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Die Mosaikgläser des Martin von Wagner Museums in Würzburg -archäologische und materialkundliche Untersuchungen

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Abstract

Die Antikenabteilung des Martin von Wagner Museums in Würzburg besitzt etwa 200 Fragmente von Mosaikgläsern, die aus dem Kunsthandel stammen und von denen jetzt 100 archäologisch bearbeitet wurden [1]. Bei diesen Gläsern handelt es sich um Gefäße, Einlagen und Verkleidungs-platten, die aus einzelnen kleinen Scheibchen von vorgefer-tigten Mosaikglasstäben zusammengesetzt sind. Stilistisch kann man die untersuchten Fragmenten in drei Gruppen unterteilen, eine hellenistische, eine ptolemäisch-frühkaiserzeitliche und eine frühkaiserzeitliche. Zwölf reprä-sentative Fragmente wurden mit folgenden Fragestellungen materialkundlich analysiert: -Sind alle Gläser der römischen Glasrezeptur zuzuordnen? -Gibt es Stücke, die nicht antik sind? -Sind die Stilgruppen in der Glasrezeptur unterscheidbar? -Auf welcher Basis beruht die Färbung der Gläser? Untersuchungsmethoden Die Grundzusammensetzung der ein-zelnen Farbgläser wurde mit einer Elektronenstrahl-Mikrosonde analysiert, da die Fragmente klein genug sind und weil jeweils eine Seite der korrodierten Gläser im 19. Jh. durch vorbesitzende Kunsthändler aufpoliert worden war. Pauschalchemische Unterschiede zwi-schen den einzelnen Farbgläsern sowie die zur Färbung und Trübung benutzten Pigmente wurden im Rück-streuelektronenbild sichtbar gemacht. Die verschiedenen Farbpigmente wur-den mit Hilfe der Raman-Mikrospek-troskopie identifiziert [2,3].
Die Mosaikgläser des Martin von Wagner Museums in Würzburg
- archäologische und materialkundliche Untersuchungen -
V. Gedzevičiūtė1, N. Welter2, U. Schüssler3, W. Kiefer2, C. Weiss1
Archäologischer Hintergrund
Die Antikenabteilung des Martin von Wagner Museums in
Würzburg besitzt etwa 200 Fragmente von Mosaikgläsern,
die aus dem Kunsthandel stammen und von denen jetzt 100
archäologisch bearbeitet wurden [1]. Bei diesen Gläsern
handelt es sich um Gefäße, Einlagen und Verkleidungs-
platten, die aus einzelnen kleinen Scheibchen von vorgefer-
tigten Mosaikglasstäben zusammengesetzt sind.
Stilistisch kann man die untersuchten Fragmenten in drei
Gruppen unterteilen, eine hellenistische, eine ptolemäisch-
frühkaiserzeitliche und eine frühkaiserzeitliche. Zwölf reprä-
sentative Fragmente wurden mit folgenden Fragestellungen
materialkundlich analysiert:
- Sind alle Gläser der römischen Glasrezeptur zuzuordnen?
- Gibt es Stücke, die nicht antik sind?
- Sind die Stilgruppen in der Glasrezeptur unterscheidbar?
- Auf welcher Basis beruht die Färbung der Gläser?
Untersuchungsmethoden
Die Grundzusammensetzung der ein-
zelnen Farbgläser wurde mit einer
Elektronenstrahl-Mikrosonde analysiert,
da die Fragmente klein genug sind und
weil jeweils eine Seite der korrodierten
Gläser im 19. Jh. durch vorbesitzende
Kunsthändler aufpoliert worden war.
Pauschalchemische Unterschiede zwi-
schen den einzelnen Farbgläsern
sowie die zur Färbung und Trübung
benutzten Pigmente wurden im Rück-
streuelektronenbild sichtbar gemacht.
Die verschiedenen Farbpigmente wur-
den mit Hilfe der Raman-Mikrospek-
troskopie identifiziert [2,3].
Ergebnisse
Elf der zwölf Stücke zeigen eine typisch römische, Na2O-betonte Glasrezeptur mit
sehr niedrigen K2O-, MgO- und P2O5-Gehalten. Diese Gläser können damit
eindeutig einer antiken Herstellung zugeordnet werden.
Die Farbgebung der elf Fragmente erfolgte in groben Zügen einheitlich, im Detail
jedoch mit einigen Unterschieden. Blaue Gläser wurden mit Cu2+ oder mit Co
gefärbt (CuO 1.4-2.7 %, CoO 0.06-0.11 %). Alle violetten Gläser wurden durch
Mn3+ gefärbt (Mn2O31.6-3.5 %), braune Gläser sicherlich durch Fe3+.
Calcium-Antimonat Ca2Sb2O7ist das farbgebende und trübende Pigment in allen
weißen Glasanteilen. Es wurde auch als Trübungsmittel oder zum Aufhellen der
Farbe in solchen Glasanteilen benutzt, die durch andere Elemente gefärbt sind.
Blei-Antimonat Pb2Sb2O7ist als „Neapelgelb“ in allen opak-gelben Glasanteilen
vorhanden. Das Pigment der roten Gläser ist extrem feinkörniger Cuprit Cu2O.
Blei wurde zur Farbgebung, aber auch zur Schmelzpunkterniedrigung benutzt.
Deshalb taucht es als Neben- oder Hauptelement auch in Glasanteilen auf, die
schon durch andere Elemente oder Pigmente gefärbt sind, beispielsweise in
einigen weißen und in allen roten Gläsern.
Eine Änderung der Glasrezepturen in Abhängigkeit von der Stilgruppe,
hellenistisch, ptolemäisch-frühkaiserzeitlich oder frühkaiserzeitlich, konnte nicht
festgestellt werden. Die Unterschiede bei der Blaufärbung durch Co oder Cu und
beim Bleizusatz in weißen Gläsern sind unsystematisch.
Ein Fragment (103, Abb. rechts unten) unterscheidet sich in seiner Grundrezeptur
mit einem K-betonteren Glas und höheren P2O5-Gehalten ganz deutlich von den
elf anderen. Als Pigment im weißen Glas tritt hier Cassiterit SnO2auf.
Kaliumgläser wurden erst ab dem frühen Mittelalter hergestellt. Dem Fragment
kommt damit eine andere, jüngere Zeitstellung zu.
200 300 400 500 600 700 800 900 1000 1100 1200
374
325
828
788
633
479
Kat. Nr. 7
grün
Calcuimantimonat
(Ca
2
Sb
2
O
7
)
Raman Intensität
Wellenzahl/cm
-1
200 300 400 500 600 700 800 900 1000 1100
511
451
337
146
Kat. Nr. 78
gelb
Naples Yellow
Bleiantimonat (Pb
2
Sb
2
O
7
)
Raman Intensität
Wellenzahl/cm
-1
200 300 400 500 600 700 800 900 1000 1100 1200
216
154
Kat. Nr. 103
rot
Cuprit (Cu
2
O)
Raman Intensität
Wellenzahl/cm
-1
200 300 400 500 600 700 800 900 1000
633
775
474
Kat. Nr. 103
grüngelb
Cassiterit (SnO
2
)
Raman Intensität
Wellenzahl/cm
-1
5
10
15
20
25
Na
2
O
0,0
0,4
0,8
1,2
1,6
02468101214
K
2
O
P
2
O
5
Links: Weiße Spirale aus dem Fragment
oben im Rückstreuelektronenbild. Bei sehr
starker Vergrößerung sind die Pigment-
Kristallite des Calcium-Antimonats gut zu
erkennen (unten)
Links: Typische Raman-
Spektren der Farbpigmente
Calcium-Antimonat, Blei-Anti-
monat (Neapelgelb), Cuprit
und Cassiterit
Rechts: Vergleich der Zusam-
mensetzung der verschiede-
nen Farbgläser untereinander
(rote Quadrate) und mit typi-
schen römischen Gläsern
(blaue Rauten) in den Dia-
grammen Na2O bzw. P2O5ge-
gen K2O
Ausgewählte Mikrosonden-Analysen der Mosaikgläser
Literatur
[1] (2006), Magisterarbeit, Lehrstuhl Klass.
Arch., Univ. Würzburg.
[2] Welter, Schüssler, Kiefer (2007), J.
Raman Spectr., 38: 113-121.
[3] Schüssler, Gedzevičiūtė, Welter (2007),
in Wagner, G.A. (Ed), Einführung in die
Archäometrie, Springer, 189-210, im Druck.
1Institut für Altertumswissenschaften der Universität Würzburg,
Residenzplatz 2, 97070 Würzburg
2Institut für Physikalische Chemie der Universität Würzburg, Am
Hubland, 97074 Würzburg
3Institut für Mineralogie der Universität Würzburg, Am Hubland,
97074 Würzburg
Article
Mikroanalytische Untersuchungen gewinnen in der Archäometrie aus verschiedenen Gründen immer mehr an Bedeutung. Zum einen hat sich die Zahl der unterschiedlichen Methoden in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren deutlich vergrößert. Neben der traditionell weit verbreiteten Elektronenstrahl-Mikrosonde stehen heute unterschiedliche Typen von Lasersonden, Mikro-Röntgenfluoreszenzanlagen, Mikro-Röntgendiffraktometern, Raman-Mikrospektrometern, Ionensonden oder Protonensonden zur Verfügung. Zum anderen können die Messungen an kleineren Objekten in-situ oft zerstörungsfrei oder wenigstens zerstörungsarm durchgeführt werden. Das ermöglicht die Untersuchung auch wertvoller Funde wie z.B. der prunkvollen, großzügig mit geschliffenem Granat verzierten Gold- oder Silberfibeln der Merowinger (Quast und Schüssler 2000). Für die Analyse größerer Objekte, die nicht als Ganzes in die Probenkammern einiger Instrumente passen, genügt meist die Entnahme winziger Proben für die Messung. Ein typisches Beispiel dafür ist die berühmte Portlandvase im Britischen Museum, eine römische Vase aus Kameoglas, bei deren Restaurierung kleinste Glassplitterchen anfielen, die dann eingebettet und mikroanalytisch untersucht wurden, um die Glasrezeptur zu ermitteln (Bimson und Freestone 1983). Einige Methoden sind allerdings auch geeignet, um größere Objekte in-situ zu analysieren, manche Messgeräte sind sogar portabel und erlauben Messungen unmittelbar vor Ort, z.B. in Museen, Gemäldegalerien oder an Baudenkmälern.
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Full-text available
About 100 fragments of Roman mosaic and millefiori glass were stylistically attributed to a Hellenistic type, a Ptolemaic and Romano-Egyptian period type and an early imperial period type. Twelve representative fragments were studied by electron microprobe analysis and Raman microspectroscopy. Eleven of them display a Na-pronounced recipe with low K, Mg and P contents, typical for the Roman period. Minor differences in composition are unsystematic, not reflecting the stylistic classification. Ionic colouring agents are Mn3+ for violet, Cu2+ for light blue, Co2+ for deep blue and Fe3+ for brown translucent colours. Calcium antimonates, lead antimonate and cuprite are the colourants responsible for white, yellow and red colours, respectively, and additionally serve as opacifiers. Mixing of ionic colouring agents and opacifying colourants led to a more differentiated palette of colours. Pb was used as yellow colouring agent, as a flux material and as a stabiliser for the colourant crystals. The remaining fragment consisting of a K-pronounced but still Na-bearing glass matrix was most likely produced during the Middle Ages or later.
  • Welter
  • Schüssler
  • Kiefer
Welter, Schüssler, Kiefer (2007), J. Raman Spectr., 38: 113-121.