Denkmäler3.de 2013

Book · April 2015with 657 Reads
DOI: 10.13140/RG.2.1.1896.5927
Cite this publication
Denkmäler3.de
Heinz-Jürgen Przybilla, Thomas P. Kersten, Frank Boochs, Hrsg.
Denkmäler3.de 2013
Bochum / Hamburg / Mainz 2015
Hrsg.: Heinz-Jürgen Przybilla, Thomas P. Kersten, Frank Boochs
Redaktion:
Heinz-Jürgen Przybilla
Hochschule Bochum
Fachbereich Geodäsie, Lennershofstr. 140, 44801 Bochum
E-Mail: Heinz-Juergen.Przybilla@hs-bochum.de
Thomas P. Kersten & Maren Lindstaedt
HafenCity Universität Hamburg
Labor für Photogrammetrie & Laserscanning
Überseeallee 16, 20457 Hamburg
E-Mail: Thomas.Kersten@hcu-hamburg.de, Maren.Lindstaedt@hcu-hamburg.de
Stefanie Wefers
Hochschule Mainz
i3mainz, Lucy Hillebrand Str. 2, 55128 Mainz
E-Mail: Stefanie.Wefers@hs-mainz.de
I
VORWORT
Die Frage nach dem "Wohin gehst du?" oder wohin entwickeln sich Techniken und Verfahren
kann für alle Lebensbereiche gestellt werden. In der zurückliegenden Dekade hat das Medium
Internet und die Entwicklung der "Generation Smartphone" zu signifikanten Änderungen
unserer Verhaltensweisen sowohl im privaten Bereich als auch in der Arbeitswelt geführt:
jederzeitige persönliche Erreichbarkeit, die allgegenwärtige Verfügbarkeit jedweder
Informationen und neue Technologien - von "low-cost bis high-tech" - sind "Fluch und Segen"
gleichzeitig.
In diesem Spannungsfeld trafen mit den Disziplinen der "Archäologie/Denkmalpflege" und der
"Vermessung/Geoinformatik" zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Wissenschafts-
und Arbeitsgebiete aufeinander: die eine - in den Augen Vieler - eher traditionell ausgerichtet,
die andere durch neue technische Entwicklungen geprägt. Dass aus dieser Kombination
jedoch Symbiosen erwachsen können, haben unzählige erfolgreiche disziplinübergreifende
Kooperationen und Fachtagungen gezeigt.
Die Fachtagung Denkmäler3.de wurde durch verschiedene Institutionen (Hochschule
Bochum, Fachhochschule Mainz, HafenCity Universität Hamburg, Arbeitskreis Optische 3D-
Messtechnik der Deutschen Gesellschaft für Photogrammetrie, Fernerkundung und
Geoinformation, Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Deutsches TICCIH-Nationalkomitee,
Deutsches Bergbaumuseum Bochum) in der Zeit vom 16. bis zum 18. Oktober 2013 auf dem
Gelände des LWL-Industriemuseums Zeche Zollern in Dortmund im dortigen "Magazin",
veranstaltet. Die Tagung bot in- und ausländischen Wissenschaftlern aus verschiedenen
Disziplinen die Gelegenheit zu einem intensiven fachlichen Austausch.
In Vorträgen und Diskussionsrunden wurden technische und administrative Fragestellungen,
von der Befundsicherung unter Einsatz neuer Messverfahren bis hin zur datenbankgerechten
Dokumentation, am Beispiel aktueller Projekte präsentiert. Themen, wie Datenakquisition,
Prozessierung, Analyse, Standardisierte Bewertung, Visualisierung, Reproduktion,
Dateninhalte, Datenspeicherung, -übertragung und -nutzung, Qualitätsbewertung und
Weitergabe / Vermittlung wurden dabei präsentiert. Durch Vorträge der internationalen
Arbeitsgruppe "Colour and Space in Cultural Heritage" (COSCH.info) konnte zudem der
besondere Aspekt der Farbinformation im Befund erörtert werden.
Denkmäler3.de 2013 stand in der Tradition der beiden Veranstaltungen Denkmäler 3D 2003
(Ruhrlandmuseum Essen) und Denkmäler3.de 2008 (Zeche Zollverein Essen). Sie gab den
Vortragenden der technischen Disziplinen die Möglichkeit zur Präsentation aktueller
technologischer Entwicklungen, während sich Denkmalpflegern und Archäologen eine
Plattform eröffnete, um aktuelle Projekte vorzustellen.
Ziel der Fachtagung war es, den Stand der Dokumentation von Bau- und Bodendenkmälern
zu erörtern, neue Ansätze und Entwicklungen aus diesem interdisziplinären Arbeitsgebiet
vorzustellen, Lösungsansätze für die praktische Nutzung aufzuzeigen, sowie die Frage
zukünftiger Entwicklungen zu diskutieren. Eine begleitende Firmenpräsentation mit
Systementwicklern, -herstellern und Dienstleistern aus dem Bereich optischer 3D-Messtechnik
und Geoinformatik, mit Forschungsinstitutionen sowie Grabungsfirmen rundete die Tagung ab.
Der vorliegende Online-Tagungsband enthält den überwiegenden Teil der Vorträge, wofür den
beteiligten Autorinnen und Autoren ein besonderer Dank gilt. Nicht unerwähnt bleiben darf der
besondere redaktionelle Aufwand der durch Maren Lindstaedt, Thomas Kersten und Stefanie
Wefers betrieben wurde, die die Beiträge redigiert und formal aufbereitet haben.
Letztlich gilt der Dank dem LWL-Industriemuseums Zeche Zollern für die Bereitstellung eines
außergewöhnlichen Tagungsumfeldes!
Prof. Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Przybilla
Hochschule Bochum
II
Preface
The question "Where are you going?", or how these techniques and procedures are
developing, is applicable for all areas of life. In the last decade, the Internet and the
development of "generation smartphone" has led to significant changes in both the private
sector and the workplace: full-time personal accessibility, the ubiquitous availability of any
information and new technologies (from "low-cost to high-tech") provide both benefits and
challenges.
Within this context the disciplines of "Archaeology / Cultural Heritage preservation" and
"Surveying / Geoinformatics" came together from different backgrounds, each of them at first
sight very different disciplines and: the first one - more traditionally oriented, the other one, in
the eyes of many, influenced by new technical developments. However, symbioses arise from
this cooperation, as countless successful interdisciplinary collaborations and conferences have
shown in the past.
The conference Denkmäler3.de was hosted by different institutions, namely: Bochum
University of Applied Sciences, University of Applied Sciences Mainz, HafenCity University
Hamburg, Working Group Optical 3D Measurement Technology of the German Society for
Photogrammetry, Remote Sensing and Geoinformation, Regional Association of Westphalia-
Lippe, German TICCIH National Committee and German Mining Museum Bochum. It took
place from October 16 to 18, 2013 on the premises of the LWL Industrial Museum Zeche
Zollern in Dortmund in the local "magazine". This conference had been a platform for both
domestic and foreign scientists from different disciplines and offered an opportunity for an
intensive professional exchange.
Issues such as data acquisition, processing, analysis, standardized assessment, visualization,
reproduction, data content and storage, transmission and retrieval, quality evaluation and
dissemination were presented here. Through lectures of the international working group
"Colour and Space in Cultural Heritage" (COSCH.info) the unique aspect of the color
information in the findings had also been discussed.
Denkmäler3.de 2013 stemmed from the tradition of two former events: Denkmäler 3D 2003
(Ruhrlandmuseum Essen) and Denkmäler3.de 2008 (Zeche Zollverein Essen). It served as a
platform for researchers in the technical disciplines to present up-to-date technological
developments, while conservators and archaeologists could present current projects.
The aim of the symposium was to debate the state of the art of documentation in archaeology
and cultural heritage preservation, to introduce new approaches and developments in this
interdisciplinary research area, to identify solutions for practical use, and to discuss the
question of future developments.
These online conference proceedings contain the major part of the lectures. A special thank
goes to the authors involved, as well as to Maren Lindstaedt, Thomas Kersten and Stefanie
Wefers, who edited the contributions and processed them formally.
Finally, thanks to the LWL Industrial Museum Zollern for providing an extraordinary meeting
environment!
Prof. Dr.-Ing. Heinz-Jürgen Przybilla
Bochum University of Applied Sciences
III
INHALTSVERZEICHNIS
DENKMÄLER3.DE
REBECCA MÜLLER-SIEGERT, LINDA MESSERSCHMITT & HEINZ-JÜRGEN PRZYBILLA:
ZollernGIS: Eine Datenbankanwendung mit einem auf Google Earth
basierenden 3D-Benutzerinterface. ................................................................ 1
STEPHAN WINKLER:
Oben ohne oder die Versuchungen der Z-Achse. Archäologischer Grundriss,
Rekonstruktion und Darstellung der 3. Dimension. ......................................... 5
O
LAF SCHMIDT-RUTSCH:
Forschung und digitale Rekonstruktion:
Fallbeispiele aus dem LWL-Industriemuseum. .............................................. 10
B
AOQUAN SONG:
Kulturlandschaften aus der Vogelperspektive. .............................................. 16
MAREN LINDSTAEDT, THOMAS P. KERSTEN & DANIEL NÖSLER:
Von historischen Luftbildern der Royal Air Force bis zum 3D Laserscanning -
Die Entdeckung einer vorgeschichtlichen Wallanlage bei Oersdorf
im Landkreis Stade. ....................................................................................... 25
THOMAS P. KERSTEN, NILS HINRICHSEN, MAREN LINDSTAEDT, CHRISTOPH WEBER,
KRISTIN SCHREYER & FELIX TSCHIRSCHWITZ:
Baugeschichtliche 3D-Dokumentation des Alt-Segeberger Bürgerhauses
durch Photogrammetrie und Terrestrisches Laserscanning. ......................... 30
MARTIN SEGSCHNEIDER, ASTRID TUMMUSCHEIT & THOMAS P. KERSTEN:
Das Danewerk - Nordeuropas größtes Bodendenkmal im Fokus neuer
Untersuchungen. ........................................................................................... 38
GÜNTER POMASKA:
Datenakquisition mit Tiefenkameras und Anwendung
von Softwarewerkzeugen für den 3D-Druck. ................................................. 46
ALEXANDER ZURHORST:
UAV-Systeme: Technik und Einsatzmöglichkeiten. ....................................... 50
ANNETTE KÜHLEM, BURKHARD VOGT & CHRISTIAN HARTL-REITER, :
Landschaftsüberformung und Wasserkult auf der Osterinsel. ....................... 53
ANNETTE HORNSCHUCH, GERO STEFFENS, THOMAS STÖLLNER & MARTIN SCHAICH:
2D / 3D Lowcost und Hightec in der montanarchäologischen Forschung in
Sakdrissi (Georgien) - Desiderate und Praxis. ............................................... 60
JOST-MICHAEL BROSER:
Verknüpfung von Punktwolken terrestrischer Scanner
mit jenen aus SFM-Verfahren an Beispielen. ................................................ 70
IV
COLOUR AND SPACE IN CULTURAL HERITAGE (COSCH)
MACIEJ KARASZEWSKI, ROBERT SITNIK & ERYK BUNSCH:
The process of automated shape and color digitization of outdoor historic
objects. Case study - baroque vases from Museum Palace at Wilanow. ...... 74
DANIEL VAZQUEZ, ANTONIO ALVAREZ, JAVIER MUÑOZ & ANGEL GARCIA-BOTELLA:
Spectral and colorimetric measures in cultural Heritage:
Altamira and El Castillos caves Pórtico of Glory and Picasso paints. ............ 80
JAKUB KRZESLOWSKI:
Study on close range digitisation techniques integrated with reflectance
estimation. ..................................................................................................... 86
J
AROSLAV VALACH, DAVID VRBA, TOMÁŠ FÍLA, JAN BRYSCEJN & DANIEL VAVŘÍK:
Digitizing embossed 3D surfaces of collections item using
photometric stereo device. ............................................................................. 91
MIGUEL ARES RODRIGUEZ & SANTIAGO ROYO:
Low-cost 3D scanning technology based on active stereovision. .................. 95
STEFANIE WEFERS & ANJA CRAMER:
The Late Antique and Early Byzantine workshop- and milling-complex
in Terrace House 2 of Ephesos. .................................................................... 99
A
UTORENVERZEICHNIS .......................................................................... 110
O
RGANISATIONS-, PROGRAMMKOMITEE, SCHIRMHERRIN .......................... 112
V
ERANSTALTER .................................................................................... 113
Denkmäler3.de 2013 - Von low-cost bis high-tech: 3D-Dokumentation in Archäologie & Denkmalpflege,
LWL Industriemuseum Zeche Zollern Dortmund, 16.-18. Oktober 2013
ZOLLERN-GIS: EINE DATENBANKANWENDUNG
MIT EINEM AUF GOOGLE EARTH BASIERENDEN 3D-BENUTZERINTERFACE
Rebecca Müller-Siegert, Linda Messerschmitt & Heinz-Jürgen Przybilla
Hochschule Bochum, Fachbereich Geodäsie, Lennershofstr. 140, 44801 Bochum –
[rebecca.mueller-siegert, linda.janssen, heinz-juergen.przybilla]@hs-bochum.de
KEY WORDS: 3D, Google Earth, PostgreSQL, Apache, Denkmal
KURZZUSAMMENFASSUNG:
Das Zollern-GIS ist ein Gebäudeinformationssystem zur Verwaltung historischer Gebäudeinformationen der Zeche Zol-
lern. Ausgangsbasis für dieses System war eine Baugrubendokumentation der Maschinenhalle durch die Hochschule
Bochum. In Folge dessen wurde ein 3D Collada-Modell erstellt. Dieses Modell dient als Visualisierungsbasis für ein Ge-
bäudeinformationssystem namens Zollern-GIS. Innerhalb dieses Gebäudeinformationssystems werden historische In-
formationen einzelner Architekturelemente räumlich verwaltet. Dazu verwendet das System ein Google Earth Plug-in als
Darstellungsplattform. Die Gebäudedaten in Form von Fotos, Texten und Kommentaren werden serverseitig in einer
PostgreSQL-Datenbank verwaltet. Das Informationssystem dient als Prototypr ähnliche Systeme, die während Sanie-
rungsarbeiten zusätzliche Informationen zu einen historisch relevanten Bauteil zur Verfügung stellen.
1. EINLEITUNG
1.1 Historischer Hintergrund
Die Zeche Zollern ist ein im Süden Dortmund gelegenes
Industriedenkmal. Als ehemalige Musterzeche der Gel-
senkirchener Bergwerks AG zeichnet sie sich durch eine
architektonisch auffällige Bauweise aus. Die um 1900
gebauten Gebäude (Abb. 1) besitzen auffällige und
prunkvolle Fassaden aus rotem Backstein, welche die
Zeche zu einer Vorzeige-Schachtanlage machen sollten.
Abbildung 1. Alte Verwaltung der Z
eche Zollern.
www.lwl.org)
Nach ihrem Stilllegen in den 1960er Jahren sollte die Ze-
che zugunsten einer Autobahn abgerissen werden. Erst
nachdem die Zeche Denkmalstatus erhielt, wurde der
Abriss gestoppt. Seit 1981 ist die Zeche Teil des Landes-
museums für Industriekultur des Landschaftsverbandes
Westfalen-Lippe (LWL). Ein wichtiger Bestandteil dieses
Industrieensembles ist die Maschinenhalle (Abb. 2) mit
ihrem Portal im Jugendstil. Sie wurde 1902/03 nach den
Entwürfen des Berliner Architekten Möhring errichtet. Da-
bei orientiert sie sich an den Stillinien der Moderne, des
Jugendstils und des Historismus.
Das Gebäude besteht aus einer Mischung von Backstein-
wänden und großen Glasfassaden mit teilweise ver-
schnörkelten Stahlrahmen. Innerhalb der Halle befindet
sich ein historisch wertvoller Maschinenbestand, deren
wichtigster Bestandteil eine funktionstüchtige elektrische
Fördermaschine ist (LWL, 2014).
Abbildung 2. Maschinenhalle mit Jungstilportal.
www.lwl.org)
1.2 Motivation Zollern-GIS
Im Zuge einer Sanierung des Gebäudes sollte für dieses
eine Prospektion und Dokumentation vorgenommen wer-
den. Das Labor für Photogrammetrie der Hochschule Bo-
chum wurde daher 2010 und 2011 mit der Aufnahme der
Baugruben der Zeche beauftragt. Entsprechend der Vor-
gaben der Bauprospektion war hier ein hoher Detailie-
rungsgrad gewünscht. Zu diesem Zweck setzte das Labor
einen Z+F IMAGER 5006i als Laserscanner ein. In mehr
als 200 Scans wurden das Äußere und Innere des Ge-
bäudes erfasst. Diese Daten wurden in monatelanger
Kleinarbeit von Studenten unter Verwendung der Software
SketchUp in ein Collada-Modell umgewandelt (vgl. Abb.
3). Dieses Collada-Modell wird später unter der Webseite
Ruhrzeiten.de in dem in Google Earth lesbaren Geodaten-
format KMZ verwaltet.
Parallel zu der Modellierung des Gebäudes entstand der
Gedanke, um dieses herum ein Informationssystem zu
errichten. Dieses sollte den Fachanwendern und Restau-
ratoren ein umfassendes räumliches Datenverwaltungs-
2
Abbildung 3. Datenerhebung und Auswertung. Die gescannten Daten wurden in der Halle aufgenommen (oben links) und
innerhalb Cyclone (oben rechts) zusammengefügt. Anhand der Punktwolke wurde ein maßstabsgetreues, detailliertes
Modell in SketchUp (unten) erstellt
tool bieten, um abschnittsweise Informationen zu spei-
chern.
1.3 Benötigte Software
Durch das Datenformat des Collada-Modells war die Fest-
legung von Google Earth als Visualisierungsplattform be-
reits determiniert. Google Earth ist eine Software, welche
einen virtuellen Globus simuliert (Google Earth, 2014). Auf
diesem können räumliche Informationen wiedergegeben
werden. Das Google Earth-eigene Geodatenformal KML
(Keyhole Markup Language) ist eine XML-basierte Aus-
zeichnungssprache, welche sowohl Vektor- bzw. Raster-
daten als auch massive 3D-Objekte im Collada-Format in
seiner virtuellen Oberfläche laden kann (Google, 2012).
Zur Verwaltung der Daten wird die Datenbank Post-
greSQL verwendet. Diese kann unter Verwendung der
Erweiterung PostGIS räumliche Operationen ausführen
(PostGIS, 2014).
Ein weiterer wichtiger Bestandteil eines Informationssys-
tems ist eine Systemoberfläche die Datenbank, Nutzeran-
fragen und das Google Earth-Plug-in verwendet. Dazu
bietet sich das MOZILLA – Projekt Firefox an. Ebenfalls
benötigt das Zollern-GIS eine stabile Internetverbindung
zur Nutzung des Earth Browsers und ein Windows Be-
triebssystem mit mindestens WIN 7.
2. SYSTEMARCHTITEKTUR
2.1 Datengrundlage
Das innerhalb des Zollern-GIS verwendete 3D-Modell
besteht aus der im Zuge der Baugruben-Dokumentation
erstellten Laserscandaten. Innerhalb von Google Earth
wird dieses als eine einzige Placemark dargestellt. Bei
dieser können nur bereits vordefinierte Einheiten des Ge-
bäudes einzeln angeklickt werden. Für die Verwaltung
umfangreicher Daten für z.B. einzelne Fenster oder Stahl-
teile ist eine detaillierte Aufteilung des Gebäudes vonnö-
ten. Der damit einhergehende umfangreiche Bearbei-
tungsaufwand und die zu erwartende Dateigröße wurden
durch die Verwendung eines Overlays umgangen. Dazu
wurde in AutoCAD ein Raster über das 3D-Modell gelegt.
Anschließend wird dieses über ArcGIS als Shapefile geo-
referenziert und in eine KML umgewandelt. Das fertige
Overlay unterteilt das Objekt in mehrere gleichmäßige
Kacheln. Während das 3D-Modell selber auf dem Ruhr-
zeiten-Server liegt, wird das Overlay lokal verwaltet. Beide
werden, wie in Abb. 4 sichtbar, innerhalb der Visualisie-
rungsplattform Google Earth zusammengefügt.
3
Abbildung 4. Zusammenfügen des 3D-Modells (oben) mit
dem Raster/Drahtmodell (unten) innerhalb Google Earth
(Mitte).
2.2 Serverseitig
Das System agiert serverseitig innerhalb des Zollern-GIS
mit einer PostgreSQL-Datenbank. In dieser werden neben
den gespeicherten Daten (wie Veröffentlichungen, Bilder
und Notizen zu einzelnen Baubestandteilen) auch die
Anmeldeinformation der Nutzer verwaltet. Der Zugriff auf
die Daten erfolgt unter Verwendung der Skriptsprache
PHP. Lokal gespeichert ist hier auch das Overlay für das
3D-Modell. Letzteres wird dynamisch unter Anwendung
der Google API vom Ruhrzeitenserver abgerufen und in
Google Earth eingebunden. Abb. 5 zeigt nachfolgend die
Systemarchitektur der Anwendung.
Abbildung 5. Systemarchitektur des Zollern-GIS
2.3 Clientseitig
Da die Desktop-Version von Google Earth für Entwickler
wenig Schnittstellen zu eigenen Funktionen bietet, ver-
wendet Zollern-GIS die Plug-in Version von Google Earth.
Dieses interagiert innerhalb einer HTML-Webseite mit der
Datenbank. Unter Anwendung einer JavaScript-basierten
API können diesem Plug-in Geodaten hinzugefügt wer-
den. Auch erlaubt die API die Verbindung des Earth
Browsers mit eigenen Funktionen. Eine HTML-Oberfläche
dient als GUI für den Anwender. Das Zollern-GIS ist opti-
miert für den Firefox-Browser, funktioniert aber limitiert
auch im Internet Explorer. Neben JavaScript und HTML
wird clientseitig CSS als Style Element eingesetzt.
3. FUNKTIONEN DES ZOLLERN-GIS
3.1 Zugriffskontrolle
Der Zugriff auf das Zollern-GIS ist nur nach der Registrie-
rung mit Name, Adresse und Email möglich. Nach erfolg-
reicher Registrierung erhält der Anwender einen Zu-
gangscode zugesendet. Dieser wird bei jeder Anmeldung
zusammen mit dem Passwort und dem Benutzernamen
verwendet.
Die Zugriffskontrolle limitiert den Zugriff auf das System
und soll in der weiteren Entwicklung dazu dienen, unter-
schiedliche Rechte den Anwendern zuzuordnen.
3.2 3D-Darstellung
Das 3D-Modell wird, wie in Abb. 6 sichtbar, zusammen mit
dem Overlay innerhalb eines Google Earth Plug-ins in die
Oberfläche eingebunden. Das Overlay und das Modell
können nach Wunsch hinzu- und abgeschaltet werden.
Zudem erlaubt die API das Drehen des Modells anhand
vorher definierter Himmelsrichtungen.
Abbildung 6. Zollern-GIS-Oberfläche mit eingebundenem
Earth Plug-in. Dargestellt wird das 3D-Modell der
Maschinenhalle.
3.3 Datenspeicherung
Das System verwendet die Kacheln des Overlays als Re-
ferenzen, um abgespeicherte Daten räumlich und inhalt-
lich zuordnen zu können. Dafür wird die jeder Kachel ei-
gene ID verwendet. Das System speichert Bilder bzw.
Fotos, verschiedene Dokumente oder Kommentare. Diese
Daten werden lokal auf dem PostgreSQL-Server abgelegt
und über Pfade in der Datenbank verwaltet.
Abbildung 7. Speicherung der Daten für ein einzelnes
Rasterfeld, hier in rot.
Es besteht die Möglichkeit, nicht nur Daten zu einer (Abb.
7), sondern zu mehren Kacheln (Abb. 8) zu speichern.
4
Dies ist z.B. der Fall, wenn ein bestimmtes Foto nicht nur
einer Stahlverstrebung, sondern einer ganzen Fassade
zugeordnet werden soll. Bei der Speicherung testet das
System automatisch, ob bereits identische Daten vorhan-
den sind und speichert dann nur die noch nicht vorliegen-
den Dateien.
Abbildung 2. Speicherung der Daten für mehrere
Kacheln/Rasterfelder gleichzeitig
3.4 Suchfunktion
Ein weiteres Feature des Systems ist die Suche nach der
Kachelnummer. In einem kleinen Suchfeld unterhalb des
Plug-ins kann die entsprechende Kachelnummer einge-
geben werden. Über PHP wird eine entsprechende Da-
tenbankabfrage gestartet. Innerhalb des Overlays wird
infolgedessen über die API das entsprechende Kachelfeld
rot hervorgehoben.
4. ZUSAMMENFASSUNG
Das sich noch im Aufbau befindliche Gebäudeinformati-
onssystem Zollern-GIS verwaltet historische Daten in ei-
nen räumlichen Kontext für das Industriedenkmal Zeche
Zollern. Ein Schwerpunkt des Systems liegt auf dem 3D-
Modell der Maschinenhalle. Über ein Raster können hier
Daten abgespeichert werden. Diese Möglichkeit der drei-
dimensionalen Speicherung von Daten bietet in der An-
wendung bei historischen Gebäuden zahlreiche Vorteile:
Besonders gut dokumentierte Objekte haben eine Un-
menge an Informationen, die sich nicht immer auf das
gesamte Objekt, sondern manchmal nur auf einzelne Bau-
teile oder Abschnitte konzentrieren. Gerade bei Sanierun-
gen und Renovierungen ist ein Zugriff auf einen gut sor-
tierten Datenbestand hier ein wesentliches Hilfsmittel.
Informationen können direkt mit dem jeweiligen Objekt
verknüpft und übersichtlich präsentiert werden. Dadurch
bietet das Zollern-GIS den Ansatzpunkt für weitere, ähnli-
che Prototypen. Als unterstützendes Tool präsentiert es
graphisch aufgearbeitet die jeweiligen Informationen und
ist daher auch für vergleichbare Objekte interessant. Da
sich das System noch in der Aufbauphase befindet, liegt
hier ein wesentlicher Ansatzpunkt für die weitere Entwick-
lung des Systems. Dieses soll insoweit erweitert werden,
dass es sich dynamisch nicht nur einem einzelnen Objekt
widmet, sondern auch für andere Gebäude verwendet
werden kann.
5. LITERATUR
LWL, 2014. LWL-Industriemuseum: Westfälisches Lan-
desmuseum für Industriekultur. Acht Orte - Ein Museum.
Zeche Zollern,
http://www.lwl.org/LWL/Kultur/wim/portal/S/zollern/ort/
(Januar 2014)
Google 2012. KML Reference,
http://code.google.com/intl/deDE/apis/kml/documentation/
kmlreference.html (Januar 2012).
Google Earth, 2014. Die Welt entdecken ist jetzt so ein-
fach, http://www.google.de/intl/de/earth/ (Januar 2014)
PostGIS 2014: Spatial and Geographic objects for Post-
greSQL, http://postgis.net/ (Januar 2014)
Topcon, 2013. Website Topcon OEM GNSS Boards.
http://oem.topconpositioning.com/oem-products/gnss-
boards (April 2013)
Denkmäler3.de 2013 - Von low-cost bis high-tech: 3D-Dokumentation in Archäologie & Denkmalpflege,
LWL Industriemuseum Zeche Zollern Dortmund, 16.-18. Oktober 2013
5
OBEN OHNE ODER DIE VERSUCHUNG AUF DER Z-ACHSE
ARCHÄOLOGISCHER GRUNDRISS, REKONSTRUKTION
UND DARSTELLUNG DER DRITTEN DIMENSION
Stephan Winkler
mno data GmbH, Eulerstraße 7, 48155 Münster
KEY WORDS: Archäologie, Dokumentation, Interpretation, Rekonstruktion, Virtualität
KURZZUSAMMENFASSUNG:
Archäologische Befunde bieten einen meist sehr fragmentarischen Einblick in eine mehr oder weniger lange, unter-
schiedliche Nutzung des Areals, das durch die Grabung erschlossen wurde. Die Interpretation der Grabungsergebnisse
beruht somit immer auf der Vervollständigung der dokumentierten Befunde und der Bestimmung der zeitlichen Abfolge
der Nutzungsgeschichte. Die Verdeutlichung dieser Ergebnisse erfolgt meist als Abfolge sich ändernder Grundrisse, die
die dokumentierten Befunde ergänzt mit Rückschlüssen aus wissenschaftlichen Interpretationen zeigen. Handelt es sich
um Überreste von Baulichkeiten, werden die sich aus diesen Grundrissen interpretierten Volumen zur Veranschauli-
chung häufig auch aufgehend dargestellt. Diese Darstellungen werden meist unter dem Begriff der „Rekonstruktion“ ge-
führt. „Rekonstruktionen“ können sehr unterschiedlich dargestellt werden, die Wahl der jeweiligen Vorgehensweise hat
unterschiedlichste Motive und wird nur von den vorhandenen Mitteln begrenzt: Bau, Text, Bild oder Modell. Zur öffent-
lichkeitswirksamen Präsentation finden meist maßstäbliche, dreidimensionale Modelle Anwendung. Dabei weisen die
digitalen Modelle eine große Bandbreite von Gestaltungsmöglichkeiten auf. Diese unterschiedlichen Konzepte fordern
vom Rekonstrukteur daher ausführliche differenzierte Vorarbeiten, da nur schlecht belegte Details bei photorealistischer
Wiedergabe als sicher dokumentiert gelten.
1. EINFÜHRUNG
„Auch der größte Scharfsinn und die beste Grabungs-
technik vermögen nicht, das einmal Verschwundene wirk-
lich sichtbar zu machen. Rückschlüsse sind oft trügerisch.
Die sehr verständliche Neigung, Resultate, und zwar mög-
lichst ansehnliche und handfeste Resultate, vorzuweisen,
führt dann leicht dazu, Feststellungen und auch Hypothe-
sen über Gebühr zu bewerten. Hypothesen sind in einer
so labilen Wissenschaft wie der Spatenforschung notwen-
dig, aber sie müssen als solche im Bewusstsein bleiben.
Gezeichnete Rekonstruktionen, die in Handbüchern und
in allgemeinen Darstellungen eingehen, haben oft ein zä-
hes Leben und kommen als Revenants lange nach ihrem
Tode wieder. Rückschlüsse aus ähnlichen Bauten, aus
Typenverwandschaften usw. ergeben nichts als höchstens
Wahrscheinlichkeiten. So ist äußerste Vorsicht am Platze,
wenn man darauf weiterbaut.“ (Kubach, 1986: 12).
„Rekonstruktion“ bezeichnet im heutigen Verständnis den
Vorgang des neuerlichen Erstellens oder Nachvollziehens
von etwas mehr oder weniger nicht mehr Existierendem
(Fischer, 1998, S. 7-15.) Rekonstruieren lässt sich auf
verschiedene Art und Weise. Bei der baulichen Rekon-
struktion ist genau zu unterscheiden zu eng benachbarten
Begriffen wie Restaurierung und Konservierung, die viel-
fach verwechselt und synonym verwendet werden.
Bauliche Rekonstruktionen gibt es schon in der Antike:
Marcus Tullius Cicero berichtet im Fünften Buch seiner
Tusculanae disputationes davon, wie er im Jahr 75 v.Chr.
das Grabmal des Archimedes in der Nähe von Syrakus
auf Sizilien wieder herrichten ließ und liefert so das älteste
Beispiel für Rekonstruktionen. Baulichkeiten wurden in
den nachfolgenden Jahrhunderten immer wieder aus un-
terschiedlichen Motiven verändert, um ein „ursprüngli-
ches“ Aussehen wieder zu gewinnen.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erhoffte sich
Eugène Viollet-le-Duc, der sogenannte „Vater der Restau-
rierung“, von einer solchen Maßnahme sogar die Herstel-
lung eines ursprünglich gedachten, vollkommenen Zu-
stands, der möglicherweise so nie existiert hatte, also
einer ursprünglich geplanten Aussage eines Monuments
(Viollet-le-Duc 1858-1868). Rekonstruktionen wurden so-
mit zum Abbild von Idealvorstellungen.
Heute
hat die Position der Landesdenkmalpfleger zu Re-
konstruktionen Gültigkeit: „Die überlieferte materielle Ge-
stalt ist als Geschichtszeugnis unwiederholbar wie die
Geschichte selbst. Die Errichtung von Nachbildungen
verlorener Baudenkmale kann also nur Bedeutung haben
als Handeln der Gegenwart. Denkmale, welche große
Leistungen der Vergangenheit in vollem Sinn vergegen-
wärtigen und die Erinnerung an den Prozess der Ge-
schichte mit seinen Höhen und Tiefen wach halten, kön-
nen solche Nachbildungen nicht sein.“ (Vereinigung der
Landesdenkmalpfleger, 1991).
Bauliche Rekonstruktionen haben zudem den Nachteil,
dass sie mit hohem Aufwand gefertigt werden und meist
von längeren Diskussionen in der Öffentlichkeit begleitet
werden. Da sie den Stand des Wissens zum Zeitpunkt
ihrer Errichtung repräsentieren, ist es denkbar, dass eine
solche bauliche Rekonstruktion schon kurz nach ihrer
Vollendung überholt ist. Aufgrund des Konstruktionsauf-
wandes und der öffentlichen Diskussion wird die Rekon-
struktion aber nur selten dem Forschungsstand angepasst
oder gar wieder entfernt. Dies führt dazu, dass ihr Bild
über eine lange Zeit die Vorstellungen vieler Menschen
bestimmt, obwohl sich im kleinen Kreis der Fachwissen-
schaft vielleicht schon längst eine andere Meinung gebil-
det hat. Dies allerdings ist das Grundproblem jeder Re-
konstruktion.
6
Neben baulichen Rekonstruktionen gibt es noch weitere
Methoden der Rekonstruktion, deren Aufwand bei der
Erstellung weit geringer ist: Text, Bild oder Modell. Die
beschreibende Rekonstruktion ist das ursprüngliche Ver-
fahren in Archäologie, Bauforschung oder Kunstgeschich-
te, einen vormaligen Zustand zu vermitteln. In der textli-
chen Beschreibung kann sich der Wissenschaftler auf die
Details oder Einzelheiten beschränken, die er rekonstruie-
ren möchte. Dabei kann er nicht belegbare Teile oder
Einschränkungen durch Materialeigenschaften oder Statik
völlig vernachlässigen. Die textliche Rekonstruktion wen-
det sich fast ausschließlich an wissenschaftliche Fachleu-
te und bleibt Außenstehenden meist unverständlich. Auf-
bauend auf der wissenschaftlichen Analyse des dokumen-
tierten Befundes stellt diese Beschreibung daher zumeist
die Grundlage für eine bildliche Rekonstruktion dar. Diese
Visualisierung vermittelt auch Laien das beabsichtigte Ziel
der Rekonstruktion, da diese sich von dem früheren Zu-
stand leicht ein Bild machen können.
Die für Fachpublikationen bevorzugte wissenschaftliche
Variante der zeichnerischen Dokumentation ist häufig eine
Schwarzweißzeichnung, die oft nur den Grundriss eines
Gebäudes darstellt. Dreidimensionale Darstellungen wer-
den meist als Isometrien gezeichnet, die auch noch tech-
nische Angaben transportieren: Gebäude werden ge-
schnitten, um gleichzeitig ins Innere sehen zu können
oder Dächer werden nur halbgedeckt dargestellt, um die
Konstruktionsmerkmale zu zeigen. Eher an die interes-
sierte Öffentlichkeit wenden sich illustrierende Darstellun-
gen, sogenannte Lebensbilder, die neben den rekonstru-
ierten Baulichkeiten oft auch Menschen und Tiere zeigen
und atmosphärische Effekte wie Licht und Schatten dar-
stellen. Beiden Varianten sind gemeinsam, dass der
Blickwinkel so gewählt werden kann, dass nur Belegbares
gezeigt wird. Mit der zeichnerischen Rekonstruktion las-
sen sich gegenüber der beschreibenden Rekonstruktion
eher Informationen zu Maßstab, Proportion, Perspektive
und Materialität vermitteln. Änderungen der Rekonstrukti-
on aufgrund einer Neubewertung des zugrunde liegenden
Befundes sind wesentlich leichter umzusetzen als bei der
baulichen Rekonstruktion, sind aber meist nur durch eine
Neuerstellung der Zeichnung sinnvoll.
Für eine öffentlichkeitswirksame Präsentation haben sich
auch Darstellungen von Rekonstruktionen im gebauten
Modell sehr bewährt. Durch die dreidimensionale Rekon-
struktion des Volumens vermitteln sich dem Betrachter
schnell und anschaulich die Proportionen, zudem kann er
alle Seiten der Rekonstruktion betrachten. Bei einem Re-
konstruktionsmodell eines Einzelobjektes sind - abhängig
vom Maßstab - sehr viele Details umsetzbar und auch die
Materialität ist nachzubilden. Ebenso können diese Model-
le ähnlich wie in den zeichnerischen Rekonstruktionen
geschnitten konstruiert werden und so den Blick ins Innere
freigeben. Ideal ist die Verwendung von Rekonstruktions-
modellen aber für großräumige Objekte wie Städte oder
Stadtviertel. Hier geht allerdings das einzelne Baudetail
zugunsten der Rekonstruktion der Gesamttopographie
verloren.
Abbildung 1. Rekonstruktion der Raumwirkung von Ugolinos Altarswerk in Santa Croce, Florenz. Einsatz von
Volumenlicht in einer schematischen Kirchenarchitektur mit Digitalbildern der Kirchenfenster. (© St. Weppelmann,
Gemäldegalerie Berlin / U. Haarlammert, St. Winkler, maßwerke, Münster)
7
Digitale Rekonstruktionen vereinen die Vorteile von
Zeichnung und Modell und führen sie weiter fort. Sie wer-
den häufig als „virtuell“ betitelt, obwohl dieser Begriff in
engerem Sinne nicht zutreffend ist. Es ist allerdings die
Option des Fotorealismus, der mit einer Nuance der Virtu-
alität einhergeht: „Das Virtuelle kann als ein Zustand be-
zeichnet werden, der quasi-existent ist und seine Seins-
weise einer Simulation verdankt. Im Unterschied zu einer
Simulation, wie wir sie etwa in Gestalt einer Doppelhelix
sowie atomarer Moleküle kennen, beabsichtigt das Virtuel-
le jedoch den Eindruck zu vermitteln, es handle sich um
die Realität selbst. Während Simulationen lediglich das
Ziel verfolgen, die Wirklichkeit anschaulich zu erklären,
will das Virtuelle sie tendenziell ersetzen.“ (Bühl, 2000:
82).
Digitale Modelle weisen eine große Bandbreite von Ge-
staltungsmöglichkeiten auf (Abb.1). Szenische Inszenie-
rungen mit Atmosphäreneffekten sind aus einem Daten-
satz ebenso zu erzeugen wie einfache Strichzeichnungen.
Diese unterschiedlichen Konzepte fordern vom Rekon-
strukteur aber auch differenzierte Vorarbeiten. Im Befund
nur schlecht belegte Details erscheinen bei photorealisti-
scher Wiedergabe als sicher dokumentiert. Dennoch
muss aber wissenschaftlicher Anspruch an jede Rekon-
struktionsdarstellung sein, dass die Position der Rekon-
struktion als Vorschlag und Möglichkeit, als momentaner,
aber nicht endgültiger Wissensstand der Bearbeiter kennt-
lich ist (Weppelmann & Winkler, 2005: 118-125.)
Dabei kann das digitale Modell alle Anforderungen verei-
nen, die sowohl von Wissenschaftler-, als auch Rezipien-
tenseite an die Präsentation der Forschungsergebnisse
gestellt werden (Haarlammert & Winkler, 2004, S. 36).
Diskussionen über solche Darstellungen fußen auf der
nach wie vor nur unvollständigen Auseinandersetzung mit
dem deshalb immer noch „neu“ wirkenden Medium „digita-
les Modell“ und aus der Unbekümmertheit oder Befan-
genheit vieler seiner Anwender und der Reaktion der Kriti-
ker darauf.
1
Das Faszinosum digitaler Realitäten ist so
groß, dass aktuelle Fernsehsendungen, Ausstellungen
und Veröffentlichungen archäologische Sensationen
(mehr oder weniger glaubhaft) in realistischem Gewand
als quasi existent erscheinen lassen. Sie zeigen das Ver-
gangene als komplexes Ganzes in naturräumlicher Um-
gebung und lenken den Betrachter durch vermeintlich
funktionierende Erlebnisräume. Das Medium der virtuellen
Rekonstruktion ermöglicht Vieles und in der Euphorie der
ersten Stunde stellt der Wettbewerb um Realitätstreue die
Herausbildung von wissenschaftlich adäquaten Darstel-
lungsformen voll und ganz in den Schatten. Doch gerade
1
„Gleichzeitig kommt seit einigen Jahren die imperative
Forderung auf: Wenn man schon in solch wenig nützliche
Wissenschaften wie die Archäologie investiere, dann hät-
ten diese ihre Ergebnisse auch in der Öffentlichkeit zu
präsentieren. Was eigentlich eine Selbstverständlichkeit
ist, führt leider zu einer Dauerberieselung und einem Kul-
turaktionismus (...), der sich in musealen Leistungsschau-
en, welche bestrebt sind, sich laufend zu übertreffen, oder
in publikumsstarken Römertagen, Mittelaltermärkten, etc.
manifestiert. Dabei gerät dieser Wettlauf nicht selten in die
Gefahr, archäologische Forschungsergebnisse zu vulgari-
sieren und das tief verwurzelte Bild der Wissenschaft des
Spatens, des Archäologen als Schatzsucher, zu bestär-
ken. Die öffentlich wirksame Präsentation der Resultate ist
nur bedingt Aufgabe der Archäologie.“ (Hampel et al.,
2013.)
für die ernsthafte Forschungsarbeit sind die Optionen der
virtuellen Rekonstruktion so vielfältig, dass noch gar nicht
alle Möglichkeiten erprobt, geschweige denn angewendet
worden sind. Hierfür müssen in erster Linie die Fachwis-
senschaftler selbst sensibilisiert werden, denn in der Re-
gel verantworten sie den zweifelhaften Ruf der virtuellen
Rekonstruktion, indem die einen zu zaghaft, die anderen
zu mutig und beide meist zu uninformiert über die Darstel-
lungsoptionen des digitalen Modellierens zu Entscheidun-
gen gelangen (Abb. 2).
Abbildung 2. Rekonstruktion der Desenburg auf dem
Desenberg bei Warburg (Baubestand des 15. Jahr-
hunderts). Darstellung des dokumentierten Bestandes
(oben), Darstellung des 3D-Modells mit Konturlinien
(Mitte), Darstellung des Modells mit texturierten
Oberflächen (unten). (© H.-W. Peine, LWL-Archäologie für
Westfalen / U. Haarlammert, St. Winkler, maßwerke,
Münster)
8
Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit und das Problem
der Kargheit (Kälte) virtueller Modelle sind eng miteinan-
der verbunden. Einerseits fehlen Informationen über re-
konstruktionsrelevante Objektbereiche, die dann als mas-
sive Kompaktflächen wiedergegeben werden, anderer-
seits werden befundete und detailliert modellierte Bau-
elemente durch sogenanntes Klonen stereotypisch ver-
vielfältigt. Das letztgenannte Vorgehen führt ebenso zu
Kargheit im Modell wie das erste, weil das Einzelstück
einem monotonen Muster untergeordnet wird. Beide Her-
angehensweisen sind überaus populär, aber wissen-
schaftlich falsch und ästhetisch bedenklich.
Die gegenwärtig größte Herausforderung bei der Visuali-
sierung archäologischer Erkenntnisse ist die Herausbil-
dung einer Zeichensprache, die dem Grad der Erkennt-
nissicherheit gerecht wird und in gleicher Weise vollstän-
dige, anschauliche und ästhetisch überzeugende Modelle
liefert. Die Bandbreite der Gestaltungsmöglichkeiten, die
das virtuelle Modell liefert, reicht von technischen (Gitter-
netz) über grafische (Kontur, Fläche) hin zu dynamischen
(Überblendung) Optionen. Es lassen sich alle visuellen
Datentypen (CAD, Grafik, Pixelbild, Text) im Modell zu-
sammenführen. Sie lassen sich untereinander mischen
und gemeinsam darstellen oder auch filtern, um spezielle
Anforderungen zu erfüllen. Das Rekonstruktionsmodell
kann sehr unterschiedliche Erscheinungsformen anneh-
men.
Es liefert
fotorealistische Bilder und Filme von quasi existie-
renden Gebäuden
begehbare Kulissen (interaktiv navigierbar)
Steuerungsbefehle für den Modellbau in beliebi-
gem Maßstab
Entwurfszeichnungen in perspektivischer oder
isometrischer Projektion
bemaßte Grund- und Aufrisse und Schnitte
bemaßte Befund- und Phasenpläne
Gestaltungskonzepte, die den Spagat zwischen wissen-
schaftlicher Nachweispflicht und rezipierbarer Vollrekon-
struktion leisten und gleichzeitig die Aura des Ortes an-
gemessen repräsentieren, orientieren sich z.B. an der
Ästhetik der Architekturzeichnungen vom Ende des 19.
Jahrhunderts. Stellvertretend seien hier nur die Architek-
ten Emil Langer und Joseph Bühlmann erwähnt, deren
Umgang mit Leere und Fülle, Schattierungs- und Kolorie-
rungstechniken vorbildlich wurde (Nerdinger, 1986: 128
ff).
Der zeichnerische Aspekt, repräsentiert durch die partielle
Anwendung von Konturen, ist von zentraler Wichtigkeit. Er
bewahrt das Abbildhafte der Rekonstruktion und somit
seinen Entwurfscharakter. Im Kontrast dazu stehen die
fotografisch dokumentierten, im Bestand erhaltenen Bau-
details. Sie sind die optischen Kristallisationspunkte der
Rekonstruktion. In ihnen herrscht eine sichtbare Informa-
tionsdichte, die der großflächig und ungegliedert wieder-
gegebenen Gesamtgestaltung gegenübersteht. Im Ideal-
fall erscheint das Baudetail in seinem vorgefundenen Er-
haltungszustand als unverfälscht dokumentierter Befund.
Rekonstruierte Fehlstellen werden durch pastellfarbene
konturierte Schemen dargestellt, die die Form des rekon-
struierten Bauelements nachzeichnen und eine Idee von
seiner Materialität vermitteln (Abb. 3).
Abbildung 3. Grab des Heiligen Felix in Cimitile, Nola. (© T. Lehmann, Humboldt-Universität zu Berlin / U. Haarlammert,
St. Winkler, maßwerke, Münster)
9
Somit erhält der Wissenschaftler, der die digitale Rekon-
struktion erarbeitet, vielfältige Möglichkeiten: Das digitale
Modell ist jederzeit ohne größeren Aufwand änderbar und
über die Kopie des Datensatzes lassen sich ebenso
schnell eine Reihe von Varianten erzeugen, die als Basis
einer wissenschaftlichen Diskussion dienen können. Und
bei einem über die Jahrhunderte immer wieder veränder-
ten Befund, an dessen materieller Substanz sich auch
schon frühere Rekonstrukteure verewigt haben, lassen
sich im digitalen Modell in dynamischen Prozessen die
Entwicklungen und Umstrukturierungen visualisieren und
so Stück für Stück ältere Strukturen freilegen und virtuell
rekonstruieren (Haarlammert, 2004: 91).
Gerade die Möglichkeit der Animation zeichnet die virtuel-
len Rekonstruktionen gegenüber anderen Methoden der
Rekonstruktion aus, entweder durch die Bewegung in der
virtuellen Welt (Kamerafahrt), die der Erfahrung von Maß-
stäben, Proportionen und Räumlichkeit dient, oder durch
die dynamische Änderung des Parameters Zeit, der die
prozessuale Entwicklung eines Objektes, eines Ortes oder
eines größeren Raumes visualisieren
kann (Objektanimation). Hier bieten sich weite Möglichkei-
ten in der Darstellung und vor allem in der Vermittlung von
komplexen Inhalten (Haarlammert & Peine, 2003: 155).
Alle vorgestellten Methoden der Rekonstruktion haben
ihre Berechtigung, da sie unterschiedliche Intentionen
haben und verschiedene Medien nutzen. Sie stehen un-
tereinander daher nicht in Konkurrenz, sondern bilden bei
überlegtem Einsatz eine sinnvolle Ergänzung zu einander.
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Denkmäler3.de 2013 - Von low-cost bis high-tech: 3D-Dokumentation in Archäologie & Denkmalpflege,
LWL Industriemuseum Zeche Zollern Dortmund, 16.-18. Oktober 2013
10
FORSCHUNG UND DIGITALE REKONSTRUKTION:
FALLBEISPIELE AUS DEM LWL-INDUSTRIEMUSEUM
Olaf Schmidt-Rutsch
LWL-Industriemuseum, Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur, Grubenweg 5, 44388 Dortmund
olaf.schmidt-rutsch@lwl.org
KEY WORDS: Industriekultur, Rekonstruktion, Vermittlung
ABSTRACT:
The LWL-Industriemuseum, Westphalian State Museum of Industrial Heritage, researches and presents the cultural
heritage of the industrial age at eight sites. Digital reconstruction and modeling became an important part of research
during the last years. The article presents three examples, showing the combination of material and information from
different sources, stating that regarding the mass of historical and technical data for a thoroughly reconstruction, it is
most obvious that public presentation in a museal context needs reduction.
KURZZUSAMMENFASSUNG:
In den letzten Jahren wurden im LWL-Industriemuseum mehrere Projekte zur digitalen Rekonstruktion von
Industrieanlagen durchgeführt, die im Folgenden vorgestellt werden. Angesichts der enormen Datenfülle aus
unterschiedlichen Quellen und Kontexten, die für eine belastbare und gründliche Rekonstruktion erforderlich ist, wird
offensichtlich, dass eine besucherorientierte Vermittlung nicht ohne didaktische Reduktion möglich ist.
1. BEFUND – REKONSTRUKTION - VERMITTLUNG
Das LWL-Industriemuseum, Westfälisches
Landesmuseum für Industriekultur, präsentiert an acht
Standorten in der Trägerschaft des Landschaftsverbands
Westfalen-Lippe (LWL) Industriegeschichte am
authentischen Ort. Mit dem Auftrag und Anspruch, die
Geschichte des Lebens und Arbeitens der Menschen im
Industriezeitalter zu dokumentieren und darzustellen, ist
eine fortlaufende Erforschung und Interpretation der
Industriedenkmals verbunden, das sich in der Regel
weder in seiner technischen Funktion noch in seiner
sozialen und historischen Relevanz selbst erklären kann.
In diesem Kontext wurde in den vergangenen Jahren auch
mit digitalen Rekonstruktionen und Visualisierungen
gearbeitet, mit deren Hilfe sich Funktionszusammenhänge
überprüfen, bestimmte Zeitschnitte der Baugeschichte
erfassen oder nicht mehr vorhandene Räume darstellen
lassen. Das Zusammenwirken von Befund,
Rekonstruktion und Vermittlung ist hierbei von
entscheidender Bedeutung. Unter Befund wird in diesem
Kontext nicht ausschließlich der archäologische Fund
oder die Untersuchung des eventuell noch vorhandenen
Baubestands gefasst. Vielmehr gehört hierzu auch
zwingend die archivalische Überlieferung. Die digitale
Rekonstruktion ist entsprechend eine Zusammenführung
unterschiedlicher Informationsquellen und bietet die
Möglichkeit, Theorien zu überprüfen. Sie kann
unterschiedlichen Zwecken dienen, etwa der Entwicklung
einer Vermittlungsebene, die beispielsweise an konkrete
Ausstellungsanforderungen orientiert sein und im Sinne
der Besucherorientierung auch eine bewusste didaktische
Reduktion einschließen kann.
Im Folgenden werden drei Projekte des LWL-
Industriemuseums vorgestellt, die einen Eindruck von der
aktuellen Arbeit mit digitalen Modellen unter
industriekulturellen, wirtschafts- und technikhistorischen
Fragestellungen vermitteln. Während am Beispiel des
Bessemer-Stahlwerks der Henrichshütte in Hattingen die
Überprüfung von Theorien zur früheren Nutzung des in
Resten erhaltenen Gebäudes dargestellt wird, stand bei
der Rekonstruktion der Zeche Zollern in Dortmund-
Kirchlinde von Anfang an die praktische Verwendung der
Ergebnisse im Rahmen einer Dauerausstellung im
Vordergrund. Hierzu war die Darstellung eines
bestimmten Zeitschnitts der Betriebsgeschichte
erforderlich. Die Rekonstruktion der Untertageanlagen der
Zeche Nachtigall in Witten schließlich visualisiert das
unterirdische Geschehen auf einer Ruhrzeche über einen
Zeitraum von 300 Jahren.
2. AN DER WIEGE DES STAHLS – DAS BESSEMER-
STAHLWERK DER HENRICHSHÜTTE
Am westlichen Ende des Geländes des LWL-
Industriemuseums Henrichshütte Hattingen befindet sich
ein Baukomplex, dem die Jahrzehnte wechselnder
Nutzung deutlich anzusehen ist. Er diente als Rohrwerk
und Geschossfabrik des Ersten Weltkriegs, schließlich
befand sich hier das zentrale Reserveteillager des
Hochofenbetriebs. Ein Plan aus dem Jahr 1878 weist das
Gebäude als Bessemer-Stahlwerk aus – so führen die
Ursprünge des Gebäudes in die Frühzeit der industriellen
Stahlerzeugung.
Mit der Entwicklung des nach ihm benannten Verfahrens
gelang es Henry Bessemer 1856, die industrielle
Stahlerzeugung zu revolutionieren. Bis dahin wurde Stahl
durch „Puddeln“ erzeugt. Hierzu musste das im Hochofen
gew
onnene Roheisen durch stundenlanges Rühren in der
Schmelze unter großer Temperatur mit Luft in Verbindung
gebracht werden. So wurde aus sprödem Eisen
verformbarer Stahl. Bessemer entwickelte ein Verfahren,
12
bei dem die Roheisenschmelze in einen Konverter gefüllt
wurde, in den Luft geblasen wurde. Dieses Verfahren
verkürzte die Dauer des Prozesses und erhöhte die
Produktion. Nur so war es möglich, den nahezu
unstillbaren Hunger der Industrialisierung nach Stahl zu
befriedigen.
Abbildung 1. Das ehemalige Bessemer-Stahlwerk der
Henrichshütte, 2011 (© LWL-Industriemuseum/Schmidt-
Rutsch)
Der Erfolgsgeschichte des Bessemer-Verfahrens steht die
weit weniger erfolgreiche Geschichte des Hattinger
Bessemerwerks gegenüber. Tatsächlich war das 1873
errichtete Stahlwerk nur ein knappes Jahr in Betrieb. Dann
führte eine neue Besitzerstruktur zur Konzentration der
Stahlerzeugung an einem anderen Standort: Die
bestehende Anlage wurde demontiert und nach Dortmund
gebracht. Mit dem Verlust der technischen Ausstattung
begann auch das Wissen um die einstige Bedeutung des
ehemaligen Stahlwerks zu verschwinden. So kommt die
„Wiederentdeckung“ einer kleinen technikgeschichtlichen
Sensation gleich, denn nach derzeitigem Kenntnisstand
hat sich weltweit kein derartiges Stahlwerk aus der
Frühphase des Bessemerverfahrens erhalten. Um die
Theorien zur früheren Nutzung zu überprüfen, wurde das
vorhandene Aufmaß nebst entsprechenden Grundrissen
zunächst mit dem ältesten überlieferten Plan aus dem
Jahr 1878 verglichen. Hierdurch konnte belegt werden,
dass wesentliche Teile des ehemaligen Bessemerwerks,
wenn auch teilweise durch die vielfältigen Umnutzungen
überformt, in ihren baulichen Strukturen noch vorhanden
waren. Wesentliche Verluste betrafen den Bereich der
ehemaligen Schmelz- und Gießabteilung, die zur Hälfte
dem Bau einer Anlage zur Reinigung von Hochofengasen
weichen musste. Erhalten hingegen sind die
Maschinenabteilung und das Kesselhaus, so dass
insgesamt ungefähr drei Viertel der ursprünglichen Anlage
vorhanden sind. Somit ist das Bessemerstahlwerk
tatsächlich ein hervorragendes technisches Denkmal mit
wahrscheinlichem Alleinstellungsmerkmal.
Zur Rekonstruktion der technischen Einrichtung wurden
vor Allem zeitgenössische Veröffentlichungen der
hüttenmännischen Fachliteratur herangezogen. Hierbei
zeigte sich, dass der Maschinen- und Anlagenbau zum
Zeitpunkt der Einrichtung des Werks bereits einen hohen
Grad der Standardisierung erreicht hatte. Anhand von
zeitgenössischen Vergleichsanlagen des
Maschinenbauers, deren Pläne veröffentlicht wurden,
konnte anhand des digitalen Modells festgestellt werden,
dass die Hattinger Anlage in ihrer Konzeption
weitestgehend mit diesen Werken übereinstimmte. Dies
betraf nicht nur die Höhe der Maschinenbühnen, deren
Auflagen noch im Baubestand erkennbar sind, sondern
auch die Anordnung der Tore zum Abtransport der
Stahlblöcke. Aufgrund dieser Erkenntnisse war es
möglich, die technische Ausstattung zu rekonstruieren
und entsprechend nachzuweisen, dass das Hattinger
Werk eine typische Anlage der Zeit war.
Abbildung 2. Rekonstruktion der Schmelz- und
Gießabteilung des Bessemerwerks mit Konvertern und
Gießgrube (© LWL-Industriemuseum/maßwerke)
Die Ergebnisse, die eine gründliche Bauforschung
keineswegs ersetzen können, bieten eine solide
Grundlage für weitere Planungen zur zukünftigen
musealen Nutzung des Gebäudes und bestätigen darüber
hinaus den angenommenen internationalen Denkmalwert,
der zur Zeit gerade auch hinsichtlich der Bewerbung des
Ruhrgebiets um den Welterbe-Status zunehmend an
Bedeutung gewinnt.
3. WASSER, DAMPF UND KOHLE – DIE ZECHE
ZOLLERN 1
Das Projekt zur Rekonstruktion der Zeche Zollern 1 in
Dortmund-Kirchlinde entstand für die künftige
Dauerausstellung der Zeche Zollern 2/4, heute Zentrale
des LWL-Industriemuseums. Bei der Zeche Zollern 1
handelte es sich um die einige Kilometer entfernte
Ursprungsanlage. Sie wurde 1856 gegründet und war
hinsichtlich ihrer ursprünglichen baulichen Konzeption als
symmetrische Doppelschachtanlage mit zwei massiven
gemauerten Schachttürmen typisch für die Mitte des 19.
Jahrhunderts im Zuge der Nordwanderung des
Steinkohlenbergbaus in großer Zahl entstehenden
Tiefbauzechen. Aufgrund der schwierigen
Gründungsgeschichte – enorme Wasserzuläufe führten
mehrfach zum Ersaufen der Schächte und schließlich zum
Konkurs der Gründergesellschaft – steht die Anlage
gleichzeitig für die enormen technischen Schwierigkeiten
jener Jahre, in denen der Erfolg oder Misserfolg eines
derartigen Unternehmens häufig genug von der zur
Verfügung stehenden Dampfkraft und der
Leistungsfähigkeit der Pumpenmaschinen abhing. Dieser
Zusammenhang zwischen Dampf, Wasser und Kohle
sollte in einem klassischen gebauten Modell dargestellt
13
werden, das sowohl die aufwändige Architektur als auch
die Maschinenausstattung der Zeche Zollern zu einem
bestimmten Zeitpunkt zeigt. Im Vorfeld der
Auftragsvergabe an einen Modellbauer wurde die Anlage
digital rekonstruiert, um hinsichtlich der Aufstellung der
Maschinen zu einem Ergebnis zu kommen.
Abbildung 3. Rekonstruktion der Zeche Zollern 1 um 1873
für eine Publikation. a, b und c zeigen unterschiedliche
Pumpen, d die Fördermaschine. (Rekonstruktion: LWL-
Industriemuseum/maßwerke; © Zeichnung und
Modellbau: IMModell)
Die Quellenlage zur Rekonstruktion der Anlage in ihrer
Frühphase erwies sich zunächst als dürftig. Neben einem
Foto, das die Fassade Anfang der 1870er Jahre zeigte,
und einer groben Umrisszeichnung des Grundrisses auf
einem zeitgenössischen Grubenriss waren es vor allem
schriftliche Überlieferungen, die zur Rekonstruktion
herangezogen werden konnten. Die
Grubenbetriebsberichte beinhalteten Grundinformationen
darüber, wann Maschinen aufgestellt oder stillgelegt
wurden. Die Konzession zur Seilfahrt aus dem Jahr 1873,
mit der die Benutzung der Förderkörbe zur Personenfahrt
abgenommen wurde, beinhaltete nicht nur Daten zur
Fördermaschine, sondern auch die Bauhöhen der
verschiedenen Ebenen des in den Schachtturm
integrierten Fördergerüsts. Schließlich konnten über die
Schachtquerschnitte die Aufstellungsorte der
Pumpenmaschinen und ihrer Gestänge ermittelt werden.
Diese Angaben aus unterschiedlichen Quellen wurden in
ein digitales Modell überführt und überprüft. Die auf dieser
Grundlage entwickelten Baupläne wurden dann von einem
Modellbauer umgesetzt. Die Entkopplung von
Rekonstruktion und Modellausführung führte zu
wesentlichen Zeit- und Kostenersparnissen.
Im Ergebnis stellt das fertige Modell der Zeche Zollern 1
nicht nur den enormen Aufwand dar, der für den
industriellen Tiefbau notwendig war. Vielmehr ist es auch
eine Fallstudie für eine Anlage, deren
Maschinenausstattung mehrfach den Erfordernissen
angepasst wurde, bevor die erste Kohle gefördert werden
konnte.
4. VERLORENE RÄUME – DIE ZECHE NACHTIGALL
Bereits 2007 wurden die Übertageanlagen der Wittener
Zeche Nachtigall rekonstruiert und seitdem im Rahmen
der Dauerausstellung als Animation innerhalb der
industriearchäologischen Grabung des Schachts
„Hercules“ gezeigt. Die hier gemachten positiven
Erfahrungen eröffneten neue Möglichkeiten: Einerseits
konnten aus dem bestehenden Modell frühere
Bauzustände der Übertageanlagen abgeleitet und
visualisiert werden, andererseits bot die Art der
didaktischen Aufbereitung die Möglichkeit, den Besuchern
Umfang, Ausdehnung und Funktion der historischen
Grubenbaue zu vermitteln, die im Original nicht mehr
zugänglich sind. Durch die Rekonstruktion der
Grubenbaue der Zeche Nachtigall sollte das
Abbaugeschehen seit 1714 in Bezug zur aktuellen
räumlichen Situation des Besucherbergwerks, aber auch
der Erdoberfläche oder prägnanter Punkte, etwa der Ruhr,
dargestellt werden. Hierzu waren zunächst gesicherte
Grundlagen notwendig.
Bergbauliche Tätigkeit findet einen Niederschlag in
Archivmaterial unterschiedlicher Dichte und Qualität.
Neben den archivalischen Überlieferungen des
bergbehördlichen Berichtswesens wurden die
zuständigkeitshalber bei der Abteilung Bergbau und
Energie des Regierungspräsidiums Arnsberg verwahrten
historischen Risse, etwa 90 großformatige Blätter, für die
Rekonstruktion herangezogen. Ein im Rahmen des
Projekts vom Geologischen Dienst NRW erstelltes
vektorisiertes Lagerstättenmodell der Zeche Nachtigall
lieferte die geologisch korrekte Basis für den
Modellaufbau.
Abbildung 4. Darstellung des Abbaubereichs in den
Flözen der Zeche Nachtigall. (© LWL-
Industriemuseum/maßwerke)
Diese Informationsebenen in Bezug zueinander zu setzen
und auf ihre Aussagekraft zu überprüfen, stellte eine
Herausforderung für alle Beteiligten dar. Ein erster Schritt
zur Zusammenführung dieser unterschiedlichen
Informationsebenen war eine Animation der
Abteufarbeiten des Schachtes „Hercules“, die 2010 im
Rahmen der Sonderausstellung „Hercules – Vom Olymp
ins Ruhrtal“ gezeigt wurde. Die Animation führte die
Informationen der monatlichen Grubenbetriebsberichte
und der Grubenrisse im Lagerstättenmodell zusammen
und zeigte den monatlichen Arbeitsfortschritt vom
Teufbeginn im Juni 1839 bis zur Aufnahme der Förderung
im August 1842. Die Verortung der Informationen
innerhalb des räumlichen Modells führte zu interessanten
Erkenntnissen hinsichtlich der Organisation und
Durchführung derartiger Arbeiten im beginnenden
14
Industriezeitalter. Hinzu kamen Erkenntnisse hinsichtlich
der Visualisierung, etwa, dass eine Gesamtdarstellung
des untertägigen Geschehens kaum ohne eine graduelle
Vereinfachung zu realisieren ist. Schon das Grubenfeld
einer eher überschaubaren Schachtanlage wie Nachtigall
birgt eine Vielzahl an geologischen Störungen,
Schächten, Strecken, Örtern, Blindschächten,
Stollenmundlöchern, Bremsbergen etc., die alle
Bestandteile des Modells sind. Um in diesem Geflecht
nicht verloren zu gehen, war eine Fokussierung
notwendig, um einen Gesamteindruck des untertägigen
Geschehens zu vermitteln und einzelne Aspekte
aufzugreifen: Wie dehnt sich der Bergbau in Raum und
Zeit aus? Wie funktioniert ein Bergwerk im 19.
Jahrhundert? Wie verhalten sich die einzelnen
Berggewerkschaften räumlich, zeitlich und rechtlich
zueinander? Das digitale Modell bietet hier zahlreiche
Anknüpfungspunkte. Letztlich kommt es aber auf die
Geschichten an, die das Modell vermitteln soll.
Wissenschaftliche Recherche und exakte Dokumentation
haben sich im Projektverlauf als Basis für die zukünftige
museale Präsentation als unerlässlich erwiesen.
Abbildung 5. Didaktische Reduktion: Standbild aus der
Animation zum Abteufen des Schachts Hercules. (© LWL-
Industriemuseum/maßwerke)
5. FAZIT
Auf der Tagung Denkmäler3.de – Industriearchäologie
stellte Bianca Khil 2008 für die Untersuchung der Friedr.
Krupp AG in Essen fest: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein
Werk, dessen Grün-dung nur bis in das Jahr 1811/12
zurückreicht, auch schriftliche Spuren hinterlassen hat, ist
sehr hoch. […] Anders als erwartet, liegen vor allem zu
älteren Gebäuden vor 1860 so gut wie keine Unterlagen
vor. Teilweise sind Unterlagen durch Kriegszerstörungen
und Auslagerungen verloren gegangen, oder es waren
erst keine angefertigt worden. Der Datenbestand zu
einzelnen Gebäuden ist sehr unterschiedlich, z. T. gibt es
nur Lagepläne und Beschreibungen, manchmal nur
Bestands-listen, zuweilen auch sehr detaillierte Pläne.
Nicht immer ist sofort klar, um welche Gebäude es sich
handelt, einerseits, weil ein Lageplan fehlt, andererseits
sind die Gebäude im Laufe der Zeit einfach umbenannt
worden, was nur mühsam nachvollziehbar ist.“
Diese Feststellung verwundert kaum, da die
Industrialisierung ein ausgesprochen dynamischer
Khil 2008, S. 38, S. 42.
Prozess war, der in einem Zeitraum von 200 Jahren nicht
nur die Landschaft, sondern auch die in dieser Phase
entstehenden und zum Großteil mittlerweile wieder
verschwundenen Werke in ihren Strukturen mehrfach
tiefgreifend und nachhaltig veränderte. Die im
Vorangegangenen vorgestellten Fallbeispiele können hier
durchaus exemplarisch stehen. Das Bessemer-Stahlwerk
der Henrichshütte erlebte in einer Betriebszeit von knapp
120 Jahren insgesamt fünf Umnutzungen, bevor es
schließlich mit der Übernahme durch das
Industriemuseum als Ausstellungs- und Depotraum
genutzt wurde. Kaum eine dieser Umnutzungen hat sich in
der Überlieferung von Bauplänen im engeren Sinne
niedergeschlagen. Die Lagepläne der unterschiedlichen
Zeitschnitte dokumentieren die Umnutzungen. Es handelt
sich hier also keineswegs um „einfache Umbenennungen“
der Gebäude, sondern um Belege für geänderte
Funktions- und Strukturzusammenhänge innerhalb des
komplexen Systems „Hüttenwerk“. Allerdings sind diese
Änderungen zum Teil durchaus schwierig
nachzuvollziehen, da sich frühere Praktiken der
Erweiterung und Umnutzung von Werksanlagen kaum mit
Maßstäben der heutigen Zeit und der erwarteten großen
Dichte von Daten und Material decken. So beantragte die
Bauabteilung der Henrichshütte bei der zuständigen
Behörde die Erweiterung der Gaszentrale, heute
Ausstellungs- und Veranstaltungshalle des Museums, mit
der Formulierung:
„Was die allgemeine Ausführung der Erweiterungen
anbelangt, so bemerken wir, dass dieselbe genau dem
bestehenden Gebäude angepasst wird; aus diesem
Grunde erübrigt es sich wohl, auf Konstruktions-
Einzelheiten näher einzugehen.“
Eine derartige
Bauabwicklung dürfte bei baulichen Erweiterungen und
Umnutzungen eher die Regel als die Ausnahme
darstellen.
Das Beispiel der Zeche Zollern verweist auf ein weiteres
Problem. Aufgrund der enormen Schwierigkeiten beim
Abteufen der Schächte war eine fortlaufende Anpassung
der Maschinen-ausstattung mit entsprechenden baulichen
Veränderungen notwendig, bevor überhaupt nach fast
zwanzig Jahren die erste Kohle gefördert werden konnte.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die gesamte
Schachtanlage von Grund auf neu konzipiert. Welche
Auswirkungen eine derartig problembehaftete und
tiefgreifenden Änderungen unterworfene
Betriebsgeschichte auf mögliche archäologische
Grabungsbefunde haben dürfte, ist offensichtlich. Schon
allein die zu erwartende Vielzahl an
Maschinenfundamenten, die innerhalb eines Zeitschnitts
von fünfzig Jahren zwischen der ersten Planung und der
Neukonzeption der Zeche gebaut wurden und neben den
Anfangs-schwierigkeiten auch technischen Fortschritt
dokumentieren, belegen deutlich, dass letztlich jeder
dieser Befunde exakt in einen technischen und zeitlichen
Zusammenhang eingeordnet werden muss, um belastbare
Aussagen zu erzielen. Diese Schwierigkeiten stellen sich
mehr oder weniger ausgeprägt letztlich bei jedem
industriearchäologischen Grabungsprojekt und müssen
entsprechend bei den Planungen und Projektierungen
berücksichtigt werden.
Baugesuch der Fa. Henschel & Sohn, 29.10.1912;
Stadtarchiv Hattingen, ABAH 014
15
Dabei ist es letztlich, wie das Beispiel der Rekonstruktion
der Untertageanlagen der Zeche Nachtigall zeigt, nicht
das Problem, dass es an archivalischem Material mangelt,
nur erschließen sie sich nicht unmittelbar, sondern
bedürfen der wissenschaftlichen Aufarbeitung. Im
beschriebenen Fall wurde auf der Grundlage des
bergmännischen Risswesens unter Hinzunahme aktueller
geo-logischer Lagerstättenmodelle, aber auch durch die
Unterstützung eines Markscheiders, ein Modell erstellt,
das mittlerweile bereits in mehrfacher Hinsicht erprobt
werden konnte. So wurde für einen definierten Zeitraum
und ein bestimmtes Bauvorhaben der Zeche – das
Abteufen des Schachts Hercules – belegt, dass sich das
digitale Modell in Bezug zur Überlieferung der monatlichen
Grubenbetriebsberichte an die Bergbehörde setzen lässt.
So erschließt sich über das vorhandene Material die
Möglichkeit, exemplarisch den Betrieb einer Ruhrzeche
des 19. Jahrhunderts in den geologischen
Rahmenbedingungen zu verorten und so Erkenntnisse
über Planungen und Betriebsabläufe zu gewinnen.
Dieser Datenfülle steht ein Erkenntnis leitendes Interesse
gegenüber, das, abgesehen von den zur Verfügung
stehenden Ressourcen, vor allem durch die Nutzer- und
im musealen Bereich die Besucherorientierung - bestimmt
wird. Die Frage, was aus der Fülle der Möglichkeiten und
Perspektiven den Weg in eine Ausstellung findet und
anschaulich vermittelt werden kann, macht eine Auswahl
unter didaktischen Gesichtspunkten zwingend erforderlich.
Diese Auswahl beschneidet jedoch weder die
Aussagekraft des Ausgangsmaterials noch beschränkt es
die Möglichkeiten des digitalen Modells. Andere
Fragestellungen zu anderer Zeit bewirken andere Formen
der wissenschaftlichen und vermittelnden
Auseinandersetzung mit den vorhandenen Daten. Die
Strukturen und die solide Datengrundlage der
Rekonstruktion erlauben durchaus den zukünftigen
Perspektivwechsel und ermöglichen entsprechende
Visualisierungen, die die Bereitstellung von Plänen für den
klassischen Modellbau ebenso umfassen wie die
Bildschirm-Animation. Der Anwender oder der Gast einer
Ausstellung wird im Regelfall den enormen
Datenhintergrund kaum wahr-nehmen können. Er kann
mit dem Produkt arbeiten oder die Visualisierung
genießen – und das ist gut so! Denn letztlich darf beim
Umgang mit der enormen Materialfülle, die bei derartigen
Rekonstruktionsprozessen in unterschiedlichster Form
bearbeitet werden, ein Kerngedanke nicht vergessen
werden: Vermittlung braucht Reduktion!
6. LITERATUR
Khil, B., 2008. Der Beitrag der Archive zur Industriearchä-
ologie am Beispiel der Friedr. Krupp AG in Essen. In:
Przybilla/Grünkemeier (Hrsg.): Denkmäler3.de – Indust-
riearchäologie, Tagungsband des interdisziplinären Kollo-
quiums vom 5.-7. November 2008 in Essen, ISBN 978-3-
8322-8301-8, 3744.
Schmidt-Rutsch, O., 2013. Das Bessemerstahlwerk der
Henrichshütte in Hattingen. Stahl und Eisen 133 (2013),
111114.
Schmidt-Rutsch, O., 2013. Vom Prestigeobjekt zur Investi-
tionsruine. Die Zeche Zollern I 1856 – 1901. In: LWL-
Industriemuseum (Hrsg.): Von der Schönheit der Eisen-
konstruktion. Studien zur ‚Musterzeche‘ Zollern II/IV. ISBN
978-3-8375-0962-5, 47–63.
Schmidt-Rutsch, O., 2010. Surveying lost rooms: Digital
reconstruction and museal presentation of the
underground area of Nightingale Mine, Witten. In: Mügge-
Bartolović/Röhling/Wrede (Eds.): Geotop 2010. Geosites
for the Public Paleontology and Conservation of Geosites,
14. Internationale Jahrestagung der Fachsektion GeoTop
der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften and
6
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International Symposium on Conservation of
Geological Heritage, Hagen 29.5.2010-2.6.2010. ISBN
978-3-510-49214-5, 85–86.
Schmidt-Rutsch, O., 2008. Wiege des Ruhrbergbaus: Das
LWL-Industriemuseum Zeche Nachtigall in Witten – Digi-
tale Rekonstruktion und museale Präsentation. In: Przybil-
la/Grünkemeier (Hrsg.): Denkmäler3.de – Industriearchäo-
logie. Tagungsband des interdisziplinären Kolloquiums
vom 5.-7. November 2008 in Essen, ISBN 978-3-8322-
8301-8, 107–111.
Westfälisches Industriemuseum (Hrsg.), 2004. Schätze
der Arbeit. 25 Jahre Westfälisches Industriemuseum.
ISBN 3-89861-342-9.
7. DANKSAGUNG
Die Durchführung der beschriebenen Projekte wäre ohne
vielfältige Hilfe folgender Institutionen nicht möglich
gewesen:
Montanhistorisches Dokumentationszentrum beim
Deutschen Bergbaumuseum, Bochum
Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets, Bochum
Bezirksregierung Arnsberg, Abt. 6: Bergbau und
Energie in NRW, Dortmund
Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv, Dortmund
ThyssenKrupp Konzernarchiv, Duisburg
Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv,
Köln
Geologischer Dienst NRW, Krefeld
IMModell, Ulrich Haselhuhn, Lichtenstein
Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen, Münster
Ein besonderer Dank für die Umsetzung der Projekte und
die vielfältige im besten Sinne interdisziplinäre fachliche
Diskussion gilt Ulrich Haarlammert, maßwerke GbR,
Münster und Stephan Winkler, mno data GmbH, Münster.
Denkmäler3.de 2013 - Von low-cost bis high-tech: 3D-Dokumentation in Archäologie & Denkmalpflege,
LWL Industriemuseum Zeche Zollern Dortmund, 16.-18. Oktober 2013
16
KULTURLANDSCHAFTEN AUS DER VOGELPERSPEKTIVE -
LUFTBILDARCHÄOLOGIE IN NORDRHEIN-WESTFALEN
Baoquan Song
Institut für Archäologische Wissenschaften, Ur- und Frühgeschichte, Fakultät für Geschichtswissenschaft
Ruhr-Universität Bochum, Am Bergbaumuseum 31, 44792 Bochum –
baoquan.song@rub.de
KEY WORDS: Befliegung, Bewuchsmerkmal, Flugprospektion, Luftbildplan
KURZZUSAMMENFASSUNG:
Die Luftbildarchäologie wird als Prospektionsmethode insbesondere zum Aufspüren von eingeebneten und nur noch
unterirdisch erhaltenen Bodendenkmälern eingesetzt. Sie gehört als flächendeckende, effektive und zugleich zerstö-
rungsfreie Prospektionsmethode in der Archäologie und Bodendenkmalpflege seit mehr als einem Jahrzehnt zum
Schwerpunkt der Lehre und Forschung am Institut für Archäologische Wissenschaften der Fakultät für Geschichtswis-
senschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Im diesem Beitrag werden neue Ergebnisse der Flugprospektion mit einigen
ausgewählten Luftbildbeispielen der letzten Jahre in Nordrhein-Westfalen dargestellt.
1. EINLEITUNG
Die Luftbildarchäologie gehört als flächendeckende, effek-
tive und zugleich zerstörungsfreie Prospektionsmethode
in der Archäologie und Bodendenkmalpflege seit mehr als
einem Jahrzehnt zum Schwerpunkt der Lehre und For-
schung am Institut für Archäologische Wissenschaften der
Fakultät für Geschichtswissenschaft an der Ruhr-
Universität Bochum. Das Institut verfügt über ein Luftbild-
archäologie-Labor und betreibt im Rahmen von Lehrver-
anstaltungen und Forschungsprojekten archäologische
Flugprospektion u.a. auch in ausgewählten Gebieten in
Nordrhein-Westfalen.
In den 1960er und 1970er Jahren beflogen Irwin Scollar
und Walter Sölter das Rheinland und entdeckten dabei die
ersten interessanten Fundstellen (Scollar, 1965; Sölter,
1981). Von 1984 bis 1989 führten Johann-Sebastian
Kühlborn und Daniel Bérenger, LWL-Archäologie für
Westfalen, erfolgreiche Flugprospektionen in Westfalen
durch (Archäologie 1989, 7-26). Danach fanden bis 2009
sporadische Befliegungen durch Kühlborn statt. Diese
Arbeit wird seit 2003 gebietsweise vom Verfasser fortge-
setzt. Der Niederrhein, insbesondere der Xantener Raum,
das Münsterland, das Ruhrgebiet, die Hellwegzone und
das Einzugsgebiet der Lippe werden mittlerweile aufgrund
ihrer Funddichte schwerpunktmäßig beflogen, und hierbei
ist eine große Anzahl von neuen Fundstellen entdeckt
worden. Dazu gehören Erdwerke, Siedlungen, Militärlager,
Gräberfelder, Straßen und andere Infrastrukturen, Burgru-
inen usw., die zeitlich vom Neolithikum bis zum Mittelalter
reichen.
Als Plattform für die Flugprospektion dient in der Regel ein
Schulterdecker wie z. B. die Cessna 152 oder 172. Beide
Flugzeugtypen mit zwei bzw. vier Sitzplätzen haben sich
in der hiesigen Luftbildarchäologie bewährt. Die Luftbilder
werden primär zur Dokumentation der Flugbeobachtungen
bei geöffnetem Cockpitfenster freihändig mit Digitalkame-
ras aufgenommen.
Im vorliegenden Beitrag sollen die neuen Ergebnisse un-
serer Flugprospektion mit einigen ausgewählten Luftbild-
beispielen der letzten Jahre aus dem oben genannten
Arbeitsgebiet dargestellt werden.
2. LUFTBILDARCHÄOLOGIE
Die Luftbildarchäologie wird als Prospektionsmethode
insbesondere zum Aufspüren von eingeebneten und nur
noch unterirdisch erhaltenen Bodendenkmälern einge-
setzt. Dabei werden die meisten Fundstellen durch Be-
wuchsmerkmale entdeckt. Auf die Ausprägung der Be-
wuchsmerkmale haben zwei Faktoren, nämlich passende
Pflanzen und trockene Wetterlage, direkten Einfluss. Sen-
sible Kulturpflanzen wie Getreide reagieren in der Regel
besser auf anthropogene Bodenveränderungen als sons-
tige Vegetation. In Nordrhein-Westfalen werden Winterge-
treide wie Winterroggen, Winterweizen, Wintergerste und
Wintertriticale in sinnvoller Fruchtfolge großflächig ange-
baut. Die meisten von ihnen sind gute bzw. sehr gute Me-
dien für die Luftbildarchäologie. Triticale, eine Kreuzung
aus Weizen und Roggen, wird aufgrund ihrer guten Ei-
genschaften im Hinblick auf deren Resistenz gegenüber
klimatischen Schwankungen und schlechten Bodenver-
hältnissen zunehmend in unserer Region angebaut und
reagiert unter günstigen Witterungsbedingungen ebenfalls
gut auf unterirdische Bodendenkmäler.
Außer geeigneten Pflanzen führen vor allem warme und
trockene Witterungsbedingungen im Sommer zum Auftre-
ten von Bewuchsmerkmalen. Selbst im fruchtbaren Löß-
gebiet der Soester Börde, in dem die Pflanzen in der Re-
gel fast immer optimal mit Nährstoffen und Feuchtigkeit
versorgt sind, konnten im Hochsommer 2010 durch ext-
reme Hitze und Trockenheit deutliche Spuren beobachtet
werden. Hier zeichnete sich etwa ein Viertel eines runden
neolithischen Erdwerks mit zwei Erdbrücken in einem
Wintergetreidefeld ab (Abb. 1).
17
Abbildung 1. Soest-Müllingsen, neolithisches Erdwerk mit
zwei Eingängen in Form von Erdbrücken, aufgenommen
von Nordwesten am 07.07.2010
3. FUNDSTELLEN AUS DER LUFT
Die archäologische Forschung auf dem Fürstenberg süd-
lich von Xanten begann Anfang des 20. Jahrhunderts.
Durch Ausgrabungen in den Jahren 1905-1914 und 1925-
1933/34 wurde das neronische Standlager, das mit dem
literarisch überlieferten Bataveraufstand der Jahre 69/70
verbunden werden konnte, weiträumig untersucht. Dabei
wurde das Lagerzentrum einschließlich der principia und
einer großen Anzahl von weiteren Gebäuden auf beiden
Seiten der via principalis freigelegt. Die Grabungen liefer-
ten außerdem auch vereinzelte Hinweise auf Vorgänger-
lager. Alle diese Militäranlagen laufen seitdem unter der
Sammelbezeichnung „Vetera castra I“. Da aber das nero-
nische Zweilegionenlager eine sehr große Innenfläche von
etwa 58 ha aufweist, blieben große Teile des Lagers nörd-
lich und südlich des ausgegrabenen Areals und ihre un-
mittelbare Umgebung unerforscht (Hanel, 1989,S. 59-68;
Horn, 1987, S. 619-625). In den sechziger und siebziger
Jahren des 20. Jahrhunderts fanden sporadische Beflie-
gungen des Fürstenbergs durch I. Scollar und W. Sölter
statt, deren Ergebnisse bislang nur vereinzelt ausgewertet
und publiziert wurden (Scollar, 1963: 309; Taf. 40-41;
Scollar, 1965; Scollar, 1970: 11, Taf. 13; Soechting,
1981).
Aufgrund der systematischen Befliegungen der Fundstelle
auf dem Fürstenberg konnte seit 2003 eine große Anzahl
von neuen Befunden durch den Verfasser dokumentiert
werden (Hanel & Song, 2007). Hier zeichnen sich die
stratigraphisch komplexe Überlagerung verschiedener
römischer Militärlager und deren Lagervorstädte in Luftbil-
dern ab. Bisher ist eine Vielzahl neuer, bislang unbekann-
ter Strukturen mit Luftbildern erfasst worden, die nicht nur
wesentliche Informationen über eines der bedeutsamsten
Militärlager des 1. Jahrhunderts geben, sondern auch
über das bislang weitgehend unerforschte Nebeneinander
von Legionenlagern und canabae dieser Zeitstellung. Oh-
ne die hohen Kosten und das große Zerstörungspotential
von Flächengrabungen in Kauf nehmen zu müssen, bietet
sich mit der Flugprospektion die Möglichkeit, historische
und kulturgeschichtliche Erkenntnisse an dem Fundplatz
zu gewinnen.
Nachdem Vetera castra I durch den Bataveraufstand zer-
stört und im Zuge der flavischen Grenzreorganisation auf-
gegeben worden war, diente die Lagerruine wohl als
Steinbruch für das am Rheinufer neu errichtete Lager
Vetera II und die Vorgängersiedlung der Colonia Ulpia
Traiana. Was auf dem Fürstenberg vom neronischen La-
ger übrig blieb, waren Umwehrungsgräben, Abwasserka-
näle, Fundamentgräben von Bauwerken etc. Sie sind heu-
te weitgehend eingeebnet, befinden sich meistens direkt
unter der 20-30 cm mächtigen Ackerkrume und kommen
unter günstigen Witterungsbedingungen und bei geeigne-
ten Pflanzen als positive Bewuchsmerkmale ans Tages-
licht. Nur noch ganz selten sind Mauerreste und Mauer-
bzw. Fußbodenfundamente erhalten.
Selbst in dem bereits ausgegrabenen Areal konnten Spu-
ren von Gebäuden und Straßenzügen als Bewuchsmerk-
male auf Luftbildern festgehalten werden. Aufgrund der
großen Dimensionen der einzelnen Bauwerke haben die
früheren Ausgräber im Gegensatz zur heutigen Flächen-
freilegung nur entlang der Mauerfundamente gegraben.
Zum großen Teil wurden Fundamentgräben nur in der
Mitte ausgehoben; Befunde links und rechts davon blie-
ben unberührt. Auf diese Art und Weise können wir bis
heute das Verwaltungsgebäude – principia – (Abb. 2, 1),
die Wohnquartiere der Legionskommandeure und das
Lagerkrankenhaus – valetudinarium – (Abb. 2, 2) in
Grundrissen als Luftbildbefunde mehr oder minder deut-
lich sehen. Dies spricht natürlich für den hervorragenden
Erhaltungszustand dieses Bodendenkmals. Da die Mau-
erzüge einzelner Gebäude nicht durch Flächenfreilegung,
sondern durch schmale Suchschnitte lokalisiert wurden,
findet man manchmal sogar bislang nicht erfasste Bautei-
le innerhalb eines ausgegrabenen Gebäudes, wie z. B. in
dem Valetudinarium der V. Legion im neronischen Lager,
wo Fundamentgruben von Säulen als Luftbildbefunde im
Innenhof zu sehen sind (Abb. 3).
Abbildung 2. Xanten-Birten (Kr. Wesel). Vetera castra I.
Zentrum des neronischen Zweilegionenlagers mit
Principia (1), Valetudinarium der V. Legion (2) und
Valetudinarium der XV. Legion (3) sowie via principalis (4)
und via praetoria (5) als Bewuchsmerkmale,
aufgenommen von Süden am 03.07.2006
Bei der Luftbildinterpretation im Jahr 2011 wurde das bis
dahin unbekannte Valetudinarium der XV. Legion als Luft-
bildbefund identifiziert (Abb. 2, 3). Der Grundriss des vier-
flügeligen Bauwerkes mit einem großen Innenhof gleicht
fast komplett dem der V. Legion, es ist nur in der Baurich-
tung um 90° gegen den UZS gedreht. Somit wurde das
Portal des Valetudinariums der XV. Legion zur via praeto-
ria (Abb. 2, 5) ausgerichtet, während sich der Hauptein-
gang des Valetudinariums der V. Legion auf der Seite der
via principalis befand (Abb. 2, 4).
18
Abbildung 3. Xanten-Birten (Kr. Wesel). Vetera castra I.
Valetudinarium der V. Legion des neronischen
Zweilegionenlagers mit Spuren des neu entdeckten
Säulenbaus im Innenhof (Pfeil), aufgenommen von Süden
am 24.06.2010
Die restlichen zwei Drittel des Lagerinnenraumes, die
noch nicht ausgegraben werden konnten, wurden schwer-
punktmäßig aus der Luft prospektiert. Die Inneneinteilung
in Lagerquartiere kann mit Hilfe von befestigten Straßen-
zügen mit seitlichen Gräben im Großen und Ganzen re-
konstruiert werden. Gerade im Nordostteil des neroni-
schen Lagers gibt es eine Überschneidung mit einem älte-
ren (claudischen?) Lager. Hier sind die Spuren des älte-
ren Lagers zum großen Teil deutlicher als Bewuchsmerk-
male ausgeprägt als die des jüngeren neronischen La-
gers. Eine Erklärung für dieses Phänomen könnte eine
partielle Erosion sein, durch die die betroffenen Bauspu-
ren des neronischen Lagers abgetragen wurden und die
tiefer liegenden Spuren von Straßen und Gebäuden eines
älteren Lagers zum Vorschein kamen.
Die Situation in der Praetentura des neronischen Lagers
scheint etwas besser zu sein. Hier gibt es zwar auch teil-
weise Überschneidungen von mindestens zwei Lagern,
aber die Bauspuren des neronischen Lagers dominieren.
Abgesehen von wenigen großen Baukomplexen zeichnen
sich hier seit neuerem Luftbildbefunde von Mannschafts-
baracken ab, die meistens in Doppelreihen mit der Längs-
seite in Nordsüdrichtung errichtet wurden (Abb. 4, 1). Die
Grundrisse der Kasernen wurden als positive Bewuchs-
merkmale sichtbar; somit steht fest, dass es sich hier wie-
der um Ausbruchgräben der Fundamente handelt. Ur-
sprünglich hatten die Kasernen wohl Steinfundamente mit
aufgehendem Holzlehmfachwerk und vielleicht Ziegeldä-
cher. Im selben Luftbild zeichnen sich weiterhin Details
der neronischen Lagerbefestigung ab. Der Luftbildbefund
befindet sich im Südostbereich des neronischen Lagers,
wobei ein Teil der Südumwehrung ebenfalls abgebildet ist.
Unten im Luftbild sind zwei dunklere Streifen (Abb. 4, 2)
zu sehen, sie markieren den Verlauf der Doppelumweh-
rungsgräben. Nördlich (oben) davon sind Pfostenstellun-
gen (vier Punkte) der Zwischentürme der Umwehrung
(Abb. 4, 3) zu erkennen. Zwischen den jeweiligen Pfos-
tenspuren sind zwei sehr schwache dunklere dünne Strei-
fen, welche die Fundamentgräbchen der Holz-Erde-Mauer
der Umwehrung anzeigen. Hiermit konnten zum ersten
Mal die Stärke der Holz-Erde-Mauser und deren Abstände
zum inneren und äußeren Umwehrungsgraben exakt er-
mittelt werden, da die Grabungsbefunde keine eindeutigen
Angaben lieferten.
Abb. 4: Xanten-Birten (Kr. Wesel). Vetera castra I.
Südostbereich des neronischen Zweilegionenlagers mit
Spuren der Mannschaftsbaracken (1) und der
Lagerumwehrung (2 und 3), aufgenommen von Süden am
29.06.2010
2011 war ein ausgezeichneter Jahrgang für die Luftbildar-
chäologie und eine große Anzahl von neuen Fundstellen
konnten aus der Luft entdeckt werden. Das Jahr begann
mit einem ziemlich trockenen und warmen Frühling; die
Trockenheit dauerte praktisch bis zum Frühsommer an.
Das ist der Zeitraum, in dem sich das Wintergetreide in
den Wachstumsphasen vom Schnellheranwachsen bis zur
Ährenschiebe befindet. Die im nassen Winter 2010/11 im
Boden gespeicherte Feuchtigkeit verringerte sich lang-
sam, aber stetig. Mangels Niederschlägen und aufgrund
der verstärkten Verdunstung durch die relative hohe Tem-
peratur im Frühjahr war der Boden in unserem Gebiet
ziemlich trocken, als die Pflanzen den Höhepunkt ihres
Wasserbedarfs erreichten. Dies führte zu Bewuchsmerk-
malen, die normalerweise überhaupt nicht oder nicht in
solcher Deutlichkeit ausgeprägt wären. Auch als es am
15.05.2011 nach langer Trockenheit wieder regnete,
konnten sich die Pflanzen nur sehr langsam von den
Frühjahrsschäden erholen. Daher waren archäologische
Spuren teilweise fast den ganzen Sommer lang als Be-
wuchsmerkmale mehr oder weniger zu sehen, bis das
Getreide gebietsweise – bedingt durch den Wasserman-
gel – erst Anfang August abgeerntet wurde.
Im Sommer 2008 wurde ein Kreisgraben mit einem
Durchmesser von ca. 32 m bei der Ortschaft Datteln-
Horneburg entdeckt. Drei Jahre später, am 25.05.2011
wurden zwei weitere Kreisgräben jeweils mit Durchmes-
sern von ca. 25 und 30 m in einem Feld östlich davon
beobachtet, wobei der größere Kreisgraben anscheinend
noch einen dünnen Innen-(palisaden-)graben besitzt (Abb.
5).
19
Abbildung 5. Datteln-Horneburg, klare Bewuchsmerkmale
der Kreisgräben, aufgenommen von Süden am
25.05.2011
Hierbei handelt es sich wahrscheinlich um Überreste
ehemaliger Hügelgräber aus der Bronzezeit. Aus geologi-
schen Gründen erschienen hier wohl nur diejenigen Spu-
ren, die sich auf einer für Wasser gut durchlässigen
Sandbank befinden, in deren Umfeld muss man mit weite-
ren, bislang nicht sichtbaren Gräbern rechnen. Nach die-
ser Entdeckung hat es mehrmals geregnet, wodurch sich
die Getreide zum großen Teil von der Frühjahrstrocken-
heit erholen konnten. Daher waren die Spuren der Kreis-
gräben am 02.07.2011 nur noch sehr schwach erkennbar
(Abb. 6).
Abbildung 6. Datteln-Horneburg, schwache Spuren der
Kreisgräben nach kräftigem Regen, aufgenommen von
Süden am 02.07.2011
Erst kurz vor der Ernte konnten wieder deutliche Spuren
in ausgereiften Getreiden am 04.08.2011 dokumentiert
werden (Abb. 7).
Abbildung 7. Datteln-Horneburg, Kreisgräben im
ausgereiften Getreide, aufgenommen von Süden am
04.08.2011
In Zusammenarbeit mit LWL-Archäologie für Westfalen
Münster wurde ein neues Versorgungslager des römi-
schen Militärs der Frühkaiserzeit (Oberaden-Horizont) an
der Lippe in Olfen-Sülsen entdeckt. Schon im Jahr 2010
wurden wir aufgrund römischer Keramikfunde auf das
Fundgebiet aufmerksam. Jedoch aufgrund der ungünsti-
gen Witterungsbedingung und Vegetation blieb die Suche
nach Spuren des Lagers im diesem Jahr ergebnislos. Erst
am 25.05.2011 konnten die ersten Spuren der Nordwest-
lagerecke als positive Bewuchsmerkmale in Triticalefeld
beobachtet werden (Abb. 8). Daraufhin wurde die Fund-
stelle intensiv beflogen, und einige Wochen später er-
schienen auch Bewuchsmerkmale der Nordostumwehrung
mit Spuren des Umwehrungsgrabens und Fundamentgrä-
ben der Holz-Erde-Mauer. Das Luftbild wurde entzerrt und
auf die deutsche Grundkarte projiziert (Abb. 9). Hiermit
konnten die Form und Größe des Lagers bestimmt wer-
den. Bohrungen an der Nordostumwehrung lieferten den
ersten Hinweis auf einen Spitzgraben und deren Tiefe in
der Erde. Der anschließend durchgeführte Grabungs-
schnitt konnte nicht nur den Luftbildbefund und die Boh-
rungsergebnisse bestätigen, sondern förderte auch da-
tierbare römische Funde wie Keramik und Münzen ans
Tageslicht. Gemäß Grabungsbefund ist der Spitzgraben
heute noch ca. 4,1 m breit und 1,6 m tief, die Holz-Erde-
Mauer war 2,2 m dick (Tremmel, 2012)
Abbildung 8. Olfen, Nordwestecke des neu entdeckten
Römerlagers, aufgenommen von Nordwesten am
25.05.2011
20
Abbildung 9. Luftbildplan des Römerlagers von Olfen
Das römische Standlager von Haltern ist eigentlich schon
seit langem in der Forschung bekannt und befindet sich
zum großen Teil unter der heutigen Stadt Haltern. Nur die
Nordwestecke des Lagers ist bislang nicht überbaut. Dank
der Trockenheit im Frühjahr 2011 waren die Doppelgrä-
ben der Nordwestumwehrung des Hauptlagers am
15.05.2011 zum ersten Mal sichtbar. Nicht weit westlich
davon wurden Spuren eines bereits untersuch-
ten Marschlagers, bekannt als Feldlager, und eines neuen
Marschlagers dokumentiert. Etwa einen halben Monat
später wurden die Spuren des Hauptlagers noch deutli-
cher, so dass die Pfostenspuren der Holz-Erde-Mauer auf
Luftbildern aufgenommen werden konnten (Abb. 10).
Abbildung 10. Haltern, Luftbild der Nordwestecke des
römischen Standlagers, aufgenommen von Norden am
25.05.2011
Abbildung 11. Luftbildplan der Nordwestecke des
römischen Standlagers von Haltern
Die Erdbrücke der Umwehrungsgräben konnte als das
Nordtor identifiziert werden. Weitere Bewuchsmerkmale
innerhalb der Umwehrung deuten auf Lagerinnenbauten
und wohl auch einen Umwehrungsgraben eines weiteren
Lagers hin. Nachdem die DGK5000 auf das georeferen-
zierte Luftbild projiziert wurde, ist es ersichtlich, dass das
Nordtor an einer Anhöhe errichtet worden war, und dies
dürfte kein Zufall gewesen sein (Abb. 11).
Im Auftrag der LWL-Archäologie für Westfalen wurde die
Motte "Schwatte Borg" südlich von Dorsten-Rhade am
02.06.2011 als Bewuchsmerkmale dokumentiert. Die An-
lage schien bereits völlig eingeebnet und ursprünglich mit
dreifachen Gräben umgeben gewesen zu sein. Rund um
die Gräben sind Spuren weiterer Bauten ebenfalls als
positive und negative Bewuchsmerkmale sichtbar (Abb.
12). Erst bei dem Nachprüfungsflug am 10.02.2012 wurde
durch Schattenmerkmale festgestellt, dass diese Motte
teilweise noch oberirdisch im Bodenrelief erhalten ist und
nur zweifache Gräben besaß (Abb. 13). Dieser Befund
liefert uns wichtige Erfahrung für die Luftbildinterpretation
von teilweise bzw. völlig eingeebneten Grabensystemen.
Abbildung 12. Dorsten-Rhade, die Motte "Schwatte Borg"
als Bewuchsmerkmale, aufgenommen von Osten am
02.06.2011
21
Abbildung 13. Dorsten-Rhade, die Motte "Schwatte Borg"
als Schattenmerkmal, aufgenommen von Nordosten am
10.02.2012
Der mittelalterliche Turmhügel "Fuchsspitze" unmittelbar
am Südufer der Lippe und der etwas höher, auf der Fluss-
terrasse liegende Ringwall "Burgstätte", sind schon seit
rund 150 Jahren in der Forschung bekannt. Zunächst ging
man von einem römischen Ursprung der Anlagen aus, bis
Prof. Albert Baum (1862-1934), der Leiter des von ihm