Der Schuh der Grundschullehrerin oder: Wie erotisch sind Interaktionsübungen? PÄD Forum: Zeitschrift für soziale Probleme, pädagogische Reformen und alternative Entwürfe, 27./12. Jg., H. 4, 311-314

Article (PDF Available) · August 1999with 122 Reads
Erwachsenenbildung
Joachim Bröcher . Köln
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über das regionale Schulamt eine
Ganztagsveranstaltung bei einer Refe-
rentin gebucht, die irgendetwas mit
dem Lösen von Konflikten im schwie-
riger gewordenen Schulalltag zu tun
haben sollte. Mediation, also Konflikt-
schlichtung, lautete das Zauberwort, in
dem sich die gegenseitigen Erwartun-
gen und Versprechungen bündelten.
Was auch immer nachher passieren
sollte, die Referentin, Frau Nieder-
maier (alle Namen wurden geändert),
selbst lange Jahre als Leiterin einer
Schule tätig, hätte es besser wissen
müssen. Ich saß selber als Sonder-
schullehrer dabei, der sich injenem
Schulbezirk mit der Integration der
Auffälligen, Nichtangepaßten, der
Querköpfe (nicht Strohköpfe) und
Randexistenzen unter den Schülern
befaßte. Lernen und Weiterbildung
sollten sich nach Auffassung von Frau
Niedermaier neben den langen und
ausschweifenden, selbstgehaltenen
Referaten über sogenannte Interak-
tionsübungen vollziehen. In einer Part-
nerübung mußten wir versuchen, uns
gegenseitig nonverbal von einem Stuhl
PAD Forum August 1999
@
I
Der Schuh der Grundschullehrerin oder:
Wie erotisch sind Interaktionsübungen?
- Eine Realsatire -
herunterzudiskutieren, auf dem einer
der beiden saß. Es ergab sich, daß ich
die Ubung mit Frau Oettershagen
machte. Sie hatte im Stuhlkreis neben
mir gesessen und wir zogen uns. wie
die anderen zwanzig Teilnehmer der
Veranstaltung auch, in einen stillen
Winkel zurück.
Die Oettershagen begann. Es war
ihr offensichtlich ein wenig peinlich.
Dann schien sie einen Einfall zu haben
und simulierte Kreuzschmerzen,
indem sie sich ein wenig mit dem Ober-
körper nach hinten bog und das
Gesicht verzog, als müsse sie große
Qualen leiden. Selbstverständlich
sprang ich sogleich von meinem Stuhl
auf, um die arme Frau, die überdies
ein paar Jahre älter war als ich, Platz
nehmen zu lassen. Es ging alles ganz
schnell und schon war ich in der Rolle
desjenigen, der Frau Oettershagen von
ihrem Sitzplatz heruntermanövrieren
sollte. Der Gedanke daran quälte
mich, es schien mir gleichermaßen
ungerecht wie aussichtslos. Ich konnte
ihr gegenüber keinesfalls auf die Mit-
Ieidsschiene gehen. Das wäre ganz und
gar taktlos, ja stillos gewesen. Also
verwarf ich diesen schäbigen Gedan-
ken sofort wieder, ohne gleich zu wis-
sen, was noch dahinter steckte. Es war
ein bloßes Gefühl.
Doch dann wurde mir mit einem
Schlag klal daß mich Frau Oettersha-
gen an meine frühere Grundschulleh-
rerin erinnerte. Ja, sie erinnerte mich
an Frau von Ramdohr. Die Anmut, mit
der sie auf dem Stuhl Platz genommen
hatte. Wie still sie dort saß und wie
geduldig sie in den Raum schaute. Wie
sie es mir ersparte, mich in meiner
Ratlosigkeit direkt anzuschauen.
Gegenüber dem Ausgang dieser blöd-
sinnigen Ubung zeigte sie völlige
Gelassenheit. Dann hatte ich die ret-
tende Idee. Da es gerade Dezember
war, hatte ich morgens eine Mandarine
eingepackt.
Karrikaturen: Bernd Günther
311
Der Schuh der Grundschullehrerin
Ich ging zu meinem Platz,
holte das hell orange leuch-
tende Ding und hielt es
Frau von Ramdohr, ich
meine Frau Oettershagen,
hin und zeigte zugleich mit
der anderen Hand auf den
Stuhl, auf dem sie immer
noch saß und deutete
anschließend zurück auf
mich. Sie verstand auf
Anhieb, griff lächelnd nach
der Mandarine und erhob
sich. Vor Erleichterung
mußten wir beide lachen.
Die Übung war beendet.
Man fand sich wieder im
Plenum zusammen. Der
Stuhlkreis füllte sich und
die Dinge nahmen ihren
Lauf. Als wir der Gruppe
unser Ergebnis mitteilten,
wirkte die Referentin enttäuscht.
Irgendwie war sie auf das Aufkeimen
von Aggressionen und Boshaftigkeiten
in den Partnerübungen eingestellt
gewesen. Zur Bekämpfung dieser all-
gemein festgestellten Aggressionen
sollte dann ein bestimmtes Problemlö-
sungsverfahren (Stichwort : Mediation)
erforderlich werden und Anwendung
finden. Sie zog ein entsprechendes
Resümde, doch beharrte ich in dem
nun folgenden Blitzlicht, bei dem jeder
seine Aggressionen durch Kopfnicken
eingestehen sollte, schon aus Anstand
Frau Oettershagen gegenüber, auf der
vollständigen Abwesenheit von
Aggression während der genannten
Übung. Die Gegenmeldung paßte
nicht ins Konzept und wurde übergan-
gen.
Nach dem Mittagessen, das eine am
Ort ansässige Pizzeria angeliefert
hatte, folgte ein ziemlich unsystemati-
scher, wenig gegliederterVortrag, der
von einem Dutzend handgeschriebener
Folien eher zusätzlich verwirrt als
unterstützt wurde. Die Referentin
bediente sich dabei in den verschiede-
nen psychologischen Schulen wie in
einern Kramladen. Ein bißchen
Rogers, eine Prise Freud, ein wenig
Fromm, ein Löffelchen Schulz von
Thun, ein bißchen Perls und Petzold.
,,Wo gibt es einen engeren Kontakt als
in derAggression?"
und filigrane Gebilde lockte und ver-
sprach. Es regte die feinsten Phanta-
sien an, ohne dabei den täglichenVer-
richtungen und Routinehandlungen
der Konrektorin zwischen den Schüler-
tischen, Karten und Tafeln, auf den
Tieppen und Fluren im geringsten hin-
derlich zu sein. Ich versuchte die
Größe von Frau Gräfs Schuh zu erra'
ten. Melleicht 38, vielleicht 39 dachte
ich.
Solcherart steigerten sich ihre Hypo-
thesen. Mich verließ allmählich die
Geduld. Und wann kommt dann die
Liebe, die Erotik? Vor oder nach der
Aggression? warf ich ein. Das könne
ich mir selber aussuchen, gab Frau
Niedermaier gereizt zurück. Sie kehrte
zu ihrem Mon<llog vor den vielen
Folien zurück.
Ich gab auf und entschied mich,
unauffällig einen kleinen Mittagsschlaf
zu halten. Dazu ließ ich mich weit nach
hinten in den Stuhl sinken und streckte
die Beine nach vorne aus. Ich stützte
die Stirn mit der flachen Hand so ab,
daß man meine geschlossenen Augen
nicht sehen konnte und horchte allein
auf die Atembewegung unter meiner
Bauchdecke. Um mich herum begann
es zu dämmern, die monotone Stimme
der Referentin wurde immer leiser. Ich
schmeckte die trockene, abgestandene
Heizungsluft duf den Lippen. Vorsich-
tig schaute ich an den Beinen von Frau
Gräf, der Konrektorin, herunter und
blickte auf ihre eleganten, vorne, nach
der neuesten Mode etwas eckig zulau-
fenden Pumps. Bei dem taubenblauen,
durch eine Art Schnalle verzierten,
Velourlederschuh handelte es sich um
ein faszinierendes Bauwerk. Der nicht
zu schmale Absatz mochte sich viel-
leicht auf sieben oder acht Zentimeter
belaufen. Dieser Schuh war exakt an
der Grenze zwischen dem Schulalltag
und dem Reich des Schönen und Sinn-
lichen angesiedelt. Das zugleich feste
Plötzlich traf mich ein klei-
ner kühler Gegenstand an
der rechten Schläfe. Ich
erschrak und öffnete die
Augen. Ein Teil der
Lehrerinnen schaute
irritiert zu mir, nur
Frau Schleifenbaum
schien ein Lachen zu unterdrücken,
während Herr Schäfer, der Sportlehrer,
eine Tüte mit Halsbonbons zurück in
seine Jackentasche schob. Schnell
schaute ich zur Referentin, wie ein
Schuljunge. der sich bei seiner man-
gelnden Aufmerksamkeit ertappt fühlt
und las auf der gerade vorübergleiten-
den Folie den Satz: Sammeln Sie nicht
Rabattmarken, sondern sagen Sie lie-
ber gleich, was mit Ihnen 1os tst. Der
Satz hallte in mir nach und ich dachte:
Das ist es! Genau das wirst du jetzt
tun.
Ich sah in die Runde und versuchte
in den Gesichtern zu lesen. Die Lehre-
rinnen und der Schulleiter rangen wei-
ter um Interesse, doch wirkten ihre
Körper leblos, oder angespannt, voller
Bewegungsdrang, wie im Falle des
Sportlehrers, jedenfalis kaum noch
aüfnahmebereit. Auf irgendeiner Folie
hatte auch gestanden: Störungen
habenVorrang. Ich fiel der Referentin
also ins Wort und meinte, daß ich
kognitiv nicht mehr viel aufnehmen
könne. Vielleicht gebe es ja die MÖg-
Iichkeit, mit Blick auf die spätere
Anwendung von Mediationstechniken
im Schulalltag im Hier & Jetzt einige
Versuche zu starten, das Ganze
womöglich mit etwas mehrAktivität
und Erlebnisqualität unsererseits zu
verbinden. Frau Niedermaier antwor-
tete darauf mit kalter Stimme, mein
Unverständnis resultiere nur aus der
Tätsache, daß ich zu ungeduldig sei,
das Ende ihres Vortrages abzuwarten.
Sie wolle jetzt ungestört fortfahren und
bitte mich darum, weiter aufmerksam
312
zuzuhören. Ich dachte an die vielen
Schüler, die schon an einem viel frühe-
ren Punkt gegen diese unfreiwillige
Belehrung protestiert hätten, diese
aufsässigen Bälger, diese schlecht
Erzogenen. Doch vielleicht sind sie der
Wahrheit viel näher, als wir Pädagogen
meinen, schoß es mir durch den Kopf.
Ich ging in die Offensive und beharrte
darauf, daß ich weiteren theoretischen
Ausführungen nicht mehr folgen
könne und wolle. Sie müsse sich der
Tätsache stellen, daß ich innerlich aus-
gestiegen sei. Möglicherweise ginge es
anderen im Raum ähnlich. Hier und da
zeigte sich ein zustimmendes Kopfnik-
ken, vorsichtig, verhalten. Die Refe-
rentin ließ sich jedoch nicht beeindruk-
ken und legte eine neue Folie auf. Ich
las: Neämen Sie ihr Gegenüber in sei-
ner emotionalen Realität ernst.
Jetzt hatte ich aber genug. ,,Warum
können wir solche Sätze wie diesen
nicht einmal in die Praxis umsetzen?"
fragte ich mit mehr Nachdruck in der
Stimme als zuvor. Ja, vielleicht, wenn
sie ihrenVortrag beendet habe, falls
nochZeit bleibe. Ich beschloß endgül-
tig, in die Offensive zu gehen. ,,Passen
Sie einmal auf", sagte ich, inzwischen
ziemlich gereizt.,,Ich kam heute mor-
gen motiviert hier an und habe bis zum
Mittagessen engagiert und interessiert
hier mitgemacht. Niemand wird etwas
anderes behaupten können. Im Laufe
des Nachmittags bringe ich meine
Lernbedürfnisse mit ein und sie gehen
einfach darüber hinweg. Kurz: Ich bin
regelrecht verstimmt. Sie müssen sich
jetzt etwas einfallen lassen. Bitte voll-
bringen Sie an meinem Fall das Wun-
der der Mediation."
Damit hatte ich sie getroffen. In ihr
tat sich jetzt etwas. ,,Gut", sagte die
Konfliktschlichterin.,,Sie wollen also
etwas Aktives." ,Ja", erwiderte ich
kurz. ,,Sie sollen es haben", konterte
sie. ,,Wir machen eine Interaktions-
übung." Die Runde wartete voller
Spannung. Schweigen. Dann kam es:
,,Ziehen Sie Ihre Schuhe aus", sagte
sie. ,,Und dann gehen Sie in den Schu-
hen eines anderen der hier Anwesen-
den weiter. Wenn Sie genug haben,
probieren Sie ein anderes Paar undso-
weiter." Die Niedermaier schaute tri-
umphierend in den Raum.
Keiner sagte etwas. Ratlosigkeit, ja
Entsetzen auf den Gesichtern. Voller
PAD Forum August 1999
Schrecken schaute ich zu dem feinen
taubenblauen Schuh von Frau Gräf,
der nervös neben mir auf und ab
wippte, dann zu den Quadratlatschen
des Sportlehrers. Sicher halte er 47.
Doch auch der Schulleiter und ich
mußten uns mit Größe 43 dieser
unmöglichen Aufgabe stellen.
Schweißgeruch, Hühneraugen, Löcher
in den Socken, schoß es mir durch den
Kopf. Worauf hatten wir uns mit dieser
Fortbildung nur eingelassen? Wir such-
ten Hilfestellung zum Schlichten von
Konflikten und wurden jetzt selbst zum
Opfer. Es war nicht zu fassen. Wie
konnte uns die Referentin in eine der-
art peinliche Situation bringen? Ich
spürte eine Unruhe und Nervosität in
mir aufflammen. Mußte sich nicht spä-
testens hier der Schulleiter vor die ihm
anvertrauten Lehrerinnen stellen?
Mußte er sie nicht schützen vor einer
solch gewaltsamen Interaktionsübung,
wie sich das Ganze ja nannte? Frau
Leys Gesicht wurde immer bleicher,
weil nichts geschah. Frau Nierstendör-
fer, heute in einem silbergrauen
Kostüm, hüstelte nervös. Um ihren
Mund lagen Falten. Frau Schleifen-
baum machte ein Gesicht, als wolle sie
am liebsten vom Erdboden verschwin-
den.
Bilder tauchten vor meinem geisti-
gen Auge auf. Plötzlich sah ich Frau
von Ramdohr, die Grundschullehrerin
meiner eigenen Kindheit. Im Sommer
trug sie leichte helle Pumps, halboffen
mit dünnen Riemchen, die um die Fer-
sen lagen. Im Winter trug sie Schuhe
von größerer Festigkeit. Meist waren
es stärker geschlossene Schuhe von
dunklerem Leder. Vielleicht ab
November senkte sich der Absatz,
doch war dieses Schuhwerk um nichts
weniger elegant und leicht. Zwangen
Regen, Matsch oder Kälte die Lehre-
rin, einmal regelrechte Winterstiefel zu
tragen, wurden diese. bevor sie vor uns
trat, unauffällig durch leichtere Schuhe
ersetzt, denn wir sahen Fräulein von
Ramdohr nicht ein einziges Mal mit
solchen Tietern im Klassenzimmer. Wie
sie zum Klavier schritt, den Rock im
Herbst eher aus dunklem, schwerem
Stoff und lang. Sie war wie eine Mut-
ter, doch zugleich ruhigel sachlicher,
da ohne die enge emotionale Verstrik-
kung. Sie war wie eine Tänte, die sich
interessiert zu uns herunterbeugte und
sich nach diesem oder jenem erkun-
digte. Sie war die Souveräne, die
Gebildete, die uns in die Geheimnisse
der Schrift und der Zahlen, in die Welt
der Kultur einführte. Mit vorsichtigen,
achtsamen Schritten bewegte sie sich
durch das Klassenzimmer der nur
wenige Räume umfassenden Dorf-
schule: Schreibend, erklärend, sin-
gend, lächelnd. Sie war auch die Hilf-
lose, Zerbrechliche, Schutzbedürftige,
das Fräulein aus der Stadt, das sich bei
einem Spaziergang durchs Dorf von
uns Jungen über den Holzsteg helfen
ließ, der über den Bach in derTälsenke
unterhalb des Schulgebäudes führte.
Ich sah Frau von Ramdohr, wie sie in
beigefarbenen Sommerschuhen einen
Blumenstrauß auf ihrem Pult plazierte.
Wie sie in cremefarbenen Pumps die
von uns auswendig gelernten Früh-
lingsgedichte abhörte und uns mit
einem Lob auf den Platz zurück-
schickte. Sie kam mit demVolkswagen
aus der Stadt auf unser Dorf gefahren.
Kam sie einmal wenige Minuten später
als wir, sahen wir sie aussteigen und
nach ihrer Ledertasche greifen, die oft-
mals unsere Aufsatzhefte enthielt. Es
war die Täsche der Lehrerin, die das
von uns beschriebene Papier
umschloß. Die Thsche war aus ähnlich
feinem Leder gefertigt wie ihre
Schuhe. Wenn Frau von Ramdohr die
Hefte später austeilte, roch ich an mei-
nem, um ein wenig von dem Lederge-
ruch derTäsche aufzufangen, der noch
an den Heftseiten haftete. Näherte sich
das Motorengeräusch ihres Käfers,
warteten wir schon auf ihr mildes
Lächeln, das sich unseren von der Mor-
genluft geröteten Gesichtern
zuwandte, sobald sie den Wagen hinter
der Schule zum Stehen gebracht hatte.
Wenn sie ausstieg und mit dem einen
Fuß den Boden des Schulhofes
berührte, war mir manchmal, als steige
ein Engel zu uns herab. Meist trug sie
ein schlichtes Kostüm. Sie war schlank,
mitteigroß. Ihr schulterlanges, brünet-
tes Jahr war stets schwungvoll nach
hinten gekämmt und mit Haarspray
fixiert. Meist ging sie lautlos, wie auf
Zehenspitzen. Der sich nach unten ver-
jüngende Absatz ihres Schuhs war
kaum einmal zu hören und doch schien
er die Ramdohr mit einer schier
unglaublichen Leichtigkeit durch die
morgendlichen Unterrichtsstunden zu
313
Der Schuh der Grundschullehrerin
tragen. Elfengleich schwebte sie leich-
ten Fußes an dieTäfel oder zum Kla-
vier. Es war wie eine Verheißung. Wir
Dorfjungen saßen staunend, hielten
den Atem an, wenn ihre zarten, schlan-
ken Finger langsam auf die Tästen nie-
dersanken und die ersten Töne
anschlugen. Eine bisher unbekannte
Wärme und Erregung durchflutete
meinen Körper und ließ mein Herz
schneller schlagen. Ich sah ihr leicht
schwingendes Haar, dann die Haltung
ihrer Beine, die schmalen Fesseln über
dem hell-braunen Leder, das die voll-
endete Form ihres Fußes erst recht zur
Geltung zu bringen wußte. Sie hatte
mich täglich aufs Neue verführt: Zum
Staunen, zum Schauen, zum Aufneh-
men und Um-mich-Blicken. Sie wirkte
über ihre schlichte Eleganz und ihren
persönlichen Stil. Diese Eigenschaften
zeigter sich nicht nur in ihrem Auße-
ren, sondern auch in ihrer Stimme,
ihrem Gang, der Art und Weise, wie
sie sich uns zuwandte. Sie war die
Initiatorin aller Bildung, die Vorbotin
eines reicheren, besseren Lebens, die
Künderin der Erlösung aus Unwissen-
heit und Abhängigkeit. Wie hätten wir
es je wagen können, sie ihres Schuh-
werkes zu berauben, jener kunstvollen
wie schlichten Gebilde aus zartestem
Leder, die die Anmut undWürde, den
persönlichen Charme und das Cha-
risma unserer Lehrerin erst voll zur
Geltung brachten? Die Entblößung
ihres Fußes vor unseren Augen wäre
mehr als peinlich, ja entwürdigend
gewesen.
Ich kam wieder zu mir, zurück ins
Jahr 1998. Erneut schaute ich in die
Runde. Das Gesicht der Referentin
hatte sich weiter verfinstert. Ich
schaute plötzlich auf ihre Schuhe. Es
waren dunkle, formlose Tieter. Mit
einem Mal verstand ich, was ge.tan wer-
den mußte. ,,Ich mache diese Ubung
nicht mit", sagte ich laut und ruhig in
den Raum. Die Lehrerinnen schauten
mich überrascht an. ,,Gut", sagte die
Referentin kühl. ,,Dann gehen Sie
eben raus." Damit hatte ich nicht
gerechnet. Die Niedermaier war nicht
bereit, auch nur einen Zoll zurückzu-
weichen.
)1,
Ich griff zum letzten mir verbleiben-
den Mittel. Auf einer der vielen Folien
hatte etwas vom Senden von Ich-Bot-
schaften gestanden. Ich sandte also
eine Ich-Botschaft: ,,Vor einer Weile
meldete ich mein Bedürfnis nach Akti-
v_ität und Lebendigem Lernen an. Die
Ubung, die sie vorschlugen, liegt mir
nicht. Sie liegt mir aus persönlichen
Gründen nicht und auch, weil ich den
Zusammenh ang zv unserem Thema
nicht erkennen kann, weshalb ich sie
nicht mitmachen möchte. Und jetzt
werde ich rausgeschickt. Ich fühle mich
in meinen Lernbedürfnissen mißachtet
und übergangen", sagte ich nun völlig
resigniert. ,,Das ist dann eben so",
kam es trocken zurück. ,,Ich könnte
Ihnen erläutern, warum ich die Ubung
nicht mitmachen möchte", wagte ich
noch hinzuzusetzen. Das sei für sie
nicht relevant, meinte Frau Nieder-
maier.
Schwankend erhob ich mich und
ging zuTür. Ich war am Ende. Bilder
drehten sich in meinem Kopf. Schuhe,
Füße, Absätze, Lederriemchen, die
Beine von Frau von Ramdohr, wie sie
ans Klavier glitt, das wachsbleiche
Gesicht von Frau Ley, der taubenblaue
Schuh von Frau Gräf, der schon den
ganzenTäg vor mir auf- und abgewippt
war. Dieser Schuh wäre einer Madame
Pompadour würdig gewesen. Ich
stellte mir den Sportlehrer vor, wie er
sich in diesen Schuh hineinzwängen
und wie er ihn mit seinen Quadratlat-
schen regelrecht platt treten würde,
wie er mit seinen langen Füßen und
seinem hohen Körper in den Frauen-
pumps umherstolpern und hinstürzen
würde wie ein betrunkener Tiansvestit,
der aus einer Hafenkneipe taumelt. Es
war ein ganz und gar lächerliches, stil-
loses Bild. Ich hatte mich gewehrt und
gekämpft, auch für Frau von Ramdohr
und ihre gegenwärtigen Kolleginnen
an jener Landschule, doch ohne
Erfolg. Verloren stand ich in der Halle.
Doch dann geschah etwas Unerwar-
tetes. Hinter mir auf den Bodenfliesen
hörte ich plötzlich ein ganzes Meer von
Absätzen aufgeregt klappern. Getu-
schel, Flüstern, Damenparfüm wehte
umher. In meiner Zerstreutheit und
Verzweiflung hatte ich vergessen, die
Tür zu schließen. Ich drehte mich um
und wurde plötzlich umringt von einem
ganzen Schwarm Lehrerinnen, die sich
Luft zufächelten, etwas nervös auf der
Stelte trippelten und mich freundlich
und warmherzig anlächelten. Ich war
sprachlos. Frau Ley, inzwischen wieder
von rosiger Gesichtsfarbe, machte
einen entschiedenen Schritt auf die Tür
des Lehrerzimmers zu, aus dem die
Gruppe soeben entflohen war. Mit
einem spitzen Lächeln um den Mund
stellte sie sich hinter die Tür, setzte ihre
beiden mit funkelnden Ringen besetz-
ten Hände an, als wolle sie etwas sehr
Schweres wegschieben. Ihre linke
Ferse hob sich dabei ein wenig aus dem
braunen Schuh und der von seinem
Gewicht befreite Absatz folgte. Dann
gab sie derTür einen leichten, aber
bestimmten Stups. Krachend fiel sie
ins Schloß.
Anschrift des Yerfassers:
PD Dr. Joachim Bröcher
Heddinghausen 994
51588 Nümbrecht
oder dienstl.:
Universität zu Köln
Seminar für Musische Erziehung
in der Heilpädagogik
Frangenheimstraße 4
50931Köln
314
  • Book
    Full-text available
    Berufstätige Menschen in Veränderungsprozessen sind die Adressaten der in diesem Buch dargelegten Arbeitsweise. Oftmals wird eine fehlende Balance erlebt zwischen den eigenen Zielen und Werthaltungen und denen der Personen, Organisationen und Institutionen, mit denen zusammengearbeitet wird. Dahinter steht möglicherweise die Tatsache, dass etwas Grundlegendes im eigenen beruflichen Selbstverständnis oder in den Arbeitsbeziehungen bisher nicht geklärt worden ist oder dass der persönliche Handlungsspielraum als zu eng erlebt wird. Unter Verwendung von Bildmaterial aus Kunst und Medien werden diese Zusammenhänge auf eine spielerisch handelnde Weise erkundet und zugänglich gemacht. Die Freisetzung von kreativen, schöpferischen Potenzialen im Prozess des Collagierens, Umgestaltens, zeichnerischen Ergänzens usw. vermag im Sinne des Probehandelns Veränderungen auch in der beruflichen Wirklichkeit anzubahnen. Der hier beschrittene Weg "führt durch einen weniger befestigten Grenzstreifen, in dem man mehr zulässt. Im Experimentieren mit Kunst werden Chancen und Begrenzungen zukünftiger Entwicklugen erfassbar ... Jedes Bild bezieht sich auf Verwandlung und es ist auch selbst eine Verwandlung" (Wilhelm Salber).
  • Poster
    Full-text available
    Die Tätigkeit als Lehrerin oder Lehrer an den heutigen Schulen stellt hohe Anforderungen an deren Fachlichkeit wie an ihre Resilienz und Widerstandskraft. Dies gilt gleichermaßen für inklusive schulische Settings wie auch für spezialisierte, separative Settings. Ein Teil dieser Anforderungen resultiert aus den besonderen Merkmalen der Zielgruppe von Kindern und Jugendlichen mit Förderbedarf in der emotionalen und sozialen Entwicklung und deren Eltern und Erziehungsberechtigten. Ein weiterer Teil dieser Anforderungen ergibt sich aus der ständigen Notwendigkeit mit Kolleginnen und Kollegen, Dienstvorgesetzten auf den verschiedenen Ebenen, Eltern und professionellen Partner/innen in benachbarten psychosozialen Feldern zusammenzuarbeiten und sich auf all diese Menschen und ihre Erwartungen einzustellen. Neben das fortwährende Unterrichten, Beraten, Ermutigen, Lenken, Intervenieren, Kontrollieren oder Aufsicht führen im direkten Umgang mit den Schüler/innen tritt die schulische Mikropolitik, das kollegiale Miteinander, das Aushandeln der Richtung, in die die Schule gemeinsam gesteuert werden soll, ein Prozess der manchmal klare Positionierungen von uns verlangt, manchmal auch Anpassung und Mitschwimmen mit einer Mehrheit, oder die bloße Akzeptanz der Entscheidungen höherer Stellen. Wieviel Freiheit und Selbstbestimmung sind also möglich in Anbetracht der gegebenen Systemzwänge? Allgemeine Dynamiken, die in der Gesellschaft, in Politik und Verwaltung sowie im Schulsystem herrschen, wirken sich ebenfalls aus. Aus Anforderungen können (müssen aber nicht) Belastungen und Stress resultieren, bis zu Burnout und persönlichen Krisen. Wichtig ist, solchen Tendenzen schon frühzeitig entgegenzuarbeiten, durch ein gutes Selbstmanagement, durch Selbstreflexion und eine gute Selbstsorge. Dabei können Coaching und Supervision helfen, auch das Verfassen von Tagebüchern oder Zeichnen. Es gilt sich Kraftquellen oder Gegenwelten zu erschließen: Aktivitäten mit Partner/innen, Freund/innen, den eigenen Kindern, Sport, Kunst, Musik, Literatur, Film, Mode, Reisen, Hausbau, Gartengestaltung, Kochen, Philosophie, Religion, Yoga, Meditation, Tai Chi, u.a. Auch die kontinuierliche weitere fachliche Professionalisierung (Lifelong Learning) ist von hoher präventiver Bedeutung, zur Stärkung der Resilienz, denn wer sich als handlungskompetent und selbstwirksam erlebt in seiner direkten pädagogischen Arbeit, hat auf der Ebene schon weniger Stress zu erwarten und kommt einfach besser zurecht. Die psychologische Forschung hält Anregungen für die aktive Bewältigung der Anforderungen bereit, die der Lehrberuf an Schulen mit sich bringt. Impulse für einen kritischen Diskurs, der die eigene Rolle und das gesamte System vollständig hinterfragt, in dem Lehrer/innen funktionieren müssen, gibt uns dagegen die Philosophie ...
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