Besserung?
Entschlüsseln Sie die Botschaft, die sich hinter körper-
lichen, seelischen und sozialen Problemen versteckt.
Erleben Sie, wie sich Ihre Symptome bessern und ver-
schwinden!
Entdecken Sie, wie die Hirnforschung Wege auf-
zeigt, den Teufelskreis aus Symptom-Unterdrückung
und ungesunder Lebensweise zu durchbrechen.
9783863 710903
ISBN 978-3-86371-090-3 € 19,90 [D]
www.zuckschwerdtverlag.de
Ingo Schymanski
Psychosomatische Symptome
als Chance für Gesundheit und Wohlbefi nden
Die Sprache der Seele
2. Aufl age
Schymanski-Umschlag-neu.indd Alle Seiten 08.01.14 11:04
Ingo Schymanski
Die Sprache der Seele
Psychosomatische Symptome
als Chance für Gesundheit und Wohlbenden
W. Zuckschwerdt Verlag München
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National-
bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de ab-
rufbar.
Die Erkenntnisse der Medizin unterliegen laufendem Wandel durch Forschung und klinische
Erfahrungen. Autor und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass die erstellten
Informationen und (therapeutischen) Angaben dem aktuellen Wissensstand entsprechen.
Das entbindet den Benutzer dieses Buches aber nicht von der Verpflichtung zu überprüfen,
ob die hier genannten Angaben, Indikationen und Dosierungen sachlich richtig sind, ins-
besondere nicht davon, bei allen medizinischen Problemen einen Arzt zu konsultieren. Wie
allgemein üblich, sind Warenzeichen und Handelsnamen, soweit überhaupt verwendet, nicht
durchgängig gekennzeichnet.
Alle Rechte, insbesondere das Recht zur Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Überset-
zung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikro-
film oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
werden.
© 2014 by W. Zuck schwerdt Ver lag GmbH, Industriestraße 1, D-82110 Germering/München.
Print ed in Italy by Litotipografia ALCIONE s.r.l., Lavis
ISBN 978-3-86371-090-3
Bildnachweis
Umschlag: Gingko © momosu (Photocase)
Foto des Autors © Erich Püschel (Ulm)
V
Inhalt
Vorwort ........................................................... 1
Selbst-Test ........................................................ 4
Die körperlich-seelisch-soziale Einheit des Menschen ... 7
Gesundheit ist mehr als das Fehlen von Krankheit
Was ist Gesundheit? ............................................... 7
Die Dynamik von Körper, Seele und sozialer Interaktion
Was sind „psychosomatische Krankheiten”? ........................ 7
Unentdeckte Mechanismen des Stressempndens
Gibt es überhaupt psychosomatische Krankheiten? ................ 10
Gesundheit, die sich Raum verschaen möchte
Welche Symptome können auftreten? ............................. 12
Ein Gesundheitssystem, das Gesundung verhindert
Warum behaupten Ärzte häug, der Patient sei gesund,
obwohl er doch Beschwerden hat? ................................. 14
Verleugnung seelischer Ursachen
Warum wehren sich Patienten häug gegen die Annahme, ihre
Beschwerden hätten eine seelische Ursache? ....................... 19
Emotionale Lernmomente erschüttern das sicher geglaubte Selbst
Es ist möglich, dass Sie die Lektüre hier abbrechen wollen.
Warum sollten Sie das nicht tun? ................................... 22
Die Blindheit für die Ursache der eigenen Beschwerden
Wer bekommt psycho-somato-soziale Beschwerden? .............. 26
Beschwerden als Auorderung zum Wachstum
Wann treten psycho-somato-soziale Beschwerden auf? ............ 29
Das Streben nach Liebe, Anerkennung und Bindung
Woher kommen psycho-somato-soziale Beschwerden? ............ 34
Chronischer emotionaler Stress
Warum kommt es zu psycho-sozio-somatischen Beschwerden? .... 37
InhaltVI
Beschwerden mit Symbolcharakter
Woran erkenne ich psychosozialen Stress? ......................... 47
Warnsignale unserer Seele
Welchen Sinn haben psycho-somato-soziale Beschwerden? ........ 51
Die Angst vor der Angst
Welche Rolle spielt Angst in der Psychosomatik? ................... 54
Es gibt ein Leben vor dem Tod
Wie überwinde ich die Angst vor dem Tod? ......................... 58
Emotionale Autonomie kontra Kernverschmelzung
Wie gehe ich mit der Angst vor Einsamkeit um? .................... 62
Den goldenen Herbst genießen
Wie gehe ich mit der Angst vor dem Älterwerden um? .............. 68
Fluch und Nutzen von Psychopharmaka
Können Psychopharmaka nützlich sein? ........................... 70
Wege zur Gesundung ............................... 77
Träume verhelfen zu neuen Perspektiven
Wunschträume als Wegweiser für Werte und Ideale ................ 79
Schlafträume als Tor zum Unterbewusstsein ....................... 82
Wie lassen sich psycho-somato-soziale Beschwerden behandeln?
Der bewusste Weg
Leidensdruck nutzen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
Muster herausarbeiten ............................................ 88
Zusammenhänge bewusst machen ................................ 89
Auf Widerstände und Rückschläge vorbereitet sein ................. 91
Der unbewusste Weg
Die Wahrnehmung für das Selbst steigern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Soziale Interaktion fördern ........................................ 96
Sinnliche Wahrnehmung schulen .................................. 96
Was verändert sich durch eine Psychotherapie?
Nicht jeder leidet so stark, dass er gleich einen
Therapeuten zu Rate ziehen möchte. Was kann er tun? ............. 98
VII Inhalt
Beschwerdebilder als Wegweiser zu mehr Gesundheit .. 106
Welche Zusammenhänge lassen sich erschließen?
Gleiche Stressauslöser erzeugen nicht gleiche Symptome .......... 106
Ähnliche Charaktere entwickeln nicht ähnliche Symptome ......... 107
Was bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?
Kopfschmerzen .................................................... 108
Zu viel um die Ohren
Ohrgeräusche (Tinnitus aurium) ................................... 117
Phasen vermehrter Selbstbeobachtung
Haarausfall ....................................................... 122
Schleimhäute in Abwehrstellung
Chronische Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis chronica) .... 125
Ärger, der im Hals feststeckt
Kloßgefühl im Hals (Globus pharyngeus) ........................... 128
Tonnenschwer unter Druck
Zähneknirschen (Bruxismus) ....................................... 131
Kein Schlaf der Gerechten
Schlafstörungen ................................................... 135
Stress, Anspannung, selbstschädigendes Verhalten
Sodbrennen (Reuxösophagitis) ................................... 140
Ernährungsgewohnheiten des Steinzeitmenschen
Verdauungsstörungen ............................................. 145
Teufelskreis der Angst
Funktionelle Herzbeschwerden .................................... 152
Eine vergiftete Atmosphäre
Atemnot, Luftnot, Hyperventilation ................................ 157
Überlastung, Erstarrung, Mangeldurchblutung
Rückenschmerz, Verspannungen .................................. 160
Leben aus dem Gleichgewicht
Chronischer Schwindel (Vertigo) ................................... 166
Nervosität, Angst, Anspannung
Ständiger Harndrang, Reizblase ................................... 182
InhaltVIII
Ungewollte Nähe, Konikte, Traumata
Schmerzen beim Geschlechtsverkehr (Dyspareunie) ................ 185
Statt Abwehr von Eindringlingen – Angri auf das Selbst
Allergien .......................................................... 187
Allzeit zu Höchstleistungen bereit?
Sehnenansatzentzündungen ...................................... 191
Mangelnde Achtsamkeit aus Überlastung
Abwehrschwäche, Immunschwäche, Infektanfälligkeit ............. 197
Wenig Vertrauen ins Leben
Hypochondrie ..................................................... 203
Missachtung von Grenzen
Unfälle ............................................................ 207
Gesteigerte Empndsamkeit
Fibromyalgie ...................................................... 209
Die Zuckerkrankheiten der Seele
Warum „immer mehr“ nicht „immer glücklicher“ macht . . . . . . . . . . . . 215
Leere Speicher, abgestumpfte Rezeptoren .......................... 219
Viele Beschwerden – eine Ursache? ................................ 220
Lustgewinn durch Lustverzicht – was passiert beim Meditieren? .... 222
Ängste ............................................................ 224
Schlafstörungen .................................................. 227
Depressionen ...................................................... 229
Was löst Depressionen wirklich aus? ............................... 231
Enttäuschte Ideale und fehlendes Erschöpfungsempnden
Burn-out .......................................................... 240
Abwärtsspirale Arbeitslosigkeit
Burn-down ........................................................ 252
Anhang ........................................... 257
Danke! ............................................................ 257
Literatur ........................................................... 258
Stichwortverzeichnis .............................................. 259
1Vorwort
Vorwort
Wir nden nichts. Ihre Beschwerden sind psychisch bedingt!“ Mit
dieser Auskun werden täglich hunderte und tausende Patienten
abgespeist, mal mehr, mal weniger einfühlsam. Alle Untersuchun-
gen blieben ohne wegweisenden Befund, keine erapie brachte die
Schmerzen, den Schwindel, die quälenden Ohrgeräusche dauerha
zum Verschwinden.
Gelenkbeschwerden, Muskelschmerz, Verspannungen, Rücken-
schmerz, Nervenschmerzen, Nervosität, Erschöpfung, Herzklopfen,
Schlaosigkeit, Schweißausbrüche, Gewichtsveränderung, Depressi-
on: All das ohne Ursache? Völlig gesund und trotzdem ständig krank?
Die „Karriere” der meisten Patienten ähnelt sich. Irgendwann be-
gannen die Beschwerden, und seit dem ersten Besuch beim Hausarzt
vor drei oder mehr Jahren wurden unzählige Experten konsultiert,
später auch Heilpraktiker, Homöopathen oder sogar Wunderheiler.
Allen erapien war gemein, dass sie mit viel Honung begonnen
wurden, und alle endeten damit, dass sie keine bleibende Besserung
bewirkten. Keine Diagnose, keine Behandlung, nicht einmal chirur-
gische Operationen brachten die versprochene Gesundung. Am Ende
sitzt der klassische Patient wieder beim Hausarzt, der mit ehrlichem
Bedauern die Schultern hebt und sagt: „Tut mir leid. Es ist alles psy-
chisch!“
Und so wendet sich der Patient, den niemand heilen kann, an die ver-
meintlich letzte Instanz: Wenn alles „psychisch” bedingt ist – wer soll
helfen, außer dem Psychiater, dem Psychotherapeuten, dem Seelen-
arzt?
Die Erfahrung zeigt: Psychotherapie kann helfen. Nicht schnell, nicht
einfach und auch nicht immer. Aber viele Patienten mit sogenann-
ten „psychosomatischen Beschwerden” lernen im Lauf der Jahre, mit
ihren Symptomen umzugehen, mit den Beschwerden irgendwie zu
leben. Der Schritt, wegen der körperlichen Beschwerden einen Fach-
mann oder eine Fachfrau für die Seele zu Rate zu ziehen, stellt für
2Vorwort
viele Patienten eine große Hürde dar. Jeder scheint aus der näheren
oder ferneren Bekanntscha Menschen zu kennen, die vermeintlich
durch die Psychotherapie erst richtig in Schwierigkeiten gerieten.
Das wirkt auf viele abschreckend. Eine o mehrjährige Psychothe-
rapie kann ebenso wie die langfristige Einnahme von Medikamenten
den erhoen und ersehnten Erfolg nicht garantieren: ein gesundes,
glückliches Leben, unbeschwert und frei von ständigen Beschwerden.
Was also tun?
An all jene Menschen, die nach einer Lösung für ihre meist seit Jahren
bestehenden seelisch bedingten körperlichen oder sozialen Probleme
suchen, richtet sich dieses Buch.
Es ersetzt weder die Beratung beim Hausarzt noch die tiefer gehen-
den Untersuchungen durch Fachärzte – aber es ergänzt die heutige
„moderne Medizin” um jene Aspekte, für die sie in den vielen Jahr-
zehnten ihrer zunehmenden Technisierung völlig blind geworden ist.
Im vorliegenden Buch geht es mir in erster Linie um einen neuen Um-
gang mit „psychosomatischen” Beschwerden: Fast alle üblichen Me-
thoden – gleich, ob schulmedizinisch oder alternativ – betrachten die
Symptome als Krankheit und damit als Gegner.
Dieses Buch hingegen verfolgt eine gegenteilige Philosophie: Psy-
chische, psychosomatische und psychosoziale Beschwerden haben
einen Sinn. Werden sie mit Medikamenten unterdrückt, tauchen sie
an anderer Stelle mit Gewissheit wieder auf. Richtig verstanden, die-
nen sie als Chance zur Entwicklung der Persönlichkeit und damit als
Wegweiser zu nachhaltigem Wohlbenden. Im Verlauf der Lektüre
wird zudem erörtert, auf welche Weise Erlebnisse (meist in Kindheit
und Jugend) unseren gesamten Lebensweg beeinussen und über un-
ser körperliches, seelisches und soziales Wohlbenden entscheiden.
Selbstverständlich werden auch Strategien vermittelt, frühere prägen-
de Erlebnisse zu verstehen und zu überwinden.
Außerdem liegt mir daran, die faszinierenden aktuellen Erkenntnisse
der Hirnforschung zu vermitteln. Diese machen verständlich, warum
wir Menschen nach immer mehr streben – und warum uns dieses
3Vorwort
ständige „Mehr” nicht glücklicher macht – sondern im Gegenteil o
krank an Körper, Seele wie auch im sozialen Miteinander.
Die gemeinsame Betrachtung dieser Aspekte soll den Leser zu der
Erkenntnis inspirieren, dass es keinen „objektiven” Maßstab für „Le-
bensglück” oder ein „erfolgreiches Leben” gibt. Das Optimum, das
wir erreichen können, zeigt sich in der Übereinstimmung unseres
Lebens mit unseren tatsächlichen Bedürfnissen. Und hier kann ein
Weniger” in bestimmten Bereichen durchaus ein „Mehr” an körper-
lichem Wohlbenden, seelischer Ausgeglichenheit und Harmonie in
unserem sozialen Umfeld bewirken – letztlich also ein entspannteres,
schöneres Leben bei nachhaltig besserer Gesundheit.
Ihre Symptome als Freunde und Wegweiser zu begreifen, wird Ihnen
helfen, sich eine neue Welt der Wahrnehmung zu erschließen. Wenn
es Ihnen gelingt, Ihrem neuen Verständnis eine tatsächliche Verän-
derung Ihres Verhaltens folgen zu lassen, werden Ihre Beschwerden
verschwinden.
Und: In jeder Situation, in der sich Ihre „alten Bekannten” – die Rü-
ckenschmerzen, die Ohrgeräusche, der Schwindel und so viele Sym-
ptome mehr – unverho wieder bei Ihnen melden, werden Sie sie
dankbar empfangen. Weil Sie begrien haben, dass es wieder etwas
Wichtiges zu lernen gibt. Sie werden neugierig sein, zuhören und das
in diesem Buch vermittelte Wissen dazu nutzen, Ihrem inneren, wah-
ren Selbst näher zu kommen. Um das Leben zu leben, das Ihnen und
Ihren ganz persönlichen Bedürfnissen entspricht.
Ich wünsche Ihnen viel Freude und viel Erfolg bei der Lektüre dieses
Buches!
4Selbst-Test
Selbst-Test
O ist man so in seinem Alltag gefangen und darauf bedacht, den
Anforderungen von Familie und Arbeit gerecht zu werden, dass man
gar nicht auf die Idee kommt, sich grundlegende Fragen zum eige-
nen Benden zu stellen. Nehmen Sie sich bewusst ein paar Minuten
Zeit für Ihr persönliches „Stress- und Wohlfühl-Barometer“ auf den
nächsten beiden Seiten.
>> Machen Sie den Selbst-Test!
Haben Sie viele Wohlfühlpunkte sammeln können? Oder gibt es doch
mehr Stresspunkte als Sie geglaubt hätten? Das Ergebnis entspricht
keinem validierten Test. Es soll Ihnen lediglich einen Anhaltspunkt
dafür liefern, wie gesund Sie leben und ob es hinsichtlich Ihrer see-
lischen, körperlichen und sozialen Situation Optimierungsmöglich-
keiten gibt.
Machen Sie sich auch keine Sorgen, wenn Ihr Stress-Barometer sehr
hoch ausschlägt. Im Laufe des Buches möchte ich Ihnen vermitteln,
dass seelisch und sozial bedingte Symptome keine Krankheit sind,
sondern der Ausdruck eines Gesund-werden-Wollens. Eine hohe
Zahl von Kreuzen in den orange unterlegten Spalten zeigt allerdings,
dass Sie viel Potenzial besitzen, mit weniger Kraanstrengung ange-
nehmer, gesünder und nachhaltiger zu leben.
5Stress-Barometer
Stress-Barometer Ja Nein
Zeigt Ihre Zunge deutliche Abdrücke Ihrer Zähne?
Ist Ihre Nackenmuskulatur verspannt?
Schmerzt es in der Magengegend, wenn Sie Ihren Ober-
bauch unterhalb des Brustbeins kräig mit Mittel- und
Ringnger beklopfen?
Leiden Sie häug an Sodbrennen, saurem Aufstoßen oder
schlechtem Geschmack im Mund?
Leiden Sie häug an körperlichen Beschwerden wie Kopf-
schmerz, Rückenschmerz, Magenschmerz, Verdauungsstö-
rungen?
Haben Sie einmal monatlich oder häuger einen Infekt
oder eine Erkältung, Durchfall, Frösteln, Fieber, Bauch-
schmerzen oder Appetitverlust?
Leiden Sie an chronischen oder immer wiederkehrenden
Hauterscheinungen wie Rötung, Ausschlag oder Ähnlichem?
Verspüren Sie häug scheinbar grundlos Herzklopfen,
Hitzewellen oder Schwindel?
Rauchen Sie?
Befürchten Sie, eventuell an einer schweren, nicht erkann-
ten Krankheit zu leiden?
Fühlen Sie sich manchmal so, als ob Sie gar nicht wirklich
anwesend wären, beinahe wie eine leere Hülle?
Leiden Sie an chronischem Zeitmangel?
Trinken Sie beinahe täglich Alkohol?
Schlafen Sie zwar schnell ein, wachen aber nachts öer auf?
Haben Sie häug Schuldgefühle?
Sind Sie tagsüber o schlapp und müde?
Leiden Sie an körperlichen Beschwerden, für die kein Arzt
eine Ursache ndet?
SUMME
6 Selbst-Test
Wohlfühl-Barometer Ja Nein
Fühlen Sie sich im Allgemeinen wohl in Ihrem Körper?
Blicken Sie optimistisch in die Zukun?
Haben Sie Pläne und freuen sich auf die Umsetzung?
Ist Ihre Stimmung gut?
Haben Sie Zeit für Unternehmungen mit der Familie
und/oder mit Freunden?
Treiben Sie regelmäßig Sport?
Haben Sie ein Hobby oder verfolgen langjährige Inter-
essen?
Können Sie entspannt die Zeit genießen und sich hin-
setzen, ohne dass Ihnen langweilig wird?
Fühlen Sie sich morgens erholt und leistungsfähig?
Vergessen Sie selten oder nie Verabredungen?
Ernähren Sie sich gesund und ballaststoreich?
Kommen Sie dazu, regelmäßig und ungestört zu essen?
Halten Sie Ihr Normalgewicht?
Sind Sie Nichtraucher/in?
Trinken Sie selten oder nie Alkohol?
Sind Sie mit Ihrer Arbeit im Allgemeinen zufrieden und
kommen mit Vorgesetzten und Kollegen gut aus?
Bereitet Ihnen der Alltag überwiegend Freude?
Wenn Ihr/e Partner/in oder Bekannte zu spät zu einer
Verabredung kommen, werden Sie nicht unzufrieden,
sondern freuen sich über die gewonnene Zeit?
Können Sie überall sein, wie Sie sind, authentisch?
SUMME
7Gesundheit ist mehr als das Fehlen von Krankheit
Die körperlich-seelisch-soziale Einheit
des Menschen
Gesundheit ist mehr als das Fehlen von Krankheit
Was ist Gesundheit?
Bereits 1946 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Gesund-
heit deniert als „einen Zustand des vollständigen körperlichen,
geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von
Krankheit oder Gebrechen“.
Mit dieser Aussage formuliert die WHO einen hohen Anspruch. Die-
sen Anspruch wollen wir bei der Arbeit mit diesem Buch stets im
Auge behalten. Gesund zu sein, bedeutet nicht, dass wir den Him-
mel auf Erden schaen oder empnden müssten. Vorübergehende
körperliche oder seelische Beschwerden sind normal und gehören
zu einem gesunden Leben. Schmerz ist ein notwendiges Warnsignal,
Trauer ein sinnvolles Gefühl. Selbst wenn wir uns in unserer sozialen
Rolle manchmal unwohl fühlen, gehört das zum Menschsein dazu.
Krankheitswert gewinnen diese normalen Schwankungen des Ben-
dens erst, wenn Beschwerden immer wieder oder dauerha aure-
ten und der Grundzustand des eigenen Lebens eben nicht als positiv
empfunden wird. Und dieser Anspruch des Wohlbendens gilt für
den körperlichen, den seelischen und – wie die WHO weise formu-
lierte – auch den sozialen Bereich.
Die Dynamik von Körper, Seele und sozialer Interaktion
Was sind „psychosomatische Krankheiten”?
Psyche bedeutet „Seele” und soma bedeutet „Körper”. Als psychoso-
matische Beschwerden werden körperliche Beschwerden bezeichnet,
die ihren Ursprung in der Seele, der Psyche eines Menschen haben.
Im weiteren Sinn können auch gesundheitsschädliche Verhaltenswei-
sen wie Rauchen, Essstörungen, Bewegungsmangel u. a. zu den psy-
chosomatischen Krankheitsbildern gerechnet werden.
Die körperlich-seelisch-soziale Einheit des Menschen8
Auch die bloße Überzeugung, krank zu sein (Hypochondrie), kann
für sich bereits Krankheitswert besitzen. Dies bedeutet keineswegs,
dass Menschen mit körperlich unerklärlichen Beschwerden seelisch
krank sein müssen. Im Gegenteil: Wirklich seelisch kranke Menschen
wie Menschen mit Schizophrenie leiden eher seltener an körperlichen
Beschwerden. Und: Nach jahrelanger Arbeit mit psychosomatischen
Krankheitsbildern möchte ich sogar behaupten, dass sich gerade in
psychosomatischen Leiden Gesundheit ausdrückt. Es erscheint para-
dox: Der Patient leidet, weil sich Gesundheit Raum verschaen will.
Dennoch fühlen sich viele Patienten mit psychosomatischen Be-
schwerden schwer beeinträchtigt. Nach der strengen WHO-Deni-
tion sind sie ja auch krank, selbst wenn kein Apparat und keine Un-
tersuchung eine organische Krankheit nachweisen kann. Trotzdem
bieten psychosomatische Beschwerden omals eine wunderbare Ge-
legenheit zum Einstieg in ein neues, körperlich und seelisch gesünde-
res Leben – wenn wir die Beschwerden richtig deuten.
Der Begri Psychosomatik bleibt jedoch an sich problematisch. Er
suggeriert eine Unterteilung des Menschen in Körper und Seele. Da-
bei lassen sich Körper und Seele genauso gut als Einheit begreifen, als
ein eng verwobenes Ganzes. Wer sich länger mit der Psychosomatik
beschäigt, gewinnt den sicheren Eindruck, dass sich seelische und
körperliche Probleme überhaupt nicht voneinander getrennt betrach-
ten und behandeln lassen – auch wenn das in der heutigen Medizin
größtenteils immer noch den Standard darstellt. Warum dies so ist,
werden Sie im Laufe des Buches erfahren.
Noch eine Tatsache macht den Begri Psychosomatik fragwürdig: Wir
sind nicht bloß Körper und Seele, wir sind immer auch Teil eines so-
zialen Netzwerks. Bei genauer Betrachtung zeigt sich, dass seelische
Konikte nicht nur Auswirkungen auf den Körper haben, sondern
genauso das soziale Leben beeinussen. In dieser Hinsicht grei eine
reine „Psychosomatikzu kurz. Besser ist der Begri „Psycho-sozio-so-
matik”, also die Lehre von den Zusammenhängen zwischen Seele, sozialen
Beziehungen und körperlichem Benden. Sie erinnern sich an die WHO-
Denition von Gesundheit, die sich genau auf diese drei Begr ie bezieht?
9Die Dynamik von Körper, Seele und sozialer Interaktion
Die Psycho-sozio-somatik betrachtet gleichzeitig seeli-
sche, soziale und körperliche Vorgänge. Jeder Bestand-
teil besitzt seine eigene innere Dynamik und interagiert
eng mit seinen beiden jeweiligen Nachbarn. Wegen der
Untrennbarkeit der Bestandteile bezeichnet man diesen
Ansatz als „ganzheitlich“.
Die Psycho-sozio-somatik ist nicht identisch mit dem Begri „bio-
psycho-sozial”, der u. a. auf einen der Begründer der psychosoma-
tischen Medizin, ure von Uexküll, zurückgeht. „Bio” bezieht sich
darin eher auf die genetischen Grundvoraussetzungen des Menschen,
während „somato” die akuten und chronischen Reaktionen des Kör-
pers auf psychische und soziale Einüsse bezeichnet. Dies soll die
Bedeutung der biologischen Grundlagen, wie Genetik, Umweltein-
üsse, Ernährung u. a. nicht ausschließen: Da sich dieses Buch aber
hauptsächlich auf das durch Lernprozesse Beeinussbare in Körper,
Seele und sozialer Interaktion bezieht, wird entsprechend der Begri
„psycho-somato-sozial” bzw. „Psycho-sozio-somatik” verwendet.
Die isolierte Betrachtung
oder auch die Aussparung
eines einzelnen Bestandteils
dieser Trilogie verzichtet
ohne Not auf wesentliche di-
agnostische und therapeuti-
sche Ansätze zur Behandlung
vorhandener Beschwerden.
Ein rein körperlich arbeitender Arzt wird nie alle Beschwerden eines
Menschen verstehen und behandeln können. Ebenso wird ein era-
peut, der alle Krankheiten für seelisch bedingt hält, in vielen Fällen
scheitern. Und auch ein erapeut, der die sozialen Interaktionen von
Menschen für besonders bedeutsam hält, z. B. ein „Systemtherapeut,
wird mit seinem einseitigen Ansatz an vielen Krankheits- und Be-
schwerdebildern scheitern.
Trotz der genannten Einschränkungen wird in diesem Buch auch der
Begri Psychosomatik anstelle von Psychosoziosomatik verwendet.
Aus Gründen des Sprachusses erfolgt bei Verwendung des Begris
als Adjektiv eine Umstellung der Wortfolge: statt „psycho-sozio-so-
matisch” heißt es dann „psycho-somato-sozial”. Gemeint ist immer
gleichrangig die seelisch-sozial-körperliche Einheit des Menschen.
Die körperlich-seelisch-soziale Einheit des Menschen10
Unentdeckte Mechanismen des Stressempndens
Gibt es überhaupt psychosomatische Krankheiten?
Über diese Frage wurde lange gestritten. Mittlerweile weichen die
Fronten langsam auf. Selbst konservative Schulmediziner leugnen
immer seltener den Einuss des psychosozialen Bendens auf den
somatischen Krankheitsverlauf, wie auch extreme Vertreter der Psy-
chosomatik zunehmend erkennen, dass sich nicht für jede Erkran-
kung ein seelischer Auslöser identizieren lässt bzw. nicht für jede
Erkrankung eine psychosoziale Störung der Auslöser sein muss.
Ich persönlich bin der Ansicht, dass es weder rein körperliche noch
rein psychische noch rein soziale Krankheitserscheinungen gibt. Bei
jeder körperlichen Erkrankung besitzen psychosoziale Faktoren er-
heblichen Einuss, genauso wie sich somato-soziale Probleme auf die
Seele auswirken usw. In jedem Fall hängt der Verlauf im primären,
oensichtlichen Bereich stets auch von den beiden anderen Bereichen
ab. Eine isolierte Betrachtung psychischer, sozialer oder somatischer
Symptome ginge daher am Wesentlichen vorbei. Jeder Patient soll-
te – wie jeder erapeut – in jedem der drei Bereiche Wohlbenden
anstreben. Wer einmal die Einheit von Körper, Seele und sozialem
Umfeld erkannt hat, wird diese Bereiche nicht wieder voneinander
trennen wollen.
In den letzten Jahren wurde die HPA-Achse (die Funktionseinheit
Hypothalamus-Hypophyse-Nebennierenrinde) als Vermittler zwi-
schen Stressempnden und körperlicher Antwort entdeckt. Psy-
chischer, sozialer oder auch körperlicher Stress (z. B. Verletzungen)
führen über diese Achse zur Freisetzung von Stresshormonen, die im
Körper schädliche Wirkungen entfalten können. Mit großer Wahr-
scheinlichkeit existieren neben der HPA-Achse weitere, noch unent-
deckte Mechanismen, die den Verlauf von Krankheiten auf bislang
unbekannte Weise beeinussen.
Wir sollten uns vor monokausalen Krankheitserklärungen hüten, nur
weil für sie keine biochemische oder physikalische Ursache bekannt ist.
11Gesundheit, die sich Raum verschaen möchte
Ein Bespiel: Jahrzehntelang wurde über den Einuss der Psyche bei
Patienten mit Magengeschwüren spekuliert. Seit 1979 ein Bakterium
(Helicobacter pylori) als Auslöser identiziert wurde, spricht kein
Mensch mehr vom „Neid, der den Charakter eines Ulkuspatienten
präge“, kaum mehr jemand erwähnt die angeblich ausgeprägten Na-
solabialfalten (die Gesichtsfalte zwischen Oberlippe und Nasenü-
gel), die seinem Gesicht ein charakteristisches Aussehen verliehen.
Heute erfolgt die erapie des Magengeschwürs durch eine einwö-
chige Behandlung mit Säureblockern und Antibiotika, anschließend
bleiben die meisten Patienten bezüglich ihres Magens beschwerdefrei.
Trotzdem: Auch wenn sich in diesem Fall eine oenbar bakterielle
Ursache als Auslöser für eine früher als „psychosomatisch” eingestuf-
te Erkrankung nden ließ, so bleibt immer noch die Frage, warum
nur ca. 20 % der mit dem Magenbakterium Helicobacter pylori in-
zierten Menschen tatsächlich ein Magengeschwür entwickeln.
Oder: Warum nistet sich das Bakterium nicht in jedem Magen ein?
Oder: Warum entwickeln sich bei ansonsten beschwerdefreien Bak-
terienträgern gerade in psychosozialen Stresssituationen Magenbe-
schwerden und Magengeschwüre? Sind hier vielleicht doch psychi-
sche Faktoren ausschlaggebend?
Dieses Beispiel lehrt uns, dass wir stets oen bleiben sollten für eine
ganzheitliche Betrachtungsweise. Bei der ganzheitlichen Betrachtung
von Krankheiten gehören die Wegbereiter von Krankheiten unbe-
dingt dazu.
Im Grunde sind die Wegbereiter, also „falsches” Verhalten wie schlech-
te Ernährung, Bewegungsmangel und der übermäßige Gebrauch von
Genussmitteln, bereits als Zeichen psycho-somato-sozialen Drucks
zu bewerten: Wer ausgeglichen ist, benötigt keine Genüsse, die die
Gesundheit gefährden und letztlich das Leben verkürzen. Wir werden
auf diese ematik mehrfach zurückkommen.
Die körperlich-seelisch-soziale Einheit des Menschen12
Gesundheit, die sich Raum verschaen möchte
Welche Symptome können auftreten?
Psychosomatische Beschwerden sind ein diagnostisches Chamäleon.
Es gibt kaum Krankheiten, kaum Symptome, die sie nicht imitieren
könnten. Das Spektrum reicht von neurologischen Erscheinungen
wie Kopfschmerz, Schwindel, Sehstörungen, Ohrgeräuschen und
sogar Lähmungen über orthopädische Beschwerden wie Rücken-,
Gelenk- und Muskelschmerzen bis hin zu internistischen Krank-
heitsbildern mit Herzrhythmusstörungen, Kreislaueschwerden,
Durchfällen und unspezischen Symptomen wie Schweißausbrü-
chen, Hautausschlägen und Unwohlsein, wobei sich diese Liste schier
endlos fortsetzen ließe.
Das macht die Diagnostik von psychosomatischen Beschwerden so
schwierig: Die Betroenen schildern o Krankheitserscheinungen,
die haargenau zu organischen Erkrankungen passen. Doch jede
körperliche oder apparative Untersuchung, jeder Laborwert scheint
nur eines zu bestätigen: Die Organe sind gesund! Zumindest ergibt
sich typischerweise kein Befund, der die Beschwerden in ihrer Hef-
tigkeit erklären könnte. Ärzte reden in diesem Zusammenhang auch
von funktionellen Beschwerden, was so viel bedeutet wie: Der Körper
und seine Organe sind in Ordnung, nur die Funktion ist gestört. Eine
andere Bezeichnung lautet somatoforme Störung, was so viel heißt
wie „Störung, die einer körperlichen Erkrankung ähnelt. Gern ver-
schwiegen wird in diesem Zusammenhang die Vermutung, dass die
Ursache der Erkrankung der Seele, der Psyche, zugeschrieben wird,
obwohl – wie gesagt – eine Aufspaltung des Menschen und seiner
Krankheiten in einen körperlichen, einen seelischen und einen sozia-
len Bereich nicht sinnvoll erscheint.
Wer will was Lebigs erkennen und beschreiben,
Muß erst den Geist herauser treiben,
Dann hat er die Teil´ in seiner Hand,
Fehlt leider nur das geistlich Band.
Mephisto, im Urfaust
13Ein Gesundheitssystem, das Gesundung verhindert
Mit dem erwähnten Verständnis für eine ganzheitliche Betrachtungs-
weise sollte die folgende Auistung gelesen werden. Sie nennt Be-
schwerden, die sich typischerweise und sehr häug und hauptsäch-
lich durch psycho-somato-soziale Zusammenhänge erklären lassen:
Häuge psychosomatische Beschwerden
Kopfschmerz
Kloß- oder Fremdkörpergefühl im Hals, Schluckbeschwerden
Rücken- und Wirbelsäulenschmerz
Verspannungen, Muskelverhärtungen
Sehnenansatzentzündungen
Verdauungsstörungen
Kreislaueschwerden
Schwindel
Ohrgeräusche
Erschöpfungszustände
Schlafstörungen
Ganzkörperschmerz
Infektanfälligkeit ... und andere mehr
Schon an dieser Stelle sei nochmals daran erinnert, dass es sich bei
den in der Tabelle genannten Erscheinungen um keine Krankheiten
handelt, sondern lediglich um Symptome. Und wie bereits festgestellt,
sind Symptome im psycho-somato-sozialen Bereich in aller Regel
Ausdruck von Gesundheit, die sich Raum verschaen will.
Beschwerdebilder als Wegweiser zu mehr Gesundheit106
Beschwerdebilder als Wegweiser
zu mehr Gesundheit
Welche Zusammenhänge lassen sich erschließen?
Gleiche Stressauslöser erzeugen nicht gleiche Symptome
Die frühere Vermutung, dass spezische Stressoren zu spezischen
Beschwerden führen, hat sich nicht bestätigen lassen. Menschen, die
alle von einem gleichen Stressauslöser betroen sind, z. B. einem Erd-
beben, reagieren individuell unterschiedlich. Der eine bekommt nach
dem Verlust seines Hauses beispielsweise Magenschmerzen, der an-
dere reagiert mit Kopf- oder Rückenschmerz, der nächste mit Depres-
sionen. Ebenso kann der zeitliche Abstand der Reaktion von Mensch
zu Mensch variieren. Und immer gibt es unter gleichartig Betroenen
auch Menschen, die keinerlei körperliche oder seelische Beschwerden
entwickeln.
Selbstverständlich ist Trauer oder Traurigkeit eine menschliche und
o eine den Umständen angemessene Reaktion. Trauer über einen
Verlust ist aber etwas anderes als eine Depression, auch wenn Trauer
und Depression ähnliche Symptome haben können, nämlich Freud-
losigkeit, Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit, unmäßiges Essen,
Interessenverlust, Gedankenkreisen, Verlust der Libido, Impotenz
und vieles mehr.
Der entscheidende Unterschied zwischen Trauer und Depression
liegt in der Dauer: Traurigkeit nach einem belastenden Lebensereig-
nis mit all den genannten Symptomen ist eine normale und gesunde
Reaktion. Diese Traurigkeit kann dazu führen, dass der Betroene
kaum mehr in der Lage ist, seine üblichen Tätigkeiten wie Körperpe-
ge, Essen, Arbeiten zu verrichten. Hält diese Reaktion aber über zwei,
maximal drei Wochen an, bleiben Freudlosigkeit, Interessenverlust,
Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit und körperliche Beschwerden
also über diesen Zeitraum hinaus bestehen, ist dies ein deutlicher
Hinweis auf das Vorliegen einer krankhaen Depression. Das bedeu-
tet nicht, dass ein Mensch nach einem Verlust nicht ein oder mehrere
107Welche Zusammenhänge lassen sich erschließen?
Jahre lang traurig sein düre. Diese bleibende Traurigkeit bezieht sich
auf ein konkretes Ereignis und breitet sich nicht auf das gesamte Le-
ben aus wie es bei einer – behandlungsbedürigen – Depression der
Fall ist.
Ähnliche Charaktere entwickeln nicht ähnliche Symptome
Ebenso wenig wie es eine Reizspezität gibt, gibt es eine Persönlich-
keitsspezität. Bei systematischen Untersuchungen hat sich herausge-
stellt, dass eine gleichartige psychische Konstitution – beispielsweise
Schüchternheit, Unsicherheit, die Neigung zu Neid, übertriebener
Ehrgeiz oder eine bestimmte Art, auf Konikte zu reagieren, z. B. sich
entwertet fühlen oder mit Angst oder mit Aggressionen zu reagieren,
nicht zu gleichartigen körperlichen Beschwerden führen. Die Annah-
me, dass Neid zu Magengeschwüren führt oder Eifersucht zu Asthma
oder eine überstrenge, zwanghae Erziehung zu chronischen Durch-
fällen oder auch Verstopfung, hat sich wissenschalich nicht belegen
lassen.
Es lässt sich also im Einzelfall nicht vorhersagen, wer auf welchen Reiz
mit welchen Symptomen reagieren wird, genauso wie eine bestimmte
Art der Stressreaktion nicht mit spezischen Symptomen seelischer,
körperlicher oder sozialer Art verknüp werden kann.
Vielmehr existieren individuelle Reaktionsbereitschaen, die die Be-
troenen im Laufe ihres Lebens immer besser kennenlernen. Manch
einer weiß, dass er auf beruichen Stress mit Magenbeschwerden re-
agiert. Andere wissen, dass sie in Stresszeiten zu Verspannungen und
Rückenschmerzen neigen. Wieder andere haben verstanden, dass sie
beim Aureten von Ohrgeräuschen beginnen sollten, Stress zu redu-
zieren und sich nötigenfalls sogar eine Auszeit gönnen sollten. Vor
diesem Hintergrund wird es verständlich, dass die im Folgenden vor-
gestellten Symptome und Krankheitsbilder nur sehr bedingt Rück-
schlüsse auf die zugrunde liegenden Konikte zulassen. Psychosoma-
tische Krankheitssymptome und die mit ihnen häug verbundenen
volkstümlichen Redewendungen bieten zwar einen guten Ansatz zur
Erkundung der psychosozialen Konikte, weisen aber nicht auf einen
konkreten Konikt hin.
Beschwerdebilder als Wegweiser zu mehr Gesundheit 108
Was bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?
Kopfschmerzen
Kopfschmerzen sind ein häuges und sehr unspezisches Symptom.
Fast jeder Mensch leidet gelegentlich unter Kopfschmerz. Selten sind
die Beschwerden so heig und lang andauernd, dass ärztliche Hilfe in
Anspruch genommen wird. In diesem Fall erfolgt eine entsprechende
Abklärung zum Ausschluss gravierender körperlicher Grunderkran-
kungen. Eine organische Ursache für Kopfschmerzen ist glücklicher-
weise ausgesprochen selten zu nden.
Vor jeder psychosomatisch orientierten erapie müssen dennoch
Hirntumoren und andere Krankheiten wie ein Grüner Star (Glau-
kom), erhöhter Blutdruck, Kiefergelenksarthrosen u. a. ausgeschlos-
sen werden. Eine sorgfältige Anamnese (Krankheitsvorgeschichte,
vom Arzt beim Patienten zu erfragen) und eine gründliche körper-
liche Untersuchung sind hierfür im Allgemeinen ausreichend. Beim
geringsten Verdacht auf das Vorliegen einer organischen Erkrankung
sollte jedoch eine spezielle Abklärung erfolgen, um jede Fehldiagnose
möglichst auszuschließen. Dies könnte zum Beispiel eine Kernspi-
nuntersuchung des Kopfes oder die Bestimmung von Laborwerten
beinhalten.
Häug treten Kopfschmerzen als Folge von Verspannungen im Be-
reich der Halswirbelsäule auf. Die Röntgendiagnostik der Halswir-
belsäule ergibt fast immer krankhae Befunde wie eine Steilstellung
der Wirbelsäule, Arthrosen der Zwischenwirbelgelenke oder eine
Verengung der Zwischenwirbellöcher, die von Arzt und Patient gerne
als Erklärung für die vorliegenden Beschwerden akzeptiert werden.
Langfristige Verläufe allerdings zeigen, dass die festgestellten organi-
schen Veränderungen letztlich keinen oder einen allenfalls geringen
Einuss auf den Krankheitsverlauf besitzen.
So verschwinden die Beschwerden o, ohne dass sich der Befund in
den Röntgen- oder Kernspinbildern auch nur im Geringsten verän-
dert hätte. Viel wichtiger als die scheinbar objektiven Befunde der
bildgebenden Verfahren erscheinen veränderliche Faktoren wie Mus-
109Was bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?
kelverspannungen oder eben die subjektive Schmerzempndlichkeit
des Patienten, die stark unter dem Einuss der psychosozialen Verfas-
sung des Patienten steht.
Nach der Untersuchung erfolgt in der konventionellen Schulmedizin
eine erapie, die das Symptom, den Kopfschmerz, beseitigen soll.
Hierzu werden meist einfache Schmerzmittel wie Paracetamol ver-
schrieben, gelegentlich, vor allem, wenn die Schmerzen von einer
schmerzha verspannten Halswirbelsäule auszugehen scheinen, auch
ein muskelentspannendes Medikament. Auch Reizstromtherapie,
Krankengymnastik, Wärme, Massagen und Akupunktur kommen
zum Einsatz.
Psycho-somato-soziale Behandlungsansätze
Spätestens, wenn all diese Verfahren zu keiner dauerhaen Besserung
geführt haben, ist es Zeit, nach psycho-somato-sozialen Ursachen zu
suchen. Sehr geeignet für den Einstieg ist die Redewendung: „Was be-
reitet Ihnen Kopfzerbrechen?“ Vielfach antworten die Patienten auf
diese Frage mit einem Schulterzucken: „Nichts, sagen sie, „nur der
übliche Stress eben.“ Wenn sie Zeit und eine passende Atmosphäre
vornden, ihre aktuelle Lebenssituation näher zu schildern, kommen
häug doch gravierende Konikte zur Sprache: Unzufriedenheit und
Ärger am Arbeitsplatz, Mobbing, Monotonie oder Spannungen in
der Partnerscha, Sorgen um Familienangehörige und vieles andere
mehr.
Es ist dabei geradezu klassisch, dass die Patienten ihre psychosozialen
Probleme bagatellisieren und sie eben nicht für den Auslöser ihrer
Beschwerden halten: Und genau dieses Verneinen des Einusses psy-
chosozialer Faktoren führt dazu, dass sich die seelischen Spannungen
einen körperlichen Weg suchen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Jetzt ist der Behandler gefragt, darauf hinzuweisen, dass es sehr wahr-
scheinlich ist, dass die als geringfügig angesehenen psychosozialen
Probleme des Patienten sehr wohl Auslöser der Kopfschmerzen sein
können. Selbst wenn der Patient nicht glaubt, dass der Konikt am
Arbeitsplatz, der Streit mit dem Ehepartner, die Auseinandersetzung
Beschwerdebilder als Wegweiser zu mehr Gesundheit 110
mit den Eltern oder Schwiegereltern für die Beschwerden verantwort-
lich sein könnten, sollte er ermutigt werden, die Konikte zu lösen
und eventuell anstehende Entscheidungen zügig zu treen.
Es gibt immer Gründe, war-
um Menschen sich nicht ent-
scheiden. Jede Entscheidung
bringt Vor- und Nachteile mit
sich. Omals scheint jede Op-
tion unannehmbar. Trotzdem
ist es wichtig, entscheidungs-
freudig zu bleiben. Fassen Sie
den Mut, sich auf Ihr Bauch-
gefühl zu verlassen. Ermuti-
gen Sie sich selbst in schein-
bar aussichtslosen Situationen
Entscheidungen zu treen,
auch wenn rational keine der
möglichen Lösungen erfolg-
versprechend erscheint. Erin-
nern Sie sich an das Ergebnis
des auf Seite 80 durchgeführten Gedankenexperiments: Welche
Entscheidung bringt Sie Ihrem Traumziel näher? Werfen Sie notfalls
eine Münze. Selbst eine schlechte Entscheidung ist besser als gar kei-
ne Entscheidung. Wenn Sie sich nicht entscheiden, entscheiden ande-
re für Sie. Bis dahin verharren Sie unbeweglich wie das Kaninchen vor
der Schlange und zermartern sich das Hirn, welcher Weg für Sie wohl
der richtige sein wird.
Bleiben Sie beweglich. Zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, indem Sie
grübeln und überlegen, entscheiden, verwerfen, neu entscheiden und
wieder verwerfen. Treen Sie notwendige Entscheidungen zügig und
stehen Sie für sie ein.
Wenn nötig, entscheiden Sie in der nächsten Situation anders. Noch
einmal: Keine Entscheidung blockiert. Sich zu entscheiden, setzt
etwas in Bewegung, was durch die Angst, vielleicht falsch zu ent-
Keine Entscheidung zu treen, blockiert, macht steif,
verursacht Verspannungen, Kopfzerbrechen. Aus psy-
cho-somato-sozialer Sicht ist es besser, eine falsche Ent-
scheidung zu treen, als sich nicht zu entscheiden. Ent-
scheidungen machen beweglich, elastisch, exibel. Eine
nicht getroene Entscheidung kann nicht korrigiert wer-
den. Eine falsche Entscheidung hingegen lässt sich durch
die nächste Entscheidung verändern oder rückgängig
machen. Sehr häug stellt sich rückblickend aber her-
aus, dass eine zunächst scheinbar falsche Entscheidung
letztlich doch richtig war. Die meisten Entscheidungen,
die uns schwer fallen, sind überfällig. Sehr oft lösen sich
viele weitere Probleme, wenn die erste Entscheidung
endlich getroen ist.
111Was bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?
scheiden, blockiert wurde. Keine Entscheidung zu treen xiert Sie
in einer Lage, die sie als unkomfortabel empnden. Entscheidungen
machen exibel.
Viele Patienten können den Zusammenhang zwischen ihren Sorgen
und ihren Kopfschmerzen nicht erkennen. Auch Ärzte veranlassen
häug eine fragwürdige Diagnostik, die nur scheinbar eine Erklärung
für die bestehenden Beschwerden liefert. Daher kann die aufgrund
eines Zufallsbefunds eingeleitete erapie nur eine vorübergehende
Linderung der Symptome bewirken. Das Wiederaureten der glei-
chen Symptome oder anderer psycho-somato-sozialer Beschwerden
ist vorprogrammiert, wenn sich Diagnostik und erapie auf die rein
körperlichen Erscheinungen beschränken.
Noch einmal: Auch Kopfschmerzen haben als psycho-somato-sozia-
les Symptom eine Funktion. Sie sollen auf belastende Lebensumstän-
de hinweisen, die bearbeitet und überwunden werden können und
sollen. Sie mittels Medikamenten zu unterdrücken, führt auf Dauer
zu keinem Erfolg. Im Gegenteil: Sehr häug verschlimmern sich un-
ter einer auf das Symptom xierten erapie alle Beschwerden, bis sie
vollends unerträglich werden.
Schmerzmittelinduzierter Kopfschmerz
Ein typisches Beispiel hierfür ist der sogenannte „Analgetika-indu-
zierte Kopfschmerz”. Analgetika sind Schmerzmittel, also Medika-
mente, die auch gegen Kopfschmerz verschrieben werden. Wird bei
Kopfschmerz nicht die eigentliche Ursache behandelt, verlieren die
Schmerzmittel mit der Zeit ihre Wirkung. Da die Tabletten weniger
wirken, wird ihre Dosis erhöht, was einen Teufelskreis in Gang setzt.
Letztlich kommen die Patienten mit Kombinationen von Schmerz-
mitteln, Antidepressiva und muskelentspannenden Medikamenten
wegen „nicht mehr therapierbarer” Kopfschmerzen in eine Spe-
zialambulanz einer Klinik, wo sie unter heigen Schmerzen von
Schmerzmitteln entwöhnt werden müssen. Wenn sie Glück haben,
nden sie in einer solchen Einrichtung einen psychosomatisch ge-
schulten Arzt, der sich mit ihnen gemeinsam auf die Suche nach mög-
lichen Ursachen für die Kopfschmerzen begibt.
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.