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Was ist Achtsamkeit? Herkunft, Praxis und Konzeption

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Inhaltsubersicht: Ausgehend von der momentanen Popularitat wird versucht den Begriff der Achtsamkeit sowohl in seinen historischen Wurzeln als auch in seiner aktuellen Verwendung zu fassen. Es zeigt sich zunachst, dass der Erfahrungsbezug einer Praxis der Achtsamkeit im Widerspruch zu einer statischen wissenschaftlichen Definition eines Konzeptes der Achtsamkeit steht. Somit zeigt sich die Achtsamkeit auch je nach Kontext in unterschiedlichen Spielarten. Bestimmend ist dabei die Motivation mit der die Achtsamkeit praktiziert wird. Im fruhen Buddhismus, in dem die Achtsamkeit das erste Mal explizit auftaucht, ist die Motivation auf spirituelles Wachstum und Selbsttransformation gerichtet. In unserer modernen westlichen Gesellschaft finden sich neben den spirituellen auch sakulare Motive. Achtsamkeit wird in den unterschiedlichsten Feldern mit den unterschiedlichsten Ausgangsmotivationen praktiziert. Neben dem Wunsch nach Entspannung, Wohlbefinden und Selbstexploration finden sich auch Anwendungsfelder in k...
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Sucrose. Anwendungsgeb.: Zur Anwend. im Rahmen eines integrierten Behandl.-konzeptes in der Substitutionstherap. b. Opiat-/Opioidabhängigk. b. Erw., welches die medizin., soziale u. psycholog. Versorg. einbezieht. Die Substitutionsbehandl.
m. Methadon sollte v. einem in der Behandl. Opiat-/Opioidabhängiger erfahr. Arzt vorzugsw. in Zentren erfolgen, die sich auf die Behandl. der Opiat-/Opioidabhängigk. spezialisiert haben. Im Falle einer Take-home-Verschreib. hat der Arzt dafür
Sorge zu tragen, dass die aus der Mitgabe des Substitutionsmittels result. Risiken einer Selbst- od. Fremdgefährd. so weit wie mögl. ausgeschlossen werden u. der Pat. das ihm verschrieb. Substitutionsmittel bestimmungsgemäß verwendet. B.
missbräuchl., nicht bestimmungsgemäßer Anwend. durch den Pat. ist die Take-home-Verschreib. sofort einzustellen. Gegenanz.: Überempf. geg. Inhaltsst., Behandl. m. MAO-B-Hemmern, gleichz. Behandl. m. Narkotika-Antagonisten od. Narkotika-
Agonisten/Antagonisten (z. B. Pentazocin, Buprenorphin) (außer zur Behandl. einer Überdos.). Nebenwirk.: Zu Beginn der Substitutionsbehandl. treten häu g Opiat-Entzugssympt. wie Angstzustände, Anorexie, unwillkürl. zuck. u. stoß. Beweg.,
Cutis anserina, Depress., Diarrhö, Erbrechen, Fieber, Gähnen, Gewichtsverlust, Nausea, Niesen, erweit. Pupillen, Reizbark., Rhinorrhö, Schläfrigk., körperl. Schmerzen, Schwächeanfälle, starkes Schwitzen, intest. Spasmen, Tachyk., verstärkter
Tränen uss, Tremor, Unruhe, Unterleibskrämpfe, alternier. Wechsel zw. Frösteln u. Hitzewall. auf. Hämorrhagie, Euphorie, Dysphorie, Benommenh., Sedation, Verwirrth., Anorexie, Desorientierth., Kopfschmerzen, Mattigk., S chla osigk., Unruhe,
Sehstör., Herzklopfen, Bradyk., Schwächeanfälle, Ödeme, orthostat. Hypotonie, Synkopen, Herzstillstand, Einschränk. der Kreislau unkt., Schock, Atemdepress., Atemstillstand, Erbrechen, Nausea, Mundtrockenh., Obstipat., Gallenwegsspasmen,
Schweißausbrüche, Urtikaria, Hautausschläge, Pruritus, Flush, antidiuret. E ekte, Harnverhalten, Miktionsstör., eingeschr. Libido u./od. Potenz. Enth. Lactose u. Sucrose. Weit. Einzelh. u. Hinw. s. Fach- u. Gebrauchsinfo. Verschreibungsp ichtig entspr.
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Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis
Journal of Addiction Research and Practice
SUCHT
SUCHT Jahrgang 60 | H eft 1 | Februar 2014
Jahrgang | Volume 60 · Heft | Number 1 · Februar | February 2014 | ISSN 0939-5911
Seit 1891 | Published since 1891
Herausgeber
DHS
DG-Sucht
www.sucht-zeitschrift.com
Themenschwerpunkt
Achtsamkeitsbasierte Suchttherapie
Special issue
Mindfulness in Addiction Treatment
Gastherausgeber/Guest Editor
Götz Mundle
SUCHT 60 (1) © 2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
SUCHT – Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis
Journal of Addiction Research and Practice
60. Jahrgang, Heft 1, Februar 2014
* Die Redaktion dankt Herrn Dr. Johannes Lindenmeyer für die redaktionelle Betreuung des Themenschwerpunktes.
Inhalt
Themenschwerpunkt/
Special Issue
Achtsamkeitsbasierte Suchttherapie
Mindfulness in Addiction Treatment
Gastherausgeber/Guest Editors
Götz Mundle & Thorsten Kienast*
Editorial Götz Mundle und Thorsten Kienast
Achtsamkeit und ihre Relevanz für die Suchttherapie
The Relevance of Mindfulness for Addiction Treatment 5
Positionspapier/
Position Paper
Thomas Heidenreich und Johannes Michalak
Achtsamkeitsbasierte Psychotherapie – Chancen und
Grenzen der dritten Generation der Verhaltenstherapie
Mindfulness-Based Psychotherapy – Opportunities and
Limits of the Third Gernaration of Behavior Therapy 7
Historischer Beitrag/
Addiction History
Stefan Schmidt
Was ist Achtsamkeit? Herkunft, Praxis und Konzeption
Mindfulness – Origin, Practice and Conception 13
Übersichtsarbeit/
Review
Tobias Esch
Die neuronale Basis von Meditation und Achtsamkeit
The Neuronal Foundations of Meditation and Mindfulness 21
Therapeutische Ver-
fahren/Interventions
Götz Mundle, Sarah Bowen, Andreas Heinz und Thorsten Kienast
Praktische Anwendung von Achtsamkeit in der Suchttherapie
am Beispiel des MBRP Programms und der DBT-Sucht
Practical Application of Mindfulness in Addition Treatment –
the Case of MBRP and DBT-S 29
Kommentare/
Commentaries
Zum aktuellen Themenschwerpunkt „Achtsamkeitsbasierte
Suchttherapie“
von Johannes Lindenmeyer, Wilma Funke und Falk Kiefer
mit abschließenden Bemerkungen von Götz Mundle 37
SUCHT 60 (1) © 2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
Originalarbeit/
Research Report
Uwe Verthein, Silke Kuhn und Ingo Schäfer
Der Verlauf der Diamorphinbehandlung unter den Bedingungen
der gesundheitlichen Regelversorgung – eine 12-Monats-Analyse
The Course of Diamorphine Treatment under Standard Health Care
Conditions in Germany – A 12-Months Analysis 43
Redaktionshinweise/
Editorial Note
Neun neue Redakteure
Nine new Assistant Editors 54
Dank an die Gutachter/
Thanks to the Referees 59
Tagungsankündigungen/
Upcoming Conferences 60
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SUCHT
Zeitschrift für Wissenschaft und Praxis /
Journal of Addiction Research and Practice
Historischer Beitrag
Was ist Achtsamkeit?
Herkunft, Praxis und Konzeption
Stefan Schmidt
Forschungsgruppe Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie, Klinik für Psychosomatische
Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg (Breisgau)
Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften, Europa Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)
Zusammenfassung: Inhaltsbersicht : Ausgehend von der momentanen Popularitt wird versucht den Begriff der Achtsamkeit sowohl in
seinen historischen Wurzeln als auch in seiner aktuellen Verwendung zu fassen. Es zeigt sich zunchst, dass der Erfahrungsbezug einer
Praxis der Achtsamkeit im Widerspruch zu einer statischen wissenschaftlichen Definition eines Konzeptes der Achtsamkeit steht. Somit
zeigt sich die Achtsamkeit auch je nach Kontext in unterschiedlichen Spielarten. Bestimmend ist dabei die Motivation mit der die
Achtsamkeit praktiziert wird. Im frhen Buddhismus, in dem die Achtsamkeit das erste Mal explizit auftaucht, ist die Motivation auf
spirituelles Wachstum und Selbsttransformation gerichtet. In unserer modernen westlichen Gesellschaft finden sich neben den spirituellen
auch skulare Motive. Achtsamkeit wird in den unterschiedlichsten Feldern mit den unterschiedlichsten Ausgangsmotivationen prakti-
ziert. Neben dem Wunsch nach Entspannung, Wohlbefinden und Selbstexploration finden sich auch Anwendungsfelder in klinischen und
auch pdagogischen Bereichen. Spezifisch in der Suchttherapie bietet sich ein strukturiertes achtsamkeitsbasiertes Programm zur Rck-
fallprophylaxe an. Schlussfolgerung: Die Popularitt des Achtsamkeitskonzeptes lsst sich als eine kollektive Selbstregulation unserer
Kultur auf eine zunehmende Funktionalisierung und Beschleunigung interpretieren.
Schlsselwçrter: Achtsamkeit, Buddhismus
Mindfulness – Origin, Practice and Conception
Abstract: Content : Starting from its recent popularity the notion of mindfulness is explained with respect to its historic origin as well as with
respect to its application and practice within our modern culture. It is shown that mindfulness is intimately tied with direct experience and as
such is in contradiction with a static scientific definition of mindfulness. Furthermore the understanding of mindfulness also changes to
some degree in dependence of the specific context it is applied in. Thereby,the crucial issue is the motivation for the practice of mindfulness.
In the early Buddhist context, where mindfulness is mentioned first, the motivation is directed towards spiritual growth and self-
transformation. In our modern western society we find next to spiritual motives also secular ones and mindfulness is practiced within a wide
range of different areas with large variation of goals and motives to do so. Often intentions are towards wellbeing, relaxation and self-
exploration. But of course mindfulness is also applied within clinical and educational contexts. Especially in the treatment of addiction a
specific program for relapse prevention was developed. Conclusion: Overall the recent popularity of mindfulness is interpreted as a
collective process of self-regulation of our culture which is facing increasing functionalization and social acceleration.
Keywords: mindfulness, Buddhism
Einleitung
Die Praxis und das Konzept der Achtsamkeit erfreuen sich
in den letzten Jahren zunehmender Beliebtheit. Achtsam-
keitsbasierte Konzepte und Interventionen werden in vie-
len verschiedenen Bereichen eingesetzt, angefangen von
der Mind-Body- und Verhaltensmedizin, ber pdagogi-
sche Kontexte (Zimmermann, Spitz & Schmidt, 2012),
Kunsttherapie (Monti et al., 2006) bis hin zum Coaching
(Passmore & Marianetti, 2007). Die Forschung zur Wirk-
samkeit und Wirkweise von Meditation und achtsam-
keitsbasierten Interventionen ist hochaktuelles Thema in
Medizin, Psychologie und den Neurowissenschaften. Und
daher stellt sich die Frage was eigentlich genau gemeint ist,
wenn wir von Achtsamkeit sprechen? Bei einer genaueren
Betrachtung und Sichtung der Literatur zeigt es sich, dass
mit der zunehmenden Popularitt das Konzept der Acht-
samkeit auch an Kontur und Schrfe verliert und mehr und
mehr verwssert. In diesem Zusammenhang macht es Sinn
die jeweilige Konzeption von Achtsamkeit auf dem Hin-
tergrund des spezifischen Kontextes zu betrachten, in dem
sie thematisiert oder praktiziert wird. Um hier den Begriff
in seiner ganzen Breite aufzuschließen ist es zielfhrend im
Rahmen einer solchen kontextuellen Betrachtung den Weg
SUCHT, 60 (1), 2014, 13 – 19
DOI: 10.1024/0939-5911.a000287 SUCHT 60 (1)  2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
Persönliches Autorenexemplar (e-Sonderdruck)
des Begriffes von seinen historischen und religiçsen Wur-
zeln im Asiatischen Raum bis hin zu seiner meist skula-
risierten Anwendung in den modernen westlichen Gesell-
schaften nachzuzeichnen.
Der Begriff der Achtsamkeit hat seinen Ursprung im
Buddhismus. Achtsamkeit ist dort eines der zentralen
Konzepte der Lehre und hat in den letzten 2500 Jahren in
den asiatischen Verbreitungsgebieten des Buddhismus nur
wenig Vernderung erfahren. Bei uns im Westen findet die
Achtsamkeit neben dem traditionellen spirituellen Kon-
text auch oft in skularisierter Form Anwendung, und dies
in sehr unterschiedlichen kulturellen Zusammenhngen. In
diesem Artikel soll neben der begrifflichen Fassung auch
die Frage gestellt werden, ob Begriff, Konzept und Praxis
von Achtsamkeit angesichts einer solch betrchtlichen
Vernderung des Bezugsrahmens immer noch als gleich
anzusehen sind, oder ob es sich um etwas Verschiedenes
handelt. Damit wird vor allem versucht das Konzept und
die dazugehçrige Praxis der Achtsamkeit, so gut dies geht,
begrifflich zu fassen. Dies bedeutet aber auch, dass der
praktische Aspekt, wie man sich konkret in Achtsamkeit
bt, in diesem Artikel nicht bercksichtigt wird.
Definition: Achtsamkeit in der
östlichen Philosophie
Die ltesten schriftlichen Hinweise auf den Begriff der
Achtsamkeit, sati in der Sprache Pali, kçnnen im soge-
nannten Palikanon des Theravada-Buddhismus gefunden
werden. Theravada (wçrtlich Schule der lteren) ist die
lteste buddhistische Schule, die noch heute in Sri Lanka,
Myanmar, Laos, Kambodscha und Thailand praktiziert
wird. Alle anderen buddhistischen Traditionen wie der ti-
betische Buddhismus oder der Zen-Buddhismus haben
ihren Ursprung in dieser Tradition. Es ist berliefert, dass
buddhistische Mçnche im 1. Jh. vor Christus die Reden und
Lehren von Gautama Buddha, der ungefhr im 5. Jh. vor
Christus lebte, niedergeschrieben haben. Diese Texte, die
zuvor mndlich berliefert worden waren, bilden das l-
teste schriftliche Zeugnis der buddhistischen Lehren, den
sogenannten Palikanon1. Fr das Studium der Achtsamkeit
sind hauptschlich zwei Lehrreden des Buddha (Pali : sutta)
von Bedeutung: Die Satipat¸t¸ha
¯na Sutta (Analayo, 2009;
Nyanaponika, 2000) und die A
¯na
¯pa
¯nasati Sutta (Rosen-
berg, 2002). Beide Suttas beschreiben ausschließlich eine
Meditationspraxis, jedoch kein Konzept. Was mit Acht-
samkeit oder sati aber genau gemeint ist, kann in abstrakten
Begriffen aus dieser Praxis gefolgert werden.
Laut Ana¯layo (2009), einem Mçnch und Gelehrten der
Theravada Tradition, hat das Word sati seinen Ursprung in
dem Verb sarati, was „sich erinnern“ (S. 59) bedeutet. Al-
lerdings ist sati nicht als Erinnerung gemeint, sondern als
Gewahrsein des Augenblicks, was die Erinnerung wieder-
um erleichtert. Gewahrsein im Augenblick und Erinnerung
ergnzen sich gegenseitig: „ … verbindet sati das Be-
wusstsein im Augenblick mit der Erinnerung an das, was
der Buddha gelehrt hatte.“ (S. 61). Um das zu erreichen,
muss der Geist im Zustand von sati „in Bezug auf den ge-
genwrtigen Augenblick hellwach…“ sein (S. 61). Hier
wird der Begriff der Weite des Bewusstseinszustandes (im
Gegensatz zu einem eng begrenzten Fokus) betont (S. 61).
Ein anderer Mçnch und Gelehrter aus der Theravada-
Tradition, Nyanaponika (2000), beschreibt sati als „reines
Beobachten“ (S. 25ff). Der Begriff „rein“ bezieht sich hier
auf die Tatsache, dass der Beobachter oder die Beobach-
terin versucht, lediglich das beobachtete Objekt wahrzu-
nehmen anstatt mit ihm zu interagieren, wie dies z. B. durch
Beurteilungen, Bewertung, Stellungnahme oder bewusster
Handlungen geschieht.
Wenn also sati whrend der Meditation2praktiziert
wird, kann es als Zustand des Gewahrseins im Augenblick
beschrieben werden, in dem der Geist mit der oben be-
schriebenen Weite versucht zu beobachten ohne einzu-
greifen. Sati wird im Palikanon oft auch in Bildern und
Gleichnissen beschrieben, wobei diese Bilder unter-
schiedliche Funktionen von sati betonen, z.B. Wachheit,
Entspannung, Nicht-Anhaften, Nicht-Eingreifen oder
Ungerichtetheit. Eine schçne Sammlung dieser Gleich-
nisse findet sich bei Ana¯ layo (2009, S. 66 ff.).
Die hier vorgenommenen begrifflichen Ableitungen
fhren schnell zu der Vorstellung, bei sati handle es sich um
einen feststehenden theoretischen Begriff, wie man dies in
der westlichen geprgten Wissenschaft gewohnt ist. Hier
darf nicht vergessen werden, dass Achtsamkeit oder sati
immer eine Erfahrung beschreibt. Ein umfassendes Ver-
stndnis dessen was gemeint ist, kann man nur auf Basis
eigener Erfahrungen erlangen. Es bedarf hier explizit, der
eigenen Praxis, i.e. der Einbeziehung einer Ersten-Person-
Perspektive. Daraus folgt, dass sati kein statisches Konzept
ist, sondern sich mit zunehmender Erfahrung der Medi-
tierenden verndert. Dies ist aus Sicht einer westlich ge-
prgten Wissenskonzeption, in der man versucht die Be-
griffe durch konzeptionelle Definitionen im Sinne einer
Dritten-Person-Perspektive von subjektiven Einflssen frei
zu halten, ein ungewçhnlicher Schritt. Aus einer solchen
Bercksichtigung erfahrungs- und praxisbezogener As-
pekte ergeben sich noch weitergehende einschrnkende
Konsequenzen. Denn direkte Erfahrungen kçnnen prinzi-
piell niemals vollstndig versprachlicht werden. Dies liegt
daran, dass jede Erfahrung grundstzlich mehr Facetten
und Feinheiten umfasst (z.B. Geschmacksnuancen) als
sprachlich differenziert werden kçnnen (die detaillierte
Argumentation findet sich bei Metzinger, 2009; S. 78ff).
Daraus ergibt sich, dass ein Sprechen, Schreiben und
1Online verfgbar unter www.palikanon.com
2Sati bezieht sich nicht nur auf einen ,passiven meditativen
Zustand. Rechte Achtsamkeit oder samma
¯sati bedeutet auch,
nach bestimmten ethischen Regeln und im Sinne bestimmter
buddhistischer Prinzipien zu handeln. Daher muss sati mit
sampaja
¯na (Wissensklarheit) und a
¯ta
¯
¯(Sorgfalt) verbunden
werden. Diese beiden weiteren Begriffe sind manchmal in sati
impliziert, mssen aber bercksichtigt werden, um das Kon-
zept der Achtsamkeit umfassend zu verstehen.
14 S. Schmidt: Was ist Achtsamkeit? Herkunft, Praxis und Konzeption
SUCHT 60 (1)  2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
Persönliches Autorenexemplar (e-Sonderdruck)
Theoretisieren ber sati, wie es hier geschieht, immer un-
vollstndige Herangehensweisen sind.
Der traditionelle östliche Kontext von
Achtsamkeit
Die entscheidende Rolle von sati fr die buddhistischen
Lehren kann aus zwei Zitaten aus dem Satipat¸t¸ha
¯na Sutta
erschlossen werden. Am Anfang heißt es:
Ihr Mçnche, dies ist der direkte Weg zur Luterung der
Wesen, zur berwindung von Kummer und Wehklage,
zum Beenden von dukkha3und Betrbtheit, zur Erlan-
gung der richtigen Methode, zur Verwirklichung von
Nibba
¯naw, nmlich die vier satipat¸t¸ha¯nas.
(Ana¯layo, 2009, S. 13)
Und am Ende heißt es:
Ihr Mçnche, … falls jemand diese vier satipat¸t¸ha
¯nas in
dieser Art fr sieben Tage entwickelt, kann eines von
zwei Ergebnissen fr ihn erwartet werden: entweder
vollendete Erkenntnis hier und jetzt oder, wenn noch
eine Spur von Anhaften brig ist, Nichtwiederkehr.
(S. 23)
Die einzigartige Bedeutung von sati fr die buddhistische
Praxis tritt hier klar hervor. Nur durch die Praxis und Pflege
von Achtsamkeit kann das hçchste Ziel der Befreiung er-
reicht werden. Aus buddhistischer Sicht wird eine dauer-
hafte Praxis von Achtsamkeit zu Einsichten in wichtige
grundlegende Wahrheiten fhren und es ist immer die
persçnlich erfahrene Einsicht, die letztendlich zur Befrei-
ung fhren wird. Daher wird Achtsamkeitsmeditation oft
auch als Vipassana
¯(d. h. Einsichts-) Meditation bezeichnet.
Die Praxis von Achtsamkeit jedoch steht nicht fr sich
alleine. Sie ist eingebettet in einen umfassenden Kontext
weiterer meditativer bungen und ethischen Verhaltens-
anweisungen (von Allmen, 2007). Das Herzstck der bud-
dhistischen Lehre sind die Vier Edlen Wahrheiten, die, stark
vereinfacht gesagt, ausdrcken, dass alles menschliche
Leiden beendet werden kann, indem man den ethischen
Anweisungen und der Praxis des sogenannten Edlen
Achtfachen Pfades folgt.Die Praxis von samma
¯sati (rechte
Achtsamkeit) ist eines der acht Glieder dieses Pfades. Der
achtfache Pfad ist die Basis fr einen spirituellen Weg, der
zu persçnlicher Transformation fhrt. Hier wird offen-
sichtlich, dass die Praxis von samma
¯sati oder rechter
Achtsamkeit nicht von den anderen sieben Aspekten ge-
trennt werden kann. Die anderen Glieder des Pfades um-
fassen weitere meditative bungen (sama
¯dhi), Weisheits-
aspekte (paÇÇa
¯) sowie eine Reihe von ethischen Verhal-
tensregeln (
¯las), die fr Laien und ordinierte Mçnche/
Nonnen jeweils unterschiedlich sind (s. Abb. 1).
Zur Veranschaulichung sollen hier kurz zwei Beispiele
erwhnt werden. Sa
¯mma dit¸t¸hi (rechte Einsicht) umfasst
u. a. den Glauben an Reinkarnation, was oft ein schwieriger
Aspekt fr Buddhismusinteressierte im Westen ist. Ein
anderer Aspekt, genannt sa
¯mma kammanta oder rechte
Handlung, bedeutet keine Lebewesen zu tçten oder zu
verletzen, nicht zu stehlen sowie bestimmtes Sexualver-
halten (Ehebruch) und den Genuss von Rauschmitteln
(z.B. Alkohol) zu unterlassen. Weiterhin ist die Meditati-
onspraxis auch eng mit dem Ziel verbunden, die vier so-
genannten bramaviha
¯ras oder gçttlichen Verweilzustnde
zu kultivieren, auch wenn diese nicht direkt im Achtfachen
Pfad erwhnt sind. Dazu gehçren liebende Gte (metta
¯),
Mitgefhl (karuna
¯), Mitfreude (mudita
¯) und Gleichmut
(uppekha
¯).
Zusammenfassend lsst sich sagen, dass die Praxis der
Achtsamkeit im ursprnglichen buddhistischen Kontext
nicht nur eine einzelne fr sich stehende Meditationstech-
nik ist, um eine Zeit der Stille oder Selbstexploration zu
erfahren, sondern Teil eines umfassenderen spirituellen
Weges. Hauptmotiv und Absicht, diesen Weg zu gehen
liegen darin, sich auf einen Prozess persçnlicher Transfor-
mation einzulassen, der zu Mitgefhl gegenber allen Le-
bewesen fhrt und dessen hçchstes Ziel die ,Befreiung ist
(entweder in diesem oder in einem anderen Leben). Dieser
Weg umfasst, wie bereits oben erwhnt, viele anderen
Praktiken, Sichtweisen und Verhaltensregeln.
3Dhukka wird meistens mit „Leiden“ bersetzt, obwohl diese
bersetzung nicht die volle Bedeutung erfasst, die dieses Wort
in Pali hat.
Abbildung 1. Der Achtfache Pfad, mit der Zuordnung in
die drei Bereiche Verhalten, Meditation, Weisheit. (von
Allmen, 2007, S. 208)
S. Schmidt: Was ist Achtsamkeit? Herkunft, Praxis und Konzeption 15
SUCHT 60 (1)  2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
Persönliches Autorenexemplar (e-Sonderdruck)
Achtsamkeit im Westen
Konzepte, die der Achtsamkeit hnlich sind, lassen sich
interessanterweise in fast allen spirituellen Traditionen
finden und dies schließt auch das Christentum, hier vor
allem die christliche Mystik ein (siehe z.B. Buchheld &
Walach, 2004). Das buddhistische geprgte Konzept der
Achtsamkeit ist ber verschiedene Wege und aus ver-
schiedenen Motivationen heraus in den Westen gebracht
oder geholt werden. Nattier (1995) unterscheidet hier
zwischen Import-, Export- und ,Rucksack-(engl. Baggage)
Buddhismen. Rucksack- (oder auch ethnischer) Buddhis-
mus bezieht sich auf Migranten/innen aus buddhistisch
geprgten Gesellschaften, die ihre religiçsen Praktiken und
Gebruche quasi im Rucksack mit in den Westen bringen.
Export (oder auch evangelikaler) Buddhismus bezieht sich
auf mehr missionarisch geprgte buddhistische Gruppen
aus dem asiatischen Raum, die ihre Religion in westlichen
Lndern aktiv verbreiten mçchten. Der Import-Buddhis-
mus schließlich bezieht sich auf den Umstand, dass Mit-
glieder der westlichen Gesellschaft buddhistisches Ge-
dankengut im Osten aufsuchen und in einem zweiten
Schritt dieses aktiv in den Westen ,importieren. Es ist vor
allem diese letzte Gruppe, die fr das große Interesse an
Achtsamkeit und Achtsamkeitsmeditation im Westen ver-
antwortlich ist. Nattier (1995) erwhnt hier noch einen in-
teressanten Umstand, er betont “only a member of the elite
level of society can start an Import Buddhist group” (Nat-
tier 1995, S. 43) und meint damit, dass der durchschnittlich
buddhismusinteressierte Westler meist der (Bildungs-)elite
angehçrt. Es ist sicherlich hilfreich sich hin und wieder
diesen elitren Aspekt des westlichen Buddhismus vor
Augen zu fhren, auch wenn die diesbezglichen Schicht-
unterschiede in Deutschland vielleicht nicht so steil sind
wie in den USA, auf die sich Nattier bezieht.
Versucht man nun herauszufinden auf welchen kon-
kreten Kulturtransfer der momentane Achtsamkeitsboom
bei uns fußt, dann mssen vor allem drei Zusammenhnge
genannt werden:
1. Die Grndung der Insight Meditation Society (IMS) in
Barre, Massachusetts, USA durch Jack Kornfield, Jo-
seph Goldstein und Sharon Salzberg 1974. Diese
Grnder/innen reisten und arbeiteten in den frhen
70er Jahren (u.a. fr das amerikanische peace corps)in
den Fernen Osten und kamen dort mit buddhistischen
Lehren in Kontakt. Das IMS bietet Meditationsretreats
in der Tradition des Theravada-Buddhismus an und
brachte die Vipassana¯-Praxis, unter Beibehaltung ihres
ursprnglich spirituellen Kontextes (s.o.) in die Verei-
nigten Staaten.
2. Die Entwicklung der Achtsamkeitsbasierten Stressbe-
wltigung (mindfulness based stress reduction MBSR)
im Jahre 1979 durch Jon Kabat-Zinn (2001). MBSR ist
ein strukturierter 8-Wochen-Kurs, in dem verschiedene
Formen der Achtsamkeitsmeditation sowie Yoga un-
terrichtet werden. Er ist fr Menschen konzipiert, die
nach Bewltigungsstrategie fr Stress, Schmerzen oder
chronischen Erkrankungen suchen. Das MBSR-Pro-
gramm ist seiner Ausrichtung nach skular. Hier werden
lediglich die Techniken der Achtsamkeitspraxis unter-
richtet ohne eine expliziten Rekurs auf den oben er-
whnten buddhistischen Kontext zu nehmen.
3. Die 10-tgigen Vipassana¯-Meditationsretreats, wie sie
von S. N. Goenka und seinen Schlern angeboten wer-
den4. Diese Organisation hat Meditationszentren in der
ganzen Welt und Interessierte kçnnen dort an 10-tgi-
gen Schweigeretreats teilnehmen, in denen Vipassana¯-
Meditation unterrichtet wird. Goenka versteht vipas-
sana
¯als Meditationsform, die ohne religiçse Ausrich-
tung praktiziert werden kann und unabhngig von einer
Glaubensausrichtung ist. Dabei lehrt er ausgewhlte
Aspekte der Praxis, wie sie in der historischen Literatur
beschrieben wird (z.B. Atemachtsamkeit, Achtsamkeit
der Kçrperempfindungen oder Bodyscan). Whrend
der Retreats werden die Teilnehmenden gebeten, be-
stimmte ethische Verhaltensregeln aus dem Palikanon
einzuhalten.
Definition: Achtsamkeit im Westen
Ausgehend von diesen drei Bewegungen (sowie einigen
weiteren) hat sich das Konzept der Achtsamkeit in ver-
schiedene Bereiche unserer Gesellschaft ausgebreitet.
Dabei ist meist leicht zu erkennen, ob die Achtsamkeit als
skulare oder spirituelle Praxis verstanden wird. Weitere
Transfer- und Anpassungsprozesse folgten und heute stellt
Achtsamkeit einen recht unspezifischen Sammelbegriff mit
vielfltigen Bezgen und Bedeutungen dar. Ohne genaue
Definition des spezifischen Kontexts bleibt daher unklar,
was genau gemeint ist, wenn jemand von „Achtsamkeit“
spricht. Im Einzelnen kann Achtsamkeit sich auf (1) eine
formale Meditationspraxis beziehen, genauer auch als
Achtsamkeitsmeditation bezeichnet, (2) auf ein mehr
theoretisch verstandenes Konzept der buddhistischen
Lehre, (3) auf eine bestimmte innere Grundhaltung ge-
genber den eigenen Erfahrungen und Handlungen im
Alltag (die auch als informelle Achtsamkeit bezeichnet
wird), (4) auf ein psychologisches Konzept, das von der
buddhistischen Lehre abstammt, sich jedoch in Begriff-
lichkeiten der der westlichen Psychologie definiert, (5) auf
ein weiteres psychologisches Konzept mit dem gleichen
Namen, das von Ellen Langer (1989) geprgt wurde und
zuallerletzt (6) auf das zum Adjektiv „achtsam“ gehçrende
Substantiv und seine Bedeutung im alltglichen Sprach-
gebrauch. Die beiden letzten Aspekte sind nicht von çst-
lichen Quellen geprgt und sollen daher hier nicht weiter-
verfolgt werden.
Die Aspekte (1) und (2) wurden bereits im ersten Teil
dieses Artikels ausfhrlich erlutert. Der dritte Aspekt,
Achtsamkeit als eine erfahrungsbezogene Grundhaltung
im Alltag kann vielleicht am besten mit einer Umschrei-
bung von Jon Kabat-Zinn erfasst werden. Er definiert
Achtsamkeit in diesem Sinne “… as moment-to-moment,
4Siehe z.B. www.dhamma.org
16 S. Schmidt: Was ist Achtsamkeit? Herkunft, Praxis und Konzeption
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non-judgemental awareness, cultivated by paying attention
in a specific way, that is, in the present moment, and as non-
reactively and as non-judgmentally and openheartedly as
possible“ (Kabat-Zinn, 2005, S. 108), was sich im Kern als
nicht wertendes Gewahrsein im gegenwrtigen Moment
bersetzen lsst. Weiterhin benennt er bestimmte Quali-
tten, die mit dieser besonderen Art der Aufmerksamkeit
verknpft und somit indirekt Teil der Definition sind. Laut
Jon Kabat-Zinn (1990) sind dies Nicht-Werten, Geduld,
Anfngergeist, Vertrauen, Akzeptanz und Loslassen. Sha-
piro und Schwartz (1999) erweitern diese Liste und er-
gnzen sie mit den folgenden zustzlichen Qualitten:
Sanftmut, Großzgigkeit, Empathie, Dankbarkeit und lie-
bende Gte.
Whrend diese verbale Umschreibung fr praktisch
Interessierte hilfreich sein kann, ist sie aus einer wissen-
schaftlichen Perspektive zu diffus. Daher gibt es mehrere
Versuche, den Begriff in eine wissenschaftliche Sprache zu
fassen (4. Aspekt) und ihm damit auch einen Platz inner-
halb anderer bereits existierenden psychologischen Kon-
zepte zuzuweisen. Im Jahre 2004 fand in Toronto eine
Konsensustreffen statt mit dem Ziel eine operationalisier-
bare und damit wissenschaftlich zugngliche Definition zu
entwickeln (Bishop et al., 2004).
Demgemß kann Achtsamkeit als eine Verbindung
zweier Prozesse gefasst werden. (1) Selbstregulation der
Aufmerksamkeit und (2) Orientierung an der Erfahrung. (1)
beschreibt das Bemhen, den Fokus der Aufmerksamkeit
auf den gegenwrtigen Moment zu richten und dort zu
halten. Der zweite Prozess (2) charakterisiert sich neben
der Erfahrungsorientierung als eine Haltung von Neugier,
Offenheit und Akzeptanz. Es finden sich im Rahmen wis-
senschaftlicher Arbeiten mehrere hnliche Konzeptionen
von Achtsamkeit, bei denen meist die beiden Elemente
Prsenz (Gegenwrtigkeit) und Akzeptanz zentral sind.
Shapiro, Carlson, Astin & Freedman (2006) z.B. entwi-
ckelten ein Modell, um die positiven Wirkungen von
achtsamkeitsbasierten Interventionen in klinischen Studi-
en (siehe Grossman, Niemann, Schmidt & Walach, 2004) zu
erklren. Sie schlagen in ihrem Modell die folgenden drei
Grundbestandteile vor: (1) Intention oder Absicht, hier
wird der spezifischen Zweck der jeweiligen Praxis betont
und bercksichtigt, (2) Aufmerksamkeit, hier wird der
Selbstregulierungsaspekt der Aufmerksamkeit auf den
gegenwrtigen Moment benannt und (3) Haltung, hier
werden die Qualitten betont, mit denen diese zielgerich-
tete Aufmerksamkeit praktiziert wird. Die Autoren beto-
nen dabei den einheitlichen Charakter dieses Prozeses,
dadurch dass diese Grundbestandteile “… interwoven as-
pects of a single cyclic process…“ (Shapiro et al. 2006,
S. 375) sind.
Gerade in der Psychologie ist es jedoch of so, dass
Konstrukte nicht verbal definiert werden, sondern sich di-
rekt ber den pragmatischen Weg ihrer Messung definie-
ren, im Sinn z.B. von ,Intelligenz ist was der Test misst. In
diesem Zusammenhang ist es natrlich interessant einen
Blick auf die Fragebçgen zu werfen, die den Anspruch er-
heben ,Achtsamkeit oder vielleicht besser die ,Selbstzu-
schreibungen von Achtsamkeit zu messen. Inzwischen
sind elf solcher Fragebçgen publiziert worden, von denen
viele auch ins Deutsche bersetzt sind. Im Falle unseres
eigenen Fragebogens, dem Freiburger Fragebogen zur
Achtsamkeit (FFA, Heidenreich, Strçhle & Michalak,
2006; Kohls, Sauer & Walach, 2009; Sauer et al., 2012;
Walach, Buchheld, Buttenmller, Kleinknecht & Schmidt,
2004, 2006), handelt es sich sogar um ein Instrument, das
auf Deutsch entwickelt wurde und erst danach ins Engli-
sche bertragen wurde. Ein detaillierte bersicht ber die
vorliegenden Verfahren und den gegenwrtigen Stand und
die Probleme bei der fragebogenbasieren Messung findet
sich bei Sauer et al. (2012). Hinsichtlich des konzeptionel-
len Aspekts muss jedoch festgestellt werden, dass diese
Instrumente leider nur wenig berlappen und damit eher zu
einer Verwsserung des Konzepts als zu einer Erklrung
fhren. Grossman (Grossman & Van Dam, 2011; Gross-
man, 2008) argumentiert darber hinaus, dass es aus meh-
reren Grnden grundstzlich nicht mçglich ist, Achtsam-
keit mithilfe von Fragebçgen zu messen. Da die Fragebç-
gen auch an Stichproben ausgegeben werden, die keinerlei
Vorerfahrung mit Achtsamkeit haben (hier wird oft der
Begriff dispositional mindfulness verwendet siehe z. B.
Creswell, Way, Eisenberger & Lieberman, 2007), kann es
sein, dass das Ergebnis fr die Selbstzuschreibung von
Achtsamkeit so gut wie gar nichts mit dem ursprnglich
buddhistischen Konzept oder der Praxis innerhalb der
Achtsamkeitsmeditation zu tun hat. Bezglich des Frei-
burger Fragebogens zur Achtsamkeit konnten wir mittels
sogenannter Kognitiver Interviews schlssig zeigen, dass
Personen, die keine Vorerfahrung mit der Praxis der
Achtsamkeit hatten, die einzelnen Fragen des Bogens
maßgeblich anders verstehen als Praktizierende (Belzer,
2010; Belzer et al., 2013). So wird z. B. das Wort ,Erfahrung
im einen Kontext als Lebenserfahrung (achtsamkeits-naiv)
im anderen jedoch als ,momentane Erfahrung (achtsam-
keits-erfahren) interpretiert.
Weiterhin ist bei diesem Zugangsweg zu beachten, dass
all diese Konstrukte und Definitionen aus einer Dritten-
Person-Perspektive entsprechend dem westlichen wis-
senschaftlichen Ansatz gebildet wurden. Die buddhisti-
sche Praxis hingegen rumt jedoch der Erfahrung der
Meditierenden (im Sinne einer Erste-Person-Perspektive)
stets Prioritt ein. Die Art der persçnlichen Erfahrung
ndert sich wie bereits erwhnt mit zunehmender Praxis
und sie kann auch nicht unmittelbar mit anderen ausge-
tauscht werden. Daher widersetzt sich Achtsamkeit
immer, wenn sie in ihrer Ursprnglichkeit ernst genom-
men wird, bis zu einem gewissen Grad einer wissen-
schaftlichen Definition.
S. Schmidt: Was ist Achtsamkeit? Herkunft, Praxis und Konzeption 17
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Der moderne westliche Kontext von
Achtsamkeit
Wenn Achtsamkeit heutzutage in unserer westlichen Kul-
tur praktiziert wird, dann ist die Motivation dies zu tun
nicht mehr unbedingt identisch mit dem ursprnglichen
buddhistischen-spirituellen Kontext. Bedingt durch die
drei Momente Kulturtransfer, Skularisierung und Spezi-
fizierung der Anwendungsfelder gibt es nun eine Vielzahl
unterschiedlichster Motive, aus denen heraus Menschen
Achtsamkeit formal oder informell praktizieren. So kçn-
nen z.B. folgende Motive Anlass fr eine Praxis sein:
– Stressbewltigung
– Entspannung
Umgang mit (chronischen) Erkrankungen
Verbesserung der Arbeitsqualitt
– Selbstregulation
– Selbsterfahrung
Interesse an Psychologie oder çstlicher Philosophie
Interesse an Spiritualitt
Transformation des Selbst
Praxis im Rahmen eines spirituellen Weges
Auch im spezifischen Kontext der Suchttherapie kann die
Achtsamkeit gut eingesetzt werden. Hier sind achtsam-
keitsbasierte Interventionen mit mehreren Zielsetzungen
anwendbar, wie Stressreduktion, Erwerb von Kompeten-
zen zur Emotionsregulation oder dem Aufbau einer posi-
tiven Beziehung zu sich selbst. Im Fokus der momentanen
Entwicklungen der Suchttherapie liegt jedoch der Einsatz
achtsamkeitsbasierter Verfahren zur Rckfallprophylaxe.
Bahnbrechend sind hier die Arbeiten von Marlatt, Bowen
und Kollegen, die zur Entwicklung des Mindfulness-based
Relapse Prevention Program MBRP (dt. Achtsamkeitsba-
sierte Rckfallprvention bei Substanzabhngigkeit)
(Bowen, Chawla, & Marlatt, 2011, 2012).
Sieht man nun in all diesen unterschiedlichen Kontex-
ten die Praxis der Achtsamkeit aus ihrer jeweiligen Moti-
vation heraus, dann stellt sich die spannende Frage, inwie-
weit diese Ausgangsmotivation die Praxis auch verndert
oder bestimmt. Oder andersherum, wenn die eine Person
Achtsamkeitsmeditation im Rahmen ihres spirituellen
buddhistischen Transformationsprozesses mit dem Ziel der
letztendlichen Befreiung bt und die andere dies tut, weil
sie ihre Fhrungsqualitten in einem schwierigen Arbeits-
kontext strken mçchte, machen dann beide das gleiche?
Kann die ursprngliche spirituelle Praxis des Ostens mit
einer skularen und meist indirekt anwendungsbezogenen
Praxis verglichen werden?
Es zeigt sich bei einer nheren Analyse hier, dass die
Intention fr die Praxis der Achtsamkeit, also die Motiva-
tion dies zu tun ein entscheidender Faktor ist. Sowohl die
çstlichen Lehren als auch wissenschaftliche Arbeiten be-
sttigen, dass diese Intention zentral mit der Ausrichtung
der Praxis und damit auch mit dem Erlangen mçglicher
Ziele in Verbindung steht (siehe z.B. Shapiro, 1992). Im
den oben erwhnten Modell von Shapiro et al. (2006) wird
dies sogar explizit in die Konzeption der Achtsamkeits-
praxis aufgenommen. Nimmt man dieses Hineintragen der
persçnlichen Motivation in die Praxis der Achtsamkeit
ernst, dann wird deutlich, dass momentan in unsere Kultur
eine neue Ausrichtung der Achtsamkeit entsteht, die nicht
unbedingt, auch wenn dies wnschenswert wre, mit der
ursprnglichen Praxis gleichgesetzt werden kann.
Die Grnde fr den Achtsamkeitsboom liegen nach
meinem Dafrhalten tief in den Entwicklungen unserer
Kultur. Die Spt- oder Postmoderne zeichnet sich durch die
Merkmale der zunehmenden Funktionalisierung, Indivi-
dualisierung, Rationalisierung, Kapitalisierung, Globali-
sierung und Beschleunigung (Rosa, 2012) aus. Die damit
verbundenen Anforderungen an den Einzelnen werden
zunehmend als inhuman erlebt (Schmidt, 2011). Die Po-
pularitt der Achtsamkeit lsst sich somit auch als eine
kollektive Selbstregulation unserer Kultur interpretieren.
In einer immer schnelleren, stressigeren und zerstreuteren
Umwelt suchen die Menschen nach Ruhe, Auszeiten, Ent-
funktionalisierung, Entschleunigung und vor allem nach
einer inneren Ausrichtung und Haltung, mit der sie dieser
Kultur begegnen kçnnen. Das Konzept der Achtsamkeit
bietet hier aus mehren offensichtlichen Grnden einen gute
Passung.
Damit ist aber auch die hier vorgefundene Achtsam-
keitspraxis stark von den Merkmalen und Bedrfnissen
unserer Kultur geprgt. Und dies ist vermutlich auch nur
der Anfang einer Entwicklung, die noch weiter reichen
wird. Der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger (2008)
thematisiert mit Begriff Bewusstseinskultur einen Diskurs
um die Frage, mit welcher Grundhaltung, oder anders
ausgedrckt, in welchem Bewusstsein wir in unserer Kultur
leben wollen. Damit stellt sich auch die Frage wie wir un-
seren jeweiligen Bewusstseinszustand auch individuell
oder kulturell beeinflussen und gegebenenfalls gezielt
verndern. Bei einer solchen Intention kann die Praxis der
Achtsamkeit, skularisiert oder spirituell, als eine sehr
hilfreiche Methode im Sinne eines universellen Werkzeu-
ges auf dem jeweiligen Weg verstanden werden.
Deklaration konkurrierender Interessen
Es bestehen keine konkurrierenden Interessen im Zu-
sammenhang mit der Erstellung dieser Publikation.
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Stefan Schmidt
Stefan Schmidt ist Psychologe und lehrt als Junior-
professor an der Universitt Viadrina im Masterstu-
diengang ,Kulturwissenschaften – Komplementre
Medizin. In Freiburg leitet er an der Uniklinik eine
Forschungsgruppe zu Meditation und Achtsamkeit.
Prof. Dr. Stefan Schmidt, Dipl. Psych.
Sektion komplementrmedizinische Evaluationsforschung
Zentrum fr Psychische Erkrankungen
Klinik fr Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Universittsklinikum Freiburg
Hauptstr. 8
79104 Freiburg
Deutschland
stefan.schmidt@uniklinik-freiburg.de
Eingereicht: 11. 02.2013
Angenommen nach Revision: 09.12.2013
S. Schmidt: Was ist Achtsamkeit? Herkunft, Praxis und Konzeption 19
SUCHT 60 (1)  2014 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
Persönliches Autorenexemplar (e-Sonderdruck)
... Doch was wird dabei unter Achtsamkeit verstanden? Das kann sehr unterschiedlich sein, denn Achtsamkeit ist ein unspezifischer Sammelbegriff (Schmidt, 2014;Van Dam, van Vugt, Vago, Schmalzl, Saron et al., 2018), der sowohl spirituelle als auch säkulare Komponenten enthalten kann. Ursprünglich stammt Achtsamkeit aus dem Buddhismus und umfasst neben einer formalen Übungspraxis (Meditation) auch Regeln zur Lebensführung und zur ethisch-spirituellen Haltung (Schmidt, 2014). ...
... Das kann sehr unterschiedlich sein, denn Achtsamkeit ist ein unspezifischer Sammelbegriff (Schmidt, 2014;Van Dam, van Vugt, Vago, Schmalzl, Saron et al., 2018), der sowohl spirituelle als auch säkulare Komponenten enthalten kann. Ursprünglich stammt Achtsamkeit aus dem Buddhismus und umfasst neben einer formalen Übungspraxis (Meditation) auch Regeln zur Lebensführung und zur ethisch-spirituellen Haltung (Schmidt, 2014). In den westlichen Entwicklungen wurde der Ansatz jedoch im Laufe der Jahrzehnte immer weiter säkularisiert, sodass hier vor allem die Meditationsübungen aus dem buddhistischen Kontext herausgelöst zur Erreichung von spezifischen Zielen wie z.B. ...
... Ein zentraler Punkt der Übungspraxis ist dabei die bewusste Lenkung der Aufmerksamkeit (ebd.; Yamada & Victor, 2012;Bennett, Egan, Cook & Mantzios, 2018). Sie wird auf das Erleben im aktuellen Moment gelenkt, wobei jede Wahrnehmung akzeptiert und nicht bewertet wird (Kabat-Zinn, 2001;Schmidt, 2014). In der Meditation wird die Aufmerksamkeit dafür zum Beispiel auf das Ein-und Ausatmen gelenkt. ...
Research
Full-text available
OER-Handreichung für Hochschullehrende und Didaktikberatende für den Einsatz digitaler oder analoger Achtsamkeits- / Atemmeditationen in Vorlesungen zur Förderung der Konzentration und Lernfähigkeit. Es werden Studien zum Effekt solcher Übungen und didaktische Hinweise zum Einsatz in der Lehre vorgestellt und Onlineressourcen verlinkt.
... Experience-based learning and description-based learning are two modes of learning (Hertwig et al., 2018). This distinction is relevant in the context of mindfulness since it has been suggested that personal experience is necessary to fully grasp mindfulness (Schmidt, 2014). Therefore, we assumed that the intervention group, which had a focus on experience-based learning, would benefit more than the control group, which engaged in description-based learning only. ...
Article
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Objectives Medical residency is a challenging phase that puts the mental health of resident physicians at risk. This study explores the effects of a tailored mindfulness-based program on the positive mental health of resident physicians. Methods We conducted a longitudinal randomized controlled trial with an active control group. The intervention group took part in an 8-week mindfulness-based program (MBP) that included a course book and was followed by a 4-month maintenance phase. The control group only received the course book for self-study. Participants were assessed at 0, 2, 6, and 12 months. Assessments included self-report measures (positive affect, life-satisfaction, self-compassion, flourishing, self-esteem, feeling loved, self-attributed mindfulness, time perception, “Muße” (i.e., feeling at ease and free of pressure), thriving at work, job satisfaction, self-efficacy, self-esteem), as well as Goal Attainment Scaling. Results A total of 147 resident physicians were randomly assigned to either the intervention or the control group. In linear mixed models, we found small to medium effects for the interaction of time × group across various time points for self-compassion, flourishing, mindfulness, Muße, thriving at work, and indirect negative affect with effect sizes ranging between d = 0.25 and 0.88. Goal Attainment Scaling revealed a greater goal attainment in the intervention group compared to the control group ( d = 1.50). Conclusions We conclude that a tailored MBP may improve certain aspects of resident physicians’ positive mental health. Trial Registration DRKS00014015 05/24/2018.
... The concept of mindfulness has its historical roots 2500 years ago in the religious context of Asia [21]. Coming from this historical context, the former Zen student and professor emeritus of the University of Massachusetts Medical School, Jon Kabat-Zinn, is regarded as the pioneer who transferred mindfulness into the medical-scientific context. ...
Article
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Background: Boys with mild to borderline intellectual disabilities (MBID) are at particular risk to drink in harmful ways once they start to consume alcohol. Interventions based on mindfulness have been proven to be effective in preventing substance use, but mostly for adults with MBID. A mindfulness oriented intervention targeting 11-17 years old boys will be tested in a randomised controlled trial. Study aim is to investigate the benefits of this new intervention compared to an active control condition within a 12 months follow-up. Methods: In this randomised controlled proof of concept study, 82 boys with MBID who consumed any alcohol during the last year will be randomised either to the 6 week mindfulness oriented intervention or the control group receiving a control intervention equal in dose and length. The intervention group undergoes mindfulness training combined with interactive drug education, while the control group completes a health training combined with the same education. In the intention-to-treat analysis the primary outcome is the self-reported delay of first post-intervention drunkeness within a 12 months follow-up time span, measured weekly with a short app-based questionnaire. Secondary outcome is the use of alcohol, tobacco and other drugs within 30 days post-intervention. Changes in neurobiological behavioural parameters, such as impulse control, reward anticipation, and decision making, are also investigated. Other secondary outcomes regard trait mindfulness, emotion regulation, psychopathological symptoms, peer networks, perceived stress, and quality of life. In addition, a prospective registry will be established to record specific data on the population of 11-17 year old boys with MBID without any alcohol experience. Discussion: This study offers the opportunity to gain first evidence of the effectiveness of a mindfulness-oriented program for the prevention of substance use for boys with MBID. Trial registration: German Clinical Trials Register, DRKS00014042 . Registered on March 19th 2018.
... Was ist darunter zu verstehen? Die Grundidee dieser Herangehensweise ist letztlich ganz einfach, aber kaum sprachlich zu beschreiben (Schmidt, 2014 ). Es geht darum, bei jeder Handlung , die man ausführt – z. ...
Article
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Das Potenzial und die Konzepte von Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Mitgefühl werden vorgestellt. Diese können über Kursprogramme eingeübt werden und stehen somit als Ressource in der Pflege zur Verfügung. Der Stand der aktuellen Forschung zu dieser Thematik und die Entwicklung eines eigenen Programms werden vorgestellt.
Thesis
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Das Ziel dieser Masterarbeit ist es, die Auswirkungen einer achtsamkeitsbasierten Intervention auf das Stresserleben und die Stressbewältigungsstrategien von Schüler*innen der Sekundarstufe I zu erforschen. Dazu wurde eine quantitative Studie mit 59 Proband*innen durchgeführt. Die Schüler*innen der 5., 7. und 10. Klasse der Realschule Bramsche führten über zwei Monate wöchentlich 15-25 minütige Hatha-Yoga-Einheiten sowie Progressive Muskelentspannung durch. Zur Messung möglicher Auswirkungen beantworteten die Schüler*innen den Fragebogen zur Erhebung von Stress und Stressbewältigung im Kindes- und Jugendalter (SSKJ 3-8). Die Erhebung wurde zu zwei Zeitpunkten durchgeführt, einmal vor der Intervention und nach der Intervention. In Einklang mit bereits vorhandenen Forschungsergebnissen weisen die erhobenen Daten eine signifikante Abnahme der ‚Stressvulnerabilität‘ sowie physischer und psychischer Stresssymptome infolge der Intervention auf. Zudem konnte eine Zunahme der ‚konstruktiv-palliativen Emotionsregulation‘ nachgewiesen werden. Dies zeigt, dass der Einbezug achtsamkeitsbasierter Techniken in den Schulalltag positive Auswirkungen auf die stressbedingte Gesundheit der Schüler*innen der Sekundarstufe I hat. Auf dieser Grundlage ist die Überprüfung dieser Auswirkungen sowie deren Persistenz im größeren Stil innerhalb der Sekundarstufe I als empfehlenswert anzusehen.
Thesis
Full-text available
In der vorliegenden Bachelorarbeit wird durch theoriebasierte Literaturrecherche untersucht, in wieweit Achtsamkeit, die über 2500 Jahre alte buddhistische Lehre, die sich in den letzten zwanzig Jahren im Kontext Schule in den westlichen Gesellschaften etabliert hat, sich mit gesellschaftlichen Unterdrückungsformen und Machtverhält-nissen, die sowohl individuell als auch diskursiv, strukturell und institutionell in der Schule wirkmächtig sind, kritisch auseinandersetzt. Aus dieser Untersuchung konnte folgende Schlussfolgerung gezogen werden: Achtsamkeit (sati) kann sich in seinem ursprünglich buddhistischen Kontext und Verständnis sehr wohl gesellschaftskritisch mit machtstabilisierenden, rassistischen Strukturen und Unterdrückungssystemen auseinandersetzen. So wie sie im Kontext Schule in den westlichen Gesellschaften allerdings begründet, konzipiert, implementiert und erforscht wird-einzelne Hoch-schulen bilden eine Ausnahme-kommt diese Absicht jedoch kaum zum Tragen. Stattdessen wird Achtsamkeit eher kommerzialisiert sowie instrumentalisiert und dient somit dazu, das System und die herrschenden Strukturen aufrecht zu erhalten. Das bedeutet, dass Achtsamkeit, je nach dem wie sie begründet, verstanden, konzipiert, implementiert und erforscht wird, sowohl ein großes Potenzial als auch ein Risiko darstellen kann.
Book
This book provides an outline and critical discussion of the characteristics of mindfulness-based interventions (MBIs) research. Since the first reports on the use of mindfulness practices in health interventions, a large body of research literature has emerged to document the effectiveness of MBIs for reducing psychological distress and to increase well-being. The integration of mindfulness into very diverse psychological theories makes it a unique concept in psychology that has generated a large amount of interest both in academic research but also the broader media. With this growing literature, mindfulness researchers have also recognised the need to be more critical of its developments, such as how MBIs are presented to the public or what types of research methods are used to test claims of an MBI's effectiveness. This book examines the large variety of approaches in which MBIs have been studied, including an outline of the philosophical underpinnings of MBI research, definition and measurement of mindfulness, the use of qualitative and quantitative research methods, research design, and research that addresses cultural and religious factors. The book contributes to increased awareness of the current direction of MBI research and thus seeks to contribute to further methodological refinement and sophistication of the research field. This book on the characteristics of research on MBIs is a must read for any researcher or practitioner interested in this fascinating topic. © 2019 Christian U. Krägeloh, Marcus A. Henning, Oleg N. Medvedev, Xuan Joanna Feng, Fiona Moir, Rex Billington, Richard J. Siegert. All Rights Reserved.
Article
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The World Health Organisation (WHO) classifies work-related stress as one of the main threats of health in the 21st century. Meanwhile, there are numerous studies in the medical field, in environmental psychology as well as in occupational psychology that analyse the mechanisms of stress reduction and point to possible restoration and thus to the positive influences on the physical and mental level. The article provides insights into the concepts of mindfulness, natural environment experience and recovery experiences from work-related stress. On the basis of selected empirical findings, the connective element of the three concepts, namely attention regulation, is emphasized. Based on a practical example (Workshop “Mindfulness and Nature Experience”), experiences of mindfulness in nature are illustrated by means of diary entries. Finally connecting factors between mindfulness and nature conservation are presented. The idea for this article emerged from designing the workshop on mindfulness and nature experience in cooperation with the Federal Agency for Nature Conservation at the Isle of Vilm.
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Ziel ärztlicher Interventionen ist die Konsistenz des psychischen Geschehens wieder herzustellen und/oder zu erhöhen. Eine Konsistenz der psychischen Prozesse stellt sich ein, wenn die psychosozialen Grundbedürfnisse befriedigt sind. Dazu zählen das Bedürfnis nach Nähe und Bindung, nach Autonomie und Kontrolle, nach Lustgewinn und Unlustvermeidung und das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung. Der Arzt hilft dem Patienten, die durch Krankheit und Behandlungssituation verletzten Grundbedürfnisse zumindest teilweise wieder zu befriedigen. Allgemeine Wirkfaktoren sind dabei:1. Eine gute Arzt-Patient-Beziehung, 2. Aktive Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung, 3. Salutogenese und Ressourcenaktivierung und 4. Informationen und Ratschläge zur Gesundheitsförderung. Zum letzten Punkt gehören Motivierung für sportliche Aktivitäten, gesunde Ernährung, Verbesserung der Genussfähigkeit, Zugang zur Musik und Anleitung zur Stressbewältigung durch Imagination, Achtsamkeit und Atemübungen.
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The Freiburg Mindfulness Inventory (FMI) is a widely used questionnaire of self-reported mindfulness. However, doubts have been expressed as to whether an adequate comprehension of the items of the FMI is independent of one's mindfulness experience (ME). The aim of the present study was to determine with qualitative methods whether and how ME influences the response to the FMI items. Two groups, matched for gender, education, and age (N = 11 each), with and without mindfulness training, completed the FMI while at the same time applying the technique of thinking aloud. The protocols of the two samples were compared using three different strategies: (1) predefined criteria on the comprehension of each item developed by FMI experts, (2) a coding scheme developed to identify differences in specific cognitive processes, and (3) qualitative analysis of comprehension patterns. The results showed that (1) participants with ME fulfilled the item criteria for comprehension much more than participants without ME. (2) The coding scheme demonstrated greater comprehension difficulties in the sample without ME. Differences in judgment processes between groups could not be found. (3) Qualitative analysis revealed comprehension problem patterns especially for eight items for the comparison group. It is concluded that a modification of the wording of several FMI items is necessary and that there is insufficient construct validity to use the current FMI in mindfulness-naïve samples. This may also be true for other scales tapping into the assessment of the awareness component of mindfulness, and it is recommended to also check their construct validity.
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Mindfulness-based relapse prevention (MBRP) is a manualized, eight-session group program that integrates cognitive-behavioral strategies and mindfulness-based practices. It is intended as an alternative outpatient aftercare option for adults who have completed initial substance abuse treatment and are in the early phases of abstinence. The practices and skills are designed to increase awareness of potentially triggering situations and cues and to decrease cognitive and behavioral reactivity by repeatedly observing, without reacting, the urges and cravings and their associated physical or affective discomfort. Empirical findings suggest that MBRP leads to improved ability to respond constructively to negative affect and cravings and significant reductions in the use of alcohol and drugs. MBRP appears to be a promising intervention for people with histories of severe alcohol and drug misuse.
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Self-regulation is the process whereby systems maintain stability of functioning and adaptability to change. Self-regulation is based on feedback loops which can be enhanced through attention. All self-regulation techniques, therefore, involve the cultivation of attention. However, the intention with which attention is directed may be crucial. In this paper, we explore intentional systemic mindfulness, a model that explicitly introduces intention into self-regulation theory and practice. Intention as defined by this model is composed of the context of attention - systemic perspectives - and the quality of attention - mindfulness qualities. Intentional systemic mindfulness addresses both 'why' (systemic perspectives) and 'how' (mindfulness qualities) one directs attention, which may promote healing on multiple levels. Directions for research and implications for multiple levels of integrative health are considered.
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Einleitung: Im Rahmen verhaltenstherapeutischer und verhaltensmedizinischer Ansätze wurde dem Prinzip Achtsamkeit («Mindfulness») in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt: Neben der achtsamkeitsbasierten Stressreduktion nach Kabat-Zinn wurde von Segal, Williams und Teasdale die achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie entwickelt. Bis vor wenigen Jahren gab es keine evaluierten psychometrischen Instrumente zur empirischen Erfassung von Achtsamkeit. In diesem Beitrag werden mehrere neu entwickelte Verfahren vorgestellt: Neben der «Mindful Attention and Awareness Scale» von Brown und Ryan sind das die «Toronto Mindfulness Scale» von Bishop et al., das «Kentucky Inventory of Mindfulness Skills» von Baer, Smith und Allen und der «Freiburger Fragebogen zur Achtsamkeit» (FFA) von Buchheld und Walach. Die psychometrischen Eigenschaften dieser Instrumente werden berichtet, wobei ein Schwerpunkt auf unterschiedlichen Aspekten der einzelnen Operationalisierungen liegt. Material und Methoden: Validierende Ergebnisse zum FFA werden vorgestellt: In einer Studie an 75 Angehörigen einer Ausbildungsstelle für Krankenpflege wurden neben dem FFA das NEO Five Factor Inventory, die Symptomcheckliste-90-R, das Beck Depressions-Inventar, das Beck Angstinventar und ein Fragebogen zu dissoziativen Störungen eingesetzt. Ergebnisse: Signifikante hypothesenkonforme Zusammenhänge mit den anderen Variablen belegen in Übereinstimmung mit früheren Untersuchungen die konvergente und diskriminante Validität des FFA. Diskussion: Die Ergebnisse werden im Hinblick auf Möglichkeiten und Grenzen der psychometrischen Erfassung von Achtsamkeit diskutiert.