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Historische Sprachbewusstseinsanalyse Eine exemplarische Untersuchung der deutschen Grammatikographie des 16. Jahrhunderts

Authors:
  • University of Zurich/Schweizerdeutsches Wörterbuch
Historische
Sprachbewusstseinsanalyse
Eine exemplarische Untersuchung der deutschen Grammatikographie
des 16. Jahrhunderts
DISSERTATION
zur Erlangung des akademischen Grades einer
Doktorin der Philosophie (Dr. phil.)
der
Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt
vorgelegt von
Inga Siegfried
Erfurt 2004
Erstes Gutachten: Herr Professor Dr. W. Schellenberg
Zweites Gutachten: Frau Professor Dr. M. Habermann
Drittes Gutachten: Frau Professor Dr. A. Feine
Tag der Disputation: 19. Mai 2005
Tag der Promotion: 19. Mai 2005
urn:nbn:de:gbv:547-20060101
[http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=nbn:de:gbv:547-200601014]
3
Meiner Familie
Vorbemerkung
Diese Veröffentlichung ist Ergebnis und Abschluss meines Dissertationsprojekts
an der Universität Erfurt. Für die vielfältige Unterstützung, die ich bei meiner
Arbeit an diesem Projekt erhielt, möchte ich mich hier bedanken.
An erster Stelle gilt mein Dank meinem Betreuer Herrn Professor Wilhelm
Schellenberg, der mich von der Konzeption bis zur Fertigstellung des Manuskripts
begleitete und mit seiner konstruktiven Kritik und seinen Ermunterungen
wesentlich zum Gelingen dieser Arbeit beigetragen hat.
Ebenso danke ich Frau Professor M. Habermann, die mir vor allem für den
historischen Teil dieser Arbeit ein wichtiger Gesprächspartner gewesen ist und
meinen Blick für die Traditionslinien in den Grammatiktexten geschärft hat.
Bei den Teilnehmern des sprachwissenschaftlichen Kolloquiums bedanke ich für
das Interesse und die Bereitschaft, sich mit meinem Projekt auseinander zu setzen.
Herrn Professor W.P. Klein danke ich herzlich für entscheidende
Literaturhinweise und wichtige Anregungen.
Die finanzielle Unterstützung durch ein Promotionsstipendium der Thüringer
Graduiertenförderung und durch ein Wiedereinstiegsstipendium im Rahmen des
HWP ermöglichte es mir, mein Forschungsvorhaben konzentriert zu verfolgen
und zu einem guten Abschluss zu bringen.
Meinen Eltern danke ich für die Hilfe und die Geduld, die sie mir während der
Arbeit an diesem Buch entgegengebracht habe.
Ein letzter Dank gilt meinem Lebensgefährten Wolfram Gobsch, ohne ihn und
seine ständige Bereitschaft zum kritischen Gespräch wäre diese Arbeit nicht
beendet worden.
4
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung................................................................................................7
1.1 Gegenstand.........................................................................................12
1.2 Vorgehensweise................................................................................. 13
2 Theoretische Grundlegung....................................................................14
2.1 Der Sprachbewusstseinsbegriff..........................................................15
2.1.1 Forschungsstand..............................................................................15
2.1.1.1 Sprachreflexionsformen und Sprachbewusstsein.........................17
2.1.1.2 “Wissen um Sprache” und “Wissen über Sprache”.....................20
2.1.1.3 Historisch orientierte Forschungsansätze.....................................24
2.1.2 Sprachbewusstsein unter historischem Blickwinkel.......................27
2.1.2.1 Definitionsansatz..........................................................................28
2.1.2.2 Sprachbewusstsein und Sprachreflexion......................................30
2.1.2.3 Graduierbarkeit............................................................................ 32
2.1.2.4 Die Spezifik des historischen Ansatzes....................................... 37
2.1.3 Grammatikographische Texte als Analysegegenstand....................44
2.2 Zusammenfassung..............................................................................51
3 Methodische Grundlegung....................................................................55
3.1 Besonderheiten der Textbezeichnung “Grammatik”..........................55
3.2 Vorgehensweise bei der Analyse....................................................... 58
3.2.1 Grammatikverständnis als Teil des Sprachbewusstseins................59
3.2.1.1 Auswahl der zu analysierenden Sprachreflexionen..................... 60
3.2.1.2 Interpretationsansatz.................................................................... 61
3.2.2 Quellenaufbau und Untersuchungsfokus........................................ 64
3.2.3 Das Analysevorgehen bei den einzelnen Sprachreflexionen.......... 67
5
3.2.3.1 Schlüsselwörter............................................................................ 67
3.2.3.2 Argumentative Strukturen............................................................68
3.2.4 Hilfsmittel....................................................................................... 70
3.3 Quellenauswahl..................................................................................71
3.4 Grenzen der Untersuchung.................................................................73
3.5 Zusammenfassung..............................................................................75
4 Einzelanalysen.......................................................................................77
4.1 Das Grammatikverständnis von Valentin Ickelsamer........................77
4.1.1 Forschungsstand..............................................................................78
4.1.2 Quellenkritische Vorbemerkung.....................................................80
4.1.3 Biographischer Hintergrund............................................................81
4.1.4 Die Elemente des Ickelsamerschen Grammatikverständnisses.......85
4.1.4.1 Verwendungsweise von Grammatik............................................ 86
4.1.4.2 Grammatikdefinition....................................................................92
4.1.4.3 Grammatikkritik...........................................................................93
4.1.4.4 Grammatikographische Abhandlung........................................... 99
4.1.4.5 Terminologie..............................................................................107
4.1.4.6 Sprach- und erkenntnistheoretische Grundlagen........................109
4.1.4.7 Motive und Adressaten der “Teutschen Grammatica”...............122
4.1.5 Zusammenfassung.........................................................................129
4.2 Das Grammatikverständnis von Laurentius Albertus...................... 132
4.2.1 Forschungsstand............................................................................132
4.2.2 Quellenkritische Vorbemerkung...................................................135
4.2.3 Biographischer Hintergrund..........................................................135
4.2.4 Elemente des Grammatikverständnisses von Albertus................. 137
4.2.4.1 Verwendungsweise von Grammatik.......................................... 138
6
4.2.4.2 Sprachtheoretische Grundlagen................................................. 141
4.2.4.3 Motive und Adressaten der “Teutsch Grammatick“..................146
4.2.5 Zusammenfassung.........................................................................154
5 Ergebnisse und Ausblick.....................................................................156
5.1 Das Grammatikverständnis der frühen deutschen Grammatikographen
................................................................................................................156
5.2 Das Potential der historischen Sprachbewusstseinsanalyse für
Sprachwissenschaftsgeschichte und Sprachgeschichte..........................161
Literaturverzeichnis...............................................................................163
7
1 Einleitung
Diese Arbeit verbindet zwei Anliegen miteinander.1 Zum einen soll eine
theoretisch fundierte Methode zur Analyse von Sprachbewusstsein in historischen
Quellen erarbeitet werden. Zum anderen soll das aus dem ersten Schritt
resultierende Analysekonzept exemplarisch auf zwei frühneuzeitliche,
volkssprachlich orientierte Grammatiktexte angewendet und die
Ergebnismöglichkeiten der historischen Sprachbewusstseinsanalyse für die
Historiographie der Sprachwissenschaft überprüft werden.
Damit verbindet sich eine wiederholte Zuwendung zur historischen
Grammatikschreibung der deutschen Sprache. Mittels der
Sprachbewusstseinsanalyse sollen nun wichtige Erkenntnisse über den in den
bisherigen Darstellungen kaum oder nur verkürzt behandelten Zusammenhang
zwischen den historischen Rahmenbedingungen und der Art der
grammatikographischen Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache
gewonnen werden.
Die sprachbewusstseinsorientierte Beschäftigung mit historischen Quellen hat
bereits eine wissenschaftliche Vorgeschichte. Vor allem im Anschluss an die
kommunikativ-pragmatische Wende in der Sprachwissenschaft in den 1960er und
1970er Jahren setzte eine vermehrte Hinwendung zu den Größen ein, die an die
subjektive Sprachwahrnehmung geknüpft sind. Die Pragmatik, die
bekanntermaßen die Perspektive des Subjekts in die Forschung einbezieht und den
Sprachgebrauch des einzelnen Sprachteilnehmers nicht losgelöst von ihm selbst
betrachtet, thematisierte insbesondere die Rolle der Metakommunikation und des
Bewusstseins für die Kommunikationspraxis. Aber auch der Blick über den
“engen Rahmen” der Sprache hinaus auf deren soziale, kulturelle, ideologische,
historische und philosophische Hintergründe gehört zu dem erweiterten
Untersuchungsfeld jener pragmatischen Sprachsicht.
Auch für die bis in die Mitte der 60er Jahre des 20. Jh. überwiegend
systemlinguistisch ausgerichtete Sprachgeschichtsschreibung waren die
subjektiven “Äußerungen über Sprache und Sprachgebrauch [...] als
1 Der vorliegende Text ist nach den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst. Zitate
werden aber immer in der originalen Schreibweise wiedergegeben.
8
Selbstzeugnisse historischer Individuen zunächst ohne allenfalls zu
Illustrationszwecken von Belang”.2 Anknüpfend an die genannte
Wissenschaftsentwicklung wandte sich die Sprachgeschichtsschreibung jedoch
ebenfalls den subjektiven Größen zu, woraus sich in der Folge im Speziellen der
Forschungsansatz der Sprachbewusstseinsgeschichte herausbildete. Diese versteht
sich als Teil einer soziopragmatischen Sprachgeschichtsschreibung und erfasst
besonders “Veränderungen in den kommunikativen Mentalitäten, Einstellungen,
Theorien“3. Bei dieser Betrachtungsweise richtet sich der Blick nicht nur auf das
Reflektieren über die Sprache als System, sondern darüber hinaus auch auf das mit
ihr untrennbar verbundene Weltbild des Textproduzenten. Daraus ergibt sich ein
äußerst komplexes Aufgabenfeld für den Sprachbewusstseinsforscher, da er neben
der einzelnen Quelle auch all jene Diskurse in die Untersuchung einbeziehen
muss, die Aufschluss geben können über die gedankliche und gesellschaftliche
Verortung und die Intentionen des Verfassers. Somit rekonstruiert er stets auch die
Gedankenwelt einer Zeit, indem er den historischen Sprachgebrauch zum
Gegenstand seiner 'archäologischen' Analysen macht und die verschiedenen
argumentativen und semantischen Schichten desselben freilegt. In diesem
Bestreben trifft sich die Sprachbewusstseinsgeschichte in wesentlichen Punkten
mit den derzeitigen Bemühungen um eine Erweiterung der
Sprachgeschichtsschreibung um kulturgeschichtliche und diskurslinguistische
Fragestellungen.4
In den letzten Jahren sind nun zunehmend Publikationen erschienen, die sich vor
allem im Kontext der Analyse von sprachtheoretischen und sprachphilosophischen
Schriften mit der historischen Sicht auf das Phänomen Sprache auseinander
setzten und ihre Untersuchungsergebnisse unter den Oberbegriffen
Sprachreflexion und Sprachbewusstsein zusammenfassten.5 Allerdings ist den
meisten Studien gemein, dass in ihnen die oben genannten Termini vorwiegend
als Sammel- oder Abstraktionsbegriffe für alle in der Untersuchung thematisierten
2 Döring (1999), S. 37.
3 Mattheier (1995), S. 15.
4 Siehe dazu Gardt; Haß-Zumkehr; Roelcke (1999), S. 1. Kultur wird hier verstanden “als ein Netz
von Bedeutungssystemen, anhand dessen sich Menschen die Welt und ihre Situation in ihr deuten
und an dem sie ihr Handeln orientieren.” Ebd.
5 Hierzu zählen z.B. die Arbeiten Andreas Gardts (1994) und Wolf Peter Kleins (1992).
9
metasprachlichen Äußerungen verwendet werden, ohne dass eine entsprechende
theoretische und methodische Klärung der Begriffe geleistet wird.
Auch in den programmatischen Arbeiten zur Sprachbewusstseinsgeschichte bleibt
der Sprachbewusstseinsbegriff meist relativ unbestimmt.6
Wenn es jedoch darum gehen soll, sich mit dem Sprachbewusstsein in
historischen Quellen auseinander zu setzen und aus dieser Beschäftigung neue
Erkenntnisse über den Zusammenhang von geschichtlichen Rahmenbedingungen,
Sprachwahrnehmung und Sprachgebrauch zu gewinnen, gilt es zu klären, wie man
den Begriff des Sprachbewusstseins auch im Blick auf die Besonderheiten
historisch orientierter Analysen fassen und das Sprachbewusstsein anhand der
Quellen erschließen kann.
Es ist daher eine Hauptaufgabe dieser Studie, einen grundlegenden theoretisch-
methodischen Weg für eine historische Sprachbewusstseinsanalyse aufzuzeigen
und ihn anhand ausgewählter historischer Grammatiken der deutschen Sprache
aus dem 16. Jahrhundert zu exemplifizieren. Die historischen
Sprachbewusstseinsanalyse versteht sich daher als Methode der
Sprachbewusstseinsgeschichte.
Der Zugriff auf historische Grammatiken über den Sprachbewusstseinsbegriff
bietet zugleich die Möglichkeit, die wissenschaftliche Analyse dieser Quellen
entscheidend zu erweitern. Denn während bislang Untersuchungen zu den
biographischen sowie gesellschaftsgeschichtlichen Hintergründen und zu den
sprachsystemorientierten Untersuchungen weitestgehend unabhängig voneinander
vorgenommen worden sind7, bzw. Forschung und Darstellung sich vorwiegend auf
letztere konzentrierten, versteht sich dieser Ansatz mit seiner Frage nach dem
Sprachbewusstsein, welches sich in den Quellen zeigt, als Beitrag zu einem tiefer
gehenden Gesamtverständnis der grammatikographischen Texte in ihrem
jeweiligen diskursiven Umfeld.
Die Auswahl historischer Grammatikschriften des Deutschen als
Untersuchungsgegenstand hat zwei Gründe:
6 Eine Ausnahme bilden einzelne Arbeiten zum kollektiven Sprachbewusstsein, wie z.B. die
Arbeiten Brigitte Dörings, und die im letzten Jahr erschienene mentalitätsgeschichtlich orientierte
Studie von Joachim Scharloth. Siehe dazu auch S. 25ff. dieser Dissertation.
7 In den meisten Fällen tragen die Aussagen zum Lebensweg und Bildungshintergrund des
Grammatikographen nur einführenden oder ergänzenden Charakter.
10
Zum einen haben die Bamberger Bemühungen um die Geschichte der deutschen
Grammatikographie, die unter anderem auch in der Herausgabe einer umfassenden
Bibliographie zur Grammatikschreibung des 15. - 17. Jahrhunderts mündeten, das
Augenmerk erneut auf diese historischen Quellen sowie auf entsprechende
Forschungsdesiderata gelenkt und den Bedarf an einer modernen, auf die
Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte bezugnehmenden Abhandlung über die
Geschichte der Grammatikographie herausgestellt. Für den Bereich
epochenübergreifender Darstellungen der Grammatikschreibung wird im
Allgemeinen nur auf die umfassende und nach wie vor unersetzliche zweibändige
“Geschichte der Neuhochdeutschen Grammatik“ von Max Hermann Jellinek
verwiesen, die bereits 1913/14 in Heidelberg veröffentlicht wurde. Es erscheint
aber aufgrund des seitdem angewachsenen Quellenmaterials und neuer
wissenschaftlicher Forschungsergebnisse sehr zu empfehlen, sich diesem
Untersuchungsfeld erneut zuzuwenden. Nun kann es die hier vorliegende Arbeit
hinsichtlich ihrer Orientierung auf die Darlegung eines theoretisch-methodischen
Konzepts und seiner Anwendung auf zwei historische Grammatiken keineswegs
leisten, das angesprochene Desiderat einer modernen Gesamtdarstellung der
Grammatikographiegeschichte zu erfüllen. Jedoch soll in ihr ein Ansatz
vorgestellt werden, mit dessen Hilfe eine differenziertere historiographische
Abhandlung der Grammatikschreibung möglich wird.
Zum anderen handelt es sich aus theoretischer Sicht bei einem
grammatikographischen Text um eine schriftliche und systematische Ausarbeitung
von Sprachreflexionen, die sich mit der Explikation sprachlicher Regularitäten der
deutschen Sprache beschäftigen. Die Erforschung dieser Quellen auf der Basis
einer Untersuchung des Sprachbewusstseins erweist sich schon aus diesem Grund
als lohnenswert, da sich an den Texten aufgrund der umfangreichen Analysebasis
in Form von sprachreflektorischen Passagen sowohl die Grundbedingungen als
auch die Erfolgsaussichten eines auf das Sprachbewusstsein ausgerichteten
Untersuchungsansatzes im besonderen Maß erörtern und exemplifizieren lassen.
Zu den angestrebten Ergebnissen dieser Studie gehört demnach die Erarbeitung
und Bereitstellung eines theoretischen und methodischen Instrumentariums für
Untersuchungen im Bereich der Sprachbewusstseinsgeschichte, welches am
Sprachbewusstseinsbegriff ansetzt und diesen für den Fall historischer Quellen zu
bestimmen und zu beschreiben sucht. Des Weiteren geht es in der konkreten
11
Anwendung dieses Ansatzes auf historische Grammatiktexte des Deutschen auch
um die Bewertung der Fruchtbarkeit der Sprachbewusstseinsanalyse im Hinblick
auf die bisherigen Forschungsergebnisse zu diesen Quellen.
Letztlich – und darin liegt das wissenschaftstheoretische Interesse dieser Arbeit
verbindet sich mit einer derartigen Untersuchung historischer Grammatiken, die
oft als Vorformen der späteren institutionalisierten Sprachwissenschaft betrachtet
werden, außerdem die Frage, welche neuen Einblicke die Ergebnisse einer
sprachbewusstseinsgeschichtlich orientierten Analyse für die
Sprachwissenschaftsgeschichte liefern können, und damit auch, welche Bedeutung
der Sprachbewusstseinsgeschichte im Spannungsfeld von (äußerer)
Sprachgeschichtsschreibung und Historiographie der Sprachwissenschaft
zukommt.
Denn indem sich die hier vorliegende Studie vorrangig mit der Frage beschäftigt,
wie die jeweiligen Äußerungen über Sprache in ihrer Eingebundenheit in die
geistesgeschichtlichen Diskurse zu verstehen sind, leistet sie einen entscheidenden
Schritt hin zu einer stärker kulturgeschichtlich orientierten Darstellung der
Geschichte der Sprachbetrachtung im speziellen Fall grammatikographischer
Texte. Sie sieht diese dabei als Quellen an, die in erster Linie innerhalb des
historischen Kontextes ihrer Zeit zu analysieren sind, welcher eben auch das
jeweilige Verständnis von Sprache prägt. Gerade bei der Frage nach der
Wissenschaftlichkeit früher deutscher grammatikographischer Texte ist es von
besonderem Interesse zu klären, an welcher Stelle des frühneuzeitlichen
Wissenschaftsverständnisses sich die frühe deutsche Grammatikographie einfügt,
um so auch ihr Wesen in einer Epoche angemessener beurteilen zu können, in der
die grammatikographische Beschäftigung mit der deutschen Sprache noch in
keinem festen institutionalisierten Rahmen stattfand.
12
1.1 Gegenstand
Diese Dissertation setzt sich mit dem Problem auseinander, auf welche Art
Sprachbewusstsein unter historischem Blickwinkel analysiert und beschrieben
werden kann und exemplifiziert dies an zwei Grammatiken des Deutschen aus
dem 16. Jahrhundert.
Sie bemüht sich daher in erster Linie um eine allgemeine definitorische
Bestimmung des Sprachbewusstseinsbegriffs. Es soll hierbei jedoch nicht um die
Erarbeitung eines grundlegend neuen Sprachbewusstseinskonzepts gehen, sondern
um die Überprüfung und Modifikation bestehender Konzepte in Bezug auf die
Möglichkeit der Formulierung eines Definitionsansatzes, der die Elemente des
Sprachbewusstseinsbegriffs hervorhebt, an denen eine historisch orientierte
Sprachbewusstseinsanalyse ansetzen kann und muss. Davon ausgehend sollen die
methodischen Möglichkeiten einer nach dem Sprachbewusstsein fragenden
Analyse historischer Texte diskutiert und erarbeitet werden.
Darin versteht sich die Studie als Beitrag zur Lösung eines oft angesprochenen
Desiderats der Sprachbewusstseinsgeschichte, da bisher eine grundsätzliche
Auseinandersetzung mit den theoretischen und methodischen Bedingungen einer
Sprachbewusstseinsanalyse unter historischen Vorzeichen noch nicht oder nur
eingeschränkt in Angriff genommen worden ist.
Bei der Untersuchung der “Teutsche(n) Grammatica” des Valentin Ickelsamer und
der “Teutsch Grammatick oder Sprach-Kunst” des Laurentius Albertus, auf die die
vorherigen theoretischen und methodischen Überlegungen angewendet werden,
geht es sowohl um die beispielhafte Erläuterung und Überprüfung des
Analyseansatzes als auch darum, die Erweiterungsmöglichkeiten der bisherigen
Forschungsliteratur durch die Ergebnisse der historischen
Sprachbewusstseinsanalyse einzuschätzen.
13
1.2 Vorgehensweise
Es wird zunächst notwendig sein, sich in einem theoretischen Teil anhand der
Forschungsliteratur mit dem Begriff des Sprachbewusstseins auseinander zu
setzen, ihn zu definieren und diesen Definitionsansatz vor allem bezugnehmend
auf den historischen Aspekt und die damit verbundene Quellencharakteristik
sowohl im allgemeinen als auch im speziellen Fall historischer Grammatiktexte zu
besprechen.
Ausgehend von dieser theoretischen Grundlegung geht es im zweiten Teil der
Arbeit darum, einen konkreten methodischen Zugang zu den hier ausgewählten
Quellen zu erarbeiten.
Im dritten Teil sollen die genannten zwei Grammatiken aus dem 16. Jahrhundert
auf der Basis des zuvor dargelegten Analyseansatzes untersucht werden, um auf
diese Weise die historische Sprachbewusstseinsanalyse und deren
Ergebnispotential für die Historiographie der Grammatikschreibung zu
überprüfen. Die Exemplifizierung des vorgestellten Ansatzes soll dabei zunächst
in Form einer Detailanalyse des Ickelsamer-Textes vollzogen werden, in der die
gesamte Breite der methodischen Vorüberlegungen angewendet wird. Die sich
daran anschließende Untersuchung der “Teutsch Grammatick” des Laurentius
Albertus ist als Analyseskizze konzipiert, da eine zweite detaillierte Untersuchung
den Rahmen dieser Dissertation sprengen würde.
Daher habe ich mich für eine konzentrierte Abhandlung entschieden, deren Ziel
hauptsächlich darin besteht, die Ergebnisse zum Sprachbewusstsein Valentin
Ickelsamers in einen historischen Bezug zu setzen. Des Weiteren fungiert sie aber
auch als weitere Anwendbarkeitsstudie zur historischen
Sprachbewusstseinsanalyse, an der das in den theoretischen und methodischen
Grundlagen erarbeitete und an Ickelsamer exemplifizierte Instrumentarium auf
seine Verallgemeinerbarkeit überprüft werden kann.
Abschließend gilt es, in einem Ergebnis- und Ausblickskapitel die
Leistungsfähigkeit einer historischen Sprachbewusstseinsanalyse im Hinblick auf
die generellen Möglichkeiten sprachbewusstseinsgeschichtlicher Untersuchungen
für die Sprachgeschichtsschreibung und die Sprachwissenschaftsgeschichte zu
diskutieren.
14
2 Theoretische Grundlegung
Am Anfang dieser Studie steht die Beschäftigung mit dem
Sprachbewusstseinsbegriff und der Versuch einer definitorischen Bestimmung
desselben, um von dort aus zu fragen, wie sich diese Größe im Sonderfall eines
historischen Untersuchungskorpus darstellt und welche speziellen Ansatzpunkte
unter dem historischen Blickwinkel berücksichtigt werden müssen. Im Rahmen
der Auseinandersetzung mit der Begriffsdefinition soll zudem das Verhältnis
zwischen den bisher oft synonym gebrauchten Begriffen Sprachbewusstsein und
Sprachreflexion näher betrachtet und bestimmt werden. Neben diesen allgemeinen
Überlegungen zum Sprachbewusstseinsbegriff geht es im Speziellen um die
theoretischen Grundüberlegungen zum Charakter des Sprachbewusstseins in
grammatikographischen Texten.
Folgende Fragen sollen die zentralen Beschäftigungspunkte dieser theoretischen
Grundlegung sein:
1. Wie lässt sich Sprachbewusstsein definieren?
2. Welcher Art ist das Verhältnis von Sprachreflexion und
Sprachbewusstsein?
3. Worin besteht die spezielle Problematik einer Untersuchung des
Sprachbewusstseins unter historischem Blickwinkel?
4. Welche Art von Sprachbewusstsein liegt in grammatikographischen
Texten vor?
15
2.1 Der Sprachbewusstseinsbegriff
2.1.1 Forschungsstand
Vor allem innerhalb der kommunikativ-pragmatischen Sprachbetrachtung kam es
im Zusammenhang mit den wissenschaftsgeschichtlichen Veränderungen seit den
1960/70er Jahren und der mit dieser Entwicklung verknüpften “kognitiven
Wende” zu einer verstärkten Beschäftigung mit Größen wie dem
Sprachbewusstsein und der Sprachreflexion8. Sowohl in den Abhandlungen zur
allgemeinen Sprachtheorie9, Soziolinguistik, Sprachkulturdebatte und
Literaturwissenschaft als auch in der Forschungsliteratur der Bereiche
Sprachdidaktik, Schriftlichkeitsforschung und Spracherwerbsforschung findet sich
eine fortdauernde Diskussion zur Begriffsbestimmung, wobei es vornehmlich die
Sprachdidaktik ist, die am vehementesten eine konsequente Hinwendung zu
diesem Problemkreis einfordert.10 So sind es im Besonderen die Arbeiten Eva
Neulands und Werner Ingendahls, die bezüglich der Erarbeitung theoretischer
Grundlagen einen essentiellen Beitrag leisteten.
Zu erwähnen ist hier auch die 1999 erschienene Habilitationsschrift Ingwer Pauls,
8 In der im Folgenden vorgenommenen Diskussion der Forschungsliteratur werden die Begriffe
Sprachbewusstsein und Sprachreflexion so wiedergegeben, wie sie in den einzelnen Schriften
verwendet werden. Die Art ihres Verhältnisses zueinander bleibt in diesen meist unreflektiert. Im
Zusammenhang mit der Vorstellung meines Definitionsansatzes im Kapitel 2.1.2.1. werde ich mich
deshalb auch um eine Klärung dieses terminologischen Verhältnisses bemühen.
9 Besonders ist hier auf den stark rezipierten Aufsatz von Schlieben-Lange (1975) “Metasprache
und Metakommunikation. Zur Überführung eines sprachphilosophischen Problems in die
Sprachtheorie und die sprachwissenschaftliche Forschungspraxis” hinzuweisen.
10 “Als ´objektive´ Daten galten in der Geschichte der modernen Linguistik zwar die sprachlichen
Äußerungen der Informanten selbst, nicht aber ihre Äußerungen über Sprache, die von einem
positivistischen Wissenschaftsverständnis aus als ´subjektive´ Daten verpönt waren. Skepsis bis
strikte Ablehnung gegenüber solchen internen, angeblich nur spekulativ, also ´unwissenschaftlich´
faßbaren Größen wie Introspektion, Sprachgefühl, Meinungen über Sprache, Sprachbewusstsein
wirken als strukturalistisches und behavioristisches Erbe noch bis in die Gegenwart fort. Obwohl
die begriffliche Trennung von ´objektiven´ und ´subjektiven´ Sprachdaten methodologisch
zunehmend problematischer wird, sind im engeren Bereich der Sprachwissenschaft bislang kaum
Beschreibungskategorien und Analysemethoden entwickelt worden, die die Beschäftigung mit
´subjektiven´ Faktoren begrifflich sowie empirisch weiterführen können.“ Neuland (1993), S. 723.
16
der sich mit der Rolle der “praktischen Sprachreflexion” für den Verlauf von
Kommunikationsereignissen auseinander gesetzt und sich im Rahmen der
Vorstellung seines Ansatzes zur Beschreibung des außerlinguistischen
sprachreflektorischen Potentials eingehend mit den Unterschieden zwischen
praktischer und wissenschaftlicher Sprachreflexion sowohl auf inhaltlicher als
auch auf funktionaler Seite beschäftigt hat.
Im Bereich der sogenannten Volks- bzw. Laienlinguistik findet sich ebenso eine
Hinwendung zur alltagsweltlichen Sprachreflexion, die besonders durch die
Erforschung sprachexterner, gesellschaftspolitischer und sozialer Hintergründe
oder Zwecke von Sprachreflexionen wichtige Impulse für die historische
Sprachbewusstseinsanalyse geliefert hat. Insgesamt lässt sich für die auf die
Gegenwartssprache orientierte Sprachwissenschaft eine umfangreiche und konträr
diskutierende Forschungsliteratur mit interdisziplinären Verbindungen zu
Philosophie, Psychologie, Soziologie und Neuropsychologie verzeichnen.
Betrachtet man dagegen die Veröffentlichungen, die sich der
Sprachbewusstseinsgeschichte zuordnen lassen, so weisen diese kaum
eigenständige theoretische Ansätze auf und verwenden, wenn eine Definition von
Sprachbewusstsein oder Sprachreflexion angeführt wird, meist
Begriffsbestimmungen aus der auf die Gegenwartssprache bezogenen
Sprachbetrachtung.
Wenn dieses Verfahren auch durchaus praktikabel ist, so bleibt die ungenügende
Beachtung spezieller Probleme der historischen Distanz und Spezifik der
Analysebasis bei der theoretischen Erschließung des Sprachbewusstseinsbegiffs
für geschichtlich orientierte Untersuchungen dennoch ein wesentliches Desiderat
der Sprachbewusstseinsgeschichte. Denn erst die Schaffung eigenständiger
theoretischer und methodischer Grundlagen, die die Besonderheiten des
Untersuchungskorpus wahrnehmen, ermöglichen die Bearbeitung weiterer
Anliegen dieser Forschungsrichtung, wie z.B. die Verknüpfung von
Sprachsystemgeschichte und Sprachbewusstseinsgeschichte.11
11 Bislang sind Sprachformengeschichte (d.h. die Systembeschreibung der historischen
Sprachstufen des Deutschen) und äußere Sprachgeschichte, die sich mit den kulturell-
gesellschaftlichen Hintergründen von Sprache beschäftigt, immer noch getrennte
Forschungsbereiche, obwohl Sprachwandelprozesse nur im Zusammenwirken beider Richtungen
umfassend erklärt werden können. Vgl. Mattheier (1995), S. 15.
17
An diesem Punkt ansetzend versteht sich diese Studie als Beitrag zur Erarbeitung
eines theoretischen und methodischen Instrumentariums, welches eine verbesserte
Analysemöglichkeit des historischen Sprachbewusstseins und somit auch ein
methodologisches Fundament für weitere Forschungstätigkeiten der
Sprachbewusstseinsgeschichte und ebenso der Sprachgeschichtsschreibung
ermöglichen will. Sie nutzt dazu die Ergebnisse der bisherigen Forschung und
reflektiert diese für den besonderen Fall eines historischen Untersuchungsfeldes.
Um nun eine geeignete allgemeine Bestimmung des Sprachbewusstseinsbegriffs
herausarbeiten zu können, die als Basis für die weitere, speziell auf die historische
Thematik bezogene Darlegung dienen kann, sollen im Folgenden zunächst die
vorliegenden Forschungsansätze diskutiert werden. Es bedürfe jedoch einer kaum
überschaubaren Abhandlung, die den Rahmen dieser Studie sprengte, hier die
gesamte Bandbreite von Sprachbewusstseinskonzepten vorzustellen, welche sich
in der Forschungsliteratur finden, da die Forschungsdebatte bislang von einer
Vielzahl durchaus gegensätzlicher theoretischer und begrifflicher Entwürfe
bestimmt wird.12 Deshalb soll an dieser Stelle ein konzentrierter und kritischer
Abriss der zentralen Postionen der Forschung genügen, um gerade auf der Basis
der Auseinandersetzung mit den Hauptdiskussionspunkten der verschiedenen
Ansätze eine eigene Begriffsbestimmung herauszuarbeiten, die in der Folge vor
allem im Kontext des spezifisch historischen Interesses am Sprachbewusstsein
näher erläutert werden soll.
2.1.1.1 Sprachreflexionsformen und Sprachbewusstsein
Allen Theorieansätzen ist gemein, dass sie darum bemüht sind, das Phänomen der
Fähigkeit zu metasprachlichen Äußerungen, das bedeutet, die Fähigkeit des
Menschen zur Reflexion und zum Sprechen bzw. Schreiben über sprachliche
Ausdrücke zu beschreiben und zu erklären. Dabei wurde im Besonderen unter
Rückgriff auf die sprachpsychologischen Untersuchungen Jean Piagets und die
Forschungsergebnisse der Kulturhistorischen Schule Wygotskis versucht, mittels
Fragebögen, Interviews, Experimenten und Feldforschungen grundlegende
12 Eine umfangreichere Darstellung der Forschungsliteratur zum Thema Sprachbewusstsein und
Sprachreflexion findet sich bei Paul (1999a), S. 16ff.
18
Erkenntnisse über das Wesen des Sprachbewusstseins und der Sprachreflexion,
aber auch anderer subjektiver Größen wie Sprachgefühl, Spracheinstellungen etc.
zu gewinnen.13
Ein Konsenspunkt aller Forschungsergebnisse besteht darin, dass der
ursprüngliche Auslöser der Reflexionen über Sprache als eine ‘Störung’ in der
fortlaufenden Kommunikation anzusehen ist, als ein Moment der
“Differenzerfahrung”14 zum sonst “automatisch” und störungsfrei ablaufenden
Sprachgebrauch. In diesem Moment beginnt der Sprecher (oder Schreiber) über
den sprachlichen Problemfall zu reflektieren. Entweder geschieht diese Reflexion
‘unbewusst’, also selbst für den Reflektierenden nicht explizit wahrnehmbar, und
führt zu einer schnellen Auflösung der Differenzerfahrung15, oder sie wird mehr
oder weniger abstrahiert vom fortlaufenden Kommunikationsprozess und explizit
vollzogen.16 Der letzte Fall kann in verschiedenen Kontexten erfolgen, so z.B. in
der wissenschaftlichen oder laienlinguistischen Beschäftigung mit Sprache; in
sprachkritischen Betrachtungen oder in Form des literarischen Nachdenkens über
Sprache.
Wichtig für diese Form der Sprachreflexion ist das bewusste, explizite und vom
fortlaufenden Kommunikationsprozess abstrahierte Thematisieren von Sprache.
Dabei muss die eigentliche 'Störung' in der Kommunikation schon gar nicht mehr
der direkte Auslöser jener Sprachreflexion sein, sondern dieser kann auf einer
zeitlich und inhaltlich distanzierteren Ebene liegen. Entweder wird dabei zu einem
späteren Zeitpunkt auf eine vorherige “Differenzerfahrung” Bezug genommen
oder der Reflektierende wählt ein von einer konkreten Störung losgelöstes
Reflexionsthema, so dass teilweise ein direkter Zusammenhang mit einer
13 Zu den verschiedenen Ansätzen der metasprachlichen Begriffe und dem ihnen zugrunde
liegenden Erkenntnisinteresse siehe Scharloth (2005), S. 5ff.
14 Paul (1999a), S. 4f.
15 In seiner Untersuchung zur praktischen Sprachreflexion hat sich Ingwer Paul eingehend mit
diesem Reflexionskomplex beschäftigt und dabei herausgearbeitet, dass der Reflexionsakt selbst
kognitiv und nicht sprachlich ist, die aus ihm gegebenenfalls resultierende Reflexionsaktivität aber
intersubjektiv wahrnehmbar ist und “neben gesprächsstrukturellen und interaktionslogischen auch
wissenssoziologischen Restriktionen” (1999a, S. 99) unterliegt.
16 Werner Ingendahl unterscheidet in seinem Sprachreflexionskonzept zwischen prozeduralen,
nicht bewussten und zwischen intentionalen, bewussten Reflexionen. Siehe Ingendahl (1999), S.
120.
19
Störungssituation nicht mehr herstellbar ist. Dennoch lässt sich hier annehmen,
dass auch die abstrakteren Reflexionen über Sprache ihren Bezugspunkt in einem
ursprünglichen und wiederholten Durchbrechen und Hinterfragen des
fortlaufenden Kommunikationsmechanismus haben. Während also die expliziten
Sprachreflexionen selbst Kommunikationsgegenstand sind, laufen die
unbewussten Sprachreflexionen innerhalb unserer Kommunikation ab, so z.B.
wenn wir einen Versprecher spontan verbessern. Sie werden nicht gesondert
thematisiert, sondern übernehmen im kommunikativen Prozess eine regulierende
Rolle.
Inwieweit man nun schon die unbewusst ablaufenden Sprachreflexionen dem
Sprachbewusstsein zuordnen kann, ist vom jeweiligen Begriffsverständnis
abhängig. Während es nämlich ebenfalls zu den Konsenspunkten zählt, dass
Sprachbewusstsein als gradueller Begriff zu verstehen ist, kommt es bei der
Unterscheidung und Zuordnung der einzelnen Stufen durchaus zu verschiedenen
Einteilungen. So gehören in manchen Sprachbewusstseinskonzepten bereits
spontane Selbstkorrekturen17 auf der Basis der allgemeinen Sprachkompetenz zum
Sprachbewusstsein. Dagegen liegen den “neueren engeren Auffassungen von
Sprachbewusstsein [...] die Annahmen eines bewussten, expliziten und
deklarativen Sprachwissens zu Grunde, das durch Problemkontexte aktiviert und
mit Hilfe operativer Strategien genutzt werden kann und das begründete
Reflexionen über Sprache ermöglicht. Sprachbewusstsein und metasprachliche
Fähigkeiten können dabei die wesentlichen Funktionen der Kontrolle und der
Förderung von Sprach(lern)prozessen erfüllen. Jedoch erfolgt ihre Entwicklung
eben nicht automatisch; vielmehr bedarf sie der Anregung und Förderung im
Rahmen kultureller Lernprozesse.“18
Hier wird Sprachbewusstsein in Verbindung zu den begründeten
Sprachreflexionen und einem expliziten Wissen über Sprache gesetzt und von den
vorbewussten Stufen durch Willkürlichkeit, Explizitheit und Systematik
unterschieden.19 Ingwer Paul hat allerdings in seiner Arbeit zur praktischen
Sprachreflexion zu Recht auf die Problematik der in erster Linie von den
17 Diese spontanen Selbstkorrekturen sind als Resultate von unbewussten Sprachreflexionen
anzusehen.
18 Neuland (1993), S. 734.
19 Vgl. ebd.
20
Vertretern der Sprachdidaktik angenommenen ungebrochenen
Äquivalenzbeziehung zwischen den Grundlagen der allgemeinen Sprachfähigkeit
und denen des Sprachbewusstseins hingewiesen.20
Die Frage danach, welche Sprachreflexionen dem Sprachbewusstsein zuzurechnen
sind, stellt demnach einen Kernpunkt der Forschungsdebatte dar, der im
Besonderen von dem Problem bestimmt ist, auf welche Art von “Wissen” bei den
unbewussten prozeduralen Sprachreflexionen und den expliziten intentionalen
Sprachreflexionen zurückgegriffen wird.
2.1.1.2 “Wissen um Sprache” und “Wissen über Sprache”
Der Wissensbegriff stellt beim Nachdenken über die Beschaffenheit von
Sprachbewusstsein eines der Hauptprobleme dar. Denn obwohl innerhalb der
Forschungsdebatte Einigkeit darüber herrscht, dass dem Sprachbewusstsein
notwendigerweise eine 'Wissensform' zu Grunde liegt, bleiben die Fragen, von
welcher Art von 'Wissen' man dabei sprechen kann oder ob der Wissensbegriff
vollständig umgangen werden sollte, indes weiterhin ein dominantes
Diskussionsthema.
Maßgebend ist hier vor allem die Darstellung der Beziehung zwischen dem
'Wissen', auf dem die unbewussten Sprachreflexionen basieren und dem, welches
in den expliziten Sprachreflexionen aktualisiert wird.
Die prozeduralen, unbewussten Sprachreflexionen bilden in ihrem
sprachhandlungseingebundenen, die Kommunikation “kontrollierenden”
Charakter einen Teil der Sprachkompetenz und damit auch der kommunikativen
Kompetenz21, was bedeutet, dass sie weitestgehend auf ein 'Wissen' zurückgreifen,
über das der Reflektierende nur intuitiv22 und in technischer Hinsicht verfügt. In
der Fachliteratur ist immer wieder auf das “Problem der Differenz zwischen dem
Wissen um die Sprache (das r das Gelingen jeder sinnvollen sprachlichen
Äußerung notwendig ist) und dem Wissen über Sprache”23 hingewiesen worden,
welches analog zur philosophischen Debatte um Ryle´s Differenzierung von
20 Siehe Paul (1999a), S. 33 und 78ff
21 Siehe Paul (1999a), S. 99.
22 Vgl. Coseriu (1988), S. 197.
23 Schlieben-Lange (1975), S. 194.
21
“knowing how” und “knowing that” diskutiert wird.24 Die Schwierigkeit besteht
an dieser Stelle besonders in der Anwendung des Wissensbegriffs auf das
'sprachliche Wissen'25, das “Wissen um die Sprache”, welches für uns mehr den
Charakter eines impliziten und kaum thematisierbaren 'Wissens', denn den eines
expliziten Wissenssystems hat.
Während alltagsweltlich unter ´Wissen´ ein begründbares, also
bewusstseinsfähiges Wissen verstanden wird, bezeichnet sprachliches ´Wissen´ im
Kontext der generativen Linguistik eine Fähigkeit, die ihrem Besitzer in der Regel
nicht bewusst ist.26
'Wissen' wird aus diesem Grund in der generativen Linguistik als theoretischer
Begriff der Sprachwissenschaft betrachtet, der “von dem natürlich-sprachlichen
Begriff des Wissens ebenso zu unterscheiden ist, wie die physikalischen Begriffe
der Kraft oder der Masse von ihren umgangssprachlichen Pendants zu
unterscheiden sind.”27
Das sprachliche Wissen beinhaltet im Konzept der generativen Linguistik die
Kenntnis einer bestimmten einzelsprachlichen Grammatik, die der Sprecher
mittels seiner angeborenen Prinzipien und der von jener Sprache eintreffenden
Daten erworben hat.28 Zugleich wird das sprachliche Wissen als eine Fähigkeit
beschrieben. Diese Sprachfähigkeit, die die Grundlage des Sprachgebrauchs
bildet, bezeichnet die generative Linguistik auch als sprachliche Kompetenz.
Es gehört zum Wesen des sprachlichen Wissens (der sprachlichen Kompetenz),
dass es den Charakter eines impliziten Wissens29 hat. Wir gebrauchen die Sprache,
ohne uns vorher ins Bewusstsein gerufen zu haben oder benennen zu müssen,
welche Regeln wir im Einzelnen für das zu Sagende anwenden. Mehr noch; unser
sprachliches Wissen (Sprachkompetenz) umfasst die implizite Kenntnis aller
24 Siehe Paul (1999a), S. 29ff.
25 Zum Begriff des sprachlichen Wissens siehe Grewendorf (1990), S. 28.
26 Paul (1999a), S. 32.
27 Grewendorf (1990), S. 21.
28 Ebd. S. 20.
29 “Das implizite Wissen wird vorwiegend als der Modus betrachtet, in welchem wir mehr wissen,
als wir aussprechen können.” Polanyi (1985), S. 25. “Zu den Dingen, von denen wir auf diese
Weise wissen, gehören Probleme, Vorahnungen, [...], der Gebrauch der denotativen Sprache;”
Ebd., S. 33.
22
Regeln einer Sprache und bildet somit die Grundlage aller potentiell in ihr
machbaren Äußerungen, ohne dass wir die Regeln vollständig im Detail
erschließen müssen und können.
Es ist also allen drei nahezu synonym verwendeten Begriffen (sprachliches
Wissen, Sprachfähigkeit und sprachliche Kompetenz) gemeinsam, dass sie die
Grundlage des Sprechens beschreiben, die in der Spannweite ihrer immanenten
Möglichkeiten über das hinaus geht, was der einzelne Sprecher in seinem
Sprachgebrauch je aktualisiert.
Demnach stellt jeder Versuch, Elemente des sprachlichen Wissens in expliziten
Sprachreflexionen zu thematisieren, eine Hypothese über die Sprachfähigkeit
dar.30 Diese Hypothesen können Teile unseres “Wissens über Sprache” werden, je
nachdem wie schlüssig sie uns und anderen erscheinen. Unser “Wissen über
Sprache” beinhaltet also einerseits Hypothesen31 über die Sprachfähigkeit,
während andererseits Teile dieses “Wissens über Sprache” Einfluss auf unser
sprachliches Wissen haben.32
Die Hypothesen über das sprachliche Wissen können aber keinesfalls das
sprachliche Wissen vollständig erfassen und abbilden. Vielmehr ist es so, dass
andere erworbene Kenntnisse in das Nachdenken über Sprache und die
Sprachfähigkeit mit einfließen33. Zwar haben “beide Aspekte von Wissen [...]
ähnliche Struktur, und keiner tritt jeweils ohne den anderen auf”34, jedoch bleibt
uns viel vom impliziten Teil verborgen, während unser erworbenes “Wissen über
Sprache”, das nicht mit dem impliziten Wissen übereinstimmen muss, die
Erklärungslücke ausfüllt. Es ergibt sich das Bild zweier Wissenssysteme, die
große gemeinsame Anteile haben, aber eben doch nicht deckungsgleich sind.
Für die allgemeine Unterteilung der Reflexionsarten hinsichtlich ihrer Grundlagen
kann man hier zusammenfassend feststellen, dass die unbewussten
30 Siehe dazu Grewendorf (1989), S. 40.
31 Dies können sowohl unsere eigenen als auch die anderer, wie z.B. die von
Sprachwissenschaftlern sein.
32 Dazu zählen z.B. Kenntnisse sozialer Einstellungen u.a.
33 In den meisten Fällen ist es so, dass unser “Wissen über Sprache” viel stärker von
entsprechenden Bildungs- und Erfahrungshintergründen geprägt ist, die wir während unserer
sozialen und kulturellen Entwicklung erworben haben, als von individuellen Hypothesen über
unser implizites sprachliches Wissen.
34 Polanyi (1985), S. 16.
23
Sprachreflexionen und die expliziten Sprachreflexionen auf unterschiedliche
Grundlagen zurückgreifen, die zwar zu einem gewissen Grad miteinander
verknüpft sind, aber deren verbundene Elemente in den expliziten
Sprachreflexionen nur hypothetisch gefasst werden können. Diese Abstraktionen
sind zudem stark von anderen Bildungs- und Erfahrungsinhalten beeinflusst.
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den expliziten
sprachreflektorischen Äußerungen sollte es deshalb vorrangig darum gehen, die
jeweils aktualisierten expliziten Wissenshintergründe des Reflektierenden unter
Beachtung seines Bildungs- und Erfahrungserwerbs zu erschließen. Letzterer prägt
in besonderem Maß, in welcher Weise er sich über Sprache äußert, bzw. welches
tradierte Wissen in diesen Äußerungen zur Anwendung kommt.
Explizite Sprachreflexionen stehen zwar auf dem Fundament der
Sprachkompetenz35 und vereinen sowohl implizites “Wissen um” als auch
“Wissen über Sprache”, Rückschlüsse auf das in ihnen abstrahierte implizite
Wissen sind jedoch schwer zu ziehen, da nicht überprüfbar ist, welche weiteren
Beigaben das implizite Wissen bei seiner Explikation mit auf den Weg
bekommt.36
Betrachtet man nun die Unterschiedlichkeit der beiden Reflexionsarten im
Hinblick auf die im vorigen Kapitel angesprochene Frage, ab welchem Punkt man
von Sprachbewusstsein reden kann, so bleibt aufgrund der bisherigen
Forschungsergebnisse zur Implizitheit des sprachlichen Wissens, das in
unbewussten Sprachreflexionen aktualisiert wird, zu überlegen, ob man wenn
man die in den engeren Auffassungen von Sprachbewusstsein angelegten
Kriterien der Explizitheit, Erklärbarkeit und Bewusstheit als
Zuordnungsmerkmale berücksichtigen will diese Reflexionsform nicht unter
dem Begriff des Sprachbewusstseins fassen sollte. Dies bedeutet aber nicht, dass
es generell unmöglich ist, unbewusste Sprachreflexionen zu explizieren. Diese
Möglichkeit besteht37, jedoch werden die unbewussten Reflexionen in diesem
35 Seine Sprachkompetenz ermöglicht es einem Sprecher oder Schreiber überhaupt erst, etwas ( in
diesem Fall *etwas*über Sprache) sinnvoll zu artikulieren, indem er über seine Fähigkeit, Sprache
der Situation angemessen regelhaft zu generieren, in einen Diskurs mit den anderen
Sprachteilnehmern treten kann.
36 Vgl. Schlieben-Lange (1975), S. 194.
37 Zum Beispiel, wenn man eine bestimmte sprachliche Problemlösung hinterfragt und den
24
Moment zu bewussten und intentionalen Reflexionen, bei denen das Problem
besteht, dass man nicht mehr genau erkennen kann, welche Elemente aus welchem
Wissenssystem im Akt der Bewusstwerdung aktualisiert wurden und ob es sich
um denselben Reflexionshintergrund handelt.
Das Diskrepanzpotential zwischen den Grundlagen der prozeduralen unbewussten
und der expliziten Reflexionsform, namentlich zwischen dem sprachlichen
Wissen und dem “Wissen über Sprache”, verweist auf das Problem ‘Bewusstheit
versus Unbewusstheit’, welches vor allem aus terminologischen
Exaktheitsgründen für die Verwendung des Sprachbewusstseinsbegriffs eine
Konzentration auf die bewussten und hinreichend erklärten Sprachreflexionen38
empfiehlt. Vereint man dagegen im Begriff des Sprachbewusstseins sowohl die
Sprachreflexionsformen, die sich auf bewusste und begründbare Hintergründe
beziehen, als auch solche, deren Hintergründe intuitiv und nicht weiter begründ-
und erklärbar bleiben, so ergibt sich daraus zwangsläufig eine begriffliche
Unschärfe, die bisher dazu geführt hat, den Terminus aus diesem Grund entweder
zu umgehen39 oder ihn unter Verzicht auf die Kriterien der Bewusstheit,
Erklärbarkeit und Explizitheit auf alle Reflexionsformen anzuwenden.
2.1.1.3 Historisch orientierte Forschungsansätze
Die bisherigen Ansätze der Soziolinguistik zur Beschreibung des
Sprachbewusstseins in einem historischen Kontext haben zumeist jenseits
eigenständiger begriffstheoretischer Überlegungen bereits wesentliche
Anknüpfungspunkte der Analysemöglichkeit von geschichtlichen Quellen unter
der Fragestellung nach den in diesen auftretenden Sprachbewusstseinsäußerungen
erarbeitet. Im Besonderen sind hier die Schriften Brigitte Dörings und Klaus
Sprecher so zum nachträglichen bewussten Reflektieren der ursprünglich unbewussten
Sprachreflexion bringt.
38 Zu Fragen der hinreichenden Begründung siehe S. 29f.
39 Dies führte nicht selten zu “Lösungen”, die in der Vermeidung des Begriffs aufgrund der
angesprochenen Problematik zur Wahl alternativer Termini neigten, die in anderer Hinsicht
begriffliche Schwierigkeiten nach sich ziehen. So plädiert z.B. Schlieben-Lange für die Ersetzung
von ´Sprachbewusstsein´ durch ´Wissen des Sprechers´, um auf diesem Weg die
Bewusstseinsproblematik zu umgehen. Sie steht letztendlich damit aber vor einem neuen Problem,
nämlich dem des Wissensbegriffs. Siehe Schlieben-Lange (1975), S. 193.
25
Mattheiers hervorzuheben, die verschiedene Aspekte der Spezifik der historischen
Sprachbewusstseinsanalyse beleuchtet haben.
So weist Brigitte Döring40 darauf hin, dass es für die Analyse und das Verständnis
historischer Sprachreflexionen unabdingbar ist, diese im Rahmen der jeweiligen
Zeitdiskurse wahrzunehmen, um so auch den individuellen und gesellschaftlichen
Hintergrund der Reflexion fassen zu können. Für die Beschäftigung mit dem
Sprachbewusstsein in der Frühen Neuzeit bedeutet dies, dass erst das Wissen um
das christlich-neuplatonische Weltbild ein wirkliches Verständnis verschiedener
sprachreflektorischer Aussagen ermöglicht, da diese Weltsicht das
frühneuzeitliche Denken grundlegend dominierte.41 Erst auf der Basis der genauen
Kenntnis der in den Sprachreflexionen aktualisierten Bildungs- und
Erfahrungshintergründe scheint eine Erkenntnis über kollektive
Erscheinungsformen wie das “öffentliche Sprachbewusstsein”42 oder die Rolle des
Sprachbewusstseins in kulturellen Identitäts- oder Mentalitätsprozessen43 möglich.
Joachim Scharloth setzt sich in seiner 2005 erschienenen Studie zur
Sprachbewusstseinsgeschichte in Deutschland zwischen 1766-1785 eingehend mit
soziolinguistischen Sprachbewusstseinskonzepten auseinander und orientiert sich
für seine Fragestellung an der wissenssoziologische Tradition des
Sprachbewusstseinsbegriffs. Zusätzlich nimmt er über mentalitätsgeschichtliche
Bezüge und die Theorie des kulturellen Gedächtnisses den „analytischen Zugriff
auf die historische Dimension von Sprachbewusstsein“44 in den Blick.
Für die in dieser Arbeit vorgenommene sprachtheoretische Annäherung an den
Sprachbewusstseinsbegriff auf Basis der bisherigen linguistischen Beobachtungen
von Sprachreflexionen im Prozess ist es notwendig, zunächst folgende
Besonderheiten des Untersuchungsansatzes zu beachten. Bezüglich der im vorigen
Kapitel beschriebene Differenz zwischen den beiden Wissenssystemen, erscheint
es, ausgehend von der Quellenbasis und den Ergebnissen der
Sprachbewusstseinsanalyse, nahezu unmöglich, über die Aussagen zu den
expliziten Sprachreflexionen Rückschlüsse auf Elemente des historischen
40 Döring (1999), S. 37ff.
41 Siehe dazu Klein (1992), S. 18ff.
42 Döring (1999), S. 40.
43 Siehe Haarmann (1999), S. 90ff.
44 Scharloth (2005), S. 41.
26
impliziten Wissens zu gewinnen, da man selbst in der alltagsweltlichen Reflexion
der Laien nur schwer unterscheiden kann, ob es sich bei deren Hintergrundwissen
um ein “abgesunkene[s] wissenschaftliche[s] Kulturgut”45 oder um einen
individuellen Versuch der Hypothesenbildung über das sprachliche Wissen
handelt. Anders als gegenwartssprachliche Analysen können historische Analysen
eben nicht auf aktive Befragungsmöglichkeiten wie Interviews zurückgreifen und
bleiben in ihrem Untersuchungsmaterial auf die expliziten
Sprachreflexionsresultate der Sprachteilnehmer beschränkt.
Die Beschäftigung mit historischen expliziten Sprachreflexionsresultaten kann
jedoch eine Verknüpfung von Sprachformengeschichte und äußerer
Sprachgeschichte46 ermöglichen, wenn explizite Sprachreflexionen als “Ideen von
Sprachgeschichte”47 und zwar in ihrer geschichtlichen Abfolge in ihrem
Verhältnis zur “Sprachgeschichte als objektsprachlicher Gegebenheit”48
analysiert werden, um auf diese Weise einen Vergleich des in den expliziten
Sprachreflexionen ausgeformten und öffentlich verbreiteten “Wissens über
Sprache” mit den “objektiv” beobachtbaren Sprachwandelprozessen zu
ermöglichen. Dadurch lassen sich Erkenntnisse über die Beziehung zwischen den
jeweils in den Sprachreflexionsfokus gerückten Themen und dem objektiv
beobachtbaren Sprachgebrauch der betreffenden Zeit gewinnen. Dies ist
vornehmlich im Hinblick auf die Fragestellung nach dem Einfluss und der
Verarbeitung außersprachlicher Phänomene, wie z.B. sozialer und kultureller
Normen und Traditionen, auf die Wahrnehmung und den Gebrauch der Sprache
eminent wichtig.49
Um eine solche sprachhistorische Untersuchung aufnehmen zu können, ist es
jedoch zunächst notwendig, die Hintergründe der expliziten Sprachreflexionen
45 Dieckmann (1991), S. 370.
46 Dieses Bestreben stellt auch eine mögliche Weiterentwicklung der Sprachbewusstseins-
geschichte dar.
47 Bei dieser Überlegung wird Sprachgeschichte verstanden als das “von Trägern
sprachbezogenen Wissens (Sprachphilosophen, -wissenschaftlern, -ideologen) aus jeweils
besonderen zeitgenössischen Konstellationen heraus entworfene, sinnstiftende, von Rezipienten
übernehmbare, gesellschaftlich funktionalisierte Bild von Herkunft, der Gegenwart und der
Zukunft einer Sprache” Reichmann (1998), S. 1.
48 Ebd.
49 Vgl. dazu auch Scharloth (2005), S. 54ff.
27
und damit die des Sprachbewusstseins zu erforschen, um auf diese Weise Einblick
in die historischen Rahmenbedingungen der Sprachreflexion zu erlangen.
In einer Reihe von Arbeiten sind bereits wichtige Forschungsergebnisse zu den
Formen und teilweise auch zu den Grundlagen frühneuzeitlicher und neuzeitlicher
Sprachreflexion gewonnen worden50, ohne dass hier jedoch gesondert auf die
Wahl des Sprachreflexions- oder Sprachbewusstseinsbegriffs für die
Zusammenfassung der beobachteten metasprachlichen Äußerungen eingegangen
wurde. Hierin besteht ein wesentliches Desiderat der
Sprachbewusstseinsgeschichte. Eine mangelnde Begriffsdefinition erweckt auf der
einen Seite den Eindruck, als ob die einzelnen Begriffe beliebig und synonym
eingesetzt werden können, auf der anderen Seite wird dadurch der für die
Selbstbestimmung der Sprachbewusstseinsgeschichte äußerst wichtigen Aufgabe
ausgewichen, in einer gesonderten Beschäftigung mit der spezifischen
Problematik des Sprachbewusstseinsbegriffs im historischen Kontext die
Grundbedingungen von historisch orientierten Sprachbewusstseins-
untersuchungen zu diskutieren.
Unter Rückgriff auf die in diesen Untersuchungen gemachten Beobachtungen und
die oben dargestellten gegenwartssprachbezogenen und sprachhistorischen
Forschungspositionen soll nun im Folgenden eine Sprachbewusstseinsdefinition
erarbeitet und vorgestellt werden, die besonders die Elemente hervorhebt, an
denen eine historisch orientierte Sprachbewusstseinsanalyse ansetzen kann.
2.1.2 Sprachbewusstsein unter historischem Blickwinkel
Im Rahmen der Erarbeitung eines Definitionsansatzes für den Begriff des
Sprachbewusstseins, in dessen Formulierung bereits auch die Elemente mit
genannt sind, durch die eine diachrone Untersuchung des Sprachbewusstseins
bestimmt ist, habe ich die bisherigen Definitionsversuche unter Berücksichtigung
neuer Forschungspositionen überprüft und mich bei der Ausarbeitung am
Definitionskonzept der engeren Auffassungen von Sprachbewusstsein orientiert.
Die Kritikpunkte, die in der neuesten Forschungsliteratur gegenüber diesem
50 Siehe z.B. Bär (1999),Gardt (1994), Huber (1984), Klein (1992).
28
Konzept vor allem im Hinblick auf das Problem des in diesem Entwurf zu wenig
reflektierten Verhältnisses zwischen den Grundlagen der allgemeinen
Sprachkompetenz und denen des Sprachbewusstseins formuliert worden sind,
wurden eingearbeitet und führten zu einem modifizierten Definitionsansatz, der
um eine höhere begriffliche Eindeutigkeit bemüht ist.
2.1.2.1 Definitionsansatz
Anknüpfend an die obigen Beobachtungen zu den zentralen Punkten der
Forschungsdebatte lässt sich der Sprachbewusstseinsbegriff folgendermaßen
definieren:
Sprachbewusstsein ist die Fähigkeit zum begründeten und gehaltvollen
Sprechen oder Schreiben über Sprache, bei dem je nach dem fokussierten
Gegenstand und den kommunikativen Absichten des sprachlich
Reflektierenden ein der Situation angemessener Bildungs- und/oder
Erfahrungshintergrund aktualisiert wird.
Das Sprachbewusstsein ist nicht auf Reflexionen über die Einzelsprache
beschränkt, sondern bezieht sich auf jegliche intentionale Beschäftigung
mit dem Gesamtphänomen “Sprache”.
Dieses Begriffsverständnis kommt auf die im Rahmen der engeren
Begriffsauffassungen gemachten Kriterienvorschläge der Explizitheit,
Erklärbarkeit und Bewusstheit zurück und betrachtet sie als begriffsbestimmende
Merkmale. Die konsequente Anwendung dieser Kriterien als
Klassifikationsmerkmale hinsichtlich der Zuordnungsmöglichkeit einzelner
Reflexionsformen zum Sprachbewusstsein führt aus begriffslogischen Gründen
zum Ausschluss all jener Größen aus dem Begriffsrahmen, die diese Kriterien
nicht erfüllen. Somit zählen zum Sprachbewusstsein nur diejenigen bewussten
Sprachreflexionen, die auf explizite und gehaltvolle Weise begründet sind, bzw.
begründet werden können. Dagegen fallen alle unbewussten Sprachreflexionen
heraus, da sie nicht dem Kriterium der Bewusstheit genügen.
Ist ein Sprachteilnehmer aber in der Lage, seinen Sprachgebrauch oder die
Sprache an sich explizit, gehaltvoll und hinreichend begründet zu reflektieren und
29
zu thematisieren, so verweisen diese expliziten Reflexionen auf sein
Sprachbewusstsein.
Als gehaltvoll und hinreichend begründet gelten Sprachreflexionen nur dann,
wenn sie inhaltlich sinnvolle “Begründungen für die Gründe”51 liefern, bzw. auf
Nachfrage hin noch weiter erklärt werden können als durch bloße
Grammatikalitätsaussagen wie “richtig” oder “falsch”.
Die Trennung zwischen Sprachreflexionsformen, die explizit begründ- und
erklärbar sind und solchen, die unbewusst vollzogen werden, trägt auch den
empirischen Beobachtungen Rechnung.52 Ursprünglich unbewusste
Sprachreflexionen können von einem Sprachteilnehmer auf Nachfrage53 hin
teilweise zwar auch in einem sekundären bewussten Reflexionsakt in expliziter
Form thematisiert werden. Es handelt sich jedoch bei den in den jeweiligen
Reflexionsformen aktualisierten “Wissensformen”, wie in Kapitel 2.1.1.2.
dargelegt worden ist, um zum Teil inhaltlich differierende Systeme, von denen
eines das des impliziten Sprachwissens nur bedingt bewusstseinsfähig und
angebbar ist.
So kann ein Sprachteilnehmer, der zunächst zum Beispiel eine spontane
Sprachkorrektur nicht näher erklärt, nachträglich diese ursprünglich unbewusste
Sprachreflexionsaktivität meist nur durch die Aktivierung von in der Schule
erworbenen Grammatikkenntnissen begründen, die fest in seinem “Wissen über
Sprache” verankert sind und somit der unbewussten eine bewusste
Sprachreflexion folgen lassen, deren Wissenshintergründe jedoch unterschieden
werden müssen. Die unbewusste Sprachreflexion rekurriert auf das implizite in
der Sprachkompetenz verankerte Sprachwissen, das bei einer Hinterfragung des
durch die Sprachreflexion erwirkten Sprachresultats54 in der Begründung hinter
die sekundär erworbenen Erfahrungs- und Bildungshintergründe55 zurücktritt.
51 Coseriu (1988), S. 210.
52 Vgl. Schlieben-Lange (1975), S. 194f.
53 Die Nachfrage bei den unbewussten Sprachreflexionen muss sich notwendigerweise an
ablesbare Sprachergebnisse knüpfen, von denen man auf eine vorher erfolgte Reflexion schließt.
54 Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn man bei einem Sprecher die Entscheidung für eine
bestimmte grammatische Form infrage stellt
55 Aufgrund der Schwierigkeit hinsichtlich der Verwendungsweise des Wissensbegriffs im
Zusammenhang der Diskussion um das implizite sprachlicheWissen und die alltagstheoretischen
Wissenskonzepte werde ich im Folgenden alle Formen der Kenntnisse (*Wissen über Sprache*),
30
Sprachbewusstsein ist in diesem Sinn also gerade nicht mit dem Begriff des
sprachlichen Wissens gleichzusetzen.
Dagegen bilden die Sprachreflexionen, die über eine situativ-angemessene
Aktualisierung von auf den Reflexionsgegenstand bezogenen Bildungs- und
Erfahrungshintergründen hinreichend und gehaltvoll explizierbar sind, die
Aktionsformen des Sprachbewusstseins. Die Art, wie der Reflektierende die
Sprache thematisiert, ist dabei abhängig von der Beschaffenheit seiner Bildungs-
und Erfahrungshintergründe, die er im Lauf seiner “sekundären
Sprachsozialisation”56 erworben hat und zudem von der konkreten Situation, in
dem die explizite Sprachreflexion erfolgt und damit letztlich auch von den
kommunikativen Absichten des Sprechers.
Genau jene Faktoren bilden eine entscheidende Grundlage für die Möglichkeit des
Ansatzpunktes einer historischen Sprachbewusstseinsanalyse. Bevor ich mich
jedoch den spezifisch historischen Fragestellungen im Allgemeinen und im
besonderen Fall dieser Studie und damit dem Kernpunkt meiner theoretischen
Überlegungen zuwende, soll an dieser Stelle zunächst noch auf die begriffliche
Problematik des Verhältnisses von Sprachbewusstsein und Sprachreflexion sowie
auf das Thema der Graduierbarkeit von Sprachbewusstsein eingegangen werden.
2.1.2.2 Sprachbewusstsein und Sprachreflexion
Für die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Sprachbewusstsein und
Sprachreflexion, auf das in der Forschungsliteratur nur selten eingegangen wird,
erweist es sich als sehr hilfreich, den Sprachbewusstseinsbegriff hinsichtlich der in
ihm enthaltenen Ebenen näher zu betrachten.
Begriffsebenen
Der Sprachbewusstseinsbegriff vereint in sich eine potentielle, eine prozedurale
und eine resultative Ebene.
auf die man bewusst und explizit zurückgreifen kann, mit dem Begriff Bildungs- und
Erfahrungshintergründe wiedergeben. Diese umfassen sowohl erlernte Bildungsinhalte als auch die
Summe der sprachreflektorisch erworbenen Erfahrungen, die den Reflektierenden zum Rückgriff
auf diese befähigen und zudem auch die Basis weiterer Abstraktionen bilden.
56 Paul (1999a), S. 34.
31
Die potentielle Ebene des Begriffs umfasst alle metasprachlichen Äußerungen,
die ein Sprecher oder Schreiber (S/S) über ein bestimmtes sprachliches Thema
formulieren könnte. Sie beinhaltet damit alle dem S/S auf Basis der im Lauf seiner
sekundären kulturellen Sprachsozialisation erworbenen Bildungs- und
Erfahrungshintergründe möglichen explizierbaren und begründbaren
Sprachreflexionen.
Die prozedurale Ebene bezeichnet die Aktivität, in welcher der S/S über die
Aktualisierung eines bestimmten Bildungs- und/oder Erfahrungshintergrunds
Sprache explizit und begründbar reflektiert. Dies umschließt den konkreten
Reflexionsprozess, der im Fall einer Differenzerfahrung oder eines von der
einzelnen Differenzerfahrung abstrahierten Reflektierens über Sprache vollzogen
wird und der letztendlich in einem sprachlich fixierten Sprachreflexionsergebnis
sichtbar werden kann.
Eben jenes Ergebnis lässt sich als die im Sprachbewusstseinsbegriff
eingeschlossene resultative Ebene bestimmen, die uns in Form metasprachlicher
und metakommunikativer Äußerungen vorliegt. Diese Ebene bildet die
Analysebasis für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Komplex der
expliziten Sprachreflexionen und des Sprachbewusstseins.
Ausgehend von diesen Überlegungen kann man die Sprachreflexionen, die den
Kriterien des Sprachbewusstseinsbegriffs genügen, das heißt (auf Nachfrage)
hinreichend begründbar, bewusstseinsfähig und gehaltvoll sind, aufgrund ihres
stark aktionsbetonten Charakters der prozeduralen Ebene des Sprachbewusstseins
zuordnen. Blickt man auf die bisherige Verwendungsweise des
Sprachreflexionsbegriffs, so zeigt sich, dass er überwiegend auch auf diese Weise
gebraucht worden ist.
Während das Sprachbewusstsein also die allgemeine Fähigkeit zum begründeten
und gehaltvollen Sprechen oder Schreiben über sprachliche Themen umfasst,
stellen die expliziten Sprachreflexionen die konkrete Aktivität desselben dar.
Dies bedeutet andererseits, dass die dem oben ausgeführten Begriffsrahmen des
Sprachbewusstseins nicht entsprechenden Sprachreflexionen, wie die von
32
Ingendahl beschriebenen prozeduralen, nicht bewussten Reflexionen57, nach der
hier vorgeschlagenen Definition kein Teil des Sprachbewusstseins sind. Vielmehr
erweist es sich als sinnvoll, jene unbewussten Sprachreflexionen, die von ihrem
Charakter her stärker kognitiv als sprachlich einzuschätzen sind58, als Element der
allgemeinen Sprachkompetenz zu betrachten.
Ihre uneingeschränkte Einschätzung als Vorstufe der Bewusstwerdung59 ist
dagegen schwierig, da es nach den bisherigen empirischen Ergebnissen so zu sein
scheint, dass diese unbewussten Sprachreflexionen erst mittels der systematischen
Überformung durch Bildungs- und Erfahrungshintergründe, die während der
sekundären Sprachsozialisation erworben werden, einer begründeten expliziten
Thematisierung zugänglich sind. Es gilt also, den Gesamtbereich der
Sprachreflexion in seinem Verhältnis zum Sprachbewusstsein differenziert
einzuschätzen. Zusammenfassend lässt sich bezüglich der hier gewählten
definitorischen Bedingungen festhalten, dass alle diejenigen Sprachreflexionen,
die explizit, begründbar und damit auch bewusst sind, zum Sprachbewusstsein zu
zählen sind und zugleich dessen prozedurale Seite bilden.
2.1.2.3 Graduierbarkeit
Es ist nun ausgehend von der oben vorgenommenen Einschränkung des
Sprachbewusstseinsbegriffs auf die expliziten und begründbaren
Sprachreflexionen fernerhin nötig, nach deren Auswirkung auf die graduelle
Unterteilung des Sprachbewusstseins zu fragen. Die Diskussion um den
graduellen Charakter des Sprachbewusstseins setzt sich vor allem auch mit den
57 Siehe Ingendahl (1999), S. 120.
58 Vgl. Paul (1999a), S. 99.
59 Neuland (1993), S. 733f. verweist im Zusammenhang ihrer Darstellung zu den engeren
Sprachbewusstseinsauffassungen auf die Ansicht Wygotskis, dass sich das “eigentliche”, sich erst
durch den Grammatikunterricht und den Schriftspracherwerb entwickelnde Sprachbewusstsein nur
durch Explizitheit, Willkürlichkeit und Systematik von den Vorstufen der Bewusstwerdung
unterscheidet. Jedoch werden bei dieser Betrachtungsweise die Vorstufen und das eigentliche
Sprachbewusstsein in einem weitestgehend unbrüchigen Verhältnis zueinander wahrgenommen,
wogegen in der Forschungsliteratur immer wieder Bedenken erhoben worden sind, die letztlich
entscheidenden Einfluss auf die in meiner Studie versuchte Begriffsbestimmung genommen haben.
Siehe dazu auch Kapitel 2.1.1.2.
33
Fragen auseinander, welche Stufen das Sprachbewusstsein umfasst60 und ob man
von einem “falschen” Sprachbewusstsein sprechen kann61.
Durch die konsequente Anwendung der unter 2.1.2.1. genannten Kriterien fallen
einige Sprachbewusstseinsstufen, die in anderen Konzeptionen zum
Sprachbewusstseinsbegriff gezählt werden, an dieser Stelle heraus. Dies betrifft,
wie bereits oben dargelegt, im Besonderen den Bereich der unbewussten
Sprachreflexionen. Aber auch bei allen expliziten bzw. explizierbaren
Sprachreflexionen muss nachgefragt werden, ob die einzelnen Kriterien, die den
Sprachbewusstseinsbegriff bestimmen, in den jeweiligen Fällen erfüllt sind. Dies
betrifft bei den expliziten Sprachreflexionen hauptsächlich das Kriterium der
hinreichenden Begründbarkeit. Besteht nämlich die Begründung eines
Sprachteilnehmers bei Nachfrage aus einer bloßen Konstatierung von sprachlichen
Gewissheiten (z.B. “Das heißt eben so.”), ohne dass eine weiterführende
Begründung gegeben werden kann, so spricht einiges dafür, diese explizite
Sprachreflexion nach der oben gegebenen Begriffsdefinition nicht zum
Sprachbewusstsein zu zählen.
Für die Graduierbarkeit des Sprachbewusstseins bedeutet dies, dass man auf der
Basis des vorgestellten Definitionsansatzes die Stufung erst auf dem Grundniveau
der hinreichend begründbaren expliziten Sprachreflexionen ansetzen sollte, um
von da aus mittels der Bewertung der angegebenen Gründe die Stufen des
Sprachbewusstseins zu bestimmen.
Dafür bietet sich im Besonderen die oft im Zusammenhang mit der Einteilung der
Sprachbewusstseinsgrade zitierte Darlegung Eugenio Coserius zu den
Erkenntnisformen im Anschluss an Leibniz an. In diesem Sinn sind es
vornehmlich die cognitio clara distincta inadaequata und die cognitio clara
distincta adaequata, an denen sich die Graduierung orientieren kann. Erstere
umfasst bei Coseriu eine sichere, begründete Erkenntnis, bei der die Begründung
wissenschaftlich unangemessen (inadaequata) ist, zweitere eine sichere,
60 Vgl. z.B. die Definition Techtmeiers (1984), S. 394: “Wir definieren Sprachbewusstsein als die
mehr oder weniger entwickelte Fähigkeit, über Sprache reflektieren zu können (z.B. über
Gegebenheiten der sprachlichen Kommunikation, über einzelne sprachliche Erscheinungen, über
die Entwicklung oder Bewertung von Sprachlichem), sprachliche Ausdrucksmittel bewusst
einzusetzen und zu bewerten. Sprachbewusstsein ist ein gradueller Begriff.”
61 Vgl. Paul (1999a), S. 194.
34
begründete Erkenntnis, die wissenschaftlich angemessen (adaequata) vollzogen
wird.
Das bedeutet für die Graduierbarkeit des Sprachbewusstseins die Unterscheidung
zwischen zwei Hauptstufen, die dem Begriff des Graduellen entsprechend bereits
eine Entscheidung hinsichtlich des Wertes der den jeweiligen Stufen zuordenbaren
Sprachreflexionen einschließt. Ingwer Paul hat zu Recht darauf hingewiesen, dass
es sich bei den verschiedenen ’Stufen‘ – er unterscheidet in dieser Hinsicht
zwischen praktischer handlungsgebundener und “handlungsentlasteter”
wissenschaftlicher Sprachreflexion – nicht generell um mehr oder minder
“richtige” Sprachreflexionen handelt, sondern dass sie “aufgrund ihrer qualitativ
anderen Voraussetzungen und Interessen anders mit dem Reflexionsgegenstand”62
umgehen und dabei teilweise zu verschiedenen Ergebnissen kommen.
Die Einteilung der Sprachbewusstseinsgrade lässt sich mit Hilfe des Kriteriums
der Distanz vom “Auslöser” der Differenzerfahrung und dem damit
zusammenhängenden Abstraktionsgrad noch weiter präzisieren. Man kann davon
ausgehen, dass mit zunehmender Distanz und Abstraktion von der konkreten
Differenzerfahrung auch der Grad der Bewusstheit und Explizitheit der jeweilen
Sprachreflexion zunimmt, die die prozedurale Seite des Sprachbewusstseins
darstellt.63
Die expliziten Sprachreflexionen, die eingebunden in einen
Kommunikationsvorgang ablaufen und aufgrund der fehlenden Distanz zum
“Auslöser” und mangelnder Zeit zur Abstraktion notwendigerweise nur sehr kurz
ausfallen64, können jedoch im Rahmen einer anschließenden erneuten
62 Paul (1999b), S. 194.
63 Diesbezüglich lässt sich zu Pauls dichotomischer Unterscheidung zwischen
“handlungsentlasteter” wiss. und praktischer Sprachreflexion kritisch anmerken, dass es nicht
ausschließlich wissenschaftliche, von Linguisten ausgeführte Sprachreflexionen sind, die
“handlungsentlastet” ablaufen. So können m.E. auch spezifische Formen der künstlerischen und
der laienlinguistischen Sprachreflexion (z.B. die Überlegungen innerhalb der Volksetymologie) als
“handlungsentlastet” angesehen werden, da sie ebenso einen deutlichen Grad der Distanz und
Abstraktion enthalten.
64 Hierzu gehört zum Beispiel die oft vom Sprachteilnehmer wenig explizit thematisierte
Entscheidung für eine Sondersprache in einem bestimmten Kontext, der unter anderem darin
bestehen kann, dass sein Gesprächspartner ihn durch scheinbares oder offensichtliches Missfallen
zu einem Wechsel der Sprachvarietät bewegt.
35
Thematisierung eingehender und begründeter reflektiert werden. Darin besteht
auch ihr Potential in Richtung einer Steigerung der Adäquatheit hinsichtlich einer
sichereren und begründeteren Sprachreflexion und der damit verbundenen
bewussteren Wahrnehmung der Erfahrungs- und Bildungshintergründe, die in den
jeweiligen Sprachreflexionsformen aktualisiert werden. Aus diesem Grund ist
dem als Sprachwissenschaftler reflektierenden Sprachteilnehmer im Sinne
Coserius sicher die höchste Adäquatheit zuzusprechen, da hier auf die
systematischste, expliziteste, objektivste und abstrakteste Weise reflektiert wird.
Diese Art der Sprachreflexion beinhaltet die Fähigkeit zur weitreichendsten
“Begründung der Gründe” und nimmt somit auch die exponierteste Stufe des
Sprachbewusstseins bezüglich der Kriterien Begründbarkeit, Explizitheit und
Bewusstheitsgrad ein. Dagegen sieht sich ein Sprachteilnehmer, der sich im
Rahmen einer Sprachreflexion auf in der Schule erworbene grammatikalische
Kenntnisse beruft, oft nicht in der Lage, weitere “wissenschaftlich” adäquate
Gründe für diese Begründungen anzugeben und bleibt somit auf der ersten
Metaebene der Sprachreflexion stehen, da es sich bei seinen
Grammatikkenntnissen nicht selten um bloßes “Anlernwissen” handelt. Gerade an
diesem Beispiel wird deutlich, welche wichtige Rolle die Kriterien der
Begründbarkeit und Abstraktion für die Graduierung des Sprachbewusstseins
spielen, da diese letzlich den entscheidenden Ausschlag für die Einschätzung einer
Sprachbewusstseinsstufe geben.
Zusammenfassend kann man also zur Frage nach der Graduierbarkeit des
Sprachbewusstseins feststellen, dass die einzelnen Stufen nach dem Grad der
Adäquatheit der explizierbaren Begründungen einteilbar sind. Diese hängen
wiederum mit der zunehmenden Abstraktion vom “Auslöser” der
Differenzerfahrung zusammen.
Die unterste Stufe bildet gemäß des hier vertretenen Definitionsansatzes demnach
ein Sprachbewusstsein, welches sich in einer Sprachreflexion entäußert, die zwar
(auf Nachfrage) unter Einbezug von Bildungs- oder Erfahrungshintergründen
erklärt und begründet werden kann, wobei jedoch die angegebenen Erklärungen
nicht den wissenschaftlichen Adäquatheitskriterien genügen. In dem Maß, in dem
die Erfüllung dieser Kriterien zunimmt, ist demzufolge auch von einem höheren
bzw. deutlicher ausgebildeten Sprachbewusstsein zu sprechen.
36
Der Gegenstand der Sprachreflexionen
An dieser Stelle ist es nötig, auf eine weitere Einteilungsmöglichkeit hinzuweisen,
die sich im Hinblick auf das Sprachbewusstsein und vor allem auf die
Sprachreflexionsbereiche vornehmen lässt. Orientiert sich die Unterteilung des
Sprachbewusstseins in Stufen besonders an der Frage nach einer hierarchischen
Gliederung, so lässt sich auch bezüglich des Gegenstands der einzelnen
Sprachreflexionen noch eine zusätzliche Differenzierung vornehmen.
Werner Ingendahl hat diesbezüglich für die Sprachreflexionsformen eine
Unterscheidung nach den menschlichen “Erfahrensmodi”65 vorgeschlagen. Er
ordnet die expliziten Sprachreflexionen einem alltagspraktischen, einem
theoretischen, einem ästhetischen und einem ethisch-moralischen
Erfahrungsmodus zu. Mit der Zuordnung einzelner Sprachreflexionen zu den
Erfahrungsmodi verbindet sich auch eine Bestimmung der Ziele der
Reflektierenden. So geht es in der alltagspraktischen Sprachreflexion um die
sprachhandlungseingebundene Lösung von Verständigungsproblemen, in der
theoretischen Sprachreflexion “um eine wahre Erkenntnis66, in der ästhetischen
Sprachreflexion um sinnliches und phantasierendes Spiel sowie szenisches
Erproben sprachlicher Möglichkeiten”67 und in der ethisch-politischen
Sprachreflexion um die “Rechtfertigung oder Kritik sprachlich gelebten Lebens.”68
Nach diesen allgemein ausgerichteten Überlegungen zum
Sprachbewusstseinsbegriff, dem Verhältnis von Sprachbewusstsein und
Sprachreflexion, zu der Möglichkeit der graduellen Einteilung des
Sprachbewusstseins und der Unterscheidung von Sprachreflexionsformen nach
ihrem Gegenstandsbereich sollen nun im Folgenden die Ergebnisse dieser
generellen Betrachtungen auf den speziellen Fall der historischen Fragestellung
nach dem Sprachbewusstsein bezogen und für diesen fruchtbar gemacht werden.
Neben grundsätzlichen Aussagen zur Möglichkeit eines spezifisch historischen
Ansatzes gilt es auch, die Grundlagen zu erläutern, die für die Analyse des im
Rahmen dieser Studie gewählten Untersuchungsgegenstands angewandt worden
sind.
65 Ingendahl (1999a), S. 57ff.
66 Ebd., S. 60.
67 Ebd.
68 Ebd.
37
2.1.2.4 Die Spezifik des historischen Ansatzes
Die Besonderheit der historisch orientierten Sprachbewusstseinsanalyse ist
hauptsächlich durch den Charakter des Untersuchungsmaterials bedingt. Dieses
kommt in seiner Eigenschaft als historisches Zeugnis in abgeschlossener, nicht
mehr beeinflussbarer Form und zumindest bis ins 19. Jahrhundert in schriftlicher
Gestalt auf uns. Im Gegensatz zu heutigen Untersuchungen, in denen der
Wissenschaftler anhand von Interviews oder Fragebögen Zugriff auf das
Sprachbewusstsein und zudem auch Auskunft über den Sprachbewusstseinsgrad
einer Testperson erhalten kann, indem er Sprachreflexionen durch konkretes
Nachfragen oder Simulationen anregt oder hinterfragt und den
Sprachreflexionsprozess somit aktiv beeinflusst, bleibt der Blick bei einer
historischen Sprachbewusstseinsanalyse auf die expliziten
Sprachreflexionsresultate beschränkt, die sich in den Quellen nachweisen lassen.
Mit dieser allgemeinen Feststellung ist verbunden, dass die methodischen
Überlegungen zu einer historischen Analyse des Sprachbewusstseins
notwendigerweise eigene Wege suchen müssen, um trotz all der quellenbezogenen
Probleme, die sich im Allgemeinen mit der Analyse historischer Texte verbinden,
zu Ergebnissen zu kommen, die die bisherigen Forschungsergebnisse in der
Sprachgeschichte und der Historiographie der Sprachwissenschaft vertiefen und
ergänzen können.
Eine der Konstanten der Sprachbewusstseinsanalyse besteht in ihrer
grundsätzlichen Ansatzmöglichkeit auf der resultativen Ebene des
Sprachbewusstseins, da sie eben nur auf “passive” und resultatorientierte Weise in
der Lage ist, sich dem Sprachbewusstsein eines Textproduzenten anzunähern. Die
zu der resultativen Ebene zählenden Äußerungsakte des Sprachbewusstseins
müssen jedoch differenziert wahrgenommen werden. So zeugen neben den
explizit metasprachlichen Passagen ebenso die Textstrategien69 vom
Sprachbewusstsein ihres Produzenten, da z.B. auch die Auswahl bestimmter
Textmuster, Termini und stilistischer Mittel eine bewusste Reflexion über Sprache
voraussetzt.
Ausgehend von der Definition, dass unter Sprachbewusstsein die Fähigkeit zum
69 Zum Begriff der Textstrategien siehe Heinemann / Viehweger (1991), Textlinguistik, S. 212ff.
38
begründeten und gehaltvollen Sprechen oder Schreiben über Sprache zu verstehen
ist, bei dem je nach dem problematisierten Gegenstand und den kommunikativen
Absichten des sprachlich Reflektierenden ein der Situation angemessener
Bildungs- und Erfahrungshintergrund in Form einer expliziten Sprachreflexion
aktualisiert werden kann, ist es zunächst nötig, genau zu überprüfen, welche
Äußerungen in den historischen Texten den Definitionskriterien des
Sprachbewusstseins genügen. Durch den Charakter der Quellen, die keine aktive
Einflussnahme des Forschers zulassen, ist man gezwungen, nur die Textsequenzen
als Analysebasis heranzuziehen, die dem Sprachbewusstsein aufgrund ihrer
Merkmale eindeutig zuzuordnen sind. Dazu zählen Textstellen, bei denen im
Rahmen des Reflektierens über Sprache ein Bildungs- und/oder
Erfahrungshintergrund aktualisiert wurde, der als während der sekundären
Sprachsozialisation erworbener rekonstruierbar ist und somit die Grundlage für
eine bewusste, begründbare und erklärbare Sprachreflexion bildet. Diese können
uns einerseits in Form der im Zusammenhang mit der Textproduktion erfolgten
Sprachreflexionen begegnen, die für uns nur noch am schriftlich fixierten
Ergebnis ablesbar sind, so z.B. an der Einhaltung eines normierten äußeren und
inneren Textaufbaus bei bestimmten Textsorten70, an der Entscheidung
hinsichtlich der Sprachwahl (Deutsch oder Latein), an formelhaften
Textelementen und der Verwendung von Fachwortschatz etc. Andererseits finden
wir sie aber auch in Form von im Text eigens thematisierten expliziten
Sprachreflexionen, in denen eine Überlegung über “Sprache” ausdrücklich
dargelegt wird.
In diesem Sinn versteht sich eine historische Sprachbewusstseinsanalyse auch als
Versuch der Rekonstruktion des Reflexionsprozesses, in den wir mittels der uns
vorliegenden Sprachreflexionsresultaten über die Rückerschließung der jeweils
aktualisierten Bildungs- und/oder Erfahrungshintergründe zu einem bedingten
Grad Einblick gewinnen können.
Daher ist es bei der Analyse historischer Texte unter dem Aspekt der aus ihnen
ableitbaren Erkenntnisse über das Sprachbewusstsein eines Textproduzenten von
eminenter Wichtigkeit, nach den Bildungs- und Erfahrungshintergründen zu
fragen, die seinen Äußerungen zu Grunde liegen, da deren Erschließung erst ein
70 Als Beispiel hierfür lässt sich die Praxis mittelalterlicher medizinischer Traktate anführen.
39
wirkliches Verständnis des historischen Sprachbewusstseins erlaubt. Um sich den
Bildungs- und Erfahrungshintergründen im Einzelfall annähern zu können, ist es
zunächst nötig, sich im Rahmen der Sprachbewusstseinsanalyse mit der Geistes-
und Wissenschaftsgeschichte der jeweils untersuchten Epoche zu beschäftigen.
Nur auf dieser Basis ist es möglich, individuelle Sprachreflexionsresultate in
ihrem übergeordneten historischen Rahmen zu interpretieren und zu verstehen.
Denn erst die Kenntnis dominanter sprachtheoretischer, grammatikalischer,
rhetorischer, theologischer und philosophischer Sprachauffassungen befähigt uns
zur Rekonstruktion der Hintergründe, die der einzelne Textproduzent in seinen
Sprachreflexionen aktualisiert, und damit auch zu Aussagen über Elemente seines
Sprachbewusstseins.
Dies ist vor allem aufgrund der zeitlichen Distanz, die zwischen den heutigen und
den vergangenen Formen der Sprachbetrachtung liegt, unerlässlich. Da wir zum
größten Teil nicht mehr dieselben Bildungs- und Erfahrungshintergründe teilen,
verbindet sich mit der Frage nach dem Sprachbewusstsein historischer Personen
auch die Notwendigkeit, die betreffenden historischen Bildungs- und
Erfahrungshintergründe weitestgehend zu erschließen. Die Kenntnis der oben
genannten allgemeinen Wissensinhalte, die in ihrer Verbreitung über weltliche
und kirchliche Bildungseinrichtungen und Institutionen das individuelle
Nachdenken über Sprache sehr stark beeinflussten, ermöglicht uns einen ersten
Einblick in den historischen Rahmen, in dem das zu erforschende
Sprachbewusstsein seinen Platz innehatte. Dafür empfiehlt sich besonders der
Ansatz der Diskursanalyse, bei dem eben jene Themen untersucht und dargestellt
werden, die die Denkweisen und den Sprachgebrauch einer Zeit entscheidend
prägten und diese in ihrem intertextuellen Verweischarakter erschließen.71
Um aber individuelle Züge des Sprachbewusstseins eines Textproduzenten
nachzeichnen zu können, ist es neben der Kenntnis der dominanten
Sprachauffassungen wichtig, über den Einbezug biographischer Daten die
Verortung des Textproduzenten in den allgemeinen Diskursen seiner Zeit zu
erschließen. Dies ist z.B. möglich, indem man seine Bildungslaufbahn, seine
Herkunft, seine gesellschaftlichen Kontakte oder auch direkte oder indirekte Zitate
71 Zur Wissenschaftsgeschichte vor allem der linguistischen Diskursanalyse siehe Bluhm
u.a.(2000), S. 3ff.
40
in Verbindung zu seinen sprachreflektorischen Aussagen setzt. Im Rückschluss
erhält man mittels einer Untersuchung des Sprachbewusstseins einzelner
Textproduzenten wichtige Erkenntnisse sowohl über die individuelle Verarbeitung
zeitgenössischer Debatten als auch über Fragen der Identität und Mentalität72 und
damit ebenso über Konstanten und Traditionen in der Sprachwahrnehmung.
Hinsichtlich der möglichen Untersuchungsrichtung einer historisch orientierten
Sprachbewusstseinsanalyse sind somit grundsätzlich drei Ansätze denkbar:
Zum ersten könnte man Ausschnitte des individuellen Sprachbewusstseins eines
Textproduzenten mittels der Sichtung und Analyse einzelner den
Definitionskriterien des Sprachbewusstseins genügenden Textstellen
erschließen. Die Untersuchung bezieht sich dabei auf Einzeltexte und hat die in
ihnen vorkommenden expliziten Sprachreflexionen als Analysebasis. Da sich in
den Texten meist eine Vielzahl von verschiedenen sprachreflektorischen
Elementen findet, empfiehlt es sich, diese unter einem festgelegten Aspekt (so
z.B. der Frage nach ethisch-politischen, theoretischen oder ästhetischen
Sprachreflexionen, oder auch nach der Art und Motivation von Textstrategien73)
zu untersuchen und zu klassifizieren. Diese Untersuchungsrichtung bleibt in ihrer
Vorgehensweise stark an die Quellen gebunden, da letztlich alle Ergebnisse
anhand der Analyse von konkreten Textstellen gewonnen und dargestellt werden.
Eine zweite Möglichkeit der Untersuchungsrichtung könnte aus dem Versuch
bestehen, aus einer Reihe von analysierten Sprachreflexionsformen in Verbindung
mit biographischen und zeitgeschichtlichen Kenntnissen den gesamten Komplex
des Sprachbewusstseins eines Textproduzenten im größtmöglichen Maß zu
rekonstruieren. Dies ist insbesondere dann denkbar, wenn von ihm z.B. einem
Schriftsteller eine größere Anzahl von Texten erschließbar und zur Analyse
heranziehbar ist und somit umfangreiche Untersuchungsergebnisse zu erwarten
72 “Wenn es zutrifft, dass Sprache das effektivste Zeichensystem ist, um eine kulturelle Umwelt zu
schaffen und funktionsfähig zu halten, dann ist Sprachbewusstsein eine elementare Funktion der
Identität. Das Sprachbewusstsein vermittelt dem Individuum die erforderliche Motivation,
Sprache als Instrument des Kulturschaffens im Prozess der Identitätsfindung einzusetzen.“
Haarmann (1999), S.91.
73 Das bietet sich besonders bei Texten an, in denen sich entweder keine eigens zum Thema
gemachten Sprachreflexionen finden, oder aber ein Vergleich zwischen diesen und ihrer
textstrategischen Umsetzung angestrebt wird.
41
sind, von denen man die Spannweite und die Stufe seines Sprachbewusstseins
abstrahieren kann. Jedoch behält diese Untersuchungsrichtung stets den Charakter
einer spekulativen Annäherung, da man wegen der im Fall der historischen
Forschung fehlenden Möglichkeit zur aktiven Befragung einer Testperson
keinerlei Zugriff auf die potentielle Ebene des Sprachbewusstseins hat, sondern
eben einzig auf die Sprachreflexionsresultate angewiesen ist, die man in den
Quellen nachweisen kann. Weiter reichende Vermutungen über die potentielle
Ebene seines Sprachbewusstseins sind demnach nur anhand der Kenntnis seiner
Biographie und seines Bildungswegs aufzustellen.
Die dritte, bereits methodisch vorbereitete Untersuchungsrichtung74 zielt über die
Erforschung des individuellen Sprachbewusstseins hinaus auf die Analyse des
kollektiven Sprachbewusstseins einer Gemeinschaft ab. Dafür werden in einer
größeren Anzahl von Texten die miteinander vergleichbaren Sprachreflexionen
gesammelt, untersucht und hinsichtlich ihrer Gemeinsamkeit ausgewertet, um so
im Besonderen Erkenntnisse zu Mentalitäts- und Identitätsphänomenen einer
Sprachgemeinschaft in einem bestimmten Zeitraum und im diachronen Vergleich
zu gewinnen.75
Der Wert aller drei Ansätze besteht unter anderem in ihrem Anspruch, über die
Erforschung des individuellen und kollektiven Sprachbewusstseins tiefer
reichende Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen sprachexternen
Faktoren76, der Wahrnehmung und Darstellung von Sprache und dem
Sprachgebrauch zu einer bestimmten Zeit zu gewinnen.
74 Vgl. etwa die Arbeit Brigitte Dörings zum “öffentlichen Sprachbewusstsein”, die als Beitrag
zur Erforschung kollektiven Sprachbewusstseins verstanden werden kann und auf die Erschließung
bestimmter Veränderungen im Sprachbewusstsein einer Gruppe von Sprachteilnehmern
ausgerichtet ist. “Von ´öffentlichem Sprachbewusstsein´ für die frühe Neuzeit sprechen heißt also
die Frage stellen, wann und auf welche Weise Gegenstände der Sprachreflexion ins Bewusstsein
einer immer größer werdenden Anzahl von Sprachteilnehmern gerückt werden, auf welche Weise,
mit welchen Abstufungen, in welchen Quellen und wie jeweils dieses Bewusstsein reflektiert wird.”
Döring (1999), S. 41.
75 Vgl auch Scharloth (2005), der sich in seiner Arbeit mit den Sprachnormen und Mentalitäten
zwischen 1766 und 1785 auseinander setzt.
76 Diese sind Teil der Bildungs- und Erfahrungshintergründe. Zu ihnen gehört z.B die Kenntnis
sozialer Normen im Sprachgebrauch oder speziell für die Frühe Neuzeit das Wissen um das
dominante christlich-neuplatonische Weltbild.
42
Indem sie die genannten Sachverhalte berücksichtigt, ist Sprachgeschichte auch
die Konkretion fortwährender Sprachreflexionen, wobei historischer Veränderung
unterliegt, welche Fragen des Sprachgebrauchs zu einer bestimmten Zeit als
problematisch gelten, welche spezifischen Weisen des Nachdenkens über Sprache
für die Kommunikation, d.h. den Kommunikationspartner expliziert, öffentlich
gemacht werden.77
In eben dieser Hinsicht lässt sich die historische Sprachbewusstseinsanalyse in
ihrer Zugehörigkeit zur Sprachbewusstseinsgeschichte der Sprachgeschichte
zuordnen, ergänzt und vertieft deren Forschungsergebnisse jedoch in wesentlichen
Punkten. Vor allem die bisherigen Erkenntnisse zur Sprachgeschichte in der
Gestalt einer “Idee von Sprachgeschichte”, nämlich als das “von Trägern
sprachbezogenen Wissens (Sprachphilosophen, -wissenschaftlern, -ideologen) aus
jeweils besonderen zeitgenössischen Konstellationen heraus entworfene,
sinnstiftende, von Rezipienten übernehmbare, gesellschaftlich funktionalisierte
Bild von Herkunft, der Gegenwart und der Zukunft einer Sprache”78, werden
durch sie entscheidend weiterentwickelt. Denn gerade in den Arbeiten der
Sprachbewusstseinsgeschichte wird besonders deutlich, welchen entscheidenden
Einfluss die “zeitgenössischen Konstellationen” auf das Thematisieren von
Sprache nehmen und welche überzeitlichen Konstanten diesbezüglich zu
beobachten sind.
Zudem kann die Sprachbewusstseinsgeschichte ebenfalls einen wichtigen Beitrag
zur Verknüpfung der bisher getrennten Bereiche von äußerer Sprachgeschichte
und Sprachformengeschichte leisten79 und so einen vollständigeren Blick auf
Sprache und Sprachbewusstsein als historische Größen ermöglichen. Denn neben
den ‘objektiven’ Sprachdaten, welche die Forschungsgrundlage der traditionellen
Sprachgeschichte bilden, bezieht sie auch die ‘subjektiven’ Größen
Sprachbewusstsein und Sprachreflexion (als dessen prozedurale Aktionsform) ein.
Mit Hilfe dieser Größen kann der konkrete Einfluss sprachexterner Faktoren auf
den Sprachgebrauch wahrnehmbar werden, wenn die betreffenden Faktoren in den
Sprachreflexionen thematisiert und in den aus ihnen resultierenden Textstrategien
ablesbar sind, beziehungsweise aus den in ihnen aktualisierten Bildungs- und
77 Döring (1999), S. 39.
78 Reichmann (1998), S. 1.
79 Vgl dazu von Polenz (1995), S. 39ff.
43
Erfahrungshintergründen erschlossen werden können. Darin entspricht die
Sprachbewusstseinsgeschichte vollkommen den Forderungen der
kulturgeschichtlich orientierten Sprachgeschichtsschreibung, die ihre Aufgabe in
einer interdisziplinären Erweiterung der bisherigen Sprachgeschichte sieht:
Sprachgeschichtsschreibung bedeutet danach, den Wandel sprachlicher
Phänomene vor dem Hintergrund der Geschichte u.a. der Philosophie, der
Religion, des politischen Denkens, der gesellschaftlichen Institutionen,
selbstverständlich auch der Kunst (speziell der Literatur) und der Sozialgeschichte,
bis hin zu einer Geschichte der >Mentalitäten< und einer >Alltagsgeschichte< zu
beschreiben und zu beurteilen.80
In welchem Maß die historische Sprachbewusstseinsanalyse nun in der Lage ist,
zur Erforschung der Sprachgeschichte und insbesondere der
Sprachwissenschaftsgeschichte (die sich unter anderem mit der historischen
Entwicklung der “Ideen von Sprachgeschichte” beschäftigt) unter Beachtung
soziokultureller Rahmenbedingungen neue und weiter reichende
Forschungsergebnisse zu liefern, soll in dieser Studie an einer konkreten
Untersuchung zum Sprachbewusstsein in historischen grammatikographischen
Texten festgestellt werden. Die übliche Zuordnung von Grammatiktexten zum
Untersuchungsfeld der Sprachwissenschaftsgeschichte legt nahe, dass ein
besonderer Akzent auf der Diskussion ihrer Ergebnismöglichkeiten für diese
liegen wird.
Schaut man zurück auf die oben genannten Möglichkeiten hinsichtlich der
Untersuchungsrichtung, kann man von allen drei vorgestellten Ansätzen den
ersten als die Untersuchungsrichtung der historischen Sprachbewusstseinsanalyse
bezeichnen, bei der auf elementarster und detailliertester Stufe nach der
Beschaffenheit des Sprachbewusstseins in historischen Quellen gefragt wird und
deren Ergebnisse die Grundlage für weiter reichende und abstraktere Befunde zum
Gehalt des Sprachbewusstseins einer Epoche ermöglichen. Aus diesem Grund
habe ich mich im Rahmen dieser Untersuchung bemüht, genau jenen
grundlegenden Ansatz methodisch zu fassen, da die methodischen Grundlagen für
die Erforschung des historischen individuellen Sprachbewusstseins bis zu diesem
Zeitpunkt noch nicht in dieser expliziten Form erarbeitet worden sind.
80 Gardt, Haß-Zumkehr, Roelcke (1999), S. 1f.
44
Bevor ich mich jedoch im Speziellen mit der Methodik einer auf historische
Grammatiktexte orientierten Analyse beschäftige, ist es zunächst angeraten, sich
eingehender mit der Spezifik des Sprachbewusstseins in grammatikographischen
Texten und den Auswahlgründen für jene Texte zu beschäftigen.
2.1.3 Grammatikographische Texte als Analysegegenstand
Grammatikographische Schriften gehören zu den Texten, die sich auf intentionale
Weise mit dem Thema “Sprache” beschäftigen. Sie sind somit schon wegen ihres
Darstellungsgegenstandes als verschriftlichte Sprachreflexionsresultate anzusehen.
Die Art des Sprachbewusstseins, das in ihnen sichtbar wird, ist vorwiegend
geprägt von einem speziellen wissenschaftlichen Bildungshintergrund und einer
dementsprechenden Motivation. Die Mehrzahl der Sprachreflexionen, die uns hier
begegnen, lassen sich folglich als wissenschaftliche, “handlungsentlastete”81
Sprachreflexionen und somit als Aktivitäten eines Sprachbewusstseins auf seiner
höchsten Stufe, der cognitio clara distincta adaequata, bestimmen und gehören
dem theoretischen Erfahrungsmodus an.
Damit zählen die Grammatiken neben den Sprachharmonien, Wörterbüchern,
sprachphilosophischen Schriften u.a.82 zu den Texten, in denen die explizite
Sprachreflexion auf einer vom fortlaufenden Kommunikationsprozess
abstrahierten Ebene vollzogen wird. Die bisherigen Darstellungen zum
Sprachbewusstsein oder zur Sprachreflexion bezogen jedoch die
grammatikographischen Texte kaum mit ein, sondern beschäftigten sich
vornehmlich mit allgemeinen sprachtheoretischen und sprachphilosophischen
Schriften. Fand eine Auseinandersetzung mit der Grammatikographie statt, so
hatte diese die philosophischen Grammatiken zum Gegenstand.
Innerhalb der Forschungsliteratur zur deutschen Grammatikographie fehlt jedoch
im Besonderen für die Anfänge der volkssprachlich orientierten
Grammatikliteratur im 16. und 17. Jahrhundert eine
81 Siehe Paul (1999a), S. 59ff.
82 Einen Einblick in die frühneuhochdeutsche Vielfalt solcher Quellen vermittelt Gardt (1999), S.
45ff.
45
Sprachbewusstseinsbetrachtung.83 Die vorliegenden Arbeiten beschränken sich auf
die Analyse und Darstellung der sprachsystematischen Befunde jener Schriften
und bewerten diese im Hinblick auf die Entwicklungsgeschichte der
Grammatikschreibung bis zur Neuzeit. Das Problem bei einer solchen
Betrachtungsweise besteht jedoch in der verkürzten Einsicht in die
soziokulturellen Rahmenbedingungen, die den einzelnen Grammatiktexten zu
Grunde liegen. Während uns neuzeitliche Grammatikschriften in ihrer
Sprachthematisierung und bezüglich ihres Bildungs- und Erfahrungshintergrunds
zugänglicher sind, da hier Wissenschaftler wie Nutzer sich im gleichen Diskurs
befinden84, liegt das Problem bei der Analyse von historischen
Grammatikschriften in der Distanz zwischen dem damaligen diskursiven Rahmen
und dem heutigen. Zwar wurde in den Forschungsarbeiten immer wieder auf
zentrale Punkte der frühneuzeitlichen Grammatikographie wie z.B. die Dominanz
der lateinischen Grammatiktradition, den Einfluss der Alphabetisierungswelle in
der Folge der Verbreitung des Buchdrucks, den Aufstieg der Volkssprachen usw.
hingewiesen, doch geschah dies zumeist in allgemein konstatierender Weise und
nicht in der Auseinandersetzung mit den einzelnen Grammatikographen und den
jeweiligen Texten.
In der im dritten Teil dieser Arbeit durchgeführten Sprachbewusstseinsanalyse
geht es dagegen genau um jene individuellen Aspekte des Sprachbewusstseins, die
sich in den Quellen eruieren lassen. Durch die Offenlegung der in den einzelnen
Sprachreflexionen aktualisierten Bildungs- und Erfahrungshintergründe lassen
sich Einblicke in die Fundamente frühneuzeitlicher Wissenschaftlichkeit
hinsichtlich der Betrachtung der deutschen Sprache gewinnen. Damit verbindet
sich eine tiefere und detailliertere Einsicht in die Anfangsgründe der
wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sprache, die über die Ergebnisse der
bisherigen Auseinandersetzung mit historischen Grammatiken auf der Stufe der
Beschreibung von dort enthaltenen sprachsystematischen Inhalten, dem Vergleich
dieser Inhalte mit der grammatikographischen Tradition und der Einordnung
83 In der Romanistik liegt dagegen für das 18. Jahrhundert eine umfangreiche Arbeit zum
Themenbereich Grammatikschreibung im Spannungsfeld von Philosophie und Sprachreflexion
vor. Siehe Hoinkes (1991).
84 Die größte Überschneidung von gemeinsamen diskursiven Kenntnissen wird sich natürlich unter
vergleichbar qualifizierten Diskursteilnehmern finden, z.B. unter Linguisten.
46
dieser Ergebnisse in den Standardisierungsprozess der deutschen Sprache
hinausgeht.
Der besondere Wert einer auf das Sprachbewusstsein orientierten Analyse
historischer Grammatiktexte liegt diesbezüglich in der Wahrnehmung und
Untersuchung des Charakters des individuellen Sprachbewusstseins, welches sich
in den Quellen aufzeigt und das in seiner Beschaffenheit als einem weitestgehend
der cognitio clara distincta adaequata entsprechenden Sprachbewusstseinsgrad
auch starken Einfluss auf die Sprachreflexionen der im 19. Jahrhundert
institutionalisierten Sprachwissenschaft hat. Indem diese Texte nämlich auf
explizite Weise einige besonders durch die Lateintradition normierte
Sprachauffassungen transportierten und in ihrer pädagogischen Orientierung auch
für eine Weitervermittlung dieser “Konstanten” an Lehrer und Schüler einstanden,
zeigt sich in ihnen eine Beständigkeit der Grammatikbeschreibung, die sich
teilweise bis in unsere Zeit fortgesetzt hat und zu einem nicht geringen Anteil
auch in das Fundament der späteren Sprachwissenschaft eingegangen ist.
In dieser Hinsicht ist es von großem Interesse zu überprüfen, wie die einzelnen
Grammatikographen die Traditionslinien aufgriffen und verarbeiteten, bzw. ob
und in welcher Form sie Überlegungen zu eigenständigen Beschreibungsmustern
für die Muttersprache unternahmen und worin die Gründe hierfür liegen. Auf
diese Weise wird fassbar, welche expliziten Sprachreflexionen über die deutsche
Sprache sich in der Folge durchgesetzt haben und welche wieder vergessen
worden sind. Durch die Beachtung der Hintergründe wird zugleich deutlich, aus
welchen Quellen sich die verschiedenen Sprachauffassungen in dieser Zeit
speisten, bevor sie im 19. Jahrhundert einen weitestgehend diskursautonomen
Weg gingen.
Im Einbezug soziokultureller Hintergründe in die Untersuchung von
Grammatiktexten knüpft diese Studie an die Thesen der kulturwissenschaftlichen
Sprachgeschichtsschreibung an, die die Grammatiken (sowohl in Form der
Grammatikschreibung als auch in Form des Objekts jener Grammatikschreibung,
nämlich als Grammatik einer Sprache) als kulturelles Produkt betrachtet:
Wenn die Grammatikographie keine positivistische “Faktenwissenschaft” ist,
die die grammatischen Spezifika einfach vorfindet und dann hinschreibt, sondern
wenn sie ihren Gegenstand konstruiert, dann müssen diese Konstruktionen nach
irgendwelchen Kriterien verlaufen, d.h. es muss irgendeinen Grund geben, warum
47
in einem jeweiligen Falle gerade diese und nicht irgendeine andere Grammatik
geschrieben wird. Diese Kriterien können entweder biologisch-anthropologisch
bedingt (und damit mehr oder weniger Konstanten) oder aber kulturell bedingt
sein. Falls letzteres zutrifft, müßten sich doch Einflüsse kultureller [...]
Entwicklung auf die Grammatikschreibung aufzeigen lassen.85
Ausgehend von dieser Vermutung, ist zunächst auch der Frage nachzugehen, was
unter diesen veränderten Vorzeichen der kulturwissenschaftlich orientierten
Sprachgeschichtsschreibung unter ‘Grammatik’ verstanden wird. Vilmos Ágel hat
im Rahmen seiner Auseinandersetzung mit diesem Problem herausgestellt, dass
neben der Lexik auch die grammatische Struktur selbst von soziokulturellen
Einflüssen abhängig ist. Er geht davon aus, dass die grundsätzliche Idee von
Grammatik” zu den “literalen Ideen”86 zu zählen ist, d.h., dass diese sich erst im
Kontext der Ausbildung der Alphabetisierung in der uns bekannten Form
herausgebildet hat.
Unsere Vorstellungen von grammatischen Relationen und Strukturen
entstammen der durch die Alphabetkultur begründeten und durch die Buchkultur
totalisierten zweidimensionalen Visualisierungskultur. Die Visualisierung,
Statisierung und Verdinglichung des Sprechens in der und durch die
Alphabetkultur drängen nicht nur den Handlungscharakter des Sprechens in den
Hintergrund, sondern sie stellen auch den Darstellungscharakter der Sprache in
den Vordergrund.87
Erst vor dem Hintergrund der an die Schriftkultur gebundenen Notwendigkeit
einer Fixierung sprachlicher Regularitäten, bei der sich um die Erfassung und
Beschreibung von dem Sprechen zuordenbaren Strukturen bemüht wird, um diese
lehrbar und verstehbar zu machen, entwickelte sich auch die “Idee von
Grammatik”. Im Gegensatz zum Ansatz der philosophisch orientierten
Grammatikbetrachtung88 steht die Entwicklung der philologischen
Grammatikschreibung in engster Verbindung mit der Sprachvermittlung an Nicht-
Muttersprachler und ist vor allem von der Wahrnehmung des Spannungsfeldes
85 Auszug aus einem Begleitbrief zu einer Einladung zur Tagung “Sprachgeschichte als
Kulturgeschichte”. Zitiert nach Àgel (1999), S. 172.
86 Ebd., S. 174.
87 Ebd.
88 Zu deren Inhalten bei den altgriechischen Philosophen siehe Baebler (1885), S. 1ff.
48
zwischen unterschiedlichen Sprachen geprägt. Der Gegenstand dieser
Grammatikschreibung ist die Grammatik einer Sprache, verstanden als ein
strukturelles Regelsystem, das in seiner Darstellungsweise als Ordnungsversuch
für die beobachteten Phänomene des Sprechens angesehen werden kann.
Es ist jedoch nicht beliebig, wie dieses System zu einer bestimmten Zeit gefasst
wird und auf welchen sprachlichen Gegebenheiten ein besonderer Akzent liegt, da
die Wahrnehmung von Sprache beziehungsweise von Sprechen und die auf sie
bezogenen Klassifizierungstendenzen von einer Vielzahl äußerer kultureller
Faktoren beeinflusst sind.
Die systematischen Ordnungskonstrukte in Form frühneuhochdeutscher
Grammatikschriften der deutschen Sprache sind es nun, die im Mittelpunkt dieser
Untersuchung stehen. Der Zugriff auf diese unter der Fragestellung nach dem
Sprachbewusstsein, bzw. im Rahmen der Sprachbewusstseinsgeschichte, scheint,
wenn man die obigen Ausführungen zum Sprachbewusstseinsbegriff und zur
historischen Sprachbewusstseinsanalyse betrachtet, in besonderem Maß geeignet,
genau diejenigen Forderungen der kulturell orientierten
Sprachgeschichtsschreibung nach der Erforschung soziokultureller Bedingungen
und Einflussnahmen auf die “Ideen von Sprachgeschichte” zu erfüllen.
Eine wesentliche Besonderheit grammatikographischer Texte liegt eben – wie
oben herausgestellt darin, dass uns in ihnen überwiegend wissenschaftliche
Sprachreflexionen und somit ein Sprachbewusstsein auf der Stufe der cognitio
clara distincta adaequata begegnen. Für die wissenschaftliche Sprachreflexion,
die sich durch den höchsten Grad an Abstraktheit und Distanz auszeichnet, stellt
Paul fest, dass diese jederzeit Adäquatheitsprüfungen unterzogen werden kann
“und ihre Entstehung, Diskussion und Tradierung allgemein akzeptierten und
explizierbaren Kriterien unterliegt”89. Genau jene Kriterien für die Bewertung
wissenschaftlicher Adäquatheit sind untrennbar mit der Tradition des jeweiligen
geistesgeschichtlichen Hintergrunds verbunden.90 Somit ist in einer historischen
Analyse, die die Adäquatheit wissenschaftlicher Sprachreflexionen in ihrer Zeit
untersuchen will, die Kenntnis der wissenschaftsgeschichtlichen
Rahmenbedingungen vorauszusetzen, da erst auf diesem Weg eine hinreichende
89 Paul (1999a), S. 1.
90 Als Beispiel sei hier auf die Adäquatheitskriterien verwiesen, die Grewendorf vor dem
Hintergrund der Generativen Grammatik nennt. Siehe Grewendorf (1990), S. 40.
49
Bewertung der Quellen möglich wird.
Denn das in Bezug auf die Grammatiktexte bisher überwiegend praktizierte
Vorgehen, welches darin besteht, die grammatikographische Sprachbetrachtung
einer Epoche mittels heutiger Adäquatheitskriterien zu beurteilen, stellt nur eine
Möglichkeit der Auseinandersetzung mit diesen Quellen dar, die jedoch die
Wahrnehmung der geschichtlichen Eingebundenheit der Texte zugunsten einer
Darstellung der Fortschrittsgeschichte jener grammatikographischen
Sprachbetrachtung von den Anfängen bis zur heutigen Zeit zurücktreten lässt.
Für einen anders gearteten Ansatz zur Untersuchung der
Sprachwissenschaftsgeschichte plädiert auch Herbert Brekle, wenn er in seiner
“Einführung in die Geschichte der Sprachwissenschaft” formuliert:
Dabei wird man [...] den Begriff der Sprachwissenschaft nicht in einem
methodologisch engen Sinne auffassen dürfen, also wiederum nicht von heutigen
wissenschaftstheoretischen Kriterien ausgehen dürfen, sondern soweit wie
möglich unter Berücksichtigung der unter den jeweiligen historischen
Bedingungen gegebenen Motivationen und Interessenlagen für die Beschäftigung
mit den sprachlichen Fragen eine schrittweise Rekonstruktion eines Modells des
jeweiligen sprach- bzw. grammatiktheoretischen Ansatzes versuchen.91
Ein Bestreben dieser Studie liegt dem Ansatz Brekles entsprechend in der
Bestimmung eben jener wissenschaftlichen Rahmenbedingungen, auf denen die
Sprachreflexionen in den grammatikographischen Texten fußen und die damit
auch die Basis für eine historische Adäquatheitsprüfung bilden.
Entgegen der instititutionalisierten (Sprach-)Wissenschaftspraxis der Neuzeit stellt
sich diese im Mittelalter und der Frühen Neuzeit als deutlich heterogener dar.
Besonders die Grammatikographen der deutschen Sprache sahen sich dem
Problem ausgesetzt, die institutionell noch nicht gebundene Beschäftigung mit der
Muttersprache vor dem Hintergrund der lateindominierten etablierten
Bildungstradition zu rechtfertigen.
In einer Zeit, in der die Standardisierung der deutschen Sprache erst zum
politischen Diskussionspunkt wurde92, verknüpfte sich z.B. allein mit der Frage
nach der Sprachrichtigkeit eine Vielzahl soziokultureller Argumente, die alle in
91 Brekle (1985), S. 3.
92 Zur Weiterführung dieser Diskussion in der „Sprachkultivierungsbewegung“ siehe von Polenz
(1995), S. 41.
50
die Sprachreflexionen der Grammatikographen einflossen. Unter dem Blickwinkel
des heutigen Wissenschaftsverständnisses liegt eben darin ihre mangelhafte
wissenschaftliche Adäquatheit. Wenn man diese Texte jedoch innerhalb der
Wissenschaftsdiskurse ihrer Zeit wahrnimmt, handelt es sich bei ihnen eindeutig
um Zeugnisse von überwiegend wissenschaftlich angemessen begründeten
Sprachreflexionen des Sprachbewusstseinsgrads der cognitio clara distincta
adaequata, deren Hintergründe zu einem hohen Grad erforschbar und
beschreibbar sind.
Bewertet man also nun die historischen Grammatiken nicht nur, wie es lange Zeit
geschah, als präskriptive und unobjektive Sprachbetrachtungen, sondern sieht in
ihnen auch den Versuch einer deskriptiven Erfassung des Sprachzustandes einer
bestimmten Zeit und untersucht sie im Rahmen ihrer Verortung in den
soziokulturellen Diskursen der jeweiligen Epoche, so könnte dies einen neuen und
wichtigen Schritt zu einer ganzheitlicheren Betrachtung der Geschichte der
Grammatikographie darstellen. Nicola McLelland hat in dieser Hinsicht in ihrer
vergleichenden Studie zu den Grammatiken Albertus Ölingers und Laurentius
Albertus im Anschluss an die Thesen des Skandinavisten Andrew Linn
festgestellt, dass es das Verständnis der frühneuzeitlichen Grammatikographie
entscheidend vorantriebe, wenn man die einzelnen Grammatiken als kreative
Konstruktionen, als “result of a process of creative construction”93, begreifen
würde. Der Kreativität sind dabei einzig durch die jeweiligen Kriterien von
Wissenschaftlichkeit, in diesem Fall denen der herrschenden Grammatikographie,
Grenzen gesetzt.
In diesem Sinn – und besonders in Anbetracht des Anliegens der hier vorliegenden
Studie – ist das Diktum G.A. Padleys vorbehaltlos zu unterstützen:
Grammars cannot be considered in vacuo, divorced from the educational
practice or the general cultural background of their times.94
93 McLelland (2001), S. 34.
94 Padley (1985), S. XIII.
51
2.2 Zusammenfassung
Bezugnehmend auf das in der Beschäftigung mit der bisherigen
Forschungsliteratur zur Sprachbewusstseinsgeschichte festgestellte Desiderat einer
theoretischen Bestimmung des Sprachbewusstseinsbegriffs, die auf den
besonderen Fall einer historisch orientierten Untersuchung eingeht, setzte die
theoretische Grundlegung bei der Frage an, ob und wie Sprachbewusstsein für
eben jene historische Ebene begrifflich gefasst werden kann.
Mittels einer kurzen Besprechung der zu Beginn des ersten Teils der Arbeit
genannten Problempunkte95 soll hier noch einmal zusammengefasst werden, was
im Zentrum der bisherigen Darlegung stand, um von da aus in den zweiten Teil,
die methodische Grundlegung, überzuleiten.
ad 1: Wie lässt sich Sprachbewusstsein definieren?
Sprachbewusstsein wird unter Rückgriff auf zentrale Forschungspositionen der
gegenwartssprachbezogenen und historisch orientierten Beschäftigung mit dem
Sprachbewusstsein und in Anlehnung an die engeren Auffassungen des Begriffs
hier definiert als die Fähigkeit zum begründeten und gehaltvollen Sprechen oder
Schreiben über Sprache, bei dem je nach dem fokussierten Gegenstand und den
kommunikativen Absichten des sprachlich Reflektierenden ein der Situation
angemessener Bildungs- und/oder Erfahrungshintergrund aktualisiert wird. Das
Sprachbewusstsein bleibt dabei nicht auf Reflexionen über die Einzelsprache
beschränkt, sondern bezieht sich auf jegliche intentionale Beschäftigung mit dem
Gesamtphänomen “Sprache”.Die Kriterien der Explizitheit, Erklärbarkeit und
Bewusstheit stellen in diesem Definitionskonzept die begriffsbestimmenden
Merkmale dar, nach denen sich einzelne Sprachreflexionen dem
Sprachbewusstsein zuordnen lassen. Ist ein Sprachteilnehmer in der Lage,
sprachliche Ausdrücke explizit, gehaltvoll und hinreichend begründet zu
reflektieren und zu thematisieren, so zählen diese expliziten Sprachreflexionen zu
seinem Sprachbewusstsein. Als hinreichend begründet und gehaltvoll gelten sie
nur dann, wenn der Sprachteilnehmer sie inhaltlich sinnvoll erklären
beziehungsweise auf Nachfrage der Erstbegründung noch weitere Gründe
95 Siehe S. 14 dieser Arbeit.
52
hinzufügen kann.
Für die Frage nach der Graduierung des Sprachbewusstseinsbegriffs bedeutet dies,
dass die erste Stufe des Sprachbewusstseins an die Erfüllung der oben genannten
Kriterien gebunden ist. Die weitere Stufung ist gemäß dem Grad der Adäquatheit
der angegebenen Gründe einteilbar und bewegt sich zwischen einer sicheren aber
wissenschaftlich unangemessenen Begründung bis hin zu einer sicheren und
wissenschaftlich angemessenen Begründung.
ad 2: Welcher Art ist das Verhältnis von Sprachreflexion und Sprachbewusstsein?
Der Sprachbewusstseinsbegriff umfasst eine potentielle, eine prozedurale und eine
resultative Ebene. Während die resultative Ebene die sprachlich fixierten
Sprachreflexionsergebnisse beinhaltet und die potentielle Ebene alle
metasprachlichen Äußerungen umschließt, die der Sprecher oder Schreiber über
sprachliche Themen formulieren könnte, bezieht sich die prozedurale Ebene auf
die Aktivität, in welcher der Sprachteilnehmer über die Aktualisierung eines
bestimmten Bildungs- und/oder Erfahrungshintergrunds Sprache explizit und
begründbar reflektiert. Davon ausgehend gehören Sprachreflexionen, die den
Kriterien des Sprachbewusstseinsbegriffs genügen, aufgrund ihres aktionsbetonten
Charakters zur prozeduralen Ebene des Sprachbewusstseins. Das
Sprachbewusstsein stellt die allgemeine Fähigkeit zum begründeten und
gehaltvollen Sprechen oder Schreiben über sprachliche Themen dar, die expliziten
und hinreichend begründbaren Sprachreflexionen dagegen dessen konkrete
Aktivität.
ad 3: Worin besteht die spezielle Problematik einer Untersuchung des
Sprachbewusstseins unter historischem Blickwinkel?
Im Unterschied zu den Sprachbewusstseinsuntersuchungen, die auf die
Gegenwartssprache abzielen, kann die historische Sprachbewusstseinsanalyse
nicht auf die direkte Befragung der Sprachteilnehmer zurückgreifen, sondern
bleibt auf das schriftliche Quellenmaterial als Untersuchungsgegenstand
beschränkt. Darin liegt ihr Spezifikum. Eine Analyse muss dementsprechend an
der resultativen Ebene des Sprachbewusstseins, welche uns in den Texten vorliegt,
ansetzen. Der Charakter der Quellen, die keine aktive Einflussnahme mehr
zulassen, bedingt, dass nur die Textstellen als Untersuchungsgegenstand
53
herangezogen werden können, die dem Sprachbewusstsein aufgrund ihrer
Merkmale eindeutig zuordenbar sind. Dies betrifft sowohl explizite
Sprachreflexionen über sprachliche Themen als auch einzelne für uns nur noch auf
der Textgestaltungsebene ablesbare Sprachreflexionen, die bei der Textproduktion
erfolgten. Zu letzteren gehören u.a. Entscheidungen über die Textsorte und deren
inneren und äußeren Aufbau (Einhaltung von normierten rhetorischen Mustern),
über die Sprachwahl (Deutsch oder Latein) und die Verwendung von formelhaften
Textelementen und Fachwortschatz.
Bei einer historischen Sprachbewusstseinsanalyse ist es zudem von eminenter
Bedeutung, nach den Bildungs- und Erfahrungshintergründen zu fragen, die in den
jeweiligen Sprachreflexionen aktualisiert wurden, um so Erkenntnisse über das
Wesen des Sprachbewusstseins des Textproduzenten in seiner historischen
Eingebundenheit zu gewinnen und den Sprachbewusstseinsgrad beurteilen zu
können. Dafür ist es notwendig, sich mit der Geistes- und
Wissenschaftsgeschichte der jeweils untersuchten Epoche zu beschäftigen. Erst
die Kenntnis dominanter sprachtheoretischer, grammatikalischer, rhetorischer,
theologischer und philosophischer Sprachauffassungen befähigt uns zum Beispiel
zur Rekonstruktion der Bildungs- und Erfahrungshintergründe, die die
Grammatikographen in ihren Sprachreflexionen aktualisierten, und damit auch zu
Aussagen über die Elemente ihres Sprachbewusstseins. Neben diesen allgemeinen
Kenntnissen trägt aber ebenso biographisches Wissen über den Textproduzenten
dazu bei, die Hintergründe der Sprachreflexionen zu erschließen, da hierüber sein
möglicher Bezug zu einzelnen Diskursen festgestellt werden kann. Aus der
Rückerschließung der Bildungs- und Erfahrungshintergründe, die in den
Sprachreflexionen aktualisiert worden sind, ergibt sich zudem die Möglichkeit, zu
einem gewissen Grad auch Einblick in den Reflexionsprozess zu gewinnen.
Die historische Sprachbewusstseinsanalyse setzt demnach auf der Ebene der
Sprachreflexionsresultate an, untersucht die aktualisierten historischen Bildungs-
und Erfahrungshintergründe, nähert sich dadurch dem Sprachreflexionsprozess an
und erarbeitet auf diese Weise einen Ausschnitt des Sprachbewusstseins des
Textproduzenten.
54
ad 4: Welche Art von Sprachbewusstsein liegt in grammatikographischen Texten
vor?
Das Sprachbewusstsein, das in Grammatiken vorliegt, ist vorwiegend geprägt von
einem speziellen wissenschaftlichen Bildungshintergrund und einer
dementsprechenden Motivation. Die Mehrzahl der Sprachreflexionen lässt sich als
wissenschaftlich und “handlungsentlastet”96 bestimmen und zählt zum
theoretischen Erfahrungsmodus. Das Sprachbewusstsein, dessen prozedurale
Ebene sie abbilden, gehört zu der höchsten Stufe, der cognitio clara distincta
adaequata.
Es kann Adäquatheitsprüfungen unterzogen werden, deren Kriterien untrennbar an
den jeweiligen geistesgeschichtlichen Hintergrund gebunden sind. Eine historische
Sprachbewusstseinsanalyse, die sich mit dem Sprachbewusstsein in
grammatikographischen Texten auseinander setzt, muss sich demnach auch mit
deren wissenschaftsgeschichtlichen Rahmenbedingungen beschäftigen, um so die
wissenschaftliche Adäquatheit der Sprachreflexionen in den Grammatiken
einschätzen zu können.
Nach dieser Zusammenfassung des theoretischen Teils soll in der folgenden
methodischen Grundlegung genauer darauf eingegangen werden, auf welche Art
und Weise eine historische Sprachbewusstseinsanalyse grammatikographischer
Texte in methodischer Hinsicht durchgeführt und beschrieben werden kann.
96 Siehe Paul (1999a), S. 59ff.
55
3 Methodische Grundlegung
Im Anschluss an die Ausführungen des theoretischen Teils soll im folgenden
zweiten Teil der Arbeit eine Methode zur historischen Sprachbewusstseinsanalyse
grammatikographischer Texte entwickelt werden. Dabei werden neben dem
Untersuchungszugang und der Vorgehensweise bei der Analyse auch die
Korpusauswahl sowie die Grenzen der historischen Sprachbewusstseinsanalyse
und damit der Sprachbewusstseinsgeschichte besprochen.
An erster Stelle ist es hier jedoch notwendig, auf die Besonderheiten von
Grammatiktexten als Gegenstand einer solchen Untersuchung einzugehen.
3.1 Besonderheiten der Textbezeichnung “Grammatik”
Bei den im Analyseteil dieser Arbeit bearbeiteten Quellen handelt es sich um zwei
Grammatikschriften aus dem 16. Jahrhundert, die sich mit der Beschreibung des
Aufbaus und der Regeln der deutschen Sprache beschäftigen. Als deutsche
Grammatiken werden in der Sekundärliteratur solche Texte bezeichnet, “die
Regeln, Erklärungen oder Anmerkungen zur Grammatik [...] der deutschen
Sprache enthalten.”97 Doch schon an dieser ersten grundsätzlichen Artikulation
der Kriterien, die die Zuordnung einzelner Quellen zur Fachtextgruppe
‘Grammatik’ zulassen, wird die Komplexität des Grammatikbegriffs deutlich, die
sich hauptsächlich daraus ergibt, dass das Wort Grammatik98 zugleich die Lehre
bzw. die Lehrwerke als auch deren Gegenstand bezeichnet.
Nach dem heutigen Verständnis des Terminus können bei seiner
Verwendungsweise im Wesentlichen folgende vier Bedeutungsmöglichkeiten
unterschieden werden99:
97 Jahreiss (1990), S. 49.
98 In der Folge wird, wenn auf die Verwendungsweise des Wortes Grammatik Bezug genommen
werden soll, dieses kursiv gesetzt – wenn ich es jedoch selbst verwende, nehme ich keine
typographische Kennzeichnung vor.
99 Nach Bußmann (1990), S. 287f.
56
1. Grammatik wird verstanden als “Wissen bzw. Lehre von den
morphologischen und syntaktischen Regularitäten einer natürlichen
Sprache”100. Andere Gegenstandsbereiche der Sprachwissenschaft wie
die Phonologie, Phonetik und Semantik werden in diesem
Begriffsverständnis aus der Grammatik ausgegrenzt.
2. Grammatik wird vor allem im Anschluss an de Saussure als
strukturelles Regelsystem verstanden, welches “allen sprachlichen
Produktions- und Verstehensprozessen zu Grunde liegt.”101
3. Grammatik wird innerhalb der Disziplin der generativen
Transformationsgrammatik zum einen als das sprachliche Wissen eines
Muttersprachlers verstanden und zum anderen als ein Modell, das in der
Lage ist, jene Sprachkompetenz des Muttersprachlers abzubilden.
4. Grammatik wird im übergeordneten Sinn auch verstanden als
“systematische Beschreibung der formalen Regularitäten einer
natürlichen Sprache in Form eines Nachschlagewerkes oder
Lehrbuches.”102
Bei den Bedeutungsebenen eins bis drei ist das jeweilige Begriffsverständnis
abhängig von den zu Grunde liegenden theoretischen Positionen zum Aufbau der
Sprache und den Aufgaben einer auf sie gerichteten Sprachwissenschaft. Diese
orientieren sich an den unterschiedlichen theoretischen Ansätzen der
Sprachwissenschaft vornehmlich des 20. Jahrhunderts.
Betrachtet man dagegen die historische Verwendung des Wortes Grammatik vor
der eigentlichen Begründung der Sprachwissenschaft im 19. Jahrhundert, so
zeigen sich weitere Bedeutungsmöglichkeiten, die teilweise vom heutigen
Begriffsverständnis abweichen.
Unter institutionalisiertem Aspekt verwendete man Grammatik bzw. Grammatica
als terminus technicus für die erste und grundlegende der Sieben Freien Künste
(septem artes liberales).103Sie war in allegorischer Hinsicht die ianua artium, die
Torhüterin zum Einstieg in den Turm des Wissens, die sich traditionell unter
100 Ebd.
101 Ebd.
102 Ebd.
103 Vgl. Erben (1989), S. 6ff.
57
Berufung auf die hellenistische Bildungstradition mit der Sprachlehre (der
lateinischen Sprache) und Lektüre und Interpretation antiker Autoren
beschäftigte.104 So umfasste sie im Mittelalter die gesamte Sprach- und Stillehre
der lateinischen Sprache und gehörte damit zu den Grundlagen der Rhetorik. In
diesem Zusammenhang setzte sie sich insbesondere mit der Redetugend der
latinitas (Sprachrichtigkeit)105 auseinander.
Daraus wird ersichtlich, dass sich der Terminus Grammatik nicht nur auf die
institutionalisierte Kunst des Lesens und Schreibens bezog, sondern ebenso, unter
didaktischem Aspekt, die Lehre dieser Kunst bezeichnete. Der elementare
Grammatikunterricht106 wurde während des gesamten Mittelalters und auch noch
bis zum 16. Jahrhundert vorwiegend auf Basis der Schulgrammatik >Ars minor<
des Aelius Donatus vollzogen, die zu gleichen Teilen Lektürestoff und Lehrbuch
war.
In diesem Sinn begegnet uns ähnlich der vierten Verwendungsweise von
Grammatik in der heutigen Zeit Grammatik bzw. Grammatica unter
praktischem Aspekt als Buch oder Buchtitel, seit dem 16. Jahrhundert besonders
auch für die Sprachlehren, die der Festlegung wie der Erlernung der deutschen
Sprache dienten.107
Ausgehend von den Ausführungen zum institutionalisierten, didaktischen und
praktischen Aspekt und bezogen auf deren eigentlichen Beschäftigungsgegenstand
also unter inhaltlichem Aspekt konnte unter Grammatik in der Frühen Neuzeit
auch die einer Sprache zu Grunde liegende formale Struktur, die Summe und das
System ihrer Regularitäten und Ordnungsprinzipien sowie deren Kenntnis und
Anwendung verstanden werden. Die Kenntnis und Beherrschung der
grammatischen Regeln galt zugleich als Grundvoraussetzung für den richtigen
Sprachgebrauch. Dies wird besonders dann verständlich, wenn man beachtet, dass
sich der Grammatikunterricht in der Frühen Neuzeit in erster Linie auf das
Erlernen der klassischen Bildungssprachen bezog und somit Bestandteil des
104 Siehe die in der hellenistischen Tradition stehende Definition des Fuldaer Abtes Hrabanus
Maurus (um 776-856): “grammatica est scientia interpretandi poetas atque historicos et recte
scribendi loquendique ratio.“ Müller (1882), S. 194.
105 Siehe Ueding (1994), S. 221ff.
106 Siehe HWdRh (1992ff.), S. 1136f.
107 Siehe DWb (1984), Sp. 1803.
58
Fremdsprachenunterrichts war.108
Die beschriebene differenzierte Verwendungsweise gibt Auskunft über die
Vielschichtigkeit des Grammatikbegriffs in der Frühen Neuzeit. Ausgehend davon
stellt sich die Frage, wie die in der Studie untersuchten Grammatikographen
Grammatik verstehen, bzw. welchen Einfluss der damalige
wissenschaftstheoretische Rahmen auf die Konzeptionen der deutschen
Grammatikographie hatte. Denn erst aus der Wahrnehmung der unterschiedlichen
Standpunkte frühneuzeitlicher und heutiger Grammatikschreibung erwächst die
Möglichkeit, die grammatikorientierten Positionen im Sprachbewusstsein der
Grammatikographen angemessen verstehen und beschreiben zu können.
Dies ist besonders dann von elementarer Wichtigkeit, wenn man Grammatiken als
“kreative Konstruktionen”109 begreift, bei denen es dem Schreiber innerhalb der
jeweiligen historischen Diskurse überlassen bleibt, welches Ordnungskonzept er
für die deutsche Sprache vorschlägt bzw. wie er dieses ausgestaltet.
3.2 Vorgehensweise bei der Analyse
Im Kapitel 2.1.2.4. wurden in einem kurzen Abriss die möglichen
Untersuchungsrichtungen der historischen Sprachbewusstseinsanalyse vorgestellt.
Diese Studie setzt sich mit dem ersten der drei Untersuchungszugänge
auseinander, da dieser durch die Konzentration auf einzelne Quellen und einen
Ausschnitt des Sprachbewusstseins des Textproduzenten eine textnahe und
detaillierte Basisanalyse darstellt, deren inhaltliche und methodische Klärung eine
Grundlage für die beiden anderen Richtungen der Sprachbewusstseinsanalyse
bilden kann. Bei dieser Art der Analyse wird derjenige konkrete Ausschnitt von
Sprachbewusstsein untersucht, der sich abhängig vom inhaltlichen Gegenstand der
108 Die beschriebenen vier Verwendungsweisen von Grammatik beziehen sich auf den Bereich
der einzelsprachlich orientierten Grammatikliteratur, die auf die pädagogische Praxis abzielt. Die
Tradition der philosophischen bzw. allgemeinen Grammatik, die eine zweite grundlegende Linie
der Grammatikographie darstellt und im Gegensatz zu den pädagogischen Grammatikschriften
einen stärker sprachtheoretisch und allgemeinsprachlich ausgerichteten Ansatz vertritt (siehe Gardt
[1999], S. 25), wird an dieser Stelle ausgeblendet.
109 Siehe S. 50.
59
Quelle aus den einzelnen sprachreflektorischen Äußerungen erschließen lässt.
Dieser Untersuchungszugang bietet sich vor allem auch in Anbetracht der in
grammatikographischen Texten auftretenden Vielzahl von sprachreflektorischen
Sequenzen an. Diese Vielzahl lässt es zweckmäßig erscheinen, sich auf einen
Untersuchungsaspekt zu konzentrieren, der sich in angemessener Weise in einer
Studie wie der hier vorliegenden bearbeiten lässt. Aus diesem Grund sollen die
Texte auf Aussagen zum Grammatikverständnis des Textproduzenten befragt
werden. Diese bilden einen Teil seines Sprachbewusstseins.
3.2.1 Grammatikverständnis als Teil des Sprachbewusstseins
An dieser Stelle ist zunächst zu klären, wie der Begriff des
Grammatikverständnisses zu fassen ist. Grammatikverständnis wird in dieser
Studie als Oberbegriff für mehrere Einzelfragen gesetzt, die der Beantwortung
einer zentralen inhaltlichen Frage bezüglich des Sprachbewusstseins der
untersuchten frühneuzeitlichen Grammatikographen dienen sollen:
Welcher Art ist und auf welchem Fundament steht das Sprachbewusstsein
des Textproduzenten im Hinblick auf seine Beschäftigung mit
Grammatik?
Diese Frage umreißt, was das Grammatikverständnis beinhaltet, nämlich die
einzelnen Sprachreflexionen eines Grammatikographen zur Grammatik und zur
Grammatikschreibung. Gemäß der in Kapitel 2.1.2.1. gegebenen
Sprachbewusstseinsdefinition bezeichnet das Grammatikverständnis demnach
einen Ausschnitt des Sprachbewusstseins, indem es ein Sprechen (und/oder
Schreiben) über ein spezielles sprachliches Thema darstellt.
Die frühneuzeitlichen Grammatikschriften des Deutschen unterscheiden sich trotz
ihrer geteilten, mitunter starken Verpflichtung gegenüber der lateinischen
Tradition in ihrer Ausführung. Wie die deutsche Sprache in den einzelnen
Exemplaren beschrieben wird, ist abhängig von den Beweggründen und der
geistesgeschichtlichen Verortung des Grammatikographen. Das
Grammatikverständnis bildet den Teil des Sprachbewusstseins ab, an dem sich
besonders gut nachweisen lässt, warum und unter welchen Einflüssen ein
Grammatikograph genau jene Grammatik geschrieben hat, die uns vorliegt.
60
Wie in den Ausführungen des theoretischen Teils festgestellt wurde, besteht bei
einer historischen Sprachbewusstseinsanalyse die Notwendigkeit, die expliziten
Sprachreflexionen, die sich diesem Ausschnitt seines Sprachbewusstseins
zuordnen lassen, aufgrund der historischen Distanz immer auch im Rahmen der
geschichtlichen Gegebenheiten wahrnehmen zu müssen. Daher setzt sich die
Untersuchung des Grammatikverständnisses eines Grammatikographen aus zwei
wesentlichen Tätigkeiten zusammen, nämlich dem Analysieren des Textes auf in
ihm enthaltene explizite Sprachreflexionen, die für unsere Fragestellung
interessant sind, und der Interpretation und Auswertung dieser Textstellen im
Rahmen des diskursiven Umfelds der Texte. Präzisiert man diese Differenzierung
im Hinblick auf die methodische Vorgehensweise, so sind zwei
Untersuchungsschritte vorzunehmen. Im ersten Untersuchungsschritt sollen aus
dem betreffenden Grammatiktext die expliziten Sprachreflexionen ausgewählt
werden, die Auskunft über den Inhalt und die Grundlagen des
Grammatikverständnisses geben. Im zweiten Schritt geht es darum,
Sprachreflexionen unter Rückgriff auf die ihnen zu Grunde liegenden Bildungs-
und Erfahrungshintergründe zu interpretieren.
3.2.1.1 Auswahl der zu analysierenden Sprachreflexionen
Die Auswahl der zu untersuchenden Textstellen richtet sich nach den folgenden
Einzelfragen, die zur Aufschlüsselung der oben genannten allgemeinen Frage zum
Grammatikverständnis dienen und deren Teilaspekte wiedergeben. Ihre
Reihenfolge ergibt sich aus dem oben dargelegten Zugang zum Text mittels der
Analyse der Verwendungsweise von Grammatik in den einzelnen
Sprachreflexionen und der anschließenden Untersuchung der Bildungs- und
Erfahrungshintergründe, die diesen Sprachreflexionen zugrunde liegen.110
Wie verwendet der Textproduzent das Wort Grammatik?111
Gibt der Textproduzent eine explizite Definition des Grammatikbegriffs?
110 Siehe dazu auch die Ausführungen im folgenden Kapitel.
111 Vgl. dazu die in Kapitel 3.1. vorgestellten unterschiedlichen Verwendungsweisen von
Grammatik in der Frühen Neuzeit.
61
Welche grammatikographischen Tendenzen und Traditionen kritisiert der
Textproduzent?
An welchen Autoritäten orientiert sich der Textproduzent?
Welche Terminologie verwendet der Textproduzent, um die deutsche Grammatik
zu beschreiben?
Wie wendet der Textproduzent die klassischen grammatikographischen Konzepte
auf die deutsche Sprache an?
Worin bestehen die sprachtheoretischen Grundlagen seines
Grammatikverständnisses?
Welche Motive führt der Textproduzent für seine Beschäftigung mit der
Grammatik an?
3.2.1.2 Interpretationsansatz
Die Interpretation der expliziten Sprachreflexionen ist bei der historischen
Sprachbewusstseinsanalyse untrennbar mit der Erschließung der ihnen zu Grunde
liegenden Bildungs- und Erfahrungshintergründe verbunden. Unter dem
Sammelbegriff Bildungs- und Erfahrungshintergründe werden all jene Bildungs-
und Erfahrungsinhalte subsumiert, die ein Sprecher während seiner “sekundären
Sprachsozialisation”112 erworben hat, wobei es sich sowohl um erlernte
Bildungsinhalte als auch um sprachreflektorisch gemachte Erfahrungen handeln
kann.
Ins Blickfeld der historischen Sprachbewusstseinsanalyse rücken vor allem jene
Hintergründe, die in den einzelnen Sprachreflexionen aktualisiert wurden. Im Fall
der historischen Grammatikschriften ist zu erwarten, dass aus der Gesamtmenge
der Bildungs- und Erfahrungshintergründe hauptsächlich diejenigen erschließbar
sind, bei denen es sich um erlernte Bildungsinhalte handelt, da sich diese aus der
Kenntnis der geistesgeschichtlichen Gegebenheiten jener Zeit und der Biographie
des Grammatikographen herleiten und mit diesen abgleichen lassen.
Schon die im Kapitel 3.1. dargelegte Vielschichtigkeit des Wortes Grammatik
macht deutlich, wie wichtig die genaue Klärung des Verständnisses bei den
112 Paul (1999a), S. 34.
62
einzelnen Grammatikographen ist. Die Frage danach, wie der Textproduzent
Grammatik verwendet, bzw. ob er es als Begriff explizit definiert und an welchen
Autoritäten er sich dabei orientiert, ermöglicht einen ersten Einblick in sein
Grammatikverständnis und die geistesgeschichtliche Verortung dieses Ausschnitts
seines Sprachbewusstseins. Dabei wird es von besonderem Interesse sein, was der
Textproduzent gerade hinsichtlich des inhaltlichen Aspekts unter Grammatik
versteht, da letztlich hierin seine Wahrnehmung der deutschen Sprache und die
sprachtheoretischen Grundlagen seines Grammatikverständnisses greifbar werden.
Wegen der im Verhältnis zur heutigen Wissenschafts- und Grammatikauffassung
weitestgehend unterschiedlichen Grundbedingungen der frühneuhochdeutschen
Grammatikschreibung ergibt sich des Weiteren die Notwendigkeit, die Motive zu
klären, die die Reflexionen der jeweiligen Grammatikographen leiteten. Denn die
Motive können zu einem großen Teil Aufschluss darüber geben, warum sich der
Textproduzent in einer bestimmten Weise über Sprache äußert und welche
Bildungs- und Erfahrungshintergründe er darin aktualisiert.
Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, aus welchem Grund sich der einzelne
Textproduzent auf grammatikographischem Weg mit der deutschen Sprache
auseinander setzt und welche Intentionen er mit seinem Projekt verknüpft.
Entscheidend für deren Beantwortung ist die Untersuchung der
Adressatenausrichtung des Grammatikographen. Die Auseinandersetzung mit der
Adressatenorientierung nimmt Rücksicht auf den didaktischen Kontext der frühen
deutschen Grammatikschriften. Mit deren Ausrichtung auf verschiedene
Zielgruppen hängt untrennbar die Art der grammatikographischen Darstellung der
deutschen Sprache zusammen.
Daneben ist es aber für die Beleuchtung der wissenschaftsgeschichtlichen Position
dieser Texte von großem Interesse, welche Motive neben dem didaktischen Faktor
Einfluss auf das jeweilige grammatikographische Projekt hatten. Es sind vor allem
auch religiöse Positionen zu beachten, die in ihrer Auswirkung auf das gesamte
Weltbild eminenten Einfluss auf das Grammatikverständnis und die Motive der
Grammatikographen hatten. Dies gilt besonders für das 16. Jahrhundert, da die
Beschäftigung mit der deutschen Grammatikographie durch die gesellschaftlichen
und ideellen Veränderungen im Zuge der Reformation entscheidend
vorangetrieben wurde.
Wie bereits in den Erläuterungen zur historischen Verwendungsweise von
63
Grammatik festgestellt worden ist, steht die Beschäftigung mit der
Grammatikschreibung in der Frühen Neuzeit unter dem dominanten Einfluss der
klassischen griechisch-lateinischen Tradition, die in der Bildungsbewegung des
Humanismus eine neue Blüte erfahren hat. Es scheint daher insbesondere auch im
Hinblick auf die frühen Entwicklungsprozesse der deutschen Grammatikographie
im 16. Jahrhundert interessant, die Art des Grammatikverständnisses der
einzelnen Grammatikschreiber unter dem Gesichtspunkt des Spannungsfeldes
Tradition versus Innovation zu betrachten. Hierfür ist zu untersuchen, inwieweit
sich die deutschen Grammatikographen der klassischen Tradition der
Grammatikographie anschlossen, bzw. ob und in welcher Form ihr
Grammatikverständnis auch neue und selbständige Gedanken zur
grammatikographischen Darstellung des Deutschen aufweist. Dies lässt sich z.B.
in besonderem Maß an der Terminologie und den grammatikographischen
Paradigmen ablesen, die der Grammatikograph nutzt, um die deutsche Sprache zu
beschreiben, aber ebenso am allgemeinen Aufbau seiner Grammatikschrift.
Diesbezüglich stellt sich die Frage, ob der Textproduzent seine Abhandlung
analog zur klassischen Einteilung der Grammatikliteratur aufbaut und ob er
Terminologien unverändert übernimmt, übersetzt oder einzelne Termini für die
deutsche Sprache überdenkt.
Neben diesen Punkten und der Verwendungsweise des Grammatikbegriffs durch
den Textproduzenten sind es vornehmlich die Aussagen, die sich lobend oder
kritisch mit anderen Grammatikschriften oder auch ganzen Traditionslinien der
Grammatikographie auseinander setzen, die Aufschluss darüber geben, an welcher
Stelle ihr Verständnis von Grammatik positioniert ist, d.h. an welche bisherigen
Grammatiktraditionen sie sich anlehnen und welche Tendenzen sie kritisieren. Die
Klärung der Motive und sprachtheoretischen Hintergründe bildet wiederum die
Basis für einen Einblick in die Ursachen und Rahmenbedingungen der unter dem
Aspekt von Tradition versus Innovation beschriebenen grammatikographischen
Vorgehensweise. Ein eingehenderer Blick auf den Aspekt von Tradition versus
Innovation scheint vor allem auch für die Überprüfung einer weitverbreiteten
Forschungsansicht angebracht, die seit dem 19. Jahrhundert die Bewertung der
frühen Grammatiken des Deutschen beeinflusst, nämlich die der
Unselbständigkeit der frühneuzeitlichen deutschen Grammatikographen
gegenüber der lateinischen Tradition und der damit verbundenen “mangelnden
64
strukturellen Durchdringung der deutschen Sprache”113 in jenen Schriften.
3.2.2 Quellenaufbau und Untersuchungsfokus
Bei einer ersten Sondierung der Quellen stellte sich heraus, dass die Unterteilung
der Texte in Vorrede und den eigentlichen grammatikographischen
Darstellungsteil bei der Untersuchung und Bewertung der einzelnen
Sprachreflexionen berücksichtigt werden muss. So findet sich hauptsächlich in
den Vorreden eine Häufung von sprachreflektorischen Passagen, welche in
besonderem Maß zur Beantwortung der Frage nach dem Grammatikverständnis
beitragen können. Indem die Vorreden die Position des Verfassers in den
Diskursen der Zeit verdeutlichen114, geben sie entscheidenden Aufschluss über die
Standpunkte des einzelnen Grammatikographen zur Grammatik und
Grammatikschreibung.
Vorreden sind in den Drucken seit dem Ende des 15. Jahrhunderts weit
verbreitet.115 Sie tragen die Funktion von Begleittexten, die den folgenden
Haupttext erläutern und textübergreifende Informationen enthalten.
Die Vorrede wird anerkannt als besondere Textsorte, in der intensive Prozesse
der Versprachlichung mannigfaltiger Probleme, die verschiedene Lebens- und
Kulturbereiche betrafen, dokumentiert sind. Spezifische kommunikativ-
pragmatische Intentionen der Vorrede und die Freiheit in der Themenwahl
machten diese Textsorte unter anderem zu einem Ort für exklusive Äußerungen,
die zum Ziel hatten, das Wissen des Lesers zu erweitern und seine Vorstellungen
in eine bestimmte Richtung zu lenken.116
Die Durchsetzung von Vorreden in den Drucken der Frühen Neuzeit steht im
113 Donhauser (1989), S. 30. Die Autorin kritisiert diese vorherrschende Auffassung und fordert
in diesem Zusammenhang eine stärkere Beachtung der Bedingungen frühneuzeitlicher deutscher
Grammatikschreibung.
114 Zum Form, Inhalt und Fuktionen von Vorworten als Paratexten siehe Genette (1992), S. 190ff.
115 Im Zusammenhang mit der Entfaltung der kommunikativen Kultur humanistischer
Gelehrtenzirkel um 1500 “setzen sich Ende des 15. Jahrhunderts [Vorreden] in Drucken aus dem
deutschen Sprachraum durch.” Puff (1995), S. 117.
116 Babenko (1997), S. 289.
65
Zusammenhang mit einer durch den Humanismus und den Buchdruck veränderten
literarischen Öffentlichkeit. Die Verfasser, Übersetzer, Drucker oder Herausgeber
ordneten die Werke über die in der Vorrede gemachten Aussagen in diese
Öffentlichkeit ein und warben für ihre Veröffentlichung und damit letztlich
ebenso für sich selbst. Da sich die Textproduzenten in den Vorreden neben den
rein textbezogenen Aussagen auch über persönliche, zeitgeschichtliche, religiöse
und andere Angelegenheiten äußerten, trägt diese Textsorte immer auch den
Charakter eines Selbstzeugnisses, das Rückschlüsse auf die historischen und
soziokulturellen Hintergründe des Gesamttextes ermöglicht.
Während sich in den Vorreden der lateinischen Schulgrammatiken aufgrund der
Anknüpfung an die intertextuell geprägten humanistischen
Veröffentlichungen117und des bereits stark entwickelten Personen- und
Textnetzes118 der lateinischen Grammatikliteratur feste Autoritäten und Topoi
etabliert hatten, stehen die deutschen Grammatikschreiber am Beginn dieser
Entwicklung, da eine kontinuierliche Tradition der deutschen
Grammatikschreibung erst im 16. Jahrhunderts begründet wurde. Deshalb müssen
die Grammatikographen in ihren Schriften deutlich machen, wem sie sich in ihrer
Tätigkeit anschließen wollen beziehungsweise wer ihre Gegner sind, und sie
müssen sich dementsprechend zunächst entscheiden, welche rhetorischen und
literarischen Leitbilder sie übernehmen wollen. Ihre Selbstpositionierung findet
nicht in einem ausgeprägten Personen- und Textnetz wie dem der lateinischen
Schulgrammatik statt, sondern die Autoren früher deutscher Grammatiken müssen
sich die Basis für ein solches Netz zunächst erschließen und es für die deutsche
Grammatikographie rechtfertigen.119
Die systematischen Darstellungsteile zeichnen sich im Gegensatz zu den Vorreden
dadurch aus, dass sie fast ausschließlich aus verschriftlichten Sprachreflexionen
117 Wie in den meisten anderen gedruckten Publikationen aus dem deutschen Sprachraum
verbreiteten sich Ende des 15. Jahrhunderts die Vorreden auch in den lateinischen
Grammatikschriften. Vgl. Puff (1995), S. 117f.
118 “Die Vorreden ordnen den Verfasser und seine Grammatik durch Widmungen, Referenzen
sowie die Angabe vorbildlicher Autoren in ein reales oder fiktives Netz von
Persönlichkeitsbeziehungen ein, das die Schicht der Literati zu einem
Kommunikationszusammenhang verbindet.” Ebd., S. 117.
119 Siehe Donhauser (1989), S. 33.
66
bestehen, die sich mit dem Aufbau der deutschen Sprache beschäftigen. Bei diesen
Sprachreflexionen ist die Nähe zum grammatikographischen Muster der
Lateingrammatiken unübersehbar, obwohl auch die Auswahl und Übertragung der
Muster einer konzeptionellen Vorüberlegung bedarf.120 Während wir in diesen
grammatikalischen Abhandlungen aber vor allem die Art der Beschreibung der
deutschen Grammatik auf der Basis der Auseinandersetzung mit den lateinischen
und griechischen Vorgaben untersuchen können, lassen sich aus den Vorreden die
grundsätzlichen programmatischen Positionen der Grammatikographen bezüglich
der deutschen Grammatikschreibung ablesen.
Die vorliegenden Forschungsarbeiten konzentrierten sich bisher insbesondere auf
die sprachsystematischen Teile der Grammatikschriften und wenig oder kaum auf
die Vorreden, da deren Verbindung mit den eigentlichen grammatikographischen
Teilen der Schriften marginalisiert wurde.121 Wenn es jedoch darum gehen soll,
die frühneuzeitliche Wahrnehmung von Grammatik in ihrer Einbettung in die
historischen Diskurse zu erfassen, so müssen gerade aber auch die Textstellen
einbezogen werden, die Aufschluss über die Selbstverortung und Intentionen der
Grammatikographen geben. Nicola McLelland stellt in ihrem Artikel zu den
Grammatiken von Albertus und Ölinger fest, dass ein enger Zusammenhang
zwischen “the decisions the authors make about the language on the one hand,
and the metalanguage and organizational principles they use to present the
results of those decisions on the other hand”122 anzunehmen ist.
Deshalb sollen in den Grammatikanalysen dieser Arbeit Sprachreflexionen aus
beiden Textteilen im Fokus der Auseinandersetzung stehen. Anhand einer auch
vergleichenden Untersuchung von Sprachreflexionen in den Vorreden und den
Darstellungsteilen soll zum einen das Grammatikverständnis des Autors in seiner
gesamten Spannweite und Differenziertheit erschlossen und zum anderen die
Auswirkungen seiner programmatischen Aussagen in den Vorreden auf die
Ausführungen im systematischen Teil überprüft werden.
120 Wie die einzelnen Grammatikographen die deutsche Sprache in das lateinische oder manchmal
auch griechische Muster einordneten oder dieses auch teilweise durchbrachen, unterlag ihrer
Entscheidung. Vgl. McLelland (2001), S. 7f. und 16ff.
121 Als Ausnahmen seien hier u.a. der Artikel von Karin Donhauser (1989) und die Arbeit von
Helmut Puff (1995) genannt.
122 McLelland (2001), S. 34.
67
3.2.3 Das Analysevorgehen bei den einzelnen Sprachreflexionen
Die Untersuchung der ausgewählten expliziten Sprachreflexionen123 konzentriert
sich im Besonderen auf Schlüsselwörter und argumentative Strukturen, mittels
derer die Bildungs- und Erfahrungshintergründe der Sprachreflexionen und deren
Rolle in der Grammatikkonzeption erschlossen werden können.
3.2.3.1 Schlüsselwörter
Als Schlüsselwörter werden in dieser Studie diejenigen Wörter bezeichnet, deren
Bedeutungsinterpretation aufgrund ihrer zentralen semantischen Rolle in den
untersuchten Textstellen erst ein Gesamtverständnis der jeweiligen
Sprachreflexion ermöglicht. Bei der Analyse der einzelnen Textstellen stellt die
Auseinandersetzung mit den Schlüsselwörtern die zentrale Aufgabe dar. So ist es
z.B. im Zusammenhang mit der Frage nach dem Grammatikbegriff des
Textproduzenten von besonderem Interesse, mit welchen Wörtern er den Begriff
erklärt, umschreibt bzw. auch übersetzt.
Bei der Untersuchung des Grammatikverständnisses in den einzelnen
Grammatiken werden zum einen die verwendeten grammatikographischen
Fachtermini als Schlüsselwörter betrachtet124, da sich aus ihnen zumeist ein
Anknüpfungspunkt für die Erschließung der Bildungs- und
Erfahrungshintergründe des Textproduzenten, aber auch für dessen Intentionen
ergibt. Zum anderen zählen ebenso theologische und philosophische Begriffe zu
den zu untersuchenden Schlüsselwörtern, da auch sie solche Anknüpfungspunkte
für die Interpretation der Sprachreflexionen darstellen.
Die Vorgehensweise bei der Auswahl und Interpretation der Schlüsselwörter im
Kontext dieser Untersuchung gestaltet sich so, dass in den ausgewählten
Textstellen in erster Linie die Schlüsselwörter im Blickpunkt des
Analyseinteresses stehen, die aufgrund ihrer exponierten Position in den Zitaten
entscheidende Erkenntnisse über das Grammatikverständnis des Textproduzenten
123 Zur Auswahl der Textstellen siehe Kapitel 3.2.1.1.
124 Hier ist vor allem zu beachten, ob der Textproduzent die lateinischen Fachtermini übernimmt,
oder ob er versucht, diese zu übersetzen und etwa auch ihre Anwendbarkeit auf das Deutsche zu
überprüfen.
68
gewinnen lassen. Eine entscheidende Rolle bei der Interpretation dieser
Schlüsselwörter spielt der Bedeutungswandel einzelner Wörter, der es notwendig
macht, ihre historische Bedeutung über Wörterbücher125 und den Kontext zu
erschließen. Indem die Wörterbücher neben dem Bedeutungsumfang der
Schlüsselwörter auch Auskunft über die typischen frühneuzeitlichen
Verwendungsweisen geben, ermöglichen sie einen Einblick in intertextuelle
Verknüpfungen. So ist es zum Beispiel für die Erschließung der Grundlagen des
Grammatikverständnisses des Textproduzenten als Teil seines
Sprachbewusstseins von explizitem Interesse, ob Schlüsselwörter, die im
Zusammenhang der Äußerungen zur deutschen Grammatik stehen, sonst vor allem
in theologischen oder philosophischen Kontexten zu finden sind. Dies würde auf
einen Einfluss damals aktueller Diskurse auf das Grammatikverständnis des
Textproduzenten schließen lassen und verweist auf die erweiterten kulturellen
Bedeutungszusammenhänge, die jenseits der aus heutiger Sicht diskursautonomen
grammatikographischen Darstellung der deutschen Sprache in der Einbindung
allgemeiner frühneuzeitlicher geistesgeschichtlicher Überlegungen in die frühe
deutsche Grammatikschreibung bestehen.
3.2.3.2 Argumentative Strukturen
Neben der Untersuchung einzelner Sprachreflexionen auf Grundlage der Klärung
von Schlüsselwörtern sollen auch die argumentativen Strukturen126 der
Grammatiktexte analysiert werden.127 Es geht dabei um die Art der Anordnung
und der Textfunktion der untersuchten Sprachreflexionen und um die darin
deutlich werdende Struktur der Argumentation (hauptsächlich die des
125 Siehe dazu Kapitel 3.2.4.
126 “Unter ARGUMENTATION verstehen wir – bezogen auf die kommunikative Praxis und nicht
auf logische Regeln [...] jede Art der Beweisführung, die als Begründung für Thesen, Motive
und Interessen gehandhabt wird.” Heinemann/Viehweger (1991), S. 249.
127 Vgl. dazu auch die Ansätze der lingusitischen Diskursanalyse. Martin Wengeler führt in
seinem Forschungskonzept dazu aus: ˝Mit der Argumentationsanalyse soll ein Zugang geschaffen
werden zu den in einem Diskurs zu einer bestimmten Zeit dominanten Denkmustern, da diese sich
besonders in öffentlichen Debatten immer auch in Argumentationen pro und contra aktuelle
politische Entscheidungen, Überlegungen und Meinungen niederschlagen.“ Wengeler (1997), S.
98.