ArticlePDF Available

Google Scholar: Kleiner Fisch oder zukünftiger Hecht im medizinischen Literaturteich? / Google Scholar: Minnow or a live wire full of new ideas?

Authors:

Abstract

Google established itself as one of the most popular www-portals. In 2004 Google Scholar was released. The new spin-off should give researchers a better grip on scholary articles on the internet. The history of Google and his most successful page ranking will explain some strengths and weaknesses of the new search engine. The missing possibility to sort hits by date and unsatisfactory coverage of fulltext online resources are the main faults particulary in the field of medical literature research. Here PubMed will make the standard furthermore.However, the new Google kiddy is speedy, free and easy to use. Morover it allready provides some special features as linking to library holdings and implementation of Open-URL.
3434
34
medizin - bibliothek - information
·
Vol 5
·
Nr 3
·
September 2005
Google Scholar
Kleiner Fisch oder zukünftiger Hecht im medizinischen Literaturteich?
Helmut Dollfuß, Wien
Die Internetsuchmaschine Google hat sich als WWW-Portal fest etabliert und 2004 einen neuen Spross namens Google Scholar zur
Suche wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel hervorgebracht. Ein Blick auf die Geschichte von Google und sein höchst erfolgreiches Page-
Ranking erklärt Stärken und Schwächen des neuen „Forschungs-Googles“. Speziell im Bereich der medizinischen Literatursuche muss
die fehlende Sortiermöglichkeit nach dem Datum der Publikationen sowie die mangelhafte Erschließung der Online-Literaturquellen
bemängelt werden. Hier bleibt PubMed weiterhin das Suchinstrument der Wahl.
Die Nachwuchs-Suchmaschine ist jedoch schnell, kostenlos, einfach zu bedienen und wartet bereits jetzt mit sehr erwachsenen Features
wie der Verlinkung zum Bibliotheksbestand und der Implementierung von Open-URL auf.
Google established itself as one of the most popular www-portals. In 2004 Google Scholar was released. The new spin-off
should give researchers a better grip on scholary articles on the internet. The history of Google and his most successful page
ranking will explain some strengths and weaknesses of the new search engine. The missing possibility to sort hits by date and
unsatisfactory coverage of fulltext online resources are the main faults particulary in the field of medical literature research.
Here PubMed will make the standard furthermore. However, the new Google kiddy is speedy, free and easy to use. Morover
it allready provides some special features as linking to library holdings and implementation of Open-URL.
Googles Erfolgsgeschichte
Tixo, Uhu und Maggi haben es ge-
schafft! Als Markenartikel haben sie stell-
vertretend für ähnliche Produkte einen
Platz in unserem Denken besetzt. Goog-
le ist ebenfalls auf dem besten Wege sich
als Ikone des Internets zu etablieren, wie
dessen Wahl zur Marke des Jahres 2002
auch untermauert (Quelle: Online-
Umfrage der Markenagentur Inter-
brand). Wie sehr das WWW mit dieser
Suchmaschine bereits gleichgesetzt wird,
zeigte ein 15-minütiger Ausfall von
Google am 7. Mai 2005. Viele Surfer
riefen verärgert bei ihren Internet-Pro-
vidern an, in der Meinung ihr Zugang
zum Cyberspace sei unterbrochen wor-
den.
Darüber hinaus gelang es Google aber
sogar sich in unser Vokabular einzunis-
ten und bekam 2004 im Duden seinen
Platz auch als Zeitwort. Kein Bibliothe-
kar wird eine lose Seite eintixieren oder
den Buchrücken uhun. Beim Informa-
tionsdienst im Lesesaal könnte aber „da
muss ich erst einmal googeln“ zum Stan-
dardeinstieg für eine WWW-Recherche
werden.
Google Inc. wurde im 1998 von Larry
Page und Sergey Brin gegründet, mit
dem Ziel die Informationen dieser Welt
zu organisieren und allgemein nutzbar
und zugänglich zu machen (Quelle:
Google Unternehmensprofil). Der
Name dieser Suchmaschine stammt aus
der wissenschaftlichen Zahlenwelt, ab-
geleitet vom Begriff „Googol“, den der
amerikanische Mathematiker Edward
Kasner für die Zahl 1x10100 einführte,
entlehnt als Symbol für die gigantische
Datenmenge die diese Internetsuchma-
schine absammeln wird.
GoogleBots, die Informationssuchrobo-
ter von Google schwärmen auch rund
um die Uhr ins Internet aus, wie die
Arbeiterinnen eines Bienenstockes, und
summen über eine Unzahl fremder Ser-
verfestplatten mit abgelegten Webdoku-
menten hinweg. Der Auftrag lautet fest-
gelegte Schlüsselinformationen über In-
ternetseiten heimzubringen und diese
in Googles eigener Datenbank abzule-
gen. Mit der Zeit sollte also eine verein-
fachtes Abbild vom Cyberspace in die-
ser Datenbank entstehen, ähnlich einer
Weltkarte mit Ortspunkten für alle ein-
getragenen Web-Sites. Auf einem Glo-
bus steht die Größe des Symbols stell-
vertretend für die Einwohnerzahl eines
Ortes und damit indirekt auch für des-
sen Wichtigkeit. In dem von Google er-
stellten Abbild des WWW hängt die
Bedeutung einer Internetseite aber
keineswegs von seiner Größe ab. Larry
Page und Sergey Brin ließen sich ein
ausgeklügeltes System zur Bewertung
der Suchergebnisse einfallen, das soge-
nannte PageRank. Vereinfacht gesagt,
steigt die Prominenz einer Webseite auf
dem digitalen WWW-Globus, wenn vie-
le andere Sites auf diese durch Links ver-
weisen. Wie im echten Leben also. Wahr-
lich prominent ist nur der, über den viel
geredet und noch viel mehr geschrie-
ben wird.
Die von PageRank erstellte Gewichtung
der Datensätze bedeutet natürlich
nichts, wenn die Webseite nicht auch
das Suchwort enthält. Darum kombi-
niert Google bei der Abfrage seiner Da-
Edward Kasner (1878-1955)
Amerikanischer Mathematiker an der
Columbia University mit dem For-
schungsgebiet der Differentialgeomet-
rie. Als er 1938 gebeten wurde für die
Zahl 1x10100 einen Namen zu suchen,
wandte er sich an seinen neuen Jahre
alten Neffen Milton der daraufhin
„Googol“ vorschlug. Um der Sache noch
eins draufzusetzen, wurde mit der
daraufhin möglichen Notation
1x10Googol ein wahrhaft ferner Meilen-
stein auf der Zahlengerade ins Unendli-
che geschaffen und als Googolplex
ebenfalls in die Welt der Mathematik
eingeführt. Naturwissenschaftler und
auch Schriftsteller ließen sich von die-
sen Zahlenriesen weit jenseits der
menschlichen Vorstellungskraft immer
wieder inspirieren. Zuletzt die beiden
Informatikstudenten Larry Page und
Sergey Brin, die ihre erfolgreiche Inter-
netsuchmaschine auf den leicht abge-
wandelten Namen Google tauften.
Larry Page & Sergey Brin (beide geb.
1973)
„The perfect search engine would und-
erstand exactly what you mean and give
back exactly what you want.“ Mit die-
sem hohen Ziel ging Larry Page, damals
Doktorand an der Standford Universi-
ty, gemeinsam mit seinem russischen
Kommilitonen Sergey Brin an die Ent-
wicklung einer neuen Internetsuchma-
schine und baute zunächst BackRub,
einen Google-Vorläufer. Am 7. Septem-
ber 1998 gründeten sie die Firma Goog-
le Inc. und brachten noch am gleichen
Tag die Beta-Version von Google auf
den Markt. 1999 ging die Vollversion
ans Netz und nur wenige Jahre später,
Forschung
35
medizin - bibliothek - information
·
Vol 5
·
Nr 3
·
September 2005
tenbank eine komplexe Textsuche mit
dem patentierten Bewertungsverfahren.
Die Ergebnisliste präsentiert dann In-
ternetseiten, die auf die Suchanfrage
zutreffen und hoffentlich auch relevant
sind.
Eine Googlesuche führt Sie also nicht
direkt und unmittelbar in die unendli-
chen Weiten des Cyberspaces. Zuerst
wird die vom Googlebot ständig aktua-
lisierte Datenbank mit seinen als Meta-
daten abgespeicherten Kerninformatio-
nen über viele Millionen Internetseiten
befragt. Erst von der Ergebnisseite weg
tritt man seine zielgerichtete Reise in den
Cyberspace an, gelenkt von der am Ser-
ver hinterlegten URL.
Dieser geniale Suchalgorithmus hat, ge-
meinsam mit dem bewusst sehr einfach
gehaltenen Eingabefeld der Startseite,
den überwältigenden Erfolg von Goog-
le begründet. Längst notiert das Unter-
nehmen im Spitzenfeld der Börse, dicht
gefolgt von Yahoo. Wer kann da noch
bestreiten im Informationszeitalter zu
leben? Nicht nur Zeit, auch Informati-
on hat einen gewaltigen Marktwert, im
Falle von Google Inc. rund $ 55x109
(NASDAQ Stock Market, Juli 2005).
Eine Summe, so unvorstellbar groß, dass
ich sie ohne weiteres neben Googles
Taufpaten Googol, dem vom Mathema-
tiker Kasner gesetzten Meilenstein am
Punkt 10100 auf der Zahlengerade stel-
len möchte. Vielleicht lautet ja eines Ta-
ges die Schlagzeile im Wall Street Jour-
nal „Google beats Googol!“
Die beiden Informatikstudenten Page
und Brin waren bei weitem nicht die
einzigen die sich vom Gigantensymbol
Googol, dieser ansonsten so nüchtern
hingeschriebenen Zahl 1x10100 inspirie-
ren ließen. Googleplex Star Thinker ist
der Name des zweitgrößten Computers
im Universum des Science-Fiction-
Schriftstellers Douglas Adams in seinem
Erfolgsroman „The Hitchhiker’s Guide
to the Galaxy“. Ein Rechner, der die
Bahn jedes einzelnen Staubteilchens
während eines fünfwöchigen Sandstur-
mes auf Dangrabad Beta berechnen
kann. Der größte aller Computer, Deep
Thought, mit den Ausmaßen einer
Kleinstadt und der seltenen Fähigkeit
sogar eine Endlosschleife innerhalb von
einer Millisekunde abzuarbeiten, sollte
übrigens die Frage nach dem Leben,
dem Universum und dem ganzen Rest
beantworten. Seine enttäuschendes Er-
gebnis nach siebeneinhalb Millionen
Jahren Rechenzeit lautete: „42“. Ein ty-
pisches Lehrbuchbeispiel für eine un-
genügend eingeschränkte Suchabfrage!
Wer ungenau fragt, bekommt nur sel-
ten eine brauchbare Antwort. Wir Bi-
bliothekare sind tagtäglich Zeugen die-
ses Grundsatzes, spiegelt sich doch die
„42“ nur allzu oft in der Mimik der ver-
zweifelt in diversen Literaturdatenban-
ken Suchenden. Lange Gesichter für
10.000 Treffer lange Listen und hilflos
ins Leere starrende Augen für „No Re-
cords found“.
Google Scholar
Die Jagd nach medizinischer Fachinfor-
mation zählt dabei für einen beachtli-
chen Teil der Recherchen. Für den Laien
ist hier selbst die umfangreiche Treffer-
liste von Google brauchbar, da die
zuoberst angebotenen Quellen in der
Regel die für viele Menschen beliebtes-
ten Informationsangebote darstellen
und rasch zu relevanten Websites füh-
ren. Das wird in der Regel für einen ers-
ten Einstieg in die betreffende Materie
ausreichen.
Wie steht es aber mit der Suche nach
biomedizinischer Forschungsliteratur
mit Google? Wenn überhaupt tauchen
Hinweise auf Publikationen leider erst
sehr weit hinten in der Ergebnisliste auf
. Selbst wenn ich in das Suchfeld noch
das magische Kürzel „PDF“ einfüge
wird meine Trefferliste keinen Forscher
hinter dem Reagenzglas hervorlocken.
Anurag Acharya, ein in Indien gebore-
ner und ausgebildeter IT-Spezialist
nahm sich dieses Problems an. Für
Google Inc. lehrte der sympathische
Programmierer einem neuen Internet-
suchroboter die spezielle Struktur von
Forschungsartikeln zu erkennen. Viele
große Wissenschaftsverlage öffneten
dem bekannten Informationsriesen
Google bereitwillig ihre ansonsten fest
verschlossenen, digitalen Zeitschriften-
archive und liessen den geschulten Ro-
boter nach Metadaten stöbern, um mit
den abgesammelten Ergebnissen in der
Datenbank der neuen Suchmaschine
prominent vertreten zu sein. Selbst der
Verlag Elsevier, der mit Scirus und Sco-
pus eigene Recherche-Software kom-
merziell vermarktet, entriegelte seinen
Heiligen Gral namens ScienceDirect,
wohl in der Hoffnung einen völlig neu-
en Kreis von Pay-per-View Besuchern
anzulocken.
Am 18. November 2004 erblickte die
Beta-Version des auf „Google Scholar“
getauften Egghead-Zwillings von Goog-
im April 2004 die Firma erfolgreich an
die größte amerikanische Börse NAS-
DAQ.
Ein sehr spartanisch gehaltenes Einga-
befeld auf der Startseite, Standard-PCs,
vernetzt mit OpenAccess-Software statt
teurem Supercomputer, eine komplexe
Textsuche namens Hypertext-Mat-
ching Analysis und vor allem die paten-
tierte Gewichtung der Internetseiten mit
PageRankÔ brachten fantastische Such-
ergebnisse und katapultierten Google
bald auf den Spitzenplatz unter den
WWW-Suchmaschinen.
Seit seinem Börsengang jagt der Markt-
wert von Google seinem Namenspatron
„Googol“ munter nach.
Douglas Noël Adams (1952-2001)
Britischer Schriftsteller der mit dem Sci-
ence-Fiction Roman „The Hitchhiker’s
Guide to the Galaxy“ bekannt wurde.
Die Idee dazu kam ihm, als er auf einer
Europareise in Innsbruck, auf einer Wie-
se liegend, den Reiseführer „
Hitchhiker’s Guide to Europe“ las. Ur-
sprünglich als Hörspielserie für BBC
geschrieben entwickelte Adams daraus
eine fünfteilige Romanreihe dessen ers-
ter Band 2005 verfilmt wurde.
Besonders hervorzuheben ist auch sein
Non-Fiction Buch „Die letzten Ihrer
Art“. Ein Bericht über seine Reise zu
aussterbenden Tierarten, unterstützt von
dem Zoologen, Fotografen und Schrift-
steller Mark Carwardine.
Douglas Adams, der sich selbst als Athe-
ist bezeichnete, starb an einem Herzin-
farkt in einem Fitness-Studio. Ihm zu
Gedenken begehen seine Fans jeden 25.
Mai den sogenannten Towel Day.
Deep Thought
So heißt der leistungsfähigste Compu-
ter im Universum des Hitchhiker’s von
Douglas Adams, der sogar den legendä-
ren Googolplex Star Thinker weit über-
traf indem er Endlosschleifen in Milli-
sekunden abarbeiten konnte. Im Roman
wird er beschrieben als: „Er war so wahn-
sinnig intelligent, dass er, noch ehe seine
Datenspeicher überhaupt miteinander
verbunden waren, mit „Ich denke, also bin
ich“ die ersten Kernsätze von sich gegeben
hatte und schon dabei war, die Existenz
des Schokoladenpuddings und der Einkom-
menssteuer auseinander abzuleiten, bevor
es jemandem gelang, ihn auszuschalten. Er
war so groß wie eine Kleinstadt.“
Leider konnte er auch auf die nur allzu
menschliche Frage nach „dem Leben,
dem Universum und dem ganzen Rest“
nur mit der enttäuschenden Antwort
„42“ aufwarten.
Forschung
3636
36
medizin - bibliothek - information
·
Vol 5
·
Nr 3
·
September 2005
le das Licht des Cyberspaces. Bestaunt
von der Fachwelt und gebettet auf Lor-
beeren verkündete das soeben vom
Baum der Erkenntnis gefallene Frücht-
chen selbstsicher seinen von Isaac New-
ton entlehnten, adeligen Grundsatz:
„Stand on the
shoulders of giants“. Bereits 5 Tage spä-
ter applaudierte die führende Wissen-
schaftszeitschrift Nature: „Science sear-
ches shift up a gear as Google starts Scho-
lar engine“ und erweckte damit die Lust
am eigenen Experimentieren mit der
neuen, kostenlosen Wundermaschine.
Eine Eingabe auf der sofort vertrauten,
zwillingsgleich einfachen Startseite von
Google Scholar liefert Ergebnisse, die auf
den ersten Blick begeistern. Paper an
Paper reiht sich hier vor dem Auge des
Suchenden als hätte man eine der kos-
tenpflichtigen, teuren Literaturdaten-
banken befragt. Im erweiterten Modus
werden sogar mehrere Einschränkungs-
möglichkeiten angeboten. Neben der
Verwendung der Phrasensuche und
Boolscher Operatoren bei der Textsuche
lässt sich sogar gezielt im Titel der Publi-
kation, nach dessen Author und dem
Namen der Zeitschrift recherchieren.
Ein „Von-bis-Datumsfeld“ hilft beim
Herausfiltern bestimmter Jahrgänge.
Wirklich nicht sehr üppig im Vergleich
zu unserer um viel Geld gekauften, pro-
fessionellen Software eines kommerziel-
len Anbieters, aber dieser geschenkte
Gaul zieht seine Last anscheinend auch
so ganz brav ins Trockene.
Die Verwandtschaft der neuen Suchma-
schine mit Google spiegelt sich deutlich
im Ranking der Treffer nach der Me-
thode der Popularität. Durch Zählung
der Links die in der Datenbank von
Google Scholar auf einen Fachartikel
hinweisen wird ein Art Zitierungshäu-
figkeit errechnet, nach der in etwa die
Reihung erfolgt. Keine schlechte Idee!
Über die für ein Fachgebiet maßgebli-
chen Publikationen wird naturgemäß
sehr oft von anderen Autoren geschrie-
ben und so bildet die Trefferliste eine
Hitparade der meistzitierten Arbeiten
zum eingegebenen Suchbegriff.
Wie bewährt sich nun diese Sondie-
rungsmethode beim Schürfen nach Fach-
literatur im Gebiet der biomedizini-
schen Forschung? Auf diesem sehr spe-
ziellen Claim sind die literarischen Ever-
greens leider alles andere als Gold. So
mancher Laie oder Studienanfänger wird
vielleicht zufrieden sein mit einem viel-
zitierten älteren Review-Artikel um ei-
nen ersten Überblick zu einer Thematik
zu bekommen. Die wahren Nuggets
sind hier aber die brandneusten Studi-
energebnisse die von der Forscherge-
meinde erst prüfend ins Sonnenlicht der
Wiederholung gehalten werden, bevor
sie überhaupt einer Zitierung würdig
sind. Zeit, und vor allem Zeitvorsprung
vor anderen Labors entscheidet oftmals
über die Zuteilung von Forschungsgel-
dern die sicherlich nicht mit alten Hü-
ten zu gewinnen sind.
Ein Ranking nach dem Datum ist bei
Google Scholar nicht vorgesehen und
so rutschen die wichtigen, neu veröf-
fentlichten oder sogar nur als „PrePub-
lish“ vorhandenen Artikel aus Mangel
an Zitierungen auf „unter ferner liefen“.
Zumeist tauchen sie aber gleich
überhaupt nicht auf.
Unter den wenigen Möglichkeiten die
Suchabfrage bei Google Scholar zu ver-
feinern, gibt es allerdings das bereits er-
wähnte Feld zur Datumseingabe. Die
Sherlock Holmes der Recherche werden
hier sofort richtig kombinieren und mit
einigen geschickten Angaben im erwei-
terten Modus der Suchmaschine eine
Trefferliste mit äußerst aktuellen und
relevanten Publikationen hervorzaubern.
So liefert die auf das Titelfeld beschränkte
Suche nach „Skin Cancer Prevention“,
kombiniert mit 2005 im Datumsfeld,
ein offensichtlich vorzügliches, ge-
wünschtes Ergebnis. „Die Suche war ein
voller Erfolg. Der Fall ist gelöst“, meint
hier vielleicht ein Dr. Watson. Aber un-
ter der gnadenlosen Spurenlupe des
Meisterdetektiven Holmes taucht sehr
rasch die Schwäche des von Google
Scholar vorgezeigten Alibis auf. Der ers-
te, am höchsten bewertete Hinweis auf
eine Arbeit aus dem Jahre 2005 mit
bereits unglaublichen 131 „Zitierun-
gen“ in der Google Scholar Datenbank
deutet anscheinend auf eine vieldisku-
tierte, bahnbrechende medizinische
Entdeckung hin. Folgt man dem Link,
so stellt sich der Fund allerdings schnell
als alter Weihnachtshut vom Dezember
1996 heraus. Katzengold. Die Such-
maschine hat die auf der Webseite wei-
ter unten für diesen Artikel angegebe-
nen aktuellen Zitierungen mit dessen
Erscheinungsjahr verwechselt! Kein
Einzelfall wie sich bei weiteren Abfra-
gen herausstellte. Diesen Fehler mag
man ja noch der Unerfahrenheit des
jüngsten Google-Sprosses zurechnen
und verzeihen, vor allem in Hinblick auf
die restlichen, sehr guten Treffer der ge-
tätigten Abfrage. Weitere Probeschür-
fungen von kritischen Bibliothekaren
auf einzelnen, bekannten Webservern
von Verlagsarchiven, abgesteckte Gebie-
Die von nun an metapherbeladenen
Zahl 42 wurde von computerbegeister-
ten Lesern des Buches aufgenommen
und taucht immer wieder als sogenann-
te metasyntaktische Variable in der IT-
Branche auf. So wurde zum Beispiel die
erste Version einer Linuxvariante nicht
1.0 sondern Suse Linux 4.2 getauft.
Deep Thought diente auch als Namens-
patron für einige besonders leistungsfä-
hige Schachcomputer wie zum Beispiel
Deep Blue, dem es 1996 als erstem ge-
lang, gegen den amtierenden Weltmeis-
ter Kasparow eine Partie für sich zu ent-
scheiden.
Medline und PubMed
Medline ist die englischsprachige, text-
basierte Datenbank der U.S. National
Library of Medicine (NLM) die zurück-
gehend bis 1966 Artikel aus mehr als
4.800 biomedizinischen Fachzeitschrif-
ten dokumentiert. Am 26. Juni 1997
gab der amerikanische Vizepräsident Al
Gore in einer Pressekonferenz bekannt,
dass Medline im Internet kostenlos zur
Verfügung gestellt werde. „From a com-
puter in the comfort of your own home or
from one in your neighborhood library, you
will be able to access timely and accurate
information,“ sagte Gore bei der Eröff-
nung.
Das Internetportal PubMed (Public
Medline) bietet kostenlosen Zugang zu
Medline und auch zu Old-Medline mit
Literaturzitaten vor 1966. Die ausgetüf-
telte Suchoberfläche und vielfältige Ver-
linkungsmöglichkeiten zu weiteren
hochwertigen biomedizinischen Daten-
banken machten PubMed zu einem sehr
beliebten, täglichen Arbeitswerkzeug der
Forschung.
Anurag Acharya
Der aus Indien stammende Informati-
ker arbeitete zuerst als Post-Doc an der
Universtät von Maryland und anschlies-
send als Assistenzprofessor an der Uni-
versity von Santa Barbara bevor er zu
Google wechselte.
Dort arbeitet er als Chefingenieur und
entwickelte Google Scholar zur Suche
von Forschungsliteratur im Internet.
Nach eigenen Angaben entstand die
Idee zu diesem Projekt während seiner
Studienzeit in Kharagpur (Indian Insti-
tute of Technology) aus Frust über die
veralteten Bibliotheksbestände.
Forschung
37
medizin - bibliothek - information
·
Vol 5
·
Nr 3
·
September 2005
einer älteren Untersuchungen zeigt.
Eine Internet-Publikation von Novem-
ber 2004 (Quelle: Peter’s Digital Refe-
rence Shelf - Archive) gibt für den Ag-
gregator Ingenta eine Ausbeute von
sogar weniger als 1% an.
PubMed und Google Scholar
Muss das von der Zeitschrift Nature
vergebene Ranking „a star was born“
zurückgestuft werden auf „wenn ich
einmal groß bin, dann werde ich auch
eine Suchmaschine“? Steckt hinter dem
Suchroboter von Google Scholar keine
Arbeitsbiene sondern eine Drohne?
Eine Messlatte an der keine Recherche-
software im Bereich der Biomedizin
vorbei kann ist PubMed. Eine weltweit
öffentlich zugängliche Literaturdaten-
bank mit rund 15 Millionen Records,
zurückreichend bis in die 50er Jahre. Die
Betreiber schicken keinen Suchroboter
aus um Dokumente aus dem ganzen
Cyberspace zusammen zu tragen, son-
dern werten, natürlich EDV-unterstützt,
eine selektierte Auswahl medizinisch re-
levanter Zeitschriften aus. Ein giganti-
sches Inhaltsverzeichnis also, reichlichst
garniert mit Metadaten. Die Suchober-
fläche bietet rund 80 Möglichkeiten der
Einschränkung an, von der einfachen
Titelsuche bis zum MeSH-Term für den
Profi. Die erschlossenen Quellen sind gut
dokumentiert (Journals Database) und
die Trefferliste zeigt sofort die aktuelles-
ten Arbeiten. Die Verknüpfungs- und
Verlinkungsmöglichkeiten dieser kosten-
losen Suchoberfläche brauchen den Ver-
gleich mit kommerziellen Produkten
nicht scheuen. Ganz im Gegenteil, ha-
ben sich diese doch nach den populä-
ren Features von PubMed zu richten.
Kein Wunder also, dass dieses Produkt
von vielen Forschern zum Meister der
biomedizinischen Literatursuche ge-
wählt wurde, neben dem Google Scho-
lar zur Zeit wie ein Zauberlehrling an-
mutet.
Ausblick
Zusammengefasst könnte man also
schreiben, dass Google Scholar aufgrund
seines fixen Rankingverfahrens nach
dem Prinzip der Popularität und der
völlig ungenügenden Quellenerschlie-
ßung und -dokumentierung im Bereich
der biomedizinischen Literaturrecher-
che noch völlig zurecht als Beta-Version
auftritt.
Aber! Die Nachwuchs-Suchmaschine
ist bereits jetzt wieselflink, kostenlos und
wie sein ältereres Vorbild Google sehr
einfach zu bedienen. Anurag Acharya,
der diesen neuen Spross in die Schar der
Googles und Froogles setzte wird
sicherlich noch so manche Kinderkrank-
heit wegprogrammieren und wartet
bereits jetzt mit sehr erwachsenen Fea-
tures wie der Verlinkung zum Biblio-
theksbestand und der Implementierung
von Open-URL auf. Eine zukünftige
Vollversion von Google Scholar wird
zeigen, ob der Gigant, auf dessen Schul-
ter man stehen soll, ohne Augenbinde
in das weite Land des wissenschaftlichen
Schrifttums blicken kann, ob er als aus-
gewachsener Hecht im medizinischen
Literaturteich die richtige Beute schlägt.
Sollte die Schlagzeile gar einmal lauten
„Google Scholar beats PubMed“, dann
hoffe ich für Sie, dass in Ihrem Aktien-
portfolio einige Anteile an Google Inc.
aufscheinen.
Ing. Mag. Helmut Dollfuß
Universitätsbibliothek der Medizini-
schen Universität Wien
Währinger Gürtel 18-20
A-1097 Wen
Tel.: +43 (0) 1 40400-1071
Fax: +43 (0) 1 40400-1086
E-Mail:
helmut.dollfuss@meduniwien.ac.at
te also mit einer ungefähr bekannten
Anzahl der zu findenden Publikationen,
brachten aber den wirklich erschrecken-
den Mangel zutage: Unvollständigkeit.
Eine Schwäche, die nicht sofort auffällt,
aber schwer wiegt, da sie den nach Lite-
ratur suchenden Forscher mit ein paar
Treffern einlullt, ihm aber hinterrücks
viele relevante Publikationen vorenthält.
Eine Art von Blindem Fleck ist auch bei
anderen, kommerziellen Literaturdaten-
banken der Biomedizin zu finden.
Zumeist aber in Form von Scheuklap-
pen, da durch Spezialisierung nie alle
Journale in einer einzigen Datenbank
ausgewertet werden. Diese Eigenarten
sind aber vom Hersteller dokumentiert
und dem guten Rechercheur wohl be-
kannt. Der Discus nervi optici von Google
Scholar nimmt allerdings die bedenkli-
chen Ausmaße einer Augenbinde an.
Die Quellen, über die der Suchroboter
Metadaten in die Datenbank von Goog-
le Scholar einträgt, sind weder dokumen-
tiert noch sind diese erschöpfend und
fehlerfrei erschlossen. Gleich einer Bie-
ne die auf einer großen fernen Blüten-
wiese nur drei Blumen besucht und
nach der Rückkehr zum Stock bei der
Informationsweitergabe im Schwänzel-
tanz noch ab und zu seine Sammlerkol-
leginnen durch falsche Richtungsanga-
ben hereinlegt. Eine einfache Abfrage
bringt den schwächlichen Griff von
Google Scholar nach umfassender In-
formation ans Tageslicht. IngentaCon-
nect bietet mit jetzigem Stand rund 18
Millionen Dokumente an, abgespei-
chert auf seinen Webservern. Geben Sie
doch einfach „site:ingentaconnect.com“
in das Textfeld auf der Startseite der
Suchmaschine ein. Sie ziehen damit aus
der Google Scholar Datenbank nur jene
Publikationsnachweise, die der Suchro-
boter von der Internetplattform Ingen-
taConnect zurück gebracht hatte. Das
magere Ergebnis: 243.000 Treffer, kaum
mehr als 1%. Nur sehr langsam wird
der unbefriedigende Grad der Quellen-
erschließung besser, wie ein Vergleich mit
Forschung
... -Vgl. hierzu Dollfuß (2005 teln -nur haben sich die Medien, die von den Bibliotheken erworben und zur Verfügung gestellt und von Bibliotheken und Dokumentationseinrichtungen erschlossen werden, um die mit den neuen Medien verbundenen Aufgaben erweitert. ...
Book
Full-text available
ResearchGate has not been able to resolve any references for this publication.