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Bestandesentwicklung des Aals (Anguilla anguilla) im Hochrhein

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Abstract and Figures

Die komplexe Problematik um den Aal im Hochrhein bewog das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL), Abklärungen zur Populationsdynamik dieser Fischart erarbeiten zu lassen. Gemäss Auftrag wurde die Bestandessituation und -entwicklung, der Umfang der Zu- und Abwanderung sowie der Befall mit dem Parasiten Anguillicola crassus untersucht und interpretiert. Mit Hilfe eines Fang-Wiederfang-Experimentes wurde für drei verschiedene Uferhabitate (hart verbaut, weich verbaut, naturnah) eine Bestandesschätzung für das Jahr 2000 durchgeführt. Eine Hochrechnung auf den ganzen Hochrhein lieferte eine Schätzung in der Grössenordnung von rund 1 Million Aale. Das sind etwa 350 Aale pro 100 m Uferlänge. Bei einem festgestellten mittleren Stückgewicht von 174 g entspricht dies einer Biomasse von rund 60 kg pro 100 m Uferlänge. Schätzungsweise 2-3% des Aalbestandes waren Blankaale. Anhand von Aufstiegszählungen beim Fischpass des Kraftwerkes Birsfelden wurde für das Jahr 2000 eine Einwanderung von etwa 7000 Aalen in den Hochrhein geschätzt. Analysen zusätzlicher Aufstiegszählungen zeigen, dass das Ausmass der Einwanderung in Jahren mit hohem Besatz am Oberrhein (unterhalb des Hochrheins) stark von diesem geprägt wird. Bei geringem Besatz steigen deutlich weniger Aale auf. Vermutlich handelt es sich dann vor allem um natürlicherweise den Rhein hochgewanderte Aale. Die Abwanderung an Blankaalen betrug im Herbst schätzungsweise gut 28'000 Tiere aus dem Hochrhein sowie eine unbekannte Anzahl aus dem Bodensee und den Hochrhein-Zuflüssen. Die Mortalität beim Passieren der Turbinen beträgt bei jedem Hochrheinkraftwerk im Mittel gut 30%. Das bedeutet, dass lediglich etwa 7% der Aale aus den Stauhaltungen des Hochrheins lebend an der Schweizer Grenze ankommen. Berücksichtigt man die Turbinenmortalität in den unterhalb Basel liegenden 10 Kraftwerken sowie weitere Mortalitätsfaktoren (Fischerei, Räuber, Krankheiten u.a.), kann man davon ausgehen, dass kaum ein Aal aus dem Hochrhein das Meer lebend erreicht. Der jährliche Aalfang der Fischer lag in den 80er-Jahren bei 17'000 Stück. Er nahm bis 1999 auf 12'000 Stück ab. Da der Aalbestand als sehr hoch eingeschätzt wurde, gilt seit 1986 ein Besatzmoratorium für Aale. 156 Aale wurden hinsichtlich der Parasitierung durch den Schwimmblasenparasiten Anguillicola crassus untersucht. Die Befallsquote lag im Mittel bei knapp 50%, die mittlere Befallsintensität bei 3 Parasiten pro Aal. Im Vergleich zu anderen Gewässern oder unterhalb von Basel gelegenen Rheinstrecken ist die Befallsquote im Hochrhein als mittelmässig, die Befallsintensität als gering einzustufen. Praktisch jeder Aal dürfte während seines Aufenthaltes im Hochrhein mindestens einmal, in der Regel aber wiederholte Male von A. crassus befallen werden. Der Anteil der Aale, die bislang als Folge dieser (wiederholten) Infektionen eine schwere dauerhafte Schädigung davongetragen haben, ist mit knapp 2% relativ gering und dürfte keine Gefahr für den Bestand im Hochrhein darstellen. In einer Synthese zur Bestandesentwicklung des Aals kamen wir zu folgendem Schluss: Der Aalbestand im Hochrhein wird, wie bereits seit den 90er-Jahren, weiter zurückgehen. Dies ist nicht nur auf das Besatzmoratorium, sondern auch auf den Rückgang der vom Meer aufsteigenden Jungtiere zurückzuführen. Der Aalbestand im Hochrhein ist bei unveränderten Rahmenbedingungen mittelfristig gefährdet. Die Wiederaufnahme eines moderaten Aalbesatzes im Hochrhein mag mittelfristig aus fischereilicher Sicht einen gewissen Sinn machen, sie kann aber nichts zur Arterhaltung beitragen, solange das Problem der Turbinenmortalität bei den Kraftwerken nicht gelöst ist.
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Vollzug Umwelt
Bestandesentwicklung
des Aals
(Anguilla anguilla)
im Hochrhein
MITTEILUNGEN ZUR
FISCHEREI
NR. 69
Bundesamt für Umwelt, Wald und
Landschaft (BUWAL)
Vollzug Umwelt
Bestandesentwicklung
des Aals
(Anguilla anguilla)
im Hochrhein
MITTEILUNGEN ZUR
FISCHEREI
NR. 69
Herausgegeben vom Bundesamt
für Umwelt, Wald und Landschaft
(BUWAL)
Bern, 2001
Situationsanalyse und Ergebnisse
erster Untersuchungen
Bezugsquelle Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft
Dokumentation
3003 Bern
Fax + 41 (0)31 324 02 16
E-Mail: docu@buwal.admin.ch
Internet: http://www.admin.ch/buwal/publikat/d/
Bestellnummer MFI-69-D
© BUWAL 2001
Impressum
Autoren W. Dönni, AquaPlus, Unterägeri
K.-J. Maier, Fisch- und Gewässerökologie, Maselheim (D)
H. Vicentini, Fisch- und Gewässerökologie, Zürich
Mitarbeit K. Goldmann, Tübingen (D)
C. Friedl, BUWAL
Inhaltsverzeichnis
Zusammenfassung 5
Resumé 7
Riassunto 9
1. Einführung in die Problematik 11
1.1. Entwicklungszyklus des Aals 11
1.2. Situation am Hochrhein 12
1.3. Situation in Europa 13
2. Problemstellung und Auftrag 15
3. Untersuchungsperimeter 16
4. Bestandesaufbau und Bestandesschätzung 18
4.1. Einleitung 18
4.1.1. Allgemeines 18
4.1.2. Ökologische Grundlagen 18
4.2. Methodik 19
4.2.1. Detaillierte Beschreibung des Vorgehens 19
4.2.2. Anmerkungen zum Untersuchungskonzept 23
4.3. Resultate und Diskussion 24
4.3.1. Uferhabitate 24
4.3.2. Fangergebnis 24
4.3.3. Biometrie 26
4.3.4. Entwicklungsstadium 28
4.3.5. Schätzung von Populationsparametern 29
4.3.6. Hochrechnungen 33
5. Einwanderung in den Hochrhein 36
5.1. Einleitung 36
5.1.1. Untersuchungsperimeter 37
5.2. Methodik 37
5.3. Resultate 39
5.4. Diskussion 41
5.4.1. Der Aalaufstieg in den Jahren 1993 bis 2000 41
5.4.2. Herkunft und Alter der Aale 43
5.5. Schlussfolgerungen und offene Fragen 49
5.6. Zusammenfassung 50
6. Abwanderung aus dem Hochrhein 52
6.1. Einleitung 52
6.2. Methodik 53
6.3. Resultate 54
6.4. Diskussion 55
3
7. Befall mit dem Parasiten Anguillicola crassus 58
7.1. Einleitung 58
7.1.1. Allgemeine Verbreitung 58
7.1.2. Verbreitung im Rhein 58
7.1.3. Epidemologie 59
7.1.4. Entwicklungszyklus 60
7.1.5. Beeinträchtigungen u. Schadensbilder b. Befall m. Anguillicola crassus 62
7.2. Methode 63
7.3. Resultate 63
7.4. Diskussion 64
8. Synthese – Entwicklung des Aalbestandes 66
8.1. Heutiger Bestand 66
8.2. Bisherige Entwicklung 66
8.3. Künftige Entwicklung 69
8.4. Folgerungen für ein künftiges Aalmanagement 71
8.4.1. Verminderung von Turbinenschäden 72
8.4.2. Monitoring der Bestandesentwicklung 73
9. Literaturverzeichnis 74
Anhang 78
A. Anteile der unterschiedenen Ufertypen an der gesamten Uferlänge des Hochrheins 79
B. Rohdaten der Biometrie und der Bestandesschätzung 80
B.1 Strecke «Sisseln» 80
B.2 Strecke «Mumpf» 81
B.1 Strecke «Chräbis» 83
C. Berechnungsmethoden für die Bestandesschätzung 86
C.1. Jolly-Seber-Methode 87
C.2. Fisher-Ford-Methode 87
C.3. Triple catch-Methode 89
C.4. Manly-Parr-Methode 89
D. Bestandesschätzungen 90
E. Ergebnisse der Aalbefischungen des Kantons Aargau 91
F. Fotodokumentation Fischpass Kraftwerk Birsfelden 92
G. Wanderhindernisse am Oberrhein 94
H. Wassertemperatur 95
I. Abflussmengen 96
J. Aufstiegszählungen 97
K. Technische Daten der Turbinen der Hochrhein-Kraftwerke 98
L. Geschätzte Mortalitäten für die einzelnen Kraftwerke 99
4
5
Zusammenfassung
Die komplexe Problematik um den Aal im Hochrhein bewog das Bundesamt für Umwelt, Wald und
Landschaft (BUWAL), Abklärungen zur Populationsdynamik dieser Fischart erarbeiten zu lassen. Ge-
mäss Auftrag wurde die Bestandessituation und -entwicklung, der Umfang der Zu- und Abwande-
rung sowie der Befall mit dem Parasiten Anguillicola crassus untersucht und interpretiert.
Mit Hilfe eines Fang-Wiederfang-Experimentes wurde für drei verschiedene Uferhabitate (hart ver-
baut, weich verbaut, naturnah) eine Bestandesschätzung für das Jahr 2000 durchgeführt. Eine
Hochrechnung auf den ganzen Hochrhein lieferte eine Schätzung in der Grössenordnung von rund 1
Million Aale. Das sind etwa 350 Aale pro 100 m Uferlänge. Bei einem festgestellten mittleren Stück-
gewicht von 174 g entspricht dies einer Biomasse von rund 60 kg pro 100 m Uferlänge. Schätzungs-
weise 2-3% des Aalbestandes waren Blankaale.
Anhand von Aufstiegszählungen beim Fischpass des Kraftwerkes Birsfelden wurde für das Jahr
2000 eine Einwanderung von etwa 7000 Aalen in den Hochrhein geschätzt. Analysen zusätzlicher
Aufstiegszählungen zeigen, dass das Ausmass der Einwanderung in Jahren mit hohem Besatz am
Oberrhein (unterhalb des Hochrheins) stark von diesem geprägt wird. Bei geringem Besatz steigen
deutlich weniger Aale auf. Vermutlich handelt es sich dann vor allem um natürlicherweise den Rhein
hochgewanderte Aale.
Die Abwanderung an Blankaalen betrug im Herbst schätzungsweise gut 28'000 Tiere aus dem
Hochrhein sowie eine unbekannte Anzahl aus dem Bodensee und den Hochrhein-Zuflüssen. Die
Mortalität beim Passieren der Turbinen beträgt bei jedem Hochrheinkraftwerk im Mittel gut 30%. Das
bedeutet, dass lediglich etwa 7% der Aale aus den Stauhaltungen des Hochrheins lebend an der
Schweizer Grenze ankommen. Berücksichtigt man die Turbinenmortalität in den unterhalb Basel lie-
genden 10 Kraftwerken sowie weitere Mortalitätsfaktoren (Fischerei, Räuber, Krankheiten u.a.), kann
man davon ausgehen, dass kaum ein Aal aus dem Hochrhein das Meer lebend erreicht.
Der jährliche Aalfang der Fischer lag in den 80er-Jahren bei 17'000 Stück. Er nahm bis 1999 auf
12'000 Stück ab. Da der Aalbestand als sehr hoch eingeschätzt wurde, gilt seit 1986 ein Besatzmo-
ratorium für Aale.
156 Aale wurden hinsichtlich der Parasitierung durch den Schwimmblasenparasiten Anguillicola
crassus untersucht. Die Befallsquote lag im Mittel bei knapp 50%, die mittlere Befallsintensität bei 3
Parasiten pro Aal. Im Vergleich zu anderen Gewässern oder unterhalb von Basel gelegenen Rhein-
strecken ist die Befallsquote im Hochrhein als mittelmässig, die Befallsintensität als gering einzustu-
fen. Praktisch jeder Aal dürfte während seines Aufenthaltes im Hochrhein mindestens einmal, in der
Regel aber wiederholte Male von A. crassus befallen werden. Der Anteil der Aale, die bislang als Fol-
ge dieser (wiederholten) Infektionen eine schwere dauerhafte Schädigung davongetragen haben, ist
mit knapp 2% relativ gering und dürfte keine Gefahr für den Bestand im Hochrhein darstellen.
Zusammenfassung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
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In einer Synthese zur Bestandesentwicklung des Aals kamen wir zu folgendem Schluss:
Der Aalbestand im Hochrhein wird, wie bereits seit den 90er-Jahren, weiter zurückgehen. Dies ist
nicht nur auf das Besatzmoratorium, sondern auch auf den Rückgang der vom Meer aufsteigenden
Jungtiere zurückzuführen. Der Aalbestand im Hochrhein ist bei unveränderten Rahmenbedingungen
mittelfristig gefährdet. Die Wiederaufnahme eines moderaten Aalbesatzes im Hochrhein mag mittel-
fristig aus fischereilicher Sicht einen gewissen Sinn machen, sie kann aber nichts zur Arterhaltung
beitragen, solange das Problem der Turbinenmortalität bei den Kraftwerken nicht gelöst ist.
Zusammenfassung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
7
Résumé
La problématique complexe de l’anguille dans le Haut-Rhin a incité l’Office fédéral de
l’environnement, des forêts et du paysage (OFEFP) à mandater une étude sur la dynamique de la
population de cette espèce de poisson. Conformément au mandat, on a examiné et interprété l’état
et l’évolution des effectifs, l’importance de l’immigration ainsi que de l’émigration et l’infestation par le
parasite Anguillicola crassus.
A l’aide d’un essai de capture-recapture, on a effectué pour trois habitats riverains différents
(fortement aménagé, faiblement aménagé, proche de l’état naturel) une estimation des effectifs
pour l’année 2000. Une extrapolation sur tout le Haut-Rhin a donné une estimation grossière de 1
million d’anguilles, soit environ 350 anguilles par 100 m de rive. Le poids moyen par pièce de 174 g
correspond à une biomasse d’environ 60 kg par 100 m de rive. Environ 2-3% des individus étaient
des anguilles argentées.
Grâce à des comptages des individus remontant la passe à poissons de la centrale électrique de
Birsfelden, on a estimé à environ 7000 anguilles l’immigration dans le Haut-Rhin pour l’année 2000.
L’analyse d’autres comptages de remontées indique que le taux d’immigration les années à fort
rempoissonnement dans le Rhin supérieur (à l'aval du Haut-Rhin) est fortement influencé par celui-ci.
En cas de faible rempoissonnement, nettement moins d’anguilles remontent. Il s’agit alors
probablement surtout d’anguilles remontant naturellement le Rhin.
L’émigration des anguilles argentées en automne concernait quelque 28’000 individus du Haut-Rhin
et un nombre inconnu d’individus du lac de Constance et des affluents du Haut-Rhin. La mortalité
lors du passage des turbines est d’au moins 30% en moyenne pour chaque centrale électrique du
Haut-Rhin. Cela signifie que quelque 7% seulement des anguilles parviennent vivantes à la frontière
suisse. Si l’on prend en considération la mortalité par les turbines dans 10 centrales électriques en
aval de Bâle et d’autres facteurs de mortalité (pêche, prédateurs, maladies, etc.), on peut déduire
que pratiquement aucune anguille du Haut-Rhin n’atteint la mer.
Le nombre annuel de captures était d’environ 17'000 pièces dans les années 80. Il a ensuite reculé
pour atteindre 12'000 pièces en 1999. Compte tenu des effectifs le rempoissonnement fait l’objet
d’un moratoire depuis 1986.
Par ailleurs, 156 anguilles ont été examinées quant à la présence du parasite de la vessie gazeuse
Anguillicola crassus. Le taux d’infestation était en moyenne de près de 50% et l’intensité moyenne
de l’infestation de 3 parasites par anguille. En comparaison avec d’autres eaux ou avec les tronçons
du Rhin en aval de Bâle, le taux d’infestation sur le Haut-Rhin doit être considéré comme moyen et
l’intensité de l’infestation comme faible. Pratiquement chaque anguille devrait être infestée au moins
une fois par A. crassus pendant son séjour dans le Haut-Rhin, mais en règle générale plusieurs fois.
La proportion des anguilles qui, jusqu’ici, ont subi des lésions durables graves imputables aux
infestations (répétées) est relativement faible avec près de 2% et ne devrait pas représenter de
danger pour la population du Haut-Rhin.
Resumé Mitt. zur Fischerei Nr. 69
8
Dans la synthèse sur l’évolution des effectifs de l’anguille, nous sommes arrivés à la conclusion
suivante :
La population d’anguilles du Haut-Rhin va continuer à diminuer, comme c’est déjà le cas depuis les
années 90. Cela n’est pas seulement dû au moratoire sur les rempoissonnements, mais aussi à la
diminution des jeunes remontant depuis la mer. La population d’anguilles du Haut-Rhin est menacée
à moyen terme si les conditions générales n’évoluent pas. La reprise d’un rempoissonnement
modéré du Haut-Rhin par des anguilles peut avoir un sens à moyen terme d’un point halieutique,
mais elle ne peut en rien contribuer à la conservation de l’espèce tant que le problème de la mortalité
dans les turbines des centrales électriques n’est pas résolu.
Resumé Mitt. zur Fischerei Nr. 69
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Riassunto
La complessa problematica concernente la presenza dell'anguilla nel Reno superiore ha indotto
l'Ufficio federale dell'ambiente, delle foreste e del paesaggio (UFAFP) a fare eseguire degli
accertamenti sulla dinamica evolutiva delle popolazioni della specie. Il mandato prevedeva che si
esaminassero e interpretassero i dati relativi agli effettivi delle popolazioni di anguilla e alla loro
evoluzione, ai flussi migratori in arrivo e in partenza, nonché all'infestazione da parte del parassita
Anguillicola crassus.
Con l'ausilio di un esperimento di cattura e di ricattura è stata effettuata una stima gli effettivi
dell'anno 2000 delle popolazioni presenti lungo tre tipi di riva diversi (riva murata, con blocchi e
nicchie, allo stato naturale). Un'estrapolazione relativa alla popolazione dell'intero corso del Reno
superiore ha stabilito una popolazione di anguille dell'ordine di grandezza di circa un milione. Ciò
corrisponde a circa 350 anguille per 100 m di riva. Con un peso medio pro capite di 174 g si giunge a
una biomassa di circa 60 kg per 100 m di riva. Il 2-3% circa delle anguille aveva raggiunto la maturità
sessuale..
Sulla base del conteggio delle risalite, effettuato presso la scala di risalita dei pesci della centrale
idroelettrica di Birsfelden, il flusso migratorio in arrivo nel Reno superiore è stato valutato per
l'anno 2000 a circa 7000 anguille. L'analisi di ulteriori conteggi di risalita mostra che il flusso in arrivo
è notevolmente influenzato dalle dimensioni del ripopolamento nel tratto di Reno a valle di Basilea.
Negli anni in cui il ripopolamento è minore, il numero di anguille in risalita è significativamente
inferiore. È lecito supporre che in questo caso si tratti soprattutto di anguille risalite in maniera
naturale.
Nel Reno superiore la migrazione in partenza delle anguille che hanno raggiunto la maturità
sessuale ammontava in autunno a circa 28'000, mentre nel Lago Bodanico e negli affluenti del Reno
superiore tale flusso non ha potuto essere determinato. Ogni passaggio attraverso le turbine delle
varie centrali idroelettriche del Reno superiore comporta un tasso di mortalità medio del 30%. Ciò
significa che soltanto il 7% circa delle anguille dei bacini di ritenuta del Reno superiore riesce a
raggiungere il confine svizzero. Se si tiene conto del tasso di mortalità dovuto alle turbine delle dieci
centrali idroelettriche ubicate a valle di Basilea, nonché dei fattori di mortalità aggiuntivi (pesca,
predatori, malattie, ecc. ), si può presumere che la probabilità che un'anguilla del Reno superiore
riesca a raggiungere viva il mare sia pressoché inesistente.
Negli anni Ottanta la pesca annua ammontava a circa 17'000 anguille, mentre nel 1999 tale numero
era sceso a circa 12'000. In seguito a una stima che indicava una forte presenza di popolazioni di
anguille, nel 1986 è entrata in vigore una moratoria sul ripopolamento.
Inoltre, sono state esaminate 156 anguille per accertare un'eventuale presenza del parassita
Anguillicola crassus nella loro vescica natatoria. Il rilevamento ha indicato che il tasso medio
d'infestazione raggiungeva appena il 50%, mentre l'intensità media della patologia ammontava a tre
Riassunto Mitt. zur Fischerei Nr. 69
10
parassiti per anguilla. A confronto con altri corsi d'acqua o con tratti del Reno a valle di Basilea, il
tasso registrato nel Reno superiore può essere ritenuto medio e l'intensità del ripopolamento minimo.
Praticamente ogni anguilla che ha soggiornato nel Reno superiore è stata esposta almeno una volta,
di regola però ripetutamente, al parassita A. crassus. Le anguille afflitte da danni gravi e permanenti,
causati dalla (ripetuta) infestazione, sono il due per cento, un tasso relativamente minimo che non
dovrebbe rappresentare alcun pericolo per le popolazioni del Reno superiore.
Riassumendo l'evoluzione delle popolazioni di anguille siamo giunti alle seguenti conclusioni:
Il numero di angulle del Reno superiore subirà un'ulteriore riduzione, a conferma di un processo
iniziatosi già negli anni Novanta. Tale involuzione non è dovuta soltanto alla moratoria sul
ripopolamento, ma anche al minor numero di ceche che risalgono dal mare. A medio termine, a
condizioni quadro immutate, la presenza delle anguille nel Reno superiore è minacciata. Nell'ottica
dei pescatori, a medio termine ed entro certi limiti, il ripristino di un ripopolamento moderato di
anguille nel Reno superiore può essere considerato ragionevole, ma fintanto che non sarà stata
trovata una soluzione al problema della mortalità causata dalle turbine delle centrali idroelettriche,
tale proposta non potrà certo contribuire alla conservazione della specie.
Riassunto Mitt. zur Fischerei Nr. 69
1. Einführung in die Problematik
1.1. Entwicklungszyklus des Aals
Der Europäische Aal (Anguilla anguilla) laicht im westlichen Atlantik, genauer in der südlichen Sar-
gasso-See (Abb. 1.1). Die aus den Eiern schlüpfenden Larven überqueren den Atlantik, um in die
kontinentalen Gewässer zu gelangen, aus denen ihre Eltern stammen. Im Bereich der europäischen
Küste durchlaufen die Aallarven eine Metamorphose. Der blattförmige Larvenkörper wandelt sich zur
typischen schlangenförmigen Aalgestalt. Die transparenten Fischchen bezeichnet man als Glasaale.
Sie suchen die Flussmündungen auf, wo sie eine weitere Umwandlung vollziehen, die ihnen den Auf-
enthalt im Süsswasser erlaubt und eine schwarze Färbung verleiht. Gleichzeitig formieren sie sich zu
Schwärmen, bevor sie dann als sogenannte Steigaale die Flüsse hochwandern (Tesch 1999).
Nach einer Wanderung von bis zu mehreren hundert Kilometern nehmen die Aale ein mehr oder we-
niger stationäre Lebensweise an. Der Rückenbereich färbt sich bräunlich-oliv, die Körperunterseite
wird gelblich. Während diesem Gelbaalstadium wächst der Aal heran, entwickelt langsam seine Ge-
schlechtsorgane und beginnt sich schliesslich erneut umzufärben. Der Rücken färbt sich wieder
schwarz. Der Bauch wird weiss und bekommt einen silbrigen Glanz. Der jugendliche Gelbaal hat sich
in einen erwachsenen Blankaal gewandelt. Der Zeitpunkt dieser Metamorphose wird bei Erlangen ei-
ner bestimmten Körperlänge und ausreichender Fettreserven erreicht (pers. Mitt. R. Berg, Fischerei-
forschungsstelle des Landes Baden-Württemberg). Das Gelbaalstadium dauert bei den männlichen
Aalen etwa 4-6 Jahre, bei den Weibchen 10-16 Jahre (Berg 1988, Holmgren et al. 1997).
Einführung in die Problematik Mitt. zur Fischerei Nr. 69
11
Laichgebiet
Wanderung der Blankaale
Atlantik
Karibik
Sargasso-See
Glasaale
Steigaale
Gelbaale
Wanderung der
Weidenblattlarven
Rhein
Abb. 1.1: Ungefähre Lage des Laichgebietes und der Wanderrouten des Europäischen Aals.
Die Wanderung der Blankaale in Richtung Meer beginnt im Herbst, ausgelöst durch das Zusammen-
spiel verschiedener Umweltfaktoren. Diese Auslöser sind weitgehend unerforscht. Der Wasserstand,
die Wassertemperatur und die Mondphase scheinen aber einen bedeutenden Einfluss zu haben. Die
Wanderung flussabwärts erfolgt meist nachts. Nach einer langen Reise mit vielen Gefahren beenden
die Aale schliesslich ihr Leben mit einer einmaligen Fortpflanzung in der Sargasso-See.
1.2. Situation am Hochrhein
Die Aale des Hochrheins sorgen seit längerem immer wieder für Schlagzeilen. Die Diskussionen be-
treffen im wesentlichen zwei Problemkreise, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen schei-
nen. Zum einen wird der negative Einfluss einer durch Besatz übermässig hohen Aaldichte diskutiert,
zum andern bestehen Befürchtungen, dass diese Fischart bis in wenigen Jahren im Hochrhein zur
bedrohten Art wird. Die Situation wird durch den Umstand kompliziert, dass der Aal in der Fischerei
der beiden Anrainerstaaten Schweiz und Deutschland eine völlig unterschiedliche Wertschätzung er-
fährt. In den Schweizer Anglerkreisen - nicht nur am Hochrhein - gelten die Aale als unerwünscht. Im
Gegensatz zur Schweiz sind Aale in Deutschland als Speisefische sehr begehrt.
Trotz des 1986 erlassenen Besatzstops im schweizerischen und deutschen Teil des Hochrheins deu-
ten Beobachtungen bei elektrischen Befischungen daraufhin, dass der Hochrhein nach wie vor eine
hohe Aaldichte aufweist. Was bedeutet dies für die übrige Fischfauna, aber auch für den Aal selbst?
Aus fischereilicher Sicht stellt sich die Frage, in welchem Masse ein überhöhter Aalbestand die ko-
stenintensiven Besatzmassnahmen bei anderen Fischarten zunichte macht. Anhaltspunkte für einen
intensiven Frassdruck auf Besatzfische finden sich in den Arbeiten von Parey (1983) und Straub
(1987). Beide Untersuchungen deuten daraufhin, dass Bachforellen unmittelbar nach ihrem Besatz
den grössten Anteil an der Fischnahrung des Aals bilden.
Aus Sicht des Artenschutzes ist unklar, ob die Anstrengungen im Hochrhein (z. B. geplante Renatu-
rierungsvorhaben) zur Förderung der rheophilen Cyprinidenfauna und zur Wiederansiedlung ausge-
storbener Fischarten (z. B. Lachs) durch einen hohen Aalbestand gefährdet sind (Nemitz 1996). Berg
& Blank (1989) erwähnen in diesem Zusammenhang explizit, dass derzeit davon ausgegangen wer-
den muss, dass die natürliche Zusammensetzung der Fischfauna etlicher Gewässer in Baden-Würt-
temberg durch überhöhte Aalbestände stark verändert wird.
In den Problemkreis Artenschutz gehört auch die langfristige Bestandeserhaltung des Aals selbst.
Folgende Aspekte deuten darauf hin, dass es längerfristig zu einem einschneidenden Rückgang der
natürlichen Reproduktion beim Europäischen Aal und damit zu einer Gefährdung des Aalbestandes
im Hochrhein kommen könnte:
Einführung in die Problematik Mitt. zur Fischerei Nr. 69
12
Die natürliche Zu- und Abwanderung zwischen Meer und Bodensee bzw. den schweizerischen
Rheinzuflüssen kann nur durch die Überwindung der Hochrhein-Kraftwerke geschehen. Die in die
Laichgebiete in der Sargasso-See abwandernden Blankaale müssen die Turbinen der Kraftwerke
passieren, was nach der gängigen Überzeugung mit grossen Verlusten verbunden ist (Berg 1985,
1994, Montén 1985). Da sich am Hochrhein die höchste Dichte an Laufkraftwerken im gesamten
Rhein befindet, kommt der Turbinenmortalität eine überregionale Bedeutung zu.
Es ist weitgehend unbekannt, ob heute noch eine natürliche Einwanderung von Glas- und Jun-
gaalen vom Meer her erfolgt und zur Bestandeserhaltung beiträgt oder ob der heutige Aalbestand
im Hochrhein auf massiven Aaleinsätzen in den Rheinabschnitten unterhalb von Basel basiert.
In den 1980er-Jahren hat sich der blutsaugende Schwimmblasenparasit Anguillicola crassus über
Aalimporte aus Asien in grossen Teilen Europas ausgebreitet. Dieser Nematode kann die Wand
der Schwimmblase schädigen. Eine defekte Schwimmblase stört den Druckausgleich, der insbe-
sondere für die Wanderung im Meer von Bedeutung ist. Es wird bezweifelt, dass Aale mit einem
starken Befall an A. crassus ihre Laichwanderung erfolgreich absolvieren können. Untersuchun-
gen von Anfang der 1990er-Jahre belegen eine Befallsintensität für den Hochrhein von mehr als
10% der Aale (Dönni 1993).
Die Aalfischerei hat am Hochrhein (aber auch am Bodensee) eine nicht zu vernachlässigende Be-
deutung. Der Aal ist heute nach der Äsche die am häufigsten gefangene Fischart am Hochrhein
(1999 knapp 12'000 Stück, Daten BUWAL). Diese Situation könnte sich durch die Auswirkungen des
Besatz-Moratoriums von 1986, verstärkt durch eine möglicherweise massiv eingeschränkte Zu- und
Abwanderung, im Laufe der Zeit ändern. Die lange Generationszeit des Aals führt dazu, dass sich
Veränderungen im Fortpflanzungserfolg erst nach mehreren Jahren auf den Bestand auswirken. Aus
diesem Grund weist auch Gerster (1990) darauf hin, dass die Auswirkungen des Moratoriums zu
überprüfen sind und zur Erhaltung des Aalbestandes gegebenenfalls angepasste Besatzmassnah-
men wieder aufgenommen werden müssen.
1.3. Situation in Europa
In vielen Gewässern Europas ist der Aal die häufigste Fischart (Feunteun et al. 2000). Dies ist einer-
seits auf seine Anpassungsfähigkeit bezüglich des Lebensraums, andererseits auf die Förderung
durch Besatzmassnahmen zurückzuführen. Zudem scheinen Aale gegenüber Gewässerverschmut-
zung und baulichen Veränderungen relativ resistent zu sein.
Trotz dieser hohen Anpassungsfähigkeit und den grossen fischereilichen Interessen gilt die Art heute
als gefährdet. Ihr spezieller Lebenszyklus, gepaart mit der heute gängigen Überzeugung, dass sämt-
liche Europäischen Aale in einem Laichgebiet (Sargasso-See) ablaichen und es sich nur um eine
Einführung in die Problematik Mitt. zur Fischerei Nr. 69
13
einzige genetische Population handelt1, machen den Aal anfällig gegenüber negativen Einflüssen
durch den Menschen. Seit Beginn der 80er-Jahre sind die Erträge bei der Glasaalfischerei vor der eu-
ropäischen Atlantikküste auf etwa 50% des langjährigen Mittels zurückgegangen (Moriarty 1999; Kap.
8.1.2). Verschiedene Gründe können hierfür verantwortlich sein. Die hohe Mortalität der abwandern-
den Blankaale beim Passieren von Kraftwerksturbinen wird, neben der intensiven Befischung der
Glasaal- und Blankaalbestände, als eine der Hauptursachen diskutiert.
Das International Council for the Exploration of the Sea (ICES) ist davon überzeugt, dass die heutige
Grösse des Bestandes des Europäischen Aals «ausserhalb der sicheren biologischen Grenzen» liegt
und dass die Aalfischerei nicht nachhaltig betrieben wird (Dekker 2001). Sie empfiehlt deshalb, dass
die Fischerei so stark wie möglich reduziert wird, bis ein Massnahmenplan zur Bestandeserhaltung
erarbeitet und umgesetzt worden ist.
Hierzu muss erwähnt werden, dass die heutige Grösse der Aalpopulation und ebenso die erforderli-
che Mindestgrösse für einen Bestandeserhalt unbekannt sind (Feunteun et al. 2000). Zudem weiss
man nicht, wieviele verlaichende Blankaale bzw. aufsteigende Glasaale es braucht, um den europäi-
schen Aalbestand (Gelbaalstadium) zu erhalten. Eine weitere Schwierigkeit liegt in der extremen
Fragmentierung des kontinentalen Lebensraums in unzählige Seen und Fliessgewässer. Infolge die-
ser «fraktalen Geometrie» (Dekker 2000b) bildet der europäische Aalbestand keinen einheitlichen, ei-
nem universellen Fischereimanagement oder Artenschutzprogramm zugänglichen Bestand.
Trotz der durch Besatz oft künstlich überhöhten Bestände wird der Aal aus den oben genannten
Gründen in Baden-Württemberg als “stark gefährdet” (Hoffmann et al. 1995) und in der Schweiz als
“potentiell gefährdet” (VBGF 1993) eingestuft.
Beim Amerikanischen Aal (Anguilla rostrata) wurde ebenfalls ein Bestandesrückgang verzeichnet
(Haro et al. 2000). Die Ursachen sind unbekannt. Folgende Faktoren werden in Betracht gezogen:
Aufstiegshindernisse, Habitatverluste, Habitatveränderungen, Turbinenmortalität, veränderte Bedin-
gungen im Meer, Überfischung, Parasiten und Gewässerverschmutzung.
1Neueste Erkenntnisse anhand von Genanalysen deuten daraufhin, dass es doch mehrere genetisch unterschiedliche Teil-
populationen gibt (Wirth & Bernatchez 2001).
Einführung in die Problematik Mitt. zur Fischerei Nr. 69
14
2. Problemstellung und Auftrag
Der Aal ist eine der häufigsten, wenn nicht sogar die häufigste Fischart im Hochrhein. Die Ursachen
für den hohen Bestand sind möglicherweise die Besatzmaßnahmen von deutscher Seite aus, durch
die bis in die 80er Jahre hinein Hunderttausende von Glasaale im ganzen Hochrhein ausgesetzt wur-
den (Kapitel 8.1.1), möglicherweise aber auch die umfangreichen Aalbesätze nach der SANDOZ-Ka-
tastrophe im Oberrhein.
Seit 1986 werden offiziell keine Aale mehr eingesetzt. Da Aale nach etwa 10-16 Jahren im Süsswas-
ser die Wanderung zum Meer antreten (Berg 1988, Holmgren et al. 1997), bedeutet dies, dass bis
heute die letzten eingesetzten Aale den Hochrhein verlassen haben. Ob sich der Aalbestand im
Hochrhein deshalb verringert hat, ist unbekannt. Der heute nach wie vor hohe Aalbestand rekrutiert
sich aus zugewanderten Aalen, die entweder ihrer Natur entsprechend den Rhein vom Atlantik her
hochgewandert sind oder aber aus Aalbesätzen in die unterhalb Basel liegenden Rheinabschnitte
stammen. Der immer wieder diskutierte illegale Besatz im Hochrein dürfte, wenn er denn stattfindet,
kaum von Bestand bildender Bedeutung sein.
Die komplexe Problematik um den Aal im Hochrhein bewog das Bundesamt für Umwelt, Wald und
Landschaft (BUWAL) vertiefte Abklärungen über die Populationsdynamik dieser Fischart erarbeiten
zu lassen. Bis anhin basierten nämlich die Befürchtungen, dass der Aalbestand einerseits die Tragfä-
higkeit für den Hochrhein überschritten habe und andererseits die Art in ihrer Existenz gefährdet sei
(Kap. 1.1) auf mehr oder weniger konkreten Vermutungen. Eine Datengrundlage zum tatsächlich im
Gewässer vorhandenen Aalbestand lag bisher nicht vor.
Gemäss Auftrag an die Firma AquaPlus vom 18.8.1999 sollte die Bestandessituation und -entwick-
lung des Aals im Hochrhein, der Umfang der Zu- und Abwanderung sowie der Befall mit dem Parasi-
ten Anguillicola crassus aufgezeigt und interpretiert werden. Konkret wurden folgende Ziele verfolgt:
Schätzung der Bestandesgrösse der stationären Gelbaale mit Hilfe eines Fang-Wiederfang-Expe-
rimentes.
Schätzung des Ausmasses der Einwanderung aus dem Oberrhein anhand von Aufstiegszählun-
gen im Fischpass des Kraftwerkes Birsfelden.
Schätzung des Ausmasses der Abwanderung aus dem Hochrhein unter Berücksichtigung der
Turbinenmortalität.
Schätzung der Befallsintensität der Aale mit dem Schwimmblasenparasiten Anguillicola crassus.
Synthese: Beurteilung der gegenwärtigen Situation des Aalbestandes und Formulierung von Vor-
schlägen zu dessen Bewirtschaftung und Schutz.
Der Auftrag wurde von der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Fischökologie unter der Fe-
derführung der Firma AquaPlus bearbeitet. Die Arbeiten für das Kapitel 4 (Bestandesschätzung) wur-
de von AquaPlus (Unterägeri, Schweiz) unter der Mitarbeit von K. Goldmann, Biologe (Tübingen,
Deutschland) durchgeführt. Die Kapitel 5 (Einwanderung) und 6 (Abwanderung) stammen vom Büro
Problemstellung und Auftrag Mitt. zur Fischerei Nr. 69
15
Vicentini, Fisch- und Gewässerökologie (Zürich, Schweiz) unter Mitarbeit von P. Steinmann, Biologe
(Zürich, Schweiz). Das Kapitel 7 (Anguillicola) bearbeitete das Büro Maier, Büro für Gewässerökolo-
gie, Fischerei und Umweltfragen (Maselheim, Deutschland). Die übrigen Kapitel entstanden gemein-
sam unter der Leitung von AquaPlus.
Verdankungen:
An dieser Stelle möchten wir dem Fischereiverein Rheinfelden, dem Fischereiverein Fricktal und der
Sektion Jagd und Fischerei des Kantons Aargau für die tatkräftige Unterstützung bei den elektri-
schen Befischungen herzlich danken. Ohne die von ihnen mit grossem Einsatz und Fachwissen ge-
leistete Arbeit, wäre die Durchführung dieser Untersuchungen nicht möglich gewesen.
Die Arbeiten beim Kraftwerk Birsfelden wurden vom Betriebsleiter bis zu den Mitarbeitern in grosszü-
giger Weise unterstützt. Einerseits bei der Planung und Herstellung der Fangeinrichtung am
Fischpass, andererseits beim Schliessen und Öffnen des Fischpasses an den Zähltagen. An dieser
Stelle sei allen herzlich gedankt.
Für die Schätzungen der Mortalität in den Turbinen mussten die technischen Daten aller Kraftwerk-
sturbinen im Hochrhein erhoben werden. Obwohl es den Betriebsleitern der einzelnen Kraftwerke
klar war, dass wir die Daten der Turbinen zur Berechnungen der Fischmortalität "ihrer" Kraftwerke
brauchten, gaben sie uns bereitwillig und umgehend Auskunft. Dafür möchten wir ihnen an dieser
Stelle unseren Dank aussprechen.
3. Untersuchungsperimeter
Der eigentliche Untersuchungsperimeter wurde in Absprache mit dem BUWAL auf die 145 km lange
Hochrheinstrecke zwischen Basel und Stein am Rhein am Bodensee-Untersee festgelegt (Abb. 3.1).
Für die Schätzung der Zu- und Abwanderung wurde zusätzlich ein grösserer Perimeter einbezogen,
der den Bodensee und den Rhein bis nach Holland umfasst. Sämtliche Zuflüsse, in welche die Aale
ebenfalls aufsteigen, wurden nicht bzw. nur über subjektive Annahmen berücksichtigt.
Problemstellung und Auftrag Mitt. zur Fischerei Nr. 69
16
Baden-Württemberg
BS
BL
AG
ZH
TG
SH
SH
ZH
BW
SH
Deutschland
Schweiz
Bodensee
Thur
Töss
Glatt
Wutach
Aare
Alb
Wiese
Birs
KW Birsfelden
KW Augst-Wyhlen
KW Rheinfelden
KW Ryburg-Schwörstadt
KW Säckingen
KW Laufenburg
KW Albbruck-Dogern
KW Reckingen KW Eglisau
KW Rheinau
KW Schaffhausen
«Chräbis»
«Mumpf»«Sisseln»
Abb. 3.1: Übersichtsskizze des Untersuchungsgebiets mit Angabe der drei zur Bestandesschätzung ausgewählten Untersuchungsstrecken « Sisseln», «Mumpf»,
«Chräbis».
Untersuchungsperimeter Mitt. zur Fischerei Nr. 69
17
4. Bestandesaufbau und Bestandesschätzung
4.1. Einleitung
4.1.1. Allgemeines
Die Schätzung von Fischbeständen ist insbesondere in grossen Flüssen mit beträchtlichen methodi-
schen Schwierigkeiten verbunden (Kracht 1995). Neben den fischereitechnischen Aspekten ist ins-
besondere auch der Aufwand an Ressourcen (Zeit, Personen, Material) ein wichtiger Grund, weshalb
bisher nur wenige Bestandesschätzungen für Fischarten grosser Flüsse durchgeführt wurden.
Bestandesschätzungen zum Aal im Hochrhein sind denn auch bisher kaum angegangen worden.
Enzmann & Senn (1992) liefern eine sehr grobe Schätzung für den Stau Ryburg-Schwörstadt von
280'000-390'000 Aalen für das Jahr 1989.
Im Rahmen der vorliegenden Studie, waren keine detaillierten Bestandeserhebungen über den gan-
zen Hochrhein möglich. Vielmehr musste mit stark vereinfachten Berechnungsmodellen gearbeitet
werden. Trotzdem darf davon ausgegangen werden, dass die nachfolgend dargestellten Ergebnisse
der Hochrechnungen Grössenordnungen aufweisen, die im Bereich der tatsächlichen Bestandeszah-
len liegen.
4.1.2. Ökologische Grundlagen
Die in diesem Kapitel gemachten Angaben beruhen auf den Beurteilungen von Tesch (1999), einer
Synthese verschiedener Literaturquellen, sowie eigenen Beobachtungen.
Obwohl der Aal immer wieder auch am Tag beobachtet werden kann, gilt er als ausgesprochen
nachtaktive Art. Tagsüber ist er ein Spalten- und Höhlenbewohner, der den Körperkontakt zu seiner
Umgebung sucht. Eigene Beobachtungen belegen, dass er sich auch in Feinsedimente eingräbt, wo-
bei der Kopf herausragt. Dabei handelt es sich vermutlich eher um kleinere Exemplare, während die
grösseren Tiere Höhlen bevorzugen. Bekannt ist zudem, dass sich gerne mehrere Aale in engem
Körperkontakt in einem Unterschlupf aufhalten.
Prinzipiell finden sich die Aale unabhängig von ihrer Körpergrösse in jeder Tiefe. Dennoch ist anzu-
nehmen, dass die kleineren Tiere eher im seichten Wasser, die grösseren eher in den tieferen Berei-
chen vorkommen. Hierfür spricht unter anderem eine mehrjährige Untersuchung aus den 50er-Jah-
ren am Sakrower See (Deutschland, Tesch 1999, S. 283). Der Aalbestand dieses Sees wurde mit
verschiedenen Fanggeräten befischt. Mit Abstand am meisten Fische wurden elektrisch im Uferbe-
reich gefangen. Ihr Durchschnittsgewicht betrug 245 g. Am wenigsten Aale wurden im Pelagial mit
dem Zugnetz gefangenen. Ihr Durchschnittsgewicht war aber mit 793 g deutlich höher.
Was für den See gilt, gilt vermutlich auch für die Stauhaltungen am Hochrhein: Die Aaldichte dürfte
tagsüber im Uferbereich bis in eine Tiefe von etwa 2 m am höchsten sein. Hier befinden sich weitaus
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
18
am meisten Höhlen und Spalten. Primär wird dieser Bereich von Gelbaalen mit einer Totallänge von
30-60 cm bewohnt (Dönni 1993). Der tiefere Uferbereich sowie der Bereich des offenen Wassers
wird vermutlich von deutlich weniger, wohl aber von grösseren Aalen besiedelt.
4.2. Methodik
Das Untersuchungskonzept basierte auf einer Bestandesschätzung mittels Fang-Wiederfang-Metho-
den für offene Systeme. Die Schätzungen erfolgten für drei verschiedenen Uferhabitattypen. An-
schliessend erfolgte eine Hochrechnung auf die gesamte Uferlänge eines Habitattyps im ganzen
Hochrhein und für die einzelnen Staustufen.
4.2.1. Detaillierte Beschreibung des Vorgehens
Da nicht die ganze Uferlinie des Hochrheins untersucht werden konnte, mussten wir uns auf typische
Uferhabitate beschränken. Gerster (1990) hatte eine grobe morphologische Charakterisierung des
gesamten schweizerischen und deutschen Hochrheinufers vorgenommen (Anhang A). Auf diesen
Grundlagen wurden drei typische Uferhabitate ausgewählt:
Hart verbautes Ufer: monoton, kaum strukturiert, keine oder wenige Spalten für Aale.
Weich verbautes Ufer: sehr viele künstliche Spalten, grossräumig aber wenig strukturiert.
Naturufer: keine (erkennbaren) Verbauungen, stark strukturiert, viele natürliche Spalten.
Es wurden drei Befischungsstrecken ausgewählt, deren Ufer praktisch vollständig einem der drei
Ufertypen zugeordnet werden konnten. Als Bezeichnung der Lokalität erhielten sie die Namen «Sis-
seln», «Mumpf» und «Chräbis» (Abb. 4.1). Alle drei Untersuchungsstrecken lagen im Kanton Aargau.
Sie wiesen Längen von 190-200 m auf. Die Strecken wurden so gewählt, dass sich die Fangequippe
an Landmarken orientieren konnte. Jede der drei Strecken wurde viermal befischt. Tabelle 4.1 gibt
die äusseren Bedingungen bekannt, die bei der Befischung geherrscht haben.
Die Befischungen erfolgten flussaufwärts von einem Motorboot aus (Abb. 4.2). Das Elektrofangge-
rät (Grassel, Gleichstrom) verfügte über eine Leistung von 5 kW und eine Ausgangsspannung von
600 V. Gefischt wurde mit einer 3 m langen Anode und zwei 2 m langen Käschern mit Maschenwei-
ten von 8 bzw. 5 mm. Auf diese Art konnte der Uferbereich bis in eine Tiefe von etwa 1.5 m befischt
werden.
Die Befischungen der Strecke «Sisseln» wurden vom Fischereiverein Fricktal zusammen mit der
Sektion Jagd und Fischerei des Kantons Aargau, diejenigen der Strecken «Mumpf» und «Chräbis»
vom Fischereiverein Rheinfelden durchgeführt.
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
19
Ufertyp 1: Strecke «Sisseln»
Stau Säckingen
Blocksatzufer mit spärlicher
Bestockung. Länge 190 m.
Ufertyp 2: Strecke «Mumpf»
Stau Ryburg-Schwörstadt
Blockwurfufer mit guter Bestok-
kung. Länge 200 m.
Abb. 4.1: Beschreibung der für die Bestandesschätzung ausgewählten
Untersuchungsstrecken. Weitere Angaben vgl. Tabelle 4.1. Fotos vom
21.10.2000.
Ufertyp 3: Strecke «Chräbis»
Stau Ryburg-Schwörstadt
Naturufer mit ausgeprägter Be-
stockung. Länge 200 m.
Befischungsstrecke
© Digitale Kartengrundlage PK25, repro-
duziert mit Bewilligung des Bundesamtes
für Landestopographie (BA013549)
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
20
Abb. 4.2: Elektrische Befischung in der Strecke «Mumpf». Foto vom 19.5.2000.
Strecke Datum Wetter Wassertempe- spezifische Leit- Trübung 2)Abfluss
Sisseln:
ratur [°C] 1)fähigkeit [µS/cm] [m3/s] 3)
Fliessgeschwin-
digkeit [m/s] 4)
S1
S2
S3
S4
13.4.2000
23.5.2000
stark bewölkt
schön
6.9.2000
3.10.2000
bewölkt
leicht bewölkt
10
14
343
286
18
17
277
297
mittel
mittel-stark
1076
1473
gering
keine
1107
931
0.40
0.50
0.20
0.20
Mumpf:
M1
M2
M3
28.4.2000 bewölkt
19.5.2000
29.9.2000
l. bewölkt, windig
schön
M4
Chräbis:
C1
C2
21.10.2000 schön
28.4.2000
19.5.2000
bewölkt
l. bewölkt, windig
12 309
16
18
305
280
gering 1273
mittel
keine
1618
952
14 309
12
16
326
304
keine 1114
stark
mittel
1273
1618
0.50
1.00
0.50
0.50
0.05
0.05
C3
C4
29.9.2000
21.10.2000
schön
schön
1) an der Wasseroberfläche
2) optischer Eindruck
3) Tagesmittelwert bei Rheinfelden (Daten Hydrologisches Bulletin der Schweiz der Landeshydrologie und -geologie)
4) an der Wasseroberfläche, Uferabstand 2 m; grobe Schätzung
19
14
289
306
keine
keine
952
1114
0.00
0.00
Tab. 4.1: Äussere Bedingungen bei den vier Befischungen der drei Untersuchungsstrecken.
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
21
Die gefangenen Aale wurden am Ufer in einem Fischkasten unter Sauerstoffzufuhr kurze Zeit gehäl-
tert. Für die weitere Untersuchung wurden zufällig etwa 50 Aale bzw. der ganze Fang ausgewählt
(Tab. 4.2). Diese Fische wurden portionenweise mit 2-Phenoxy-Ethanol1 betäubt. Anschliessend
wurden folgende Daten erhoben:
Entwicklungsstadium: Bestimmung der Zugehörigkeit zum Gelbaalstadium, zum Blankaalstadium
bzw. zu einem Übergangsstadium aufgrund äusserer Merkmale (Tesch 1999):
Merkmal Gelbaal Blankaal
Färbung dorsal dunkel - braungrün sehr dunkel - schwarz
Färbung ventral weiss - gelb silbrig
Brustflosse: Form abgerundet, löffelförmig länglich - spitz
Brustflosse: Pigmentierung gelbbraun schwarz
Augendurchmesser relativ klein vergrössert
Totallänge (TL): Genauigkeit 1 mm. Distanz zwischen Schnauzenspitze
und Ende der Schwanzflosse
Gewicht (G): Genauigkeit 0.1 g bei einem Gewicht von unter 100 g, Ge-
nauigkeit 1 g bei schwereren Aalen
Konditionsindex: Mass für die Korpulenz und damit für den Ernährungs-
zustand des Fisches2.
Augendurchmesser: Horizontal (DH) und vertikal (DV), Messung mit
Schiebelehre, Genauigkeit 0.1 mm
Als Alternative zur visuellen Unterscheidung zwischen Gelb- und Blan-
kaal anhand äusserer Merkmale wurde der Okularindex (OI) nach
Pankhurst (1982) berechnet3.
Bei den ersten drei Befischungen jeder Untersuchungsstrecke wurden
sämtliche gefangenen Aale mit Alcianblau markiert, unabhängig davon ob
sie bereits markiert waren oder nicht. Für jede Untersuchungsstrecke und
für jede Befischung wurden die jeweils gefangenen Aale an einer anderen
Stelle auf der Bauchseite mit einem blauen Punkt markiert. Somit wurden
insgesamt 9 verschiedene Markierungsstellen verwendet (Abb. 4.3). Jede
Markierungsstelle weist den Aal einer Untersuchungsstrecke und einem
Befischungsdatum zu. Die markierten Aale wurden am Fangort wieder
eingesetzt.
Bei der 2., 3. und 4. Befischung jeder Untersuchungsstrecke wurden
sämtliche gefangenen Aale auf bereits vorhandene Marken geprüft. Die
bei der 4. Befischung gefangenen Aale wurden getötete und auf den
Schwimmblasenparasiten Anguillicola crassus untersucht (Kap. 7).
1in einer Konzentration von 4 ml pro 10 l Wasser
2Der Konditionsindex (KI) berechnet sich nach der Formel KI = G/TL3·100
3OI = (((DH+DV)/4)2*3.14/TL [mm]*100)
C1 S1
M1 C2
M2
S2
C3 S3
M3
Anus
Abb. 4.3: Stellen auf
der Bauchseite der
Aale, die mit einem
blauen Punkt (Alcian-
blau) zur Markierung
versehen wurden. Jede
Stelle ist mit dem Code
für die Untersuchungs-
strecke bezeichnet.
(Tab. 4.2).
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
22
Multiple Fang-Wiederfang Methoden, wie sie hier angewendet wurden, haben den Vorteil, dass ne-
ben einer Bestandesschätzung auch Aussagen zur Bestandesänderung (Abwanderung bzw. Morta-
lität und Zuwanderung) gemacht werden können. Zur Bestandesschätzung wurden verschiedene
Schätzmethoden für offene Systeme angewendet (Jolly-Seber, Fisher-Ford, Triple Catch, Manly-
Parr). Details hierzu vgl. Anhang C.
4.2.2. Anmerkungen zum Untersuchungskonzept
Der Vorteile der Elektrofischerei war, dass die Aale sofort kontrollierbar waren und unverletzt ent-
nommen werden konnten. Ihr Nachteil war aber die Beschränkung auf den Uferbereich. Die Be-
probung der tieferen Bereiche des Rheins hätten nur unter grossem Aufwand mit Aalschnüren,
Reusen, Zugnetzen usw. befischt werden können. Das bedeutet, dass sich die Bestandesschät-
zungen nur auf den Uferbereich bis in eine Tiefe von etwa 1.5 m beziehen.
Trotzdem darf davon ausgegangen werden, dass mit dem beschriebenen Vorgehen der grösste
Teil des Aalbestandes beprobt werden konnte, denn die meisten Aale dürften diesen Bereich be-
siedeln, weil:
-der Uferbereich ein weitaus grösseres Lückensystem aufweist und deshalb tagsüber deutlich
stärker mit Aalen besiedelt ist, als der uferferne Flussbereich (Kap. 4.1.2.).
-persönliche Tauchbeobachtungen vom Stau Reckingen zeigten, dass das Lückensystem mit zu-
nehmender Tiefe rasch abnimmt.
-Aale den Bereich nahe der Wasser-Land-Linie bevorzugen (Tesch 1999).
Bezüglich der beprobten Altersstruktur müssen dagegen Vorbehalte angebracht werden, da die
grösseren Tiere eher Höhlen in den tieferen Uferbereichen bewohnen (Kap. 4.1.2.). Das bedeutet,
dass mit unserem Vorgehen der Anteil grosser Tiere (also vor allem der Blankaale) wahrschein-
lich unterschätzt wurde.
Die Reduktion der Uferhabitate des Hochrheins auf lediglich drei Typen wird den unterschiedli-
chen Verbauungsarten auf den ersten Blick kaum gerecht. Nach Gerster (1990) sind aber nur die
drei ausgewählten Verbauungstypen (Beton, Blocksatz, Blockwurf) häufig. Da zudem bekannt ist,
dass der Aal als Tageseinstand Uferbereiche mit Höhlen, Spalten und anderen Zwischenräumen
bevorzugt, in denen er Körperkontakt zur Umgebung hat, darf die Auswahl der untersuchten Habi-
tate als sinnvoll betrachtet werden.
Die Aaldichte wird vermutlich nicht nur durch die Habitatstruktur bestimmt. Der gleiche Verbau-
ungstyp könnte unterschiedliche Aaldichten aufweisen, je nach dessen Lage im Hochrhein. Bei-
spielsweise könnte eine Ausdünnung des Aalbestandes flussaufwärts vorliegen, da sich der Be-
stand zur Zeit wohl hauptsächlich aus einer Einwanderung vom Oberrhein her rekrutiert. Dem
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
23
widerspricht aber die Tatsache, dass die meisten Aale in den Staustufen Eglisau und Reckingen
gefangen werden1.
Berg (1988) beobachtete eine Fangselektivität bei der Elektrofischerei. Bei hoher Spannung floh
ein Teil der grossen Aale, bevor sie in den Bereich der galvanotaktischen Reaktion gelangten. Bei
niedriger Spannung waren aber die kleineren Aale kaum mehr zu fangen. Lambert et al. (1994)
vermuten hingegen, dass eine signifikante Selektivität des Fanggerätes ausgeschlossen werden
kann. Naismith & Knights (1990a) wiederum bestätigen eine Selektion zu Gunsten der grösseren
Aale. Wir gehen davon aus, dass kleinere Aale unterbefischt wurden, zumal sie für Anodenführer
und Kescherer schwieriger zu erkennen waren, als die grösseren Fische (Kap. 4.3.3.).
4.3. Resultate und Diskussion
4.3.1. Uferhabitate
Um mittels Bestandesschätzungen für die drei Untersuchungsstrecken eine Hochrechnung auf den
ganzen Hochrhein durchführen zu können, mussten die unterschiedenen Ufertypen (Kap. 4.2.1.)
quantifiziert werden. Dies erfolgte anhand der Erhebungen von Gerster (1990), wobei die Daten sei-
ner Messstellen-Protokolle verwendet wurden. Die 7 von ihm unterschiedenen Ufertypen wurden wie
folgt zusammengefasst:
Ufertyp 1 (hart verbaute Ufer): harte Verbauungen (Asphalt-Deckwerk, Betonplatten, Betonbohle,
Stahlspundwand), Blocksatz/-wurf vermörtelt, Blocksatz nicht vermörtelt.
Ufertyp 2 (weich verbaute Ufer): Drahtschotterkästen, Blockwurf, Lebendverbau, Holzverbau
(Holzleitwerk)
Ufertyp 3 (Naturufer): unverbaute natürliche oder naturnahe Ufer
Die quantitativen Anteile jedes der drei Ufertypen am gesamten Hochrhein sind in Anhang A darge-
stellt. Die hart verbauten Ufer (v. a. Blocksatz) und die Naturufer weisen je einen Anteil von etwa
40% auf. 20 % (v. a. Blockwurf) gehören zu den weich verbauten Ufern.
4.3.2. Fangergebnis
Die Fangzahlen und die für die einzelnen Untersuchungen verwendete Anzahl Aale sind in Tabelle
4.2 aufgelistet. Die Anzahl Aale, die pro 100 m Uferlinie gefangen wurden, war in der Blocksatz-
Strecke «Sisseln» deutlich geringer als in den beiden anderen Strecken. Die Fänge für das Block-
wurfufer und das Naturufer unterschieden sich hingegen kaum. Dieser Befund bestätigte die Erwar-
tung, dass Ufer mit grossem Spaltenangebot bevorzugt werden.
1Diese Aussage bezieht sich nur auf den Flächenanteil Baden-Württembergs an jeder Staustufe, untersuchte Jahre 1996
und 1997, ohne Berücksichtigung des Befischungsdruckes, Daten BUWAL
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
24
Die Fangzahlen von Dönni (1993) im Stau Reckingen betrugen im Mittel von je 9-11 Befischungen
für den (überwachsenen) Blocksatz 39 Aale, für den Blockwurf 37 Aale und für das Naturufer 64 Aale
pro 100 m Uferlinie, wobei in keinem Fall gezielt auf Aale gefischt wurde. Bei einer intensiven Aalbe-
fischung konnten im Blockwurfufer bis zu 155 Aale pro 100 m Uferlinie gefangen werden, was deut-
lich über unserem Fangergebnis lag. Mitte der 80er-Jahre wurden auch im Oberrhein bei gezielten
Aalbefischungen mit dem Elektrofanggerät vom Boot aus deutlich höhere Fangzahlen erreicht. In ge-
eigneten Uferhabitaten wurden 90-230 Aale pro 100 m Uferlinie gefangen (Lelek & Pelz,1986).
Enzmann (1990) fing ebenfalls im Blocksatz, aber auf der deutschen Seite des Staus Säckingen, 23
Aale/100 m. Sie führte auch elektrische Uferbefischungen im Stau Ryburg-Schwörstadt durch, in
dem unsere Strecken «Mumpf» und «Chräbis» lagen. Ihre Fänge lagen hier bei lediglich 11-26 Aalen
pro 100 m, wobei teilweise sogar mit 2 Anoden gefischt wurde. Dieses tiefe Fangergebnisse rührt
vermutlich daher, dass sie im Stau Ryburg-Schwörstadt mit einer geringeren Intensität gefischt hat
(befischte Strecke bis zu 10 km an einem Tag) als dies in der vorliegenden Untersuchung der Fall
war.
Fangort Fangdatum Fangzahlen Anzahl untersuchte Aale
Farbcode
Sisseln (Blocksatz):
[Stk] [Stk/100 m] Biometrie+Markierung Markierung Anguillicola
S1
S2
S3
S4
13.4.2000
23.5.2000
19
22
6.9.2000
3.10.2000
14
14
10
12
19
22
7
7
14
14
0
0
0
0
0
0
0
14
Mittelwert
Standardabweichung
Mumpf (Blockwurf):
M1
17.3
3.9
28.4.2000 73
M2
M3
M4
Mittelwert
19.5.2000
29.9.2000
46
160
21.10.2000 78
89.3
9.1
2.1
37 50 23 0
23
80
46
50
39
44.6
54
0
110
0
0
24 79
Standardabweichung
Chräbis (Naturufer):
C1
C2
49.2
28.4.2000
19.5.2000
117
84
C3
C4
Mittelwert
Standardabweichung
29.9.2000
21.10.2000
146
65
103.0
35.8
24.6
59
42
56
57
61
27
0
0
73
33
50
47
51.5
17.9
96
18
0
63
Total
0000
838 36 479 359 156
Tab. 4.2: Fangzahlen und Anzahl untersuchte Aale aus dem Hochrhein, aufgeschlüsselt nach Probeda-
tum und Untersuchungsschwerpunkt. Biometrie+Markierung: vermessen und markieren bzw. Prüfung auf
alte Markierungen; Markierung: nur markieren bzw. Prüfung auf alte Markierungen; Anguillicola: Untersu-
chung auf Anguillicola crassus (vgl. Kap. 7).
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
25
4.3.3. Biometrie
Die biometrischen Analysen sollen insbesondere den Längenaufbau im Fang zeigen. Im Laufe des
Sommers findet der Aufstieg der Jungaale in den Hochrhein statt. Je nach Ausmass dieser Zuwan-
derung sollte eine unterschiedliche Längen-Häufigkeitsverteilung zwischen den Frühjahrsfängen und
den Herbstfängen auftreten. Die Rohdaten sind in Anhang B zusammengestellt.
Die Längen-Häufigkeitsverteilung der im Jahre 2000 gefangenen Aale zeigte eine eingipflige, glok-
kenförmige Verteilung mit einem Maximum bei 45 cm (Abb. 4.4). 96.7% der Aale wiesen eine Länge
zwischen 30 und 60 cm auf. Eine Ähnliche Verteilung mit einem Maximum bei 42-45 cm fand auch
Berg (1988) für den Gesamtfang seiner mit verschiedenen Fanggeräten gefangenen Aale aus dem
Bodensee.
Da nur ein Uferstreifen bis in eine Tiefe von etwa 1.5 m befischt wurde, bezieht sich die Längen-Häu-
figkeitsverteilung nur auf die in diesem Bereich lebenden Aale. Der Anteil der gefangenen grossen
Aale (<55 cm) ist möglicherweise nicht repräsentativ für den Bestand, da diese tiefere Uferbereiche
vorziehen (Kap. 4.2.2.). Nach Berg (1990) und Naismith & Knights (1990a) wiederspiegelt der Teil
der Längen-Häufigkeitsverteilung der links des Maximums (Modalwert) liegt, die Längenselektivität
des Elektrofanggerätes (Kap. 4.2.2.) und nicht die tatsächliche Verteilung im Bestand. Das würde be-
deuten, dass Aale unter einer Länge von 44 cm im Uferbereich häufiger wären, als die Abbildung 4.4
vermuten lässt.
Dönni (1993) untersuchte mit weitgehend derselben Methode (identisches Fanggerät, Gerätespan-
nung aber 700 V, also 100 V höher) in sehr ähnlichen Uferhabitaten gefangene Aale aus dem Stau
Reckingen. Sie zeigten im Gegensatz zu den vorliegenden Untersuchungen eine deutlich zweigipfli-
ge Längen-Häufigkeitsverteilung des Gesamtfangs mit einem Maximum bei 32 cm und bei 50 cm
(Abb. 4.4). Die Längenselektivität des Elektrofanggeräts konnte also erst unterhalb einer Länge von
etwa 32 cm beobachtet werden.
Fangort Fang- Totallänge [cm] Gewicht [g]
Sisseln:
datum Min. Max. Mittel Min. Max.
Konditionsindex
Mittel Min. Max. Mittel
Okularindex
Min. Max. Mittel
S1/S2
S3/S4
Mumpf:
M1/M2
Frühling
Herbst
31.3
39.1
Frühling 34.1
60.5
56.3
44.2
47.9
69.8 46.8
49.8
87.0
384
359
46.2 631
156
181
0.13
0.13
180 0.10
0.20
0.20
0.16
0.15
0.34 0.16
2.66
3.89
5.86
6.72
2.67 8.91
3.98
5.55
4.38
M3/M4
Chräbis:
C1/C2
C3/C4
Herbst 30.1
Frühling
Herbst
32.3
29.1
Total:
C
0000
29.1
83.0 48.1
64.0
63.7
45.8
44.4
31.3 ±1200
43.9
32.6
537
564
83.0 46.2 31.3 ±1200
215 0.09
149
154
0.10
0.11
0.33 0.17
0.20
0.36
0.14
0.16
174 0.09 0.36 0.16
2.96 11.48
2.66
1.08
6.34
10.09
5.21
4.39
4.29
1.08 11.48 4.56
Tab. 4.3: Biometrische Daten der untersuchten Aale aus dem Hochrhein, aufgeschlüsselt nach Probeda-
tum und Untersuchungsschwerpunkt. Ohne Berücksichtigung der Wiederfänge.
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
26
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
010 20 30 40 50 60 70 80 90
Totallänge [cm]
Häufigkeit [Stk.]
Statistische Daten zur Totallänge:
Minimum: 29.1 cm
Maximum: 83.0 cm
Mittelwert: 46.2 cm
Standardabweichung: 7.8 cm
Anzahl (n) 428 Aale
0
20
40
60
80
100
120
010 20 30 40 50 60 70 80 90
Totallänge [cm]
Häufigkeit [Stk.]
Statistische Daten zur Totallänge:
Minimum: 14.0 cm
Maximum: 100.5 cm
Mittelwert: 43.7 cm
Standardabweichung: 10.5 cm
Anzahl (n) 1484 Aale
2000
Gesamtfang
1990/91
Gesamtfang
0
5
10
15
20
25
30
010 20 30 40 50 60 70 80 90
Totallänge [cm]
Häufigkeit [Stk.]
0
2.5
5
7.5
10
12.5
15
17.5
20
22.5
25
010 20 30 40 50 60 70 80 90
Totallänge [cm]
Häufigkeit [Stk.]
2000
Frühling
2000
Herbst
Abb. 4.4: Längen-Häufigkeitsverteilung und einige statistische Kennwerte der im Jahre 2000 in den
Staustufen Säckingen und Ryburg-Schwörstadt sowie in den Jahren 1990/91 im Stau Reckingen (Dönni
1993) gefangenen Aale. Ohne Berücksichtigung der Wiederfänge.
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
010 20 30 40 50 60 70 80 90
Totallänge [cm]
Häufigkeit [Stk.]
0
5
10
15
20
25
30
35
40
45
50
010 20 30 40 50 60 70 80 90
Totallänge [cm]
Häufigkeit [Stk.]
1990/91
Frühling
1990/91
Herbst
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
27
Geht man davon aus, dass die Längenselektivität der Elektrofischerei in der Untersuchung von Dönni
(1993) und der vorliegenden Studie in etwa dieselbe war und dass die Längenklassenzusammenset-
zung des Aalbestandes im Stau Reckingen ähnlich derjenigen im Stau Ryburg-Schwörstadt und
Säckingen ist, so lässt sich daraus schliessen, dass Aale mit einer Länge von weniger als 40 cm im
Jahre 2000 deutlich weniger häufig waren und die Zuwanderung an kleinen Aalen über den Sommer
geringer war als in den Jahren 1990/91 (Abb. 4.4).
Weitere Angaben zu den erhobenen Biometriedaten finden sich in Tab. 4.3.
4.3.4. Entwicklungsstadium
Die Aale im Hochrhein können vereinfacht drei Entwicklungsstadien zugeordnet werden: aufsteigen-
de Jungaale (Steigaale), stationäre Gelbaale und abwandernde Blankaale. Um das Ausmass der Ab-
wanderung (Kap. 6) quantifizieren zu können, wurde der Anteil an Blankaalen im Bestand geschätzt.
Pankhurst (1982) bezeichnete Aale mit einem Okularindex grösser als 6.5 als Blankaale. Marcheli-
don et al. (1999) konnten anhand von in Frankreich gefangenen Aalen nachweisen, dass Blankaale
einen höheren gonadosomatischen Index aufweisen als Gelbaale und dass der gonadosomatische
Index mit dem Okularindex korreliert. Aufgrund dieser Studie erhöhten sie für den Okularindex die
Schwelle zum Blankaalstadium auf gleich oder grösser 8.
Die Unterscheidung zwischen Gelbaal und Blankaal anhand äusserer Merkmale lieferte ähnliche Er-
gebnisse wie die mit Hilfe des Okularindexes (Tab. 4.4). Ausser einem Aal wurden sämtliche mit Hil-
fe des Okularindexes als blank angesprochenen Aale auch anhand der äusseren Merkmale als
Blankaale erkannt. Umgekehrt wurden 6 Aale aufgrund ihrer äusseren Erscheinung als blank be-
zeichnet, ihr Okularindex lag aber unter dem Grenzwert von 8 für Blankaale. Bei den als im Über-
gangsstadium bezeichneten Aale waren die Unterschiede zwischen äusserer Erscheinung und Oku-
larindex deutlich grösser.
Die Totallängen der Blankaale (gemäss äusseren Merkmalen) betrugen 45.6-83.0 cm. Mit Ausnahme
eines Exemplars waren sie alle länger als 50 cm. Dies entspricht den Beobachtungen von Parey
(1983). Er hat im Hochrhein 203 Blankaale gefangen, von denen die meisten ebenfalls länger als 50
cm waren. Berg (1988) fand für die Aale des Bodensees, dass sie ab einer Länge von etwa 70 cm
die Wandlung zum Blankaal durchlaufen. Heute geht man aber davon aus, dass der Zeitpunkt der
Abwanderung und damit der Eintritt ins Blankaalstadium nicht primär vom Alter oder der Körperlänge
sondern vom physiologischen Status (z. B. Fettgehalt) abhängt (Svedäng 1996, 1997, Tesch 1999).
Der Anteil der Blankaale am Gesamtfang betrug im Frühling lediglich 0.4%, deutlich weniger als im
Herbst (1.7%). Es ist aber anzunehmen, dass der Anteil am Gesamtbestand höher war, da grosse
Aale bei der Elektrofischerei vermutlich unterbefischt wurden (Kap. 4.2.2.). Ein Vergleich mit anderen
Daten vom Hochrein und einiger seiner Zuflüsse (Tab. 4.5) deutet darauf hin, dass der Anteil an
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
28
Blankaalen Ende der 80er- (Enzmann 1990) und Anfang der 90er-Jahre (Dönni 1993), vor allem
aber Anfang der 80er-Jahre (Parey 1983) im Hochrhein höher war. Dies stimmt mit Aussagen von
Sportfischern überein, die besagen, dass sie früher mehr grössere Aale gefangen hätten.
Für die weiteren Berechnungen wurden nur diejenigen Aale zu den Blankaalen gezählt, deren Oku-
larindex gleich oder grösser 8 war (Kap. 4.2.1.). Gemäss Tabelle 4.4 waren dies zur relevanten Jah-
reszeit im Herbst 1.7%. Da davon auszugehen ist, dass der Blankaalbestand unterschätzt wurde
(Kap. 4.2.2.), gehen wir für die Berechnung der Abwanderung (Kap. 6.3.) von einem Anteil am
Herbstbestand von 2-3% aus.
4.3.5. Schätzung von Populationsparametern
In Tabelle 4.6 sind die Wiederfangzahlen für die einzelnen Befischungen aufgelistet. Der Wiederfang
von Aalen, die mindestens einmal markiert wurden, ist über alle vier Befischungen gesehen hoch.
Markierungsexperimente an der Themse (Naismith & Knights 1990b), die eine hohe Aaldichte auf-
weist, lieferten Wiederfänge von 0.2-7.4%. In diesem Bereich lag auch der Wert für die Strecke
«Mumpf» (6.6%). Die Wiederfänge für die Strecken «Chräbis» (12.4%) und «Sisseln» (44.4%) waren
deutlich höher.
Die Ergebnisse der Bestandesschätzungen anhand der vier Verfahren nach Jolly-Seber, Fisher-Ford,
Triple catch und Manly-Parr sind in Anhang C detailliert dargestellt. Eine Zusammenfassung der Er-
gebnisse liefert Tabelle 4.7.
Fangort Fang- Äussere Merkmale Okularindex
Sisseln:
datum Gelbaale Übergang Blankaale Gelbaale Übergang Blankaale
S1/S2
S3/S4
Mumpf:
M1/M2
Frühling
Herbst
31
22
Frühling 117
1
0
0
0
52
32
22
0
0
122 1
0
0
1
M3/M4
Chräbis:
C1/C2
C3/C4
Herbst 227
Frühling
Herbst
185
199
Total [Stk.]
Total [%]
Frühling
Herbst
333
448
Frühling
Herbst
95.7
97.8
17
6
1
1
1
226 2
192
200
0
0
12
2
3
8
3.4
0.4
0.9
1.7
346
448
1
2
99.4
97.8
0.3
0.4
7
0
1
1
8
0.3
1.7
C
0000
Tab. 4.4: Entwicklungsstadium der untersuchten Aale aus dem Hochrhein. Die Unterscheidung zwischen
Gelb- und Blankaal erfolgte einerseits anhand äusserer Merkmale, andererseits anhand des Okularinde-
xes. Die Wiederfänge sind nicht berücksichtigt, mit Ausnahme der im Herbst getätigten Wiederfänge vom
Frühling.
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
29
Qualität der geschätzten Parameter
Die vier Modelle lieferten für die Strecke «Sisseln» vergleichbare Bestandesschätzungen (Tab.
4.7). Für die Strecke «Mumpf» berechnete das Verfahren nach Fisher-Ford deutlich andere Werte
als die übrigen drei Methoden. Grössere Unterschiede in der Bestandesschätzung fanden sich auch
für die Strecke «Chräbis».
Die Verluste zwischen den einzelnen Befischungen setzen sich aus Abwanderung und Tod zusam-
men. Die geschätzten Verlustquoten zeigen, mit Ausnahme der Fisher-Ford-Schätzung, für die ein-
zelnen Untersuchungsstrecken relativ ähnliche Werte (Tab. 4.7). Demnach war sie über den Som-
mer in der Strecke «Sisseln» deutlich geringer als in den beiden anderen Strecken.
Die Rate der Zuwanderung zeigte z. T. grössere Unterschiede, wobei wiederum die Schätzungen
nach Fisher-Ford von den übrigen deutlich abwichen.
Die unterschiedlichen Schätzergebnisse sind darauf zurückzuführen, dass den vier Methoden vier
verschiedene Berechnungsmodelle mit teilweise unterschiedlichen Annahmen zugrunde liegen. Das
heisst aber auch, dass die äusseren Umstände (Dauer der Untersuchung, Anzahl Wiederfänge, Be-
standesgrösse usw.) die Wahl des Modells diktieren. Nach Begon (1979) gilt:
Bei kleinen Bestandeszahlen ist die Fisher-Ford Methode das geeignetste Verfahren, sofern die
Verlustquote über die Zeit konstant und unabhängig vom Alter ist.
AutorIn/Fangort Jahr Untersuchte Aale [Stk] Blankaale [%]
Diese Untersuchung:
Frühling Herbst Frühling Herbst
Stau Säckingen
Stau Ryburg-Schwörstadt
Dönni (1993):
Stau Reckingen
2000
2000
32
301
1990 82
22
426
0.0
1.0
374 3.7
0.0
1.9
1.3
Stau Reckingen
Enzmann (1990):
Stau Ryburg-Schwörstadt
Sissle (Mündungsbereich)
1991 267
1989
1988/89
1104
111
Etzgerbach (Mündungsbereich)
Thur (Mündungsbereich)
Parey (1983):
freifliessender Hochrheinabschnitt bei Kadelburg
1988/89
1988/89
399
-
1982 82
248 2.6
1176
121
1.5
0.9
2.4
2.1
1.7
187
413
0.8
-
309 2.4
1.6
1.5
16.5
Stau Säckingen
Stau Ryburg-Schwörstadt
C
1982
1982
32
30
0000
203
138
12.5
6.7
18.7
24.6
Tab. 4.5: Anteile an Blankaalen, die in verschiedenen Gewässern im Bereich des Hochrheins festgestellt
wurden. Sämtliche Daten basieren auf elektrischen Uferbefischungen und einer Unterscheidung zwi-
schen Gelbaal und Blankaal aufgrund äusserer Merkmale.
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
30
Tab. 4.6: Ergebnisse der Fang-Wiederfang-Untersuchungen.
Fangort Fangdatum Total Wiederfänge von der 1., 2. und 3. Befischung
Sisseln:
[Stk] [Stk/m] 1 2 1+2 3 1+3 2+3 1+2+3
S1
S2
S3
S4
13.4.2000
23.5.2000
19
22
6.9.2000
3.10.2000
14
14
0.1
0.1
-
8
0.1
0.1
2
0
-
-
-
-
4
3
1
2
-
-
-
-
-
3
-
0
-
-
-
-
-
1
-
0
Total gefangene Aale (ohne Wiederfänge): 45
Mumpf:
M1
M2
28.4.2000
19.5.2000
73
46
M3
M4
Total gefangene Aale (ohne Wiederfänge): 335
Chräbis:
29.9.2000
21.10.2000
160
78
0.4
0.2
-
2
Total markierte Aale: 20
-
-
-
-
0.8
0.4
3
0
5
0
0
0
Total markierte Aale: 22
Wiederfang: 44.4%
-
-
-
-
-
-
-
-
-
10
-
1
Wiederfang: 6.6%
-
0
-
0
C1
C2
C3
C4
28.4.2000
19.5.2000
117
84
29.9.2000
21.10.2000
146
65
Total gefangene Aale (ohne Wiederfänge): 363
C
0000
0.6
0.4
-
16
0.7
0.3
7
4
-
-
-
-
6
2
2
0
Total markierte Aale: 45
-
-
-
-
-
10
-
1
-
-
-
-
-
1
-
0
Wiederfang: 12.4%
Tab. 4.7: Ergebnisse der Schätzungen der Bestandesgrösse, der Verlustquote (Abwanderung+Mortalität)
und der Zuwanderungsquote für die drei Untersuchungsstrecken im Jahre 2000. Je nach angewendetem
Modell sind die Schätzungen nur für bestimmte Zeitpunkte möglich. Für die Bestandesschätzung nach
Jolly-Seber wurden auch die 95%-Vertrauensintervalle berechnet.
Fang- Fangdatum Fang Jolly-Seber
ort
Sisseln:
NTNlb
Fisher-Ford
Nl
Triple Catch
bN l b
Manly-Parr
Nl
S1
S2
S3
S4
13.4.2000
23.5.2000
19
22
6.9.2000
3.10.2000
14
14
31.1 22.7-51.8
41.3 19.7-87.2 0.16 0.49 40.2 0.01
0.01
38.2
37.5
-0.05
-0.01
40.0
50.0
0.17
0.09 0.45
-0.12
66.0 0.32
42.0
Mumpf:
M1
M2
M3
28.4.2000 73
19.5.2000
29.9.2000
46
160
M4
Chräbis:
C1
C2
21.10.2000 78
28.4.2000
19.5.2000
117
84
346.9
383.1
88.5-1670.4
165.9-1765.1 0.68 0.78
505.0 214.4-964.6 0.51 1.02
1000.7
134.2 0.01
0.01
-0.85
3.78
399.5
314.2
639.6
829.3 0.01
0.01
-0.05
-0.02
410.6
0.65
0.75 0.43
0.19
-
320.0 0.78
0.30
0.64 0.71
0.17
378.0 0.71
C3
C4
C
29.9.2000
21.10.2000
146
65
0000
N = geschätzte Bestandesgrösse
l = Verlustquote zwischen Frühling und Herbst
b = Zuwanderungsquote zwischen Frühling und Herbst
TN = 95%-Vertrauensintervall von N
761.1 308.0-1669.4 788.2
635.7
500.1 438.0
b
-0.05
-
0.87
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
31
Bei grossen Bestandeszahlen ist die Jolly-Seber Methode vorzuziehen, vor allem, wenn die Ver-
lustquote über die Zeit variiert. Bei kleinen Bestandeszahlen überschätzt die Methode die Bestan-
desgrösse und unterschätzt die Verlustquote.
Die Manly-Parr Methode ist das beste Verfahren, wenn viele multiple Wiederfänge (mehr als eine
Marke) vorliegen und wenn die Verlustquote über die Zeit variiert und vom Alter abhängt. Die Be-
standeszahlen müssen aber gross sein.
Die Triple catch-Methode ist ein vergleichsweise einfaches Modell.
Die vorliegende Studie erstreckte sich über einen relativ grossen Zeitraum mit wenigen Befischun-
gen. Ausser bei der Stelle Sisseln ist mit hohen Bestandeszahlen zu rechnen und die Verlustquote
kann kaum als konstant angenommen werden. Aufgrund dieser Einschätzungen scheint das Verfah-
ren nach Jolly-Seber für diese Untersuchung das geeignetste Modell zur Bestandesschätzung zu
sein. Aus diesem Grund wurden nur für dieses Modell weitere Berechnungen durchgeführt.
Die 95%-Vertrauensintervalle für die Bestandesschätzungen des Jolly-Seber-Modells wurden nach
Krebs (1989) berechnet (Tab. 4.8). Die tatsächliche Bestandesgrösse liegt mit einer Wahrscheinlich-
keit von 95% in diesem Intervall. Für die Strecke «Mumpf» und «Chräbis» sind die Vertrauensinter-
valle sehr gross. Die Bestandesschätzungen für diese beiden Strecken sind somit deutlich weniger
genau als diejenige für die Strecke Sisseln.
Grundsätzlich gilt, dass die Bestandesschätzungen mit Unsicherheit behaftet sind, die ermittelten
Werte aber klar die Grössenordnung widerspiegeln, in der die tatsächlichen Bestandeszahlen liegen.
Interpretation der geschätzten Parameter
Als Beispiel für die hart verbauten Ufer wurde die Strecke «Sisseln» ausgewählt. Das Ufer besteht
hier aus unvermörteltem Blocksatz mit nur wenigen Nischen, in die sich die Aale tagsüber zurückzie-
hen können. Somit war es nicht überraschend, dass die Bestandesschätzung für diese Strecke am
geringsten ausfiel (Tab. 4.8). Das Blocksatzufer weist im Gegensatz zu den anderen Typen von hart
verbautem Ufer am Hochrhein (Kap. 4.3.1.) noch eine geringe Anzahl an Unterständen auf. Es ist
Tab. 4.8: Zusammenstellung der für die weiteren Auswertungen verwendeten Schätzwerte basierend auf
den nach Jolly-Seber geschätzten Parametern (Tab. 4.7).
Fangort geschätzte Bestandesgrösse [Stk] geschätzte Dichte [Stk/100 m]
Frühling
NTN
Herbst
NTN
Frühling
NTN
Herbst
NTN
Veränderung
Frühling-Herbst [%]
lb
Sisseln
Mumpf
Chräbis
C
31
347
23-52
89-1670
505 214-965
41
383
20-87
166-1765
761 308-1669
16
173
12-27
45-835
253 107-483
22
192
11-46
83-883
381 154-835
16
68
49
78
51 102
N = geschätzte Bestandesgrösse
TN = 95%-Vertrauensintervall von N
l = Verlustquote
b = Zuwanderungsquote
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
32
deshalb anzunehmen, dass die Aaldichte in Ufern mit anderen harten Verbauungstypen (Asphalt-
Deckwerk, Betonplatten, Betonbohle, Stahlspundwand, Blocksatz/-wurf vermörtelt) noch geringer ist.
Die Strecke «Mumpf» als Beispiel für den Typ «weich verbautes Ufer» und das Naturufer der Strecke
«Chräbis» bieten den Aalen viele Versteckmöglichkeiten zwischen Steinen, unter Wurzelstöcken, im
weichen Sediment usw. Entsprechend hoch waren denn auch für beide Strecken die geschätzten
Bestandesgrössen. Die Vertrauensintervalle (Tab. 4.8) für die Bestandesschätzungen waren für bei-
de Strecken hoch. Wir gehen deshalb davon aus, dass sich die Bestandesgrössen in Naturufern und
weich verbauten Ufern nicht deutlich unterscheiden. Dies gilt vermutlich auch für die anderen Typen
weich verbauten Ufers (Kap. 4.3.1.), da diese ebenfalls viele für Aale geeignete Spalten und Unter-
stände aufweisen dürften.
4.3.6. Hochrechnungen
Die Bestandesschätzung bezieht sich nur auf den mit dem Elektrofanggerät befischbaren Teil des
Aalbestandes (Kap. 4.3.3.) im Uferbereich, streng genommen sogar nur auf die jeweils befischten
Uferstrecken. Eine Schätzung des Aalbestandes für den Uferbereich des gesamten Hochrheins (bis
in eine Tiefe von ca. 1.5 m) anhand einer Hochrechnung ist daher unsicher und kann nur eine unge-
fähre Grössenordnung der tatsächlichen Bestandeszahlen liefern. Die so gewonnenen Werte sind
entsprechend kritisch zu betrachten.
Die Hochrechnung lieferte die folgende Bestandesschätzung für den Hochrhein (gerundete Werte,
mit Angabe des 95%-Vertrauensintervalls, Tab. 4.9):
Frühling 2000: 409'000 (163'000-1'057'000)
Herbst 2000: 573'000 (237'000-1'513'000)
Diese Zahlen beziehen sich nur auf den elektrisch befischbaren Uferbereich. Auf Grund der in Kapitel
4.2.2. erwähnten Gründen nehmen wir an, dass der Bestand des gesamten Hochrheins kaum mehr
als doppelt so hoch ist.
Grundsätzlich wäre zu erwarten, dass in Hochrheinabschnitten mit höherer Aaldichte von den Angel-
fischern auch mehr Aale gefangen werden. Bestand und Fang korrelieren jedoch aufgrund des von
Jahr zu Jahr oft unterschiedlichen Fangaufwandes meist nicht sehr gut. Trotzdem zeigte ein
statistischer Vergleich zwischen der geschätzten Aaldichte (Tab. 4.8) und dem flächenbezogenen
Fang pro Abschnitt, dass diese Beziehung statistisch signifikant positiv ist (Abb. 4.5). Somit können
wir annehmen, dass die relativen Unterschiede in den Bestandesschätzungen für die einzelnen
Hochrheinabschnitte realistisch sind. Über die Güte der absoluten Zahlen lässt sich jedoch nichts
aussagen.
Enzmann (1990) führte eine Bestandesschätzung für den Stau Ryburg-Schwörstadt nach der Peter-
sen-Methode durch. Hierfür wurden markierte Aale aus der Thur, der Sissle und dem Etzgerbach
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
33
Hochrhein-Abschnitt
Bezeichnung
Stein bis Diessenhofen
Bestand im Frühling [Stk]
Länge [km]
13
links
10'229
rechts
16'449
Total
26'678
Bestand im Herbst [Stk]
links
13'965
rechts
23'692
Stau KW Schaffhausen
KW Schaffhausen bis Rheinfall
Hauptstau KW Rheinau
Hilfsstau KW Rheinau
7
3
6'261
2'616
7
4
5'868
8'914
1'854
2'498
8'115
5'114
4'688
6'948
10'556
15'862
9'018
3'881
2'598
3'702
8'698
12'387
6'904
9'744
Rheinau Unterwasser bis Thurm.
Stau KW Eglisau
Stau KW Reckingen
Reckingen bis Koblenz-Kadelburg
6
14
10'187
30'535
11
12
21'438
23'486
Stau KW Albbruck-Dogern
Stau KW Laufenburg
Stau KW Säckingen
Stau KW Ryburg-Schwörstadt
11
9
13'125
12'948
7
14
10'571
23'685
8'684
27'159
18'871
57'694
24'623
19'068
46'061
42'554
14'361
43'205
10'666
39'867
32'059
34'106
36'382
25'500
12'817
17'289
25'941
30'238
3'192
26'369
13'763
50'054
17'532
16'018
18'442
25'060
11'710
32'383
4'562
37'977
Stau KW Rheinfelden
Stau KW Augst-Wyhlen
Stau KW Birsfelden
Stau KW Kembs
3
9
6'745
14'691
8
7
2'880
6'492
Total
Hochrhein-Abschnitt
145 210'671
Dichte im Frühling [Stk/100 m]
7'339
13'508
14'084
28'199
4'061
1'303
6'941
7'795
9'432
21'009
11'058
18'590
3'437
8'336
5'231
1'691
197'849 408'521 291'539 281'665
Dichte im Herbst [Stk/100 m]
Bezeichnung
Stein bis Diessenhofen
Stau KW Schaffhausen
KW Schaffhausen bis Rheinfall
Länge [km]
13
links
79
7
3
89
87
Hauptstau KW Rheinau
Hilfsstau KW Rheinau
Rheinau Unterwasser bis Thurm.
Stau KW Eglisau
7
4
84
223
6
14
170
218
rechts
127
Mittel
103
26
83
58
85
links
107
rechts
182
129
129
37
123
67
174
75
198
145
194
157
206
124
310
99
244
239
309
178
285
Stau KW Reckingen
Reckingen bis Koblenz-Kadelburg
Stau KW Albbruck-Dogern
Stau KW Laufenburg
11
12
195
196
11
9
119
144
Stau KW Säckingen
Stau KW Ryburg-Schwörstadt
Stau KW Rheinfelden
Stau KW Augst-Wyhlen
7
14
151
169
3
9
225
163
224
159
209
177
117
192
118
168
291
284
331
212
159
178
168
278
46
188
98
179
245
150
235
157
167
231
65
271
314
233
369
207
Stau KW Birsfelden
Stau KW Kembs
Mittlere Dichte
8
7
36
93
145 144
51
19
43
56
130 137
43
119
65
24
198 185
Total
37'657
11'616
7'583
15'602
22'131
25'027
83'072
68'441
59'605
35'974
41'078
16'272
70'360
20'490
39'599
8'668
10'028
573'204
Mittel
145
83
126
111
277
209
297
311
248
164
228
116
251
341
220
54
72
191
Tab. 4.9: Hochrechnung des Aalbestandes des Hochrheins im Uferbereich bis in eine Tiefe von ca. 1.5 m.
(Detailtabelle vgl. Anhang D). Angaben der absoluten Bestandeszahlen (obere Tabelle) und der Dichte
(untere Tabelle), aufgeschlüsselt nach linkem und rechtem Ufer
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
34
eingesetzt, also nicht Aale aus der Staustufe selbst verwendet. Dieser Ansatz ist mit dem Petersen-
Verfahren nicht vereinbar. Dies war den Autoren bewusst, weshalb sie ihre Bestandesschätzung von
280'000 Aalen (Enzmann & Senn,1992) nur als «Eindruck über die Populationsdichte» bezeichneten.
Unsere Schätzungen lagen mit 50'000-70'000 Aalen deutlich tiefer. Ein Teil der von Enzmann einge-
setzten Aale wanderte in die Zuflüsse und vermutlich auch in andere Staustufen ab (offenes Sy-
stem). Zudem beschränkte sich ihre elektrische Befischung ebenfalls auf den Uferbereich. Folglich
waren die Wiederfänge sehr gering (0.3%), was vermutlich zu einer deutlich zu hohen Bestandes-
schätzung führte.
0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
050 100 150 200 250 300
Dichte [Stk/100 m Uferlinie]
Fang [Stk/ha]
Abb. 4.5: Korrelation zwischen der geschätzten Aaldichte und dem mittleren Aalfang der Jahre 1995-99
(Daten BUWAL) im Hochrhein. Die einzelnen Werte beziehen sich auf die Hochrheinabschnitte gemäss
Tabelle 4.9.
y = 0.41+0.03*x, r2 = 0.366, p = 0.010
Bestandesaufbau und Bestandesschätzung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
35
5. Einwanderung in den Hochrhein
5.1. Einleitung
Im Hochrhein zwischen Eglisau und Birsfelden wurden bis 1985 sehr viele Jungaale eingesetzt. Weil
dadurch eine Störung der Fisch-Lebensgemeinschaft befürchtet wurde, gilt seit 1986 im Hochrhein
ein Besatzmoratorium. Auf der deutschen Seite des Bodensees werden nach wie vor Aale einge-
setzt, ebenso im Ober- und Mittelrhein.
Es stellte sich nun die Frage, wie sich der Aalbestand im Hochrhein nach dem Besatzmonatorium
entwickelte. Die Bestandesgrösse ist hauptsächlich abhängig vom Nachwuchs aus dem Meer, vom
Besatz, von der Durchgängigkeit des Rheins (Schleusen, Fischpässe, Rheinfall), von der natürlichen
Mortalität, der Befischung und der Abwanderung. In diesem Kapitel geht es um die Einwanderung in
den Hochrhein.
Die erste Hürde für die einwandernden Aale ist die Schleuse Haringvliet an der Rheinmündung; wei-
tere Zuwanderungswege führen über den Nieuwe Waterweg (Schifffahrtsstrasse nach Rotterdam)
und über das Ijsselmeer. Dann folgt eine 695 km lange Strecke ohne Hindernisse. Mit dem Kraftwerk
Iffezheim beginnt eine Reihe von 10 Kraftwerken mit Schleusen und Fischtreppen bis nach Basel
(170 km). Mit dem Kraftwerk Birsfelden beginnt die Serie der elf Hochrheinkraftwerke bis nach
Schaffhausen (120 km).
Das Kraftwerk Rheinau, welches keinen Fischpass hat, können die Aale trotzdem überwinden (pers.
Mitt. K. Balsiger, Fischereiaufseher, Dachsen). Auch der Rheinfall scheint kein Hindernis zu sein, wie
Meister (1970) berichtete. Zudem kamen Aale im Bodensee vor, bevor sie dort eingesetzt wurden
(Berg 1988).
Um eine Schätzung der aufsteigenden Aale zu bekommen, wurden im rechtsufrig gelegenen
Fischpass des Kraftwerks Birsfelden, dem untersten Hochrheinkraftwerk in der Schweiz, stichproben-
weise Aufstiegszählungen gemacht. Weil ein Teil der Aale durch die dort gelegene Schiffsschleuse
ins Oberwasser gelangt, kann diese Untersuchung keine absoluten Zahlen liefern. Weiter wurden
Aussagen über die Herkunft der einwandernden Aale gemacht.
Vorgesehen war, dass die Fischereiaufsicht Basel-Stadt im Fischpass Birsfelden 1999 die Fisch-Auf-
stiegskontrollen wieder aufnimmt. Dabei sollten die speziellen Bedürfnisse des Projektes berücksich-
tigt werden, z. B. die Maschenweite der Reuse. Wegen der wetterbedingten Verschiebung der Auf-
stiegszählungen um ein Jahr, musste die Arbeit vom Auftragnehmer selbst geleistet werden. Zudem
musste eine separate Fangvorrichtung erstellt werden, weil die bestehende Reuse wegen zu grosser
Maschenweite für die Aal-Zählungen nicht geeignet war.
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
36
5.1.1 Untersuchungsperimeter
Für dieses Kapitel wurden der Mittel-, Ober- und Hochrhein in die Betrachtung einbezogen. Die Feld-
arbeit wurde am Fischpass des Kraftwerkes Birsfelden (Abb. 3.1) geleistet.
5.2. Methodik
Es wird davon ausgegangen, dass die Aale den Fischpass durchwandern und nicht als Lebensraum
benützen. Nach Tesch (1999) konzentriert sich die Aktivitätszeit der Aale mit zunehmender Körper-
länge auf die Nachtstunden. Zeh (1993) beobachtete im Fischpass Reckingen jedoch auch am Tag
aufsteigende Aale. Weil an den Zähltagen der Fischpass nur während ca. 18 h (von ca. 16:00 h bis
ca. 10:00 h) abgesperrt wurde, könnten die Aufstiegszahlen - namentlich bei den kleinen Aalen -
möglicherweise unterschätzt worden sein.
Mit den Aufstiegszählungen am Fischpass Birsfelden (Foto 1 im Anhang F) konnten diejenigen Tiere
nicht erfasst werden, welche in die Birs und durch die linksufrige Birsfelder Schiffschleuse ins Ober-
wasser wanderten.
Zur Erfassung aller aufsteigenden Aale, auch der kleinsten, sind alle Kontroll-Reusen der Kraftwerke
des Hochrheins ungeeignet, so auch diejenige von Birsfelden. Sie haben zu grosse Maschenweiten
(Tab. 5.1). Zeh (1993) beobachtete, dass in der Kontrollreuse des Kraftwerks Reckingen (Maschen-
weite 17mm) nur Aale >45 cm zurückgehalten wurden.
Eine Verkleinerung der Maschenweite der Reuse in Birsfelden kam nicht in Frage, weil dadurch der
Durchfluss des Fischpasses zu stark gebremst worden wäre, vor allem auch durch Treibgut, welches
die Maschen verstopft. Deshalb wurde oberhalb der Kontrollreuse eine Querwand des Fischpasses
mit Lochblechen (6 mm-Löcher) abgesperrt (Abb. 5.1). Wurden die Löcher von Geschwemmsel ver-
stopft, so fiel das Wasser über das Lochblech auf der Krone ca. 50 cm tief ins nächste Becken. Die-
ses Hindernis konnten die Aale nicht überwinden (Foto 2 im Anhang F). Ein Versuch mit einem
15cm langen Aal zeigte, dass er sich gerade noch durch ein 6 mm-Loch zwängen konnte, allerdings
ohne den Wasserdruck, welchen der Aal im Fischpass zusätzlich überwinden muss. Es kann deshalb
angenommen werden, dass die Absperrung für Aale >15 cm sicher unüberwindbar war.
Die kleinsten zu erwartenden Aale (eingesetzte Glasaale von 6-8 cm Länge) könnten von ihrer Grös-
se her durch die 6 mm-Löcher schlüpfen. Ob sie dies allerdings auch gegen den Wasserdruck
schafften, ist nicht bekannt.
Tesch (1999) nennt für die kleinsten Aalstadien im Unterlauf der Elbe folgende Längen: Glasaale 6-8
cm; Steigaale 7-30 cm (meistens etwa 7-20 cm). Dekker (1998) fand, dass die Aale beim Eintritt in
das Ijsselmeer (Meeresbucht im Mündungsgebiet des Rheins) eine Länge von 6-8 cm aufwiesen.
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
37
Kraftwerk Lage des Maschenweite der Bemerkungen
Schaffhausen
Fischpasses
Reuse [mm]
15
Rheinau
Eglisau
Reckingen
Albbruck-Dogern
30/38
rechts/links
Wehr
17
10
kein Fischpass
Laufenburg
Säckingen
Maschinenhaus
rechts
15
17
links
15/17
21
Ryburg-Schwörstadt
Rheinfelden
Augst-Wyhlen
Wehr (Mitte, links)
10/20
?
rechts
15
10
zweilagiges Gitter
Denilpass
Birsfelden 17
Tab. 5.1: Die elf Flusskraftwerke am Hochrhein. Für die Kontrollreusen in den Fischpässen sind die Ma-
schenweiten angegeben (nach Gerster 1998).
Abb. 5.1: Ausschnitt aus dem Fischpass Birsfelden mit eingezeichneten Absperrungen (punktiert: Loch-
blech mit 6mm-Löchern). Zwischen der oberen und unteren Absperrung lagen zwölf Becken sowie die
Reuse.
Absperrung unten
(ca. ab 10 Uhr)
Absperrung oben
(ca. ab 16 Uhr)
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
38
Für eine Aufstiegskontrolle wurde jeweils am Nachmittag in der Fischtreppe die obere Querwand mit
Lochblech (6 mm-Löcher) abgesperrt. Fische, die danach in die Fischtreppe einstiegen, wurden an
dieser Stelle durch die Absperrung zurückgehalten. Am nächsten Morgen, ca. 10 Uhr, wurde der
Fischpass im untersten Viertel ebenfalls mit einem Lochblech verschlossen (Abb. 5.1) und danach
der Wasserzufluss am oberen Ende des Fischpasses mit einer dort eingebauten Tauchwand abge-
sperrt. Nachdem das Wasser bis auf ca. 20 cm Tiefe abgelaufen war, wurden mit einem feinmaschi-
gen Kescher die eingeschlossenen Aale herausgefangen. Auch oberhalb der Absperrung wurden
Aale, die bereits vor dem Absperren der Treppe bis hierher aufgestiegen sind, gefangen und separat
gezählt.
Für die Längenmessung wurden die Aale in eine passende Plexiglasröhre gebracht (unterschiedliche
Durchmesser je nach Aalgrösse, Foto 4 im Anhang F), welche ein aufgezeichnetes Längenmass mit
5 cm-Intervallen aufwiesen. Die Längen wurden auf einen Zentimeter genau geschätzt. Die kleinsten
Aale wurden mit einem Massstab auf den Millimeter genau gemessen. Da sich die Aale im Rohr im-
mer zu einer Schlangenlinie krümmten, wurden die gemessenen Längen mit einem geschätzten
«Streckfaktor» von 1.18 korrigiert . Nach der Messung wurden die Aale im Oberwasser freigesetzt.
Die Zählkampagne 2000 umfasste zehn Zähltage im Abstand von ca. zwei Wochen (Tab. 5.2).
5.3. Resultate
Am 1. Juli 1999 wurde ein Testlauf mit der neu eingerichteten Absperrung durchgeführt. Es wurden
65 Aale gefangen.
Die Zählung im Jahr 2000 begann am 24. Mai und endete am 19. September. Damit wurde wahr-
scheinlich die ganze Wanderperiode erfasst, denn bei der ersten und letzten Kontrolle waren im
Fischpass keine Aale zu finden. Die Zählungen ergaben zwei Maxima (8. Juni und 8. August), jeweils
gefolgt von kontinuierlich abnehmenden Anzahlen (Abb. 5.3). Solche Wanderschübe wurden auch
1995 festgestellt (Abb. 5.4.). Insgesamt wurden im Jahr 2000 an acht Zähltagen 264 Aale gezählt
und vermessen (Tab. 5.2).
Die Abbildung 5.3 zeigt, dass die beiden Wanderschübe Anfang Juni und Anfang August nur Aale
von mittlerer Körperlänge umfassten, während kleine Aale während der ganzen Periode in geringer
Zahl auftraten.
Drei Längenklassen von Aalen waren unterscheidbar (Abb. 5.2, Foto 3 im Anhang F):
kleine: 8.3 cm bis 25 cm (Mittelwert 18 cm, N=45)
mittlere: 30 cm bis 53 cm (Mittelwert 40 cm, N=215),
grosse: ca. 55 bis 110 cm. (N=4). Aale dieser Länge sind gewöhnlich stationär und wandern nur
noch in ihrem Wohngebiet kurze Strecken flussauf- und flussabwärts (Dönni 1993). Der grösste
gefangene Aal war 110 cm lang.
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
39
Abb. 5.2: Längen-Häufigkeitsverteilung aller im Jahr 2000 im Fischpass Birsfelden gezählten Aale. Drei
Gruppen lassen sich grob abgrenzen: kleine Aale von 8.3 cm bis 25 cm (Mittelwert 18 cm, N=45) und
grössere ab 30 cm bis 53 cm (Mittelwert 40 cm, N=215). Von den grössten, ab 55 cm bis 110 cm, wurden
nur vier Stück erfasst (die Grafik weist eine verkürzte x-Achse auf, daher sind die Längen von nur drei
Aalen dargestellt).
Längen-Häufigkeitsverteilung N = 264
0
10
20
30
40
50
60
70
8111417202326293235384144475053565962656871
Länge in cm
Anzahl
Abb. 5.3: Anzahl Aale der drei Längenklassen während der Aufstiegsperiode 2000. Die mittelgrossen Aale
sind in zwei Wellen gewandert, während die kleinen über die ganze Beobachtungszeit in geringer Anzahl
auftraten.
im Jahr 2000 gezählte Aale
0
10
20
30
40
50
60
70
80
90
100
24.5. 8.6. 27.6. 12.7. 25.7. 8.8. 18.8. 29.8. 7.9. 19.9.
Anzahl
bis 25 cm über 25 bis 55 cm über 55 cm
Anzahl
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
40
Die mittelgrossen Aale traten weitaus am häufigsten auf, während von den kleinsten und grössten
pro Fangtag nur wenige Individuen gezählt wurden.
Die 10 Zählungen im Jahr 2000 wurden auf die etwa 119-tägige Aufstiegsperiode hochgerechnet:
vom Zähltag mit Aalaufstieg wurde jeweils die Hälfte der Tage bis zum vorherigen und zum folgen-
den Zähltag mit gleichbleibender Häufigkeit belegt und pro Monat zusammengefasst. Damit wurde
ein gewisser Fehler in Kauf genommen, weshalb die Aufstiegszahl für das Jahr 2000 als grobe
Schätzung zu betrachten sind. Die Extrapolation von 10 Tagen (264 Aale) auf die geschätzten 191
Tage der Wanderperiode ergibt für den Aufstieg im Fischpass eine Grössenordnung von 3500 Aalen.
Unter der Annahme, dass an beiden Ufern etwa gleich viele Aale aufwärtswandern, sind im
Jahr 2000 schätzungsweise 7000 Aale bei Birsfelden in den Hochrhein aufgestiegen.
Berücksichtigt man die Beobachtung von Zeh (1993), dass die Aale auch am Tag wandern und dass
bei den Zählungen der Fischpass nur während etwa 3/4 eines Tages abgesperrt wurde, dürfte die
Schätzung der Anzahl der in Birsfelden aufgestiegenen Aale im Jahr 2000 noch etwas höher liegen –
vor allem die der kleinen Aale.
5.4. Diskussion
5.4.1 Der Aalaufstieg in den Jahren 1993 bis 2000
Die Fischereiaufseher von Basel-Stadt zählten im Fischpass Birsfelden in den Jahren 1993 2834 und
1994 3477 Aale, im Jahr 1995 noch deren 628 (Abb. 5.5). Im Jahr 2000 wurden (hochgerechnet)
3500 Aale erfasst.
Jahr Datum Total Aale [Stk] Temperatur [°C] Mondphase
1999
2000
1.7.1999
24.5.2000
65
0
18.0
14.4
ab
8.6.2000
27.6.2000
41
29
12.7.2000
25.7.2000
22
18
16.1
19.3
zu
ab
17.2
18.3
zu
ab
8.8.2000
18.8.2000
94
33
29.8.2000
7.9.2000
19
8
19.9.2000
Total im Jahr 2000
0
264
17.7
21.1
zu
ab
20.2
17.8
leer
ab
17.1
ab
Tab. 5.2: Zähltage und gezählte Aale, Wassertemperatur und Mondphasen (ab = abnehmend, zu = zuneh-
mend, leer = Leer-/Neumond). Die Zählung im Jahr 1999 war ein Probelauf. Die zehn Zähltage lagen je-
weils etwa 2 Wochen auseinander.
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
41
Abb. 5.4: Die Häufigkeitsverteilung des Aufstiegs im Jahr 1995 zeigt (wie auch im Jahr 2000) eine Wande-
rung in Schüben, mit einer besonders deutliche Aufstiegsspitze im August (Daten Fischereiaufsicht Ba-
sel-Stadt).
Häufigkeitsverteilung der Aufstiegszählung von 1995, N = 634
0
10
20
30
40
50
60
70
11 16 21 26 1.7. 6 11 16 21 26 31 5 10 15 20 25 30 4
Anzahl
Juni Juli August Sept.
Anzahl
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
42
Abb. 5.5: Aalzählungen im Fischpass Birsfelden, differenziert nach Monaten. Die Zählungen von 1993-
1995 wurden von der Fischereiaufsicht Basel gemacht, die Zählungen von 2000 wurden aus 10 Zählun-
gen auf die ganze Aufstiegsperiode hochgerechnet. Die Zahlen von 2000 sind mit den übrigen nicht ver-
gleichbar (siehe Kap. 5.4.1).
Juni Juli Aug. Sept.
0
200
400
600
800
1000
1200
1400
1600
1800
2000
2000 (N=3489) 1062 658 1643 126
1995 (N=628) 15 227 375 11
1994 (N=3477) 1503 1947 27 0
1993 (N=2834) 1461 1147 226 0
Juni Juli Aug. Sept.
2000
1995
1994
1993
Anzahl
Häufigkeitsverteilung der Aufstiegszählungen, pro Monat
Die Daten für die Jahre 1993 bis 1995 sind mit denjenigen von 2000 nur bedingt vergleichbar, weil
für die Zählungen eine Reuse mit einer Maschenweite von 17 mm verwendet wurde. Dies ergibt für
die meisten grösseren Fische brauchbare Ergebnisse, nicht aber für den Aal. Mit der Reuse von Birs-
felden konnten theoretisch nur grosse Aale (>45 cm) zurückgehalten werden (Zeh 1993), während
mit den im Jahr 2000 verwendeten Lochblechen (Lochdurchmesser 6 mm) auch kleine Aale erfasst
wurden (siehe Kap. 5.2). Trotzdem wurden 1993 und 1994 vorwiegend kleine Aale (<30 cm) gefan-
gen (Abb. 5.6). Sie traten aber in solchen Massen auf, dass trotz der grossen Maschenweite noch
viele kleine Aale in der gehobenen Reuse liegenblieben (pers. Mitt. Fischereiaufseher W. Herrmann).
Das heisst, dass die 1993 und 1994 gezählten Aale nur einen kleinen Teil der tatsächlich hinaufge-
wanderten repräsentierten.
Folgerung: In den Jahren 1993, 1994 und wahrscheinlich auch noch 1995 wanderten viel mehr Aale
durch den Fischpass Birsfelden als im Jahr 2000. Vor allem Aale unter 30 cm Körperlänge waren frü-
her wesentlich häufiger.
Für die Aufstiegszählungen beim Kraftwerk Kembs wurde der Fischpass jeweils abgesperrt und elek-
trisch ausgefischt. Deshalb sind auch diese Zählungen aus methodischen Gründen mit denjenigen in
Birsfelden nur bedingt vergleichbar. Die Abbildung 5.7 zeigt aber, dass auch in Kembs eine deutliche
Abnahme festgestellt wurde, wie erwartet ein Jahr früher (von 1993 auf 1994) als in Birsfelden.
5.4.2 Herkunft und Alter der Aale
Die jungen Aale haben einen Wandertrieb flussaufwärts, unabhängig davon, ob sie natürlicherweise
den Rhein hoch schwimmen oder eingesetzt werden. Im Laufe dieser Wanderung wachsen sie her-
an. Flussaufwärts eingesetzte Aale haben gegenüber den ohne menschliche Hilfe aufwandernden
Altersgenossen eine kürzere Wander- und Wachstumsphase hinter sich. Sie besitzen daher beim Er-
reichen bestimmter Orte im Oberlauf des Flusses eine geringere Körperlänge. Dies führt zu zweigipf-
ligen Längenverteilungen in den Kontrollfängen. Je grösser der zeitliche Vorsprung der Satzaale ist,
desto deutlicher sind die beiden Längenklassen getrennt. Eine solche zweigipflige Häufigkeitsvertei-
lung war bei den im Jahr 2000 gemessenen Aalen festzustellen (siehe Abb. 5.2).
Es wandern jedoch nicht alle Aale einer Altersklasse mit derselben Zielstrebigkeit flussaufwärts. Zu-
dem wachsen sie auch unterschiedlich schnell (Tesch 1999). Deshalb dürfte sich eine mehrgipflige
Längenverteilung, die sich aus grösseren natürlich aufgewanderten und kleineren eingesetzten Aa-
len zusammensetz, mit zunehmender Wanderstrecke verwischen.
Die Genauigkeit der Schätzung von Länge und Alter wandernder Aale an einem bestimmten Ort
hängt stark von den angenommenen Wanderleistungen und den Wachstumsraten ab. Die hier ge-
machten Schätzungen und die darauf bauenden Argumentationen sind unsicher, weil es für den
Rhein kaum brauchbare Angaben über Wanderleistungen und Wachstum gibt. Folgende Annahmen
werden den Schätzungen in diesem Kapitel zu Grunde gelegt (Tab. 5.3):
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
43
Abb. 5.6: Grössenverteilung der beim Kraftwerk Birsfelden aufgestiegenen Aale in den Jahren 1993-1995
und im Jahr 2000, nach Längenklassen differenziert. Um vergleichen zu können wurden die Längenklas-
sen der Fischereiaufsicht Basel-Stadt übernommen. Die Werte von 2000 sind aus 10 Zähltagen (N=264)
auf die ganze Aufstiegsperiode hochgerechnet worden (N=3249). Obwohl 1993 bis 1995 mit den Reusen
(Maschenweite 17 mm) vor allem Aale >30 cm hätten gefangen werden müssen, wurden mehrheitlich sol-
che von <30 cm gefangen. Die Erklärung dafür ist, dass die einwandernden kleinen Aale in solchen Mas-
sen aufstiegen, dass sie trotz ungeeigneter Methode noch in grösserer Zahl erfasst wurden.
0
200
400
600
800
1000
1200
Juni Juli Aug. Sept.
Anzahl
1993
1994
1995
2000
<15cm
0
200
400
600
800
1000
1200
Juni Juli Aug. Sept.
Anzahl
1993
1994
1995
2000
15cm, <30cm
0
200
400
600
800
1000
1200
Juni Juli Aug. Sept.
Anzahl
1993
1994
1995
2000
1350>30cm
Anzahl
Anzahl
Anzahl
15 cm, <30 cm
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
44
Wanderleistung von 200 km/Jahr auf der Rheinstrecke ohne Kraftwerke bis Iffezheim. In der Litera-
tur sind Angaben von 80 bis 650 km/Jahr zu finden (Ibrahim 1961, Tesch 1999, Baras 1996). Wan-
derleistung von 50 km/Jahr für Strecken mit Kraftwerken und Schleusen (ab Iffezheim bis Bodensee).
Es ist bekannt, dass die Steigaale auf solchen Strecken wesentlich langsamer voran kommen (Baras
1996, Tesch 1999).
Wachstum: An den Flussmündungen sind die (Glas-)Aale etwa 7 cm lang (6-8 cm, Tesch 1999).
Steigaale wachsen bis gegen 8 cm pro Jahr (Sihna & Jones 1975: 2-6 cm/Jahr, Baras 1996: 4 cm/
Jahr, Meunier 1994: 5-7.8 cm/Jahr im Oberrhein). Es wird hier ein Wachstum von 4-6 cm pro Jahr
angenommen. Wenn die Aale einmal die Wanderhindernisse an der Rheinmündung überwunden ha-
ben, gibt es auf der 695 km langen Strecke bis nach Iffezheim keine Wanderhindernisse mehr. Sie
erreichen Iffezheim nach ca. 3.5 Jahren und sind dann 21-28 cm lang (Tab. 5.3).
Von Iffezheim bis Birsfelden sind noch 170 km mit Schleusen und Fischpässen zu überwinden, von
letzteren gibt es zehn bis Basel (Anhang G). In Birsfelden, nach 865 km Wanderung, sind die Aale
gegen 7 "Süsswasserjahre" Jahre alt und 34-48 cm lang. Diese Längenklasse passt in die mittlere
Klasse der im Jahr 2000 gemessenen Aale, welche zahlenmässig die grösste ist (Abb. 5.2). Diese
Längenklasse war bei den Aufstiegszählungen 1999 und 2000 in Kembs ebenfalls gut vertreten
(Abb. 5.8). Die in Kembs aufgestiegenen Aale dürften jeweils noch im selben oder im darauf folgen-
den Jahr Birsfelden passiert haben.
Abb. 5.7: Aal-Aufstiegszählungen in den Fischpässen von Kembs und Birsfelden (Für Birsfelden gibt es
nur für die Jahre 1993 bis 1995 und 2000 Zählungen. Die Aufstiegszahlen in Kembs und in Birsfelden wur-
den mit unterschiedlichen Methoden erfasst (siehe Text)). Die Abbildung zeigt, dass der in Kembs festge-
stellte Rückgang der Aufstiegszahlen (1993 auf 1994) ca. ein Jahr früher als in Birsfelden auftrat. Ähnli-
ches konnte 1999/2000 nicht beobachtet werden. Daten für Kembs: Conseil Supérieure de la Pêche, Metz.
1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000
Kembs
Birsfelden
0
500
1000
1500
2000
2500
3000
3500
Anzahl
Aufstiegszählungen in Kembs und Birsfelden
Anzahl
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
45
Folgerung: In Birsfelden aufsteigende Aale ab etwa 34 cm Länge könnten selbständig vom Meer
aufgestiegen sein. Die meisten der im Jahr 2000 in Birsfelden gezählten Aale gehörten zu dieser
Längenklasse.
Ein grosser Teil der wandernden Aale war deutlich über 35 cm lang (Abb. 5.2). Dies stimmt mit der
Beobachtung von Zeh (1993) überein und widerspricht der Ansicht, dass Gelbaale ab einer Länge
von über 30 cm stationär werden (Tesch 1999). Vermutlich wären in diesem Zusammenhang auch
die Geschlechtszugehörigkeit der Aale zu berücksichtigen: die Weibchen wandern weiter in die Flüs-
se hinauf und werden grösser.
Im nördlichen Oberrhein, zwischen Mannheim und Karlsruhe, werden regelmässig Satzaale (16-
20cm, ca. 2 Jahre alt) eingesetzt (Abb. 5.9). Diese wandern in etwa 4 Jahren bis Birsfelden. Im Jahr
2000 musste also ein Teil der 1995-1997 eingesetzten Aale (jeweils um 28'000 Stück) bis Birsfelden
gelangt sein. Sie hatten gegenüber den selbständig heraufgewanderten Aalen einen Vorsprung von
etwa einem Jahr. Bei ihrer Ankunft in Birsfelden waren sie also etwa 6 Jahre alt und 30-42 cm lang.
Folgerung: Die kleineren Aale (30-42 cm) der Gruppe "30-53 cm" könnten aus dem Besatz im
Oberrhein stammen.
Die 1993 und 1994 in Massen in Birsfelden aufgestiegenen kleinen Aale (<15 cm) (Abb. 5.6) muss-
ten 1 bis 2 Jahre alt gewesen sein und von Besatz stammen. Sie konnten aber nicht von den fast 6
Millionen Glasaalen stammen, welche 1989 und 1990 für das Markier- und Wiederfangexperiment
Distanz zur
Küste
Wanderlei-
stung
Distanz
zum vorhe-
rigen Ort
Wander-
dauer
Alter Länge
(Wachstum
4 cm/Jahr)
Haringsvliet
[km]
0
[km/Jahr]
200
[km] [Jahre]
0.0
[S
üsswasser-
jahre] [cm]
7
Länge
(Wachstum
6 cm/Jahr)
[cm]
7
Koblenz
Frankf (N-Oberrh.)
KW Iffezheim
KW Kembs
440
535
200
200
695
850
200
50
440
95
2.2
0.5
160
155
0.8
3.1
2.2
2.7
16
18
3.5
6.6
21
33
20
23
28
46
KW Birsfelden
KW Albbruck-Dogern
KW SH
Bodensee
865
950
50
50
985
1030
50
50
15
85
0.3
1.7
35
45
0.7
0.9
6.9
8.6
34
41
9.3
10.2
44
48
48
58
63
68
Tab. 5.3: Aalwanderung im Rhein unter folgenden Annahmen: Wanderleistung von 200 km/Jahr auf Strek-
ken ohne Hindernisse, 50 km/Jahr auf Strecken mit Schleusen und Fischpässen. Wachstum 4-6 cm/Jahr.
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
46
Abb. 5.8: Aufstiegszählung in Kembs 1999 und 2000: Grössenverteilung. Ein Teil dieser Aale ist wahr-
scheinlich ein Jahr später in Birsfelden aufgestiegen (vergleiche Abb. 5.2). Daten: Conseil Supérieure de
la Pêche Metz.
Aufstiegszählungen in Kembs 1999
0
5
10
15
20
25
30
0 à
5cm
5 à
10cm
10 à
15cm
15 à
20cm
20 à
25cm
25 à
30cm
30 à
35cm
35 à
40cm
40 à
45cm
45 à
50cm
50 à
55cm
55 à
60cm
60 à
65cm
65 à
70cm
70 à
75cm
Anzahl
1999 (N=77) 2000 (N=111)
Abb. 5.9: Aalbesatz im Mittelrhein (Satzaale, 16-20 cm; Daten: Struktur- und Genehmigungsdirektion), im
nördlichen Oberrhein (Farmaale, 13-16 cm) und im südlichen Oberrhein (Glasaale). Daten Oberrhein:
Landwirtschaftsamt Waldshut, Conseil Supérieure de la Pêche Metz, Regierungspräsidium Karlsruhe.
84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96 97 98 99 00
0
50000
100000
150000
200000
250000
Anz. Aale
Zeit
Mittelrhein (Satzaale) nördl. Oberrhein (Satzaale) südl. Oberrhein (frz., Glasaale)
2.6 3 Mio
Rhein-
Abschnitte
Abschnitte:
Anzahl
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
47
von Meunier (1994) im Oberrhein zwischen Karlsruhe und Basel eingesetzt wurden. Wiederfänge
dieser Aale unterhalb von Basel waren 1992 schon zwischen 22 und 34 cm lang, also schon deutlich
grösser als die 1993 und 1994 in Massen aufgestiegenen Aale. Nach 1990 wurden im Oberrhein offi-
ziell keine so kleine Aale mehr eingesetzt.
Folgerung: Die vielen kleinen 1993 und 1994 in Birsfelden aufgestiegenen Aale müssen einem nicht
deklarierten Besatz im Oberrhein entstammen.
Die im Jahr 2000 in Birsfelden gezählten Aale dürften drei verschiedene Ursprünge haben:
Der grösste Anteil (>34 cm) war selbständig vom Meer heraufgewandert. Ein kleinerer Teil (30-
36 cm) stammte vermutlich vom Besatz im Oberrhein und die kleinen Aale (25 cm) stammten
von einem nicht deklarierten Besatz im Oberrhein.
Weitere Überlegungen und Beobachtungen zur Einwanderung der Aale:
Die Wanderaktivität der Aale im Jahr 2000 deckt sich gut mit den Ergebnissen der Aufstiegszählung
von Birsfelden im Jahr 1995 (Gerster 1998): auch damals gab es Anfang Juni und Anfang August je
ein Maximum. Ein Zusammenhang zwischen Aalaufstieg und Temperatur im Jahre 2000 war insofern
gegeben, als die Maxima am 8.6. und 8.8. während einer Erwärmung nach einer Temperaturabnah-
me auftraten (Anhang H). Für statistisch gesicherte Aussagen reicht jedoch die Anzahl Beobachtun-
gen nicht aus. Nach Sörensen (1950) wandern die Aale bei Temperaturen ab ca. 15 °C, was mit den
Beobachtungen in Birsfelden übereinstimmt.
Ein Zusammenhang zwischen der Anzahl aufsteigender Aale und der Wasserführung war nicht zu
erkennen (Anhang I).
Im 85 km oberhalb Birsfelden gelegenen Albbruck-Dogern wurden im Jahr 1995 zwischen dem 17.
April und dem 21. Oktober ausserordentlich viele Aale gezählt (8971 Stück; Gerster 1998). Am mei-
sten Aale wurden am 12. Juli (2250 Stück) sowie am 24. Juli (820 Stück) gezählt. Es könnten die
starken Jahrgänge 1993 und 1994 von Birsfelden gewesen sein, welche 1995 Albbruck-Dogern er-
reichten. Für die 85 km Wanderstrecke mit 5 Fischpässen brauchten die Aale etwa 1 bis 2 Jahre und
waren dann über 40 cm lang. Damit waren sie gross genug, um nicht mehr aus der Reuse des Kraft-
werkes (beim Maschinenhaus), die eine Maschenweite von 15 mm aufweist, entweichen zu können.
In den Fischtreppen zwischen Birsfelden und Albbruck-Dogern wurden nur wenige Aale gefangen.
Dies lässt sich durch die grossen Maschenweiten der dort eingesetzten Reusen erklären (Tab. 5.1),
welche die Aale nicht zurückhielten.
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
48
5.5. Schlussfolgerungen und offene Fragen
Die Mehrzahl der im Jahr 2000 beim Kraftwerk Birsfelden aufgestiegenen Aale könnte angesichts ih-
rer Länge selbständig vom Meer heraufgewandert sein. Werden nur die regelmässigen Einsätze (we-
nige 10'000 Aale) im nördlichen Oberrhein getätigt, so kommt es zu den "geringen" Aufstiegszahlen
wie 1995 oder 2000. Werden im Oberrhein Hunderttausende oder Millionen von kleinen Aalen einge-
setzt, kommt es in Birsfelden zum Massenaufstieg von kleinen Aalen (25 cm), wie er z. B. 1993 und
1994 festgestellt wurde.
Es gibt keine Aufstiegszahlen für die natürliche Aalaufwanderung aus Zeiten, bevor der Mensch den
Aalbestand durch verschiedene Eingriffe störte. Deshalb müsste anhand eines Populationsmodells
ermittelt werden, wie viele Aale in den Hochrhein einwandern müssten, um einen angemessenen Be-
stand zu erhalten. Dazu ist die Kenntnis folgender Faktoren nötig: Standortgemässe Aaldichte, Mor-
talität (durch Räuber, Befischung, Krankheiten, Turbinen), Aufenthaltsdauer und Zeitpunkt der Ab-
wanderung (siehe Kapitel "Bestand"). Es ist nicht möglich, auch den marinen Teil des Lebenszyklus
einzubeziehen. Dazu sind die Fortpflanzungsverhältnisse des Aals noch zu wenig bekannt.
Für die nächste Zukunft erscheint es angebracht, die Aal-Einwanderung und den Bestand im Hoch-
rhein – unter Berücksichtigung des Besatzes rheinabwärts – im Auge zu behalten und bei Bedarf
stützend einzugreifen.
Offene Fragen:
Wie sieht der langjährige Trend der Einwanderung in den Hochrhein aus? Sind Schutzmass-
nahmen notwendig? Wo liegt die Alarmschwelle für solche Massnahmen? Für eine Erfassung
der Einwanderungszahlen genügt es, bei den Aufstiegszählungen der Aale nur jene zu berücksichti-
gen, welche selbständig vom Meer heraufgewandert sein könnten. Gemäss heutiger Erkenntnisse
sind dies Aale ab ca. 35 cm Länge. Dazu sind die Fanggeräte oder Absperrungen mit einer geeigne-
ten Maschen- bzw. Lochweite zu versehen. Als Alternative könnte im Fischpass eine Videoüberwa-
chung installiert werden. Damit könnte die Beobachtung von Zeh (1993) verifiziert werden, dass Aale
auch am Tag wandern.
Wie viele Aale wandern durch die Schleuse von Birsfelden? Die Breite der Schleuse und das
meist trübe Wasser erschweren die Überwachung der Aalaufstiege mittels Unterwasser-Video. Es
müsste in Zusammenarbeit mit dem Schleusenbetreiber nach einer geeigneten Methode gesucht
werden.
Wie viele Aale wandern in die Birs? Bei der Birsmündung unterhalb des KW Birsfelden steht keine
Stauanlage, die eine Zählung der aufsteigenden Aale in einer Fischtreppe oder Schleuse erlauben
würde. Hier müsste ebenfalls nach einer geeigneten Methode zur Erfassung der einwandernden
Aale gesucht werden.
Wie lange braucht ein durchschnittlicher Aal für die Wanderung vom Meer bis Iffezheim (ohne
Hindernisse) und von Iffezheim bis nach Birsfelden (mit Schleusen und Fischpässen)? Wie
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
49
gross ist die Zuwachsrate während des Aufstiegs? Zur Beantwortung dieser Frage könnten
Fang-Wiederfang versuche durchgeführt werden, bei denen die gefangenen Aale markiert werden
(Glasaale mit Fluorescin, grössere Aale mit einem individuellen Muster aus Alcyan-Blau). Allerdings
wäre eine solche Methode sehr aufwändig.
Wie durchgängig ist der Hochrhein für die Aale? Wie ist die Durchgängigkeit bei Rheinau und
am Rheinfall? Qualitative Untersuchungen könnten zeigen, ob Aale den Hochrhein in grösseren An-
zahlen durchwandern können. Dazu müssten ebenfalls in grösserem Rahmen Fang-Wiederfangun-
tersuchungen mit individuellen Markierungen durchgeführt werden.
Welche Aalbestände weist das Einzugsgebiete der Aare auf?
5.6. Zusammenfassung
Das Ziel der Untersuchungen war, die Anzahl aufsteigender Aale im Jahr 2000 in den Hochrhein zu
schätzen und Aussagen über deren Herkunft machen zu können. Zur Erfassung auch der kleinen
Aale war die bestehende Reuse im Fischpass des Kraftwerks Birsfelden wegen zu grosser Maschen-
weite nicht geeignet. Durch die Absperrung des Fischpasses mit 6 mm-Lochblechen konnten alle
Aale >15 cm, aber auch noch ein Teil der kleineren, erfasst werden. Nicht erfasst wurden Aale, wel-
che die Schiffschleusen am gegenüberliegenden Rheinufer passierten und diejenigen, welche in die
Birs einwanderten.
An 8 von 10 Zähltagen wurden im Fischpass Birsfelden 264 Aale gefangen, die sich auf drei gut ab-
grenzbare Längenklassen verteilten:
kleine: 8.3 cm bis 25 cm (Mittelwert 18 cm, N=45)
mittlere: 30 cm bis 53 cm (Mittelwert 40 cm, N=215),
grosse: ca. 55-110 cm (N=4).
Die Extrapolation der Anzahl gefangener Aale auf die geschätzten 191 Tage der Wanderperiode er-
gibt für den Fischpass eine Grössenordnung von 3'500 aufgestiegenen Aalen. Unter der Annahme,
dass an beiden Ufern etwa gleich viele Tiere aufsteigen, ergibt unsere Schätzung für das Jahr 2000
insgesamt etwa 7'000 Aale. Die Fangeinrichtung wurde jeweils etwa zwischen 16 Uhr und 10 Uhr be-
trieben. Deshalb wurde ein Teil der allfällig am Tag wandernden Aale nicht erfasst. Die tatsächliche
Anzahl aufgestiegener Aale dürfte deshalb etwas höher liegen.
Ein Mehrjahresvergleich der Aalaufstiegszahlen zeigte, dass die Einwanderung der Aale in den
Hochrhein von 1994 zu 1995 deutlich abgenommen hatte. Die Abnahme ist auf das Ausbleiben von
massivem Besatz im Oberrhein zurückzuführen.
Eine Schätzung der Wanderleistung und des Alters der gefangenen Tiere lässt vermuten, dass die
Aale der individuenstärksten mittleren Längenklasse selbständig vom Meer heraufgewandert sind.
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
50
Der regelmässige Besatz von wenigen 10'000 Aalen im Oberrhein dürfte nur einen kleinen Anteil der
einwandernden Aale im Hochrhein ausmachen. Diese Aussagen sind jedoch mit Unsicherheiten be-
haftet, weil die Wanderleistungen und das Wachstum der Aale im Rhein ungenügend bekannt sind.
Die Massen von kleinen Aalen (<15 cm), welche in den Jahren 1993 und 1994 in Birsfelden aufge-
stiegenen waren, konnten auf keinen registrierten Besatz zurückgeführt werden und mussten also ei-
nem nicht deklarierten Besatz im Oberrhein entstammen. Desgleichen ist die Herkunft der kleinsten
im Jahr 2000 aufgestiegenen Längenklasse (25 cm) nur mit einem nicht deklariertem Besatz unter-
halb des KW Birsfelden zu erklären.
Die Ergebnisse der Aufstiegszählungen in Kembs decken sich etwa mit denjenigen in Birsfelden.
Einwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
51
6. Abwanderung aus dem Hochrhein
6.1. Einleitung
Mit einer Länge von ungefähr 50-70 cm entwickeln sich die Aale im Hochrhein zu Blankaalen (Kap.
4.3.4.), die sich im Herbst flussabwärts auf den Weg zu ihren Laichgründen im Meer machen. Es
handelt sich dabei vorwiegend um Weibchen. Die Männchen steigen nicht so weit in die Flüsse auf
und leben in Küstennähe oder im Brackwasser (Tesch 1999). Die Blankaale lassen sich meist mit der
Strömung treiben und geraten so zwangsläufig in die Turbinen der Kraftwerke. Ein bestimmter Pro-
zentsatz der Aale wird dabei durch die Turbinenlaufräder tödlich verletzt. Taucher beobachteten zum
Beispiel unterhalb des Kraftwerks Rheinau immer wieder tote Aale, welche sich in untergetauchtem
Geäst verfingen. Im Stau Reckingen wurden zumindest bis vor wenigen Jahren regelmässig zerhack-
te Aale beobachtet (pers. Mitt. W. Dönni). Das Personal des Kraftwerks Augst berichtete, dass sie
immer wieder tote Aale aus den Rechen des Kraftwerks bergen. Diese wurden vermutlich im rhein-
aufwärts gelegenen Kraftwerk Rheinfelden getötet. Auch unterhalb vom Kraftwerk Albbruck-Dogern
wurden zerschnittene tote Aale gefunden (pers. Mitt. H. Handschin).
Die Überlebenswahrscheinlichkeit in den Turbinen hängt einerseits von der Körperlänge der Fische
ab: je länger der Fisch, desto grösser das Risiko, dass er verletzt oder getötet wird. Andererseits hat
die Grösse und der Typ des Turbinenlaufrads einen wichtigen Einfluss auf die Fischmortalität in der
Turbine. Da es sich beim abwandernden Aal um einen grossen, langgestreckten Fisch handelt, ist er
im Vergleich mit anderen Arten besonders stark gefährdet. Larinier (1999) schätzt die Mortalität in
Turbinen für Aale etwa 4 bis 5 mal höher als für Salmoniden.
Das Ziel der Untersuchungen war, die Abwanderung der Aale für den Hochrhein zu schätzen. We-
gen zu aufwändiger Methodik können absteigende Aale nicht direkt gezählt werden. Statt dessen
wird die Überlebenswahrscheinlichkeit von abwandernden Blankaalen, in Abhängigkeit von ihrem
Startpunkt, mit Hilfe von mathematischen Formeln geschätzt: Je weiter oben die Reise beginnt, desto
mehr Kraftwerk-Turbinen muss ein Aal durchschwimmen und desto geringer ist die Wahrscheinlich-
keit, dass er lebend Basel oder gar das Meer erreicht. Für die Mortalitätsberechnungen wurde von
der hochgerechneten Bestandesgrösse von Blankaalen im Untersuchungsgebiet (Kap. 4.3.4. und
4.3.6.) ausgegangen und geschätzt, wieviele dieser Tiere die Schweiz lebend verlassen. Dabei müs-
sen weitere Mortalitätsfaktoren, z. B. der Fang, berücksichtigt werden.
Für das Kapitel «Abwanderung» wurde der Hochrhein mit seinen elf Kraftwerken betrachtet. Das wei-
tere Schicksal der Aale unterhalb von Basel wurde nur am Rande mit einbezogen.
Abwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
52
6.2. Methodik
Die Mortalität von Aalen in Kraftwerkturbinen festzustellen, ist in einem grossen Fluss wie dem Rhein
ein sehr aufwändiges und schwieriges Unterfangen. Es wurde daher versucht, die Turbinenmortalität
anhand von Literaturangaben und mittels Berechnungen zu schätzen.
Formeln zur Berechnung der Mortalität lieferten Raben (1957), Montén (1985) und Larinier et al.
(1999). Während Raben bei seinen Formeln vor allem die Länge der Wassersäule berücksichtigt, die
- ohne von den Turbinenblättern zerschnitten zu werden - durch eine Turbine fliesst, legen Montén
und Larinier grösseres Gewicht auf den Abstand zwischen den Turbinenblättern und die Höhe des
Gefälles. Alle Autoren beziehen die Körperlänge der Fische in die Berechnungen mit ein. Raben be-
rücksichtigt mehr technische Turbinenparameter als die andern Autoren. Daher dürften seine For-
meln die Charakteristik einer Turbine am besten widerspiegeln. Raben unterscheidet ausserdem zwi-
schen leichten Verletzungen, die der Fisch überlebt, und schweren Verletzungen, die mit hoher
Wahrscheinlichkeit zum Tod führen. Vor allem auf Grund dieser Unterscheidung errechnen seine
Formeln generell tiefere Mortalitätsraten als die der andern beiden Autoren. Eine allfällige Überschät-
zung der Mortalität wäre bei Raben also am geringsten. Aus diesen Gründen wurden die folgenden
Berechnungen mit seinen Formeln durchgeführt.
Die Formel von Raben (1957) zur Berechnung der Fischmortalität (M) in Kaplan-Turbinen lautet:
Die Formel von Raben (1957) zur Berechnung der Fischmortalität (M) in Francis-Turbinen lautet:
TL: Totallänge des Fisches (mm) e: Laufraddurchmesser (m)
α: Anstellwinkel der Laufradschaufeln h: Durchmesser des grossen Laufradrings (m)
b: Anzahl Schaufeln an der Turbine g: Durchmesser des kleinen Laufradrings (m)
c: Umdrehungszahl (u/min) l: Länge der Schaufelkanten (m)
d: Durchflussmenge (m3/sec)
Es wurde eine einheitliche Länge der Aale von 60 cm angenommen, was etwas unter dem Durch-
schnitt von knapp 70 cm der im Rahmen dieser Untersuchung gefangenen Blankaale liegt (Kap.
4.3.4.). Damit werden die Mortalitäten eher unterschätzt. Die technischen Daten der Turbinen aller
Hochrheinkraftwerke wurden per Umfrage erhoben (Anhang K).
M=TL c b c⋅π⋅ ⋅ ⋅
⋅−
⋅⋅
os
d
e
c
α
πα
240
649 8
2
2
.
cos
M = TL c b c i
120 d (h - g) h-
2
×⋅⋅
⋅⋅ ⋅⋅
πα
πα
os
c
649 8 2
.
cos
Abwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
53
6.3. Resultate
Den Berechnungen zufolge liegt die Mortalität von Aalen in den Kraftwerken am Hochrhein mit Ka-
plan oder Rohrturbinen bei etwa 20%. In Kraftwerken, die ausschliesslich (KW Eglisau) oder teilwei-
se (Rheinfelden, Augst-Wyhlen) mit Francis-Turbinen betrieben werden, ist die Mortalität jedoch we-
sentlich höher (Abb. 6.1). Die geschätzten Mortalitäten in den 11 Kraftwerken liegen zwischen 16
und 86% und im Durchschnitt bei 34% (Tab. 6.1).
Es interessiert nun die Frage, wie viele der abwandernden Aale die Schweiz jährlich lebend verlas-
sen und wie hoch der Anteil der getöteten Aale insgesamt ist. Dazu wurde mit dem folgenden Szena-
rio gerechnet: Man denke sich eine Anzahl Blankaale, welche vom Bodensee rheinabwärts wandert,
wobei alle Aale den Rheinfall lebend überstehen würden. Bei jedem Kraftwerk, das die Aale nun pas-
sieren, wird der jeweils berechnete Prozentsatz getöteter Aale berücksichtigt. Bereits nach dem
Kraftwerk Eglisau mit den für Aale besonders ungünstigen Francis-Turbinen lebten demnach nur
noch 8 von 100 ursprünglich abgewanderten Aalen und im Kraftwerk Rheinfelden würde der letzte
Aal getötet. Bei 1000 abwandernden Aalen würden noch 4 (0.4%) lebend bei Basel ankommen. In je-
der der insgesamt elf Staustufen gesellen sich aber auch neue Blankaale aus dem Stauraum jedes
Kraftwerks selbst und aus den kleinen Zuflüssen zu den unversehrt durch die Turbinen gelangten
Tieren hinzu. Die Zahlen für die Blankaale aus den Staustufen stammen aus den Schätzungen in Ka-
pitel 4.3.4. und 4.3.6. Es wurde mit einer minimalen, einer mittleren und einer maximalen Schätzung
gerechnet. Für den Bodensee und den Aarezufluss wurden grob geschätzte Zahlen von Blankaalen
angenommen (Anhang L).
Geschätzte Mortalität pro Kraftwerk
0%
20%
40%
60%
80%
100%
Schaffhausen
Rheinau
Eglisau
Reckingen
Albbruck-D.
Laufenburg
Säckingen
Ryburg-Sch.
Rheinfelden
Augst-W
Birsfelden
Mortalität
Abb. 6.1: Berechnete Mortalitäten für Aale von 60 cm Totallänge in den Kraftwerken des Hochrheins.
Abwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
54
Unter den beschriebenen Voraussetzungen erreichen bei einer Maximalschätzung von total etwa
93‘000 jährlich aus der Schweiz abwandernden Aalen (62'000 aus den Staustufen, 31‘000 aus Bo-
densee und Aare) noch etwa 7200 (8%, ohne Aale aus der Birs) die Grenze bei Basel. Bei der mittle-
ren Schätzung erreichen von total etwa 42‘240 Blankaalen noch 3'076 (7%, ohne Birs) die Grenze
(Abb. 6.2). Bei der Minimalschätzung kommen von ca. 14‘000 Aalen noch 1026 (7%) lebend bei Ba-
sel an.
In Basel sind sie jedoch noch lange nicht am Ziel: Im Oberrhein müssen sie nochmals 10 Kraftwerke
überwinden (Anhang G). Nimmt man für diese eine mittlere Mortalität von 20% an, so erreichen von
denjenigen aus dem Hochrhein noch zwischen 98 und 695 Aale (etwa 1% aller aus der Schweiz ab-
gewanderten Aale) den Mittelrhein. Berücksichtigt man auch die weiteren Gefahren, denen die Blan-
kaale auf ihrer Reise rheinabwärts ausgesetzt sind (z.B. Fischerei), so muss man davon ausgehen,
dass unter den Randbedingungen des obigen Szenarios kaum ein Blankaal aus dem Hochrhein das
Meer lebend erreichen wird.
6.4. Diskussion
Die oben ausgeführten Berechnungen wurden bewusst konservativ gehalten. Dennoch muss eine
massive Dezimierung von mindestens 90% aller abwandernden Blankaale in den Rheinkraftwerken
angenommen werden.
Wegen seiner grossen Körperlänge ist der Aal in den Turbinen den Schlägen der Laufradkanten sehr
stark ausgesetzt. Wegen seiner schlanken Form passiert er auch problemlos die Rechen der Kraft-
werke und wird daher nicht gezwungen, andere Wege, z. B. Schiffschleusen, zu suchen. Da wan-
dernde Aale grundsätzlich der stärksten Strömung folgen, muss angenommen werden, dass fast alle
Aale in die Turbinen der Kraftwerke gelangen. Die von Hässig (2000) zurückgewiesene Forderung
nach Rechen mit kleineren Stababständen könnte eine für den Aal durchaus günstige Massnahme
sein - kombiniert mit einem Bypass neben dem Turbinenhaus.
Tab. 6.1: Zusammengefasste Schätzungen für die Mortalität abwandernder Blankaale im Hochrhein für
die maximalen und minimalen Schätzungen für die abwandernden Blankaale.
Parameter Häufigkeit
Anzahl Aale aus der Schweiz (mit angenommenen Anzahlen für Bodensee und
Aare)
[Stk]
13'968 - 92'961
[%]
100%
Annahme für Bodensee und Aare: 1/3 der aus dem Hochrhein abwandernden
Blankaale
Anzahl getötete Aale im Hochrhein
Anzahl überlebende Blankaale bei Basel
Mittlere Mortalität für Blankaale in den Hochreinkraftwerken
4'656 - 30'987
12'942 - 85'757
33.3%
93%
1'026 - 7'204
-
7%
34%
Abwanderung Mitt. zur Fischerei Nr. 69
55
Blankaale wandern von Mitte August bis Mitte Oktober aus den Flüssen und Seen ab (Tesch, 1999).
In dieser Zeit weist der Rhein nur sehr selten einen Pegel auf, der zu einem Überfall an den Stau-
wehren führt. Diese Abstiegsmöglichkeit ist dem Aal also verwehrt. Es bleibt ihm, wie auch den mei-
sten anderen Fischarten, heute kaum ein anderer Weg, als durch die Turbinen abzusteigen. Am be-
sten gelingt ihm das noch bei grossen, langsam drehenden Turbinen.
Zwei Untersuchungen über die Mortalitäten beim Amerikanischen Aal A. rostrata in kanadischen
Kraftwerken zeigen – mit Ausnahme der unerwartet niedrigen Mortalität bei einer Francis-Turbine –
wie im Rhein Mortalitäten zwischen 20 und 30%:
St. Lawrence River, St. Lawrence-FDR Project, New York Power Authority. Mortalität: Kaplan Tur-
bine 26.5%. Pers. Mitt. Kevin J. McGrath, White Plains, Canada.
Bodensee
Schaffhausen
Rheinau
Eglisau
Reckingen
Aare
Albbruck-D.
Laufenburg
Säckingen
Ryburg-Sch.
Rheinfelden
Augst-W
Birsfelden
Blankaale aus Stauraum
überlebende Blankaale
getötete Blankaale kumul.
0
5'000
10'000
15'000
20'000
25'000
30'000
35'000
40'000
Blankaale aus Stauraum
überlebende Blankaale
getötete Blankaale kumul.
Anzahl
Blankaale
93%
Mortalitäten abwandernder Blankaale im Hochrhein geschätzt nach Raben (1957)
Abb. 6.2: Mortalitäten abwandernder Blankaale im Hochrhein geschätzt nach Raben (1957).
Die vorderste Säulenreihe zeigt die Anzahl neu dazukommender Blankaale vor dem Kraftwerk, die beiden hinte-
ren zeigen die überlebenden und die getöteten (kumuliert) nach dem jeweiligen Kraftwerk an. Das Diagramm be-
ruht auf einer mittleren (28'160 Stk) Schätzung des Blankaalbestandes für die Staustufen (Kap. 4.3.2. und 4.3.4.).