ArticlePDF Available

Achtsamkeit ist mehr als ein wirksames Mittel gegen Stress

Authors:

Abstract

Seit mehr als dreissig Jahren zeigt eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Studien auf immer zuverlässigere Art, dass wir Stress wirksam begegnen können mit Achtsamkeit. Die Wirkung der Achtsamkeit beruht auch darauf, dass sie uns hilft, unsere Ohnmacht an den Stellen einzugestehen, wo wir tatsächlich nichts verändern können.
Achtsamkeit ist mehr als ein wirksames Mittel
gegen Stress
Seit mehr als dreissig Jahren zeigt eine wachsende Zahl von wissenschaftlichen Studien auf immer zuverlässi-
gere Art, dass wir Stress wirksam begegnen können mit Achtsamkeit. Die Wirkung der Achtsamkeit beruht auch
darauf, dass sie uns hilft, unsere Ohnmacht an den Stellen einzugestehen, wo wir tatsächlich nichts verändern
können. Alexander Hunziker
I FOKUS
Prof. Dr. Alexander Hunziker
unterrichtet neben diversen Ma-
nagementthemen auch Glücksöko-
nomie und entwickelt zurzeit einen
Fachkurs in <Mindful Leadership, an
der Berner Fachhochschule. Freibe-
ruflich arbeitet er als MBSR-Lehrer.
Alexander.hunziker@bfh.ch
FOKUS I
Sobald wir ein Ziel haben, sind
wir ja schon wieder am urteílen
und sind unweigerlich daran, die
Welt in Erfolg und Misserfolg zu
unterteilen. Die Aufgabe ist nur,
es zu versuchen und zu beobach.
ten, was dabei pass¡ert, ohne zu
urteilen.
Foto: pixabay
Literatur
Kabat-Zinn, J. (2007), Gesund durch
Meditat¡on. 4. Auflage. Frankfurt am
Main: Fischer.
Seligman, M. (2005). Der
GlückrFaktor, Warum optimisten
länger leben. Köln: Bastei Lübbe,
fn den 1980er Jahren hat Jon Kabat-Zinn in den
IUSA Schmerzpatienten das Meditieren beigebracht,
denen die Schulmedizin nicht weiterhelfen konnte.
Er hatte damit überraschende Erfolge. Daraus hat er
MBSR entwickelt. Diese vier Buchstaben stehen für
"Mindfulness Based Stress Reduction" (dt.: Stress-
reduktion durch Achtsamkeit) und bezeichnen ein
standardisiertes Trainingsprogramm, das mittlerweile
in zahlreichen klinischen Studien wissenschaftlich un-
tersucht worden ist. Es gilt heute als gesichert, dass
MBSR eine wirksame Methode ist, um ein breites
Spektrum von psychischen Problemen bei psychisch
oder körperlich erkrankten Menschen entscheidend
zu lindern. Das Spektrum umfasst Angst, Depression,
Burn-out, Stress, mangelnde Selbstfürsorge, aber auch
chronische Schmerzen, Borderline, Trauma sowie
psychische Probleme bei schweren Krankheiten wie
Krebs und HlV-Infektion. Ebenso gesichert isr, dass
auch gesunde Menschen enorm von diesem Programm
profitieren, wenn sie unter Stress und den entspre-
chenden Begleiterscheinungen leiden. So lassen sich
bei den Teilnehmenden etwa niedrigerer Blutdruck
und eine geringere Ausschüttung des Stresshormons
Cortisol nachweisen.
ACHTSAMKEIT IST EINFACH, ABER NICHT LEICHT
Achtsamkeit ist die Zuwendung zum aktuellen
Moment, ohne zu urteilen. Es ist für viele kaum zu
glauben, dass etwas so Einfaches eine so dramatische
positive'llirkung haben soll. Wer sich daran macht,
sich mit Achtsamkeit zu beschäftigen, macht mitun-
ter Erfahrungen wie diese:
r Ich bin eigentlich dauernd daran, zu denken. In
meinem Kopf spricht immer jemand.
r Ich kann diese Stimme nicht abschalten. Jeden-
falls nicht fûr zwei Minuten und schon gar nicht
für eine ganze Stunde.
I Es ist gar nicht einfach, nicht zu urteilen. 'Wenn ich
ehrlich bin, muss ich zugeben, dass ich sehr, sehr
schnell urteile. So schnell, dass ich es kaum merke.
r Es gelingt mir nicht, Dinge, die ich nicht mag,
nicht zu \Merten.
r Es gelingt mir aber auch nicht, Dinge, die ich
mag, nicht zu beurteilen.
Klingt das für Sie jetzt etwas frusrrierend? -Wenn
ja, ist das normal. Und es würde bedeuten, dass
Sie diesen Text nicht mit einer achtsamen Haltung
gelesen, sondern beim Lesen geurteilt haben.
'S7äre es denn möglich, es nicht schlecht zu finden,
dass es mir misslingt, Dinge, die ich mag, nichr zu
beurteilen? Sondern vielleicht einfach interessant?
'SØäre es möglich, dass diese Beobachtungen meine
Neugierde wecken und mich dazu bringen, genauer
hinzuschauen, wie dieser Prozess des Misslingens
funktioniert? -'Slenn Sie sich diese Fragen srellen,
dann sind Sie bereits unterwegs zur Achtsamkeit.
Und was Sie dann entdecken können, ist vielleicht
Folgendes: Es ist oft schwierig, nicht zu urteilen,
denn die Urteile sind längst gefallt. \íenn ich fest-
stelle, dass mir etwas nicht gelingt, hatte ich bereits
uorher eine Vorstellung von Erfolg und Misserfolg.
Erst diese Vorstellung ermöglicht mir festzustellen,
ob etwas als Erfolg oder Misserfolg zu deuten ist.
Das hat zwar Vorteile, macht meinen Blick auf die
Sache aber auch extrem einseitig.'Was sonst noch in-
teressant und bemerkenswert wäre, nehme ich nicht
wahr. Und ich merke nicht einmal, wie viel ich dabei
verpasse. rùfenn ich lerne, diese Vorstellungen los-
zulassen, nehme ich viele Situationen fundamental
anders wahr.
Damit wir uns gut verstehen: Das Denken in
Erfolg und Misserfolg ist nicht schlecht. !7ir ha-
ben es jahrelang eingeübt und es hilft uns, das gut
und professionell zu tun, was wir eben tun. Es hat
einfach bestimmte Folgen, die uns nicht immer zu-
träglich sind. Und wenn wir es nicht schaffen, nicht
zu urteilen, können wir auch nicht wählen, sondern
bleiben die Sklaven unseres Urteilsvermögens. Man
kann nicht einfach einen Text wie diesen hier lesen,
und man beherrscht Achtsamkeit schon.
TRAINIEREN, ÜBEN, PRAKTIZIEREN DCT MBSR-
Kurs dauert acht 'Síochen. 'SØöchentlich erhalten
die Kursteilnehmenden Übungen, die täglich selbst-
ständig auszuführen sind, und wöchentlich treffen
sie sich, um unter lebendiger Anleitung zu üben
und um ihre Erfahrungen auszutauschen und zu
reflektieren. Dazu kommt gegen Ende des Kurses ein
ganzerTag, der der Achtsamkeit gewidmet ist. Dieser
Kursaufbau hat sich bewährt, weil die Teilnehmen-
den lernen sollen, eine ungewohnte Geisteshaltung
einzunehmen. Dies benötigt mehrere Schlaufen von
Selbstbeobachtung und Reflexion sowie Austausch
und Feedback. Schritt für Schritt fangen wir an zu
erkennen, was wirklich gemeint ist mit Achtsamkeit,
was es wirklich bedeutet, wenn wir Achtsamkeit
praktizieren.
ACHTSAMKEIT IST NICHT ENTSPANNUNG Immer
wieder berichten Teilnehmende, dass eine Achtsam-
keitsübung bei ihnen "nicht funktioniert haber, weil
sie geistig abwesend waren, weil sie an etwas anderes
gedacht haben, statt präsent zu sein, dass sie sich
nicht entspannen konnten. Dies ist wohl eines der
häufigsten Missverständnisse. Obwohl wir in den
Achtsamkeitsübungen versuchen, uns dem aktuellen
Moment zuzuwenden, ohne zu urteilen, ist es nicht das
Ziel, dieses zu tun. Obwohl sich Entspannung meisr
einstellt, wenn wir achtsam sind, ist es nicht dasZiel,
sich zu entspannen. Sobald wir ein Ziel haben, sind
wir ja schon wieder am urteilen und sind unweigerlich
daran, die'Welt in Erfolg und Misserfolg zu unterteilen.
Die Aufgabe ist nur, es zu versuchen und zu beobach-
ten, was dabei passiert, ohne zu urteilen. - Vielleicht
können Sie sich jetzt vorstellen, dass die Anleitungen
ziemlich unspektakulär und doch auf fundamentale
Art neuartig sind. Vielleicht können Sie so erahnen,
dass Teilnehmende an einem Achtsamkeitskurs an
sich selbst Dinge erleben, die sie sich vorher kaum
vorstellen konnten. Sie können vielleicht auch nach-
vollziehen, warum ich denke, dass sich Achtsamkeit
nicht durch das Lesen eines Textes (diesen Text hier
eingeschlossen) wirklich verstehen lässt, sondern nur
in einer lebendigen Auseinandersetzung lernbar ist.
EINE VERÄNDERUNG ERKENNEN AChtSAM ZU
sein bedeutet also, von bekannten Vorstellungen
loszulassen. Dieses Loslassen geht zwar nur zöger-
lich und schrittweise vonstatten, es ist aber auch
' sehr befreiend. Kursteilnehmende beschreiben die
Veränderungen, die sie erleben so:
. Ich habe den Eindruck, ich bin geduldiger mit
anderen Menschen, weniger beuertend oder
abutertend.
I Nicht mehr - oder zumindest ein bisschen wenï
ger - uertend durch die Welt zu geben, høt micb
und meinen Alltag uerändert. Es þann ounuoll-
kommen, sein und ist trotzdem gut, ueil icb
dem begegne, wds kommt, und es so annehme,
wxe es ßt.
a Ein þonþretes Erlebnis: Eine Kollegin þommt in
mein Bùro und stelb rnir eine Frage - ich schaue
sie an und løsse mir Zeit für die Anhuort.
DANK OHNMACHT ZUR MACHT In unserer Ge-
sellschaft gilt es als selbstverständlich, dass wir
Zielehaben und dass wir sie erreichen wollen. Hier
liegt eine tiefe lùfleisheit, die gerade von Menschen,
die unter diesem Leistungsanspruch leiden, nicht
verstanden wird. Studien aus der Glücksforschung
zeigen nämlich, dass wir aus Zielen, die wir uns
setzen, Sinn schöpfen und dass wir so unser Leben
lebenswerter machen können. Entscheidend dabei ist
aber, dass wir uns unsere eigenen Ziele setzen. Dass
wir die gesellschaftlichen Denkraster von Erfolg und
Misserfolg weder automatisch übernehmen noch
automatisch ablehnen. Jede ernsthafte persönliche
Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen \Øerten
führt zur Einsicht, dass man unfahig ist, alle Anfor-
derungen zu erfüllen, die an einen gestellt werden.
Das muss man erst mal aushalten und verdauen
können, ohne in eine Ablehnungshaltung zu rut-
schen. 'Wer die eigene Ohnmacht anschauen kann,
ohne sie zu beurteilen, kann sie als das erkennen,
was sie wirklich ist. Eine Befreiung von scheinbaren
gesellschaftlichen Zwangen ein wunderbarer Fingcr-
zeig, herauszufinden, was wir als wirklich wichtig
erachten, und eine Aufforderung, sich des eigenen
Lebens zu bemächtigen. r
t.
44 NOVAcura 10114 NOVAcura 10114 45
ResearchGate has not been able to resolve any citations for this publication.
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.