ArticlePDF Available

Wie viele Menschen sind schwerhörig?

Authors:
  • Jade University of Applied Sciences, Oldenburg
Article

Wie viele Menschen sind schwerhörig?

61
EPIDEMIOLOGIE
Einleitung
Der Hörstatus Deutschlands, welcher den
Zustand des Hörvermögens der Deutschen be-
schreibt, wird derzeit immer noch auf Basis der
Studie des Deutschen Grünen Kreuzes von v. Sta-
ckelberg (1986) abgeschätzt. Hier wurde ermittelt,
dass 26,8 Prozent der Bundesbürger schwerhörig
waren. Aktuellere Zahlen zur Verbreitung von
Schwerhörigkeit in Deutschland basieren entwe-
der auf nicht-repräsentativen Untersuchungen oder
auf Befragungen zur subjektiven Einschätzung des
Hörvermögens. Erst in letzter Zeit wurden neue
Initiativen gestartet (Hoffmann, 2008, 2009).
Dieser Artikel basiert auf der Diplomarbeit
der Erstautorin (Heger, 2008) am Institut für Hör-
technik und Audiologie in Oldenburg. Das Ziel
der Arbeit war die Entwicklung eines Konzeptes
für eine repräsentative Untersuchung an einer
Stichprobe von Einwohnern in Oldenburg und
Emden zur Erfassung der aktuellen Quote schwer-
höriger Menschen in Deutschland. In diesem
Rahmen wurden mehrere Studien zum Anteil der
Schwerhörigkeit an der Bevölkerung analysiert. Im
Folgenden werden zunächst anerkannte Klassifi-
kationsmodelle für die Schwerhörigkeitsgradein-
teilung bzw. Unterscheidung zwischen normalem
Hörvermögen und Schwerhörigkeit vorgestellt.
Dabei bleibt die Darstellung auf die Tonaudiome-
trie beschränkt, die bei den meisten Studien zum
Einsatz kommt. Die ebenfalls zur Beurteilung einer
Schwerhörigkeit wichtige Sprachaudiometrie wird
dagegen nicht berücksichtigt, da sie den hier zur
Verfügung stehenden Rahmen sprengen würde.
Einen großen Anteil nehmen dagegen die Aus-
wahl der Probanden, die Erhebungsinstrumente
und die Studienergebnisse ein.
Tonaudiometrie
Die Durchführung der Tonaudiometrie ist in
der internationalen Norm DIN ISO 8253-1 »Audio-
metrische Prüfverfahren. Teil 1: Grundlegende
Verfahren der Luft- und Knochenleitungs-Schwel-
lenaudiometrie mit reinen Tönen« (Deutsche Elek-
trotechnische Kommission, 1992) beschrieben. Bei
dem Standardverfahren werden Sinustöne der
Frequenzen von 125 Hz bis 8 kHz im Oktavab-
stand und evtl. noch zusätzlich die Frequenzen
750 Hz, 1500, 3000 und 600 kHz verwendet. In
ansteigenden 5 dB-Schritten werden die Sinustöne
mit einer Dauer von ein bis zwei Sekunden darge-
boten, bis der Patient bzw. Proband die Wahrneh-
mung signalisiert. Die so erhaltene Hörschwelle
in dB HL kann über Kopfhörer (Luftleitung) oder
mit einem Knochenleitungsgeber (Knochenleitung)
ermittelt werden.
Die Screening-Audiometrie dient der schnel-
len Selektion schwerhöriger Personen, ohne
das Ziel zu haben, eine genaue Hörschwelle
zu ermitteln. Die Prüftöne sind bei den frei
wählbaren Screening-Pegeln für den Proban-
den entweder hörbar oder nicht. Hiermit kann
nur gezeigt werden, ob die Hörschwelle höher,
gleich oder niedriger als der Screening-Pegel ist.
Die Vorgehensweise bei der Screening-Audio-
metrie wird in DIN ISO 8253-1 folgendermaßen
beschrieben: Um zu überprüfen, ob der Proband
die Anweisungen verstanden hat, wird zunächst
ein 1000 Hz-Ton bei 40 dB HL dargeboten, da
angenommen wird, dass dieser Ton deutlich
überschwellig ist. Soll bei mehreren Frequenzen
getestet werden, wird bei 1000 Hz beginnend
in aufsteigender Reihenfolge weitergetestet
und dann in absteigender Reihenfolge bei den
Frequenzen unterhalb von 1000 Hz. Der auf den
erforderlichen Screening-Pegel eingestellte Prüf-
ton wird zweimal je ein bis zwei Sekunden lang,
mit einer Pause von drei bis fünf Sekunden, dar-
geboten. Die Prüfung gilt bei einer Frequenz als
bestanden, wenn beide Töne wahrgenommen
werden. Wurde nur ein Ton gehört, wird der
Ton ein drittes Mal vorgespielt. Das Screening
gilt als bestanden, wenn die Töne insgesamt
zweimal gehört wurden.
Wie viele Menschen sind schwerhörig?
Viele Artikel über den deutschen und weltweiten Hörgerätemarkt geben eine Zahl für den Anteil an schwerhörigen
Personen in der Gesamtbevölkerung an und prognostizieren daraus die gewünschten Verkaufszahlen. Dabei werden die
oft von anderen Autoren übernommenen Zahlen häufig nicht kritisch hinterfragt. In Deutschland wird in der Regel auf die
Studie des Deutschen Grünen Kreuzes (v. Stackelberg, 1986) verwiesen, die jedoch aufgrund der verwendeten Auswer-
temethodik nicht mit anderen internationalen Studien verglichen werden kann. Legt man die Klassifikation von Schwer-
hörigkeitsgraden der World Health Organization (2001) zugrunde, so muss von einem Anteil von ca. 14 Millionen Bundes-
bürgern mit einer Schwerhörigkeit ausgegangen werden. Dieses Kriterium stimmt jedoch nicht mit der Festlegung einer
versorgungsbedürftigen Schwerhörigkeit nach den Hilfsmittelrichtlinien (Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen,
2005) überein.
Die deutsche Fassung der internationalen
Norm DIN EN ISO 7029 (Deutsche Elektrotech-
nische Kommission, 2001) beinhaltet die stati-
stischen Beschreibungen der Hörschwellenab-
weichungen von otologisch normalen Personen
unterschiedlichen Alters und Geschlechts. Otolo-
gisch normale Personen haben einen normalen
Gesundheitszustand, keine bekannten Ohrerkran-
kungen, keinen Cerumenverschluss und standen
bisher nicht übermäßig unter Lärmeinwirkung. Die
Hörschwellenabweichung ist dabei definiert als
die »Hörschwelle einer Person minus dem Median-
wert der Hörschwelle einer Bevölkerungsgruppe
von 18-jährigen otologisch normalen Personen
gleichen Geschlechts« (DIN EN ISO 7029, S. 3).
Es findet ein Vergleich mit einer Normhörschwelle
statt, die aus tonaudiometrischen Messungen
einer Gruppe von 18-jährigen Personen ermittelt
wurde, wobei bei jeder aufgeführten Frequenz
50 Prozent der Personen schlechter und 50 Prozent
besser gehört haben (Medianwertbildung). Neben
dem Medianwert der Hörschwellenabweichungen
von otologisch normalen Männern und Frauen
verschiedenen Alters gibt die Norm die Vertei-
lung um den Medianwert an. Die für diese Norm
erforderlichen Daten stammen aus verschiedenen
Studien, die zwischen 1959 und 1976 durchgeführt
wurden.
Obwohl eine zunehmende Hörschwellenabwei-
chung mit ansteigendem Alter als normal ange-
sehen werden kann, können Personen, die eine
altersgemäße Hörschwelle aufweisen, nicht immer
als normalhörend bezeichnet werden. Dazu bedarf
es einer vom Alter unabhängigen Definition der
Begriffe »normalhörend« und »schwerhörig«.
Definition des Begriffs
»Schwerhörigkeit«
Wird die Luftleitungshörschwelle aus dem
Tonaudiogramm als Grundlage für die Bestim-
mung einer Schwerhörigkeit und deren Grad
Wie viele Menschen sind schwerhörig? – Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70
62
EPIDEMIOLOGIE
Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70 – Heger/Holube
verwendet, kann auf zwei verschiedene Arten
vorgegangen werden. Entweder ist ein über
mehrere Frequenzen gemittelter Hörverlust aus-
schlaggebend für den Grad der Schwerhörigkeit
(siehe Klassifikation der World Health Organi-
zation (WHO) und Schwerhörigkeitsgrade nach
der Europäischen Kommission) oder es wird der
Hörverlust bei bestimmten einzelnen Frequenzen
genutzt (siehe Hilfsmittelrichtlinien und Königstei-
ner Merkblatt).
Die WHO (World Health Organization, 2001)
bezeichnet einen Erwachsenen als schwerhörig,
wenn er im Mittel auf dem besser hörenden Ohr
bei den Frequenzen 500, 1000, 2000 und 4000 Hz
(M4) einen bleibenden Hörverlust von mindestens
26 dB HL aufweist (BEHL: Better Ear Hearing
Loss, siehe Tab. 1). Vor 1997 wurden zur Berech-
nung des Schwerhörigkeitgrades von der WHO
nur die Frequenzen 500, 1000 und 2000 Hz (M3)
herangezogen (World Health Organization, 1991).
In Tab. 2 ist die Einteilung der Schwerhörig-
keitsgrade der Europäischen Kommission darge-
stellt (Martini, 1996). Auch hier ist der BEHL bei
den Frequenzen 500, 1000, 2000 und 4000 Hz
ausschlaggebend. Im Gegensatz zur WHO-Klassi-
fikation wird schon bei einem gemittelten BEHL
von mindestens 21 dB von einer Schwerhörigkeit
ausgegangen.
Die deutschen Hilfsmittelrichtlinien (Bundes-
ausschuss der Ärzte und Krankenkassen, 2005)
legen u. a. fest, wann die Schwerhörigkeit einer
Person ausgeprägt genug ist, damit von einem
HNO-Arzt Hörhilfen verordnet werden können.
Hiernach muss der tonaudiometrische Hörver-
Liegt nur eine einseitige Schwerhörigkeit vor,
lautet die Bedingung für eine Verordnung, dass
der tonaudiometrische Hörverlust entweder bei
2000 Hz mindestens 30 dB HL beträgt oder dies
bei mindestens zwei Prüffrequenzen zwischen
500 und 3000 Hz der Fall ist. Gleichzeitig ist
eine Hörhilfenverordnung nur zulässig, wenn die
Verstehensquote für einsilbige Wörter mit dem
Freiburger Sprachtest auf dem besser hörenden
Ohr bei 65 dB nicht größer als 80 Prozent ist (bei
Überprüfung mit Kopfhörern).
Das Königsteiner Merkblatt (Brusis, 1999a,b)
dient in erster Linie der Begutachtung von Lärm-
schwerhörigkeit. Es soll ein Zusammenhang
zwischen einem vorhandenen Schwerhörigkeits-
grad und der beruflichen Lärmbelastung ei-
ner Person aufgestellt und die Minderung der
Erwerbsfähigkeit (MdE) eingeschätzt werden.
Weiterhin dient das Königsteiner Merkblatt als
Empfehlung für die Beurteilung aller Formen von
Schwerhörigkeit einschließlich Taubheit. Um den
Grad der Schwerhörigkeit zu bestimmen, wird
zunächst ein prozentualer Hörverlust mit Hilfe
des Tonaudiogramms ermittelt (Böhme und Welzl-
Müller, 2005). Bei einem regelmäßigen Verlauf der
Hörschwelle über alle gemessenen Frequenzen
kann der prozentuale Hörverlust direkt in einer
Tabelle, die die Hörschwellen bei 1000 und
3000 Hz berücksichtigt, abgelesen werden. Bei
einem unregelmäßigen Hörschwellenverlauf lässt
sich der prozentuale Hörverlust berechnen, indem
der Tonhörverlust in dB bei den Frequenzen 500,
1000, 2000 und 4000 Hz genutzt wird. Bei jeder
dieser Frequenzen kann anhand einer weiteren
Tabelle ein prozentualer Hörverlust abgelesen
werden. Für das Gesamtergebnis werden die
Werte addiert. Den hieraus resultierenden Grad
der Schwerhörigkeit zeigt Tab. 3. Der prozentuale
Hörverlust kann auch mit Hilfe des Freiburger
Sprachtests ermittelt werden.
Schwerhörigkeitsgrad BEHL (dB HL) Qualitative Beschreibung
0
Keine Beeinträchtigung
(No impairment)
≤ 25
keine oder sehr geringe Schwerhörigkeit
1
Geringe Beeinträchtigung
(Slight impairment)
26 – 40
Sprache mit normaler Stimme kann in 1 m
Entfernung verstanden und wiederholt werden
2
Mittlere Beeinträchtigung
(Moderate impairment)
41 – 60
Sprache mit erhobener Stimme kann in 1 m
Entfernung verstanden und wiederholt werden
3
Starke Beeinträchtigung
(Severe impairment)
61 – 80
einige Wörter werden verstanden, wenn sie in
das bessere Ohr geschrien werden
4
Hochgradige Beeinträchtigung
inklusive Taubheit (Profound
impairment including deafness)
≥ 81
nicht einmal geschriene Sprache
wird verstanden
Hörverlust ( Prozent) Gradeinteilung
0 normales Hörvermögen
10 annähernd normales Hörvermögen
20 annähernd geringgradige Schwerhörigkeit
30 geringgradige Schwerhörigkeit
40 gering- bis mittelgradige Schwerhörigkeit
50 mittelgradige Schwerhörigkeit
60 mittel- bis hochgradige Schwerhörigkeit
70 hochgradige Schwerhörigkeit
80 hochgradige bis an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit
90 an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit
100 Taubheit
Schwerhörigkeitsgrad BEHL (dB HL)
normal (normal) ≤ 20
geringgradig (mild) 21 – 39
mittelgradig (moderate) 40 – 69
hochgradig (severe) 70 – 94 dB
an Taubheit grenzend (profound) ≥ 95
Tab. 1: Schwerhörigkeitsgrade nach Einteilung der WHO von 2001 (übersetzt aus dem Englischen).
Der BEHL berechnet sich aus dem Mittelwert der Hörschwellen bei den Frequenzen 500, 1000, 2000
und 4000 Hz für das bessere Ohr.
Tab. 2: Schwerhörigkeitsgrade nach Einteilung
der Europäischen Kommission von 1996 (über-
setzt aus dem Englischen). Der BEHL berechnet
sich aus dem Mittelwert der Hörschwellen bei
den Frequenzen 500, 1000, 2000 und 4000 Hz
für das bessere Ohr.
Tab. 3: Prozentualer Hörverlust und Grad der Hörschädigung nach dem Königsteiner Merkblatt
(Quelle: Böhme und Welzl-Müller, 2005).
lust bei mindestens einer der Prüffrequenzen
zwischen 500 und 3000 Hz auf dem besser
hörenden Ohr mindestens 30 dB HL betragen.
63
Wie viele Menschen sind schwerhörig? – Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70
Auswahl von Probanden
Um eine Studie zur Erfassung der Verbreitung
von Schwerhörigkeit durchzuführen, die Ergeb-
nisse über eine ganze Bevölkerungspopulation
liefert, kann keine Totalerhebung vorgenommen
werden. Bei Totalerhebungen (auch Vollerhe-
bungen genannt) würden alle Personen, für die die
Ergebnisse gelten sollen (die sogenannte Grund-
gesamtheit) untersucht werden. Die Untersuchung
von beispielsweise etwa 82 Millionen Deutschen
wäre zu zeitaufwendig, was Einbußen in der Ak-
tualität der Ergebnisse mit sich brächte und mit
unangemessen hohen Kosten verbunden wäre.
Aus diesen Gründen werden für viele Studien
Teilerhebungen durchgeführt. Von dem Ergebnis
der Teilmenge wird auf das Ergebnis der Grund-
gesamtheit geschlossen. Eine Teilerhebung wird
Stichprobe genannt, wenn die Elemente der
Teilmenge durch Regeln bestimmt werden, die
vor der Untersuchung festgelegt wurden. Zufalls-
stichproben basieren auf Regeln der Wahrschein-
lichkeitsrechnung.
Einfache Zufallsstichproben zeichnen sich
durch dieselbe Wahrscheinlichkeit aus, die jedes
Element der Grundgesamtheit hat, um in die
Stichprobe zu kommen. Wie der Name schon
aussagt, wird die Stichprobe zufällig (z. B. mit
Hilfe des Ziehens einer Kugel aus einer Urne) aus
der bekannten Grundgesamtheit ausgewählt. Für
größere Grundgesamtheiten kann die Auswahl
der Stichprobe mit Verfahren erfolgen, die auf Zu-
fallszahlentabellen basieren. Um eine gewünschte
Anzahl von Probanden zufällig auszuwählen, ist
die Anwendung eines systematischen Zufallsaus-
wahlverfahrens möglich, wofür die Voraussetzung
das Vorliegen eines Verzeichnisses möglicher
Probanden ist. Hierbei wird nur das erste Element
mit Hilfe einer Zufallszahl gewählt und das Ver-
zeichnis dann in gleich großen Schritten (je nach
gewünschter Probandenanzahl) abgeschritten,
um damit die restlichen Stichprobenelemente
auszuwählen. Das »Buchstabenverfahren« (basie-
rend auf Buchstaben in den Namen der Personen,
die zur Wahl stehen) und das »Geburtstagsaus-
wahlverfahre stellen weitere systematische
Auswahlverfahren dar.
Klumpenstichproben sind dadurch gekenn-
zeichnet, dass sich alle Untersuchungsteilnehmer
in zufällig ausgewählten »Klumpen« befinden, die
aus Teilmengen der Grundgesamtheit bestehen.
Würden z. B. zufällig drei Städte Deutschlands
ausgewählt und deren Bewohner untersucht wer-
den, würde dies eine Klumpenstichprobe aus der
Grundgesamtheit aller Bewohner Deutschlands
darstellen.
Elemente der Grundgesamtheit können so
in Gruppen oder Schichten eingeteilt werden,
dass jedes Element zu einer Schicht gehört und
aus jeder dieser Schichten eine Zufallsstichprobe
gezogen wird. Dieses Auswahlverfahren wird
»geschichtete Zufallsstichprobe« genannt. Schich-
tungskriterien sind oft untersuchungsrelevante
Merkmale (Merkmale: zu erfassende Messgrößen).
Proportional geschichtete Stichproben weisen die
gleiche prozentuale Verteilung der Schichtungs-
merkmale in der Stichprobe auf, wie sie in der
Grundgesamtheit vorherrscht.
Insbesondere für Untersuchungen, deren
Grundgesamtheit eine Landesbevölkerung ist,
sind komplexere Verfahren als die bereits er-
wähnten notwendig. Hier werden mehrstufige
Auswahlverfahren verwendet, die aus mehreren
nacheinander durchgeführten Zufallsstichproben
bestehen. Dabei stellt die jeweils entstandene
Stichprobe die Grundlage für die folgende Zu-
fallsstichprobe dar. Ein Beispiel hierfür stellt das
Auswahlverfahren von v. Stackelberg (1986) dar.
Daneben gibt es Auswahlverfahren, die nicht
auf einem Zufallsprozess basieren. Hierzu zählen
die »willkürliche Auswahl« und die »bewusste
Auswahl«. Bei der »willkürlichen Auswahl« gibt
es keinen Auswahlplan, so dass es ganz im
Ermessen des Auswählenden liegt, welche Ele-
mente in die Stichprobe kommen. Werden z. B.
alle Besucher einer Praxis an einem bestimmten
Erhebungstag untersucht, liegt eine »willkürliche
Auswahl« vor, die in diesem Fall auch »anfallende«
oder »ad hoc«-Stichprobe genannt wird. Vor deren
Anwendung muss gewarnt werden, da sich die
Schlüsse, die aus Untersuchungen mit solchen
Stichproben gezogen werden, nicht ohne weiteres
auf die Grundgesamtheit übertragen lassen und
damit wertlos sind.
»Bewusste Auswahlen« werden nach festen
Regeln getroffen. Die Regeln können zur Selek-
tion derjenigen Fälle führen, die bezüglich eines
bestimmten Merkmals eine extreme oder typische
Ausprägung besitzen (Auswahl extremer bzw.
typischer Fälle). Bei der »Auswahl nach dem
Konzentrationsprinzip« werden nur Fälle ausge-
wählt, bei denen ein interessierendes Merkmal
so stark ausgeprägt ist, dass diese Fälle beinahe
die gesamte Verbreitung in der Grundgesamt-
heit bestimmen. »Schneeball-Verfahren« werden
bewusste Auswahlen genannt, bei denen aus
der Auswahl eines Elementes die Auswahl eines
anderen Elementes folgt. Als letztes bewusstes
Auswahlverfahren sei das »Quota-Verfahren« (auch
Quotenauswahlverfahren) genannt. Weder für die
willkürliche noch für die bewusste Auswahl ist die
Anwendung inferenzstatistischer Techniken mög-
lich. Das heißt, dass Fehler, die beim Schluss von
der Stichprobe auf die Grundgesamtheit entstehen,
nicht berechenbar sind (Bortz, 1999; Bortz und
Lienert, 2003; Kuß, 2004; Schnell et al., 2005).
Repräsentativität
Zur Bestimmung des Anteils der schwerhö-
rigen Personen in einer Population ist eine reprä-
sentative Untersuchung notwendig. Kennzeich-
nend für Repräsentativität ist, dass »die Stichprobe
im Hinblick auf alle betrachteten Merkmale ein
unverzerrtes Abbild der Verteilung dieser Merk-
male in der jeweiligen Grundgesamtheit darstellt«
(Kuß, 2004). Schnell et al. (2005) sind der Meinung,
dass diese Anforderung an eine Stichprobe, ein
kleines Abbild des Ganzen zu sein, einzig durch
ihre zufällige Auswahl erreichbar ist. Eine reprä-
sentative Auswahl sei synonym zu einer Zufalls-
auswahl. Da der Begriff Repräsentativität in der
Praxis jedoch vielfach auch für eine Vielzahl von
Stichprobenuntersuchungen verwendet wird, die
nicht auf einer Zufallsauswahl basieren, sei seine
Verwendung nach wissenschaftlichen Kriterien
ungenau und unnötig.
Ein Widerspruch in der Definition bzw. Wort-
umschreibung des Begriffs „Repräsentativität“
im vorherigen Absatz kann durch ein einfaches
Beispiel verdeutlicht werden: Würde aus einer
Krankenhausdatei willkürlich eine Auswahl von
Personen getroffen werden, die in ihren Proporti-
onen genau einer Grundgesamtheit entsprächen,
würde diese Auswahl noch lange nicht repräsen-
tativ sein, da die Bedeutung der Tatsache, dass
die ausgewählten Personen aus bestimmten
Gründen in die Krankenhausdatei gelangten, zu
berücksichtigen ist.
Auch in anderen wissenschaftlichen Arbeiten
wird die Notwendigkeit des Begriffs Repräsentati-
vität angezweifelt: »Repräsentativität ist ein schil-
lernder Begriff, der häufig verwendet wird, obwohl
ziemlich unklar ist, was er zum Inhalt hat« (Lippe
und Kladroba, 2002). Repräsentativität stehe in
einer widersprüchlichen Beziehung zu theoretisch
fundierten statistischen Qualitätskriterien, denn
im Gegensatz zu Schnell et al. (2005) wird betont,
dass eine Zufallsstichprobe nicht repräsentativ für
eine Grundgesamtheit sein muss, sondern es nur
zufälligerweise sein kann. Für eine durch eine
Quotenauswahl erzeugte »repräsentative« Stich-
probe können keine mathematischen Aussagen
bezüglich Fehlerhaftigkeit getroffen werden. Spe-
zielle Tests zur Überprüfung von Repräsentativität,
wie der Chi-Quadrat-Test, könnten nur für zufällige
Stichproben verwendet werden.
Ein Beweis dafür, dass bestimmte Merkmale
in der Grundgesamtheit ebenso oft wie in der
EPIDEMIOLOGIE
64
Stichprobe vorkommen, reiche nicht aus, um
nachzuweisen, dass die Stichprobe alle interessie-
renden Merkmale in der richtigen Häufigkeit wie-
dergibt. Nur wenn alle anderen Merkmale in den
so gebildeten Schichten völlig einheitlich wären
(was für große Grundgesamtheiten ausschließbar
ist), könnte hiervon ausgegangen werden (Schnell
et al., 2005). Eine oder mehrere Städte aufgrund
ihrer für das ganze Land repräsentativen Eigen-
schaften bewusst für Erhebungen auszuwählen,
ist somit im Grunde nicht möglich bzw. führt zu
verzerrten Ergebnissen.
In der Praxis finden diese Ansichten von
Schnell et al. (2005) und Kladroba und Lippe (2002)
nicht immer Beachtung. Ist eine Teilgesamtheit,
aus der die Stichprobe gezogen werden soll, nicht
repräsentativ für die Grundgesamtheit, wird hie-
raus eine bewusste Probandenauswahl an Stelle
einer Zufallsauswahl getroffen. Die Zufallsauswahl
wird oft erst verwendet, wenn von einer repräsen-
tativen Teilgesamtheit auszugehen ist. Bei den
meisten im Folgenden beschriebenen Studien zur
Erfassung der Verbreitung von Schwerhörigkeit
wurden zunächst für das Land repräsentative
Städte oder Provinzen für die Teilerhebung ausge-
wählt. Worauf diese Annahmen einer repräsenta-
tiven Stadt oder Provinz basieren, wird leider nicht
weiter erläutert. Hier kann nur vermutet werden,
dass bestimmte Merkmalsverteilungen ähnlich
oder gleich denen in der Grundgesamtheit wa-
ren. Nur in der Untersuchung von v. Stackelberg
(1986) wurde eine rein auf dem Zufall basierende
Probandenauswahl getroffen. Durch das mehr-
stufige Auswahlverfahren wurden unabhängig
von Merkmalsverteilungen Personen aus allen
Teilen Deutschlands bei der Probandenauswahl
berücksichtigt.
Untersuchungen zur Verteilung
von Schwerhörigkeit
Die im Folgenden vorgestellten Querschnittstu-
dien zur Erfassung des Hörstatus in verschiedenen
Ländern geben einen Überblick über mögliche
Vorgehensweisen bei Erhebungen für diesen
Zweck. Erläutert werden jeweils die Probanden-
auswahl, die Erhebungsinstrumente und die Stu-
dienergebnisse. Auf die große norwegische Studie
von Tambs et al. (2003, 2006) wird nicht näher
eingegangen, da dort die Gesamtbevölkerung und
keine Stichprobe zu Untersuchungen eingeladen
wurde und vor allem die möglichen Gründe für
eine Schwerhörigkeit (Ohrerkrankungen, Lärm)
im Fokus standen.
(1) Deutschland (1986)
Im Auftrag des Deutschen Grünen Kreuzes
wurde im Zeitraum Oktober 1984 bis Mai 1986
in Westdeutschland einschließlich West-Berlins
die vielzitierte Studie zur Erfassung von Ausmaß
und Umfang von Hörschädigungen durchgeführt
(v. Stackelberg, 1986; Stange, 2001).
Die Probanden waren zwischen 15 und 75 Jah-
ren alt und bildeten eine Stichprobe aus der Ge-
samtbevölkerung. Im Rahmen der Probandenaus-
wahl wurden zunächst in 51 zufällig ausgewählten
Gemeinden (Sample-Points) 4590 Haushaltsadres-
sen ausgewählt. Zur Auswahl der Sample-Points
wurden alle deutschen Gemeinden zunächst nach
Größenklasse, Bundesland und Regierungsbezirk
geschichtet. In den so gebildeten Schichten
wurden 51 Sample-Points proportional zur Haus-
haltsverteilung in systematischer Zufallsauswahl
bestimmt. Jeder Sample-Point wurde dabei aus
einem Stimmbezirk der Bundestagswahl bzw. der
Wahl zum Abgeordnetenhaus Berlins gebildet.
Von einer zufällig ausgewählten Haushaltsadresse
in den jeweiligen Sample-Points ausgehend, wur-
de jeder dritte Haushalt auf einem Randomwalk
(auch Randomroute genannt) ausgewählt. Ein
Randomwalk gibt zufällige Begehungsregeln vor,
auf welche in der Veröffentlichung nicht genauer
eingegangen wurde. Aus den so gewählten
Haushalten wurden die Probanden mit Hilfe des
Schwedenschlüssels ausgewählt.
Der Schwedenschlüssel (auch Kish-Selection-
Grid oder Kish-Auswahlschlüssel genannt) ist ein
Mittel zur zufälligen Auswahl von Befragungs-
personen in Mehr-Personen-Haushalten. Diese
Auswahl erfolgt in Abhängigkeit von Anzahl
und Alter der potenziellen, also generell für die
Auswahl geeigneten Haushaltsmitglieder. Es wird
eine zweizeilige Tabelle angelegt, in deren erster
Zeile alle im Haushalt lebenden potenziellen
Probanden dem Alter nach (die älteste Person
zuerst) aufgelistet sind und in deren zweiter Zeile
eine Zufallszahlenkombination eingetragen wird.
Die Ziffer, die unter dem jüngsten potenziellen
Haushaltsmitglied steht, gibt an, welche Per-
son aus dem Haushalt ausgewählt wird. Leben
zum Beispiel in einem Haushalt vier potenzielle
Personen und steht in der Tabelle unter der
jüngsten potenziellen Person eine zwei, wird die
zweitälteste potenzielle Person in diesem Haushalt
ausgewählt (Diekmann, 2001).
Die Untersuchung der schriftlich eingeladenen
Probanden bestand aus drei Schritten, wobei der
zweite und dritte Schritt am selben Tag etwa
14 Tage nach Schritt 1 stattfanden.
1. Befragung in den Haushalten der Probanden
2. Untersuchung durch einen HNO-Arzt
3. Überprüfung des Gehörs mit Hilfe des We-
bertests und der Aufnahme eines Audiogramms
des rechten und des linken Ohres
Bei der Befragung im Haushalt wurden
3225 Probanden u. a. die Fragen gestellt, ob sie
ein Hörgerät oder eine Hörbrille tragen und wenn
dies verneint wurde, ob sie Probleme mit dem Hö-
ren hätten und jetzt schlechter als früher hörten.
Die von Ärzten durchgeführten Untersuchungen
der Ohren wurden mit Hilfe eines Anamnesebo-
gens festgehalten. Dieser umfasste u. a. weitere
Angaben zur Hörfähigkeits-Selbsteinschätzung.
Die Probanden sollten mitteilen, ob ihnen eine
eigene Schwerhörigkeit bekannt ist, und wenn
ja, auf welchem Ohr.
Im Rahmen der audiometrischen Messungen
wurde zunächst der Webertest durchgeführt. Hier-
bei wird eine schwingende 440 Hz-Stimmgabel
auf dem Scheitel der Probanden aufgesetzt und
gefragt, auf welchem Ohr der Ton gehört wird.
Wird er diffus im Kopf wahrgenommen, ist von
annähernd seitengleichem Gehör, normal- oder
schwerhörig, auszugehen. Bei einseitiger Mittel-
ohrschwerhörigkeit wird der Ton im beeinträchtig-
ten Ohr, bei einseitiger Innenohrschwerhörigkeit
oder Taubheit im gesunden Ohr wahrgenommen
(Lehnhardt und Laszig, 2001).
Danach wurden auf beiden Ohren die Hör-
schwellen über die Luftleitung und über die
Knochenleitung bei den Frequenzen 250, 500,
750, 1000, 1500, 2000, 3000, 4000, 6000 und
8000 Hz sowie die Unbehaglichkeitsschwelle bei
500, 1500 und 6000 Hz ermittelt. Die ärztlichen
Untersuchungen und audiometrischen Messungen
fanden in drei baugleichen Messbussen statt, die
in verschiedenen Bereichen Deutschlands unter-
wegs waren. Die Audiometriekabinen darin waren
schalldicht isoliert.
98 Prozent der Probanden trugen zum Zeit-
punkt der Befragung keine Hörgeräte oder Hörbril-
len. 23 Prozent gaben eine subjektiv empfundene
Hörminderung an. Der prozentuale Anteil in
verschiedenen Altergruppen ist in Tab. 4 (links)
dargestellt. 21 Prozent der bei der ärztlichen
Untersuchung befragten Probanden gaben an,
über eine vorhandene Hörschädigung informiert
zu sein.
Bei 2699 Probanden wurden tonaudiome-
trische Messungen durchgeführt. Die Luftleitungs-
hörschwellen wurden in acht Typen unterteilt. Die
Probanden wurden als normalhörend eingestuft,
wenn sie nur auf einem Ohr eine Hörschwelle
vom Typ 1-4 hatten oder auf beiden Ohren
eine Hörschwelle vom Typ 1-3. Demnach waren
26,8 Prozent schwerhörig. Der Vergleich zur sub-
jektiven Einschätzung der Schwerhörigkeit zeigt
eine Differenz von 3,8 Prozent. Eine operable
Schallleitungsschwerhörigkeit wurde bei 4 Prozent
der Probanden festgestellt. Die Differenzierung
EPIDEMIOLOGIE
Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70 – Heger/Holube
65
nach normalhörend und schwerhörend anhand
der Clusterung in typische Hörschwellentypen
lässt sich nicht mit den oben beschriebenen
Definitionen von Schwerhörigkeit vergleichen.
Da die Originaldaten der Untersuchung von
v. Stackelberg (1986) nicht mehr zur Verfügung
stehen, können sie jedoch auch nicht nachträglich
bezüglich der aktuellen Einteilungspraxis neu
ausgewertet werden.
(2) Deutschland (2000)
Ziel dieser Untersuchung von Sohn (2000) und
Sohn und Jörgenshaus (2001) war es, repräsenta-
tive und statistisch abgesicherte Daten sowohl
über die Hörfähigkeit der deutschen Bevölkerung
zu erhalten als auch Informationen über deren
Einstellungen, Verhalten und Meinungen bezüg-
lich Hörgeräten zu bekommen. Die Probanden
wurden aus Patienten von elf Allgemeinpraxen
in Nordrhein-Westfalen ausgewählt. Sechs Praxen
befanden sich in den Städten Dortmund, Witten
und Wuppertal und fünf in den ländlichen Regi-
onen Schwalmtal und Linker Niederrhein. Die Be-
schränkung der Probandenauswahl auf Allgemein-
praxen stellt laut Autor zwar eine systematische
Einflussgröße auf die Ergebnisse dar, durch ein
Quotenauswahlverfahren bezüglich der Merkmale
Geschlecht, Alter, Berufstätigkeit und Ortsgröße
sollte dieser Einfluss jedoch minimiert werden.
Beim Quotenauswahlverfahren wird zunächst
die Verteilung einiger, meist soziodemografischer
Merkmale in der Grundgesamtheit festgestellt.
Dann werden Quotenanweisungen erstellt, in
denen festgelegt ist, mit welchen Häufigkeiten
verschiedene Merkmalsausprägungen bei einer
Anzahl von Befragungen oder Untersuchungen
auftreten müssen (Kuß, 2004). Neben der Quo-
tenauswahl erfolgte eine Zufallsauswahl, indem
in randomisierter Reihenfolge Patienten, die an
den Erhebungstagen in die Praxen kamen, um
die Teilnahme an der Studie gebeten wurden.
2031 Personen ab 14 Jahren gingen in die Auswer-
tung mit ein. Davon waren 49 Prozent männlich
und 51 Prozent weiblich. Die Angleichung der
soziodemografischen Merkmale an die Grundge-
samtheit Deutschland und die Stichprobengröße
von über 2000 Personen sollte eine bundesweite
Übertragbarkeit der Ergebnisse sicherstellen.
Nach vorausgehenden Fragen an alle Proban-
den wurden tonaudiometrische Messungen durch-
geführt. Danach folgten Befragungen der schwer-
hörigen Probanden. Die vorausgehenden Fragen
schlossen akute Ohrerkrankungen aus, erhoben
Daten zum soziodemografischen Stand und sollten
die Selbsteinschätzung zur eigenen Hörfähigkeit
der Probanden bestimmen. Die anschließende
Befragung beinhaltete u. a. Fragen zu Problemen,
die schlechtes Hören eventuell verursacht. Beide
Fragebögen wurden nicht veröffentlicht.
Um die Audiometrie zu verkürzen, wurde zu-
nächst bei allen Probanden ein Audiogramm mit
dem Audiometer SD 10 aufgenommen, das bei den
Frequenzen 500, 1000, 2000, 3000 und 4000 Hz
nur die beiden Schalldruckpegel 20 dB HL und
40 dB HL abspielt. Konnte der Proband bei allen
Frequenzen beide Schalldruckpegel wahrnehmen,
wurde er als nicht schwerhörig eingestuft und der
Test war beendet. Die Autoren geben hier keine
Hinweise, ob die Probanden als schwerhörig
galten, wenn sie einen der 40 dB-Töne auf beiden
oder nur auf einem Ohr nicht gehört hatten. Ver-
mutlich wäre bei einer beidseitigen Notwendigkeit
eher eine deutliche Angabe gemacht worden, wes-
halb davon auszugehen ist, dass eine einseitige
Hörbeeinträchtigung zur Einstufung »schwerhörig«
ausreichte. Nach diesem Screeningtest wurde die
Luftleitungs-Hörschwelle bei den Frequenzen 250,
500, 1000, 2000, 3000, 4000, 6000 und 8000 Hz
nach dem Standardverfahren (Audiometer SD 21)
ermittelt.
Die Befragungen und Messungen fanden
innerhalb von 15 Werktagen statt und standen
unter Leitung von Medizinstudenten höherer
Semester der Universität Witten, die in der
Audiometerhandhabung, der Durchführung der
Befragungen und der Auswahl der Probanden
geschult waren. Pro Praxis wurden 100 bis
200 Personen in den jeweils geräuschärmsten
Räumen der Praxen untersucht.
Zur selbst eingeschätzten Hörfähigkeit lagen
folgende Ergebnisse vor: 86 Prozent der Probanden
gaben an, dass sie keine Probleme hätten, 7 Pro-
zent empfanden auf einem Ohr Hörbeeinträchti-
gungen und sieben Prozent auf beiden Ohren. Von
den 14 Prozent subjektiv Betroffenen waren 20 Pro-
zent zwischen 50 und 59 Jahren alt, 25 Prozent
zwischen 60 und 69 und mehr als 33 Prozent über
70 Jahre alt. Insgesamt 46 Prozent der Proban-
den empfanden ihre Schwerhörigkeit als gering,
33 Prozent als mittelstark und 10 Prozent als sehr
stark. 19 Prozent der Probanden haben den Scree-
ning-Test nicht bestanden, d. h. sie wiesen einen
Hörverlust von mehr als 40 dB HL auf und wurden
demnach als schwerhörig klassifiziert. Tab. 4 zeigt
die Altersverteilung der schwerhörigen Personen.
Die außerdem bestimmte Luftleitungs-Hörschwelle
wurde zwar nach typischen Hörschwellenverläu-
fen geclustert, jedoch nicht veröffentlicht.
(3) Finnland (1999)
Diese, in ihrer Art erstmalig in Finnland
durchgeführte Studie (Uimonen et al., 1999), hatte
das Ziel, die Verbreitung verschiedener Schwer-
hörigkeitsgrade in der finnischen Bevölkerung
abzuschätzen. Hierzu wurden Befragungen, oto-
logische Untersuchungen und tonaudiometrische
Messungen durchgeführt. Die Erstauswahl der
Untersuchungspopulation bestand aus 5400 Per-
sonen aus Nord-Ostrobothnia, einer Provinz im
Norden Finnlands. Die Stichprobe wurde auf Basis
des Geburtsjahres der Personen mit Hilfe des
Bevölkerungsregisters erhoben. Je 540 Probanden
bildeten zehn Gruppen verschiedenen Alters (siehe
Tab. 5). Von den 5400 zur Studienteilnahme einge-
ladenen Personen nahmen 3890 (72,0 Prozent) teil,
wodurch etwa 400 Probanden pro Altersgruppe
vertreten waren. Frauen hatten einen Anteil von
52,3 Prozent und Männer von 47,7 Prozent, wobei
die Anzahl der Frauen im höheren Alter zunahm,
was der damaligen demografischen Struktur
Finnlands entsprach. Als Lokalitäten wurden in
drei verschiedenen Verwaltungsbezirken zwei
Gesundheitszentren und die Universitätklinik in
Oulu genutzt. Diese drei Bezirke repräsentierten
gleichzeitig eine ländliche Gegend, eine Kleinstadt
und ein Ballungsgebiet.
(1) Stackelberg (1986) (2) Sohn und Jörgenshaus (2001)
Altersgruppe
(Jahre)
schlechter als früher
(Prozent)
Altersgruppe
(Jahre)
Schwerhörigkeit
(Prozent)
15-19 6 14-19 1
20-29 8 20-29 2
30-39 14 30-39 5
40-49 29 40-49 6
50-59 36 50-59 25
60-69 41 60-69 37
70-75 46 70 54
Gesamt 23 Gesamt 19
Tab. 4: Verteilung der subjektiven Schwerhörigkeit in verschiedenen Altersgruppen nach v. Stackel-
berg (links). Prozentuale Verbreitung von Schwerhörigkeit in verschiedenen Altersgruppen bewertet
mit dem Tonaudiogramm nach Sohn und Jörgenshaus (rechts).
Wie viele Menschen sind schwerhörig? – Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70
EPIDEMIOLOGIE
66
Die klinische Untersuchung umfasste eine
Befragung und eine Untersuchung durch einen
HNO-Arzt sowie audiometrische Messungen in
schalldichten Kabinen durch einen Audiologen.
Verwendet wurde das Audiometer Madsen OB 70.
Luftleitungsmessungen fanden bei den Frequenzen
250, 500, 1000, 2000, 3000, 4000, 6000 und 8000 Hz
statt. Die Knochenleitung wurde ermittelt, wenn
eine der gemessenen Luftleitungshörschwellen
≥ 10 dB HL war. Vorhandenes, das Hörvermögen
beeinträchtigende Cerumen wurde vor der Audio-
metrie entfernt. Bei den zweijährigen Probanden
wurden nur die Befragung (der Eltern) und die
HNO-ärztliche Untersuchung durchgeführt. Auch
24 der fünfjährigen Kinder waren noch nicht in
der Lage, ihre Hörschwellen messen zu lassen.
Der Grad des Hörverlustes wurde nach der heute
nicht mehr aktuellen WHO-Klassifizierung von
1991 (World Health Organization, 1991) und zum
Vergleich auch nach den Richtlinien der Europä-
ischen Kommission (Martini, 1996) bestimmt. Nach
der WHO-Klassifizierung waren 5,7 Prozent der
Probanden schwerhörig, nach der gebräuchlicheren
EU-Klassifizierung dagegen 14,7 Prozent. In Tab. 5
ist die Verbreitung der verschiedenen Schwerhörig-
keitsgrade nach den EU-Richtlinien altersabhängig
aufgeführt. Die Bezeichnung M4 steht für die
Mittelwertsberechnung des Hörverlustes (HV) bei
den vier Frequenzen 500, 1000, 2000 und 4000 Hz.
Ausgewertet wurden 3518 Audiogramme.
(4) Australien (1999)
In Süd-Australien wurde eine Querschnittsstu-
die zur repräsentativen Abschätzung der Verbrei-
tung von Schwerhörigkeit durchgeführt (Wilson
et al., 1999). Als Erhebungsinstrumente dienten
Befragungen und audiometrische Messungen. Mit
Hilfe des südaustralischen Haushaltsverzeichnisses
und Sammelbezirken des australischen Amts für
statistische Befragungen wurden 9027 Proban-
den ab einem Alter von 15 Jahren ausgewählt.
In jedem Sammelbezirk wurden zehn Haushalte
ausgewählt, indem im Haushaltsverzeichnis ein
zufälliger Startpunkt gewählt und mit Hilfe eines
festen Sprungabstands (je nach Bezirksgröße) der
nächste Haushalt ausgewählt wurde. Innerhalb
der Haushalte wurde die Person um Teilnahme
gebeten, die als nächstes Geburtstag hatte.
Die den Probanden zunächst gestellte Frage
lautete: »Haben Sie Schwierigkeiten damit, zu ver-
stehen, was Personen in einem ruhigen Raum zu
Ihnen sagen, wenn sie (a) laut mit Ihnen sprechen,
(b) in normaler Lautstärke mit Ihnen sprechen,
(c) flüsternd mit Ihnen sprechen oder (d) nichts
davon?« (Übersetzung aus dem Englischen). Es
wurde angenommen, dass die Probanden eine
selbsteingeschätzte Schwerhörigkeit haben, wenn
sie die Möglichkeiten (a), (b) oder (c) mit ja beant-
worteten und keine Schwerhörigkeit haben, wenn
sie Antwort (d) mit ja beantworteten.
Nach dieser Selbsteinschätzung führten Audio-
logen Untersuchungen des Gehörgangs und audio-
metrische Messungen in schallisolierten Kabinen
durch. Beide Ohren wurden zunächst otoskopiert.
Wenn Cerumen eine gute Sicht auf das Trommelfell
verhinderte, wurden die Probanden zur Entfernung
von diesem zum Arzt geschickt und ein neuer Ter-
min wurde vereinbart. Die Luftleitungs-Hörschwelle
wurde auf beiden Ohren bei den Frequenzen 250,
500, 1000, 2000, 3000, 4000, 6000 und 8000 Hz und
die Knochenleitungs-Hörschwelle auf beiden Ohren
bei den Frequenzen 500, 1000, 2000 und 4000 Hz
ermittelt. Die Befragungen und Untersuchungen
aller Probanden fanden in drei Fahrzeugen des
South Australian Health Omnibus Survey (SAHOS)
innerhalb von 12 Monaten statt. Eine Ausnahme
bildeten 51 Personen, die das Haus nicht verlassen
konnten und deshalb dort befragt und untersucht
wurden. In diesen Fällen wurde ein tragbares
Audiometer und Ear Tone 3A-Einsteckopfhörer
verwendet.
Bei einer Gewichtung der Studienergebnisse
wurden Alter, Geschlecht, Größe des Haushalts und
Wohnort berücksichtigt. Außerdem fand Berücksich-
tigung, ob die Probanden angaben, eine subjektiv
empfundene Schwerhörigkeit zu haben oder nicht.
Von den 9027 befragten Probanden schätzten sich
1378 (15,3 Prozent) als schwerhörig ein. Hiervon
beteiligten sich 689 Probanden (59 Prozent) an
den audiologischen Messungen. Von den Personen,
die sich selbst nicht als schwerhörig einschätzten,
erklärten sich 75 Prozent dazu bereit, ihr Hörver-
mögen messen zu lassen. Hiervon wurden per
Zufallsauswahl 300 Probanden ausgewählt, wobei
letztlich nur 237 Probanden (79 Prozent) teilnahmen.
Dies ergibt eine Antwortquote von 59 Prozent der
Probanden, die angaben, nicht schwerhörig zu sein.
Von den 926 audiometrierten Probanden hatten
16,6 Prozent einen Hörverlust (M4) auf dem besser
hörenden Ohr von ≥ 25 dB HL und konnten somit
als schwerhörig eingestuft werden.
In Tab. 6 ist die Verbreitung von Schwerhörig-
keit getrennt nach Altersgruppen in den mit (4) ge-
kennzeichneten Spalten dargestellt. Mit 62,8 Pro-
zent liegt der Großteil der Schwerhörigkeiten bei
den Personen ab 71 Jahren. Immerhin 48,3 Prozent
der Personen zwischen 61 und 70 Jahren sind
beidseitig schwerhörig, 16,3 Prozent der 51- bis
60-jährigen sind beidseitig betroffen und nur
2,8 Prozent der 15- bis 50-jährigen.
(5) Großbritannien (1989)
Diese britische Querschnittstudie (Davis, 1989)
bestand aus zwei Teilen. Im ersten Teil wurde
eine Befragung zur Selbsteinschätzung des Hör-
vermögens vorgenommen. Der zweite Teil bein-
haltete eine ärztliche Untersuchung, eine weitere
Befragung und audiologische Messungen zur
Abschätzung der Verbreitung von Schwerhörigkeit
in England, Schottland und Wales.
Für die Teilnahme am ersten Teil der Studie
wurden 48313 Personen zwischen 17 und 80 Jah-
ren ausgewählt. Hierzu wurde eine Zufallsauswahl
aus dem Wählerverzeichnis der Städte Cardiff,
Glasgow, Nottingham und Southampton getroffen.
Für den zweiten Teil wurden 2910 der Probanden,
die an Teil 1 der Studie teilgenommen hatten, ein-
geladen. Diese Probanden wurden nach Alter und
selbsteingeschätzter Hörfähigkeit in verschiedene
Gruppen unterteilt. Das Ziel war die Teilnahme
von mindestens 20 Probanden pro Stadt und
Gruppe. Von den 2910 eingeladenen Personen
nahmen 2708 teil. Um Ergebnisverzerrungen
durch nicht erschienene Probanden im zweiten
Teil auszugleichen, wurden 857 unangekündigte
Hausbesuche vorgenommen, bei denen eine ver-
kürzte Untersuchung durchgeführt wurde.
Neben einer Hauptstudie wurde eine kleinere
Studie, die ebenfalls zweiteilige »Haushaltsstu-
die« durchgeführt. Da klinische Untersuchungen
Alter ≤ 20 20 < HV < 40 40 ≤ HV < 70 70 ≤ HV < 95 ≥ 95 alle HV
5 Jahre 98,7 1,3 0,0 0,0 0,0 1, 3
10 Jahre 99,8 0,2 0,0 0,0 0,0 0,2
15 Jahre 99,0 0,5 0,2 0,0 0,2 0,9
25 Jahre 99,3 0,4 0,4 0,0 0,0 0,8
35 Jahre 98,1 1, 7 0,0 0,0 0,3 2,0
45 Jahre 93,5 6,1 0,5 0,0 0,0 6,6
55 Jahre 84,1 14,0 1,7 0,2 0,0 15,9
65 Jahre 62,7 31,2 5,8 0,2 0,0 37,2
75 Jahre 35,5 45,1 16,7 2,7 0,0 64,5
Tab. 5: Altersabhängige Verbreitung verschiedener Schwerhörigkeitsgrade (M4 in Prozent) in Finn-
land auf dem besser hörenden Ohr unter Verwendung der Kriterien der Europäischen Kommission.
EPIDEMIOLOGIE
Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70 – Heger/Holube
67
die Teilnahmebereitschaft der Probanden redu-
zieren, sollte eine Kontrollgruppe, die nicht in
einer der Kliniken, sondern in ihren Haushalten
untersucht wurde, Vergleichsergebnisse liefern.
So bestand die Möglichkeit, die geografische
Repräsentativität zu überprüfen und gegebe-
nenfalls Ergebnisse zu korrigieren. Die Pro-
banden dieser Unterstudie wurden mit Hilfe
des Postleitzahlenregisters und ACORN ausge-
wählt. ACORN (A Classification Of Residential
Neighbourhoods) ist ein britisches System, das
demografische und Lebensstil-Informationen
über Personen im ganzen Land liefert und in
zwölf Gruppen unterteilt.
Im ersten Teil der Studie wurden Fragebögen
mit einem Anschreiben und einer Anleitung zur
Durchführung zu den Probanden geschickt. Der
umfassende Fragebogen enthielt fünf Fragen zum
selbst eingeschätzten Hörvermögen. Hörgeräte-
träger sollten diese Fragen unter der Annahme,
dass sie keine Hörhilfen haben, beantworten.
Für den zweiten Teil der Hauptstudie wurden
die Probanden schriftlich in eine der vier Kliniken
eingeladen, in denen die audiologischen Mes-
sungen in schallisolierten Kabinen durchgeführt
wurden. Die Luftleitungshörschwelle wurde bei
den Frequenzen 500, 1000, 2000, 3000, 4000,
6000, 8000 und 12000 Hz und die Knochenlei-
tungshörschwelle bei 500, 1000 und 2000 Hz
beidseitig ermittelt. Für die Hausbesuche wurde
das tragbare Audiometer Kamplex TA155 mit TDH
39-Kopfhörern genutzt.
26 Prozent der Probanden gaben bei der
Befragung an, große Schwierigkeiten beim
Sprachverstehen im Störgeräusch zu haben.
Geringe Schwierigkeiten beim Sprachverstehen
in Ruhe hatten zehn Prozent der Probanden auf
beiden Ohren und weitere 19 Prozent auf einem
Ohr. Der Hörverlust derjenigen Probanden, die
große Schwierigkeiten beim Sprachverstehen
im Störgeräusch hatten, lag durchschnittlich
bei 25 dB HL (M4). Gaben die Probanden bei
der Befragung eine mittlere beidseitige Beein-
trächtigung beim Sprachverstehen in Ruhe
an (zutreffend bei über drei Prozent), lag im
Durchschnitt ein mittlerer Hörverlust von etwa
45 dB HL (M4) vor. Sowohl beim Sprachverste-
hen in Ruhe als auch im Störgeräusch nahmen
die Schwierigkeiten stark mit dem Alter der
Probanden zu.
Die audiometrischen Messungen ergaben,
dass 16,1 Prozent der Probanden als schwerhörig
bezeichnet werden können (Hörverlust M4
25 dB HL). 3,9 Prozent haben einen Hörverlust
(M4) ≥45 dB HL und bei 1,1 Prozent ist er ≥
65 dB HL. Die Ergebnisse der audiometrischen
Messungen, die auf 2662 Audiogrammen basieren,
sind in Tab. 6 in den mit (5) gekennzeichneten
Spalten aufgelistet. Es wurden nicht alle der
2708 aufgenommenen Audiogramme in die Aus-
wertung mit einbezogen. Gründe hierfür werden
nicht genannt.
(6) Italien (1996)
Aufgrund ihrer repräsentativen geografischen
und soziodemografischen Eigenschaften wurden
für die Untersuchung der Verbreitung von Schwer-
hörigkeit in Italien (Quaranta et al., 1996) die Städ-
te Bari, Florenz, Mailand, Padua und Palermo aus-
gewählt. Mit Hilfe eines Computerprogramms und
der Wahlliste von 1989 wurden pro Stadt zunächst
600 Bewohner zwischen 18 und 80 Jahren zufällig
ausgewählt und schriftlich zur Studienteilnahme
eingeladen. Personen die mittlerweile weggezo-
gen, verstorben oder vorübergehend nicht in den
Städten waren, wurden ersetzt. Bei der Auswahl
der Probanden wurde darauf geachtet, dass min-
destens 20 Personen aus jedem Stadtbezirk und
jeder gesellschaftlichen Schicht vertreten waren.
Außerdem sollte jede Altersgruppe (18-30, 31-40,
41-50, 51-60, 61-70, 71-80 Jahre) mit mindestens
200 Probanden vertreten sein. Da sich 63 Prozent
der ausgewählten Probanden nicht beteiligten,
mussten weitere Personen eingeladen werden.
Insgesamt wurden 2170 Probanden (1127 Männer
und 1043 Frauen) befragt und untersucht, was
0,03 Prozent der italienischen Bevölkerung über
18 Jahren entspricht. 1222 Probanden wurden in
Kliniken und 948 zu Hause befragt und untersucht.
Die Hausbesuche wurden von Mitarbeitern der
Studie durchgeführt, die unangemeldet bei den
Probanden klingelten und in 58 Prozent der Fälle
auch Zutritt bekamen.
Die Probanden wurden u. a. zu Alter, bisherigen
Hörtests und subjektiver Hörfähigkeit befragt. Um
ihre Hörfähigkeit selbst einschätzen zu können,
wurden ihnen zwei Fragen gestellt. Die erste lautete
»Glauben Sie, dass Sie normalhörend sind?« und
die zweite lautete »Haben Sie manchmal Schwie-
rigkeiten damit, Worte zu verstehen? Wenn ja, in
welcher Situation?« Nach den Befragungen wurde
otoskopiert und ein Tonaudiogramm des rechten
und des linken Ohres aufgenommen. Die Audiome-
trie wurde in ruhigen Räumen unter Verwendung
eines tragbaren Audiometers (Qualitone Acoustic
Appraiser) und zusätzlich gedämpfter TDH 39-Kopf-
hörer durchgeführt. Die Luftleitung wurde auf 5 dB
genau bei den Frequenzen 250, 500, 1000, 2000,
4000 und 8000 Hz bestimmt. Die Knochenleitung
wurde bei den Frequenzen 500, 1000, 2000 und
4000 Hz aufgenommen. 6 Prozent der Probanden
mussten vor den audiometrischen Messungen einen
Arzt zur Entfernung von Cerumen aufsuchen.
23 Prozent der Probanden schätzten sich selbst
als schwerhörig ein. Dabei hatte das Alter einen
auffälligen Einfluss auf die Antwort der ersten
Frage: Bei den über 50-jährigen war ein großer
Anstieg selbsteingeschätzter Schwerhörigkeit er-
kennbar, insbesondere bei Männern. Probanden
mit selbsteingeschätzter Schwerhörigkeit hat-
ten durchschnittlich einen Hörverlust (M4) von
Altersgruppe
(Jahre)
25 dB HL 45 dB HL 65 dB HL
(4) (5) (6) (7) (4) (5) (6) (7) (4) (5) (6) (7)
15/17/18/20-30
2,8
1,8 1,85
1,7/1,5 0,1
0,2 0,56
0,0/0,0 0,1
< 0,1 0,0
0,0/0,031-40 2,8 3,89 1,1 1,11 0,7 0,56
41-50 8,2 8,29 1,7 1,46 0,3 0,49
51-60/50-59 16,3 18,9 18,73 8,0/14,5 2,0 4,0 4,13 0,01/1,4 0,4 0,9 1,38 0,0/0,0
61-70/60-69 48,3 36,8 37,66 42,1/42,6 2,5 7,4 6,65 5,3/6,4 0,7 2,3 2,85 0,0/0,0
≥ 71/71-80/70-80 62,8 50,2 69,44 73,1/74,5 21,4 17, 6 21,11 21,4/21,8 3,3 4,0 4,44 1,8/1,8
Gesamt 16,6 16,1 17,05 17,2/16,6 2,8 3,9 4,01 3,4/3,3 0,5 1 ,1 1,2 0,2/0,2
Tab. 6 Altersabhängige Verteilung verschiedener Schwerhörigkeitsgrade (M4 in Prozent) auf dem besser hörenden Ohr für die Studien in
Australien (4), Großbritannien (5), Italien (6) und Schweden (7). Ähnliche Altersbereiche der verschiedenen Studien wurden einander zuge-
ordnet. Bei (7) beziehen sich die linken Werte auf die Ergebnisse der Frauen und die rechten Werte auf die Ergebnisse der Männer.
Wie viele Menschen sind schwerhörig? – Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70
EPIDEMIOLOGIE
68
30 dB HL oder mehr auf dem besser hörenden Ohr.
24 Prozent der Probanden gaben an, manchmal
Schwierigkeiten beim Verstehen von Sprache zu
haben. Diese waren mit 18,7 Prozent am aus-
geprägtesten, wenn viele Personen gleichzeitig
sprechen, während nur 7 Prozent der Probanden
angaben, in ruhiger Umgebung Schwierigkeiten
beim Sprachverstehen zu haben. Auch bei der
zweiten Frage waren deutliche Zusammenhänge
mit dem Alter der Probanden erkennbar: Ab einem
Alter von 50 Jahren nahm die Verbreitung der
Schwierigkeiten zu, wobei die Männer geringfügig
häufiger Schwierigkeiten beim Sprachverstehen
angaben.
In Tab. 6, Spalte (6) ist die Verbreitung
von Schwerhörigkeit basierend auf tonaudiome-
trischen Messungen in Abhängigkeit vom Alter
der Probanden veranschaulicht. 17,05 Prozent der
Probanden hatten einen Hörverlust ≥ 25 dB HL auf
dem besser hörenden Ohr und wurden deshalb
als schwerhörig eingestuft. Bei den Hörverlusten
handelte es sich in 78 Prozent der Fälle um Schall-
empfindungs-Schwerhörigkeiten, in 13 Prozent um
Schallleitungsschwerhörigkeiten und in 9 Prozent
um kombinierte Schwerhörigkeiten. Weder bei
der selbsteingeschätzen Hörfähigkeit noch bei
der Audiometrie wurden signifikante Ergebnis-
unterschiede zwischen den in den verschiedenen
Kliniken durchgeführten Untersuchungen und
den Haushalts-Untersuchungen gefunden. Auch
zwischen den fünf Städten unterschieden sich die
Ergebnisse nicht signifikant.
(7) Schweden (2003)
Die Probanden einer Querschnittsstudie zur
Erfassung der Verbreitung von Schwerhörigkeit in
Schweden (Johansson und Arlinger, 2003) wurden
aus der Provinz Östergötland ausgewählt, in der
5 Prozent der schwedischen Bevölkerung leben.
Diese Provinz kann demografisch und beruflich
betrachtet als repräsentativ für Schweden ange-
sehen werden. Mit Hilfe des schwedischen Per-
sonalnummernregisters, das auf dem Geburtstag
der jeweiligen Einwohner und einer vierstelligen
Geheimnummer basiert, wurde zunächst eine
Gruppe ausgewählt, die nur Männer und Frauen
beinhaltet, die am 9. oder 24. geboren wurden und
deren Personalendziffer drei war. Von dieser Gruppe
wurden alle Männer und Frauen zwischen 20 und
80 Jahren zur Studienteilnahme eingeladen. Dies
waren 1805 Personen, wovon sich 32,7 Prozent be-
reit erklärten, an der Studie teilzunehmen. Ein Aus-
schlusskriterium für die Probanden war beruflich
bedingte Lärmbelastung. Um dies abzuschätzen,
wurde ein Fragebogen genutzt, der Fragen zum
aktuellen und eventuell früher durchgeführten Be-
ruf beinhaltete. Die Studie konnte letztendlich mit
590 Versuchspersonen (260 männlich, 330 weiblich)
durchgeführt werden.
Zunächst wurden den Probanden u. a. Fragen
zu ihrem Beruf und der Nutzung von Hörgeräten
gestellt. Danach wurde eine Otoskopie durch-
geführt, um einen Cerumenverschluss auszu-
schließen und den Zustand des Trommelfells zu
untersuchen. Bei einem Verschluss des Gehör-
gangs mit Cerumen wurde ein neuer Untersu-
chungstermin vereinbart, damit die Probanden
in der Zwischenzeit einen Ohrenarzt aufsuchen
konnten. Als nächster Schritt wurde auf beiden
Ohren ein Tympanogramm aufgenommen. Die ab-
schließende tonaudiometrische Untersuchung fand
mit einem Grason-Stadler GSI 68 Audiometer und
EAR-tone 3A Einsteckhörern mit ER3-14 Aufsätzen
statt. Die Luftleitung wurde in 5 dB-Schritten bei
den Frequenzen 125, 250, 500, 1000, 1500, 2000,
3000, 4000, 6000 und 8000 Hz aufgenommen.
Bei 296 Probanden wurde mit dem rechten Ohr
begonnnen und bei 294 Probanden mit dem
linken. Knochenleitungsmessungen wurden nicht
durchgeführt, wodurch keine Unterscheidungen
zwischen Schallempfindungs-, Schallleitungs- und
kombinierten Schwerhörigkeiten getroffen werden
konnten.
Alle Tests wurden von einem einzigen Audio-
logen in einem Zeitraum von zehn Monaten in
den Jahren 1999 und 2000 durchgeführt. Als Un-
tersuchungsort wurden drei verschiedene Kliniken
und eine mobile Einrichtung mit schalldichten
Kabinen genutzt. Die Unterscheidung zwischen
normalhörenden und schwerhörigen Probanden
wurde nach den Richtlinien der WHO getroffen.
Da aufgrund der Stichprobenauswahl keine re-
präsentative Altersverteilung der Probanden gesi-
chert werden konnte, wurde bei der Betrachtung
verschiedener Altersgruppen die Altersverteilung
der schwedischen Gesamtbevölkerung als Ge-
wichtungsvariable berücksichtigt.
Bei 16,9 Prozent (17,2 Prozent weiblich, 16,6 Pro-
zent männlich) der Probanden lag eine Schwerhörig-
keit auf dem besser hörenden Ohr vor. 1,6 Prozent
der Schwerhörigen befanden sich im Alter zwischen
20 und 50 Jahren. Bei den Probanden zwischen 70
und 80 Jahren waren 73,8 Prozent schwerhörig. In
der Altersgruppe der 50-59-jährigen waren mehr
männliche als weibliche Probanden betroffen. Die
Ergebnisse für alle Altersgruppen sind in Tab. 6,
Spalte (7) aufgeführt.
Weitere Studien
International wurden weitere Studien zur
Erfassung der Verbreitung von Schwerhörigkeit
durchgeführt, die jedoch nur bestimmte Alters-
gruppen betrachteten und deshalb hier nicht
weiter berücksichtigt werden. Exemplarisch seien
hier genannt:
• Deutschland: Probanden zwischen 40 und
85 Jahren (Tesch-Römer, 2001)
• Dänemark:31-bis50-jährigeProbanden(Karls-
mose et al., 1999)
• Italien (Venedig): Probanden ab 60 Jahren
(Megighian et al., 2000)
• USA(Wisconsin):Probandenzwischen48 und
92 Jahren (Cruickshanks et al., 1998)
Andere Untersuchungen bedienten sich nur
Befragungen, um die Verbreitung von Schwer-
hörigkeit einschätzen zu können. Die Probanden
sollten ihre Hörfähigkeit selbst einschätzen, was
jedoch von keinen objektiven Messverfahren
untermauert wurde. Die damit einhergehende
Problematik wird weiter unten diskutiert.
• Deutschland: Institut für Demoskopie Allens-
bach (1978)
• Deutschland:Bundes-Gesundheitssurvey(Strep-
pel et al., 2006)
• Deutschland: »Forum Besser Hören« (TNS-
Emnid, 2005)
• USA: »National Center of Health Statistics«
(NCHS, 1991)
• USA:»BetterHearingInstitute«(Kochkin,2005)
Zusammenfassende
Betrachtung der Studien
Tonaudiometrische Verfahren
Die beschriebenen Studien hatten keine einheit-
liche Vorgehensweise zur Ermittlung der tonaudio-
metrischen Hörschwelle bzw. zur Bestimmung
der Schwerhörigkeit, basierend auf der Tonaudio-
metrie. Die genauesten Messungen wurden von
v. Stackelberg (1986) durchgeführt. Hier wurden
die Luft- und Knochenleitungshörschwelle sowie
die Unbehaglichkeitsschwelle ermittelt. Bei der
finnischen Studie (Uimonen et al., 1999) wurde die
Luftleitungshörschwelle bei denselben Frequenzen
gemessen, die Knochenleitungshörschwelle jedoch
nur unter der Voraussetzung, dass eine der gemes-
senen Luftleitungshörschwellen ≥ 10 dB HL war. In
Großbritannien (Davis, 1989) wurde die Luftleitungs-
hörschwelle nicht bei 250 Hz ermittelt, im Gegensatz
zu den anderen Studien dafür jedoch bis 12000 Hz.
Bei der schwedischen Studie wurde die Luftleitungs-
hörschwelle schon ab 125 Hz ermittelt und keine
Knochenleitungsmessungen vorgenommen. Das
schnellste Verfahren zur Erkennung einer bestehen-
den Schwerhörigkeit wurde von Sohn und Jörgens-
haus (2001) angewendet: Den Probanden wurden
zunächst nur die Schalldruckpegel 20 dB HL und
40 dB HL bei fünf Frequenzen dargeboten. Eine
genauere audiometrische Untersuchung fand erst
statt, wenn eine Untersuchungsperson eine der Fre-
quenzen bei 40 dB HL nicht wahrnehmen konnte. In
Tab. 7 ist dargestellt, wie in den einzelnen Studien
die Tonaudiometrie durchgeführt wurde.
EPIDEMIOLOGIE
Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70 – Heger/Holube
69
Befragungen
Die beschriebenen Studien (ausgenommen
der finnischen und der schwedischen Studie)
verwendeten unterschiedliche Fragen, um die
subjektive (selbsteingeschätzte) Hörfähigkeit der
Probanden zu erfassen. In keiner Studie stimmten
die Ergebnisse zwischen der selbsteingeschätzten
und der gemessenen Hörfähigkeit überein. Dies ist
möglicherweise auf die Formulierung der Fragen
zurückzuführen. Kuß (2004) berichtet, dass sich
selbst geringfügige Unterschiede stark auf das
Untersuchungsergebnis auswirken können.
Um möglichst sichere Untersuchungsergeb-
nisse zu erhalten, sollten die Fragen neutral
formuliert sein und offene Fragen (freie Antwort-
möglichkeit) den geschlossenen Fragen (vorgege-
bene Antwortkategorien wie z. B. »ja« oder »nein«)
vorgezogen werden. Für die Auswertung der Ant-
worten müssen diese nach bestimmten Kriterien
oft mühsam und zeitaufwendig geclustert werden.
In längeren Sätzen gestellte Fragen können eine
Erinnerung an eine bestimmte Situation wecken
und »soziale Stigmen« reduzieren (Kuß, 2004). Ein
gutes Beispiel wäre z. B. die Frage: »Viele Leute
haben in einem belebten Restaurant Probleme,
den gegenübersitzenden Tischnachbarn zu ver-
stehen. Wie ist das bei Ihnen?«. Für Hörscree-
ning-Zwecke sind geschlossene Fragen leichter
auszuwerten. Dies ist der Grund dafür, dass in
den beschriebenen Studien fast nur geschlossene
Fragen verwendet werden.
Bei v. Stackelberg (1986) sollten die Probanden
angeben, ob sie Probleme mit dem Hören haben
und ob ihnen eine eigene Schwerhörigkeit bekannt
ist. Mit Hilfe dieser subjektiven Einschätzung
wurde ermittelt, dass 23 Prozent der Deutschen
Probleme mit dem Hören haben und 21 Prozent
über eine vorhandene Schwerhörigkeit informiert
waren. Dies steht dem Ergebnis der objektiven
Messverfahren (26,8 Prozent schwerhörig) gegen-
über, doch sollten bei der Frage nach den Proble-
men mit dem Hören nur diejenigen antworten,
die weder Hörgerät noch Hörbrille trugen. Das
waren 98 Prozent der Probanden. Demnach muss
davon ausgegangen werden, dass sich ein noch
größerer Anteil der Deutschen als schwerhörig
einschätzt.
In Berichten über die etwa 15 Jahre später
durchgeführte Studie über die Verbreitung von
Schwerhörigkeit in Deutschland (Sohn und Jör-
genshaus, 2001; Sohn 2000) wurden keine genauen
Fragen veröffentlicht. In den Veröffentlichungen ist
lediglich erwähnt, dass »Fragen zur Selbsteinschät-
zung des Hörvermögens anhand eines standardi-
sierten Erhebungsbogens« (Sohn und Jörgenshaus,
2001) gestellt wurden. Hiernach hatten 5 Prozent
der Probanden angenommen, schwerhörig zu sein.
Dies steht im Gegensatz zu den tonaudiometrische
Messungen (19 Prozent schwerhörig).
In der australischen Studie (Wilson et al., 1999)
wurde nicht direkt nach der subjektiven Hörfähig-
keit gefragt. Eine geschlossene Frage zum Sprach-
verstehen in Ruhe bot vier Antwortmöglichkeiten.
Nur wenn weder eine laute, noch eine normale,
noch eine flüsternde Gesprächslautstärke Schwie-
rigkeiten bereitete, wurde davon ausgegangen,
dass die Untersuchungsperson nicht schwerhörig
ist. Das Ergebnis der subjektiven Hörfähigkeits-
beurteilung lag in dieser Studie unter dem der
objektiven Messungen: 15,3 Prozent der Probanden
schätzten sich indirekt selbst als schwerhörig ein
und 16,6 Prozent waren es den audiometrischen
Messungen zufolge. Die Ergebnisse scheinen hier
sehr nah beieinander zu liegen.
Bei der britischen Studie (Davis, 1989) wurden
die Probanden nicht direkt gefragt, wie sie ihre
Hörfähigkeit selbst einschätzen. Sie sollten ange-
ben, ob und inwieweit sie Schwierigkeiten beim
Sprachverstehen in Ruhe und im Störgeräusch
haben und ob eine einseitige Taubheit bekannt ist.
Die geschlossenen Fragen waren hier in etwas län-
geren Sätzen formuliert, wodurch sich die befragten
Personen leichter in die Situation hineinversetzen
konnten. 26 Prozent der Probanden hatten große
Schwierigkeiten beim Sprachverstehen im Störge-
räusch. In ruhiger Umgebung hatten 19 Prozent
mindestens geringe Schwierigkeiten auf einem
Ohr beim Sprachverstehen und weitere 10 Prozent
hatten hierbei mit beiden Ohren Schwierigkeiten.
Dem gegenüber steht das Ergebnis der tonaudio-
Studie Luftleitung(kHz) Knochenleitung(kHz) UCL(kHz)
Deutschland (1986) 0.25, 0.5, 0.75, 1, 1.5, 2, 3, 4, 6, 8 0.25, 0.5, 0.75, 1, 1.5, 2, 3, 4, 6, 8 0.5, 1.5, 6
Deutschland (2001) 0.5, 1, 2, 3, 4 (*) evtl.
0.25, 0.5, 1, 2, 3, 4, 6, 8
– –
Finnland (1999) 0.25, 0.5, 1, 2, 3, 4, 6, 8 0.25, 0.5, 1, 2, 3, 4, 6, 8 (**)
Australien (1999) 0.25, 0.5, 1, 2, 3, 4, 6, 8 0.5, 1, 2, 4
Großbritannien (1989) 0.5, 1, 2, 3, 4, 6, 8, 12 0.5, 1, 2, 4
Italien (1996) 0.25, 0.5, 1, 2, 3, 4, 8 0.5, 1, 2, 4
Schweden (2003) 0.125, 0.25, 0.5, 1, 2, 3, 4, 6, 8
Tab. 7: Tonaudiometrische Messungen in verschiedenen Studien zur Erfassung von Schwerhörigkeit. (*): Hörscreening. (**): Durchführung unter der
Bedingung, dass eine der gemessenen Luftleitungshörschwellen ≥ 10 dB HL ist.
Studie Probanden Schwerhörigkeit (Prozent)
Stackelberg (1986), Deutschland 2699 Pers., 15-75 Jahre 26,8 (1)
Sohn und Jörgenshaus (2001), Deutschland 2031 Pers., ≥ 14 Jahre 19 (2)
Uimonen et al. (1999), Finnland 3518 Pers., 5 – 75 Jahre 14,7 (3)
Wilson et al. (1999), Australien 926 Pers., ≥ 15 Jahre 16,6 (4)
Davis (1989), Großbritannien 2662 Pers., 17 – 80 Jahre 16,1 (5)
Quaranta et al. (1996), Italien 2170 Pers., 18 – 80 Jahre 17 (6)
Johansson und Arlinger (2003), Schweden 590 Pers., 20 – 80 Jahre 16,9 (7)
Tab. 8: Hörstatus verschiedener Länder, beurteilt aufgrund tonaudiometrischer Messungen. (1): Die
Probanden wurden als normalhörend eingestuft, wenn sie auf einem Ohr eine Hörschwelle vom Typ
1-4 oder auf beiden Ohren eine Hörschwelle vom Typ 1-3 hatten. (2): Schwerhörigkeit besteht, wenn
40 dB HL bei einer der fünf Frequenzen 500, 1000, 2000, 3000 und 4000 Hz auf beiden Ohren nicht
gehört wird. (3): Schwerhörigkeit besteht, wenn auf beiden Ohren die Hörschwelle ≥ 20 dB HL (M4)
ist. (4)-(7): Schwerhörigkeit besteht, wenn auf beiden Ohren die Hörschwelle ≥ 25 dB HL (M4) ist.
Wie viele Menschen sind schwerhörig? – Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70
EPIDEMIOLOGIE
70
metrischen Messungen, wonach 16,1 Prozent der
Briten zum Untersuchungszeitpunkt schwerhörig
waren. In dieser Studie schätzen sich demnach
deutlich mehr Personen als schwerhörig ein als sie
es nach objektiven Messungen waren.
Allein die italienische Studie zur Verbreitung
von Schwerhörigkeit (Quaranta et al., 1996) bedien-
te sich einer offenen Frage: »Haben Sie manchmal
Schwierigkeiten damit, Worte zu verstehen? Wenn
ja, in welcher Situation?«. Zusätzlich wurde eine
direkte geschlossene Frage gestellt (»Glauben Sie,
dass Sie normalhörend sind?«). 23 Prozent der
Probanden schätzten sich als schwerhörig ein. Bei
17 Prozent wurde eine Schwerhörigkeit aufgrund
der Tonaudiometrie festgestellt.
Die Ergebnisse der verschiedenen Studien zei-
gen eine Diskrepanz zwischen den objektiven und
den subjektiven Erfassungsinstrumenten, so dass
die Tonaudiometrie nicht durch eine Befragung
ersetzt werden kann.
Gesamtergebnis
Tab. 8 ermöglicht einen Überblick bezüglich
Stichprobengröße, Alter der Probanden und tonau-
diometrischen Messergebnissen der einzelnen
Studien. Bei Anwendung der WHO-Kriterien und
nicht der Studie des Deutschen Grünen Kreuzes
muss auch in Deutschland von einem Anteil
der Schwerhörigkeit an der Gesamtbevölkerung
von ca. 17 Prozent ausgegangen werden. Bei
82 Millionen Einwohnern entspricht dies ca.
14 Millionen.
Danksagung
Diese Recherche wurde gefördert von der
Arbeitsgruppe Innovative Projekte (AGIP) des
Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft
und Kultur und dem Europäischen Fonds für
Regionale Entwicklung EFRE.
Literatur
Böhme, G. und Welzl-Müller, K. (2005). »Audiometrie.
Hörprüfungen im Erwachsenen- und Kindesal-
ter«, 5. Auflage, Bern, Verlag Hans Huber.
Bortz, J. (1999). »Statistik für Sozialwissenschaftler«,
5. Auflage, Berlin, Springer Verlag.
Bortz, J. und Lienert, G. A. (2003). »Kurzgefasste
Statistik für die klinische Forschung«, 2. Auflage,
Berlin, Springer Verlag.
Brusis, T. (1999a). »Begutachtung der Lärmschwerhö-
rigkeit nach dem neuen Königsteiner Merkblatt.
Teil 1: Audiometrie und Diagnose«, HNO, 47,
140-153.
Brusis, T. (1999b). »Begutachtung der Lärmschwerhö-
rigkeit nach dem neuen Königsteiner Merkblatt.
Teil 2: Begutachtung«, HNO, 47, 211-219.
Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (2005).
»Richtlinien des Bundesausschusses der Ärzte
und Krankenkassen über die Verordnung von
Hilfsmitteln in der vertragsärztlichen Versorgung
(»Hilfsmittel-Richtlinien«)«, Bundesanzeiger, 2, 89.
Cruickshanks, K. J., Wiley, T. L., Tweed, T. S, Klein,
B. E. K., Klein, R., Mares-Perlman, J. A. und
Nondahl, D. M. (1998). »Prevalence of Hearing
Loss in Older Adults in Beaver Dam, Wisconsin«,
American Journal of Epidemiology, 148, 879-886.
Davis, A. C. (1989). »The Prevalence of Hearing
Impairment and Reported Hearing Disability
among Adults in Great Britain«, International
Journal of Epidemiology, 18, 911-917,
Deutsche Elektrotechnische Kommission (1992). »Au-
diometrische Prüfverfahren. Teil 1: Grundlegende
Verfahren der Luft- und Knochenleitungs-Schwel-
lenaudiometrie mit reinen Tönen. DIN ISO 8253,
Teil 1«, DIN Deutsches Institut für Normung e.V.,
Berlin, Beuth-Verlag GmbH.
Deutsche Elektrotechnische Kommission (2001).
»Akustik – Statistische Verteilung von Hör-
schwellen als eine Funktion des Alters, EN ISO
7029«, DIN Deutsches Institut für Normung e.V.,
Berlin, Beuth-Verlag GmbH.
Diekmann, A. (2001). »Empirische Sozialforschung«,
7. Auflage, Reinbek, Rowohlt.
Heger, D. (2008). »Konzept für eine Studie zur Erfas-
sung des Hörstatus«, Diplomarbeit, Fachhoch-
schule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven.
Hoffmann, E. (2008). »Wie hört Deutschland?“ 25.
Tonmeistertagung – VDT International Conventi-
on, November 2008.
Hoffmann, E. (2009). „Wie hört Deutschland?« Refe-
rate des 54. Internationalen Hörgeräteakustiker-
Kongresses vom 21.-23. Oktober 2009 in Nürn-
berg.
Institut für Demoskopie Allensbach (1978). »Hörbe-
hinderung und Hörgeräte 1978. Ein Überblick
über die Situation auf der Basis einer repräsenta-
tiven Bevölkerungsumfrage«, Institut für Demo-
skopie Allensbach. Archiv des Hauses.
Johansson, M. S. K., Arlinger, S. D. (2003). »Preva-
lence of hearing impairment in a population in
Sweden« International Journal of Audiology, 42,
18-28.
Karlsmose, B., Lauritzen, T. und A., P. (1999). »Pre-
valence of hearing impairment and subjective
hearing problems in a rural Danish population
aged 31-50 years«, British Journal of Audiology,
33, 395-402.
Kochkin, S. (2005). »MarkeTrak VII: Hearing Loss
Population Tops 31 Million People«, The Hearing
Review, 12(7), 16-29.
Kuß, A. (2004). »Marktforschung. Grundlagen der Da-
tenerhebung«, Wiesbaden, Gabler.
Lehnhardt, E. und Laszig, R. (2001). »Praxis der Audio-
metrie«, 8. Auflage, Stuttgart, Thieme Verlag.
Lippe, P. v. d. und Kladroba, A. (2002). »Repräsentati-
vität von Stichproben«, Marketing, 24, 227-238.
Martini, A. E. (1996). »European Working Group
on genetics of hearing impairment. European
Commission Directorate, Biomedical and Health
Research Programme (HEAR)«, Infoletter 2, 8.
Megighian, D., Savastano, M., Salvador, L., Frigo, A.
und Bolzan, M. (2000). »Audiometric and Epi-
demiological Analysis of Elderly in the Veneto
Region«, Gerontology, 46, 199-204.
NCHS (1991). »Prevalence and Characteristics of
Persons with Hearing Trouble: United States
1990-91«, Series 10 # 188, Washington DC, U. S.
Department for Health Statistics.
Quaranta, A., Assennato, G. und Sallustio, V. (1996).
»Epidemiology of hearing problems among
adults in Italy«, Scandinavian Audiology, 25
(Suppl. 42), 7-11.
Schnell, R., Hill, P. B. und Esser, E. (2005). »Metho-
den der empirischen Sozialforschung«, München,
Wien, R. Oldenbourg Verlag.
Sohn, W. (2000). »Aktueller Stand der Schwerhörig-
keit in Deutschland«, Hörakustik, 3, 6-7.
Sohn, W. und Jörgenshaus, W. (2001). »Schwerhörig-
keit in DeutschlanZeitschrift für Allgemeine
Medizin, 77, 143-147.
Stackelberg, H. v. (1986). »Hörtest 1985« Bonn,
Deutsches Grünes Kreuz.
Stange, G. (2001). »Hörtest. Wie gut hören die Bürger
der (alten) BRD und West-Berlins?« TW KopfHals,
2, 17-21.
Streppel, M., Walger, M., Wedel, H. und Gaber,
E. (2006). »Gesundheitsberichterstattung des
Bundes. Heft 29: Hörstörungen und Tinnitus«,
Robert-Koch-Institut.
Tambs, K., Hoffman, H. J., Borchgrevink, H. M., Hol-
men, J. und Samuelsen, S. O. (2003). »Hearing
loss induced by noise, ear infections, and head
injuries: results from the Nord-Trøndelag Hearing
Loss Study« International Journal of Audiology,
42(2), 89-105.
Tambs, K., Hoffman, H. J., Borchgrevink, H. M.,
Holmen, J. und Engdahl, B. (2006). »Hearing loss
induced by occupational and impulse noise:
results on threshold shifts by frequencies, age
and gender from the Nord-Trøndelag Hearing
Loss Study«, International Journal of Audiology,
45(5), 309-317.
Tesch-Römer, C. (2001). »Schwerhörigkeit im Alter«,
Median-Verlag, Heidelberg.
TNS-Emnid (2005). »Themenfeld: Gesundheit,
Schwerpunktaktion: Umfrage«, Hamburg, Forum
Besser Hören.
Uimonen, S., Huttunen, K., Joinio-Ervasti, K., Sorri, M.
(1999). »Do we know the real need for hearing
rehabilitation at the population level? Hearing
impairments in the 5- to 75-year-old cross-
sectional Finnish population«, British Journal of
Audiology, 33, 53-59.
Wilson, D. H., Walsh, P. G., Sanchez, L., Davis, A. C.,
Taylor, A. W., Tucker, G. und Meaghert, I. (1999).
»The epidemiology of hearing impairment in an
Australion adult population«, International Jour-
nal of Epidemiology, 28, 247-252.
World Health Organization (1991). »Report of infor-
mal working group on Prevention of Deafness
and Hearing Impairment Programme Planning«,
WHO Geneva.
World Health Organization (2001). »Grades of hearing
impairment«, Hearing Network News, 1, 144-157.
Denise Heger, Oldenburg
denise.heger@web.de
Inga Holube, Oldenburg
Inga.Holube@jade-hs.de
EPIDEMIOLOGIE
Z Audiol 2010; 49 (2) 61–70 – Heger/Holube
... Technologies to support users of assistive devices such as hearing aids gain more and more importance in our aging society [1]. This study analyzes the potential of automatic speech recognition (ASR) operating on the multi-channel signals that are used in today's hearing aids, with application scenarios such as textual support for hearing-impaired users in mind. ...
... Tests to measure the average speech intelligibility of a listener gain more and more importance in an aging society: For instance, about 17% of the German population exhibit a hearing impairment that needs to be compensated [5]. A smaller, but still considerably large proportion of 13% of US citizens aged 12 years or older is suffering from binaural hearing loss [11]. ...
... Die objektiven Hörschwellen stimmen nicht immer mit dem subjektiven Empfinden überein. Häufig unterschätzen ältere Er wachsene den Grad ihrer Schwerhörigkeit [4] . ...
Chapter
Schwerhörige, ertaubte, taubblinde und gehörlose Menschen tragen im Vergleich zu Hörenden ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entwicklung psychischer Erkrankungen. Dies ist nicht zwangsläufig auf die Hörbehinderung an sich zurückzuführen. Oftmals handelt es sich eher um die Folge spezifischer psychosozialer Belastungen, denen die Betroffenen über sämtliche Lebensbereiche hinweg ausgesetzt sind. Das vorliegende Kapitel stellt einige der häufigsten Belastungen und Risikofaktoren vor, zeigt deren körperliche und psychische Folgen auf und gibt einen Überblick über die aktuelle psychotherapeutische Versorgungslage hörbehinderter und gehörloser Patient*innen in Deutschland.
Thesis
Der Verlust des Hörvermögens kann im auditorischen System auf vielen verschiedenen Ebenen zu morphologischen und funktionellen Veränderungen führen. In der vorliegenden Arbeit wurden in einem Tiermodell für prälinguale Ertaubung die morphologischen Auswirkungen frühzeitiger und kompletter bilateraler Langzeitertaubung im medialen Kern des Trapezkörpers (MNTB) und im lateralen Kern des Trapezkörpers (LNTB) der mongolischen Wüstenrennmaus (Meriones unguiculatus) untersucht. Beide Kerne zählen zu den Kernen des oberen Olivenkomplexes. Hierzu werden außerdem die Kerne MSO (mediale obere Olive) und LSO (laterale obere Olive) gezählt. Die MSO ist für die Verarbeitung von interauralen Laufzeitdifferenzen (interaural time delays, ITD) zuständig, wohingegen die LSO vor allem für die Verarbeitung von interauralen Pegelunterschieden (interaural level delays, ILD) verantwortlich ist. Beide Kerne sind somit für die Lokalisation einer Schallquelle in der Horizontalebene verantwortlich. Ihnen vorgeschaltet sind die Kerne MNTB und LNTB, weshalb auch diese beiden Kerne für die Verarbeitung von ILDs und ITDs und somit für das Richtungshören eine große Rolle spielen. In dieser Studie wurden die Kerne MNTB und LNTB von insgesamt 23 mongolischen Wüstenrennmäusen in der Nissl-Färbung und den immunhistologischen Färbungen GABA und Glycin lichtmikroskopisch untersucht. Zwölf der Versuchstiere wurden durch die Gabe einer ototoxischen Lösung, bestehend aus dem Aminoglykosid Kanamycin und dem Schleifendiuretikum Bumetanid, ertaubt. Beim MNTB wurden die angefertigten Hirnschnitte bezüglich der Querschnittsflächen des Kerngebiets, der Zellzahlen, -größen und -dichte in der Nissl-Färbung untersucht, beim LNTB fand die Auswertung der vier Parameter in allen drei Färbungen statt. Weiterhin sollte ein Nachweis struktureller Unterschiede entlang tonotoper Gradienten erfolgen sowie die Überprüfung der Kerngebiete auf Hemisphärenunterschiede. Die Ergebnisse unserer Untersuchungen zum MNTB zeigten bei ertaubten Tieren weder eine Abnahme der Querschnittsfläche, noch eine Abnahme der Zellzahl oder -dichte. Es wurde lediglich eine signifikante Abnahme der Größe glycinerger Neurone bei ertaubten Tieren über den gesamten MNTB festgestellt. Die Abnahme der Neuronengröße könnte die Verfügbarkeit von Glycin beeinflussen und somit die Balance zwischen Exzitation und Inhibition stören. Nachfolgende Kerne wie MSO, LSO und LNTB können hierdurch in ihrer Funktion, der Schalllokalisation und dem Sprachverständnis im Rauschen, beeinträchtigt werden. Unsere Ergebnisse zum LNTB zeigten bezüglich Kernquerschnittsfläche, Zellzahl und -dichte, entsprechend dem MNTB, keine signifikanten Unterschiede zwischen den Tieren der Kontrollgruppe und den ertaubten Tieren. Im Gegensatz zum MNTB konnte allerdings eine ertaubungsbedingte Abnahme der Zellgröße im gesamten LNTB nicht nachgewiesen werden. Es ist anzuführen, dass unsere Ergebnisse zur LNTB-Zellgröße und -zahl aufgrund der kleinen Anzahl verwertbarer Zellen in den Schnitten der immunhistochemischen Färbungen Glycin und GABA nur bedingt aussagekräftig sind. Die ertaubungsbedingten morphologischen Veränderungen der Kerne MNTB und LNTB sind im Wesentlichen vergleichbar mit den Auswirkungen eines partiellen Hörverlusts im Alter (Presbyakusis). Unterschiede bezüglich der Hemisphären konnten nicht nachgewiesen werden. Beim MNTB bestehen Gradienten der Zellgrößen mit großen Zellen in den lateralen, tieffrequenten Bereichen und kleinen Zellen in den medialen, hochfrequenten Bereichen. Die Anordnung der Zellgrößen entlang der tonotopen Gradienten scheint auch nach frühzeitiger Ertaubung erhalten zu bleiben. Bezüglich eines möglichen Gradienten der Zellgröße im LNTB ist auf Grund der teilweise sehr geringen Anzahl an auswertbaren Zellen keine abschließende Beurteilung möglich.
Thesis
Full-text available
When providing the necessary amplification in hearing aids, the risk of acoustic feedback is increased due to the coupling between the hearing aid loudspeaker and the hearing aid microphone(s). This acoustic feedback is often perceived as an annoying whistling or howling. Thus, to reduce the occurrence of acoustic feedback, robust and fast-acting feedback suppression algorithms are required. The main objective of this thesis is to develop and evaluate algorithms for robust and fast-acting feedback suppression in hearing aids. Specifically, we focus on enhancing the performance of adaptive filtering algorithms that estimate the feedback component in the hearing aid microphone by reducing the number of required adaptive filter coefficients and by improving the trade-off between fast convergence and good steady-state performance. Additionally, we develop fixed spatial filter design methods that can be applied in a multi-microphone earpiece. The main contributions of this thesis are threefold. First, we propose several optimization procedures that allow to compute a fixed common pole-zero filter from multiple measured acoustic feedback paths, effectively allowing to reduce the number of adaptive filter coefficients. Second, we propose an affine combination of two adaptive filters with different step-sizes to overcome the limitations associated with a single fixed step-size. Third, we propose several optimization procedures to design a robust fixed null-steering beamformer that can be used for acoustic feedback suppression in a multi-microphone earpiece and can be combined with an adaptive filter to reduce the residual feedback component in the beamformer output. In order to reduce the number of adaptive filter coefficients in adaptive feedback cancellation, we propose several optimization procedures to estimate a common pole-zero filter from multiple measured acoustic feedback paths. The proposed optimization procedures aim either at minimizing the misalignment or at maximizing the maximum stable gain. To ensure the stability of the common pole-zero filter, we propose to use two different constraints. The first constraint is based on the positive realness of the frequency-response of the all-pole component of the common pole-zero filter, while the second constraint is based on Lyapunov theory. The resulting constrained optimization problems to estimate the common pole-zero filter can either be formulated as a linear programming problem, a quadratic programming problem or a semidefinite programming problem. Simulation results using measured acoustic feedback paths from a two-microphone behind-the-ear hearing aid show that the proposed common pole-zero filter outperforms the existing common all-pole and common all-zero filter. Furthermore, results show that for a desired misalignment or maximum stable gain the number of adaptive filter coefficients can be robustly reduced. When implemented in a state-of-the-art adaptive feedback cancellation algorithm, using the common pole-zero filter allows to increase the convergence speed. In order to improve the trade-off between fast convergence and good steady-state performance, we propose to use an affine combination of two adaptive filters with different step-sizes. The first adaptive filter uses a large step-size, leading to a fast convergence but large steady-state misalignment, while the second adaptive filter uses a small step-size, leading to a slow convergence but low steady-state misalignment. The proposed affine combination of these two filters then exhibits the fast convergence properties of the first filter and the low steady-state misalignment of the second filter. We theoretically show that the optimal combination parameter is biased when the loudspeaker signal and the incoming signal are correlated. In order to reduce this bias, we propose to use the prediction-error-method and present a time-domain and a frequency-domain implementation. Simulations using measured acoustic feedback paths show the improved convergence speed and low steady-state misalignment of the proposed affine combination compared to a system utilizing only a single fixed step-size. Finally, we propose different optimization procedures to obtain a fixed null-steering beamformer for a multi-microphone earpiece. The proposed optimization procedures aim either at minimizing the residual feedback power or maximizing the maximum stable gain. In order to avoid the trivial solution, we propose two different constraints. The first constraint sets the beamformer coefficients in a reference microphone to be a delay, while the second constraint aims at preserving the relative transfer function of the incoming signal. In order to allow for a trade-off between distortions of the incoming signal and acoustic feedback cancellation performance, we further propose to incorporate the relative transfer function constraint as a soft constraint. To improve the robustness of the null-steering beamformer to variations of the acoustic feedback paths, we propose to incorporate multiple sets of acoustic feedback path measurements. The resulting constrained optimization problems to compute the null-steering beamformer can be formulated as a least-squares problem with closed-form solution, a linear programming problem, a quadratic programming problem with quadratic constraints or a semidefinite programming problem. Results using measured acoustic feedback paths from a custom multi-microphone earpiece show that the fixed null-steering beamformer allows to robustly increase the added stable gain of the multi-microphone earpiece by more than 50\,dB without significantly distorting the incoming signal. Furthermore, when combined with an adaptive filter to cancel the residual feedback component in the beamformer output, the performance can be further increased, where the performance of the null-steering beamformer and the adaptive filter are approximately complementary.
Book
Die Beiträge des Buches befassen sich mit der Frage, was ‚Gesellschaft‘ bedeutet, wenn nahezu alle Lebensbereiche assistiert werden. Ob Blindenhund, Butler oder Assistent der Geschäftsführung, Herzschrittmacher oder Navigationssystem, Pflegeroboter oder Ambient Assisted Living - wir werden assistiert von anderen Personen und Lebewesen, und immer häufiger auch von Technologien und Artefakten. Diesen Assistenten kommt eine spezifische und neue Rolle zu: sie beschützen, sie helfen, sie steuern uns. Prozesse der Assistierung in Lebens- und Arbeitswelt werden oft im Einklang mit sich steigernden Kompensations- und Effizienzversprechen vorangetrieben. Aber wie gestaltet sich Assistenz konkret? Welche Wechselwirkungen entstehen zwischen den beteiligten Instanzen? Und welche gesellschaftlichen Dynamiken und unbeabsichtigten Folgen sind damit verbunden? Darauf versucht der Sammelband Antworten zu geben.
Chapter
Technische Assistenzen verbreiten sich im Gesundheitssystem rasant. Gesundheitspolitische und wirtschaftliche Akteure postulieren Assistenzen als Lösungen für die Herausforderungen, welche mit den Auswirkungen des demografischen Wandels in der Pflege einhergehen. Assistenzen sollen die Pflege effizienter und kostengünstiger gestalten sowie die Lebensqualität von Pflegenden und Gepflegten steigern. Die sozialen Dimensionen dieser Entwicklung, wie sich ändernde Auffassungen von Pflegeleitbildern und langfristige Auswirkungen auf die Strukturen der Pflege werden nur marginal thematisiert und erforscht. Am Beispiel von innovativen technischen Assistenzen in der Pflege von Menschen mit Demenz wird gezeigt, welche sozialen Aspekte und nicht intendierten Dynamiken neben den offiziell postulierten Assistenzeffekten durch eine soziologische Perspektive nachgewiesen werden können. Assistenztechnik wirkt nicht lediglich eindimensional auf bestimmte Pflegekontexte ein, sondern beeinflusst auch zentrale Werte in der Pflege. Die Pflegeleitbilder verschieben sich durch Assistenzen von an Selbstbestimmung und Individualität orientierter Pflege hin zu standardisiertem Sicherheitsdenken und Effizienzstreben.
Chapter
Die Bedeutung von Vertrauen stellt im Zusammenhang mit Assistenz, Behinderung und Arbeit in der sozialwissenschaftlichen Literatur ein Forschungsdesiderat dar. Dieser Aufsatz unternimmt am Beispiel von personeller Arbeits- bzw. Kommunikationsassistenz für schwerhörige Berufstätige einen ersten Schritt zur Entdeckung des Phänomens im Zusammenhang mit Assistenz. Personelle Arbeitsassistenz für Menschen mit Behinderung soll als kompensatorisch-emanzipatorisches Instrument Teilhabe an der Gesellschaft durch Teilhabe am Arbeitsleben ermöglichen. Die dyadische Konstellation von schwerhörigen Assistierten und hörenden AssistentInnen ist dabei sowohl von Kooperation als auch von Abhängigkeit geprägt. Diskutiert wird personelle Assistenz als empirischer Gegenstand von Vertrauen (als Umgang mit Verletzbarkeit und Ungewissheit) und gleichsam von Aktionsmacht (als Verfügung über Gewährleistung oder Minderung sozialer Teilhabe). Es wird gezeigt, warum Vertrauen und Aktionsmacht von beträchtlicher empirischer Relevanz für die Auseinandersetzung mit (Arbeits-)Assistenz sind: Sie sind für das Gelingen und Scheitern des Instruments entscheidend.
Chapter
Full-text available
Assistenzen sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig. Eine dezidierte Systematisierung und Analyse der Sozialform „Assistenz“ ist bislang noch offen. Eine erste multidisziplinäre Erkundung wendet sich diesen drei Bereichen zu: personale Assistenz (Arbeit und Schwerhörigkeit, Leihmutterschaft), technische Assistenz (Ambient Assisted Living, Alter und Pflege, Robotik) und Assistenz in Bezug auf gesellschaftliche Dynamiken (Existenzweisen, Kompensation und Komfort, Assistenzüberschuss). Aus den Beiträgen wird die Analysekategorie Assistenzensemble abgeleitet und anhand einer Idealtypik veranschaulicht.
Article
Full-text available
Background: This study measured the prevalence of hearing impairment, and major demographic factors that influence the prevalence, in a representative South Australian adult population sample aged > or = 15 years. Methods: The study group was recruited from representative population surveys of South Australians. Participants in these surveys who reported a hearing disability were then recruited to an audiological study which measured air and bone conduction thresholds. In addition a sample of those people who reported no hearing disability were recruited to the audiological study. Results: The data reported in this study are the first in Australia to assess the prevalence of hearing impairment from a representative population survey using audiological methods. The data show that 16.6% of the South Australian population have a hearing impairment in the better ear at > or = 25 dBHTL and 22.2% in the worse ear at the same level. The results obtained in this representative sample compare well with those obtained in the British Study of Hearing, although some differences were observed. Conclusions: Overall, there are only a few studies worldwide that have audiologically assessed the impairment of hearing from a representative population sample. The overall prevalence of hearing impairment in Australia is similar to that found in Great Britain, although there are some differences between the estimates of severity of impairment and some sex differences. The corroboration of the two studies reinforces the status of hearing impairment as the most common disability of adulthood. The present study also showed that there are a large number of Australians who may benefit from a more systematic community-based rehabilitation programme including the fitting of hearing aids. Secondly, the study identified the need for health goals and targets for hearing to be based on an epidemiological approach to the problem.
Article
Davis A C (MRC Institute of Hearing Research, University of Nottingham, University Park, Nottingham NG7 2RD, UK). The prevalence of hearing impairment and reported hearing disability in adults in Great Britain. International Journal of Epidemiology 1989, 18: 911–917. Estimates for the prevalence of self-reported hearing disability and measured hearing impairment as a function of age in the adult population of Great Britain (GB) are reported from two 2-stage surveys. The main study was conducted in Cardiff, Glasgow, Nottingham and Southampton, with rigorous audiological assessment at the second stage. A supplementary study used a sample representative of GB with simplified domiciliary audiological assessments. In the main study, neither stage showed any gross bias arising from the particular cities chosen; the estimates from the first stage are free of bias arising from non-response. The estimates from the second stage are relatively free of bias arising from non-attendance. For the present purposes, defining a ‘significant’ level of hearing impairment as at least 25 dBHL averaged over the frequencies 0.5, 1, 2, 4 kHz, 16% of the adult population (17–80 years) have a bilateral, and about one in four a unilateral or bilateral, hearing impairment. About 10% of the adult population (aged 17+) report bilateral hearing difficulty in a quiet environment.
Article
Numbers and proportions of persons are estimated according to hearing ability and speech comprehension groups by age, sex, race, years of completed education, family income, usual activity, geographic region, place of residence, limitation of activity due to chronic conditions, annual bed days, number of physician contacts, and respondent-assessed health status. Estimates are based on data collected in household interviews during 1990-91.
Article
Estimates for the prevalence of self-reported hearing disability and measured hearing impairment as a function of age in the adult population of Italy are reported. The study was conducted in Bari, Florence, Milan, Padua, Palermo with questionnaire and audiological assessment; neither stage showed any gross bias arising from the particular cities chosen. The results have demonstrated that: 22% of subjects think their hearing abnormal, 24.4% report some difficulty understanding speech, 14.5% experienced prolonged spontaneous tinnitus and 17% have a > or = 25 dB HL bilateral hearing impairment; hearing problems increase progressively with age and show no significant differences between men and women; the occupational groups most at risk as far as hearing impairments are concerned are manual workers and workers exposed to occupational noise; the systemic disorders most significantly connected to hearing problems are dyslipidosis, diabetes, hypertension, cardiovascular diseases, liver diseases and cervical arthrosis; among every day habits, the consumption of alcohol seems the only element of risk, above all for tinnitus.