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Der Wiederholungsgrad von Handlungen und psychische Sättigung: Eine laborexperimentelle Pilotstudie zur Entwicklung psychischer Sättigung bei Fließbandarbeit [The impact of task repetitiveness on mental satiation]

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Jeder kennt das Gefühl etwas so richtig „satt zu haben“. Dieser Zustand, der mit Unlust, Unruhe, Ärger und Widerwillen gegenüber der auszuführenden Handlung einhergeht, wird als psychische Sättigung bezeichnet und in der Arbeitspsychologie als psychische Fehlbeanspruchungsfolge diskutiert (Richter & Hacker, 1998). Obwohl theoretisch angenommen wird, dass die vielfache Wiederholung einer Handlung Voraussetzung zur Sättigungsentstehung ist (Lewin, 1928; Karsten, 1928; Richter & Hacker, 1984, 1998; Schulz-Hardt, Rott, Meinken und Frey, 2001b), fehlen experimentelle Befunde zu dieser Aussage bisher. Ziel der vorliegenden Studie war die Beantwortung der Frage, welchen Einfluss der Wiederholungsgrad einer Handlung auf die Entstehung psychischer Sättigung im Kontext von Fließbandarbeit hat. Dazu wurden 52 Probanden (MW = 22,50 Jahre; SD = 6,60; 41 weiblich) zufällig zwei Gruppen zugeteilt. In der Bedingung „hoher Wiederholungsgrad“ bearbeiteten diese 3 Stunden und 26 Minuten an einem Fließband immer den gleichen Bestückungsauftrag für ein Möbelteil und in der Bedingung „niedriger Wiederholungsgrad“ in permutierter Reihenfolge vier unterschiedliche anforderungsähnliche Aufträge. Im Sinne einer mehrdimensionalen Beanspruchungsmessung (Boucsein, 1991) wurden mehrer subjektive, verhaltensbezogene und physiologische Variablen während des Versuches wiederholt erhoben. Lediglich für die subjektiv eingeschätzte Erregung und die Herzrate ergaben sich signifikante Interaktionseffekte, allerdings in hypothesenkonträrer Richtung mit stärkerer Abnahme bei höherer Handlungswiederholung. Genauere Analysen zeigten, dass in beiden Gruppen gleichartig Sättigung, Ermüdung, Monotonie, die Menge erledigter Aufträge, die Fehler sowie verschiedene zeitbereichsbezogene Parameter der Herzratenvariabilität signifikant über die Zeit zunahmen und Sättigung/Stress, Engagement, die subjektive Erregung, die Stimmungsvalenz und die Herzrate abnahmen. Für den systolischen Blutdruck und die Zeitbereichsparameter der Herzratenvariabilität ergaben sich Hinweise auf hypothesenkonträre Gruppenunterschiede. Sämtliche Hypothesen, die einen stärkeren Anstieg des Sättigungsempfindens unter der Bedingung „hoher Wiederholungsgrad“ erwarteten, mussten abgelehnt werden. Als Ursachen werden der subjektiv wahrgenommene Wiederholungsgrad der Handlung, versteckte Pausen, Geschlechtseffekte und der Einsatz von Strategien zur erleichterten Aufgabenbewältigung diskutiert.
Abbildung 5: Darstellung der Frequenzbänder nach Fast Fourier Transformation mit VLF (0.003-0.07Hz), LF-Band (0.07-0.15Hz) und HF-Band (0.15-0.50Hz) (entnommen aus Niskanen, Tarvainen, Ranta-aho, & Karjalainen, 2004) Das VLF-Band spiegelt vor allem hormonelle und thermoregulatorische Einflüsse wider und wird hauptsächlich sympathisch innerviert (Hottenrott, 2002; Wiethoff, 1997). Als Frequenzbereich gilt in der Sportwissenschaft der Bereich zwischen 0 und 0,04 Hz (Hottenrott, 2002), in der Medizin zwischen 0,003 und 0,04 Hz (Task Force of the European Society of Cardiology and the North American Society of Pacing and Electrophysiology, 1996) und in der Psychophysiologie zwischen 0,02 und 0,06 Hz (Mulder und Mulder, 1981). Das LF-Band bildet die kurzzeitige Blutdruckregulation im Sinne der Aktivität des Baroreflexsystems ab und wird sowohl sympathisch als auch parasympathisch beeinflusst (Wiethoff, 1997; Hottenrott, 2002). Bei Langzeitaufzeichnungen spiegelt es allerdings eher sympathische Einflüsse wider (Hottenrott, 2002). Das Band wird in der Sportwissenschaft und in der Medizin zwischen 0,04 und 0,15 Hz definiert (Hottenrott, 2002; Task Force of the European Society of Cardiology and the North American Society of Pacing and Electrophysiology, 1996) und in der Psychophysiologie zwischen 0,07 und 0,14 Hz (Mulder & Mulder, 1981). In diesem Bereich liegt auch die sogenannte 0,10 Hz-Komponente, die im Rahmen der Psychophysiologie als Indikator für mentale Beanspruchung großes Interesse gefunden hat (im Überblick Jorna, 1992). Auf die kritische Diskussion dieser Annahme soll später eingegangen werden. Den Hauptschwingungsanteil bildet das HF-Band, das in allen drei Forschungsbereichen zwischen 0,15 und 0,4 Hz beschrieben wird (Task Force of the European Society of Cardiology and the North American Society of Pacing and Electrophysiology, 1996;
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... Ebenso zeigten Tomaschek et al. (2008) in einer experimentellen Untersuchung, dass handlungsorientierte Personen im Vergleich zu lageorientierten weniger psychische Sättigung erleben. Auf physiologischer Ebene führen repetitive Tätigkeiten während der Arbeit kurzfristig zu einer Abnahme der physiologischen Aktivierung (Hansen et al. 2003, Wendsche 2011. Infolgedessen kann die Fehlerrate zunehmen (Cox 1980, Thackray 1981. ...
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Der vorliegende Beitrag gibt einen Überblick über Grundlagen und gesicherte Erkenntnisse zur Gestaltung von Fließarbeit und Gruppenarbeit, insbesondere zu Ergebnissen arbeits- und organisationspsychologischer Forschung. Fließarbeit ist dabei die Bezeichnung für Tätigkeiten innerhalb eines nach dem Flussprinzip organisierten Arbeitsablaufs. Sie umfasst mehrere Handlungen, die nacheinander von verschiedenen Personen an einem Arbeitsgegenstand ausgeführt werden. Gruppenarbeit wird verstanden als die Erfüllung der Arbeitsaufgabe eines Arbeitssystems durch mehrere Menschen, wobei Entscheidungen über die Verteilung einzelner Teilaufgaben und die Kontrolle des Arbeitsablaufs von der Gruppe selbst getroffen bzw. vorgenommen werden. Die zentralen Gestaltungs- und Bewertungsdimensionen (z. B. DIN EN ISO 6385 2004), die zur Beurteilung beider Arbeitsformen relevant sind, umfassen die Arbeitsorganisation mit Blick auf das Zusammenwirken von verschiedenen Arbeitssystemen und Arbeitsabläufen, die Gestaltung der Arbeitsaufgaben, der Arbeitsumgebung mit Blick auf physikalische, chemische, biologische und soziale Bedingungen, die Gestaltung der Arbeitsmittel einschließlich Schnittstellen zwischen Mensch und Arbeitsmittel, Hardware und Software, sowie die Gestaltung des Arbeitsraums und des Arbeitsplatzes mit Blick auf Bewegungen, Körpermaße, Körperhaltung, Körperbewegungen und Muskelkraft. Arbeitspausen zum Zwecke der Erholung des Arbeitenden müssen in bestimmter Form organisiert sein, um zentralen Fehlbeanspruchungsfolgen bei Fließarbeit (z. B. Monotonie) und chronisch- degenerativen Erkrankungen erfolgreich entgegenzuwirken. Obwohl die arbeitswissenschaftliche Forschung klare Empfehlungen ausspricht, werden diese in der Praxis oft nur unzureichend umgesetzt. Im Vergleich zur Fließarbeit hat die Arbeit in Gruppen – unter den richtigen Voraussetzungen – erhebliche Vorteile, die zu höherer Arbeitsmotivation, Leistung und Gesundheit führen. Auch bei verschiedenen Formen von Gruppenarbeit sind allerdings bestimmte Fehlbeanspruchungen zu beachten (z. B. emotionale Konflikte im Team aufgrund des „Trittbrettfahrens“), denen man durch eine effiziente Gestaltung und ein kluges Management von Arbeitsgruppen begegnen sollte. Die wichtigsten Ansatzpunkte hierfür sind die Arbeitsteilung (z. B. Vermeidung von Doppeltätigkeiten und Produktionsblockaden), die Informationsverarbeitung (z. B. Förderung von Lernen aus Fehlern) sowie teamspezifische Motivationsverluste (z. B. Verhinderung von sozialem Müßiggang und Soldatentum) und Motivationsgewinne (z. B. Motivationssteigerung durch Wettbewerb). Die arbeitswissenschaftliche Forschung sollte in Zukunft klären, wie Arbeitspausen bei Gruppenarbeit am besten zu gestalten sind. Zudem fehlen Metaanalysen, die helfen könnten, das vorhandene Wissen in der Praxis besser umzusetzen.
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Zusammenfassung Unternehmen sind seit dem in Krafttreten des Arbeitsschutzgesetzes vom 7. August 1996 gesetzlich zu Gefährdungsbeurteilungen inklusive der Beurteilung psychischer Gefährdungen verpflichtet. Dennoch werden bis heute nur sehr wenige Gefährdungsbeurteilungen mit Erhebung der psychischen Belastungen in Betrieben durchgeführt. Vor diesem Hintergrund versucht der Beitrag, eine mögliche Systematisierung und Übersicht von Methoden der (psychischen) Gefährdungsbeurteilung zu liefern und Empfehlungen für die praktische Umsetzung zu geben. Die Auswahl der präsentierten Verfahren ist Ergebnis eines Workshops der Arbeitsgruppe Psychische Gesundheit bei der Arbeit der DGAUM. Sie erhebt weder Anspruch auf Repräsentativität noch auf Vollständigkeit, sondern spiegelt ein pragmatisches Herangehen vor dem Hintergrund der Erfahrungen der Autoren mit verschiedenen Methoden wider. Die Einordnung der Verfahren in eine zwei (subjektiv-objektiv) mal zwei (bedingungsbezogen-personenbezogen) Matrix sowie die tabellarische Darstellung der Verfahren mit zentralen Bewertungskriterien verweisen auf relevante Aspekte zur Auswahl von Methoden in der betrieblichen Praxis. Abschließend werden weitere übergeordnete Fragestellungen der Beurteilung psychischer Belastungen im Betrieb erörtert und zu Praxisempfehlungen zusammengefasst. Abstract Since the German labour protection law came into force in 1996, companies are legally obligated to conduct risk assessments including assessments of psychological work load. Nevertheless, up to now only few companies conduct such psychological risk assessments. Against this background the paper gives a possible systematization and overview of methods for the assessment of psychological work load and recommendations for the practical realization of risk assessments. The presented methods are the result of a meeting of the section Psychological Health at Work within the DGAUM. We claim neither representativeness nor completeness for the presented methods; however, they reflect a pragmatic approach based on our practical experiences with the different methods. The methods are classified into a two (subjective-objective) times two (condition-related – person-related) matrix and described in tables with central evaluation criteria. This should point to relevant aspects for the selection of methods in organizational practice. Finally, superordinate questions regarding the assessment of psychological work load in enterprises are discussed and summarized in practice recommendations.
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Examined the use of psychophysiological ambulatory monitoring to evaluate subtask strain and to test the effects of strain–stress processes at work during the night. Human Ss: 50 male normal German adults (electrical workers) (aged 24–59 yrs) (Exp 1). 160 normal male German adults (electrical workers) (aged 37–61 yrs) (Exp 2). In Exp 1, Ss' heart rate (HR) and BP were tested during work activity, and Ss answered questions regarding subjective strain and perceived pressure by means of a pocket computer. Ss' relative job demand and decision latitude were correlated to BP and HR during work activity. In Exp 2, Ss' HR and BP were tested during a 24-hr period using ambulatory monitoring. Work demand was associated to BP levels during work activity and recovery. The quality of recovery was correlated to the evaluation of work place design and procedures. (English abstract) (PsycINFO Database Record (c) 2012 APA, all rights reserved)
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It has been almost twenty years since the term "burnout" first appeared in the psychological literature. The phenomenon that was portrayed in those early articles had not been entirely unknown, but had been rarely acknowledged or even openly discussed. In some occupations, it was almost a taboo topic, because it was considered tantamount to admitting that at times professionals can (and do) act "unprofessionally." The reaction of many people was to deny that such a phenomenon existed, or, if it did exist, to attribute it to a very small (but clearly mentally disturbed) minority. This response made it difficult, at first, for any work on burnout to be taken seriously. However, after the initial articles were published, there was a major shift in opinion. Professionals in the human services gave substantial support to both the validity of the phenomenon and its significance as an occupational hazard. Once burnout was acknowledged as a legitimate issue, it began to attract the attention of various researchers. Our knowledge and understanding of burnout have grown dramatically since that shaky beginning. Burnout is now recognized as an important social problem. There has been much discussion and debate about the phenomenon, its causes and consequences. As these ideas about burnout have proliferated, so have the number of empirical research studies to test these ideas. We can now begin to speak of a "body of work" about burnout, much of which is reviewed and cited within the current volume. This work is now viewed as a legitimate and worthy enterprise that has the potential to yield both scholarly gains and practical solutions. What I would like to do in this chapter is give a personal perspective on the concept of burnout. Having been one of the early "pioneers" in this field, I have the advantage of a long-term viewpoint that covers the twenty years from the birth of burnout to its present proliferation. Furthermore, because my research was among the earliest, it has had an impact on the development of the field. In particular, my definition of burnout, and my measure to assess it (Maslach Burnout Inventory; MBI) have been adopted by many researchers and have thus influenced subsequent theorizing and research. My work has also been the point of departure for various critiques. Thus, for better or for worse, my perspective on burnout has played a part in framing the field, and so it seemed appropriate to articulate that viewpoint within this volume. In presenting this perspective, however, I do not intend to simply give a summary statement of ideas that I have discussed elsewhere. Rather, I want to provide a retrospective review and analysis of why those ideas developed in the ways that they did. Looking back on my work, with the hindsight of twenty years, I can see more clearly how my research path was shaped by both choice and chance. The shape of that path has had some impact on what questions have been asked about burnout (and what have not), as well as on the manner in which 2 answers have been sought. A better understanding of the characteristics of that path will, I think, provide some insights into our current state of knowledge and debate about burnout. In some sense, this retrospective review marks a return to my research roots. The reexamination of my initial thinking about burnout, and an analysis of how that has developed and changed over the years, has led me to renew my focus on the core concept of social relationships. I find it appropriately symbolic that this return to my research roots occurred within the context of a return to my ancestral roots. The 1990 burnout conference that inspired this rethinking took place in southern Poland, from which each of my paternal grandparents, Michael Maslach and Anna Pszczolkowska, emigrated to the United States in the early 1900s. Thus, my travel to Krakow had great significance for me, at both personal and professional levels.
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Das Lehrbuch "Motivation und Handeln" gilt als Standardwerk der Motivationspsychologie. Die 3. Auflage wurde komplett überarbeitet und um einige Kapitel ergänzt. Dabei wurden die Modelle, Theorien und die Übersicht über empirische Arbeiten aktualisiert; integrative Modelle und viele Querverweise zielen auf die im Fach wichtige Integration von volitionaler und motivationaler Perspektive ab. Auch die neuen evolutions- und biopsychologischen Perspektiven werden ausführlich behandelt. Neu in der 3. Auflage ist auch die lernfreundliche Didaktik: Hervorgehobene Schlüsselbegriffe und Kapitelzusammenfassungen, Anwendungsbeispiele aus Schule, Arbeitsleben, Familie und Freizeit, Boxen mit klassischen oder originellen Studien sowie Fragen und Antworten zur Wissensüberprüfung. "Motivation und Handeln" liefert somit in der Neuauflage einen umfassenden und lebendigen Überblick über den derzeitigen Stand der Motivationsforschung. Für den Psychologie-Studenten im Grundstudium ist dieses Lehrbuch ein Studienbegleiter; für Fortgeschrittene, Lehrende und Forscher hat es sich als Handbuch und Nachschlagewerk bewährt.
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I: Background.- 1. An Introduction.- 2. Conceptualizations of Intrinsic Motivation and Self-Determination.- II: Self-Determination Theory.- 3. Cognitive Evaluation Theory: Perceived Causality and Perceived Competence.- 4. Cognitive Evaluation Theory: Interpersonal Communication and Intrapersonal Regulation.- 5. Toward an Organismic Integration Theory: Motivation and Development.- 6. Causality Orientations Theory: Personality Influences on Motivation.- III: Alternative Approaches.- 7. Operant and Attributional Theories.- 8. Information-Processing Theories.- IV: Applications and Implications.- 9. Education.- 10. Psychotherapy.- 11. Work.- 12. Sports.- References.- Author Index.
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Psychological and physiological stress responses of 36 male and 29 female assembly workers were examined during and after work at a car engine factory. Two different ways of organizing assembly work were compared, (1) a more traditional assembly line with fixed work stations organized as a chain and involving short repetitive work cycles and, (2) a new and more flexible work organization with small autonomous groups having greater opportunities to influence the pace and content of their work. Each worker was examined during and after a normal day at work on 2 consecutive days and, in order to obtain endocrine baseline data, during a corresponding work-free period at home. As expected, both female and male workers in the flexible organization reported significantly more variation, independence and abilities to learn new skills at work. Workers in both forms of work organization showed a significant increase in urinary epinephrine and norepinephrine during work compared to the work-free day at home. Males had significantly higher epinephrine and systolic blood pressure levels than females. Successive self-reports of tiredness increased significantly more at the assembly line compared to the flexible work organization. In keeping with this, systolic blood pressure, heart rate and epinephrine increased significantly during the work shift at the assembly line but not during work in the flexible organization. Catecholamine levels revealed that the subjects were able to unwind more rapidly after work in the flexible organization. This pattern was particularly pronounced for the female workers. In summary, the various stress indicators support the notion that the flexible work organization induces less stress than the assembly line and that the female workers were able to benefit most from this new form of work organization. Copyright (C) 1999 John Wiley & Sons, Ltd.