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Emanzipation vom Marktstaat. Zur Wiederbelebung sozialer Effizienz

Authors:

Abstract

Marktstaat meint den Habitus eines Staates, der durch das liberale Marktmodell charakterisiert ist und sich bis in dessen Struktur und Politik auswirkt und die Gesellschaft prägt. Marktmodell und Marktstaat werden einleitend diskutiert und dem Konzept der sozialen Effizienz gegenübergestellt. Danach wird der Status quo in mehrerlei Bereichen vorgestellt, bei denen es lohnt, sich von ihnen zu emanzipieren: das Konzept von Trend und Konjunktur, Arbeitslosigkeit und die Verteilung der Erwerbsarbeit, Finanzmärkte und Wirtschaftspolitik sowie supranationale Wirtschaftspolitik. Im folgenden Kapitel wird ein Exkurs unternommen, der in Psychologie, Philosophie und Sozialwissen-schaften nach Ansätzen sucht, die für eine soziale Emanzipation von Wirtschaftspolitik und Markt nützlich sein können. In Kapitel 4 werden Emanzipationsschritte in jenen wirtschafts- und demokratiepolitischen Bereichen präsentiert, die zuvor angesprochen waren. Abschließend werden die Organisation und Aussichten der Emanzipation erörtert. Dabei konzentriert man sich auf die Bereiche Wissenschaft, Politik, das Volk als Souverän und die Zivilgesellschaft. Market state indicates the habitus of a government that has been characterized by the liberal market model and has affected even the structure and politics and coins society. In the introduction, market model and market state are discussed and contrasted with the concept of social efficiency. Thereafter, the status quo is presented in those fields which appear worth of emancipating from them: the concept of trend and cycle, unemployment and the distribution of bread-winning labour, financial markets and economic policy-making, as well policy-making on the supranational level. The following chapter represents an excursion, looking for approaches in psychology, philosophy and social sciences useful for social emancipation from economic politics and the market. In chapter 4, steps towards emancipation are presented in those fields of economic and democratic policies that have been addressed before. In concluding, the organization and prospects of emancipation are put forward, focusing on science, policy-making, the people as sovereign and the grassroots movement.
Emanzipation vom Marktstaat
Zur Wiederbelebung sozialer Effizienz
Rainer.Bartel@JKU.at www.econ.jku.at/Bartel www.jku.at/fodok
„Momentum’14 – Emanzipation“, Hallstatt 2014
Track #4: Organisierte Emanzipation?
Fassung vom 10. September 2014
http://momentum-kongress.org/cms/uploads/PAPER_Bartel-Rainer_Emanzipation-vom-
Marktstaat.pdf
Inhalt
Abstract ................................................................................................................................................... 1
1. Vorgeschichte über den Marktstaat: Wovon wir uns emanzipieren könnten ................................ 2
1.1. Der Markt ................................................................................................................................ 2
1.2. Der Staat und das (Einzel-)Wirtschaftliche an ihm .................................................................. 4
1.3. Der Staat und das (mangelnde) Politische an ihm .................................................................. 5
1.4. Die unpolitische Wissenschaft und das Politische an ihr ........................................................ 7
1.5. Liberalisierung und Normierung kein Widerspruch ............................................................. 8
1.6. Ein Missverständnis, kein Widerspruch .................................................................................. 9
2. Status quo und Alternativen: Wohin wir uns emanzipieren könnten ........................................... 11
2.1. Trend und Konjunktur Konjunktur und Trend (Bartel 2013c) und Budgetpolitik .............. 11
2.2. Gleichere Verteilung der Arbeit, mehr Leistung und soziale Wohlfahrt ............................... 12
2.3. Finanzmärkte und Wirtschaftspolitik .................................................................................... 13
2.4. Supranationale Wirtschaftspolitik ......................................................................................... 15
3. Exkurs: Humanwissenschaftliche Inputs zu organisierter Emanzipation ...................................... 18
3.1. Seele und Gesellschaft (Schlüter 2013) ................................................................................. 18
3.2. Weisheitsstreben und Gesellschaftskritik (Grabner-Haider 2012) ....................................... 23
3.3. Sozialwissen und konstruktive Gesellschaftskritik ................................................................ 32
4. Konkrete Emanzipationsansätze: Grundtenor und Strategien ..................................................... 35
4.1. Konjunktur und Expansionismus, Soziales und Budget ......................................................... 35
4.2. Arbeitsmarkt und Beschäftigung ........................................................................................... 38
4.3. Wirtschaftspolitik, -wissenschaft und Finanzmärkte ............................................................ 42
1
4.4. Supranationale Wirtschaftspolitik ......................................................................................... 45
5. Organisation und Aussichten sozialer Emanzipation .................................................................... 48
5.1. Wissenschaft ......................................................................................................................... 48
5.2. Politik ..................................................................................................................................... 50
5.3. Das Volk als souveräner Souverän ........................................................................................ 51
5.4. Zivilgesellschaft ..................................................................................................................... 52
6. Literatur ......................................................................................................................................... 55
7. Anhang........................................................................................................................................... 60
A.1. Grafiken ...................................................................................................................................... 60
A.2. Lebensdaten von Humanwissenschafter_inne_n ...................................................................... 62
Abstract
Marktstaat meint den Habitus eines Staates, der durch das liberale Marktmodell charakteri-
siert ist und sich bis in dessen Struktur und Politik auswirkt und die Gesellschaft prägt. Marktmodell
und Marktstaat werden einleitend diskutiert und dem Konzept der sozialen Effizienz gegenüberge-
stellt. Danach wird der Status quo in mehrerlei Bereichen vorgestellt, bei denen es lohnt, sich von
ihnen zu emanzipieren: das Konzept von Trend und Konjunktur, Arbeitslosigkeit und die Verteilung
der Erwerbsarbeit, Finanzmärkte und Wirtschaftspolitik sowie supranationale Wirtschaftspolitik. Im
folgenden Kapitel wird ein Exkurs unternommen, der in Psychologie, Philosophie und Sozialwissen-
schaften nach Ansätzen sucht, die für eine soziale Emanzipation von Wirtschaftspolitik und Markt
nützlich sein können. In Kapitel 4 werden Emanzipationsschritte in jenen wirtschafts- und demokra-
tiepolitischen Bereichen präsentiert, die zuvor angesprochen waren. Abschließend werden die Orga-
nisation und Aussichten der Emanzipation erörtert. Dabei konzentriert man sich auf die Bereiche
Wissenschaft, Politik, das Volk als Souverän und die Zivilgesellschaft.
Market state indicates the Habitus of a government that has been characterized by the liberal
market model and has affected even the structure and politics and coins society. In the introduction,
market model and market state are discussed and contrasted with the concept of social efficiency.
Thereafter, the status quo is presented in those fields which appear worth of emancipating from
them: the concept of trend and cycle, unemployment and the distribution of bread-winning labour,
financial markets and economic policy-making, as well policy-making on the supranational level. The
following chapter represents an excursion, looking for approaches in psychology, philosophy and so-
cial sciences useful for social emancipation from economic politics and the market. In chapter 4, steps
towards emancipation are presented in those fields of economic and democratic policies that have
been addressed before. In concluding, the organization and prospects of emancipation are put for-
ward, focusing on science, policy-making, the people as sovereign and the grassroots movement.
2
Es ist nicht so, als hätten sich diese Dinge [die im Mythos er-
zählten; Anm. R.B.] jemals konkret ereignet, denn sie existie-
ren zu jeder Zeit.“ (Gaius Sallustis Crispus: De diis et mundo, 4)
1. Vorgeschichte über den Marktstaat: Wovon wir uns emanzipieren könnten
Das Konzept Marktstaat wird hier gebildet, um zu kennzeichnen, dass das Marktkonzept als
Organisationsidee die Gesellschaft allgemein und grundlegend gestaltet auch im Staat. Es wird als
Konzept verwendet, das zu hinterfragen ist. Der perfekte Markt als allgemeines Organisationsschema
ist ein Mythos (Ötsch 2009). Der Mythos das, was niemals war, aber immer ist hat immerhin
normative Kraft und schafft Faktisches etwa die Verankerung des Marktprinzips bis in die Organisa-
tion und Politik des Staates. Marktstaat ist in diesem Sinn ein institutioneller Charakterzug, der das
Öffentliche (Soziale) prägt und von dem sich die eine oder der andere ggf. emanzipieren mag.
Der Marktstaat ist das besondere Kennzeichen der neoliberalen Ära. Der Mainstream in der
Ökonomik ist die Neoklassik. Sie stellt den einzelnen Markt ins Zentrum ihrer Analysen.
Neoliberalism has several dimensions. First, it is a set of ontological doctrines about how the economy
and society more generally operate, and a set of utopian normative visions about how it should, ideally, be
organised. Second, neoliberalism is a policy regime marked by the microeconomic processes of privatisation,
deregulation, marketisation and macroeconomic policies of inflation targeting and an end to full employment
as the proper goal of states. Third, neoliberalism is a set of economic transformations whereby capital has been
freed from many of the constraints upon its ability to operate within and between borders that had been in
place during the post-World War II economic order. Clearly, these three dimensions of neoliberalism are interre-
lated.
As a doctrine there is significant overlap between neoliberalism and mainstream, or neoclassical, eco-
nomics. Indeed, to a very great extent, neoliberal doctrine entails taking the foundational principles of neoclas-
sical economics to their logical conclusion. At its heart, neoclassical economics proposes a situation in which
asocial individuals voluntarily exchange with one another through markets for mutual benefit. State regula-
tions, other than the provision of basic framework of rules, are cast as an exogenous interference in this othe r-
wise self-regulating system. Neoliberals have taken this idea and argued that such a free market system is not
only the most efficient way of organising the distribution of goods and services, but also the most moral, since it
is the best way of preserving individual liberty (when defined negatively as freedom from coercion). From this
follows the policy proposals of privatisation, marketisation and deregulation that is, engaging private capital
in the provision of public services and freeing it from constraints that prevented from doing so efficiently(Cahill
2014: 2).
1.1. Der Markt
Der wettbewerbliche Markt, über den hier ganz im Sinn des ökonomischen Mainstream ge-
sprochen wird, ist ein einfaches Konzept, relativ zu dem einer metaökonomischen, staatlichen Orga-
nisation und deren Aufgabenerfüllung. Angebot und Nachfrage sind Ausdruck des von den Individuen
Gewollten und daher für sie Bestmöglichen und unter den Rahmenbedingungen auch recht gut
Durchsetzbaren; das ähnelt der Vorstellung von optimaler Demokratie und deren Ergebnisqualität.
Aus Angebot und Nachfrage ergibt sich der Marktpreis von allem und jedem auf dem Fi-
nanzmarkt oder dem Arbeitsmarkt, auf dem Umwelt- oder dem Heiratsmarkt. Der Marktpreis erklärt
seinerseits sowohl Angebot als auch Nachfrage.
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Aus einer solchen zirkulären Interdependenz von Wirtschaftsplänen und Marktpreisen er-
wachsen also nicht nur ökonomisch effiziente Verhaltensweisen, sondern auch, dank Preismecha-
nismus, die alle Kollektivmitglieder zusammen betreiben und nutzen, gesellschaftlich optimale Er-
gebnisse.
Die Koordination auf dem und durch den Markt geschieht in dreierlei Hinsicht: im Hinblick
auf Ressourceneinsatz (Allokation), Verteilung (Distribution) und Stabilität. Allokationsfunktion, Dis-
tributionsfunktion und Stabilisierungsfunktion könnten die Märkte trotz Schwierigkeiten in typi-
schen Problembereichen bestmöglich erfüllen.
Mit der Unterstellung und Postulierung eines derartigen Mechanismus erhält das theoreti-
sche Marktkonzept und somit auch das praktische Marktsystem eine normative Kraft, die beeindru-
cken, prägen und Legitimation schaffen soll und das offenbar auch kann. Denn einem Automatismus
wie dem des idealen Marktes wird der Status einer unparteiischen, objektiven und effizienten Instanz
auf der überindividuellen Ebene zugeschrieben (Bartel 2013). Markt ist nämlich eine Institution, die
als solche die Kompetenz und Leistungsfähigkeit der Individuen übertrifft. Alle Menschen zusammen
könnten weniger leisten und genießen, wenn sie nicht Elemente des Marktsystems wären und sich
nicht auf den Marktmechanismus verlassen könnten, der die individuellen Verhaltensweisen optimal
koordiniert.
“According to Hayek, it is only the unhindered operation of the price mechanism that allows for the
multiplicity of subjective individual preferences in a large complex economy to be registered and responded to”
(Cahill 2014: 2).
Das verleiht dem Marktkonzept bzw. -system einen quasi naturgesetzlichen Charakter und
seinen Verfechter_inne_n eine auf Expertise beruhende Herrschaft: Der Markt kalkuliert und weiß
eben alles, selbst das Komplizierteste, und er sagt uns unkompliziert, was das Vorteilhafteste ist. So
wird in Mainstream-Lehrbüchern etwa vermittelt, dass sich ein Individuum nicht mit der Bewertung
seiner Vermögenswerte Finanzvermögen wie Humanvermögen abmühen müsste, denn das erle-
digen die Märkte für sie, indem sie bspw. den Aktienpreis und den Lohnsatz ausweisen.
Die Märkte funktionieren gleichsam ohne das Individuum: erstens, indem der Markt jedes
Individuum und alle Individuen zusammen übertrifft; dazu braucht sich das Individuum bloß intuitiv
zu verhalten, nämlich einfach nutzenmaximierend das ist deshalb einfach, weil die menschliche
Natur so ist. Zweitens wird die Bedeutung des Individuums dadurch eingegrenzt, dass es auf dem
Markt im Gefüge und der individuellen Verhaltensweisen und im Aggregat derer Ergebnisse als
vereinzeltes Systemelement einflusslos bleibt. Wegen des Wettbewerbsprinzips und seiner Funkti-
onsfähigkeit sind individuelle Marktteilnehmer_innen machtlos, sie agieren ohne Schaden für die
Gesellschaft. So wird der Markt machtfrei gehalten.
Das Individuum verhält sich meist spontan, entweder i. S. v. ungebunden durch explizit ge-
setzte Regeln oder innerhalb der kollektiv gesetzten Regeln. Analytisch gesehen agiert es nach seinen
Präferenzen (Vorlieben, die Nutzen stiften), gemäß der unausweichlichen ökonomischen Restriktion,
nur ausgeben zu können, was es (inklusive Krediterhalt) einnimmt, und den Preisverhältnissen (Preis-
relationen, relativen Preisen) auf dem Markt folgend.
Die relativen Preise, Gegebenheiten (Daten) für das Individuum. Dieses gleicht die Daten mit
dem betreffenden individuellen Nutzen ab: Nutzen-Kosten-Überlegungen werden angestellt, Nutzen-
Kosten-Relationen optimiert; ökonomische Anreize wirken. Die jeweilige Zahlungsbereitschaft (wil-
lingness to pay) für einen Vorteil (z.B. Prestige oder Konsumgenuss) oder die Akzeptanzbereitschaft
4
(willingness to accept) für einen Nachteil (z.B. Arbeitsmühe, Umweltbelastung) führt jeweils zum
nutzenmaximalen Ergebnis: beim Individuum und in der gesamten Gesellschaft.
1.2. Der Staat und das (Einzel-)Wirtschaftliche an ihm
Auf sozialer, d.h. gesellschaftlicher Ebene passt das Marktkonzept als der Höhepunkt ökono-
mischer Rationalität zunächst einmal (aber nicht nur) auf den Minimalstaat und legitimiert ihn mit
folgender Optimalität: Dieser Staatstypus ist zum einen groß genug, um die Kosten von Anarchie zu
vermeiden, und zum anderen klein genug, um die Individuen nicht ungebührlich zu bevormunden
und dadurch schlechter zu stellen als nötig. Der Minimalstaat vermeidet es, die ökonomischen Anrei-
ze als Faktoren der optimalen Verhaltenssteuerung extern in unvertretbarer Weise zu verzerren (in-
centive distortion), geschweige denn sie ganz zu verdrängen (motivational crowding-out).
Darüber hinaus fundiert das Marktkonzept mit seiner Denkart auch den Sozialhilfestaat. Hier
werden zum einen die Ansprüche der um Hilfe Ansuchenden von einer staatlichen Instanz im Einzel-
fall als legitim oder illegitim beurteilt: selbst verschuldet oder unverschuldet verarmt, freiwillig oder
unfreiwillig arbeitslos? Demgemäß wird Sozialhilfe zuerkannt und dimensioniert. Das ist analog zur
Entscheidung des Marktes darüber, was für das Individuum erreichbar ist oder nicht. Im Ablehnungs-
fall unterwirft sich das bettelnde Individuum dem Urteil der potenziell karitativen privaten Ge-
ber_innen wird ebenfalls nach marktanalogem Denkschema (Illouz 2009) mit Erfolg oder Misser-
folg beschieden. Beides beruht erstens auf dem marktgemäßen Prinzip der ökonomischen Eigenver-
antwortlichkeit im Markt bzw. der außermarktlichen persönlichen Schuldlosigkeit an der eigenen
wirtschaftlichen Misere und zweitens auf dem marktkonformen Ergebnis der jeweils einschlägigen
Nutzen-Kosten-Rechnung (gebe ich etwas und, wenn ja, wie viel?).
Weiter gedacht ist auch der Sozialversicherungsstaat ein Marktstaat, weil die Risiken nach
den ökonomischen Überlegungen des Marktes abgedeckt werden: Die staatliche Versicherung oder,
noch deutlicher, die staatlich auferlegte Versicherungspflicht basiert auf Beitragsleistungen, welche
die Leistungsansprüche im eingetretenen Risikofall erst begründen und versicherungsmathematisch
in ihrer Dimension festlegen. Insofern ist das Kalkulationsergebnis Ausdruck spontaner Ordnung.
Daran ändert auch weder die Pflichtversicherung zwecks Risiko-Poolung noch die politisch-adminis-
trative Preisgestaltung nichts Wesentliches, auch wenn diese den Charakter einer willkürlich gesetz-
ten Ordnung aufweisen. (Genau genommen setzt die Arbeitslosenversicherung voraus, dass Arbeits-
losigkeit unfreiwillig ist, sonst wäre die Versicherungsleistung ungerechtfertigt und erschlichen.)
Letztlich zeigen sich selbst im Wohlfahrtsstaat mitunter die Konsequenzen des Marktden-
kens, und das freilich besonders in Krisen, nämlich angesichts der Tatsache, dass das soziale Potenzial
eines Wohlfahrtsstaates nicht zuletzt auf den Leistungen der Märkte fußt. Das Marktliche am Wohl-
fahrtsstaat ist die Skepsis gegenüber seiner eigenen Leistungsfähigkeit. Die Skepsis entspringt der
enkulturierten Norm, der Markt sei (fast) ideal, so dass er die maximale Kapazität an Informations-
aufbringung und -verarbeitung und somit eine übermenschliche Einsichts- und Leistungsfähigkeit
besitze. Daraus ergibt sich der Unwille, Märkte selbst in typischen Problembereichen zu regulieren,
also Ge- und Verbote zu setzen und in den Preis-Mengen-Mechanismus einzugreifen. Selbst ungeach-
tet eines gruppenspezifischen Lobbyismus wirkt die generelle Norm von Freiheit der Produktion und
Vermarktung unschlagbar attraktiv und immunisiert sich selbst. Ökonomische Effizienz wird somit als
5
Voraussetzung für soziale Optimalität angesehen. In diesem Licht erscheint die faktisch geringe Sys-
temreformbereitschaft im Gefolge der jüngsten Weltfinanz- und -wirtschaftskrise verständlich.
Andererseits ist die politische Bereitschaft zur Konsolidierung und Reduktion der Budgets be-
eindruckend. Gute Wirtschaftspolitik ist offenbar jene, die von den Märkten honoriert wird; schlech-
te Politik wird von ihnen bestraft. Diese „Privatisierung“ der Wirtschaftspolitik (Bartel et al. 2008)
und letztlich der Demokratie (Monbiot 2013), dem Fundament aufgeklärter Politik, betrifft heutzuta-
ge besonders die konzertierte Aktion der staatlichen Budgetkonsolidierungen als unumgängliche
Voraussetzung für künftig günstige Wirtschaftsentwicklungen. Der Punkt dabei ist der schädliche
Entzug privater Ressourcen durch staatliche Zwangsgewalt, die wiederum durch die erkleckliche
Summe von Partialinteressen an Budgetmitteln zustande kommt (Weizsäcker 1982).
Um deshalb die Summe der Ansprüche auf öffentliche Mittel einzuschränken (Stichwort
Steuersenkung), ohne aber den Zufluss dieser Mittel an die eigene Interessengruppe zu gefährden,
ist ein hintergründiger, gut organisierbarer und effektiver Lobbyismus (Fehr 1986) vordergründig mit
der Forderung nach Budgetkonsolidierung zu kombinieren und auf gefinkelte Weise gruppenspezi-
fisch zu optimieren (Schlager 2014). So wird die öffentliche Hand als dem privaten Konsumhaushalt
wesensgleich propagiert (Bartel 2000) und etwa die Allegorie der schwäbischen Hausfrau bemüht.
Dazu passend wird vorausgesetzt, dass gute Manager_innen gute Politiker_innen wären.
Fehlt Politiker_inne_n diese Einsicht in die ökonomische Rationalität der Märkte, so werden Wirt-
schaftsvertreter_innen herangezogen, um die Politik zu beraten. Teils verschmelzen die organisier-
ten Lobbys sogar mit der Organisation des Staates. Als prominente Beispiele können die Agenda 2000
(dabei insbesondere die Hartz-Reformen) und die Lobbydichte in Brüssel und Einbringung wirtschaft-
licher (lobbyistischer) Expertise in die Arbeit der EU-Kommission dienen.
Als Ergebnis all dessen wird jedenfalls wird die Arbeitswelt flexibler, und die einschlägigen Ri-
siken werden weniger abgedeckt, die Markterfolge ungleicher. Die metaökonomische Komponente
der sozialen Effizienz erleidet tendenziellen Bedeutungsverlust.
1.3. Der Staat und das (mangelnde) Politische an ihm
Gern sagt man, der Motor der Wirtschaft schnurre, wenn die Wachstumsraten des realen
Bruttoinlandsprodukts oder Bruttonationaleinkommens wieder positiv sind. Gerade diese Messlatten
der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR, auch SNA: System of National Accounts) bestärken
die Politik im Sinn eines Marktstaates, beruhen sie doch fast lupenrein auf einzelwirtschaftlichen
(d.h. betriebswirtschaftlichen, ökonomischen statt metaökonomischen) Denkkategorien: G&V-
Rechnung, Markteinkommensaggregate, Außenwirtschaftsbeitrag zum Inlandseinkommen, aggre-
gierter privater Sachvermögensbestand (der Staat bilanziert ja nicht).
Die volkwirtschaftliche Einkommens- und Vermögensrechnung beinhaltet vom Entstehungs-
zusammen eben einzelwirtschaftliche Kategorien. Das ist legitim und unvermeidlich, erfordert aber
darüber hinaus mehr Weitblick. Die VGR deckt nur die eine Seite der volkswirtschaftlichen Medaille
ab: die ökonomische Effizienz. Diese deckt sich trotz aller Marktstaatlichkeit jedoch nicht mit sozialer
Effizienz, gleichsam dem Inhalt der gesamten Medaille, die nur als Ganze ihren vollen Wert hat.
Wir können und brauchen hier die zahlreichen Argumente für die metaökonomischen Aufga-
benstellungen des Staates nicht mehr Revue passieren zu lassen. Ebenso wenig seien an dieser Stelle
6
die Argumente gegen die Auffassung strapaziert, spontane Verhandlungen zwischen den inhärent
kooperativen Individuen führten zu besseren Ergebnissen, verglichen mit jenen Politikergebnissen,
wie sie durch die positive (d.h. rein beobachtende, nicht subjektiv wertende) Theorie der Wirt-
schaftspolitik erklärt werden. Denn (Wirtschafts-)Politik werde von den menschlichen Schwächen der
sie tragenden Personen entwertet wird und sich solcherart selbst disqualifiziert (Bartel 2013). Dazu
gibt es zahllose empirische Studien, die ihrerseits jeweils durch die methodischen und theoretischen
Dispositionen gefärbt und so in gewissem Grad vorherbestimmt sind (Bartel 2014).
Der hier als wesentlich angesehene Punkt ist die grundsätzliche Frage der Perspektive. Aus
einer veritabel volkswirtschaftlichen, d.h. gesamthaften, sozial(wissenschaftlich)en Sicht sind nicht
nur Aggregate von wirtschaftlichen Rechen- und Kenngrößen in den Blick zu nehmen (Output), son-
dern auch und nicht zuletzt die Auswirkungen auf das Leben und die Lebensqualität der einzelnen
Menschen im gesellschaftlichen Zusammenhang (Outcome). Hinter realwirtschaftlichen Aggregaten
und ihren Veränderungsraten stecken die Schicksale, Empfindungen, Freuden oder Nöte von Men-
schen, die aus der Grundrechtsperspektive frei und gleich sein sollen, zumindest was ihre Chancen
und potenziellen Ergebnisse betrifft (Rawls 1995).
Outcome wäre als umfassende, wenn auch nicht annähernd exakt rechenbare Denkkategorie
zu verfolgen, anstatt nahezu ausschließlich, ja fetischistisch, Outputs als eingeengte Begriffsinhalte
(beeindruckende Produktionsmengen, beschönigende Zahlen der Arbeitsverhältnisse) zu betrachten.
Die Output-Hemisphäre umfasst den materiellen Wohlstand, während die Outcome-Sphäre die sozia-
le i. S. v. gesellschaftliche Wohlfahrt als umfassende Denk- und Empfindungskategorie umspannt,
deren einer Teil nur der gut dokumentierte Wohlstand ist.
Wir stellen daher hier, zugegebenermaßen holzschnittartig, das engere Konzept der ökono-
mischen Effizienz bei der Zielbestimmung und -verfolgung dem breitestmöglichen Konzept der sozia-
len Effizienz gegenüber. Prämisse ist, dass eine Erhöhung der rein ökonomischen Effizienz keine ge-
samthafte Verbesserung Steigerung der sozialen Effizienz bedeuten muss und eine Wohlfahrtssteige-
rung nicht unbedingt eine vergrößerte ökonomische Effizienz voraussetzt (Bartel 2013).
Bei einer solchen Unterscheidung ist die (sehr ungleiche) Verteilung der Chancen und der Er-
gebnisse auf den Märkten von entscheidender Bedeutung. Das gilt nicht nur, was den unmittelbaren
Erfolg an Lebenszufriedenheit betrifft, sondern auch, was die Entwicklungspotenziale anbelangt (Bil-
dung und Förderung im Hinblick auf soziale Mobilität und Nachhaltigkeit). Damit ist der Kreislauf
„Chancen – Ergebnisse Chancen …“ geschlossen.
In diesem Zusammenhang werden hier die beiden Hemisphären des Sozialen eines Wirt-
schaftskonzepts oder -systems (die beiden Seiten der Medaille) deutlich, indem „private Güter“ und
„öffentliche Güter“ betroffen sind. Z.B. steigern gleicher verteilte Erwerbsarbeitszeiten (ein öffentli-
ches Gut) die Arbeitsergebnisse insgesamt (auch mehr private Güter entstehen), indem das öffentli-
che Gut „sozial optimale Verteilung bezahlter Lohnarbeit“ vor schädlicher Überforderung einerseits
und quälender Unterforderung andererseits schützt und solcherart zugleich ökonomischen und
menschlichen Schaden verhindert. Ähnliches postuliert Unger (2013) für das Verhältnis der Sozialpo-
litik zur Wirtschaftsentwicklung; Sozialpolitik ist für die Wirtschaftsentwicklung förderlich, nicht pri-
mär von der Wirtschaftsentwicklung abhängig.
Der Charakter des öffentlichen Gutes äußert sich darin, dass es der Wettbewerb auf dem
Markt ist, der primär die ökonomische Effizienz fördert, die metaökonomische Sphäre der Wirt-
schaftsergebnisse ausblendet und damit schließlich die ökonomische Effizienz beeinträchtigt. Markt-
7
liche Produktion privater Güter ohne supramarktliche Bereitstellung öffentlicher Güter lt die sozia-
le Effizienz und deren Ergebnis, die soziale Wohlfahrt, unter ihrem Potenzialniveau (Rodrik 2002).
1.4. Die unpolitische Wissenschaft und das Politische an ihr
Der in Wissenschaft, Demokratie und Politikrealisierung eingenommene Blickwinkel kanali-
sierte freilich die zu hebenden Potenziale und zu realisierenden Entwicklungen. Recht gut zu verdeut-
lichen ist die ausschlaggebende Wahl der Perspektive auf die Welt anhand der von Bourdieu und
anderen (1993/1997) eingeschlagene Sicht- und Vorgangsweise bei einer umfassenden sozialwissen-
schaftlichen Untersuchung des Elends der Welt (als allgemeine Kategorie) am induktiven Beispiel
entsprechender Pariser Vororte. Thomas Lemke (1998: 90) charakterisiert Methodik und Bedeutung:
Ein Grund für diesen Publikumserfolg liegt außer der Konzeption des Buches als Interviewband und
dem weitgehenden Verzicht auf eine soziologische Fachsprache sicherlich in der ungewöhnlichen Art und
Weise, wie sich die Studie den kleinen und großen Nöten der ‚gewöhnlichen Menschen‘ nähert. Bourdieu und
seinen MitarbeiterInnen zufolge läßt sich der Begriff des ‚Elends‘ (…) nämlich weder auf (lebens)zeitliche noch
auf (sozial-)räumliche Kategorien und Grenzziehungen festlegen. Das Elend beschränkt sich in diesem Sinne
nicht auf identifizierbare Gruppen oder konkrete Personen, und es bezeichnet ebenso wenig einen bestimmten
Zeitabschnitt im Leben von Individuen. Tatsächlich ist Das Elend der Welt weniger ein Buch über materielle
Entbehrungen und ökonomische Armut, sondern es berichtet eher von dem symbolischen Reichtum oder der
Vielfalt sozialer Marginalisierungen, Ausgrenzungen und Konfrontationen.
Um ein Mißverständnis von vornherein auszuschalten: Das Elend der Welt operiert dabei nicht mit der
bekannten Differenz von absoluter und relativer Armut. Im Gegenteil ist es gerade diese Unterscheidung mit
der ihr zugrundeliegenden hierarchisierenden Trennlinie, die das Buch infrage zu stellen sucht. Angesichts der
großen Armut mögen die ‚kleinen Nöte‘, das heißt das positionsbestimmte Elend zwar einerseits als ‚gänzlich
relativ‘ erscheinen. Andererseits ist es aber genau diese absolutistische Zentralperspektive auf das Elend, die
dazu führt, alle Formen des Elends am universellen Maßstab materieller Not zu messen. Auf diese Weise wird
es unmöglich, andere Formen des Leidens wahrzunehmen, als solche, die sich nach diesen Kriterien für den
Status des (wahren) Elends qualifiziert haben.
Der von Bourdieu et al. favorisierte theoretische ‚Perspektivismus‘ (…) hat demgegenüber nichts mit
einem Relativismus (bzw. einer Relativierung des ‚relativen Elends‘ im Unterschied zum absoluten) gemein,
sondern gründet in der Realität der sozialen Welt selbst: in der ihr eigenen Pluralität der mit-, neben- und oft
auch gegeneinander existierenden Standpunkte. Methodisch folgt aus dieser Problembeschreibung die Suche
nach einem Weg jenseits von subjektiver Betroffenheit und scheinbar objektiver Beschreibung. Die Studie be-
dient daher weder das Genre der engagierten Sozialreportage noch ist sie ein distanzierter wissenschaftlicher
Bericht, sondern folgt in der Analyse des Elends der Aufforderung Spinozas: ‚Nicht bemitleiden, nicht ausla-
chen, nicht verabscheuen, sondern verstehen‘“.
Allein schon die allgemein sozialwissenschaftliche und speziell wirtschaftswissenschaftliche
Perspektive auf das Soziale in der Welt bestimmt, wie anhand dieses Zitats aufgezeigt, durch ihre
Selektivität über Relevanz oder Irrelevanz der einzelnen Untersuchungsinhalte und -ergebnisse für
die öffentliche Debatte und politische Umsetzung. Von einer unpolitischen Sozialwissenschaft kann
daher nicht ernsthaft gesprochen werden. So zog denn auch der Wirtschaftsliberalismus neu und
stärker aus der Wissenschaft in die Politik ein oder ist es eher ein Konservatismus als Liberalismus?
8
1.5. Liberalisierung und Normierung kein Widerspruch
Obwohl neoliberale Ökonom_inn_en und Politiker_innen beklagen, dass es in der neolibera-
len Ära nicht gelungen sei, wesentlich zu deregulieren und den (schädlichen) Einfluss des Staates
zurückzudrängen (sie sehen eher das Gegenteil), gehen wir hier einmal von einer tatsächlichen und
nennenswerten Liberalisierung aus, nämlich von Deregulierung bestehender und Nichtregulierung
entstehender Märkte (Schreiner 2013, Prausmüller/Wagner 2014). Das betrifft in dieser Ära v. a. die
Arbeits-, Finanz- und Dienstleistungsmärkte.
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Dennoch werden die Entscheidungen infolge der we-
sentlichen Liberalisierungen faktisch nicht freier. Das ist aus folgenden Gründen kein Paradoxon.
Erstens: Die neuen Märkte bilden schon nach Schumpeterscher Sicht einen günstigen g-
lichkeitsraum für zumindest vorübergehende Monopole (Schumpeter 1942/1975), deren Auflö-
sung von der Offenheit des monopolistischen Marktes für Konkurrenz abhängt (Baumol 1982) und
zudem für Mengen- bzw. Preisabsprachen im dafür besonders geeigneten Oligopol.
Zweitens: Märkte, die durch Deregulierung von politisch-administrativen Strukturen befreit
werden, bilden ein ökonomisches Machtvakuum, das die stärksten Players quasi ansaugt und statt
eines Wettbewerbs auf dem Markt einen Kampf um den Markt oder um marktbeherrschende Positi-
onen mit entsprechenden neuen, privaten Machtpositionen mit sich bringt (van Waarden 2001).
Drittens: Die zumindest grob die Richtung weisenden Entscheidungen im Rahmen der reprä-
sentativen Demokratie sind in dem Sinn nicht freier, dass das Marktkonzept mit seiner eingangs ge-
schilderten Normativität eine faktische Hegemonie innehat, welche den Charakter des Marktstaates
absichert und beibehält, und zwar unbeschadet der politisch den Ton angebenden Parteien und un-
geachtet des jeweiligen Staatstypus (eben sogar vom Minimal- bis zum Wohlfahrtsstaat). Politik er-
schöpft sich somit in der Verwaltung des Marktstaates und des proaktiven Ausschlusses von Alterna-
tiven aus der effektiven öffentlichen Debatte und den Verweis in den Bereich des Undenkbaren, also
Unrealisierbaren und ökonomisch Irrationalen.
Der Mensch kann in der natürlichen Welt nicht leben; er macht sie sich mit seinen Konstruktionen
bewohnbar. Diese menschliche Leistung gründet auf den Diskursen, die uns mit ihren Darstellungen nahe le-
gen, wie die Welt der Dinge wirklich ist, wie wir sie wahrzunehmen und zu denken haben. Die Überzeugungs-
kraft und Macht der Diskurse beruht auf drei Prinzipien (Foucault 1974): Diskurse arbeiten mit Prozeduren der
Ausschließung und des Verbotes wir hätten nicht das Recht, bei jeder Gelegenheit alles zu sagen. Sie arbeiten
zweitens mit dem Prinzip der Grenzziehung und Verwerfung es gäbe vernünftige und wahnsinnige Redewei-
sen; was die Verrückten uns zu sagen hätten, sei ohne Bedeutung. Und drittens vermitteln uns die Diskurse
Vorstellungen darüber, was falsch und was richtig ist, oder vielleicht genauer: was wir als wahr betrachten
wollen und welche institutionelle Macht uns verbürgt, dass eine Wahrheit die höchste ist (Ziegler 2008: 17).
Die offene Gesellschaft ist im Neoliberalismus nicht mehr offen zumindest bei weitem nicht
mehr so offen, wie Karl Popper (1945/1966: Kap. 5, o. S.) und viele andere das vor Aufstieg und He-
gemonie des Neoliberalismus noch wünschten:
The beginning of social science goes back at least to the generation of Protagoras, the first of the
great thinkers who called themselves Sophists. It is marked by the realization of the need to distinguish be-
tween two different elements in man’s environment his natural environment and his social environment. This
is a distinction which is difficult to make and to grasp, as can be inferred from the fact that even now it is not
1
Im Bereich des Außenhandels gibt es einen Übergang vom offenen, formellen zum versteckten, nicht-tarifären
Protektionismus im Kampf der entwickelten Staaten um ausgedehntere Weltmarktanteile, und der formelle
Marktöffnungsdruck mit der ökonomischen Belastung lastet auf den weniger weit entwickelten Wirtschaften.
9
clearly established in our minds. It has been questioned ever since the time of Protagoras. Most of us, it seems,
have a strong inclination to accept the peculiarities of our social environment as if they were natural.
It is one of the characteristics of the magical attitude of a primitive tribal or closed society that it lives
in a charmed circle of unchanging taboos, of laws and customs which are felt to be as inevitable as the rising of
the sun, or the cycle of the seasons, or similar obvious regularities of nature. And it is only after this magical
closed society has actually broken down that a theoretical understanding of the difference between nature
and society can develop.
Heutzutage ist eine Normierung allgemeinen wirtschaftspolitischen Handelns längst eingetre-
ten, ja herbeigeführt worden. Die Internalisierung und generelle Anwendung des Marktkonzepts in
den jeweiligen Entscheidungsinstanzen hat sie bewirkt. Genau genommen ist es die in der Praxis
nicht realisierte und vielleicht auch nie befriedigend realisierbare, vielleicht aber durch Besseres
durch eine „Zweitbestlösung“ – ersetzbare Fiktion des perfekten Wettbewerbsmarktes: Er soll
machtfrei und anreizeffizient, frei im Sinn von raumgebend sowie effizient und leistungsgerecht sein.
Die hier skizzierte Problematik und angebrachte Kritik bedeutet weder, die neoklassische
Methodik zur Erklärung des idealen Marktes die algebraische Optimierung durch die Wirtschafts-
teilnehmer_innen rundweg abzulehnen (Bartel 2014), noch das Konzept des Wettbewerbsmarktes
pauschal in Frage zu stellen, um es schlussendlich kategorisch zu verwerfen. Es geht allerdings da-
rum, dieses Konzept auf seine tatsächlich effizienten Einsatzbereiche zu beschränken (Bartel 2013a)
und im Übrigen die Marktbeziehungen anders zu organisieren, als sie durch Liberalisierung faktisch
den Mächtigeren zu überantworten, dadurch Strukturen zu konservieren und die Anpassung den
weniger Mächtigen aufzubürden. Marktbeziehungen sind aus dieser Sicht eher einer vorzugsweise an
der sozialen Effizienz ausgerichteten Politik zu anzuvertrauen.
1.6. Ein Missverständnis, kein Widerspruch
Ein spezielles Problem bereitet die Normierung des Denkens bei der supranationalen Organi-
sation der Politik auf. Die Institution der EU ist an sich eine effektive und effiziente Organisationsform
für die politische Koordinierung und ähnelt vom Prinzip der (informellen) Wirtschafts- und Sozial-
partnerschaft. So soll die EU die einzelnen Interessen im relativ kleinen und wirtschaftlich wie sozial
noch wenig integrierten Raum Europa bündeln und Unterschiede tendenziell ausgleichen. Im Sinn
sozialer Effizienz und ihrer erhofften entwicklungsfördernden Wirkungen ist sie als Instanz politi-
schen und sozialen Ausgleichs und effektiver Umsetzung prädestiniert.
Doch die in einer fehlenden europäischen Verfassung zu verankernden Prinzipien von Offen-
heit, sozialen Grundrechten und Reversibilität (Korrekturfähigkeit) der supranationalen Politik wer-
den verschiedentlich und schmerzlich vermisst. Soziale Ausrichtung wäre durch ein wahrhaftiges
Gesamtdenken auf EU-Ebene zweckmäßiger zu verfolgen (ganz im Sinn des oben Erläuterten). Das
erforderte eine gesamteuropäische Solidarität, dem die internalisierte Norm des Wettbewerbs als
Grundlage der (Gemeinschafts-)Politik entgegensteht. Stärkere Win-Win Solutions mehr soziale
Wohlfahrtsmehrung und zugleich mehr Wirtschaftsleistung sind möglich, wenn auch noch kaum
vorstellbar. Dadurch werden Ideenreichtum und Gestaltungswille in der Politik marginalisiert.
Als Hauptproblem erscheint dabei Folgendes. In der geschilderten Situation wird die Institu-
tion der EU an sich leicht mit der hegemonialen Verankerung der Marktstaatlichkeit in dieser Institu-
tion verwechselt, obwohl das Strukturelle, die Institution an sich, mit dem Inhaltlichen, ihrer Politik,
eigentlich wenig zu tun hat. Der schmale, aber wichtige Konnex zwischen Organisationsstruktur und
10
Politikgestaltung ist die demokratische Ausgestaltung der Institution EU im Hinblick auf Offenheit,
Kontrolle und Reversibilität, und zwar durch das politisch stärker direkt legitimierte EU-Parlament.
So gesehen richten sich die nationalistischen Anti-EU-Bewegungen auf das falsche Ziel: auf
die Institution statt deren Politik. Folgerichtig wären also die Emanzipation vom Marktstaat-Denken
und reformerische Bemühungen im System der Repräsentanz des politischen Souveräns vorrangig,
um viel mehr Bewegung in das recht konservative System zu bringen.
11
„Wir sprechen nicht über Politik, (…) wir kümmern uns nicht
um den Zustand der Welt.“ (Michael Köhlmeier: Die Abenteu-
er des Joel Spazierer. Roman. dtv: München 2014: 22)
2. Status quo und Alternativen: Wohin wir uns emanzipieren könnten
Emanzipation aus einem System gut organisierter Partialinteressen (Marktstaatlichkeit nützt frei-
lich den Bevölkerungsgruppen ungleich gut) verlangt zum einen Organisation i. S. v. koordinierter
kollektiver Aktion, zum anderen Intellekt, Intelligenz und Kreativität; bloß gegen etwas zu sein, ist
ineffektiv (Mouffe 2013). Schon Jean-Paul Sartre folgend (Grabner-Haider 2012) bedarf soziale Kritik
entsprechender Entwürfe gesellschaftlichen Zusammenlebens. Noch weiter zurückliegend ist es
Friedrich Nietzsches „Freigeist“, der es im Gegensatz zu den „gebundenen Geistern“ vermag, die
vorgetäuschte und idealisierte Regelmäßigkeit des Lebens gegen die offenen Perspektiven der Ent-
wicklung zu tauschen; der Freigeist“ bemächtigt sich (Ruckenbauer 2012) heute heißt dies self-
empowerment. In diesem Sinn wären Brücken zwischen den rein ablehnenden bis hin zu den kreati-
ven Strategien zu bauen oder zu verstärken. Hier sollen einige prioritäre Einsatzbereiche für organi-
sierte Emanzipation im Bereich der Wirtschaftswissenschaft und -politik aufgezeigt werden: Konzept
der Konjunktur und Budgetpolitik, Bild vom Arbeitsmarkt und Vorstellung von der Arbeitswelt, Ge-
staltung der Finanzmärkte und die Konzeption der supranationalen Wirtschaftspolitik der EU.
2.1. Trend und Konjunktur Konjunktur und Trend (Bartel 2013c) und Budgetpo-
litik
Ein Konjunkturzyklus ist in den Augen des Status quo (Mainstream) stilisiert eine wellen-
artige Bewegung von Produktion bzw. Einkommen um einen Trend herum (vgl. Abb. 1.1. Konjunktur
und Trend (1.) im Anhang A.1.): Beginnend mit dem Trendwert (anfängliches Konjunkturgleichge-
wicht) verläuft die Konjunkturbewegung über die Expansion (Anspannung der Wirtschaftslage) und
den Konjunkturgipfel (obere Konjunkturspitze) endlich in die Entspannung und von dort, nach Durch-
stoßen des Trendwerts, in die Rezession hinab bis ins Konjunkturtal (untere Konjunkturspitze) und
von dort via Erholung abermals zurück zum Trendwert (neues Konjunkturgleichgewicht).
Konjunktur wird vom Mainstream und das ist entscheidend als Störung des Normalen, als
Abfolge von Abweichungen von einem strukturell vorgegebenen Trend, einem angebotsseitig be-
stimmten Wachstumspfad, gesehen. Deshalb liegt der Primat auf der Angebotsseitigen Wirtschafts-
politik, die längerfristig die entscheidende sei, während die nachfrageseitigen Konjunkturstörungen
nur vorübergehende Ereignisse sind. Diese sind besser durch Lohn- und Preisflexibilität zu überwin-
den (Selbststabilisierung) als durch staatliche Nachfragesteuerung auf dem Gütermarkt. Mittels der
flexiblen relativen Preise übt der Trend nämlich eine Anziehungskraft auf die Wirtschaft aus. Diese
Selbststabilisierungskraft zum Trend ist die Ergodizität im konventionellen Wirtschaftsmodell (Bartel
2014b). Darum sind selbst konzertierte Budgetkonsolidierungen höchstens ein kurzfristiges Problem.
Aus alternativer Sicht ist Konjunktur zwar auch stilisiert eine wellenartige Bewegung, aber
zunächst ohne eine Normierung auf einen Trend, sondern allein definiert als ungleichmäßige Ent-
wicklung in der Zeit (vgl. Abb. 1.2. Konjunktur und Trend (2.) im Anhang A.1.). Im Sinn einer Ver-
besserung der sozialen Situation stellt jedes im Vergleich zur Vorperiode beobachtete Mehr an Pro-
duktion und daher auch an Beschäftigung und Einkommen einen willkommenen Aufschwung dar.
12
Beginnend wiederum im Konjunkturtal (untere Konjunkturspitze) tritt die Expansion (das kurzfristige
Wachstum) ein und setzt sich bis zum Konjunkturgipfel (obere Konjunkturspitze) fort, von wo eine
Rezession beginnt, die wieder bis ins Konjunkturtal führt, wo der eine Zyklus abgeschlossen ist und
ein nächster beginnt. Konjunktur ist hier die unstete Entwicklung von Wirtschaft und Wohlstand, die
nachträglich(!) besehen hoffentlich einen erwünschten Wachstumstrend (ein langfristiges Wachs-
tum) ergeben hat. Angebots- und nachfrageseitige Faktoren können zusammen die laufende Ent-
wicklung bestimmen. Dabei ist jede Expansion ein Wachstumsbeitrag (und als solcher erwünscht),
jede Rezession ist ein Wachstumsverlust und daher zu vermeiden. Die Wirtschaft soll eben nicht auf
einen quasi vorbestimmten Trend hin stabilisiert, sondern stets in ihrer Entwicklung maximiert wer-
den. Der Trend ist nämlich hier kein vorgezeichneter Idealweg, von dem die nachfrageseitigen Kon-
junkturschocks wegführen. Vielmehr ist der Trend ein Kennzeichen der Entwicklung, wie er im Nach-
hinein in die „Wellen“ eingepasst werden kann: entweder nur über den Daumen gepeilt oder als
Regressionsgerade fußend auf der Kleinstquadratmethode. Der Trend wird hier durch die schwan-
kende laufende Entwicklung festgelegt. Er kann daher durch laufende und stete, jeweils mehr oder
weniger, doch grundsätzlich expansive Maßnahmen der Konjunktursteuerung steiler gestaltet wer-
den.
Die abweichende Definition geht auch mit einer gänzlich unterschiedlichen ökonomischen
und wirtschaftspolitischen Interpretation einher. Wir kommen damit von der althergebrachten Norm
der antizyklischen Konjunktursteuerung ab (Stabilisierungspolitik hin zum Trend, symmetrisch nach
oben und nach unten). Vielmehr wollen wir durch grundsätzlich expansive Budgetpolitik eine öko-
nomisch nachhaltige Wirkung erzielen, indem wir auf einen höheren langfristigen Wachstumspfad
gelangen. Das ist die Hysterese-Theorie der Wirtschaftsentwicklung (Bartel 2014b).
Wenn sich der Staat verschuldet, kann er sich gern auch zur Abdeckung laufender Sozial-
transfers und staatlicher Dienste (Staatskonsum) verschulden, und nicht nur zur Finanzierung von
Infrastruktur. Denn soziale Ausgewogenheit, sozialer Friede und somit eine zentripetale Kraft zur
Integration und Festigung des Gesellschaftszusammenhalts können sehr wohl durch Ausgaben für
Bildungs- und Sozialleistungen befördert, kreditfinanziert und erreicht werden; es müssen nicht im-
mer nur Bildungsstätten und Spitalsgebäude sein. Ansonsten würde den viel zitierten weichen (d.h.
schwer fassbaren), aber in ihrer Wirkung dennoch harten Standortfaktoren kaum Bedeutung beige-
messen und auf Realisierung von Potenzial unnötig verzichtet.
Aus diesem Blickwinkel post-keynesianisch und wohlfahrtsstaatlich erfolgt eine Budget-
konsolidierung durch wirtschaftspolitisch aktivierte wirtschaftliche Expansion, und daraus folgt lang-
fristiges Wachstum, aber nicht durch Staatsausgabensenkungen. Budgetdefizite erhöhen zwar die
Staatsverschuldung netto, sind aber eine Art Vorfinanzierung späterer höherer Staatseinnahmen in
wirtschaftlich dynamischeren Zeiten. Eine wirtschaftspolitisch erzeugte Expansion wird zwar kaum
stark genug sein, um selbsttragend zu werden und das Wachstum zu befeuern, doch eröffnet sie
größere Möglichkeitsräume für Umverteilung: von Privat zu Staat, von Reich zu Arm, von knauserig
bis nachfragestark.
2.2. Gleichere Verteilung der Arbeit, mehr Leistung und soziale Wohlfahrt
Über fast die gesamte Ära des Neoliberalismus werden die negativen Auswirkungen von Ar-
beitslosigkeit (vgl. schon Bluestone und Harrison 1982 und anlässlich der Griechenlandkrise z.B.
Walker 2011) und auch von Arbeit weit über die zeitliche Norm hinaus dokumentiert (die ausbeuteri-
13
sche japanische Industrie und ihre Umkehr aus dieser Sackgasse ist ein lehrreiches, aber wenig be-
achtetes Beispiel).
Workaholics und faktisch Unvermittelbare als Randphänomene und schwerer lösbare Prob-
lemfälle einmal ausgeschlossen, liegt der Ausgleich der Arbeitszeiten über die Lohnabhängigen nahe.
Aus dem zu erwartenden Produktivitätsgewinn, aus der Beobachtung, dass Vollzeitarbeit relativ ge-
ring entlohnt wird und aus den entfallenden Überstundenzuschlägen lassen sich zumindest im Ag-
gregat höhere Lohnsätze finanzieren. Bei steigender Produktivität ergibt sich insgesamt bei sonst
unveränderten Umständen ein Anwachsen von Produktion, Beschäftigung und Einkommen. Oben-
drein nimmt die soziale Wohlfahrt zu, selbst wenn keine Verbesserung der ökonomischen Effizienz
und somit keine Ausweitung des Wohlstands zustande käme.
Die sozialen Kosten (gesamten Nachteile, volkswirtschaftlichen Kosten) der Arbeitslosigkeit
teilen sich auf in individuelle Kosten, die bloß das erwerbsarbeitslose Individuum betreffen, und ex-
terne Kosten, die alle Individuen im Kollektiv tragen müssen; niemand ist eine Insel.
Die individuellen Kosten der Arbeitslosigkeit sind relativ gut erfassbar und daher besser do-
kumentiert. Es sind die beeindruckend negativen Ergebnisse, die im Großen und Ganzen beredt für
die Unfreiwilligkeit von Arbeitslosigkeit sprechen.
Die externen Kosten der Arbeitslosigkeit sind breit gefächert. Sie fangen bei den staatlichen
Mindereinnahmen an und setzen sich etwa über Opportunitätskosten (Alternativkosten) der sozialen
Abfederung und staatlichen Verwaltung der Arbeitslosigkeit fort, weil diese öffentlichen Ressourcen
für andere Verwendungszwecke (Alternativen) nicht mehr zu Verfügung stehen und damit günstige
Gelegenheiten (Opportunitäten) nicht wahrgenommen werden können (wo Zweck und Wirkung die
Arbeitslosigkeit relativ wenig tangieren). Schließlich sind es psychische Kosten, die erwachsen, wenn
Beschäftigte das Leid der Arbeitslosen und prekär Beschäftigten allgemein und nicht nur derjenigen
in ihren Familienverband oder Freundeskreis miterleben (Bartel 2013).
Also geht hohe Beschäftigung in die Nutzenfunktion auch der Beschäftigten ein und mag eine
gewisse Zahlungsbereitschaft für Vollbeschäftigung ergeben, und das mildert, im Sinn von Alexis de
Tocqueville und Michel Foucault sowohl die Hegemonie des Mainstream als auch die Diktatur der
politischen Mehrheit und somit die soziale Radikalität (Bartel 2014a).
2.3. Finanzmärkte und Wirtschaftspolitik
Der Marktstaat ist ein sakrosanktes Dogma geworden. Die mehrheitliche Meinung, die nicht
oder zu wenig oder zu unkritisch reflektierte Expertise des Mainstream, übernimmt somit einen we-
sentlichen Teil des inhaltlichen demokratischen Prozesses und Ergebnisses und begründet eine unzu-
reichend fundierte und daher illegitime Herrschaft der Technokrat_inn_en (Bartel 2013a). Ein diesbe-
züglich ganz besonders augenfälliges Beispiel sind der globale Finanzmarkt und die nationalen, inter-
nationalen und supranationalen Politiken ihm gegenüber. Das Dogma vom Finanzmarkt als einem
effizienten Markt verstellte den Blick auf die tatsächliche Funktionsweise, die mit der Funktionalität
dieses Marktes, nämlich mit der Finanzierung von Produktionstätigkeit und Einkommensentstehung,
immer weniger zu tun hatte. Die dogmatische Black Box des Mainstream war also im Wesentlichen
zugeblieben: Wie schaffen die Finanzmarktteilnehmer_innen denn die perfekten Ergebnisse über-
haupt? Das hätte sich die Profession insgesamt fragen müssen. Erst die jüngste Weltfinanz- und
Weltwirtschaftskrise sie klappte die Black Box wieder mehr auf (Bartel 2010).
14
“Eine der zentralen falschen Annahmen war demnach, dass sich Menschen rational verhalten im Sinne
ihrer langfristigen Interessen. Psychologische Mechanismen wie Herdentrieb oder Optimismus seien vernach-
lässigt worden. So habe man es lange nicht für möglich gehalten, dass etwa Bankmanager Spekulationsrisiken
eingehen würden, die die Existenz ihrer eigenen Firma bedrohen. Irrationales Handeln, so Greenspan in einer
nicht gerade neuen Erkenntnis, sei nicht nur weit verbreitet, sondern von der Wissenschaft vorhersehbar und
müsse deshalb viel stärker in Prognosemodelle eingebaut werden” (Rüdel 2013: 1).
Immerhin gab es schon etwa seit Beginn der neoliberalen Ära konkurrierende Finanzmarkt-
theorie, die fundamental anders angelegt waren und im Wesentlichen diametrale Ergebnisse hervor-
brachten, wie jene des Ko-Nobelpreisträgers von 2013, Robert J. Shiller. Diese der neoklassischen
Methodik (längerfristige Erwartungsnutzenmaximierung unter perfekten Voraussetzungen) völlig
artfremden Theorien wurden gerade deshalb ignoriert; sie waren ja nicht zu übersehen. Ergänzend
wischte der Mainstream die Einwände aus dem eigenen Lager gegen eine im Allgemeinen herrschen-
de ökonomische und soziale Effizienz der Finanzmärkte, etwa des Ko-Nobelpreisträgers von 2013,
Eugene Fama, sehr opportunistisch, eben unwissenschaftlich, vom Tisch.
„Doch diese Einschränkung ging in der breiten Anwendung seiner [Famas; Anm. R.B.] Lehre rasch ver-
gessen. Von der Hypothese Famas, die Finanzmärkte seien effizient, war es ein kurzer Weg bis zur Gewissheit,
die Finanzmärkte seien immer effizient“ (Dittli 2013: o. S.).
Insofern war die Finanzmarktkrise als eine systeminhärente, möglicherweise oder gar ziem-
lich wahrscheinlich eintretende Episode objektiv zu erwarten gewesen (Bartel 2009), war aber sub-
jektiv verdrängt worden.
Es sieht nicht einmal heutzutage sehr danach aus, wie zunächst erwartet worden ist, dass die
Krise einen Paradigmenwechsel in Wirtschaftswissenschaft und -politik herbeiführen würde; dazu
braucht man lediglich im täglichen Finance Today des Handelsblatt.com nachzulesen; es ist bis heute
nicht zu den selbst aus der Sicht von Ordoliberalen zumindest nötigen Regulierungen gekommen, da
sie lobbyistisch verschleppt werden (vgl. z.B. Schulmeister 2014 zu einer Finanztransaktionssteuer),
während dieselben oder sehr wirkungsähnliche Entwicklungen von Finanzaktiva und Geschäftsprakti-
ken wie vor der Krise an den Tag kommen, die noch dazu die Krise offenbar verursacht haben. Min-
destens ein ordoliberal geprägter Schutz der Konsument_inn_en wäre dringend angebracht; die ent-
sprechende Publizität dafür wäre eigentlich gegeben.
Genau bei der Kritik aus dem Lager des Mainstream wäre die Kritik strategisch anzusetzen,
um die internalisierte Norm von der Perfektion liberaler Märkte zu erschüttern. Die Kritik aus dem
marktwirtschaftlichem Lager wie ungleich schwer. Ist die Norm einmal ein wenig und dann zuneh-
mend entzaubert, kann mit der Vermittlung der weitergehenden und dann grundsätzlichen Ein-
wände dann mehr bewegt werden als gegenüber einem in sich geschlossenen, sehr strikten Dogma.
Der Generaleinwand gegen Marktregeln, von der Rahmengesetzgebung bis zur Marktregulie-
rung, ist der allein schon von einem staatlichen Ordnungserlass behauptete Verlust an ökonomischer
Effizienz und Wohlstand. Er hängt eng mit dem geschilderten Konjunkturmodell des Mainstream
zusammen, nach dem die Selbststabilisierung kurzfristig effektiv erfolgt oder es nicht einmal zu einer
nennenswerten Destabilisierung der Wirtschaft weg vom strukturellen Trend kommt, so dass jeder
Staatseingriff destabilisierend wirke (Bartel 2013d, 2014b).
Dabei wäre eine Regulierung der Finanzmärkte in den Bereichen Produkte, Praktiken, Wech-
selkurse und Staatsfinanzierung eine Emanzipation der Wirtschaftspolitik und letztlich des politischen
Souveräns aus der Dominanz der Märkte über das Gemeinwesen, den Staat und seine Wirtschaftspo-
litik (Klaffenböck 2008, UNCTAD 2013, Schulmeister 2011). Wie beim IWF die internationale Liquidi-
15
tät nach den realwirtschaftlichen Erfordernissen gesteuert wird (Zuteilung von Sonderziehungsrech-
ten out of thin air, also aus dem Nichts), so müsste die Fremdkapitalfinanzierung der Nationalstaaten
weitgehend unabhängig von den Finanzmärkten erfolgen, etwa durch einen Europäischen Währungs-
fonds (Schulmeister 2011).
Die Strategie in der politikrelevanten Auseinandersetzung müsste daher sein zu vermitteln,
dass durch Regeln für und Interventionen in den Markt mehr tatsächliche Freiheit zu gewinnen wäre
als durch die formale Freiheit des Neoliberalismus, der eben dadurch echte Unfreiheit schafft. Denn
seit den Regierungen von Reagan, Thatcher und Kohl besteht Wirtschaftspolitik in einem zugege-
benermaßen zunehmend komplexen Wirtschaftssystem in der gleichsam kataleptischen Imitation
der vergleichsweise recht einfachen Strategien der Wirtschaftsmächte USA, UK und BRD. So wie beim
Herdenverhalten auf den Finanzmärkten jeweils ein Individuum sich von Stimmung und Verhalten
der jeweils anderen anstecken lässt und deren Verhalten möglichst rasch und genau imitiert (Shiller
1995; Ridderstrale/Nordström 2004: “Karaoke capitalism“), so imitieren die Regierungen und die EU
die wirtschaftspolitischen Verhaltensweisen der vermeintlich besseren Führenden (Karaoke politics).
Um sich diese Aufgabe noch zu erleichtern, werden die US Rating-Agenturen begrüßt und po-
litisch faktisch aufgewertet (Ötsch 2014). Sie wurden zu Global Players der Wirtschaftspolitik ge-
macht und zeigen im Wesentlichen nur auf, was die (instabilen) Märkte gerade auch zeigen (Tichy
2012). Sie verstärken also vor dem Hintergrund des Herdenverhaltens durch ihre Information die
Ausschläge der Finanzmärkte.
2.4. Supranationale Wirtschaftspolitik
Zur Rückgewinnung von Politikspielraum der EU und in der EU muss man zunächst das “Im-
possible Trinity Principle“ beachten (Commission of the European Communities 1990: 43). An den
Ecken dieses Dreiecks stehen die Ziele freie (Finanz-)Kapitalmobilität, stabile Wechselkurse und au-
tonome Geldpolitik. Nur jeweils zwei dieser drei Ziele sind gleichzeitig realisierbar. Die Europäische
Währungsunion (EWU) hat mit ihrer unabänderlichen Festlegung der Wechselkurse zwischen den
nationalen Vorgängerwährungen für die Konstruktion des Euro als eine Kunstwährung endgültig das
Ziel der Wechselkursfixierung zementiert. Ebenso unabrückbar scheint die EWU das Ziel der freien
Finanzkapitalmobilität zu verfolgen, will sie doch offenbar das Prinzip des freien Verkehrs der (Fi-
nanz-)Dienstleistungen als eine der Grundfreiheiten im Binnenmarkt auf die Außenbeziehungen an-
wenden und damit auch dieser Liberalisierung im Rahmen des GATS bzw. der WTO weiterhin verläss-
lich folgen. Daher ist es der EWU eben nicht möglich, eine autonome Geldpolitik zu betreiben, die
sich nämlich erstens nach den Finanzierungserfordernissen der Realwirtschaft besonders in den
schwachen Regionen und Staaten ausrichtete und die dabei zweitens den internationalen Finanz-
marktentwicklungen souverän gegenüberstünde.
Damit die Geldpolitik von den Zwängen der internationalen Finanzmärkte trotz fixen Wech-
selkurse in der Währungsunion befreit wäre, verlangt die von Robert Mundell (1961) originär ent-
worfene Theorie der optimalen Währungsräume (Optimal Currency Area Theory: OCA theory) Fol-
gendes. Der Erfolg i. S. v. wirtschaftlicher Nachhaltigkeit eines Systems ohne die Möglichkeit von
Wechselkursanpassungen (das ist in einer Währungsunion eben der Fall) ist dann wahrscheinlich,
wenn bestimmte Kriterien in den verschiedenen Wirtschaften der Währungsunion sehr ähnlich er-
füllt sind.
16
Die klassischen OCA-Kriterien Mundells sind Arbeitsmobilität, Lohn- und Preisflexibilität, Of-
fenheitsgrad der Volkswirtschaft, Diversifizierungsgrad der Produktion, die Fiskaltransfers und die Art
der Schocks, denen die Wirtschaft gewöhnlich ausgesetzt ist. Die moderneren Fassungen der OCA-
Theorie beinhalten die Kriterien Kapitalmobilität (sachlich und finanziell), die Synchronität der Kon-
junkturzyklen, die Inflationsrate und insbesondere die Fiskalpolitik. Kurz gesagt: Sehr ähnliche Wirt-
schaften ergeben insgesamt einen wirtschaftlich homogenen Raum, und dieser ist für eine h-
rungsunion prädestiniert (Halak 2012).
Gibt es einmal unterschiedliche wirtschaftliche Betroffenheiten in den verschiedenen n-
dern oder (Teil-)Regionen der Währungsunion, sollen die Flexibilitäten insbesondere betreffend
die Arbeitsmigration, die Löhne und Preise und somit die Inflationsrate sowie nicht zuletzt die Fiskal-
politik die wirtschaftliche Anpassung an die jeweiligen Schocks oder strukturellen Unterschiedlich-
keiten sicherstellen und die ökonomischen Spannungen zwischen den (Teil-)Regionen oder Staaten
der Währungsunion aufheben, eben ganz, wie es dem neoklassischen Modelldenken entspricht, das
doch die methodisch-theoretische Basis für den Neoliberalismus darstellt.
Doch die realtypische Wirtschaft ist nicht die idealtypische Modellwelt. Im Fall der EWU steht
die Arbeitsmigration frei, doch faktisch ist sie nicht in dem Maß gegeben, das die Probleme neutrali-
sieren würde. Die Lohnpolitiken sind innerhalb der EWU sehr verschieden; herausragendes Einzelbei-
spiel ist Deutschland. Nicht zuletzt sind die Produktivitäten in der jeweiligen regionalen oder nationa-
len Produktion (Sachgüter-, Dienstleistungs- oder Agrarindustrie, Entwicklungsstufe und Wertschöp-
fungsintensität der betreffenden Produktion) sehr unterschiedlich. So ist die EWU eben auch kein
optimaler Währungsraum (Halak 2012).
Die Fiskalpolitik der EU und innerhalb der EWU-Staaten ist nicht hinreichend darauf ausge-
richtet, die ökonomischen Unterschiede und die diesbezüglichen Spannungen aufzuheben. Der politi-
sche Wille, dass die EWU daher primär eine Transferunion von den Starken zu den Schwachen wird,
um die Homogenität unter den Regionen und Nationen weitestgehend herzustellen, ist sehr be-
grenzt.
2
Die Arbeit der „Trojka“ (EU-Kommission, EZB, IWF) erweist sich wirtschaftspolitisch wenig
effizient, ob nun an der Wohlstands- oder sozialen Wohlfahrtsentwicklung gemessen oder gar an der
Dynamik der Arbeitslosenquote.
Was im Sinn der Vollständigkeit der Alternativen gewährleistet werden sollte, ist daher die
ergebnisoffene Evaluierung des Gesamtkonzepts der EU und der EWU, insbesondere die problemati-
sche Finanzkapitalverkehrsfreiheit und der wenig effektive Strategie der regionalen Kohäsionspolitik
betreffend. Betrachten wir nicht die aggregierte Ebene der Nationalstaaten und vergleichen sie, son-
dern tun wie dies auf Ebene der (Teil-)Regionen, so stellen wir nahezu immer schon nicht den propa-
gierten Aufholeffekt der wirtschaftlich Schwächeren und Ärmeren fest, sondern hauptsächlich eine
2
Klar ist, dass die vielbeschworenen Reformen, wie die Liberalisierung der Arbeitsmärkte in Südeuropa, nicht
die Wachstumswende gebracht haben. Auch die Geldspritzen der Euro-Zentralbank haben wenig ausgerichtet.
Der richtige Schritt, um aus dem Konjunkturtal herauszufinden, wäre ein EU-Investitionspaket. 100 bis 200
Milliarden Euro an frischem Geld wären laut Ökonomen notwendig, um einen Wachstumsimpuls zu setzen.
Mittel, die angesichts niedriger Zinsen aufzutreiben wären. Auch die passende Gelegenheit für einen Beschluss
naht, am 7. Oktober soll es in Rom einen Wachstumsgipfel geben. Doch das Kernproblem Europas ist erneut die
Frage, wer die Zeche bezahlt. Die Südländer Spanien und Italien sind finanziell überfordert. In den Nordländern
Deutschland und Österreich ist der Leidensdruck noch nicht so hoch, als dass die Regierungen bereit wären,
neue Schulden zu machen. Jemand, der dieses Dilemma löst, ist nicht in Sicht. (András Szigetvari, DER STAN-
DARD, 3.9.2014)“ (http://derstandard.at/2000005077640/Konjunkturflaute-in-der-EU-Europa-sucht-das-
Gaspedal (3.9.2014).
17
divergente Entwicklung (vgl. jüngst Dauderstädt 2011). Das sei Grund genug zu einer ernsthaften
Revision der Politik.
18
Wir sind in Gefahr, uns unbewußt in ein Spiegelbild der uns
manipulierenden Umwelt zu verwandeln. (…) Trennungsdro-
hungen verschärfen Isolationsangst. Diese Angst wir in der Ge-
sellschaft kreisförmig weitergegeben. (…) Unbewusste Hörig-
keit ist kein Sonderfall, sondern ein Merkmal des durchschnitt-
lichen Menschen. Wir müssen unsere Verführbarkeit und die
verführenden Autoritäten zu kontrollieren lernen. (…) Die Kar-
riere vollendet oft die psychische Selbstaufgabe in Raten
(Richter 1997/2012: 7, 49, 78, 100)
3. Exkurs: Humanwissenschaftliche Inputs zu organisierter Emanzipation
Es werde darum gehen, sich mit ihnen [den hegemonialen Institutionen; R.B.] auseinander-
zusetzen, um die existierenden Diskurse und Praktiken zu disartikulieren (…). (…) das Moment der Re-
artikulation ist entscheidend“ (Mouffe 2013: 211). Das neu Gedachte, Formulierte und Kommunizier-
te bietet den Menschen die Möglichkeit zu einer Reidentifikation, heißt es aus dem Bereich der Sozi-
alwissenschaften. Mithin ist auch Psychologie angesprochen, wie schon Sartre, Rawls und Horkhei-
mer dies dachten und für forschungs- und politikförderlich empfanden (Grabner-Haider 2012). Von
dort gibt es einen teils fließenden Übergang zur Philosophie. So folgen nun selektive Blicke auf geis-
teswissenschaftliches Erbe, um nach Inspirationen zu suchen und danach wieder zu den Sozialwis-
senschaften zurückzukehren und ggf. wirtschaftspolitisch relevante Schlüsse ziehen zu können.
Zur historischen Einordnung finden sich die Lebensdaten der in Folgenden angesprochenen
Humanwissenschafter_innen im Anhang A.2.
3.1. Seele und Gesellschaft (Schlüter 2013)
Am Anfang war der Trieb, und mit Freud begann die Tiefenpsychologie. Doch wird in der Fol-
ge die Triebhaftigkeit nicht wie bei Sigmund Freud nur auf den Sexualtrieb beschränkt, sondern wird
von Wilhelm Reich verallgemeinert, auf das Sich-gehen-Lassen, das Sich-Hingeben den Strömen der
Bioenergie. Das eröffnet eine breitere Möglichkeit zur Erklärung von Neurosen als psychische Stö-
rung im Bereich des Ichs als Folge des Konflikts zwischen dem Es (der Triebhaftigkeit) und dem Über-
ich (den gesellschaftlichen Normen, die das Es einschränken). Im Unterschied zu Freud ist für Reich
die Triebsublimierung (als Ausweg aus diesem Konflikt) nicht die Quelle positiv besetzter menschli-
cher Leistungen, sondern Ursache der Machtausübung und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft
(Schlüter 2013). Hier anknüpfend könnten individuelle Besserstellungen (Triebabfuhrmöglichkeiten)
zunächst durch Hilfestellung bei der persönlichen Selbstemanzipation die psychosozialen Vorausset-
zungen für eine bessere Welt schaffen. Dazu mag bei den individuellen Hemmnissen persönlicher
Freiheit angesetzt und zu mehr Freiheit in der Gesellschaft hingeleitet werden. Erich Fromm sieht den
menschlichen Trieb als „das Bedürfnis nach Beziehung zu anderen und zur Welt, nach Verwurzelung,
Identität und Selbsttranszendenz. Letzteres bedeutet, durch Kreativität die eigenen Grenzen zu er-
weitern und so die Zufälligkeit und Begrenztheit des Daseins immer wieder zu überwinden. Diese
Grenzerweiterung geht bei Fromm von der Überwindung des Marktdenkens aus, wonach das Indivi-
duum „durch seinen Tauschwert definiert [wird] und dementsprechend verstandesmäßig, je nach
Bedarf und Befehl, ‚funktioniert‘, ohne wirklich Gefühle und eine eigene Identität auszubilden“
(Schlüter 2013: 79). Das Sein soll daher das Haben neutralisieren, indem das Interesse an und die
Liebe zu Mitmenschen und Umwelt maßgeblich ins Gewicht fallen.
19
Angesichts dieser Ansätze, die von der individuellen Emanzipation ausgehen und zur gesell-
schaftlichen überleiten sollen, stellt sich die Frage nach der gesellschaftlichen Organisation solcher
Emanzipation; ansonsten wären wir in einem Teufelskreis gefangen. Im Licht der Kritischen Theorie
der Frankfurter Schule stellt sich die Bildung der Menschen i. w. S. als eine Erziehung zur Hinterfra-
gung von Normen nach Jacques Lacan nicht nur im imaginären (inhaltlichen, unterbewussten) Be-
reich, sondern auch im sprachlichen, wo die Sprache selbst eine normierende Kraft ausübt und das
Unterbewusstsein strukturiert (Schlüter 2013). Bildung lässt sich hier so weit fassen, dass jüngst so-
gar ein Konnex von stabilen Familienbeziehungen hin zu prosozialer Grundeinstellung aufgestellt und
empirisch getestet wurde (Ljunge 2014). Das leitet zu kognitiven Psychologieansätzen des Verhal-
tens über.
Einerseits spielen in der reinen Verhaltenspsychologie Reize und Reizgeneralisierungen (à la
Iwan P. Pawlow) und damit das bedingte Verhalten die zentrale Rolle. Andererseits kann die Be-
wusstseinspsychologie nach Wilhelm Wundt dagegenhalten und in die Reaktionskette zwischen Reiz
und Verhalten doch relativieren, indem durch Selbstbeobachtung das Bewusstsein des Individuums
die Auswirkung des Reizes auf die Sinneswahrnehmung erkennen und bewusst verarbeiten und steu-
ern kann. Ebenso kann der Aspekt des Lernens und der Selektion der jeweils zielführendsten Verhal-
tensweise gemäß Edward L. Thorndike und Burrhus F. Skinner den konditionierenden Verführun-
gen (etwa: wenn du dich an das System anpasst, erhältst du die höchste Belohnung) entgegenwirken.
Das Individuum kann selbst beurteilen, ob der systemimmanente Anreiz tatsächlich die beste Gratifi-
kation darstellt. Lässt sich denn das menschliche Bewusstsein ausschalten, etwa durch Anreizkompa-
tibilität des Marktsystems und Marktstaats? Kognition ist eben mehr als Reizreaktion. Diese Relati-
vierung und Verfeinerung des einfachen Behaviorismus weist immerhin einen Weg vom Individuum
zur Gesellschaft. Auf dieser Basis ergibt sich die Chance, dem gewohnheitsmäßigen Diktat der Märkte
zu entkommen und Verhaltensweisen zu hinterfragen eine Ansatzmöglichkeit für bewusstes Analy-
sieren und Lernen. Erfahrung und Lernen, Schlussfolgern und Verallgemeinern, überhaupt Entwick-
lung der kognitiven Strukturen zunächst des Kindes stehen nach der „kognitiven Wende“ des Jean
Piaget im Mittelpunkt. Generell ist es nach Aaron T. Beck das Spannungsdreieck aus Selbstbild, Deu-
tung der Erfahrungen und Qualität der Zukunftserwartung, das die psychische Problematik bzw. Zu-
friedenheit erklärt und die Verhaltensschemen bedingt. Falsche Kognition und seelische Probleme
können etwa in Polarisierung (Extremanschauungen), selektiver Abstraktion (einseitiger Selektion)
oder Übergeneralisierung liegen. Gerade hier bieten sich Information und Argumentation als Inter-
ventionen an. Nach Ansicht von Albert Bandura können dabei Leitbilder und Verhaltensmodelle, die
via zwischenmenschliche Kontakte übernommen sozial gelernt und individuell abgespeichert
werden, die Konditionierungen übertrumpfen. Freilich ist diese Beziehung symmetrisch in Richtung
des sozial erwünschten und unerwünschten Verhaltens. Immerhin vergleicht der Mensch sein Ver-
halten mit den gesellschaftlichen Standards und zieht für sich seine Schlüsse aus dem Vergleich. Da-
bei können sich durchaus die eigenen Verhaltensstandards, das positive Selbstkonzept, durchsetzen;
der Mensch ist selbstwirksam: Die Selbstregulierung des Verhaltens mit dem guten Gefühl dabei
kann die Oberhand gewinnen (Schlüter 2013).
Somit ist der Übergang zu einer humanistischen, an den reichen menschlichen Ressourcen
orientierten Psychologie und sozialen Gestaltung gelungen. Die Gesellschaft mag wie eine Bühne
sein, auf der die individuellen Realitäten erlebt und gemeinschaftlich Lösungen gesucht werden und
auch gefunden werden können, wie eben therapeutisch in den Psychodramen des Jakob L. Moreno.
Das jeweils betreffende Individuum ist selbst Regisseur_in im spielerischen Verstehenlernen der Le-
benssituationen. Rollentausch spielt dabei eine wesentlich mitentscheidende Rolle, um ein besseres
20
Bild von der Realität zu gewinnen. Ausprobieren heißt die Devise, denn die neuen Erfahrungen n-
nen alte Verletzungen heilen und neue Gestaltungsmöglichkeiten bringen. „‘Jedes zweite Mal befreit
vom ersten Mal.‘ (…) In der schöpferischen Entfaltung der eigenen Spontaneität wird der Mensch
nach Moreno zum ‚Schöpfer‘, zum Ich-Gott‘ und damit in letzter Konsequenz verantwortlich für den
gesamten Kosmos. (…)“ (Schlüter 2013: 142). Verstärkt wird diese Fähigkeit, Fritz Perls Gestaltpsy-
chologie folgend, durch die ausschlaggebende Wahrnehmungs- und Kontaktfähigkeit des Menschen
mit seiner Umwelt. Ein Bedürfnis Perls‘ „Figur“ (Gestalt) als eine sinnvolle Wahrnehmungseinheit
kann durch Begegnung befriedigt werden; die „offene“ wird damit zur „geschlossenen Figur“ und ist
somit nicht mehr problembehaftet. Immerhin mag dieser Ansatz wie die Ansätze davor auch in die
Richtung leiten, dass durch multilaterale Kooperation der Individuen das soziale Optimum erreicht
werden könne und solle. (…) in jedem Leben gibt es Störungen, die dazu führen, dass der Betreffen-
de nicht die volle Aufmerksamkeit (englisch: awareness) für die Figuren besitzt, in denen sich seine
Bedürfnisse zeigen“ (Schlüter 2013: 151). Aufmerksamkeitsdefizite in diesem Sinn können etwa als
Schutz gegen früher als unangenehm empfundene Kontakte aufgebaut sein. So etwas stört aber wei-
terhin und sst die die Figuren offen. Hier setzt die Gestalttherapie an, die die Patient_inn_en mit
dem Gemiedenen, Unerledigten konfrontiert und der eigenen Erwartung Ausdruck und Durchbruch
verleihen soll. Nach Carl R. Rogers sind von Akzeptanz, Authentizität und Respekt getragene Begeg-
nungen konfliktärer sozialer Gruppen (Encounter-Bewegung) in jeweils überschaubarem Rahmen
erfolgsträchtig: „Im Gegenüber zum Du, im Dialog, kommt das Ich zu sich selbst“ (Schlüter 2013:
160). Selbstkonzept und Umfeld werden kongruent. Im Erfolgsfall bleibt das gute Gefühl, dass Neuro-
sen, Ängste und Depressionen verschwinden konnten. Umgelegt auf die Gesellschaft heißt das wohl,
dass Aufklärung nicht unwirksam auf Seele und Geist bleiben muss. Die Sinnsuche des Menschen
unterstützt dabei (Existenzialismus). Weiter können abschnittweise Verbesserungen tendenziell hel-
fen und letztlich die soziale Entwicklung beschleunigen, wie Abraham H. Maslow mit seiner Bedürf-
nishierarchie untermauert: körperliche Bedürfnisse Sicherheit i. w. S. Zugehörigkeitsgefühl
Selbstwertgefühl Selbstverwirklichung Transzendenz (allgemein als Einklang mit dem System).
Im Hinblick auf soziale Transzendenz das Brückenelement zur Umwelt mag die systemi-
sche (Familien-)Psychologie auch auf das ebenfalls komplexe System der interagierenden Gesell-
schaftsgruppen übertragen werden können. Diese Sicht (vgl. die Feldtheorie nach Kurt Lewin) kor-
respondiert zu den systemtheoretischen Ansätzen auch in den Natur- und den Sozialwissenschaften
(im Sozialen v. a. bei Karl H. Marx). Familientherapeutisch ist gemäß Virginia Satir der/die Patient_in
jeweils der/die, mit den auffälligsten Problemsymptomen. Das würde auch in den Sozialwissenschaf-
ten Prioritäten schaffen. Die Erfahrung des Hier und Heute bewegt und verändert, wenn jedermanns
Selbstwert gewahrt bleibt und die Kommunikationseben einander decken:
„In geschlossenen Systemen sind die Mitglieder in ihren Rollen und Beziehungen erstarrt, weil kein
Austausch mit der Außenwelt stattfindet. Auch dies ist ein Ziel der Therapie: das System zu öffnen, um die
verfestigten Deutungs- und Verhaltensmuster aufzulösen. Dabei hilft es, wenn man das Bestehende nicht
rundweg ablehnt, sondern im so genannten Refraiming umdeutet. Die Umdeutung versieht das, was schwierig
und Teil des Problems ist, mit einem neuen Interpretationsrahmen“ (Schlüter 2013: 188).
Schwierigkeiten schafft es dabei, wenn sich alle Teilnehmer_innen ein starres eigenes Bild
von der Realität machen („Wirklichkeiten zweiter Ordnung“), wie es der radikale Konstruktivismus
nach Paul Watzlawick vertritt: Wirklichkeit ist einesteils kommunikativ konstruiert. Doch immerhin
verbleibt hierbei noch die „Wirklichkeit erster Ordnung“ (Schlüter 2013: 197): die (möglichst) objekti-
ven und exakten Messungen. Insofern ist es mit entscheidend, sich auf Verfahren und Normgrößen
der Messung zu einigen, die quasi als Korrektiv für die subjektiveren Wirklichkeiten fungieren n-
21
nen, wenn auch als schwaches (relativ zur engstirnigeren Beziehungsebene). Noch dazu lassen sich
Ursachen und Wirkungen im Beziehungsgeflecht schwer auseinanderhalten, so dass Schuld oder
Verdienst kaum effektive Kategorien im Dialog sind. Allerdings bleibt ein Trost und damit eine Chan-
ce: Sobald Personen miteinander konfrontiert sind, gibt es kein Nichtkommunizieren mehr. Wenn
sich diese Personen auch noch gleichrangig erachten, kommunizieren sie auf Augenhöhe: symmet-
risch, nicht komplementär (Schlüter 2013). Daher ist eine von beiden bzw. allen Seiten akzeptierte
Schiedsinstanz von großem Vorteil. Das lenkt den Blick auf eine weitere Dimension.
Die Persönlichkeitsforschung etwa nach Gordon Willard Allport schreibt dem einzelnen Men-
schen funktionelle Autonomie zu: die Fähigkeit zu, sich trotz allem gemäß den Idealen seines Selbst-
bildes zu verhalten. Kategorisierung und Erklärung der sehr breit gestreuten Persönlichkeit ist aller-
dings nicht trivial (Schlüter 2013).
Schließlich ist der Ansatz der Sozialpsychologie ein sehr anderer, wurde aber von Alexander
und Margarete Mitscherlich nicht ganz von den anderen Richtungen abgeschieden. Pädagogik solle
sich auf Emanzipation ausrichten statt auf Unterwerfung und Gehorsam. Denn die „politische und
soziale Apathie“ erklären sie mit der Verdrängung der nicht aufgearbeiteten nazistischen und zu-
gleich auch narzistischen Vergangenheit (Führerproblem) durch Überbetonung und Alleinstellung der
wirtschaftlichen Entwicklung zur Selbstwerterhaltung, und zwar um nahezu jeden Preis. Unfähigkeit
zu Trauer und Schuldbekenntnis bewirkten diesen Verdrängungsprozess (Schlüter 2013). Das legt den
Versuch eines Analogieschlusses nahe: Die Unfähigkeit, die ökonomischen und sozialen Opfer des
Neoliberalismus zu betrauern, münden in den krampfhaften Versuch zur Verabsolutierung des Kon-
zept der liberalen Wettbewerbswirtschaft. Hort-Eberhard Richter geht konsequent weiter, indem er
deshalb, von der Psychoanalyse herkommend, die Emanzipation von den entsprechenden Institutio-
nen fordert und als Psychoanalytiker selbst therapeutisch fördert, dabei aber dennoch versöhnlich
und integrativ bleibt; nicht der Mensch ist schlecht, sondern das System. Als Faktor des kollektiven
Leids identifiziert er Machbarkeits- und Männlichkeitswahn, aus deren Perspektive die Schwachen
und Ohnmächtigen übersehen werden (Schlüter 2013). Der anzustrebende Boden der Realität soll
daher die Augen öffnen. Das ist umso notwendiger, weil der Mensch dazu neigt, niederen Instinkten
im Namen einer Ideologie oder sonstigen starren Herrschaftsform mittels hoher Gehorsamsbereit-
schaft freien Lauf zu lassen. Das hat Stanley Milgram mit seinem Straf-Experiment eindrucksvoll zeigt.
Damit belegt er die „Brüchigkeit ethischer Einstellungen“ und hinterfragt „die alltägliche, unreflek-
tierte Einteilung der Menschen in ‚gut‘ und ‚böse‘“ (Schlüter 2013: 246). D. h., man könne sich bei der
Lösung kollektiver Probleme nicht auf ethische Appelle an Individuen verlassen, gerade weil Men-
schen autoritätshörig sind, wenn Gesellschaft und Politik Neurosen erzeugt haben. Richter traf mit
seinem „Lernziel Solidarität“ (1974) auf eine hohe Resonanz, wie er selbst rückblickend feststellt
(1999: 1f.):
„Offenbar hatte ich mitten in das Herz einer Stimmung getroffen, die innerhalb der jungen Generation
um sich griff. (…) Ich lag mit meinen Gedanken auf der gleichen Linie wie die amerikanischen Zukunftsforscher
Kahn und Wiener, die einen Abbau der aufstiegsorientierten Mittelklasse, statt dessen einen Anstieg sensualis-
tischer und humanistischer Prinzipien erwarteten. Marcuse feierte bereits die Neuorientierung an sozialen und
ökologischen Gegenwerten gegen das Rivalitätsprinzip des Kapitalismus. (…)
Die neue soziale Bewegung förderte in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine neue kritische und
selbstkritische Nachdenklichkeit. (…) Auch das Verlangen nach institutionellen Reformen gelangte zu mancher-
lei Erfolgen. In der Industrie wurden Mitbestimmungsregelungen erweitert. Der bundesdeutsche Staat beteilig-
te sich an einem großen Programm zur ‚Humanisierung der Arbeitswelt‘.
22
Mehr Demokratie wurde gewagt bis die neoliberale Wende aus dem Bereich der Ökonomik
kam und ironischerweise mit noch mehr Befreiung warb, aber eine ganz andere Freiheit meinte und
mit politischer Unterstützung von oben und aus dem Bereich intermediärer Institutionen organisiert
einführte (Turnher 2014), zumindest für einige wenige.
Die helfende Gesellschaft mit ihrer Mannigfaltigkeit von sozialem Engagement nahm allmählich wie-
der die Züge einer egozentrischen Konkurrenzgesellschaft an(Richter 1999: 2).
Richter (1999) zitiert Richard Sennett, wenn er dem ständigen Institutionenwandel die Schuld
daran gibt, da doch keine Zeit für Verwurzelungen mehr belassen wird. Denn Reformen sind die ab-
solute, nicht oder zu wenig hinterfragte Devise (Liessmann 2000). Aufbauend auf der diskursiven
Reformfloskel sind Flexibilität und Entgrenzung, meist gepaart mit Prekarität (Marchart 2013), die
Grundanforderung geworden, insgesamt eben eine conditio sine qua non ohne echte Relativierung.
„Es ist ein Kurs nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip: entweder Absturz in eine heillose Leere und Verlo-
renheit oder Abwehr dieser Angst in der Hoffnung, sich allwissend und unversehrbar zu machen(Richter 1999:
6).
„Davon, daß die klassischen imperialistischen und expansionistischen Ziele der Weltpolitik, der Tech-
nik, der Wirtschaft teils unerreichbar, teils sinnlos geworden sind, wird das individuelle Bewusstsein unmittel-
bar betroffen“ (Richter 1974: 9).
Diese Rückkoppelung mag zwar den Keim der Gegenbewegungen bergen und nähren, aber
erklärt sie offenbar nicht die hegemoniale Verfestigung und Assimilationskapazität, Radikalisierung
und Verteidigung des jeweiligen Mainstream.
„Wo immer aber bisher Gesellschaften sich von Minderheiten reinigen wollten, (…) sind sie der Verro-
hung anheimgefallen und sind zu Mördergesellschaften geworden. Es ist bereits ein Symptom von Dehumani-
sierung, die Ersparnis von Mitgefühl und Mitleid bedenkenlos als Fortschrittsziel zu erwägen.
Heute ist es sogar in gewissen Kreisen Mode geworden, die emotionalen Antriebe, die zur Hilfe für die
Schwächeren, die Verlierer und die Benachteiligten aufrufen, einem neurotischen Helfersyndrom zuzurechnen.
Die Rede ist von Betroffenheits-Hysterie und Gutmenschen-Kitsch. Sieht man indessen genauer hin, findet man
unter den wortführenden Spöttern so manchen von denen, die 1968 vornean als Sozialrevolutionäre mar-
schierten und nun die eigene Resignation an denen abreagieren, die sich in ihren Hoffnungen nicht haben irre-
machen lassen, auch nicht durch jenes Weltereignis, das vielenorts als definitiver Triumph des Kapitalismus-pur
gefeiert wird (Richter 1999: 8f.).
So gelange die Gesellschaft in einem scheinbaren, dem technischen Fortschritt nachempfun-
denen Aufstieg, der den Menschen aber sozial entwurzelt und dabei die Verantwortlichkeit verliert.
„Es ist nicht unsere Naturanlage, sondern die Unterdrückung unserer inneren Entwicklungsmöglichkei-
ten, die uns in einem Stadium festhält, wo wir unsere volle Menschlichkeit noch nicht ausleben“ (Richter 1974:
10f.).
Die Generationenumkehr, nämlich dass Kinder eine sozialere Auffassung vertreten als Eltern
(Richter 1999), dürfte trotzdem schließlich ein statisch-konservativ wirkendes Phänomen sein, indem
nämlich die Jungen älter, angepasster und damit egozentrischer werden; die soziale Kategorie in
Gestalt von Generationen prägt und vereinnahmt offenbar. Hoffnungsträger Richters, wie die Ideale
der Bergpredigt, der Französischen Revolution und Mahatma Ghandis, Martin Luther Kings oder Nel-
son Mandelas, dürften eben nicht so effektiv institutionalisiert sein. Richter (1974) sieht die Gefahr
der Überforderung durch die sozial-ökologischen Probleme, des daraus verführerisch erwachsenden
Totalitarismus und der in dieser Weise erfolgenden Selbstentmündigung der Gesellschaft. Der dies-
23
bezüglich rettende Dialog müsse ein persönlicher sein, der durch die Neuen Medien nicht ersetzt
werden könne. Man sei von Bindungen befreit, fühle sich aber trostlos ungeborgen. Richter ruft zur
Widerständigkeit in den tagtäglichen, scheinbar belanglosen Entscheidungen auf und verspricht als
Lohn dafür erhöhte Selbstachtung. Seinen „theoretischen Pessimismus“ paart er pragmatisch (oder
allzu illusorisch?) mit einem „praktischen Optimismus“ (Richter 1999: 14).
Überwiegend stellt also Psychologie, offenbar aus ihrem Entstehungszusammenhang heraus,
das Individuum und dessen einzigartige Seele in den Mittelpunkt des Interesses, nicht aber ohne
freilich die Bezüge zur Gesellschaft herzustellen und die Brücke zur genereller ausgerichteten Diszip-
linen der Humanwissenschaften herzustellen, wie Philosophie und Sozialwissenschaften.
3
Die Philo-
sophen und gerade schon die klassischen, die aber bis heute nachwirken, sind „zu den Vordenkern
der allgemeinen Menschenpflichten und Menschenrechte“ geworden (Grabner-Haider 2012: 11).
3.2. Weisheitsstreben und Gesellschaftskritik (Grabner-Haider 2012)
Wie steht es nun mit der abendländischen Aufklärung? Selbst Niccolò Machiavelli kann im
historischen Entstehungszusammenhang seines Werks als Paternalist im positiven Sinn (mit der
„virtú des Fürsten“, in der Ökonomik als wohlwollendender Diktator) interpretiert werden (Salamun
2012: 72), sieht er doch den Menschen, wie die behavioristische Psychologie, als ganz wesentlich
triebgesteuert. Eigentlich lenkt Machiavellis Fürst die Menschen wie eine marktanalog, aber nicht
marktkonform steuernde, idealistische Wirtschaftspolitik: Das Ergebnis ist marktanalog und somit
optimal, die Methode ist interventionistisch und daher nicht marktkonform: Ge- und Verbote statt
lenkende Steuern und Subventionen (Bartel 2013). Anders und somit am heutigen ökonomischen
Mainstream beurteilt völlig unökonomisch sieht Erasmus von Rotterdam den Menschen, nämlich
als offen für rationale Argumente und dementsprechende Verhaltensänderungen. Überdies sieht er
die Politik als vom Volk institutionalisiert und demnach als letztlich abhängig vom ggf. widerrufbaren
Mandat des Volkes. Insbesondere müsse die Politik für Chancengleichheit in der Bildung sorgen und
Kriege vermeiden, da diese nur von Nichtkriegsteilnehmern als gerecht und nützlich angesehen wer-
den (Grabner-Haider 2012). So trifft die soziale Wohlfahrtspflicht die praktische Politik ganz generell.
Dies ist nicht nur praktisch sehr schwierig, sondern allein schon theoretisch. Die Skepsis im
Allgemeinen und der Skeptizismus etwa eines Michel de Montaigne im Besonderen wirken zwar dem
religiösen oder wissenschaftlichen Beweis der Wahrheit entgegen. Montaigne gibt aber angesichts
der stets nagenden Zweifel die rationale Gestaltung der Gesellschaft rundweg auf und zementiert
dadurch den Konservatismus (Theokratie und Monarchie). Für Thomas Hobbes ist nicht nur der
Mensch dem Menschen ein Wolf, sondern er schließt damit, wie später die Neue Politische Ökono-
mik (Public Choice) wertneutral auch auf den Menschen als Agent_in im öffentlichen Sektor. Er
kreiert die bis heute in der Ökonomik lebendig gebliebene Allegorie, den Leviathan, der sich so egois-
tisch-korrupt verhält und den derart Volkswillen missachtet, dass die Gehorsamspflicht des Volkes
erlischt (Weinke 2012). Als einziger Ausweg verbleibt die aufgeklärte Monarchie (wiederum Machia-
vellis „Fürst“) eine Selbstentmündigung.
3
„Vielleicht hatten und haben es viele Psychoanalytiker deshalb so schwer, das volle Maß der sozialen Beein-
flußbarkeit des Psychischen anzuerkennen, weil die Situation der klassischen analytischen Behandlung zu dem
Eindruck verführen kann, die augenblickliche soziale Wirklichkeit sei neben der Person des Analytikers ganz
unwichtig“ (Richter 1976/2012: 12).
24
René Descartes bringt zwar die rationale Erklärbarkeit wieder als wissenschaftliches Funda-
ment in die Gesellschaft ein (Grabner-Haider 2012), legt damit im Gegensatz zu dem gegenüber
dem Anwendungswissen feindlichen Euklid ein Fundament für die heutigen empirischen Sozialwis-
senschaften, und er legt dem auch schon die Axiomatik bei, die einerseits unvermeidlich ist. Doch
andererseits wischt Descartes damit zugleich das jegliches Bemühen vom Tisch, die wissenschaftli-
chen Grundannahmen, weil nicht beweisbar, zumindest zu argumentieren; er lehnt heutzutage im-
mer wichtiger werdende Narrative zur gesamthaften Verständlichkeit und Plausibilität ab (Bartel
2014).
4
So wurden und werden die späteren Dogmen (Glaubenssätze und Theoriekerngebäude) der
Ökonomik in ihrer mangelnden Angreifbarkeit bestärkt und der Willkür des Exegeten überlassen. In
Descartes sind Homo oeconomicus, Sozialpositivismus, Naturgesetzlichkeit der Märkte und Markt-
staat gut gebettet. Heutzutage wird in der Kritik im Wesentlichen der kartesianische Charakter der
Ökonomik hochgelobt und die euklidische Modellierung verachtet und damit die Dogmatik verfes-
tigt. Obendrein schließt Descartes Gefühle zu Gunsten der Vernunft aus der Wissenschaft aus und
schafft dadurch eine Norm, die gegenwärtig von der Feministischen Ökonomik (Haidinger/Knittler
2013) infrage gestellt wird. Für Descartes ist schließlich die Beherrschung der Natur das gerechtfer-
tigte Mittel zum Zweck, das Lebensglück des Menschen zu mehren. Damit stößt er auf die (obige)
Kritik Horst-Eberhard Richters (1974, 1999), dass dabei die soziale mit der seelischen Entwicklung
nicht mithalten könne.
Noch technokratischer geht Benedikt de Spinoza an die Erklärung gesellschaftlicher Normen
heran, gründet er seine Analysen auf der Mathematik analoge Methodik. Er versucht das Problem
der Nichtbegründung der Axiome dadurch zu umgehen, dass er als Grundprämisse unterstellt, „dass
stets dann, wenn jemand moralisch fehle, ein Wissensmangel vorliege, vergleichbar dem, der in der
Mathematik Fehler begehe (Von der Hellen 2012: 97). Wissen sei also nötig und hinreichend für Mo-
ralität, und das einzig zuverlässige Wissen sei das mathematisch erzielte. Heutzutage wird im Strom
der methodologischen Auseinandersetzung zwischen den Schulen der Ökonomik jüngst der
Mainstream so weitgehend kritisiert, dass die Anwendung der Mathematik auf sozialwissenschaftlich
relevante Untersuchungsgegenstände bestritten wird, insbesondere auf die mikroökonomische
Nachfragekalkulation der Neoklassik (Barzilai 2014), also des eindeutigen ökonomischen Mainstream.
The applicability of the operations of algebra and calculus is a foundations-of-science problem. These
operations have been applied incorrectly and where they are not applicable in microeconomic theory, the the o-
ry of games, decision theory and throughout the social sciences because the conditions for applicability of
mathematical operations have not been identified in the literature. The applicability of these operations, in
particular in demand theory, is founded on errors (…)” (Barzilai 2014: 62).
Das Problem der objektiven Begründung von Normen hat Spinoza mit seiner Generalprämis-
se der mathematisch fundierten, auf rechenhaftem Wissen beruhenden moralischen Aufrichtigkeit
nicht gelöst: Zum einen ist Wissen nur in formalen oder teils natürlichen Systemen als wahr beweis-
bar (vgl. unten auch David Hume), zum anderen sind Wissen und Moral nicht gleichzusetzen, wie
spätestens mit Max Weber klar wird. Spinoza entspricht mit seinem „Ausweg“ dem heutigen Sozial-
positivismus und dessen Verteidigung des Marktprinzips in Gestalt der Neue Klassische Makroöko-
nomik (Bartel 2013d). Von der Hellen (2014: 97) interpretiert Spinoza folgendermaßen.
4
Damit führt Descartes indirekt, wie Blaise Pascal und gipfelnd in Sören Kierkegaard direkt, die Religiosität in
die (Natur-)Wissenschaften wieder ein.
25
Selbstverständlich wird der moralisch hochstehende Mensch bestrebt sein, alle übrigen von der Rich-
tigkeit dieses Programms zu überzeugen sowie für die Werte Frieden, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit einzutreten
und Zorn und Hass mit Liebe und Edelmut zu erwidern.
Arthur Schopenhauer kritisiert eine solche Pflichtenethik, festgemacht am Beispiel von Im-
manuel Kant, als „Sklavenmoral“ (Weinke 2012: 142). Erst Isaac Newton bringt das nüchtern Sachli-
che in die Analytik ein, indem er, wie später auch Auguste Comte, pragmatisch von der Betrachtung
auffälliger Phänomene auf generelle Zusammenhänge schließt und dies wiederum als Ausgangsbasis
für weitere Beobachtungen nimmt (Grabner-Haider 2012).
Immerhin bevorzugt Spinoza in der Staatsphilosophie die Demokratie, da durch die Mehr-
heitsentscheidungen das Naturgesetz umgesetzt werde, so dass der Monarch grundsätzlich vom Volk
politisch abhängt (Von der Hellen 2012). Charles Louis de Montesquieu begründet daraufhin den
Rechtsstaat und die Gewaltentrennung. Beide Prinzipien werden gerade in der neoliberalen Ära zu-
nehmend aufgeweicht: erstere als Reaktion auf die Möglichkeiten der Neuen Medien und der Globa-
lisierung, letztere in Gestalt ruhig-angenehmer Mandatar_inn_en, die bequem und uninformiert im
Sinn der Regierungspartei und Regierungsmitglieder im Parlament abstimmen (so gesehen leidet der
Parlamentarismus unter dem Klubzwang und ähnlich wirkenden Mechanismen). Gerechtigkeit ist bei
Montesquieu eine Generalprämisse, die in ihrer Generalität als axiomatische Prämisse geeignet ist,
wobei die Probleme der Definition und Interpretation erst danach auftreten, nämlich bei der Recht-
fertigung der konkretisierten Normen, und heute in der Gegensätzlichkeit eines John Rawls und eines
Robert Nozick gipfeln (Bartel 2012).
David Hume trägt insoweit schon sehr modern zur Konfliktlösung bei, als er Überzeugungen
argumentationspflichtig statt beweisbar ansieht (Grabner-Haider 2012: 122):
Nur unsere Urteile über begriffliche Relationen (Logik, Mathematik) sind sicher, aber sie sagen nichts
über empirische Sachverhalte. Für die Metaphysik und den Glauben an unverrückbare Dogmen bleibt in der
Wissenschaft kein Platz mehr. Letzte Begründungen im Bereich unserer Erkenntnis sind uns nicht möglich. Wir
können nicht begründen, dass sich unsere Vorstellungen und Urteile auf denkunabhängige Dinge beziehen,
aber wir können die Entstehung unseres Glaubens an die Objektivität unserer Vorstellungen erklären.
Dazu wird Montesquieu konkreter, indem er allein schon zum Zweck der Selbsterhaltung des
Staates den sozialen Frieden und, damit einhergehend, die Versorgungssicherheit und die generelle
soziale Ausrichtung zu wahren verlangt. Und das benötige eben effektive demokratische Kontrolle
(Grabner-Haider 2012). Ähnlich fordert Voltaire, dass das Gemeinwohl objektiver Maßstab für Nor-
men und Gesetze sein müsse (Von der Hellen 2012).
Viel liberaler gehen Jean-Jacques Rousseau und noch mehr Adam Smith an Grundfragen der
gesellschaftlichen Ordnung heran. Rousseau empfindet Wissenschaft und Staat als zu einschränkend
und verlangt für die Unterwerfung des Einzelnen im Sozialkontrakt unter den allgemeinen Willen
eine Freiheit, die er in der Erlaubnis zu naturkonformem Verhalten und in formaler Gleichheit vor
dem Staat erkennt. Adam Smith macht die grundlegende und allgemein verbreitete Sympathie des
Menschen für seine Mitmenschen zur primären sozialen Gestaltungsgrundlage. Die dafür erforderli-
che Empathie schöpfen die Menschen aus ihren geteilten Erfahrungen; Leid und Lust müssten auf
diesem Weg nachfühlbar sein. Obendrein sei Triebbeherrschung das unumgängliche Mittel zum un-
abdingbaren Zweck der sozialen Kommunikation und (auch wirtschaftlichen) Kooperation. Bis zu
Sigmund Freud sind es eben noch rund 150 Jahre. Daher soll bei Smith das sittliche Verhalten des
Individuums notfalls mit Strafen zum Wohl der Mitmenschen durchgesetzt werden. Gerade im libera-
26
len Staat mit seinen Freiräumen müssten die Schwachen vor den Starken in Schutz genommen wer-
den. Ein Maßstab dafür könnte der Kategorische Imperativ Immanuel Kants sein.
Johann Gottlieb Fichte war eigentlich der erste Vertreter der späteren Sozialen Marktwirt-
schaft, indem er dem Staat nicht nur den Schutz des Eigentums, sondern zugleich auch die Gewähr-
leistung sozialer Gerechtigkeit zuwies. Dabei müsse in der Rechtsgüterabwägung die Gerechtigkeit
immerhin den Vorrang vor der Freiheit bekommen. Auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel vertrat die
Einschränkung des Individuums im Staat, wo sich doch die Sittlichkeit als absolute Idee konkret mani-
festiere (Grabner-Haider 2012).
„Das moralische Gut besteht nämlich in der Unterordnung des Einzelnen unter das Allgemeinwohl.
Freiheit bedeutet dann die Übereinstimmung mit der allgemeinen Vernunft“ (Grabner-Haider 2012: 137f.).
Arthur Schopenhauer beachtet nur Motivation für die Erklärung menschlichen Verhaltens:
hauptsächlich extrinsische. Insofern zeichnet er schon den Homo oeconomicus der späteren Neoklas-
sik in der Ökonomik vor. Ein rein und echt ethisches (intrinsisches) Gefühl und mithin auch Korrektiv
erkennt Schopenhauer nur im Mitleid und deckt sich damit in seiner Anschauung mit der von Adam
Smith. Ludwig Feuerbach war nicht einmal so optimistisch, indem er das dem Menschen inhärente
Glücksstreben lediglich auf die individuelle Sphäre bezog und deshalb ein starkes moralisches Regula-
tiv in der und für die Gesellschaft. Namentlich stellte Feuerbach eine Kausalität von der Unmoral zur
Armut auf und brandmarkte die sozialen Missstände (Weinke 2012).
Für Auguste Comte, als Vater der Sozialwissenschaft bezeichnet, ist insgesamt die Ausgewo-
genheit zwischen egoistischen und altruistischen Bestrebungen der Menschen Bedingung für eine
gute Entwicklung der Gesellschaft. Im Hinblick darauf nehmen die Technokrat_inn_en, die auch den
moralischen Regeln der Menschlichkeit unterliegen müssten, eine Schlüsselposition in den Gesell-
schaft ein; sie bilden, wie später bei John Kenneth Galbraith (1952), eine Art Korrektiv für die Wirt-
schaft: Firmen, Banken Kapitalisten den eigentlichen Machthabern im Staat (Grabner-Haider 2012).
John Stuart Mill ist nicht zuletzt deshalb eine interessante Persönlichkeit, weil er die emanzi-
patorische Entwicklung von einem extremen Wirtschafts- und Gesellschaftsliberalismus zu einem
aufgeklärten, humanistischen Gesellschaftsdenken und -bewusstsein beispielhaft markierte und eine
Brücke zu Karl Marx fundierte (Bartel 2012). Mills liberales Denken umfasste speziell die Frauen-
gleichberechtigung, die Gleichheit der Bildungschancen und die Vereinigungsfreiheit der Arbeiter_in-
nen. Besonders wichtig für die gesellschaftspolitische Debatte war und ist heute noch ist seine Auf-
fassung gerade als (eher untypischer) Liberaler, dass eine soziale Rahmenordnung die Grundvoraus-
setzung für Selbstbestimmung sei (Ruckenbauer 2012). Mit einem anderen Wort dürfte er eine sozia-
le Marktwirtschaft vor Augen gehabt haben, ähnlich wie knapp ein Jahrhundert später Alfred Müller-
Armack (1946/1990). Freilich kehrte sich Mill nie wesentlich vom liberalen Standbein seiner Auffas-
sung ab.
„(…) dass der einzige Zweck, um dessentwegen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivi-
lisierten Gemeinschaft rechtmäßig ausüben darf, der ist: die Schädigung anderer zu verhüten“ (Mill, zit. n. Ru-
ckenbarer 2012: 154).
Diese Formulierung lässt allerdings einen breiten Interpretationsspielraum zu, richtet sich
doch die nähere Fragestellung darauf, was alles, und was eben nicht, als Schädigung anderer angese-
hen wird: polarisierende Marktentwicklungen, externe Effekte auf mikro- und etwa auch auf Makro-
ebene der wirtschaftlichen Zusammenhänge und Betrachtungen, vielleicht sogar dann auch zeitlich
27
verzerrte Präferenzen oder dgl. (Nowotny 1996). Auf methodischer Ebene vertat John Stuart Mill
einen Empirismus von induktivem Charakter und sogar mit pragmatischem, selbstkritischem Augen-
maß (Grabner-Haider 2012). Insofern erscheint Mill als ein Vorläufer von Karl Popper. Das setzt sich
nach Smith verstärkt auch im historischen Relativismus eines Wilhelm Dilthey fort, dem gemäß selbst
Werte durch die historischen Rahmenbedingungen bedingt seien. Insbesondere verlange das Verste-
hen von Texten ein gewisses Vorverständnis, der das Nacherleben und Nachfühlen der durch den
Text zum Ausdruck gebrachten Erfahrungen erlaube und in „hermeneutischen Zirkeln“ (Grabner-
Haider 2012: 162) der empirischen Wissenschaft potenziell zu größerer Auswirkung verhelfe. Dazu
bedarf es eines so genannten objektiven Geistes, der in der Kenntnis v. a. der institutionellen und
geistigen Strukturen der Gesellschaft besteht und der isolierten, simplen Sprachdeutung entgegen-
steht ein noch heute sehr aktueller Punkt, den Dilthey machte.
„Verstehen ist die Art und Weise, wie wir fremde Lebensäußerungen im Allgemeinen erfassen. Und
beim Verstehen von Texten beziehen wir uns auf sprachliche und schriftliche Äußerungen von Mitmenschen.
(…) Nun wirke die geistesgeschichtliche Erfahrung auf das verstehende Subjekt zurück, damit komme es beim
Verstehen von Fremden zu einer Umformung des eigenen Selbst, indem Elemente des fremden Erlebens in das
eigene Erleben aufgenommen werden. (…) das Verstehen wird ganzheitlich auf den denkenden, den fühlenden,
den wollenden und handelnden Mitmenschen bezogen. Diese relativierende Tendenz kommt auch in der Aus-
einandersetzung mit der herkömmlichen Metaphysik zum Tragen“ (Grabner-Haider 2012: 163).
Letzteres erinnert an die Methodik der Psychodramatik von Jakob Moreno und eröffnet die
Möglichkeit eines Aufbrechens des (nicht zuletzt auch subjektiv bestimmten) Dogmatischen im offe-
nen verstehenden Dialog.
5
Dilthey interpretiert die unterschiedlichen Weltanschauungen als Aus-
fluss verschiedener Charaktertypen, die wiederum eher wandelbar sind als die vergebliche, aber
verbohrt perseverative Suche nach der Wahrheit, die niemand kennen kann. Nach Ludwig Wittgen-
stein gibt es Wahrheit überhaupt nur in der Logik. Und: „Die Logik ist ein Spiegelbild der Welt, aber
ihre Sätze sind immer Tautologien“ (Grabner-Haider 2012: 178). Dazu passt sehr gut Friedrich Nietz-
sche mit seinem steten gedanklichen Aufbruch ins ungewisse Neue. Genau das soll an der unreflek-
tierten Verabsolutierung von Dogmen rütteln und sie entzaubern.
„In der Ausarbeitung eines Gedankens zu einem philosophischen Denkgebäude hingegen sieht Nietz-
sche einen ‚Mangel an Rechtschaffenheit‘ am Werk. Denn jedes System friert die Perspektive seines eigenen
Ursprungs ein, ja entzieht den Ideen ihre Lebendigkeit und versteinert damit zu einem Fossil. Das Bedürfnis
nach Einheitlichkeit [i. S. v. fortbestehender Gleichförmigkeit; Anm. R.B.] leugnet das Beunruhigende und
Wechselhafte der Welt. Der intellektuellen Verarmung einer Gesamtbetrachtung hält Nietzsche die Vielzahl
möglicher Perspektiven entgegen“ (Ruckenbauer 2012: 165).
Diese argumentativen Punkte Nietzsches streichen erstens generell die normative Einfluss-
stärke des Entstehungszusammenhangs größerer Theoriengebäude heraus und treffen zweitens spe-
ziell auf die Kritik an der Neoklassischen Ökonomik zu, eine Kritik die eigentlich schon sehr bald in
Gestalt der Historischen Schule der Nationalökonomik einsetzte und heute breit in der vielfältigen
Heterodoxen Ökonomik Ausdruck findet (Bartel 2013d). Nietzsche geht mit Dilthey insoweit kon-
form, als er „die Möglichkeit, wahre Erkenntnis zu gewinnen, radikal in Frage“ stellt. Und weiter:
„Diese Skepsis durchdringt bereits seine frühe Sprachkritik. Jedes Wort ist Bild, eine Metapher ohne
ein verbürgtes Band zum Sein der Sache. Es drückt lediglich eine subjektive Reaktion auf die Dinge aus. In der
Kommunikation setzen sich die Metaphern derjenigen durch, die über die anderen herrschen. (…) Wenn nun
5
Es verwundert mich immer wieder, wie viele Anknüpfungspunkte ich mit meinem eigenen sachlichen Ver-
ständnis in den Texten der „anderen“ finde.
28
Erkenntnis wesentlich Schein ist, dient Erkenntnisvermögen einem anderen Zweck: nämlich der ‚Bemächtigung
der Dinge‘. Und eben dieser Aneignungsprozess erfolgt in der Art und Weise der Interpretation“ (Ruckenbauer
2012: 165, 165f.).
Hiermit wird die gegenwärtige Kritik an der vordergründigen Argumentation mit so genann-
ten Sachzwängen durchschaubar gemacht. Auch dies weist für mich in die Richtungen der Forderung
nach nachfühlbarer Kommunikation, der doch nicht ganz autonomen menschlichen Charaktertypen
und der bewusstseinsbildenden Wirkung des Psychodramas. Doch würde ich nicht so weit gehen wie
bis zum Ich weiß, dass ich nichts weiß, also weder so weit wie Sokrates und Nietzsche. Doch ist diese
extreme Position des Perspektivismus doch ein starkes Argument und eine Art Vorkehrung gegen
den Hang der Studierenden und Wissenschafter_innen, zu glauben oder (sich und anderen) vorzu-
machen, etwas beweisen zu können und es daher unbedingt als gesichertes Wissen herrschen zu
lassen und wahren zu müssen (Bartel 2008, 2014b). Immerhin weist Nietzsche selbst einen Ausweg:
„In dem weiten Rahmen dieser Interpretation lässt sich freilich keine greifbare ‚eigentliche‘ Wirklich-
keit ausmachen. Die Notwendigkeit perspektivischer Schätzungen sieht Nietzsche als Grundbedingung allen
Lebens. Diese Einsicht lässt sich durchaus auch auf der Ebene der Erkenntnis fruchtbar machen: ‚Es gibt nur ein
perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches ‘Erkennen‘; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Wort
kommen lassen, je mehr Augen, verschiedene Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, umso
vollständiger wird unser ‘Begriff‘ dieser Sache, unsere ‚Objektivität‘ sein“ (Ruckenbauer 2012: 166).
Nietzsches Konzept von Objektivität scheint ein Herauskristallisieren von Erkenntnis aus einer
Vielfalt von perspektivischen Erkenntnissen und dadurch sodann das Schaffen von Gedanken zu sein,
aber ja keines Dogmas, soll doch die Charaktereigenschaft des Freigeistes die Befreiung von Tradition
bewirken. Kreativität schlägt nach Nietzsche die Rechenhaftigkeit und formale Modellierungskunst:
„Was den ‚gebundenen Geistern‘ nie gelingen kann, bleibt dem Freigeist vorbehalten: nämlich neue
Werte zu schaffen. ‚Für die Zukunft des Menschen lebt der Freigeist so, dass er neue Möglichkeiten des Lebens
erfindet und die alten abwägt“ (Ruckenbauer 2012: 167).
Somit ist auch die Gefahr erkannt, die wir heutzutage in Teilen Wissenschaft und Politik im-
mer wieder beobachten, das vermeintlich, vorgeblich oder tatsächlich Neue unreflektiert als prin-
zipiell besser als das Frühere (i. S. v. Veraltete) akzeptiert wird. Edmund Husserl weist in ähnlichem
Zusammenhang darauf hin, dass es im Wesentlichen nicht die Gegebenheiten sind, die die Strukturen
der Wesensschau bestimmen, sondern dass die strukturierte Wesensschau das Ergebnis von Ideali-
sierungen ist, die die Wirklichkeit verdecken und endlich ein Krisenbewusstsein bei den Menschen
erzeugen. Das weist auf die Jahrzehnte späteren Thomas Kuhn und Karl Popper hin, bei denen Dog-
men infolge mangelnder Erklärungsfähigkeit hinfällig werden, oder zumindest auf Imre Lakatos, bei
dem Mainstream-Dogmen herausgefordert werden, aber es schaffen, mit den sie herausfordernden
Dogmen zu koexistieren, weil ein jedes seine Anwendungsnische(-n) in jeweils speziellen For-
schungsprogrammen behauptet (Bartel 2011). Aus der Husserl’schen Perspektive werden denn die
eingangs behandelte Erklärung der Mächtigkeit des Dogmas vom perfekten Wettbewerbsmarkt und
der Remanenz des Status quo gestützt.
So macht sich Martin Heidegger in seiner posttheologischen Phase auf zu den Sachen
selbst“ (Esterbauer 2012: 181), indem das Husserl’sche Vorwissen neutralisiert (Rawls’s original state
lässt grüßen; siehe unten) und so die Erkenntnis freier gefasst werden könnte. Aus den Sichtweisen
von Nietzsche, Husserl, Heidegger und den oben angesprochenen Vorgängern erscheint dann der
normative Ansatz Bertrand Russells als relativ naiv: „Unser moralisches Verhalten orientiert sich zum
einen am Grundgefühl der Liebe, zum anderen am Glauben an die Kraft der Vernunft“ (Grabner-
29
Haider 2912: 173). Allerdings ist im Störungsfall Offenheit sein Rezept und weist diese Aufgabe der
Öffnung geschlossener Systeme, wie z. B. der Religionen, der freilich ergebnisoffeneren Philosophie
zu. Das Weitere könne dann der gesunde Menschenverstand leisten. Immerhin gehe es dem gesun-
den Menschenverstand das ist entscheidend um das Glück jedes und jeder Einzelnen und so auch
um ihre Verteilung auf die Individuen, und nicht, wie im Utilitarismus, nur um die aggregierte Glücks-
summe. Dabei ergeben sich freilich ausufernde Probleme bei der Erfassung von Glück und begründe-
ten denn auch die breite Forschung der vergangenen Jahre und Jahrzehnte auf diesem Gebiet; je
umfassender das Konzept, desto schwieriger ist es immerhin empirisch zu fassen (Bartel 2012).
In puncto Methodik hat der Falsifikationismus eines Karl Raimund Popper seinerzeit viel bei-
getragen, aber auch zweierlei offengelassen. Erstens, wie Popper selber einräumt (Grabner-Haider
2012), wird beim mathematisch-statistischen Testen (induktives Schließen von der Stichprobe auf die
Grundgesamtheit) die eigentlich mit aller forscherischen Energie zu widerlegende Nullhypothese
eher nur alibihaft aufgestellt und gehandhabt, um ja bloß die Alternativhypothese annehmen und die
eigenen Forschungsgedanken bestätigen zu können. Zweitens greift aus typisch humanwissenschaft-
licher Perspektive und das geht aus den vorangegangenen Seiten auch hervor der reine (naive?)
Falsifikationismus zu kurz, weil damit sozial mehr und weniger Nützliches oder Kreatives als gleich
wichtig behandelt werden und damit das Nützliche weniger zu wenig? wissenschaftliches und
letztlich auch politisches Gewicht erhält (Bartel 2011). Immerhin vertritt Popper bei sozialen Ände-
rungen, vielleicht sogar aus diesem methodenkritischen Bewusstsein, bei sozialen Änderungen den
gradualistischen Ansatz (schrittweises Vorgehen) statt des holistischen Zugangs einer Gesamtreform
(Grabner-Haider 2012). Diese Vorsichtshaltung steht in Zusammenhang mit jener der prinzipiellen
Reversibilität auch konstitutiver Reformmaßnahmen.
Der Existenzialist Albert Camus sieht darin eine Möglichkeit, den an sich sinnleeren Leben ei-
nen Sinn zu geben, dass das unrechtbedingte Leiden der Armen verringert werde. „Der Kampf gegen
das Unrecht sei nämlich der Motor, der das Absurde erträglich macht und den Gang der Geschichte
aufrecht hält“ (Grabner-Haider 2012: 191). Dazu bedarf es entsprechender Menschen, die sozial ori-
entiert handeln, auch wenn sie gegen die Mächtigen, die wenig Empathie und Mitleid aufwiesen,
ziemlich erfolglos wären. Diesbezüglich war Schopenhauer also konstruktiver und optimistischer.
Unrecht soll mithin das Streben nach Gerechtigkeit auslösen. Gerechtigkeit als Fairness der
Lebenschancen für jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft ist eng mit John Rawls verbunden und
mit seiner Kontroverse mit seinem Gegenpol Robert Nozick (Bartel 2012). Rawls stützt sich bei sei-
nem sehr egalitären Ansatz auf Kleingruppen einer Urgesellschaft, einer typischen Situation, wo
Rechte und Pflichten noch vergleichsweise gleich verteilt gewesen sein dürften. Davon ausgehend
müsste der Vorteil aufgezeigt werden, der aus einer größeren Ungleichheit für alle jede_n Einzel-
ne_n erwachsen würde (Grabner-Haider 2012). Daher ist der Rawls’sche Lösungsansatz stark pro-
zessorientiert (Rawls 1995). Gegen ungerechte Gesetze ruft Rawls zum zivilen Ungehorsam auf. Kriti-
sche Vernunft (nicht wissenschaftlicher Beweis) könne mit moralischer Güte gleichzusetzt werden.
Angesichts von Störungen dieser Vernunft durch typisch menschliche Charakterschwächen ergibt
sich für Rawls ein enger Bezug zur Moral- und Sozialpsychologie; ohne diese könne der soziale Friede
als Fundament des Lebensglücks kaum durchgesetzt werden (Grabner-Haider 2012).
Hinsichtlich dieser vernunftbedingten Zielerreichung unterscheidet Jürgen Habermas einer-
seits die instrumentelle Vernunft, die der Herrschaft über Mitmenschen dient, und andererseits die
praktische Vernunft, die „der schrittweisen Emanzipation aus unvernünftigen Wertsystemen und
politischen Zwängen“ dient. Zur vernunftvollen Emanzipation und ihrer Absicherung nimmt Haber-
30
mas institutionell die Kritische Theorie in die Pflicht, die als „unterscheidende Sozialwissenschaft (…)
einem emanzipatorischen Erkenntnisinteresse folgt“ (beides: Grabner-Haider 2012: 196). Kommuni-
kationsmethodisch unterscheidet Habermas zwischen einem repressiv verzerrten und einem herr-
schaftsfrei unverzerrten Dialog. Gleichwertigkeit der Gesprächspartner ist sowohl Voraussetzung auf
als auch Chance für einen fortschreitenden und fortschrittlichen kulturellen Lernprozess auf g-
lichst allen Seiten, zumal diese Prämisse von der empirischen Psychologie mit gerechtfertigt wird.
„Im Diskurs werden vom Sprecher und vom Hörer bestimmte Geltungsansprüche erhoben, und zwar
im Bezug auf Verständlichkeit, auf den Wahrheitsgehalt [i. S. v. Objektivitätsstandard; Anm. R.B.] der Aussagen
auf die Richtigkeit der Regelverwendung und auf persönliche Ehrlichkeit. Die Wahrheit von Aussagen und die
Richtigkeit von moralischen Normen werden im kritischen Diskurs ermittelt. (…) Das Kriterium für die Wahrheit
von Aussagen oder die Gültigkeit von Normen kann nur im Konsens zwischen kompetenten Diskursteilnehmern
erarbeitet werden. Sie ssen zwischen Sein und Schein sowie zwischen Sein und Sollen unterscheiden n-
nen. Eine moralische Norm gilt dann als richtig, wenn sie universalisierbar ist. Sie muss allen Diskussionsteil-
nehmern begründet werden und ihrem gemeinsamen Interesse dienen. (…) Daher muss eine moralische Norm
das gemeinsame Interesse aller Diskursteilnehmer im Auge haben. (…) Für die neoliberale Wirtschaft im
Welthorizont muss eine Folgenabschätzung zu jeder Zeit in Betracht gezogen werden, denn die vielen kulturel-
len Gesichter vertragen sich nicht mit einer wirtschaftlich und politisch völlig deregulierten Weltgesellschaft
(Gabner-Haider 2012: 197, 197 f., 198).
Hier müsste die Wirtschafts- und Sozialpartnerschaft erfunden werden, wenn es sie nicht
schon gäbe, um einen solch konstruktiven Dialog auf gesellschaftlicher Ebene zu organisieren, zu
kontrollieren und zu steuern: einerseits bezüglich der Kosteneffizienz, andererseits hinsichtlich der
Outcome-Qualität (Schneider et al. 2014). Das gilt freilich auch für die internationalen Organisationen
und für die supranationale EU. Das ist sicherlich leichter gesagt als getan, doch zumindest weist die-
ser Ansatz so grundsätzlich wie deutlich in eine Richtung. Richard Rorty gibt zu bedenken, dass durch
eine konsequente Anwendung der Habermas’schen Kommunikation Demokratie, gesellschaftliche
Stabilität [i. S. v. sozialer Zentripetalität; Anm. R.B] und persönliche Freiheit sogar kranken könnten
nämlich dann, wenn der schlüssig zu argumentierende Ressourcentransfer von Reich zu Arm an die
Grenzen der Transferbereitschaft der Geber_innen_schichten stößt (vgl. die zu niedrige oder rückläu-
fige Entwicklungshilfe mancher Staaten oder die über budgetpolitischen Verteilungsfragen aufkei-
menden Nationalismen in der EU). Rorty sieht diesbezüglich keine konkrete Problemlösung, sucht
aber allgemein eine Lösung in der Multidisziplinarität und Diskursethik (Grabner-Haider 2012).
In dieser Frage geht Martin Buber einen, wenn auch, an Habermas beurteilt, eher ungewöhn-
lichen und unkonkreten Schritt in der Dialogphilosophie weiter.
„Doch bedarf es zur wahren Ich-Werdung eines Du: ‚Der Mensch wird am Du zum Ich.‘ (…) Buber hat
keine philosophische Schule gegründet. Vielmehr ging es ihm um die sich jeweils neu ereignende Begegnung
zwischen Menschen, die einer Lehre, die einer Lehre, die verobjektiviert, entgegensteht“ (Esterbauer 2012:
219, 221).
Ernst Bloch ist ziemlich fortschrittsoptimistisch. Denn sein Motor zur sozialen Verbesserung
ist die Hoffnung, denn sie „ist in das Gelingen verliebt“. Die Hoffnung lässt sich nicht vertrösten, sie
will verändern und widerspricht damit dem Status quo derart, dass Bloch den Verfall der „alten r-
gerlichen Gesellschaft“ als unausweichlich ansieht und ihn für dann vorhersagt, wenn die Menschen
im aneinander Werden weiter fortgeschritten sind und ihre Möglichkeiten einholen werden (Grab-
ner-Haider 2012: 221, 222). An John Rawls erinnert auch bei Ernst Bloch die noch fehlende Einseh-
barkeit des künftigen Zustands, die strategisches, opportunistisches Partialverhalten (Individual- oder
Gruppeninteressenverhalten) ausschließt.
31
„Die Hoffenden strecken sich nach dem Noch-Nicht-Bewussten, nach dem Noch-Nicht-Gewordenen
aus. Sie ahnen, was im Werden ist, können es aber noch nicht ins Wort heben. Die bürgerliche Philosophie hat
die Zukunft vergessen, sie denkt statisch und bewahrend. (…) Das metaphysische Bedürfnis hat sich den Appe-
tit verdorben. (…) Die Sehnsucht und die Erwartung brauchen ihre Hermeneutik, der Geist der Utopie treibt uns
voran“ (Grabner-Haider 2012: 222f.).
Das Bedeutende an Ernst Bloch scheint hierbei an der Betonung der gemeinsamen Interes-
sen, an der Aufbruchsstimmung und an der immer leichter und wahrscheinlicher werdenden Verän-
derbarkeit zu liegen, so dass schließlich Neues auch tatsächlich gewagt werde. Das erinnert an die
heutige Auffassung, mit entschlossener Budgetkonsolidierung auf der Ausgabenseite könne eine
Wirtschaft, statt in eine Rezession zu schlittern, sogar neu durchstarten, weil die meisten an die Kraft
einer staatlich entfesselten Privatwirtschaft glauben. Doch gilt diese Motivierung auch spiegelver-
kehrt: Warum soll die zuversichtliche, fundierte Hoffnung auf einen höheren Wachstumspfad infolge
einer konsequenten Budgetexpansion die Wirtschaft nicht ankurbeln können? Überzeugendes Neues
hat seine Wirkung, ist Wirtschaft doch zu 50 Prozent Psychologie, wie, nach John M. Keynes, selbst
Ludwig Erhard (1964) überzeugt war.
Erstaunlicherweise sieht Ernst Bloch gerade in der Religion das Visionäre und Revolutionäre;
Allianzen bieten sich an. Walter Benjamin ortet diesbezüglich (übrigens ähnlich wie Michel Foucault
und Theodor Adorno) hingegen eine besonders katalysierende Funktion bei den Geschichtsschrei-
ben, denn diese könnten es schaffen, dass wir uns in die Qualen der Opfer einfühlen nnen; auch
hier kommen wieder Empathie und Mitleid als Triebkräfte in Frage; sie können das Einfühlen in die
Siegern übertreffen (Grabner-Haider 2012). Vor allzu großer wissenschaftlicher Trockenheit, vor folg-
lich zu großem und trügerischem Optimismus und daher einem wirkungslosen Warten auf ein auto-
matisch eintretendes Besseres warnt allerdings Max Horkheimer.
„Die Herrschaft der Herrschenden muss demaskiert werden (…). Die Diktatur manipulierte die unter-
drückten Wünsche des Volkes (…). Anstelle der Verantwortung für sich selbst und für Mitmenschen tritt die
Leistung für den Apparat [den Marktstaat; Anm. R.B.]. Im Fortschritt der Industriegesellschaft [auch der Finanz-
industrie; Anm. R.B.] geht der Mensch verloren. Die Formalisierung der Vernunft führt uns in die Beliebigkeit
der Denkinhalte. Sie hat den Gedanken der Autonomie aufgegeben und ist zum bloßen Instrument geworden.
(…) Ohne die Reste von Religion, Kunst und Metaphysik geraten wir in eine total verwaltete Welt hinein
(Grabner-Haider 2012: 232 f.).
Heute noch wird darüber debattiert, ob formale Stringenz nicht die Kreativität einenge.
Horkheimer meint obendrein, die Zielwerte der europäischen Aufklärung modern übersetzt: mün-
dige Befähigung, sozialer Ausgleich und gesellschaftliche Solidarität müssten stärker propagiert und
als realisierbar empfunden werden, damit die Anreize für entsprechendes kollektives Handeln ver-
stärkt werden. Die diesem Unterfangen hinderliche Urangst des Bürgertums vor dem Proletariat
müsse dabei auch überwunden werden. Für Hannah Arendt müssten sich selbst Philosoph_inn_en,
die rein über Grundbedingungen nachdenken, in die gesellschaftliche Debatte einbringen was frei-
lich eine faktisch unabhängig organisierte Wissenschaft voraussetzt. Zur politischen Aufwertung
selbst der Grundlagenforschung sei nach Arendt eine institutionelle Verankerung ein wertvoller Bei-
trag (Grabner-Haider 2012). Das spricht, weitergesponnen, die (europäische) Wirtschafts- und Sozial-
partnerschaft an und legt wohl auch eine autonomere Organisation der Interessen der Arbeitslosen
nahe.
Jean-Francois Lyotard spricht noch, über Horkheimer hinausreichend, eine andere Form der
Einbindung einzelner Interessen(-gruppen) in ein gemeinsames Ganzes an. Er beklagt das Abhanden-
kommen von „Metaerzählungen“ zwecks Systemintegration.
32
„An deren Stelle treten kleine, mehr oder weniger in sich geschlossene Sinnstrukturen, die nur mehr
für Teilbereiche integrative Funktion haben. Festzustellen sind Diskontinuitäten und Brüche, die nicht mehr in
einen Konsens übergeführt werden können, in dem die unterschiedlichen Bereiche aufgehoben sind. (…) Indem
er sich gegen verfälschende Vereinheitlichung wendet, geht es ihm jedoch darum, was nicht unter eine Einheit
zu bringen ist, zu seinem Eigenrecht zu verhelfen“ (Esterbauer 2012: 243).
Für mich heißt das, dass eigentlich noch immer eine überzeugende Staats- oder Gesell-
schaftstheorie abgeht, in der sich die Pluralität in der Einheit finden und kooperativ und effektiv
etablieren kann. Ein gesondertes Hindernis bei einer solchen integrativen Theorieentwicklung n-
nen laut Jacques Derrida „verfestigte Sprachinhalte“ sein, die eher trennen denn integrieren. „Im
Prozess der Dekonstruktion von verfestigten Sprachinhalten, der prinzipiell unabschließbar ist, sto-
ßen wir auf die Wirklichkeit eines Anderen, Größeren und Umfassenden“ (Grabner-Haider 2012).
Dekonstruktion wird hier offenbar als Entdeckungsverfahren gesehen für ein neues Narrativ, viel-
leicht sogar für eine Metaerzählung.
3.3. Sozialwissen und konstruktive Gesellschaftskritik
Ernesto Laclau und Chantal Mouffe (1985/2001) befassen sich mit einer (im Foucault’schen
Sinn) Genealogie der Hegemonie. Sie wollen die Auffassung einer quasi natürlichen Entwicklung der
Wirtschaft und Gesellschaft aufbrechen und dahinter die rein machtorientierten Aktionen aufdecken,
welche die Geschichte machen. Die Macht als das Ziel (Ergebnisaspekt) unterscheidet sich von der
Macht als Strategie (Prozessaspekt), wobei letzterer bedeutet, dass die sich blenden und führen las-
senden Teile der Gesellschaft eben nicht wissen, dass die laufend getroffenen kollektiven Entschei-
dungen im Endeffekt zu ihren Ungunsten und zu Gunsten der anderen ausgehen werden (vgl. dazu
auch Galbraith 1973, Mueller 2003). Laclau/Mouffe (1985/2002) sehen in den Veränderungen des
Kapitalismus keine Reaktion auf Unzulänglichkeiten und Kritik, sondern eine systemlogische, „endo-
gene“ Entwicklung innerhalb einer im Wesentlichen unveränderten Systemstruktur (objektive histo-
rische Bestimmung“: 25), mit all den kapitalistischen Merkmalen und Funktionsproblemen. Gerade
deshalb ist es eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, auf die sich die ungünstigen Effekte konzentrie-
ren, und daher ist es diese Gruppe, die der lohnabhängig Erwerbstätigen, die auf die einschlägigen
Auseinandersetzungen einen Überschuss des Sozialen über die gesellschaftliche Organisation
hinsteuert. Die Auseinandersetzung wie immer sie aussieht muss daher auf wirtschaftlicher Ebe-
ne geführt werden. Allerdings sei es entscheidend, dass erstens die Einheit dieser kämpfenden Klasse
sich nicht infolge der zunehmenden materiellen Einzelinteressen zerlegt und dass es zweitens gelingt,
die Anliegen dieser Klasse zu allgemeinen politischen Agenden der Wirtschaftspolitik zu machen, also
die Systemzusammenhänge aufzuzeigen und deren Auswirkungen auf die soziale Wohlfahrt vermit-
teln zu können. Dazu sind die Intellektuellen aufgerufen, sowohl in ihrer Funktion nach innen (die
Verbindung zwischen Arbeiterklasse und Sozialismus mit dessen Endziel) als auch nach außen, von
der Klasse zur allgemeinen Politik, weil dort die Fragmentatierung der Interessen leichter überwun-
den und nachhaltige Erfolge erzielt werden können (“to break with quietism and to achieve current
political effects“: 25; “the functions of social organization have a greater influence within the State
than do those of class domination“: 35). Die Arbeiter_innen sind mit immer mehr Rechten immer
mehr zu (teilhabenden) Staatsbürger_inne_n geworden und haben dadurch an politischem Potenzial
gewonnen, das auszuschöpfen eben daran hängt, wie sich die prozeduralen Machtverhältnisse ent-
wickeln. Sich einen politischen Möglichkeitsraum zu verschaffen (politische Autonomisierung), sei
eben eine permanente Herausforderung, die nicht nur ständiger Umformulierung des hegemonialen
33
Mainstream-Denkens bedarf, sondern auch einer Vernetzung der emanzipatorischen Arbeit in den
diversen gesellschaftlichen Bereichen und einer Akzeptanz von Reformismus und graduellem Fort-
schritt (statt Revolution):
“(…) the autonomization of the political can be linked to acceptance of a reformist practice and a grad-
ualist strategy. (…)
“(…) democratic advance will necessitate a proliferation of political initiatives in different social areas
as required by revisionism, but with the difference that the meaning of each initiative comes to depend upon its
relation with the others (Laclau/Mouffe 1985/2002: 36).
Solidarisch-emanzipatorische Transformation gibt es nur im Plural der Transformationen, die aber nur
dann zu solchen werden, wenn sie sich verdichten, verknüpfen, ineinander übergehen, zu dem werden, was
Karl Polanyi ‚Große Transformation‘ nannte. Dem ‚Herrschaftsknoten‘ (Frigga Haug) muss ein ‚Widerstandskno-
ten‘ entgegengestemmt werden. Die theoretische wie praktische Verbindung der verschiedenen Ansätze ist
eine ganz eigene Aufgabe. ‚Falsche Gegensätze‘ lassen sich nur überwinden in ‚richtigen Verknüpfungen‘ des
Sozialen und des Ökologischen (Ulrich Brand) mit dem Demokratischen und Libertären oder des Globalen mit
dem Regionalen wie Lokalen (Michael Thomas)“ (Brie 2014: 9 f.).
Sobald infolge ständiger Umdeutungen der Welt auch politische Erfolge erzielt werden, kräf-
tigen diese ihrerseits wiederum das Bewusstsein politischer Autonomie i. S. v. einer Deutungs- und
Gestaltungsfreiheit gegenüber den vorgeblichen ökonomischen Sachzwängen und fördern die Eini-
gung in der politischen Bewegung.
„It is only this autonomization of the political, as opposed to the dictates of the economic base, that
permits it to play this role of recomposition and reunification against infrastructural tendencies which, if aban-
doned to themselves, can only lead to fragmentation” (Laclau/Mouffe 1985/2002: 31).
„Immer geht es um den Zugang zu den Reichtumsbedingungen eines guten und gelingenden Lebens
(…)“ (Brie 2014: 10).
Die Umdeutung und Neuformulierung, die angesprochen wurde, wird bis heute als entschei-
dende Voraussetzung zum Gelingen angesehen, korrespondiert auch mit obigen psychologischen und
philosophischen Funden und könnte daher eine zentrale Rolle für organisierte Emanzipation spielen:
“(…) we argue that society is managed increasingly through epistemic governance, which works on
actors’ perceptions of the world and its current challenges. Our point is that regardless of which actors we as-
sume to be influential in affecting public policies, they operate by utilizing a limited number of strategies, in
broad paradigmatic as well as in focused practical dimensions. The epistemic work actors are engaged in focus-
es on three aspects of the social world: (1) ontology of the environment, (2) actor identifications, and (3) norms
and ideals, or constructions of what the world is, who we are, and what is good or desirable“ (Alasuutari/Qadir
2014: 67).
Anderenfalls, wenn eine Interessengruppe ihre Deutungshoheit behält, träten insofern Fou-
cault‘sche Zustände ein, als die hintergründige, aber faktische Unfreiheit in der vordergründigen, nur
formalen Freiheit einzementiert wäre:
„Die Verfügung über die Optionen aller nur möglichen Zukünfte wäre die totale Herrschaft, die keiner
spürt, weil er oder sie sich in jedem Moment frei entscheiden kann zu tun oder zu lassen, was immer möglich
ist. Widerstand ist nicht einmal mehr denkbar, weil jedes Subjekt ganz sich selbst regiert, so das neoliberal,
neosozial geführte Projekt (vgl. Foucault 2012). (…) Eine linke Perspektive auf die Transformation [der Gesell-
schaft im neoliberalen Sinn; Anm. R.B.] schließt ein, Walter Benjamins Diktum ernst zu nehmen: Der Begriff
des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ‘so weiter’ geht, ist die Katastrophe (Ben-
jamin 1982, 592)“ (Brie 2014: 7, 9).
34
Allein, dazu gibt es realistische Alternativen, und dazu ist auch der Begriff von Revolution zu
relativieren und diese, wie von Max Horkheimer bezeichnet, Urangst, wie bei Ernst Bloch, in kreative
Hoffnung umzuwandeln.
Transformationsanalyse verlangt, sich den objektiven Strukturen wie Akteurskonstellationen zu stel-
len, die das heutige Weiter-so bestimmen. Es sind oligarchische Machtstrukturen in der Verknüpfung von Wirt-
schaft, Politik, Expertentum und Kultur (Judith Dellheim), die die zentralen Bereiche von Vergesellschaftung
kontrollieren. Eine solche konzentrierte Macht kann auch durch Einstiegsprojekte aufgebrochen werden, die in
den Klüften, Rissen und Nischen herrschender Politik gebildet werden können (Lutz Brangsch). Hier vor allem
kann das mögliche Andere gelernt werden. Aber Transformation lässt sich nicht denken, ohne die Frage der
Gewalt und des Widerstands neu zu stellen (Erhard Crome). Denn gerade die Ereignishaftigkeit von Transfor-
mation (Alex Demirovi) setzt Gewalt immer wieder unübersehbar auf die Tagesordnung. Das Legale wird in-
frage gestellt, Neues entsteht, Ansprüche prallen auf Ansprüche. Zeit, so Marx, ist Raum für menschliche
Entwicklung (Marx 1865/1974, 144). Nicht die Verfügung über die Ungeborenen, nicht die vorwegnehmende
Kontrolle über das denkbar Mögliche, sondern der heutige Beitrag dazu, dass Menschen in Zukunft gleicher
und freier, selbstbestimmter und demokratischer, friedlicher vor allem leben können, dies ist gesellschaftsre-
formierende wie umstürzende, ist ‚revolutionäre Realpolitik (Luxemburg 1903/1972, 373) der Transformation
(Brie 2014: 10).
35
Emanzipation a. Befreiung aus einem Zustand der Ab-
hängigkeit; Selbstständigkeit; Gleichstellung; b. rechtli-
che und gesellschaftliche Gleichstellung“ (Duden.de
2013 [4.9.2014])
4. Konkrete Emanzipationsansätze: Grundtenor und Strategien
Die Intention von Emanzipation ist die Selbstbefähigung, die Stoßrichtung ist dabei, der Ab-
bau ungerechtfertigter Abhängigkeiten, die die Selbstständigkeit ungebührlich einschränken. Gilt
Emanzipation humanistisch, also menschen- bzw. naturrechtlich als Maxime für alle, so ist damit
eine Gleichstellung verbunden. Emanzipation ist somit legitim, wenn individuell unterschiedliche
Gegebenheiten und gesellschaftliche Machtstrukturen die Möglichkeiten der Individuen zwischen
diesen verzerren.
6
Die einen verfolgen sozial-ökonomische Emanzipation jedenfalls durch die staatli-
che Gewährleistung von funktionalem bis perfektem Wettbewerb (Schlagwort: Freiheit des Marktes),
die anderen erforderlichenfalls durch die Fülle staatlicher Interventionsmöglichkeiten. Die zugrunde-
liegende Norm ist jedenfalls Chancengleichheit zumindest als Fernzielmarke. Jeder Mensch hat
einfach ein Recht (Ergebnisaspekt) oder zumindest auf eine Chance (Prozessaspekt) auf ein gutes
Leben. Dabei setzen wir bei den Begriffen und den durch sie unweigerlichen, oft suggestiven und
manipulativen Vorstellungsinhalten an.
„Nun ist die politische Realität, wie jede andere auch, eine diskursiv produzierte. Der politische Raum
ist ein symbolisches System, das durch Sprache aufgespannt wird. Wissen wir seit den frühen Tagen des ‘lingu-
istic turn‘“ (Misik 2005: derStandard.at, http://derstandard.at/2181087).
Ökonom_inn_en ebenso wie insbesondere ökonomische Lai_inn_en könnten und würden
dann sagen: „Ja freilich, das tun wir! Das ist doch logisch. Warum hat man das nicht schon längst
getan?“ Dann hat Emanzipation eingesetzt, die letztlich auch bestehen i. S. v. offen und lernfähig,
umsetzungs- und erfolgsorientiert bleibt.
4.1. Konjunktur und Expansionismus, Soziales und Budget
Emanzipieren sollten wir uns aus dem Begriff der Konjunktur als einem thermostatähnlichen
Regelkreis mit negativ beurteilten Abweichungen vom „natürlichen Trendwert sowohl nach oben
(Überhitzung) als auch nach unten (Verkühlung). Denn jedes Mehr an Produktion (= Einkommen) und
Beschäftigung dient nicht nur der Besserstellung von Individuen, sondern erhöht auch Potenzial und
Bereitschaft zur Umverteilung im Sinn einer staatlichen Intervention zu mehr Chancen- und Vertei-
lungsgerechtigkeit sowie zur Erhöhung der Lebensqualität insgesamt (Kaldor/Hicks-Kriterium der
sozialen Wohlfahrtssteigerung:
7
Nowotny 1996) und zuvorderst der Schwächsten (Rawls 1995). Wie
kann man das gegen den Mainstream kommunizieren, damit es breit rezipiert wird?
Jean-Paul Sartre, Max Horkheimer, Ludwig Erhard, Ernst Bloch und John Rawls (Grabner-
Haider 2012), Gunther Tichy (1982), Ernesto Laclan und Chantal Mouffe (1985/2002) und Barack
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Wenn alle gleich sind, nämlich eigentlich nichts sind, ist die Freiheit jedes Einzelnen unendlich“ (Michael
Köhlmeier: Die Abenteuer des Joel Spazierer. Roman. dtv: München 2014: 620).
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Sozial effizient und wohlfahrtsökonomisch fundiert ist eine Umverteilung dann, wenn ihre Gewinner_innen
ihre Verlierer_innen finanziell entschädigen könnten und dennoch an sozialem Wohlergehen gewännen.
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Obama waren und sind beispielsweise überzeugt, dass Wirtschaft bzw. Politik zu einem Gutteil Psy-
chologie sind. Daher gilt das “yes, we can“. Das ist der Anstoß, den wohl alle Emanzipationsbestre-
bungen benötigen. Allerdings ist für Bloch die alte bürgerliche Gesellschaft ohnedies ein Auslaufmo-
dell, weil in der Gesellschaft die Menschen aneinander wachsen und „in das Gelingen eines Besseren
verliebt“ seien. Hier können erstens Bildungs- und zweitens Sozialpolitik relativ leicht ansetzen (zu
ihrer Fundierung und Motivation kommen wir noch).
Erstens: Bildung (als Vorgang) wird heutzutage schon längst und immer mehr als eine Erzie-
hung zur Hinterfragung von Normen gesehen zumindest theoretisch. Diesbezüglich nimmt Hork-
heimer explizit die Wissenschaft und speziell die Kritische Theorie seiner Frankfurter Schule in die
Pflicht. Sogar der gemäßigt liberale, humanistisch orientierte John Stuart Mill (Ruckenbauer 2012)
trat für die Gleichheit der Bildungschancen ein und nahm die heute und hierzulande zwar noch kon-
servativ zurückgestaute, aber sich gerade auch aus Wirtschaftskreisen immer mehr Bahn brechende
Willigkeit und Entschlossenheit zur Reform gleichsam vorweg. Das wird der erste diesbezügliche
Emanzipationsschritt sein, der zweite wird die Inhalte der Bildung betreffen und fordert schon jetzt v.
a. die Wissenschaft und Forschung viel mehr als bislang (siehe unten).
Mit Wilhelm Reich (Schlüter 2013) können wir einen sinnvollen Zusammenhang zwischen Bil-
dungs- und Sozialpolitik herstellen. Fortschrittliche Bildungspolitik führt zu persönlicher Freiheit des
Denkens, Fühlens und Handelns und hebt tendenziell den intraindividuellen Konflikt zwischen Trieb-
haftigkeit (Es) und Normen (Über-Ich) auf. Dadurch würden illegitime Machtausübung und somit
Ungerechtigkeit, die durch den Treibkonflikt bedingt seien, zurückgedrängt. Solcherart würde auch
das Machtpotenzial des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream ausgehöhlt und insbesondere das
naturgesetzliche Denken in natürlichem Trend und konjunktureller Störung, das eine expansive Wirt-
schaftspolitik und -entwicklung verhindert.
Zweitens: Diese nach Reich durch bessere Bildung gelingende Steigerung von Gerechtigkeit
und Verbesserung des Lebens trägt wiederum selbstverstärkend zu Machtneutralisierung und folg-
lich zu größerer politischer Souveränität, zur „Autonomisierung“ (Laclau/Mouffe 1985/2002: 31, 36)
bei. Insofern kann prononciertere Sozialpolitik die günstige Gesellschaftsentwicklung beschleunigen.
Das erfordert seinerseits, den Wohlfahrtsstaat zu bewerben, indem gerade den Nettozahler_inne_n
verdeutlicht wird, dass und inwieweit sie auch aus dem Umverteilungssystem persönlich profitieren.
Dadurch wird die umgekehrte Neiddebatte (sagen wir: Geizdebatte) abgeschwächt. Zur Akzep-
tanz des Wohlfahrtsstaates im Sinn des Solidaritätsgedankens gehört es auch, die Stratifizierung
hintanzuhalten, d. h., die soziale Durchmischung auch örtlich zu fördern. Dann, wie Martin Buber
ausführt, wächst das Ich am Du (Esterbauer 2012). Horst-Eberhard Richter folgend kann mit Sozialpo-
litik unterstützt werden, dass der technisch-organisatorische Fortschritt in der Gesellschaft die Men-
schen nicht überfordert, sondern die Gemeinschaftlichkeit mit der technisch-ökonomischen Mach-
barkeit mithalten lässt (Schlüter 2013). Weiter zurück in der Geschichte ist es Charles Louis de Mon-
tesquieu, der den Staat vernünftig oder verpflichtet wissen will, durch soziale Gerechtigkeit und Ver-
sorgungssicherheit den sozialen Frieden zu schaffen und damit letztlich die Existenz seiner eigenen
Staatlichkeit zu sichern (Grabner-Haider 2012). Ebenfalls als positiver Regelkreis wirkt nach dem
Psychologen Abraham Maslow, dem gemäß größere persönliche Freiheiten (etwa von der bürgerli-
chen Moral) und erweiterte materielle Möglichkeiten den Menschen in seinem Streben auf höhere
Ebenen heben, wo dieser nach Zugehörigkeitsgefühl, Selbstwertgefühl, Selbstverwirklichung und
Transzendenz (Erweiterung seiner Möglichkeiten im Rahmen und mit der Gesellschaft) verlangt.
Denn höher in der Bedürfnispyramide situiert sind soziale Bedürfnisse (Schlüter 2013).
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Beim Übergang zum grundsätzlichen Expansionismus in Politik und Wirtschaft erhält das
Budget als in Zahlen gegossene Politik einen reinen Mittel- statt eines Zielcharakters. Das begrün-
det sich damit, dass weniger Staatsintervention die Abhängigkeiten und Ungleichheiten wieder ver-
stärken würden, setzt aber andererseits voraus, dass der öffentliche Sektor Thomas Hobbes mit sei-
nem Leviathan (dem Staat als Moloch) und die Public Choice Theory Lügen straft, die erklären, dass
der Mensch nicht nur in wirtschaftlichen und sozialen Belangen, sondern auch in staatlichen Funktio-
nen dem Menschen ein Wolf sei und deshalb der öffentliche Sektor ein Ungeheuer (Leviathan), das
wie ein Moloch sei und alles verschlinge (Weinke 2012) wie schon nach Niccolò Machiavelli der
unaufgeklärte absolutistische Staat (Salamun 2012). Darauf kommen wir im Abschnitt über Politik
zurück.
Indes, wie emanzipieren wir uns von der Austeritätspolitik und der neuen Bescheidenheit,
mit der sich die Menschen heutzutage bescheiden sollen also auch gegenüber Wachstumsskeptik
und Umweltbedenken? Die Mehrzahl der Humanwissenschafter_innen ist hierzu humanistisch-
optimistisch gestimmt. So widerspricht erstmals schon Wilhelm Wundt dem puren Behaviorismus,
indem er dem Individuum zugesteht, dass es die Übertragung des Reizes vom Senden zum Empfan-
gen des Signals selbst beobachten, überdenken und steuern kann. Auch Edward Thorndike und
Burrhus Skinner erforschen und argumentieren, dass sich der Mensch (letztlich) nicht (gänzlich)
durch das Anreizsystem individualistisch-hedonistische Anreizsystem in Wirtschaft und Gesellschaft
verführen lässt (Schlüter 2013). Dies weist, wie auch die im vorigen Absatz angeführten Argumente
tendenziell auch in Richtung einer ökonomisch, sozial und ökologisch nachhaltigeren Struktur der
Produktion und Produktionsweise. Ökonomisch betrachtet wird eine gleichere personelle Ressour-
cenverteilung keine Einbußen an Nachfragedynamik mit sich bringen (im Gegenteil). Wilhelm Wundt
hält die Menschen im Wesentlichen für mündige Konsument_inn_en, was auch auf die Ökologie
übertragen werden kann (Schlüter 2013), nicht für einen individualistischen Homo oeconomicus, für
keinen rein triebgesteuerten Reizumsetzer, keine menschliche Maschine. Vollkommene Beherr-
schung der Natur, wie nach Descartes anzustreben (Grabner-Haider 2012), ist eben nicht (ganz) die
Maxime des Menschen.
Emanzipieren sollten wir uns von der Norm des Budgetausgleichs sowohl auf kurze bis mittle-
re Frist als auch den Weg dahin über die Ausgabenreduktion. Das ist wiederum ein Fall für eine aus-
gewogene Wissenschafts- und Bildungspolitik. Dabei kann sowohl die deskriptive Geschichtsschrei-
bung helfen, indem sie auf die britisch-königlichen Staatsanleihen mit unendlicher Laufzeit hinweist,
als auch die genealogische Geschichtsforschung, welche im Geist Michel Foucaults die Entwicklung
als interessen- und machtbedingt enttarnt (Laclau/Mouffe 1985/2002), indem sie ganz aus der per-
spektivistischen Perspektive z. B. von Pierre Bourdieu et al. (1993/1997) die Finanz- und Wirtschafts-
krisen analysiert und ein vermutlich generalisierbares Narrativ dazu entwickelt. Dann ist der Weg
frei(-er) nicht nur für die Regulierung der Finanzmärkte, sondern auch für die Finanzierung der öf-
fentlichen Funktionen (Ausgaben) neben den Steuern und Abgaben durch nicht-private Kreditfinan-
zierung (Schulmeister 2011).
Emanzipieren sollten wir uns auch von der Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts
(BIP) als alleinige oder dominante Messgröße für die wirtschaftliche Entwicklung egal, ob als Mess-
latte für Konjunktur oder Expansion. BIP-Wachstum stärkt, unabhängig von der Entwicklung des indi-
viduellen Einkommens, zwar die Lebenszufriedenheit Zugehörigkeitsgefühl Selbstwertgefühl
Selbstverwirklichung Transzendenz, ist aber immerhin dem alltäglichen Gefühl des Wohlbefindens
abträglich (Tay et al. 2014). Ein Ansatz dafür wäre die Heranziehung einer neuen Messgröße für die
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hauptsächliche Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung. Das wäre günstigenfalls eine Variable, die
mit der sozialen Wohlfahrt in engerem ursächlichen Zusammenhang steht als das BIP: etwa das eine
oder andere persönliche verdiente oder verfügbare Äquivalenzeinkommen (es macht die Ein-
kommen interpersonell vergleichbarer, indem es für die ebenfalls ausschlaggebende Familienstruktur
bereinigt). Noch aussagefähiger wären Äquivalenzeinkommen, das die regional oft sehr unterschied-
lichen Preisniveaus mitberücksichtigten: ein zusätzlicher Aufwand, der sich letztlich, via Einfluss auf
die wirtschaftspolitische Prioritätensetzung und Zielerreichungsmatrix lohnen würde (Bartel 2013a).
Ein Hauptargument für eine andere führende Kennzahl für volkswirtschaftliche Leistung oder
Problematik als das BIP ist das Phänomen der Wachstumszyklen, d. h., dass das Wachstum des realen
BIP in den meisten Jahren nach dem Weltkriegswiederaufbau positiv war und die Zyklik v. a. in den
abwechselnd höheren und niedrigeren Zuwachsraten besteht (vgl. Abb. 2.1. im Anhang A.1.). Das
erscheint als eine Erfolgsgeschichte die es nicht ist, weil nicht jedes Wachstum mehr Beschäftigung
bringt und weil mehr Beschäftigung mit einer Verschlechterung der Beschäftigungsqualität für die
Arbeitnehmer_innen sowie für die Einzel- und Kleinunternehmer_innen sowie mit verschlechterter
Ökologie einhergehen kann. Das heißt nicht, dass Wachstum abgelehnt wird, aber es muss in deiner
relativen Wichtigkeit zu anderen sozialökonomischen Phänomenen zweckmäßiger positioniert wer-
den. Dies diesbezügliche Botschaft kann recht einfach und eingänglich sein: Okun’s Law.
Das so genannte Okun’sche „Gesetz“ ist ein empirischer Zusammenhang zwischen Verände-
rungsrate des realen BIP und der Veränderung der Arbeitslosenquote. Erst ab einer bestimmten
Wachstumshöhe (so etwa an oder um die 3 Prozent) nimmt die Arbeitslosenquote ab; unter dieser
Schwelle nimmt sie sogar bei positiven Änderungsraten zu, und bei Nullwachstum oder Schrumpfung
des realen BIP noch umso stärker (Blanchard et al. 2013). Das BIP ist für die soziale Wohlfahrtsent-
wicklung relativ wenig relevant.
4.2. Arbeitsmarkt und Beschäftigung
Gehen wir also einmal von Einkommensgrößen sogar ganz ab. Angesichts der unerwartet ho-
hen Arbeitslosenquote (nach dem im Vergleich zur EU-Methode viel ehrlicheren „Registermethode“
Österreichs und der noch einmal ehrlicheren Arbeitskräfteüberschuss-Methode des WIFO) und der
unerwünscht starken Dynamik der Arbeitslosenquote vgl. Abb. 2.2. im Anhang A.1. sowie in An-
betracht der hohen sozialen (externen wie privaten) Kosten der Arbeitslosigkeit (Bartel 2013) sollte
eine solche Kenngröße eher eine möglichst ehrliche Arbeitslosenquote, etwa nach dem WIFO-
Konzept des Arbeitskräfteüberschusses, oder ein möglichst ausgewogener Index aus sozial problem-
sensitiven Arbeitsmarktvariablen. Insbesondere bei der Messung von Beschäftigung wird Schindluder
getrieben, indem, eher stilschweigend, die Anzahl der Beschäftigungsverhältnisse herangezogen wird
statt des jeweils zeitlichen Ausmaßes, zutreffender gemessen in Vollzeitäquivalenten. Dann käme
man auf stagnierende bis rückläufige Beschäftigung sogar über mittlere bis lange Frist (Bock-
Schappelwein 2005, Huber 2005).
Auf die Bedeutung möglichst problemadäquater und aussagekräftiger Information über die
faktische Lage weist Aaron Beck hin; „selektive Abstraktion“ könne zu Übergeneralisierung und Ext-
remanschauung führen, was eine machtfreien Kommunikation hinderlich wäre. Besonders der radi-
kale Kommunikationspsychologe und Konstruktivist Paul Watzlawick vertrat die Position, dass die
[relevante; Anm. R.B.] Wirklichkeit nicht die wahre, sondern die kommunizierte ist und für Missver-
ständnisse oder Manipulation Tür und Tor offen stünden. So werden „subjektive Wirklichkeiten zwei-
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ter Ordnung“ geschaffen, die aber immerhin durch Fakten, auf die man sich einigen kann – die „Wirk-
lichkeiten erster Ordnung“ , relativiert. Deshalb sei es auch essenziell, als Korrektiv für die soziale
Kommunikation sich auf inhaltliche Konzepte in Form von Normgrößen und auf Verfahren zur Daten-
gewinnung über diese Konzepte zu einigen (Schlüter 2013).
Hier lässt sich mit dem historischen Relativismus eines Wilhelm Dilthey anknüpfen, der das
möglichst zutreffende Erfassen der sozialen Welt von einem Vorverständnis, einem „objektiven
Geist“, abhängig macht. Das ist konkret die Erfassung der geistigen und institutionellen Struktur der
Gegenwartsgesellschaft, die das Verstehen von Texten über die gesellschaftliche Situation erst maß-
geblich ermöglicht (Grabner-Haider 2012). Das holt die Zeitgeschichte, Wirtschaftsgeografie und
Soziologie ins Boot der Analytik. Es geht darum, aus den Beschreibungen die mit der Beobachtung
und Empfindung der Realität gemachten Erfahrungen weitestgehend mitzukriegen sonst wird die
Kommunikation beliebig.
Feministische Ökonomik (Haidinger/Knittler 2013) vertritt die Position, dass sozialwissen-
schaftliche Erkenntnis dann am besten gelingt, wenn die Analyst_inn_en die von ihnen zu untersu-
chende Thematik und Problematik aus eigener Erfahrung kennen. Damit nehmen die feministischen
Ökonom_inn_en geradezu die Gegenposition des Mainstream ein, der danach trachtet, möglichst
objektiv zu sein, also subjektive Momente der Analyse möglichst auszuklammern. Aus alternativer
Sicht wäre daher das Verständnis für das Problem der Arbeitslosigkeit und die Mittragung aktiver,
auch kostenintensiver Beschäftigungspolitik umso größer, je mehr Leute und je länger diese Leute
Arbeitslosigkeit (unfreiwillig) erfahren haben. Kuriert sich Arbeitslosigkeit solcherart tendenziell von
selbst? Oder sollten Arbeitslosigkeitstrainings angeboten werden?
Emanzipieren sollten wir uns demnach vom Bann der nackten Zahlen, die, etwa als irgendei-
ne Arbeitslosenquote gefasst, Arbeitslosigkeit nur als Problem einer kleinen Minderheit, als ein
Randproblem ausweisen und weder die individuelle noch die gesellschaftliche Problematik vermit-
teln können. Zudem beleuchten Arbeitslosenquoten nicht die andere Hemisphäre, nämlich die der
Überarbeitung als Prestige, aber auch Problem sogar einer relativen Mehrheit. Eine umfassendere
und viel mehr teilnehmende Kommunikation und Rezeption, nämlich als Ungerechtigkeit, als Res-
sourcenverschwendung und als vermeidbare Belastung für alle, muss dieser gesamtwirtschaftlichen
Problematik mehr Gewicht auf der politischen Agenda verleihen und wäre ein erster Schritt zur
Emanzipation und zu einer Win-win-Lösung (die Argumente finden sich oben in Abschnitt 2.2.).
Doch nur wieder zu möglichen Strategien aus humanwissenschaftlicher Sicht. Auch hier setzt
man mit der Verbesserung der Lebensbedingungen an, speziell mit Familienpolitik, zumal bessere
(weniger unbelastete) Familienbeziehungen eine prosoziale Einstellung der Kinder fördern, wie
jüngst psychologisch untersucht wurde (Ljunge 2014). Anknüpfend daran sowie an Dilthey und Watz-
lawick könnte gerade die Auffassung der systemischen Psychologen auf die Interaktion sozialer
Gruppen übertragen werden und deren Lernfähigkeit fördern. Etwa besagt die Feldtheorie individu-
ellen Interagierens von Kurt Lewin, dass das Individuum je nach seinem subjektiv empfundenen so-
zialen Umfeldes agiert. Die prototypische Familienpsychologin Virginia Satir legt den Schwerpunkt
der Therapie auf die Familien- bzw. Kollektivmitglieder mit den auffälligsten Problemsymptomen.
Das wären in neoliberalen Zeiten freilich die Arbeitslosen und prekär Beschäftigten (Marchart 2013),
die das soziale, wirtschaftswissenschaftliche und politische Augenmerk am ehesten verdienten. Im-
merhin tragen hauptsächlich sie die Last des nicht abgefederten Strukturwandels und folglich der
Wohlstandsentwicklung der anderen (Vollbeschäftigung ist eben ein öffentliches Gut, wenn es auch
der Neoliberalismus nicht recht so sieht). Nach der Theorie von Alexander und Margarete Mitscher-
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lich erklärt sich das imminent unpolitische und extrem individualverantwortungsorientierte, mani-
sche Streben nach beruflichem und materiellem Erfolg der Deutschen [und wohl auch der Österrei-
cher_innen; Anm. R.B.] mit der Verdrängung der politischen Vergangenheit im Nazismus (bzw. Fa-
schismus) und der Unfähigkeit, diese Vergangenheit und ihre Opfer zu betrauern (Schlüter 2013). Die
z. T. heute noch mangende und mangelhafte Aufarbeitung der Geschichte insbesondere in der gene-
alogischen Methodik etwa eines Michel Foucault (Fisch 2011) mag im Zuge der allmählich anziehen-
den Bewusstseinsbildung auch einen Anstoß dazu bieten, die Opfer des Marktstaates zu ausführli-
cher zu untersuchen, zu betrauern und eine dementsprechende Priorisierung im Zielsystem und in
der Agenda der praktischen Wirtschaftspolitik vorzunehmen. Selbst John Stuart Mill rechtfertigte als
Liberaler bereits die Einschränkung der persönlichen Freiheit des Kollektivmitglieds durch die Schädi-
gung, die ein bestimmtes Individualverhalten Dritten bereitet (Ruckenbauer 2012). Diese Schädigung
Unbeteiligter ist auch durch die externen Kosten der Arbeitslosigkeit (jene, die die Beschäftigten tref-
fen) gegeben und rechtfertigt somit marktinkonforme Eingriffe des Staates in die Arbeitslosigkeit
erzeugenden Märkte (aus keynesianischer Perspektive nicht nur in den Arbeitsmarkt allein). Wieder
ist hierbei die Geschicklichkeit der Kommunikation ausschlaggebend.
Der Effektivität einer stringenten Kommunikation dienlich ist die perspektivische Darstellung
(Bourdieu et al. 1993/1997), die beobachtende Teilnahme oder überhaupt das Führen des Lebens
Arbeitsloser oder prekär Beschäftigter. Entweder ist eine entsprechend eingängige Beschreibung
geeignet, wie sie neben Foucault und Bourdieu auch Walter Benjamin und Theodor Adorno vorschla-
gen. Oder der Diskurs im persönlichen Kontakt ist notwendig, eben nicht (nur) über die Neuen Medi-
en, wie Horst-Eberhard Richter meint. Verständnis könne nur durch persönliche Anteilnahme und
das dadurch erweckte Mitleid und Mitgefühl geweckt werden, wie schon Adam Smith, aber später
auch Fritz Perls und Carl Rogers überzeugt waren.
Das therapeutische Psychodrama eines Jakob Moreno, wo Rollentausch ein wesentliches
Element bildet (Grabner-Haider 2012), legt zudem nahe, wie wichtig ein angedachter oder tatsächli-
cher Rollentausch mit Arbeitslosen oder ein Feldexperiment mit Arbeitslosigkeit in der Art eines Gün-
ter Wallraff wäre. Gerade in Kleingruppen (in-groups) sei die Einstellung der Gruppenmitglieder eher
egalitär als die Einstellung des Individuums gegenüber der Allgemeinheit (out-group). Das zu trans-
portieren sind Literatur darstellende Kunst (wie explizit die „Badener Lehrstücke“ Bertold Brechts
und Dokumentationen vielleicht bis hin zu Doku-Soaps gefragt (etwa in der Art von „Wer holt mich
hier raus? Ich bin ein Star“).
Nach Auffassung Max Horkheimers muss bei einer Vermittlung der Problematik einer Bevöl-
kerungsgruppe an die ebenfalls davon betroffenen anderen jedenfalls die Angst des Bürgertums vor
einer aufbegehrenden Arbeiterklasse abgebaut werden (Grabner-Haider 2012), es damit diese Prob-
lematik auf die politische Agenda schafft, denn nur der Staat habe mit Mittel, eine effektive und
nachhaltige Lösung einzuführen, nicht die davon unmittelbar betroffene Interessengruppe (Laclau/
Mouffe 1985/2002). Auch Carl Rogers hält dafür, dass Begegnungen von authentischem Charakter
Respekt und Akzeptanz erzeugten und dadurch konfliktäre soziale Gruppen einander in puncto Ver-
ständnis und Kooperation näher brächten. Selbstkonzept und Umfeld werden deckungsgleicher. Laut
dem Gestaltpsychologen Fritz Perls werden dabei „offene Figuren“ (Konflikte mit anderen) „geschlos-
sen“ und mithin Angstneurosen beseitigt (Schlüter 2013). Die Lebensbilder der anderen müssen be-
greifbar gemacht werden, um mit einer solchen Konfrontation Neurosen abzubauen.
Gerade die Arbeiter_innen_klasse bzw. der Sozialismus befürchte die Aufspaltung der Inte-
ressen ihrer Mitglieder bzw. seiner Anhänger_innen (Fragmentation) durch die Diversifikation der
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Wirtschaftsstruktur, die zunehmende soziale Schichtdurchlässigkeit und die allgemeinen sozialen
Fortschritte der Lohnabhängigen. Die abnehmende Solidarität und Kampfbereitschaft treffe daher
speziell die Arbeitslosen und prekär Beschäftigten. Unter diesem Blickwinkel ist die Gründung einer
Gewerkschaft der Arbeitslosen und/oder der prekär Beschäftigten, etwa nach dem früheren französi-
schen Vorbild syndicat des chaumeurs eine wirksame institutionelle Fundamentierung der prob-
lembezogenen besonderen Interessen (Mouffe 2013). Bereits John Stuart Mill pochte auf das Recht
der Versammlungsfreiheit der Arbeiter_innen, das wohl in spezieller Hinsicht heute auch noch von
ihm vertreten würde, obwohl es freilich dem liberalen Mainstream, neoklassischen Modell des Ar-
beitsmarktes, völlig widerspricht (Bartel 2014b). Es wäre eine Defensivstrategie gegen eine struktu-
relle Gewaltausübung in der Gesellschaft, was John Kenneth Galbraith (1953) als countervailing
power (Gegenmacht) bezeichnete und für nötig befand, um diese Macht in die Schranken weisen zu
können. Erich Fromm gibt dem eine Chance: Der Mensch könne das Sein über das Haben stellen. Der
Existenzialist Albert Camus schrammte dadurch am Nihilismus eines Herbert Marcuse vorbei, dass er
es als Sinngebung für das Leben ansah, gegen das Unrecht zu kämpfen (Grabner-Haider 2012). Im-
merhin machte bereits Ludwig Feuerbach die Unmoral in der menschlichen Gesellschaft für die Ar-
mut verantwortlich (Weinke 2012).
Emanzipieren sollten wir uns vom Begriff des Arbeitsmarktes als ein Markt wie jeder andere,
etwa der Kartoffelmarkt oder der Fischmarkt (Bartel 2014b). Hierbei ist die Phänomenologie eines
Edmund Husserl oder die Sprachphilosophie eines Jacques Derrida (vielleicht wider Erwarten) rele-
vant (Grabner-Haider 2012). Jacques Lacan sprach der Formulierung eine faktisch prägende Kraft und
gesellschaftlich normierende Funktion zu, da Sprache an sich schon das Unterbewusstsein strukturie-
re (Schlüter 2013). Die Perfektion des Marktes, die durch Reiteration diskursiv in den Köpfen der
Menschen verankert wird, bezieht sich sowohl exemplarisch als auch verallgemeinernd auf das Kon-
zept der Auktion auf einer Börse. Diese Inszenierung von Idealität und zugleich Normalität ist durch
eine sprachliche Intervention unterwanderbar. Semantisch zutreffendere Begriffe wären, je nach-
dem, Jobbörse, Tagelöhnerei oder gar Arbeitsstrich. Auf die tagtägliche, unermüdliche Umformulie-
rung des neoliberalen Diskurses komme es an (Laclau/Mouffe 1985/2002), auch wenn das über Jahr-
zehnte eine Sisyphus-Arbeit sein möge. So spricht Galbraith (2005) nicht von Marktwirtschaft, son-
dern wegen der manipulativen und beherrschenden Position der Unternehmen von einer Manager-
wirtschaft, wie sinngemäß bereits Auguste Comte. Das liegt genau in Linie der Kritischen Theorie, wie
es Max Horkheimer ganz explizit gemacht hat (Grabner-Haider 2012).
Auch real, nicht nur diskursstrategisch soll Beschäftigung nicht dem Markt allein überlassen
werden. Hierin unterscheiden sich das neoklassische Mainstreamkonzept und das alternative keyne-
sianische Konzept von Vollbeschäftigung erheblich, weil ersteres auf dem Wettbewerbs- und Kom-
merzmarktkonzept beruht und letzteres auf dem systemimmanenten Versagen des Mainstreamkon-
zept und folglich einer staatlich geregelten und interventionistisch beeinflussten Verteilung der Er-
werbsarbeit (Bartel 2014b). Die Grundvoraussetzung dafür oder zumindest eine förderliche Bedin-
gung könnte sein, dass sich aus psychologischer Perspektive eines Erich Fromm der Mensch nicht
über den Tauschwert seiner Arbeitsleistung definieren solle. Selbsttranszendenz (wie könnten auch
Selbstemanzipation sagen), laut Fromm die Grenzerweiterung seines Daseins durch Kreativität, geht
für Fromm von der Überwindung des Marktdenkens aus. Der Mensch soll nicht auf nach Bedarf und
auf Befehl funktionieren müssen, statt aus seinem Gefühl heraus emanzipativ eine höchstpersön-
liche Identität zu bilden und mit dieser dann dem System gegenüberzutreten ohne sich im Vorhinein
den Systemzwängen zu unterwerfen noch dazu wenn es dazu argumentative Alternativen gibt. Die
kognitive Wende in der Psychologie, an der Jean Piaget maßgeblich beteiligt war, sieht den Men-
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schen als rational selbstreflektierendes Wesen, und zwar schon im Lauf der kindlichen Entwicklung.
Albert Bandura bestätigt zwar, dass Leitbilder und Verhaltensmodelle via zwischenmenschliche Kon-
takte sozial gelernt und individuell abgespeichert werden, also die Konditionierungen etwa durch das
Marktsystem übertrumpfen. Denn Lebensgefühl und Selbstregulierung würden wirken (Schlüter
2013). Und nicht zuletzt kostet sinnstiftender Konsum auch Zeit, sodass auf höheren Ebenen der
Maslow’schen Bedürfnishierarchie weniger Arbeit den gehobenen Konsum induzieren. Doch trotz all
dieser eingebauten Mechanismen dürfte ohne solidarisch koordiniertes Handeln der gewünschte
Effekt auf die Erwerbsarbeitszeitverteilung nicht erzielt werden, und so landen wir wieder bei der
Bildungspolitik und diesmal auch bei der Gesundheits- und Industriepolitik , die das Fundament
einer solchen Koordination bilden könnten.
Emanzipieren sollten wir uns vom Regelbegriff der Arbeit als einem Leid, das nur auf sich ge-
nommen wird, damit das Leid aus Konsumarmut nicht dominant wird (Bartel 2014b). Arbeit ist viel-
mehr Lebensinhalt, und nur wenn sie nicht sinnstiftend ist, hat der Einkommensaspekt alleinige Be-
deutung. Arbeit und Arbeit sind aber nicht gleich; Arbeit ist nicht homogen; sie kann Leid oder Erfül-
lung sein. Daraus ergibt sich eine erste Implikation: Aus Gleichheitsüberlegungen (Gerechtigkeit?)
könnten gute (i. S. v. interessante, angenehme) Arbeiten schlechter entlohnt werden als gute Arbei-
ten. Es könnte als eine echte freie Wahl gewertet und als anspruchsgerecht beurteilt werden, wenn
jeder und jede sich zwischen einem hohen Nutzen unmittelbar aus der Arbeit oder aber mittelbar aus
dem Konsum entscheiden könnte. Zumindest würde dadurch die Unzulänglichkeit in puncto Chan-
cengerechtigkeit gemildert. Denn bei mangelnden Voraussetzungen für anspruchsvolle Jobs würde
diese Benachteiligung durch hohes Konsumpotenzial (oder große Spendenmöglichkeit) in etwa kom-
pensiert werden. Eine solche Entlohnung nach dem Arbeitsleid könnte immerhin die materielle Hie-
rarchie umkrempeln: der Großverdiener mit anspruchsvoller, aber befriedigender Arbeit wechselt im
Extremfall ins Prekariat und der geplagte Kleinverdiener wird durch sein Arbeitsleid zum Großkon-
sumenten. Wollen wir die materielle Hierarchie allerdings nicht auf den Kopf stellen, wäre eine Ent-
lohnung mit zumindest einigermaßen gleichen Reallohnsätzen der naheliegende Schluss eine Alter-
native zum Marktmechanismus, wie funktionieren sollte und in praxi auch aussieht. Das entspricht
dem Spielen des „Freigeistes“ als der Fiktion Friedrich Nietzsches vom überlegenen Bringer kreativer
Ideen und sozialen Fortschritts (Ruckenbauer 2012).
Arbeit hat zudem Bedeutung, weil sie ein materiell befriedigendes Leben im Sinn eines auch
kulturellen Auskommens gewährleisten soll, das soziale Integration erleichtert (z.B. das Wachstum
der Mittelschicht durch Aufstiege) und wirtschaftliche Krisen infolge kreditfinanzierter Aufholjagden
im Lebensstandard mit den Reicheren (Belabed/van Treeck 2014).
4.3. Wirtschaftspolitik, -wissenschaft und Finanzmärkte
Emanzipieren sollten wir uns von dem Begriff der Wirtschaftspolitik, der hauptsächlich die
ökonomische Effizienz in den Blick nimmt und daher auf einem einzelwirtschaftlichen Verständnis
von gesamtwirtschaftlicher Politik beruht. Ein guter Wirtschaftspolitiker hat nicht viel mit einem gu-
ten Unternehmer gemeinsam, denn ein Staat hat sein Wesentliches nicht mit einem privaten kon-
sumhaushalt gemein, eine Volkswirtschaft ihr Wesentliches nicht mit einem Profit-Unternehmen zu
tun (Bartel 2000).
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Emanzipieren sollten wir uns von dem Begriff der Wirtschaftspolitik, der die Wähler_innen
als Lai_inn_en ansieht und ihnen daher die Informationsarbeit und Entscheidung abnimmt, indem er
die Märkte zu allwissenden und objektiven Schiedsrichtern über die Qualität der Wirtschaftspolitik
macht und daher der Demokratie einen Scheincharakter verleiht, funktioniert die politische Willens-
bildung dann doch top-down statt bottom-up und nimmt so die Züge einer Oligarchie oder Monokra-
tie an.
Emanzipieren sollten wir uns von dem Begriff der Finanzmärkte als einer Institution mit rati-
onalen Akteur_inn_en, die auf Grundlage sorgfältig aus der Gesamtheit ausgewählter Daten, kühl
verwerteter Erfahrung und solide objektivierter Prognosen die wahren Knappheitsverhältnisse an
Finanzkapital angesichts der letztlich realwirtschaftlichen Finanzierungserfordernisse ausloten n-
nen und die Finanzaktiva demgemäß richtig verpreisen. Dabei wagen die Marktteilnehmer_innen nie
den Totalverlust einer Finanzfirma, die ihnen gehört oder in sie beschäftigt sind. Die Finanzmärkte,
die am ehesten von allen Märkten als effiziente Märkte (und Vorbild für alle anderen Märkte) ange-
sehen wurden und es großteils, im Mainstream, noch werden, stellen sich seit langem und immer
wieder völlig anders dar (vgl. z. B. Keynes 1936/1973, Minsky 1977, Shiller 1995). Die Negierung die-
ser alternativen Erklärungsansätze deutet darauf hin dass, der Zweck des Mainstream-Wissens gera-
de auf Arbeits- und Finanzmärkten die Beherrschung der Gesellschaft durch einzelne Gruppen ist
(Ruckenbauer 2012). Der Markt herrscht, doch eigentlich herrschen die durch das Marktprinzip Er-
mächtigten, laut Auguste Comte sind das Firmen, Banken und Kapitalist_inn_en (Grabner-Haider
2012).
Es gibt, so die Gegenthese zum Mainstream, keinen Informations- und Allokationsmechanis-
mus, der, abgehoben von den Menschen, eine höhere Leistungsfähigkeit entwickelt als jene, die
durch die institutionalisierte Zusammenarbeit menschlicher Individuen überhaupt erzielbar ist. Die-
sem Grundeinwand gegen inhärent oder tendenziell perfekte Märkte wird immer wieder mit Model-
lerweiterungen innerhalb des Mainstream begegnet, die stets weitere, komplizierende Aspekte ins
jeweilige Modell integrieren, aber an den wesentlichen Grundannahmen nichts Wesentliches ändern.
Solcherart gleichsam halbe Sachen in einem bestimmten, arteigenen Modell zu machen, ist eine Ver-
teidigungsstrategie eines oft zu wenig hinterfragten Paradigmas (Rothschild 1999).
Das Dogma vom effizienten Markt, der zwar nicht immer, aber im Allgemeinen effizient ar-
beitet (wohlgemerkt, der Markt arbeitet, nicht die Menschen), wird sowohl als grundsätzliches Fi-
nanzmarktmodell (Dittli 2013) als auch als vorbildliches Allgemeinmodell für die Märkte schlechthin
verwendet. Deshalb kommt es eben auch bei fundamentaler Kritik und schwerwiegenden Anwen-
dungsproblemen in der Realität dennoch zu keinem Paradigmenwechsel (vgl. dazu auch Grimm et al.
2014). Es gelingt kein grundsätzlicher Abschied von der Ergodizität (hierfür sei ein Thermostat mit
seinem rückkoppelnd stabilisierenden Selbststeuerungsmechanismus als Verbildlichung für dieses
Konzept gewählt) trotz zumindest zweier Jahrzehnte der Behavioural Finance (Sewell 2007/2008),
der Wissenschaft vom (allzu) menschlichen Verhalten der Finanzmarktteilnehmer_innen, die mit dem
Homo oeconomicus nicht viel gemein haben.
Durch Anerkennung systematischen Entscheidungsversagens in Bezug auf Risiken und Information
darüber erhält unabhängige, effektive Kontrolle abseits von Marktanreizen einen entscheidenden Stellen-
wert“ (Bartel 2009: 163).
Die Finanzmärkte eignen sich insofern als Paradebeispiel und Angelpunkt neoliberaler Wis-
senschaft und Politik, als sie zum einen als börsennah, rational und effizient präsentiert werden n-
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nen (Propaganda- satt Implementierungsfunktion) und zum anderen der dominante Einfluss vom
monetären auf den realen Sektor der Wirtschaft ausgeht. Letzteres liegt heutzutage speziell daran,
dass in einer liberalisierten und globalisierten Wirtschaft die relative Macht beim Finanzkapital liegt,
gefolgt vom Sachkapital und, weit abgeschlagen, das Humankapital am stärksten die Anpassungslast
trägt, die ihm die anderen beiden Kapitalien, aber ursprünglich und ursächlich das Finanzkapital, auf-
bürden (Bartel et al. 2006). Daher gibt Nobelpreisträger für Ökonomik von 2008, Paul Krugman, die
Stoßrichtung vor:
„Amerika braucht einen Sozialstaat nach dem Vorbild Europas und ein stark reguliertes Finanzsystem.
(...) Bankgeschäfte müssen dringend wieder langweilig werden“ (Krugman 17. 5. 2009, 21:22 Uhr MESZ,
www.sueddeutsche.de/finanzen/350/464944/text/ [8.9.2014]).
Die Alternativen in der Wirtschaftswissenschaft brauchen auch Galionsfiguren wie John K.
Galbraith, Paul Krugman, Joseph Stiglitz oder Thomas Piketty nicht weil sie die Wahrheit kennten,
sondern weil sie es verstehen (und wohl auch genießen), die Aufmerksamkeit vom dominanten Mei-
nungskartell abziehen und schlicht auf anderes konzentrierten. Überdies mögen sie einen gedankli-
chen Sog auslösen, in dem sich nur auch internationale Organisationen plötzlich für neue Positionen
öffnen. Das legt ein Lobbying nahe, das freilich einer wissenschaftlich orientierten Persönlichkeit
nicht unbedingt liegen muss und daher eine bestimmte Spezialisierung erfordert. Immerhin gilt die
Gefahr des Elefenbeinturmdenkens auch für alternative Ökonom_inn_en, da es doch viel einfachen
und angenehmer ist, einander zu bestätigen und anzuregen, als sich v. a. auf Mainstream-
Veranstaltungen der Mehrheit argumentativ entgegenzustellen und in diesem Umfeld das dort Un-
sagbare zu sagen. Der Ansatzpunkt sollte daher primär ein anderer sein: weniger die Peers als viel-
mehr die interessierte Öffentlichkeit (grassroots and followers) und dabei kann man die Medien am
besten mitnehmen (Schachinger 2012).
Die jüngste Weltfinanz- und -wirtschaftskrise hat eine historische Chance auf einen Um-
schwung in der ökonomischen Wissenschaft ausgemacht, die wider Erwarten nicht dazu genützt
werden konnte. Die Gründe liegen in einer Art von Einigelung im Elfenbeinturm der methodisch an-
spruchsvollsten und extrem deduktiven Analytik, in der relativen Seltenheit großer und breitenwirk-
samer Persönlichkeiten im alternativen Lager der Ökonomik, in der Hinneigung der Politik zu bis zur
Abhängigkeit der Politik von den bestens organisierten Gruppeninteressen der Wirtschaft sowie in
der mangelhaften Organisation der Demokratie als Prozess hoch qualitativer politischer Willensbil-
dung und Kontrolle der Umsetzung dieses Willens.
Die Demokratiekrise entstand doch infolge der Enttäuschung, Frustration und Resignation
der Wähler_innen in Anbetracht der Auswirkungen der eben genannten Faktoren auf das soziale
Leben. Dazu führt Barbara Prammer (2013) aus, dass „(…) die Politik die Bevölkerung dazu [brauche],
gute Demokratie zu betreiben und daher die Befindlichkeiten der Menschen einzubeziehen und ei-
nen Interessenausgleich anzustreben; eine geordnete Auseinandersetzung sei das Privileg der Demo-
kratie, zumal geregelte Konfliktaustragung die Chance auf gute Kompromisse maximiere und Fairness
im Ergebnis begünstige“ (Bartel 2013a: 19). Diese von Prammer verfolgt Vorgangsweise besitzt inso-
fern Überlegenheit und Chance, als sie eben nicht quasi machiavellistisch auf die reine Mehrheitsbe-
schaffung in einer bestimmten Abstimmung setzt und daher nicht riskiert, dass der Zwang, den die
Abstimmungsmehrheit ausübt, inhaltlich einmal in diese und einmal in jene Richtung ausschlägt.
Vielmehr gelange die Debatte zu einem (wenn auch freilich nicht endgültigen) Ergebnis, das inhaltlich
möglichst gut fundiert und daher stark legitimiert und eher anhaltend ist, ganz im Sinn der Vorteile
eines Gradualismus wie bei Karl Popper, Horst-Eberhard Richter oder Richard Rorty (Grabner-Haider
45
2012). Das sollte durch eine breit gestreute Freude an inhaltlicher Auseinandersetzung vorange-
bracht werden und zunehmend in politische Emanzipation Selbstständigkeit des demokratischen
Souveräns münden.
Die Chance auf Emanzipation von der Politik existiert, attestiert doch die Persönlichkeitsfor-
schung z. B. nach Gordon Willard Allport dem Menschen eine funktionelle Autonomiezu (Schlüter
2013: 222), die es ihm erlaubt, sich teilweise vom Mechanismus „Stimulus – Reaktion“ zu emanzipie-
ren und den Idealen seines reflektierten Selbstbildes Raum zu verschaffen, den er Organismus nennt
(Stimulus Organismus Reaktion). Gerade in dieser Hinsicht sind die Finanzmärkte, ihre Krisen und
die Wirtschaftspolitik ihnen gegenüber ein sehr günstiger i. S. v. augenscheinlicher Ansatzpunkt.
4.4. Supranationale Wirtschaftspolitik
Emanzipieren (nicht verabschieden) sollten wir uns von einer Institution wie einer EU, die ih-
re supranationalen Kompetenzen dazu einsetzt, Dogmen situationsunabhängig zu verankern und zu
bewahren und durch rigorose, schwer reversible Umsetzung in der sozialen Praxis abzusichern. Was
den EU-Bürger_inne_n für ihre politische Dispositionsfreiheit abgeht, ist ein generöser primärrechtli-
cher, grundrechtlich abgesicherter Katalog der politischen Freiheiten und Möglichkeiten, der, Volta-
ire folgend, ein Gesellschaftsvertrag zum Schutz vor dem Staat und der Religion ist. Die wirtschafts-
politische Konzeption dort eben nicht zu konkretisieren und vorzuschreiben, denn sie muss offen sein
für die situative Entwicklung und die daraus abgeleiteten Konzepte der Wirtschaftspolitik (Dahren-
dorf 2004). Jede Art von Verfassungstext muss frei sein von religiösen oder quasi-religiösen (naturge-
setzlichen) Normen. Wechsel muss möglich sein und leichter einführbar gemacht werden. Auch das
ist Emanzipation.
Konkretisiert werden soll in einem Grundrechtstext vielmehr eine die demokratische Praxis
und Qualität hochhaltende Organisationsstruktur der Gemeinschaft. In dieser Hinsicht sollte die
Grundvorstellung von Charles Louis de Montesquieus Gewaltenteilung stärker beachtet und besser
umgesetzt werden. Das Europäische Parlament (EP) muss als Ort der Debatte und Lösungssuche, als
der es sich erwiesen hat, das höchste politische Gewicht erhalten. Somit muss ihm erstens die Legis-
lativkompetenz generell zukommen. Zweitens hat das EP eine EU-Regierung zu wählen. Der Europäi-
sche Rat hätte dabei ein allerdings nicht bindendes Vorschlagsrecht. Die Europäische Kommission
(EUKOM) wäre zuteilen in eine Assistenzorganisation des EP bei der Legislativarbeit und in eine Voll-
zugsorganisation, die der Europäischen Regierung untersteht. Der Europäische Rat und der Rat der
EU wären als eine Art Länderkammer als politische Kontrollinstitution vorgesehen und würden sich
dabei, in leitender politischer Funktion, des Europäischen Rechnungshofs und der Korruptionsbe-
kämpfungsbehörde bedienen können.
Auguste Comte ordnet der Technokratie einen hohen ethischen Stellenwert zu. Im Sinn von
Wilhelm Dilthey soll dort ein objektiver Geist walten, der die gewachsenen strukturellen Verhältnisse
in die Überlegungen einbezieht und dadurch auch kein Konzept verfolgt, das der sozialen Realität
nicht gut gerecht werden kann (Grabner-Haider 2012). Immerhin veröffentlichte eine Gruppe sozial-
und wirtschaftswissenschaftlicher Expert_innen in der EUKOM eine Bestandsaufnahme zur sozialen
Lage in der EU, die nicht mit der offiziellen Meinung der EUKOM übereinstimmen musste und ein
differenzierteres Bild zeichnete als gewöhnlich; man sah die Problematik schon vor der großen Krise
stärker (Liddle/Lerais 2007).
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Weiter soll es deutlichere Grenzen der Kompetenz geben, die besser verhindern, dass die
supranationale Institution in unzweckmäßiger Weise auf nachgeordneten Ebenen übergreift und sich
dort angesiedelte Agenden arrogiert und, umgekehrt, sinnvollerweise auf der obersten Ebene ange-
siedelte Kompetenzen jene mit paneuropäischer Koordinationsfunktion dort vernachlässigt wer-
den. Bei demnach unzweckmäßigen Regelungen sollen nicht nur Regulierungen angedacht werden,
sondern soll auch die Debatte über Deregulierungen möglich und willkommen sein (Weizsäcker
1982).
Der ökonomische Theorieansatz der optimalen Kollektivgröße (Nowotny 1996) kann hier bei
der Emanzipation argumentativ nützlich sein. Wesentlich ist das Gesamtdenken in jenen Größenord-
nungen, in denen sich die hauptsächlichen Interdependenzen in Wirtschaft und Gesellschaft abspie-
len, die über wirtschaftliche Transaktionen hinausgehen. Bereits Ludwig Feuerbach unterstrich, dass
auf gesellschaftlicher Ebene strenge staatliche Regulierung vonnöten wäre, da sich das individuelle
Glücksstreben auf das jeweilige Individuum selbst beziehe. Immerhin sagen uns Wilhelm Wundt,
Edward Thorndike und Burrhus Skinner durch ihre Arbeiten, dass der Mensch kein Homo oeconomi-
cus und daher nicht ausschließlich für Egoismus Wettbewerb als Organisationsprinzip in der Gesell-
schaft empfänglich sei (Schlüter 2013). D. h., dass individueller Egoismus die Wahl einer im Sinn der
sozialen Wohlfahrtstheorie gemeinwohlorientierten Partei nicht ausschließt. Dies schafft die politi-
sche Chance für den Staat, die dieser auch umsichtig nützen sollte. So wäre nicht ausgeschlossen,
dass sich die EU wesentlich stärker zur Transferunion entwickelt, und zwar aus aufgeklärtem Eigenin-
teresse aller. Auch das ist Emanzipation.
Emanzipieren sollten wir uns von der beliebten diskursiven Floskel, dass österreichische EU-
Parlamentsabgeordnete die Interessen Österreichs in der EU bestens vertreten sollen. Dazu brau-
chen wir keine EU; dazu reichen diplomatische Gespräche bi- und multilateraler Art ebenso aus.
Vielmehr sollten wir uns und anderen bewusst machen, dass es primär darum geht, die Gemein-
schaftsinteressen der und in der EU zu vertreten und in Österreich bestens zu kommunizieren, statt
zu verschweigen, zu übertünchen oder lächerlich dastehen zu lassen. Um das Problem einseitig
kommerzieller Medienberichterstattung zu umgehen, müssten von den Abgeordneten der einzelnen
Europaparteien jeweils Medien auf den unterschiedlichen Qualitätsebenen herausgegeben werden,
bis hin zum Infotainment. Etwa nach Virginia Satir müssen die Kommunikationsebenen einander de-
cken.
Übersetzen wir „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in moderne Diktion, so ergeben sich die
Eckpfeiler der europäischen Aufklärung als: Befähigung zur Mündigkeit, sozialer Ausgleich und gesell-
schaftliche Solidarität. Gerade auf der umfassenden Ebene der EU müssen solche Inhalte Zentrum
und Ausgangspunkt der Überlegungen sein. Sie müssten auch derart wiederbelebt werden, dass sie
obendrein als realisierbar empfunden werden können, sonst bleiben sie Floskeln. Immerhin argu-
mentierte schon Johann Gottlieb Fichte, in der Rechtsgüterabwägung hätte die Gerechtigkeit ein
höheres Gewicht als die Freiheit.
Das Miteinander muss in einer Union, die Gemeinschaft statt Joch sein will, entworfen wer-
den. EU-Europa muss insofern neu gedacht und praktisch revidiert werden. Laut Jürgen Habermas
soll die beherrschungsorientierte „instrumentelle Vernunft“ durch die emanzipatorische „praktische
Vernunft“ ersetzt werden (Grabner-Haider 2012: 196). Im Kommunikationsbereich fordert er daher
statt eines repressiv verzerrten einen herrschaftsfrei unverzerrten Dialog, was wiederum Gleichwer-
tigkeit der Gesprächspartner voraussetzt. Paul Watzlawick nennt die konstruktive Kommunikation
symmetrisch und die destruktive Kommunikation komplementär und empfiehlt dazu Schuldfragen
47
ausgeklammert zu lassen und allseits akzeptierte Instanzen als Korrektiv zu nützen (Schlüter 2013),
etwa die Europäische Sozialpartnerschaft. Jedenfalls muss die Kultur des Diskurses eine faktische
sein; eine formelle, wie auf EU-Ebene, ist unzulänglich, um eines jeden Würde sowie Kooperations-
und Kompromissbereitschaft zu wahren. Die geistige Emanzipation schafft emanzipatorische Wirk-
lichkeiten: da und dort, Schritt für Schritt.
48
Um die Wahrheit zu sagen, so bin ich mit mir selbst noch
nicht einig, ob ich die Utopie überhaupt herausgeben soll. Der
Geschmack der Menschen ist so verschieden, die Gemüter
Mancher sind so mürrisch, ihre Sinnesart so unerquicklich, ih-
re Urteile so abgeschmackt, dass diejenigen besser zu fahren
scheinen, die sich dem Genusse und der Fröhlichkeit hinge-
ben, als diejenigen, welche sich mit Sorgen abäschern, etwas
zu veröffentlichen, was andern zum Vergnügen oder zur Be-
lehrung gereichen könne, während es eben diese verschmä-
hen oder unfreundlich aufnehmen“ (Thomas Morus: Utopia.
Roman. 1516, 1.4) .
5. Organisation und Aussichten sozialer Emanzipation
In großen Teilen der Human- und Sozialwissenschaften finden sich Argumente, die eine
Emanzipation von Individuen und Gruppen aus gesellschaftlichen Zwangsnormen nicht als ausge-
schlossen erscheinen lassen und Hoffnung geben oder zumindest die Utopie nicht nehmen. Anderer-
seits zeigen uns Empirie und eigene Beobachtungen, dass Wirtschaft und Gesellschaft nach wie stark
vermachtet sind und dafür Normen verantwortlich sind, die auch und gerade in der neoliberalen Ära
wirken. So können wir uns an dem „pragmatischen Optimismus“ eines Horst-Eberhard Richter (1999:
14) erfreuen, müssen uns aber realistischer Weise auf einen langen Weg der vielen Schritte einstel-
len. Es bedarf immer wieder eines (jeweils zu Anfang eines Wegabschnitts) größeren oder (auf dem
Weg) eines kleineren Impulses. Die Schritte können beschleunigt oder vergrößert werden, wird ein-
mal leider eine kritische Schmerzschwelle überschritten oder wird hoffentlich die Vorteilhaf-
tigkeit der gesetzten Reformschritte erkannt. Die Messlatte hierfür sollte die soziale Wohlfahrt sein,
auch wenn die Markierungen auf ihrer Skala verwaschen und daher stets aufwändig zu lesen sind.
Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es so weiter’ geht, ist
die Katastrophe (Walter Benjamin, zit. n. Brie 2014: 9).
5.1. Wissenschaft
In den mainstream economics, der Neoklassik, dominiert das Modell des sich selbst stabilisie-
renden Marktes (Ergodizität). Vielfalt in Form von Variationen eines Grundthemas ist weniger kreativ
und ungeeignet für einen radikalen, essenziellen Umschwung der Denk- und Modellierungsschemata
(Turnovsky 1991, Rothschild 1999), und zwar entweder in Richtung des Unbekannten und Neuen wie
schon bei Friedrich Nietzsche (Ruckenbauer 2012) oder in Richtung der real beobachteten Phänome-
ne und der daraus abgeleiteten mutmaßlichen Kausalbeziehungen, wie das bereits David Hume an-
gemahnt hat. Fortschreitende Differenzierung und Komplizierung eines im Wesentlichen unveränder-
ten Grundmodells dient eher der marginalen, angeblichen Verbesserung und daher Verteidigung des
Dogmas vom funktionstüchtigen liberalen Markt statt einem wesentlichen Erkenntnisfortschritt
(Grimm et al. 2014).
“The world economy lies in tatters. (…)
There are people who believe the currently dominant free-market system to be fundamentally sound.
They assume that tinkering on the margins will be a sufficient solution to our condition a bit more transparen-
cy here, a tad more regulation there, and a modicum of restraints on executive pay over there. However, as I
have tried to show, the fundamental theoretical and empirical assumptions behind free-market economics are
49
highly questionable. Nothing short of a total re-envisioning of the way we organize our economy and society
will do” (Chang 2010: xiii, 253).
Bei einer alternativen Formulierung der Grundzüge der ökonomischen Theorie sollte man
sich auf der erkenntnistheoretischen Vorstufe dazu von dem Generalansatz des Sozialpositivis-
mus abgrenzen, zumal dieser transzendentale i. S. v. religiösen Zügen trägt. Damit können wir wis-
senschaftliche Irrtümer zu wiederholen vermeiden, die eine Kausalität von Wissen und Moral (z. B.
Spinoza) und von Moral zum Wissen sehen wollen. Verdeutlichte, dass seine Wissenschaft nichts mit
Praxisanwendbarkeit zu tun habe. Ganz wesentlich für die Ökonomik als eine Sozialwissenschaft fin-
de ich das Einführen von Narrativen in die Theorie, und zwar einerseits als Weitervermittlung der
Entscheidungsgründe für eine bestimmte Axiomatik, also für speziell angenommene Grundvoraus-
setzungen für die Theoriebildung; diese Grundidee geht offenbar auf David Hume, Wilhelm Dilthey
und Jean-Francois Lyotard zurück (Grabner-Haider 2012). Andererseits gipfelt das Narrativ als ziem-
lich induktive (stark von der Realität ausgehende) Methode und Ergebnis der Analyse im Perspekti-
vismus eines Friedrich Nietzsche oder Pierre Bourdieu (Lemke 1998).
Die Wirtschaftswissenschaft muss sich neben einer neuen Fragen- und Analyseausrichtung
zuvor ein neues Selbstbild machen (Bartel 2014).
Nach Richard Rorty sind Diskursethik und Multidisziplinarität (Grabner-Haider 2012) eine ge-
wisse Vorkehrung gegen more of the same. Hier soll erneut mit Jürgen Habermas der Hinweis auf die
Kritische Theorie, ihr Selbstverständnis als „unterscheidende Sozialwissenschaft“ und ihre besonders
einschlägige gesellschaftliche Verantwortung genügen (Grabner-Haider 2012: 196). Diesbezüglich
weist sie uns darauf hin, dass Wissenschaftlichkeit in der Erfassung der Alternativen besteht und in
der Begründung der Selektion wissenschaftlicher Ansätze und wirtschaftspolitischer Empfehlungen,
ob diese nun expliziter oder impliziter Natur seien. Dazu braucht es möglichst breit anerkannte Pro-
zedurverschriften und Qualitätsstandards, die eine gemeinsame Auffassung von Professionalität
schaffen sollen, wie dies Paul Watzlawick, der Meister der Erklärung von Missverständnissen, als
nützlich angibt (Schlüter 2013).
Als auslösend dafür den (über-)fälligen Schritt einer zweckmäßigen und vertretbaren Ord-
nung der Sozialwissenschaften (und die Ökonomik ist eine von ihnen oder sollte es sein auch dazu
diene ein einschlägiger Wissenschaftskodex) bietet sich die Motivation an, dass dadurch die Wirt-
schaftswissenschaft sich nicht noch weiter von der Realität entferne und nicht weiterhin der Häme
anheimfalle, die nur mit Klubbildung und Arroganz zu ertragen ist, wie dies eben nicht von der Hand
zu weisen ist.
Doch die Reputation in einer breiten Öffentlichkeit einer Wissenschaft ist ein so genanntes
öffentliches Gut, das aufgrund seiner Wesensart zum „Schwarzfahren“ anreizt, also die einzelne Wis-
senschaftsperson motiviert, den Reputationsaufbau, -umbau oder -erhalt den jeweils anderen zu
überlassen und sich im dann aber schlecht bleibenden Glanz der Profession zu sonnen. Das erhält
freilich den Status quo, ändert aber dennoch nichts am Einfluss der Ökonomik auf die Wirtschaftspo-
litik. Warum?
Politik ist im neoliberalen Zeitalter dankbar für eine wissenschaftliche Fundierung ihrer die
Wirtschaft und Gesellschaft umbauenden Strategien. Erstens kann sich die Politik dadurch als sozial
zeigen, dass sie die Empfehlungen der ökonomischen Profession ohnedies nicht radikal umsetzt, son-
dern eben mit menschlichem Gesicht. Zweitens ist das Bashing der Ökonom_inn_en, wie sich gezeigt
hat, ohnedies nur auf jene relativ kurzen Zeiten beschränkt, in denen Krise ausgerufen ist gemessen
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an der (selten) negativen Veränderungsrate des realen BIP oder in denen es strategisch opportun
erscheint, sich als empathisch, volksnahe und sozial zu geben (wie es eigentlich eine funktionelle,
zweckmäßige Politik sein sollte). Die Ökonom_inn_en halten dies aus, sie halten eben, wie gesagt, die
Schotten dicht und beeindrucken im Übrigen mit formaler Eleganz.
Aus Gründen der Effizienz ist die Bildung von Organisationen auch auf der Seite der kritischen
Ökonomik angezeigt. Im Wesentlichen dienen alternative wissenschaftliche Organisationen als insti-
tutionelle Freiräume für essenzielle Weiterentwicklungen der Ökonomik, der in vielen Universitätsin-
stituten und Forschungsinstituten nicht oder nicht mit kritischer Masse zur Verfügung steht. Solche
Plattformen für alternative Forschung können offene Fachzeitschriften, kritische Gedankenzirkel
(etwa im Sinn des Netzwerkens) oder Forschungs- und Lehreinrichtungen jeglicher Art sein, ebenso
Zitier- und Berufungszirkel sowie Karriereseilschaften.
Eine Reartikulation der Forschung allein wird wenig effektiv sein, was die Entwicklung der
Wissenschaft auf längere Sicht anbelangt. Die über Jahrzehnte währende Weiterentwicklung und
Neubelegung des ökonomischen Liberalismus im 20. Jahrhundert (Nordmann 2005) kann und soll
dafür ein freilich verbesserungsoffenes Vorbild sein und darf auch die Lehrtätigkeit nicht gering
achten. Immerhin forderte John Stuart Mill vom Staat die Verantwortung für ein Bildungssystem ein
(Grabner-Haider 2012). Wissenschaftspolitik muss daher auch eine Minderheitenschutzpolitik sein,
Was die Breitenwirkung, Rezeption und nachhaltige Verankerung der alternativen Botschaf-
ten anbelangt, ist eine Schlüsselposition in der Übersetzungs- und Kommunikationsgeschicklichkeit
zu sehen (Bartel 2014a, b).
5.2. Politik
Als idealistischer Studierender oder engagierter junger Lehrender ist man bemüht, mit den
theoretischen Argumenten der normativen Sozialen Wohlfahrtstheorie doch der positiven Theorie
der Wirtschaftspolitik (Neue Politische Ökonomik, Public Choice) ebenso entgegenzuhalten wie der
verbreiteten Politikfeindlichkeit in der Bevölkerung allgemein. Mit der Zeit und der Betrachtung der
politischen Verhaltensweisen ist man immer mehr geneigt, der vormals konträren Sichtweise zuzu-
neigen. Eine kognitive Divergenz hat sich schließlich aufgetan, und der Blickwinkel ist deutlich relati-
viert.
Auch die Politik braucht ein neues Selbstbild. Ist der demokratische Druck (Wählen populisti-
scher Protestparteien, hohe und zunehmende Wahlenthaltung) nicht hinreichend, kommt es zu einer
politischen Destabilisierung.
Angesichts dessen bin ich sogar veranlasst, eine Schule der Politik vorzuschlagen, damit poli-
tische Mandatar_inn_e_n ihre Funktion strikter getreu den Prinzipien der normativen Theorie der
Wirtschaftspolitik ausrichten und die wirtschaftsliberalen oder konservativen bis revisionistischen
Public Choice Theory praktisch nicht durch Evidenz stützen. Damit sind keine Parteiakademien ge-
meint, die im Sinn unverrückbarer Inhalte ausbilden und jene opportunistischen Parteistrategien in
der Politik fördern, die der Offenheit und Diskursethik widersprechen und die Figuren (nach Fritz
Perls) der politischen Mitbewerber offen und Konstruktives hintan lassen (Schlüter 2013). Die Ver-
nunft bleibt (gemäß Jürgen Habermas) instrumentell machtorientiert , statt praktisch fort-
schrittsorientiert zu werden (Grabner-Haider 2012). Potenzielle Identifikationsfiguren werden von
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spin doctors gemacht, statt Visionen zu denken, zu verfolgen und zu leben und sich Partner_innen für
den sozialen Fortschritt suchen.
Angesichts dessen und der Realisierungsferne einer Schule der Politik ist zuvor der Klubzwang
bei parlamentarischen Abstimmungen zu debattieren mit dem Ziel seiner Abschaffung und damit
einer Belebung des Parlamentarismus und Verbesserung seiner Ergebnisse nach dem Outcome-
Konzept (statt des bloßen Output-Denkens). Zum Zweck einer ausgewogeneren institutionellen Basis
für das Frei- und Querdenken im Sinn einer Gegenmacht, sind hier neue Organisationen innerhalb
der Partei oder gemeinsame Institutionen für Politiker_innen unterschiedlicher Couleurs außerhalb
einer einzelnen Partei zu gründen. Ein Ergebnis dessen kann in der Folge sein, dass in Koalitionsregie-
rungen Lösungen gemeinsam erarbeitet werden, statt diese einzeln zu erstellen und sie dann taktisch
gegenüber dem Partner durchzusetzen. Selbstkonzept und Umfeld bleiben inkongruent; es geht eher
um das deutliche Festmachen von Schuld (beim anderen) und Verdiensten (bei sich selbst).
Oft wird beklagt, dass das Volk den Sinn der politischen Auseinandersetzung nicht verstehe
(Nur nicht streiten! Arbeiten statt Streiten!). Allerdings dürfte das mangelhafte Verständnis politi-
scher Auseinandersetzung auch auf Seiten der Politik gegeben sein, von wo seinerseits das Unver-
ständnis von Seiten des Volks stammen kann.
Gemeinsame Grundsätze sollen etwa folgende sein: Die Politik ist für das Volk da. Das Volk ist
nicht für die Wirtschaft da. Die Wirtschaft ist nicht Selbstzweck, sondern für die Gesellschaft da. Die
Gesellschaft verdient sich eine Politik, die sich nicht prioritär nach den wirtschaftlichen Interessen-
gruppen richtet. Gute Manager_innen müssen keine guten Politiker_innen sein; ihre jeweils arteige-
nen Aufgabenbereiche überschneiden sich lediglich zum (kleineren) Teil. Das äußerste Bemühen der
Politik um Gestaltung für ein gutes Leben für alle Teile und Menschen der Bevölkerung wenn nötig
gegen die kommerzielle Marktlogik ist kein tadelnswerter, unrealistischer Populismus, sondern
Populismus im besten Sinn des Wortes. Marginalisierung von Gruppen bedeutet eine gefährliche
Hinwendung zum Totalitarismus (Richter 1974).
Das können die Vertreter_innen der verschiedenen Parteien (noch) nicht unterschreiben,
vielleicht können dies nicht einmal alle Vertreter_innen jener Partei, der diese Grundsätze am ehes-
ten entsprechen. So kann freilich der Marsch durch die Institutionen zwecks Schaffung einer Haus-
macht für die Frei- und Querdenker_innen ebenfalls effektiv sein allerdings nur, falls das Umfeld
nicht durch Assimilation durch geeignete Anreize speziell auf der jeweiligen Ebene durchsetzt, was
nach Carl Rogers nicht zwangsläufig dominant sein muss und Hoffnung gibt (Schlüter 2013).
5.3. Das Volk als souveräner Souverän
Zur politischen Souveränität des politischen Souveräns gehört, wie zur Wissenschaft, die Voll-
ständigkeit der einschlägigen Alternativen und das Verständnis ihrer jeweiligen Inhalte und Argumen-
tationen. Statt der neoliberalen T.I.N.A. (there is no alternative) soll deshalb die veritabel politische
T.A.M.A.R.A. (there are many realistic alternatives) die Grundauffassung in der Gesellschaft im All-
gemeinen und in Wissenschaft und Politik im Besonderen prägen. Ansonsten handelt es sich bei
T.I.N.A. um eine Black Box, die ihren Inhalt verbirgt, nämlich vorenthält, wie die Wertung der Alterna-
tiven und die Auswahl der angeblich einzigen Alternative erfolgten. Folglich müssen wir von einer
Semi- oder Quasidemokratie sprechen.
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Auf der Suche nach dem Momentum, das den Prozess der gesellschaftlichen Emanzipation in
Gang setzt, stoßen wir auf das in der Ökonomik schwer zu fassende Phänomen des Altruismus (Si-
mon 1993). Altruist_inn_en werden in der politischen Auseinandersetzung zuweilen als Gutman-
schen apostrophiert, um sie zu verunglimpfen und die Debatte dem seriösen Bereich zu entziehen.
Als am weitesten gehendes Modell des Menschen als sozialer Akteur würde ich die Altruist_inn_en
nicht nehmen und doch eher die Egoist_inn_en heranziehen, die vielmehr dem Homo oeconomicus
gleichen. So bin ich vor Überraschungen gefeit, die darin bestünden, dass ein Lösungskonzept nicht
aufgeht, weil dem Menschen zu viel Gemeinschaftssinn, Kooperationsbedürfnis und Uneigennützig-
keit zugeschrieben worden ist. Gerade die liberalen Ökonom_inn_en betonen diese guten sozialen
Eigenschaften des Menschen, um damit auszuführen, dass spontan organisierte Verhandlungen zur
Kooperation zwischen den Individuen es schaffen, öffentliche Güter zu erstellen, die nüchterner
betrachtet vorwiegend durch staatliche Bereitstellung entstehen können (Nowotny 1996). Doch im
Hinblick auf gesellschaftliche Emanzipation, ebenfalls behaftet mit dem problematischen öffentlichen
Gut-Charakter, erfüllen sie eine entscheidende Funktion. Sie schaffen jene oft (zunächst) informellen
originären Institutionen, die das Momentum erzeugen, dass andere die emanzipatorische Entwick-
lung der Gesellschaft, wenn schon nicht miterzeugen, so doch politisch mittragen.
Der Treiber der gesellschaftlichen Emanzipation ist die von Altruist_inn_en getragende Zivil-
gesellschaft. Auf sie spri