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Vergleich, Transfer, Verflechtung: Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen.

Authors:
[In: Geschichte und Gesellschaft 28 (2002), pp. 607-636]
Michael Werner, Bénédicte Zimmermann
Vergleich, Transfer, Verflechtung
Der Ansatz der Histoire croisée und die Herausforderung des Transnationalen
Die im letzten Jahrzehnt begonnene Debatte um eine Neuorientierung der Sozialgeschichte
und ihr Verhältnis zu einer „historischen Kulturwissenschaft“ ist in jüngster Zeit um eine neue
Dimension angereichert worden: die Frage nach der möglichen Überwindung
nationalgeschichtlicher Sichtweisen in den historischen Sozialwissenschaften. Einer der
Gründe dafür ist in der Konjunktur der Globalisierung, ein anderer in den strukturellen
Veränderungen der europäischen Einigung zu sehen. Insofern lenkt die im Diskussionsforum
von GG angelaufene Auseinandersetzung über die Bedingungen und Möglichkeiten einer
„transnationalen Erweiterung der Gesellschaftsgeschichte“ die Aufmerksamkeit auf eine
Methodendebatte, in der sich theoretische Probleme der Konstitution soziohistorischer
Erkenntnis mit wissenschaftsgeschichtlichen Fragestellungen und zeitgeschichtlichen
Diagnosen der weltpolitischen Situation bündeln. Unser Beitrag will einige dieser Fragen
aufgreifen und sie in den Zusammenhang von Überlegungen stellen, in deren Mittelpunkt der
Ansatz der Histoire croisée steht. In der Tat bietet die Histoire croisée neue Antworten auf die
Frage, wie wir, obschon primär in nationalzentrierten Sichtweisen, Terminologien und
Kategorien befangen, dennoch sinnvoll Wege beschreiten können, welche die Begrenzungen
und Zirkelschlüsse einer nationallastigen Sozialgeschichte überwinden helfen.
Im Gegensatz zu einer rein forschungspragmatischen Perspektive, welche die Ausweitung auf
das Transnationale als schrittweise Erweiterung des Gegenstandsbereichs begreift, versuchen
wir im folgenden, die Frage von der methodologischen und erkenntnistheoretischen Seite her
anzugehen. Genauer gesagt, wollen wir das methodische Instrumentarium besprechen, mit
dem das Problem des Transnationalen in unseren Fächern gedacht werden kann. Unter
anderem wird im ersten Teil unserer Darlegungen (I) zu zeigen sein, dass zum einen die
Gegenüberstellung von Vergleich und Transfergeschichte, wie sie in den letzten Jahren
mehrfach in polarisierter Form vorgenommen wurde, nur schwer aufrechtzuerhalten ist und
dass zum anderen beide Verfahren, sowohl der Vergleich wie die Transferanalyse, an
bestimmte Grenzen stoßen, wenn man ihnen allein die Aufgabe einer Überwindung des
methodischen Nationalismus zuweist. Im zweiten Abschnitt (II) versuchen wir, den Begriff
der Histoire croisée näher zu fassen und seine theoretischen und methodischen Implikationen
genauer herauszustellen. Connected und shared history sind Ansätze, die in eine ähnliche
Richtung zielen, wenn sie die Aufmerksamkeit auf die Überschneidungen und gemeinsamen
Anteile bislang getrennt untersuchter Geschichten lenken. Sie legen vielfach Vorgänge frei,
die von der nationalen Geschichtsschreibung zugedeckt wurden. Es wird indessen zu zeigen
sein, dass die Histoire croisée noch einen Schritt weiter geht. Während connected und shared
history bei einer Aufwertung der früheren Verflechtungen stehen bleiben und aus deren
Rehabilitierung eine neue wissenschaftliche Dynamik ableiten, versucht die Histoire croisée
darüber hinaus eine spezifische Verbindung von Beobachtungsposten, Blickwinkel und Objekt
zu konstruieren. Es geht nicht mehr um die Verflechtungen als neues Objekt von Forschung,
sondern um die Produktion neuer Erkenntnis aus einer Konstellation heraus, die selbst schon
in sich verflochten ist. Schließlich wollen wir zeigen (III), in welcher Hinsicht die Histoire
croisée einen fruchtbaren Ansatz für die Erfassung transnationaler Phänomene darstellen kann
und neue Möglichkeiten zu deren Bearbeitung eröffnet.
I. Historisieren
Unter den während der letzten Jahrzehnte unternommenen Versuchen, die nationalen
Begrenzungen der Historiographie aufzubrechen, sind vor allem der historische Vergleich und
die Transfer- oder Beziehungsgeschichte anzuführen. Beide grundlegenden
Forschungsrichtungen haben ihre Tradition, und beide sind, wie zu zeigen sein wird,
empirisch nicht vollständig voneinander zu trennen. Wenn wir sie im folgenden zunächst
jeweils für sich besprechen, so geschieht dies nur zum Zweck der Demonstration. Als
Richtlinie dient uns hier das Prinzip, die historiographische Komponente des Problems ernst
zu nehmen. Im Ansatz der Histoire croisée geht es um ein Verfahren, das soziohistorische
Erkenntnis von einer spezifischen Raum-Zeit-Konstellation her zu erzeugen versucht. Die
zeitliche Dimension sowohl der Produktion von Erkenntnis als auch des Gegenstands der
Erkenntnis ist hier in Rechnung zu stellen. Es geht also um eine doppelte Form der
Historisierung, bei der der historischen Dimension des Erkenntnisprozesses, d. h. im
einzelnen dem Standort der Beobachtung, dem Beobachtungsinstrumentarium, der
Perspektive und der Brennweite der gebührende Platz eingeräumt wird. Wir werden zunächst
einige Probleme des historischen Vergleichs und der Transfergeschichte aufwerfen, bevor wir
auf die wesentlichen Merkmale der für unsere Fragestellung angemessenen Art von
Geschichtsschreibung eingehen.
Der internationale Vergleich
Eines der grundlegenden Probleme des historischen Vergleichs ergibt sich aus dem Umstand,
dass der Vergleich als kognitive Operation zunächst einmal Synchronie voraussetzt,
Geschichte aber prinzipiell mit Diachronie zu tun hat. Einerseits werden Gesellschaften
einander gegenübergestellt, andererseits aber auch Entwicklungsprozesse erforscht. Jede
Analyse eines Prozesses erfordert indessen Beschreibungen der Transformationen, die das im
synchronen Vergleich implizierte Verhältnis von strengen formalen Entsprechungen und
Unterschieden stören. Je mehr man auf die Eigenheiten der Entwicklungen eingeht, je genauer
und detaillierter man ihre Singularität betont, desto schwieriger wird es zu rechtfertigen,
weshalb ein Element der Gesellschaft zum Vergleich herangezogen und ein anderes beiseite
gelassen wird.
Abgesehen von dem grundsätzlichen Problem des Verhältnisses von Synchronie und
Diachronie kann man die gegen den historischen Vergleich vorgebrachten Argumente in drei
Klassen einteilen: Beobachtungsposten, Vergleichsebene und Vergleichskategorien. Die erste
Argumentationslinie betrifft die historische Bedingtheit des Beobachtungspostens. Wie schon
Chladenius’ Darstellung aus dem Jahre 1752 zeigte, ist diese historische Bedingtheit ein
grundlegendes Problem jeder geschichtlichen Erkenntnis. Im Falle der in komparativen
Verfahren erzeugten Erkenntnis kommt indessen hinzu, daß das kognitive Substrat jeden
Vergleichs streng genommen einen Beobachtungsposten außerhalb der
Beobachtungsgegenstände voraussetzt, einen Mindestabstand, der eine vergleichende
Betrachtung erst ermöglicht. Nun wissen wir jedoch, daß eine Beobachtung komplexer sozio-
kultureller Vorgänge von außen zwar theoretisch konstruierbar, aber konkret-empirisch nicht
realisierbar ist. Immer blenden sich Sprache, Begrifflichkeit, kulturelles Referenzsystem
sowie persönliche Erfahrung des Beobachters in die Beobachtung selbst ein. Darum hinkt der
historische Vergleich grundsätzlich. Und so hat man polemisch überspitzt behaupten können,
der historische Vergleich sei im Grunde tautologisch: er könne nur beweisen, was in seiner
Konstruktion bereits implizit angelegt sei.
Ähnliche grundsätzliche Einwände werden gegen die Vergleichsebenen erhoben: Die
Bestimmung der Rahmenbedingungen, innerhalb deren verglichen wird, ist nie neutral, die
Einteilungen, aufgrund deren sie vorgenommen werden, folgen immer bestimmten Vorgaben.
Internationale Vergleiche gehen vom Begriff der Nation aus, der wiederum historisch in der
europäischen Geschichte verankert ist. Selbst vermeintlich so allgemeine Großeinheiten wie
die der Zivilisation sind keineswegs selbstverständlich, haben vielmehr ihre geschichtlichen
Wurzeln und Prägungen, die – je nach Zeit und Ort – bestimmte Formationen ein- oder
ausschließen, Grenzziehungen implizieren, verschiedene Gewichtungen von Religion, Politik,
materieller und geistig-künstlerischer Kultur vornehmen. Zwar sind auch kleinere Einheiten
wie Städte und Dörfer oder subnationale Regionen zwar überall denkbar, aber doch in ihren
Abgrenzungen und Strukturen vielfach verschieden definiert. Wer einen Vergleich zwischen
zwei Städten zu einem bestimmten Zeitpunkt vorgenommen hat, weiß, wie oft man sich dabei
die Frage der Vergleichbarkeit stellt und auch stellen muss. Dies ist nicht nur ein Problem der
Genauigkeit des Blicks oder auch des Maßstabs. In die räumlichen und territorialen
Abgrenzungen spielen immer auch Organisations- und Strukturmerkmale hinein.
Das leitet über zur Frage der Vergleichskategorien bzw. –objekte. Ein kurzes Beispiel mag
verdeutlichen, wie die historische Konstitution der Objekte die strenge Gegenüberstellung
erschwert: Der Vergleich zwischen deutschem und französischem Hochschulsystem
kombiniert die nationale Untersuchungsebene mit dem Segment von Hochschule bzw.
Enseignement supérieur. Dies setzt voraus, dass es in beiden Gesellschaften ein
Hochschulsystem gibt, das einen bestimmten Platz im nationalen Bildungswesen hat. Doch
die Einteilung des Bildungswesens in Grund-, Sekundar- und Hochschule unterscheidet sich
in wesentlichen Punkten. In Frankreich wurde nie eine exakte Trennung zwischen
Sekundarstufe und Hochschule vollzogen, wie etwa die Existenz der classes préparatoires
aux grandes écoles zeigt, die von der Verwaltung her zum Sekundarunterricht, von den
Inhalten und von der Altersklasse der Studierenden her aber zur Hochschule gehören. In
Deutschland hat man sich dagegen schon zu Humboldts und Schleiermachers Zeit für eine
prinzipielle Trennung von Gymnasium und Universität entschieden. Schon aus diesem Grund
ist ein Vergleich der deutschen und der französischen Hochschule für sich genommen
problematisch. Dafür lassen sich nun historische Gründe festmachen, welche die
verschiedenen Entwicklungen zu erklären vermögen. Und diese Entwicklungen können in der
Tat verglichen werden. Doch haben sie zur Folge, dass der Gegenstand des Vergleichs, in
diesem Fall die Hochschule, an Konturenschärfe verliert. Das Beispiel macht deutlich, dass
zum einen die Abgrenzungen zwischen Räumen und abstrakteren Bereichen und damit – zum
anderen – die in die Einteilung der Vergleichseinheiten eingehenden Vorüberlegungen nicht
völlig widerspruchsfrei angestellt werden können.
Allgemein gesprochen: Welche Vergleichsobjekte man auch wählt, von Produktionsanlagen
zu sozialen Kategorisierungen, von Institutionen und Vereinen bis hin zu ästhetischen
Gebilden, immer hat man es mit Gegenständen zu tun, die historisch konstruiert sind. Und
zwar zumindest in doppelter Hinsicht. Zum einen sind sie aus ihren spezifischen
Entstehungsbedingungen zu erklären. Untersucht man diese, so das Besondere in den
Vordergrund, das die Gegenstände von anderen vergleichbaren Gegenständen unterscheidet.
Zum anderen stehen diese singulär definierten Gegenstände in lebendigem Austausch mit
anderen Objekten des sozialen, politischen, ökonomischen, kulturellen Lebens. Sie befinden
sich in einem spezifischen dynamischen Interaktionszusammenhang, der die jeweiligen
Grenzen und Definitionen laufend verschiebt. In dieser Hinsicht spielen die
Gesamtkonfigurationen, ob sie nun Nation, Region, Kultur, Gesellschaft, Zivilisation, Sprache
– oder wie auch immer sonst – heißen, in die Konstruktion der Kategorien und Objekte
hinein, und zwar auf allen Ebenen. Selbst in vermeintlich so universale Kategorien wie
Religion, Recht, Familie, die sich auf die meisten Gesellschaften anwenden lassen, sind
spezifische Perspektiven eingelassen, die – genau genommen – den strikt logischen Vergleich
zumindest erschweren. Hieran zeigt sich, dass ein vergleichendes Vorgehen, das sowohl die
Vergleichseinheiten wie die Kategorien bzw. Variable des Vergleichs als stabile Komponenten
auffasst, die Historizität der untersuchten Probleme nicht wirklich erfassen kann und dazu
tendiert, die Spezifizität der jeweiligen kulturellen Konstruktionen auszuklammern.
Die hier skizzierte Kritik am unhistorischen Charakter des Vergleichs greift indessen noch
weiter aus. Sie bemängelt etwa, dass der Vergleich systematisch die Untersuchung der
zwischen den Vergleichseinheiten anzutreffenden historischen Beziehungen ausklammert. So
im Falle internationalen Vergleichs die Transfers und Übertragungen, die Migrationen von
Bevölkerungsgruppen und die damit verbundenen Akkulturationsvorgänge, die Prozesse von
métissage culturel, von Kulturmischung. Wer solche Phänomene als historische Fakten ernst
nimmt, dem erscheint ein Vergleich, der deren Untersuchung keinen Platz einräumen kann, in
der Tat als ein ahistorisches Verfahren. Aber die Dinge sind erheblich komplizierter, als es
einige Vertreter der Transfer- und Beziehungsgeschichte behaupten, wenn sie diese Art der
Kritik am Vergleich formulieren und dagegen die Besonderheiten ihrer Vorgehensweise zur
Geltung bringen.
Transfergeschichte
Während der Vergleich als kognitive Operation eher der Synchronie zuzuordnen ist, schreibt
sich die Transfergeschichte von vornherein in einen diachronen Zusammenhang ein. Doch
teilt sie mit dem historischen Vergleich die Eigenschaft, eine allgemeine Sichtweise auf
geschichtliche Vorgänge oder Situationen zu entwickeln. Transfers vollziehen sich auf allen
Ebenen der Gesellschaft, und sie sind keineswegs auf Beziehungen zwischen
Nationalkulturen oder national definierten Gesellschaften beschränkt. Wenn im folgenden im
wesentlichen von Transfers zwischen nationalen Untersuchungseinheiten die Rede sein wird,
so geschieht das lediglich aus Gründen der inneren Kohärenz des vorliegenden Beitrags mit
dem Thema des Diskussionsforums.
Historisch haben sich die Forschungen zum Kulturtransfer – die in Deutschland unter dem
Stichwort Beziehungsgeschichte eingeordnet wurden – zunächst nicht gegen den Vergleich,
sondern gegen die ältere Einflussgeschichte gewandt. Es ging darum, die Kulturbeziehungen
nicht mehr nach dem Modell des Kulturgefälles von der Emissionsseite her zu interpretieren,
sondern die Logik der Rezeption in den Vordergrund zu stellen, die Auswahlmechanismen
und Aneignungsstrategien, die beim Import und bei der Umdeutung fremder Kultur
gewissermaßen die Weichen stellen. Zugleich zielten auch die Arbeiten zum Transfer auf die
Aufweichung nationalhistorischer Parameter. Was die Beziehung von Deutschland nach
Frankreich anlangt, so bestand eine erklärte Absicht der entsprechenden Studien darin, den
deutschen Anteil bei der Ausbildung der französischen Nationalkultur im 19. Jahrhundert
auszuloten, und nachzuweisen, dass die vermeintlich so homogene und in sich geschlossene
civilisation française zumindest teilweise als Schmelztiegel anzusehen ist, in den – nicht
selten unter heftigen Konflikten – zahlreiche heterogene Elemente mit eingegangen sind.
Ähnliches ließe sich zu anderen internationalen Transfergeschichten anmerken, so z. B. in
den Beziehungen von Europa und Orient, Europa und Amerika etc. In allen diesen Fällen
sollen die fest gefügten Grenzziehungen aufgebrochen und die selbstverständlichen
Vorannahmen, etwa über die Existenz und die Eigenschaften von Nationalkulturen, relativiert
werden.
Im Gegensatz zum Vergleich hat die Transfergeschichte per definitionem ausschließlich
Prozesse zum Gegenstand. Sie beschreibt Veränderungen, Vorgänge etwa von Akkulturation,
Sozialisation, Aneignung, und sie versucht, die kognitiven Aporien des historischen
Vergleichs dadurch zu umgehen, dass sie keine abstrakten Konstruktionen voraussetzten
möchte, die das Ergebnis vorstrukturieren. Dafür richtet sie ihr Augenmerk auf Interaktionen
und auf die Art und Weise, wie diese Interaktionen historisch konstruierte Einheiten
verändern.
Die entsprechenden Argumente für eine solche Sichtweise werden zum einen in der
Geschichte selbst gesucht. Die vielfachen Kontakte und Beziehungen, die zwischen
Gesellschaften, Ländern, Nationen, Gruppen von Nationen usw. bestanden, haben diese
mitgeformt. Sie nicht zu berücksichtigen, hieße die Augen vor einer historischen „Realität“
verschließen. In dieser Hinsicht solle die Untersuchung der Transfers eine unzweifelhafte
historische „Wahrheit“ restituieren, die insbesondere durch internalistische Nationalgeschichte
verdeckt worden sei. Darin trifft sich die Transfergeschichte mit den Ansätzen der connected
history und der shared history, die auf die Gemeinsamkeiten und Verbindungen später
historiographisch getrennter Geschichten verweisen. Diese Verbindungen werden dann nicht
mehr entwicklungsgeschichtlich gefasst, etwa im Hinblick auf gemeinsame Wurzeln, sondern
als lebendige, untrennbar miteinander verwobene Geschichte, die die entsprechenden
Gruppen miteinander teilen.
Eine zweite Reihe von Argumenten bezieht sich auf die grundsätzlichen Mechanismen der
Rezeption und Umdeutung, die bei derartigen Interaktionen zu beobachten sind. Damit ist
gemeint, dass der Transfer von materiellen wie immateriellen Objekten immer mit Vorgängen
kultureller Übersetzung verbunden ist. Diese Übersetzungsarbeit lässt sich sowohl unter dem
Gesichtspunkt der Aneignung und Anverwandlung von Fremdem wie auch als Öffnung und
Bereicherung beurteilen, welche die Rezeptionskultur oder die betreffende Gesellschaft
verändert. An genau dieser Stelle möchte die Transfergeschichte zur Überwindung national
verfestigter Paradigmen beitragen, indem sie den Prozesscharakter von Kultur und Nation
betont, die Fluidität der Grenzziehungen, die permanente Neudefinition der Inhalte. Kontakte,
Transfers, Beziehungen heißt dann nicht mehr nur Verbindungen oder Gemeinsamkeiten von
verschiedenen Ensembles, sondern meint eine Form von Vernetzung, welche die fraglichen
Ensembles selbst umformt, ihre Identität neu schreibt.
Dieser Auffassung von Transfergeschichte als reiner Prozessgeschichte sind indessen einige
Einwände entgegen zu halten. Der erste betrifft die Bestimmung von Ausgangs- und
Endpunkt der jeweiligen Entwicklungen. Jede Beschreibung und Analyse eines Transfers setzt
einen Beginn und ein Ende des Prozesses voraus, die vom Beobachter in der
historiographischen Rekonstruktion festgesetzt werden müssen. Auch die Deutung offener
Prozesse ist darauf angewiesen, ein Stadium oder eine Stufe zu bestimmen, von der aus der
Prozess interpretiert werden kann. Im Falle transnationaler Transfers liegen Anfangs- und
Endpunkt meist in den nationalen Gesellschaften oder Kulturen, zwischen denen der Transfer
stattfindet. Anfangs- und Endzustand werden darum meist in Kategorien nationaler
Klassifizierung beschrieben, etwa deutsches, französisches und englisches Hochschulsystem,
deutsche oder amerikanische Historiographie, englische, deutsche, französische, russische
Urbanismuskonzeptionen. Selbst wenn der Schwerpunkt der Analyse auf dem jeweiligen
Interaktionsprozess liegt, kommt man nicht ohne die Hypostasierung von Anfangs- und
Endstufen aus, die in diesen Fällen national ausgezeichnet sind.
Diese Schwierigkeit hat mit den im einzelnen mobilisierten Beschreibungs- und
Analysekategorien zu tun. Jede transnationale Transferstudie kombiniert empirische
Beschreibung mit analytischen Instrumenten, die wie die Kategorien des Vergleichs an die
nationalen Kulturen und Gesellschaften gebunden sind. Sobald ein Migrant von Italien nach
den USA oder nach Argentinien wechselt, wird er mit den entsprechenden Wirtschafts- und
Sozialsystemen, den regionalen und nationalen Kulturen konfrontiert und sein Verhalten wird
mit Blick auf eine Bewertungsskala zu beschreiben sein, die von der Akkulturation bis zur
größtmöglichen Wahrung ursprünglicher kultureller Muster reicht. Selbst wenn die Migration
als solche eigene Verhaltensweisen hervorruft, so werden diese wiederum im Verhältnis zu
lokalen und nationalen Systemen, Wahrnehmungsmustern usw. eingestuft und beschrieben.
Ohne die Verortung in den jeweiligen Systemen, kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und
politischen Modellen ist keine Transferanalyse möglich. Schon aus diesem Grund impliziert
die Transferstudie auch immer eine komparative Dimension, ob diese nun explizit namhaft
gemacht oder nur indirekt konstruiert wird. Problematisch ist dies vor allem dann, wenn das
implizite Vergleichsgerüst nicht offen gelegt oder die Perspektive des Transfers gegen
diejenige des Vergleichs ausgespielt wird.
Daraus ergibt sich, dass die Untersuchung von transnationalen Transfers vielfach zur Folge
hat, dass der nationale Bezugsrahmen einerseits relativiert, andererseits aber auch konsolidiert
wird. Analysen von kulturellen Austauschbeziehungen zwischen Nationen eröffnen ein
reicheres, subtileres Bild vor allem auf die importierende Rezeptionskultur. Zwar wird das
ideologische Konstrukt der Nationalkultur hinterfragt, historisiert, zwar wird auf die
Fremdanteile verwiesen, die es enthält, wird die Durchlässigkeit der Grenzen betont. Doch
das in dieser Weise differenzierte Bild der nationalen Rezeptionskultur wird als solches nicht
in Frage gestellt. Eher, so möchte man meinen, wird es gestärkt und gesichert. An die Stelle
der ideologischen Fixierung tritt eine historisch konsolidierte Sicht, die zwar mehrere,
miteinander interagierende Nationen umfasst, aber die nationale Untersuchungseinheit nicht
auflöst. So zeigt sich, dass die Transfergeschichte, die angetreten war, um die nationale
Verankerung der Geschichtswissenschaft zu lockern, in mancher Hinsicht eine andere Form
von national determinierter Untersuchungsperspektive gewissermaßen durch die Hintertür
wieder einführt. Die Transferforschung nimmt zwar die historische Dimension der
Erforschung transnationaler Beziehungen ernst, aber sie entrinnt dabei nicht immer der
Gefahr, ihr eigenes Bezugssystem nicht mehr zu hinterfragen und ihre Fragestellungen somit
von dem intendierten Historisierungsprozess auszunehmen.
Historiographische Bedingungen der Historisierung
Beide Verfahren, der internationale historische Vergleich und die transnationale
Transfergeschichte, stoßen insofern an ihre Grenzen, als sie, jedes für sich, bestimmten
Anforderungen der Produktion von historischer Erkenntnis nicht gerecht werden. Der
Vergleich krankt, verkürzt gesprochen, an dem doppelten Dilemma, dass er zugleich von
innen und von außen operiert und den historischen Prozesscharakter seiner Kategorien nur
ungenügend berücksichtigt. Umgekehrt steckt die Transfergeschichte insofern in einer
Zwickmühle, als sie ihre Analysekategorien zwar in historischen Prozessverläufen zu verorten
sucht, zugleich aber die nationalen Fixierungen, deren sie zur Beschreibung der fraglichen
Prozesse bedarf, nicht aufgeben kann. In beiden Fällen handelt es sich nicht nur um die Frage
der adäquaten Methodologie transnationaler Geschichtsschreibung, sondern um ein
grundsätzliches Problem historischer Erkenntnis. Immer werden in der Produktion
geschichtlicher Erkenntnis synchrone Identifizierungen von Ereignissen, Zuständen, Akteuren
mit diachronen Verlaufsanalysen kombiniert, die die Veränderungen der entsprechenden
Zustände, Akteure und Situationen zum Gegenstand haben. Im Verhältnis von Vergleich und
Transfergeschichte spiegeln sich einige Elemente genau dieses Koordinatensystems
historischer Erkenntnis. Demgegenüber ist festzuhalten, dass nicht nur die vergleichende
Soziologie, Ökonomie, Politikwissenschaft, sondern auch die vergleichende Geschichte einen
historischen Zugang auf ihre eigene Verfahrensweise zu entwickeln hat.
Dass indessen nicht jede beliebige Art von geschichtlicher Perspektive die nötige
Historisierung zu garantieren vermag, lässt sich etwa an der durch das Buch Politique
d’éducation et organisation industrielle en France et en Allemagne in Frankreich ausgelösten
Kontroverse zeigen. Den Autoren Maurice, Sellier und Silvestre, die zur Erklärung der
unterschiedliche Strukturierung der Lohnarbeitsverhältnisse in Deutschland und Frankreich
auf den Begriff des „sozietalen Effekts“ (effet sociétal) zurückgriffen, wurde zu Recht die
fehlende geschichtliche Tiefenschärfe dieses Erklärungsmodells vorgehalten. So schlug
Philippe d’Iribarne vor, zusätzliche Erklärungsfaktoren zu berücksichtigen, und bemühte
dafür historisch konstituierte kulturelle Prägungen, etwa die Rolle von Hierarchie und sozialer
Rangfolge in Frankreich, die im Gegensatz zu einer Logik der „Gemeinschaft“ in Deutschland
stehe. Die auf diese Weise eingeführte geschichtliche Perspektive ist jedoch in zweierlei
Hinsicht ungenügend. Erstens werden die kulturellen Modelle, auf die er sich bezieht und in
denen er den historischen Grund der Unterschiede in der zeitgenössischen
Unternehmenskultur verortet, ihrerseits nicht mehr historisch gedacht und erscheinen
geradezu als zeitlos; und zweitens lässt er die Dimension der Handelnden, den jeweiligen
konkreten Handlungszusammenhang außer acht, der die Maximen, Werte usw. der Akteure
auf die Probe stellt und sie gegebenenfalls umdefiniert.
Die methodische Sackgasse, in die diese Kontroverse führte, macht die Notwendigkeit des
Versuchs deutlich, die klassischen Oppositionen von Synchronie und Diachronie, von
Kulturalismus und Universalismus oder auch von Kultur und Gesellschaft zu überwinden. Die
Debatte um die Bedingungen und Möglichkeiten einer transnationalen Geschichtsschreibung
kann hier vielleicht neue Wege eröffnen, mit diesen begrifflichen Antinomien umzugehen.
Das Beispiel zeigt des weiteren die methodischen Fallen unvollständiger Historisierung.
Deren gemeinsamer Grund liegt in einer nicht genügend reflektierten Form des Umgangs mit
geschichtlichem Material und in der mangelnden Berücksichtigung der Zeitdimension im
Erkenntnisprozess. Daraus ergibt sich eine Reihe von Konsequenzen für die von der Histoire
croisée anzuvisierende Art von Geschichtsschreibung: Zum ersten ist nicht von apriorisch
festgelegten Einheiten und Kategorien auszugehen, sondern von Problemen und
Fragestellungen, die sich erst im Laufe der Analyse näher eingrenzen lassen und
dementsprechenden Entwicklungen unterworfen sind. Der in der Histoire croisée angelegte
Zugang zur Geschichte meint eine Problemgeschichte, die auch die eigene Arbeit des
Historikers einbezieht. Zum zweiten ist von den konkreten Objekten auszugehen und nicht
von den vorgegebenen Modellen oder wie auch immer definierten globalen Konstruktionen
von Nation, Gesellschaft, Kultur, Religion und dergleichen mehr. Objekte meint in diesem
Fall nicht nur Institutionen, Rechtssysteme, Werke, Disziplinen usw. sondern auch die
entsprechenden Prozesse, die zu diesen führten, Produktionen jeder Art, ob sie nun materieller
oder immaterieller Natur sind. Und zum dritten ist eine Geschichtsschreibung gefordert, die
von der Ebene der Handelnden ausgeht, von den Konflikten, in denen sie standen, und den
Strategien, die sie zu ihrer Lösung entwickelten. Die Einbeziehung dieser Handlungsebene hat
den wechselnden Situationen Rechnung zu tragen, in deren Abfolge die Akteure ihre
Strategien modifizierten bzw. neu justierten. Sie umfasst schließlich die Analyse ihrer
Aktionen, ihrer Realisierungen, in die nicht nur die jeweiligen Argumentationen, sondern auch
die Machtverhältnisse und die Entscheidungspielräume eingegangen sind.
II. Verflechten
Die Bezeichnung Histoire croisée stellt zunächst ein Übersetzungsproblem. Croiser meint
kreuzen, überkreuzen, sich gegenseitig verschränken, verflechten und verweben. Dabei lässt
der Ausdruck offen, was in einer derartigen Geschichte überkreuzt oder verschränkt wird:
topologische Faktoren wie Beobachtungen, Blickrichtungen, Sichtweisen, Perspektiven;
abstrakte Gegenstände wie Wirtschafts- oder Bildungssysteme, Denktraditionen; konkrete
Gegenstände wie Bücher, Partituren, Technologieprodukte; schließlich Menschen, Migranten,
die ein Gewebe von Verbindungen vielfältiger Art herstellen. Die Verflechtung betrifft aber
nicht nur die Objekte, sondern auch die Analysedimensionen, darunter besonders das im
ersten Teil besprochene Verhältnis von Synchronie und Diachronie, sowie schließlich,
insofern die Verflechtung sowohl den aktiven Vorgang wie das Ergebnis historischer und
gegenwärtiger Prozesse bezeichnet, eine Form von Selbstreflexivität. Daraus ergeben sich
eine Reihe von theoretischen und methodischen Konsequenzen, die man unter dem Begriff
einer pragmatischen und reflexiven Induktion fassen kann, d. h. eines Verfahrens, das der
Analyse der Kategorien sowie der Untersuchung des Verhältnisses von Analyse- und
Handlungsmaßstäben eine zentrale Rolle zuweist.
Grunddimensionen der Verflechtung
Genau genommen, meint die angestrebte Verflechtung um ein Prinzip, das nicht nur
historische Vorgänge von Verflechtung ins Blickfeld nimmt – das entspräche dem Ansatz der
shared history – , sondern auch sich selbst als aktiven Verflechtungsfaktor versteht. Drei
Faktoren kommen hier besonders in Betracht: der Blickwinkel, die Frage von Symmetrie und
Asymmetrie sowie das Verhältnis von Gegenstand und Maßstab. Überkreuzen heißt zunächst
einmal, für jede Fragestellung, für die Bearbeitung jedes Problems mindestens zwei
Blickwinkel zu berücksichtigen und die aus der Kreuzung der Blickwinkel resultierenden
Interaktionen in die Analysesituation selbst eingehen zu lassen, wobei zugleich von
vornherein klar ist, dass die Verdoppelung der Blickwinkel und des Zugangs zu den
Fragestellungen ihrerseits in eine historische Situation eingeschrieben ist und sich ihrer
eigenen Historizität bewusst zu sein hat. In diesem grundlegenden Sinn erzeugt der
Überkreuzungsvorgang einen mehrdimensionalen, mindestens aber zweidimensionalen
Frageraum, dessen Ebenen zueinander in einem bestimmten, jeweils reflektierten Blickwinkel
stehen. Die gewissermaßen verdoppelten Objekte innerhalb dieses Frageraums stehen
zueinander in einem näher zu klärenden Zusammenhang. Dieser Zusammenhang beinhaltet
nicht nur ein bestimmtes, durch die Betrachtung von außen erzeugtes Verhältnis, sondern
schließt auch die Möglichkeit ein, dass das eine seine Bedeutung erst durch das andere erhält
und umgekehrt. Um ein Beispiel anzuführen: Die Analyse der Entstehung des Sozialstaates in
Deutschland und Frankreich ist nicht nur in ihren Unterschieden und vor dem gemeinsamen
Hintergrund der Entwicklung von Industrialisierung und Lohnarbeit aus den jeweils
spezifischen Bedingungen heraus zu erklären. Sie hat auch in Rechnung zu stellen, dass die
Entwicklung der beiden Systeme oft mit dem Blick auf den anderen oder das andere erfolgt
ist. Es handelte sich also um einen wechselseitigen, in sich vernetzten Konstitutionsprozess,
dessen Akteure jeweils das System des anderen im Kopf hatten und auch strategisch damit
operierten, diese Vorstellungen für ihre Zwecke einsetzten. Ähnliches lässt sich bei vielen
Transfers beobachten: die Bezugnahme auf einen anderen ist schon Teil der
Beziehungsgeschichte, wobei in diesem Beispiel allerdings eine gewisse Reziprozität
hinzukommt.
Der dadurch erzeugte Eindruck von Symmetrie ist indessen meist täuschend. Je genauer man
auf die historischen Zusammenhänge sieht, desto deutlicher werden auch die Asymmetrien.
Gerade hier liegt indessen eine zweite Stärke des Verflechtungssprinzips. Wenn die
Blickwinkel und die Sichtweisen variiert werden, wird die Aufmerksamkeit auf die
Asymmetrien gelenkt, mit denen sich die Analyse auseinanderzusetzen hat, und zugleich die
Möglichkeit einer Integration dieser „Ungleichheiten“ in die jeweilige Untersuchung skizziert.
Besondere Bedeutung besitzen hier grundlegende Asymmetrien wie die der Sprache mit ihren
Konsequenzen für die Kategorisierung und für die Art und Weise, wie die entsprechenden
Erfahrungen umgesetzt werden, oder wie die Asymmetrie der Zeitstruktur mit ihren
verschiedenen historischen Abfolgen, Verschachtelungen in der einen oder anderen nationalen
Geschichte. Das Überkreuzungsprinzip macht diese Unterschiede sichtbar und eröffnet
zugleich konkrete Möglichkeiten, damit umzugehen.
Dies wiederum verweist auf den dritten Vorteil des Verflechtungsprinzips: die systematische
Verschränkung der Frage der Untersuchungseinheiten mit der Wahl der raumzeitlichen
Untersuchungsebene bzw. des entsprechenden Untersuchungsmaßstabs. Wir hatten gesehen,
dass weder der historische Vergleich noch die Transferanalyse, für sich genommen, mit dem
Problem des fließenden Charakters und der permanenten Umdefinition der Analyseeinheiten
zurechtkommen. Insofern die Verflechtung nicht nur mit variablen Blickwinkeln, sondern
auch mit variablen Untersuchungsmaßstäben spielt, ja deren Pluralität geradezu voraussetzt,
bietet sie die Möglichkeit, die entsprechenden Variationen in die Bestimmung der
Gegenstände und Prozesse hinein zu transportieren. In gewisser Hinsicht wird die in der
Konstruktion des Untersuchungsrahmens angelegte Variabilität der Analyseeinheiten zum
Konstitutionsprinzip erhoben. So lässt sich etwa bei einer nach dem Prinzip der Histoire
croisée durchgeführten transnationalen Disziplingeschichte – auf die im folgenden mehrfach
zurückgegriffen werden soll – nicht nur zeigen, dass der relative Stellenwert der einzelnen
Disziplinen in den nationalen Hochschul- und Wissenschaftssystemen durchaus verschieden
ist und dass besonders im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften die Grenzen
zwischen den Fächern, etwa Recht, Politische Wissenschaften, Soziologie, Anthropologie und
Philosophie, unterschiedlich verlaufen. Vielmehr wird auch deutlich, dass die nationalen und
lokalen Varianten der Disziplinen sich in einem permanenten Interaktionszusammenhang
verändern. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, etwa ab 1865, führt die Wahrnehmung einer
„deutschen“ historischen „Schule“ in Frankreich zur Formierung einer neuen historischen
Forschungsrichtung, institutionell an die Ecole pratique des hautes études gebunden und um
das Banner der Revue historique geschart, die sich ihrerseits wieder sowohl gegenüber
anderen „französischen“ Richtungen wie auch gegenüber aufkommenden Disziplinen wie den
Politikwissenschaften oder der Soziologie zu positionieren hat. Dazu kommen neue interne
Untergruppierungen wie Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte, die sich ebenfalls in
einem zugleich lokalen, nationalen und transnationalen Interaktionsprozess herausbilden und
wechselseitig bestimmen. So wird sichtbar, dass die Verschränkung der Entwicklungen auf
den verschiedenen Ebenen je nach Zeitpunkt zur Neufassung der disziplinären
Untersuchungseinheiten führt, die darum nicht mehr getrennt oder für sich allein analysiert
werden können.
Theoretische Grundlagen
Bevor nun die methodischen Konsequenzen gezogen werden, sind noch minimale
theoretische Vorklärungen vonnöten. Epistemologisch gesehen, verfährt jede Generierung von
soziohistorischer Erkenntnis, indem sie logische Schritte von Deduktion und Induktion
mischt. Im Falle internationaler Vergleiche und Transfergeschichte ist der Anteil an
regelhaften Vorgaben, die dann deduktiv am Beobachtungsmaterial durchgespielt werden,
relativ hoch. Die jeweiligen nationalen Konstruktionen, deren Überwindung wohl intendiert
ist, schlagen dennoch im Ergebnis des Untersuchungsprozesses durch, weil sie in
Beobachtungsposten, Sprache, Analysekategorien usw. eingelassen sind. Die Histoire croisée
vermag zwar an diesen Grundgegebenheiten nichts zu ändern, aber sie versucht den Anteil an
Induktion zu maximieren, indem sie die Regeln und die Progression der Analyse erst im
Verlauf des Beobachtungsprozesses zusammenbastelt und systematisch, angesichts neuer
Beobachtungen, zu revidieren sucht. Die Mittel, derer sie sich dazu bedient, heißen Pragmatik
und Reflexivität.
Induktive Pragmatik bedeutet in diesem Zusammenhang, dass man von der Beobachtung der
Dinge und Gegenstände ausgeht, von den Handlungssituationen, aus denen heraus die Objekte
mit Sinn bedacht werden, schließlich von der Logik der Akteure, in deren Wahrnehmungen sie
sich einfügen und in deren Zweckbestimmungen sie Gestalt gewinnen. Dies bedeutet nicht,
dass auf Verallgemeinerung verzichtet wird, doch die Verallgemeinerung ist von der
konkreten Situation, in der sie aktualisiert und umgesetzt wird, nicht zu trennen. Ziel ist also
nicht mehr die endgültige Fixierung einer nationalen oder transnationalen Ebene von
miteinander mehr oder weniger friedlich konkurrierenden großflächigen Kulturmodellen.
Vielmehr geht es darum, die Art und Weise näher zu erfassen, wie die Handelnden in ihren
jeweiligen Situationen mit diesen Modellen umgehen. Um auf das Beispiel der
Disziplingeschichte zurückzukommen: Die einzelnen Wissenschaftler, ob sie nun am
uneigennützigen Wissensfortschritt arbeiten oder hochschulpolitisch tätig sind, operieren mit
Vorstellungen von der Situation ihres Faches, ihres Hochschul- und Forschungssystems, in
denen sich nationale Sichtweisen mit internationalen Diagnosen mischen. Diese Vorstellungen
gehen in ihre Entscheidungen, ihre wissenschaftlichen und institutionellen Realisierungen ein.
Als Lucien Febvre und Marc Bloch die Annales gründeten, verfolgten sie wissenschaftliche
und wissenschaftspolitische Ziele, in die ihre Analyse sowohl der Geschichts- und
Sozialwissenschaften in Frankreich wie auch ihre Sicht der entsprechenden Fächer in anderen
Ländern, insbesondere in Deutschland, eingegangen waren. Sie verglichen das jeweilige
Verhältnis von Wirtschaftsgeschichte und politischer Geschichte, von Philosophie, Soziologie
und Geschichte. Und zugleich haben sie mit ihrer Arbeit neue Realitäten geschaffen, die die
Situation der Fächer – für sich genommen wie untereinander – erheblich veränderten.
Ähnliches wie für das Verhältnis von Verallgemeinerung und situationsbezogener
Aktualisierung gilt für die Frage der Langzeitstrukturen. Der Histoire croisée kann es nicht
darum gehen, die Strukturen der longue durée aus dem Blickfeld zu verlieren. Im Gegenteil
sollen die langfristig wirkenden Strukturen und die kurzfristigen Zeittakte der
Handlungssituationen aufeinander bezogen werden. In der Analyse jedes
Handlungszusammenhangs ist die dynamische Verbindung aufzuzeigen, die Struktur und
Handlung miteinander eingehen, die wechselseitige Bewegung, durch die sich das eine durch
das andere konstituiert. Dazu ein Beispiel: In dem Prozess, in dessen Verlauf sich die
Arbeitslosigkeit in Deutschland und Frankreich als Kategorie öffentlichen Handelns
ausformte, vermittelte die longue durée den Reformern zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein
Sample von Praktiken und Vorstellungen, die sich in Handlungssituationen zugleich als
Ressourcen und als Zwänge auswirkten. Die Tradition der Armenfürsorge auf der einen und
die Einrichtungen der Arbeiterversicherungen auf der anderen Seite lieferten die
Rahmenbedingungen für die Art und Weise, wie die „Nicht-Arbeit“ wahrgenommen und
umgesetzt wurde, Rahmenbedingungen, denen gegenüber die verschiedenen Protagonisten
sich unweigerlich positionieren mussten. In den vom Gegensatz zwischen einer Logik der
individuellen Schuld („Wer keine Arbeit hat, ist selbst daran schuld“) und einer Logik des
kollektiv versicherten Risikos bestimmten Raum schrieben sich die Definitionen und die
kategoriellen Fixierungen der Arbeitslosigkeit und des Arbeitslosen (chômage und chômeur)
ein. Ein derartiger Prozess illustriert das Gewicht der bestehenden strukturellen
Rahmenbedingungen für jede Form von Innovationsprozess. In ihm konfigurieren sich die
traditionellen Werte der Vergangenheit mit den neuen Realitäten und Zielsetzungen der
Jahrhundertwende. Die Kategorie der Arbeitslosigkeit gehört somit einer longue durée an, die
die Zeitspanne ihrer konkreten Ausarbeitung weit übersteigt. Dieses Beispiel lenkt die
Aufmerksamkeit auf die Ergiebigkeit eines Verfahrens, das die Produktion neuer
Handlungskategorien als eine Reihe von Verschiebungen vor einem relativ stabilen
Hintergrund analysiert, als einen Vorgang, in dem sich als langfristige strukturelle Merkmale
gedachte Vorgaben mit kurzfristigen Konjukturen kreuzen und somit die Möglichkeit
eröffnen, Wandel und Stabilität in einem zu denken. Dies vermag auch zu erklären, warum
eine induktiv verfahrende Pragmatik die sterile Opposition von Mikro- und Makrogeschichte
aufzubrechen erlaubt. Makro- und Mikroebene schließen einander nicht aus, sondern sind
durch eine unendliche Anzahl möglicher Zwischenstufen miteinander verbunden. Diese
Vielzahl von Interaktionen, in deren Verlauf sich die Makrovorgänge durch die
Mikrophänomene konstruieren und umgekehrt, ist auf dem Wege induktiv abgeleiteter
Regelkriterien möglich, nicht aber, indem man eine Gesamtkonstruktion vorgibt und deduktiv
am Quellenmaterial durchspielt.
Die zweite theoretische Komponente, die in der Histoire croisée verstärkt zum Tragen kommt,
ist die der Reflexivität. Reflexive Induktion meint, dass die aus der Analyse der
Handlungszusammenhänge abgeleiteten Kriterien nicht ein für allemal feststehen, sondern
permanent auf ihre Validität überprüft werden müssen. Die Reflexivität ergibt sich aus der
kreuzweisen Konstruktion der Fragestellungen und des Problemzusammenhangs. Alle
Definitionen, alle Raum- und Zeiteinteilungen erfolgen von mehreren Standpunkten aus,
involvieren verschiedene Referenzsysteme, verschiedene Sprachen und Begriffstraditionen.
Doch anstatt in einen endlosen Prozess gegenseitiger Relativierung einzutreten (das wäre die
Spielart der historistischen Regression), ist daran festzuhalten, dass wir es mit Interaktionen
zwischen Räumen, Zeiten, Systemen, Wertsetzungen usw. zu tun haben, dass also die
entsprechenden Definitionen, Referenzsysteme, Objekte, Strategien sich auch gegenseitig
konstituieren. Relativierung und Analyse von Konstituierungsprozessen gehören hier
zusammen, sind ineinander verschlungen.
Eine der Stellen des Erkenntnisdispositivs, an der das Prinzip der Reflexivität besonders
deutlich wird, ist die Position des Beobachters. Bekanntlich handelt es sich um eines der
zentralen Probleme sozial- und kulturwissenschaftlicher Erkenntnis. Die Histoire croisée
antwortet darauf, indem sie den Beobachtungsvorgang experimentell aufbricht, verdoppelt,
multipliziert, ihn seiner Einzigartigkeit beraubt. Sie fragt danach, wie ein
Problemzusammenhang in verschiedenen historischen Situationen sprachlich benannt, wie er
– aus jeweils spezifischem Blickwinkel – begrifflich entwickelt, wie er in der Gesellschaft
angelagert und bearbeitet wurde. Sie sucht die logischen Nachbarkonstellationen auf und
versucht, den Problemzusammenhang historisch in seinem Verhältnis zu diesen
Konstellationen zu situieren. Sie überprüft die interaktiven Prozesse, die zwischen den
einzelnen Beobachtungen, perspektivischen Konstruktionen usw. ablaufen, und integriert sie
in ihren Erkenntnisprozess. Dabei geht sie unter anderem davon aus, dass der Vorgang der
Verflechtung die jeweiligen Gegenstände verändert, dass mithin die Winkel der Blickfelder, in
denen die Gegenstände erscheinen, und damit auch die Wahrnehmung der Gegenstände selbst,
durch den Vorgang der Verflechtung ihrerseits modifiziert werden. Schließlich sucht sie das
Maß an Reflexivität zu erhöhen, indem sie die verschiedenen Veränderungen, die im Prozess
der Gegenstandskonstitution zu verzeichnen sind, auf die Beobachter selbst zurückprojiziert.
Die Verflechtung betrifft also nicht nur die Ebene der historischen Gegenstände, sondern auch
deren Konstruktion durch den heutigen Beobachter. Damit wird der Prozess der Beobachtung
Bestandteil des Erkenntnisdispositivs. Aufgrund derartiger konstruktiver Merkmale will die
reflexive Dimension der Histoire croisée, die im Prinzip zugleich das Objekt selbst und die
Art und Weise seiner Konstruktion als Forschungsgegenstand meint, einen Ausweg aus den
Aporien des internationalen Vergleichs und der Transfergeschichte eröffnen. Auch hier sei
noch mal das Beispiel der Disziplingeschichte bemüht. Disziplingeschichtliche
Anstrengungen sind nicht ohne reflexive Verortung des Standpunkts zu denken, von dem aus
sie betrieben werden. Gerade im Fall einer transnationalen Fachgeschichte stellt sich das
Problem der Verflechtung der Standorte besonders deutlich. Je nach dem, ob das Verhältnis
der deutschen zur amerikanischen Historiographie nach 1945 von der „deutschen“ oder von
der „amerikanischen“ Seite her gesehen und gewertet wird, ergeben sich nicht nur
verschiedene Bilder, sondern auch unterschiedliche Interpretationen. Emigration und Exil
deutscher Wissenschaftler, Reimport von in der Zwischenzeit „amerikanisierten“ Theorien
(z. B. Max Weber) wie auch genuine Rezeption etwa der Chicago-School, alle diese
historischen Verflechtungen zwingen dazu, den Standort, von dem aus die entsprechenden
Entwicklungen beschrieben und gedeutet werden, neu zu überdenken. Vermeintlich eindeutige
Zuschreibungen wie „deutsche Soziologie“ büßen dabei ihre Brauchbarkeit ein, ganz zu
schweigen von komplexen – und kontroversen – Begriffen wie Historismus und seinen,
jeweils wieder anders akzentuierten Entsprechungen historicism, historicisme, istorismo. Im
Rahmen einer Histoire croisée ist davon auszugehen, dass auch der heutige Beobachter seine
Konzepte und Analyseinstrumente als Komponenten eines Verflechtungsprozesses zu
verstehen hat, in dem sich nationale und fachspezifische Traditionen gegenseitig
durchdringen. Doch welche methodischen Konsequenzen sind aus diesen Bedingungen
abzuleiten?
Methodische Folgerungen
Die pragmatische und die reflexive Komponente des Ansatzes der Histoire croisée sind nun
auf die beiden Ebenen zu übertragen, die wir in den Mittelpunkt der methodischen
Erwägungen stellen: die Arbeit an den Kategorien und die Entfaltung des Problems von
Maßstab und Untersuchungsebene.
Im Falle der Kategorien meint dies zunächst die Tatsache, dass dabei sowohl die Begriffe des
heutigen Beobachters zur Diskussion stehen wie diejenigen der Akteure, die die handelnden
Protagonisten des untersuchten Forschungsgegenstands sind. Gerade hier liegt ein
entscheidender methodischer Vorteil. Statt der klassischen Trennung von Wissenschaftler und
Forschungsobjekt wird auf die Verdoppelung der jeweiligen Projektionsebenen verwiesen, auf
ihre Interdependenz und auf die zahlreichen Interaktionen, die zwischen ihnen stattfinden.
Von Interesse sind dabei sowohl die vorliegenden Definitionen der Kategorien, mit denen die
Akteure zu tun hatten, wie auch der Prozess ihrer Konstitution durch die Akteure. Zur
Illustration sei auch hier kurz ein Beispiel angeführt.
Der Vergleich der sozial und politisch geformten Begriffe „öffentliche Arbeitsvermittlung“
und „placement public“ – und der mit ihnen bezeichneten institutionellen Realisierungen in
Deutschland und Frankreich – zielt auf den ersten Blick auf zwei national differenzierte
Formen eines einzigen Problems: die Intervention der öffentlichen Hand als
Vermittlungsinstanz auf einem nationalen Arbeitsmarkt. Nun zeigt schon ein flüchtiger Blick
auf die Soziogenese der jeweiligen Institutionen der bourses du travail und der paritätischen
städtischen Arbeitsnachweise, dass diese sich unter weitgehend verschiedener
Rollenverteilung von Gemeinden, Gewerkschaften, Vereinen und staatlichen Stellen
ausgebildet haben. Auch die Definitionen dessen, was in Frankreich als „public“ und in
Deutschland als „öffentlich“ bezeichnet wurde, gehen weit auseinander. Zu diesen
Unterschieden, welche die Vorstellung einer funktionalen Homologie aufbrechen, kommt die
Tatsache hinzu, dass sich französische Sozialpolitiker wie Millerand vor 1910 auf das Modell
einer deutschen paritätischen Arbeitsvermittlung beriefen, das sie in Frankreich einzuführen
wünschten. Auf dem Internationalen Kongress zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit von 1910
in Paris wurden sowohl die jeweiligen Situationen analysiert wie Erfahrungen ausgetauscht
und die entsprechenden Programme vorgetragen. Somit waren die beiden Entwicklungen, in
deren Verlauf sich nach dem Ersten Weltkrieg nationale Interventionsformen der öffentlichen
Hand herausbildeten, in ihrem Konstitutionsprozess mehrfach miteinander verflochten. Des
weiteren lässt sich schließlich zeigen, dass der Prozess der forschenden Annäherung an den
historischen Gegenstand eine Vielzahl von Konfigurationen zu dekonstruieren und zugleich
neu miteinander zu verknüpfen zwingt. Das gilt für die Vorstellungen von der Entstehung des
Sozialstaats, vom Wandel des Staatsbegriffs, von der Idee des Gemeinwohls und der Rolle,
die dem Staat – oder anderen Trägern der öffentlichen Hand – bei der Wahrung dieser Idee des
Gemeinwohls zugeschrieben wird. Alle diese Themen verweisen auf historische
Auseinandersetzungen, auf Konflikte zwischen realen Akteuren, die sich in Institutionen und
politischen Strukturen kristallisiert und als solche historische Wirkungsmacht erzeugt haben.
Indem wir diese Kategorisierungsprozesse in der Gegenwart zu unserem
Forschungsgegenstand machen, haben wir uns zugleich darüber Rechenschaft abzulegen, auf
welche Weise sie unsere heutige Sichtweise beeinflussen und bis zu welchem Grad wir unsere
eigenen Analysekategorien zu revidieren haben, um die adäquaten Fragen an den Gegenstand
zu richten. Damit ist insbesondere gemeint, dass wir die historischen Verflechtungen des
Gegenstands, sowohl als Strukturen des Handelns wie als Produkt der Interaktionen zwischen
den einzelnen Akteuren, erfassen und zugleich unseren eigenen Gebrauch der Kategorien
offen legen, kontrollieren und gegebenenfalls justieren. Im vorliegenden Beispiel gilt das etwa
für den Begriff der „intervention publique“, den der deutsche „staatliche Eingriff“ nur
teilweise wiedergibt, u.s.f. Die Justierung dieser Kategorien soll wohlgemerkt nicht in eine
kulturalistische Relativierung münden, welche die Partikularität der jeweiligen Situationen
hervorhebt, sondern dient dazu, sie behutsam und unter größtmöglicher Berücksichtigung von
Angemessenheitskriterien in den neuen Fragenzusammenhang der Verflechtung einzupassen.
Parallele Feststellungen sind auch für Großkategorien wie die der Kultur oder der Gesellschaft
zu treffen. Der Ansatz der Histoire croisée betrifft jede Untergruppe von
Geschichtsschreibung und ist daher dazu angetan, alt eingesessene, aber heute fragwürdig
gewordene Unterteilungen wie die von Sozial- und Kulturgeschichte zu überwinden. Setzt
man an der Frage der Kategorisierungen an, verlieren die entsprechenden Grenzen ihren Sinn.
So meint Kultur nicht mehr wie noch bei d’Iribarne ein langfristig gebautes, nahezu
invariantes Modell, mit dessen Hilfe man menschliches Verhalten auf bestimmte Werte oder
Grundzüge zurückzuführen vermag, sondern eine variable Ressource, die in
Handlungszusammenhängen mobilisiert, aktualisiert und verändert werden kann. Ähnlich ist
auch Gesellschaft nicht mehr eine autonome, von Staat, Territorium, Kultur, Religion usw.
abzutrennende Sphäre, sondern lediglich eine unter mehreren Perspektiven auf menschlich-
historische Realität. Kulturelle Normen, gesellschaftliche Zielsetzungen erscheinen als
konstitutive Elemente, die in dynamische Handlungszusammenhänge und in die Logik der
Akteure eingebaut sind.
Die Arbeit über die Kategorisierungsprozesse wäre nun – und damit wird der zweite Punkt
benannt – an die Problematik des Untersuchungsmaßstabs und der Untersuchungsebene
zurückzubinden. Zunächst ist festzustellen, dass die Frage des Maßstabs (échelle) nicht nur
eine räumlich-kartographische, sondern auch eine zeitliche Dimension besitzt, mithin in
einem Raum-Zeit-Koordinatensystem anzusiedeln ist. Die räumliche Skala reicht vom kleinen
Dorf zu den Kontinenten und zum Planeten Erde, von der Familie zur Weltgesellschaft usw.,
während die zeitliche Skala sich von der Temporalität des punktuellen Ereignisses bis zu den
Langzeitperspektiven der Menschheits- oder Universalgeschichte erstreckt. Nun wurde für die
Historiographie, im Rahmen insbesondere der Auseinandersetzungen zwischen Mikro- und
Makrogeschichte, jüngst die heuristische Fruchtbarkeit des Variationsprinzips der échelle, des
Größenmaßstabs, geltend gemacht. Verschiedene Zeit- und Raumabstände zum Objekt ließen,
so heißt es, jeweils neue Eigenschaften des Objekts erkennen, deren Kontraste wiederum in
die historische Analyse zu integrieren seien. In der Tat erlauben es – um auf unsere
Fragestellung zurückzukommen – unterschiedliche zeitliche Untersuchungsskalen, die
Validität der Analysekategorien zu testen. In ihrem Licht können die
Kategorisierungsprozesse überprüft werden, die wir in den Mittelpunkt der Untersuchung
gerückt haben.
Hier zeigt sich indessen, dass man es nicht dabei bewenden lassen kann, die Fragestellungen
gewissermaßen spielerisch an verschiedenen Skalen durchzutesten und die Ergebnisse einfach
einander gegenüber zu stellen. Die Variationen der Brennweite und des
Beobachtungsstandpunkts allein vermögen noch keine zielgerichtete Erkenntnis zu erzeugen.
Worum es hier geht, ist eher die Art und Weise, wie die verschiedenen Ebenen miteinander
zusammenhängen. Eine Möglichkeit, die entsprechenden Konnexionen aufzuspüren, liegt
darin, den Akteuren dabei zu folgen, wie sie sich zwischen den Ebenen bewegen und sie
miteinander verbinden. So agierten etwa die Personen, die in Deutschland und Frankreich
zwischen 1890 und 1930 an der Ausarbeitung einer nationalen Arbeitslosenversorgung
beteiligt waren, zugleich auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene, wobei
sich die Aktivitäten auf der jeweiligen Ebene gegenseitig beleuchteten und bedingten, die
Argumentationen zwischen den Ebenen überkreuzt und verflochten wurden. Aufschlussreiche
Beispiele für die zeitliche Variation der Untersuchungsskalen liefert die Disziplingeschichte.
Die Sichtweisen, welche die Autoren von Fachgeschichten konstruieren, variieren je
nachdem, ob es um die Geschichte eines ganzen Fachs, um abgrenzbare Kontroversen, um
Etappen einer Entwicklung oder um punktuelle Selbstverständigung von Wissenschaftlern
geht, die bestimmte Eigenheiten ihres Ansatzes zu legitimieren versuchen. Auch hier sind die
jeweiligen Argumentationen miteinander verschränkt, werden verschiedene Zeitskalen im
Wechselspiel konfiguriert. So ist das Spiel mit den Raum- und Zeitskalen für die Histoire
croisée kein äußerer Erklärungsfaktor mehr, sondern integraler Bestandteil des
Erkenntnisprozesses.
III. Histoire croisée und transnationale
Gesellschaftsgeschichte
Daraus ergeben sich nun neue Perspektiven auf das Problem einer transnationalen
Gesellschaftsgeschichte. Im Anschluss an die vorangehenden Überlegungen ist zunächst auf
die von J. Osterhammel im Diskussionsforum von GG gestellte Frage zurückzukommen, ob
transnationale Gesellschaftsgeschichte lediglich eine Erweiterung des Gegenstandsbereichs
oder eine grundsätzliche Alternative zur herkömmlichen nationzentrierten Sozialgeschichte
darstellt. Der Ansatz der Histoire croisée lässt diese Gegenüberstellung in der Tat in anderem
Licht erscheinen.
Die Verflechtung der Objekte
Transnationale Forschungsgegenstände werden als solche konstruiert, indem Fragestellungen
mit einer bestimmten, in diesem Fall als transnational definierten Brennweite kombiniert
werden. Osterhammel stellt mit gutem Grund fest, dass das Postulat einer systematisch
„anderen“ transnationalen Gesellschaftsgeschichte mit globalen Grundannahmen über
Gesellschaften und Zivilisationen operiert, die im einzelnen nur schwer empirisch
nachzuweisen sind. Darum optiert er für das Denkschema einer graduellen Erweiterung der
Sozialgeschichte („transnational erweiterte Gesellschaftsgeschichte“), zunächst innerhalb
Europas, dann unter Einbeziehung Außereuropas. Auf der Stufe einer solchen pragmatischen
Selbsteinschätzung der Disziplin ist gegen derartige Diagnosen schwerlich etwas
einzuwenden. Doch die theoretische Herausforderung einer transnationalen
Gesellschaftsgeschichte ist damit nicht präzise genug ins Visier genommen. In der Tat steht
dabei ja nicht nur die Frage des Größenmaßstabs der Untersuchung zur Diskussion – in der
Form, dass man von der nationalen zur transnationalen Ebene überzugehen habe –, sondern es
geht grundsätzlich zum einen um den Status der jeweiligen Untersuchungsebene und der
Objekte, die auf ihr anzusiedeln sind, sowie zum anderen um das Verhältnis dieser Ebenen
und Objekte zueinander, also um die verschiedenen Arten von Interaktion, die zwischen ihnen
stattfinden.
Transnationale Gesellschaftsgeschichte verweist zunächst auf Formen der
Gegenstandsbestimmung, die sich aus der Beziehung ableiten, in der Transnationales zu
anderen Analyseebenen steht. In dieser Hinsicht ist das Transnationale ein
Untersuchungsmaßstab, der in einer gewissen Kontinuität zu anderen Maßstäben wie dem
nationalen, dem regionalen oder dem lokalen steht. Man fügt den vorhandenen und erprobten
Brennweiten eine weitere hinzu, mit deren Hilfe die bisherigen Fragestellungen neu
beleuchtet, ergänzt und möglicherweise modifiziert werden. Gegenstände wie das
Bildungssystem, das Vereinswesen, die Sprachpolitik, die Arbeitslosen- oder die
Unfallversicherung gewinnen an Tiefenschärfe, wenn sie zusätzlich auf einer transnationalen
Ebene untersucht werden, wobei vor allem die klassischen Verfahren des Vergleichs und der
Transferanalyse herangezogen werden können. Grundsätzlich unterscheidet diese Ebene
nichts von den anderen möglichen Ebenen, wie immer sie in die Untersuchung einbezogen
werden.
Der wesentliche Punkt besteht jedoch weder darin, eine zusätzliche Ebene einzuführen, noch
in der Möglichkeit, nunmehr die Brennweiten frei zu variieren, um dem Objekt noch einige
neue Konturen abzugewinnen. Von entscheidendem Interesse ist vielmehr, wie sich diese
verschiedenen Ebenen zueinander verhalten, wie sie interagieren. Vorgänge auf der nationalen
und auf der transnationalen Ebene – um nur diese beiden herauszugreifen – verlaufen nicht
beliebig nebeneinander her, sondern bedingen sich vielfach gegenseitig. Damit ist ein
grundlegendes Problem aufgeworfen, das auch schon im Rahmen unserer Überlegungen zu
Vergleich und Transfer angesprochen wurde. Insofern die entsprechenden Untersuchungen
entweder die Varianten eines Gegenstands in verschiedenen nationalen Kontexten miteinander
vergleichen oder die Veränderungen interpretieren, die beim Transfer von einem Kontext in
den anderen entstehen, verbinden sie Elemente der beiden nationalen Ebenen auf spezifische
Weise, ohne dabei notwendig Neues zu konstruieren. Vielmehr haben wir gesehen, dass sie in
gewisser Hinsicht die nationalen Einordnungen auch konsolidieren können. Die Histoire
croisée steht grundsätzlich ebenfalls vor demselben Problem.
An dieser Stelle unserer Überlegungen ist die Frage nach der Kategorie der transnationalen
Gesellschaft zu stellen. Ist aus der Existenz von „transnationalen sozialen Räumen“, wie sie
etwa bei Migration und Grenzgängertum auftreten, schon auf die Existenz entsprechender
Gesellschaften zu schließen? Grenzüberschreitung, Mehrsprachigkeit, Mehrfachidentität u.
dgl. m. verändern wohl die Gesellschaft, aber schaffen noch keine Gesellschaft jenseits der
Nation. Trotz Globalisierung und der Diskurse über „Weltgesellschaft“ ist die Existenz von
transnationaler Gesellschaft als solcher bislang nicht nachzuweisen. Vielmehr ist immer von
einer Kombination verschiedener Reichweiten der entsprechenden gesellschaftlichen
Problemstellungen auszugehen, die sowohl lokale wie nationale und transnationale
Dimensionen besitzen und jeweils spezifisch mischen. In Europa wie in weiten Teilen der
Welt sind es vor allem die nationalstaatlichen Determinanten, von denen aus Transnationales
definiert und erfasst wird. Einer der wesentlichen Gründe dafür ist die Tatsache, dass sich
nationale Sichtweisen auf vielfältige Weise unentwirrbar in den politischen Strukturen, in den
Rechts- und Verwaltungssystemen und in den kulturellen Normen niedergeschlagen haben.
Auch an der Frage der „Transterritorialität“, die das Verhältnis von Staat und Gesellschaft von
einer anderen Seite her aufnimmt, lässt sich unschwer zeigen, dass die vorgebliche
Durchbrechung der nationalstaatlichen Definitionsbasis von Gesellschaft Gefahr läuft, die
nationalen Kategorien gewissermaßen durch die Hintertür wieder einzuführen. In ihrem
Diskussionsbeitrag löst Susanne-Sophia Spiliotis zwar den Begriff der Gesellschaft von den
Grenzen staatlicher Territorialisierungsmacht ab, doch zeigt gerade der von ihr bemühte Fall
der griechischen Diaspora bzw. Migration, wie stark die jeweiligen Vorstellungen einer sich
auf nationaler Basis definierenden sozialen Zusammengehörigkeit das nationale
Selbstverständnis konsolidieren. In diesem Sinn sind grenzüberschreitende Prozesse noch
nicht per se transnational, sondern erweitern lediglich, als eigene „Konstitutionsfaktoren
gesellschaftlicher Strukturierung“ die „Untersuchung nationaler Gesellschaften“. Das Beispiel
der griechischen Nation und einer transterritorialen griechischen Gesellschaft stärkt die
Reichweite nationaler Kategorisierung von Gesellschaft.
Solange die nationale Untersuchungsebene bei allen diesen Verfahren weiterhin konstitutive
Funktion besitzt, selbst wenn es darum geht, sie zu überwinden oder sich negativ davon
abzusetzen, erfüllen Vergleich, Transferanalyse, shared history und auch die Histoire croisée
nur begrenzt die Vorgaben des Begriffs Transnationalität. In dieser Hinsicht besitzt der Ansatz
der Histoire croisée lediglich den Vorteil, dass er mehr als die anderen die Aufmerksamkeit
systematisch auf die Verschränkung der Untersuchungsebenen und auf ihre wechselseitige
Bedingtheit lenkt. Auf dieser Ebene ist transnationale Gesellschaftsgeschichte vor allem als
eine effiziente Methode zu betrachten, die die Schwierigkeiten und Aporien nationalzentrierter
Betrachtungsweisen sowie ihre fortwährende Wirkungsmacht besonders handgreiflich macht.
Die eigene Logik des Transnationalen
Der Blick auf historische und gegenwärtige Entwicklungen zeigt indessen, dass sich
Transnationalität nicht in der Kombination und Neukonfiguration von Nationalem erschöpft.
Die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Durchsetzung transnationaler Prozesse
konstituiert neue Räume, neue Aktionsfelder, in denen sich eigene Formen von
Handlungslogik herausbilden. In dieser Hinsicht ist das Transnationale nicht einfach eine
zusätzliche Dimension, sondern bringt in der Tat genuin neue Verkehrsformen mit sich, die
sich nicht mehr in nationale Komponenten auflösen lassen. Wie bei den anderen
Untersuchungsebenen haben wir es auch bei der transnationalen nicht mit ein für allemal
gegebenen Größen, sondern mit dynamischen Variablen zu tun, deren Verhältnis zueinander
sich permanent verändert und die auch selbst eigenen Entwicklungen unterworfen sind.
Gerade im Bereich der jenseits der nationalen Kompetenzen ablaufenden Prozesse sind wir
mit einem erheblichen Wandel konfrontiert.
Der Historiker weiß, dass sich auch „Nationales“ in Europa und anderswo erst nach und nach
durchgesetzt hat, im Laufe eines komplexen Vorgangs, in dem sich existierende Interessen,
Machtkonstellationen und Handlungsnormen mit sozialem und kulturellem Wandel verbanden
und eine neue Logik produzierten, die ihrerseits auf politischer und gesellschaftlicher Ebene
strukturbildend wirkte. Selbst wenn es für diesen Prozess kein einheitliches Modell gab, so
war diesen Vorgängen doch gemeinsam, dass in konfliktreichen Auseinandersetzungen,
zugleich von „unten“ und von „oben“, aus mehreren lokalen und regionalen, z. T. stark
differierenden Orientierungen eine neue nationale Handlungsebene konstruiert wurde, auf der
sich dann eine Vielzahl von Institutionen und Regelungen ansiedelten. Ähnliches lässt sich
derzeit mutatis mutandis im Prozess der europäischen Einigung beobachten. Die neue
politische und soziale Realität, die sich konstituiert, resultiert nicht nur aus der Kombination
nationaler Wirklichkeiten, Traditionen, Machtkonstellationen usw., sondern aus den
Erfahrungen, institutionellen Regelungen, sozialen Transformationen, Veränderungen der
Bildungssysteme – um nur einige wenige Punkte aus einer komplexen Gemengelage
anzuführen –, die die politische Durchsetzung Europas mit sich bringt. Die Kategorien und
die Handlungsdispositive, die auf diese Weise generiert werden, sind somit das Ergebnis einer
politisch bedingten Koordinierung von „lokaler“ Pluralität, von lokalen bzw. nationalen
Gegebenheiten, ohne dass diese sich auf die eine oder andere dieser lokalen Konfigurationen
beschränken lassen.
Unter den Folgerungen, die sich daraus für eine europäische Geschichte ergeben, ist für
unsere Fragestellung vor allem eine von Bedeutung: Europäische Geschichtsschreibung ist
weder einfach eine Addition der einzelnen nationalen Geschichten noch eine neue globale
Einheit, die sich über die früheren und gegenwärtigen nationalen und regionalen Logiken
stülpt. Das Neue, das dabei entsteht, wird aus der Interaktion von nationalen oder regionalen
und transnationalen Fragestellungen, Konflikten, Regelungen usw. generiert. Das bedeutet,
dass eine europäische Geschichte in der Perspektive der Histoire croisée, wenn sie denn nicht
in die Funktionsweise der Nationalgeschichte des 19. Jahrhunderts zurückfallen möchte, keine
homogene Totalität Europa erzeugt. Vielmehr wird sie je nach Fragestellung und Gegenstand
europäische Transnationalität als eine unter mehreren, sich wechselseitig erhellende
Untersuchungsebenen oder als spezifische Dimension des Zugangs zu politischer und sozialer
Realität begreifen, die ihre eigene Logik durchzusetzen versucht. In diesem Kontext wird sie
immer die Interaktivität der entsprechenden Vorgänge betonen, die Verbindungen, die den
Erkenntniszusammenhang von beiden Seiten her strukturieren, von derjenigen einer
Kombination der verschiedenen Untersuchungsebenen und von derjenigen einer sich also
solcher konstituierenden eigenen Form von europäischer Transnationalität.
Die Verflechtung der Blickweisen
Damit ist angedeutet, dass Transnationalität nicht nur eine Frage der
Untersuchungsgegenstände ist, sondern auch die Blickweisen betrifft, die auf die Gegenstände
entwickelt werden. Das Ineinander von relativierenden Faktoren, wo das Transnationale nur
eine von mehreren Größenordnungen ist, und konstituierenden Komponenten, wo sich das
Transnationale als eine Welt mit eigener Dynamik entfaltet, lässt sich – analog, aber nicht
spiegelbildlich – auch auf der Ebene der Methoden und Verfahren festmachen, mit deren Hilfe
die Objekte konstruiert werden. Insofern die Histoire croisée das Prinzip der Verflechtung in
ihre eigene Funktionsweise eingeschrieben hat, produziert sie eine Form des Zugangs zur
Transnationalität, in der sich das Gegenüber von schrittweiser Erweiterung und
universalistischer Neubegründung einer transnationalen Gesellschaftsgeschichte nicht mehr in
der Weise stellt, wie sie etwa von J. Osterhammel formuliert wurde. Dadurch, dass sie
mehrere (mindestens zwei) Beobachtungsposten voraussetzt, überkreuzt sie den Blick auf die
Gegenstände. Genau genommen, produziert sie damit mehrere Varianten von
Transnationalität, die sich zugleich in mancher Hinsicht voneinander unterscheiden und doch
zur Konstitution einer spezifischen Form der Kategorie „Transnationalität“ beitragen. Worauf
es hier indessen ankommt, ist die Art und Weise, wie die Kategorie produziert wird. Meist
sind es in weitestem Sinne national determinierte Parameter, die hier zum Tragen kommen:
Sprache und Begrifflichkeit, Fachtraditionen, disziplinäre Erfahrungsräume, aber auch
politische Entscheidungsprozesse, die den Blick auf den Gegenstand und die Art seiner
Bearbeitung prägen. Alle diese Faktoren sind zwar nicht ausschließlich, aber doch in vieler
Hinsicht noch national geprägt.
In der Konfrontation der Histoire croisée erfolgt nun zum einen eine gewisse Relativierung
der jeweiligen Standpunkte und Verfahren. Keiner dieser Standpunkte kann mehr
uneingeschränkte Gültigkeit beanspruchen, keine einzelne Blickweise kann mehr eine
objektivistische Totalisierung anvisieren. Zum anderen ergibt sich aus der dynamischen
Differenz der Sichtweisen, die das Verfahren der Verflechtung systematisch erzeugt, ein
eigener Erkenntniszusammenhang, wo sich die Benennungen, die Systematisierungen, die
Erklärungen gegenseitig beleuchten. Mit andern Worten: Es entsteht ein reflexiver
Erklärungszusammenhang, in dem systematisch die eigene Position befragt und je nach
Konstellation korrigiert wird. Das bedeutet unter anderem, dass die sich überkreuzenden
Standpunkte nicht verabsolutiert werden. Im Vorgang der Verflechtung wird nicht einfach,
um ein Beispiel zu nennen, eine spezifisch „deutsche“ Sichtweise der Wirtschaftsstatistik
einer spezifisch „französischen“ Sichtweise der statistiques économiques gegenüber gestellt.
Vielmehr werden zugleich „deutsche“ und „französische“ Sichtweisen sowohl auf die
Voraussetzungen, die Funktionsbedingungen und Erhebungskategorien der jeweiligen
statistischen Verfahren entwickelt, mit der ganzen historischen Tiefenschärfe, die die
historische Fixierung der jeweiligen Kategorisierungsprozesse mit sich bringt. Darüber
hinaus ist zu beachten, dass die „deutschen“ und die „französischen“ Sichtweisen keine festen
Größen sind und nicht per se existieren, sondern als Konstruktionen aufzufassen sind, die
ihrerseits Entwicklungen durchlaufen und zudem noch – auch dies ein wesentlicher Punkt –
miteinander interagieren. Reflexivität bedeutet in diesem Fall auch Mobilität der
Komponenten, mit deren Hilfe Erkenntnis produziert wird. Auf diese Weise vermag die
reflexive Dimension der Histoire croisée nun in der Tat eine eigene Form der Analyse von
Transnationalem zu produzieren, wobei nunmehr die Unterscheidung von gesellschaftlichen,
kulturellen und politischen Faktoren, die in den jeweiligen Fragestellungen verschieden
gebündelt werden, nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Es geht auch nicht mehr um eine
stufenweise Erweiterung von Gegenstand und Verfahren, sondern um das Prinzip einer
transnationalen Erschließung transnationaler Problemfelder. Erkenntnisprozess und -
gegenstand bedingen sich gegenseitig.
Reflexivität und Distanz
Das Prinzip einer prozesshaften Konstitution des Objekts wirft indessen noch einmal eine
Frage auf, die anlässlich der neueren Diskussionen über den internationalen Vergleich in den
Geschichtswissenschaften behandelt wurde und die auch für die Fragestellungen der Histoire
croisée gerade in Verbindung mit dem Postulat der Reflexivität eine neue Bedeutung gewinnt:
das Thema der Distanz, sowohl zwischen den Objekten der Beobachtung wie zwischen
Beobachter und Objekt. Die Frage selbst ist schon älter, denn bereits Marc Bloch hat in
seinem paradigmatischen Plädoyer für eine vergleichende Geschichte Europas auf dem
Historiker-Kongress 1927 in Oslo bekanntlich zwischen einem Vergleich von „nahen“ und
„fernen“ Gesellschaften unterschieden. Diese Unterscheidung wurde neuerdings von Marcel
Détienne wieder aufgegriffen, und zwar in einer Weise, die ein interessantes Licht auf das
Problem einer transnationalen Gesellschaftsgeschichte wirft. Selbst wenn es dabei explizit nur
um die Frage des Vergleichs geht, vermag ein kurzer Blick auf die Debatte bestimmte
Eigenschaften der in der Histoire croisée gemeinten Reflexivität noch genauer vorzuführen.
Im Gegensatz zu Bloch, der den sowohl zeitlichen wie räumlichen Nahvergleich vorzieht,
weil er ihn für wissenschaftlich ergiebiger und besser kontrollierbar hält, verficht Marcel
Détienne in seinem Essay Comparer l’incomparable („Der Vergleich des Unvergleichbaren“)
das Prinzip des Fernvergleichs. Um die nationalen, dazu meist eurozentrischen Barrieren der
Geschichtswissenschaft zu überwinden, seien keine feinen genealogischen Untersuchungen
innereuropäischer Entwicklungen vonnöten, sondern kühne, im Weltmaßstab operierende
Gegenüberstellungen von „Unvergleichbarem“, d. h. von Prozessen und Strukturen, die nach
herkömmlicher Sicht für so verschieden gehalten werden, dass man sie nicht miteinander in
Beziehung setzt. So erläutert er Eigenheiten der Demokratie im alten Griechenland vor 2500
Jahren mit anthropologischen Beobachtungen über die Riten zeitgenössischer Gesellschaften
in Bali oder Afrika. Die Beziehung, die Détienne herstellt, ist rein theoretischer Natur. Um
sich über Begriffe wie den der Demokratie Rechenschaft abzulegen, konstruiert er
Fragekonstellationen, die den „Schock des Unerwarteten“ besitzen und darum zu einem
sprunghaften Erkenntnisfortschritt führen. Er optiert nicht für das Schema der progressiven
Erweiterung, sondern für den radikalen Neuansatz, die Neubegründung eines transnationalen
Fragenkomplexes.
Am Beispiel der Kategorie „Gründungsmythen, Gründungsriten“ will er den
Überraschungseffekt des Unvergleichbaren vor Augen führen. Ein internationaler Vergleich
zeige, dass durchaus nicht alle Gesellschaften über gewisse Repräsentationen ihrer
„Gründung“ verfügen, die etwa von den Gründergeschichten bis zu mehr oder minder
fragmentarischen Formen ritueller Territorialisierung reichen können. Japan oder im Indien
der Veda fehlen entsprechende Vorstellungen völlig. Daraus leitet Détienne einen
Rückkopplungseffekt auf die vermeintlich universale Kategorie der „Gründung“ ab, die
nunmehr in ihrem Verhältnis zu Raum und Territorium modifiziert wird und dabei auch
verwandte Begriffe wie etwa den der Autochtonie in neuem Licht erscheinen lässt. Die
Internationalisierung der Fragestellung und der Sprung über größere Zeitabschnitte hinweg
führen in diesem Fall zu einem Gewinn an Reflexivität. Détienne interessiert sich nicht für die
historischen Phänomene als solche, sondern für die Art und Weise ihrer Verarbeitung. Doch
dieser Gewinn an Reflexivität betrifft nur die Verwendung vermeintlich universaler
Kategorien durch den Historiker und den Anthropologen. Das Problem der Verflechtung der
jeweiligen Beobachtungsvorgänge sowie die Frage der Interaktion zwischen den
verschiedenen Ebenen der Kategorisierung bleiben dabei außer acht, ebenso wie das
Verhältnis von Relativierung und Neukonfigurierung der Komponenten soziohistorischer
Erkenntnis.
Dem gegenüber versucht die Histoire croisée, die Verschiedenartigkeit der jeweiligen
Kategorisierungen in ihren Fragezusammenhang einzubauen. Im vorliegenden Beispiel würde
sie weder fragen, welche Formen Gründungsvorstellungen in den einzelnen Gesellschaften
annehmen, noch in welchen Gesellschaften Gründungsmythen zirkulieren und in welchen
nicht. Vielmehr müsste es ihr darum gehen, die verschiedenen Formen der
Gründungsvorstellungen einander gegenüber zu stellen, ihre begriffliche und sprachliche
Konstitution mit den jeweiligen Umfeldern zu untersuchen, ihren selbst- oder hetero-
referientiellen Charakter zu befragen, d. h. zu analysieren, in welcher Weise die „anderen“
darin erscheinen oder nicht erscheinen. Sie hätte des weiteren die entsprechenden
Vorstellungen zu historisieren, d. h. ihre historische Konstitution, ihre Überlieferung und ihren
Wandel zu begreifen, mögliche Zirkulation und Verflechtungen der einzelnen Bauteile zu
überprüfen, die Handlungszusammenhänge zu untersuchen, aus denen heraus sie entstanden
sind, sich modifiziert und aufeinander reagiert haben. Ihr geht es nicht mehr primär um eine
möglichst allgemeingültige Definition des Begriffs „Gründung“, sondern darum, die
jeweiligen Differenzen und die Handlungszusammenhänge, aus denen heraus sie entstanden
sind, zum Sprechen zu bringen. Ihr Erkenntnisinteresse besteht nicht darin, mögliche
Universalien der Organisation menschlicher Gesellschaften aus einer Vielzahl von
historischen Situationen herauszufiltern, sondern zu zeigen, wie sich verschiedene soziale und
wissenschaftliche Praktiken zueinander verhalten und gegenseitig bedingen. Schließlich
müsste sie versuchen, die Besonderheiten der Sichtweisen der heutigen Beobachter zu
berücksichtigen, die Bedingungen und Funktionsweisen der Kategorisierungen, die
vorgenommen werden, aufgrund verschiedener Fachtraditionen – in diesem Fall etwa die
Situation der Anthropologie, ihr Verhältnis zu Geschichte und Soziologie – ,
wissenschaftlicher Akkulturationsprozesse der Forscher – wer lernt wann welches Fach, in
welchem Land, in welcher Sprache, unter welchen Voraussetzungen? –, politischer
Konstellationen, insbesondere des Postkolonialismus, der zu einer gewissen Umwertung der
westlichen Sozialwissenschaften führte, und dergleichen mehr. Auch hier ist es wichtig, dass
die Positionen der Forscher nicht als ein für allemal fixiert gedacht werden, sondern als
mobile Beobachtungsposten in einem Netz von möglichen, sich gegenseitig überschneidenden
Perspektiven. Mit anderen Worten: Der japanische Soziologe vertritt nicht notwendig eine
„japanische“ Position, der deutsche Historiker, der in Kanada über japanische Geschichte
lehrt, ist nicht automatisch als Repräsentant einer „deutschen“ Sichtweise, ebenso wenig wie
der in Bayreuth lehrende Anthropologe aus Mali nicht unbedingt ein Sprecher der
„afrikanischen“ Ethnologie ist, wie das im Zeitalter multikultureller „Toleranz“ oft
angenommen wird. Vielmehr sind die jeweiligen Blickweisen so ineinander verschränkt, sind
die individuellen und kollektiven Sozialisierungen so stark miteinander verschlungen, dass
man nicht mehr mit simplen nationalen Etiketten hantieren kann.
Die Reflexivität der Histoire croisée betrifft demnach nicht nur die Verflechtung der Themen
und Gegenstände, sondern insbesondere auch das Dispositiv der Erkenntnisproduktion. Nur
durch die systematische Einbeziehung der Ebene der Erkenntniszusammenhänge, so meinen
wir, kann man den Herausforderungen des Transnationalen begegnen. Transnationalität als
Frage- und Forschungskontext entsteht nicht, indem man gewissermaßen auf die andere Seite
der nationalen Horizontbegrenzung springt. Im Gegenteil resultiert sie aus der möglichst
genauen Bestimmung des Verhältnisses, das sie zu den anderen Analyseebenen unterhält,
sowie der Wege und Zugangsweisen, die zu ihr führen. Diese Arbeit der selbstreflexiven
Methodenkontrolle leistet die Histoire croisée vor allem durch die Pluralisierung der
Sichtweisen. Die verschiedenen Blickwinkel auf den Gegenstand generieren zusätzliche
Dimensionen der Wahrnehmung und verändern die Art und Weise, wie er erscheint.
Gleichzeitig werden in einem Rückkopplungseffekt die Beobachtungsposten ihrerseits
modifiziert. Die auf diese Weise produzierte transnationale Geschichte steht nicht im
radikalen Gegensatz zu einer Geschichte, die auf Vergleich und Transferanalyse aufbaut. Sie
geht lediglich einen – freilich wichtigen – Schritt weiter, indem sie die Selbstreflexivität
systematisch in ihr Verfahren einbaut. So zielt sie auf eine geistige Versuchsanordnung, deren
Bauteile – Vergleich, Transfer, Verflechtung – in verschiedenen Proportionen, je nach
Gegenstand und Inhalt variabel konfiguriert und im Forschungsprozess permanent justiert
werden.
... 122-143;; Leerssen (2006). On "entangled histories," see especially Werner and Zimmermann (2002), pp. 607-636; Conrad and Randeria (2002); Zimmermann (2003), pp. ...
... 38 Cultural historians have proposed the paradigms histoire croiseée/ Verflechtungsgeschichte or transfert culturel/Kulturtransfer to understand how ideas and practices have influenced people and cultures across borders. 39 Theorists Benedict Anderson and Alexis de Tocqueville argued that journalism and a lively public sphere are fundamental to how nations operate, thrive, and expand. 40 Transnational histories of journalism have explored how ideas, concepts, norms, expertise, and content have been diffused across borders. ...
... In the following, we shall examine to what extent this selection criterion of universality, which is an elusive idea, particularly in terms of reception theory, was also joined by the idea of the exotic. To begin with, the crucial point here is that we will trace and analyze how the concept of world literature has been negotiated against the theoretical background of a consideration of transfer processes (see Werner and Zimmermann 2002), based significantly on the previously unpublished correspondence between the publisher and its authors. ...
Article
Comparative history which intellectually emerged at the end of the 18th century, is a method of explaining, analyzing and interpreting the similarities or the differences which are put forth as a result of comparing the various historical units. The purposes of the method are; to reveal the subjects which can not be performed without comparison, to make generalizations with obtained data from comparison of individual events, to give broader perspective to historians. While reaching the aim the temporal/spatial/social etc. features should be considered. This article reveals general features to be considered in the comparative history and then discusses the mistakes in using this method and critics about these mistakes.
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Dieses Buch rückt die Wissenschaftsgeschichte Österreichs in ein neues Licht. Ausgehend vom Spannungsfeld »Wissenschaft versus Politik« stellt es die zentralen Akteure, Strukturen und Diskurse in den Mittelpunkt. Die Analyse eines Jahrhunderts Wissenschaftsgeschichte konzentriert sich auf die Herausbildung eines relativ autonomen Wissenschaftshandelns unter den multikulturellen Verhältnissen Zentraleuropas sowie auf seine Wegbereiter (Bernard Bolzano, Ernst Mach und Alois Riegl) und wichtigsten Verfechter (Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Otto Neurath, Hans Kelsen). Johannes Feichtinger zeigt, wie jenseits von Hetero- und Autonomie und abseits des methodologischen Nationalismus Identitätsmodelle entstanden sind, die noch für das Globaleuropa des 21. Jahrhunderts relevant sein können. Ernst Mach, Alois Riegl
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