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Andrea Schallenberg, Spiel mit Grenzen. Zur Geschlechterdifferenz in mittelhochdeutschen Verserzählungen

Andrea Schallenberg, Spiel mit Grenzen. Zur Geschlechterdifferenz in mittel-
hochdeutschen Verserzählungen. (Deutsche Literatur. Studien und Quellen 7)
Akademie Verlag, Berlin 2012. 474 S., 99,80.
Von allen mittelalterlichen Texttypen zeichnet sich vor allem die Märendichtung dadurch aus,
dass in ihr Ordnungsmuster thematisiert und häufig auch in Frage gestellt werden, die das hierar-
chische Verhältnis zwischen Männern und Frauen regeln sollen. Davon jedenfalls geht die Ver-
fasserin der Bonner Dissertation zur Geschlechterdifferenz in mittelhochdeutschen Verserzählun-
gen aus. Sie legt ihrer Arbeit die These zugrunde, dass Gattungsmerkmale und Merkmale der
Geschlechterverhältnisse in den von ihr untersuchten Mären untrennbar miteinander verflochten
sind, dass sich also ein für die Mären spezifischer Darstellungsmodus der Geschlechterdifferenz
[finden lässt], welcher i. w. S. als poetologisches Merkmal des Genres geltend gemacht werden
kann(S. 405). Um diesem besonderen Darstellungsmodus auf die Spur zu kommen, führt sie an
den drei Themenfeldern Körperzeichen,Hierarchienund Entgrenzungen(Kap. 24) vor,
auf welche Weise beim Aufeinanderprallen der Interessen, Bedürfnisse und Begehren von Män-
nern und Frauen Handlungsfähigkeit verneint oder zugestanden wird und wie sowohl im Hand-
lungsverlauf als auch in den Pro- und Epimythien immer wieder Ambivalenzen in der Bewertung
des Figurenverhaltens aufscheinen. In ihrer Untersuchung setzt die Autorin eine relativ große
Anzahl von Texten vergleichend zueinander in Beziehung und bezieht in ihre Interpretationen
unter Rückgriff auf die Forschungstradition sowohl vormoderne nicht-fiktionale Diskurse als auch
moderne kulturtheoretische Modelle mit ein. Andrea Schallenberg legt damit die erste breit ange-
legte Studie zur Geschlechterthematik in einem ausgedehnten Korpus mittelhochdeutscher Verser-
zählungen vor, die dezidiert sowohl literatur- als auch kulturwissenschaftlich ausgerichtet ist.
Gegenstand des ersten Kapitels ist der in den Erzählungen thematisierte Gegensatz von
Naturund Kultur. Am Beispiel mehrerer Mären über die gewalttätige Erziehung von wider-
spenstigen Frauen durch ihre Ehemänner erläutert die Autorin, wie Naturhaftigkeit weiblich
konnotiert, abgewertet und einem männlichen Kulturideal untergeordnet wird. Sodann zeigt
die Autorin, wie in der Märendichtung verschiedene Möglichkeiten entwickelt werden, nackte
Körper mit Bedeutung zu versehen. Während der männliche Körper per se als Bedeutungsträger
fungiere, dessen Anblick weitreichende Schlüsse über Identität und Status der entblößten Per-
son zulasse, sei der weibliche Körper nur dann lesbar, wenn ihm Informationen von männ-
licher Seite aufgemalt oder eingeschrieben würden. Im nächsten Kapitel wendet sich die Auto-
rin dem Zusammenhang von Geschlecht und Stand zu. Im Vordergrund steht die Frage, was
geschieht, wenn verschiedene Formen von Zugehörigkeit miteinander überkreuzt werden. Ein
Ergebnis lautet, dass die soziale Mobilität von Frauen häufig durch den Verlust der Jungfräulich-
keit oder die Veränderung des Familienstandes bedingt sei. Im Mittelpunkt der folgenden Ausfüh-
rungen steht der Konnex Geschlecht und Ökonomie. Unterschieden wird im Zusammenhang mit
Liebesgaben und käuflichem Sex zwischen einem feudal-archaischen, einem höfischen und ei-
nem pekuniären Gabendiskurs. Letzterer finde sich vor allem in den Mären des Spätmittelalters
und könne in dieser Zeit auch vermehrt von Frauen genutzt werden. Als explizit anökonomisch
(S. 235) werden schließlich Verausgabung und vollständige Hingabe an einen Liebespartner be-
zeichnet. Anökonomischer Gabentransfer, so die Autorin, beseitige Differenzen und destabilisiere
die Hierarchie der Geschlechterstrukturen. Im vorletzten Kapitel geht es darum, wie Fälle von
männlichem und weiblichem Cross-Dressing zu bedeutenden Störungen der normativen Ordnung
führen oder aber die anfänglich aus den Fugen geratene Ordnung überhaupt erst herstellen. Im
letzten Kapitel schließlich werden Erzählungen über männliche Schwangerschaften und weibli-
chen Waffenkampf interpretiert.
DOI 10.1515/arb-2013-0067 Arbitrium 2013; (31)3: 295296
Bereitgestellt von | Freie Universität Berlin
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Problematisch ist an dieser Doktorarbeit das Forschungsdesign. Dass die Systematik an man-
chen Stellen ein wenig nachlässig ist, wird bereits im Inhaltsverzeichnis sichtbar, wenn als Kapi-
telüberschriften auf gleicher Ebene nebeneinander Märentitel (Aristoteles und Phyllis) und inhalt-
lich-analytische Überschriften („‚Reitenals erotisches Motiv) platziert werden. Hier wäre ein
einheitlicheres Vorgehen der Stringenz der Argumentation zuträglich gewesen. Zudem erweist es
sich als schwierig, gattungsspezifische Charakteristika der Inszenierung von Geschlechterdiffe-
renzen in den mittelalterlichen Kurzerzählungen auszumachen und zu bewerten, so lange der
Vergleich mit Erzählweisen anderer Texttypen ausbleibt. Programmatisch für die Vagheit der Ge-
samtergebnisse ist dementsprechend folgende abschließende Bemerkung: Vorherrschend ist []
der Befund, dass nahezu alle der untersuchten Verserzählungen ein komplexes narratives Gefüge
aufweisen, welches den Fokus immer wieder auf Uneindeutigkeiten, Ambivalenzen und Poly-
valenzen im Verhältnis der Geschlechter lenkt, welches eher dazu angetan ist, Probleme kritisch
zu beleuchten und Fragen aufzuwerfen, als Fragen zu beantworten und normierend zu wirken
(S. 409). Nun trifft aber dieser Befund auf den Artusroman, die Heldenepik oder den Minnesang
ebenso zu. Was macht das Besondere der deutschen Kurzerzählungen im Hinblick auf den Um-
gang mit Geschlechterdifferenzen aus? Die Untersuchung beansprucht für sich, eine Antwort auf
diese Frage zu geben.
1
Die Anlage der Arbeit aber sieht eine solche Antwort im Grunde nicht vor.
Äußerst erhellend sind hingegen die Erkenntnisse, die die Studie aus dem Vergleich ver-
schiedener Erzählungen unter einem bestimmten Gesichtspunkt über die jeweiligen Besonder-
heiten der Einzeltexte gewinnt beispielsweise über die ganz unterschiedlichen Implikationen
von Nacktheit in zwei Texten des Strickers und in der anonym überlieferten Erzählung Der
Ritter im Hemde. Das besondere Verdienst der Untersuchung jedoch liegt darin, dass sie be-
herzt Schneisen schlägt durch die Vielzahl bereits erprobter Interpretationsansätze zur Deutung
der Geschlechterbeziehungen in der Märendichtung, diese neu gruppiert und aus ihrer themati-
schen Schwerpunktsetzung neue Perspektiven sowohl auf die jeweiligen Texte als auch auf das
übergeordnete Thema eröffnet. An dem hier vorgelegten Systematisierungsvorschlag, der Er-
kenntnisse der Mären- wie auch der Genderforschung miteinander verbindet, wird in Zukunft
für alle, die sich mit dem Thema der Geschlechterdifferenz in den mittelhochdeutschen Verser-
zählungen beschäftigen, kein Weg vorbeiführen.
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Astrid Lembke: Humboldt-Universität Berlin, Institut für deutsche Literatur, Unter den Linden 6,
D-10099 Berlin, E-Mail: astrid.lembke@hu-berlin.de
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Wigamur. Kritische Edition Übersetzung Kommentar. Hg. von Nathanael
Busch. de Gruyter, Berlin New York 2009. IV/344 S., 99,95.
Die Neuausgabe des Wigamur stellt sich in eine Reihe existierender Ausgaben,
die alle mit vergleichsweise wenigen textkritischen Eingriffen einen Abdruck
DOI 10.1515/arb-2013-0065 Arbitrium 2013; (31)3: 296300
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1Der Verfasserin zufolge soll ausgelotet werden, ob die ermittelten Geschlechterdarstellun-
gen mit spezifischen poetologischen Merkmalen des Texttyps, i w. S. der literarischen Gattung,
korrelieren und in ihrer eigentümlichen Ausprägung durch diese beeinflusst sind(S. 11f.).
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